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Fetzen

by Alexander Weicker

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Vorrede

Mein erstes Publikum war ein Blinder; er sagte: so habe ich die Welt noch nie gesehen.

Ich will ehrlich sein und, obwohl ich selbst zur Kaste der Zeilenschinder und Tintenreiter gehöre, behaupten, daß die Ehrlichkeit nicht das Wesen der Schriftsteller ist. Weil ich die Vorrede zu allerletzt geschrieben, müßte ich sie eigentlich Nachrede nennen. Aus dieser Tatsache ziehe ich daher den geistreichen Schluß, daß es für den Leser nicht von Wichtigkeit ist, das Buch zu kennen, bevor er die Vorrede liest. Für den Verfasser ist diese Kenntnis um so wichtiger.

Wenn ich an die Geschichte der Entstehung des Buches denke, will mich die Trauer schier nicht mehr verlassen. Uebrigens weiß alle Welt von dem tragischen Tod – die Tragik des Wortes Tod will es, daß das Wort vorne hart und hinten weich, in der Mitte aber oval ist, wie bei einem Krebs, wo man eigentlich nie weiß, was hinten ist – also alle Welt weiß von dem tragischen Tod meines Freundes. Ich überlege immer, ob ich normal bin, weil der Vergleich, der überdies noch ganz krebsig ist, mich trotz des traurigen Vorkommnisses zum Lachen reizt. Da ich aber nicht antizipieren will, verrate ich in der Vorrede nur, daß ich eines Morgens aus meinem vierten Schlaf geklingelt wurde und der Postbote mir ein Paket mit einem Stoß halb unleserlicher Aufzeichnungen brachte, denen, in feinstes Stanniol gewickelt, eine lebendige Kröte beigefügt war (siehe Seite 9). Ferner enthielt das Paket einen richtigen Abmeldeschein, der vorschriftsmäßig-korrekt ausgefüllt war. Nur der Bestimmungsort machte mich stutzig und nachdenklich. Ich las: Ziel der Reise – Jenseits.

Mein Freund ist also ein Selbstmörder und obwohl ich mit der menschlichen (fast schrieb ich unmenschlichen) Gesellschaft gegen den Selbstmord bin – prinzipiell! – will ich doch noch ein gutes Wort für meinen Freund reden, weil es von Vorteil für meine viel wichtigere Persönlichkeit ist.

Das bedarf einer Erklärung für die, welche das Verhältnis zwischen mir und meinem Freunde nicht kennen. Ich bin überzeugt, daß man keinerlei Verpflichtungen gegen einen toten Freund, wohl aber gegen eine lebendige Umwelt hat. Deshalb will ich meinem Bekanntenkreis, ich rechne darunter alle Leserinnen und Leser, deren lebhaftester Anteilnahme ich sicher bin, alles rückhaltlos beichten. Mein Freund hat mich zum Universalerben einer Schuld von fünfundsiebzigtausend Mark in bar eingesetzt. An beweglichem Inventar die lebende Kröte und als eigentliches Gut der „Toten Hand“ das Manuskript mit Aufzeichnungen aus seinem Leben. Er hat mich beschworen, ja alle seine Schulden zu bezahlen, weil seine Gläubiger sehr harmlose, wenn auch reiche Gönner waren. Diese Beschwörung habe ich als identisch mit einem von mir gegebenen Ehrenwort angesehen und mich an die Aufgabe herangemacht, das Material zu sichten. Das Manuskript ist eigentlich ein lustiges Studententagebuch mit tragischem Ausgang und ziemlich unvernünftigen Verwickelungen. Die Figuren sind meist überlastete Sammelfiguren und verzerrte Symbole.

Ueber Wetter und Zeit konnte ich im – nennen wir es schlechthin – Roman nur spärliche Andeutungen machen, weil mein Freund, ich muß es zu seinem Schimpfe leider sagen, mathematisch exakt gebildet war, also weil mein Freund eine ganz spezielle Behandlungsweise auf Zeit und Wetter angewandt hat. Abgesehen von den kosmischen Theorien hat er sein Zeit-Wettersystem nach den Grundsätzen der Wahrscheinlichkeitsrechnung aufgebaut, und ist dabei auf komplizierte Integrationskurven gestoßen, die ich dem Publikum vorenthalten will, zumal die Literarhistoriker von dieser Art der Behandlung noch keine Kenntnis zu nehmen geruht haben. Zudem bin ich der Ansicht, daß Romane, die von Zeit oder Wetter abhängig sind, leicht zu spät kommen oder verregnen, wenn sie nicht vorher eingetrocknet sind.

Mit dem Risiko dieser Ansicht habe ich es übernommen, das Tagebuch zu veröffentlichen und nach dem juristischen Erbrecht muß ich unbedingt einen hohen Gewinnanteil haben. Daher warne ich alle Rezensenten, ihre Feder gegen mich in die Tinte zu tunken, denn ich schwöre es bei meiner Erbkröte, daß ich sie wegen Kreditschädigung auf Schadenersatz verklagen werde... andernfalls aber bereit bin, mit ihnen zu paktieren und ihnen ihre unveröffentlichten persönlichen Verbalinjurien nach dem alten publizistischen Verlagsrecht zu honorieren.

Ich fühle mich um so mehr berechtigt, dieses Kompromiß zu schließen, weil ich weiß, daß der Kampf nicht der Sache wegen geführt wird, sondern des Futters wegen. Nebenbei erachte ich es auch noch als eine große Wohltat, die ich dem Publikum erweise, wenn ich es mit diesem kritisch duftenden Bocksmist verschone. Und weil Gott alle Tiere zu seiner größeren Freude erschaffen hat, so soll man auch diese Menschen von edelstem Futtererwerb leben lassen.

Daher bekenne ich öffentlich, daß ich nie ein Tier, wenn es auch noch so ekelhaft war, zu töten gewagt habe.

Um mir selbst den Vorwurf des unlauteren Wettbewerbs zu ersparen, steuere ich dem Schlußpunkt meiner Vorrede zu, und sage: Die Ausmistung des Augiasstalles ist nur eine Sage von fabelhaftem Unrat.

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