Better Gutenberg
Free, beautifully formatted public-domain ebooks
‹Better GutenbergFetzenSechzehntes Kapitel · 17 of 54Contents›

Fetzen

by Alexander Weicker

17 of 54 · Contents · Download EPUB

Sechzehntes Kapitel

Die Leidenschaft ist die Dichterin der Märchen, welche wir unseren jungen Begierden zu erzählen lieben.

Seit drei Tagen war Armida mit ihrem Freunde verkracht. Und seit vier kannte sie ihn. An der Riviera hatte er eine Villa und hieß Arco Calvandi. In der Bülowstraße hatte er sie in einer Bar gefunden, als sie ihr Korsett im Pharao mit ihm verspielte. Er hatte zehntausend Mark gesetzt, gegen die Bedingung, wenn Armida verliere, es selbst zu lösen. Lachend war sie mit ihm nach Hause geautelt, und als er den linken Straps löste, war er betäubt niedergesunken. Armida hatte ohne den Einsatz das Haus verlassen und der Portier bemerkte, daß Calvandi die Dame arg mitgenommen hatte – nicht einmal die Figur war ihr geblieben. Hellichter Tag war es, als der Gewinner erwachte. Er fand einen Brief: Arco Calvandi! Hebe den Gewinst gut auf. Wenn du einmal verspielst, darfst du mir das Gerüst wieder anlegen, aber die Bedingungen bleiben dieselben! Mit einer Gänsehaut rettete er sich nach Paris. Die Nacht fraß seine Furcht, als er im D-Zug über die Grenze raste. Dann atmete er frei und trank die Entfernung.

Oh! er war ein schöner Mann, Herr Arco Calvandi.

Der D-Zug donnerte in die Gare-de-l’Est. An der Sperre wartete ein stiernackiger Chauffeur: Zwei flackernde Rattenaugen schwammen im krebsroten Gesicht. Im Mundschlitz verzehrte sich eine Zigarette in stiller Glut. Vor erregter Erwartung vergaß er den Rauch einzuschlürfen... Eine Hand legte sich auf seine Oeljacke: „Sylvain angekurbelt, Panthéon, dort Lunch, dann Rennen in St. Enghien. Habe Eile, laß die Maschine das Letzte geben.“

– Wir werden ankommen! knurrte Sylvain und ein bläulicher Benzolschweif wirbelte gegen die Porte St. Martin. Die Sorbonne und das Palais du Luxembourg reichten sich die Hände, so raste Arco Calvandi. Er fieberte in dumpfem Groll.

Seine Zimmer lagen vis-à-vis vom Panthéon und von seinem Rauchzimmer aus sah er den Denker von Rodin. Er sprang die Treppe hinauf in den zweiten Stock. Auf der Diele warf er seinen Mantel ab, lief in sein Schlangenkabinett und öffnete seine Handtasche. Ueberall Schlangen, Schlangen aus Glas, aus geädertem Porphyr, gemalte Terrakotta, majolikaglatte Schlangen. Augen wie zuckende Lohe, wie glänzende Rubine, weiße Milchaugen mit einem blauen Strich, Augen grün wie Malachit und züngelnde Zungen, gespalten und pfeilartig und spitz. Kriechende Schlangen an den Wänden von blauem Damast. Er riegelte die Tür ab und schloß die Fensterläden, Kippte die Wippe einer Schaltvorrichtung und eine pendelnde Schlange wurde elektrisch hell. Eine zitronengelbe, geringelte Schlange mit roten körnigen Augen. Gläsern klang die Bewegung der Zunge. Der Damast trank das zischende Geräusch und Arco Calvandi erbebte. Riß ein Paket aus der Tasche, riß an der dünnen Verschnürung, daß die Finger bluteten. „Schlange!“ kam es knirschend von seinen Lippen und dann hielt er das Korsett in der Hand – „bist du mein Opfer oder bin ich das deine?“ Mit sinnlicher Begierde preßte er es an seine Lippen. Vom kleinen Finger rann das Blut und befleckte Armidas Palladium. „Gebrandmarkt!“ rief er jauchzend. „Schlange, du hast mir eine List ersonnen!“ – Dann ging er zum Lunch.

Speiste mit einem Freund und zwei Fremden. Sie hatten eine Gier in den Augen und lebten von den Einkünften der anderen. „Gediegene Gestalten,“ schmeichelte Arco Calvandi Jerôme den Freund. Dann wurden vier Gaumen gekitzelt und es dauerte länger als eine Stunde. „Von einem Abenteuer komme ich,“ sprach Arco Calvandi, als der Stöpsel von der ersten Cave Pommery knallte. „Prickelnd war es und schaumig, wie der Champagner, aber nicht so kühl.“ Drei Augenpaare loderten von der Glut seiner Lüge, und ein Lachen kollerte durch das Gehege der Zähne. Sie tranken und horchten mit genäschigen Ohren: „Freunde, die Schönste von allen war meine, wie ein Kätzchen so weich und geschmeidig. Ihr kennt ihren Namen: Armida! es klingt wie die Sprache der Gläser. Trinkt auf ihr Wohl, sie brachte ihre Unschuld als Opfer!“ –

Die Fremden tranken, aber Jerôme warf seine Stirne in Falten: „Sonst pflegst du doch nicht zu lügen, mein Freund Arco Calvandi. Armida ist alt in Sachen der Liebe.“

„Schweig!“ warnte Calvandi, „und tu mir Bescheid. Am Balkan herrscht die Sitte, daß bräutliche Mädchen das Siegel der Tugend noch bringen. Ihr versteht – – – daß das Linnen ein Tropfen noch trübe – – – ein Tropfen des Bluts und, so wahr ich hier spreche, nehmt eure Gläser und folgt.“

Im Schlangensaal feierten sie die blutige Rüstung!

Wer Eile hat, kommt auch ans Ziel.

Ein Rattern fraß sich durch den Staub der Straße und strebte verlangend gegen St. Enghien. Eine Minute vor dem Start bestieg Arco die Tribüne und ein Murmeln hüllte ihn ein:

„Das ist er! 125000 Franken! der Prix Calvandi und heute sein bestes Roß, ein rassiges Vollblut, die Stute Armida.“

Oh! er ist ein schöner Mann, Herr Arco Calvandi!

← Back to Fetzen

Scroll to Top