Sechstes Buch — Ein russischer Mönch
I — Der Staretz Sossima und seine Gäste
Als Aljoscha mit Schmerz und Aufregung im Herzen die Zelle des Staretz betrat, blieb er im ersten Augenblick vor Verwunderung stehen: statt einen sterbenden Kranken vorzufinden, der vielleicht schon besinnungslos war (wie er die ganze Zeit gefürchtet hatte), erblickte er ihn plötzlich im Lehnstuhl sitzend, wenn auch anscheinend etwas erschöpft und schwach, so doch jedenfalls mit frohem Antlitz, und umgeben von Gästen, mit denen er eine ruhig heitere Unterhaltung führte. Übrigens war er erst eine viertel Stunde vor Aljoschas Ankunft aufgestanden. Die Gäste hatten sich schon früher in der Zelle versammelt und auf sein Erwachen gewartet, denn Pater Paissij hatte ihnen gesagt, daß der Lehrer sich gewiß noch erheben werde, um sich noch einmal mit allen, die seinem Herzen teuer waren, auszusprechen, wie er dies selbst am Morgen gewünscht und versprochen hatte. An dieses Versprechen, wie überhaupt an jedes Wort des sterbenden Staretz glaubte Pater Paissij unerschütterlich, so daß er sogar dann, wenn er ihn schon bewußtlos und sterbend gesehen und gleichwohl sein Versprechen, noch einmal aufzustehen, gehabt hätte, ja daß er dem Tode selbst nicht geglaubt, sondern immer noch erwartet haben würde, der Sterbende werde sich erheben und sein Versprechen halten. Am Morgen aber hatte ihm der Staretz vor dem Einschlafen gesagt: „Ich werde nicht früher sterben, als bis ich noch einmal vorher, ihr Geliebten meines Herzens, eure lieben Gesichter geschaut und vor euch meine Seele ausgeschüttet habe.“ Die vier Mönche, die sich zu dieser letzten Unterhaltung beim Staretz eingefunden hatten, waren seine Freunde, die innig an ihm hingen: die beiden Priestermönche Pater Jossiff und Pater Paissij und der Priestermönch Pater Michail. Es war das der Vorsteher der Einsiedelei, eigentlich noch kein alter Mann, auch war er nicht gerade sehr gelehrt, dafür aber ein fester Charakter mit schlichtem, unerschütterlichem Glauben und von strengem Äußeren; sein Herz war von tiefster Güte durchdrungen, die er jedoch äußerlich fast wie aus einem gewissen Schamgefühl heraus zu verbergen suchte. Der vierte Gast war ein kleines, altes, einfaches Mönchlein aus niedrigstem Bauernstande, Bruder Anfim, der kaum lesen und schreiben konnte, still und schweigsam war, selten mit jemandem sprach, der Demütigste aller Demütigen. Er hatte das Aussehen eines Menschen, der durch etwas Großes und Schreckliches, für seinen Geist Unfaßliches auf ewig erschreckt worden ist. Diesen gleichsam vor Furcht bebenden Menschen liebte der Staretz Sossima sehr und behandelte ihn stets mit außergewöhnlicher Hochachtung. Trotzdem hatte Pater Anfim vielleicht in seinem ganzen Leben mit niemandem weniger geredet als mit dem Staretz, obgleich er viele Jahre mit ihm allein als Pilger durch das heilige Rußland gewandert war. Das aber war schon vor langer Zeit gewesen, ungefähr vor vierzig Jahren, als der Staretz Sossima erst seine Laufbahn als Mönch in einem armen, fast ganz unbekannten Kostromaschen Kloster begonnen hatte. Bald darauf begleitete ihn Pater Anfim auf seinen Wanderungen zum Sammeln von Opfergaben für ihr armes Klosters. Sie alle, der Staretz wie seine Gäste, hatten sich im zweiten Zimmer der Zelle versammelt, in dem auch das Bett stand. Dieses Zimmer war, wie ich schon einmal erwähnte, sehr klein, so daß alle vier (außer dem Novizen Porfirij, der die ganze Zeit über stand) um den Lehnstuhl des Staretz auf den Stühlen, die aus dem ersten Zimmer herbeigebracht waren, kaum Platz fanden. Draußen dunkelte es bereits, und das Zimmer wurde nur durch die Lämpchen und Wachslichte vor den Heiligenbildern erleuchtet. Als der Staretz Aljoscha erblickte, der beim Eintreten an der Tür stehen geblieben war, lächelte er freudig und streckte ihm die Hand entgegen.
„Sei gegrüßt, mein Stiller, sei gegrüßt, mein Lieber, da bist ja auch du! Ich wußte doch, daß du kommen würdest.“
Aljoscha trat auf ihn zu, verbeugte sich vor ihm bis zur Erde und brach in Tränen aus. Sein Herz wollte zerspringen; seine Seele erbebte, und am liebsten hätte er laut aufgeschluchzt.
„Was tust du? warte noch mit dem Weinen,“ sagte der Staretz lächelnd und legte ihm die rechte Hand auf den Scheitel, „siehe, ich sitze und plaudere hier, vielleicht werde ich noch zwanzig Jahre leben, wie es mir gestern die Gute, Liebe aus Wyschegorje, mit dem Töchterchen Lisaweta auf dem Arme, gewünscht hat. Herr, segne sie und ihr Töchterchen Lisaweta!“ (er bekreuzte sich). „Porfirij, hast du die Gabe dorthin gebracht, wie ich es dir befahl?“ Ihm waren die sechzig Kopeken eingefallen, die ihm seine opferfreudige Verehrerin mit der Bitte übergeben hatte, sie „einer, die ärmer ist als ich“, zu spenden. Solche Spenden, die man sich freiwillig auferlegt, müssen durchaus durch eigene Arbeit erworben werden, um ein Bußopfer zu sein. Der Staretz hatte Porfirij damit noch am selben Abend zu einer armen Bürgersfrau geschickt, einer Witwe mit Kindern, die durch einen Brand alles verloren hatte. Porfirij meldete sofort, daß er die Sache besorgt und das Geld, wie er beauftragt war, „von einer unbekannten Wohltäterin“ überbracht habe.
„Steh auf, mein Lieber,“ wandte sich der Staretz wieder zu Aljoscha, „laß mich dich ansehen. Warst du bei den Deinen und sahst du deinen Bruder?“
Aljoscha schien es sonderbar, daß er so bestimmt nur nach einem von seinen Brüdern fragte – aber nach welchem? Folglich hatte er ihn gestern wie auch heute nur um dieses Bruders willen fortgeschickt.
„Den einen der Brüder habe ich gesehen,“ antwortete Aljoscha.
„Ich meine den von gestern, den älteren, vor dem ich niederfiel.“
„Den habe ich gestern gesehen, heute aber konnte ich ihn nicht finden,“ sagte Aljoscha.
„Suche ihn eiligst auf, morgen gehe wieder hin, beeile dich, laß alles andere bleiben und beeile dich. Vielleicht gelingt es dir noch, etwas Schrecklichem vorzubeugen. Denn wisse: ich bin gestern wegen des großen Leidens, das ihn in Zukunft erwartet, vor ihm niedergefallen.“
Er verstummte plötzlich und versank in Gedanken. Sonderbar waren seine Worte. Der Pater Jossiff, der Zeuge des gestrigen Kniefalls gewesen war, und der Pater Paissij tauschten einen Blick aus. Aljoscha aber konnte nicht an sich halten:
„Mein Vater und mein Lehrer,“ stieß er in ungewöhnlicher Aufregung hervor, „unklar sind mir Eure Worte... Welch ein Leiden erwartet ihn?“
„Frage nicht. Mir schien gestern etwas Schreckliches... In seinem Blick konnte man sein ganzes Schicksal lesen. Nur ein Blick war es, und in diesem Augenblick erschrak ich in meinem Herzen über das, was dieser Mensch sich selbst bereitet. Ein-oder zweimal in meinem Leben habe ich diesen Gesichtsausdruck gesehen... einen Gesichtsausdruck, der das ganze Schicksal dieser Menschen kennzeichnete, und wehe! das sie auch ereilte. Ich habe dich zu ihm geschickt, Alexei, denn ich dachte, daß das Bruderantlitz ihn retten könnte. Doch alles kommt vom Herrn, auch alle unsere Geschicke. ‚Wenn das Weizenkorn in die Erde fällt und nicht stirbt, so bleibt es allein; stirbt es aber, so bringt es viele Früchte.‘ Denke daran, mein Sohn. Dich aber, Alexei, habe ich oft in Gedanken um deines Blickes willen gesegnet, damit du es weißt,“ sagte der Staretz, und ein schwaches Lächeln huschte über seine Lippen. „Oft denke ich von dir: Du wirst wie ein Einsiedler aus diesen Mauern hinausgehen in die Welt. Viele Gegner wirst du haben, aber selbst deine Feinde werden dich lieben. Viel Leid wird dir das Leben bringen, doch nur durch Leid wirst du glücklich sein, und nur um des Leidens willen wirst du das Leben segnen, und du wirst auch andere zwingen, es zu segnen – was das wichtigste ist. Siehe, das bist du. Meine Väter und Lehrer,“ wandte er sich gerührt lächelnd an seine Freunde – „bis zu dieser Stunde habe ich niemandem gesagt, auch ihm selbst nicht, warum der Anblick dieses Jünglings mir so lieb war. Jetzt werde ich es sagen: Sein Antlitz war mir eine Erinnerung und eine Prophezeiung. In der Morgenröte meiner Tage, als ich noch ein ganz kleines Kind war, hatte ich einen älteren Bruder; es war ein Jüngling, der mit siebzehn Jahren starb. Später, als ich mein Leben begann, überzeugte ich mich immer mehr, daß dieser Bruder in meinem Schicksal gleichsam ein Hinweis zu etwas Höherem gewesen war, denn wäre er in meinem Leben nicht gewesen, so wäre ich vielleicht nie auf den Gedanken gekommen, die Mönchskutte zu wählen und diesen Weg zu betreten, der mir jetzt so teuer ist. Diese Erscheinung kreuzte in meiner Kindheit meinen Weg, und siehe, am Ende meiner Tage tritt sie wie wiedererstanden aufs neue mir entgegen. Wunderbar ist es, meine Väter und Lehrer, daß Alexei, auch wenn er dem Antlitze nach ihm weniger ähnlich wäre, geistig ihm doch so gleicht, daß ich ihn oft für jenen Jüngling, für meinen Bruder gehalten habe, der am Ende meiner Tage mir geheimnisvoll erschienen ist, zur Erinnerung und zur Erleuchtung. Ich habe mich selbst oft über diesen meinen Gedanken gewundert. Merke es dir, Porfirij,“ wandte er sich an den bedienenden Novizen. „Oft sah ich auf deinem Gesicht Unmut darüber, daß ich Alexei mehr liebte als dich. Jetzt weißt du, warum das geschah, doch liebe ich auch dich. Wisse, ich war oft betrübt, daß du darüber grolltest. Euch aber, liebe Gäste, will ich von diesem Jüngling, meinem Bruder erzählen, denn seine Erscheinung war in meinem Leben die teuerste, die prophetischste und die ergreifendste. Mein Herz ist von Rührung ergriffen, und mir ist, als durchlebte ich in dieser Minute nochmals mein ganzes Leben...“
Hier muß ich bemerken, daß dieses Gespräch des Staretz mit seinen Gästen, am letzten Tage seines Lebens, später von seinen Anhängern aufgeschrieben und aufbewahrt worden ist. Alexei Fedorowitsch Karamasoff schrieb es einige Tage nach dem Tode des Staretz aus dem Gedächtnis nieder. Ob er nun bloß das letzte Gespräch von damals aufgeschrieben oder einiges aus den früheren Erzählungen seines Lehrers noch hinzugefügt hat, das kann ich nicht feststellen. In der Niederschrift zieht sich das Gespräch des Staretz ununterbrochen hin, als ob er sein Leben den Freunden in der Form einer Erzählung wiedergegeben hätte, während es sich doch in Wirklichkeit ohne Zweifel anders verhalten hat. Die Unterhaltung an diesem Abend war eine allgemeine gewesen; denn wenn auch die Gäste ihren Meister nur wenig unterbrachen, so mischten sie sich doch zuweilen in das Gespräch ein, teilten auch ihre Meinungen und Erlebnisse mit, abgesehen davon, daß der Staretz ununterbrochen seine Erzählung gar nicht hätte zu Ende führen können, da er viel zu erschöpft war, die Stimme ihm versagte und er sich von Zeit zu Zeit aufs Bett legen mußte, um sich zu erholen, während die Gäste ihren Platz nicht verließen. Ein-oder zweimal wurde die Unterhaltung durch Lesen des Evangeliums unterbrochen. Pater Paissij las vor. Bemerkenswert ist auch noch, daß niemand von ihnen ahnte, wie nahe sein Ende war – daß er noch in dieser Nacht sterben werde. Er hatte an diesem letzten Abend seines Lebens nach einem tiefen Nachmittagsschlaf neue Kräfte geschöpft, die ihn während des langen Gespräches mit seinen Freunden aufrecht erhielten. Doch waren es, wie sich erwies, seine letzten Kräfte gewesen... Aber davon später. Jetzt will ich nur mitteilen, daß ich mich hier bei der Erzählung des Staretz auf die Niederschrift Alexei Fedorowitsch Karamasoffs beschränke, ohne auf alle Einzelheiten der Unterhaltung mit seinen Gästen einzugehen. So ist sie übersichtlicher und nicht so ermüdend, obgleich, ich wiederhole es, Aljoscha sie nicht wörtlich wiedergegeben hat.
II
Aufzeichnungen aus dem Leben des in Gott verschiedenen Priestereinsiedlermönches, des Staretz Sossima, zusammengestellt nach dessen eigenen Worten von Alexei Fedorowitsch Karamasoff. Biographische Aufzeichnungen
a) Vom jungen Bruder des Staretz Sossima
Inniggeliebte Väter und Lehrer. Ich wurde hoch im Norden, in einem entfernten Gouvernement, geboren, in der Stadt W. Mein Vater war Edelmann, doch weder von hohem Adel, noch von hohem Rang. Er starb, als ich zwei Jahre alt war, und ich erinnere mich seiner nicht. Er hinterließ meiner Mutter ein nicht sehr großes Wohnhaus und ein Kapital, das für sie und ihre Kinder zum Leben ausreichte. Sie hatte nur uns beide: mich, Sinowij, und meinen älteren Bruder Markell. Er war acht Jahre älter als ich, war reizbar und heftig, doch nichtsdestoweniger gut und zartfühlend, verschlossen, besonders zu Hause, sowohl gegen mich, gegen meine Mutter und gegen die Dienstboten. Im Gymnasium war er ein guter Schüler, aber mit seinen Mitschülern verstand er sich nicht, obgleich er mit ihnen auch nicht gerade in Feindschaft lebte, wie die Mutter behauptete. Ein halbes Jahr vor seinem Tode, als er schon siebzehn Jahre alt war, ging er häufig zu einem einsamen Menschen, der, aus Moskau als politischer Verbrecher verbannt, in unserer Stadt lebte. Dieser Verbannte war kein geringer Gelehrter und ein berühmter Philosoph der Universität. Warum er Markell liebte und ihn bei sich empfing, weiß ich nicht. Jedenfalls verbrachte Markell bei ihm alle Abende. Den ganzen Winter hindurch besuchte er ihn, bis man schließlich den Verbannten auf dessen Bitte an die Petersburger Universität berief, denn er hatte gute Protektion. Die großen Fasten begannen, aber Markell weigerte sich, zu fasten, und er machte sich über das Fasten nur lustig: „Das ist doch nichts als Unsinn, denn es gibt ja gar keinen Gott,“ sagte er. Meine Mutter und die Dienstboten waren darüber entsetzt, und auch ich war es; wenn ich auch erst neun Jahre alt war, so erschrak ich doch sehr, als ich diese Worte hörte. Unsere vier Dienstboten waren als Leibeigene und alle auf den Namen eines uns bekannten Gutsbesitzers gekauft.20 Ich erinnere mich noch, wie Mütterchen eine von diesen vier, die Köchin Afimja, ein hinkendes, ältliches Weib, für sechzig Rubel verkaufte und an ihrer Stelle eine Freie annahm. In der sechsten Woche der Fasten wurde mein Bruder krank. Er war schon immer kränklich gewesen, hatte eine schwache Brust, war zart gebaut und neigte zur Schwindsucht; klein von Wuchs war er gerade nicht, aber schmal und schwächlich; sein Gesicht dagegen war wohlgebildet. Wahrscheinlich hatte er sich erkältet. Der Doktor kam und flüsterte bald darauf meinem Mütterchen zu, daß es die Schwindsucht sei und er den Frühling wohl nicht überleben werde. Die Mutter weinte, bat aber schüchtern den Bruder – um ihn nicht zu erschrecken –, er möge durch Fasten und Kirchenbesuch sich zum Abendmahl vorbereiten, denn damals konnte er noch ausgehen. Als er das hörte, wurde er zornig und lästerte das Gotteshaus, indessen dachte er doch nach: Er erriet sofort, daß er gefährlich krank war, und daß die Mutter ihn nur darum bat, zum Abendmahl zu gehen, weil er noch bei Kräften war. Übrigens wußte er selbst schon lange, daß er krank war, schon ein Jahr vorher hatte er einmal bei Tisch mir und der Mutter kaltblütig gesagt: „Ich bin unter euch gar nicht wie ein Bewohner dieser Erde, vielleicht werde ich schon im nächsten Jahre nicht mehr leben,“ ganz als ob er seinen Tod prophezeit hätte. Es vergingen zwei, drei Tage, und die Passionswoche begann. Und siehe, der Bruder ging vom Dienstagmorgen an zur Beichte. „Ich tue es nur deinetwegen, Mütterchen, nur um dich zu erfreuen und zu beruhigen,“ sagte er zu ihr. Die Mutter weinte vor Freude und vor Leid: „Nah muß sein Ende sein, wenn sich in ihm eine solche Umwandlung vollzogen hat,“ sagte sie. Aber nicht lange mehr konnte er in die Kirche gehen, so daß die Beichte und das Abendmahl im Hause vollzogen werden mußten. Es kamen heitere und klare Tage, voll Licht und Duft; es waren späte Ostern. In den Nächten schlief er schlecht und hustete – ich erinnere mich dessen noch –, am Morgen aber kleidete er sich immer an und setzte sich in einen weichen Lehnstuhl. So sehe ich ihn noch jetzt vor mir: still sitzt er da und lächelt, zwar ist er krank, aber sein Blick ist strahlend. Seelisch hatte er sich ganz verändert – eine wunderbare Veränderung hatte sich in ihm vollzogen! Seine alte Kinderfrau trat einmal zu ihm ins Zimmer und sagte: „Erlaube, mein Täubchen, daß ich auch bei dir das Lämpchen vor dem Heiligenbilde anzünde.“ Früher erlaubte er es nicht und hatte das Lämpchen sogar ausgelöscht. „Zünde an, meine Liebe, zünde es an. Ein Ungeheuer war ich, als ich es dir verbot. Du zündest das Lämpchen an und betest zu Gott, und ich freue mich über dich und bete gleichfalls. Folglich beten wir beide zu einem Gott.“ Sonderbar schienen uns diese Worte; die Mutter ging in ihr Zimmer und weinte immerfort, nur wenn sie zu ihm kam, wischte sie sich die Augen ab und machte ein frohes Gesicht. „Mütterchen, weine nicht, mein Liebes,“ sagte er gar manches Mal, „ich lebe ja noch lange mit euch, kann mich noch mit euch freuen, sieh, welch eine Freude ist doch das Leben!“ – „Ach, mein Lieber, was ist denn das für eine Freude für dich, wenn du die ganze Nacht im Fieber liegst und hustest, daß dir die Brust zerspringt.“ – „Mama,“ antwortete er ihr, „weine nicht, das Leben ist ein Paradies, und alle sind wir im Paradiese, wir wollen es nur nicht erkennen; wenn wir es aber erkennen könnten, so würden wir morgen im Paradiese sein.“ Und alle wunderten sich über seine Worte, so sonderbar und bestimmt sprach er sie aus; und sie weinten alle vor Rührung. Auch Bekannte kamen zu uns. „Meine Lieben,“ sagte er zu ihnen, „meine Teuren, wodurch habe ich verdient, daß Sie mich lieben, warum lieben Sie mich denn, und warum habe ich das früher nicht gewußt und geschätzt?“ Den Dienstboten sagte er, wenn sie zu ihm kamen: „Meine Lieben, meine Guten, warum bedient ihr mich, bin ich es denn wert, daß man mich bedient? Wenn Gott sich meiner erbarmte und mich leben ließe, so würde ich selbst euch dienen, denn ein jeder soll dem anderen dienen.“ Als Mütterchen dies hörte, schüttelte sie den Kopf und sagte: „Das kommt von deiner Krankheit, daß du so sprichst!“ – „Mama, du meine Freude, gewiß muß es Diener und Herren geben, möge ich aber auch einmal der Diener meiner Diener sein und ihnen dienen, wie sie mir. Ja, und ich sage dir, Mütterchen, jeder von uns ist in allem vor allen schuldig, und ich bin es mehr als alle anderen.“ Die Mutter lächelte darüber, weinte und lächelte: „Nun, weshalb solltest du denn von allen am meisten schuldig sein? Da gibt es Mörder und Räuber, worin kannst du denn so gesündigt haben, daß du dich mehr als alle anderen beschuldigst?“ – „Mütterchen, du mein leibliches Mütterchen, mein eigenes Herzblut (liebe, ganz ungewohnte Worte sagte er damals), meine Liebe, meine Freudige, ich sage dir, in Wahrheit ist ein jeder in allem und vor allen schuldig. Ich weiß nicht, wie ich dir das erklären soll, aber ich fühle es, fühle es bis zur Qual. Wie haben wir nur so leben und uns kränken können und es nicht gewußt?“ So erhob er sich jeden Morgen immer freudiger und immer mehr von Liebe überwältigt und verklärt. Wenn der Doktor kam, Doktor Eisenschmidt, ein Deutscher, scherzte er mit ihm: „Nun, Doktor, werde ich noch einen Tag auf der Welt erleben?“ – „Nicht nur einen Tag, noch viele Tage werden Sie leben,“ antwortete ihm manches Mal der Doktor, „und Monate und Jahre werden Sie noch leben.“ – „Wozu denn noch Monate und Jahre!“ rief er aus. „Wozu da die Tage zählen. Dem Menschen genügt ja ein einziger Tag, um das ganze Glück zu erfahren. Meine Lieben, warum streiten wir uns, warum tun wir wichtig voreinander, warum vergeben wir nicht einander? – Gehen wir lieber gradeswegs in den Garten, lustwandeln wir und freuen wir uns, lieben wir einander und lobpreisen wir unser Leben!...“ „Ihr Sohn ist nicht von dieser Welt,“ sagte der Doktor zur Mutter, wenn die ihn zur Tür begleitete, „durch die Krankheit verfällt er in Phantasien.“ Die Fenster seines Zimmers gingen auf den Garten hinaus; der Garten war schattig, voll alter Bäume, und an den Bäumen sproßten Frühlingsknospen, und die ersten Vögel zwitscherten und sangen vor seinem Fenster. Er freute sich über sie, und plötzlich begann er auch, sie um Verzeihung zu bitten: „Gottes Vöglein, selige Vöglein, vergebt auch ihr, daß ich auch euch gegenüber gesündigt habe.“ Das nun konnte niemand mehr von uns verstehen; er aber weinte vor Freude: „Ja,“ sagte er, „so groß war der Ruhm Gottes um mich her: Vögel, Bäume, Wiesen und Himmel, nur ich allein lebte in Sünde und schändete alles, weil ich die Schönheit der Welt und den Ruhm des Herrn nicht beachtete.“ „Zu viel Sünden nimmst du auf dich,“ sagte oft weinend die Mutter. „Mütterchen, meine Freude,“ sagte er ihr darauf, „ich weine ja nicht vor Kummer; vor Freude weine ich. Ich selbst will vor ihnen schuldig sein. Alles das kann ich dir nicht erklären, denn ich weiß nicht, wie ich sie lieben soll. Möge ich doch schuldig sein vor allen, dafür aber wird man mir vergeben, siehe, und das ist ein Paradies. Bin ich denn jetzt nicht im Paradiese?“
Und was gäbe es nicht noch alles zu berichten von ihm! und auszulegen! Ich erinnere mich noch, daß ich einmal ganz allein bei ihm war. Es war zur Abendstunde, die Sonne beleuchtete mit letzten schrägen Strahlen das ganze Zimmer. Als er mich erblickte, winkte er mich zu sich heran. Und ich ging zu ihm; er aber faßte mich mit beiden Händen an den Schultern, sah mir mit rührender Liebe ins Gesicht, sagte nichts, sah mich nur minutenlang an: „Nun,“ sagte er dann, „gehe jetzt, spiele und lebe für mich!“ Ich ging damals hinaus, um zu spielen, aber im späteren Leben dachte ich oft mit Tränen daran, wie er mir befohlen hatte, für ihn zu leben. Viele solcher wunderbaren und schönen Worte, die uns damals unverständlich blieben, hat er noch gesprochen. Er starb in der dritten Woche nach Ostern bei voller Besinnung, obgleich er schon aufgehört hatte, zu sprechen, doch bis zum letzten Augenblick veränderte er sich nicht: freudig strahlten seine Augen, mit seinen Blicken suchte er uns, lachte er uns zu, und rief er uns. In der Stadt sprach man viel über seinen Tod. Das alles erschütterte mich damals nicht allzu tief, obgleich ich sehr weinte, als man ihn beerdigte. Ich war ja jung, ein Kind war ich noch, aber in meinem Herzen blieb die Erinnerung daran zurück. Es mußte erst die Zeit kommen, da sie auferstehen und Antwort geben sollte. Und so geschah es denn auch.
b) Von der Heiligen Schrift im Leben des Staretz Sossima
So waren wir denn allein, meine Mutter und ich. Bald kamen gute Bekannte mit ihrem Rat zu uns: „Ihnen ist nur ein Sohn verblieben,“ sagten sie zu meiner Mutter, „arm sind Sie nicht, Sie haben ein gewisses Vermögen, warum sollten Sie nicht Ihren Sohn nach Petersburg schicken, damit er, da er aus guter Familie ist, dort seine Karriere mache?“ Und sie beredeten meine Mutter, mich nach Petersburg in die Kadettenschule zu bringen, damit ich später in die Kaiserliche Garde eintreten könnte. Meine Mutter konnte sich zuerst nicht recht dazu entschließen: wie sollte sie sich von dem letzten und einzigen Sohne trennen? Indessen entschloß sie sich endlich doch dazu, wenn auch unter vielen Tränen, aber sie glaubte dadurch mein Glück zu fördern. Sie brachte mich nach Petersburg, und ich wurde in die Kadettenschule aufgenommen. Ich sollte meine Mutter nicht mehr wiedersehen, denn nach drei Jahren starb sie; die ganzen drei Jahre hat sie nur um ihre beiden Söhne getrauert. Aus meinem Elternhaus habe ich die allerteuersten Erinnerungen, denn keine Erinnerung ist dem Menschen so teuer, als die der ersten Kindheit in seinem Elternhause, und das ist fast immer so, wenn in der Familie nur etwas Liebe und Einigkeit herrscht. Ja, selbst aus der schrecklichsten Familie kann man die teuersten Erinnerungen bewahren, wenn nur die Seele selbst fähig ist, das Wertvolle zu finden. Zu den Erinnerungen aus meinem Vaterhause gehören auch die Erinnerungen an die biblischen Geschichten, die ich, obwohl ich noch ein kleines Kind war, sehr zu hören liebte. Ich besaß damals eine Biblische Geschichte mit schönen Bildern und mit dem Titel: „Hundertundvier biblische Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament“. Und aus diesem Buch lernte ich das Lesen. Und noch jetzt steht sie hier auf meinem Bücherbrett, und ich bewahre sie als teures Andenken auf. Aber noch bevor ich das Lesen erlernt hatte, noch vor meinem achten Jahre, hatte ich ein geistiges Erlebnis. Meine Mutter brachte mich allein (ich weiß nicht, wo mein Bruder damals war) am Montag der Karwoche zum Abendmahl in die Kirche. Der Tag war hell, und ich erinnere mich noch jetzt, als ob ich es vor mir sähe, wie der Weihrauch aus dem Räucherfaß leise aufstieg, von oben aber aus den schmalen Fenstern der Kuppel über uns das Licht Gottes sich ergoß, und wie der emporsteigende Weihrauch sich mit den Sonnenstrahlen vermischte. Eine heilige Empfindung durchschauerte mich, und zum erstenmal nahm ich bewußt das Wort Gottes in mich auf. Ein Knabe mit einem großen Buche trat in die Mitte der Kirche vor, so groß war das Buch, daß er es, wie mir schien, nur mit Mühe tragen konnte. Er legte es aufs Pult nieder, schlug es auf und fing zu lesen an, und plötzlich begriff ich etwas davon, und ich begriff zum erstenmal in meinem Leben, daß in der Kirche gelesen wurde. „Es war ein Mann im Lande Uz, der war sehr gottesfürchtig, und er besaß großen Reichtum, viele Kamele und Schafe, und seine Kinder lebten in Freuden, und er liebte sie sehr und betete zu Gott für sie, auf daß sie nicht sündigten in ihrem Frohsinn. Da trat eines Tages zusammen mit den Engeln auch der Böse vor den Thron des Herrn, und er sagte zum Herrn, er habe alles Land durchzogen, über und unter der Erde. Und Gott der Herr fragte ihn: Hast du auch meinen Knecht Hiob gesehen? Und Gott rühmte sich vor dem Satanas seines großen treuen Dieners. Da lachte der Böse über die Worte Gottes und sprach: „Übergib ihn mir, und du wirst sehen, daß dein treuer Knecht murren und deinen Namen verfluchen wird.“ Und da übergab Gott seinen Gerechten, seinen geliebten treuen Diener dem Teufel, und der Teufel ging hin und vernichtete seine Kinder, seine Herden und seinen ganzen Reichtum, wie mit einem Donnerschlag Gottes. Da zerriß Hiob seine Kleider und warf sich hin zur Erde und rief: „Nackt bin ich hervorgegangen aus meiner Mutter Leibe, nackt fahre ich wieder dahin, der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt von nun an bis in alle Ewigkeit!“
Meine Väter und Lehrer, verzeiht mir meine Tränen, denn meine ganze Kindheit steht wieder auf in mir, und ich atme wieder, wie ich damals mit meiner kleinen Kinderbrust atmete, und ich fühle wie damals Erstaunen, Rührung und Freude. Und die Kamele beschäftigten meine Phantasie, und der Satan, der so zu Gott sprach, und Gott, der seinen Knecht dem Unglück überlieferte, und der Knecht, der da ausrief: „Nackt hast Du mich geschaffen, nackt sterbe ich, Dein Name, o Herr, sei gelobt!“ und darauf der leise und süße Kirchengesang: „Erhöre mein Gebet,“ und der aufsteigende Thymianrauch aus dem Weihrauchfasse des Priesters, und dann das Gebet auf den Knien. Seit der Zeit – und noch gestern las ich sie – kann ich diese heilige Erzählung nicht ohne Tränen lesen. Wieviel Großes, Geheimnisvolles und Unbegreifliches liegt darin! Später hörte ich stolze Worte von Spöttern und Lästerern darüber: „Wie konnte Gott seinen Lieblingsknecht dem Teufel ausliefern, ihm seine Kinder nehmen, ihn mit Krankheit und Wunden schlagen, so daß er mit Scherben den Eiter aus seinen Wunden und Beulen herausbringen mußte, und warum und wozu? Um sich etwa vor dem Satan rühmen zu können: „Sieh, was er um meinetwillen leiden kann!“ Aber das Große in ihm bleibt uns ein Geheimnis, das vergängliche Irdische und die ewige Wahrheit kreuzen sich hier. Die ewige Gerechtigkeit steht über dem irdischen Recht. Hier ist es der Schöpfer, der in den ersten Tagen seiner Schöpfung nach jedem Tagewerk sagt: „Es ist gut, was ich geschaffen habe“ der Schöpfer, der Hiob sieht, und dieses sein Geschöpf lobt. Und Hiob, Gott lobend, dient nicht nur ihm, sondern er dient auch der ganzen Schöpfung Gottes, von Geschlecht zu Geschlecht, von Jahrhundert zu Jahrhundert, denn das war doch seine Bestimmung. Mein Gott, was für ein Buch das ist, und welche Weisheit es enthält! Welche Wunder enthält die Heilige Schrift, und welche Kraft ist in ihr den Menschen gegeben! Welche Auslegung der Welt und des Menschen und der menschlichen Charaktere, und alles ist gezeigt und erwiesen bis in die Ewigkeit aller Zeiten. Und welch gelöste und offenbarte Geheimnisse: und Gott richtet Hiob wieder auf, schenkte ihm wieder Reichtum, und es vergehen viele Jahre, und er hat wieder neue Kinder, andere Kinder, die er liebt. Mein Gott: „Wie konnte er,“ sollte man meinen, „diese neuen lieben und die anderen, die ersten, vergessen? Wie konnte er, wenn er an sie dachte, vollkommen glücklich sein mit den neuen, wie lieb er diese auch haben mochte?“ Und doch ist es möglich, ist es möglich: der alte Kummer – das große Geheimnis des Menschenlebens – verwandelt sich allmählich in eine stille, freudige Rührung; an Stelle des jungen, kochenden Blutes tritt die Ruhe demütigen klaren Alters. Ich preise den täglichen Aufgang der Sonne, und mein Herz jubelt ihm wie früher zu, und doch liebe ich jetzt mehr ihren Untergang, ihre langen schrägen Strahlen mit ihren stillen, versöhnenden, rührenden Erinnerungen, mit den lieben Bildern aus meinem ganzen langen und gesegneten Leben – und über alledem schwebt die friedenspendende, allvergebende Gerechtigkeit Gottes! Mein Leben geht zu Ende, ich weiß und fühle es, doch fühle ich auch mit jedem sich neigenden Tage, wie mein Leben dieser Erde mit einem neuen, unendlichen, unbekannten, aber schon neu heraufkommenden Leben zusammenfließt, dessen Vorgefühl meine zitternde, bebende Seele mit Entzücken erfüllt. Mein Geist leuchtet, und mein Herz weint vor Freude... Meine Freunde und Lehrer, hörte ich nicht des öfteren und jetzt in der letzten Zeit mehr denn früher, wie bei uns die Priester des Herrn, und besonders die vom Lande, sich überall mit Tränen über ihren geringen Unterhalt und ihre geringe Stellung beklagen; gerade heraus sagen sie (ich habe es selbst gelesen), daß sie nicht mehr imstande wären, dem Volke die Schrift auszulegen, denn ihr Unterhalt wäre so gering, und wenn die Lutheraner oder andere Ketzer ihnen die Herde abtrünnig machten, so möchten sie es nur tun, sie hätten keine Kraft mehr, sie aufzuhalten. „Herr!“ denke ich, „möge Gott ihnen doch ein besseres Gehalt geben“ (denn gerecht sind ihre Klagen), aber in Wahrheit sage ich: Wenn jemand daran schuld ist, so sind zur Hälfte wir es selbst! Denn möge er recht haben, daß er dazu keine Zeit mehr finden kann, da er arbeiten muß und ihn Notdurft peinigt – doch nicht die ganze Zeit braucht er zu arbeiten, eine Stunde in der Woche wird er Zeit finden, um an Gott zu denken. Und doch nicht das ganze runde Jahr über hat er zu arbeiten! Möge er einmal in der Woche bei sich die Kinder zur Abendstunde versammeln – und wenn das die Eltern hören, so kommen auch die Eltern mit. Auch keine besonderen Gebäude hat man dazu nötig, nein, einfach in deine Stube nimm sie; fürchte dich nicht, sie werden deine Stube nicht verunreinigen, nur auf eine Stunde versammeln sie sich ja in ihr. Schlage die Heilige Schrift auf und lies sie ihnen vor, ohne hohe Worte und ohne Hochmut und Überhebung, bescheiden und von Herzen kommend, und freue dich, daß du liest und sie dich hören und verstehen, weil du selbst die Worte lieb hast. Unterbrich dich nur selten, nur um dem einfachen Volk ein Wort, das ihm unverständlich ist, zu erklären; beunruhige dich nicht, sie werden alles verstehen, alles versteht das rechtgläubige Herz! Lies ihnen von Abraham und Sarah, von Isaak und Rebekka; davon, wie Jakob zu Laban ging und im Traume Gott sah und mit ihm kämpfte. Das wird auf den einfachen, gottesfürchtigen Mann einen tiefen Eindruck machen. Lies ihnen vor, und besonders den Kindern, wie die Brüder ihren leiblichen Bruder, den lieben Knaben Joseph, den späteren großen Seher und Propheten, in die Sklaverei verkauften, dem Vater aber sagten sie, daß die Tiere seinen Sohn zerrissen hätten, und zeigten ihm seine mit Blut befleckte Kleidung. Lies ihnen vor, wie darauf die Brüder nach Ägypten fuhren, um Brot einzukaufen, und Joseph, der große Schatzmeister, von ihnen nicht erkannt, sie quälte, beschuldigte und den Bruder Benjamin als Pfand zurückbehielt: „Ich liebe euch, und liebend quäle ich euch.“ Denn sein ganzes Leben hatte er ununterbrochen daran gedacht, wie sie ihn dort in der heißen Wüste beim Brunnen den Händlern verkauft hatten, wie er die Hände gerungen, geweint und die Brüder gebeten hatte, ihn doch nicht als Sklaven in ein fremdes Land zu verkaufen. Und siehe da, wie er sie nach so vielen Jahren wiedersieht, liebt er sie von neuem grenzenlos, und er quält sie in seiner Liebe. Wie er schließlich die Qualen seines Herzens nicht mehr ertragen kann, hinausgeht, sich auf sein Lager wirft und in Tränen ausbricht; nachdem er aber sein Gesicht gekühlt hat, tritt er strahlend und reich gekleidet wieder zu ihnen und ruft ihnen zu: „Brüder, ich bin Joseph, euer Bruder!“ Und lies weiter, wie der greise Jakob sich freute, als er erfuhr, daß sein lieber Knabe noch lebe und in Ägypten sei, wie er sogar sein Vaterland verließ und auf fremder Erde starb und bei seinem Tode das große Wort aussprach, das während seines ganzen Lebens in seinem Herzen geruht hatte: daß aus seinem Stamme, aus dem Stamme Juda, der Erlöser und der Friedensfürst der Welt kommen werde! Meine Väter und Lehrer, verzeiht mir und ärgert euch nicht, daß ich darüber wie ein Kind rede, was ihr schon lange wißt, und was ihr selbst hundertmal vollkommener zu lehren wüßtet. Nur aus Begeisterung rede ich dieses, und vergebt mir meine Tränen, denn ich liebe dieses Buch! So möge auch er, der Priester des Herrn, weinen, und er wird sehen, wie die Herzen der Zuhörer ihm darauf antworten werden. Es genügt ein winziges Samenkorn, das er in die Seele des einfachen Mannes legt, und es wird nicht sterben, sondern in seiner Seele durch das ganze Leben hindurch fortwirken; es wird wie ein heller Punkt, wie eine große Erinnerung inmitten der Finsternis und des Abschaumes seiner Sünden stehen bleiben. Und es ist nicht nötig, nicht nötig, alles zu erläutern und zu erklären; je einfacher ihr es sagt, desto besser versteht er es. Oder glaubt ihr, daß der einfache Mann etwa nichts davon verstehen könne? Versucht es doch, lest ihm die rührende und ergreifende Geschichte von der schönen Esther oder die wunderbare Erzählung vom Propheten Jonas im Bauche des Walfisches vor. Vergeßt auch nicht die Gleichnisse des Herrn, vorzugsweise nach dem Evangelium Lucas (so habe ich es gemacht) und dann aus der Apostelgeschichte die Bekehrung Sauls (gerade das, durchaus das). Und schließlich aus den heiligen Legenden, wenn auch nur die Lebensgeschichte Alexeis des Gottesknechtes und der Ägyptischen Mutter Maria, die groß ist unter den Großen, die freudige große Dulderin, Gottseherin und Kreuzesträgerin – und ihr werdet sein Herz mit diesen einfachen Erzählungen durchdringen. Nur auf eine Stunde in der Woche, trotz des geringen Gehaltes, nur auf eine kleine Stunde ruft sie zu euch. Und jeder, der so tut, wird selbst erfahren, daß unser Volk gut und dankbar ist und ihm hundertfältig danken wird; der Sorgfalt und der gütigen Worte des Priesters wird es gedenken und aus Dankbarkeit wird es ihm freiwillig auf seinem Acker Hilfe leisten, und auch im Hause wird es ihm helfen und wird ihm mehr Achtung zollen als früher – und siehe, da wäre ihm denn auch schon sein Gehalt erhöht. Die Sache ist so schlicht und einfach, daß man sich manchmal geradezu scheut, sie auszusprechen, denn die Leute lachen darüber, und dennoch ist sie so wahr! Wer an Gott nicht glaubt, glaubt auch nicht an ein Gottesvolk. Wer aber an ein Gottesvolk glaubt, der wird auch sein Allerheiligstes erschauen, auch wenn er bis dahin nicht daran geglaubt hat. Nur das Volk und seine aufsteigende geistige Kraft kann die Atheisten, die sich von der heimatlichen Erde losgelöst haben, wieder zu ihr zurückführen. Und was ist das Wort Christi ohne Beispiel? Ohne Gottes Wort geht das Volk unter, denn seine Seele dürstet nach dem Wort und nach der Empfängnis alles Schönen. In meiner Jugend, es ist schon lange her, vor vierzig Jahren, durchwanderte ich mit dem Pater Anfim ganz Rußland, um fürs Kloster Almosen zu sammeln, und wir nächtigten mit Fischern zusammen am Ufer eines großen schiffbaren Flusses. Zu uns setzte sich ein wohlgestalteter Jüngling, dem Aussehen nach ein Bauer von achtzehn Jahren; er hatte sich beeilt, an Ort und Stelle zu sein, um am nächsten Morgen die Kaufmannsbarke stromhin an der Leine zu schleppen. Ich sah, daß er mit guten, klaren Augen in die Welt schaute. Die Nacht war hell, ruhig und warm, eine Julinacht; vom breiten Strome erhob sich der Nebel und erfrischte uns; von Zeit zu Zeit plätscherte ein Fisch, die Vögel waren verstummt, alles war ruhig und erhaben, als betete die Natur zu Gott. Nur wir beide, dieser Jüngling und ich, schliefen nicht, sondern sprachen von der Schönheit und dem großen Geheimnis dieser Gotteswelt. Jedes Hälmchen, jeder Käfer, die Ameise und die goldene Biene, alle kennen sie zum Verwundern ihren Weg, ohne Vernunft zu besitzen, und zeugen von dem Geheimnis Gottes, indem sie es ununterbrochen selbst erfüllen. Auch das Herz des lieben Jünglings war entzündet. Er vertraute mir an, daß er den Wald liebe und die Vögel des Waldes. Er war Vogelfänger, kannte ihren Ruf und verstand es selbst, sie anzulocken. „Besseres als den Wald kenne ich nicht,“ sagte er, „ja, und alles ist gut.“ – „Wahrlich,“ antwortete ich ihm, „alles ist gut und vollkommen, denn alles ist Wahrheit. Siehe, sage ich zu ihm, das Pferd, dieses große Tier, das dem Menschen am nächsten steht, oder den Stier, der ihn ernährt und für ihn arbeitet, wie er ernst und nachdenklich aussieht! Betrachte seine Augen: welche Demut, welche Anhänglichkeit an den Menschen, der ihn oft unbarmherzig schlägt, welch eine Gutmütigkeit, welch eine Zutraulichkeit und welche Schönheit liegt in diesem Blick des Tieres! Rührend ist es zu wissen, daß sie keine Sünde begehen, denn alles ist vollkommen, und alles außer den Menschen ist sündlos, und Christus ist mit ihnen eher als mit uns.“ „Ja, haben sie denn auch Christus?“ fragte der Jüngling. – „Wie könnte es anders sein,“ sagte ich zu ihm, „denn für alle ist das Wort, die ganze Schöpfung und jegliches Geschöpf. Jedes Blättchen strebt zum Wort, preist Gott und weint zu Christo, sich selbst unbewußt, allein schon durch das Geheimnis seines sündenlosen Daseins. Siehe,“ sagte ich zu ihm, „im Walde haust der schreckliche Bär, der grausam und wild und doch ganz schuldlos ist.“ Und ich erzählte ihm, wie einmal ein Bär zu einem großen Heiligen kam, der im Walde in einer kleinen Zelle sein Leben fristete, und der große Heilige ging furchtlos zu ihm hinaus und gab ihm ein Stück Brot: „Gehe hin, Christus sei mit dir,“ sagte er zu ihm, und das grimme Tier war sanft und gehorsam und tat ihm nichts zuleide. Es rührte den Jüngling, daß er ihm nichts zuleide getan hatte, und daß auch Christus mit ihm wäre. „Ach, wie ist das schön, und wie ist doch alles Göttliche gut und wunderbar!“ Er saß da und dachte tief und glücklich nach. Ich sah, daß er es begriffen hatte. Er schlief neben mir ein; leicht und sündlos war sein Schlaf. Herr, segne die Jugend! Und ich betete daselbst für ihn, bevor ich einschlief. Herr, sende Frieden und Licht deinen Menschen.
c) Erinnerungen des Staretz Sossima aus den Knaben- und Jugendjahren seines weltlichen Lebens. Das Duell
In der Kadettenanstalt zu Petersburg blieb ich fast acht Jahre, und in der neuen Umgebung traten viele meiner Kindheitseindrücke zurück, doch habe ich sie selbst dort nie ganz vergessen. Zum Ersatz dafür nahm ich so viel neue Angewohnheiten und sogar Anschauungen in mich auf, daß ich mich alsbald in ein wildes, grausames und albernes Wesen verwandelt hatte. Die Formen der Höflichkeit und des weltlichen Umgangs eignete ich mir zusammen mit der französischen Sprache an, die Soldaten aber, die uns in der Anstalt bedienten, wurden von meinen Kameraden nicht höher als das Vieh geachtet, und auch von mir nicht. Ich mißachtete sie vielleicht sogar am meisten von allen anderen Kameraden, denn ich war der Empfänglichste von ihnen. Als wir als Offiziere die Anstalt verließen, waren wir bereit, für die sogenannte Ehre unseres Regiments unser Blut zu vergießen; die wahre Ehre aber kannte niemand von uns, und wenn sie uns jemand erklärt hätte, so würden wir sie verlacht haben. Man prahlte mit Liederlichkeit, Trunkenheit und Wildheit. Ich kann nicht sagen, daß alle diese jungen Leute schlecht gewesen wären, nein, sie waren gut, aber sie führten sich nur schlecht auf, und von ihnen allen führte ich mich am schlechtesten auf. Die Hauptsache war, daß ich Geld hatte, und so lebte ich denn nur fürs Vergnügen, stürmte mit vollen Segeln ins Leben hinein, ohne meine jugendlichen Begierden zu zügeln. Aber eines ist wunderbar: ich las damals mit vielem Vergnügen Bücher, nur die Bibel habe ich nie aufgeschlagen, doch trennte ich mich niemals von ihr, ich führte sie überall mit mir: wahrlich, ich bewahrte dieses Buch auf, ohne zu wissen für welchen Tag, für welche Stunde, welchen Monat oder welches Jahr. So war ich schon seit vier Jahren Leutnant, als ich in der Stadt K. ankam, wohin unser Regiment verlegt worden war. Die Gesellschaft dieser Stadt war sehr lustig, gastfrei und reich. Man empfing mich überall äußerst liebenswürdig, denn ich war sehr lebhaft, und man hielt mich obendrein für reich, was in dieser Welt nicht wenig zu bedeuten hat. Da ereignete sich aber etwas, was den Anfang zu allem übrigen bildete. Ich verliebte mich in ein junges und schönes Mädchen, die Tochter geachteter Eltern; sie war klug und hatte einen edlen Charakter. Es war eine angesehene Familie, die Vermögen hatte und nicht geringen Einfluß besaß; ich wurde freundlich und zuvorkommend in ihrem Hause aufgenommen. Auch schien mir, daß das junge Mädchen mir wohlgeneigt war – und mein Herz flammte auf. Später kam ich zu der Überzeugung, daß ich sie gar nicht so sehr geliebt hatte, sondern nur ihren hohen Verstand und ihren Charakter verehrte, wie es auch nicht anders sein konnte. Meine Eigenliebe verhinderte aber, daß ich damals um ihre Hand anhielt; ich konnte mich nur schwer von meinem liederlichen und freien Junggesellenleben in so jungen Jahren trennen, besonders da ich zum Überfluß selbst Geld besaß. Indessen machte ich ihr aber Andeutungen. Auf jeden Fall schob ich einen entscheidenden Schritt noch hinaus. Da erhielt ich eine Abkommandierung auf zwei Monate in einen anderen Kreis. Als ich wieder zurückkehrte, erfuhr ich, daß das junge Mädchen sich mit einem reichen Gutsherrn aus der Nachbarschaft verheiratet hatte, einem jungen, wenn auch mir an Jahren überlegenen Mann, der obendrein zu reichen Familien in Petersburg Verbindungen hatte, was mir fehlte, und dazu ein sehr liebenswürdiger und gebildeter Mann war, während ich fast gar keine Bildung besaß. Ich war so betroffen von dieser unerwarteten Tatsache, daß ich fast meine Sinne verlor. Die Hauptsache bestand aber darin, daß, wie ich erfuhr, der junge Gutsbesitzer schon lange mit ihr verlobt gewesen war – ich selbst war ihm mehrere Male in ihrem Hause begegnet. So blind war ich also von meinen Vorzügen überzeugt gewesen, daß ich nichts von alledem bemerkt hatte! Das war es, was mich jetzt vor allem beleidigte. Wie, alle hatten es gewußt, nur ich allein hatte nichts davon gewußt? Eine schreckliche Wut packte mich. Ich errötete vor Scham, wenn ich daran dachte, wie oft es meinerseits fast zu einem Liebesgeständnis gekommen war, und da sie mich weder unterbrochen, noch gewarnt hatte, so hatte sie sich also, dachte ich bei mir, nur über mich lustig gemacht. Später freilich gestand ich mir ein, als ich mir alles klar ins Gedächtnis zurückgerufen, daß sie keineswegs über mich gelacht hatte, sondern stets bemüht gewesen war, solche Gespräche scherzend abzubrechen und auf anderes überzugehen. Doch damals hatte ich nicht die nötige Ruhe, um mir das einzugestehen: alles brannte in mir vor Rachedurst. Mit Verwunderung denke ich noch jetzt daran zurück. Diese Rachsucht und mein Zorn waren für mich selbst bis zum äußersten schwer zu ertragen, weil ich, als ein lebhafter und leichter Charakter, niemals lange auf irgend jemanden böse sein konnte. Damals aber nährte ich sie künstlich und stachelte sie in mir auf, bis ich schließlich widerlich und albern wurde. Ich wartete nun darauf, und es gelang mir auch, meinen „Gegner“ einmal in einer zahlreichen Gesellschaft, bei einem ganz nebensächlichen Anlasse, zu beleidigen. Ich verlachte eine seiner Meinungsäußerungen über eine damals wichtige Begebenheit, und wie viele behaupteten, soll es mir tatsächlich gelungen sein, ihn gewandt und geistreich zu verspotten. Ich zwang ihn zu einer Erklärung, und dabei verhielt ich mich so grob zu ihm, daß er meine Herausforderung sofort annahm, ungeachtet des großen Abstandes zwischen mir und ihm, da ich jünger und viel niedriger im Range war als er. Hernach erfuhr ich denn, daß er aus Eifersucht auf mich meine Herausforderung zum Duell sofort angenommen hatte. Er war auch früher schon, als er noch verlobt war, auf mich eifersüchtig gewesen, und so dachte er: „Wenn sie erfährt, daß ich eine Beleidigung von ihm ertragen habe, ohne ihn zum Duell herauszufordern, so wird sie mich verachten und ihre Liebe zu mir wird erkalten.“ Einen Sekundanten hatte ich bald zur Stelle, einen Kameraden, einen Leutnant unseres Regiments. Obgleich damals Duelle streng bestraft wurden, so waren sie doch bei dem Militär geradezu Mode, – bis zu solch einem Wahnsinn können sich manchmal Vorurteile festsetzen. Es war Ende Juni, unser Rendezvous war auf den nächsten Tag um sieben Uhr morgens außerhalb des Städtchens festgesetzt worden. Da ereignete sich in Wahrheit etwas Verhängnisvolles mit mir. Am Abend, als ich angetrunken und wütend nach Hause zurückkehrte, ärgerte ich mich über meinen Burschen Afanassij und schlug ihm mit ganzer Kraft zweimal ins Gesicht, so daß er blutete. Er diente schon lange bei mir, und es war auch schon früher vorgekommen, daß ich ihn geschlagen hatte, aber niemals noch hatte ich es mit einer so tierischen Roheit getan. Und glaubt es mir, meine Lieben, vierzig Jahre sind seitdem vergangen, aber noch jetzt denke ich mit Qual und Scham daran zurück. Ich legte mich schlafen und schlief drei Stunden. Als ich aufwachte, fing es gerade an zu tagen. Ich erhob mich sofort, denn ich wollte nicht mehr schlafen, ging ans Fenster, öffnete es – und lehnte mich zum Garten hinaus. Die Sonne ging gerade auf, es war warm und wundervoll, die Vögel zwitscherten. Warum, dachte ich, empfinde ich in meiner Seele etwas Schmutziges und Niedriges? Etwa deshalb, weil ich im Begriff war, Blut zu vergießen? Nein, denke ich, das ist es nicht. Vielleicht, weil ich den Tod fürchte und fürchte erschossen zu werden? Nein, das ist es auch nicht, das ist es erst recht nicht... Und plötzlich wußte ich, um was es sich handelte: ich hatte gestern abend Afanassij geschlagen! Plötzlich sehe ich alles vor mir, als ob die Szene sich von neuem wiederholte: er steht vor mir, und ich schlage ihn mit voller Kraft ins Gesicht, er aber hält seine Hände an den Hosennähten, den Kopf gerade, die Augen, wie in der Front, geradeaus gerichtet. Bei jedem Schlage fährt er zusammen, und doch wagt er nicht, zum Schutze seine Hände zu erheben – und ich lasse mich so gehen und schlage einen anderen Menschen. Wie mit spitzen Nadeln stach es in mein Herz. Mir schwindelte. Die Sonne aber leuchtete so hell, die Blättchen blitzten feucht vom Tau, und die Vögel, die Vögel lobten Gott... Ich bedeckte mein Gesicht mit beiden Händen, warf mich aufs Bett und schluchzte laut auf. Da erinnerte ich mich denn der Worte meines Bruders Markell, die er vor seinem Tode zu den Dienstboten gesagt hatte: „Ihr, meine Lieben, Teuren, warum dient ihr mir, und warum liebt ihr mich? Bin ich dessen wert, daß ihr mir dient?“ „Ja, bin ich denn dessen wert?“ ging es mir durch den Kopf. In der Tat, wodurch bin ich wert, daß ein anderer Mensch, so einer, wie ich es bin, das Ebenbild Gottes – daß er mir dient? Und zum erstenmal in meinem Leben ging mir diese Frage durch den Sinn...
„Mütterchen, mein eigenes liebes Herzblut, in Wahrheit ist jeder vor allen schuldig, nur wissen es die Menschen nicht, wenn sie es aber wüßten, so würde sofort das Paradies auf Erden sein.“ „Herrgott, wie sollte das nicht wahr sein,“ denke ich und weine, „wahrlich, ich bin von allen Menschen auf der Welt der Schuldigste und Schlechteste!“ Und vor mir tauchte die ganze Wahrheit auf mit ihrem ganzen Licht. Was war ich im Begriff zu tun? Einen guten, klugen, edlen Menschen zu töten, der mir gegenüber keine Schuld hatte, und seine Frau auf ewig ihres Glückes zu berauben und sie zu quälen und gleichfalls zu vernichten! So lag ich auf dem Bett, das Gesicht in die Kissen gepreßt, und ich gewahrte nicht, wie die Zeit verging. Plötzlich tritt mein Kamerad, der Leutnant, der mein Sekundant sein sollte, mit dem Pistolenkasten unterm Arm, bei mir ein: „Gut,“ sagte er, „daß du schon angekleidet bist, es ist Zeit zum Aufbruch.“ Ich fuhr auf und konnte mich gar nicht fassen. Wir traten hinaus, um in den Wagen einzusteigen. „Warte hier einen Augenblick,“ sagte ich zu ihm, „ich laufe nur auf einen Moment hinein, habe mein Portemonnaie vergessen.“ Und ich lief in die Wohnung zurück, geradeswegs in die Kammer Afanassijs: „Afanassij,“ sage ich, „ich habe dich gestern zweimal ins Gesicht geschlagen, verzeihe es mir.“ Er fuhr zusammen, als hätte ich ihn erschreckt, er sieht mich erstaunt an – und ich sah, daß das zu wenig war, und plötzlich fiel ich, so wie ich war, in Uniform und Epauletten, vor ihm hin und mit der Stirn berührte ich die Erde: „Vergib mir!“ sagte ich. Da erstarrte er einfach: „Euer Wohlgeboren, Väterchen, Herr, was tun Sie... bin ich es denn wert!“ und er brach in Tränen aus; gerade wie ich es getan hatte, bedeckte nun auch er mit beiden Händen sein Gesicht, wandte sich ab zum Fenster, und sein Körper wurde vom Weinen erschüttert. Ich lief hinaus zu meinem Kameraden, stieg in den Wagen und schrie dem Kutscher zu: „Fort!“ „Ich habe einen Sieger gesehen,“ rief ich meinem Kameraden zu „siehst du, hier steht er vor dir.“ Ein solches Entzücken hatte mich gepackt, ich lachte während der ganzen Fahrt und sprach und sprach, ich weiß nicht mehr, was ich sprach. Er sieht mich an: „Nun, Bruder,“ sagte er zu mir, „du bist ein ganzer Kerl, wirst der Uniform Ehre machen.“ So kamen wir am Orte an. Die anderen waren schon dort und erwarteten uns. Man stellte uns auf zwölf Schritt Distanz. Er hatte den ersten Schuß. Ich stand vor ihm, fröhlich, gerade mit dem Gesicht zu ihm, unbeweglich, Auge in Auge, sah ihn liebevoll an, und ich wußte, was ich tat. Er schoß ab, die Kugel schrammte ein wenig meine Wange und streifte mein Ohr. „Gott sei Dank,“ rief ich, „Sie haben keinen Menschen getötet!“ erhob meine Pistole, kehrte mich zurück und warf sie mit einem Bogen in den Wald: „Dahin,“ rief ich – „gehörst du!“ Darauf wandte ich mich an meinen Gegner: „Geehrter Herr,“ sagte ich, „verzeihen Sie mir dummen, jungen Menschen, daß ich Sie absichtlich beleidigt habe, und Sie durch mich jetzt gezwungen waren, auf mich zu schießen. Ich bin zehnmal schlechter als Sie und vielleicht sogar noch mehr. Berichten Sie das, bitte, der Dame, die Sie vor allen anderen Menschen auf der Welt am meisten achten.“ Kaum hatte ich das gesagt – so schrien sie alle drei. „Aber ich bitte Sie,“ sagte mein Gegner sehr geärgert, „wenn Sie nicht schießen wollen, wozu haben Sie uns denn hierher bemüht?“ – „Gestern war ich noch dumm, heute aber bin ich schon klüger,“ antwortete ich ihm lächelnd. „Was Sie von gestern sagen, glaube ich Ihnen, was Sie aber von heute sagen, so weiß ich noch nicht, ob ich Ihrer Meinung beistimmen kann.“ – „Bravo,“ rief ich aus und klatschte in die Hände, „auch darin bin ich mit Ihnen einverstanden, habe es verdient!“ – „Werden Sie schießen, mein Herr, oder nicht?“ – „Ich werde nicht schießen,“ antwortete ich, „aber wenn Sie wollen, so schießen Sie noch einmal, nur besser wäre es für Sie, nicht zu schießen.“ Die Sekundanten riefen, besonders der meinige: „Wie können Sie das Regiment so beschimpfen, daß Sie vor dem Schuß stehend um Verzeihung bitten? Wenn ich das gewußt hätte!“ Da stand ich nun vor ihnen; ich lachte aber nicht mehr: „Meine Herren,“ sagte ich, „ist es denn wirklich so erstaunlich in unserer Zeit, einen Menschen zu treffen, der seine Dummheit bereut und öffentlich seine Schuld eingesteht?“ – „Aber doch nicht vor dem Schuß!“ schrie wieder mein Sekundant. – „Das ist es ja,“ antwortete ich ihm, „das ist ja freilich sehr wunderlich, ich hätte gleich meine Entschuldigung machen sollen, als wir hierherkamen, noch vor Ihrem Schuß, und Sie nicht zu einer so großen und todbringenden Sünde zwingen sollen, aber wir haben uns in der Welt so sinnlos eingerichtet, daß mir anders zu handeln unmöglich war, ich mußte erst Ihren Schuß auf zwölf Schritt Distanz aushalten, um Ihnen allen meine Meinung darüber sagen zu können. Hätte ich es aber vor dem Schuß, als wir hier zusammentrafen, gesagt, so hätten Sie einfach geurteilt: Dieser Feigling, die Pistole hat ihm Angst gemacht! Meine Herren,“ rief ich plötzlich von ganzem Herzen aus, „sehen Sie um sich, auf diese Götterwelt: Der Himmel ist klar und die Luft ist rein, wie zart ist das Gras, wie schön und sündlos ist die Natur, nur wir, nur wir allein sind gottlos und dumm und verstehen nicht, daß das Leben ein Paradies ist – wenn wir es nur verstehen wollten, so würde die Erde in ihrer ganzen Schönheit zum Paradiese, und wir würden einander umarmen und vor Freude weinen...“ Ich wollte noch weiter fortfahren, konnte aber nicht, der Atem ging mir aus, so selig, so jugendlich war mir zumute, das Herz voller Glück, wie ich es in meinem ganzen Leben nicht empfunden hatte. „Alles das ist sehr vernünftig und ehrenwert,“ sagte mein Gegner „und jedenfalls sind Sie ein origineller Mensch...“ „Lachen Sie nur, später werden auch Sie mich loben,“ rief ich ihm lachend zu. – „Ich bin bereit, Sie schon jetzt zu loben, erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Hand reiche, denn es scheint, daß Sie wirklich ein aufrichtiger Mensch sind.“ – „Nein,“ sagte ich, „jetzt ist das nicht nötig, später, wenn ich besser sein und Ihre Achtung verdient haben werde, dann reichen Sie mir Ihre Hand.“ Wir kehrten nach Haus zurück; mein Sekundant schimpfte mich während der ganzen Fahrt tüchtig aus, ich aber – küßte ihn. Sofort erfuhren es alle meine Kameraden und versammelten sich noch am selben Tage, um über mich Gericht zu halten: „Er hat das Regiment beschimpft, er soll seinen Abschied einreichen!“ Einige verteidigten mich und meinten: „Den Schuß hat er doch abgewartet.“ – „Ja, aber die anderen Schüsse hat er eben gefürchtet und daher um Verzeihung gebeten.“ – „Aber, wenn er die Schüsse gefürchtet hätte,“ erwiderten die Verteidiger, „so hätte er erst aus seiner Pistole geschossen und dann um Verzeihung gebeten, er aber warf sie geladen in den Wald! Nein, dem liegt etwas anderes zugrunde, etwas Originelleres.“ Ich hörte ihnen zu; mir war so heiter zumut, wenn ich sie so anschaute: „Meine lieben Freunde und Kameraden, sorgen Sie sich nicht um meinen Abschied; ich habe ihn schon eingereicht, heute morgen, und sobald ich ihn erhalte, gehe ich sofort ins Kloster – darum habe ich es getan.“ Als ich das kaum ausgesprochen hatte, lachten alle bis auf den Letzten laut auf: „Ja, wenn du uns das nur gleich mitgeteilt hättest, so wäre uns ja alles klar geworden, einen Mönch kann man doch nicht verurteilen!“ Sie lachten und hörten gar nicht auf damit, aber nicht spöttisch, sondern freundlich und heiter lachten sie. Und alle liebten sie mich plötzlich, sogar meine heftigsten Ankläger, und den ganzen Monat, solange ich meinen Abschied noch nicht erhalten hatte, trugen sie mich fast auf den Händen: „Ach, du Mönch,“ sagten sie. Und jeder hatte für mich ein freundliches Wort. Sie beredeten mich und bedauerten mich sogar: „Was machst du aus dir?“ – „Nein,“ sagten sie, „er ist tapfer, er hat den Schuß nicht gefürchtet und auch selbst hätte er geschossen, ihm hatte aber die Nacht vorher geträumt, daß er Mönch werden sollte, und daher ist alles gekommen.“ Dasselbe geschah mit mir auch in der Gesellschaft. Früher hatte man mich nicht sonderlich beachtet, obgleich man mich überall freundlich empfangen hatte, jetzt aber kannten mich alle und luden mich täglich zu sich ein: sie lachten dabei über mich, aber sie liebten mich. Ich muß noch bemerken, daß, obwohl allgemein in der Gesellschaft und öffentlich über das Duell gesprochen wurde, die Obrigkeit die Sache geflissentlich übersah; da mein Gegner ein naher Verwandter unseres Generals war, und da die Sache so günstig und ohne alles Blutvergießen verlaufen war, ganz wie ein Scherz, und da ich zudem meinen Abschied eingereicht hatte, so faßte man denn auch wirklich die ganze Sache nur als Scherz auf. Ich sprach daher ganz offen über die Sache, ungeachtet ihres Gelächters, denn ich wußte, ihr Lachen war nicht böse, sondern gut gemeint. Dieses Gespräch war an den Abenden besonders beliebt; in der Damengesellschaft hörte man mir gerne zu, und die Damen forderten auch ihre Männer auf, mir zuzuhören. „Wie ist denn das möglich, daß ich allen gegenüber schuldig bin?“ fragte mich ein jeder und lachte mir ins Gesicht, „wie soll ich denn zum Beispiel Ihnen gegenüber schuldig sein?“ – „Ja, wie sollten Sie das wohl wissen,“ antwortete ich ihnen, „da die ganze Welt schon seit langem einen anderen Weg eingeschlagen hat, und die Lüge als Wahrheit anerkannt ist, und daher auch ein jeder vom anderen solche Lüge verlangt. Einmal im Leben habe ich aufrichtig gehandelt, und da erscheine ich nun Ihnen allen als Geistesschwacher: obgleich Sie lieb zu mir sind, so lachen Sie doch alle über mich.“ – „Wie sollte man Sie, so wie Sie sind, nicht lieben?“ sagte laut die Hausfrau und lächelte mir zu. Es war bei ihr eine zahlreiche Gesellschaft versammelt. Und plötzlich sehe ich, löst sich aus der Gesellschaft eine Dame und tritt auf mich zu. Es war dieselbe junge Dame, um derentwillen es zum Duell gekommen war, und die ich mir noch vor kurzer Zeit als Braut zugedacht hatte. Ich hatte es nicht bemerkt, daß auch sie sich im Salon befand. Sie kam auf mich zu und reichte mir die Hand: „Erlauben Sie, bitte, Ihnen zu sagen, daß ich nicht über Sie lache, im Gegenteil, mit Tränen in den Augen danke ich Ihnen, und ich drücke Ihnen meine Hochachtung aus, die ich für Sie wegen Ihrer Tat empfinde.“ Da kam auch ihr Mann auf mich zu, reichte mir die Hand, und die ganze Gesellschaft umringte mich und drückte mir somit ihr Mitgefühl aus. Es fehlte nicht viel, so hätten sie mich alle umarmt. Mir war sehr froh zumute. Damals fiel mir aber besonders ein Herr auf, ein älterer Herr, der auch zu mir herangetreten war, den ich wohl dem Namen nach kannte, doch mit dem ich noch nie ein Wort gewechselt hatte.
d) Der geheimnisvolle Gast
Schon seit langer Zeit nahm er in unserer Stadt eine angesehene Stellung ein; er wurde von allen geachtet, war reich und als wohltätig bekannt. Er hatte ein ansehnliches Kapital dem Krankenhause wie dem Waisenhause übergeben und tat im geheimen viel Gutes, was erst später, nach seinem Tode, bekannt wurde. Er zählte ungefähr fünfzig Jahre, hatte ein strenges Aussehen und war sehr wortkarg; mit seiner jungen Frau, von der er drei unmündige Kinder hatte, war er seit zehn Jahren verheiratet.
Am Abend darauf saß ich bei mir zu Hause, als plötzlich meine Tür sich öffnete und dieser Herr bei mir eintrat. Ich muß hierbei bemerken, daß ich nicht mehr in meiner früheren Wohnung lebte; als ich den Abschied eingereicht hatte, nahm ich mir eine Wohnung mit Bedienung bei einer alten Dame, einer Beamtenwitwe. Der Umzug in diese Wohnung war nur darum geschehen, weil ich Afanassij noch am selben Tage, gleich nach dem Duell, in die Kompagnie zurückschickte, denn ich schämte mich nach dem Vorgefallenen, ihm in die Augen zu sehen, – so sehr ist ein weltlich erzogener Mensch verbildet, daß er sich sogar einer gerechten Tat schämen kann.
„Ich habe Ihnen schon einigemal und in verschiedenen Häusern mit großem Anteil zugehört,“ sprach der bei mir eintretende Herr, „so daß ich wünschte, endlich mit Ihnen persönlich bekannt zu werden, um mich noch eingehender mit Ihnen zu unterhalten. Können Sie mir diesen großen Gefallen erweisen?“ – „Mit dem größten Vergnügen, und ich rechne es mir zu einer ganz besonderen Ehre an,“ antwortete ich ihm darauf, selbst aber erschrak ich, solch einen Eindruck hatte das auf mich gemacht. Denn wie gern man mich auch angehört und wie sehr man mir allgemeine Anteilnahme gezeigt hatte, so war doch noch niemand mit solchem Ernst und aus innerer Überzeugung an mich herangetreten. Dieser aber kam sogar zu mir in die Wohnung. Er setzte sich. „Ich erkenne eine große Charakterstärke in Ihnen,“ fuhr er fort, „denn Sie haben sich nicht gefürchtet, der Wahrheit zu dienen, und das noch in einer Sache, in der Sie riskierten, die Verachtung aller auf sich zu ziehen.“ – „Ihr Lob scheint mir etwas zu groß,“ sagte ich zu ihm. – „Nein, durchaus nicht,“ antwortete er mir, „glauben Sie, solch eine Handlung zu begehen, ist viel schwerer, als Sie denken. Damit haben Sie mich in Erstaunen gesetzt, und darum bin ich zu Ihnen gekommen. Beschreiben Sie mir, bitte, wenn meine Neugier Sie nicht verletzt, was Sie in diesem Moment empfanden, als Sie sich entschlossen, bei dem Duell um Entschuldigung zu bitten, wenn Sie sich dessen noch erinnern können. Halten Sie meine Frage nicht für leichtfertig, denn wenn ich Ihnen solch eine Frage stelle, so habe ich dabei einen geheimen Zweck, den ich in der Folge Ihnen mitteilen werde, wenn es Gott gefallen sollte, uns einander noch näher zu führen.“
Die ganze Zeit, während der er sprach, sah ich ihm gerade in die Augen, und plötzlich fühlte ich zu ihm ein unbegrenztes Vertrauen, und gleichfalls empfand ich auch meinerseits eine ganz ungewöhnliche Neugier, denn ich fühlte, daß er in seiner Seele ein ungewöhnliches Geheimnis barg.
„Sie fragen mich, was ich in jener Minute empfand, als ich meinen Gegner um Verzeihung bat? Ich werde Ihnen besser alles das von Anfang an erzählen, was ich einem anderen nicht erzählen würde.“ Und ich erzählte ihm, was sich mit mir und Afanassij zugetragen, und wie ich mich vor ihm zur Erde niedergeworfen hatte. „Aus alledem können Sie ersehen,“ schloß ich meine Erzählung, „daß es mir schon während des Duells leichter zumute war, da ich ja meinen Weg bereits betreten hatte: jawohl, deshalb war auch alles Weitere gar nicht mehr schwer, sondern leicht und freudvoll für mich.“
Er hatte mich angehört und sah mich freundlich an: „Das alles,“ sagte er, „interessiert mich außerordentlich, und ich werde noch öfter zu Ihnen kommen.“ Seit der Zeit kam er denn auch jeden Abend zu mir, und wir hätten uns gewiß sehr befreundet, wenn er mir nur von sich etwas erzählt hätte. Er erzählte aber von sich kein Wort, sondern fragte immer nur mich aus. Ungeachtet dessen hatte ich ihn sehr lieb gewonnen; ich schilderte ihm alle meine Empfindungen und dachte bei mir: Was gehen mich schließlich seine Geheimnisse an, ich sehe ja ohnedem, daß er ein rechtschaffener Mensch ist. Dazu ist er ein so ernster Mensch, viel älter als ich, und doch kommt er zu mir, einem Jüngling, ohne sich an meinem Alter zu stoßen. Und viel Nützliches lernte ich aus den Gesprächen mit ihm, denn er war ein sehr intelligenter Mensch. „Daß das Leben ein Paradies ist,“ sagte er einmal zu mir, „darüber habe ich schon lange nachgedacht,“ und plötzlich fügte er hinzu: „Das ist es ja, woran ich eigentlich immer denke.“ Darauf sah er mich an und lächelte: „Ich bin mehr als Sie davon überzeugt,“ sagte er, „Sie werden später erfahren, warum.“ Als ich das hörte, dachte ich bei mir: Sicher will er mir was anvertrauen. „Das Paradies ist in jedem von uns verborgen, auch in mir verbirgt es sich jetzt und wenn ich will, wird es morgen in Wirklichkeit in mir erstehen und dann für mein ganzes Leben andauern.“ Ich betrachtete ihn: gerührt und geheimnisvoll sah er mich an, als ob er eine Antwort von mir erwartete. „Was das anbelangt,“ fuhr er fort, „daß jeder Mensch vor allen und in allem schuldig ist, abgesehen von seinen eigenen Sünden, so haben Sie darüber ganz richtig geurteilt, und es ist zu verwundern, wie Sie diesen Gedanken in seinem ganzen Umfange erfaßt haben. Wahrlich, es ist so: daß, sobald nur die Menschen diesen Gedanken begriffen haben werden, das Himmelreich nicht nur in der Vorstellung, sondern in Wirklichkeit beginnen wird.“ – „Aber wann,“ rief ich voll Leid aus, „wann wird das geschehen und wird das überhaupt je geschehen können? Wird das nicht immer nur ein Traum bleiben?“ – „Sehen Sie, da haben Sie schon keinen Glauben daran, Sie prophezeien es nur, aber selbst glauben Sie nicht daran. Ich sage Ihnen, daß dieser Traum, wie Sie es nennen, in Erfüllung gehen wird, glauben Sie es mir. Aber es wird noch nicht so bald geschehen, denn jeder Vorgang vollzieht sich nach seinem Gesetz. Dieser Vorgang ist ein seelischer, ein psychologischer. Um die Welt zu etwas Neuem umzugestalten, ist erforderlich, daß auch die Menschen sich umgestalten und einen anderen Weg betreten. Keine Brüderschaft kann früher sein, als bis tatsächlich ein jeder dem anderen ein Bruder geworden ist. Durch keine Wissenschaft und durch keine äußeren Hilfsmittel werden die Menschen lernen, ihre Rechte und ihre Güter zu verteilen, ohne sich gegenseitig zu kränken. Immer wird Alles für Jeden zu wenig sein, immer werden sie murren, sich gegenseitig beneiden und zu vertilgen suchen. Sie fragen, wann das andere sein wird? Es wird sein, aber zuerst muß die Periode der menschlichen Absonderung und Isolierung überwunden werden.“ – „Welcher Isolierung?“ fragte ich ihn. – „Derselben, die jetzt überall herrscht, besonders in unserem Jahrhundert. Noch ist nicht alles dazu reif, noch ist die Zeit nicht gekommen. Jeder strebt jetzt danach, seine Person abzusondern, ein jeder möchte in sich selbst die Fülle des Lebens erfahren, indessen ergibt sich aus all seinen Anstrengungen nicht die Fülle des Lebens, sondern vollständiger Selbstmord, statt Selbstbestimmung eben: vollständige Isolierung. Alle sondern sich in unserem Jahrhundert zu Einzelexistenzen ab; jeder isoliert sich in seiner Höhle, jeder entfernt sich vom anderen, verbirgt sich und verbirgt, was er hat, und es endet damit, daß er die Menschen abstößt und die Menschen ihn abstoßen. Er scharrt sich ein Kapital zusammen und denkt: „Wie stark bin ich jetzt, jetzt bin ich gesichert,“ und der Unsinnige weiß nicht einmal, daß er, je mehr er ansammelt, desto mehr in eine selbstmörderische Ohnmacht verfällt. Denn er hat sich daran gewöhnt, nur auf sich selbst zu hoffen, und er hat sich als Isolierter vom Ganzen abgetrennt, er hat seine Seele gelehrt, nicht an die Hilfe der Menschen zu glauben, weder an die der Menschen, noch an die der Menschheit, und er zittert nur davor, daß er sein Geld und die durch dasselbe erworbenen Rechte verlieren könnte. Der Menschengeist will allgemein heutzutage nicht einsehen, daß die wahre Sicherheit des Individuums nicht in seiner persönlichen isolierten Kraft besteht, sondern im Zusammenhang mit der Gesamtheit der Menschen. Aber gewiß wird es so sein, und die Stunde wird kommen, wo diese furchtbare Isolierung aufhören wird, und man wird plötzlich begreifen, wie unnatürlich es gewesen ist, sich voneinander abzusondern. Und der Geist der Zeit wird ein anderer sein, und man wird an ihm erkennen, wie lange man in der Finsternis gelebt hat, ohne das Licht zu erblicken. Dann wird auch das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen... Bis zu der Zeit aber muß dieses Zeichen behütet werden, und wenn es auch nicht anders geht, so muß doch von Zeit zu Zeit wenigstens ein Mensch durch sein Beispiel die Seele aus dieser Isolierung befreien und ihr den Weg zur allgemeinen Bruderliebe zeigen, und wenn er auch damit sich dem aussetzt, daß er als Geistesschwacher verschrien wird – wenn nur der große Gedanke nicht stirbt!“
In solchen begeisterten und flammenden Gesprächen verbrachten wir unsere Abende miteinander. Ich vernachlässigte sogar die Gesellschaft und erschien nur mehr selten in ihr, zumal es auch aufhörte, Mode zu sein, sich mit mir zu beschäftigen. Ich sage das nicht, um damit die Gesellschaft zu verurteilen, denn man fuhr fort, mich zu lieben und gegen mich freundlich zu sein, doch muß man nicht vergessen, wie sehr die Mode die Gesellschaft beherrscht. An meinem geheimnisvollen Gast aber hing ich schließlich mit Begeisterung, denn abgesehen von den Genüssen, die mir die Unterhaltung mit ihm bereitete, fühlte ich, daß er sich mit irgendeinem Gedanken trug und sich vielleicht zu irgendeiner großen Tat vorbereitete – vielleicht gefiel es ihm, daß ich äußerlich für sein Geheimnis keine Neugier bekundete, weder direkt noch indirekt ihn danach fragte. Aber es schien mir, daß ihn selbst immer mehr und mehr der Wunsch quälte, mir etwas anzuvertrauen. Es war schon ein ganzer Monat vergangen, seitdem er mich besuchte: „Wissen Sie auch,“ fragte er mich da, „daß man viel über uns in der Stadt spricht und sich darüber wundert, daß ich Sie so oft besuche? Aber mögen sie, bald wird sich doch alles offenbaren.“ Zuweilen überfiel ihn plötzlich eine außerordentliche Aufregung, und dann stand er jedesmal auf und ging fort. Zuweilen wiederum sah er mich lange und durchdringend an, und ich dachte schon: „Jetzt wird er gleich etwas sagen –“ und plötzlich ging er dann auf etwas ganz Gleichgültiges und Alltägliches über. Oft beklagte er sich auch über Kopfschmerzen. Und einmal, ganz unerwartet kam es: als er lange begeistert über etwas gesprochen hatte, erbleichte er plötzlich, sein Gesicht verzerrte sich, und er starrte mich an.
„Was haben Sie,“ fragte ich erschrocken, „ist Ihnen schlecht?“ Er hatte sich kurz vorher wieder über Kopfweh beklagt.
„Ich... wissen Sie... ich... habe einen Menschen ermordet.“
Er sprach es aus und lächelte, selbst aber war er weiß wie Kreide. Warum lächelt er? fuhr es mir durchs Herz, ohne das Gehörte noch ganz begriffen zu haben. Und ich fühlte, wie auch ich erbleichte.
„Was sagen Sie da?“ rief ich ihm zu.
„Sehen Sie,“ antwortete er mir mit einem schwachen Lächeln, „wie schwer mir wurde, das erste Wort zu sagen. Jetzt habe ich es getan und damit den Weg betreten. Und nun möge es kommen!“
Lange wollte ich ihm nicht glauben, und nicht mit einem Male konnte ich ihm alles glauben. Erst als er drei Tage nacheinander bei mir gewesen war und mir alle Einzelheiten mitgeteilt hatte, glaubte ich es. Ich hielt ihn für wahnsinnig, aber schließlich mußte ich mich doch von der Tat überzeugen lassen, wenn auch mit großer Verwunderung und großem Schmerz. Er hatte vor vierzehn Jahren ein furchtbares Verbrechen begangen an einer jungen und schönen Frau, der Witwe eines Gutsbesitzers, die in unserer Stadt ein eigenes Haus besaß, in das sie gelegentlich einkehrte. Er fühlte zu ihr eine große unbezwingliche Liebe, gestand ihr diese Liebe und wollte sie bereden, ihn zu heiraten. Aber ihr Herz gehörte schon einem anderen, einem hohen und angesehenen Offizier, der damals im Felde stand, und dessen baldige Ankunft sie erwartete. Sie schlug daher seinen Antrag ab und bat ihn, sie nicht mehr zu besuchen. Da war er, der alle Zimmer ihres Hauses gut kannte, in der Nacht vom Garten aus und über das Dach, mit unerhörter Kaltblütigkeit und alles aufs Spiel setzend, zu ihr eingedrungen. Ein so außergewöhnliches Unternehmen, mit der größten Kaltblütigkeit ausgeführt, gelingt ja fast immer. Durch das Dachfenster war er auf den Boden des Hauses gelangt und über eine kleine Bodentreppe zu ihr in die Wohnzimmer gedrungen: er hatte einmal bemerkt, daß die Tür dieser kleinen Treppe durch die Nachlässigkeit der Dienstboten unverschlossen geblieben war. Er hoffte auf diesen Zufall, und siehe da, es war so. Er schlich sich durch die Wohnzimmer bis in ihr Schlafgemach, wo das Lämpchen vor dem Heiligenbilde brannte. Und als ob es beabsichtigt gewesen wäre, waren beide Stubenmädchen ohne Erlaubnis zu einem Namensfeste in der Nachbarschaft fortgeschlichen. Die übrige Dienerschaft schlief in der Gesindestube und in der Küche, die sich in der unteren Etage befand. Beim Anblick der Schlafenden entbrannte in ihm die Leidenschaft, und zu gleicher Zeit wurde sein Herz von einer rachsüchtigen und eifersüchtigen Wut ergriffen, und wie ein Besinnungsloser und Trunkener stürzte er sich auf sie und bohrte ihr das Messer mitten ins Herz, so daß sie nicht einmal aufschreien konnte. Darauf richtete er es mit der teuflischsten und verbrecherischsten Berechnung so ein, daß der Verdacht auf die Dienerschaft fallen mußte. Es widerte ihn nicht an, ihren Geldbeutel zu nehmen, ihre Kommode mit den Schlüsseln, die er unter ihrem Kopfkissen fand, aufzuschließen und ihr nur diejenigen Sachen zu entnehmen, die auch ein dummer Diener genommen hätte, das heißt, die Wertpapiere ließ er liegen und nahm nur das bare Geld, nahm einige schwer goldene Sachen, die anderen aber, die zehnmal wertvolleren doch kleineren Schmuckgegenstände nahm er nicht. Darauf nahm er sich noch etwas zum Andenken, aber davon später. Nachdem das geschehen war, hatte er das Haus auf demselben Wege verlassen. Weder am folgenden Tage, als sich die Nachricht vom Morde verbreitete, noch jemals später, war es jemandem in den Sinn gekommen, den wirklichen Mörder zu verdächtigen! Auch von seiner Liebe zu ihr wußte niemand, denn er war immer verschlossen und wortkarg gewesen, und einen Freund, dem er die Tat hätte mitteilen können, besaß er nicht. Man zählte ihn einfach zu den Bekannten und nicht einmal zu den nahen Vertrauten der Ermordeten, denn er hatte sie in den letzten Wochen gar nicht besucht. Man verdächtigte vielmehr sofort ihren leibeigenen Diener Pjotr, und alle Umstände schienen diesen Verdacht zu bestätigen. Der Diener hatte gewußt, und die Verstorbene hatte es ihm nicht verheimlicht, daß sie auch ihn unter der Anzahl Rekruten, die sie von ihren Leibeigenen zu stellen hatte, in den Militärdienst zu schicken beabsichtigte. Zudem war er unverheiratet und ein schlechter Charakter. Man hatte gehört, wie er aus Wut und angetrunken in einer Kneipe gedroht hatte, sie zu erschlagen. Zwei Tage vor ihrem Tode war er entlaufen und hatte sich in der Stadt herumgetrieben. Am anderen Tage nach dem Morde fand man ihn auf der Landstraße vor der Stadt steif betrunken liegen, mit dem Messer in der Tasche, und dazu war noch seine rechte Handfläche mit Blut befleckt. Er versicherte, daß er Nasenbluten gehabt hätte, aber man glaubte es ihm nicht. Die Mägde gestanden ihre Schuld ein, daß sie auf dem Feste gewesen wären, und daß die Treppentür bis zu ihrer Rückkehr unverschlossen geblieben sei. Und eine Menge ähnlicher Anzeichen ergaben sich noch, so daß man daraufhin den unschuldigen Diener hinter Schloß und Riegel brachte. Doch siehe, schon nach einer Woche erkrankte er an einem Nervenfieber und starb besinnungslos im Krankenhause. Und damit endete die Sache. Man ergab sich dem Willen Gottes, und alle, das Gericht wie die Obrigkeit, waren fest überzeugt, daß den Mord niemand anders als der verstorbene Diener vollführt hätte – der aber war dem Gericht Gottes überliefert worden!
Der geheimnisvolle Gast, der damals schon mein Freund geworden war, sagte mir, daß er zu Anfang gar keine Gewissensbisse empfunden hätte. Wohl litt er sehr, aber nur, weil er das geliebte Weib ermordet hatte, weil sie jetzt nicht mehr lebte, weil er, indem er sie getötet, auch seine Liebe getötet hatte, während die Leidenschaft in seinem Blut noch fortbrannte. An das unschuldig vergossene Blut, an den Mord habe er damals gar nicht gedacht. Der Gedanke, daß sein Opfer die Gattin eines anderen hätte werden können, schien ihm so unmöglich, und daher war er vor seinem Gewissen vollständig überzeugt, daß er anders gar nicht hätte handeln können. Am Anfang quälte ihn ein wenig die Gefangennahme des Dieners, aber dessen Krankheit und Tod beruhigten ihn wieder. Glaubte er doch, daß dieser Tod nicht etwa durch den Schreck oder die Angst erfolgt war, sondern infolge einer Erkältung, die er sich an den Tagen, als er betrunken die ganze Nacht über auf feuchter Erde gelegen, zugezogen hatte. Die gestohlenen Sachen und das Geld beunruhigten ihn gleichfalls nicht, denn den Diebstahl hatte er ja nur zur Ablenkung des Verdachts vollführt. Die gestohlene Summe war unbedeutend, und bald darauf gab er diese Summe und noch viel mehr zur Errichtung einer Wohltätigkeitsanstalt in unserer Stadt. Das hatte er alles nur getan, um sein Gewissen über den Diebstahl zu beruhigen – und bemerkenswert ist, daß dies tatsächlich ihn auf lange Zeit beruhigte: wenigstens beteuerte er es mir. Er selbst stürzte sich damals in eine große geschäftliche Tätigkeit, übernahm schwierige und mühevolle Aufträge, die ihn zwei Jahre lang ganz in Anspruch nahmen, und da er einen starken Charakter hatte, so vergaß er das Vorgefallene ganz; wenn es ihm aber einfiel, so bemühte er sich einfach, nicht daran zu denken. Er tat viel für die Armen, und für unsere Stadt. Auch in den Residenzen, Moskau und Petersburg, zeichnete er sich durch seine Wohltätigkeit aus und wurde daher zum Vorstand von Wohltätigkeitsvereinen gewählt. Aber schließlich erlag er doch den vielen Qualen, die fast über seine Kräfte gingen. Da gefiel ihm ein reizendes und kluges Mädchen, und er heiratete sie bald darauf in der Hoffnung, daß das Eheleben ihn seine Qual vergessen machen werde, und daß auf diesem neuen Wege, in eifriger Pflichterfüllung gegen seine Frau und seine Kinder, seine alten Erinnerungen verblassen würden. Aber gerade das Gegenteil seiner Erwartungen traf ein. Schon im ersten Monat seiner Ehe quälte ihn ununterbrochen der Gedanke: „Meine Frau liebt mich – wenn sie es aber wüßte!“ – Als sie sich zum erstenmal guter Hoffnung fühlte und es ihm mitteilte, da wurde alles in ihm aufgewühlt: „Einem Kinde habe ich das Leben gegeben, und einem anderen Menschen habe ich es genommen.“ Es kamen die Kinder: „Wie wage ich es, sie zu lieben, sie zu erziehen und sie zu belehren, wie kann ich ihnen von Tugend reden: ich, der ich doch Blut vergossen habe.“ Die Kinder wuchsen prächtig heran, er wollte sie liebkosen, aber – „ich konnte nicht in ihre hellen unschuldigen Augen sehen, ich war dessen nicht würdig.“ So quälte ihn grausam und bitter das Blut des unschuldig erschlagenen Opfers, das vernichtete, junge Leben. Ihr Blut schrie nach Rache. Schreckliche Träume verfolgten ihn. Aber sein starkes Herz ertrug standhaft die Qualen. „Ich sühne vielleicht meine Schuld durch meine geheimen Qualen.“ Aber auch diese Hoffnung war vergebens: je länger, desto qualvoller wurden seine Leiden. In der Gesellschaft wurde er wegen seines wohltätigen Wirkens hoch geehrt, obgleich ihn alle wegen seines strengen und düsteren Charakters fürchteten. Je mehr sie ihn jedoch achteten, desto unerträglicher wurde es ihm. Er gestand mir, daß er sich habe töten wollen. Doch gleichzeitig tauchte in ihm eine Idee auf, eine Idee, die er zuerst für unmöglich und wahnsinnig hielt, die sich aber zuletzt so in seinem Herzen festsetzte, daß er sich von ihr nicht mehr losreißen konnte. Er gedachte plötzlich hinauszugehen und vor allem Volk zu erklären, daß er einen Menschen ermordet habe. Drei Jahre lang trug er sich mit dieser Idee, in den verschiedensten Arten tauchte sie in ihm auf. Schließlich wurde es bei ihm zur festen Überzeugung, daß seine Seele erst dann, wenn er sein Verbrechen eingestanden haben würde, Heilung und auf immer Ruhe finden werde. Trotz dieser Überzeugung aber empfand er in seiner Seele einen Schrecken bei der Frage, wie das Geständnis auszuführen sei? Da ereignete sich zufällig meine Duellgeschichte. „Dank Ihrem Beispiel,“ sagte er, „habe ich mich jetzt dazu entschlossen.“
Ich blickte ihn an.
„Ist es möglich?“ sagte ich fast erschrocken und schlug die Hände zusammen, „dieser geringe Vorfall hätte Sie zu solch einem Entschluß gebracht?“
„Meinen Entschluß trage ich bereits seit drei Jahren mit mir herum,“ antwortete er mir. „Ihre Tat hat ihm den letzten Anstoß gegeben. Angesichts Ihres Beispiels habe ich mir schon bittere Vorwürfe gemacht, ich habe Sie beneidet,“ sagte er zu mir, und seine Stimme klang hart.
„Man wird Ihnen nicht glauben,“ bemerkte ich, „vierzehn Jahre sind seitdem vergangen.“
„Ich habe Beweise, schlagende Beweise. Ich werde sie vorweisen.“
Ich brach in Tränen aus und küßte ihn.
„Über eines entscheiden Sie nur, über eines!“ rief er (ganz als ob jetzt alles nur von mir abhing): „Meine Frau, meine Kinder! Meine Frau stirbt vielleicht vor Kummer, und die Kinder, wenn sie auch den Adel und das Vermögen nicht verlieren, so bleiben sie doch auf ewig die Kinder eines gestempelten Sträflings. Und das Andenken, welch ein Andenken hinterlasse ich in ihren Herzen?“
Ich schwieg.
„Und sich von ihnen trennen, sie auf immer verlassen? Auf immer, auf immer!“
Ich saß da und wußte keine Antwort. Ich murmelte nur ein Gebet vor mich hin.
„Was sagen Sie?“ Er sah mich fragend an.
„Gehen Sie,“ antwortete ich, „und sagen Sie es den Leuten. Alles vergeht, nur die Wahrheit allein bleibt bestehen. Ihre Kinder werden heranwachsen und begreifen, wieviel Hochherzigkeit in Ihrem großen Entschlusse gelegen hat.“
Er verließ mich damals, scheinbar ganz entschlossen. Aber länger als zwei Wochen kam er dann wieder jeden Abend zu mir, und immer noch konnte er sich nicht dazu entschließen. Das ermüdete mein Herz. Eines Abends aber kam er und sagte:
„Ich weiß –, daß für mich sofort das Paradies anbrechen wird, sobald ich es gestanden habe. Vierzehn Jahre habe ich in der Hölle gelebt. Ich will das enden. Ich will das Leiden jetzt freiwillig auf mich nehmen und anfangen zu leben. Mit der Unwahrheit kommt man wohl bis ans Ende der Welt, eine Rückkehr gibt es aber nicht mehr. Jetzt wage ich weder meinen Nächsten, noch selbst meine Kinder zu lieben. Mein Gott, vielleicht werden die Kinder einmal begreifen, was mich dieses Leid gekostet hat, und mich nicht verurteilen! Gott ist nicht in der Macht, sondern in der Wahrheit.“
„Alle werden Ihre Tat begreifen,“ sagte ich zu ihm, „wenn nicht sofort, so doch später, denn Sie haben dann der Wahrheit gedient, der höheren Wahrheit, nicht der irdischen...“
Und wieder ging er fort, als ob er sich darüber beruhigt hätte, und doch kam er am nächsten Tage bleich und erbittert wieder und sagte spöttisch:
„Jedesmal, wenn ich zu Ihnen komme, sehen Sie mich fragend an: ‚Also wieder nicht?‘ Warten Sie, verachten Sie mich nicht zu sehr. Nicht so leicht ist es, wie es Ihnen scheint. Ich werde es vielleicht überhaupt nicht tun. Sie werden mich doch nicht anzeigen, wie?“
Ich aber, oh, nicht, daß ich gewagt hätte, ihn fragend anzusehen, – ich wagte überhaupt nicht, ihn anzusehen! Ich war bis zur Erschöpfung gequält, und meine Seele war voller Tränen. Die Nächte verbrachte ich schlaflos.
„Ich komme soeben,“ fuhr er fort, „von meiner Frau. Begreifen Sie das, was einem eine Frau ist? Als ich fortging, riefen die Kinder mir nach: ‚Adieu, Papa, komme bald wieder, wir wollen dann zusammen unsere Kinderbücher lesen.‘ Nein, das verstehen Sie nicht! Fremdes Leid macht nicht gescheit.“
Seine Augen blitzten, seine Lippen zitterten. Plötzlich schlug er mit der Faust auf den Tisch, daß alle Sachen darauf klirrten, – diese Heftigkeit sah ich an ihm zum erstenmal.
„Ja, ist es denn nötig?“ schrie er auf, „ist es denn nötig? Niemand ist doch meinetwegen verurteilt worden, niemand meinetwegen in die Zwangsarbeit verschickt worden! Der Diener starb an einer Krankheit. Für das vergossene Blut aber bin ich durch meine eigenen Marter und Qualen übergenug gestraft worden. Und man wird es mir ja überhaupt nicht glauben, trotz aller Beweise! Ist es denn nötig, daß ich es tue, ist es denn nötig? Für das vergossene Blut bin ich bereit, mich mein ganzes Leben lang zu quälen, wenn ich nur meine Frau und meine Kinder nicht vernichte. Ist es denn gerecht, sie zu zerschmettern? Irren wir uns da nicht? Wo ist denn da die Wahrheit? Und werden die Menschen diese Wahrheit verstehen und anerkennen, sie schätzen und ehren?“
„Großer Gott!“ dachte ich bei mir, „an die Achtung der Menschen denkt er in solch einer Minute!“ So leid tat er mir damals, daß ich wohl sein Los hätte teilen mögen, um es ihm zu erleichtern. Ich sah, daß er wie rasend war, und ich erschrak, als ich nicht nur mit dem Verstande allein begriff, sondern auch mit ganzer Seele fühlte, was solch ein Entschluß kostet.
„Entscheiden Sie über mein Geschick!“ sagte er plötzlich zu mir.
„Gehen Sie hin und gestehen Sie,“ flüsterte ich ihm zu. Meine Stimme versagte mir fast, doch flüsterte ich es ihm mit Bestimmtheit zu. Ich nahm vom Tisch das Evangelium in russischer Übersetzung und zeigte ihm Johannes, Kapitel XII, Vers 24: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn in die Erde fällt und nicht stirbt, so bleibt es allein, stirbt es aber, so bringt es viele Früchte.“ Diesen Vers hatte ich kurz vor seinem Eintritt gelesen.
Er las ihn: „Das ist wahr,“ sagte er, aber er lächelte bitter. „Ja,“ sagte er, nachdem er lange geschwiegen hatte, „es ist unheimlich, was man in diesem Buche findet. Es ist aber leicht, diese Sprüche anderen vorzulesen. Und wer hat das geschrieben, doch nicht etwa Menschen?“
„Der Heilige Geist,“ sagte ich.
„Sie haben gut reden,“ sagte er und lächelte haßerfüllt. Ich nahm wieder das Buch, schlug es an einer anderen Stelle auf und zeigte ihm Ebräer, Kapitel X, Vers 31. Er las:
„Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“
Er las es und schleuderte das Buch von sich. Er zitterte am ganzen Körper.
„Ein schrecklicher Vers,“ sagte er. „Wahrlich, Sie haben ihn gut ausgesucht!“ Er erhob sich vom Stuhl: „Nun,“ sagte er, „leben Sie wohl, vielleicht werde ich nicht mehr zu Ihnen kommen – im Paradiese werden wir uns wiedersehen. Schon vierzehn Jahre sind es also, daß ich in die Hände des lebendigen Gottes gefallen bin, das kann ich wahrlich von diesen vierzehn Jahren sagen! Morgen werde ich diese Hände bitten, daß sie mich freigeben.“
Ich wollte ihn umarmen und küssen, aber ich wagte es nicht, so verzerrt war sein Gesicht; es wurde mir schwer, ihn anzusehen. Er ging hinaus. „Mein Gott,“ dachte ich, „wohin geht dieser Mensch!“ Ich warf mich auf die Knie hin vor das Muttergottesbild und betete. Es verging wohl eine halbe Stunde, als ich mich endlich mit Tränen in den Augen vom Gebet erhob; es war schon spät abends, gegen Mitternacht. Plötzlich sah ich, wie die Tür sich wieder öffnete und er eintrat. Ich war erstaunt.
„Wo sind Sie gewesen?“ fragte ich ihn.
„Ich,“ sagte er, „... ich habe, glaube ich, etwas vergessen... mein Taschentuch, glaube ich. Nun, und wenn ich auch nichts vergessen habe, erlauben Sie mir, mich zu setzen...“
Er setzte sich. Ich stand vor ihm. „Setzen Sie sich gleichfalls.“ Ich setzte mich. So saßen wir etwa drei Minuten, er sah mich starr fixierend an, und plötzlich lächelte er, stand auf, umarmte mich und küßte mich.
„Behalte es im Gedächtnis,“ sagte er, „wie ich zum zweitenmal zu dir gekommen bin. Hörst du, behalte es!“
Zum erstenmal nannte er mich du. Er ging fort. „Morgen,“ dachte ich.
Und so war es auch. Ich aber wußte an jenem Abend nicht, daß er den Tag darauf seinen Geburtstag feierte. In der letzten Zeit war ich gar nicht ausgegangen und hatte es von niemandem erfahren können. An diesem Tage pflegte sich die ganze Stadt bei ihm zu versammeln. Auch dieses Mal gab es eine große Gesellschaft. Und siehe, nach dem großen Festessen, stellte er sich in die Mitte des Zimmers, in den Händen hält er ein Papier – die formelle Anzeige an die Obrigkeit. Da aber alle hohen Gerichtspersonen bei ihm versammelt waren, so las er den Bericht den Anwesenden laut vor, – die ganze Beschreibung seines Verbrechens bis in alle Einzelheiten! „Als einen Auswurf des Menschengeschlechts scheide ich mich selbst aus der Mitte der Menschen, Gott hat mich heimgesucht,“ – damit schloß er seine Anschuldigung. – „Ich will dafür leiden.“ Darauf breitete er die gestohlenen Gegenstände auf dem Tisch aus, die Beweise seines Verbrechens, die er vierzehn Jahre lang bei sich aufbewahrt hatte. Die Goldsachen der Erschlagenen, mit denen er den Verdacht von sich abgelenkt hatte, das Medaillon und das Kreuz, die er ihr vom Halse genommen – im Medaillon das Bild ihres Verlobten; ferner ihr Notizbuch und zwei Briefe: der Brief ihres Verlobten an sie, mit der Nachricht seiner baldigen Rückkehr, und ein Brief von ihr, den sie angefangen, aber nicht beendigt hatte, und der auf dem Schreibtisch liegen geblieben war, um am nächsten Tage abgesandt zu werden. Beide Briefe hatte er an sich genommen – weshalb? Und weshalb hatte er sie vierzehn Jahre lang aufbewahrt, statt sie als Beweisstücke zu vernichten? Und was geschah darauf? Alle gerieten in Verwunderung und in Schrecken, und niemand wollte es glauben, obgleich sie ihm alle mit großer Aufmerksamkeit und Neugier zugehört hatten, wenn auch mehr wie einem Kranken. Nach einigen Tagen wurde denn auch von allen behauptet, daß der unglückliche Mensch seinen Verstand verloren habe. Die Obrigkeit und das Gericht mußten die Sache, ob sie wollten oder nicht, aufnehmen, aber auch sie zögerten: denn obwohl die vorgewiesenen Sachen und die Briefe zu denken gaben, kam man doch zu dem Schluß, daß, wenn die Dokumente sich auch als richtig erweisen sollten, man ihn schließlich nicht nur auf Grund dieser Dokumente verurteilen konnte. Denn die Sachen hätte er ebensogut als ihr Bekannter und Vertrauensmann von ihr erhalten können. Übrigens hörte ich später, daß die Sachen von vielen Bekannten und Verwandten der Ermordeten erkannt worden wären. Aber wieder war es auch dieses Mal der Sache nicht bestimmt, zu einem Abschluß zu kommen. – Fünf Tage nachher erfuhren wir alle, daß er erkrankt war, und man meinte allgemein, es sei ein Herzleiden; auch wurde bekannt, daß seine Frau alle Doktoren zusammenberufen hatte, damit sie ihn auf seinen Geisteszustand hin untersuchten. Deren Urteil aber lautete – Geistesstörung. Ich sagte niemandem etwas von dem, was ich wußte, obgleich man mich über ihn ausfragen wollte; als ich ihn aber zu besuchen wünschte, da überhäufte man mich mit Vorwürfen, besonders seine Gemahlin tat es: „Sie sind es, der ihn so erschüttert hat, wenn er auch schon früher immer finster war, so ist doch allen seine ungewöhnliche Erregung, sein sonderbares Benehmen in jüngster Zeit aufgefallen. Sie haben ihn ins Verderben gestürzt, haben ihn beeinflußt, er hat den ganzen Monat nur bei Ihnen gesessen.“ Und nicht nur seine Frau, nein, alle in der Stadt stürzten sich auf mich und beschuldigten mich. „Das alles haben Sie getan.“ Ich schwieg, und in meinem Herzen freute ich mich; ich erkannte die Gnade Gottes gegen ihn, der sich aus eigener Kraft aufgerichtet hatte. An eine Geistesstörung glaubte ich selbstverständlich nicht. Schließlich ließ man mich zu ihm: er hatte darauf bestanden – um sich von mir zu verabschieden. Ich trat zu ihm ins Zimmer und bemerkte sofort, daß nicht nur seine Tage, sondern seine Stunden gezählt waren. Er war schwach, gelb, und seine Hände zitterten; er atmete schwer, doch sein Blick war freudig und gerührt.
„Es ist vollbracht! lange schon habe ich mich danach gesehnt mit dir zu sprechen, warum kamst du nicht?“
Ich sagte ihm nicht, daß man mich nicht vorgelassen hatte.
„Gott erbarmt sich meiner und ruft mich zu sich. Ich weiß, daß ich sterbe, aber Freude und Friede fühle ich jetzt nach so viel Jahren zum erstenmal in meinem Herzen. Sofort erschloß sich in meiner Seele das Paradies, sobald ich’s nur ausgeführt hatte! Jetzt wage ich wieder, meine Kinder zu lieben und zu liebkosen. Man glaubt mir nicht, weder meine Frau noch meine Richter. Meine Kinder werden mir niemals glauben. Darin sehe ich Gottes Gnade zu meinen Kindern. Ich sterbe und mein Name bleibt für sie unbefleckt. Und ich fühle schon im voraus den ewigen Gott, und mein Herz freut sich wie im Paradiese... Ich habe meine Schuldigkeit getan...“
Er konnte nicht weiter sprechen, er atmete schwer, heiß drückte er mir die Hand, und mit glänzenden Augen sah er mich an. Doch lange konnten wir nicht zusammen bleiben; seine Frau kam immer wieder ins Zimmer, um nach uns zu sehen. Doch konnte er mir noch zuflüstern:
„Erinnerst du dich, wie ich das letztemal zu dir kam, um Mitternacht? Ich befahl dir, das zu behalten. Weißt du, warum ich wieder bei dir eintrat? Ich wollte dich erschlagen!“
Ich schrak zusammen.
„Ich kam – damals – von dir. In der Dunkelheit wanderte ich durch die Straßen und kämpfte mit mir. Und plötzlich haßte ich dich so sehr, daß mein Herz es kaum ertragen konnte. ‚Jetzt,‘ dachte ich, ‚ist er der einzige, der es weiß und mein Richter ist, und jetzt kann ich gar nicht mehr meiner Strafe entgehen.‘ Nicht, daß ich fürchtete, du würdest mich verraten, daran habe ich mit keinem Gedanken gedacht, aber ich sagte mir: ‚Wie werde ich ihm noch in die Augen sehen können, wenn ich es nicht morgen tue?‘ Und wenn du auch am Ende der Welt wärest, es wäre mir einerlei, so lebtest du doch, und der Gedanke, daß du lebst und alles weißt und mich verurteilst, dieser Gedanke wäre mir unerträglich gewesen. Ich haßte dich, als wärest du der Grund zu allem, und als wärest du an allem schuld. Ich kehrte damals zu dir zurück, denn ich wußte, auf deinem Tisch lag dein Dolch. Ich setzte mich und bat dich, dich gleichfalls zu setzen, und ich überlegte es mir noch eine Minute lang. Wenn ich dich aber getötet hätte, so wäre ich dieses Mordes wegen zugrunde gegangen, selbst wenn ich von meinem früheren Verbrechen nichts gesagt hätte. Doch daran dachte ich nicht und wollte ich auch in dieser Minute nicht denken. Ich haßte dich und wollte mich für alles an dir rächen. Aber Gott besiegte den Teufel in meinem Herzen. Wisse aber, daß du dem Tode nie näher gewesen bist.“
Nach einer Woche starb er. Seinem Sarge folgte die ganze Stadt. Der Oberpriester hielt eine gefühlvolle Rede. Nach seinem Tode aber wandte sich die ganze Stadt gegen mich, man trieb es sogar so weit, daß man mich nicht mehr empfing. Einige wiederum, und zuerst waren es eben nur einige, später aber wurden es mehr und mehr, fingen an, seinen Aussagen zu glauben; sie kamen zu mir und fragten mich mit großer Neugier und Freude: der Mensch freut sich doch so über den Fall des Gerechten und dessen Schande. Ich aber schwieg und verließ bald darauf die Stadt. Nach fünf Monaten fand mich Gott für würdig, den einzigen festen und wunderbaren Weg zu betreten, und ich segnete den Fingerzeig, der mich auf diesen Weg gewiesen hatte. Doch seiner gedenke ich fortwährend, und ich schließe ihn bis auf den heutigen Tag in meine Gebete ein.
III — Aus den Gesprächen und Predigten des Staretz Sossima
e) Einiges über den russischen Mönch und seine Bedeutung
Meine Väter und Lehrer, was ist ein Mönch? In unseren Tagen wird das Wort in der aufgeklärten Welt von einigen mit Spott, von anderen sogar als Schimpfwort gebraucht. Und leider, es ist nur zu wahr, es gibt unter den Mönchen viele Müßiggänger, Tagediebe, Wollüstlinge und gewöhnliche Landstreicher. Auf diese weisen die gebildeten weltlichen Leute hin: „Ihr seid Faulenzer und unnütze Glieder der Gesellschaft,“ sagen sie, „ihr lebt von fremder Arbeit und seid schamlose Bettler!“ Indessen gibt es doch so viele unter den Mönchen, die fromm und demütig sind, die die Einsamkeit suchen, und die nach Stille und Gebet verlangt. Auf diese weist man nicht hin, sondern übergeht sie mit Schweigen. Wie sehr aber werden sie sich wundern, wenn ich sage, daß von den Gebeten dieser Demütigen und nach Einsamkeit und Stille sich Sehnenden die Rettung Rußlands ausgehen wird. Denn in Wahrheit werden sie sich in der Stille vorbereitet haben „auf den Tag und die Stunde, auf den Monat und auf das Jahr“. Das Vorbild Christi bewahren sie herrlich und unverfälscht in seiner göttlichen Reinheit und Wahrheit dort in ihrer Einsamkeit auf, so wie es uns von unseren alten Kirchenvätern, Aposteln und Märtyrern überliefert worden ist, und wenn es nötig werden wird, so werden sie es der weltlichen, zusammenstürzenden Wahrheit entgegenstellen. Das ist ein großer Gedanke. Im Osten wird dieses Licht aufgehen.
So denke ich über den Mönch, und sollte das wirklich falsch, sollte das wirklich anmaßend sein? Seht auf die Weltlichen und auf alle, die sich über das Gottesvolk erheben, ist in ihnen nicht die Wahrheit Gottes verloren gegangen? Sie haben die Wissenschaft und in der Wissenschaft nur das, was den Sinnen unterworfen ist. Die geistige Welt, die höhere erhabenere Hälfte des menschlichen Wesens, wird vollständig geleugnet und wird mit einer gewissen Genugtuung und sogar mit Haß ganz und gar abgeschafft. Besonders in letzterer Zeit hat die Welt die Freiheit proklamiert, aber was sehen wir in ihrer Freiheit? Nichts als Sklaverei und Selbstmord! Denn die Welt sagt: „Hast du Bedürfnisse, so befriedige sie, denn du hast dieselben Rechte wie die Reichen und Vornehmen. Fürchte dich nicht, sie zu befriedigen, sondern vermehre und steigere sie noch.“ Das ist die gegenwärtige Lehre der Welt. Darin sieht man jetzt die Freiheit. Und was ergibt sich aus diesem Recht auf die Vergrößerung der Bedürfnisse? Bei den Reichen die Isolierung und der geistige und seelische Selbstmord. Bei den Armen dagegen – Haß und Totschlag, denn die Ansprüche wurden ihnen allerdings gegeben, doch die Mittel zur Befriedigung der Bedürfnisse wurden ihnen nicht angewiesen. Man versichert, daß die Welt sich immer mehr vereinheitlichen und zu einer brüderlichen Gemeinschaft ausbilden werde dadurch, daß die Entfernung jetzt abgekürzt ist und der Gedanke durch die Luft vermittelt wird. Oh, glaubt nicht an diese Einheit der Menschen! Wenn man die Freiheit als Unbeschränktheit und schnelle Befriedigung seiner Wünsche auffaßt, so verdirbt man seine Natur, denn man ruft in sich eine Menge sinnloser und dummer Wünsche und Gewohnheiten hervor, und die alleralbernsten Einfälle. Man lebt nur, um sich gegenseitig zu beneiden, zur Befriedigung der Wollust und des Hochmuts. Diners, Ausfahrten, Equipagen, Auszeichnungen, Sklaven, Diener, Untergebene zu haben, wird zu einem so unumgänglichen Bedürfnis, daß man sogar sein Leben, seine Ehre, seine Menschenliebe opfert, nur um dieses Bedürfnis zu befriedigen, und man nimmt sich womöglich das Leben, wenn man das nicht mehr tun kann. Auch bei denjenigen, die nicht reich sind, sieht man dasselbe. Die Armen aber betäuben ihre unbefriedigten Wünsche und ihren Neid mit Branntwein. Es wird aber noch dahin kommen, daß diese sich, statt an Branntwein, an Blut betrinken werden. Jetzt frage ich euch: Ist denn solch ein Mensch frei? Ich kannte einen „Kämpfer für die Idee“, der mir selbst erzählte, daß er, als man ihm im Gefängnis den Tabak entzog, dermaßen durch diese Entbehrung gequält worden sei, daß er, wenn er gekonnt hätte, hingegangen wäre, um seine Idee „für Tabak“ zu verkaufen. Solch einer also „geht für die Menschheit kämpfen“. Wie weit geht er damit, und wozu ist er fähig? Vielleicht noch zu einer raschen Tat, denn Ausdauer wird er nie haben. Und ist das nicht merkwürdig, wie sie, statt in Freiheit zu kommen, in Sklaverei verfallen, und statt der Bruderliebe und der Einigung der Menschheit zu dienen, geraten sie im Gegenteil nur, wie in meiner Jugend mein geheimnisvoller Gast dies schon behauptete, in Vereinsamung und Isolierung. Daher stirbt in der Welt das Bewußtsein, daß man im Dienste der Menschheit steht, vollständig aus. Der Vorstellung von Brüderlichkeit und innerer Zusammengehörigkeit der Menschen begegnet man in Wahrheit nur mit Spott, denn wie sollen sie von ihren Gewohnheiten lassen? Wohin will so ein Unfreier mit all seinen unzähligen Bedürfnissen, die er sich selbst ausgedacht hat? Nur in die Isolierung führt es ihn! Und was hat er mit dem Ganzen zu schaffen? Erreicht haben sie damit nichts anderes, als daß sie an Besitz wohl reicher, an Freude aber ärmer geworden sind.
Etwas anderes ist es mit der Laufbahn des Mönches. Über den Gehorsam, über Fasten und Gebet lacht man, während gerade in ihnen der Weg zur wirklichen und wahrhaften Freiheit zu finden ist. Ich vernichte in mir die überflüssigen und unnötigen Bedürfnisse, meinen selbstherrlichen und stolzen Willen geißle ich und bezwinge ich durch Gehorsam, und erreiche mit Gottes Hilfe die Freiheit des Geistes und mit ihr die Geistesfreudigkeit! Wer von ihnen wird fähiger sein, einer großen Idee zu dienen – der isolierte Reiche oder der von jeglicher Tyrannei seiner Gewohnheiten und seines Besitzes Befreite? Dem Mönche macht man seine Vereinsamung zum Vorwurf: „Du rettest dich in das Kloster, vergißt aber dabei, brüderlich deinem Mitmenschen zu dienen.“ Sehen wir doch zu, wer mehr Bruderliebe betätigt. Die Isolierung ist nicht bei uns, sondern bei ihnen, nur sehen sie das nicht ein. Von uns aber sind (und das schon von alters her) diejenigen gekommen, die für das Volk gewirkt haben, warum sollte es auch jetzt nicht solche unter uns geben? Unsere demütigen Faster und großen Schweiger werden sich erheben und große Taten vollführen. Vom Volke wird Rußlands Rettung kommen. Das russische Kloster war von jeher mit dem Volke. Wenn das Volk abgesondert lebt, so leben auch wir in der Absonderung. Das Volk glaubt auf unsere Weise, und eine ungläubige Kraft, sei sie noch so aufrichtigen Herzens und genialen Geistes, kann bei uns in Rußland nichts erreichen. Behaltet das. Das Volk, wenn es dem Atheisten begegnet, wird ihn bewältigen und wird sich als einiges rechtgläubiges Rußland gegen ihn aufrichten. Bewahrt das Volk und bewahrt sein Herz, in der Stille erzieht es. Das wäre die Aufgabe unseres Mönches, denn sein Volk ist das Gottträger-Volk.
f) Einiges über Herren und Diener: Kann es zwischen Herr und Diener eine geistige Bruderschaft geben?
Mein Gott, wer kann sagen, daß es im Volke keine Sünde gäbe! Die Flamme der Vernichtung und des Verderbens vergrößert sich sichtbar und stündlich. Auch ins Volk dringt die Isolierung: Wucherer und Freischlucker treten auf, der Händler und Kaufmann will immer mehr geehrt sein, bemüht sich, den Gebildeten zu spielen, ohne Bildung zu besitzen, und vernachlässigt darum mit Absicht die alten Volksbräuche und schämt sich des Glaubens seiner Väter. Er fährt zu Fürsten zum Besuch und ist dabei doch nichts anderes als ein verdorbener Bauer. Das Volk hat sich der Trunksucht ergeben: es ist durch sie wie angefault und kann sich nicht mehr davon losreißen. Wieviel Grausamkeit sehen wir oftmals im Verhalten des Mannes zu seiner Familie, seiner Frau und sogar den Kindern gegenüber: alles das kommt von der Trunksucht. In den Fabriken habe ich neunjährige Kinder gesehen, schwächlich, abgezehrt, gekrümmt und schon verdorben. Stickige Räume, das Getöse der Maschinen und den ganzen Gottestag über Arbeit, häßliche, unanständige Reden und Branntwein, Branntwein! Ist es denn das, was die Seele eines so kleinen Kindes bedarf? Es hat Sonne nötig und Spiele und in allem ein gutes Beispiel und Liebe, wenn auch nur ein Tröpfchen Liebe zu ihm. Auf daß es geschehe, Mönche, auf daß die Quälerei der Kinder aufhöre, erhebt euch schneller und predigt dagegen. Gott wird Rußland retten, denn wenn das Volk auch verdorben ist und sich von der Schande und Sünde nicht losmachen kann, so weiß der Einfache doch, daß Gott seine Sünde verflucht, und daß er schlecht handelt, wenn er sündigt. So daß unser Volk trotz allem unerschütterlich an die Wahrheit glaubt, Gott anbetet und über seine Sünden weint. Nicht so aber ist es bei den Höheren. Die wollen sich nach der Wissenschaft und nach ihrem eigenen Verstande, doch vor allem ohne Christus, hier auf Erden einrichten und behaupten daher, es gäbe kein Verbrechen, es gäbe keine Sünde. Und in ihrer Art haben sie auch recht: wenn es keinen Gott gibt, wie kann es dann ein Verbrechen geben? In Europa erhebt sich schon das Volk gegen die Reichen, und ihre Rädelsführer predigen die Gewalt und das Blutvergießen und behaupten, daß ihr Zorn ein gerechter sei. Doch verflucht sei ihr Zorn, denn er ist grausam, d. h. ohne Barmherzigkeit. Rußland aber wird Gott der Herr erretten, wie er es schon oft errettet hat. Aus dem Volk wird die Rettung kommen, aus seinem Glauben und seiner Demut. Meine Väter und Lehrer, bewahret den Glauben des Volkes, denn er ist kein leerer Traum: mein ganzes Leben lang bin ich von seiner Größe, von seiner herrlichen und aufrichtigen Würde ergriffen gewesen. Ich habe es selbst gesehen und habe gestaunt, ich kann es bezeugen trotz der Finsternis und des ärmlichen und unansehnlichen Aussehens unseres Volkes. Es ist nicht kriechend trotz seiner zwei Jahrhunderte langen Sklaverei, die es unter den Tataren durchgemacht hat. Frei ist sein Äußeres und sein Betragen, frei ist es, ohne einen dabei zu beleidigen. Und nie ist unser Volk rachsüchtig und nie neidisch. „Du bist bedeutend, bist reich, bist klug und talentvoll – möge Gott dich segnen. Ich achte dich, doch wisse, daß auch ich ein Mensch bin. Darin, daß ich dich neidlos achte, darin besteht meine eigene Menschenwürde vor dir.“ In Wahrheit ist es so, denn wenn sie sich auch nicht so auszudrücken verstehen, so handeln sie doch danach, ich selbst habe es gesehen, ich selbst habe es erfahren, und glaubet mir: je ärmer und niedriger unser russischer Mann ist, um so eher ist in ihm diese herrliche Wahrhaftigkeit zu finden. Die Reichen von ihnen, die Wucherer und Schmarotzer, sind auch schon verdorben, und vieles, vieles ist von unserer Unachtsamkeit und Nachlässigkeit gekommen. Aber Gott wird seine Kinder erretten, denn groß ist Rußland in seiner Demut. Ich träume von unserer Zukunft, und schon sehe ich sie emporsteigen. Und es wird so sein, daß unser verderbtester Reicher sich seines Reichtums vor dem Armen schämen wird, und der Arme wird seine Demut verstehen und wird ihm mit Freuden den Vorrang lassen, der ihm zukommt, und seine edle Scham mit Wohlwollen vergelten. Glaubet mir, so wird es enden; darauf geht es hinaus. Die Gleichheit besteht in der menschlichen, geistigen Würde, und das wird man nur bei uns verstehen. Wenn es Brüder gibt, dann wird es auch eine Brüderschaft geben, früher aber werden sie nie miteinander teilen. Das Vorbild Christi bewahren wir, und es wird wieder wie ein kostbares Juwel der ganzen Welt leuchten... Und also geschehe es!
Meine Väter und Lehrer, ich erlebte einmal etwas sehr Rührendes. Auf meiner Wanderschaft traf ich in der Gouvernementsstadt K. meinen früheren Burschen Afanassij, den ich seit der Zeit, ungefähr seit acht Jahren, als wir auseinander gegangen waren, nicht wieder gesehen hatte. Er sah mich zufällig in einem Kaufhause, erkannte mich und stürzte auf mich zu. Mein Gott, wie lief er herbei, und wie freute er sich: „Väterchen, Herr sind Sie denn das wirklich? Täuschen mich nicht meine Augen?“ Er führte mich zu sich. Er hatte schon den Dienst verlassen, war verheiratet und hatte zwei Kinderchen. Er lebte mit seiner Frau von einem kleinen Kramladen, den sie im Kaufhause besaßen. Das Zimmerchen, in das er mich führte, war ärmlich, aber sauber und hell. Er nötigte mich, Platz zu nehmen, stellte den Ssamowar auf, schickte nach seiner Frau, ganz als ob es für ihn ein Feiertag wäre, daß ich zu ihm gekommen war. Er führte mir seine Kinder zu: „Segne sie, Väterchen,“ bat er. – „Kommt es mir einfachem demütigem Menschen denn zu, andere zu segnen,“ antwortete ich ihm, „ich werde zu Gott für sie beten. Auch für dich, Afanassij Pawlowitsch, bete ich; seit jenem Tage bete ich täglich für dich zu Gott, denn durch dich ist alles so gekommen, wie es jetzt ist.“ Und ich erklärte ihm das, so gut ich konnte. Wie war dem Menschen wohl zumute: er konnte immer noch nicht fassen, daß ich, der ich jetzt vor ihm in solch einer Gestalt und Kleidung stand, sein früherer Herr und sein junger Leutnant war. – Er fing sogar zu weinen an. „Warum weinst du,“ fragte ich ihn, „du unvergeßlicher Mensch, freuen sollte sich deine Seele über mich, mein Lieber, denn freudig und hell ist mein Weg.“ Viel sprach er nicht, aber er seufzte und schüttelte wehmütig den Kopf. „Wo ist denn Ihr Reichtum geblieben?“ Ich antwortete ihm: „Habe ihn dem Kloster gegeben, wir leben dort alle in Gemeinschaft.“ Nach dem Tee verabschiedete ich mich von ihnen, und plötzlich brachte er mir fünfzig Kopeken fürs Kloster, und was sehe ich, andere fünfzig Kopeken steckte er mir noch heimlich in die Hand und beeilte sich dabei zu sagen: „Das ist für Sie, den sonderbaren Wanderer, es kommt Ihnen vielleicht zustatten, Väterchen.“ Ich nahm das Geld, verbeugte mich vor ihm und vor seiner Frau und ging erfreut davon. Auf dem Wege dachte ich noch: „Jetzt werden wir beide, er bei sich und ich unterwegs, seufzen und lächeln, in der Freude des Herzens den Kopf wiegen, daran denkend, wie Gott uns zusammengeführt hat.“ Seit der Zeit habe ich ihn nicht wieder gesehen. Ich war sein Herr, er war mein Diener gewesen, nun aber, nachdem wir uns fromm und in Liebe geküßt hatten, hatte sich in uns die große Menschenvereinigung vollzogen. Ich habe viel darüber nachgedacht und jetzt frage ich mich: Ist es denn wirklich so undenkbar, daß diese große Einigung voll Herzenseinfalt sich einmal überall in unserem Rußland vollziehen könnte? Ich glaube daran, daß sie sich vollziehen wird, und daß die Zeit schon vor der Tür steht.
Über die Diener füge ich aber noch folgendes hinzu: Früher in meiner Jugend ärgerte ich mich viel über sie: die Köchin hatte zu heiß angerichtet oder der Bursche die Kleider nicht genügend rein gebürstet. Aber plötzlich leuchtete der Gedanke meines lieben Bruders in mir auf, den ich in meiner Kindheit oftmals von ihm aussprechen gehört hatte: „Bin ich wert, daß ein anderer mich bedient, und habe ich das Recht, ihn wegen seiner Armut und Unwissenheit schlecht zu behandeln?“ Ich war erstaunt damals, wie die allereinfachsten und klarsten Gedanken uns so spät in den Sinn kommen. Ohne Diener kann die Welt nicht auskommen, aber du sollst so handeln, daß dein Diener freier im Geiste ist, als er wäre, wenn er nicht dein Diener sein würde. Und warum soll ich nicht meinem Diener ein Diener sein, und zwar so, daß er fühlt, daß ich es ohne jeglichen Stolz oder Hochmut meinerseits bin – und ohne in ihm Mißtrauen zu erwecken? Warum soll ich zu meinem Diener nicht sein wie zu einem Verwandten, und warum soll ich ihn nicht ganz in meine Familie aufnehmen und mich dessen freuen? Das ist auch jetzt schon ausführbar und würde zur Grundlage der großen zukünftigen Einigung der Menschen dienen, in der der Mensch sich keine Diener suchen und nicht mehr wünschen wird, seinesgleichen sich dienstbar zu machen, wie er jetzt tut, sondern im Gegenteil, aus allen Kräften wünschen wird, allen ein Diener nach dem Evangelium zu werden. Und ist das wirklich nur ein Traum, daß der Mensch schließlich seine Freude in Fortschritten der Erleuchtung und Mildtätigkeit finden wird und nicht an den grausamen Freuden der Üppigkeit, Unzucht, Hoffart, Prahlerei und in der Überhebung des einen über den anderen? Ich glaube fest daran, daß diese Zeit nicht mehr fern ist. Man wird wohl lachend fragen: wann wird denn diese Zeit kommen, und wird sie dann auch diesem Traume ähnlich sein? Ich aber denke, daß wir mit dem Vorbild Christi diese große Tat vollführen werden. Wieviel Ideen gibt es doch auf der Erde und in der Geschichte der Menschheit, die noch vor zehn Jahren undenkbar waren, und die doch plötzlich auftauchten, als für sie die geheimnisvolle Stunde geschlagen hatte, und die sich dann über die ganze Erde verbreiteten. So wird es auch bei uns sein, unser Volk wird die Welt erleuchten, und die ganze Welt wird sagen: „Der Stein, den die Baumeister verwarfen, ist zum Eckstein geworden.“ Und die Spötter sollte man fragen: Wenn das bei uns nur Träume sein sollen, wie werdet ihr dann euer Gebäude nur mit eurem Verstande und ohne Christus aufbauen? An ihre Versicherung, daß auch sie auf ihrem Wege schließlich zur Einigung der Menschheit gelangen werden, glauben in Wahrheit nur die Einfältigsten unter ihnen, und über diese Einfältigkeit kann man sich wirklich nur wundern, denn wahrlich ihre phantastischen Träume bauen sich auf keiner einzigen Tatsache auf. Sie denken alles ohne Christum gerecht aufzubauen, aber sie werden damit enden, daß sie die Welt mit Blut überschwemmen, denn Blut schreit nach Blut, und das Schwert wird nur durch das Schwert vergehen. Und wenn die Verheißung Christi nicht wäre, so würden sie sich auf Erden gegenseitig bis auf die zwei letzten Menschen vertilgen. Auch diese letzten Zwei würden nicht verstehen, sich in ihrem Stolze zu bändigen, so daß der Letzte den Vorletzten vernichten würde und zuletzt sich selbst. So würde es geschehen, wenn die Welt nicht durch die Verheißung Christi um der Frommen und Demütigen willen erhalten bliebe. Damals nach dem Duell, sprach ich, noch in der Offiziersuniform, in der Gesellschaft einmal über diese Frage, und ich erinnere mich, alle waren sie erstaunt über mich: „Was, sollen wir unsere Dienstboten auf das Sofa setzen und ihnen den Tee reichen?“ Ich gab ihnen aber zur Antwort: „Warum denn nicht, und wenn es auch nur ein einziges Mal geschieht?“ Sie lachten darüber. Ihre Frage war leichtsinnig, und meine Antwort war unklar, aber ich denke, etwas Wahres war doch in ihr enthalten.
g) Vom Gebet, von der Liebe und von der Berührung mit anderen Welten
Jüngling, vergiß nicht das Gebet. Jedesmal, wenn dein Gebet aufrichtig ist, taucht eine neue Empfindung in dir auf und mit ihr ein neuer Gedanke, den du früher nicht gekannt hast; er wird dich von neuem stärken, und du wirst begreifen, daß Gebet Erziehung ist. Vergiß auch nicht, jeden Tag und so oft du nur kannst, also zu beten: „Herr, erbarme dich aller, die vor dich hintreten.“ Denn in jeder Stunde und in jedem Augenblick verlassen Tausende von Menschen ihr Leben auf dieser Erde, und ihre Seelen treten vor Gott – und viele von ihnen scheiden einsam von dieser Erde, von niemand gekannt, in Kummer und Trauer, daß sich niemand um sie bekümmert, ja, nicht einmal gewußt hat, ob sie gelebt haben oder nicht. Und siehe, vom anderen Ende der Welt erhebt sich dein Gebet zu dem Herrn und bittet um die Seelenruhe des Verlassenen, obgleich du ihn nicht kanntest und er nicht dich. Wie wird es aber seiner Seele sein, wenn er in dem Augenblick, da er in Furcht vor Gott steht, fühlt, daß auch für ihn jemand betet, und daß auf der Erde ein menschliches Wesen lebt, das auch ihn lieb hat? Ja, und auch Gott wird milde auf euch beide schauen, denn hast selbst du mit ihm Mitleid, um wieviel mehr wird er Mitleid haben, der so unendlich viel mildtätiger und mitleidiger ist als du? Und er wird ihm vielleicht um deinetwillen vergeben. Brüder, vor der Sünde der Menschen schreckt nicht zurück, liebet den Menschen auch in seiner Sünde, denn das ist das Ebenbild der göttlichen Liebe und das Höchste der Liebe. Liebet die ganze Schöpfung Gottes, das ganze All, wie jedes Sandkörnchen. Jedes Blättchen, jeden Strahl Gottes liebet. Liebet die Tiere, liebet jegliches Gewächs und jegliches Ding. Wenn du jedes Ding lieben wirst, so wird sich dir das Geheimnis Gottes in den Dingen offenbaren. Ist dir dies offenbar geworden, so wirst du jeden Tag immer mehr und mehr die Wahrheit erkennen. Und schließlich wirst du die ganze Welt mit allumfassender Liebe umspannen. Liebet die Tiere, denn Gott hat ihnen den Urgrund des Denkens und harmlose Freudigkeit verliehen. Stört sie nicht, quält sie nicht, nehmet ihnen nicht die Freude, handelt dem Gedanken Gottes nicht zuwider. Der Mensch überhebe sich nicht den Tieren gegenüber, sie sind sündlos, du aber, Mensch, mit deiner Größe, du versetzest mit deinem Erscheinen die Erde in Fäulnis und läßt Spuren der Verwesung hinter dir, und leider tut das fast jeder von uns! Besonders liebet aber die Kinder, denn sie sind sündlos wie Engel. Sie leben zu unserer Freude, zur Reinigung unserer Herzen als Hinweis und Beispiel für uns. Wehe dem, der ein Kind kränkt. Mich lehrte der Pater Anfim die Kinder lieben; er ist gut und schweigsam. Auf unserer Wanderschaft kaufte er ihnen für die wenigen Kopeken, die man ihm schenkte, Pfefferkuchen und Zuckerwerk; er konnte an ihnen nicht vorübergehen, ohne daß sein Herz erbebte. So ist der Mensch. Vor gar manchem Gedanken bleibt man im Zweifel befangen stehen, besonders wenn man die Sünden der Menschen sieht, und man fragt sich: „Soll man es mit Gewalt anfassen oder mit demütiger Liebe?“ Entscheide dich immer für „demütige Liebe.“ Wenn du dich ein für allemal dazu entschlossen hast, so wirst du die ganze Welt bezwingen. Die „demütige Liebe“ ist eine furchtbare Kraft; sie ist die allergrößte Kraft, und ihresgleichen gibt es nicht. Jeden Tag, jede Stunde und jede Minute gib acht auf dich, damit dein Antlitz rein sei. Wenn du böse mit einem schlechten Wort und haßerfüllter Seele an einem Kinde vorbeigehst, das du vielleicht nicht einmal beachtet hast, und es sieht dein häßliches und verzerrtes Antlitz – siehe, so prägt es sich in sein schutzloses Herzchen ein. Du weißt es nicht einmal und hast doch Schlechtes in sein Herz gesät, und der schlechte Same wird aufgehen, und das alles nur, weil du in der Gegenwart des Kindes nicht auf dich acht gegeben hast, und weil du keine umsichtige und tatkräftige Liebe in deinem Herzen hegtest. Brüder, die Liebe ist eine große Lehrerin, man muß verstehen, sie zu erwerben; das aber ist sehr schwer – man muß sie teuer erkaufen durch lange andauernde Arbeit, denn nicht zufällig und auf einen Augenblick muß man lieben, sondern fortwährend und ewig. Zufällig kann jeder lieben, sogar der Bösewicht kann zufällig lieben. Mein Bruder bat die Vöglein um Verzeihung. Das scheint einem sinnlos, und doch tat er recht, denn alles ist wie ein Ozean, alles fließt und berührt sich. An einem Ende der Welt verursachst du eine Bewegung, und am anderen Ende der Welt hallt sie wider. Mag es sinnlos sein, die Vöglein um Verzeihung zu bitten, doch den Vögeln, den Kindern, ja, allen Tieren wäre es leichter in deiner Nähe, wenn du selbst besser und begeisterter wärest, und wenn auch nur um ein wenig mehr als sonst. Alles ist wie ein Ozean, sage ich euch. Wärest du besser, so würdest du auch zu den Vöglein beten, in Begeisterung und Verzückung, gequält von deiner allumfassenden Liebe, und du würdest bitten, daß sie dir deine Sünde verzeihen. Halte fest deine Begeisterung, wie sinnlos sie den Menschen auch scheine.
Meine Freunde, bittet Gott um Fröhlichkeit, seid fröhlich wie die Kinder, wie die Vögel des Himmels. Und die Sünde der Menschen soll euch nicht bekümmern in eurer Tätigkeit, und fürchtet euch nicht, daß sie euch an der Vollendung eurer Tat hindern könnte, saget nicht: „Stark ist die Sünde, stark ist die Ehrlosigkeit, stark ist die schlechte Umgebung, wir stehen allein und sind machtlos, die schlechten Einflüsse werden uns verderben und uns an der Vollendung unseres guten Werkes hindern.“ Laßt solch eine Verzagtheit fern von euch sein, meine Kinder! Dafür gibt es nur eine Rettung. Mache dich selbst für die Sünden der Menschen verantwortlich. Ja, mein Freund, es ist in Wahrheit so, wenn du dich nur aufrichtig für alle und alles verantwortlich machst, so wirst du auch einsehen, daß es in der Tat so ist, daß du allen gegenüber für alle schuldig bist. Wenn du aber deine Faulheit und deine Ohnmacht den Menschen zur Last legst, so wirst du in satanischen Hochmut verfallen und wider Gott murren. Vom satanischen Hochmut denke ich folgendes: Es ist schwer, ihn hier auf Erden immer zu erkennen, darum können wir ihm so leicht verfallen, selbst wenn wir meinen, groß und gut zu handeln. Ja, viele der stärksten Regungen und Gefühle unserer Natur können wir, solange wir auf Erden sind, nicht durchschauen und erkennen, aber lasse dich nicht verführen zu denken, daß das zu deiner Rechtfertigung dienen könnte, denn der ewige Richter fragt dich nicht nach dem, was du nicht erreichen, sondern nach dem, was du erreichen konntest. Du wirst dich noch selbst davon überzeugen, wenn du das berücksichtigst, und du wirst alles richtig erkennen und mit niemandem mehr hadern. Wahrlich wir irren auf der Erde herum, und wenn wir das Vorbild Christi nicht hätten, so würden wir uns gänzlich verirren und schließlich umkommen wie das Menschengeschlecht vor der Sintflut. Vieles auf der Erde ist uns verborgen, dafür ist uns aber das geheimnisvolle Bewußtsein der lebendigen Bande mit einer anderen Welt verliehen, mit einer höheren und erhabeneren Welt, denn unsere Gedanken und Gefühle hier auf Erden wurzeln in anderen Welten. Darum behaupten auch die Philosophen, daß man das Wesen der Dinge hier auf Erden nicht erkennen könne. Gott nahm die Samen, die er auf unsere Erde säte, aus anderen Welten, und es erwuchs ihm sein Garten, und alles ist aufgegangen, was aufgehen konnte, und alles, was wahrhaft lebendig ist, ist nur durch das Bewußtsein der Berührung mit den anderen geheimnisvollen Welten lebendig; wenn sich dieses Gefühl abschwächt, oder wenn es abstirbt, so stirbt auch das Lebendige in dir. Dann wirst du auch dem Leben gegenüber gleichgültig und kannst es sogar hassen. Also denke ich.
h) Kann man Richter über seinesgleichen sein? Vom Glauben bis ans Ende
Vergiß vor allem nicht, daß du niemandes Richter sein kannst. Es kann niemand auf Erden eher ein Richter eines Verbrechers sein, als bis er eingesehen hat, daß er genau solch ein Verbrecher ist wie dieser, der vor ihm steht, und daß er am Verbrechen des vor ihm Stehenden mehr als Alle schuld ist. Wenn er das erkannt hat, dann erst kann er Richter sein. Wie unsinnig das auch scheinen mag, so ist es doch die einzige Wahrheit. Denn wäre ich selbst gerecht, so stünde vielleicht vor mir kein Verbrecher. Vermagst du aber das Verbrechen des vor dir stehenden und des von deinem Herzen verurteilten Verbrechers auf dich zu nehmen, so tue es, ohne zu zögern, und leide für ihn; ihn selbst aber entlasse ohne jegliche Vorwürfe. Und wenn das Gesetz dich selbst zum Richter über ihn bestimmt, so sollst du in diesem Sinne wirken, denn er wird fortgehen und sich viel bitterer noch verurteilen, als das Gericht es vermocht hätte. Geht er aber deiner Güte unempfindlich fort und lacht er über dich, so ärgere dich nicht darüber, denn das bedeutet nur, daß seine Zeit noch nicht gekommen ist. Und sollte sie auch nie für ihn kommen, so ist es gleichgültig. Wenn nicht er, so wird ein anderer erkennen und erleiden und wird sich selbst verurteilen und beschuldigen, und so wird dem Recht Genüge getan werden. Glaube daran, glaube unverbrüchlich daran, denn gerade hierin liegt die ganze Zuversicht und der ganze Glaube der Heiligen.
Wirke unermüdlich. Wenn du in der Nacht aus dem Schlafe erwachst und dir sagen mußt: „Ich habe nicht getan, was ich hätte tun sollen,“ so erhebe dich sofort und tue es. Wenn dich böse und gefühllose Menschen umgeben und über dich lachen und dich nicht hören wollen, so falle vor ihnen nieder und bitte sie um Vergebung, denn du bist in Wahrheit selbst schuld daran, daß sie dich nicht anhören wollen. Wenn du aber mit den Verbitterten nicht mehr reden kannst, so diene ihnen schweigend und in Demut, ohne je deine Hoffnung zu verlieren. Wenn aber alle dich verlassen und mit Gewalt dich von sich stoßen und dich von allem ausschließen, so falle zur Erde nieder und küsse die Erde, netze sie mit deinen Tränen, und die Erde wird aus deinen Tränen Frucht bringen, obgleich dich niemand gesehen noch gehört hat in deiner Einsamkeit. Glaube bis ans Ende, und wenn es auch sein sollte, daß alle sich vom Glauben abwendeten und nur du allein treu bliebest, so bringe auch dann deine Opfer und lobe Gott. Und wenn sich dann noch einer wie du zu dir gesellt – siehe, dann ist bei euch die ganze Welt, die Welt der lebendigen Liebe: umarmt euch beide in Begeisterung und lobet Gott, denn, wäre es auch nur in euch beiden, so hat sich doch die Wahrheit Gottes bewährt.
Wenn du selbst sündigst und zu Tode betrübt bist wegen deiner Sünden, oder wenn du plötzlich in Sünde verfällst, so freue dich über den anderen, über den Gerechten, freue dich, daß, während du sündigtest, er gerecht blieb.
Wenn die Bosheit der Menschen dich bis zum Unmut und unerträglichen Kummer aufreizt, so daß in dir der Wunsch sich erhebt, Rache an den Bösewichtern zu nehmen, so fürchte dich am meisten vor diesem Gefühl, gehe sofort und suche dir Qualen, als wenn du allein an der Bosheit der Menschen schuldig wärest. Nimm die Qualen auf dich und erleide sie, und dein Herz wird sich beruhigen, und du wirst verstehen, daß du selbst schuld hast, denn du hättest als einziger Reiner den Bösewichtern leuchten können, und du hast nicht geleuchtet. Wenn du aber hättest leuchten können, so hättest du mit deinem Licht anderen den Weg erleuchtet, und derjenige, der die böse Tat vollführt hat, hätte sie in deinem Lichte unterlassen. Und selbst, wenn du ihnen geleuchtet hättest, und wenn du siehst, daß du die Menschen mit deinem Licht nicht retten kannst, so verzweifle nicht an der Kraft des himmlischen Lichtes; glaube daran, daß es sie, wenn nicht jetzt, so doch später retten wird. Wenn aber auch sie nicht gerettet werden, so werden es ihre Kinder, denn dein Licht stirbt nicht, wenn auch du schon gestorben bist. Der Gerechte geht dahin, doch sein Licht bleibt. Sie bekehren sich ja immer erst nach dem Tode des Bekehrers. Das Menschengeschlecht erkennt seine Propheten nicht an und läßt sie umkommen, aber seine Märtyrer liebt es und diejenigen, die seinetwegen gepeinigt wurden. Du arbeitest für das Ganze, du schaffst für das Kommende. Lohn suche du nie, denn ohnehin ist dein Lohn hier auf Erden groß: diese Freudigkeit im Geiste erlangt nur der Gerechte. Fürchte nicht den Vornehmen und nicht den Mächtigen, und sei immer ein Weiser und Begeisterter.
Halte Maß und halte die Frist ein und lerne erkennen. Wenn du allein bleibst, so bete. Liebe die Erde und bedecke sie mit deinen Küssen. Küsse die Erde unermüdlich, liebe unersättlich, liebe alle und liebe alles, suche die Begeisterung und die Ekstase der Liebe. Benetze die Erde mit deinen Tränen der Freude und liebe diese deine Tränen. Und halte diese deine Begeisterung hoch, denn sie ist ein großes Geschenk Gottes, das nicht vielen verliehen wird, sondern nur den Auserwählten.
i) Von der Hölle und vom höllischen Feuer — Eine mystische Betrachtung
Meine Väter und Lehrer, was ist die Hölle? Ich denke, sie ist der Schmerz darüber, daß man nicht mehr zu lieben vermag. Nur einmal wird im unendlichen Sein, außerhalb von Zeit und Raum, einem geistigen Wesen mit seinem Erscheinen auf der Erde die Fähigkeit verliehen, sich zu sagen: „Ich bin, und ich liebe.“ Einmal, nur einmal war ihm der Augenblick tätiger, lebendiger Liebe und dazu ein Leben hier auf Erden gegeben worden, und mit ihm Zeit und Gelegenheit. Dieses glückliche Wesen aber wies diese unschätzbare Gabe von sich, schätzte sie nicht, liebte nicht, spottete der Liebe und blieb gefühllos. Nachdem dieses Wesen gefühllos von der Erde geschieden war, schaute es Abrahams Schoß und redete mit Abraham, wie uns das Gleichnis vom Reichen und von Lazarus lehrt, und schaute das Paradies und konnte zum Herrn eingehen. Da fing es den Abgeschiedenen zu quälen an, daß er zum Herrn kommt, ohne geliebt zu haben, und mit denen zusammen treffen muß, die er zu lieben verschmäht hatte. Denn nun sah er klar und sagte zu sich selbst: „Jetzt habe ich die Erkenntnis, aber wie es mich auch dürstet zu lieben, ich kann meine Liebe jetzt doch nicht mehr betätigen, kann ihr kein Opfer mehr bringen, denn mein Erdenleben ist nun zu Ende, und Abraham wird nicht kommen, um auch nur mit einem Tropfen lebendigen Wassers (das wäre die Verleihung des früheren tätigen Erdenlebens) die Flamme meines Liebesdurstes zu kühlen, in der ich jetzt brenne, nachdem ich auf Erden zu lieben verschmäht hatte. Zeit und Leben gibt es jetzt nicht mehr. Froh wäre ich, mein Leben für andere hinzugeben, aber auch das kann ich ja nicht mehr, denn vorüber ist dieses Leben, das ich der Liebe hätte zum Opfer bringen können, und jetzt liegt ein Abgrund zwischen jenem Leben und diesem Sein.“ Man spricht vom Höllenfeuer im materiellen Sinne; ich will dieses Mysterium nicht erforschen und fürchte mich davor, aber wenn es wirklich eine materielle Flamme geben sollte, so könnte man sich in Wahrheit darüber freuen, denn ich denke daß eine physische Qual doch auf einen Augenblick die viel schrecklichere geistige Qual vergessen macht. Und die Menschen von dieser seelischen Qual zu erlösen, das ist unmöglich, denn es ist keine äußere, sondern eine innere Qual. Und wenn es möglich wäre, sie ihnen zu nehmen, so, denke ich, würden sie nur noch bitterer leiden. Denn wenn die Gerechten aus dem Paradiese beim Anblick ihrer Qualen ihnen auch verzeihen und sie in ihrer unendlichen Liebe zu sich nehmen würden, so würden sie damit ihre Qualen nur vergrößern und die Flamme ihres Durstes nach tätiger Liebe, die ihnen nicht mehr möglich ist, nur noch anfachen. In der Schüchternheit meines Herzens denke ich indessen, daß gerade das Bewußtsein dieser Unmöglichkeit ihnen schließlich zur Erleichterung dienen müßte, denn indem sie die Liebe der Gerechten, ohne sie erwidern zu können, annehmen müssen, werden sie in ihrer Demut und Ergebung ein Abbild der tätigen Liebe, die sie auf der Erde verschmäht haben, oder eine ihr ähnliche Betätigung finden... Ich bedaure es, meine Brüder und Freunde, daß ich mich darüber nicht klarer auszudrücken vermag, aber wehe denen, die auf Erden sich selbst vernichteten, wehe den Selbstmördern! Ich denke, unglücklicher als diese kann keiner mehr werden. Uns wird verboten, für sie zu beten, und die Kirche wendet sich öffentlich von ihnen ab. Ich aber denke im Geheimen meiner Seele, daß man auch für sie beten kann. Um der Liebe willen wird Christus nicht zürnen. Für diese habe ich innerlich mein ganzes Leben lang gebetet, das vertraue ich euch an, meine Väter und Lehrer, und noch jetzt bete ich für sie jeden Tag.
Oh, in der Hölle gibt es auch solche, die stolz und grausam gelebt haben, trotz ihrer Erkenntnis der ganzen Wahrheit; sie sind furchtbar, die sich ganz und gar und auf immer dem Satan ergeben haben, und seinem stolzen Geiste. Für diese ist die Hölle etwas Freiwilliges und Unersättliches; sie sind aus eigenem freien Willen Märtyrer, und sie verfluchen sich selbst, indem sie Gott und das Leben verfluchen. Sie nähren sich von ihrem böswilligen Hochmut, wie ein Verhungernder in der Wüste sein Blut aus dem eigenen Körper aussaugt. Sie sind unersättlich bis in alle Ewigkeit. Sie weisen die Vergebung Gottes zurück und fluchen Gott, der sie ruft. Den lebendigen Gott können sie nicht ohne Haß erkennen, und sie verlangen, daß man das Leben Gottes vernichte, daß Gott sich selbst und seine ganze Schöpfung vernichte. Und sie werden ewig im Feuer ihres Zornes schmachten und nach Tod und Nichtsein verlangen. Doch nie wird der Tod ihnen Erlösung bringen.
Hier endigt die Handschrift Alexei Fedorowitsch Karamasoffs. Ich wiederhole, daß sie nicht vollständig, sondern nur bruchstückartig ist. Die lebensgeschichtlichen Nachrichten umfassen nur die erste Jugend des Staretz. Seine Bekenntnisse und Meinungen sind wohl zu einem Ganzen zusammengestellt, doch sind sie zu ganz verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Anlässen ausgesprochen worden. Alles, was der Staretz in seinen letzten Stunden geredet hat, ist nicht Wort für Wort wiedergegeben. Man erhält nur einen Begriff von Geist und Art seiner Unterhaltung, der sich aus dem Zusammenhange mit seinen früheren Gesprächen, die in der Handschrift Alexei Fedorowitschs angegeben sind, ganz von selbst ergibt. Der Tod des Staretz kam in der Tat ganz unerwartet. Wenn auch alle, die an jenem Abend versammelt waren, wußten, daß sein Tod nahe war, so hatten sie doch keineswegs erwartet, daß er so plötzlich eintreten werde. Im Gegenteil, seine Freunde waren, wie ich schon vorhin bemerkte, überzeugt, da sie ihn in dieser Nacht so munter und gesprächig sahen, daß sein Gesundheitszustand sich gebessert habe, und wäre es auf kurze Zeit. Wie sie später mit Verwunderung berichteten, hatten sie noch fünf Minuten vorher sein nahes Ende nicht geahnt. Doch plötzlich fühlte er, sagten sie, einen starken Schmerz in der Brust: er erbleichte und preßte seine Hand aufs Herz. Alle erhoben sich von ihren Plätzen und drängten sich zu ihm heran; er aber, obgleich er litt, sah sie noch alle mit einem Lächeln an, ließ sich vom Sessel auf den Fußboden gleiten und kniete nieder; darauf beugte er sein Haupt bis auf die Erde, breitete die Arme aus, und als hätte er in freudiger Begeisterung die Erde geküßt und dazu gebetet, wie er selbst gelehrt hatte, so ging sein Geist ruhig und freudig in die Ewigkeit ein. Die Nachricht von seinem Tode verbreitete sich sofort in der Einsiedelei und gelangte auch ins Kloster. Diejenigen, die ihm am nächsten gestanden, und diejenigen, denen es ihrem Range nach zukam, kleideten die Leiche nach altem Brauch. Die ganze Brüderschaft versammelte sich darauf in der Hauptkirche. Und schon vor Tagesanbruch hatte sich das Gerücht vom Tode des Staretz auch in der Stadt verbreitet. Schon am Morgen sprach die ganze Stadt vom Ereignis, und eine Menge Menschen strömte hin zum Kloster. Aber davon will ich im nächsten Buche erzählen, jetzt jedoch möchte ich nur im voraus erwähnen, daß noch nicht ein Tag vergangen war, als sich etwas ganz Unerwartetes ereignete, etwas, das im Kloster wie in der Stadt einen so sonderbaren Eindruck hinterließ, daß man selbst jetzt noch, nach so vielen Jahren, in unserem Städtchen eine außerordentlich lebhafte Erinnerung an diesen für viele so aufregenden Tag bewahrt.