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Fetzen

by Alexander Weicker

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Einundzwanzigstes Kapitel

Das Wesen einer typischen Tante ist Komik, und Komik ist immer etwas Ernstes.

Am Bubenbad in Stuttgart entdeckte Armida eine mütterliche Tante. Eine schwäbische Schwäbin mit Runzeln im Blick und eine zierliche Zofe. Wie eine Robbe war sie mit hängenden Armen und fettiger Schwarte. Ihr Kleid von Kattun verdeckte die Trümmer der Ehe. Ihr bäuchiger Leib gemahnte an das Kap der guten Hoffnung. Ihr treues Geleite war ein knurrender Mops, der die Art der Möpse auf der Straße mit sachgemäßer Beschnüffelung absolvierte. Ihr Blick war auf die Erde gerichtet, weil sie vom Himmel nichts hoffte.

Armida nannte sie: Ida Telluren.

Sie war eine einsame Frau, die den Abend mit Patiencen verbrachte oder im Gespräch mit der schleichenden Stille. Zwei Papageien hatten sich unter ihren Liebkosungen zu Tode geschrien.

Papageien werden bei Tanten nicht alt, so dachte die gelenkige Nichte Armida. Ihr Mann, der gesprenkelte Assessor, war hinter seiner Brille an Gallenergüssen gestorben. Und die Witwe suchte den Schmerz im Gähnen der Reisen zu töten. Sie war treu, obzwar noch viele die stramme Fülle begehrten. Sie kannte die Lust der flaumigen Betten, die den Männern die besten Sinne verwirren und sie kannte die eignen Pulse des Blutes. Bei Tag war sie sicher vor dem Stachel des Satans. Nur die Nacht wob die Besorgnis um das Pfand ihrer Treue. Ida Telluren war klug, denn sie spürte sich noch nicht als vergöttertes Tantchen. Sie fand eine List, die Männer vom Pfuhl ihrer Träume zu bannen: Im Hotel stellte sie neben die zierlichen Hülsen der eigenen Füße ein Paar Stiefel aus derberem Leder. So lebte sie abends im Gedanken an den seligen Mann; und draußen hielten die Stiefel die Wache.

Die Jahre verspritzten die üppigen Formen und das Alter zeichnete die Skizze der Tante. Die Nase quoll auf, und die Zähne entwichen. Die Brüste schlotterten in fettiger Fülle. Wuchs der Geschmack für Kaffee, für Schnäpse und Möpse. Ihr Wesen schrie auf: Nun werde ich zur Tante. Der Ausgleich für ihr wackliges Tantengemüt bestand in der Liebe zur jungfräulichen Nichte Armida. Mit verschlissenem Plaid, der Beute der jagenden Reisen, spülte die Zeit sie hinunter nach dem schwäbelnden Schwaben. Am Nesenbach lag ihre Kemenate und sie empfing nur gekrückte Gestalten, die sie mit minniglicher Atzung von Tee und Kaffee und Tantengebäck zu ermuntern suchte. Manchmal war Vollblut im Haus: die niedliche Nichte Armida. Mit zierlichen Füßen küßte sie die Läufer der Treppe. Dann wurde die Tante viel jünger, und geschwätzig floß ihr Bächlein der Rede. Verließ die opalisierenden Schreier, mied den gekniffenen Schwanz des Mopses und hielt das Kätzchen im Arme, die weiche Armida.

Ihr Brevier waren die Räuber von Schiller. Sie wußte das Jahr, da sie der junge medizinische Schiller in gefolterten Nächten bei grimmiger Kälte geschrieben. Im Winter 1778/1779! – Die Finger rieb sie vor Kälte, wenn sie des fröstelnden Jünglings gedachte. Mit heiliger Scheu ging sie an der Solitude vorüber, wo das Große geboren worden war und starrte mit geknicktem Genicke zu den lebendigen Gemälden der Decke. Hetsch und Guibal und Heideloff hatten hier ihre Pinsel verewigt.

Ida Telluren liebte diluviale Gestalten. Sie selbst war ein Mammut aus dem Diluvium der bräutlichen Schichte. Wisent und Ur bockten kämpfend im Protz ihrer geräumigen Säle. An den Wänden spreizten sich die derben Gerüste der knochigen Ichthyosaurier von kundiger Hand in Kohle gehalten. In der Tantenstube ein Porträt von Victor Thaumatosaurus, aus Holzmaden, der Jura-saurische Intimus von Ida Telluren. Knochen, nur Knochen, denn Tante Telluren haßte das Fleisch. Im Staatsarchiv an der Neckarstraße wohnten die betagten Skelette und Ida liebäugelte oft mit den geognostischen Typen. Seufzend verließ sie den Saal, in Trauer über die knochigen Riesen sinnend.

Tanten träumen seltsame Träume und Ida Telluren war Tante; auch Tante im Traum: Sie sah schnäbelnde Ichthyosaurier auf einer Bank im Mondenschein, sie war so innig und ließ ihn gewähren. Doch bald befiel ihn die Lust nach südlicheren Früchten. Da erbebte die Tante und schwitzte Besorgnis, hob die Hand und schrie zum Schutze der Unschuld.

Armida lag wachend und dachte: Der Schweiß einer Tante riecht seltsam!

Am Morgen ging Ida Telluren zu einem Traumatologen.

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