Strasse
[Marie mit Maedchen vor der Haustuer, Grossmutter; spaeter Woyzeck]
MAEDCHEN:
Wie scheint die Sonn am Lichtmesstag
und steht das Korn im Bluehn.
Sie gingen wohl die Wiese hin,
sie gingen zu zwein und zwein.
Die Pfeifer gingen voran,
die Geiger hinterdrein,
sie hatten rote Socken an …
Erstes Kind: Das ist nit schoen.
ZWEITES KIND: Was willst du auch immer!
ERSTES KIND: Marie, sing du uns!
MARIE: Ich kann nit.
ERSTES KIND: Warum?
MARIE: Darum.
ZWEITES KIND: Aber warum darum?
DRITTES KIND: Grossmutter, erzaehl!
GROSSMUTTER: Kommt, ihr kleinen Krabben! - Es war einmal ein arm Kind und hatt’ kein Vater und keine Mutter, war alles tot, und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es is hingangen und hat gesucht Tag und Nacht. Und weil auf der Erde niemand mehr war, wollt’s in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an; und wie es endlich zum Mond kam, war’s ein Stueck faul Holz. Und da is es zur Sonn gangen, und wie es zur Sonn kam, war’s ein verwelkt Sonneblum. Und wie’s zu den Sternen kam, waren’s kleine goldne Muecken, die waren angesteckt, wie der Neuntoeter sie auf die Schlehen steckt. Und wie’s wieder auf die Erde wollt, war die Erde ein umgestuerzter Hafen. Und es war ganz allein. Und da hat sich’s hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und is ganz allein.
WOYZECK [erscheint]: Marie!
MARIE [erschreckt]: Was is?
WOYZECK: Marie, wir wollen gehn. ’s is Zeit.
MARIE: Wohin?
WOYZECK: Weiss ich’s?