Vierzehntes Kapitel
Wenn der Magen nicht erschaffen wäre, müßte man ihn erschaffen, sagte ein Bauer und machte einen philosophischen Knicks.
Als Jappes in die Ferien fuhr, gab es ein schweres Fest auf dem Schlapphof. Ein Mastochse war verblutet, ein Schwein und eine Gans. Es gab Knödel und Braten und Küsse und Suppe und Tränen. Fragen und Hasten. Und Jappes sagte vergnügt: „Es ist Glück in der Bude!“ Und in der Bude war Glück. Die Nachbarn waren vollzählig erschienen und alle kannten die Briefe auswendig, welche Jappes im Laufe des Semesters geschrieben hatte: „Mein Bub ist klüger als alle Professoren zusammen, weil er sich über sie lustig macht, und mit keinem zufrieden ist,“ pflegte Angelica zu sagen. Aber sie wagte es doch nicht mehr, so recht daran zu glauben, seit der Herr Pfarrer ihr verraten hatte: „Die Universität ist ein mühsames Studium. Die Erfahrung, Mutter Angelica, die Erfahrung!“ Der Herr Pfarrer war wirklich klug und unfehlbar. Kein Zweifel, wenn er sagte: „Das Studium an der Universität sei ihn hart angekommen.“
Die Gäste saßen in der großen Stube vor hochgetürmten Schüsseln und Tellern, begannen ganze Berge von Fleisch abzutragen und feierten den Gast mit kräftigem Geschmatze. Bauern verschlingen maßlos! Mutter Angelica ließ die Nachbarn gerne an ihrer gesteigerten Freude teilnehmen. Sie tranken Bier und reichten es in einer urgroßmütterlichen Amphore herum. Jappes trank einen massigen Humpen mit einem Zuge leer und rief: „Das könnte ich zehnmal!“ Da horchten selbst die geeichtesten Säufer mit gespanntem Respekt.
„Du bist ein echter Student, mein Bub, und du siehst, alle sind stolz, daß du so viel verträgst. Es ist schon ganz recht so, aber das darfst du nicht mehr tun.“ Und Angelica küßte den Sohn.
„Werd ich auch nicht,“ rief Jappes, „und ich schwöre es bei diesem Humpen.“ Dann trank er ihn zum zweitenmal leer, und die Bauern gröhlten vor viehischer Freude.
Ein Bauer mit markigen Zügen fixierte Jappes eine Weile, lachte dann plötzlich ein gutmütiges Lachen und meinte vertraulich in höchstem Hochdeutsch: „Es ist viel Heiterkeit im Zimmer, gelt, Studiosus? Erzähl Er einmal, was Er denn so studiert auf der hohen Schule –...“
Da wurde der Waffenstillstand proklamiert. Löffel und Messer und Gabel ruhten. Die Kau-und Schluckbewegungen, wurden eingestellt. Jede Tellerverschiebung wurde untersagt. Es erwies sich unmöglich, die Integrität der Fleisch-und Gemüseplatten wiederherzustellen und die Reihen der fehlenden Stücke wieder aufzufüllen. Aber die Blicke ließen erkennen, daß noch ein erbitterter Kampf bevorstand. Ja! eine Magd schickte sich an, die Bierkanone frisch zu laden.
Da verkündigte Jappes das Evangelium seines Studienjahres: „Ich habe alles studiert und auch nichts. Das erste Jahr verstudiert man so, um in die Materie einzudringen. Die Studenten sagen: Die ersten Hunde ersäuft man! Es ist ein akademisches Jahr, um die Bekanntschaft der Professoren zu machen. Aber es ist derselbe Krach unter denen, wie unter den Bauern auf dem Dorfe. Die einen beweisen, daß es einen Gott gibt, die anderen beweisen, daß es keinen gibt. Das sind die, welche sich Philosophen nennen und irgendwie mit oder gegen den Erzbischof gehen. Sie haben ihre Zeitung und schimpfen sich drin; eine Art geistiger Volksbote mit hochklingendem Phrasengetön und ganz pfundigen Schimpfreden. Hauptsächlich unter ‚Verschiedenes‘ findet man den größten Krakeel, aber was die Zeitung von einem gewöhnlichen Käsblatt unterscheidet, ist, daß die Herren nicht über jeden herfallen, sondern sich selbst nur gegenseitig anschimpfen. Die Herren sind Träger der höchsten Ideen, und deshalb machen sie nur Musik für erprobte Ohren.“
„Du hältst es doch gewiß mit denen, die für Gott streiten,“ sagte die besorgte Mutter, „deinen Gott darfst du nie verleugnen.“
„Ich gehe schon lieber gleich nicht mehr hinein zu den Raufbrüdern, man könnte höchstens noch um seinen Glauben kommen. Aber so gehe ich immer mit denen, die am stärksten schreien, und das tun die Klerikalen.“
„So soll’s sein,“ riefen die Bauern, „Angelica, dein Sohn verleugnet seine Heimat nicht.“ – Da brachte die Magd den bauchigen Bierkrug, und die Blicke der Bauern umstreichelten ihn. Mutter Angelica konnte sich nicht enthalten und küßte dem Sohn die gläubigen Lippen.
„Wenn ich alles erzählen sollte, was man da lernt,“ fuhr Jappes fort, „müssen wir schon noch einen Abend zusammenkommen.“
„O–o–o–h!“ riefen die Bauern wie aus einem Munde.
Da legte Jappes los:
„Psychobiologie und Kolloquium dazu, mexikanische Mythologie, ethische Probleme der modernen Zivilisation, Systeme der Pädagogik und Didaktik, koptische Kurse und altägyptische, hieratisch geschriebene Texte, Einführung in die babylonisch-assyrische Schrift und Sprache, keilschriftliche Uebungen, Entziffern südarabischer Inschriften, neupersische Grammatik nach Salemann Shukovski, Einführung in die ältere chinesische Sprache mit Lektüre von Mong-tsz’e, Rigveda mit dem Kommentar des Sayana, Aristoteles’ Nikomachische Ethik, Räthoromanisch, lateinische Paläographie, Astrophysik. Theorie der Differentialgleichungen...“
„Meiner Seel!“ grunzte ein Bauer begeistert, „wenn ich die Namen nur wüßte.“ Ein anderer: „Du gebrauchst ja so gelehrte Ausdrücke, daß man gar nichts mehr versteht.“ Und ein dritter: „Aber so von der Landwirtschaft verstehen eure Herren nichts?“
„Und ob!“ begann Jappes von neuem, „alles wissen sie, alles! Sie wissen alles von den Bauern bis hinauf auf die Aegypter im grauesten Altertum. Die Aegypter verwendeten keinen Dünger und durch die künstliche Bewässerung des Nilus hatten sie eine hohe Kultur. Die Griechen mergelten und düngten und bewässerten. Wissen, daß Karl der Große ein großer Landwirt war, kennen die Geschichte der Dreifelderwirtschaft aufs Tipfelchen: Winterfeld, Sommerfeld und Brachwirtschaft. Alles hat seine Geschichte, die Runkeln, die Rüben, der Klee. Und die Bauern machen den Gelehrten manchmal nicht wenig zu schaffen. Die Gelehrten wissen alles vom Vieh, kennen die Aetiologie und die Prophylaxis der Tierseuchen, kennen die Krankheiten alle, den Rotz bei den Einhufern, den akuten und den chronischen Verlauf. Reden über das Kalbefieber und beweisen, daß es eine Lähmung des Rückenmarks und der Ganglien der Bauchorgane ist. Sie gebrauchen nur gelehrte Namen dafür. So sprechen sie nicht von Abführmitteln gegen das Gebärfieber der Kühe, sondern von Purgiermitteln.“
„Und dafür nimmt man ganz gewöhnliche Kühe her?“ fragte ein Bauer. Jappes nickte bejahend, als ein zweiter ihn bestürmte: „Aber odeln tun die Herren doch nicht selbst?“
„Wenigstens nicht praktisch,“ erwiderte Jappes, „aber sie wissen ganz genau, was Jauche ist, und beweisen, daß es kein stinkendes Wasser ist, was sie allerdings auch nicht leugnen. Sie nehmen das alles vom chemischen Standpunkt und sagen: Es ist eine Flüssigkeit, welche im wesentlichen aus Harn besteht, und 0,15 Prozent Stickstoff und 0,5 Prozent Kali enthält – ich habe die Münchener Universität erschöpft und im nächsten Semester geht’s nach Berlin.“
Einem pfiffigen Bäuerlein wurde der Gelehrtendünkel zu dumm: „Es ist immer schön, wenn man weiß, was man riecht, aber ich habe auch ein paar Fragen: Wieviel Jahre wird ein Roß älter, wenn es richtig Hafer kriegt? und wie weh tut es, wenn ein Roß dich auf den Fuß tritt? sag es, Studiosus!“
Hier wußte Jappes nicht mehr Bescheid, und die Bauern freuten sich ungemein, daß einer der Ihren dem „Weisen“ eine Schlinge geworfen hatte. Angelica aber küßte den Sohn, weil er so genau wußte, was Odel war.
Dann begann ein wütender Fraß und die Gesichter erglänzten gedunsen vom Bier.
Plötzlich erhob sich die Mutter, und Tränen standen in ihren Augen: „Lasset uns beten für den Vater und die abgestorbenen Geschwister! Vater unser, der du bist –“
Die Tiefe der Seele muß man in der naiven Art der Landleute studieren. Wer darüber lacht, kennt nur die schwindsüchtigen Surrogate der Kulturseele.
Die Nacht fand berauschte und satte Gestalten, und als der Mitternachtsmond in die Stube schien, wankten sie alle nach Hause. Die Schwester traf Jappes auf dem Flur: „Du, Paul, ein Gläubiger säuft nicht so wie du, das tun höchstens die Türken und Juden. Wenn du wirklich nicht glauben solltest, so glaube trotzdem, und gehe jedenfalls in die Kirche, wenn du auch nicht glaubst.“
Jappes staunte das Mädchen einen Augenblick an und fand keine Worte. Sein Schulfreund ging vorüber. Der zog ihn mit sich hinaus in den Hof: „Jappes,“ fragte er forschend, „darf ich dich was fragen?“
„Selbstverständlich!“
„Jappes, hast du schon eine Braut?“
„Selbstverständlich!“
„So!?“... nach drei Schritten: „Und heißt?“
„Rudibub! Ich erkläre dir später, weshalb sie so heißt.“
Da war der Freund still, und dachte nach, wie ein Mädchen Rudibub heißen könne.