Better Gutenberg
Free, beautifully formatted public-domain ebooks
‹Better GutenbergFetzenDreizehntes Kapitel · 14 of 54Contents›

Fetzen

by Alexander Weicker

14 of 54 · Contents · Download EPUB

Dreizehntes Kapitel

Die Weisheit ist der Schierlingsbecher, den selbst der weise Sokrates nicht vertragen konnte.

Jappes hatte eine kluge Maxime ausgetüftelt: Dem Dummen nutzen die Bücher nichts und die Klugen haben sie nicht nötig – und pflegte er hinzuzufügen – mit dem Satz kommt man immer aus als Student, einerlei, ob man sich zu den Dummen oder zu den Klugen rechnet. Er rechnete sich bald zu den einen, bald zu den anderen.

Manchmal ist es ein Vorteil, dumm zu sein!

Er hatte jene geheimnisvolle Scheu vor der Tiefe der Wissenschaft, wie sie uns zu befallen pflegt, wenn wir auf einen abgrundtiefen Born der Weisheit stoßen. So war er der Universitätsweisheit gar nicht abgeneigt. Ihm widerstrebte vielmehr die ungeheure Komik der Professoren und der Studenten, die sich während der akademischen Stunden mit wissenschaftlichem Trockengemüse unterhielten, sich monatelang an vorsintflutlichen Steckenpferden müde ritten, die widerspenstigen Weisheitsgäule noch einmal bei den Semestralprüfungen oder beim Staatsexamen im eingedrillten Parademarsch kabrieren ließen, um sie dann auf alle Zukunft den Stallknechten der All-und Eintagssorgen zum langsamen Abschinden zu überlassen. Sicher litt er an der Verstiegenheit junger Studenten, die sich klüger als ihre Lehrer dünken, und den Versuch machen, ein eigenes pädagogisches System auszuknobeln, um dann in einen noch viel größeren Zopf zu verfallen, um in eine babylonische Verwirrung zu geraten, eine Verwirrung, die sie über ihre eigenen Regeln stolpern läßt. So entsteht in den jungen Hirnen der ewige Weichselzopf von unentwirrbaren Verwicklungen, der vom widerspenstigen Geist der Nörgelei geflochten wird. Gelingt es diesen „Autodidakten auf eigene Gefahr“, sich einen Weg zu der höheren menschlichen Erkenntnis zu bahnen, so gelingt es ihnen auch meistens, die Lampenweisheit, am grünen Tisch erarbeitet, zu eklipsieren. Und ist es nicht eine geheime Schadenfreude der Gelehrten, zu sehen, wie eigenmächtige Streber dem Geist der Zersplitterung verfallen, um als tänzelnde Irrwische irgendwo in einem Sumpf zu verlöschen!

Jappes besuchte um so eifriger die Vorlesungen des Privatdozenten Professor Dr. Günther, bei welchem er seinen heißhungrigen Oppositionsgeist mit allen Gerichten philosophischer Reaktion stillen konnte. Besuchte literarhistorische Vorlesungen, war aber empört und enttäuscht, weil er einen Marktschreier vorfand, der seine literarische Boutique auskramte, einen geistigen Trottel, der im Wahn einer pathologischen Genieerscheinung lebte. Er hatte ein Buch über die Symbolik des Kuhfladens bei Homer geschrieben. Mit einer Stimme aus der Vergangenheit redete er über die Zukunft mit einem Gegacker wie ein Huhn, das ein Ei geboren hat. Ein Mann, der aus Schreck vor der sozialen Revolution Vaterlandsparteiler geworden war, ein Fachsimpler mit bewundernswertem Mangel an eigenem Denkvermögen.

In Jappes’ Kollegheft stand: Blödsinn in Permanenz! Vielleicht findet man die Systematik bei Polonius unter: Wahnsinn mit Methode...!!! Das war seine einzige Hoffnung und er ging mit dem Bedauern, daß die anderen mehr geschrieben hatten. Er schrieb seinem Tagebuch:

Schalte deine Denkvorrichtung um oder ganz aus, wenn du an die Erbauung denkst, die ich an der Universität genieße. Die Wonnen der Wissenschaft sind wie Senf auf nacktes Fleisch. Die Portionen sind groß und ungenießbar. Die Sudelköche der Weisheit kochen das Ochsenfleisch der fremden Gesinnung mit ein paar Lorbeerblättern ihres eigenen Ruhmes. Ich tröste mich mit dem Leitsatz: Das Wesen der Philosophie ist, sich mit wenigem zu begnügen. Ich brauche Erholung und fahre in die Berge, Addio!

Die Berge sind Magneten, die nur für gewisse Naturen Affinitäten haben.

Am nächsten Tage saß er mit Pepy auf der Bahn. Das Abteil war voll Tabaksqualm und Jappes sagte: „Zwar habe ich mir vorgenommen, sechs Wochen lang nicht zu rauchen, aber hier muß ich den Qualm doch einsaugen, drum rauche ich lieber auch.“ Er bot sich eine Zigarette an: „Sehr liebenswürdig! da kann ich doch nicht ausschlagen.“ Sie fuhren nach Oberstdorf. Es war ein Spätherbsttag und in der Altweibersonne schwammen die Herbstfäden wie träumende Erinnerungen. Sie saßen auf der Plattform und die Füße baumelten vom Trittbrett. Jappes griff in die Brusttasche und langte sein Portefeuille hervor: „Unsere Visitenkarten!“ und er zeigte die Pfandscheine. Dann entfiel ihm sein Portefeuille, das er zwischen den Knien preßte. Der Zug rasselte weiter und Pepy starrte auf den Bahnkörper. Jappes saß nachdenklich und plötzlich schnalzte er mit den Fingern.

„Bist du traurig, mein Freund?“ fragte Pepy.

„Nein! ich denke gerade, was drin war... es sind nur Fetzen, Pepy, Fetzen!“

Von ferne grüßten die Berge mit den leuchtenden Schneekoppen und den wallenden Nebelschleiern. Am Bahnhof sagte Pepy: „Hier sehen wir die ersten nackten Knie.“

Und Jappes: „Wir werden bald mehr sehen.“

← Back to Fetzen

Scroll to Top