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Fetzen

by Alexander Weicker

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Fünfzehntes Kapitel

Damen-Bekanntschaften, welche mit der Visitenkarte gemacht werden, sind wie Suppen, die mit Maggiwürze gezaubert sind: eine Geschmacksache, die im Bereich eines jeden liegt.

Am Opernhaus in Berlin trat eine Dame zu Jappes: „Ich sehe Sie zum drittenmal heute. Ich sah Sie in Pankow, in Tegel und nun an der Oper. Ich brauche Sie, weil Sie so rasen. Ich gebe Ihnen Geld, viel Geld, nur Geld. Nehmen Sie und suchen Sie mich heute noch auf. Im Baltic-Hotel, Zimmer 29.“

Jappes bleckte die Zähne und zog die Lippen nach rückwärts: „Sie kommen mir sehr gelegen. Ich bin voll von niedrigen Dingen, von armseligen Dingen. Wir speisen bei Hiller, das frischt auf. Kennen Sie Hiller?“ – Sie nickte. „Sie kennen mich wohl schon lange und ich Sie auch. Heute sind unsere Wege erst zusammengestoßen. Madame sind kühn und ich habe auf etwas Kühnes gewartet.“

„Unsere Wege stoßen noch öfter zusammen. Um zwei Uhr also oder früher! Irgendwo! Möglich, daß wir uns treffen, eh wir es wünschen. Lesen Sie diese Zeilen, ich habe Eile!“

Knapp vor einem Mietauto fegte sie über die Straße. Jappes ging und dachte nichts. Dann überlegte er, wie sie aussah. Er fand keinen Anhaltspunkt. Sicher hatte er sie nicht angeschaut. Vielleicht war es nur eine Halluzination, ein Spuk im Straßenwirbel. Aber das Corpus delicti hielt er in der Hand. Eine düstere Ahnung setzte sich in seiner Seele fest. Ueber die Stadt zischte ein Sturm und die Menschen rannten, rissen ihn mit, im Wirbel, im Taumel, nein, sie schleiften ihn mit, seine Gedanken jagten sich wirr... aber er blieb leer ohne Halt. Er wußte von ihr und wußte doch nichts. Aber sie war und war für ihn. Vielleicht ein Dämon? Wie war sie nur? Dann war er müde und fingerte nervös an seinem Spazierstock. Ging weiter, und dachte an nichts mehr. An einer Litfaßsäule bremste der Vorwitz ihn fest. Mechanisch las er die farbigen Zettel und dachte an etwas ganz anderes: Ist sie aus einer Neppbude, aus einem Irrenhaus, Kongregationsleiterin, eine Hysterische? Ihre Worte überdachte er mit hartnäckiger Analyse, nein! er wußte gar nichts und das quälte ihn am meisten. Sicher würde er sie nicht wiedererkennen, wenn er sie träfe. War sie schwarz, blond oder braun???... aber nein! Unbestimmt ohne Form, ohne Linie, sie war nicht und war doch. Ein Wolkenbruch prasselte nieder. Er trat in ein Kaffeehaus und ging wieder. Draußen sagte er seinen Namen: Jappes! und es antwortete in ihm: Ich besitze dich noch. Da fuhr eine Droschke vorüber. Sie hielt und eine seidene Dame musterte ihn mit einem langen ruhigen Blick. – Er sah sie und dachte nichts.

Eine Stunde später streifte ihn eine Dame in elegantem Straßenkleid. Sie hing nachlässig am Arm eines Offiziers, besah die Schaufenster und schaute nachdenklich in Jappes’ Auge. Er wich dem Blick aus – und dachte an nichts.

In der Frankfurter Allee drängten sich die Leute vor einem Haus. Ein Feuerwehrmann stieg auf einer Leiter hoch und klopfte an ein Fenster. Einer erzählte: ein Liebespaar hat sich erschossen! Ein anderer: eine schwangere Jungfer hat sich mit Kreosot vergiftet. Noch ein dritter: ein Student hat sich an der Türklinke erhängt. Er habe zweimal vorsprechen wollen, in drei Tagen, wegen einer Geldforderung, das zweitemal habe der Leichengeruch ihm durch das Schlüsselloch den Atem geraubt.

Jappes dachte, wie er wohl sterben werde: Ich lebe rasch und werde rasch sterben.

Der Feuerwehrmann von der Leiter rief: „Damit das Publikum sich nicht beunruhige, wisse es, daß es sich um eine Filmaufnahme handelt.“

Jappes dachte im Gegröhl der Menge, ob man bei seinem Tode auch kurbeln werde? Dann lockte die Zeit ihn zu Hiller. Der Oberkellner geleitete ihn dienernd an ein Ecktischchen. Das Dauerlächeln im Frack entfernte sich wieder. Ein Boy brachte ein Briefchen auf einer silbernen Platte. „Man muß sich geirrt haben,“ betonte Jappes, „ich kenne niemanden hier.“ „Ich weiß auch nicht,“ knixte der Boy – „vielleicht kennt man Sie hier.“ In seinem Blicke fehlte das Trinkgeld, das Jappes nicht zu geben pflegte.

Solange Knigge und die Lebensmittelindustrie kein Rezept für Unterhaltungswürze finden, wird es noch raffinierte Tischgespräche geben.

Eine schwebend-blütenleichte Gestalt trat aus dem Spiegel auf Jappes zu. Er hörte, wie Stühle gerückt wurden und wie die Genicke der Männer knackten, die sich nach der Gestalt umbogen. Eine flaumweiche Hand faßte seine Schulter und aus einer schmeichelnd-vibrierenden Stimme schmolz sein Name: Jappes! Er war betäubt von der unerwarteten Berührung und ein seltsamer Hauch durchwehte seine Seele. Er murmelte: „Vielleicht bist du es, Freundin?“

„Zum dritten Male, mein Freund und für dich allein.“

Er erwies ihrer Hand seine Reverenz. Dann bemühten zwei Kellner sich um das Ueberflüssige an der Dame, und nannten sie Fräulein Armida.

„Ich komme spät,“ hauchte sie, „was hast du von meinem Brief gedacht, Freund?“

Jappes schob ihr den Brief zu: „Bei Briefen denke ich mir nie etwas. Ich habe gewartet, was kommen soll. Ich warte seit Wochen auf etwas Seltsames und bin enttäuscht, weil du so natürlich bist, und mir Fragen stellst. Ich frage nie. Ich weiß immer, mit wem ich zu tun habe. Ich hätte bis zur Nacht gewartet, und hätte dann bis zum Morgen gebrütet, hätte dann Narr gesagt, und wäre gegangen. So war es ausgemacht. Ich wollte warten, bis du kämest mir zu sagen, wer du bist. Aus deinem Munde wollte ich es hören.“ Mit ihren weichen Augen trank sie seine Blicke leer.

„Hast du nun genug?“ fragte Jappes.

„Mit einem Mal kann ich dein Wesen nicht trinken,“ lächelte sie, „und das reizt mich, und während ich berauscht bin, fließt immer etwas Neues, Eigenartiges in dein Wesen hinein. Weshalb bist du so unerschöpflich. Darf ich dir eine Nelke anbieten, eine weiße Nelke, ich habe sie selbst gezogen.“

„Danke,“ wehrte Jappes. „Nelken liebe ich nicht. Der Friedhofduft –“ ein Schütteln fiel ihn an. Er erzählte ihr das Abenteuer in der Frankfurter Allee. Ihre Zähne leuchteten weiß wie frischgeschälte Mandeln: „Der Mann auf der Leiter war deine Freundin!“

„Albernheit,“ rekelte er gähnend, „ein Kinostern!?“

„Wäre ich abgestürzt...?“ da zerbrach sie eine kostbare Reiherfeder und ein nervöses Flimmern spielte um ihre Lippen.

„Dann wärest du nicht hier, und ich säße in schmerzlicher Einsamkeit!“ Er sagte es mit weichem Tonfall, und sein Blick bohrte sich in ihre Alabasterstirn.

Nach der Suppe fragte sie: „Jappes, wer spricht aus dir?“ Er punktierte: „Ein Gelangweilter.“ Und staccato: „Ich kann nicht warten...“ Der Ober deutete es für sich und eilte, den Fisch zu holen, servierte ihn mit einer schmalzigen Entschuldigung bei Jappes.

„Fische sind laichdumm,“ griff sie das Gespräch wieder auf und Jappes legte einen Karpfen auf ihren Teller.

„Zum Glück sind es Portionsfische,“ bemerkte er, „ich teil nie gerne, darf ich dir Mayonnaise übergießen? So! das habe ich nie gegessen – Karpfen mit Mayonnaise. Junge Karpfen sind geschmacklos wie alle jungen Fische!“

„Und Backfische?“ forschte sie.

„Geschmacklos! ich kenne es aus Erfahrung, mit und ohne Mayonnaise, Fische sind laichdumm hast du gesagt, es ist eine Fischerweisheit.“ An ihrem Kinn lachte ein feines Grübchen.

„Deine Leibspeise möchte ich kennen,“ perlte es von ihren Lippen. „Senf und Rhabarber,“ schnalzte seine Zunge, und das Grübchen zerfloß in eine Falte.

„Ober,“ rief er über die Schulter, „eine Flasche ‚Chateau Lafitte‘.“ – Ein Bleistift notierte den Namen und ergänzte den Preis, eine dreizifferige Zahl.

Zwei Lilienfinger führten das Glas an die Lippen.

Ein Gaumen knurrte: „Ist das Chateau Lafitte?“ Der Ober vergrößerte die Pupillen, als sein Ohr ihm sagte: das ist nicht Lafitte. Aus seiner Brust quirlte es duckend: „Kommt aus dem besten Haus, mithin kein Anlaß, eine falsche Marke zu liefern.“

„Ist nicht Lafitte,“ brummte Jappes. An seinen Augen las der Kellner, daß er Kenner war. „Mag sein, daß er aus der unmittelbarsten Umgegend ist,“ beschwichtigte der Ober.

Dann Jappes: „Stecken Sie mir den Zeigefinger vorne herein und den Daumen hinten herein und riechen Sie. Die unmittelbarste Umgegend, aber das Bouquet ist verflucht verschieden.“ Ein Grinsen schürzte die Lippen des dienenden Bonzen, und Jappes sah, daß drei Nelken unter dem Tisch zerfetzt wurden.

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