Zwanzigstes Kapitel
Plato hat vergessen zu behaupten, daß alle Menschen grinsen.
Sie ist kein Mädchen, sagte Jappes und er dachte an Pepy. Sie ist auch kein Bub und ist auch kein Zwitter. Sie steht zwischen den dreien, ein doppelt Geschlecht und auch keines, sie ist ein Gebilde, ein Traum, ein leuchtend Verhängnis, ein Fluch und ein Glück. Wer weiß! Und er nannte sie Ruth, denn ihr Wesen war Ruth und ihr Name war Pepy.
Seine Seele erschrak. Sie schrieb von einem englischen Freunde, der wollte sie retten im Hafen der Ehe. Die Engländer sind kluge Schiffer, und mächtig und reich, und er wird sie wohl retten, so dachte sich Jappes. An der Leine der Gedanken führte er die Sorge, und knurrend ging sie mit ihm wie eine treue Hündin. Er war voll von Pepys flatterndem Wesen, und seine Erinnerung bestieg die Leiter der vergangenen Tage. Er dachte an eine Szene mit Pepy.
„Du liebst mich,“ hatte sie am Fuße der Berge gesagt. „Das ist unser reinstes Verhängnis. Ich weiß, daß ich gleichgültig bin gegen Menschen, die mir mit Liebe begegnen, mir fehlt das Organ für die Liebe und ich muß Wache stehen bei meinem Geschlecht. Die Männer sagen alle dasselbe, sie sprechen von Liebe und modulieren auf demselben Motiv und greinen die Leier des Herzens... Vielleicht tue ich dir Unrecht, vielleicht, vielleicht...?“ Auf einem Baumstumpf saß sie und preßte das Moos, und die Berge grüßten von ferne. Sein Kopf lag in ihrem Schoß und sie haßte die duckende Stellung. „Ich bin noch nicht klug,“ hob Jappes den Kopf und verdrehte die glotzenden Augen. Pepy sah, daß die Ohren sich spitzten, und sein wolliger Kopf lag in lockengespreizter Umrahmung.
„Es gibt eine Figur,“ hub Pepy nun an, „sie reizt mich immer zum Lachen: Ein breites Gesicht, die Augen im Winkel, und zottige Locken zu Berge. Golliwog! nennen’s die englischen Kinder.“
„Dann bin ich für dich nur ein Spielzeug, ein gemaltes und lachend verzerrtes. Eine Skizze, ein hampelndes Männchen.“ Seine Augen lagen schielend im Winkel. „Du bist mein Golliwog,“ kam es durch ihre perlenden Zähne wie Emaille im roten Plüsche der Lippen.
Jappes im Echo: „Und du mein Rudibub.“
Dann waren sie lachend gegangen, triefend von Küssen. Tage kamen mit Wandern und den Schauern der gierigen Nächte. Sie war kühl und dämpfte die Glut der männlichen Sehnsucht. Fühlte, daß ihr Wesen eine Schwenkung zur Freiheit machte, fühlte, daß der Mut zur Liebe wuchs, der Mut zur leidenden Liebe. Der Dampf riß sie fort und die rollenden Räder. Jappes nach Norden und Pepy nach Süden. In München wartete gähnend der englische Schiffer, gähnend, als wollte er den Liebling verschlingen. So war es gut, denn sein Herz bedurfte der Kühlung und Jappes dachte, sie wird ihn schon kühlen.
Er schrieb ihr den Brief voll liebender Fülle, voll rasender Gier:
Die Liebe kommt plötzlich wie ein Föhn und wütet in den stärksten Forsten, aber der Windbruch birgt viel Nutzholz.
Mein Rudibub! Montag ist’s wieder. Acht Tage sind’s her, seit der Zug Dich entführte. Der Traum ist vorbei und die sonnigen Tage. Dein Name kommt manchmal und klopft an mein Ohr – Rudibub. – Du Liebe, ich habe Dich lieb. Vielleicht trübe ich Deine Freude, wenn ich Dir sage, daß noch ein Mensch neben einem anderen ist. – Golliwog! – Einer, der um Dich weiß. Von meinen Lippen tropft es: Ruth! – rollend – weich. Ich höre Deine Stimme und in meinem Herzen ist ein Echo: – Rudibub! Die Sehnsucht quält Jappes, die Sehnsucht an einen Traum. Und dehnt die Zeit, die schrecklich tickende Zeit. Der Traum war Ruth. Fort bist Du und hast einen Strich gemacht. Einen Strich hinter den Golliwog. Und Golliwog verdreht die Augen: – Ruth! – Es ist ein Traum, ein weicher, rollender Traum.
So war es schön.
Golliwog denkt an Tage voll Nähe und Liebe. Denkt an Nächte voll Schwüle und Glück. An heiße Nächte und innige Nähe. Es springt über in ihm und alles sammelt sich um Ruth. Er reicht ihr seinen Kuß. Schwester, wo bist Du? Schwester meiner schwülen Nächte. Weißt Du noch etwas von meiner Liebe? Weißt Du von meiner Sorge, als Du gingst. Ich denke an die blaue Glut der Berge. Die Wege und Täler sind voll von Dir. Alles sagt mir, Ruth war da, mein Rudibub. Sie war hüpfend wie ein Reh, und geschmeidig wie eine Katze. Sie war Pepy zwei Tage und dann wurde sie lieb und trank die fiebernde Nähe. Vier Tage war sie Rudibub – mit Tränen und Glück. Golliwog gab ihr seine zitternde Liebe, und doch ging mein Rudibub. Die Glut blieb und die Sehnsucht und die marternde Zeit.
Ein anderer pflückt die Blume ihrer Liebe. Golliwog wünscht, daß er sie nicht nur zum Schmucke bricht. Pepy ist fort und Ruth ist mein Traum. Die Kühle ging fort und in mir ist die Glut. Die Kleine ist da und sie lacht. Ich sehe die Zähne, die Locken und bete – – –:
Ruth, mein Rudibub!
Grinsend rollt er die Augen
Dein Golliwog.
Jappes schämte sich fast, als er sah, daß ein junges Glück in seinem Herzen zitterte.