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Fetzen

by Alexander Weicker

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Siebentes Kapitel

Der Glaube macht selig, aber wer glaubt, wird über die Ohren gehauen.

Bei Wertheims gab es ein großes Essen und Jappes war eingeladen. „Herr Doktor wird heute mit uns speisen, mein Mann wünscht seine Bekanntschaft zu machen,“ hatte die Wirtin ausgerichtet.

Sie saßen zu dritt bei Tisch.

Herr Wertheim, ein ramponierter Ehegatte. Ein müdgraues breites Gesicht. Um den Mund spielte eine zuckende Ironie und sprang von den Lippen über die vorstehenden Backenknochen auf die Stirnrunzeln. Ein quecksilbrig-bewegliches Köpfchen mit wallendem Prophetenhaar. Er trug einen grünen Kaftan, wie ihn die Emire tragen, um ihre Verwandtschaft mit Mohammed anzudeuten. Herr Wertheim war weder Jude noch Türke trotz Kaftan und Name und Fes. Er war ein sehr gesprächiges Männchen, das trotzdem den Redefreiheitsparagraphen bei seiner besseren Hälfte nicht zu erzwingen imstande war und viele Gedanken verkümmerten in seinem regen Geiste, weil er nie Gelegenheit hatte, sie auszusprechen. Mit gönnerhafter Gebärde stellte er sich vor und lud zu Tische ein: „Wir werden zusammen tafeln,“ sagte er feierlich, „und ein wenig plaudern; ich habe mich bereits ans Leben gewöhnt und auch ans Erleben. Der Herr Studiosus wird eine interessante Unterhaltung gewiß nicht ausschlagen.“

Jappes: „Im Gegenteil, ich habe eine Schwäche für Belehrungen und Herr Wertheim ist ein interessanter Kopf, der gewiß was Interessantes zu erzählen weiß.“

Der Alte: „Ich liebe es sehr, jungen Leuten interessant genug zu sein, aber manchmal ist es gefährlich, interessant zu sein. Ich erinnere mich, auf einer meiner Reisen in Italien besuchte ich das Grabmal des großen Michelangelo zu Florenz, in Santa Croce. Im rechten Seitenschiff des alten Franziskanerklosters, es war an einem schwülen Spätsommertag, zwischen dem ersten und zweiten Altar, stand ich vor dem Grabmal Buonarrotis, vertieft im Andenken an den großen Meister, wie er im Gefühl der Liebe und der Verklärtheit seine Werke auf der Basis idealisierter Anschauungen schuf – – – da plötzlich entstand ein Gemurmel um mich, dann ein Fragen und Rufen: ‚Heil dem großen Meister! Michelangelo ist auferstanden!‘ Vier Männer trugen mich über den wimmelnden Santa-Croce-Platz durch die Via San Cristoforo in die Via Ghibellina ins Haus Nummer 64... Gelt, Schatz, Nummer 64 wohnte der Florentiner?“ fragte er seine Frau, welche zustimmend nickte. „Die begeisterte Menge war kaum zu überzeugen, daß ich Deutscher sei und Studien über Michelangelo mache und das Opfer einer verblüffenden Aehnlichkeit geworden war. Sie sehen, Freund, es ist gefährlich, großen Männern ähnlich zu sehen, wenn es auch schmeichelt. Einem Globetrotter passiert doch manch köstliches Abenteuerchen.“

Da wagte Jappes zu bemerken: „Ich kenne kein Bildnis des großen Meisters, aber ich bin überzeugt, daß er Ihnen sehr ähnlich gesehen hat.“

Papa Wertheim mummelte zufrieden an seiner Pfeife, aber Jappes fand, daß sie ihn gar nicht an türkische Rauchware erinnerte und daß das Brodeln der Pfeife nicht sehr appetitlich klang. Der Alte war gerührt, als er an die erhabenen Augenblicke dachte und wie ein Idiot sagte er mit lallender Zunge: Sein Traum wäre es immer gewesen, ein großer Mann zu werden, aber die Hemmungen des Alltags hätten seine Seele den olympischen Flug nicht nehmen lassen. Er gab sich Mühe, ein imponierendes Pathos anzuschlagen, seine Worte und seine Erregung illustrierte er durch einen embryonalen Gestus. Manchmal erlaubte er sich deklamatorische Abschweifungen, fing einen Satz an, ohne ihn zu Ende zu bringen: „Es war in Palermo oder Ferrara, vielleicht auch in Mailand, oder, Mutter, war es in Venedig? aber Mutter, du nickst ja ein! Ihnen, Herr Doktor, ist es sicher auch langweilig, lassen wir die anstrengenden Reisen. Stochern wir ein wenig im Psychologischen herum. Ich las die Tage ein Traktätchen über den biologischen Wert der Langweile, sehr interessant! Können sich’s mal ansehen. Sie finden ein nettes Kapitelchen über das Instinktive im Menschen, das unbesiegbar sein soll. Ein Brocken über den Wert der Lüge in der Gesellschaft und eine bürgerliche Ansicht über die Gottesidee...“

Jappes fuhr dazwischen: „Ein Bürger hat überhaupt keine Idee, und wenn Gott nach dem Hirngespinst eines Bürgers geschaffen wäre, sollte er sich wirklich nicht dazu hergeben, zu existieren. Und eine Lüge ist durchaus nichts Schlimmes, wenn sie nur schädlich ist; ist doch die Wahrheit selbst nur eine Parodie der Lüge.“

„Freund!“ unterbrach der Alte und legte seinen stinkigen Kloben auf den Tisch. „Dann sind wir einig: Gott ist nur ein unrasierter Anthropomorphismus, in der Kirche, der Hochburg für Volkstäuschung, großgepäppelt. Wäre ein Aushängeschild für Frisierläden, aber für den Allmachtsgedanken doch zu haarig. Ich gebe mir mein Ehrenwort, an einen solchen Gott habe ich nie geglaubt. Jeder hat seine Religion in sich und die meinige ist durch die Erfahrung meiner Jahre und durch meinen sittlich-strengen Lebenswandel geheiligt.“ Jappes dachte, so siehst du aus, und brannte eine Zigarre an, die der Alte zur Ablenkung reichte und dann fortfuhr: „Wenn wir Fehler haben, ist es immer der Dämon unserer Vergangenheit. Wir sind doch alle ein bißchen die Söhne unserer Väter!“

„Vielleicht sind wir nicht wir selbst,“ stimmte Jappes zu, „und der verzwickte Verdammungsapparat wird sein Menetekel nur für einige schreiben, wenn die große Bilanz im Tale Josaphat gezogen wird, und die ganze Schuld unserer Sünden fällt auf den Stammvater Adam –“

„Oder auf den Affen, von dem wir stammen,“ lachte der Alte.

Jappes: „Vielleicht haben wir das Possierliche und Lustige gerade vom Affen geerbt und wir müßten ihm danken und ihn laufen lassen, statt ihn einzusperren.“

„Das Leben ist ein großer Rausch, und weil der Mensch vom Affen abstammt, wird die spätere Menschheit sicher zum Kater kommen,“ meckerte Herr Wertheim.

„Ich höre ihn schon schnurren,“ lachte Jappes.

Der Alte war ärgerlich, weil ihm der Witz nicht eingefallen war.

Jappes empfahl sich. Vater Wertheim steckte ihm noch eine Handvoll Zigarren zu und die Wirtin begleitete ihn auf die Diele. „Der Hecht war gut und mein Magen dankt Ihnen für die Flasche Bordeaux, in welcher er nun rumschwimmt.“

„Nichts zu danken,“ sagte die Wirtin, „auch nicht für den Rehschlegel, und den Likör zum Mokka. Mehr als zwanzig Mark rechne ich Ihnen nicht, Herr Doktor“ – und leiser – „noch ein Wort: Mein Mann ist eine alte Gurke, der vor Alter einen Knacks weghat, gereist ist er nie und Italien kennt er nur aus den Büchern.“

„Aber erzählen tut er täuschend,“ meinte Jappes, „und geizig ist er auch nicht. Ein bißchen Schwefel tötet die Mikroben der Langweile.“

Der Alte greinte durch die Tür: „Die Geschichte, welche ich erzählen wollte, spielte in Padua!“

„An der Brenta,“ darauf Jappes, „ich bewundere Ihr Gedächtnis.“

„Alter Globetrottel,“ sagte die Wirtin und empfahl sich.

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