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Fetzen

by Alexander Weicker

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Zwölftes Kapitel

Tagebuch des Malers Geraldo

Frag mich, was Kunst ist, ich sage Leben.

Frag einer mich, was Leben ist, ich sage Kunst:

Wie Vater und Sohn unwandelbar eins und doch ewig verschieden.

Mit seiner Lampe las Jappes das Tagebuch:

Frau Martha, die Geliebte des Malers Geraldo, war eine seltsame Frau.

Geraldo war ein phantastischer Mensch mit medialer Veranlagung, der nur das Groteske und Spukhafte im Leben sah. Marthas Liebe steigerte seine künstlerische Begabung und weckte das Dämonische in ihm, durch die Begierde nach künstlerischer Selbstvollendung, mit Hilfe der geliebten Frau. Er ging den Leidensweg zwischen den beiden Polen künstlerischen Werdens, Analyse und Synthese, Geburt und Erlösung – den Kalvarienberg der leidenden Erfüllung, des begierdelosen Opfertums. Sein Gott war die werktätige, erzeugende Idee, das Sich-selbst-finden in der Kunst, das Sich-über-sich-hinaussteigern. In Gott erkannte er das schaffende Wesen, das sich ihm offenbarte auf dem Wege künstlerischer Erleuchtung. Bei der religiösen Hingabe hat der Mensch ein rationales Bedürfnis, das Bedürfnis der bewußten Anbetung eines Heiligsten. Aber immer wieder erfährt er, daß für das Letzte, Tiefste die Vernunft ein unzureichendes Werkzeug ist. Weder das suchende Licht der Vernunft noch ihr messendes Lot reicht in die letzten Wesenstiefen des Gotterlebnisses hinunter. Dem anbetenden und gottsuchenden Menschen bleibt immer ein ungeklärter und unerfaßbarer Rest, von dem der religiöse Mensch gerade in Zeiten tiefster Ergriffenheit und Bedürftigkeit ahnt, daß dieses begrifflich nicht Definierbare, dieses der Vernunft Entschwindende der Wesenskern der Religion ist.

Im Taumel des Schaffens hatte Geraldo seine Geliebte symbolisiert und allen Phasen seiner Entwicklung eine Erinnerung geschaffen. Er schuf sich eine Galerie der Liebe und feierte einen mystisch-brünstigen Kult.

Wie Beatrice bei Dante und Laura bei Petrarca die klassischen Typen der Sehnsucht sind, in denen der Mann die letzte menschlich-männliche Ergänzung bei der Frau auf dem Wege der Liebe sucht, so dachte Geraldo, auch dieses Sehnen lebe in der Frau, nur unbewußter, scheuer, verhüllter. Er fragte sich, warum der Dichter immer so viel Mann ist und so wenig Mensch und weshalb er nicht auch einmal den Versuch mache, das Problem von der weiblichen Seelensehnsucht aus zu lösen. Er verbiß sich in den Gedanken und schuf ein Bild, das er wie eine Entdeckung und eine erste Gestaltung der Welt offenbarte. Er nannte sein Bild Beatrice. Eine neue Beatrice, geboren und geformt aus der Sehnsucht des sich Entwachsen-wollens, des über sich Hinaus-wollens. Eine Beatrice im Gefühl ihrer tiefen Sehnsucht, im Glauben an die Möglichkeit der Selbststeigerung durch den Geliebten, den Mann. Zugleich gab Geraldo seinem Bilde den Unterton des sehnsuchtsvoll Zweifelnden, des sehnsuchtsvoll Sichern, des sehnsuchtsvoll Schmerzlichen.

Es war sein eigener Seelenkonflikt. Ein Ringen nach Selbsterlösung, eine Sehnsucht nach dem großen Unbekannten, ein romantisches Streben, die Sucht nach Ergänzung. Ein expressionistisches Bestreben, die tiefinnersten Schwingungen seiner Seele ins Frauliche zu transponieren. Wochenlang hatte er sich eingeschlossen und Skizze um Skizze entworfen, bis ihm der große klassische Wurf seines Werkes gelang: Beatrice, die vom Wesen der Liebe durchgeistigte Frau, durchschauert vom heiligen Odem abgeklärter Sehnsucht.

Frau Martha hatte seiner überfließenden Seele oft in Stunden seliger Andacht gelauscht und sie verzehrte sich vor Verlangen, das Werk zu sehen, in welchem sie die Seele des Malers in reiner Anschauung fühlen konnte. Sie wußte, daß es ihre eigene Seele geworden war, und daß Geraldo mit magischer Gewalt ihre beiden Seelen in einem Bilde vereinigt hatte. Da kam der Tag der Offenbarung und schweigend stand sie vor dem Bilde ihres Traumes. Geraldo fühlte während der Arbeit an seiner Beatrice, daß ihn das Problem seiner Liebe weitertreibe. Der flutende Hauch des Genies umkoste seine Seele und trieb seinen Genius zur Weitergestaltung. Und doch fühlte er mit einer leisen Enttäuschung, daß die tiefste Wurzel seiner genialen Versenkungsweise in das Weibliche nur die eigene glücksuchende Sehnsucht war: nur die eigene Sehnsucht. In seiner Geliebten suchte er ein Wesen zu finden, das aus dem ähnlichen Drängen wie er selbst nach dem anderen Wesen, dem Kinde, suchte. Aus diesem Verdoppeln des Sich-finden-wollens erträumte er die Loslösung des göttlichen Funkens. Nach qualvollen Tagen innerer Erschöpfung, kam er auf den Verkündigungsgedanken: das Motiv zu einem zweiten Bilde.

Er spürte, daß auch in diesem alten Thema ein viel tieferes sich symbolisiere, daß auch Gott sich nach einem Geschöpf sehne, das aus seiner eigenen Sehnsucht heraus ihn erwartet. Geraldo malte im Engel den Verkünder der Mutterschaft zu einem erlesenen Wesen, in Maria eine Mischung von freudiger Selbstgewißheit, von demütiger Scheu und rauschhafter Freude in der Ahnung des Kommenden. In anbetender Betrachtung war der Maler vor dem fertigen Bilde hingesunken, und was er künstlerisch geahnt und geschaffen, begehrte er mit der Leidenschaft eines Faszinierten. Ein teuflischer Plan reifte in ihm: Er brauchte eine neue Art von Modell zu seiner Weiterbildung, zu seiner Erlösung aus dem Kampf mit den dunklen Gewalten seiner brodelnden Kräfte, die nach Gestaltung rangen. Er brauchte ein suggerierbares Weib, ein Medium.

Seiner Freundin entwickelte er seine Gedanken, sagte ihr, was er von ihr wollte, sprach ihr vom Wunder seiner Berufung... In der Freundin fand er eine leicht entzündbare Frau und merkte, daß er ihr nichts zu suggerieren brauche, daß auch in ihrer Seele diese Sehnsucht nach Erfüllung sich drängte. Er verspürte ein Glück, das ihm die Sinne raubte: Er hatte eine Beatrice-Natur gefunden in seinem Sinne. Er fühlte die willenlähmende Wirkung seines ersten Bildes und sah in Frau Martha das Opfer seines Symbols; das sich vor Sehnsucht verzehrende Weib.

Geraldo war ein phantastisch-theosophischer Adept, der sich auf Grund einer Vision als Werkzeug Gottes sah, seine künstlerischen Träume plastisch zu gestalten. Er führte die Freundin zu seinem neuen Bilde: der Verkündigung. Sprach ihr über die Gedanken, die ihn dabei geleitet, offenbarte ihr mit zündender Begeisterung seine ringende und glückdurchglühte Seele. Die Freundin erlebte sich selbst in der Anschauung des neuen Bildes, mit verhülltem Gesicht saß sie lange und dann rang sich der Gedanke durch: Es gibt einen Mann, der ein Wissen um unser frauliches Schicksal hat.

Sie war durchdrungen vom Glauben, daß Gottes allmächtiger Wille die Seele geschaffen habe, und daß sie durch die Geburt eines Kindes seinen Willen erfülle. Gebannt durch den Gedanken, daß sie unter einem fatalistischen Zwange ihren Weg durchs Leben zu gehen bestimmt sei, lag ihr der Gedanke an die Sünde fern. Mit Geraldo glaubte sie: Durch den geschlechtlichen Akt kann der Mensch Gott nicht zwingen, eine Seele zu erschaffen, deshalb wird die Seele nicht nach der Empfängnis erschaffen, muß also schon früher erschaffen worden sein. Das Kind ist die Erfüllung des göttlichen Willens, ob es im Zwange der Ehe oder in den lockeren Banden freier Liebe gezeugt wird. Wie seine Bilder die Form gewordene Sehnsucht und die Beweise seiner hohen künstlerischen Berufung sind, so ist das Kind das gestaltete Sehnen der Frau, der konkrete Inhalt fraulicher Sehnsucht. In der Mutterschaft ist das Weiterleben der Mutter in ihrem Kinde enthalten; die Mutter sieht darin ihr Ideal, an der Menschheit weiterzuarbeiten, wie der Maler im Bilde sein innerstes Erleben gestaltet und an der geistigen Fortentwicklung der Menschheit wirkt. Die innere Erkenntnis muß die Frau bestimmen, sich dem Manne anzuvertrauen, das Gefühl muß ihr sagen, ob er der Würdige ist, der Gesinnungsgenosse, nicht nur der Zeugungsgenosse... Dann rannen Bild und Wirklichkeit zusammen. Geraldo nahm die Freundin in der Verzücktheit des wallenden Blutes. Sie gab sich ihm im Schauer der Größe und im Glauben an den Gedanken prophetischer Erfüllung.

Nach diesem doppelten Schöpfungsakte befiel den Maler ein doppelter Ekel. Die Erfüllung des Wunsches war für ihn der Tod desselben. Die Freundin und das geschaffene Bild waren ihm gleichgültig. Er fühlte, daß er auf dieser Stufe der Entwicklung nicht bleiben konnte. Eine dunkle Gewalt trieb ihn, neuen Stoff zu sammeln, an dem er seine Kräfte betätigen könne. Es trieb ihn nach Italien. Er wollte seine Seele läutern im klassischen Lichte erhabenster Kunst. Die Enttäuschung lauerte auf ihn und wies ihn in die Schranken seiner düsteren Problematik. Der ewig blaue und reine Himmel tat seiner Seele weh, das Licht war zu grell für seine feuchte, nordische, kimmerisch-sagenhafte Gedankenwelt. Er fühlte, wie seine besten Kräfte verwitterten unter diesem zersetzenden Lichte. Und in seinem Herzen wurde die Sehnsucht geboren, die Sehnsucht nach dem Norden. Das Heitere tat ihm weh, das Ausgeglichene berührte ihn schmerzlich. In ihm gab es zu viele Fragen, die sich gebieterisch aufdrängten: er war kein Fertiger, er war ein Streber nach Neuem, Großem, Ungeahntem, nach sehnsüchtig Angehauchtem und dämonisch Durchglühtem.

Seine Problematik war, das Sphinxhafte im Leben zu packen und es nicht restlos vernunftmäßig zu erschöpfen. Er wollte noch Fragen offen lassen, die man nur gefühlsmäßig bei der Anschauung beantworten konnte. Er floh das Licht, die olympische Helligkeit und die ätherische Durchsichtigkeit, er floh die grelle Linie, das gelöste Problem und er ging den Weg zurück, den die Sehnsucht ihn wies.

Frau Martha ging mit einem Kinde schwanger und erstarb im Sehnen nach dem geliebten Manne, den es hinausgetrieben hatte, sich wieder zu suchen im Lichte der Anschauung. Die plötzliche Abreise des Malers hatte ihrer Seele mit banger Qual zugesetzt. Sie wußte, daß sie ohne diesen Mann nicht weiterleben konnte, weil er sie seine dunklen Wege geführt hatte und sie aus eignen Kräften weder zurück noch vorwärts zu finden vermochte.

In sich selbst zurückgeworfen, floh Geraldo Italien, beladen mit dem Fluch der Enttäuschung. Sein Dämon trieb ihn zurück an die Stätte seines Schaffens und seiner künstlerischen Auswirkung. Er eilte, die Freundin zu treffen, die ihn mit freudiger Unruhe empfing. Er fühlte, wie sie während seiner Abwesenheit durch die Sehnsucht viel inniger mit ihm verwachsen, und er fühlte zugleich, wie weit sie durch den Zweifel von ihm abgekommen war. Er empfand ein augenblickliches Mitleid mit ihr beim Anblick ihrer vom Leiden durchgeistigten Züge, und bei seiner plötzlich wiedererwachenden Liebe empfand er ein vorwurfsvolles Gefühl der Ungerechtigkeit und inneren Untreue gegen die Freundin. Er erklärte der Geliebten seine Wandlung, seinen Drang nach neuem Erleben, die Unrast und die Zerfahrenheit seines suchenden Geistes. Ueber diesem Geständnis zerfielen bei ihr alle Zweifel und Sorgen. Sie gehörten sich wieder in innigem Beisammensein, und das brachte dem Maler endgültig die Erkenntnis, daß er doch seinen Weg allein gehen müsse. Frau Martha selbst fühlte mehr, als daß sie erkannte, sein Schicksal, das auch das ihre war, und sie fügte sich ihm in schmerzlichem Verzicht.

Frau Martha hatte das Kind geboren. Der Maler war nicht von ihrem Leidensbett gewichen. Dieses Kind war sein Werk wie diese Frau und wie seine Bilder. Alles war entsprungen aus dem Drange des vollendeten Schaffenwollens. Er war ergriffen, weil diese Frau ihm entsagte und ihr eigenes Leid dem höchsten und heiligsten Mutterschmerz zu Füßen legte. Er war voller Bewunderung für die zarte mütterliche Liebe und die Hoheit der Empfindung; ihre durchgeistigten Züge spiegelten die Verklärtheit des Schmerzes, schilderten das Erleben ihrer Trauer in bewußter Ergebenheit bis zur Heiligkeit des schauervollen inneren Erlebnisses.

Geraldo schöpfte daraus den Gedanken und die Kraft zu einem neuen Bilde. Er schuf sein letztes großes Werk: Die Pietà. Maria, die trauernde Mutter, die ihren Sohn beweint. Der tote Sohn im Schoß der Pietà war dieser Mutter der verlassene Mann, der von ihr die letzte große Entsagung forderte. Frau Martha klammerte sich verzweifelt an das letzte und einzige, was ihr geblieben war; an ihr Kind. Durch das Kind sprach sie zu Gott, dem unendlich Weisen, unendlich Guten, in ihm liebte sie den Maler, der ihrer Seele das Licht und ihrem Leben einen Inhalt gegeben hatte.

Nach der Vollendung dieses Werkes ward dem Maler die Erkenntnis, daß die expressionistische Ausdrucksform und -möglichkeit dem Wesen seines Schaffensideals am nächsten kamen. Ein Ahasver der Kunst irrte er durch alle Richtungen. Er spürte, daß für ihn ein neues Leben begann und zugleich ein neues Golgatha.

Die Mutter war einsam zurückgeblieben. In schmerzlichem Verzicht war sie von Geraldo geschieden. In dieser letzten größten heroischen Opfertat hatte sie sich körperlich und geistig erschöpft: Sie siechte dahin und die Pietà wurde zugleich ihr Grabmal.


Der Tag fand Jappes schlafend auf der Ottomane. Irgendein jäher Gedanke warf ihn ins Bewußtsein. Kräfte! Kräfte! rief er, dunkle bestimmende Kräfte. Ich erwarte die Dämonen.

Da kam die Wirtin und stellte sein Frühstück hin, „Herr Doktor hatte gewiß Zahnschmerzen, weil er so stöhnte die Nacht?“

Und Jappes: „Grade habe ich es mit dem Weisheitszahn zu tun.“

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