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Sämtliche Werke 9–10

by Fyodor Dostoyevsky

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Epilog

I — Pläne zu Mitjäs Rettung

Am fünften Tage nach dem über Mitjä gehaltenen Gericht kam Aljoscha schon früh morgens, schon um neun Uhr, zu Katerina Iwanowna, um mit ihr zum letztenmal über eine für sie beide sehr wichtige Angelegenheit zu sprechen, und außerdem noch mit einem Auftrage an sie. Sie empfing ihn in demselben Salon, in dem sie mit Gruschenka damals Schokolade getrunken hatte; im anstoßenden Zimmer lag Iwan Fedorowitsch noch immer bewußtlos und in Fieberphantasien. Katerina Iwanowna hatte sofort nach jener Szene vor Gericht angeordnet, den erkrankten Iwan Fedorowitsch, der das Bewußtsein verloren hatte, in ihre Wohnung zu bringen. Sie hatte sich von vornherein über jedes spätere und unvermeidliche Gerede der Gesellschaft und deren strenge Verurteilung hinweggesetzt. Die eine von ihren beiden Tanten, die bei ihr wohnten, war denn auch unverzüglich nach Moskau zurückgereist, die andere dagegen war bei ihr geblieben. Doch selbst, wenn beide Tanten fortgefahren wären, hätte Katerina Iwanowna ihren Entschluß nicht aufgegeben, sie hätte trotzdem den Kranken gepflegt und Tag und Nacht an seinem Lager gesessen. Behandelt wurde er von Warwinskij und Herzenstube; der Moskauer Doktor war schon zurückgereist, hatte sich aber geweigert, seine Ansicht über den möglichen Ausgang der Krankheit zu äußern. Die beiden anderen Ärzte sprachen Katerina Iwanowna und Aljoscha zwar immer Mut zu, aber man sah es ihnen an, daß sie selbst noch keine feste Hoffnung hatten. Aljoscha kam zweimal täglich zum kranken Bruder. Dieses Mal aber war er in einer besonderen, sehr dringenden Angelegenheit gekommen. Er fühlte schon, daß es ihm äußerst schwer werden würde, davon zu sprechen, und doch mußte er sich beeilen; er verband mit diesem Besuch noch etwas anderes – Unaufschiebbares. Und nun sprachen sie schon seit einer Viertelstunde von nebensächlichen Dingen. Katerina Iwanowna war bleich, sehr übermüdet, zu gleicher Zeit aber von krankhafter Lebhaftigkeit: sie ahnte, warum Aljoscha zu ihr gekommen war.

„Wegen seiner Einwilligung machen Sie sich keine Sorgen,“ sagte sie in sehr bestimmtem Tone. „Ob so oder so, er wird schon zu der Einsicht kommen, daß er entfliehen muß. Er muß entfliehen! Dieser Unglückliche, dieser Held, der sich für Ehre und Gewissen geopfert hat, – ich meine nicht Dmitrij Fedorowitsch, sondern den, der dort hinter der Tür liegt“ (Katjäs Augen flammten), „der hat mir schon vorher, schon vor... jenem Tage, den ganzen Fluchtplan mitgeteilt. Sie wissen doch, daß er bereits Verbindungen angeknüpft hatte?... Ich habe Ihnen schon einiges gesagt... Sehen Sie, es wird das aller Wahrscheinlichkeit nach auf der dritten Etappe geschehen, wenn die Abteilung der Verschickten über den Ural nach Sibirien geht. Oh, bis dahin ist es noch weit. Iwan Fedorowitsch ist ja schon einmal zum Kommandanten der dritten Etappe gefahren. Nur weiß man jetzt noch nicht, wer der Führer der Transportabteilung sein wird, und das kann man leider nie im voraus erfahren. Morgen, ja, vielleicht morgen werde ich Ihnen den ganzen Plan ausführlich erklären. Iwan Fedorowitsch hat ihn mir am Abend vor der Gerichtssitzung für den Fall hinterlassen, daß dort irgend etwas... Das war an jenem Abend, als wir uns gestritten hatten und Sie zu mir kamen: Sie trafen ihn auf der Treppe, und als ich Sie kommen hörte, zwang ich ihn zurückzukehren – erinnern Sie sich noch? Wissen Sie, worüber wir uns damals gestritten hatten?“

„Nein, ich weiß es nicht,“ sagte Aljoscha.

„Natürlich hat er es Ihnen damals nicht gesagt, das konnte ich mir denken. Es war gerade wegen dieses Fluchtplanes. Er hatte mir schon vor drei Tagen, am Donnerstag, das Wichtigste mitgeteilt – und gleich damals war es zwischen uns zum Streit gekommen, und so hatten wir uns während dieser ganzen drei Tage gestritten. Es geschah das nur deshalb, weil ich damals, an jenem Donnerstag, als er mir sagte, daß Dmitrij Fedorowitsch, falls er verurteilt werden sollte, ins Ausland entfliehen würde, aber nicht allein, sondern zusammen mit jenem Geschöpf, weil ich mich da plötzlich so aufregte – ärgerte, – ich werde ihnen nicht sagen, warum... Ich weiß selbst nicht, warum,... oder vielmehr – natürlich weiß ich es: dieses Geschöpfes wegen ärgerte ich mich damals, und zwar gerade deswegen, weil sie gleichfalls, und noch zusammen mit Dmitrij Fedorowitsch ins Ausland fahren sollte!“ Katerina Iwanownas Lippen bebten vor Zorn. „Als aber Iwan Fedorowitsch merkte, daß ich mich dieses Geschöpfes wegen ärgerte, glaubte er sofort, daß es Eifersucht sei, und daß ich folglich immer noch Dmitrij liebe. So kam es denn damals zum ersten Streit. Ich wollte keine Erklärungen geben, und um Verzeihung bitten konnte ich nicht. Es war mir zu schwer, daß Iwan mich der früheren Liebe zu diesem... verdächtigen konnte... Und das noch, nachdem ich selbst ihm gestanden und längst gesagt hatte, daß ich nicht Dmitrij liebe, sondern ihn, ihn ganz allein! Nur aus Wut über dieses Geschöpf habe ich mich damals geärgert! Nach drei Tagen, das war an jenem Abend, als Sie zu mir kamen, brachte er mir ein versiegeltes Kuvert, das ich sofort entsiegeln sollte, sobald ihm etwas zustieße. Oh, er hat seine Krankheit schon lange vorausgefühlt! Er teilte mir mit, daß im Kuvert der ganze Fluchtplan ausführlich, bis in alle Details, mit allen Eventualitäten enthalten sei, und daß, im Falle er sterben oder ernstlich erkranken sollte, ich dann allein Mitjä retten müsse. Zugleich übergab er mir das Geld, an zehntausend Rubel, – dasselbe, von dem der Staatsanwalt gesagt haben soll, er wisse, daß Iwan Fedorowitsch Geld habe wechseln lassen. Ich war sprachlos vor Verwunderung, daß Iwan Fedorowitsch, der meinetwegen doch immer noch eifersüchtig war und nach wie vor fest glaubte, ich liebe Mitjä, – daß er trotzdem nicht den Gedanken aufgegeben hatte, den Bruder zu retten, und mir, gerade mir dessen Rettung anvertraute! Oh, das war ein Opfer! Nein, eine solche Selbstopferung werden Sie nie ganz verstehen, Alexei Fedorowitsch! Ich wäre ihm zu Füßen gefallen, um ihn anzubeten, wenn mir nicht plötzlich der Gedanke gekommen wäre, er könne das für Freude halten, Freude darüber, daß Mitjä gerettet werden sollte – oh, bestimmt hätte er das geglaubt! Da war ich denn schon allein über die bloße Möglichkeit eines so schändlichen Gedankens so empört, daß ich wieder in Wut geriet, und statt ihm die Füße zu küssen, ihm eine neue Szene machte! Wenn Sie wüßten, wie unglücklich ich bin! Das ist mein Charakter – mein schrecklicher, unseliger Charakter! Oh, Sie werden sehen: Ich werde es noch soweit bringen, ja, ja, ich werde es bestimmt soweit bringen, daß auch er mich um einer anderen willen, mit der sich leichter leben läßt, ebenso verlassen wird, wie Dmitrij... Das aber, nein, das werde ich nicht ertragen, dann werde ich mir das Leben nehmen!... Als Sie damals mit ihm eintraten, wissen Sie noch, als Sie zu mir kamen und ich ihn zwang, noch einmal zurückzukommen, – da, als er mit Ihnen eintrat, da ergriff mich ein solcher Zorn wegen seines haßerfüllten, verächtlichen Blickes, mit dem er mich ansah, daß ich – Sie wissen doch noch – Ihnen plötzlich zurief, er, er allein habe mich davon überzeugt, daß sein Bruder Dmitrij der Mörder sei! Ich log es absichtlich, um ihn bis ins Herz zu kränken, denn er hat mir nie, niemals gesagt, sein Bruder sei – der Mörder. Im Gegenteil, ich selbst habe ihn davon zu überzeugen gesucht! Oh, an allem, an allem ist nur mein Charakter schuld! Ich, ich allein habe diese Szene vor Gericht veranlaßt! Wie ich mich verfluche! Er wollte mir beweisen, daß er edel sei, und wenn ich auch seinen Bruder liebe, diesen doch nicht aus Rache und Eifersucht verderben werde. Da kam er denn hin, – erinnern Sie sich noch, wie er sich den Richtern näherte?... Oh, ich bin die Ursache des ganzen Unglücks, ich allein bin an allem schuld!“

Noch niemals hatte Katjä Aljoscha solche Eingeständnisse gemacht. Er fühlte, daß ihre Qualen in diesem Augenblick so überwältigend geworden waren, daß selbst ihr stolzes Herz unter Schmerzen seinen Stolz brach und sich, vom Leid besiegt, vor ihm in den Staub warf. Aljoscha kannte sehr wohl noch die andere, die letzte Ursache ihrer Qualen, wie sehr sie dieselbe auch in diesen fünf Tagen nach der Verurteilung Mitjäs vor ihm zu verbergen gesucht hatte. Aber es wäre ihm gar zu schmerzlich gewesen, wenn sie sich entschlossen hätte, sich soweit zu erniedrigen, sich so zu geißeln und selbst von ihrer größten Qual zu sprechen. Sie litt unerträglich unter dem Bewußtsein, Mitjä vor Gericht „überantwortet“ zu haben, und Aljoscha fühlte, daß das Gewissen sie dazu trieb, ihre Schuld gerade ihm, Aljoscha, einzugestehen, womöglich unter Tränen und Schreien und in Krämpfen, in denen sie sich das Haar gerauft und mit dem Kopf auf den Boden geschlagen hätte. Er fürchtete aber diese neue Erschütterung und wollte daher um so mehr die Märtyrerin schonen – um so schwerer freilich empfand er den Auftrag, mit dem man ihn zu ihr geschickt hatte. Doch brachte er das Gespräch wieder auf Mitjä.

„Nein, nein, seinetwegen brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen!“ unterbrach ihn Katjä hartnäckig und schroff. „Das dauert bei ihm nur eine Minute an, ich kenne ihn, ich kenne dieses Herz nur zu gut. Seien Sie überzeugt, daß er einwilligen wird, zu entfliehen. Die Hauptsache ist ja, daß er sich nicht sofort zu entschließen braucht. Bis dahin hat es noch Zeit. Iwan Fedorowitsch wird inzwischen wieder gesund werden und selbst alles in die Hand nehmen, so daß ich damit nichts mehr zu schaffen haben werde. Also beunruhigen Sie sich nicht, er wird schon einwilligen. Er ist ja doch auch jetzt schon einverstanden – kann er denn dieses Geschöpf verlassen? Sie aber wird nicht zu ihm in die Erzgruben zugelassen werden – wie sollte er da nicht entfliehen wollen! Hauptsächlich fürchtet er Sie. Er fürchtet, daß Sie vom moralischen Standpunkt aus seine Flucht nicht billigen werden, aber ich denke, die müssen Sie ihm schon großmütig erlauben, wenn Ihre Sanktion dazu nun einmal so unumgänglich notwendig ist,“ fügte Katjä fast gehässig hinzu.

Sie verstummte und lächelte.

„Jetzt redet er da,“ begann sie wieder, „von irgendeiner Hymne, von einem Kreuz, das er tragen muß, von einer Schuld... Ich weiß, Iwan Fedorowitsch hat mir damals viel davon erzählt... Ach, wenn Sie wüßten, wie er das erzählt hat!“ rief Katjä plötzlich mit überwallendem Gefühl aus. „Wenn Sie nur wüßten, wie er jenen Unglücklichen in dem Augenblick geliebt hat, als er mir von ihm erzählte, und wie er ihn im selben Augenblick vielleicht haßte! Ich aber, oh, ich hatte für seine Worte und seine Qual nur ein stolzes Lächeln übrig! Oh, du gemeines Geschöpf! Dieses gemeine Geschöpf bin ich, mich meine ich damit! Ich bin die tiefste Ursache seiner Krankheit! Jener aber, der Verurteilte – ist denn der etwa bereit zum Leiden?“ unterbrach sich Katjä plötzlich gereizt. „Und kann denn der überhaupt leiden? Solche Menschen, wie er, leiden niemals!“

Gefühle wie Haß, Ekel und Verachtung klangen aus ihren Worten hervor. Und doch war sie es gewesen, die ihn „überantwortet“ hatte, das mußte sie sich immer wieder sagen.

„Vielleicht kommt dies daher,“ dachte Aljoscha bei sich, „weil sie sich vor ihm schuldig fühlt und ihn deshalb in manchen Augenblicken sogar haßt.“ Er hätte gewünscht, daß es nur in manchen „Augenblicken“ gewesen wäre. In ihren letzten Worten hatte eine Herausforderung gelegen, das fühlte er, aber er nahm sie nicht auf.

„Ich habe Sie heute zu mir gebeten, nur um Ihnen das Versprechen abzunehmen, daß Sie ihn zur Flucht bereden werden. Oder ist es Ihrer Meinung nach tatsächlich unehrenhaft, zu entfliehen, nicht heldenmütig, oder sonst so was... unchristlich etwa?“ fragte Katjä noch herausfordernder.

„Nein, n–nichts... Ich werde ihm alles sagen...“ murmelte Aljoscha vor sich hin. Plötzlich aber blickte er entschlossen auf und sah ihr in die Augen. „Er läßt Sie bitten, heute zu ihm zu kommen!“ kam er ganz unerwartet mit seinem Auftrage heraus.

Katjä zuckte zusammen und fuhr unwillkürlich zurück.

„Mich... ist denn das möglich?“ stammelte sie erbleichend.

„Es ist wohl möglich, und es muß sogar bestimmt geschehen!“ begann Aljoscha eifrig, da er unbedingt darauf bestehen wollte. „Es ist sehr nötig. Gerade jetzt! Ich würde nicht davon angefangen haben, schon allein, um Sie nicht vorzeitig zu quälen, wenn es eben nicht so unbedingt notwendig wäre. Er ist krank, er ist wie ein Wahnsinniger, er will immer nur Sie sehen. Er bittet Sie nicht, hinzukommen und sich mit ihm auszusöhnen, sondern nur – nur, er will Sie eben noch einmal sehen! Sie können auf der Türschwelle stehen bleiben – sagt er. Seit jenem Tage hat sich vieles in ihm gewandelt. Jetzt begreift er, wie unermeßlich groß seine Schuld Ihnen gegenüber ist. Nicht um Ihre Vergebung bittet er Sie, – ‚Mir kann man nicht vergeben‘, sagt er selbst, er bittet Sie ganz einfach, sich nur einmal auf seiner Schwelle zu zeigen...“

„Sie haben mich so plötzlich...“ stammelte Katjä „– ich habe alle diese Tage geahnt, daß Sie damit kommen würden... Ich habe gewußt, daß er mich rufen würde!... Aber – es ist unmöglich!“

„Und wenn es auch unmöglich ist, so tun Sie es doch! Bedenken Sie nur das eine, daß er zum erstenmal begreift, wie sehr er Sie gekränkt hat, zum erstenmal im Leben begreift er es! Niemals vorher hat er es so im ganzen Umfange begriffen und so tief gefühlt. Er sagt: ‚Wenn sie sich weigert zu kommen, so werde ich mein ganzes Leben lang unglücklich sein.‘ Hören Sie: Ein Zwangsarbeiter, der zwanzig Jahre lang keine Sonne sehen wird, will noch glücklich sein! Haben Sie denn gar kein Mitleid? Bedenken Sie doch nur: Sie werden einen unschuldig Verurteilten besuchen,“ sagte Aljoscha stolz, „seine Hände sind rein, an ihnen klebt kein Blut! Um seines unermeßlichen zukünftigen Leidens willen besuchen Sie ihn jetzt! Kommen Sie, bringen Sie Licht in diese Finsternis... Zeigen Sie sich nur einmal auf der Schwelle, das ist ja alles... Das müssen Sie doch, das müssen Sie tun!“ schloß Aljoscha, unerbittlich die Worte „das müssen Sie“ betonend.

„Ich muß... aber ich... kann nicht!...“ rang es sich wie ein Gestöhn aus Katjäs Seele hervor. „Er wird mich ansehen... Ich kann nicht!“

„Ihre Blicke müssen sich noch einmal treffen. Wie werden Sie denn Ihr Leben weiterleben können, wenn Sie sich jetzt nicht entschließen?“

„Lieber das ganze Leben lang Qual!“

„Nein, Sie müssen kommen, Sie müssen es tun!“ sagte Aljoscha wieder unerbittlich.

„Aber warum denn heute, warum jetzt... Ich kann den Kranken nicht allein lassen...“

„Auf einen Augenblick können Sie es sehr wohl. Zu diesem Ausgang brauchen Sie doch nur wenige Minuten. Wenn Sie nicht kommen, wird er noch vor Anbruch der Nacht gleichfalls an einem Nervenfieber erkranken. Ich will Sie doch nicht belügen. Oh, so haben Sie doch Erbarmen!“

„Haben Sie vielmehr mit mir Erbarmen!“ sagte Katjä bitter, und Tränen rollten über ihre Wangen herab.

„Also Sie werden kommen!“ sagte Aljoscha überzeugt, als er ihre Tränen sah. „Ich werde vorausgehen und ihm sagen, daß Sie sogleich kommen werden...“

„Nein, um Gottes willen, sagen Sie ihm nur das nicht!“ unterbrach ihn Katjä erschrocken. „Ich werde kommen, aber sagen Sie es ihm nicht vorher, denn... Ich werde kommen, aber ich weiß noch nicht, vielleicht werde ich... auch gar nicht... eintreten... Ich weiß noch nicht...“

Die Stimme versagte ihr. Sie atmete schwer. Aljoscha erhob sich, um fortzugehen.

„Aber wenn ich dort... jemanden treffe?“ fragte sie plötzlich leise, indem sie wiederum erbleichte.

„Darum ist es unbedingt nötig, daß Sie sofort kommen, damit Sie dort niemanden antreffen. Es wird niemand bei ihm sein, Sie können es mir glauben. Wir werden Sie also erwarten,“ sagte er mit fester Stimme und verließ das Zimmer.

II — Auf einen Augenblick ward die Lüge Wahrheit

Er beeilte sich, ins Hospital zu kommen, in dem Mitjä jetzt lag. Am zweiten Tage nach seiner Verurteilung hatte Mitjä so hohes Fieber gehabt – es war natürlich ein nervöses Fieber –, daß er aus dem Gefängnis ins Stadthospital, in die Abteilung der Arrestanten, verbracht worden war, doch hatte der junge Doktor Warwinskij auf Aljoschas und vieler anderer (Frau Chochlakoffs, Lisas usw.) Bitte den Kranken nicht bei den Gefangenen, sondern in einem abgesonderten Raume untergebracht, und zwar in derselben kleinen Kammer, in der auch Ssmerdjäkoff gelegen hatte. Außerdem stand ja am Ende des Korridors ein wachhabender Soldat, und auch das Fenster war dort vergittert; so wagte denn Warwinskij schließlich nicht viel mit seiner nicht ganz gesetzlichen Nachsicht. Der junge Mann hatte ein gutes, mitfühlendes Herz. Er konnte es nachempfinden, wie schwer es einem Menschen, wie Mitjä, sein mußte, so plötzlich unter Mörder und Räuber versetzt zu werden. Er verstand, daß man sich an diese Gesellschaft wenigstens erst gewöhnen mußte. Der Besuch von Verwandten und Bekannten war sowohl vom Arzt, als vom Inspektor und sogar von unserem Polizeichef erlaubt worden – unter der Hand, versteht sich. Doch hatten Mitjä in diesen Tagen nur Aljoscha und Gruschenka besucht. Zweimal hatte auch Rakitin unbedingt zu ihm gewollt, doch Mitjä hatte Warwinskij dringend gebeten, ihn nicht zu ihm zu lassen.

Als Aljoscha eintrat, saß Mitjä in den Hospitalkleidern auf seiner feldbettartigen Schlafstelle. Er schien noch Fieber zu haben. Um den Kopf und auf der Stirn hatte er ein Handtuch, das mit Wasser und Essig angefeuchtet war. Mit einem unbestimmten Blick sah er Aljoscha an, als dieser eintrat, doch flimmerte es in seinem Blick zuerst wie ein vorübergehender Schreck.

Mitjä war seit seiner Verurteilung auffallend nachdenklich geworden. Zuweilen schwieg er halbe Stunden lang, während er dem Anscheine nach mit Mühe etwas überdachte und darüber den Anwesenden ganz vergaß. Verließ ihn aber die Nachdenklichkeit, und fing er zu sprechen an, was gewöhnlich ganz unerwartet geschah, so sprach er unbedingt nicht davon, wovon er eigentlich sprechen wollte. Zuweilen sah er den Bruder mit flehendem Blick an, und Aljoscha fühlte dann mit jeder Fiber, wie schwer er litt. Wenn Gruschenka bei ihm war, schien es ihm leichter zu sein, als wenn Aljoscha allein bei ihm saß. Und wenn er auch mit ihr kaum etwas sprach, so verklärte sich doch sein ganzes Gesicht vor Freude, sobald sie nur eintrat. Aljoscha setzte sich schweigend neben ihn auf das Lager. Mitjä hatte ihn voll Unruhe erwartet. Nun wagte er nicht, ihn etwas zu fragen. Es schien ihm undenkbar, daß Katjä einwilligen könnte, zu ihm zu kommen, und doch fühlte er gleichzeitig, daß, wenn sie nicht käme, er diesen Zustand nicht lange ertragen würde. Aljoscha begriff seine Gefühle.

Plötzlich fuhr Mitjä auf und begann geschäftig:

„Trifon Borissytsch soll sein ganzes Haus auseinanderkratzen, sagt man, er soll alle Dachsparren untersuchen, alle Bretter abreißen, die ganze ‚Galerie‘ soll er abgetragen haben. Er sucht immer noch den Schatz, diese tausendfünfhundert Rubel, von denen der Staatsanwalt behauptet, ich hätte sie dort versteckt. Kaum daß er zurückgekehrt ist, soll er sofort angefangen haben zu suchen. Na, ich wünsche ihm viel Vergnügen, dem Spitzbuben! Das hat mir hier der Wärter gestern erzählt; er ist von dort.“

„Höre, Mitjä,“ sagte Aljoscha, „sie wird kommen, nur weiß ich nicht, wann. Vielleicht kommt sie heute, vielleicht erst in den nächsten Tagen, das weiß ich nicht, aber kommen wird sie bestimmt, das weiß ich genau.“

Mitjä fuhr zusammen, wollte schon etwas sagen – sagte dann aber doch nichts. Diese Nachricht war erschütternd für ihn. Man sah ihm an, daß er noch mehr von dem Gespräch Aljoschas mit Katjä erfahren wollte, daß er sich aber nicht zu fragen getraute, sich vor einer Antwort vielmehr bis zur Pein fürchtete: Etwas Hartherziges oder Verächtliches von Katjä zu erfahren – wäre für ihn in diesem Augenblick zu grausam gewesen.

„Und höre, was sie unter anderem noch gesagt hat: Ich solle dein Gewissen wegen der Flucht unbedingt beruhigen. Und wenn auch Iwan bis dahin nicht gesund werden sollte, so wird sie allein die ganze Sache in die Hand nehmen.“

„Das hast du mir schon gesagt,“ bemerkte Mitjä in Gedanken versunken.

„Und du hast es schon Gruscha mitgeteilt,“ bemerkte Aljoscha.

„Ja,“ gestand Mitjä. „Heute wird sie nicht am Morgen kommen,“ sagte er, indem er schüchtern den Bruder anblickte. „Sie wird mich erst am Abend besuchen. Als ich ihr gestern nur andeutend sagte, daß Katjä die Sache machen werde, verstummte sie, ihre Lippen verzogen sich. Sie murmelte nur: ‚Mag sie!‘ Sie begriff, daß es wichtig ist. Ich wagte nicht weiter zu fragen. Doch begreift sie jetzt bereits, denke ich, daß jene nicht mich liebt, sondern Iwan.“

„Meinst du?“ entfuhr es Aljoscha unwillkürlich.

„Du hast recht, vielleicht auch nicht. Nur wird sie heute vormittag nicht kommen, ich habe ihr einen Auftrag gegeben... Weißt du, Iwan wird uns alle überragen. Er muß leben, nicht wir. Er wird gesund werden.“

„Stell dir vor, Katjä zittert natürlich für ihn, und doch zweifelt sie kaum, daß er gesund werden wird,“ sagte Aljoscha.

„Dann ist sie also überzeugt, daß er sterben wird. Nur aus Angst glaubt sie, daß er gesund werden wird.“

„Iwan ist kein Schwächling, er ist von starker Konstitution. Ich hoffe gleichfalls sehr, daß er gesund wird,“ bemerkte Aljoscha sichtlich erregt.

„Ja, er wird gesund werden. Sie aber ist überzeugt, daß er sterben wird. Großen Kummer hat sie...“

Schweigen trat ein. Irgend etwas sehr Wichtiges schien Mitjä zu quälen.

„Aljoscha, ich liebe Gruscha wahnsinnig,“ sagte er plötzlich mit bebender, tränenerfüllter Stimme.

„Dort wird man sie aber nicht zu dir lassen...“ Aljoscha griff sofort das Thema auf.

„Und was ich dir noch sagen wollte, Alexei,“ fuhr Mitjä mit einer ganz eigentümlich klangvollen Stimme fort, „wenn man mich unterwegs oder dort schlagen will – das werde ich nicht dulden, nein, ich werde sie erschlagen, und dann wird man mich erschießen. Und das soll ich zwanzig Jahre lang ertragen! Hier fängt man schon an, du zu mir zu sagen. Alle Wärter sagen zu mir du. Ich habe heute die ganze Nacht wach im Bett gelegen und über mich Gericht gehalten: Nein, ich bin nicht bereit! Ich kann es nicht auf mich nehmen, meine Kräfte reichen nicht aus! Ich wollte dort eine Hymne singen, und da kann ich nun nicht einmal das Du der Wärter verwinden! Für Gruscha würde ich alles ertragen, alles... übrigens ausgenommen Schläge... Aber man wird sie ja dort nicht zu mir lassen...“

Aljoscha lächelte still.

„Hör’ mich, Bruder, ein für allemal,“ sagte er, „ich will dir einmal alle meine Gedanken über deine Flucht sagen. Du weißt, daß ich dir nichts vorlügen werde. Also höre: Du bist nicht bereit für Sibirien, und dieses Kreuz ist auch nicht für dich geschaffen. Und ich werde dir noch etwas sagen: Solch einer wie du, der nicht bereit ist, soll auch lieber gar nicht ein solches Märtyrerkreuz auf sich nehmen. Wenn du den Vater erschlagen hättest, so würde es mir leid tun, daß du dein Kreuz nicht tragen willst. Aber du bist unschuldig, und so wäre ein solches Kreuz gar zu viel für dich. Du wolltest durch die Qual den neuen Menschen in dir auferstehen machen; ich aber glaube, wenn du nur fortwährend, dein ganzes Leben lang, wohin du auch entfliehen, oder wo du hernach leben solltest – wenn du dein ganzes Leben lang an diesen anderen Menschen in dir denkst: so wird auch das für dich genügen. Wenn du diese letzten und äußersten Qualen nicht auf dich nimmst, so wird dies nur dazu dienen, daß du das Bewußtsein einer noch größeren Schuld mit dir nimmst, und dieses Schuldbewußtsein, das nie ganz endet und dich stets geleitet, wird dir fernerhin zu deiner Wiedergeburt verhelfen, und vielleicht noch eher, als wenn du wirklich nach Sibirien gingest. Denn dort würdest du das Leben nicht ertragen und würdest nur wider Gott murren und vielleicht zu guter Letzt doch noch sagen: ‚Ich habe abgerechnet‘. Der Advokat hat darin ganz recht gehabt. Nicht alle können so große Bürden tragen. Für viele sind sie ganz unerträglich. Da habe ich dir nun meine Gedanken gesagt. Vielleicht ist es wichtig für dich, zu wissen, wie ich darüber denke. Wenn für deine Flucht andere die Verantwortung tragen müßten, Offiziere, Soldaten, so würde ich dir ‚nicht erlauben‘, zu entfliehen,“ sagte Aljoscha lächelnd. „Aber man sagt und versichert sogar – der Etappenkommandant hat es Iwan ausdrücklich gesagt – daß, wenn man die Sache zu machen verstehe, auf niemanden besondere Verantwortung falle: man könne sich mit Leichtigkeit losmachen. Zwar ist das Bestechen auch in diesem Falle nicht in der Ordnung. Doch will ich darüber nicht richten oder auch nur urteilen – schon deshalb nicht, weil ich selbst, wenn Iwan und Katjä mich beauftragten, alles Nötige für deine Flucht zu tun, ohne weiteres die Bestechung auf mich nehmen würde. Das muß ich dir der Wahrheit gemäß gestehen. Wie gesagt, schon deshalb kann ich hier kein Richter sein, was du auch tun mögest. Ich will dir nur sagen, damit du dies ein für allemal weißt, daß ich dich nie verurteilen werde. Und sag doch selbst, wie könnte ich in diesem Falle wohl dein Richter sein? So, jetzt habe ich, glaub ich, alles gesagt.“

„Dafür aber verurteile ich mich selbst!“ sagte Mitjä erregt. „Ich werde natürlich entfliehen, unbedingt, das war auch ohne dich schon eine beschlossene Sache. Wie kann denn Mitjä Karamasoff nicht entfliehen? Trotzdem verurteile ich mich selbst dafür, und ich werde dort ewig zu Gott beten, er möge mir meine Sünden vergeben! So sprechen sonst wohl Jesuiten, nicht wahr?... Sieh mal an, wie weit wir beide gekommen sind, was?“

„Ja, so reden Jesuiten,“ sagte Aljoscha lächelnd.

„Darum liebe ich dich auch so, Alexei, weil du immer die ganze Wahrheit sagst und nichts verheimlichst!“ rief Mitjä froh aus. „Sieh mal, jetzt habe ich meinen Aljoschka auf dem Jesuitenwege ertappt! Abküssen müßte man dich dafür, aber kräftig, weißt du das, Junge? Nun, so höre denn auch das übrige. Ich will dir auch die andere Hälfte meiner Seele aufdecken. Höre jetzt, was ich mir ausgedacht habe, und worüber ich mir klar geworden bin: Wenn ich nun entfliehe, mit Geld und einem Paß versehen, und, sagen wir, meinetwegen sogar nach Amerika, so ermutigt und beruhigt mich doch nur der Gedanke, daß ich nicht in die Freude, nicht in das Glück entfliehe, sondern in Wahrheit zu einer anderen Zwangsarbeit, in eine andere Verbannung, die vielleicht nicht leichter sein wird als die in Sibirien! Nein, nicht leichter, Alexei, das kannst du mir glauben, sie wird mir wahrlich nicht leichter sein! Der Teufel hole dieses Amerika, ich hasse es schon jetzt. Ich weiß, Gruscha wird dort bei mir sein, aber sieh sie doch nur einmal an: ist sie denn etwa eine Amerikanerin? Russin ist sie, bis zur letzten Nervenspitze Russin! Sie wird sich nach der Mutter, nach ihrer Heimaterde zurücksehnen, und ich werde in jeder Stunde, in jeder Minute zusehen müssen, wie sie sich meinetwegen sehnt und grämt, wie sie für mich das Kreuz trägt! Wodurch hat sie das verdient? Was hat sie verbrochen? Und wie werde denn ich dort, im amerikanischen Leben, diese leibeigene Knechtschaft ertragen, wenn die Menschen auch tausendmal besser sind als ich? Ich hasse dieses Amerika schon jetzt! Und wenn sie auch alle bis auf den letzten weiß Gott was für spitzfindige Maschinisten sind, oder sonst was – der Teufel hole sie samt und sonders, meine Leute sind es nicht, sie haben doch eine andere Seele! Ich liebe Rußland, Alexei, den russischen Gott liebe ich, wenn ich auch selbst ein Schuft bin! Dort werde ich ja umkommen!“ rief er aus, und seine Augen blitzten, während seine Stimme von verhaltenen Tränen bebte.

„Nun, jetzt höre, Alexei, wie ich bei mir beschlossen habe!“ begann er wieder, indem er seine Erregung niederrang. „Sobald wir beide dort angekommen sind, Gruscha und ich, fangen wir sofort an zu pflügen, zu arbeiten, mit wilden Bären, in der Einsamkeit, irgendwo abseits. Man wird doch auch bei ihnen einen Ort finden können, denke ich, der etwas weiter abliegt! Dort soll es ja auch noch Rothäute geben, sagt man, dort irgendwo bei ihnen ganz am Rande des Horizonts. Nun also, und zu denen werden wir dann hinziehen, zu den letzten Mohikanern. Und da machen wir uns denn sofort an die Grammatik, Gruscha und ich. Arbeit und Grammatik, und das so, sagen wir, drei Jahre lang. Und nach diesen drei Jahren werden wir besser Englisch sprechen als die echtesten eingeborenen Amerikaner. Und sobald wir die Sprache intus haben – dann ade Amerika! Wir kommen unverzüglich wieder her, nach Rußland, und zwar als amerikanische Bürger. Aber hab keine Angst, hierher in diese Stadt kommen wir natürlich nicht. Wir werden uns irgendwo weit, weit von hier verbergen, hoch oben im Norden oder vielleicht auch im Süden. Bis dahin werde ich mich schon genügend verändert haben, sie gleichfalls. Dort in Amerika kann mir ein Doktor noch irgend so eine Warze künstlich anbringen – wozu sind sie denn Mechaniker? Und kann er’s nicht, so steche ich mir ein Auge aus, lasse mir den Bart meterlang wachsen, einen grauen, versteht sich – vor Heimweh nach Rußland werde ich ja bald ergrauen. Sicherlich wird man mich dann nicht wiedererkennen, was meinst du? Wenn man mich aber erkennen und von neuem verschicken sollte, dann meinetwegen, dann will es das Schicksal so! Hier jedoch werden wir genau so wie in Amerika irgendwo in der Einöde Ackerbau treiben, und ich werde bis zum Schluß den Vollblutamerikaner spielen. Dafür werden wir dann im Vaterlande sterben können! Sieh, das ist mein Plan, und der ist unwandelbar. Billigst du ihn?“

„Ja, ich billige ihn,“ sagte Aljoscha, da er ihm nicht widersprechen wollte.

Mitjä schwieg eine Weile, dann sagte er plötzlich:

„Aber wie geschickt sie das bei der Verhandlung gedreht haben! Weiß der Teufel!“

„Und wenn sie es auch nicht entstellt hätten, du wärst doch verurteilt worden,“ sagte Aljoscha mit einem Seufzer.

„Ja, das hiesige Publikum war meiner – na, sagen wir, gar zu überdrüssig geworden. Nun, Gott mit ihnen! Aber es ist doch schwer!“ Mitjä stöhnte gequält.

Sie schwiegen wieder eine Weile.

„Aljoscha, töte mich sofort!“ rief er plötzlich leidenschaftlich aus. „Wird sie bald kommen oder überhaupt nicht – sprich! Was hat sie gesagt? Wie hat sie es gesagt?“

„Sie hat gesagt, daß sie kommen werde, nur weiß ich nicht, ob es gerade heute sein wird. Auch ihr fällt es doch schwer!“ Aljoscha blickte besorgt den Bruder an.

„Das weiß ich, das weiß ich, wie soll es ihr denn nicht schwer fallen! Ich verliere darüber den Verstand. Gruschenka sieht mich immer so an... Sie begreift... Gott, Herr, gib du mir Frieden! Nach wem verlange ich? Ach, nach Katjä verlangt mich! Weiß ich, nach wem mich eigentlich verlangt? Karamasoffsche Zügellosigkeit – nichts anderes! Nein, ich bin unfähig zum Leiden! Ein Schuft bin ich, und damit ist alles gesagt!“

„Da ist sie!“ rief Aljoscha aus.

In diesem Augenblick war Katjä auf der Türschwelle erschienen. Sie stand und rührte sich nicht, während ihr Blick wie verloren auf Mitjä lag. Der sprang sofort auf: man konnte ihm seinen Schreck ansehen – er wurde ganz bleich. Sofort aber erzitterte ein schüchternes, bittendes Lächeln auf seinen Lippen, und plötzlich konnte er nicht anders – er streckte ihr seine beiden Hände entgegen. Als sie das sah, stürzte sie ungestüm auf ihn zu. Sie ergriff seine Hände und setzte ihn fast mit Gewalt aufs Bett, indem sie sich selbst neben ihm niederließ; sie hielt immer noch seine Hände fest und drückte sie wie im Krampf. Zwei-, dreimal wollten sie beide etwas sagen, doch hielten sie wieder inne, und ihre Blicke hingen aneinander, schweigend, verzehrend, während auf ihren Lippen ein sonderbares Lächeln lag.

„Hast du mir verziehen, oder kannst du’s nicht?“ brachte Mitjä schließlich stockend hervor. Darauf wandte er sich zu Aljoscha und rief ihm mit freudeentstelltem Gesicht zu:

„Hörst du, was ich sie frage, hörst du!“

„Darum habe ich dich ja so geliebt, weil du von Herzen edelmütig bist!“ entfuhr es Katjä fast unfreiwillig. „Aber du bedarfst ja gar nicht meiner Verzeihung und ich auch nicht der deinigen. Ob du verzeihst oder nicht – du wirst doch mein Leben lang als offene Wunde in meinem Herzen zurückbleiben, und ich ebenso in deinem – und so muß es auch sein...“

Sie hielt inne, um Atem zu schöpfen.

„Wozu bin ich hergekommen?“ begann sie von neuem, sich überstürzend, als hätte sie die Besinnung verloren. „Um deine Füße zu umfassen, deine Hände zu drücken, sieh so, bis zum Schmerz, wie ich sie dir in Moskau gedrückt habe, weißt du noch? – um dir wieder zu sagen, daß du mein Gott bist, meine Freude, um dir zu sagen, daß ich dich unsinnig liebe!“ kam es halblaut wie unter Qualen über ihre bebenden Lippen. Und plötzlich beugte sie sich vor und küßte gierig seine Hand. Tränen stürzten aus ihren Augen.

Aljoscha stand ganz verwirrt da und sagte kein Wort. Alles hätte er eher erwartet, als das, was er jetzt sah.

„Die Liebe ist vergangen, Mitjä!“ fuhr Katjä fort, „aber teuer bis zum Schmerz ist mir das, was vergangen ist. Das sage ich dir jetzt, damit du es weißt und ewig behältst. Jetzt aber, in diesem Augenblick, mag es nur einmal sein, wie’s hätte sein können,“ sagte sie mit einem traurigen Lächeln, indem sie ihm zugleich fast freudig in die Augen blickte. „Du liebst jetzt eine andere, und auch ich liebe einen anderen, und doch werde ich dich ewig lieben, und du ebenso mich – wußtest du das schon? Hörst du, liebe mich, liebe mich dein ganzes Leben lang!“ sagte sie laut, und in ihrer Stimme lag ein drohendes Zittern.

„Ich werde dich lieben und... weißt du, Katjä,“ – Mitjä holte nach jedem Wort tief Atem – „weißt du, vor fünf Tagen, an jenem Abend, da liebte ich dich... Als du hinfielst und man dich forttrug, da liebte ich dich... Mein ganzes Leben lang werde ich dich lieben! Ja, so wird es sein, so wird es ewig sein...“

In der Weise sprachen sie miteinander: sinnlos, wie im Rausch – vielleicht sagten sie sich sogar Unwahres, aber in diesem Augenblick war alles wahr für sie, und sie glaubten selbst unverbrüchlich an ihre Worte.

„Katjä,“ rief plötzlich Mitjä, „glaubst du, daß ich ihn erschlagen habe? Ich weiß, daß du jetzt nicht daran glaubst, aber damals... als du aussagtest... Glaubtest du, sag, glaubtest du es damals wirklich?“

„Auch damals glaubte ich es nicht! Niemals habe ich es geglaubt! Ich haßte dich nur, und da redete ich es mir ein, gerade für diesen einen Augenblick... Als ich die Aussage machte, redete ich es mir ein, und da glaubte ich denn... Aber kaum daß ich meine Aussage beendet hatte, hörte ich sofort auf, zu glauben... Das sollst du wissen!... Ich vergaß, daß ich gekommen war, um mich zu demütigen!“ fügte sie plötzlich mit einem ganz anderen Ausdruck hinzu, der nichts mehr mit dem soeben gemachten Liebesgeständnis gemein hatte.

„Schwer hast du es, Weib!“ entfuhr es Mitjä fast unbewußt in seinem Mitleid.

„Laß mich,“ murmelte sie, „ich werde wiederkommen, jetzt ist es zu schwer!...“

Sie erhob sich von ihrem Platze – da aber stieß sie einen Schrei aus und wankte zurück: – ins Zimmer trat ganz unvermutet mit ihrem leisen Gang Gruschenka. Niemand hatte sie erwartet. Katjä wandte sich sofort eilig zur Tür – als sie aber an Gruschenka vorübergehen wollte, blieb sie jäh stehen, erbleichte unheimlich und sagte leise, kaum hörbar, mit angehaltenem Atem:

„Vergeben Sie mir!“

Die andere blickte sie eine Zeitlang unbeweglich an und antwortete erst nach einer Weile mit haßerfüllter, mit einer wie von Haß gleichsam durchgifteten Stimme:

„Schlecht sind wir beide! Beide sind wir schlecht! Wie könnten wir vergeben, du sowohl wie ich? Rette ihn, und ich werde mein Leben lang für dich beten.“

„Wie, und vergeben willst du ihr nicht?“ rief Mitjä Gruschenka in bitterem Vorwurf fast außer sich zu.

„Sei ruhig, ich werde ihn dir retten!“ flüsterte ihr Katjä halblaut zu und eilte aus dem Zimmer.

„Und du konntest ihr nicht vergeben, nachdem sie selbst zu dir gesagt hatte: ‚vergib‘?“ rief Mitjä vorwurfsvoll aus.

„Mitjä, wage es nicht, ihr Vorwürfe zu machen! Dazu hast du kein Recht!“ rief Aljoscha heftig seinem Bruder zu.

„Ihre stolzen Lippen haben es gesagt, nicht ihr Herz,“ sagte Gruschenka wie mit einem Ekel. „Rettet sie dich, so werde ich ihr alles verzeihen...“

Sie verstummte, als hätte sie in ihrer Seele etwas niederzuringen.

Sie konnte noch nicht recht zur Besinnung kommen. Wie sich später herausstellte, war sie ganz zufällig eingetreten; sie hatte nicht geahnt, daß sie hier irgendeinen fremden Menschen antreffen werde.

„Aljoscha, lauf ihr sofort nach!“ wandte sich Mitjä ungestüm an den Bruder. „Sag’ ihr... ich weiß nicht was... nur laß sie nicht so fortgehen!“

„Ich werde noch vor dem Abend zu dir kommen!“ rief Aljoscha ihm schnell zu und lief dann Katjä nach.

Er holte sie erst auf der Straße ein, als sie den Hospitalgarten bereits verließ. Sie ging sehr schnell, lief fast, beeilte sich sichtlich. Kaum aber hatte Aljoscha sie eingeholt, als sie sich sofort zu ihm wandte und hastig hervorstieß:

„Nein, vor der kann ich mich nicht demütigen! Ich habe sie um Verzeihung gebeten, weil ich mich bis zum äußersten demütigen wollte. Sie hat mir nicht verziehen... Und ich – liebe sie dafür!“ fügte Katjä mit entstellter Stimme hinzu, und ihre Augen blitzten in wildem Haß.

„Mein Bruder glaubte, daß sie heute erst am Abend kommen würde, er hat sie durchaus nicht erwartet,“ brachte Aljoscha verwirrt hervor, „er war sogar überzeugt, daß sie nicht kommen würde...“

„Zweifellos war er überzeugt davon. Aber lassen wir das,“ sagte sie kurz abbrechend. „Hören Sie mich an: Ich kann jetzt nicht mit Ihnen dorthin zur Beerdigung gehen. Ich habe Blumen für den kleinen Sarg hingeschickt. Geld haben sie noch, glaube ich. Sobald sie welches brauchen, werde ich wieder schicken. Sagen Sie ihnen, daß ich sie in Zukunft nie vergessen werde, sie können auf meine Hilfe rechnen. Jetzt aber verlassen Sie mich, verlassen Sie mich, ich bitte Sie darum. Sie werden sich verspäten, es wird schon zur Messe geläutet... Verlassen Sie mich, ich bitte Sie darum!“

III — Iljuschas Beerdigung. Die Rede am großen Stein

Er verspätete sich in der Tat. Man hatte schon lange auf ihn gewartet und sich fast schon entschlossen, den kleinen, mit Blumen bedeckten Sarg ohne ihn in die Kirche zu tragen. Es war der Sarg Iljuschetschkas, des armen kleinen Knaben. Er war am zweiten Tage nach der Verurteilung Mitjäs gestorben. Schon an der Hofpforte wurde Aljoscha von den Knaben, Iljuschas Kameraden, empfangen. Sie hatten ihn mit Ungeduld erwartet, und sie freuten sich, daß er jetzt endlich kam. Es hatten sich ihrer zwölf versammelt, und alle waren sie mit ihren Ränzlein und Büchertaschen auf der Schulter gekommen. „Papa wird weinen, verlaßt nicht Papa!“ hatte ihnen Iljuschetschka sterbend gesagt, und die Knaben erfüllten gern seine Bitte. Ihr Anführer war natürlich Koljä Krassotkin.

„Wie es mich freut, daß Sie gekommen sind, Karamasoff!“ rief er aus und streckte Aljoscha die Hand entgegen. „Hier ist es einfach furchtbar! Wirklich, es wird einem schwer, das mit anzusehen. Ssnegireff ist nicht betrunken, wir wissen es ganz genau, daß er heute nichts getrunken hat, aber trotzdem ist er wie betrunken... Ich kann schon etwas aushalten, aber das ist doch zu entsetzlich! Karamasoff – wenn ich Sie nicht aufhalte – erlauben Sie mir noch eine Frage, bevor Sie hineingehen?“

„Was ist es denn, Koljä?“ fragte Aljoscha und blieb stehen.

„Ist Ihr Bruder schuldig, oder ist er unschuldig? Hat er den Vater erschlagen, oder hat es der Diener getan? Was Sie sagen, daran werde ich glauben. Ich habe vier Nächte wegen dieser Frage nicht schlafen können.“

„Der Diener hat ihn erschlagen, mein Bruder aber ist unschuldig,“ antwortete Aljoscha.

„Und ich habe das auch gesagt!“ rief plötzlich der kleine Ssmuroff dazwischen.

„So muß er denn als unschuldiges Opfer zugrunde gehen?“ fragte Koljä erregt. „Aber wenn er auch zugrunde geht, so ist er doch glücklich! Ich könnte ihn beneiden!“

„Was sagen Sie, wie können Sie so etwas aussprechen, und warum reden Sie so?“ fragte Aljoscha verwundert.

„Oh, wenn doch auch ich mich einmal für die Wahrheit opfern könnte,“ sagte Koljä enthusiastisch.

„Aber doch nicht in einer solchen Sache, doch nicht so schandbeladen, doch nicht so grauenvoll!“ rief Aljoscha aus.

„Freilich... ich möchte für die ganze Menschheit sterben können. Was jedoch die Schande anbelangt, so ist mir alles gleich: Mögen unsere Namen vergehen! Ich verehre Ihren Bruder!“

„Und ich auch!“ rief plötzlich und ganz unerwartet aus der Bande derselbe Knabe, der einmal erklärt hatte, er wisse, wer Troja erbaut habe, und auch diesmal wurde er, genau so wie damals, bis über die Ohren rot. Aljoscha trat ins Zimmer. In einem hellblauen, mit weißen Rüschen geschmückten Sarge lag, die Hände gefaltet und die Augen geschlossen, Iljuscha. Die Züge seines abgemagerten Gesichtchens hatten sich gar nicht verändert und, sonderbar – die Leiche verbreitete fast gar keinen Verwesungsgeruch. Der Ausdruck seines Gesichtchens war ernst und nachdenklich. Besonders schön waren die Hände, die auf der Brust gekreuzt lagen. Wie aus Marmor gemeißelt sahen sie aus. Unter die Hände hatte man Blumen gelegt, und der ganze Sarg war von innen und von außen mit Blumen geschmückt, die Lisa Chochlakoff schon am frühen Morgen geschickt hatte. Auch von Katerina Iwanowna waren Blumen geschickt worden, und als Aljoscha die Tür aufmachte, da bedeckte der Hauptmann mit zitternden Händen gerade von neuem seinen geliebten Jungen mit Blumen. Er beachtete kaum den Eintretenden, er schien überhaupt niemanden beachten zu wollen; nicht einmal sein „Mamachen“, seine schwachsinnige weinende Frau, die immer wieder versuchte, sich auf ihren kranken Füßen aufzurichten, um ihren toten Knaben besser sehen zu können. Ninotschka wurde von den Knaben mit ihrem Stuhl aufgehoben und näher an den Sarg gerückt. Dort saß sie dann, preßte ihren Kopf an den Sarg und weinte still. Das Gesicht Ssnegireffs war sehr belebt, zu gleicher Zeit aber wie zerstreut und wie verbittert. In seinen Gesten und Worten war etwas geradezu Halbverrücktes. „Väterchen, liebes Väterchen!“ murmelte er immer wieder, auf Iljuscha starrend. Als Iljuscha noch lebte, hatte er die Gewohnheit gehabt, wenn er zu ihm liebkosend sprach, „Väterchen, liebes Väterchen!“ zu sagen.

„Papachen, gib auch mir Blumen, nimm aus seinen Händchen dort diese weiße und gib sie mir!“ bat schluchzend das schwachsinnige „Mamachen“. Gefiel ihr nun die kleine weiße Rose so sehr, die in Iljuschas Händen lag, oder wollte sie die Rose aus seinem Sarge zum Andenken aufbewahren, jedenfalls fuhr sie mit den Händen hin und her und streckte sie immer wieder wie suchend nach der Blume aus.

„Niemandem gebe ich etwas, nichts gebe ich!“ rief hartherzig Ssnegireff. „Das sind seine Blumen, aber nicht deine. Alles gehört ihm, du bekommst nichts.“

„Papa, geben Sie Mama die Blume!“ bat Ninotschka, indem sie plötzlich ihr tränenüberströmtes Gesicht erhob.

„Nichts gebe ich ihr, nichts! Sie hat ihn gar nicht geliebt. Sie hat ihm damals die kleine Kanone fortgenommen, und er hat sie ihr geschenkt,“ sagte mit schluchzender Stimme der Hauptmann, den die Erinnerung, wie Iljuschetschka seiner Mama die Kanone abgetreten hatte, überwältigte. Die arme Irrsinnige weinte leise und bedeckte mit beiden Händen ihr Gesicht. Als die Knaben schließlich einsahen, daß der Vater den Sarg nicht forttragen lassen werde, während es doch schon die höchste Zeit war, aufzubrechen, drängten sie sich in dichtem Haufen an den Sarg heran und schickten sich an, ihn aufzuheben.

„Ich will ihn nicht auf dem Friedhof beerdigt haben!“ fuhr Ssnegireff sofort heftig auf, „beim Stein will ich ihn beerdigen, bei unserem großen Stein! So hat es Iljuscha gewollt! Ich lasse ihn nicht forttragen!“

Er hatte auch schon früher, die ganzen drei Tage, davon gesprochen, daß er ihn beim „großen Stein“ beerdigen wolle: doch Aljoscha, Krassotkin, die Hauswirtin, deren Schwester und alle Knaben waren dagegen gewesen.

„Sieh einer, was er sich ausgedacht hat, ihn beim Stein wie einen Heiden zu beerdigen, ganz als wäre er ein Selbstmörder!“ sagte streng die alte Wirtin. „Die Friedhoferde ist geweiht. Dort wird man für ihn beten. Aus der Kirche hört man den Gesang, und der Diakon liest so laut und verständlich, daß jedes Wort bis zu seinem Grabe zu hören sein wird, ganz als ob er es an seinem Grabe lesen würde.“

Der Hauptmann winkte schließlich mit der Hand ab. Das hieß soviel wie: „Bringt ihn wohin ihr wollt!“ Die Kinder hoben den Sarg auf. Als sie an der Mutter vorüberkamen, senkten sie ihn ein wenig, damit sie von Iljuscha Abschied nehmen könne. Als sie aber das liebe Gesichtchen, auf das sie in diesen drei Tagen immer nur von weitem hinübergeblickt hatte, jetzt so nah vor sich erblickte, erzitterte sie am ganzen Körper und begann über dem Sarge hysterisch mit ihrem grauen Kopfe hin und her zu zucken.

„Mama, bekreuze ihn, segne ihn, küsse ihn!“ rief ihr Ninotschka weinend zu. Die Mama aber zuckte nur immer mit ihrem Kopf, sprachlos wie ein Automat, während ihr Gesicht von heißem Kummer verzerrt wurde, und plötzlich fing sie an, sich mit der Faust vor die Brust zu schlagen. Man trug den Sarg weiter. Ninotschka drückte zum letztenmal ihre Lippen auf die Lippen ihres verstorbenen Bruders, als man ihn an ihr vorübertrug. Aljoscha wandte sich, als er aus dem Hause trat, an die Hauswirtin mit der Bitte, nach den Zurückgebliebenen zu sehen – die aber ließ ihn kaum aussprechen: „Wir wissen schon, werden bei ihnen bleiben, sind doch auch Christen!“ sagte die Alte und weinte dazu.

Bis zur Kirche war es nicht weit, im ganzen vielleicht dreihundert Schritt, nicht mehr. Der Tag war klar und still, es fror nur wenig. Die Meßglocke wurde noch geläutet. Zerstreut und geschäftig lief Ssnegireff in seinem alten, kurzen Sommermäntelchen hinter dem Sarge her, mit entblößtem Kopf, den alten Schlapphut in der Hand. Er war von einer gedankenlosen Geschäftigkeit: Plötzlich streckte er die Hand aus, um den Sarg am Kopfende zu stützen, und störte dadurch nur die Tragenden, dann lief er wieder an die Seite und versuchte dort behilflich zu sein; fiel eine Blume auf den Schnee, so stürzte er sich auf sie, um sie aufzuheben, ganz als ob von dem Verlust dieser Blume weiß Gott was abhing.

„Aber die Brotrinde, die Brotrinde haben wir vergessen!“ rief er plötzlich außer sich vor Schreck. Die Knaben erinnerten ihn daran, daß er die Brotrinde in seine Tasche gesteckt hatte. Er riß sie sofort aus der Tasche hervor, und nachdem er sich davon überzeugt hatte, daß sie da war, beruhigte er sich.

„Iljuschetschka hat befohlen, Iljuschetschka,“ erklärte er sofort Aljoscha, „er lag wach in der Nacht, ich saß bei ihm, und plötzlich sagte er zu mir: ‚Papachen, wenn man mein Grab zugeschüttet hat, so wirf Brotkrümchen darauf, damit die kleinen Sperlinge herbeifliegen, ich werde dann hören, wie sie herbeigeflogen kommen, und werde froh sein, daß ich nicht ganz allein liege.‘“

„Das ist gut,“ sagte Aljoscha, „man muß des öfteren Brotkrümel hinstreuen.“

„Jeden Tag, jeden Tag!“ stotterte der Hauptmann wie neu belebt.

Endlich kam man in der Kirche an, und der Sarg wurde inmitten der Vierung hingestellt. Die Knaben blieben um ihn herum stehen, und so standen sie, tief ernst, während des ganzen Gottesdienstes. Es war eine alte ärmliche Kirche. Die Heiligenbilder waren ohne Silberschmuck. Aber ich glaube, in solchen Kirchen kann man besser beten. Nach der Messe schien Ssnegireff sich etwas zu beruhigen, obgleich ihn auch jetzt noch von Zeit zu Zeit wieder eine unbewußte, gedankenlose Geschäftigkeit erfaßte: Bald trat er an den Sarg, um das Leichentuch oder das Stirnband in Ordnung zu bringen, bald wieder, wenn ein Licht herunterfiel, lief er hin, um es aufzustellen, und machte sich schrecklich lange damit zu schaffen. Plötzlich beruhigte er sich wieder und stand unbeweglich mit stumpfsinnig-besorgtem und verständnislosem Gesichtsausdruck da. Als die Apostelgeschichte verlesen wurde, flüsterte er plötzlich Aljoscha ins Ohr, daß sie „nicht so“ verlesen werden müßte, sprach indessen seine Gedanken darüber nicht aus. Nach dem Cherubliede schickte er sich an, mitzusingen, brach aber sogleich wieder ab und warf sich auf die Knie, beugte seine Stirn auf den steinernen Fußboden der Kirche und verharrte eine geraume Zeit in dieser Stellung. Endlich schritt man zum Totenamt, und die Lichter wurden verteilt. Wieder schien der unsinnige Alte geschäftig werden zu wollen, doch der erschütternde Grabgesang machte einen unheimlichen Eindruck auf seine Seele. Er schien plötzlich in sich zusammenzusinken: Er schluchzte auf, zuerst nur stoßweise mit unterdrückter Stimme, schließlich aber weinte er laut. Als man sich von dem Toten zu verabschieden begann und sich anschickte, den Sarg zu schließen, umfing er ihn mit beiden Armen, als wolle er Iljuschetschka vor etwas beschützen, und immer wieder küßte er seinen toten Knaben auf den Mund. Man beredete ihn, und es gelang ihnen fast schon, den Vater vom Sarge loszureißen, als er plötzlich seinen Arm ausstreckte und von dem Sarge noch einige Blumen raffte. Darauf stierte er sie an, und eine neue Idee schien ihn zu ergreifen, so daß er auf einen Augenblick alles andere vergaß. Er verfiel immer mehr in Nachdenken und hatte dann auch nichts weiter dagegen einzuwenden, als der Sarg aufgehoben wurde, um zum Grabe getragen zu werden. Es war ein teures Grab, ganz nahe bei der Kirche gelegen: Katerina Iwanowna hatte es bezahlt. Nach der üblichen Zeremonie senkten die Totengräber den Sarg in die Gruft hinab. Ssnegireff beugte sich mit seinen Blumen in den Händen über dem offenen Grabe so weit vor, daß sich die Knaben erschrocken an seinen Mantel hängten und ihn zurückzogen. Er aber schien nicht mehr zu verstehen, was vor sich ging. Als man das Grab zuschüttete, wies er geschäftig auf die hinabstürzende Erde, und begann sogar zu reden, doch war unmöglich zu verstehen, was er sagte, und er verstummte dann auch bald von selbst. Man erinnerte ihn daran, nunmehr die Brotkrumen auszustreuen, und er begann denn auch sofort und in großer Aufregung ganze Stücke auf das Grab zu werfen. „Vögelchen, fliegt herbei, hier, Sperlinge fliegt herbei!“ murmelte er geschäftig. Einer der Knaben machte die Bemerkung, daß die Blumen, die er in den Händen hielt, ihm nur hinderlich seien, und daß er sie ihm zu halten geben solle. Er aber gab sie nicht, erschrak nur heftig, denn er glaubte und fürchtete, jemand wolle sie ihm fortnehmen. Nachdem er sich das Grab angesehen und man ihm noch gesagt hatte, daß er jetzt alles getan, kehrte er sich ganz unerwartet und beruhigt um und beeilte sich, nach Haus zu kommen. Seine Schritte wurden bald so eilig, daß er fast schon lief. Die Knaben und Aljoscha folgten ihm. „Für Mamachen die Blumen, für Mamachen die Blumen! Man hat Mamachen gekränkt,“ murmelte er vor sich hin. Einer der Knaben rief ihm zu, er möge doch seinen Hut aufsetzen, es sei doch kalt. Sowie er das aber hörte, warf er den Hut zornig auf den Schnee und sagte immer wieder vor sich hin: „Ich will keinen Hut, ich will keinen Hut!“ Der kleine Ssmuroff hob ihn auf und trug ihn hinter ihm her. Alle Knaben weinten, am heftigsten von allen Koljä und der Knabe, der Troja entdeckt hatte, und wenn auch Ssmuroff mit dem Hut des Hauptmanns in der Hand herzbrechend schluchzte, so fand er doch Zeit, ein Ziegelstückchen, das sich rot vom Schnee abhob, aufzuheben und nach einem schnell vorüberziehenden Flug Spatzen zu werfen... Natürlich traf er nicht, und so lief er weinend weiter. Ssnegireff jedoch blieb plötzlich mitten auf dem Wege stehen, stand einen Augenblick, als wäre er über etwas sehr betroffen, kehrte dann um und lief zur Kirche zurück, zum Grabe. Die Knaben holten ihn aber bald ein und klammerten sich von allen Seiten an ihn. Kraftlos und wie verwundet fiel er in den Schnee, schlug um sich, schluchzte und schrie: „Väterchen, Iljuschetschka, liebes Väterchen!“ Aljoscha und Koljä hoben ihn auf und sprachen auf ihn ein, indem sie ihn zu beruhigen suchten.

„Herr Hauptmann, genug der Verzweiflung, ein tapferer Mensch ist verpflichtet, alles männlich zu ertragen,“ meinte Koljä etwas unwirsch.

„Sie werden die Blumen zerdrücken,“ sagte Aljoscha, „und Mamachen wartet auf sie, sie sitzt dort und weint, weil Sie ihr Iljuschetschkas Blumen nicht gegeben haben. Dort steht auch noch sein Bett...“

„Ja, ja, zu Mamachen!“ Ssnegireff besann sich sofort, „man wird das Bettchen fortbringen, fortbringen!“ fügte er ganz erschrocken hinzu, als ob man wirklich schon das Bettchen fortgebracht haben könnte. Und er sprang auf und lief wieder weiter, nach Hause.

Es war nicht mehr weit bis dahin, und so liefen sie alle mit. Ssnegireff riß eilig die Tür auf und stürzte zu seiner Frau, zu der er kurz vorher noch so hartherzig gewesen war:

„Liebes Mamachen, Iljuschetschka schickt dir die Blumen, kranke Füße hast du doch!“ rief er ihr schon von der Tür aus zu und schenkte ihr die vom Frost zerstörten und verwelkten Blumen.

In demselben Augenblick erblickte er aber in der Ecke vor Iljuschetschkas Bettchen dessen Stiefel, beide nebeneinander, wie sie soeben von der Hauswirtin beim Aufräumen aufgestellt worden waren; es waren alte, rötlich gewordene, ganz abgetragene und geflickte Stiefelchen. Als er sie bemerkte, erhob er die Hände, stürzte auf sie zu, fiel vor ihnen auf die Knie nieder, ergriff einen Stiefel und preßte ihn an seine Lippen und küßte, küßte ihn gierig:

„Väterchen Iljuschetschka, liebes Väterchen, wo sind deine Füßchen, wo?“

„Wohin hast du ihn gebracht? Wohin hast du ihn gebracht?“ heulte nun auch die Irrsinnige mit herzzerreißender Stimme.

Da brach auch Ninotschka in Tränen aus. Koljä lief aus dem Zimmer, ihm folgten die anderen Knaben. Auch Aljoscha ging hinaus und folgte ihnen.

„Mögen sie sich ausweinen,“ sagte er zu Koljä, „da kann man nicht mehr trösten. Warten wir ein wenig und gehen wir dann wieder hinein.“

„Ja, man kann nicht mehr... es ist schrecklich!“ bestätigte Koljä. „Wissen Sie, Karamasoff,“ er senkte ein wenig seine Stimme, damit ihn niemand höre, „mir ist sehr traurig zumute, wenn ich wüßte, daß man ihn auferwecken könnte, dann würde ich alles auf der Welt hingeben!“

„Ach, auch ich würde es!“ sagte Aljoscha.

„Was meinen Sie, Karamasoff, sollen wir nicht heute abend wieder herkommen? Sonst wird er sich ja betrinken.“

„Sehr möglich, daß er sich betrinken wird. Aber wir wollen beide allein kommen, um mit ihnen, mit der Mutter und Ninotschka, zusammen ein Stündchen zu sitzen, denn wenn wir wieder alle auf einmal kämen, so würden sie nur an die Beerdigung erinnert werden,“ sagte Aljoscha.

„Bei ihnen deckt jetzt die Wirtin den Tisch, wahrscheinlich zum Totenmahl, der Pope wird wohl bald kommen... Sollen wir gleich wieder zurückgehen, Karamasoff, oder nicht?“

„Durchaus,“ antwortete Aljoscha.

„Wie das sonderbar ist, Karamasoff, ein solcher Kummer und dann plötzlich Pfannkuchen, wie unnatürlich und wie sonderbar das in unserer Religion ist.“

„Sie werden auch Lachs essen,“ bemerkte plötzlich der Knabe, der Troja entdeckt hatte.

„Ich bitte Sie im Ernst, Kartascheff, sich nicht immer mit Ihren dummen Reden einzumischen, besonders wenn man gar nicht mit Ihnen spricht und überhaupt nicht wissen will, ob Sie auf der Welt sind oder nicht,“ fiel ihm Koljä gereizt ins Wort.

Der Knabe errötete wieder bis über die Ohren, doch zu antworten wagte er nicht. Inzwischen hatten sie alle still den Fußweg eingeschlagen, und plötzlich rief Ssmuroff aus:

„Das ist der große Stein, unter dem Iljuscha beerdigt sein wollte!“

Alle blieben sie schweigend am großen Steine stehen. In Aljoscha tauchte die Erinnerung daran auf, wie Ssnegireff ihm von Iljuschetschka erzählt hatte: Wie dieser den Vater weinend umarmt und dabei ausgerufen: „Papachen, Papachen, wie hat er dich erniedrigt!“ Es war ihm, als wenn in seiner Seele etwas erzitterte. Mit ernster und würdiger Miene ließ er seinen Blick über alle diese lieben, hellen Gesichter der Schuljungen und Kameraden Iljuschetschkas gleiten, und plötzlich wandte er sich an sie:

„Meine Freunde, ich wollte euch hier, gerade an diesem Steine, ein Wort sagen.“

Die Knaben umringten ihn und sahen ihn mit erwartenden Blicken groß an.

„Meine Freunde, wir werden uns bald trennen. Ich werde nur noch eine kurze Zeit bei meinen beiden Brüdern bleiben, von denen der eine verschickt wird und der andere todkrank ist. Ich werde bald diese Stadt verlassen, und vielleicht auf sehr lange. So werden wir denn auseinandergehen, meine Freunde. Darum laßt uns hier am Steine, den Iljuscha so lieb hatte, das Versprechen ablegen – erstens Iljuscha, und zweitens uns gegenseitig nie zu vergessen. Was auch mit uns im Leben geschehen möge, und wenn wir uns auch zwanzig Jahre lang nicht sehen sollten, so wollen wir doch nicht vergessen, wie wir den armen Knaben beerdigt haben, auf den wir früher mit Steinen warfen, – erinnert ihr euch noch, bei der Brücke damals? – und wie wir ihn darauf alle so lieb gewannen. Er war ein lieber, guter und tapferer Junge. Er hielt die Ehre des Vaters hoch und litt unter der Kränkung, die dem Vater zugefügt worden war, und lehnte sich gegen sie auf. Und so wollen wir ihn, meine Freunde, unser ganzes Leben lang nicht vergessen. Und sollten wir uns auch mit den wichtigsten Dingen beschäftigen, sollten wir auch zu den höchsten Ehren gelangen oder in das größte Unglück geraten, – gleichviel, wir wollen nie vergessen, wie uns hier alle das eine Gefühl verband, das uns in der Liebe zu diesem armen Jungen besser gemacht hat, als wir es vielleicht von Natur sind. Meine Lieblinge ihr, meine Täubchen – erlaubt mir, daß ich euch so nenne, denn ihr alle scheint mir diesen hübschen schillernden Tierchen mit den munteren Äuglein so ähnlich zu sein, wenn ich eure guten, lieben Gesichtchen sehe – meine lieben Kinder, vielleicht werdet ihr nicht begreifen, was ich euch sage, denn ich rede oft sehr unverständlich, ihr werdet euch aber des Gesagten vielleicht doch einmal erinnern und meinen Worten dann beistimmen. Denn wißt, es gibt nichts, das höher, stärker, gesünder und nützlicher für das Leben wäre als eine gute Erinnerung aus der Kindheit, aus dem Elternhause. Man wird euch vieles über eure Erziehung sagen, aber eine schöne und heilige Erinnerung, die man noch aus der Kindheit sich aufbewahrt, kann oft die allerbeste Erziehung sein. Wenn der Mensch viele solcher Erinnerungen aus seiner Jugend hat, so ist er fürs ganze Leben gerettet. Und wenn auch nur eine einzige gute Erinnerung in seinem Herzen verbleibt, so kann auch diese einmal zu seiner Rettung dienen. Vielleicht werden wir später im Leben schlecht, vielleicht werden wir nicht die Kraft haben, eine schlechte Handlung zu vermeiden, wir werden vielleicht sogar über die Tränen der Menschen lachen, über Menschen, die dasselbe sagen, was Koljä vorhin ausrief: ‚Ich möchte für alle Menschen leiden‘, – ja, auch über solche Menschen werden wir vielleicht in unserer Bosheit lachen. Aber wenn wir auch noch so schlecht werden sollten, wovor Gott uns bewahren möge, so werden wir, wenn wir uns dessen erinnern, wie wir Iljuscha beerdigt, wie wir ihn in den letzten Tagen geliebt und wie wir soeben freundschaftlich an diesem Steine gesprochen haben – so wird doch selbst der Schlechteste und Spottlustigste von uns, wenn er zu einem solchen werden sollte, immerhin nicht innerlich darüber zu lachen wagen, daß er in diesem Augenblick gut und brav gewesen ist. Und nicht nur das: vielleicht wird diese Erinnerung allein ihn zurückhalten, Böses zu tun, und er wird sich besinnen und sagen: ‚Ja, ich war damals gut, tapfer und ehrlich.‘ Möge er bei sich lächeln, das tut nichts, der Mensch lacht oft über Gutes und Edles, aber er tut es ja nur aus Leichtsinn. Und ich versichere euch, meine Freunde, in dem Augenblick, in dem er lacht, wird er sich doch innerlich sagen: ‚Nein, es ist schlecht, daß ich gelacht habe, denn darüber darf man nicht lachen!‘“

„Genau so wird es sein Karamasoff, ich verstehe Sie, Karamasoff!“ rief ihm Koljä mit blitzenden Augen zu.

Die Knaben waren furchtbar aufgeregt und wollten alle etwas sagen, doch hielten sie sich noch zurück und starrten nur mit aufmerksamen Gesichtern zu dem Redner empor.

„Das sage ich nur in der Furcht, daß wir schlecht werden könnten,“ fuhr Aljoscha fort, „aber warum sollten wir denn schlecht werden, meine Freunde? Vor allem wollen wir doch gut sein, alsdann ehrlich und dann – niemals einander vergessen. Das wiederhole ich immer wieder. Ich gebe euch mein Wort, meine Freunde, daß ich niemals auch nur einen von euch vergessen werde: Kein einziges Gesicht, das ich jetzt vor mir sehe, werde ich je vergessen, und wenn auch Jahre und Jahre darüber vergehen. Soeben sagte Koljä zu Kartascheff, er wolle nichts davon wissen, ob er auf der Welt ist oder nicht. Ja, kann ich denn vergessen, daß Kartascheff auf der Welt ist, und daß er jetzt errötet, wie damals, als er Troja entdeckte und mich mit seinen lieben, guten, fröhlichen Augen ansieht? Meine Freunde, meine lieben Freunde, seien wir alle großmütig und tapfer wie Iljuschetschka, klug, tapfer und großmütig wie Koljä, und bescheiden, klug und lieb wie Kartascheff! Doch – warum rede ich nur von diesen beiden? Alle, meine Freunde, alle seid ihr mir lieb, alle schließe ich in mein Herz ein, und ich bitte auch euch, mich in euer Herz einzuschließen! Wer aber verbindet uns alle in diesem Gefühl, an das wir von jetzt ab unser ganzes Leben lang denken werden, wer, wenn nicht Iljuschetschka, der gute, der liebe Junge! Niemals werden wir ihn vergessen, eine gute Erinnerung werden wir an ihn in unseren Herzen bewahren, von jetzt an bis in alle Ewigkeit.“

„Ja, ja, bis in alle Ewigkeit,“ riefen die Knaben mit hellen Stimmen und begeisterten Gesichtern ihm zu.

„Wir wollen sein Gesicht nicht vergessen, seine Kleider, seine alten zerrissenen Stiefelchen, sein Grab und seinen unglücklichen Vater, und daß er allein gegen die ganze Klasse für diesen Vater eingetreten ist!“

„Wir werden ihn nicht vergessen!“ riefen wieder die Knaben, „er war tapfer, und er war so gut!“

„Ach, wie habe ich ihn geliebt!“ rief Koljä aus.

„Ach, Kinder, meine lieben Freunde, fürchtet das Leben nicht! Wie schön ist das Leben, wenn man etwas Gutes und Gerechtes tut!“

„Ja, ja!“ riefen die Knaben, ganz Feuer und Flamme.

„Karamasoff, wir lieben Sie!“ sagte eine Stimme, die, wie es schien, nicht mehr an sich halten konnte; wahrscheinlich war es der kleine Kartascheff.

„Wir lieben Sie, alle lieben wir Sie!“ riefen nun auch die anderen aus. Bei vielen blitzten Tränlein in den Augen.

„Hurra Karamasoff!“ schrie plötzlich Koljä. „Ist es wirklich wahr, was die Religion sagt, daß wir von den Toten auferstehen und uns alle wiedersehen werden, alle, auch Iljuschetschka?“

„Wir werden auferstehen, wir werden uns wiedersehen, und freudig werden wir uns gegenseitig alles erzählen, was wir erlebt haben,“ antwortete halb lächelnd, halb begeistert Aljoscha.

„Ach, wie wird das schön sein!“ entfuhr es Koljä ganz unwillkürlich.

„Jetzt aber machen wir Schluß mit dem Reden und gehen wir zu seinem Totenmahl. Laßt euch nicht dadurch verwirren, daß wir Pfannkuchen essen werden. Das ist ein uralter und geheiligter Brauch unserer Väter, und auch er hat sein Gutes,“ sagte Aljoscha lächelnd. „Und nun kommt! Seht, jetzt gehen wir alle Hand in Hand!“

„Und so laßt uns ewig gehen, das ganze Leben bis zum Grabe Hand in Hand! Hurra Karamasoff!“ rief noch einmal begeistert Koljä aus, und noch einmal stimmten alle Knaben in seinen Ruf ein.

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