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Sämtliche Werke 9–10

by Fyodor Dostoyevsky

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Zehntes Buch — Die Knaben

I — Koljä Krassotkin

Anfang November. Die Kälte war bei uns schon auf elf Grad gestiegen, und dazu kam noch Glatteis. Auf die gefrorene Erde war nachts etwas trockener Schnee gefallen, und nun fegte ihn ein kalter, scharfer Wind durch die langweiligen Straßen des Städtchens und besonders über den Marktplatz in unermüdlichen Stößen vor sich her. Der Morgen ist bewölkt, doch der Schneefall hat schon aufgehört.

Nicht weit vom Marktplatz, in der Nähe der Plotnikoffschen Kolonialwarenhandlung, steht das kleine, von außen wie von innen sehr saubere Haus der Witwe des verstorbenen Beamten Krassotkin. Der Gouvernementssekretär Krassotkin war schon vor langer Zeit gestorben, vor etwa vierzehn Jahren; seine Witwe aber, ein etwa dreißigjähriges und noch immer sehr nettes appetitliches Frauchen, lebte in ihrem schmucken Häuschen „vom eigenen Kapital“. Sie lebte sittsam und bescheiden und hatte einen zärtlichen, sanften, im allgemeinen recht heiteren Charakter. Sie war bereits mit achtzehn Jahren Witwe geworden, nachdem sie mit ihrem Mann nur ein Jahr lang zusammengelebt und ihm kurz vor seinem Tode einen Sohn geboren hatte. Seit der Zeit, seit dem Tode ihres Mannes, widmete sie sich ganz der Erziehung dieses ihres einzigen Söhnchens Koljä, und wenn sie ihn auch alle diese vierzehn Jahre geradezu abgöttisch liebte, so machte sie mit ihm, versteht sich, weit mehr Leiden durch, als er ihr Freuden bereitete, da sie jeden Tag für ihn zitterte und fast verging vor Angst, er könnte sich erkalten, erkranken, sich beim Spielen Schaden tun, auf einen Stuhl klettern und herunterfallen usw. usw. Als aber Koljä die Vorschule und späterhin unser Progymnasium zu besuchen begann, da fing sie an, alle Wissenschaften zu studieren, um ihm beim Lernen helfen und mit ihm die Aufgaben durchnehmen zu können. Sie suchte mit seinen Lehrern und deren Frauen bekannt zu werden, lud sie zum Kaffee ein, sie verwöhnte und hätschelte sogar seine Schulkameraden, damit sie ihren Koljä nicht anrührten, nicht verspotteten, oder gar – Gott behüte! – verprügelten. Sie brachte es so weit, daß die Knaben schließlich über ihn lachten und ihn als „das Muttersöhnchen“ neckten. Koljä aber verstand es, sich zu verteidigen. Er war ein mutiger Junge und „furchtbar stark“, wie das Gerücht zu melden wußte, das sich bald in der Klasse verbreitete, war gewandt, charakterfest, kühn und unternehmungslustig. Er lernte gut, und es hieß sogar unter den Kameraden, daß er in der Arithmetik und allgemeinen Geschichte selbst dem Lehrer, Herrn Dardaneloff, ein Bein stellen könne. Wenn nun der Junge auch etwas „von oben herab“ war und das Nasenspitzchen oft gehörig emporreckte, so war er doch ein guter Kamerad, der sich nie überhob. Die Achtung der Mitschüler nahm er übrigens als etwas Selbstverständliches hin. Die Hauptsache war, daß er Maß hielt, daß er sich bei Gelegenheit selbst zurückzuhalten verstand, und daß er in seinem Verhalten zu den Lehrern niemals die letzte, sehr bemerkbare Grenze überschritt, über die hinaus die Streiche nicht mehr verziehen werden können, da sie dann bereits zu „Unordnung, Rebellion und Verletzung der Vorschriften“ führen. Und doch war er nichts weniger als abgeneigt, bei jeder sich bietenden Gelegenheit wie der ausgelassenste Schulbub ausgelassen zu sein, oder vielmehr nicht so sehr ausgelassen zu sein, als etwas Besonderes anzustiften, einen ganz besonders tollen Streich zu spielen, „Extrafurore“ zu machen, sich einen „Schick“ zu geben, kurz, sich irgendwie auffallend auszuzeichnen. Vor allem war er sehr ehrgeizig. Sogar seine Mama verstand er in ein untergeordnetes Verhältnis zu sich zu bringen, ja, er beherrschte sie fast despotisch. Sie hatte sich ihm widerspruchslos untergeordnet, oh, schon lange war er der Herr im Hause! Nur den einen Gedanken konnte sie nicht ertragen: daß ihr Junge sie „wenig liebe“. Es schien ihr immer, daß ihr Koljä „nichts für sie fühle“, und so kam es denn vor, daß sie, in Tränen aufgelöst, ihm wegen seiner Kälte zu ihr Vorwürfe machte. So etwas liebte der Junge äußerst wenig, und je mehr Herzensergüsse man von ihm verlangte, um so zurückhaltender wurde er. Das geschah aber von ihm nicht absichtlich, wie es schien, sondern ganz unwillkürlich, – so war nun einmal sein Charakter. Doch die Mutter täuschte sich: er liebte seine Mama sogar sehr, nur liebte er keine „Kälberzärtlichkeiten“, wie er sich in seinem Schülerjargon ausdrückte. Sein Vater hatte viele Bücher hinterlassen, die von der Mutter in einem großen Schrank aufbewahrt wurden. Koljä machte sich bald daran, diese Bücher zu lesen. Die Mama beunruhigte das weiter nicht; sie wunderte sich vorläufig nur über ihren Jungen, wie der so ganze Stunden lang am Bücherschrank stehen und lesen konnte. Daher hatte denn Koljä in kurzer Zeit schon manches gelesen, was er in so jungen Jahren gar nicht zu wissen gebraucht hätte.

In der letzten Zeit aber hatte er ein paar Streiche gespielt, die die Mama ernstlich beunruhigten. Es waren das nicht irgendwelche sittlich bedenkliche, bösartige Stückchen, sondern wahrhaft tollkühne, halsbrecherische Wagnisse gewesen. Die Mama hatte nämlich Ende Juli, in der Ferienzeit, mit ihrem Jungen eine Verwandte besucht, deren Mann auf der nächsten Eisenbahnstation, siebzig Werst von unserem Städtchen, angestellt war. (Es war das dieselbe Eisenbahnstation, von der einen Monat darauf Iwan Fedorowitsch Karamasoff nach Moskau reiste.) Das erste, was Koljä bei seinen Verwandten tat, war, daß er sich genau die Lokomotiven besah, sich mit der Maschine gut bekannt machte, alle Räder untersuchte usw., denn er sagte sich, daß er mit diesen Kenntnissen seinen Mitschülern imponieren werde. Es fanden sich noch ein paar andere Knaben dazu, mit denen er sich anfreundete; die einen von ihnen wohnten daselbst auf der Station, die anderen in der Nachbarschaft, – im ganzen hatten sich sechs oder sieben Jungen im Alter zwischen zwölf und fünfzehn Jahren zusammengetan, darunter zwei Gymnasiasten aus unserer Stadt. Diese Jungen spielten und tollten zusammen, und siehe da, am vierten oder fünften Tage des Besuchs – Frau Krassotkin und Koljä waren nur auf etwa eine Woche hingefahren – kam es unter ihnen zu einer ganz unglaublichen Wette um zwei Rubel: und zwar handelte es sich um folgendes:

Koljä, der Jüngste unter ihnen, und daher von den anderen etwas herablassend Behandelte, hatte aus knabenhaftem Ehrgeiz oder aus unverzeihlicher Tollkühnheit vorgeschlagen, nachts, wenn der Elfuhrzug käme, so lange zwischen den Schienen zu liegen, bis der Eilzug über ihn hinweggegangen wäre. Allerdings waren verschiedene Versuche gemacht worden, die ergeben hatten, daß man sehr wohl so zwischen den Schienen liegen und sich an den Boden drücken konnte, ohne vom Zug berührt zu werden, der dann in der größten Geschwindigkeit über einen hinwegsausen werde. Trotzdem jedoch – besten Dank für das Liegen! Koljä aber behauptete steif und fest, daß er sich hinlegen und liegen bleiben werde. Er wurde zuerst ausgelacht, ein Prahlhänschen, ein Aufschneider genannt, und durch diese Neckereien nur noch mehr zu seinem Vorhaben gereizt. Das Entscheidendste dabei war, daß diese Fünfzehnjährigen schon gar zu wichtig vor ihm taten und ihn zuerst als „Kleinen“ überhaupt nicht in ihre „Clique“ hatten aufnehmen wollen, was ihm denn doch zu sehr „an die Ehre“ ging. Und so ward beschlossen, am Abend aufzubrechen und ungefähr auf eine Werst längs dem Eisenbahndamm weiterzugehen, um dann bis elf den Zug, der dort von der Station aus bereits in Gang gekommen sein würde, zu erwarten. Der Abend kam, man versammelte sich und machte sich auf den Weg. Die Nacht brach an: es war eine mondlose, nicht nur dunkle, sondern fast pechschwarze Nacht. Kurz vor elf legte Koljä sich zwischen den Schienen hin. Die übrigen fünf, die die Wette eingegangen waren, warteten zuerst mit beklommenem Herzen, zuletzt aber in Angst und Reue unten am Bahndamm im Gebüsch. Endlich, – ein Pfiff und fernes Rollen zeigten an, daß der Schnellzug die Station verließ. Da tauchten auch schon in der Nacht zwei feurige Augen auf und fauchend raste das Ungetüm heran. „Lauf Koljä! Lauf fort!“ schrien fünf angsterstickte Stimmen aus dem Gebüsch. Es war aber schon zu spät: der Zug war schon da und sauste vorüber. Die Jungen stürzten den Damm hinauf zu Koljä: er lag regungslos zwischen den Schienen. Man rüttelte ihn, rief ihn an, und versuchte ihn schließlich aufzuheben. Da stand er plötzlich von selbst auf und ging schweigend den Bahndamm hinab. Unten angelangt, erklärte er, daß er absichtlich unbeweglich liegen geblieben sei, um ihnen Angst zu machen. Doch war das nicht ganz wahrheitsgetreu: er hatte tatsächlich die Besinnung verloren, wie er später, nach langer Zeit, seiner Mama gestand. So hatte er sich denn den Ruhm, ein „Tollkühner“ zu sein, für alle Zeiten erworben. Er kehrte nur sehr bleich zur Station zurück und erkrankte am Tage darauf an einem leichten Nervenfieber, doch war er bald wieder ungemein lebhaft, lustig und zufrieden. Der Streich wurde nicht gleich bekannt; erst als er wieder zurückgekehrt war und wieder in die Schule ging, verbreitete sich die tolle Geschichte, dank den beiden Gymnasiasten, die dabei gewesen waren, unter den Schülern unseres Progymnasiums, bis sie schließlich auch der Schulobrigkeit zu Ohren kam. Da aber stürzte Koljäs Mama hin zu den Direktoren, um für ihren Sohn Verzeihung zu erflehen, und erreichte denn auch, daß der sehr geachtete und einflußreiche Lehrer Dardaneloff für ihren Jungen eintrat und ihn verteidigte, und daß man die Sache zu guter Letzt auf sich beruhen ließ, als wäre überhaupt nichts geschehen. Dieser Dardaneloff, ein unverheirateter und noch nicht alter Mann, war nämlich schon seit etlichen Jahren glühend in Frau Krassotkin verliebt und hatte ihr auch schon einmal, vor etwa einem Jahr, in der ehrerbietigsten Weise und halb vergehend vor Angst und Verlegenheit einen Heiratsantrag gemacht; sie aber hatte ihn ohne weiteres abgewiesen, da sie eine Wiederverheiratung als einen Verrat an ihrem Sohne empfunden hätte. Trotzdem hatte Dardaneloff vielleicht doch das Recht, nach gewissen Anzeichen zu schließen, daß er der hübschen Dame nicht unsympathisch war. Der tolle Streich Koljäs schien nun das Eis gebrochen zu haben, und ihm war für seine freundliche Verwendung eine leise Andeutung, daß er hoffen könne, zuteil geworden, freilich nur eine sehr entfernte. Da aber Dardaneloff, was Rücksichtnahme und Zartgefühl betraf, ein wahres Phänomen war, so genügte das vollkommen, um ihn unendlich glücklich zu machen. Den Knaben liebte er sehr, nur hielt er es für erniedrigend, sich bei ihm einzuschmeicheln, daher verhielt er sich zu ihm in der Klasse stets streng und anspruchsvoll. Und auch Koljä „hielt ihn sich in respektvoller Entfernung“. Er bereitete sich zu den Stunden ausgezeichnet vor, behauptete sich in der Klasse als zweiter Schüler, war im Umgang mit ihm etwas trocken, und die ganze Klasse glaubte, daß er in der allgemeinen Geschichte Dardaneloff sogar schlagen könne. Und tatsächlich hatte Koljä ihm einmal die Frage gestellt: Wer hat Troja gegründet? – worauf der Lehrer nur „im allgemeinen“ geantwortet hatte, von den Bewegungen der verschiedenen Völker, von ihren Wanderungen und Niederlassungen und Übersiedlungen, von der Tiefe der Zeiten, von den Mythen und Dichtungen gesprochen: doch auf die Frage, wer, d. h. welche Personen Troja gegründet hatten, darauf konnte er nicht antworten, und im übrigen fand er die Frage müßig. Die Knaben waren überzeugt, daß Dardaneloff einfach nicht wußte, wer Troja gegründet hatte. Koljä aber hatte im Ssmaragdoff, der sich gleichfalls im Bücherschrank des Vaters fand, alles Nähere über die Gründung Trojas nachgelesen. Schließlich interessierte es alle Knaben, wer nun der eigentliche Gründer Trojas war, Koljä Krassotkin aber deckte sein Geheimnis nicht auf, und so genoß er denn allein den Ruhm des Wissens.

Da kam nun dieser Eisenbahnstreich dazwischen, und Koljäs Verhalten zur Mutter erfuhr eine Veränderung. Als Anna Fedorowna (so hieß Frau Krassotkin) von der „Heldentat“ ihres Sohnes erfuhr, fiel sie beinahe in Ohnmacht vor Angst, obgleich doch keinerlei Gefahr mehr vorhanden war. Sie bekam die heftigsten nervösen Anfälle, die mit Unterbrechungen mehrere Tage lang andauerten, so daß Koljä ernstlich erschrak und ihr sein heiliges Ehrenwort gab, nie mehr ähnliche Tollkühnheiten zu begehen. Er schwur es ihr auf den Knien vor dem Heiligenbilde, schwur es beim Andenken seines Vaters, wie es seine Mama verlangte, wobei der „männliche, erwachsene“ Koljä wie ein sechsjähriger Knabe vor lauter „Gefühl“ weinte, und Mutter und Sohn sich in den Armen lagen und bis zum Abend schluchzten. Am nächsten Morgen war Koljä ebenso „gefühllos“, wie früher, nur wurde er von da an schweigsamer, bescheidener, strenger und nachdenklicher. Das hinderte freilich nicht, daß er nach anderthalb Monaten wieder einen Streich spielte, durch den sein Name sogar unserem Friedensrichter bekannt wurde. Doch davon später. Die Mutter fuhr fort zu zittern und sich zu quälen, und Dardaneloff schöpfte, im Verhältnis wie ihre Angst wuchs, immer mehr Hoffnung.

Ich muß noch bemerken, daß Koljä in dieser Hinsicht seinen Lehrer sehr gut verstand und sogar ganz durchschaute und ihn, versteht sich, wegen dieser seiner „Gefühlsduseleien“ tief verachtete. Früher hatte er einmal die Unzartheit gehabt, diese Verachtung seiner Mama zu verstehen zu geben, und er hatte außerdem noch angedeutet, daß er sehr wohl wisse, welche Absichten Dardaneloff hege. Aber nach jenen schrecklichen nervösen Anfällen der Mutter änderte er sich auch in dieser Beziehung. Er erlaubte sich hinfort keine einzige Anspielung mehr und äußerte sich über Dardaneloff der Mutter gegenüber stets sehr achtungsvoll, was die feinfühlige Anna Fedorowna sofort mit grenzenloser Dankbarkeit in ihrem Herzen empfand, – dafür aber selbst bei der leisesten Erwähnung Dardaneloffs, etwa im Gespräch mit einem unbefangenen Gast, wenn Koljä dabei war, wie eine Rose erglühte. Koljä dagegen schaute dann mit krauser Stirn zum Fenster hinaus, oder er betrachtete umständlich und äußerst interessiert seine Stiefelspitzen, oder er rief barsch seinen „Pereswonn“ heran, ein langhaariges, zottiges und häßliches Hundevieh, das er vor einem Monat irgendwo „aufgegabelt“ und nach Haus „bugsiert“ hatte, nun im Hause wie ein großes Geheimnis hütete und keinem einzigen seiner Kameraden zeigte. Er tyrannisierte den armen Köter ganz entsetzlich, drillte ihn unermüdlich, bis er ihm alle möglichen Künste „eingefuchst“ hatte, und brachte es schließlich so weit, daß der arme Hund jedesmal heulte, wenn er in die Schule ging, und wenn er wieder zurückkehrte, vor Freude „rappeldoll“ wurde, winselte, sich auf den Rücken warf, alle Stückchen vormachte und wie besessen an ihm hinaufsprang – und das alles nicht auf Befehl, sondern aus bloßem Überschwang seiner Begeisterung und seines dankbaren Hundeherzens.

Ich habe übrigens zu erwähnen vergessen, daß Koljä Krassotkin derselbe Knabe war, der von Iljuscha, dem Sohn des verabschiedeten Hauptmanns Ssnegireff, in der Schule mit dem Federmesser in den Oberschenkel gestochen worden war, als die Schüler jenen, seines Vaters wegen, „Bastwisch“ geneckt hatten.

II — Die Gören

Also an jenem frostigen Novembersonntagmorgen, an dem der scharfe Winterwind den trockenen Schnee durch die Straßen fegte, saß Koljä Krassotkin ganz allein zu Hause. Es hatte schon elf geschlagen, und er mußte in einer „äußerst wichtigen und positiv unaufschiebbaren Angelegenheit ausgehen“ – und da sah er sich nun gezwungen, als einziger Beschützer zu Hause zu sitzen, denn es hatte sich so gemacht, daß alle älteren Bewohner des Hauses wegen eines sehr sonderbaren und gewiß höchst seltenen Vorfalles fortgegangen waren. Im Hause der Frau Krassotkin wohnte nämlich in der zweiten, kleinen Wohnung, die nur aus zwei Wohnzimmern bestand und von der Wohnung Frau Krassotkins durch einen Korridor getrennt war, die Frau eines Doktors mit ihren zwei kleinen Kindern zur Miete. Diese Doktorsfrau war mit Anna Fedorowna in gleichem Alter und hatte sich herzlich mit ihr angefreundet; der Doktor aber war schon vor etwa einem Jahr verreist, zuerst nach Orenburg und dann nach Taschkent, und hatte nun seit einem halben Jahre nichts mehr von sich hören lassen, so daß seine Frau sich blind geweint hätte, wenn nicht die Freundschaft mit Anna Fedorowna ihr Trost und Stütze gewesen wäre. Nun, und da mußte es denn zur Krönung aller Schicksalsschläge noch geschehen, daß Katerina, die einzige Magd der „Doktorin“, in der letzten Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag ihrer Herrin zu deren Verblüffung mitteilte, daß sie aller Wahrscheinlichkeit nach am nächsten Morgen niederkommen werde. Wie es möglich gewesen war, daß niemand früher etwas davon gemerkt hatte, blieb allen ein Rätsel. Die erschrockene, arme Frau überlegte sich die schwierige Sache und beschloß darauf, ihre Magd, solange es noch Zeit war, zur Hebamme in eine für solche Fälle eingerichtete Anstalt zu bringen. Da sie mit ihrer Magd sehr zufrieden war und diese um keinen Preis verlieren wollte, so führte sie ihren Vorsatz auch unverzüglich aus und blieb außerdem noch vorläufig bei ihr. Darauf, am Sonntagmorgen, wurde auch Frau Krassotkin um ihre gütige Fürsprache und Protektion gebeten, da sie in diesem Falle bei gewissen Personen irgend etwas erbitten konnte. So kam es denn, daß beide Damen nicht zu Hause waren, und da auch Frau Krassotkins Magd, Agafja, auf den Markt gegangen war, mußte Koljä zeitweilig als Beschützer und Wächter der kleinen „Knirpse“ zu Hause bleiben. Diese „Knirpse“ waren die beiden Gören der Frau Doktor, ein Knabe und ein Mädel. Das Haus zu bewachen, fürchtete sich Koljä nicht, und zudem war ja noch Pereswonn bei ihm, der aber auf Befehl seines Herrn im Vorzimmer unter der Bank „tot“ liegen mußte, und der gerade deswegen jedesmal, wenn Koljä auf der „Runde durch die Zimmer“ an ihm vorüberkam, mit bittendem Blick ihn ansah und zweimal mit der Rute kräftig auf den Fußboden schlug. Leider aber hörte er noch immer nicht den rufenden Pfiff des Herrn. Koljä warf nur einen drohenden Blick auf den armen Köter, und sofort stellte sich dieser gehorsam wieder „tot“. Dafür aber waren es die beiden Gören, die sogenannten „Knirpse“, die ihn beunruhigten. Auf den Vorfall mit Katerina blickte er selbstverständlich mit der tiefsten Verachtung herab, die verwaisten „Knirpse“ dagegen liebte er sehr. Er hatte ihnen ein Kinderbuch zur Zerstreuung gebracht, denn Nastjä, das ältere, achtjährige Mädchen, konnte schon lesen, und der jüngere „Knirps“, der siebenjährige Kostjä, hörte „furchtbar gern“ zu, wenn Nastjä ihm vorlas. Koljä Krassotkin hätte sie nun allerdings noch viel unterhaltsamer zerstreuen können, zum Beispiel mit Pferdchen-oder Soldaten-oder Versteckspielen. Das war früher auch schon mehr als einmal geschehen, so daß sich das Gerücht, Krassotkin spiele zu Hause mit den Kindern der Mieterin Pferdchen, und ahme im Springen, Galoppieren und Kopfneigen kunstvoll die Allüren des Deichselpferdes der Troika nach, sogar in der Schule verbreitet hatte. Krassotkin aber war gelungen, sich voll Stolz zu verteidigen, indem er den Mitschülern seinen Standpunkt klarlegte: mit Altersgenossen, d. h. also mit Dreizehnjährigen, wäre es seiner Meinung nach allerdings eine Schmach, „in unserem Jahrhundert“ noch Pferdchen zu spielen, er aber tue es nur für die „kleinen Knirpse“, da er sie sehr gern habe, und im übrigen habe niemand das Recht, von ihm über seine Gefühle Rechenschaft zu fordern. Dafür wurde er denn auch von den beiden Kleinen geradezu vergöttert. Diesmal aber war ihm nicht nach Spielchen zu Sinn. Er war mit einer äußerst wichtigen persönlichen Angelegenheit beschäftigt: ihm stand, wie es schien, etwas fast Geheimnisvolles bevor. Inzwischen aber verging die Zeit, und Agafja, mit der die Gören sehr gut allein hätten bleiben können, wollte immer noch nicht vom Markt zurückkehren. Er war schon mehrmals über den Flur gegangen und hatte die Tür zur Wohnung der Frau Doktor geöffnet und besorgt die Kleinen betrachtet, die auf seinen Befehl artig vor dem Kinderbuch saßen und ihm jedesmal, wenn er die Tür aufmachte, mit ganzem Mund entgegen lächelten, in der Erwartung, daß er diesmal ganz sicherlich eintreten und Ihnen etwas Schönes und Lustiges vormachen werde. Koljä aber war sichtlich mit anderem beschäftigt und kam nicht herein. Da schlug es elf, und er beschloß endgültig, auf diese „verdammte Agafja“ nicht mehr länger als zehn Minuten zu warten, wenn sie aber selbst dann noch nicht gekommen wäre, einfach fortzugehen, – versteht sich, wenn ihm die „Knirpse“ vorher das Wort gegeben hatten, daß sie ohne ihn nicht Angst bekommen, nicht unartig sein und nicht weinen würden. Mit diesen Gedanken zog er seinen kleinen wattierten Wintermantel mit dem Kottikkragen an, hing sein Büchertäschchen über die Schulter und ging, trotz der wiederholten Bitten seiner Mama, „bei dieser Kälte nicht ohne Galoschen auszugehen,“ in bloßen Stiefeln und nur mit einem verächtlichen Blick auf seine Galoschen, zur Tür hinaus. Als Pereswonn ihn nach dem Mantel greifen sah, fing er sofort an, stärker mit der Rute auf den Boden zu schlagen, reckte nervös den Hals immer wieder wie suchend ihm entgegen und machte bereits quiekende Versuche zu einem klagenden Geheul. Koljä aber beschloß, als er diese Erregung seines Köters bemerkte, den gegebenen Befehl noch nicht aufzuheben, „da man ihn an Disziplin gewöhnen muß“, und erst als er die Flurtür öffnete, pfiff er. Pereswonn fuhr auf wie toll und sprang geradezu außer sich vor Freude zu seinem jungen Tyrannen. Koljä schritt über den Flur und öffnete die Tür zu den Knirpsen. Die saßen wie früher am Tischchen, lasen aber nicht mehr, sondern stritten sich. Diese beiden Kinder stritten häufig miteinander über verschiedene ungelöste Lebensprobleme, nur war es immer Nastjä, das ältere Mädchen, die den Sieg davon trug; dafür ging denn Kostjä jedesmal, wenn er mit ihr nicht übereinstimmen konnte, zu Koljä Krassotkin, um an ihn als an die letzte Instanz zu appellieren, und wie der dann entschied, so blieb es auch, da er für beide Teile absolute Autorität war. Diesmal schien ihm der Streit der „Knirpse“ etwas interessanter, und so blieb er an der Tür noch ein Weilchen stehen, um der Debatte zuzuhören. Die Kinder hatten natürlich sofort bemerkt, daß er wieder eingetreten war, und so setzten sie ihren Streit noch lebhafter fort.

„Niemals, niemals werde ich glauben, daß die Ammen die kleinen Kinder im Gemüsegarten zwischen den Kohlbeeten finden,“ beteuerte Nastjä, ganz Feuer und Flamme. „Jetzt ist doch schon Winter, und Kohlbeete gibt es überhaupt nicht mehr, wo soll nun die Amme das Töchterchen für Katerina hernehmen?“

„Da haben wir’s!“ dachte Koljä bei sich.

„Oder sieh, es kann doch auch so sein: die Ammen finden sie irgendwo, bringen sie aber nur denen, die verheiratet sind.“

Klein Kostjä blickte das Schwesterchen aufmerksam an, hörte tiefsinnig zu und überlegte.

„Wie dumm du bist, Nastjä,“ sagte er schließlich überzeugt, ohne sich aber dabei aufzuregen, „was kann denn Katerina für ein Kind haben, wenn sie keinen Mann hat?“

Nastjä fuhr sofort auf:

„Ach, du verstehst mich nicht,“ sagte sie gereizt, „vielleicht hat sie einen Mann gehabt, nur sitzt er jetzt im Gefängnis, und da hat sie nun ein Kind bekommen.“

„Ja, aber hat sie denn einen Mann im Gefängnis?“ erkundigte sich wichtig der positive Kostjä.

„Oder nein,“ unterbrach ihn Nastjä ungestüm, indem sie ihre erste Hypothese völlig vergaß, „einen Mann hat sie nicht, da hast du recht, sie will aber gern einen Mann haben, und da hat sie angefangen zu denken, wie sie einen Mann bekommen würde, und hat immer daran gedacht, so lange daran gedacht, bis sie nun nicht einen Mann, dafür aber ein Kindchen bekommen hat.“

„Nun, das ist was anderes,“ meinte Kostjä bekehrt, „du hast das aber früher nicht gesagt, wie sollte ich es da wissen!“

„Hört mal, ihr Gören,“ unterbrach Koljä Krassotkin eintretend die Unterhaltung, „ihr seid ja, wie ich sehe, gefährliches Gewächs.“

„Und auch Pereswonn ist mit Ihnen gekommen?“ erkundigte sich selig lächelnd klein Kostjä und bemühte sich, mit seinen kleinen Fingern wie Erwachsene zu schnippen, um auf diese Weise Pereswonn heranzulocken.

„Also hört mal, ich habe ein ernstes Wort mit euch zu reden,“ hub Krassotkin gewichtig an. „Ihr könntet mir nämlich einen großen Gefallen erweisen. Agafja hat sich natürlich ein Bein gebrochen, das steht fest, sonst wüßte ich wirklich nicht, warum sie sich dermaßen verspätet. Ich aber muß in einer äußerst wichtigen Angelegenheit ausgehen, ich kann die Sache unmöglich noch weiter hinausschieben. Werdet ihr mich nun gehen lassen oder nicht?“

Die Kinder blickten sich gegenseitig besorgt an, ihre lächelnden Gesichter verwandelten sich in unruhig fragende. Übrigens begriffen sie noch nicht ganz, was man von ihnen verlangte.

„Werdet ihr nicht unartig sein in meiner Abwesenheit? Nicht auf den Schrank klettern und euch die Beine brechen? Nicht Angst bekommen und losweinen, wenn ihr allein seid?“

In den Gesichtern der Kinder drückte sich tiefes Herzeleid aus.

„Ich könnte euch dafür ein nettes Dingelchen zeigen, eine kleine messingne Kanone, aus der man mit wirklichem Pulver schießen kann.“

Die Gesichter der Kinder erhellten sich augenblicklich.

„Zei – eigen Sie uns bitte das Kanonchen,“ bat selig klein Kostjä.

Koljä Krassotkin fuhr mit der Hand in seine Büchertasche, entnahm ihr eine kleine bronzefarbene Kanone und stellte sie auf den Tisch.

„Das glaub ich, zei – ei – eigen Sie! Seht, sie rollt auf Rädern“ – er rollte die Kanone über den Tisch – „und auch schießen kann man aus ihr. Mit Schrot laden und schießen.“

„U – und schießt sie auch tot?“

„Alle schießt sie tot, nur muß man vorher zielen.“

Und Krassotkin erklärte ihnen, wohin man das Pulver schütten, wohin man das Schrotkorn stecken mußte; er zeigte ihnen ein kleines Loch, das sogenannte Zündloch, wo man das Pulver anzündete, und erzählte darauf, daß die Lafette nach dem Schuß zurückweiche. Die Kinder hörten mit runden Augen und fabelhaftem Interesse zu. Am meisten frappierte sie, wie es wohl kam, daß die Lafette nach dem Schuß zurückrollte.

„Aber haben Sie auch Pulver?“ erkundigte sich Nastjä.

„Versteht sich.“

„Oh, dann zeigen Sie uns, bitte, auch das Pulver,“ bat Nastjä gedehnt mit einschmeichelndem Kinderlächeln.

Koljä Krassotkin fuhr wieder mit der Hand in die Büchertasche und entnahm ihr eine kleine Flasche, in der tatsächlich etwas „wirkliches“ Schießpulver war. In einer kleinen Papierdüte hatte er noch ein paar Schrotkörner. Er schüttete sich sogar etwas von dem Schießpulver auf die Handfläche.

„Seht, nur darf hier kein Feuer in der Nähe sein, sonst entzündet es sich und sprengt uns alle in die Luft,“ warnte Koljä und erreichte damit einen noch größeren Effekt.

Die Kinder betrachteten das Pulver geradezu mit andächtiger Furcht, die das Vergnügen natürlich noch erhöhte. Klein Kostjä interessierte sich besonders für das Schrot.

„Schrot aber brennt nicht?“ erkundigte er sich.

„Nein, Schrot brennt nicht.“

„Schenken Sie mir etwas Schrot,“ bat er mit zärtlich-schüchterner Stimme.

„Meinetwegen, Schrot kannst du ein wenig bekommen, da nimm, nur zeige es deiner Mama nicht früher, als bis ich wieder zurückgekommen bin, sonst denkt sie, daß es Pulver sei und fällt in Ohnmacht vor Schreck oder gibt euch Ruten.“

„Mama schlägt uns niemals mit Ruten,“ bemerkte sofort Nastjä.

„Ich weiß, ich sagte es auch nur so. Eure Mama aber sollt ihr niemals betrügen, nur dieses eine Mal... wie gesagt, nur bis ich wiederkomme. Also, kann ich nun fortgehen? Werdet ihr nicht ohne mich Angst bekommen? Werdet ihr nicht weinen, wenn ich euch allein lasse?“

„Doch, wir wer – den wo – o – ohl wei – nen,“ kam es langsam und klagend aus klein Kostjä heraus, dessen Gesicht bereits Anstalten machte, sich zum Weinen zu verziehen.

„Ja, wir werden bestimmt weinen, bestimmt!“ beteuerte auch Nastjä etwas ängstlich.

„Ach, Kinder, Kinder, wie gefährlich sind doch eure Jahre!... Nun, nichts zu machen, ihr Küchel, man wird, weiß Gott wie lange, bei euch sitzen müssen. Zeit aber, Zeit habe ich keinen Augenblick zu verlieren!“

„A – ber werden Sie auch Pereswonn wie tot liegen lassen?“ fragte klein Kostjä halb bittend, halb neugierig.

„Ja, was ist zu machen, man wird Pereswonn vorführen müssen. Ici, Pereswonn!“

Und Koljä begann zu befehlen und ließ den Hund alle Stückchen vormachen, die er konnte. Pereswonn war ein zottiger, mittelgroßer Hofköter, dessen Fell in ganz absonderlichen graulila Farben schimmerte. Er war einäugig, das rechte Auge fehlte ihm, und das linke Ohr war eingeschnitten, so daß es zwei Spitzen hatte. Er winselte und sprang herum, ging auf den Hinterfüßen, saß, warf sich auf den Rücken, alle vier Pfoten in die Luft und lag in dieser Stellung regungslos, „wie tot“. Gerade während dieser letzten Kunstleistung öffnete sich die Tür, und Agafja, Frau Krassotkins Küchenmagd, trat mit dem überladenen Marktkorb am Arm ins Zimmer. Es war das ein vierzigjähriges, pockennarbiges Frauenzimmer. Sie blieb auf der Schwelle stehen und betrachtete den Hund. Koljä unterbrach übrigens seine Vorstellung nicht eher, wie sehnsüchtig er Agafja auch erwartet hatte, als bis Pereswonn die festgesetzte Zeit auf dem Rücken gelegen hatte: dann erst pfiff er ihm. Der Hund sprang sofort wie außer sich auf und bellte und wußte sich nicht zu lassen vor Freude darüber, daß er seine Pflicht erfüllt hatte.

„Sieh mal einer an, was das für’n Hund is!“ meinte Agafja wohlwollend.

„Warum aber bist denn du Vertreterin des Weiblichen so spät zurückgekommen?“ fragte Koljä streng.

„Vertreterin des Weiblichen, – da hör doch einer man bloß! So’n kleiner Pilz, so’n Naseweis!“

„Naseweis?“

„Was denn sonst? Was geht’s denn deine Nase an, ob ich zu spät oder zu früh komme? Wenn ich zu spät komme, dann komme ich nun eben zu spät, dann heißt dies, daß es so richtig ist, daß ich zu spät komme, dann habe ich eben zu spät kommen müssen,“ brummte Agafja, die sich am Ofen zu tun machte, doch war sie weder böse noch unzufrieden, sondern im Gegenteil, sogar sehr zufrieden, als hätte es sie gefreut, mit dem kleinen Herrensohn mal ein bissel knurren zu können.

„Hör mal, leichtsinniges Frauenzimmer,“ begann Krassotkin, sich von seinem Platz erhebend, „kannst du mir schwören bei allem, was es Heiliges hier in dieser Welt gibt und außerdem womöglich bei noch etwas, daß du während meiner Abwesenheit die beiden Gören nicht aus dem Auge lassen wirst? Ich muß ausgehen.“

„Warum soll ich dir denn schwören?“ fragte Agafja gutgelaunt. „Ich werd schon sowieso auf die Knirpse aufpassen.“

„Nein, du mußt es mir bei deiner Seelen Seligkeit schwören. Sonst gehe ich nicht fort.“

„Dann nicht. Was geht’s mich an? Sitz zu Hause, wenn du willst. Draußen ist es auch schon kalt.“

„Hört mal, ihr Knirpse,“ wandte sich Koljä an die Kleinen, „Agafja wird bei euch bleiben, bis ich zurückkehre, oder bis eure Mama wiederkommt, denn auch für sie wäre es Zeit. Außerdem wird Agafja euch etwas zu essen geben. Das wirst du doch, Agafja?“

„Schon möglich.“

„Dann also auf Wiedersehen, ihr beide, ich verlasse euch mit ruhigem Herzen. Du aber, Alte,“ sagte er halblaut und mit männlichem Ernst, als er an Agafja vorüberging, „du wirst ihnen, hoffe ich, nicht wieder eure üblichen Weiberdummheiten über die Katerina vorlügen, mußt doch ihr junges Alter berücksichtigen. – Ici, Pereswonn!“

„Nu, Gott mit dir,“ brummte Agafja, diesmal aber etwas ärgerlich. „Da sieh einer an, so’n Wicht! Müßte selber noch was überkriegen für solche Worte.“

III — Die Schüler

Koljä hörte sie nicht mehr. Endlich also konnte er gehen, Gott sei Dank! Als er hinaustrat, warf er einen spähenden Blick ringsum, zuckte einmal vor Kälte mit den Schultern, dachte: „Hm, scharfer Frost!“ und schritt die Straße entlang bis zur nächsten Querstraße, in die er rechts einbog, um auf den Marktplatz zu gelangen. Als er am letzten Hause vor dem Platz angelangt war, blieb er an der Hofpforte stehen, zog eine kleine Pfeife aus der Tasche und pfiff aus Leibeskräften, als wolle er ein verabredetes Zeichen geben. Er brauchte nicht lange zu warten: im Augenblick öffnete sich das Hinterpförtchen, und ein rotwangiger, etwa elfjähriger Junge schlüpfte geschwind auf die Straße. Er war gleichfalls in ein warmes, sauberes, elegantes Mäntelchen gekleidet. Das war der kleine Ssmuroff, ein Schüler der Vorbereitungsklasse, während Koljä Krassotkin schon in der Sexta saß, der Sohn eines wohlhabenden Beamten, dem die Eltern allem Anscheine nach verboten hatten, mit dem „tollkühnen“ Krassotkin zu verkehren. Diesmal war er denn auch offenbar heimlich davongeschlichen. Dieser Knabe war derselbe, der, wie der Leser sich vielleicht noch erinnern wird, zusammen mit anderen Schülern vor etwa zwei Monaten mit Steinen nach Iljuscha geworfen und darauf Alexei Karamasoff noch einiges über den ausgestoßenen Jungen jenseits des Grabens erzählt hatte.

„Ich habe dich jetzt genau eine Stunde lang erwartet, Krassotkin,“ sagte mit strenger Miene der kleine Ssmuroff, während sie beide dem Marktplatze zuschritten.

„Ich habe mich verspätet,“ antwortete Krassotkin würdevoll. „Es gibt Umstände. Wird man dich nicht durchbläuen, wenn man erfährt, daß du mit mir gehst?“

„Ach, so hör doch auf, als ob ich noch durchgebläut würde! Kommt auch Pereswonn mit?“

„Ja, auch Pereswonn.“

„Und du wirst ihn auch dorthin mitnehmen?“

„Ja, auch dorthin.“

„Ach, wenn’s doch Shutschka wäre!“

„Das ist unmöglich. Shutschka gibt es nicht mehr. Shutschka ist in der Finsternis des Unbekannten verschwunden.“

„Ach, aber ginge es nicht so...“ – der kleine Ssmuroff blieb unter dem Eindruck des Gedankens mitten auf der Straße stehen – „Iljuscha sagt doch, daß Shutschka auch so zottig und grau gewesen sei, – könnte man da nicht sagen, daß Pereswonn jener selbe Shutschka sei, vielleicht wird er es auch glauben?“

„Mein Junge, scheue die Lüge, das wäre Punkt eins; selbst dann, wenn es sich um einen guten Zweck handelt, Punkt zwei. Vor allem aber will ich hoffen, daß du dort nichts von meinem Besuch hast verlauten lassen.“

„Gott behüte, ich verstehe doch, um was es sich dabei handelt. Aber auch mit Pereswonn kann man ihn nicht trösten,“ meinte Ssmuroff seufzend. „Weißt du, sein Vater, der Hauptmann, der sogenannte Bastwisch, sagte uns, daß er ihm heute ein junges Hündchen bringen werde, einen echten kleinen Bullenbeißer mit einem schwarzen Schnäuzchen. Er hofft Iljuscha damit zu trösten, nur weiß ich nicht, ob es ihm gelingen wird.“

„Wie steht es denn mit ihm, mit Iljuscha, meine ich?“

„Ach, schlecht, sehr schlecht! Ich glaube, er hat die Schwindsucht. Er ist sonst vollkommen bei Besinnung, aber er atmet so schwer, so beängstigend. Vor ein paar Tagen bat er, man solle ihn im Zimmer etwas gehen lassen; man zog ihm seine Stiefelchen an, und er ging, fiel aber schon nach den ersten Schritten hin. ‚Ach,‘ sagte er, ‚ich habe dir doch gesagt, Papa, das ist nur von den schlechten Stiefeln gekommen, in ihnen war es auch früher unbequem zu gehen.‘ Er glaubte, er sei wegen der Stiefel gefallen, aber es war doch nur aus Schwäche. Er wird keine Woche mehr leben. Doktor Herzenstube kommt häufig hin. Jetzt sind sie wieder reich, haben viel Geld.“

„Diese Banditen!“

„Wer das?“

„Diese Ärzte und das ganze medizinische Pack, im allgemeinen gesprochen... und im einzelnen, versteht sich, noch mehr. Ich verneine die Medizin. Eine total unnütze Einrichtung. Übrigens werde ich das alles noch eingehender untersuchen. Aber was sind denn das für Sentimentalitäten, die ihr da eingeführt habt? Die ganze Klasse scheint sich ja täglich bei ihm zu versammeln?“

„Gar nicht! Es gehen bloß zehn von uns täglich hin, jeden Tag.“

„Mich wundert schließlich nur die Rolle, die Alexei Karamasoff dabei spielt: sein Bruder wird morgen oder übermorgen wegen Vatermordes verurteilt werden, er aber hat noch Zeit zu Sentimentalitäten mit kleinen Jungen.“

„Gar nicht, da ist nichts von Sentimentalitäten. Du gehst doch jetzt selbst hin, um dich mit Iljuscha zu versöhnen.“

„Versöhnen! Lächerlicher Ausdruck. Übrigens gestatte ich niemandem, meine Handlungen zu analysieren.“

„Wie sich aber Iljuscha über deinen Besuch freuen wird! Er ahnt nicht, daß du kommst. Warum wolltest du denn solange nicht zu ihm mitkommen?“ fragte Ssmuroff, der von ganzem Herzen dem kranken Iljuscha nachfühlte.

„Lieber Junge, das ist meine und nicht deine Sache. Ich gehe, weil das mein eigener freier Wille ist, euch aber hat alle ohne Ausnahme Alexei Karamasoff hingeschleppt, das ist doch wohl ein Unterschied. Und überhaupt, woraus schließt du, daß ich hingehe, um mich mit ihm auszusöhnen? Was ist das für ein dummer Ausdruck.“

„Aber uns hat ja gar nicht Karamasoff hingebracht, gar nicht er! Wir fingen ganz von selbst an, hinzugehen, zuerst allerdings noch zusammen mit Karamasoff. Und es ist auch nichts vorgekommen, gar keine Dummheiten. Zuerst ging nur einer, dann ein zweiter, dritter und so weiter. Der Vater war furchtbar froh darüber, daß wir kamen. Weißt du, er wird bestimmt den Verstand verlieren, wenn Iljuscha stirbt. Er weiß ja schon, daß Iljuscha sterben wird. Iljuscha hat nach dir gefragt, aber er hat weiter nichts hinzugefügt. Er fragt nur und verstummt dann gleich. Aber sein Vater wird den Verstand verlieren oder sich erhängen. Er hat sich ja auch früher schon wie ein Verrückter aufgeführt. Weißt du, er ist ein edler Mensch, das war damals nur ein Irrtum. An allem trägt nur dieser Vatermörder die Schuld, weil er ihn damals verprügelt hat – daraus ist jetzt alles entstanden.“

„Immerhin ist Karamasoff ein Rätsel für mich. Ich hätte schon lange seine Bekanntschaft machen können, aber ich liebe in gewissen Fällen, stolz zu sein. Zudem habe ich mir schon eine gewisse Ansicht über ihn gebildet, die es jetzt nur noch zu untersuchen und zu vervollständigen gilt.“

Koljä verstummte bedeutsam, und Ssmuroff schwieg gleichfalls. Ssmuroff blickte natürlich nur andächtig zum Älteren empor und wagte nicht einmal, daran zu denken, sich mit ihm gleichzustellen. Er war maßlos interessiert durch die Bemerkung Koljäs, er gehe aus „eigenem freien Willen“ hin, da sich hinter diesem Ausspruch sicherlich die Lösung jenes Rätsels verbarg, warum er nicht schon früher zu Iljuscha mitgekommen war, und warum er sich gerade heute dazu entschlossen hatte. Sie gingen über den Marktplatz, auf dem diesmal viele Fuhren standen und viel angetriebenes Geflügel gackerte und schrie. Die Marktweiber saßen wie gewöhnlich unter ihren Zeltdächern und verkauften ihre Ware, Weißbrot, Pfefferkuchen, Garn usw. Derartige sonntägliche Märkte werden bei uns höchst naiverweise Jahrmärkte genannt, und solcher Jahrmärkte gibt es bei uns gar viele im Jahr. Pereswonn lief in der besten Gemütsverfassung vor ihnen her, schwenkte unermüdlich bald nach rechts, bald nach links ab, um irgendwo irgend etwas zu beschnuppern. Traf er mit anderen Hunden zusammen, so blieb er mit ungewöhnlicher Bereitwilligkeit stehen, um sich mit ihnen nach allen Hunderegeln zu beriechen.

„Ich liebe es, die realen Vorgänge zu beobachten,“ sagte plötzlich Koljä. „Hast du schon beobachtet, wie die Hunde sich beschnuppern, wenn sie zusammentreffen? Das muß bei ihnen so ein Naturgesetz sein.“

„Ja, das ist wahr, wirklich lächerlich.“

„Das heißt, durchaus nicht lächerlich, das war eine falsche Bemerkung von dir. In der Natur gibt es nichts Lächerliches, obwohl manches dem Menschen mit seinen Vorurteilen auch lächerlich erscheinen mag. Wenn Hunde denken und kritisieren könnten, so würden sie in den sozialen Beziehungen der Menschen, ihrer Herren, ebensoviel, wenn nicht noch mehr, für sie Lächerliches finden, – sogar sehr viel mehr. Ich wiederhole das nur darum, weil ich fest überzeugt bin, daß es bei uns tatsächlich noch viel mehr Dummheiten gibt. Das ist, nebenbei bemerkt, ein Ausspruch von Rakitin, ein sehr bemerkenswerter sogar. Ich bin Sozialist, Ssmuroff.“

„Was ist das?“ fragte Ssmuroff naiv.

„Das ist, wenn alle gleich sind, alle sind dann einer Meinung, es gibt keine Ehen, und die Religion und alle Gesetze sind dann so, wie es jedem beliebt, nun und so weiter alles übrige. Du bist noch nicht reif dazu, für dich ist das noch zu früh... Aber es ist heut doch gehörig kalt.“

„Ja. Zwölf Grad. Papa sah vorhin nach dem Thermometer.“

„Hast du nicht bemerkt, Ssmuroff, daß es mitten im Winter, selbst wenn es fünfzehn oder achtzehn Grad sind, gar nicht so kalt ist, wie zum Beispiel jetzt, zu Anfang des Winters bei zwölf, wenn die Kälte ganz plötzlich einsetzt und noch wenig Schnee gefallen ist? Das bedeutet, daß die Menschen sich noch nicht an die Kälte gewöhnt haben. Bei den Menschen kommt alles auf Gewohnheit an. Selbst in den staatlichen und politischen Beziehungen. Gewohnheit ist bei ihnen die erste und größte Triebfeder. Sieh doch, was das für ein komischer Kauz ist!“

Koljä wies auf einen langen Bauer im Pelz, der neben seiner Fuhre stand und vor Kälte die behandschuhten Hände zusammenschlug. Sein langer blonder Bart, der sein sympathisches Gesicht umrahmte, war vom Frost ganz bereift.

„Dieser Bauer hat einen ganz bereiften Bart!“ sagte Koljä laut, als er an ihm vorüberging.

„Viele haben heute einen bereiften Bart,“ sagte ruhig und wohlbedacht der Bauer.

„So reiz ihn doch nicht,“ bat Ssmuroff leise Krassotkin.

„Macht nichts, er wird sich nicht ärgern, er ist ein braver Mann. – Leb wohl, Matwei.“

„Leb wohl.“

„Heißt du denn Matwei?“

„Jawohl. Wußtest du es nicht?“

„Nein, ich sagte es aufs Geratewohl.“

„Nun sieh mal! Bist wohl noch Schulbub?“

„Natürlich.“

„Nun was, wirst du auch gedroschen?“

„Nicht gerade, daß – aber es kommt vor.“

„Aber dann auch feste?“

„Ohne dem geht’s nicht.“

„Ja ja!“ Der Bauer seufzte von ganzem Herzen auf.

„Leb wohl, Matwei.“

„Leb wohl, bist ’n guter Bursch, jawohl.“

Die beiden Jungen gingen weiter.

„Das war ein guter Kerl,“ sagte Koljä zu Ssmuroff. „Ich rede gern mit dem einfachen Volke. Es freut mich immer, wenn ich ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen kann.“

„Warum aber hast du ihm vorgelogen, daß wir in der Schule gedroschen würden?“ fragte Ssmuroff.

„Man mußte ihn doch beruhigen!“

„Wieso?“

„Sieh mal, Ssmuroff, ich mag es nicht, nochmals gefragt zu werden, wenn man mich nicht nach dem ersten Wort verstanden hat. Manches läßt sich überhaupt nicht erklären. Er glaubt, daß jeder Schüler gedroschen wird, und seiner Meinung nach muß das auch so sein: Was ist denn das für ein Schüler, der nicht seine Portion Wichse kriegt? denkt er bei sich. Und nun soll ich ihm plötzlich sagen, daß es bei uns nie Prügel gibt! Damit würde ich ihn doch tief betrüben. Übrigens kannst du das noch nicht verstehen. Wer mit dem Volk reden will, der muß vorher das Reden erlernen.“

„Nur mach diesmal, bitte, keine Geschichten, sonst kommt wieder so ein Skandal heraus, wie damals mit der Gans.“

„Hast du denn etwa Angst?“

„Lach nicht, Koljä, bei Gott, ich habe Angst. Mein Vater würde furchtbar böse werden. Man hat mir streng verboten, mit dir zu verkehren.“

„Beunruhige dich nicht, diesmal wird nichts geschehen. Guten Morgen, Natascha,“ rief er einer der Marktweiber unter einem Schutzdach zu.

„Was bin ich für eine Natascha, Marja heiß ich,“ rief die Händlerin, ein noch junges Weib, mit hoher Fistelstimme fast schreiend zur Antwort.

„Das ist gut, daß du Marja heißt, leb wohl!“

„Ach, du Galgenstrick, bist noch keine Elle lang, nicht mal auf der Erde zu bemerken und bist doch schon wie die anderen!“

„Habe keine Zeit, keine Zeit für dich, nächsten Sonntag kannst du es mir erzählen,“ rief Koljä, heftig mit der Hand abwinkend, als hätte sie mit ihm angebändelt und nicht er mit ihr.

„Was soll ich dir denn nächsten Sonntag erzählen? Hast selber angefangen und nicht ich, du Frechling,“ schrie Marja aufgebracht, „eine tüchtige Tracht Prügel hast du verdient, wir kennen dich dummen Jungen schon von früher!“

Unter den benachbarten Händlerinnen erhob sich ein Lachen, als plötzlich aus dem Bogengang der nächsten Handlung ein aufgebrachter Bursche, dem Aussehen nach ein Kleinkrämer, hervorstürzte und Koljä wütend mit der Faust drohte. Es war das kein städtischer Händler, sondern einer von den „Jahrmarktsleuten“, ein noch junger Mann in einem langschößigen blauen Bauernkittel und einer Mütze mit ledernem Schirm auf dem Kopf. Sein Gesicht war lang, blaß und pockennarbig. Er befand sich in geradezu unsinniger Erregung und konnte zuerst kaum ein Wort hervorbringen, er drohte immer nur mit der Faust.

„Ich kenne dich!“ rief er endlich, „ich kenne dich!“

Koljä sah ihn scharf an. Er konnte sich nicht recht entsinnen, was er diesem Menschen angetan, oder wo er ihn getroffen hatte. Das war aber schließlich nicht wunderlich, da er ja so unzählige Händel auf der Straße gehabt hatte.

„Du kennst mich?“ fragte er ihn ironisch.

„Ich kenne dich, ich kenne dich!“ wiederholte immer wieder der dumme Bursche.

„Nun, um so besser für dich. Ich habe keine Zeit, leb wohl!“

„Was, du wirst noch frech?“ schrie der andere auffahrend. „Du wirst obendrein noch frech? Ich kenne dich! So ein freches Luder, wie du eins bist, gibt’s ja kein zweites!“

„Das, Freund, ist jetzt nicht deine Sache, ob ich frech bin oder nicht,“ sagte Koljä von oben herab, blieb stehen und blickte ihn wieder scharf an.

„Wieso denn nicht meine Sache?“

„Sehr einfach: weil sie es nicht ist.“

„So – o? Wessen denn sonst, wenn nicht meine? Wen soll es denn sonst was angehen?“

„Das, mein Freund, geht jetzt nur Trifon Nikititsch an, aber nicht dich.“

„Was für einen Trifon Nikititsch?“ fragte in dummer Verwunderung, doch immer noch sehr aufgebracht, der Bursche und starrte Koljä verständnislos an. Koljä maß ihn mit dem Blick.

„Bist du zur Himmelfahrt gegangen?“ fragte er ihn plötzlich streng.

„Zu was für einer Himmelfahrt? Warum, wieso? Nein, ich bin nicht gegangen,“ antwortete noch verdutzter der Bursche.

„Kennst du Ssabanejeff?“ fuhr Koljä noch strenger fort zu fragen.

„Was für einen Ssabanejeff? Nein, ich kenne ihn nicht.“

„Nun, dann hol dich der Teufel, wenn du selbst ihn nicht kennst!“ brach Koljä plötzlich ab und ging, plötzlich nach rechts abschwenkend, seines Weges, als hätte er es verachtet, mit einem solchen Tölpel noch weiter zu reden, der nicht einmal Ssabanejeff kannte.

„Warte, he, du! Bleib doch stehen! Welch einen Ssabanejeff meinst du?“ rief ihm, halb sich besinnend, der Bursche in noch größerer Erregung nach. „Was sagte er eigentlich?“ fragte er plötzlich die Marktweiber, indem er sie dumm anglotzte.

Die Weiber lachten.

„Ein kluger Schlingel,“ meinte eine von ihnen.

„Was für einen Ssabanejeff? Wen meinte er damit?“ fragte immer noch erregt und völlig vor den Kopf gestoßen der Bursche.

„Ach, das wird wohl der Ssabanejeff sein, der bei Kusjmitscheffs einmal diente, ja, den wird er damit gemeint haben!“ sagte schließlich eines der Weiber.

Der Bursche blickte sie groß an.

„Bei Kusj–mi–tscheffs?“ fragte ein anderes Marktweib, „aber der hieß doch nie und nimmer Trifon? Der hieß doch Kusjma, der Bengel aber sagte doch Trifon Nikititsch, da hast du’s nun, wie soll denn das derselbigte sein?“

„Ach was, das ist weder Trifon noch Ssabanejeff, das ist Tschishoff,“ mischte sich ein drittes Weib ein, das bis dahin geschwiegen und ernst zugehört hatte. „Der hieß man aber Alexei Iwanowitsch. Tschishoff mit Familiennamen und sonstig Alexei Iwanowitsch.“

„Jawohl ich weiß es selber auch ganz genau, das kann doch niemand nicht anders sein als Tschishoff,“ bestätigte eifrig ein viertes Weib.

Der betölpelte Bursche blickte verständnislos bald die eine, bald die andere an.

„Warum aber hat er denn gefragt, ihr guten Leute, sagt mir doch wenigstens, warum er mich das gefragt hat!“ rief er schließlich halb verzweifelt aus. „‚Kennst du Ssabanejeff?‘ Der Teufel kann nun wissen, was das für’n Ssabanejeff ist!“

„So nimm doch Vernunft an, Mensch, und hör, was man dir sagt: Nicht Ssabanejeff meint er, sondern Tschishoff, Alexei Iwanowitsch Tschishoff, hast’s nu verstanden?“ schrie ihm eifrig eines der Weiber zu.

„Was Teufel für’n Tschishoff? Nu, sag doch, mach doch das Maul uff, wenn du’s weißt! Nu, was für einer?“

„Na, wen denn sonstig, wenn nicht den langen mit der roten Nase, der im Sommer hier auf dem Markt saß?“

„Aber, was Teufel geht mich denn dieser Tschishoff an, sagt mir doch wenigstens das, ihr guten Leute, was?“

„Ja, das weiß ich doch auch nicht, ich meine ja man bloß.“

„Wer kann denn wissen, was er dich angeht,“ meinte eine andere, „das mußt du selber wissen, wenn du darüber so’n Geschrei erhebst. Der Bub hat’s doch dir gesagt, nicht uns, du dummer Mensch. Oder kennst du ihn denn wirklich selber nicht?“

„Wen?“

„Nun, den Tschishoff doch, den selbigten, sollte ich meinen!“

„Ach, der Teufel hole den Tschishoff und dich noch dazu! Durchbläuen werde ich ihn, den Hund! Er hat sich über mich was lustig gemacht!“

„Was, den Tschishoff willst du durchbläuen? Da sieh dich man vor, daß du nicht selber ’ne Tracht abkriegst! Dumm bist du genug dazu.“

„Nicht den Tschishoff, doch nicht den Tschishoff, du giftiges Weibsbild, – den Frechling, diesen Bengel, werde ich durchbläuen! Der soll nur sehen, der kommt mir jetzt gerade recht! Also zum besten will er mich haben, nasführen will er mich, wart nur, ich werd dir Mores lehren!“

Die Weiber lachten. Koljä schritt schon längst mit siegesbewußter Miene davon. Ssmuroff ging neben ihm und blickte sich noch ein paarmal nach der schreienden Gruppe um. Er war gleichfalls lustig gestimmt, trotz seiner Furcht, Koljä könnte wieder eine „Geschichte“ machen und diesmal auch ihn „hereinbringen“.

„Nach was für einem Ssabanejeff fragtest du ihn?“ erkundigte er sich bei Koljä, obgleich er die Antwort schon ahnte.

„Wie soll ich’s denn wissen, nach welch einem? Jetzt haben sie was, worüber sie bis zum Abend schreien können. Ich versetze den Dummköpfen in allen Gesellschaftsschichten gern einen geistigen Nasenstüber. Da steht der Kerl immer noch wie ein Ochs am Berge. Merk dir eines, man sagt: ‚Es gibt nichts Dümmeres als einen dummen Franzosen,‘ aber weißt du, auch die russische Physiognomie kann sich sehen lassen. Nun, sag doch selbst, ist es diesem Bauern dort nicht aufs Gesicht geschrieben, daß er dumm ist, da, diesen Bauern da, meine ich, wie?“.

„Laß ihn, Koljä, gehen wir vorüber.“

„Um nichts in der Welt werde ich so vorübergehen, ich bin jetzt gerade gut dazu aufgelegt. Heda! Guten Tag, Bauer!“

Es war ein kräftiger, älterer Bauer, der langsam an ihnen vorüberging. Er hatte ein rundes, einfaches Gesicht und einen leicht ergrauten Bart. Auf den Gruß hin erhob er den gesenkten Kopf und blickte den forschen Schulbuben an. Wahrscheinlich hatte er schon etwas getrunken.

„Nun, guten Tag, wenn du nicht scherzest,“ gab der Bauer langsam zur Antwort.

„Und wenn ich scherze?“ fragte Koljä lachend.

„Wenn du aber scherzest, dann nur zu, Gott mit dir. Das tut nichts, das kann man. Scherzen kann man immer.“

„Verzeih, Freund, ich habe in der Tat gescherzt.“

„Nun, macht nichts, Gott wird dir verzeihen.“

„Aber verzeihst auch du mir?“

„Von ganzem Herzen, Kleinerchen. Geh mal nur vorwärts.“

„Ei sieh mal, wie du bist! Du bist ja, weiß Gott, ein kluger Mann.“

„Klüger als du gewiß,“ antwortete der Bauer mit derselben würdigen Ruhe.

„Wirklich?“ Koljä war etwas verdutzt.

„Verlaß dich drauf.“

„Übrigens kannst du recht haben.“

„Das will ich meinen.“

„Leb wohl, Bauer.“

„Leb wohl.“

„Die Bauern sind sehr verschieden,“ sagte Koljä zu Ssmuroff, als sie weitergingen, nach einigem Schweigen. „Woher wußte ich nur, daß ich auf einen Klugen stoßen würde? Ich bin immer bereit, im Volke Klugheit anzuerkennen.“

Da schlug es fern von der Turmuhr der Kathedrale halb zwölf. Die Knaben beeilten sich und gingen sehr schnell und fast ohne zu sprechen. Bis zur Wohnung des Hauptmanns Ssnegireff war es noch ziemlich weit. Als sie etwa noch zwanzig Schritt vom Hause entfernt waren, blieb Koljä plötzlich stehen und gab Ssmuroff den Befehl, vorauszugehen und Karamasoff zu ihm herauszuschicken.

„Man muß sich zuerst ein wenig beschnuppern,“ fügte er nur kurz hinzu.

„Aber warum denn das?“ Ssmuroff wollte ihn noch überreden, sofort mitzugehen. „Komm doch so, man wird sich furchtbar freuen. Was hat denn das für einen Witz, hier in der Kälte Bekanntschaft zu machen?“

„Es genügt, wenn ich weiß, wozu es nötig ist, daß ich ihn herausrufen lasse,“ schnitt Koljä geradezu despotisch jede weitere Einwendung ab (ein Verfahren, das er besonders gern im Verkehr mit den „Kleinen“ anzuwenden pflegte), und Ssmuroff lief sofort eilig ins Haus, um dem Befehl nachzukommen.

IV — Shutschka

Koljä lehnte sich mit wichtiger Miene an den Zaun und erwartete Aljoschas Erscheinen. Eigentlich hatte er sich schon lange auf diesen Augenblick vorbereitet, denn im Grunde wollte er mehr als gern seine Bekanntschaft machen. Viel hatte er von ihm gehört, besonders durch die kleineren Schüler, doch hatte er sich absichtlich immer überlegen-gleichmütig gestellt, wenn man von ihm sprach, hatte sogar Aljoschas Tun „kritisiert“, was jedoch nicht hinderte, daß er aufmerksam zuhörte, wenn man von ihm sprach. Ja, er wollte ungeheuer gern Alexei Karamasoff kennen lernen, denn in allem, was er über ihn gehört hatte, war etwas ungemein Sympathisches und Anziehendes gewesen. So war denn auch dieser Augenblick am Zaun ein sehr wichtiger: vor allen Dingen durfte man sich nicht blamieren, man mußte sich eben vollkommen selbständig zeigen, denn: „Sonst könnte er merken, daß ich dreizehnjährig bin, und mich für einen ebensolchen Knaben halten wie jene Kleinen. Was hat er nur an ihnen? Sollte ich ihn das nicht vielleicht fragen, wenn er kommt? Das Gemeine ist nur, daß ich noch so klein von Wuchs bin. Tusikoff zum Beispiel, ist doch jünger als ich und trotzdem um einen halben Kopf länger. Nur mein Gesicht ist nicht so dumm. Ich bin nicht gerade schön zu nennen, ich weiß, ich habe ein scheußliches Gesicht, aber dafür ist es klug. Auch darf ich nicht gar zu freundlich sein, ich muß mich sogar unbedingt zurückhaltender zeigen, denn wenn man ihn gleich mit offenen Armen empfängt, kann er ja denken... Pfui, das wäre aber gemein, wenn er dächte, daß ich –!...“

So regte Koljä sich unnütz auf, während er wartete und sich aus allen Kräften bemühte, eine möglichst ungezwungene Haltung anzunehmen. Am meisten quälte ihn, daß er so klein von Wuchs war, ja, gar nicht so sehr das „scheußliche“ Gesicht, wie gerade der kleine Wuchs quälte ihn. Zu Hause hatte er schon im vorigen Jahre mit der Bleifeder ein Zeichen an der Wand gemacht, das seine Größe an dem und dem Tage angab, und seit der Zeit ging er alle zwei Monate einmal an diese Wand, um zu messen, wieviel er inzwischen gewachsen war. Doch leider wuchs er sehr langsam, was ihn bisweilen fast zur Verzweiflung brachte. Was nun sein Gesicht anbelangt, so war es durchaus nicht „scheußlich“, sondern sogar recht nett: ein weißes, etwas blasses Knabengesicht mit Sommersprossen auf dem Näschen. Seine grauen, nicht großen, doch lebhaften Augen blickten dreist in die Welt, und oftmals wurden sie dunkel von tiefem Gefühl. Die Kinnbacken waren etwas breit, die Lippen klein und ziemlich schmal, dafür aber sehr rot; die Nase war gleichfalls klein, und die Spitze guckte impertinent in die Luft: „Eine ausgesprochene Stumpfnase, das reinste Exemplar von dieser Sorte!“ sagte sich Koljä, wenn er vor dem Spiegel stand und ihm jedesmal tief verstimmt wieder den Rücken kehrte. „Und ist denn das Gesicht auch wirklich klug?“ fragte er sich mitunter, wenn er selbst daran zu zweifeln begann. Übrigens muß man nun nicht denken, daß die Sorge um seinen Wuchs und die Nase seine ganze Seele erfüllte. Nein, das war durchaus nicht der Fall. Wie schwer auch die Minuten vor dem Spiegel zuweilen waren, er vergaß sie doch schnell und auf lange Zeit, indem er sich mit Leib und Seele den „Ideen und dem wirklichen Leben“ hingab, wie er selbst seine Tätigkeit bezeichnete.

Aljoscha erschien sehr bald und trat schnell auf Koljä zu. Dieser hatte sofort bemerkt, daß Aljoscha auffallend freudig aussah. „Sollte er sich wirklich über mich so freuen?“ dachte Koljä, angenehm berührt. Bei der Gelegenheit mag noch erwähnt werden, daß Aljoscha sich in der Zwischenzeit sehr verändert hatte. Er hatte die Kutte ausgezogen und trug einen kurzen, tadellos gearbeiteten Rock, einen runden, weichen Filzhut und kurzgeschorenes Haar. Das alles stand ihm vortrefflich. Er sah geradezu schön aus. Sein anziehendes Gesicht hatte einen heiteren Ausdruck, doch war diese Heiterkeit von einer ganz eigenartigen Stille und Ruhe. Zu Koljäs Verwunderung kam Aljoscha so, wie er im Zimmer gesessen hatte, zu ihm heraus, trotz der scharfen Kälte ohne Überzieher. Augenscheinlich hatte er sich sehr beeilt.

Aljoscha streckte ihm sofort die Hand entgegen.

„Da sind Sie ja endlich! Wie wir Sie erwartet haben!“

„Ich hatte meine Gründe, die Sie sofort erfahren werden. Jedenfalls freut es mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich habe eigentlich schon lange auf die Gelegenheit gewartet... ich habe viel von Ihnen gehört...“ sagte Koljä etwas außer Atem.

„Wir wären ja auch so zusammengekommen; auch ich habe viel von Ihnen gehört; hierher aber sind Sie leider etwas zu spät gekommen.“

„Ja, sagen Sie doch, wie steht es hier?“

„Iljuscha geht es sehr schlecht, er wird nicht mehr lange leben.“

„Was? Wie ist das möglich? Aber da müssen Sie doch zugeben, Karamasoff, daß die Medizin nichts als Quacksalberei ist!“ rief Koljä aufrichtig empört.

„Iljuscha hat oft, sehr oft nach Ihnen gefragt, sogar in der Nacht, wenn er phantasierte, hat er Ihren Namen genannt. Daraus sieht man, wie lieb Sie ihm gewesen sind... früher... vor jenem Messerstich Außerdem gibt es noch andere Gründe, die... Sagen Sie, ist das Ihr Hund?“

„Ja. Mein Pereswonn.“

„Und nicht Shutschka?“ Aljoscha blickte traurig und enttäuscht Koljä in die Augen. „So ist denn Shutschka wirklich ganz und gar verschwunden?“

„Ich weiß, daß Sie alle gern Shutschka wiederfinden wollten, ich habe es gehört,“ sagte Koljä mit rätselhaftem Lächeln. „Hören Sie, Karamasoff, ich werde Ihnen die ganze Sachlage erklären, ich bin ja hauptsächlich nur darum gekommen, und deswegen habe ich Sie auch herausrufen lassen, um Ihnen vorher die ganze Episode zu erzählen, ich meine, bevor wir hineingehen,“ begann Koljä lebhaft. „Sehen Sie, Karamasoff, im Frühling trat Iljuscha in die Vorbereitungsklasse ein. Nun, man weiß doch, wie die ist: Kleine, dumme Jungen, Iljuscha wurde sofort von allen geneckt. Ich beobachtete, da ich doch zwei Klassen höher sitze, alles nur aus der Ferne. Ich sah, es ist ein kleiner, schwächlicher Junge, aber er duckt sich nicht, er prügelt sich mit jedem, der ihn neckt, er ist stolz, die Augen blitzen nur so. Solche Jungen gefallen mir. Sie aber neckten ihn noch mehr. Hauptsächlich taten sie es darum, weil er damals ganz alte Kleider trug. Seine Höschen kletterten an den Beinchen hinauf und die Stiefelspitzen waren entzwei und glichen zwei hungrigen Mäulchen. Darum neckten sie ihn und machten sich über ihn lustig. Nein, das liebe ich nicht. Ich griff sofort ein und gab ihnen gehörig Extrapfeffer. Ich verhaue sie doch, sie aber vergöttern mich trotzdem, wissen Sie das schon, Karamasoff?“ – prahlte Koljä halb unbewußt. „Und überhaupt habe ich Kinder ganz gern. Mir sitzen außerdem noch zu Hause zwei Nestlinge auf dem Halse, heute haben sie mich sogar unverzeihlich lange aufgehalten. So hörten die Jungen denn auf, Iljuscha zu necken oder zu verprügeln, da ich ihn unter meine Protektion genommen hatte. Ich sah sofort, daß er stolz war, sehr stolz, das sage ich Ihnen, aber schließlich unterwarf er sich mir ganz, geradezu sklavisch. Er erfüllte jeden Befehl, den ich gab, gehorchte mir wie einem Gott, und war bald auf dem besten Wege, mich zu imitieren. In den Pausen zwischen den Stunden kam er jedesmal sofort zu mir, und wir spazierten dann zusammen. Sonntags kam er gleichfalls zu mir. Bei uns im Gymnasium lacht man darüber, wenn ein Älterer mit einem von den Kleinen geht und sich dazu noch so kameradschaftlich zu ihm verhält. Aber das ist ja nur ein Vorurteil. Es ist nun einmal mein Einfall, ich will es so, und damit basta, nicht wahr? Ich belehre ihn also, trage viel zu seiner Entwicklung bei, – und warum, sagen Sie doch selbst, warum soll ich das nicht tun, wenn er mir gefällt? Da haben wir doch zum Beispiel Sie, Karamasoff; Sie haben sich ja gleichfalls mit diesen Kindern angefreundet, das bedeutet doch, daß Sie auf die junge Generation einwirken wollen, daß Sie sie entwickeln wollen, kurz, daß Sie nützlich sein wollen, nicht wahr? Und ich muß gestehen, dieser Ihr Charakterzug, von dem ich viel gehört habe, hat mich am meisten interessiert. Übrigens zur Sache: Ich bemerkte also bald, daß in dem Jungen sich eine gewisse Empfindsamkeit, eine gewisse Sentimentalität entwickelte, ich aber, wissen Sie, bin ein ausgesprochener Feind aller Kälberzärtlichkeiten, und zwar schon von Geburt an. Und zudem sind das doch Widersprüche: er ist stolz, mir aber sklavisch ergeben, – sklavisch ergeben, und plötzlich blitzen die Äuglein auf, und er will nicht einmal mehr übereinstimmen mit mir, streitet, kriecht womöglich an der Wand hinauf! Ich habe mitunter Ideen verfochten, er aber fängt plötzlich an mir zu widersprechen, nur sind es, wie ich alsbald einsehe, nicht die Ideen, die er angreift, sondern er empört sich gegen mich persönlich, weil ich seine Zärtlichkeit mit Kaltblütigkeit erwidere. Nun, und um ihn jetzt zu erziehen, werde ich, je zärtlicher er zu mir wird, desto kälter zu ihm. Ich tat es absichtlich. Meiner Überzeugung nach mußte ich es gerade so machen. Mein Ziel war, seinen Charakter zu bilden, auszugleichen, einen Menschen aus ihm zu machen... nun, und so weiter... Sie verstehen mich natürlich auch ohne Worte. Plötzlich bemerke ich, er ist niedergeschlagen, den einen Tag, den zweiten, dritten – und diesmal nicht wegen der Zärtlichkeiten oder Nichtzärtlichkeiten, sondern aus einem anderen, gewichtigeren, höheren Grunde. Was ist denn das für eine Tragödie, denke ich. Ich dringe in ihn, bis ich schließlich die ganze Sache erfahre. Er war auf irgendeine Weise mit dem Diener Ihres verstorbenen Vaters, der damals noch lebte, mit dem Ssmerdjäkoff, zusammengekommen, und dieser hatte ihm, dem dummen kleinen Jungen, etwas ganz Blödsinniges gezeigt, das heißt vielmehr etwas wahrhaft tierisch Rohes – nämlich aus Brot, aus weichem, teigartigem Brot, eine Kugel zu kneten, eine Stecknadel hineinzustecken und diesen Brotball dann einem Hofhunde vorzuwerfen – einem von jenen verhungerten, die die Bissen gierig hinunterschlucken –, und dann zuzusehen, was der Hund macht. Und so hatten sie denn beide so eine Kugel fabriziert und diesem selben zottigen Hunde vorgeworfen, dem Shutschka, der dort auf dem Hof, wo er war, überhaupt nichts zu fressen bekam, und nur die ganze Nacht in den Wind hinausheulte. – Lieben Sie dieses dumme Gebell, Karamasoff? Ich kann es nicht ausstehen! – Nun, der verhungerte Hund hatte natürlich sofort zugeschnappt und hinuntergeschluckt, und dann hat er gleich zu heulen und zu winseln angefangen, ja, er hat sich immer winselnd im Kreise herumgedreht und dann plötzlich ist er winselnd und aufheulend fortgelaufen und – verschwunden. So hat es mir Iljuscha selbst erzählt. Er gestand es mir und weinte dabei, umklammerte mich und weinte herzbrechend. ‚Er lief und winselte, lief und winselte,‘ wiederholte er immer wieder, dermaßen hatte ihn dieses Bild gepackt. Das waren also Gewissensbisse bei ihm. Ich nahm es ernst. Ich wollte ihm hauptsächlich wegen des früheren Verhaltens eine Lektion erteilen, und so habe ich denn, ich muß gestehen, etwas Komödie gespielt, mich absichtlich verstellt, als wäre ich in einer Weise empört darüber, wie ich es in Wirklichkeit vielleicht gar nicht war. ‚Du hast eine niedrige, schändliche Tat begangen,‘ sage ich zu ihm, ‚du bist ein Schurke. Ich werde natürlich nicht ausposaunen, was du getan hast, aber vorläufig breche ich jeden Verkehr mit dir ab. Ich werde mir die Sache noch überlegen und dich dann durch Ssmuroff wissen lassen – durch denselben Knaben, mit dem ich heute gekommen bin, der Sie soeben herausgerufen hat, er ist mir immer ergeben gewesen –, ob ich hinfort noch mit dir Umgang pflegen kann, oder ob ich dich als einen erklärten Schuft überhaupt nicht mehr kennen will.‘ Das ging ihm schrecklich nahe. Offen gestanden, ich fühlte schon damals, daß ich vielleicht doch zu streng war, aber was sollte ich tun – das war nun einmal mein Prinzip. Darauf, am nächsten Tage, schicke ich Ssmuroff zu ihm und lasse sagen, daß ich ‚nicht mehr mit ihm sprechen werde‘ – das sagt man so bei uns, wenn zwei Kameraden ihre Freundschaft brechen. Das Geheimnis bestand aber darin, daß ich ihn nur ein paar Tage lang in Acht und Bann halten und ihm dann wieder die Hand reichen wollte, wenn ich seine Reue sehen würde. Das war meine feste Absicht. Aber was glauben Sie wohl, nachdem er Ssmuroff angehört hat, schreit er ihm mit blitzenden Augen zu: ‚Sage Krassotkin, daß ich von jetzt ab allen Hunden solche Brotkugeln mit Stecknadeln vorwerfen werde, allen, allen!‘ – Aha, dachte ich, das Kerlchen rebelliert, ein freier Geist scheint sich eingeschlichen zu haben, nun, den muß man ausräuchern. Und ich begann ihm meine tiefe Verachtung zu zeigen; wenn wir einander begegneten, wandte ich mich von ihm ab, oder ich lächelte ironisch. Da aber kam plötzlich diese Geschichte mit dem Vater dazwischen, Sie wissen doch, mit dem Bastwisch. Jetzt sehen Sie, wie er schon vorbereitet war – zu dieser ganzen Katastrophe mit dem Vater. Als aber die Knaben sahen, daß ich ihn verlassen hatte, da ging es wieder los mit dem Necken: ‚Bastwisch, Bastwisch!‘ Und da begannen denn zwischen ihnen wieder die Schlachten mit Kieselsteinen. Das tut mir jetzt schrecklich leid, denn ich glaube, damals haben sie ihn einmal furchtbar verprügelt. Eines Tages aber warf er sich auf dem Hof gegen die ganze Bande, als wir Älteren gerade nach der letzten Stunde die Schule verließen, und ich blieb etwa zehn Schritt von ihm stehen und sah ihm zu. Auf Ehrenwort, ich erinnere mich nicht mehr, ob ich damals gelächelt habe oder nicht; ich weiß nur noch, daß er mir in dem Augenblick maßlos, nein wirklich, maßlos leid tat. Noch einen Augenblick – und ich hätte mich dazwischen geworfen, um ihn zu verteidigen. Da aber erblickte er mich plötzlich; ich weiß nicht, was er in meinem Blick gesehen hat, – er riß sein Federmesser heraus, stürzte sich auf mich und stach mich in den Schenkel, hier, gerade hier am rechten Bein. Ich rührte mich nicht, ich muß gestehen, ich bin zuweilen recht tapfer, Karamasoff. Ich blickte ihn nur verächtlich an, als wollte ich mit dem Blick sagen: ‚Willst du mich vielleicht noch einmal stechen, zum Dank für meine Freundschaft, so stehe ich zu Diensten.‘ Er aber stach nicht zum zweitenmal, er hielt es nicht aus, er erschrak selbst, warf das Messer fort, weinte laut auf und lief davon. Ich petzte natürlich nicht und befahl auch den anderen, zu schweigen, damit es die Lehrer nicht erführen, und selbst meiner Mutter sagte ich es erst, als alles schon zugeheilt war. Und die Narbe war ja auch ganz unbedeutend, nur so eine etwas tiefere Schramme. Darauf höre ich, daß er am selben Tage noch eine Schlacht geliefert und Sie in den Finger gebissen hat, – aber Sie begreifen doch, in welch einer Verfassung er sich damals befand! Nun, jetzt ist es nicht mehr gutzumachen. Ich war damals sehr dumm: als er darauf erkrankte, ging ich nicht hin, um ihm alles zu verzeihen, ich meine, um mich wieder in aller Freundschaft mit ihm zu versöhnen. Das ist nun die ganze Geschichte... nur glaube ich, daß ich es dumm gemacht habe...“

„Ach, wie schade,“ unterbrach ihn Aljoscha erregt, „daß ich nicht früher von diesen Ihren Beziehungen zu ihm erfahren habe, sonst wäre ich schon längst zu Ihnen gekommen und hätte Sie gebeten, mit mir zusammen Iljuscha zu besuchen. Glauben Sie mir, er hat im Fieber fast nur von Ihnen phantasiert. Ich ahnte nicht, wie teuer Sie ihm sein müssen. Und haben Sie denn Shutschka wirklich nicht gesucht und nicht gefunden? Sein Vater und die Knaben haben in der ganzen Stadt nachgefragt. Wissen Sie, er hat dreimal während der Krankheit, in Tränen aufgelöst, gesagt: ‚Ich bin nur davon krank, Papa, daß ich Shutschka damals umgebracht habe, dafür bestraft mich jetzt Gott.‘ Von diesem Gedanken kann man ihn nicht abbringen! Wenn man ihm aber jetzt diesen Hund wiederbringen und ihm zeigen könnte, daß er nicht gestorben ist und lebt, so würde er vielleicht vor Freude noch gesund werden. Wir haben alle auf Sie gehofft.“

„Aber warum denn gerade auf mich? Warum sollte denn gerade ich Shutschka finden?“ fragte Koljä mit auffallender Wißbegier. „Warum hofften Sie nicht auf einen anderen?“

„Ja, es hieß, daß Sie den Hund krampfhaft suchten, und wenn Sie ihn gefunden hätten, zu Iljuscha bringen würden. Ssmuroff ließ einmal etwas in der Art verlauten. Wir bemühen uns vor allem, ihn zu überzeugen, daß der Hund lebt, daß wir ihn irgendwo gesehen hätten. Die Knaben brachten ihm ein lebendiges Häschen mit, er sah es aber nur einmal an, lächelte kaum und bat, es wieder aufs Feld zu bringen und freizulassen. Dies taten wir denn auch. Und soeben kehrte sein Vater zurück und brachte ihm einen ganz kleinen Bullenbeißer mit, er hatte ihn sich irgendwoher verschafft. Er hoffte, ihn damit zu trösten, aber es kam, glaube ich, umgekehrt heraus, denn Iljuscha wurde nur noch trauriger...“

„Aber sagen Sie mir noch eines, Karamasoff: dieser Vater, was ist der eigentlich? Ich kenne ihn, aber was ist er im Grunde... Ihrer Meinung nach – ein Narr, ein Bajazzo?“

„O nein. Es gibt Menschen, die das Leben in Tiefe empfinden, zu gleicher Zeit aber wie von der Welt unter die Füße getreten sind. Das Possentreiben ist bei ihnen wie eine boshafte Ironie denen gegenüber, welchen sie infolge ihrer eingefleischten Schüchternheit nicht die Wahrheit ins Gesicht zu sagen sich erdreisten können. Glauben Sie mir, Krassotkin, solches Narrenspielen ist zuweilen sehr tragisch. Für ihn gibt es jetzt außer Iljuscha nichts mehr auf der Welt. Iljuscha ist für ihn die ganze Welt. Wenn Iljuscha nun stirbt, wird er entweder geisteskrank werden oder sich das Leben nehmen. Davon bin ich so gut wie überzeugt, nachdem ich ihn jetzt wieder gesehen habe.“

„Ich verstehe Sie, Karamasoff, ich sehe, Sie kennen den Menschen gut,“ sagte Koljä ernst.

„Als ich aber vorhin den Hund bei Ihnen sah, dachte ich, daß es Shutschka sei, den Sie mitgebracht haben, und freute mich für Iljuscha.“

„Warten Sie, Karamasoff, vielleicht werden wir Shutschka noch finden... Das hier ist mein Pereswonn. Ich werde ihn später ins Zimmer hineinlassen und mit ihm Iljuscha vielleicht mehr zerstreuen, als mit einem echten Bullenbeißer. Warten Sie, Karamasoff, Sie werden sofort etwas erfahren... Ach, mein Gott, da halte ich Sie, ohne mir dabei etwas zu denken, hier im Freien solange auf!“ unterbrach sich Koljä plötzlich ganz erschrocken. „Sie stehen im leichten Rock bei dieser Kälte, und ich denke nicht einmal daran! Sehen Sie, sehen Sie, was für ein Egoist ich bin! Oh, wir sind alle riesige Egoisten, Karamasoff!“

„Beruhigen Sie sich, es ist allerdings kalt, aber ich erkälte mich nicht so leicht. Doch gehen wir jetzt. Bei der Gelegenheit: Wie heißen Sie? Ich weiß: Koljä, aber wie weiter?“

„Nikolai, Nikolai Iwanow Krassotkin, oder, wie man im Bureaustil sagt: Sohn des Iwan Krassotkin,“ sagte Koljä und lachte – weiß Gott, worüber. Doch plötzlich fügte er hinzu:

„Ich hasse natürlich meinen Namen Nikolai.“

„Warum denn das?“

„Er ist so trivial, so beamtenmäßig...“

„Und Sie sind dreizehn Jahre alt?“ fragte Aljoscha.

„Das heißt, vierzehn, in zwei Wochen vierzehn, also sehr bald. Ich muß Ihnen im voraus meine größte Schwäche eingestehen, Karamasoff, dies mag das erste Bekenntnis nach der Bekanntschaft mit Ihnen sein. Ich will es nur Ihnen sagen, damit Sie sofort mein ganzes Wesen durchschauen können. Also: Ich hasse es, wenn man mich nach meinem Alter fragt, es ist sogar noch mehr als nur Haß, was ich dabei empfinde... Und dann... man verleumdet mich... Da heißt es zum Beispiel, ich hätte mit den Schülern der Vorbereitungsklasse Räuber gespielt. Daß ich mit ihnen gespielt habe, ist allerdings Tatsache, daß ich es aber zu meinem Vergnügen getan hätte, ist eine entschiedene Verleumdung. Ich habe Grund anzunehmen, daß dieses Gerücht auch bis zu Ihnen gedrungen ist, aber ich versichere Ihnen: ich habe nicht zu meinem Vergnügen gespielt, sondern um den Kleinen ein Vergnügen zu bereiten, denn ohne mich verstanden sie sich nichts auszudenken. Und nun verbreiten die Klatschbasen solchen Unsinn über mich! Unsere holde Stadt sollte eigentlich ‚Klatschstadt‘ heißen, das sage ich Ihnen!“

„Und wenn Sie auch zu Ihrem eigenen Vergnügen gespielt hätten, was wäre denn dabei?“

„Aber, ich bitte Sie, zum eigenen Vergnügen!... Sie werden z. B. doch nicht anfangen mit kleinen Kindern Pferdchen zu spielen?“

„Sehen Sie doch die Sache von einem anderen Standpunkte aus an,“ sagte Aljoscha lächelnd: „Ins Theater zum Beispiel fahren Erwachsene, im Theater aber werden doch auch nur die Erlebnisse von Helden dargestellt, zuweilen gleichfalls mit Räubern und Krieg. Ist das nun nicht ganz dasselbe, frage ich Sie, nur in einer etwas anderen Art? Wenn aber Jungen in der Erholungspause Krieg spielen oder Räuber, wie Sie sagten, – das ist doch nichts anderes als entstehende Kunst, oder das in der jungen Seele entstehende Bedürfnis nach Kunst. Und gar manchesmal werden diese Spiele viel besser komponiert als die Vorstellungen im Theater. Der Unterschied besteht bloß darin, daß man ins Theater fährt, um dort Schauspieler zu sehen, hier aber die Jungen selbst Schauspieler sind. Aber das ist ja doch nur natürlich.“

„Ist das wirklich Ihre Ansicht? Ist das Ihre Überzeugung?“ Koljä sah ihn groß und aufmerksam an. „Wissen Sie, Karamasoff, Sie haben einen außerordentlich interessanten Gedanken ausgesprochen. Wenn ich nach Haus komme, werde ich meinen Hirnkasten wegen dieser Frage etwas in Bewegung setzen. Ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, ich habe es eigentlich nicht anders erwartet, als daß man von Ihnen noch manches lernen könnte. Ja, ich bin gekommen, um von Ihnen zu lernen, Karamasoff,“ sagte Koljä zum Schluß mit männlich fester, doch nichtsdestoweniger begeisterter Stimme.

„Und ich werde von Ihnen lernen,“ sagte Aljoscha lächelnd, indem er ihm die Hand drückte.

Koljä war sehr zufrieden mit Aljoscha. Am angenehmsten berührte ihn, daß jener sich ihm gegenüber ganz wie zu einem gleichstehenden Kameraden verhielt, „wie zu dem erwachsensten Menschen“.

„Ich werde Ihnen dort in der Stube gleich ein famoses Kunststück zeigen, Karamasoff, das wird gleichfalls eine Theatervorstellung werden,“ sagte er mit etwas nervösem Lachen. „Zu dem Zweck bin ich ja eigentlich nur gekommen.“

„Gehen wir zuerst nach links zu den Hausleuten. Dort legen alle ihre Mäntel ab. Im Zimmer ist es eng und heiß.“

„Oh, das ist nicht nötig, ich bin doch nur auf einen Augenblick gekommen, ich werde so im Überzieher eintreten. Pereswonn muß hier im Flur bleiben und wie tot liegen. Ici, Pereswonn, couche-toi und stirb! – Sehen Sie, er stellt sich tot. Ich werde jetzt vorläufig allein eintreten und zuerst die Umgebung inspizieren, und dann im richtigen Moment pfeife ich: ‚ici, Pereswonn!‘ und Sie werden sehen, er wird sofort wie tollgeworden hereinsausen. Nur darf Ssmuroff nicht vergessen, rechtzeitig die Tür aufzumachen. Doch ich werde schon sehen, daß alles richtig klappt, lassen Sie mich nur machen...“

V — An Iljuschas Bettchen

In dem uns bekannten Zimmer, das der Hauptmann Ssnegireff mit seiner Familie bewohnte, war die Luft in diesem Augenblick ebenso drückend, wie das Zimmer selbst durch die zahlreichen kleinen Gäste eng wurde. Es saßen wieder einmal mehrere Knaben bei Iljuscha. Wenn sie auch alle, wie Ssmuroff, bereit waren, zu leugnen, daß Aljoscha Karamasoff sie zu Iljuscha geführt und alles zu ihrer Anfreundung getan hatte, so war dies doch einmal so. Seine ganze Kunst bestand in diesem Falle nur darin, daß er sie ihm alle einzeln und ohne jegliche „Kälberzärtlichkeiten“ zuführte, als geschehe es ganz unabsichtlich, womöglich halb aus Versehen. Das war für Iljuscha eine große Freude gewesen. Als er die fast zärtliche Freundschaft dieser seiner früheren Feinde sah, war er tief gerührt. Nur Koljä Krassotkin fehlte noch, und das lag wie eine drückende Last auf seinem Herzen. Wenn es in seinen bitteren Erinnerungen etwas ganz besonders Bitteres gab, so war das gerade dieser Vorfall mit Koljä, seinem früheren einzigen Freunde und Verteidiger, auf den er sich damals mit dem Messer gestürzt hatte. Das sagte sich auch der kleine, gescheite Ssmuroff, der als erster zu Iljuscha gekommen war. Koljä Krassotkin hatte aber auf Ssmuroffs entfernte Andeutung, daß Aljoscha „in einer gewissen Angelegenheit“ vielleicht zu ihm kommen werde, sofort kurz jeden weiteren Annäherungsversuch abgeschnitten, indem er Ssmuroff barsch auftrug, „Karamasoff“ zu sagen, daß er selbst wisse, was er zu tun habe, daß er niemanden um Rat bitte und im übrigen, wenn er zu dem Kranken ginge, das dann tun würde, wenn es ihm angemessen scheine – er habe dabei seine „persönliche Berechnung“. Das war vor etwa zwei Wochen gewesen. Daraufhin hatte Aljoscha es unterlassen, seine anfängliche Absicht auszuführen und zu Krassotkin zu gehen. Dafür aber war der kleine Ssmuroff zweimal von ihm zu Koljä geschickt worden. Aber Koljä hatte beide Male in der gereiztesten und schroffsten Weise abgesagt: „Sage Karamasoff, daß ich dann, wenn er zu mir kommt, überhaupt nicht zu Iljuscha gehen werde, und im übrigen bitte ich, mich nicht ewig mit dieser Sache zu belästigen.“ Selbst Ssmuroff hatte noch am Sonnabend nicht gewußt, daß es Koljäs Absicht war, an diesem Sonntag Iljuscha zu besuchen. Erst am Abend hatte Koljä ihm beim Abschied gesagt, er solle ihn am nächsten Morgen auf dem Hof erwarten, er würde mit ihm zusammen zu Ssnegireffs gehen, hatte aber streng verboten, irgend jemand von seinem Kommen zu benachrichtigen. Ssmuroff gehorchte. Der Gedanke jedoch, daß er auch den verlorenen Hund mitbringen werde, war Ssmuroff auf Grund einiger von Koljä flüchtig hingeworfener Worte gekommen. Er hatte nämlich gesagt: „Esel sind sie, wenn sie den Hund nicht finden können, vorausgesetzt, daß er noch lebt.“ Als aber Ssmuroff nach einiger Zeit schüchtern eine Anspielung darauf gemacht hatte, da war Krassotkin „höllisch wütend“ geworden. „Ich bin doch nicht so dumm, daß ich in der ganzen Stadt einen fremden Hund suche, wenn ich meinen Pereswonn habe! Und wie kann man nur so was Dummes denken, daß ein Hund, der eine Stecknadel hinuntergeschluckt hat, am Leben bleibe! Das sind ja nur Sentimentalitäten und weiter nichts!“

Inzwischen verging die Zeit. Iljuscha hatte sein Bettchen in der Ecke unter den Heiligenbildern seit ganzen zwei Wochen nicht mehr verlassen. In die Schule war er seit jenem Tage, an dem er Aljoscha in den Finger gebissen hatte, nicht mehr gegangen. Am selben Tage war er auch erkrankt, doch konnte er im ersten Monat noch allein aufstehen und etwas im Zimmer oder auch im Flur umhergehen. Schließlich aber wurde er so schwach, daß er sich ohne Hilfe seines Vaters kaum noch bewegen konnte. Der Vater zitterte für ihn, hörte sogar ganz auf zu trinken und wurde geradezu tiefsinnig vor Angst bei dem Gedanken, sein Junge könnte sterben. Wenn er ihn bei einem kurzen Gang durch die Stube unter den Armen gestützt und dann wieder ins Bettchen gelegt hatte, lief er nachher jedesmal hinaus auf den Flur, in die dunkelste Ecke, preßte dort die Stirn an die Wand und weinte ganz eigentümlich: kaum hörbar, da es ja Iljuscha nicht zu Ohren kommen durfte – doch konnte man glauben, aus diesem eintönigen Weinen seine ganze ohnmächtige Verzweiflung herauszuhören.

Wenn er dann ins Zimmer zurückkehrte, fing er gewöhnlich an, seinen lieben Jungen mit irgend etwas zu zerstreuen. Er erzählte ihm Märchen oder lustige Geschichten, oder er kopierte lächerliche Typen, die er gesehen hatte, oder er imitierte selbst Tiere, indem er ihre Laute nachzuahmen versuchte. Iljuscha jedoch litt darunter, wenn sein Vater sich in dieser Weise verstellte und Narrenpossen trieb. Er bemühte sich krampfhaft, nicht zu zeigen, daß es ihm unangenehm war, aber er sagte sich mit brennendem Weh im Herzen, daß sein Vater in der Gesellschaft erniedrigt war, und immer wieder kehrten seine Gedanken zu jenem „furchtbaren Tage“ zurück. Auch Ninotschka, Iljuschas gelähmte, bescheidene, stille Schwester, liebte es nicht, wenn der Vater sich in dieser Weise erniedrigte (Warwara Nikolajewna war schon längst wieder nach Petersburg gefahren, um dort den Vorlesungen zu folgen), dafür aber fand das geistesschwache Mamachen wahre Freude daran und lachte von ganzem Herzen, wenn ihr Mann sich wie ein Bajazzo gebärdete. Nur damit konnte man sie zerstreuen und trösten, sonst weinte sie fortwährend und beklagte sich launisch, daß alle sie vergäßen, daß niemand sie achte, daß alle sie beleidigten usw. usw. In den letzten Tagen aber hatte auch sie sich verändert. Sie sah häufiger in die Ecke zu Iljuscha hinüber und schien nachdenklicher zu sein. Sie wurde viel schweigsamer und ruhiger, und wenn sie weinte, so weinte sie still vor sich hin, damit es die anderen nicht hörten. Der Hauptmann bemerkte verwundert diese Veränderung; sie betrübte und erschreckte ihn zu gleicher Zeit. Die Besuche der Knaben paßten ihr zuerst gar nicht und ärgerten sie nur, allmählich aber gefielen ihr die fröhlichen Geschichten und das laute Geplapper der Kinder immer mehr, und bald freute sie sich dermaßen über jeden Besuch, daß sie womöglich geweint hätte, wenn die Knaben nicht mehr gekommen wären. Wenn sie etwas erzählten oder Spielchen spielten, so lachte sie vor Freude und schlug in die Hände. Zuweilen rief sie sogar einige von ihnen zu sich und küßte sie. Besonders liebte sie den kleinen Ssmuroff. Was nun den Hauptmann betrifft, so hatte der Besuch der Kinder, die in sein Haus kamen, um Iljuscha zu zerstreuen und zu erheitern, seine Seele gleich mit freudigem Entzücken erfüllt und sogar mit einer Hoffnung, Iljuscha werde nun aufhören, sich zu grämen, und vielleicht sogar schneller davon gesund werden. Oh, er zweifelte keinen Augenblick daran – trotz seiner ganzen Angst um Iljuscha –, daß sein Junge plötzlich wieder gesund werden würde. Er empfing die kleinen Gäste fast andächtig, tat für sie alles, was er konnte, bediente sie sogar und war bereit, sie auf seinem Rücken reiten zu lassen, was er dann auch ausführte; dieses Spiel gefiel aber Iljuscha nicht, und so wurde es sofort aufgegeben. Er kaufte für sie Konfekt, Pfefferkuchen, Nüsse, arrangierte ganze Teekränzchen für die Kleinen und strich ihnen selig Butterbrote. Geld hatte er während dieser ganzen Zeit übergenug. Jene zweihundert Rubel von Katerina Iwanowna hatte er genau so angenommen, wie es von Aljoscha vorausgesagt worden war. Später war Katerina Iwanowna, nachdem sie von Iljuschas Krankheit und ihren Verhältnissen Näheres gehört hatte, selbst zu ihnen gekommen, war mit der ganzen Familie bekannt geworden und hatte sogar das schwachsinnige Mamachen bezaubert. Seit der Zeit versiegten ihre Unterstützungen nicht mehr, und der Hauptmann, der in der Angst um Iljuscha seine früheren „Ehrbegriffe“ ganz vergaß, nahm das Geld gehorsam an. Doktor Herzenstube kam auf Katerina Iwanownas Ersuchen jeden zweiten Tag zu ihnen, um den Kleinen zu untersuchen, doch kam bei seinen Besuchen wenig Gescheites heraus, obgleich er ihn mit Arzeneien geradezu vollstopfte. Dafür wurde von ihnen an diesem Sonntagvormittag ein anderer Arzt erwartet, und zwar ein berühmter Professor aus Moskau. Katerina Iwanowna hatte ihn für viel Geld aus Moskau verschrieben, – doch nicht speziell für Iljuschetschka, sondern zu einem anderen Zweck, von dem weiterhin die Rede sein wird. Als er dann angekommen war, hatte sie ihn gebeten, auch Iljuscha zu besuchen, wovon der Hauptmann schon vorzeitig benachrichtigt worden war. Daß Koljä Krassotkin kommen werde, wußte er dagegen nicht und vermutete es nicht einmal, obwohl er ihn schon lange sehnsüchtig herbeiwünschte, denn er sah nur zu gut, wie sehr es Iljuscha quälte, daß gerade Koljä noch immer nicht kam. Als nun Koljä die Tür aufmachte und eintrat, standen der Hauptmann und alle Knaben dichtgedrängt an Iljuschas Bettchen und betrachteten interessiert den kleinen Bullenbeißer, den der Vater kurz vorher gebracht hatte, und der erst Sonnabend Abend auf die Welt gekommen, doch nichtsdestoweniger schon vor einer Woche gekauft worden war. Das sollte ein Ersatz sein für Shutschka, den von Iljuscha umgebrachten Hund. Iljuscha hatte schon vor drei Tagen gehört, daß er einen kleinen Hund bekommen werde, und zwar keinen gewöhnlichen, sondern einen echten Bullenbeißer (was natürlich sehr wichtig war). Nun lag er da und tat aus Zartgefühl, als freue er sich über das Geschenk, doch alle, der Vater wie die Knaben, sahen wohl, daß dieses neue Hündchen die Erinnerung an Shutschka vielleicht noch stärker in seinem Herzen hervorrief. Das kleine Hundejunge lag neben ihm auf dem Bettchen und krabbelte mit seinen dicken Beinchen; Iljuscha lächelte müde und streichelte ihn mit seiner kleinen, bleichen, abgezehrten Hand. Das kleine Tierchen gefiel ihm sogar sehr, aber... es war doch immer noch nicht Shutschka! Ja wenn man Shutschka und das Kleine zusammen gehabt hätte, dann wäre das Glück vollständig gewesen!

„Krassotkin!“ rief da einer von den Knaben, der Koljä zuerst bemerkt hatte. Alle erschraken anfänglich, die Knaben traten auseinander und blieben zu beiden Seiten des Bettchens stehen, so daß Iljuscha plötzlich Koljä erblickte. Der Hauptmann stürzte ihm sofort dienstbeflissen entgegen.

„Bitte... gefälligst... unser werter Gast!“ brachte er etwas stotternd hervor. „Iljuschetschka, Herr Krassotkin ist zu dir zum Besuch gekommen.“

Doch Krassotkin, der ihm nur eilig die Hand reichte, bewies sofort seine gute Erziehung: er wandte sich von der Tür gleich zu der Frau des Hauses, zu der gelähmten Gattin des Hauptmanns, die in ihrem großen Lehnstuhl saß und im Augenblick äußerst ungehalten darüber war, daß die Knaben so dicht Iljuschas Bett umstanden und sie somit den Hund nicht sehen konnte. Er verbeugte sich ungemein höflich vor ihr, machte einen tadellosen Kratzfuß, wandte sich darauf zu Ninotschka und grüßte auch sie, als Dame, in derselben Weise. Diese Höflichkeit machte auf die kranke Frau einen sehr angenehmen Eindruck.

„Da sieht man doch gleich, daß es ein gut erzogener junger Mann ist,“ sagte sie mit einem Kopfneigen, indem sie die Hände auseinanderführte, „denn sonst, unsere übrigen Gäste, die kommen ja einer auf dem anderen angeritten.“

„Wieso, Mamachen, wieso denn einer auf dem anderen, wie meinst du das?“ fragte zwar freundlich, aber doch etwas ängstlich und betreten der Hauptmann seine Frau.

„So, sie kommen eben hereingeritten. Draußen im Flur setzt sich der eine dem anderen auf die Schultern und kommt dann so in eine wohlerzogene Familie hereingeritten, kreuzbeinig auf dem anderen. Was ist denn das für ein Gast?“

„Aber wer denn das, Mamachen, wer ist denn so hereingekommen?“

„Dieser dort ist auf jenem hereingekommen und der andere auf jenem...“

Doch Koljä stand schon an Iljuschas Bettchen. Der Kranke erbleichte. Er richtete sich in seinem Bettchen auf und sah Koljä unbeweglich ins Gesicht. Der hatte seinen früheren, kleinen Freund schon seit zwei Monaten nicht mehr gesehen und blieb daher bei seinem Anblick ganz betroffen stehen: er hatte sich nicht denken können, daß er ein so mageres und gelbes Gesichtchen, so brennende, übernatürlich große Augen, so abgemagerte Händchen sehen werde. Mit trauriger Verwunderung bemerkte er, daß Iljuscha tief und schnell atmete, und daß seine Lippen trocken waren. Er trat auf ihn zu, reichte ihm die Hand und fragte ganz verwirrt:

„Nun, mein Freund... wie geht es dir?“ Aber seine Stimme brach ihm plötzlich ab, es fehlte ihm an Ungezwungenheit, in seinem Gesicht zuckte etwas, seine Lippen bebten. Iljuscha lächelte ihm schmerzlich zu, konnte aber kein Wort hervorbringen. Da hob Koljä plötzlich seine Hand und strich Iljuscha über das Haar.

„Tut nichts!“ flüsterte er ihm leise zu, teils um ihn zu trösten, teils... er wußte selbst nicht, warum er es sagte. Einen Augenblick schwiegen sie wieder.

„Wie, du hast einen jungen Hund?“ fragte Koljä plötzlich im gleichgültigsten Ton.

„Ja – a – a...“ antwortete Iljuscha, mit tonloser leiser Stimme, als wäre er außer Atem.

„Eine schwarze Nase hat er, das bedeutet, daß er zu den bösen, den Kettenhunden gehört,“ sagte ernst und gewichtig Koljä, als ob es sich nur um den Hund und die schwarze Nase handelte. In Wirklichkeit aber bekämpfte er immer noch sein Gefühl, um nicht wie ein „Kleiner“ in Tränen auszubrechen; er konnte sich noch immer nicht beherrschen. „Wenn der groß wird, muß er an die Kette kommen, das weiß ich.“

„Er wird riesig groß werden!“ rief einer von den Knaben aus.

„Sicher!“

„Ein Bullenbeißer, der wird so groß wie ein Kalb,“ ertönten mehrere Stimmen durcheinander.

„Wie ein Kalb, wie ein echtes Kalb!“ fuhr plötzlich der Hauptmann dazwischen, „ich habe absichtlich einen so bösen ausgesucht, den allerbösesten, auch seine Eltern sind groß und böse, ungefähr so hoch vom Fußboden... Setzen Sie sich hierher aufs Bett zu Iljuscha, oder wenn nicht dorthin, dann hier auf die Truhe. Wir bitten ergebenst, unser werter Gast... langersehnter Gast... Waren Sie mit Alexei Fedorowitsch zusammen?“

Krassotkin setzte sich aufs Bettchen zu Iljuschas Füßen. Er hatte sich unterwegs zurecht gelegt, womit er das Gespräch beginnen sollte, doch hatte er jetzt ganz den Faden verloren.

„Nein... ich bin mit Pereswonn... Ich habe jetzt einen Hund, Pereswonn. Ein slawischer Name. Er wartet dort... wenn ich pfeife, stürzt er sofort herein. Ich habe nämlich auch einen Hund,“ – er wandte sich hastig zu Iljuscha – „erinnerst du dich noch Shutschkas, Freund?“ platzte er plötzlich mit der Frage heraus, die dem Kranken wie Feuer durch Mark und Bein fuhr.

Iljuschas Gesichtchen verzog sich. Gequält sah er Koljä in die Augen. Aljoscha, der an der Tür stand, runzelte die Stirn und wollte Koljä abwinken, daß er nicht von Shutschka sprechen solle, aber der bemerkte es nicht oder wollte es nicht bemerken.

„Wo ist... Shutschka?“ fragte Iljuscha mit versagender Stimme.

„Nun, Bruder, dein Shutschka ist perdu! Der ist nicht mehr zu finden.“

Iljuscha schwieg, doch sah er noch einmal Koljä lange und unverwandt an. Aljoscha erhaschte einen Blick von Koljä und winkte ihm aus allen Kräften ab, der wandte sich aber wieder zurück und gab sich den Anschein, als hätte er nichts bemerkt.

„Fortgelaufen ist er und umgekommen. Wie sollte er auch nicht nach einem solchen Frühstück umkommen,“ sagte Koljä schneidend und unbarmherzig, indessen schien ihm aber doch die Stimme nicht recht zu gehorchen. „Dafür habe ich Pereswonn... Ein altslawischer Name... Ich habe ihn mitgebracht, ich werde ihn dir zeigen...“

„Ist nicht nötig!“ unterbrach ihn plötzlich Iljuschetschka.

„Nein, nein, du mußt ihn durchaus sehen... Er wird dich zerstreuen. Ich habe ihn absichtlich hergebracht... er ist ebenso langhaarig wie jener... Erlauben Sie, gnädige Frau, meinen Hund hereinzurufen?“ wandte er sich plötzlich an Frau Ssnegireff in großer Aufregung.

„Nicht, nicht!“ rief Iljuscha mit trauriger Stimme aus. Vorwurfsvoll blickten seine Augen.

„Würden Sie vielleicht...“ der Hauptmann stürzte von der Kiste, auf der er an der Wand gesessen hatte, vor. „Sie würden vielleicht... zu einer anderen Zeit...“ stotterte er, aber Koljä, der auf dem Seinen bestand, ließ sich nicht mehr aufhalten und rief Ssmuroff zu: „Ssmuroff, öffne die Tür!“ und wie der sie geöffnet hatte, pfiff er einmal kurz dem Hunde, und Pereswonn stürzte ins Zimmer.

„Hopp, Pereswonn, mach den Diener, den Diener!“ schrie Koljä, erhob sich und zog den Hund, der auf den Hinterbeinen aufrecht stand, an Iljuschas Bett heran. Da ereignete sich aber etwas ganz Unerwartetes: Iljuscha zuckte zusammen und beugte sich mit dem ganzen Körper vor, beugte sich über Pereswonn und sah ihn wie erstarrt an:

„Das ist ja... Shutschka!“ rief er plötzlich mit vor Freude und Leid zitterndem Stimmchen aus.

„Und was glaubtest du denn?“ rief Krassotkin mit lauter Stimme, beugte sich zum Hunde nieder, ergriff ihn und hob ihn zu Iljuscha aufs Bett.

„Sieh, Freund, sieh, dieses Auge fehlt, und hier das linke Ohr ist eingerissen, genau die Merkmale, die du mir angegeben hast. Nach diesen Merkmalen habe ich ihn denn auch gefunden. Gleich damals, so schnell wie möglich. Er gehörte ja niemandem, er war ja herrenlos!“ erklärte er, sich an den Hauptmann, an seine Frau, an Aljoscha wendend, und dann fuhr er wieder zu Iljuscha fort, – „er war bei Fedotoffs auf dem Hinterhof, er hoffte wohl da was abzukriegen, die fütterten ihn aber nicht, ein Landstreicher ist er ja, einer aus dem Dorf... So habe ich ihn aufgefunden... Siehst du, Freund, er hat damals dein Stück nicht hinuntergeschluckt. Denn wenn er es verschluckt hätte, dann wäre er ja doch sicher krepiert, sicherlich! Er muß es folglich zur rechten Zeit noch ausgespien haben, denn er lebt ja noch. Du hast es nur nicht bemerkt, wie er es ausspie. Ausgespien hat er es, die Stecknadel wird aber seine Zunge gestochen haben, darum hat er denn auch so gewinselt. Und du dachtest, daß er es ganz hinuntergeschluckt hätte. Er wird ja schon furchtbar gewinselt haben, das glaube ich, denn bei Hunden ist die Haut im Maule sehr zart... zarter als beim Menschen, viel zarter!“ bestand Koljä eifrig darauf, mit heißem und vor Begeisterung strahlendem Gesicht.

Iljuscha konnte kein Wort hervorbringen. Er starrte mit seinen großen und erschrocken aufgerissenen Augen, mit offenem Munde und bleich wie ein Handtuch Koljä an. Wenn der harmlose Krassotkin nur gewußt hätte, wie gefährlich eine solche Aufregung auf die Gesundheit des kranken Knaben wirken mußte, so hätte er sich niemals zu einem solchen Stückchen entschlossen, wie er es jetzt aufführte. Doch von allen Anwesenden im Zimmer verstand dies nur Aljoscha. Der Hauptmann dagegen verwandelte sich ganz und gar in einen kleinen Knaben.

„Shutschka! Also das ist Shutschka?“ rief er mit seliger Stimme. „Iljuschetschka, das ist ja Shutschka, dein Shutschka! Mamachen, das ist ja Shutschka!“ Er fing beinahe an zu weinen.

„Und ich habe das nicht erraten können!“ rief Ssmuroff bekümmert. „Das ist wieder ganz Krassotkin! Ich sagte ja, daß er ihn finden wird, und da hat er ihn nun auch wirklich gefunden!“

„Da hat er ihn nun auch wirklich gefunden!“ wiederholte ein anderer freudig.

„Feiner Kerl, Krassotkin!“ rief ein Dritter.

„Feiner Kerl, feiner Kerl!“ riefen die Jungen jetzt alle und wollten schon applaudieren.

„Wartet, wartet!“ versuchte Krassotkin sie zu überschreien, „ich werde euch erzählen, wie es geschah! Die Sache war nämlich so und nicht anders! Ich habe ihn aufgesucht, zu mir gebracht, versteckt und einfach eingeschlossen und ihn bis auf den letzten Tag niemand gezeigt. Nur Ssmuroff allein sah ihn vor zwei Wochen, aber ich versicherte ihm, daß es Pereswonn sei, und so hat er ihn nicht erkannt. In der Zwischenzeit brachte ich ihm aber alle diese Stückchen bei; seht nur, seht nur, was er alles kann! Ich habe ihn das alles gelehrt, um ihn dir, Freund, so gut abgerichtet zu bringen. Sieh nur, Freund, wie dein Shutschka jetzt ist! Habt ihr hier nicht ein Stückchen Fleisch, er wird euch gleich ein Stückchen vormachen, daß ihr vor Lachen umfallt. – Fleisch, ein Stückchen, ist hier wirklich keines zu haben?“

Der Hauptmann stürzte durch den Flur in die Stube der Wirtsleute, wo man das Essen kochte. Koljä aber beeilte sich, um nicht seine teure Zeit zu verlieren, Pereswonn den Befehl zu geben: „Stirb!“ Der drehte sich plötzlich auf den Rücken um, streckte alle Viere in die Luft und lag unbeweglich. Die Jungen lachten, Iljuscha sah mit seinem traurigen Lächeln auf den Hund, doch am meisten von allen gefiel es dem „Mamachen“, daß Pereswonn gestorben war. Sie lachte von Herzen darüber und rief dem Hunde schmeichelnd zu:

„Pereswonn, Pereswonn!“

„Er wird sich nicht erheben, er wird sich nicht erheben!“ rief Koljä überzeugt und stolz, „wenn auch die ganze Welt ihn rufen würde. Ich aber brauche ihn nur einmal zu rufen, und sofort wird er aufspringen! Ici, Pereswonn!“

Der Hund sprang auf, sprang an ihm empor und heulte vor Freude. Der Hauptmann kam mit einem gekochten Stück Rindfleisch herbeigestürzt.

„Ist es nicht zu heiß?“ fragte geschäftig und vorsorglich Koljä, der das Stück an sich nahm. „Nein, es ist nicht heiß, Hunde lieben ja sonst nichts Heißes. Sehen Sie alle... Iljuschetschka, sieh, so sieh doch, Freund, warum siehst du nicht? Ich habe ihn ihm gebracht, und nun will er nicht sehen!“

Das neue Kunststück bestand darin, daß dem unbeweglich dastehenden Hunde das Stück Fleisch gerade auf die Nase gelegt wurde. Das arme Tier mußte mit dem Stück Fleisch auf der Nase unbeweglich dastehen, wie sein Herr ihm befohlen hatte. Doch Pereswonn hatte nur eine kleine Minute lang auszuhalten.

„Pill!“ rief Koljä, und das Stück flog im Nu von der Schnauze ins Maul.

Das Publikum drückte natürlich begeistert seine Verwunderung darüber aus.

„Und sind Sie wirklich, sind Sie wirklich nur darum die ganze Zeit nicht gekommen, weil Sie den Hund dressieren wollten?“ rief Aljoscha vorwurfsvoll aus.

„Gerade darum!“ gestand Koljä gutmütig ein. „Ich wollte ihn in seinem Glanze zeigen.“

„Pereswonn! Pereswonn!“ rief Iljuscha dem Hunde schmeichelnd zu und schnippte mit seinen abgemagerten Fingerchen, wie man es zu tun pflegt, wenn man einen Hund zu sich heranlocken will.

„Was rufst du ihn! Er soll sofort zu dir ins Bett springen. Ici, Pereswonn!“ Koljä schlug mit der flachen Hand aufs Bett.

Und Pereswonn flog wie ein Pfeil aufs Bett zu Iljuscha. Dieser umarmte seinen Kopf mit beiden Armen, und Pereswonn leckte ihm sofort die Wange. Iljuschetschka preßte ihn an sich und versteckte sein Gesicht vor den anderen im langhaarigen Fell des Hundes.

„Mein Gott, mein Gott!“ murmelte der Hauptmann.

Koljä setzte sich wieder auf das Bett zu Iljuscha.

„Iljuscha, ich kann dir noch etwas zeigen. Ich habe dir die kleine Kanone gebracht. Erinnerst du dich noch, wie ich dir von dieser kleinen Kanone erzählte, und du ausriefst: ‚Ach, wenn ich sie doch auch sehen könnte!‘ Nun, jetzt habe ich sie dir gebracht.“

Koljä zog aus seiner Büchertasche die kleine Kanone hervor, die er auch schon den Knirpsen gezeigt hatte. Er beeilte sich sehr dabei, weil er selbst so glücklich war: Zu einer anderen Zeit würde er gewartet haben, bis der effektvolle Eindruck, den soeben Pereswonn gemacht hatte, etwas nachgelassen hätte, jetzt aber beeilte er sich, denn: „Wenn sie das so glücklich macht, so gebe ich ihnen noch mehr Glück!“ dachte er, selbst ganz trunken vor Seligkeit.

„Dieses Ding habe ich schon lange beim Beamten Morosoff gesehen, und jetzt habe ich es ihm abgenommen, – für dich, Freund, für dich! Das Ding stand bei ihm so da, ohne daß er sich etwas aus ihm machte. Er hatte es vom Bruder bekommen. Ich habe es gegen ein Buch aus Papas Schrank: ‚Der Verwandte Mohammeds oder die heilende Dummheit‘, eingetauscht. Hundert Jahre alt ist das Buch, in Moskau ist es erschienen, als es noch keine Zensur gab. Morosoff ist aber ein Liebhaber solcher Sachen. Er dankte mir noch...“

Koljä hielt die kleine Kanone hoch, damit alle sie sehen konnten. Iljuscha richtete sich im Bett auf und betrachtete, den rechten Arm um den Hals Pereswonns geschlungen, ganz entzückt das Spielzeug. Doch der Effekt erreichte den höchsten Grad, als Koljä erklärte, daß er auch Pulver bei sich habe, und daß man sofort aus ihr schießen könne, wenn nur die Damen nichts dagegen hätten. „Mamachen“ verlangte natürlich, man möge ihr das Spielzeug näher zu betrachten geben, was sofort erfüllt wurde. Die kleine Kanone auf den blanken Rädern gefiel ihr ungeheuer, und sie rollte sie auf ihren Knien hin und her. Auf die Frage, ob sie zu schießen erlaube, gab sie sofort ihre Einwilligung, ohne übrigens zu begreifen, um was es sich handelte. Koljä zeigte das Pulver und das Schrot. Der Hauptmann übernahm, als früherer Offizier, das Laden und schüttete nur eine ganz kleine Portion Pulver in die Kanone; das Schrot bat er für ein anderes Mal aufzubewahren. Die Kanone wurde auf den Fußboden gestellt und auf eine leere Wand gerichtet, darauf stopfte man ins Zündloch drei kleine Pulverkörner und zündete sie mit einem Streichhölzchen an. Es erfolgte ein glänzender Schuß. „Mamachen“ zuckte zusammen, lachte aber sogleich auf vor Freude. Die Knaben hatten mit stummem Entzücken zugeschaut, doch am seligsten von allen war der Hauptmann: Das mußte doch seinem Iljuscha Freude bereiten! Koljä nahm die Kanone und schenkte sie unverzüglich Iljuscha, zusammen mit dem Pulver und Schrot.

„Das ist für dich, für dich!“ wiederholte er in seiner Glückseligkeit.

„Ach, schenken Sie sie mir! Nein, schenken Sie die kleine Kanone lieber mir!“ bat Mamachen plötzlich wie ein kleines Kind.

Ihr Gesicht drückte ängstliche Unruhe aus, in der Furcht, daß man sie ihr nicht schenken würde. Koljä war ganz verwirrt. Der Hauptmann wurde unruhig.

„Mamachen, Mamachen,“ rief er zu ihr laufend, „die Kanone gehört dir, dir, aber wir lassen sie nur bei Iljuscha, denn man hat sie ihm geschenkt, doch sonst wird sie dir gehören. Iljuscha wird sie dir zum Spielen geben, sie wird euch beiden zusammen gehören, beiden...“

„Nein, ich will nicht zusammen, nein, mir soll sie gehören und nicht Iljuscha!“ bestand Mamachen auf ihrem Willen und wollte schon zu weinen anfangen.

„Mama, nimm sie für dich, nimm sie, Mama!“ rief plötzlich Iljuscha. „Krassotkin, kann ich sie meiner Mama schenken?“ wandte er sich mit bittender Miene zu Krassotkin, da er fürchtete, daß jener beleidigt sein würde, wenn er dessen Geschenk anderen gab.

„Gewiß kannst du das!“ willigte Krassotkin sofort ein, nahm die Kanone aus Iljuschas Hand und überreichte sie selbst mit der höflichsten Verbeugung dem Mamachen.

Die weinte fast vor Rührung.

„Iljuschetschka, mein Liebling, da sieht man, wer sein Mamachen liebt!“ sagte sie gerührt, und sie begann sofort wieder die Kanone auf ihren Knien hin-und herzurollen.

„Mamachen, erlaube, daß ich dir die Hand küsse!“ Ihr Gemahl lief wieder zu ihr hin und führte sofort seine Absicht aus.

„Und wer noch ein lieber junger Mann ist, das ist dieser gute Junge da!“ sagte Mamachen, auf Krassotkin weisend.

„Pulver werde ich dir soviel wie du nur willst bringen, Iljuscha. Wir machen jetzt selbst Pulver. Borowikoff weiß die Mischung: Vierundzwanzig Teile Salpeter, zehn Teile Schwefel und sechs Teile Birkenkohle, alles zusammen gemischt und gestoßen, Wasser hinzugefügt, ein weicher Teig daraus gemacht, zwischen Leder gerieben – und dann hat man das Pulver!“

„Mir hat Ssmuroff von eurem Pulver schon erzählt, aber Papa sagt, es sei kein wirkliches Pulver,“ antwortete Iljuscha.

„Wie denn, nicht wirkliches?“ Koljä errötete. „Es brennt doch. Ich weiß übrigens nicht...“

„Nein, ich meinte nur so,“ wandte der Hauptmann ganz schuldbewußt ein. „Es ist wahr, ich habe gesagt, daß das echte Pulver nicht so zubereitet wird, doch das will nichts sagen, man kann auch so...“

„Ich weiß es nicht, Sie müssen es besser wissen. Wir haben es in einem steinernen Pomadentopf angebrannt, es brannte vorzüglich, es brannte ganz ab, nur ein wenig Ruß blieb nach. Es war ja nur eine weiche Masse, wenn man die aber durchs Fell reibt... Übrigens, Sie wissen es besser, ich weiß es nicht... Aber den Bulkin hat sein Vater des Pulvers wegen durchgedroschen, hast du das schon gehört?“ wandte er sich wieder an Iljuscha.

„Ja, ich habe davon gehört,“ antwortete Iljuscha. Er hatte mit unendlichem Interesse und mit Entzücken Koljä zugehört.

„Wir hatten eine ganze Flasche Pulver zubereitet, und er hielt sie unter seinem Bett versteckt. Der Vater hatte es aber bemerkt. ‚Damit kannst du uns ja alle in die Luft sprengen,‘ hat er gesagt und ihn sofort durchgeprügelt. Und er soll sogar die Absicht gehabt haben, sich beim Gymnasialdirektor über mich zu beschweren... Jetzt darf sein Sohn nicht mehr mit mir verkehren, jetzt darf niemand mehr mit mir verkehren. Auch Ssmuroff darf es nicht, bei allen bin ich verschrien, – man sagt, ich sei ein ‚Tollkühner‘.“ Koljä lächelte geringschätzig. „Das kommt alles von der Eisenbahnaffäre.“

„Ach ja, auch wir haben von Ihrem Stückchen gehört!“ fiel sofort der Hauptmann ein. „Wie haben Sie nur dort unten gelegen? Hatten Sie denn wirklich gar keine Angst, unter dem Eisenbahnzuge zu liegen? War es denn nicht furchtbar?“

Der Hauptmann versuchte, sich bei Koljä einzuschmeicheln.

„Nicht besonders,“ erwiderte Koljä nachlässig. „Meinen Ruhm hat mir nur diese verfluchte Geschichte mit der Gans verdorben,“ sagte er zu Iljuscha gewandt. Doch wie sehr er sich auch anstrengte, sich gleichmütig zu stellen, so konnte er sich doch nicht beherrschen und fiel immer wieder aus dem Ton.

„Ach ja, von der Gans habe ich auch gehört!“ rief Iljuscha lachend und über das ganze Gesicht strahlend. „Man hat mir davon erzählt, aber wie war es denn, ich habe nicht recht verstanden: bist du wirklich vom Richter verurteilt worden?“

„Es war eine nichtssagende Lappalie, ein dummer Scherz, aus dem man wieder einmal einen Elefanten gemacht hat,“ begann Koljä aufgeräumt. „Ich ging nämlich einmal hier über den Marktplatz, als gerade Gänse angetrieben wurden. Ich bleibe also stehen und betrachte sie. Da bemerke ich, daß neben mir ein Bursche steht, Wischnjäkoff – er ist jetzt Laufbursche bei Plotnikoffs – ja, daß er neben mir steht und mich ansieht. Und plötzlich fragt er mich: ‚Warum siehst du denn so auf die Gänse?‘ Ich blickte ihn an: eine dumme runde Fratze, der Kerl ist etwa zwanzig Jahre alt. Ich, wissen Sie, lehne das Volk nie ab. Ich habe es gern, mit dem Volke... Jedenfalls sind wir zurückgeblieben im Vergleich zum Volke – das ist ein Axiom. Sie belieben zu lächeln, Karamasoff?“

„Gott bewahre! Ich bin ganz Ohr!“ antwortete Aljoscha mit der offenherzigsten Miene, und der argwöhnische Koljä beruhigte sich.

„Meine Theorie, Karamasoff, ist klar, und einfach,“ fuhr er wieder aufgeräumt fort. „Ich glaube an das Volk und bin immer bereit, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ohne es dabei im geringsten zu beschönigen, das ist sine qua... Ja, richtig, ich erzählte ja von der Gans. Ich wende mich also an diesen Dummkopf und antworte ihm: ‚Ich denke darüber nach, was die Gans sich jetzt wohl denken mag.‘ Er sieht mich völlig blödsinnig an. ‚Was kann sich denn eine Gans denken?‘ fragt er. – ‚Nun, sieh mal,‘ sage ich, ‚dort steht eine Fuhre mit Hafer. Aus dem einen Sack fallen die Haferkörner heraus, und die Gans streckt den Hals genau vor dem Rade, ganz unten, nach den Körnern aus – siehst du sie?‘ – ‚Jawohl,‘ sagt er. – ‚Nun also,‘ sage ich, ‚wenn man nun den Wagen ein ganz klein wenig vorrückte – wird dann das Rad der Gans den Hals abschneiden oder nicht?‘ – ‚Selbstverständlich wird es ihn abschneiden,‘ sagt er und grinst übers ganze Maul, zerschmilzt einfach vor Wonne. – ‚Nun, dann los, Junge!‘ sage ich. – ‚Los!‘ sagt er. Wir brauchen uns nicht viel anzustrengen; er stellte sich ganz unauffällig an den Pferdekopf, ich zur Seite, um die Gans richtig hinzusteuern. Der Bauer aber gähnte und sprach mit einem anderen, so daß ich schließlich nichts zu dirigieren hatte: Die Gans streckte ganz von selbst den Hals wieder nach den Haferkörnern aus, genau vor dem Rade. Ich zwinkerte dem Burschen zu, er zog unmerklich ein wenig den Zaum und – kr – rack, fährt das Rad der Gans über den Hals. Natürlich mitten durch. Und da mußte es der Zufall gerade so fügen, daß im selben Augenblick alle auf uns sahen. Da war denn das Geschrei groß: ‚Das hat er absichtlich so gemacht!‘ – ‚Nein, ich habe es nicht absichtlich getan!‘ sagt der Bursch. Nun, versteht sich: ‚Zum Friedensrichter!‘ schreien sie. Auch ich wurde gepackt. – ‚Auch du warst dabei,‘ heißt es, ‚du bist der Anstifter, dich kennt ja schon der ganze Markt!‘ Mich kennt nämlich tatsächlich der ganze Markt,“ fügte Koljä selbstgefällig hinzu. „So pilgerten wir denn, alle Mann hoch, zum Friedensrichter. Auch der Leichnam unseres Opfers, die Gans, wurde mitgeschleppt. Meinem Burschen aber fiel mittlerweile das Herz in die Hosen. Er weint – weint wie ein altes Weib. Wir kamen also richtig beim Friedensrichter an. Der Viehhändler schreit: ‚Auf diese Weise kann man sie – d. h. die Gänse – ja alle um einen Kopf kürzer machen!‘ Nun, versteht sich, zuerst das Zeugenverhör. Der Friedensrichter erledigte die Sache sofort: Für die Gans dem Viehhändler einen Rubel zu zahlen, die Gans aber mag der Bursche behalten. Und daß man hinfort sich solche Scherze nicht mehr erlaube! Der Bursche aber weint immer noch wie ein altes Weib und jammert: ‚Das war nicht ich, ich bin ganz unschuldig, er hat mich dazu verleitet!‘ und will die ganze Schuld auf mich abwälzen. Ich antwortete mit voller Kaltblütigkeit, daß ich ihn zu nichts verleitet habe, daß ich nur den Grundgedanken gegeben und es bloß so als Plan ausgeheckt habe. Der Friedensrichter Nefedoff lächelte und ärgerte sich natürlich sofort darüber, daß er gelächelt hatte. ‚Ich werde Sie,‘ sagt er zu mir, ‚sofort bei Ihrem Schuldirektor anzeigen, damit es Sie weiterhin nicht mehr gelüstet, ähnliche Pläne zu machen, statt hinter den Schulbüchern zu sitzen.‘ Das hat er nun nicht getan, aber die Geschichte hat sich doch allmählich verbreitet und ist dann auf diese Weise unserer Schulobrigkeit zu Ohren gekommen – man hat dort bekanntlich sehr lange Ohren! Am meisten hat sich unser ‚Klassiker‘ Kolbassnikoff darüber empört, aber Dardaneloff ist wiederum für mich eingetreten. Dafür ist nun Kolbassnikoff wütend wie ein grüner Esel. Du, Iljuscha, du weißt doch schon, daß er sich verheiratet hat? Er hat von Michailoffs tausend Rubel Mitgift bekommen, die Braut aber hat einen Rüssel, sage ich dir, na, prima Qualität und in höchster Potenz. Die Quintaner haben denn auch sofort ein Epigramm verfaßt:

Es ging die Nachricht von Mund zu Mund:
‚Kolbassnikoff hat sich verlobt!‘
Ganz Quinta ward aber sprachlos zur Stund...

und so weiter, – furchtbar komisch! Ich werde es dir einmal bringen. Gegen Dardaneloff aber habe ich nichts: Es ist ein Mensch mit Kenntnissen, mit reellen Kenntnissen. Solche Leute achte ich... Das hat natürlich nichts damit zu tun, daß er mich verteidigt hat...“

„Aber du hast ihm doch mit der Frage, wer Troja gegründet habe, ein Bein gestellt!“ bemerkte plötzlich Ssmuroff, der in diesem Augenblick auf seinen „Freund Krassotkin“ ungemein stolz war. Die Gänsegeschichte hatte ihm gar zu sehr gefallen.

„Wirklich? So ist es also wahr?“ griff sofort der Hauptmann dieses Thema auf. „Mit der Frage, wer Troja gegründet hat? Auch ich habe schon davon gehört, wie Sie ihm damit ein Bein gestellt haben. Iljuscha hat es mir damals erzählt...“

„Er weiß alles, Papa, er weiß am meisten von uns allen!“ fiel nun auch Iljuscha stolz und freudig ein, „er tut nur so, als ob er so einer wäre, aber er ist doch bei uns in allen Fächern der erste...“

Iljuscha blickte Koljä in grenzenlosem Glück selig lächelnd an.

„Ach, das von Troja ist doch nur Unsinn, nur ein Scherz. Ich halte diese Frage selbst für müßig,“ meinte Koljä mit stolzer Bescheidenheit.

Es war ihm inzwischen gelungen, in den richtigen Ton hineinzukommen, doch war er trotzdem etwas unruhig: Er fühlte, daß er sehr aufgeregt war und von der Gans z. B. schon gar zu lebhaft erzählt hatte. Aljoscha aber hatte während der ganzen Erzählung geschwiegen und war unerschütterlich ernst. Das nagte nun dem selbstgefälligen Knaben am Herzen. „Oder sollte er vielleicht deswegen schweigen,“ fragte er sich, „weil er mich verachtet und bei sich denkt, daß ich von ihm gelobt werden will? In dem Falle, wenn er es wagt, so etwas zu denken, werde ich...“

„Ja, ich halte diese Frage für unbedingt müßig,“ sagte er nochmals und brach stolz ab.

„Ich weiß aber, wer Troja gegründet hat,“ sagte plötzlich ganz unerwartet ein kleiner Knabe, der bis dahin noch kein Wort gesprochen hatte, überhaupt schweigsam und ersichtlich schüchtern war. Er sah sehr nett aus und schien etwa elf Jahre alt zu sein. Er hieß Kartascheff.

Koljä blickte sich verwundert und wichtig nach dem Kleinen, der bei der Tür saß, um. Die Sache war nämlich die, daß die Frage, wer nun eigentlich Troja gegründet hatte, für alle Schüler zu einem interessanten Problem geworden war. Um die Namen der Gründer zu erfahren, mußte man im Ssmaragdoff nachlesen. Den aber besaß außer Koljä niemand. Nun hatte der kleine Kartascheff, während Koljä mit anderem beschäftigt gewesen war, flugs den Ssmaragdoff, der zwischen seinen Schulbüchern gelegen hatte, aufgeschlagen und zufällig gerade die Stelle gefunden, die von der Gründung Trojas handelte. Das war schon vor verhältnismäßig ziemlich langer Zeit geschehen, aber er hatte sich immer gescheut und geschämt, den anderen Jungen zu sagen, daß er es gleichfalls wußte, und teilweise fürchtete er sich auch, da daraus leicht etwas entstehen oder Koljä ihn in Verlegenheit bringen konnte. Nun aber hatte er plötzlich nicht an sich halten können und doch gesagt, was er schon lange hatte sagen wollen.

„Na, wer denn?“ fragte Koljä von oben herab, da er dem Kleinen am Gesicht ansah, daß jener es in der Tat wußte, und er bereitete sich natürlich sofort auf die Folgen vor. In die allgemeine Stimmung war plötzlich ein Mißton gekommen.

„Troja gründeten Teukros, Dardanos, Illys und Tros,“ sagte der Junge laut, langsam und deutlich, und kaum hatte er es ausgesprochen, als er auch schon errötete – und zwar so errötete, daß er einem leidtat, wenn man ihn ansah. Die Augen aller Knaben waren unverwandt auf ihn gerichtet, etwa eine Minute lang, und dann plötzlich wandten sich aller Blicke von ihm auf Koljä. Der blickte immer noch mit verächtlicher Kaltblütigkeit auf den Kleinen.

„Das heißt, wie haben sie denn gegründet?“ geruhte er endlich zu fragen. „Und was heißt das überhaupt, eine Stadt oder ein Reich gründen? Sind sie etwa hingekommen und haben sie dann jeder einen Ziegelstein hingelegt, wie?“

Man lachte. Der schuldbewußte Kleine wurde noch röter, purpurrot. Er schwieg und war dem Weinen nahe. Koljä aber erbarmte sich seiner nicht so schnell.

„Um über solche historische Ereignisse, wie die Gründung einer Nation, reden zu können, muß man sich zuerst darüber klar werden, was das eigentlich heißt,“ sagte er streng zur Belehrung. „Übrigens messe ich diesen Altweibergeschichten keinerlei Bedeutung bei, und überhaupt achte ich die Allgemeine Geschichte nicht sonderlich,“ fügte er nachlässig hinzu, diesmal wieder zu allen gewandt.

„Wie, die Allgemeine Geschichte?“ erkundigte sich der Hauptmann fast entsetzt.

„Ja, die sogenannte Allgemeine Geschichte – das ist doch nur die Erlernung einer ganzen Reihe von menschlichen Dummheiten und weiter nichts. Achtung habe ich nur vor der Mathematik und den Naturwissenschaften,“ sagte Koljä majestätisch, indem er flüchtig zu Aljoscha hinüberblickte: es war ja nur dessen Meinung, die er hier fürchtete.

Aljoscha jedoch schwieg die ganze Zeit über und war nach wie vor vollkommen ernst. Hätte er etwas dagegen gesagt, so wäre es dabei geblieben, er aber schwieg, und dies konnte sehr wohl aus Verachtung geschehen. Der Gedanke an diese Möglichkeit machte Koljä geradezu wild.

„Und dann überhaupt – die klassischen Sprachen, zum Beispiel. Das ist doch absolut nichts anderes als Blödsinn... Sie scheinen wieder nicht mit mir übereinzustimmen, Karamasoff?“

„Nein,“ sagte Aljoscha mit zurückhaltendem Lächeln.

„Die klassischen Sprachen sind, wenn Sie meine ganze Meinung darüber wissen wollen, eine polizeiliche Maßregel, und das ist der einzige Zweck, zu dem sie eingeführt sind!“ Koljä geriet allmählich wieder in Hitze. „Sie sind eingeführt, weil sie langweilig sind und die Fähigkeiten abstumpfen. Es war langweilig, wie sollte man es nun noch langweiliger machen? Es war sinnlos, wie sollte man es nun noch sinnloser machen? Und da dachte man sich denn die klassischen Sprachen aus. Das ist meine Meinung über die klassischen Sprachen, und ich hoffe, daß ich sie nie ändern werde,“ schloß Koljä schroff.

Auf seinen Wangen zeichneten sich zwei rote Flecke ab.

„Das ist wahr,“ sagte plötzlich der kleine Ssmuroff, der aufmerksam zugehört hatte, mit heller und überzeugter Kinderstimme.

„Und selbst ist er der Erste im Lateinischen!“ rief plötzlich ein anderer Knabe laut.

„Ja, Papa, er sagt das so, aber selbst ist er im Lateinischen der Erste in der Klasse,“ sagte gleich darauf auch Iljuschetschka.

„Was ist denn dabei?“ Koljä fand es für nötig, sich zu rechtfertigen, obgleich ihm das Lob nicht unangenehm war. „Ich lerne Latein, weil man es muß, weil ich meiner Mutter versprochen habe, das Gymnasium zu absolvieren. Und meiner Meinung nach muß man das, was man einmal tut, dann auch gründlich tun. Im Herzen aber verachte ich tief den Klassizismus und diese ganze Gemeinheit... Sind Sie nicht mit mir einverstanden, Karamasoff?“

„Aber warum soll das denn eine ‚Gemeinheit‘ sein?“ fragte Aljoscha und lächelte wieder.

„Aber ich bitte Sie! Sämtliche Klassiker sind doch in alle Sprachen übersetzt, folglich brauchen wir ja nicht zur Erlernung der Klassiker Latein – sondern... wegen der polizeilichen Maßregel, die darin liegt, d. h. zur Gewöhnung an das ‚du mußt, wenn du auch nicht weißt, warum und wozu‘. Und dann vor allem zur Abstumpfung der Fähigkeiten. Wie gesagt. Und das soll nun keine Gemeinheit sein?“

„Wer hat Ihnen denn das alles eingeredet?“ fragte Aljoscha verwundert.

„Erstens kann ich sehr wohl selbst darüber urteilen, ohne daß ich mir etwas einreden lasse, und zweitens, wissen Sie, hat dasselbe, was ich Ihnen soeben von den übersetzten Klassikern sagte, auch der Lehrer Kolbassnikoff in der Quinta gesagt...“

„Der fremde Professor ist angekommen!“ sagte plötzlich Ninotschka, die die ganze Zeit geschwiegen hatte.

An der Hofpforte hielt Frau Chochlakoffs Equipage. Der Hauptmann, der den berühmten Arzt schon seit dem Morgen erwartet hatte, stürzte Hals über Kopf hinaus. Das Mamachen richtete sich auf und nahm eine feierliche Miene an. Aljoscha trat an Iljuschas Bettchen und versuchte die Kissen ein wenig zu ordnen. Die Knaben verabschiedeten sich eilig, einige von ihnen versprachen noch, am Abend wiederzukommen. Koljä rief seinen Pereswonn, und der sprang mit einem Satz vom Bett herab.

„Ich gehe noch nicht fort, ich bleibe noch hier!“ flüsterte Koljä eilig Iljuscha zu. „Ich werde im Flur warten und dann wiederkommen, wenn der Professor fortgefahren ist, mit Pereswonn wiederkommen.“

Da trat aber der Professor bereits herein – eine imposante Erscheinung im Bärenpelz mit langem, dunklem Backenbart und glänzendem rasiertem Kinn. Nachdem er über die Schwelle getreten war, blieb er zuerst ganz verdutzt stehen: Wahrscheinlich glaubte er, sich in der Tür versehen zu haben.

„Was soll denn das bedeuten? Wo bin ich denn hier hineingeraten?“ brummte er in den Bart. Er stand verständnislos an der Tür, ohne den Pelz abzuwerfen oder seine Seebärmütze, deren Schirm gleichfalls mit Seebärfell überzogen war, abzunehmen. Die vielen Menschen, die Ärmlichkeit der Stube, die in der Ecke auf einer Schnur hängende Wäsche verstimmten und befremdeten ihn sichtlich. Der Hauptmann bog sich vor ihm das Rückgrat krumm.

„Sie sind hier, hier bei uns,“ stotterte er untertänig, „hier, jawohl, bei uns, zu denen Sie...“

„Ssnegireff?“ fragte der Professor laut und wichtig. „Herr Ssnegireff – sind Sie das?“

„Ja, ich!“

„Ah!“

Der Professor blickte sich noch einmal angeekelt im Zimmer um und warf dann seinen Pelz ab. An seinem Halse blitzte ein bedeutender Orden, der allen sofort in die Augen stach. Der Hauptmann fing den Pelz auf, und der Professor nahm die Mütze ab.

„Wo ist denn hier der Patient?“ fragte er laut und wichtig.

VI — Frühe Entwicklung

„Was meinen Sie, was wird ihm der Professor sagen?“ fragte Koljä hastig. „Aber was für eine widerliche Fratze der Kerl hat, finden Sie nicht auch? Ich kann die Medizin mit allem Drum und Dran nicht ausstehen!“

„Iljuscha wird sterben. Das ist, glaube ich, so gut wie sicher,“ antwortete Aljoscha niedergeschlagen.

„Die Kanaillen! Diese Mediziner taugen alle nichts! Aber es freut mich ungemein, Karamasoff, daß ich Sie kennen gelernt habe. Ich wollte schon lange Ihre Bekanntschaft machen. Schade nur, daß wir uns unter so traurigen Umständen getroffen haben...“

Koljä wollte gern etwas noch Wärmeres, Herzlicheres sagen, aber er war wie unter einem Druck. Aljoscha bemerkte dies wohl, lächelte und drückte ihm die Hand.

„Ich habe schon längst gelernt, in Ihnen ein seltenes Wesen zu verehren,“ sagte Koljä verwirrt und erregt. „Ich weiß, Sie sind ein Mystiker und haben im Kloster gelebt. Ich weiß, daß Sie ein Mystiker sind, aber... das hält mich weiter nicht ab... Ich denke, die Berührung mit der Wirklichkeit wird Sie schon heilen... Mit Naturen, wie die Ihrige, ist es ja immer so.“

„Wen nennen Sie einen Mystiker? Wovon heilen?“ fragte Aljoscha ein wenig verwundert.

„Nun so, ich meine Gott und das übrige.“

„Wie, glauben Sie denn etwa nicht an Gott?“

„Im Gegenteil, ich habe nichts gegen ihn. Gott ist natürlich nur eine Hypothese... aber... ich gebe ja vollkommen zu, daß er nötig ist... zur Ordnung... zur Erhaltung der Weltordnung und so weiter... – wenn es Gott nicht gäbe, so müßte man ihn sich ausdenken,“ fügte Koljä noch hinzu, während ihm das Blut schon in die Wangen stieg.

Ihn hatte plötzlich der Gedanke durchzuckt, Aljoscha könnte jetzt denken, daß er seine Kenntnisse zeigen und sich als „Erwachsener“ aufspielen wolle. „Das will ich aber durchaus nicht!“ dachte Koljä ungehalten. Und plötzlich ärgerte er sich sehr.

„Ich muß gestehen, ich liebe es gar nicht, mich auf diese verwickelten Diskussionen einzulassen,“ meinte er kurz abbrechend, „man kann doch auch ohne an Gott zu glauben die Menschheit lieben, was meinen Sie? Voltaire hat doch auch nicht an Gott geglaubt und doch die Menschheit geliebt!“ („Schon wieder, schon wieder komme ich mit meinen Kenntnissen!“ dachte er bei sich.)

„Voltaire dürfte wohl an Gott geglaubt haben, nur, wenn ich nicht irre, zu wenig, und die Menschheit hat er, glaube ich, gleichfalls nur wenig geliebt,“ sagte Aljoscha leise und zurückhaltend, doch ganz natürlich, wie wenn er mit einem gleichaltrigen oder womöglich sogar älteren Menschen spräche.

Koljä fiel sofort diese Ungewißheit Aljoschas in seiner Meinung über Voltaire auf: und daß er gewissermaßen ihm, dem kleinen Koljä überließ, über diese Frage zu entscheiden.

„Aber haben Sie denn Voltaire gelesen?“ fragte Aljoscha.

„N–nein, nicht gerade, daß ich ihn ganz gelesen hätte... Ich habe nur ‚Candide‘ gelesen, in einer russischen Übertragung... in einer ganz alten, eigenartigen, furchtbar komischen Übersetzung...“ („Schon wieder, schon wieder!“)

„Und haben Sie ihn auch verstanden?“

„O ja, alles... das heißt... warum glauben Sie, daß ich ihn nicht verstanden hätte? Es kommen dort natürlich viele schmutzige Gemeinheiten vor... Ich verstehe doch, daß es ein philosophischer Roman ist, und Voltaire ihn geschrieben hat, um eine Idee durchzuführen...“ Koljä verwirrte sich immer mehr. „Ich bin nämlich Sozialist, Karamasoff, ein unverbesserlicher Sozialdemokrat,“ sagte er plötzlich, ohne den geringsten Anlaß zu dieser Bemerkung.

„Sozialdemokrat?“ Aljoscha lachte auf. „Wann haben Sie denn dazu schon Zeit gefunden? Sie sind doch erst dreizehn Jahre alt, glaube ich?“

Koljä fühlte sich tief verletzt.

„Erstens: nicht dreizehn, sondern vierzehn, in zwei Wochen vierzehn,“ sagte er kalt, während ihm das Blut wieder in die Wangen schoß. „Und zweitens: Ich verstehe wirklich nicht, was mein Alter damit zu tun hat. Es handelt sich doch nur darum, welches meine Ansichten sind und nicht, wie alt ich bin. Nicht wahr?“

„Wenn Sie älter wären, würden Sie einsehen, von welch einer Bedeutung das Alter bei Überzeugungen ist. Mir schien es wirklich so, als wenn es nicht Ihre eigenen Worte wären, die Sie sprachen,“ antwortete Aljoscha ruhig und bescheiden, doch Koljä unterbrach ihn ungestüm.

„Ich bitte Sie! Sie verlangen Gehorsam und Mystizismus! Aber Sie müssen doch zugeben, daß der christliche Glaube nur den Reichen und Vornehmen dazu gedient hat, die niedrigeren Klassen in der Knechtschaft zu erhalten! Nicht wahr?“

„Ach ich weiß schon, wo Sie das gelesen haben, das hat Ihnen ja jemand eingeredet!“ rief Aljoscha aus.

„Ich bitte Sie, warum muß ich es denn unbedingt gelesen haben? Und so etwas hat mir so gut wie niemand eingeredet. Ich kann doch auch selbst... Wenn Sie wollen, bin ich sogar durchaus nicht gegen Christus. Er war eine durch und durch humane Persönlichkeit, und wenn er heute, in unserer Zeit, lebte, so würde er sich sofort den Revolutionären anschließen und vielleicht eine große Rolle spielen... Das steht fest!“

„Wo haben Sie nun das wieder aufgeschnappt? Mit welch einem Dummkopf sind Sie denn zusammengekommen?“ fragte Aljoscha verwundert.

„Ich bitte Sie! Die Wahrheit kann man nicht verbergen. Ich komme allerdings wegen einer bestimmten Angelegenheit des öfteren mit Herrn Rakitin zusammen, aber... Das hat ja auch schon unser alter Belinskij, wie man erzählt, gesagt...“

„Belinskij? Dessen erinnere ich mich nicht. Wenigstens hat er das nicht geschrieben.“

„Wenn er es nicht geschrieben hat, so hat er es ausgesprochen, sagt man. Das habe ich gehört... von einem... übrigens, zum Teufel...“

„Haben Sie Belinskij gelesen?“

„Sehen Sie... nein... nicht ganz, aber... die Stelle in seiner Kritik über Puschkins ‚Jewgenij Onégin‘, wo er auf Tatjana zu sprechen kommt: warum sie nicht mit Onégin ging, habe ich gelesen.“

„Wie das, ‚warum sie nicht mit Onégin ging‘? Ja, können Sie denn das schon... verstehen?“

„Ich bitte Sie! Sie scheinen mich ja für den kleinen Ssmuroff zu halten?“ fragte Koljä gereizt, mit spöttischem Lächeln. „Übrigens glauben Sie, bitte, nicht, daß ich schon ganz und gar Revolutionär bin. Ich bin sehr oft nicht einverstanden mit Herrn Rakitin. Wenn ich von Tatjana rede, so bin ich noch längst nicht für die Emanzipation der Frauen. Ich bin ganz der Meinung, daß das Weib ein untergeordnetes Wesen ist und gehorchen muß. Les femmes tricotent, wie Napoleon gesagt hat,“ fuhr Koljä kurz auflachend fort, „und in diesem einen Punkte teile ich vollkommen die Überzeugung dieses pseudogroßen Mannes. Zum Beispiel finde ich auch, daß es niedrig ist, das Vaterland zu verlassen und nach Amerika zu flüchten, finde es sogar mehr als niedrig – sogar dumm. Warum nach Amerika, wenn man auch bei uns der Menschheit viel Nutzen bringen kann? Und gerade jetzt! Ein ganzer Berg fruchtbringender Tätigkeit! In dem Sinne habe ich denn auch geantwortet.“

„Wie – geantwortet? Wem? Hat Sie denn jemand schon nach Amerika aufgefordert?“

„Ich muß gestehen, daß man mich dazu bereden wollte, aber ich schlug es ab. Das ist natürlich nur unter uns gesagt, Karamasoff, hören Sie, keinem Menschen ein Wort davon, – ich sage es nur Ihnen. Ich habe durchaus keine Lust, der Dritten Abteilung24 in die Finger zu kommen und an der Kettenbrücke Lektion zu hören.

‚Das vergißt man nicht so leicht,
Das Haus an jener Hängebrücke!‘

Sie kennen doch das Gedicht? Famos doch, nicht wahr? Worüber lachen Sie? Glauben Sie vielleicht, daß ich Ihnen alles nur vorgelogen habe?“ („Was aber dann, wenn er erfährt, daß ich in Papas Bücherschrank nur ein einziges Heft der ‚Sturmglocke‘ gefunden, und mehr als das überhaupt nicht darin gelesen habe?“ fuhr es ihm flüchtig durch den Sinn, und sein Herz zuckte zusammen.)

„Wieso? Ich lache gar nicht, und ich denke durchaus nicht, daß Sie mir etwas vorgelogen haben. Das ist es ja, daß ich es nicht so ansehe, denn alles, was Sie sagen, ist ja leider nicht gelogen! Aber nun sagen Sie, haben Sie denn Puschkin gelesen, den ‚Jewgenij Onégin...‘ Sie sprachen doch von Tatjana?“

„Nein, ich habe ihn noch nicht gelesen, aber ich will es bald tun. Ich bin ganz vorurteilslos, Karamasoff. Ich will die Meinung jeder Partei hören. Warum fragten Sie?“

„Nur so.“

„Sagen Sie mal, Karamasoff, Sie verachten mich jetzt wohl sehr?“ fragte Koljä ganz plötzlich und reckte sich stramm vor Aljoscha empor, als wolle er sich in Positur stellen. „Haben Sie die Güte, mir ganz ohne Umschweife darauf zu antworten.“

„Ich soll Sie verachten?“ Aljoscha blickte ihn erstaunt an. „Aber weswegen denn? Es tut mir nur leid, daß eine so prächtige Natur, wie die Ihrige, die noch nicht einmal recht zu leben begonnen hat, schon von diesem ganzen rohen Unsinn verdorben worden ist.“

„Wegen meiner Natur brauchen Sie sich weiter keine Sorgen zu machen,“ unterbrach ihn Koljä nicht ohne Selbstgefälligkeit, „aber ich bin sehr argwöhnisch, das ist Tatsache. Geradezu dumm argwöhnisch. Roh und unfein argwöhnisch. Sie lächelten vorhin, und da schien es mir sogleich, daß Sie...“

„Ach, ich lächelte doch über etwas ganz anderes. Ich werde Ihnen sagen, worüber ich lächelte: ich las vor kurzem die Äußerung eines Ausländers, eines Deutschen, der in Rußland gelebt hat, über unsere gegenwärtige lernende Jugend: ‚Zeigen Sie,‘ schreibt er, ‚einem russischen Schüler die Himmelskarte mit allen Sternen darauf, von der er bis dahin keine Ahnung gehabt hat, und er wird Ihnen morgen diese Karte korrigiert zurückgeben.‘ Überhaupt keine Kenntnisse und grenzenloser Eigendünkel, das wollte der Deutsche damit vom russischen Schüler sagen.“

„Aber das ist ja vorzüglich! das ist ja buchstäblich so!“ Koljä lachte fröhlich auf. „Das ist ja superbissimo! Bravo, Deutscher! Aber dem Tschúchna25 ist dabei doch die gute Seite der Sache entgangen, was meinen Sie? Eigendünkel – schön, meinetwegen, das kommt von der Jugend, das vergeht, wenn es nötig ist, dafür aber haben sie den unabhängigen Geist von Kindesbeinen an, dafür haben sie die Kühnheit der Gedanken und Überzeugungen, an Stelle ihrer spießerhaften, knechtischen Andacht vor den Autoritäten... Aber der Deutsche hat das doch gut gesagt! Bravo, Deutscher! Aber trotzdem muß man den Deutschen den Hals umdrehen. Gut, mögen sie da in ihren Wissenschaften so stark sein, wie sie wollen, aber man muß sie doch unterkriegen...“

„Warum?“ fragte Aljoscha mit feinem Lächeln.

„Nun, ich hab’s nur so gesagt, vielleicht auch nicht. Ich bin zuweilen ein furchtbares Kind, und wenn ich mich über etwas freue, so kann ich mich nicht mehr beherrschen und schwatze womöglich den größten Unsinn zusammen. Aber hören Sie, wir reden hier beide Dummheiten, während der Doktor dort... warum sitzt der Kerl so lange bei Iljuscha? Vielleicht untersucht er noch das ‚Mamachen‘ und die Ninotschka? Wissen Sie, diese Ninotschka hat mir sehr gefallen. Sie raunte mir plötzlich zu, als ich beim Hinausgehen an ihr vorüber kam: ‚Warum sind Sie nicht früher gekommen?‘ Und mit so einer Stimme, wissen Sie, mit so tiefem Vorwurf! Ich glaube, sie ist ein furchtbar gutes, armes Geschöpf.“

„Ja, ja! Wenn Sie öfter kommen, werden Sie sehen, was das für ein Wesen ist. Es wird Ihnen sehr gut tun, wenn Sie solche Menschen kennen lernen. Das müssen Sie, um noch vieles andere schätzen zu können,... das werden Sie im Verkehr mit diesem Mädchen lernen,“ sagte Aljoscha warm. „Das wird Sie besser als alles andere erziehen.“

„Oh, wie ich es bedauere und wie ich mich dafür strafen möchte, daß ich nicht früher gekommen bin!“ sagte Koljä erregt.

„Ja, das ist sehr schade. Sie haben jetzt gesehen, was das für eine Freude für den armen Knaben war, und wie hat er sich gequält, während er Sie vergeblich erwartete!“

„Sprechen Sie nicht mehr davon! Sie zerreißen mir das Herz! Aber es geschieht mir jetzt ganz recht: aus Eigenliebe bin ich nicht früher gekommen, ja aus dummer Eigenliebe und gemeiner Selbstsucht, von der ich mich in meinem ganzen Leben nicht werde befreien können, obgleich ich mich seit einer Ewigkeit darum mühe. Das sehe ich jetzt deutlich. Ich bin in vielem ein Schuft, Karamasoff.“

„Nein, Sie sind eine prächtige Natur, wenn Sie auch schon früh verdorben worden sind. Ich verstehe nur zu gut, warum Sie einen so großen Einfluß auf Iljuscha haben konnten. Er ist ein krankhaft empfängliches Kind.“

„Und das sagen Sie mir?“ fragte Koljä ganz verdutzt. „Und ich, stellen Sie sich vor, ich dachte heute schon mehr als einmal, daß Sie mich verachten! Wenn Sie nur wüßten, wie teuer mir Ihre Meinung ist!“

„Sind Sie denn wirklich so argwöhnisch? So jung! Wie sonderbar: als ich Sie dort im Zimmer beobachtete, während Sie erzählten, kam mir derselbe Gedanke – ich meine: daß Sie sehr argwöhnisch sein müssen.“

„Also haben Sie das schon gedacht? Was Sie für eine Beobachtungsgabe haben, weiß Gott! Ich könnte wetten, daß es in dem Augenblick war, als ich von der Gans erzählte. Gerade da schien es mir, daß Sie mich tief deswegen verachteten, weil ich mich anscheinend beeilte, mich als tapferen Burschen aufzuspielen. Und ich haßte Sie sogar deswegen. Und später, das war vorhin hier im Flur, als ich sagte: ‚Wenn es Gott nicht gäbe, so müßte man ihn sich ausdenken,‘ schien es mir wieder, daß Sie mich verachteten, weil ich mich schon gar zu sehr beeilte, meine Bildung hervorzukehren, – und um so mehr noch, als ich diese Phrase in einem Buch gelesen habe. Aber ich schwöre Ihnen, ich beeilte mich damit nicht aus Ruhmsucht, sondern so, ich weiß nicht warum, aus Freude vielleicht, ja, bei Gott, es war, als wenn es aus Freude geschah... obgleich es doch ein tiefbeschämender Zug ist, wenn ein Mensch vor lauter Freude anderen auf den Hals kriecht. Das weiß ich selbst sehr gut. Dafür aber bin ich jetzt überzeugt, daß Sie mich nicht verachten, daß diese Befürchtung nur eine Marotte von mir war. Oh, Karamasoff, ich bin tief unglücklich! Ich stelle mir zuweilen – weiß Gott was alles vor: daß alle über mich lachen, die ganze Welt, und dann bin ich... dann bin ich bereit, die ganze Ordnung der Dinge zu vernichten.“

„Und quälen dabei Ihre Nächsten,“ warf Aljoscha lächelnd ein.

„Und quäle meine Nächsten, ganz recht, besonders meine Mutter. Karamasoff, sagen Sie, bin ich jetzt sehr lächerlich?“

„Aber so denken Sie doch nicht immer daran, denken Sie überhaupt nicht daran! Und was heißt das ‚lächerlich‘? Als ob der Mensch selten lächerlich ist oder scheint! Heutzutage fürchten sich fast alle begabten Menschen am meisten vor der Lächerlichkeit, und sie quälen sich deswegen und sind unglücklich. Mich wundert nur, daß Sie dasselbe schon in so jungen Jahren empfinden... obgleich... ich es auch schon an anderen Ihresgleichen bemerkt habe. Jetzt leiden ja schon viele, die fast noch Kinder sind, unter derselben Angst. Das ist beinahe wie ein Wahnsinn. In diese Eigenliebe hat sich der Teufel verkörpert und ist dergestalt in die ganze Generation hineingekrochen, niemand anderes als der Teufel,“ fügte Aljoscha nochmals hinzu, ohne aber dabei im geringsten zu lächeln, wie es Koljä, der ihn groß ansah, eigentlich erwartete. „Sie, Koljä, sind wie alle,“ fügte er noch hinzu, „das heißt, wie sehr viele, nur soll man nicht so sein, wie alle sind, das ist es!“

„Selbst wenn alle so sind?“

„Ja, selbst wenn alle so sind. Es ist schon viel, wenn Sie allein nicht so sind. Im Grunde sind Sie ja auch gar nicht so einer, wie alle: haben Sie sich doch soeben nicht geschämt, etwas Schlechtes und sogar Lächerliches von sich einzugestehen. Wer aber tut das heutzutage? Niemand. Man sieht ja nicht einmal mehr eine Notwendigkeit in der Selbstverurteilung. Werden Sie nicht so einer wie alle; und wenn Sie auch nur als einziger anders bleiben, so seien Sie trotzdem nicht so.“

„Großartig! Ich habe mich in Ihnen nicht getäuscht. Sie sind fähig, einen zu trösten! Sie wissen ja gar nicht, wie es mich zu Ihnen gedrängt hat, Karamasoff, wie lange ich schon eine Begegnung mit Ihnen herbeigewünscht habe! Ist es wirklich wahr, daß auch Sie an mich gedacht haben? Vorhin sagten Sie es.“

„Ja, ich hatte von Ihnen gehört und habe daher auch über Sie nachgedacht... und wenn Sie auch jetzt teilweise aus Eigenliebe fragen, so tut das nichts.“

„Wissen Sie, Karamasoff, unsere Auseinandersetzungen gleichen ja beinahe einer Liebeserklärung,“ sagte Koljä, mit etwas leiserer, gleichsam geschwächter und verschämter Stimme. „Ist das nicht lächerlich, was meinen Sie?“

„Durchaus nicht lächerlich, und wenn es auch lächerlich wäre, so tut es nichts, denn es ist gut,“ sagte Aljoscha mit hellem Lächeln.

„Aber wissen Sie auch, Karamasoff, Sie müssen zugeben, daß auch Sie sich jetzt ein wenig vor mir schämen... Das sehe ich an Ihren Augen.“ Und Koljä lachte leise: es lag viel Schelmerei und fast eigenartiges Glück in diesem Lachen.

„Warum soll ich mich denn schämen?“

„Warum erröten Sie denn jetzt plötzlich, wenn man fragen darf?“

„Ja, daran sind Sie schuld, daß ich errötete!“ sagte Aljoscha lachend und wurde wirklich über und über rot. „Nun ja, ein wenig schäme ich mich, Gott weiß, weswegen, ich weiß es nicht...“ stotterte er, sogar ein wenig verwirrt.

„Oh, wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie gerade jetzt liebe und schätze und gerade deshalb, weil Sie sich ‚weiß Gott warum‘ vor mir schämen! Weil auch Sie ganz so sind wie ich!“ rief Koljä in heller Begeisterung.

Seine Wangen glühten und seine Augen glänzten.

„Hören Sie, Koljä, Sie werden im Leben ein sehr unglücklicher Mensch sein,“ sagte plötzlich Aljoscha aus einem unbekannten Grunde.

„Ich weiß, ich weiß,“ bestätigte Koljä sofort. „Wie Sie doch alles voraus wissen!“

„Aber im ganzen werden Sie doch das Leben preisen.“

„Das ist’s ja! Hurra! Sie sind ja ein Prophet! Oh, wir werden uns noch nähertreten, Karamasoff. Wissen Sie, am meisten entzückt mich an Ihnen, daß Sie mit mir ganz wie mit einem Altersgenossen verkehren, wie mit einem Gleichstehenden. Das aber sind wir nicht, nein, das sind wir nicht: Sie stehen viel höher! Aber wir werden uns schon gut anfreunden. Wissen Sie, ich habe mir während des ganzen letzten Monats gesagt: ‚Entweder werden wir sofort Freunde auf ewig werden, oder wir werden gleich nach der ersten Begegnung als Feinde bis zum Grabe auseinandergehen!‘“

„Und als Sie sich das sagten, liebten Sie mich natürlich schon!“ Aljoscha lachte fröhlich auf.

„Ja, da liebte ich Sie schon, liebte Sie furchtbar, liebte Sie und dachte nur an Sie! Aber wie können Sie alles so voraus wissen?... Ah! da kommt der fremde Professor, Gott, was wird er sagen? Sehen Sie doch, was er für ein Gesicht macht!“

VII — Iljuscha

Der fremde Professor trat aus der Stube, eingehüllt in seinen Pelz und die Mütze auf dem Kopf. Er sah geärgert und angeekelt aus, als wenn er sich hier an irgend etwas beschmutzt hätte. Er warf einen flüchtigen Blick über den Flur und sah darauf Aljoscha und Koljä streng an. Aljoscha trat auf die Treppe hinaus und winkte den Kutscher heran. Die Equipage fuhr sofort an der Hofpforte vor. Der Hauptmann folgte dem Professor eilig mit gekrümmtem Rücken, und murmelte, wie es schien, Entschuldigungen. Sein Gesichtsausdruck glich dem eines zum Tode Verurteilten, und aus seinem starren Blick sprach nichts als Schreck und völlige Verständnislosigkeit.

„Exzellenz... Exzellenz... ich kann es nicht glauben...“ stotterte er und konnte nicht weitersprechen. In seiner hilflosen Verzweiflung breitete er wie unsicher die Arme aus, und wie flehend hing jetzt sein starrer Blick an dem Arzt, als wenn dieser den Urteilsspruch über seinen armen Jungen noch hätte abändern können.

„Ja, wie – ge – sagt. Ich – bin – kein – Gott,“ antwortete in nachlässigem, doch gewohnheitsmäßig scharf accentierendem Tone der Professor.

„Herr Professor... Exzellenz... und wird er bald... bald?...“

„Ma – chen Sie sich auf al – les – ge – faßt.“ Der Professor betonte jede Silbe. Er senkte den Blick und machte Miene, hinauszugehen.

„Exzellenz, um Christi willen!“ rief der Hauptmann erschrocken und hielt ihn noch einmal zurück. „Exzellenz!... also nichts, nichts, gar nichts kann ihn mehr retten?“

„Das hängt – nicht – von – mir – ab,“ erwiderte ungeduldig der Arzt, „in – dessen, hm,“ sagte er plötzlich und blieb stehen; „wenn... Sie, zum Beispiel, Ih – ren Pa – tien – ten... so–fort und ohne zu säumen (die Worte ‚sofort und ohne zu säumen‘ stieß der Professor nicht nur streng, sondern geradezu wütend heraus, so daß der Hauptmann zusammen fuhr) nach Sy – rakus schicken könn – ten, so... würde infolge der wohl – tuenden, kli – ma – ti – schen Ver – än – derung... so könn – te es viel – leicht gesche – hen...“

„Nach Syrakus!“ stieß der Hauptmann hervor, als könne er ihn nicht begreifen.

„Syrakus liegt in Sizilien,“ sagte plötzlich Koljä wie zur Erläuterung.

Der Professor sah ihn an.

„Nach Sizilien! Um Gottes willen, Euer Exzellenz,“ sagte ganz verloren der Hauptmann, „Sie haben doch gesehen!“ Er wies mit beiden Händen auf die Umgebung. „Und Mamachen, und die Familie?“

„N – nein, die Fami – lie nicht nach Sizilien, Ihre Familie muß in den Kau – kasus, a – ber erst im Frühjahr... Ihre Tochter muß in den Kaukasus, Ihre Gemahlin aber... nachdem sie auch im Kau – kasus eine Kur für ihren Rheumatismus durchgemacht hat... müßte dann so–fort nach Paris in die Irrenanstalt des Psychiaters Le – pelle – tier geschickt werden, ich könnte ihr ein Schrei – ben mit – geben, und da... könnte sie... vielleicht... Bes – serung...“

„Herr Professor, aber Herr Professor! Sie sehen doch!“ der Hauptmann wies wieder in seiner Verzweiflung mit beiden Händen auf die nackten Holzwände des Flurs hin.

„Das ist – nicht – mehr – meine Sache,“ sagte lächelnd der Arzt, „ich ha – be Ihnen nur sa – gen kön – nen, was die Wis – sen – schaft auf Ihre Fra – ge nach den letzten Hilfs – mitteln sagen kann, das üb – rige aber... kann ich zu meinem Bedau – ern...“

„Haben Sie keine Angst, Herr Mediziner, mein Hund wird sie nicht beißen,“ fiel ihm Koljä, da er den etwas unruhigen Blick des Professors auf Pereswonn, der auf der Türschwelle stand, bemerkt hatte, mit lauter Stimme ins Wort. Eine böse Note klang in der Stimme Koljäs. Er sagte mit Absicht „Mediziner“ statt Doktor oder Professor – wie er später selbst eingestand, „um ihn zu beleidigen“.

„Was – soll – das?“ fragte der Arzt, den Kopf erhebend, und sah Koljä erstaunt an. „Wer – ist das?“ wandte er sich plötzlich an Aljoscha, als ob der ihm Rechenschaft geben müsse.

„Das ist der Besitzer des Pereswonn, Herr Mediziner, beunruhigen Sie sich nicht wegen meiner Wenigkeit,“ schikanierte Koljä.

„Swonn?“ wiederholte der Arzt, ohne zu verstehen, was dieser Name bedeutete.

„Er scheint nicht zu wissen, wo er sich befindet. Leben Sie wohl, Herr Mediziner, wir werden uns in Syrakus vielleicht wiedersehen.“

„Wer ist dieser...? Wer, was?“ der Arzt brauste auf vor Wut.

„Das ist ein hiesiger Schüler, Herr Professor, ein Wildfang, beachten Sie ihn nicht,“ sagte Aljoscha verstimmt. „Koljä schweigen Sie!“ rief er Krassotkin zu. „Beachten Sie ihn nicht, Herr Professor,“ wiederholte er noch ungehaltener.

„Man muß ihm Ruten geben, Ruten, Ruten!“ schrie der Arzt Krassotkin an und stampfte vor Wut mit dem Fuß auf.

„Wissen Sie, Herr Mediziner, mein Pereswonn kann auch beißen!“ rief Koljä mit drohender Stimme, bleich und mit blitzenden Augen. „Ici, Pereswonn!“

„Koljä, wenn Sie jetzt noch ein Wort sagen, so werde ich mit Ihnen auf ewig brechen!“ sagte Aljoscha streng.

„Herr Mediziner, es gibt nur ein Wesen auf der ganzen Welt, das Nikolai Krassotkin befehlen kann, und das ist dieser junge Mensch da (Koljä wies auf Aljoscha): ihm gehorche ich. Leben Sie wohl!“

Koljä stürzte fort, öffnete die Stubentür und trat schnell ein. Pereswonn lief ihm sofort nach. Der Arzt stand noch lange ganz wie versteinert da und starrte Aljoscha an. Darauf spuckte er aus und ging zum Wagen, indem er laut wiederholte: „Dieser, dieser, dieser... ich weiß nicht, was das für einer ist!“ Der Hauptmann lief ihm nach, um ihm in den Wagen zu helfen. Aljoscha trat ins Zimmer. Koljä stand schon an Iljuschas Bettchen. Iljuscha hielt ihn an der Hand und rief nach seinem Vater. Bald kehrte auch der Hauptmann zurück.

„Papa, Papa, komm her... wir...“ stammelte Iljuscha in ungewöhnlicher Erregung, doch außerstande, weiterzusprechen, umarmte er sie beide zusammen mit seinen mageren Ärmchen und preßte sie fest an sich, so stark, wie er es mit seiner kleinen Kraft nur konnte.

Der Hauptmann erbebte am ganzen Körper vor unterdrücktem Schluchzen, und Koljä zitterten die Lippen und das Kinn.

„Papa, Papa! Wie tust du mir leid, Papa!“ stöhnte Iljuscha.

„Iljuschetschka... Täubchen... der Professor sagte... du wirst gesund... wir werden glücklich sein... der Professor...“ brachte der Hauptmann mühsam hervor.

„Ach, Papa! Ich weiß ja, was der fremde Professor von mir gesagt hat... Ich habe es doch gemerkt!“ rief Iljuscha aus und preßte sie wieder beide aus aller Kraft an sich, wobei er sein Gesicht an der Schulter des Vaters verbarg.

„Papa, weine nicht... wenn ich sterben werde, nimm dann einen anderen guten Jungen zu dir, einen anderen... wähle von ihnen allen den besten aus, nenne ihn Iljuscha und liebe ihn statt meiner...“

„Schweig, mein Sohn, wirst gesund werden!“ unterbrach ihn beleidigt und geradezu barsch Krassotkin.

„Aber mich, Papa, mich vergiß nicht,“ fuhr Iljuscha fort, „komm zu meinem Grabe... Weißt du, Papa, beerdige mich bitte dort beim großen Stein, zu dem wir beide immer zusammen gegangen sind, und besuche mich dann mit Krassotkin, am Abend... Und Pereswonn... Ach, wie werde ich euch erwarten... Papa, Papa!“

Seine Stimme versagte, alle drei schwiegen sie. Ninotschka weinte leise in ihrem Lehnstuhl, und plötzlich fing auch Mamachen zu weinen an, als sie die anderen weinen sah.

„Iljuschetschka, Iljuschetschka!“ rief sie klagend. Krassotkin befreite sich aus der Umarmung Iljuschas:

„Leb wohl, mein Sohn, meine Mutter erwartet mich zum Mittagessen,“ sagte er hastig. „Wie schade, daß ich sie nicht benachrichtigt habe! Sie wird sich sehr beunruhigen... Doch nach dem Essen komme ich sofort wieder zu dir, auf viele Stunden, bleibe dann den ganzen Abend bei dir, und werde dir viel erzählen, sehr viel. Pereswonn werde ich natürlich mitbringen, jetzt aber nehme ich ihn mit nach Haus, denn ohne mich würde er zu heulen anfangen und würde dich stören. Also dann – auf Wiedersehen!“

Er lief hinaus auf den Flur, um sich dort auszuweinen. In diesem Zustande fand ihn Aljoscha, als er hinaustrat.

„Koljä, Sie müssen durchaus Wort halten und kommen, denn sonst wird er schrecklich traurig sein,“ beredete ihn Aljoscha.

„Durchaus! Oh, wie ich mich verfluche, daß ich nicht schon früher gekommen bin!“ sagte weinend Koljä, der sich jetzt nicht mehr schämte zu weinen.

In dem Augenblick kam der Hauptmann aus dem Zimmer gestürzt und schloß sofort hinter sich die Tür. Der Ausdruck seines Gesichtes war wie der eines Wahnsinnigen, seine Lippen bebten. Er stand wie geistesabwesend vor den beiden jungen Leuten und schüttelte seine Arme hoch in die Luft:

„Ich will keinen guten Jungen! Ich will keinen anderen Jungen!“ kam es in wildem Geflüster aus ihm heraus, und er knirschte mit den Zähnen, „wenn ich dein vergäße, Jerusalem, so möge ich...“

Er konnte nicht zu Ende sprechen. Seine Stimme stockte ihm. Kraftlos sank er vor der Holzbank in die Knie. Er preßte seinen Kopf zwischen seinen beiden Fäusten und schluchzte und winselte fast wie ein Hund, wobei er sich aber aus aller Kraft zusammenzunehmen versuchte, damit man sein Winseln in der Stube nicht höre. Koljä lief auf die Straße hinaus.

„Leben Sie wohl, Karamasoff! Sie kommen doch bestimmt?“ rief er Aljoscha schneidend und wütend zu.

„Am Abend komme ich bestimmt.“

„Was sagte er da von Jerusalem?... Was sollte das bedeuten?“

„Das war aus der Bibel: ‚Wenn ich dein vergäße, Jerusalem‘, das heißt, wenn ich vergessen sollte, was für mich das Teuerste ist, so möge mich...“

„Ich verstehe, genug! Kommen Sie bestimmt! Ici, Pereswonn!“ rief er barsch dem Hunde zu und eilte mit großen Schritten nach Haus.

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