Fünftes Buch — Pro und Contra
I — Das Verlöbnis
Frau Chochlakoff hatte Aljoscha ungeduldig erwartet und kam ihm daher wieder im Vorzimmer entgegen. Sie hatte es furchtbar eilig, denn es war etwas sehr Wichtiges geschehen: Der hysterische Anfall Katerina Iwanownas hatte mit einer Ohnmacht geendet, darauf war „eine beängstigende, eine unglaubliche Schwäche“ über sie gekommen, sie hatte sich hingelegt, die Augen geschlossen und zu phantasieren begonnen. „Jetzt hat sie Fieber,“ fuhr Frau Chochlakoff eilig fort, „ich habe nach den Tanten und nach Herzenstube geschickt. Die Tanten sind schon hier, aber Herzenstube noch nicht. Sie sitzen alle in ihrem Zimmer und warten. Was daraus noch werden mag! Sie ist besinnungslos! Denken Sie, wenn das nun Nervenfieber wird!“
Frau Chochlakoff sah tatsächlich erschrocken aus. „Das ist aber jetzt ernst, wirklich ernst!“ fügte sie immer wieder hinzu, als ob alles, was mit Katerina Iwanowna früher geschehen war, nicht ernst gewesen wäre. Aljoscha hörte ihr sorgenvoll zu. Er wollte auch von seinem Erlebnis erzählen, doch sie unterbrach ihn bereits nach den ersten zwei Worten: sie habe keine Zeit – und bat ihn daher, zu Lise zu gehen und sie bei ihr zu erwarten.
„Ach, liebster Alexei Fedorowitsch,“ flüsterte sie ihm plötzlich ins Ohr, „Lise hat mich soeben maßlos in Erstaunen gesetzt, aber sie hat mich auch gerührt, und darum verzeiht ihr mein Herz alles. Denken Sie sich nur: Kaum waren Sie fortgegangen, da bereute sie auch schon aufrichtig, sich über Sie gestern und heute, wie sie sagt, lustig gemacht zu haben. Dabei hat sie es ja gar nicht getan, sie hat doch nur gescherzt. Aber sie bereute es so aufrichtig, wirklich, bis zu Tränen, daß ich ganz erstaunt war. Niemals hat sie früher, wenn sie mir gegenüber ungezogen gewesen war, etwas ernstlich bereut; sie hat es immer nur so scherzend getan. Und Sie wissen doch, sie lacht ja fortwährend über mich. Aber nun ist sie plötzlich ernst geworden, ganz, ganz ernst. Sie schätzt Ihre Meinung so hoch, Alexei Fedorowitsch, und wenn Sie können, so seien Sie nicht gekränkt, erheben Sie keine Ansprüche. Ich tue ja auch nichts anderes, als daß ich sie schone, denn sie ist doch solch ein kluges Geschöpfchen, – werden Sie’s mir glauben? Sie sagte soeben, Sie wären von Kindheit an ihr Freund gewesen, – ‚der einzige Freund meiner Kindheit‘, – stellen Sie sich doch so etwas vor, der ‚einzige‘, – und ich? Was bin ich ihr denn gewesen? Sie hat in der Beziehung ganz außerordentlich feine Empfindungen und Erinnerungen, und zuweilen drückt sie sich in einer Weise aus, wie man es nie für möglich halten würde. So sagte sie mir zum Beispiel noch vor kurzem: Bei uns im Garten stand eine große Tanne, – das heißt, vielleicht steht sie auch jetzt noch dort, also ist kein Grund vorhanden, sich in der vergangenen Zeitform auszudrücken. Nun, Tannen sind doch keine Menschen, sie verändern sich nicht so schnell. Und was glauben Sie, Alexei Fedorowitsch, da sagt sie mir plötzlich: ‚Mama, ich habe diese Tanne immer nur als Traum gesehen‘, oder so ungefähr, sie drückte sich anders aus, – die Tanne ist doch nur ein Baum, sie aber drückte sich so aus, daß etwas ganz Besonderes dabei herauskam, und schwatzte mir darüber so befremdlichen Unsinn vor, daß ich lieber gar nicht versuchen will, alles wiederzugeben. Ich habe es auch schon vergessen. Nun, auf Wiedersehen, ich bin einfach erschüttert, ich werde wohl noch bestimmt den Verstand verlieren. Ach, Alexei Fedorowitsch, ich habe ja schon zweimal im Leben den Verstand verloren, und man hat mich dann wieder hergestellt. Gehen Sie zu Lise. Ermuntern Sie sie, wie Sie das immer so vorzüglich verstehen. Lise,“ rief sie, zu Lisas Zimmertür tretend, „ich habe dir Alexei Fedorowitsch, den du so beleidigt hast, wiedergebracht, und ich versichere dir, er ärgert sich nicht im geringsten, im Gegenteil, er wundert sich noch, wie du so etwas von ihm hast denken können!“
„Merci, Mama, treten Sie ein, Alexei Fedorowitsch.“
Aljoscha trat ein. Lise blickte etwas verlegen drein und errötete plötzlich über und über. Sie schien sich irgendeiner Sache zu schämen, und so begann sie denn, wie es in solchen Fällen gewöhnlich geschieht, schnell von etwas ganz Nebensächlichem zu sprechen, als ob sie sich im Augenblick wirklich nur für dieses Nebensächliche interessierte.
„Alexei Fedorowitsch, Mama hat mir inzwischen die ganze Geschichte mit den zweihundert Rubeln und Ihrem Auftrag... an diesen armen Offizier erzählt, und auch diese schmachvolle Geschichte, wie er beleidigt worden ist: und wissen Sie, wenn Mama auch entsetzlich zerstreut erzählt – sie springt immer von einem aufs andere über – ich habe doch zugehört und geweint. Sagen Sie, wie haben Sie ihm das Geld übergeben, wie hat er es angenommen, und was macht er jetzt, der Arme?...“
„Das ist es ja, daß er es nicht angenommen hat, hier handelt es sich um eine ganze Tragödie...“ antwortete Aljoscha, der auch seinerseits tat, als dächte er nur an das Erlebte, nur daran, daß der Hauptmann das Geld nicht angenommen hatte; Lise aber bemerkte nur zu gut, daß auch er zur Seite blickte und sich absichtlich bemühte, von Nebensächlichem zu sprechen. Aljoscha setzte sich also an den Tisch und begann zu erzählen. Da aber verließ ihn seine Verlegenheit, schon nach den ersten Worten, und es gelang ihm, auch Lise mit sich fortzureißen. Er sprach unter dem Einfluß eines echten Gefühls und der erlebten starken Eindrücke, und er erzählte gut und anschaulich. Auch früher, schon in Moskau, war er zu Lise gekommen und hatte ihr, der Kleinen, gern von dem erzählt, was mit ihm geschehen war, oder was er gelesen hatte, oder sie hatten beide von ihren Kindererlebnissen gesprochen. Zuweilen hatten sie sich auch zusammen ganze Geschichten ausgedacht, doch waren das gewöhnlich nur lustige Geschichten gewesen, über die sie dann beide herzlich lachen konnten. So fühlten sie sich denn jetzt gleichsam in jene Zeit zurückversetzt. Lise war sehr ergriffen von seiner Erzählung. Aljoscha hatte es verstanden, mit warmen Worten die Gestalt des kleinen ‚Iljuschetschka‘ zu schildern. Als er alles ausführlich beschrieben hatte, auch das letzte, wie der Unglückliche das Geld mit den Füßen in die Erde gestampft hatte, schlug Lisa die Hände zusammen und unterbrach ihn erregt:
„So hat er das Geld nicht bekommen, so haben Sie ihn einfach fortlaufen lassen! Mein Gott, warum liefen Sie ihm nicht nach, warum holten Sie ihn nicht ein...“
„Nein, Lise, es ist besser, daß ich ihm nicht nachgelaufen bin,“ sagte Aljoscha, erhob sich und schritt im Zimmer besorgt auf und ab.
„Wieso besser, warum denn besser? Jetzt haben sie nichts zu essen und werden umkommen!“
„Sie werden nicht umkommen, denn diese zweihundert Rubel werden ihnen doch nicht entgehen. Morgen wird er sie nehmen. Morgen wird er sie bestimmt nehmen,“ sagte Aljoscha nachdenklich. „Wissen Sie, Lise,“ sagte er, vor ihr stehen bleibend, „ich habe hierbei einen großen Fehler begangen, doch selbst dieser Fehler ist, wie ich sehe, gut und nützlich gewesen.“
„Was für einen Fehler? Und weshalb soll er gut und nützlich sein?“
„Das werde ich Ihnen sofort erklären. Dieser Hauptmann ist ein ängstlicher Mensch mit einem schwachen Charakter. Er hat ein gequältes, doch nur allzu weiches Herz. Jetzt denke ich so: Was hat ihn denn plötzlich so beleidigt, daß er sogar das Geld zerstampfte, denn ich versichere Sie, er wußte selbst bis zum letzten Augenblick nicht, daß er es zerstampfen werde. Jetzt sehe ich ein, daß ihn vieles kränken konnte – es hätte ja in seiner Lage auch anders gar nicht sein können... Vor allen Dingen mußte ihn schon das allein kränken, daß er sich in meiner Gegenwart so sehr über das Geld gefreut hatte. Hätte er sich nicht so sehr darüber gefreut, hätte er seine Freude nicht so offen gezeigt, hätte er sich verstellt, sich geziert, so wie andere es tun, nun dann hätte er es vielleicht noch ertragen und das Geld angenommen. So aber hatte er sich nun einmal gar zu unverhohlen gefreut, und das war es, was ihn kränkte. Ach, Lise, er ist ein aufrichtiger und guter Mensch, das ist ja das ganze Unglück in solchen Fällen! Während der ganzen Zeit, da er sprach, war seine Stimme so schwach, so haltlos, und er sprach so schnell, so schnell, er schien gleichsam zu kichern, oder vielleicht weinte er auch schon... ja, er weinte, dermaßen groß war sein Glück... Und auch von seinen Töchtern erzählte er... und auch von der Anstellung, die man ihm in einer anderen Stadt versprochen haben soll... Und kaum hatte er sein ganzes Herz ausgeschüttet, als er sich plötzlich dessen schämte – daß er mir so seine ganze Seele gezeigt hatte. Und da mag er mich denn geradezu gehaßt haben. Er gehört zu den übermäßig verschämten Armen. Am meisten aber kränkte ihn, daß er mich so schnell zu seinem Freunde gemacht, sich mir so schnell ergeben hatte. Zuerst hatte er mich stolz angefahren, wie aber dann das Geld kam, war er mir fast um den Hals gefallen. Ja, das war es, was ihn kränkte, geradeso mußte er seine Erniedrigung empfinden, und da mußte ich dann auch noch meinen Fehler begehen. Ich sagte ihm plötzlich, er werde noch mehr Geld bekommen, wenn das zur Reise nicht reichen sollte, und auch ich würde ihm von meinem Gelde so viel geben, wie er wolle. Das aber machte ihn sofort stutzig: Warum, fragte er sich wohl, warum kommt denn nun auch er noch mit seinem Gelde? Wissen Sie, Lise, es ist überaus kränkend für einen erniedrigten Menschen, wenn sich plötzlich alle als seine Wohltäter aufspielen... habe ich sagen gehört. Der Staretz hat es einmal bemerkt. Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll, aber auch mir ist es schon aufgefallen. Ich selbst fühle ja gleichfalls so. Sehen Sie, wenn er auch bis zum letzten Augenblick nicht wußte, daß er die Scheine zurückweisen werde, so ahnte er es doch schon die ganze Zeit über, davon bin ich überzeugt. Darum war ja sein Entzücken auch so groß, weil er das alles ahnte... Und wenn das alles auch sehr traurig ist, so ist es doch gut so. Ich glaube sogar, daß es besser überhaupt nicht hätte kommen können...“
„Warum hätte es denn besser überhaupt nicht kommen können?“ fragte Lise, die Aljoscha äußerst verwundert anblickte.
„Darum, Lise, weil er sonst, wenn er das Geld genommen und nicht zurückgeschleudert hätte, zu Hause vielleicht bereits nach einer Stunde über seine Erniedrigung in Tränen ausgebrochen wäre. Das würde er sogar bestimmt getan haben. Er würde geweint haben und wäre am nächsten Tage, womöglich schon vor Sonnenaufgang, eilends zu mir gekommen, um das Geld wie vorhin zurückzuschleudern. Jetzt aber ist er stolz und triumphierend fortgegangen, wenn er auch weiß, daß er sich ‚ins Verderben gestürzt hat‘. Gerade deshalb ist aber jetzt nichts leichter, als ihn, wenn möglich morgen schon, zu überreden, dieselben zweihundert Rubel anzunehmen, denn nun hat er doch seine Ehre bewiesen, hat das Geld uns Reichen vor die Füße geworfen! Er konnte doch nicht wissen, als er die Scheine in die Erde stampfte, daß ich sie ihm morgen wiederbringen werde. Und doch hatte er dieses Geld so maßlos nötig. Wenn er jetzt auch stolz ist, so wird ihm doch heute noch bewußt werden, welch eine Hilfe er zurückgewiesen hat. In der Nacht wird er noch mehr daran denken, ihm wird davon träumen, und am nächsten Morgen wird er womöglich am liebsten mich um Verzeihung bitten wollen. Da aber komme ich wieder zu ihm... Ich kann ihm sagen: Sie sind ein stolzer Mensch, Sie haben es bewiesen, aber jetzt nehmen Sie das Geld und verzeihen Sie uns. Und dann wird er freudig annehmen!“
Aljoscha schloß ganz begeistert, und Lise klatschte vor Freude in die Hände.
„Ach, das ist wahr, jetzt begreife ich es! Ach, Aljoscha, woher wissen Sie nur das alles? So jung sind Sie, und doch wissen Sie schon, was in der Seele vorgeht... Ich hätte das alles nie so ausgedacht...“
„Vor allen Dingen muß man ihn jetzt überzeugen, daß er mit uns allen auf gleichem Fuße steht, wenn er auch von uns Geld annimmt,“ fuhr Aljoscha in seiner Begeisterung fort, „und nicht nur auf gleichem Fuß mit uns, sondern sogar auf höherem Fuß...“
„‚Auf höherem Fuß‘! – Sie drücken sich prachtvoll aus, Alexei Fedorowitsch, aber fahren Sie fort, reden Sie nur ruhig weiter.“
„Ich... ich habe es vielleicht nicht ganz richtig gesagt, ich meinte, auf... auf gleicher Stufe... aber das hat nichts zu sagen, denn...“
„Ach, natürlich nicht! Gar nichts hat das zu sagen! Verzeihen Sie, Aljoscha, Sie Lieber... Wissen Sie, bis jetzt habe ich Sie fast gar nicht geachtet... das heißt, natürlich habe ich Sie geachtet, aber nur so – ‚auf gleichem Fuß‘, wie Sie sagen, von nun an aber werde ich Sie als hoch über mir stehend achten... Lieber Aljoscha, seien Sie nicht böse, daß ich so rede,“ unterbrach sie sich sofort mit heißem Gefühl. „Ich bin nur ein lächerliches kleines Ding, aber Sie, Sie!... Hören Sie, Alexei Fedorowitsch, liegt nicht in unseren ganzen Erwägungen, das heißt in Ihren... nein, lieber doch in unseren, – liegt hierin nicht Verachtung für ihn, für diesen Unglücklichen... darin, daß wir jetzt seine Seele so zerpflücken, ganz wie von oben herab, nicht? Ich meine, wenn wir so überzeugt sind, daß er das Geld morgen nehmen wird, wie?“
„Nein, Lise, hierin liegt keine Verachtung,“ entgegnete Aljoscha überzeugt, und als ob er auf diese Frage vorbereitet gewesen wäre, „auch ich habe mich auf dem Wege hierher dasselbe gefragt. Wo soll denn da Verachtung sein, wenn wir ebenso sind wie er, wenn alle so sind wie er? Denn auch wir sind nicht besser. Oder wenn wir auch besser sein sollten, so wären wir an seiner Stelle doch ebenso... Ich weiß nicht, wie Sie sind, Lise, ich aber denke von mir, daß ich in vielen Dingen ein kleinliches Herz habe. Er aber hat kein kleinliches, sondern ein sehr zartfühlendes Herz... Nein, Lise, hierin kann keine Verachtung für ihn liegen! Wissen Sie, Lise, mein Staretz sagte einmal: Man muß die Menschen ausnahmslos wie kleine Kinder warten, manche von ihnen aber wie Kranke in den Hospitälern...“
„Ach, Alexei Fedorowitsch, Liebster, wollen wir beide die Menschen wie Kranke warten?“
„Wollen wir das, Lise, ich bin bereit, nur bin ich selbst noch nicht ganz reif dazu; zuweilen bin ich so ungeduldig, und zuweilen bin ich wieder wie mit Blindheit geschlagen. Mit Ihnen ist es eine andere Sache.“
„Ach, das glaube ich nicht! Alexei Fedorowitsch, Sie wissen nicht, wie glücklich ich bin!“
„Wie gut es ist, daß Sie das sagen, Lise.“
„Alexei Fedorowitsch, Sie sind bewundernswert gut, aber zuweilen scheinen Sie gerade ein Pedant zu sein... und doch sind Sie gar kein Pedant, wenn man Sie genauer betrachtet. – Gehen Sie, öffnen Sie vorsichtig die Tür und sehen Sie nach, ob Mamachen nicht horcht,“ flüsterte ihm Lise plötzlich nervös und eilig zu.
Aljoscha ging zur Tür, öffnete sie und meldete, daß niemand horche.
„Kommen Sie her, Alexei Fedorowitsch,“ sagte Lise mehr und mehr errötend, „geben Sie mir Ihre Hand, – so. Hören Sie, ich muß Ihnen ein großes Geständnis machen: Den gestrigen Brief habe ich Ihnen nicht im Scherz geschrieben, sondern im Ernst...“
Und sie bedeckte ihre Augen mit der Hand. Man sah es ihr an, daß sie sich fürchterlich schämte, dieses Geständnis gemacht zu haben. Plötzlich erhob sie seine Hand und küßte sie ungestüm dreimal.
„Ach, Lise, das ist doch herrlich,“ rief Aljoscha freudig aus. „Ich war ja auch vollkommen überzeugt, daß Sie ihn im Ernst geschrieben haben.“
„Überzeugt! – das ist doch wirklich!!...“ Und sie schob plötzlich seine Hand zurück, übrigens ohne sie dabei loszulassen; sie errötete und lachte ein kleines, glückliches Lachen. „Ich küsse ihm die Hand, und er sagt dazu: ‚Das ist doch herrlich‘!“
Doch ihr Vorwurf war etwas ungerecht, denn Aljoscha war nicht weniger verwirrt und erregt als sie.
„Ich würde Ihnen gern immer gefallen, Lise, aber ich weiß nicht, wie ich das machen soll,“ stotterte er so gut es ging, und errötete gleichfalls.
„Aljoscha, Liebling, Sie sind kalt und beleidigend. Man denke doch nur: Er geruht, mich zu seiner Gattin zu erwählen, und dabei beruhigt er sich auch! Er ist bereits überzeugt, daß ich ihm im Ernst geschrieben habe, – wie finden Sie das! Aber das ist doch eine erklärte Frechheit – sehen Sie denn das nicht ein?“
„Aber ist denn das schlecht, daß ich davon überzeugt war?“ fragte Aljoscha wieder lachend.
„Ach, Aljoscha, im Gegenteil, ganz furchtbar gut ist das,“ sagte Lise, die zärtlich und glücklich zu ihm aufblickte.
Aljoscha stand immer noch vor ihr, seine Hand in ihrer Hand. Plötzlich beugte er sich nieder und drückte einen Kuß gerade auf ihre Lippen.
„Was... Was fällt Ihnen ein?“ rief Lise erschrocken.
Aljoscha verlor seine letzte Fassung.
„Verzeihen Sie, wenn es nicht so... Ich... ich war vielleicht furchtbar dumm... Sie sagten, ich sei kalt, und... und da faßte ich mir ein Herz und küßte... Nur sehe ich jetzt, daß es dumm herausgekommen ist...“
Lise lachte auf und verbarg das Gesicht in den Händen.
„Und in dieser Kutte!“ kam es unter Lachen aus ihr heraus.
Doch plötzlich hörte sie auf zu lachen und wurde ganz ernst, fast streng.
„Nein, Aljoscha, mit dem Küssen wollen wir noch warten, denn wir verstehen es beide noch nicht – warten aber müssen wir noch sehr lange,“ schloß sie plötzlich. „Sagen Sie lieber, warum Sie mich, solch ein dummes Ding, solch ein krankes dummes Ding, nehmen, Sie, der Sie so klug sind, der so viel denkt, alles bemerkt und sogleich begreift? Ach, Aljoscha, ich bin furchtbar glücklich, weil ich Ihrer gar nicht wert bin!“
„Hören Sie, Lise: In den nächsten Tagen werde ich das Kloster ganz verlassen. Wenn man aber in der Welt lebt, so muß man heiraten, das weiß ich doch auch. Und so hat auch Er es mir befohlen. Wen sollte ich sonst nehmen, wenn nicht Sie... und wer würde mich denn außer Ihnen nehmen? Wer wäre denn besser als Sie? Das habe ich schon bedacht. Erstens kennen Sie mich von Kindheit an, und zweitens besitzen Sie viele Fähigkeiten, die ich überhaupt nicht habe. Ihre Seele ist heiterer als die meine, und Sie sind unschuldiger als ich, ich aber habe schon vieles berührt... Sie... Sie wissen es nicht, aber auch ich bin doch ein Karamasoff! Was liegt daran, daß Sie lachen und scherzen und auch über mich lachen und sich lustig machen? Ich freue mich so darüber... Aber Sie lachen nur als kleines Mädchen, doch im Herzen denken Sie wie eine Märtyrerin...“
„Wie eine Märtyrerin? Wieso das?“
„Ja, Lise. Zum Beispiel Ihre Frage vorhin: ‚Liegt darin nicht Verachtung für jenen Unglücklichen, wenn wir seine Seele so zerpflücken?‘ – Das kann nur jemand fragen, der sich selbst martert... Sehen Sie, es ist mir unmöglich, das auszudrücken. Wem aber solche Fragen in den Sinn kommen, der ist fähig, zu leiden... In diesem Rollstuhl müssen Sie schon vieles durchdacht haben...“
„Aljoscha, geben Sie mir Ihre Hand, warum haben Sie sie fortgezogen?“ sagte Lise leise mit einer ganz sonderbaren, von Glück gleichsam geschwächten, matten Stimme. „Hören Sie, Aljoscha, wie werden Sie sich kleiden, wenn Sie das Kloster verlassen haben, was für einen Anzug werden Sie tragen? Lachen Sie nicht und seien Sie mir nicht böse, das ist sehr, sehr wichtig für mich.“
„An den Anzug habe ich noch nicht gedacht, Lise, aber ich werde tragen, was Sie wollen.“
„Ich will, daß Sie ein dunkelblaues Sammetjackett tragen, eine weiße Weste und einen weichen grauen Filzhut... Aber sagen Sie, glaubten Sie mir vorhin wirklich, als ich sagte, ich liebte Sie nicht, und mich von meinem gestrigen Brief lossagte?“
„Nein, ich glaubte Ihnen nicht.“
„O, Sie unerträglicher, Sie unverbesserlicher Mensch!“
„Ich... ich wußte, daß Sie mich... ich glaube, lieben, aber ich tat, als ob ich nicht glaubte, daß Sie mich lieben, damit es Ihnen... bequemer sei...“
„Das ist ja noch schlimmer! Ach, schlimmer, und doch am aller, allerbesten! Aljoscha, ich liebe Sie ganz furchtbar! Vorhin, als ich Sie erwartete, dachte ich so: Ich werde von ihm meinen gestrigen Brief zurückverlangen, und wenn er ihn ruhig hervorzieht und ihn mir wiedergibt – wie man das doch immerhin von ihm erwarten kann – so bedeutet es, daß er mich überhaupt nicht liebt, nichts fühlt, einfach nur ein dummer, unwürdiger Knabe ist... und ich verloren bin. Sie aber hatten den Brief in der Zelle gelassen, und das gab mir wieder Mut. Nicht wahr, Sie haben ihn doch deswegen in der Zelle gelassen, weil Sie vorausfühlten, daß ich ihn zurückverlangen werde, also um ihn nicht herausgeben zu müssen? Nicht wahr? Darum doch? Das war doch so?“
„Ach, Lise, gar nicht so, ich habe ihn doch bei mir, und auch vorhin hatte ich ihn, hier in dieser Tasche, hier ist er.“
Und Aljoscha zog lachend den Brief aus der Tasche und zeigte ihn ihr, – doch nur von weitem.
„Nur gebe ich ihn nicht heraus, sehen Sie ihn so von ferne.“
„Wie? Dann haben Sie also vorhin gelogen, Sie, ein Mönch, und Sie haben gelogen?“
„Möglich, daß ich gelogen habe,“ sagte Aljoscha lachend, „ich habe gelogen, um ihn nicht zurückgeben zu müssen. Er ist mir sehr teuer,“ fügte er plötzlich leise hinzu und errötete wieder, „Jetzt wird ihn niemand mehr von mir bekommen: Jetzt gehört er mir für mein ganzes Leben!“
Lise blickte ihn verzückt an.
„Aljoscha,“ stammelte sie glückselig, „sehen Sie an der Tür nach, ob Mamachen nicht horcht.“
„Gut, Lise, ich werde nachsehen, aber wäre es nicht doch besser, nicht nachzusehen? Warum Ihre Mutter so einer Niedrigkeit verdächtigen?“
„Wieso Niedrigkeit? Welch einer Niedrigkeit? Es ist doch ihr volles Recht, ihre Tochter zu belauschen – aber keine Niedrigkeit!“ Lise wurde feuerrot. „Seien Sie überzeugt, Alexei Fedorowitsch, daß ich, wenn ich Mutter wäre und eine Tochter wie mich hätte, unbedingt an den Türen lauschen würde.“
„Wirklich, Lise? Das ist nicht recht.“
„Ach, mein Gott, was ist denn dabei Schlechtes? Wenn sie ein Gespräch zweier Fremden belauschen würde, so wäre das eine Niedrigkeit, aber hier hat sich ihre leibliche Tochter mit einem jungen Manne eingeschlossen... Hören Sie, Aljoscha, damit Sie es wissen, ich werde auch Sie belauschen, sobald wir nur getraut sind. Ich werde sogar alle Ihre Briefe aufmachen und alles lesen... Das sei Ihnen im voraus gesagt...“
„Ja... natürlich, wenn das so ist...“ stotterte Aljoscha, „nur ist das nicht gut...“
„Ach, welch eine Anmaßung! Aber Aljoscha, wollen wir uns nicht gleich am ersten Tage zanken, – ich werde Ihnen lieber die ganze Wahrheit sagen: Es ist natürlich sehr häßlich, andere zu belauschen, und natürlich habe nicht ich recht, sondern Sie, doch trotz alledem werde ich horchen.“
„Tun Sie, was Sie wollen. Aber Sie werden ja bei mir doch nichts auszuhorchen haben,“ sagte Aljoscha lächelnd.
„Aljoscha, werden Sie sich mir auch unterwerfen? Das muß man gleichfalls im voraus besprechen.“
„Sehr gern, Lise, und sogar unbedingt, aber nur nicht im Wichtigsten. Wenn Sie einmal in der Hauptsache mit mir nicht einverstanden sein sollten, werde ich trotzdem tun, was mir die Pflicht gebietet.“
„So muß es auch sein! So hören Sie denn, daß auch ich, im Gegenteil, nicht nur im Hauptsächlichsten mich zu unterwerfen bereit bin, sondern mich Ihnen in allem unterwerfen werde und Ihnen das jetzt schwöre, – in allem und mein ganzes Leben lang!“ rief Lise leidenschaftlich aus, „und ich werde glücklich sein, das zu tun, glückselig! Und das ist noch nicht alles! Ich schwöre Ihnen noch, daß ich Sie niemals belauschen werde, kein einziges Mal, niemals, daß ich keinen einzigen Ihrer Briefe aufbrechen werde, denn Sie haben recht und nicht ich. Und wenn ich auch noch so sehr horchen wollte – ich weiß, daß ich es furchtbar wollen werde –, so werde ich es doch nicht tun, werde es nicht tun, weil Sie das unedel finden! Sie sind jetzt gleichsam meine Vorsehung... Hören Sie, Alexei Fedorowitsch, warum waren Sie in diesen Tagen so traurig, und auch gestern und heute? Ich weiß, daß Sie Sorgen und Kummer haben, aber ich sehe auch, daß Sie außerdem noch ein ganz besonderes Leid haben, – ein geheimes vielleicht, nicht?“
„Ja, Lise, ich habe auch geheimes Leid,“ sagte Aljoscha traurig. „Ich sehe, daß Sie mich lieben, hätten Sie das doch sonst nicht erraten.“
„Was ist denn das für ein Leid? Können Sie es nicht sagen?“ fragte Lise in schüchterner Bitte.
„Ich werde es sagen, Lise... später...“ sagte Aljoscha verwirrt. „Jetzt würde es ganz unverständlich sein... Und ich würde es auch gar nicht zu sagen verstehen.“
„Ich weiß, daß Sie außerdem noch der Gedanke an Ihre Brüder quält, an Ihren Vater?“
„Ja, auch an meine Brüder...“ sagte Aljoscha wie in Gedanken versunken.
„Ich liebe Ihren Bruder Iwan Fedorowitsch nicht,“ bemerkte plötzlich Lise.
Aljoscha vernahm diese Bemerkung mit einiger Verwunderung, doch fragte er sie nicht weiter nach der Ursache.
„Meine Brüder stürzen sich ins Unglück,“ fuhr er niedergeschlagen fort, „und mein Vater tut dasselbe. Und zusammen mit sich bringen sie auch noch andere ins Unglück. Das ist die ‚Karamasoffsche Erdkraft‘, wie sich Pater Paissij vor kurzem ausdrückte, das ist die grimmige, entfesselte, rohe, rasende Erdkraft... Und ich weiß nicht einmal, ob Gottes Geist über dieser Kraft schwebt – selbst das weiß ich nicht! Ich weiß nur, daß auch ich ein Karamasoff bin... Ein Mönch soll ich sein? Bin ich ein Mönch, Lise? Sie sagten doch noch vor einem Augenblick so etwas Ähnliches, wie... ich sei ein Mönch?“
„Ja, ich sagte es.“
„Aber ich... ich glaube ja vielleicht gar nicht an Gott.“
„Sie – glauben nicht? – was ist mit Ihnen?“ fragte leise und vorsichtig Lise. Doch Aljoscha antwortete nicht auf ihre Frage. Es war hier in diesen so unerwartet hervorgestoßenen Worten etwas gar zu Geheimnisvolles und gar zu Persönliches, vielleicht sogar Aljoscha selbst Unklares, etwas, das ihn zweifellos quälte.
„Und jetzt, jetzt verläßt mich auch noch mein Freund, mein Staretz liegt im Sterben. Wenn Sie wüßten, wenn Sie wüßten, Lise, wie meine Seele mit diesem Menschen zusammenhängt! Und nun bleibe ich allein... Ich werde zu Ihnen kommen, Lise... Hinfort wollen wir zusammen...“
„Ja, zusammen, zusammen! Von nun an sind wir fürs ganze Leben zusammen!... Ljoscha, küssen Sie mich noch einmal, ich erlaube es...“
Und Aljoscha beugte sich zu ihr nieder und küßte sie.
„... Jetzt gehen Sie, Christus ist mit Ihnen!“ Und Lise bekreuzte ihn. „Gehen Sie zu ihm, so lange er noch lebt. Ich habe Sie grausam lange aufgehalten. Ich werde heute für ihn und für Sie beten. Aljoscha, wir werden glücklich sein! Werden wir glücklich sein, werden wir?“
„Ich glaube, wir werden es sein, Lise.“
Als Aljoscha Lise verließ, wollte er, ohne sich von Frau Chochlakoff zu verabschieden, das Haus verlassen. Doch kaum war er ins Vorzimmer getreten, als vor ihm auch schon Frau Chochlakoff stand. Bereits nach dem ersten Wort erriet Aljoscha, daß sie ihn hier absichtlich erwartet hatte.
„Alexei Fedorowitsch, das ist doch entsetzlich!“ rief sie erregt. „Das sind kindische Dummheiten und nichts als Kapricen. Ich hoffe, daß Sie es nicht etwa ernst nehmen... Dummheiten, nichts als Dummheiten!“
„Nur sagen Sie das nicht ihr,“ sagte Aljoscha, „es würde sie nur aufregen, das ist ihr jetzt schädlich.“
„Das ist ein vernünftiges Wort von einem vernünftigen jungen Mann! Ich verstehe Sie doch recht, wenn ich annehme, daß Sie nur aus Mitleid mit ihrem krankhaften Zustande, um sie nicht durch Widerspruch zu reizen, darauf eingegangen sind?“
„O nein, durchaus nicht. Ich habe es vollkommen ernst gemeint,“ sagte Aljoscha fest.
„Aber das ist doch unmöglich, undenkbar! Ich werde Sie überhaupt nicht mehr empfangen, und Lise bringe ich sofort ins Ausland, das sage ich Ihnen!“
„Aber warum das?“ fragte Aljoscha, „das ist doch noch so fern, wir werden vielleicht noch ganze anderthalb Jahre warten müssen.“
„Ach, Alexei Fedorowitsch, das ist natürlich wahr, und in anderthalb Jahren werden Sie sich mit ihr natürlich tausendmal zanken und schließlich doch auseinandergehen. Aber ich bin so unglücklich, so unglücklich! Wenn es auch nur Dummheiten sind, so vernichtet es mich doch geradezu! Ich bin ja absichtlich hierher ins Vorzimmer gekommen, um Sie zu treffen. Ich habe alles gehört, ich habe kaum an mich halten können! Also das ist die Erklärung aller Schrecken dieser Nacht und aller Anfälle gestern und heute! Der Tochter Liebe ist wahrlich der Mutter Tod. Ich kann mich jetzt begraben lassen. Doch nun zur Hauptsache: Was ist das für ein Brief, den sie Ihnen geschrieben hat? Zeigen Sie ihn mir sofort, sofort!“
„Nein, das ist nicht nötig. Sagen Sie bitte, wie geht es Katerina Iwanowna, ich muß es unbedingt wissen.“
„Sie liegt noch in Fieberphantasien, sie ist noch nicht zu sich gekommen; ihre Tanten sind hier und seufzen bloß; Herzenstube kam her, erschrak aber dermaßen, daß ich nicht wußte, was ich mit ihm anfangen sollte, – ich wollte schon zu einem anderen Doktor schicken. Ich habe ihn in meiner Equipage nach Hause bringen lassen. Und plötzlich, zur Vollendung des Ganzen, noch Sie mit diesem Brief! Es ist ja wahr, daß noch anderthalb Jahre bis dahin sind. Ich beschwöre Sie, im Namen alles Heiligen und Großen, im Namen Ihres sterbenden Staretz – zeigen Sie mir diesen Brief, Alexei Fedorowitsch, mir, der Mutter! Wenn Sie wollen, halten Sie ihn mit Ihren eigenen Fingern fest, und ich werde ihn nur so in Ihren Händen lesen.“
„Nein, gnädige Frau, ich werde ihn nicht zeigen, auch wenn Lise es erlaubte, würde ich ihn nicht zeigen. Ich werde morgen wiederkommen, und wenn Sie wollen, können wir dann vieles besprechen, jetzt aber – leben Sie wohl!“
Und damit eilte Aljoscha die Treppe hinab auf die Straße.
II — Ssmerdjäkoff mit der Gitarre
Er hatte auch wirklich keine Zeit, noch länger da zu bleiben. Schon als er Lisa verließ, hatte ihn der Gedanke beschäftigt, wie und wo er seinen Bruder Dmitrij, der sich ersichtlich vor ihm verbarg, finden oder wenigstens ihm auflauern könnte. Es war nicht mehr früh; es war schon drei Uhr nachmittags. Er sehnte sich gar sehr nach dem Kloster und nach dem „großen“ Sterbenden, doch das Bedürfnis, seinen Bruder Dmitrij zu sprechen, überwog alles. Mit jeder Stunde wuchs in ihm die Überzeugung, daß sich eine unheimliche Katastrophe unaufhaltsam näherte, ja schon auszubrechen drohte. Was das für eine Katastrophe sein sollte, und was er seinem Bruder eigentlich sagen wollte, wußte er vielleicht selbst nicht einmal. „So mag denn meinetwegen mein Staretz in meiner Abwesenheit sterben, wenigstens werde ich mir dann nicht zeitlebens den Vorwurf machen müssen, daß ich nicht gerettet habe, wo ich hätte retten können, daß ich vorübergegangen bin, um schneller nach Haus zu kommen. Suche ich ihn aber auf, dann erfülle ich auch so sein großes Gebot.“
Aljoschas Plan bestand darin, daß er seinen Bruder mit List fangen wollte – denn wo sollte er sich wohl nach ihm erkundigen, wo ihn suchen, wenn er sich vor ihm versteckte? Zu diesem Zweck schien ihm das schlauste zu sein, über jenen Zaun der Nachbarin zu klettern und den Bruder dort in der Laube, wo er am vorhergehenden Tage mit ihm gesessen hatte, zu erwarten oder zu überraschen. „Falls er nicht dort sein sollte,“ dachte Aljoscha, „werde ich ganz still, damit mich niemand bemerkt, und meinetwegen bis zum Abend da sitzen und ihn erwarten. Denn wenn er auch heute Gruschenka auflauern will, wie gestern, so ist es sehr leicht möglich, daß er wieder in die Laube kommt...“ Übrigens dachte Aljoscha nicht allzuviel über die Einzelheiten des Planes nach, er beschloß nur, ihn auszuführen, und wenn er auch bis Mitternacht warten müßte...
Es gelang ihm alles sehr glücklich: Er kletterte fast auf derselben Stelle über den Zaun, wo er das vorige Mal, mit Mitjäs Hilfe, hinübergesprungen war, und kam unbemerkt in die Laube. Er wollte nicht gesehen werden, weder von Foma noch von der Hausbesitzerin oder deren Tochter, da sie alle seinen Bruder auf dessen Befehl vorzeitig benachrichtigen konnten, daß er ihn suchte und erwartete. In der Laube war kein Mensch. Aljoscha setzte sich auf denselben Platz nieder, auf dem er am Tage vorher gesessen hatte, und begann zu warten. Er betrachtete die Laube, und sie erschien ihm aus irgendeinem Grunde „viel älter und zerfallener als gestern“. Der Tag war übrigens ebenso klar. „Sieh, wieviel Sonne!“ hatte Dmitrij gesagt. Auf dem grünen Tisch zeichnete sich von dem Glase ein klebrig-glänzender Kreis ab: Dmitrij mußte wohl den Kognak ein wenig verschüttet haben. Leere und gar nicht zur Sache passende Gedanken schlichen ihm durch den Sinn, wie das ja gewöhnlich in der Zeit langweiligen Wartens zu geschehen pflegt, z. B. die Fragen: warum hatte er sich genau auf denselben Platz gesetzt, auf dem er gestern gesessen hatte? warum nicht auf einen anderen Platz? Und plötzlich wurde ihm unsäglich schwer zumute: das Herz tat ihm weh von der aufregenden Ungewißheit. Doch hatte er kaum eine Viertelstunde gesessen, als plötzlich, ganz in der Nähe, ein Gitarrenakkord erklang. Irgendwo im Gebüsch, vielleicht nur zwanzig Schritte von der Laube entfernt, bestimmt nicht weiter, mußte jemand sitzen oder sich soeben hingesetzt haben. In Aljoscha tauchte flüchtig die Erinnerung an eine Bank auf, die er gestern, als er den Bruder verlassen hatte, links von der Laube gesehen hatte: eine kleine, niedrige, grüne alte Gartenbank im Gebüsch am Zaun. Auf ihr schien sich nun jemand niedergelassen zu haben. Oder waren es sogar zwei? Wer konnte das sein? Da begann plötzlich eine Männerstimme in süßlichem Falsett zu den Gitarrenakkorden ein Couplet zu singen:
„Wenn sie mich nicht li–iebte,
Frag ich, was mir nütz–te
Zarenkron und Mütze?
Großer Gott beschütze
Sie und mich,
Sie und mich,
Sie und mich.“
Die Stimme brach ab. Es war ein Lakaientenor, und der ganze Vortrag des Couplets war dienstbotenhaft. Die andere Stimme, eine Frauenstimme, sagte plötzlich zärtlich und gleichsam schüchtern, aber mit übertriebener Geziertheit:
„Warum sind Sie denn so lange nicht zu uns gekommen, Pawel Fedorowitsch, warum verachten Sie uns denn so?“
„Das ist nicht gesagt,“ antwortete die Männerstimme, wenn auch höflich, so doch vor allem mit selbstbewußter und nachdrücklicher Würde.
Ersichtlich hatte der Mann das Übergewicht, während das Frauenzimmer zu schäkern schien.
„Der Mann – das scheint ja Ssmerdjäkoff zu sein,“ dachte Aljoscha, „wenigstens nach der Stimme zu urteilen; die Frauensperson aber ist wohl die Tochter dieser Hausbesitzerin, dieselbe, die in Moskau gedient hat, Kleider mit langen Schleppen trägt und sich von Marfa Ignatjewna Suppe holt...“
„Ach, ich liebe über alles schöne Gedichte, und besonders, wenn sie am Ende klappen,“ sagte wieder die Frauenstimme. „Warum fahren Sie denn nicht fort?“
Da begann wieder die Männerstimme:
„Meine stärkste Stütze
In dieser Sündenpfütze
Ist die Geliebte mein.
Großer Gott beschütze
Sie und mich,
Sie und mich,
Sie und mich.“
„Das vorige Mal kam das noch besser heraus,“ meinte die Frauenstimme. „Sie sangen ‚ist das Liebchen mein‘. So klang es noch viel hübscher. Sie haben es wohl vergessen?“
„Gedichte sind Unsinn,“ schnitt Ssmerdjäkoff den begeisterten Erguß kurz ab.
„Ach, nein, ich liebe sie so sehr!“
„Alles, was in Reimen ist, ist abgeklärter Unsinn. Bedenken Sie doch selbst: Wer in der Welt spricht denn alleweil in Reimen? Und wenn wir alle anfangen wollten, in Reimen zu sprechen, und wenn auch meinetwegen gar auf Befehl der Obrigkeit, wieviel Gescheites würden wir dann wohl alsomit sagen können? Nein, Marja Kondratjewna, Gedichte sind nichts Vernünftiges.“
„Ach wie Sie klug sind in allem, wie Sie alles wirklich zu erklären wissen!“ sagte die Frauenstimme noch zärtlicher schmeichelnd.
„Nicht nur das würde ich können und nicht nur das würde ich wissen, sondern ganz gewaltig viel mehr, wenn ich nicht selbiges Los von Kindesbeinen an hätte. Ich würde jeden im Duell mit einer Pistole sogar totschießen, der mir zu sagen wagte, daß ich kein edler Mensch sei, weil ich sozusagen ohne Vater von der, die man die ‚Stinkende‘ nannte, entstanden bin. Man hat mir das auch in Moskau alleweil unter die Nase gerieben, da es sich auch dorthin von hier selbentlich, dank Grigorij Wassiljewitsch, hinverbreitet hatte. Grigorij Wassiljewitsch aber wirft mir vor, daß ich für meine Geburt nicht alleweil demütig Gott danke; ‚du hast ihr‘, sagt er, ‚den ganzen Mutterleib aufgerissen‘. Meinetwegen Mutterleib, aber ich hätte mit Handkuß erlaubt, mich im Mutterleib zu töten, unter der Bedingung, daß ich dann gar nicht auf diese Welt geboren worden wäre. Auch auf dem Markt wird von selbigem gesprochen, und auch Ihre Mutter hat in ihrer Unvornehmheit angefangen mir zu erzählen, daß sie den Weichselzopf auf dem Kopf gehabt hätte und im ganzen nur zwei Arschin und eine Kleinigkeit groß gewesen sei. Warum denn ‚und eine Kleinigkeit‘, wenn man doch ‚und etwas drüber‘ sagen kann, wie es alle Leute tun? Sie wollen es wohl mitleidig ausdrücken, aber das ist doch sozusagen nur bäuerische Weinerlichkeit, bäuerisches Gefühl und sonstig nichts. Kann denn ein russischer Bauer für einen gebildeten Menschen überhaupt Gefühle haben? Wegen seiner Unbildung kann er überhaupt nichts fühlen. Und von Kindesbeinen an ist es mir, wenn ich dies ‚und eine Kleinigkeit‘ höre, als müßt ich auf die Wände rennen. Ich hasse ganz Rußland, Marja Kondratjewna.“
„Ach, sagen Sie so was nicht! Wenn Sie ein Junkerchen oder ein Husarchen wären, würden Sie das nicht sagen, sondern den Säbel herausziehen und ganz Rußland verteidigen.“
„Ich will nicht nur kein Junker sein, ich will sogar, daß alle Soldaten abgeschafft werden.“
„Und wenn der Feind kommt, wer wird uns dann verteidigen?“
„Das ist auch gar nicht nötig. Im Jahre zwölf dieses selbigen Jahrhunderts gab es einen großen Heereszug nach Rußland von dem Kaiser Napoleon, dem französischen, dem Ersten, dem Vater des jetzigen, und es wäre mannigfach gut gewesen, wenn uns diese selben Franzosen damals besiegt und uns sich unterworfen hätten: Eine kluge Nation hätte dann eine äußerst dumme unterworfen und sich einverleibt. Dann würden hier jetzt ganz andere Gesetze und Ordnungen sein.“
„Als ob dort bei ihnen alles so viel besser wäre, als bei uns! Ich würde gar manchen von unseren Stutzerchen nicht einmal gegen drei junge Engländer eintauschen,“ sagte schäkernd Marja Kondratjewna, die diese Worte wahrscheinlich mit den süßesten Blicken begleitete.
„Das kommt drauf an, wie es wem gefällt.“
„Und Sie sind doch selbst wie ein echter Ausländer, da seh’ Sie doch einer nur an, aber ein ganzer Ausländer, das sage ich Ihnen ohne Beschönigung!“
„Wenn Sie was wissen wollen, so lassen Sie sich gesagt sein, daß in der Verderbnis die Ausländer wie die Inländer alle durch die Bank gleich sind. Alle sind sie dieselbigen, nur daß der dortige in Lackstiefeln geht, unser hiesiger aber in seiner Armut stinkt und darin nicht einmal was Schlechtes sieht. Das russische Volk muß man versohlen, wie neulich Fedor Pawlowitsch sehr richtig gesagt hat, wenn auch er mit all seinen Kindern ein verrückter Mensch ist und bleibt.“
„Aber Sie haben doch selbst gesagt, daß Sie den Iwan Fedorowitsch so achten?“
„Er aber hat von mir geäußert, daß ich ein stinkender Lakai sei. Er denkt von mir, daß ich ein Revolutionär werden könnte; da irrt er sich aber bloß gewaltig. Hätte ich so eine gewisse Summe in meiner Tasche, so wäre ich schon längst nicht mehr hier. Dmitrij Fedorowitsch ist schlechter als jeder Lakai durch sein Betragen wie auch durch seinen Verstandesrang und seine Bettelarmut, und nichts versteht er zu machen, und doch wird er obendrein noch von allen geachtet. Ich bin meinetwegen nur ein Suppendreher, aber wenn’s gut geht, kann ich in Moskau auf der Petrowka ein Café-Restaurant eröffnen. Denn ich mache alles, wie man sagt: speziell. Von ihnen aber versteht in ganz Moskau keiner, außer den Ausländern, etwas speziell zu machen. Dmitrij Fedorowitsch ist ein lumpiger Bummler, wenn er aber den höchsten Grafensohn fordert, so wird sich der mit ihm schlagen – wodurch ist er denn alsomit besser als ich? Wohl weil er beispielsohne dümmer ist als ich. Allein wieviel Geld hat er durchgebracht, ohne daß er etwas dafür bekommen hätte!“
„Ach, ein Duell muß wohl furchtbar schön sein, denke ich,“ sagte plötzlich Marja Kondratjewna.
„Was soll denn dabei schön sein?“
„Ach, es ist doch so schrecklich und tapfer, besonders wenn junge Offizierchen mit Pistolen in den Händen der eine auf den anderen wegen irgendeiner schießen. Das ist doch einfach ein Bild! Ach, wenn man doch uns Mädchen zusehen lassen würde, ich würde so schrecklich gern zusehen!“
„Gut, wenn man noch dem anderen was aufbrennt, aber wenn man selbst was gerade in die Schnute kriegt, so ist es dann ein dummes Gefühl. Sie, Marja Kondratjewna, würden natürlich fortlaufen.“
„Was, Sie würden fortlaufen?“
Doch Ssmerdjäkoff geruhte nicht zu antworten. Nach minutenlangem Schweigen wurde wieder auf der Gitarre ein Akkord gegriffen, und die Falsettstimme sang ein anderes Couplet:
„Wozu soll ich mich denn mühen,
Es wird doch nie genügen...
Ich will mein Leben le–e–eben
Und mich zum Herrn erhe–e–ben,
Und habe ich erst Kronen,
In Residenzen wohnen;
Werde mich niemals grämen,
Mir nichts zu Herzen nehmen...“
Hier ereignete sich aber etwas Unerwartetes: Aljoscha nieste plötzlich. Auf der Bank wurde es im Augenblick still. Aljoscha erhob sich und ging zu ihnen. Es war tatsächlich Ssmerdjäkoff, der sich in Gala geworfen, pomadisiert, parfümiert und frisiert hatte – viel fehlte nicht, daß er sich auch Locken eingelegt – und dessen Stiefel wieder spiegelblank geputzt waren. Die Gitarre lag neben ihm auf der Bank. Das Frauenzimmer war Marja Kondratjewna, die Tochter der Hausbesitzerin; sie hatte ein hellblaues Kleid mit einer zwei Ellen langen Schleppe an; es war ein noch junges Mädchen; sie wäre eigentlich ganz nett gewesen, nur hatte sie ein gar zu rundes Gesicht und gar zu viel Sommersprossen.
„Wird mein Bruder Dmitrij Fedorowitsch bald zurückkehren?“ fragte Aljoscha möglichst ruhig.
Ssmerdjäkoff erhob sich langsam von der Bank, und Marja Kondratjewna folgte seinem Beispiel.
„Woher soll denn ich alleweil wissen, wann Dmitrij Fedorowitsch kommen? Ich will nicht sagen, wenn ich Dmitrij Fedorowitschs Wächter wäre,“ antwortete Ssmerdjäkoff leise, gemessen und ungeheuer nachlässig.
„Ich habe nur so gefragt, wissen Sie es nicht vielleicht ganz zufällig?“ erklärte Aljoscha.
„Von ihrem Verbleiben weiß ich nichts, dieweil ich davon auch nichts wissen will.“
„Aber mein Bruder hat mir gesagt, daß gerade Sie ihn von allem unterrichteten, was im Hause geschieht, und ihm auch versprochen hätten, ihn zu benachrichtigen, wenn Agrafena Alexandrowna käme.“
Ssmerdjäkoff erhob langsam mit unerschütterlicher Ruhe seinen Blick und sah Aljoscha an.
„Wie aber habt Ihr geruht hierherzugelangen, da doch selbige Gartenpforte schon seit einer Stunde mit der Fallklinke verschlossen ist?“ fragte er mit aufmerksamem Blick auf Aljoscha.
„Ich bin aus der Quergasse über den Zaun gekommen und direkt in die Laube gegangen. Sie werden mich, hoffe ich, entschuldigen,“ sagte er zu Marja Kondratjewna gewandt, „ich wollte meinen Bruder so schnell als möglich treffen.“
„Ach, was haben wir Ihnen zu entschuldigen,“ sagte Marja Kondratjewna sofort in süßlich singendem Ton, da Aljoschas höfliche Entschuldigung sie nicht wenig schmeichelte, „und geht doch auch Herr Dmitrij Fedorowitsch auf diese Manier in die Laube, wir wissen es zuweilen gar nicht, er aber sitzt schon dort.“
„Ich wollte ihn hier erwarten, da ich ihn unbedingt sprechen muß – können Sie mir nicht sagen, wo er heute ist? Glauben Sie mir, daß ich ihn in einer sehr wichtigen Angelegenheit suche.“
„Das pflegt er uns nicht zu sagen, wo er ist,“ sagte Marja Kondratjewna eilfertig.
„Obwohl ich nur aus Bekanntschaft hierher komme,“ begann wieder Ssmerdjäkoff, „so haben Dmitrij Fedorowitsch mich doch auch hier alleweil unmenschlich bedrängt mit ihren immerwährenden Fragen nach dem Herrn: Was und wie ist es mit ihm, wer kommt hin, und wer geht fort, und ob ich nicht noch was anderes zu sagen habe. Zweimal haben sie mir sogar mit dem Tode gedroht.“
„Wie das, mit dem Tode?“ fragte Aljoscha erstaunt.
„Was macht denn ihnen das aus bei ihrem Charakter, den Ihr gestern selbst zu beobachten geruhtet. ‚Wenn du Agrafena Alexandrowna hinein läßt‘, sagen sie, ‚und sie hier übernachtet, – so bist du der erste, der das mit dem Leben bezahlt‘. Ich habe so große Angst vor ihnen, daß ich sie, wenn ich nicht so große Angst vor ihnen hätte, schon der Polizei angezeigt haben würde. Kann doch kaum Gott wissen, was sie noch alles mit einem machen werden.“
„Vor kurzem hat er ihm noch gesagt: ‚Im Mörser werde ich dich zerstampfen‘,“ fügte Marja Kondratjewna eifrig hinzu.
„Nun, wenn er ‚im Mörser‘ gesagt hat, so sind das doch nur Worte...“ meinte Aljoscha. „Wenn ich ihn jetzt bloß treffen könnte, so würde ich ihm auch darüber etwas sagen können...“
„Ich kann Euch nur eines mitteilen,“ sagte plötzlich Ssmerdjäkoff, als ob er sich inzwischen anders bedacht hätte. „Ich bin hier nur von wegen meiner langen Nachbarbekanntschaft, und warum sollte ich denn nicht herkommen? Andererseits haben Iwan Fedorowitsch mich heute schon in aller Herrgottsfrühe in ihre Wohnung in die Seestraße geschickt, ohne Brief, damit, daß Dmitrij Fedorowitsch aufs Wort hin unbedingt in dieses hiesige Gasthaus am Großen Platz kommen sollen, um mit ihnen zusammen zu speisen. Ich ging alsomit, doch Dmitrij Fedorowitsch waren nicht zu Hause, es war aber schon acht Uhr. ‚Er war hier, ist aber ganz ausgegangen‘, – mit genau den selbigen Worten antworteten mir die Hausleute. Es war wie eine Verschwörung von beiden Seiten. Jetzt sitzen sie vielleicht in selbiger Minute in dem Gasthaus mit Iwan Fedorowitsch, da auch der junge Herr nicht nach Haus speisen gekommen sind, und der Herr allein vor einer Stunde gespeist haben und jetzt schlafen. Aber ich bitte doch nachdrücklichst, ihnen von mir und von selbigem, was ich gesagt habe, anderweitig keinerlei Mitteilung zu machen, dieweil sie für nichts und wieder nichts mich totschlagen können.“
„Wie, Iwan hat Dmitrij ins Gasthaus bestellt?“ fragte Aljoscha hastig, als hätte er nicht recht verstanden.
„Wie gesagt.“
„In das Gasthaus ‚Zur Hauptstadt‘ am Großen Platz?“
„Jawohl, in selbiges.“
„Das ist sehr gut möglich!“ sagte Aljoscha erregt. „Danke, Ssmerdjäkoff, diese Mitteilung ist sehr wichtig für mich, ich werde sofort hingehen.“
„Aber ich bitte, nichts von mir zu sagen,“ bat Ssmerdjäkoff noch einmal.
„Nein, nein, ich werde tun, als ob ich zufällig hinkäme, beunruhigen Sie sich nicht.“
„Aber wohin gehen Sie, ich werde Ihnen die Gartenpforte aufmachen,“ rief ihm Marja Kondratjewna nach.
„Nein, von hier ist es näher, ich springe wieder über den Zaun.“
Diese Nachricht hatte Aljoscha geradezu erschüttert. Er eilte hin. Da es aber nicht anging, daß er in der Mönchskutte eintrat, so beschloß er, sich an der Tür nach ihnen zu erkundigen und sie herausrufen zu lassen. Doch siehe, kaum näherte er sich dem Gasthaus, als plötzlich ein Fenster aufgestoßen wurde und sein Bruder Iwan ihn heranrief:
„Aljoscha, kannst du nicht zu mir hereinkommen, oder geht es nicht? Du würdest mir einen großen Gefallen erweisen.“
„Natürlich kann ich, nur weiß ich nicht, ob es in meiner Kutte angeht...“
„Das hat nichts zu sagen, ich habe hier ein ganzes Zimmer für mich, komm herein, ich gehe dir entgegen...“
Nach einer Minute saß Aljoscha seinem Bruder gegenüber. Iwan war allein und speiste zu Mittag.
III — Die beiden Brüder
Es war übrigens doch kein einzelnes Zimmer, das Iwan für sich eingenommen hatte. Es war nur eine mit Schirmen abgeteilte Ecke am Fenster des ersten Zimmers, an dessen Seitenwand sich das Büfett befand. Nur konnten die vorübergehenden Gäste die am Fenster Sitzenden nicht sehen. Wohl aber sah man von dort aus die Kellner am Büfett vorüberhuschen. Von Gästen saß in diesem Zimmer in einer entfernteren Ecke vor seinem Teeglase nur ein alter Herr, ein gewesener Offizier. Dafür herrschte in allen anderen Räumen der gewöhnliche Gasthauslärm, die Rufe nach den Kellnern, das Aufkorken der Bierflaschen, das Kicksen der Billardbälle und das Geklimper einer Spieluhr. Aljoscha wußte, daß Iwan sonst nie in dieses Lokal ging und für Gasthäuser überhaupt nichts übrig hatte. „Also ist er jetzt nur deswegen hier, um Dmitrij zu treffen,“ dachte Aljoscha. Aber Dmitrij war nicht zu sehen.
„Soll ich dir eine Fischsuppe bestellen oder was sonst, du kannst doch nicht von Tee allein leben,“ fragte Iwan heiter, der sich ersichtlich sehr darüber freute, daß er Aljoscha hereingelockt hatte. Er hatte schon gespeist und trank nur noch Tee.
„Bestell mal beides, Fischsuppe und Tee, ich habe nämlich gehörigen Hunger,“ sagte Aljoscha erfreut.
„Und nachher Kirschenmus? Das kannst du hier haben. Weißt du noch, wie du als kleiner Junge bei Polenoffs auf Kirschenmus geschliffen warst?“
„Dessen erinnerst du dich noch? Gut, bestelle also auch Kirschenmus, ich mag es auch jetzt noch.“
Iwan klingelte nach dem Kellner und bestellte Fischsuppe, Tee und die eingemachten Kirschen.
„Ich erinnere mich unserer ganzen Kindheit, Aljoscha, ich erinnere mich deiner bis zum elften Jahre, ich war damals vierzehn, fünfzehn Jahre alt. Fünfzehn und elf, das ist ein so großer Unterschied, daß selbst Brüder in diesen Jahren fast nie Kameraden sind. Ich weiß nicht einmal, ob ich dich liebte: In Moskau habe ich an dich in den ersten Jahren überhaupt nicht gedacht. Und dann später, als auch du nach Moskau kamst, haben wir uns, glaube ich, wohl nur ein einziges Mal irgendwo getroffen. Nun lebe ich hier schon seit mehr als drei Monaten, und noch haben wir kein Wort miteinander gewechselt. Morgen werde ich fortfahren, und so dachte ich denn, als ich vorhin allein hier am Fenster saß: Wo könnte ich ihn wohl treffen, um mich von ihm zu verabschieden? – und da gingst du gerade vorüber.“
„Wolltest du mich wirklich so gerne sehen?“
„Ja, Aljoscha, sehr, ich wollte dich einmal kennen lernen und dich auch mit mir bekannt machen. Und mich dann von dir verabschieden. Meiner Meinung nach ist es am besten, sich vor der Trennung kennen zu lernen. Ich habe gesehen, wie du mich in diesen ganzen drei Monaten beobachtet hast. Lag doch in deinen Augen eine immerwährende Erwartung, das aber ist es, was ich nicht ertragen kann, und darum näherte ich mich dir nicht. Dann aber lernte ich dich achten: Fest steht das Menschlein! Ja, ja. Und merk dir, Aljoscha: Ich lache jetzt zwar, aber ich rede deswegen nicht minder ernst. – Du stehst doch fest, nicht? Ich liebe Menschen, die fest stehen, einerlei worauf sie stehen, und wenn sie auch so kleine Knaben sind wie du. Dein erwartungsvoller Blick wurde mir mit der Zeit durchaus nicht zuwider; im Gegenteil, ich gewann ihn schließlich lieb, deinen erwartenden Blick. Ich glaube, du liebst mich, Aljoscha?“
„Ja, ich liebe dich, Iwan. Dmitrij sagt von dir: Iwan ist – ein Grab! Ich aber sage von dir: Iwan ist ein Rätsel. Du bist auch jetzt noch ein Rätsel für mich, trotzdem habe ich schon einiges an dir begriffen, und zwar seit heute morgen!“
„Und das wäre?“ fragte Iwan lachend.
„Wirst du dich nicht ärgern?“ fragte Aljoscha gleichfalls lachend.
„Nun?“
„Einfach, daß du ganz genau so ein junger Junge bist wie alle anderen dreiundzwanzigjährigen Jungen, ein ebenso junger, jugendlicher, frischer und prächtiger Junge, ein... ein... nun, ein milchbärtiger kleiner Knabe! Was, hab ich dich jetzt sehr gekränkt?“
„Im Gegenteil, du hast mich durch die Richtigkeit deiner Bemerkung sogar frappiert!“ sagte sofort heiter und offenherzig Iwan. „Wirst du mir glauben, daß ich heute, seitdem ich sie verlassen habe – nach dem Gespräch bei ihr – die ganze Zeit nur an diese meine dreiundzwanzigjährige ‚Milchbärtigkeit‘, wie du sagst, gedacht habe! Und nun beginnst du gerade damit, als ob du’s erraten hättest. Ich saß hier ganz allein am Fenster, und weißt du, was ich mir sagte? Nehmen wir an, ich hörte auf, an das Leben zu glauben, an den Menschen, den ich liebgewonnen habe, an die Ordnung der Dinge, nehmen wir an, ich überzeugte mich sogar, daß alles ein gesetzloses, verfluchtes und vielleicht vom Teufel beherrschtes Chaos ist, und daß mich alle Schrecken der menschlichen Verzweiflung überfallen, – so würde ich doch leben wollen, leben! Und da meine Lippen einmal diesen Becher berührt haben, so – das weiß ich! – werde ich mich nicht früher von ihm losreißen, als bis ich ihn ganz, bis auf die Neige geleert habe! Übrigens, wenn mein dreißigstes Jahr kommt, werde ich den Becher bestimmt von mir werfen, selbst wenn ich ihn nicht bis auf die Neige geleert haben sollte, und fortgehen... ich weiß nicht wohin. Doch bis zu meinem dreißigsten Jahre, das weiß ich unerschütterlich, wird meine Jugend alles besiegen, – jede Enttäuschung, jede Verzweiflung, jeden Widerwillen vor dem Leben. Ich habe mich oftmals gefragt: Gibt es wohl in der Welt eine Verzweiflung, die diesen rasenden, wütenden und vielleicht unanständigen Lebensdurst in mir besiegen könnte? – und ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß es wahrscheinlich keine solche Verzweiflung gibt, das heißt wiederum nur bis zu meinem dreißigsten Jahre, dann werde ich selbst nicht mehr wollen... so scheint es mir wenigstens. Dieser Lebensdurst, dieses Lechzen nach Leben wird von vielen schwindsüchtigen, hungrigen Moralisten und besonders von holden Dichtern niedrig genannt. Er ist allerdings ein echt Karamasoffscher Zug, das ist wahr, und auch in dir steckt dieser Lebensdurst, aber warum soll er denn gemein sein? Es steckt noch so ungeheuer viel Zentripetalkraft in unserem Planeten. Leben will man, Aljoscha, und ich lebe, wenn auch wider die Logik. Mag ich auch an die Ordnung der Dinge nicht glauben, so sind sie mir doch teuer, die klebrigen hellen Blättchen, die sich im Frühling an feuchten Ästen lösen, teuer ist mir der hohe blaue Himmel, teuer gar mancher Mensch, den man gar manches Mal, wirst du’s mir glauben, ohne zu wissen, warum, liebhat. Teuer ist mir manch eine Menschentat, an die zu glauben man vielleicht schon längst aufgehört hat, die aber das Herz in alter Erinnerung immer noch hoch und heilig hält... Da kommt deine Fischsuppe. Nun, laß sie dir gut schmecken, sie wird hier vorzüglich zubereitet... Ich will nach Europa fahren, Aljoscha, ich werde von hier aus geradenwegs hinfahren. Ich weiß es ja, daß ich nur auf einen Friedhof fahre, doch auf den teuersten, allerteuersten Friedhof, das weiß ich auch! Teure Tote liegen dort begraben, jeder Stein über ihnen redet von einem so heißen vergangenen Leben, von so leidenschaftlichem Glauben an die vollbrachten eigenen Taten, an die eigene Wahrheit, an den eigenen Kampf und die eigene Erkenntnis, daß ich, ich weiß es im voraus, zur Erde niederfallen, diese Steine küssen und über ihnen weinen werde – wenn auch mit der vollen Überzeugung im Herzen, daß das alles schon längst ein Friedhof ist, und in keinem Fall mehr als das. Und nicht aus Verzweiflung werde ich weinen, sondern einfach aus dem einen Grunde, weil mir meine Tränen Glück sein werden. Ich werde mich an der eigenen Empfindung berauschen. Die kleinen, klebrigen Frühlingsblätter, den hohen blauen Himmel liebe ich! Hier handelt es sich nicht um Verstand, nicht um Logik, hier liebt man mit dem ganzen Innern, mit dem ganzen Eingeweide, mit dem ganzen Leibe, seine ersten jungen Kräfte liebt man!... Aljoschka, begreifst du etwas von meinem Gerede, oder ist dir alles unverständlich?“ fragte Iwan plötzlich auflachend.
„O, ich verstehe nur zu gut: Mit dem Innersten, mit dem ganzen Eingeweide will man lieben, – das hast du wundervoll gesagt, und es freut mich furchtbar, daß du so leben willst,“ sagte Aljoscha freudig. „Ich glaube, alle müssen in der Welt zuerst das Leben lieben lernen.“
„Und das Leben mehr lieben als den Sinn des Lebens?“
„Unbedingt. Vor der Logik muß man das Leben lieb gewinnen, wie du sagst, unbedingt muß es vor der Logik geschehen, nur dann werde ich auch den Sinn des Lebens begreifen. Das habe ich schon lange geahnt. Die Hälfte deiner Arbeit ist bereits getan, und die eine Hälfte deines Lebens ist erworben, Iwan: Du liebst das Leben. Jetzt mußt du dich um deine zweite Hälfte bemühen, und du bist gerettet.“
„Du bist schon beim Retten, aber ich gehe ja vielleicht überhaupt nicht unter! Und worin besteht sie denn – diese zweite Hälfte?“
„Darin, daß du deine Toten auferweckst, die – vielleicht niemals gestorben sind. Reich mir bitte den Tee. Oh, es freut mich so, Iwan, daß wir miteinander reden.“
„Aber Aljoscha, du bist ja, wie ich sehe, geradezu begeistert. Nun ich liebe ganz außerordentlich solche professions de foi, wie die unsrigen, gerade von solchen... Novizen. Ein fester Mensch bist du, Alexei. Ist es wahr, daß du das Kloster verlassen willst?“
„Ja, es ist wahr. Mein Staretz schickt mich in die Welt.“
„Dann werden wir uns wohl noch sehen in dieser Welt, vor jenem dreißigsten Jahr, wenn ich beginnen werde, mich von meinem Becher loszureißen. Der Vater will sich von seinem Becher nicht vor dem siebzigsten Jahre losreißen, träumt womöglich von achtzig Jahren, hat es mir sogar selbst ganz offen gesagt, und zwar im Ernst, obgleich er doch ein... Narr ist. Fußt auf seiner Wollust und steht auf ihr, als ob sie ein Stein wäre... allerdings gibt es ja nach dem dreißigsten Jahre schwerlich etwas anderes, worauf man sich stellen könnte... Aber bis zum siebzigsten Jahre ist es gemein, bis zum dreißigsten Jahre geht es noch: Man kann wenigstens einen ‚Schimmer von Adel‘ bewahren, wenn auch durch Selbstbetrug. Hast du heute nicht Dmitrij gesehen?“
„Nein, ihn nicht, aber ich habe Ssmerdjäkoff gesehen und gesprochen.“ Und Aljoscha erzählte eilig und ausführlich sein Gespräch mit Ssmerdjäkoff. Iwans Gesicht wurde allmählich immer finsterer beim Zuhören, und er ließ sich vieles wiederholen.
„Nur bat er mich, nicht Dmitrij zu sagen, daß er es mir mitgeteilt hat,“ fügte Aljoscha hinzu. Iwan zog die Brauen zusammen und verfiel in Nachdenken.
„Runzelst du wegen Ssmerdjäkoff die Stirn?“ fragte Aljoscha.
„Ja, seinetwegen. Doch zum Teufel mit ihm, aber Dmitrij wollte ich tatsächlich sehen, nur ist es jetzt nicht mehr nötig...“ brummte Iwan unwillig.
„Wirst du denn wirklich so bald verreisen?“
„Ja.“
„Aber sag doch, – Dmitrij und der Vater? Womit wird das enden?“ fragte Aljoscha erregt, doch nur halblaut.
„Du fängst schon wieder davon an! Was geht das mich an? Bin ich denn etwa der Wächter meines Bruders?“ stieß Iwan kurz und gereizt hervor. Doch plötzlich lächelte er bitter. „Die Antwort Kains auf Gottes Frage nach dem erschlagenen Bruders, wie? Das denkst du wohl jetzt, nicht? Ach, hol’s der Teufel, ich kann doch wahrhaftig nicht als ihr Wächter hier bleiben! Ich habe hier beendet, was ich zu tun hatte, und fahre. Oder glaubst du vielleicht gar, daß ich auf Dmitrij eifersüchtig bin, weil es mir in diesen ganzen drei Monaten nicht gelungen ist, ihm seine schöne Katerina Iwanowna abspenstig zu machen? Ach... Äh, zum Teufel, ich habe meine Gründe gehabt, hier zu bleiben. Nun habe ich hier alles beendet, und so fahre ich auch unverzüglich. Was ich beendet habe, das weißt du, du warst ja Augenzeuge.“
„Du meinst – vorhin mit Katerina Iwanowna?“
„Ja, mit ihr; ich machte mich einfach los. Und was ist denn dabei? Was geht mich Dmitrij an? Dmitrij hat nichts damit zu tun! Ich hatte ganz Persönliches mit Katerina Iwanowna zu erledigen. Du weißt doch selbst, daß Dmitrij sich so aufgeführt hat, als ob er sich mit mir verabredet hätte. Ich habe ihn doch um nichts gebeten, er aber hat sie mir freiwillig und feierlich ‚übergeben‘ und hat mir noch seinen Segen geschenkt. Das klingt ja wirklich fast lachhaft. Nein, Aljoscha, nein, wenn du wüßtest, wie leicht ich mich jetzt fühle! Ich saß hier und speiste, und, wirst du’s mir glauben, wollte mir schon Champagner bestellen, um die erste Stunde meiner Freiheit zu feiern. Pfui Teufel, fast ein halbes Jahr lang, – und mit einem Schlage hat man sich von allem befreit! Nein, hätte ich gestern auch nur ahnen können, daß man nur zu wollen braucht, und daß es einen nichts kostet, zu beenden!“
„Sprichst du von deiner Liebe, Iwan?“
„Von meiner Liebe... wenn du willst, ja. Ich hatte mich in ein junges, stolzes Pensionsfräulein verliebt. Ich quälte mich mit ihr und sie quälte mich. Hatte mich da hinein verbissen... und plötzlich bin ich von allem befreit. Vorhin bei Chochlakoffs sprach ich erregt, als ich aber hinaustrat, da lachte ich auf – und du kannst mir glauben, daß ich fröhlich lachte. Nein, wirklich!“
„Du sprichst auch jetzt so heiter,“ bemerkte Aljoscha, der sich aufmerksam in das Gesicht des Bruders hineinsah.
„Woher sollte ich auch wissen, daß ich sie überhaupt nicht liebte! Ha–ha–ha! Und da hat es sich nun erwiesen! Aber wie sie mir doch gefallen hat! Wie sie mir sogar heute gefiel, vorhin, als ich die Predigt hielt! Und weißt du, auch jetzt gefällt sie mir maßlos, – und doch fällt es mir so leicht, sie zu verlassen. Du glaubst wohl, ich wolle renommieren?“
„Nein. Nur war das vielleicht keine Liebe.“
„Aljoschka,“ sagte Iwan lachend, „laß dich nicht auf Erörterungen über Liebe ein! Für dich schickt sich das nicht. Vorhin – ja, vorhin, da gingst du durch, Brüderchen, o jeh! Übrigens habe ich vergessen, dich dafür abzuküssen... Wie sie mich aber gequält hat! Ach, habe wahrlich neben einer gesessen, die sich vergewaltigte. Sie wußte doch, daß ich sie liebte! Und auch sie liebte mich, aber nicht Dmitrij,“ behauptete Iwan lachend. „Ihre Liebe zu Dmitrij hat sie sich nur eingebildet. Alles, was ich ihr vorhin sagte, ist lautere Wahrheit. Nur besteht jetzt die Hauptsache darin, daß sie vielleicht fünfzehn oder zwanzig Jahre brauchen wird, um zu erraten, daß sie Dmitrij überhaupt nie geliebt hat, sondern nur mich liebt, mich, den sie foltert. Ja, wer kann es wissen, vielleicht wird sie’s auch niemals erraten, trotz der heutigen Lehre nicht. Nun, um so besser, daß ich aufgestanden und fortgegangen bin. Übrigens, was macht sie jetzt? Was ging dort vor, als ich fortgegangen war?“
Aljoscha erzählte ihm von dem hysterischen Anfall und was ihm Frau Chochlakoff gesagt hatte: daß sie bewußtlos sei, Fieber habe und phantasiere.
„Ist das aber auch wahr, was die Chochlakoff sagt?“
„Es scheint, ja.“
„Man muß sich erkundigen. An hysterischen Anfällen ist übrigens noch niemals jemand gestorben. Und mag sie sie doch haben, Gott hat dem Weibe liebend die Hysterie geschickt. Ich werde nie mehr hingehen. Wozu sich wieder aufdrängen!“
„Aber du sagtest ihr doch, daß sie dich nie geliebt hätte?“
„Das habe ich absichtlich gesagt. Aljoschka, weißt du, ich werde Champagner bestellen, trinken wir auf meine Freiheit. Nein, wenn du wüßtest, wie froh ich bin!“
„Nein, Iwan, trinken wir lieber nicht,“ sagte Aljoscha, „und zudem bin ich doch etwas traurig gestimmt.“
„Ja, du bist bereits seit langer Zeit traurig gestimmt, das sehe ich schon längst.“
„Und du wirst also bestimmt morgen früh fortfahren?“
„Morgen früh? Ich habe nicht gesagt, daß ich in der Früh fahren werde... Doch übrigens, vielleicht auch in der Früh. – Wirst du’s mir glauben, daß ich nur deswegen hier gespeist habe, um nicht mit dem Alten zusammen zu speisen, dermaßen zuwider ist er mir geworden. Allein seinetwegen wäre ich schon längst fortgefahren. Warum beunruhigt es dich übrigens so, daß ich verreise? Wir haben jedenfalls bis zu meiner Abfahrt noch Gott weiß wieviel Zeit. Eine ganze Ewigkeit Zeit, die ganze Unsterblichkeit.“
„Aber, wenn du morgen fortfährst, wo ist dann die Ewigkeit?“
„Was geht das uns beide an!?“ fragte Iwan lachend. „Haben wir doch noch Zeit, auszusprechen, was wir uns zu sagen haben, und weswegen wir hier zusammengekommen sind! Warum siehst du mich so erstaunt an? Antworte mir: Zu welch einem Zweck sind wir hier zusammengekommen? Um von der Liebe zu Katerina Iwanowna zu sprechen, oder von dem Alten und Dmitrij? Oder vom Auslande? Von der verhängnisvollen Lage Rußlands? Vom Empereur Napoléon? Nun, deswegen etwa?“
„Nein, nicht deswegen.“
„Also begreifst du es selbst, weswegen. Den anderen mag so etwas gleichgültig sein, uns aber, uns ‚Milchbärten‘, ist es nicht einerlei, wovon wir reden. Wir müssen vor allen anderen Dingen, die aus der Ewigkeit in die Ewigkeit reichenden Probleme lösen, das ist unsere Sorge. Ganz Jung-Rußland tut doch heutzutage nichts anderes, als über die ewigen Fragen philosophieren. Gerade heutzutage, gerade jetzt, wo alle Alten sich plötzlich an die praktischen Fragen gemacht haben. Warum hast du mich in diesen drei Monaten so erwartungsvoll angesehen? Um mich zu befragen: ‚Woran glaubst du, oder glaubst du überhaupt nicht‘, – das war es doch, was Ihre Blicke fragten, Alexei Fedorowitsch, oder war es das mit nichten?“
„Nun ja, meinetwegen war es das,“ sagte Aljoscha lächelnd. „Du machst dich doch nicht lustig über mich, Bruder?“
„Ich mich lustig machen? Ich werde doch mein kleines Brüderchen, das mich drei Monate lang so erwartungsvoll angeblickt hat, nicht betrüben wollen. Aljoscha, sieh mich einmal ganz offen an: Sieh, ich bin doch genau solch ein kleiner Knabe wie du, nur mit dem einen Unterschiede, daß ich kein Novize bin. Wie pflegen denn unsere russischen Knaben bis jetzt zu handeln? Die meisten, meine ich. Nun, hier haben wir zum Beispiel das nach Speisedüften riechende Lokal, und da kommen sie denn zusammen und setzen sich in eine Ecke. Haben sich bis dahin zeitlebens nicht gekannt, und wenn sie das Gasthaus verlassen, werden sie sich wieder vierzig Jahre lang nicht kennen. Wovon werden sie nun sprechen, wenn sie diesen einen Augenblick in der Gasthausecke erhascht haben? Selbstverständlich von den Weltfragen: Gibt es einen Gott? gibt es Unsterblichkeit? Diejenigen aber von ihnen, welche an Gott nicht glauben, nun, die sprechen über Sozialismus und Anarchismus, über die Umgestaltung der ganzen Menschheit durch einen neuen Staat, so daß es schließlich auf den reinen Teufel hinauskommt, – das sind doch alles dieselben Fragen, nur vom anderen Ende. Und welch eine unglaubliche Menge der originellsten russischen Jungen tut heutzutage nichts anderes, als über diese ewigen Fragen reden! Habe ich nicht recht?“
„Ja, für die echten Russen sind die Fragen, ob es einen Gott und ob es Unsterblichkeit gibt oder, wie du soeben sagtest, die Fragen vom anderen Ende, natürlich die wichtigsten Fragen, die allem anderen vorangehen, – so muß es auch sein,“ sagte Aljoscha, der seinen Bruder immer noch mit demselben stillen, forschenden Lächeln betrachtete.
„Sieh, Aljoscha, ein russischer Mensch zu sein, ist zuweilen gar nicht klug, doch etwas Dümmeres als das, womit sich jetzt die russischen Knaben beschäftigen, kann man sich nicht einmal vorstellen. Nur einen russischen Knaben, den Aljoscha, den liebe ich trotzdem über alles.“
„Wie nett du das eingefädelt hast,“ sagte Aljoscha auflachend.
„Nun, sag also, womit wir beginnen sollen? Es soll geschehen, wie du befiehlst. – Mit Gott? – Ob Gott existiert, nicht?“
„Womit du willst, damit beginne, meinetwegen auch ‚vom anderen Ende‘. Du erklärtest doch gestern beim Vater, daß es Gott nicht gäbe,“ sagte Aljoscha mit plötzlich forschendem Blick in die Augen des Bruders.
„Gestern bei Tisch neckte ich dich absichtlich damit – um den Alten war es mir nicht zu tun – und ich sah es wohl, wie deine Augen aufblitzten. Doch jetzt bin ich gar nicht abgeneigt, nochmals mit dir auf dieses Thema einzugehen. Ich meine das vollkommen im Ernst. Ich möchte gern, daß wir uns nähertreten, Aljoscha, denn ich habe keinen Freund. Ich will es einmal versuchen. Nun, stelle es dir mal vor, vielleicht erkenne auch ich Gott an,“ sagte Iwan lachend. „Das hattest du wohl nicht erwartet, was?“
„Ja, natürlich, wenn du nur auch jetzt nicht scherzest!“
„Scherze? Das fragst du, weil man gestern beim Staretz sagte, daß ich scherze. Sieh, mein Liebling, im siebzehnten Jahrhundert lebte ein großer Sünder, und der hat von Gott gesagt: S’il n’existait pas, il faudrait l’inventer. Und tatsächlich hat sich der Mensch Gott ausgedacht. Doch nicht das ist sonderbar, nicht das wäre wunderbar, daß Gott tatsächlich existiert, wohl aber ist wunderbar, daß solch ein Gedanke – der Gedanke von der Unentbehrlichkeit Gottes – in den Kopf eines so wilden und bösartigen Tieres, wie es der Mensch ist, hat kommen können: dermaßen heilig, dermaßen rührend, dermaßen weise ist er, und dermaßen große Ehre macht er dem Menschen. Was nun mich dabei anbetrifft, so habe ich schon vor langer Zeit beschlossen, nicht mehr darüber nachzudenken, ob der Mensch Gott oder Gott den Menschen geschaffen hat. Auch werde ich, versteht sich, nicht etwa anfangen, alle zeitgenössischen Axiome der russischen Knaben durchzunehmen – Axiome, die alle ohne Ausnahme aus europäischen Hypothesen entstanden sind; denn was dort Hypothese ist, das ist bei unseren russischen Knaben sofort Axiom, und nicht nur bei den Knaben, sondern auch bei deren Professoren, denn auch die russischen Professoren sind jetzt sehr häufig selbst nichts anderes als solche kleinen russischen Knaben. Darum übergehe ich alle Hypothesen. Worin besteht aber nun unsere Aufgabe? Nun, versteht sich, darin, daß ich dir so schnell wie möglich mein ganzes Wesen erkläre, das heißt, was ich für ein Mensch bin, woran ich glaube, worauf ich hoffe! Nicht wahr, das ist es doch? Nun, und darum erkläre ich denn auch, daß ich Gott einfach und einwandlos akzeptiere. Einstweilen aber gilt es noch eines zu vermerken: Wenn Gott ist, und wenn er tatsächlich die Erde geschaffen hat, so hat er sie, wie wir genau wissen, nach der Geometrie des Euklid geschaffen, den menschlichen Verstand nur mit dem Vermögen begabt, bloß die drei Ausdehnungen des Raumes zu begreifen. Währenddessen aber hat es Mathematiker und Philosophen gegeben, und es gibt ihrer auch heutzutage noch welche, und es sind das sogar die Besten, die leider bezweifeln, daß das Weltall – oder sagen wir noch größer, – daß alles Sein nur nach Euklids Geometrie erschaffen sei, ja, sie erdreisten sich sogar, zu denken, daß zwei parallele Linien, die doch nach Euklid nie und nimmer und unter keiner Bedingung auf Erden zusammenlaufen können, vielleicht doch irgendwo in der Unendlichkeit zusammenlaufen. Weißt du, Liebling, ich sage mir nun, wenn ich selbst das nicht begreifen kann, wie soll ich dann noch etwas von Gott begreifen können, das ist doch dann viel zu hoch für mich. Bescheiden bekenne ich, daß ich nicht die geringsten Fähigkeiten zur Lösung solcher Probleme besitze; ich habe nur einen euklidischen, einen irdischen Verstand, und wie soll man daher über etwas urteilen, was nicht von dieser Welt ist? Und auch dir, mein Freund, rate ich, nie darüber nachzudenken, vor allem nicht über Gott: Ob es ihn gibt oder nicht gibt? Das sind Fragen, an die unser Verstand überhaupt nicht heranreicht, da sein Begriffsvermögen nur für das Erfassen der drei Ausdehnungen geschaffen ist. Und so akzeptiere ich denn gern nicht nur Gott allein, sondern ich akzeptiere auch seine Allwissenheit und sein Ziel, – das uns vollkommen unbekannt ist – und glaube an das Gesetz und den Sinn des Lebens, glaube auch an die ewige Harmonie, in der wir, wie es heißt, alle aufgehen werden, glaube an das Wort, zu dem das Weltall strebt, und das selbst bei Gott war und selbst Gott ist, nun, und so weiter, und so weiter bis ins Unendliche. Hat man sich doch in der Beziehung wahrlich nicht wenig Worte ausgedacht. Aber es scheint ja, daß auch ich bereits auf einem guten Wege bin – nicht? Nun, so laß dir denn kurz gesagt sein, daß ich im Endresultate diese Gotteswelt – nicht akzeptiere, und wenn ich auch weiß, daß sie existiert, so gebe ich doch nicht zu, daß sie existiert. Nicht Gott akzeptiere ich nicht, verstehe mich recht, sondern die von ihm geschaffene Welt akzeptiere ich nicht, und kann ich nicht akzeptieren. Ich werde mich deutlicher ausdrücken: Ich bin meinetwegen überzeugt, daß das Leid vernarben und sich glätten wird, daß die ganze beleidigende Komik der menschlichen Widersprüche wie ein armseliges Trugbild verschwinden wird, wie eine garstige Erfindung eines schwächlichen, nur atomgroßen euklidischen Menschenverstandes, und daß schließlich im Weltfinale, im Moment der ewigen Harmonie etwas dermaßen Kostbares geschehen und erscheinen wird, daß es für alle Herzen ausreicht, zur Stillung allen Unwillens, zur Sühne aller von Menschen begangenen Greuel, zur Sühne alles durch sie vergossenen Blutes, daß es ausreichen wird zur Möglichkeit nicht nur der Vergebung, sondern auch der Rechtfertigung alles dessen, was mit den Menschen geschehen ist, – schön, schön, mag das alles erscheinen und sein, ich aber akzeptiere das nicht und will es auch nicht akzeptieren! Mögen sich sogar die Parallellinien treffen, und mag ich das auch selbst sehen, sehen und sagen, daß sie sich getroffen haben, so werde ich es doch trotzdem nicht annehmen. Sieh, das ist mein Wesen, Aljoscha, das ist meine These. Ich habe absichtlich unser Gespräch so begonnen, wie man es dümmer nicht gut hätte beginnen können, aber ich habe es mit meiner Beichte geendet, denn nur sie allein wolltest du doch hören. Nicht von Gott wolltest du etwas erfahren, sondern hören wolltest du, wovon dein Bruder, den du doch liebhast, geistig lebt. Und so habe ich es dir denn gesagt.“
Iwan schloß seine lange Predigt plötzlich mit einem ganz unerwarteten und ganz eigentümlichen Gefühl.
„Warum hast du so begonnen, ‚wie man es dümmer nicht gut hätte beginnen können‘?“ fragte Aljoscha, der, in Gedanken verloren, seinen Bruder betrachtete.
„Ja, so, erstens um des Russizismus’ willen: Die russischen Gespräche über diese Themata werden doch alle so geführt, wie es dümmer nicht gut denkbar wäre. Und zweitens, weil man um so näher zur Sache kommt, je dümmer man tut. Je dümmer, um so klarer. Dummheit ist kurz und gut und einfach, Klugheit aber macht Finten und versteckt sich. Klugheit, das heißt, der Verstand, ist ein Schuft. Die Dummheit dagegen ist offenherzig und ehrlich. So habe ich dir meine Verzweiflung gezeigt, und je dümmer die Darstellung war, um so vorteilhafter für mich.“
„Wirst du mir erklären, weswegen du die Welt ‚nicht akzeptierst‘?“ fragte Aljoscha.
„Versteht sich, es ist ja kein Geheimnis, und dahin führt doch unser Gespräch. Du, mein lieb Brüderlein, ich will dich doch nicht etwa verführen oder von deinem festen Stand wegrücken – ich wollte mich vielleicht nur selbst durch dich heilen...“ Und Iwan lächelte so sonderbar, ganz wie ein kleiner, frommer Knabe. Niemals noch hatte Aljoscha an ihm solch ein Lächeln gesehen.
IV — „Empörung“
„Ich muß dir ein Geständnis machen,“ begann Iwan: „Ich habe nie begreifen können, wie man seine Nächsten lieben kann. Gerade die Nächsten kann man, meiner Meinung nach, unmöglich lieben; lieben kann man höchstens noch die Fernen. Ich habe einmal irgendwo von ‚Iwan dem Barmherzigen‘, einem Heiligen, gelesen, daß er, als einmal ein hungriger und durchfrorener Mann des Weges kam und ihn bat, sich bei ihm erwärmen zu dürfen – daß er sich da zusammen mit ihm auf das Lager gelegt habe, um ihn in der Umarmung zu erwärmen und ihm in seinen von einer scheußlichen Krankheit faulenden und übelriechenden Mund zu hauchen. Ich bin überzeugt, daß er es aus Selbstvergewaltigung getan hat, aus sich selbst vergewaltigender Lüge, aus pflichtschuldiger Liebe, aus sich selbst auferlegter Buße. Um einen Menschen lieben zu können, muß er sich verborgen halten, denn kaum zeigt er sein Gesicht – so ist die Liebe auch schon verschwunden.“
„Darüber hat Staretz Sossima mehr als einmal gesprochen,“ bemerkte Aljoscha, „auch er sagte, daß das Gesicht eines Menschen nicht selten diejenigen, welche im Lieben noch unerfahren sind, zu lieben hindere. Aber es gibt trotzdem viel Liebe in der Menschheit, und sogar fast Christi Liebe ähnliche. Das weiß ich, Iwan...“
„Nun, ich aber weiß das vorläufig noch nicht und kann es daher auch nicht begreifen, und mit mir kann es eine unzählige Menge Menschen gleichfalls nicht begreifen. Die Frage besteht nur darin, ob das von den schlechten Eigenschaften der Menschen herrührt? oder ob es nur einfach daher kommt, daß die Natur des Menschen so geschaffen ist? Meiner Meinung nach ist Christi Liebe zu den Menschen in ihrer Art ein auf Erden unmögliches Wunder. Nun, er war ein Gott. Wir aber sind keine Götter. Nehmen wir zum Beispiel an, ich kann tief leiden, aber ein anderer kann nie erfahren, bis zu welch einem Grade ich leide, denn er ist eben ein anderer und nicht ich, und außerdem läßt sich der Mensch nur selten herbei, einen anderen als Leidenden anzuerkennen – ganz als ob es sich dabei um einen Rang handelte. Warum nun tut er es nur nicht, was meinst du wohl? Nun, weil ich vielleicht schlecht rieche, weil ich ein dummes Gesicht habe, oder weil ich ihm einmal auf den Fuß getreten bin. Und zudem ist zwischen Leiden und Leiden ein Unterschied: Gewöhnliches Leiden, das mich erniedrigt, Hunger zum Beispiel, das wird mein Wohltäter noch gelten lassen, doch ein etwas höheres Leiden, zum Beispiel für eine Idee, wird er nur in äußerst seltenen Fällen zugestehen, denn er wird bei meinem Anblick wahrscheinlich sofort finden, daß mein Gesicht durchaus nicht demjenigen gleicht, welches er sich in der Phantasie von einem Menschen, der für diese oder jene Idee leidet, gemacht hat. Und so entzieht er mir denn unverzüglich alle seine Wohltaten, tut das aber nicht etwa, weil er ein böses Herz hat. Bettler, namentlich ‚edle‘ Bettler, sollten sich eigentlich nie zeigen und lieber durch die Zeitungen Almosen bitten. Abstrakt kann man noch den Nächsten lieben und zuweilen sogar aus der Ferne, in der Nähe aber fast nie. Wenn alles wie auf der Bühne sich abspielen würde, wie im Ballett, wo die Bettler in seidenen Lumpen und zerrissenen Spitzen graziös tanzend um Almosen bitten, nun, dann kann man noch an ihnen Gefallen finden. An ihnen Gefallen finden, immerhin, aber nicht sie lieben. – Doch genug davon. Ich wollte dir nur meinen Standpunkt erklären... Ich wollte mit dir von den Leiden der ganzen Menschheit sprechen, doch es ist besser, wir begnügen uns mit den Leiden der Kinder allein. Das wird den Umfang meiner Beweisführung ungefähr um das Zehnfache verringern. Es ist schon besser, nur von den Kindern zu reden. Für mich ist das natürlich unvorteilhafter. Aber, erstens, Kinder kann man auch in der Nähe lieben, sogar schmutzige, sogar häßliche... Übrigens finde ich, daß kleine Kinder nie häßlich sind. Und zweitens werde ich schon allein deswegen nicht über die Großen reden, weil es sich bei ihnen, abgesehen davon, daß sie abstoßend und der Liebe unwürdig sind, um Vergeltung handelt: Sie haben den Apfel gegessen und Gut und Böse erkannt und sind ‚wie Gott‘ geworden. Und auch jetzt noch fahren sie fort, ihn zu essen. Die Kleinen aber haben noch nichts gegessen und sind vorläufig noch ganz schuldlos. Liebst du kleine Kinder, Aljoscha? Ich weiß, daß du sie liebst, und du wirst verstehen, warum ich jetzt nur von ihnen sprechen will. Wenn auch sie auf Erden unglaublich leiden, so geschieht das natürlich wegen ihrer Väter; sie werden für ihre Väter, die den Apfel vom Baume der Erkenntnis gegessen haben, bestraft. Aber das ist doch eine Erklärung aus einer anderen Welt, denn hier auf Erden ist sie dem Menschenherzen unbegreiflich! Ein Unschuldiger kann doch nicht für einen Schuldigen leiden, und dazu noch solche Unschuldige! Wundere dich über mich, Aljoscha, auch ich liebe kleine Kinder unsäglich. Überhaupt kannst du dir merken, daß grausame, leidenschaftliche, sinnliche, kurz – karamasoffsche Naturen gerade Kinder mitunter ungeheuer lieben können. Kinder unterscheiden sich, solang sie Kinder sind, also ungefähr bis zum siebenten Jahr, ganz unglaublich von erwachsenen Menschen, ganz als ob sie andere Wesen wären, eine ganz andere Natur hätten. Ich kannte einen Mörder im Gefängnis: Er hatte in seinem Leben ganze Familien in den Häusern geschlachtet, in die er nachts eingebrochen war, um zu stehlen, und da hatte er natürlich auch Kinder nicht verschont. Als er aber im Gefängnis saß, liebte er sie dermaßen, daß diese Liebe allen geradezu wunderlich schien. Immer stand er am Fenster seiner Zelle und blickte auf die kleinen Kinder, die im Gefängnishof spielten. Einen kleinen Knaben hatte er einmal an sein Fenster gelockt und schließlich hatten sich die beiden rührend angefreundet... Weißt du noch nicht, wozu ich das alles sage, Aljoscha? Der Kopf tut mir weh, und ich bin, ich weiß nicht warum, traurig.“
„Du siehst auch so sonderbar aus und redest so wunderlich,“ bemerkte Aljoscha, „als ob du geistesabwesend wärst.“
„Bei der Gelegenheit fällt mir ein, was mir vor kurzem ein Bulgare in Moskau erzählte,“ fuhr Iwan Fedorowitsch fort, als hätte er die Bemerkung des Bruders gar nicht gehört. „Er schilderte, wie die Türken und Tscherkessen dort allerorten hausen, da sie einen allgemeinen Aufstand der Slawen befürchten, – das heißt, wie sie brandschatzen, morden, Frauen und kleine Mädchen vergewaltigen, wie sie die Gefangenen mit den Ohren an die Zäune nageln, damit sie sie bis zum nächsten Morgen, an dem sie gehängt werden sollen, nicht zu bewachen brauchen, und so weiter, – alles kann man kaum erzählen. Man spricht zuweilen von der ‚tierischen‘ Grausamkeit des Menschen, doch ist das höchst ungerecht und für die Tiere wirklich beleidigend: Ein Tier kann niemals so grausam sein wie der Mensch, so ausgesucht, so künstlerisch grausam. Ein Tiger zerreißt und frißt bloß, und das ist schließlich alles, was er versteht. Es würde ihm niemals einfallen, die Ohren seiner Opfer anzunageln und diese eine Nacht lang so angenagelt stehen zu lassen, oder sich eine gleich große Folter, die er mit seinen Mitteln ausführen könnte, zu ersinnen. Diese Türken haben übrigens mit besonderer Wollust Kinder gequält, haben sie mit Dolchen aus dem Mutterleibe herausgeschnitten, haben Säuglinge in Gegenwart der Mütter in die Luft geworfen und mit den Bajonetten aufgefangen. Daß es vor den Augen der Mütter geschah, war ja das Hauptvergnügen. Ein kleines Bild hat auf mich am meisten Eindruck gemacht. Stell dir vor: Ein Säugling auf den Armen seiner zitternden Mutter, um sie herum die eingedrungenen Türken. Sie haben sich ein lustiges Späßchen ausgedacht: Sie liebkosen das Kleine, lachen, um es zu erheitern, was ihnen auch gelingt: der Säugling lacht mit. Da hält ein Türke seine Pistole vor das Köpfchen des Kleinen. Der Knabe lacht fröhlich, streckt die Ärmchen dem blanken Ding entgegen, um es zu erfassen, und plötzlich drückt der Künstler den Hahn ab, ihm gerade ins Gesicht, und zerschmettert ihm das Köpfchen... Raffiniert, nicht wahr? Übrigens sagt man, die Türken liebten Süßigkeiten sehr.“
„Bruder, was soll das, warum redest du davon?“ fragte Aljoscha.
„Ich meine, wenn der Teufel nicht existiert und ihn folglich der Mensch erdacht hat, so hat er ihn nach seinem Bilde geschaffen.“
„In dem Falle also ebensogut wie Gott.“
„Es ist bewundernswert, wie du die Worte zu verdrehen verstehst, wie Polonius im Hamlet sagt,“ bemerkte Iwan lachend. „Du hast mich beim Wort gefangen; meinetwegen, es freut mich. Dann muß ja der Gott auch danach sein, wenn ihn der Mensch sich zum Bilde, zum Bilde des Menschen geschaffen hat! Du fragst mich, was das soll? Sieh mal, ich bin ein Liebhaber und Sammler gewisser Tatsachen und, glaub mir, ich hebe aus Zeitungen, Büchern, Broschüren oder einerlei woraus eine gewisse Art von Geschichten auf. Ich habe schon eine ganze Sammlung von solchen Blättern. Die Türken sind natürlich auch aufgehoben. Doch das sind immerhin Ausländer, aber ich habe auch heimatliche Geschichten, die sogar noch besser sind als die türkischen. Weißt du, bei uns gibt es viel Prügel, viel Ruten-und Peitschenhiebe, und das ist national. Bei uns sind angenagelte Ohren undenkbar, wir sind doch immerhin Europäer, aber Ruten und Peitschen sind etwas, das zu uns gehört und uns nicht genommen werden kann. Im Auslande, scheint es, schlägt man jetzt überhaupt nicht mehr. Haben sich nun die Sitten dort dermaßen geläutert, oder haben sich die Gesetze dort so ausgearbeitet, daß der Mensch den Menschen, wie es scheint, nicht mehr prügeln darf, ich weiß es nicht. Doch dafür haben sie sich mit etwas anderem entschädigt, etwas gleichfalls rein Nationalem, das bei uns, sollte man meinen, unmöglich wäre, obgleich es übrigens auch hier schon Wurzel schlägt, besonders seit der Zeit, da die religiöse Bewegung in unserer höheren Gesellschaft begonnen hat. Ich habe eine prächtige kleine Broschüre, eine Übersetzung aus dem Französischen. Es ist eine Art Bericht darüber, wie in Genf vor nicht langer Zeit, vor etwa fünf Jahren, ein Räuber und Mörder, namens Richard, ein, glaube ich, dreiundzwanzigjähriger Bursche, der sich kurz vor dem Tode zum Christentum bekehrt hatte, hingerichtet wurde. Dieser Richard war als uneheliches Kind schon mit sechs Jahren von den Eltern irgendwelchen Schweizer Hirten geschenkt worden, und die hatten ihn erzogen, um ihn dann später zur Arbeit zu gebrauchen. Er wuchs auf wie ein wildes kleines Tier, die Hirten ließen ihn nichts lernen, schickten ihn schon mit sieben Jahren, um die Herde zu hüten, hinaus in die Feuchtigkeit und Kälte, fast ohne Kleider und ohne Nahrung. Und natürlich sah niemand von den Hirten etwas Schlechtes darin, oder dachte jemand darüber nach, oder bereute man etwas, im Gegenteil, alle hielten sie sich für vollkommen berechtigt, ihn so zu behandeln, denn Richard war ihnen wie ein Gegenstand geschenkt worden, und sie fanden es nicht einmal für nötig, ihn zu ernähren. Richard hat selbst ausgesagt, daß er in jenen Jahren, wie der verlorene Sohn in der biblischen Geschichte, gern von den Trebern gegessen hätte, die die Schweine fraßen, doch man gab ihm nicht einmal die zu essen und schlug ihn, wenn er sich etwas davon stahl. Und so verbrachte er seine Kindheit und Jugend, bis er groß wurde und stehlen ging. Dieser Wilde begann in Genf als Tagelöhner Geld zu verdienen, vertrank natürlich alles, lebte wie ein Ungeheuer und erschlug und beraubte schließlich irgendeinen alten Mann. Er wurde ergriffen, gerichtet und zum Tode verurteilt. Dort ist man ja nicht sentimental. Doch siehe, im Gefängnis umringten ihn alsbald Pastoren und alle Anhänger christlicher Brüderschaften, wohltätige Damen usw. usw. Ihm wird im Gefängnis das Beten und Schreiben beigebracht, ihm wird das Evangelium erklärt, ihm wird ins Gewissen geredet, er wird überzeugt, bedrängt, gepreßt, gedrückt und geknetet, bis er schließlich selbst sein Verbrechen feierlich eingesteht. Er ist bekehrt, er schreibt an die Richter, daß er ein Auswurf des Menschengeschlechts sei, und daß der Herr ihn endlich erleuchtet und gesegnet habe. Ganz Genf gerät in Wallung, das ganze wohltätige, hochehrsame Genf regt sich auf! Alles, was sich zu den Höheren und Wohlerzogenen zählt, stürzt hin ins Gefängnis zu Richard. Er wird geküßt und umarmt: ‚Du bist unser Bruder,‘ heißt es, ‚siehe, der Herr hat dich erleuchtet, die Gnade des Herrn ruht auf dir!‘ Richard aber weint nur vor Rührung. ‚Ja, ja, die Gnade des Herrn ruht auf mir! Früher in meiner Kindheit und Jugend freute ich mich nur auf Schweinefraß, jetzt aber hat mich der Herr erleuchtet, und ich sterbe im Herrn!‘ – ‚Ja, ja, Richard, stirb im Herrn, du hast Blut vergossen und mußt dafür im Herrn sterben. Wenn du auch nicht die Schuld daran trägst, daß du den Herrn früher überhaupt nicht kanntest, damals, als du die Schweine um das Futter beneidetest, und als man dich dafür schlug, daß du es von den Schweinen stahlst – was sehr unrecht von dir war, denn stehlen ist verboten –, aber du hast Blut vergossen und mußt dafür sterben.‘ Und siehe, der letzte Tag bricht an. Der schwach gewordene Richard ist in Tränen aufgelöst und wiederholt nur ununterbrochen: ‚Das ist mein schönster Tag, ich gehe heut ein zum Herrn!‘ – ‚Ja,‘ singen sofort die Pastoren, Richter und die wohltätigen Damen, ‚ja, das ist dein glücklichster Tag, denn du gehst ein zum Herrn!‘ Und alles zieht hin zum Schafott, zu Fuß und in Equipagen, als Geleit des Schinderkarrens, in dem Richard zum Schafott gefahren wird. Schließlich kommt man an. ‚Stirb, Bruder,‘ schreit man ihm von allen Seiten zu, ‚gehe hin in Frieden, stirb im Herrn, denn Sein Segen ruht auf dir!‘ Und siehe, der von Bruderküssen bedeckte Bruder Richard wird auf das Schafott geschleppt, sein Kopf wird auf die Guillotine gelegt und hübsch brüderlich abgekappt – dafür, daß sich der Segen Gottes über ihn ergossen hatte. Nun, das ist charakteristisch! Diese Broschüre ist ins Russische von irgendwelchen Aufklärungsbeflissenen aus der höheren Gesellschaft übersetzt und zur Bildung und Unterweisung des russischen Volkes mit Tageszeitungen und anderen Blättern und Monatsheften unentgeltlich versandt worden. Was diese Geschichte von Richard so bemerkenswert macht, ist das Nationale. Bei uns ginge es nicht gut an, den Kopf des Bruders bloß deswegen zu fällen, weil er erst jetzt unser Bruder geworden ist, und weil der Segen Gottes sich über ihn ergossen hat. Doch dafür haben wir etwas anderes, das jenem kaum nachsteht. Bei uns gibt es die historische, unmittelbarste und einfachste Strafe durch Hiebe. In der Tat, das Peitschen scheint vielen von uns ein Vergnügen zu sein. Nekrassoff erzählt in einem seiner Gedichte, wie ein Bauer sein Pferd mit der Peitsche auf die Augen schlägt, ‚auf die frommen Augen‘. Nun, wer hat das nicht gesehen, das ist doch echt russisch. Er beschreibt, wie das schwache Tier, dessen überladene Fuhre im grundlosen Wege stecken geblieben ist, anzieht und anzieht und doch nicht weiter kann. Der Bauer peitscht es, peitscht es, ohne zu wissen, was er tut. Unbarmherzig, trunken vom Prügeln, peitscht er immer weiter: ‚Und wenn du auch krepierst, aber zieh, zieh’s heraus!‘ Das Pferd zieht und zieht, und da fängt er an, das arme schutzlose Tier auf die weinenden, die ‚frommen Augen‘ zu schlagen. Außer sich zog das Tier und zog die Fuhre heraus, zitternd, ohne zu atmen, irgendwie seitwärts und fast springend, ganz unnatürlich und schimpflich, – Nekrassoff hat es geradezu grausam geschildert. Und das ist doch schließlich nur ein Pferd, und Pferde hat Gott zum Prügeln gegeben. So wenigstens haben es uns die Tataren erklärt, und zum Andenken haben sie uns dann die Knute geschenkt. Aber man kann doch auch Menschen peitschen. Und da prügelt nun ein intelligenter gebildeter Herr mit dem Einverständnis seiner Madame sein eigenes Töchterchen, ein Kind von sieben Jahren, prügelt es mit Ruten, – ich habe mir alles ausführlich notiert: Der liebe Papa freut sich, daß die Ruten spitze Enden haben: ‚Werden schärfer ziehen,‘ sagt er, und so beginnt er denn, sein Töchterchen zu prügeln. Ich weiß, es gibt viele Leute, die beim Prügeln mit jedem Schlage immer mehr in Eifer geraten, denen das Schlagen schließlich zum Genuß, zur Wollust wird. Sie schlagen eine Minute lang, schlagen fünf Minuten, zehn Minuten lang, je länger desto stärker, desto wütender, desto schmerzhafter. Das Kind schreit, bis es nicht mehr schreien kann, es keucht nur noch: ‚Papa, Papa!‘ Und diese Geschichte war nun durch irgendeinen teuflisch unanständigen Zufall vor Gericht gekommen. Es wird ein Verteidiger angenommen. Unser Volk hat nicht umsonst den Advokaten ein ‚gemietetes Gewissen‘ benannt. Der Verteidiger schreit zur Rechtfertigung seines Klienten: ‚Herrgott, was ist das doch für eine gewöhnliche, in jeder Familie täglich vorkommende Geschichte: Der Vater hat seine Tochter bestraft! Und so etwas bringt man heutzutage, zur Schmach unserer Zeit, vors Gericht!‘ Die Geschworenen ziehen sich zurück und beschließen die Freisprechung des Angeklagten. Das Publikum gröhlt vor Freude darüber, daß man einen Peiniger freigesprochen hat. – Ach, schade, daß ich nicht zugegen war, ich hätte sofort vorgeschlagen, zu Ehren dieses Vaters ein Stipendium auf seinen Namen zu stiften!... Ja, diese kleinen Bilder sind ganz vorzüglich. Doch von Kindern habe ich noch bessere Geschichten, habe sehr viel solcher Geschichten von kleinen Märtyrern, Aljoscha. Zum Beispiel: Ein kleines fünfjähriges Mädchen wird seinen Eltern plötzlich verhaßt. Es sind ‚ehrenwerte, gebildete und wohlerzogene Leute vom Beamtenstande‘. Sieh, ich behaupte nochmals positiv, daß sie eine besondere Eigenschaft vieler Menschen ist, diese Vorliebe für das Foltern kleiner Kinder: gerade daß es Kinder sind, ist für sie die Hauptsache. Zu allen anderen Subjekten der Menschheit verhalten sie sich wohlwollend und freundlich, wie alle gebildeten und humanen Europäer, doch Kinder zu quälen lieben sie ganz ungemein, und aus diesem Grunde lieben sie auch die Kinder. Hier ist es wohl gerade die Schutzlosigkeit dieser kleinen Geschöpfe, die sie fasziniert, diese engelgleiche Zutraulichkeit des Kindes, das nicht fortlaufen kann und niemanden hat, an den es sich klammern könnte, – das ist es gerade, was das böse Blut des Peinigers erhitzt. Versteht sich, in jedem Menschen verbirgt sich das Tier, – im Zorn, in der wollüstigen Erregung durch die Schreie des gefolterten Opfers, in der sinnlosen Wut, in der Reizbarkeit der durch eigene Verderbnis zugezogenen Krankheiten, wie Podagra, Leberleiden und so weiter. Diesem armen fünfjährigen Mädchen wurden von seinen ‚gebildeten‘ Eltern die verschiedensten Foltern zugedacht. Die Kleine wurde geschlagen, geprügelt, mit den Füßen gestoßen, – kurz, ohne selbst zu wissen weswegen, bedeckten diese Eltern den Körper ihres Kindes mit blauen Flecken. Zuletzt gelangten sie noch zu einer höheren Art von Folter: Sie schlossen das arme kleine Ding für die ganze Nacht in den kalten Abtritt ein, weil, wie sie sagten, die Kleine in der Nacht nicht gebeten habe, sie aufs Töpfchen zu setzen – als ob ein fünfjähriges kleines Wesen in seinem festen Kinderschlaf davon erwachen könnte! Und dafür haben sie ihm das Gesicht mit Kot beschmiert und es gezwungen, diesen Kot zu essen, ja, dazu hat die Mutter, versteh mich recht, die Mutter ihr Kind gezwungen! Und diese Mutter hat schlafen können, während ihr Kindchen an dem kalten, gemeinen Ort war und weinte! Verstehst du das, Aljoscha, wenn das kleine Wesen, das noch nicht begreifen kann, was mit ihm geschieht, dort im Örtchen in Dunkelheit und Kälte hockt und sich mit seinem kleinen, kleinen Fäustchen an seine schluchzende, magere kleine Kinderbrust schlägt und mit unschuldigen, frommen Tränen zu seinem ‚lieben Gottchen‘ betet, damit er es beschütze, – verstehst du das, Aljoscha, du mein Freund und Bruder und demütiger Gottesdiener, der du bist – begreifst du, wozu diese Sinnlosigkeit nötig und geschaffen ist? Ohne sie, sagt man, könnte der Mensch auf der Welt nicht leben, denn ohne sie würde er nie Gut und Böse erkannt haben. Aber wozu dieses Teufels Gut und Böse erkennen, wenn das so viel kostet? Ist doch dann die ganze Erkenntniswelt nicht diese Kindertränen zum ‚lieben Gottchen‘ wert. Ich rede nicht von den Leiden der Großen. Die haben den Apfel vom Baume der Erkenntnis gegessen und – zum Teufel mit ihnen, aber die Kinder, die Kinder! Quäle ich dich, Aljoschka? Du bist ja ganz geistesabwesend, wie es scheint. Ich werde aufhören, wenn du willst.“
„Tut nichts, ich will mich gleichfalls quälen,“ murmelte Aljoscha.
„Nur eines noch, nur noch ein einziges Bild! Es ist gar zu charakteristisch, und ich habe es erst vor ganz kurzer Zeit gelesen in einer der beiden großen Sammlungen, im ‚Archiv‘ oder im ‚Altertum‘ glaube ich, ich weiß es nicht mehr genau, – ich muß nachschlagen, habe vergessen, wo es war. Es datiert aus der Zeit der strengsten Leibeigenschaft, noch zu Anfang des Jahrhunderts. Ach, Heil unserem Zar-Befreier! – Es lebte damals zu Anfang des Jahrhunderts ein General, ein General mit guten Verbindungen, ein steinreicher Gutsbesitzer, doch einer von jenen Leuten – die allerdings auch damals bereits selten geworden waren –, die, wenn sie sich aus dem Dienst zurückzogen, fast überzeugt waren, sich das Recht über Leben und Tod ihrer Leibeigenen verdient zu haben. Solche gab es damals. Also dieser General lebt auf seinem Gute mit etwa zweitausend leibeigenen Seelen, lebt natürlich pompös, trätiert seine ärmeren Gutsnachbarn wie seine Freischlucker und Hofnarren. Seine Meute besteht aus Hunderten von Hunden, und die Zahl der Rüdenknechte ist nicht viel geringer als hundert, alle sind sie uniformiert und beritten. Und siehe, eines Tages verletzt ein kleiner, kaum achtjähriger Junge beim Spielen den Fuß des Lieblingsjagdhundes seiner Exzellenz. ‚Warum lahmt denn plötzlich mein Lieblingshund?‘ erkundigt sich der General. Es wird ihm berichtet, daß, nun, so und so, dieser Knabe den Hund mit einem Stein am Fuß getroffen habe. ‚Ah, also der ist es,‘ sagt der General mit einem entsprechenden Blick auf den Knaben. ‚Nehmt ihn.‘ Man nahm ihn, nahm ihn von der Mutter fort und steckte ihn in die Arrestkammer. Am nächsten Morgen ritt der General mit allem Drum und Dran zur Jagd, alle Gäste um ihn herum, Rüdenwärter und Piköre, Jägermeister, alle beritten und in Livree, und die Hunde gekoppelt. Das ganze Hofgesinde war versammelt, und vorn vor allen anderen steht die Mutter des schuldigen Knaben. Da wird der Knabe aus der Arrestkammer gebracht. Es ist ein trüber, kalter, nebliger Herbsttag, wie geschaffen zur Jagd. Der General befiehlt, den Knaben zu entkleiden; der Kleine wird bis auf die Haut entkleidet, er zittert, ist fast ganz bewußtlos vor Angst, wagt kaum zu atmen... ‚Hetzt ihn!‘ kommandiert plötzlich der General, und ‚lauf, lauf!‘ schreien dem Kleinen die Piköre zu, – der Knabe läuft... ‚Packt ihn!‘ brüllt der General und hetzt auf den kleinen laufenden Knaben seine ganze wilde Hundeschar. Vor den Augen der Mutter hetzte er das Kind zu Tode, und die Hunde zerrissen es in Stücke!... Der General wurde, glaub ich, unter Kuratel gestellt... Nun, was hätte man wohl anders mit ihm tun sollen? Erschießen? Zur Befriedigung des sittlichen Gefühls erschießen? Sag doch, Aljoschka!“
„Ja, erschießen!“ sagte Aljoscha leise, mit einem blassen, gleichsam verzerrten Lächeln, den Blick zum Blick des Bruders erhebend.
„Bravo!“ rief Iwan triumphierend, als ob ihn die Antwort geradezu entzückt hätte, „wenn schon du es sagst, dann muß es auch so richtig sein!... Ach, du Asket! Da sieh doch einer, was für ein kleiner Teufel in deinem Herzen sitzt, Aljoscha Karamasoff!“
„Ich habe eine Dummheit gesagt, aber...“
„Das ist es ja, daß darauf ein ‚aber‘ folgt!“ fiel ihm Iwan lebhaft ins Wort. „Weißt du auch, du kleiner Knabe, daß die Dummheiten auf Erden nur allzu nötig sind? Auf Unsinn beruht die Welt, und ohne ihn würde auf ihr vielleicht überhaupt nichts geschehen. Ich weiß, was ich weiß!“
„Was weißt du?“
„Ich begreife nichts,“ fuhr Iwan wie im Fieber fort, – es war, als ob er irre redete – „und ich will jetzt auch nichts begreifen. Ich will bei der Tatsache bleiben. Ich habe schon längst beschlossen, nicht begreifen zu wollen. Sobald ich etwas begreifen will, entstelle ich sofort die Tatsachen, jetzt aber will ich bei der Tatsache bleiben.“
„Warum quälst du mich so?“ stieß Aljoscha plötzlich klagend hervor, – „wirst du es mir denn nicht endlich sagen?“
„Natürlich werde ich es dir sagen; deswegen habe ich doch alles das erzählt, um es dir sagen zu können. Teuer bist du mir, Alexei, ich gönne dich niemandem, ich kämpfe um dich, ich trete dich nicht deinem Sossima ab!“
Iwan schwieg eine Zeitlang, und sein Gesicht ward über die Maßen traurig.
„Höre mich an: Ich habe nur die kleinen Kinder genommen, damit es augenscheinlicher sei. Von den übrigen Tränen der Menschen, mit denen die Erde von ihrer Kruste bis zum Mittelpunkt der Achse durchtränkt ist, will ich weiter kein Wort reden, ich habe das Thema absichtlich beschränkt. Ich bin, sagen wir, eine Wanze und gestehe mit meiner ganzen Erniedrigung ein, daß ich nicht begreifen kann, wozu alles so eingerichtet ist. Die Menschen tragen, wie sich erweist, selbst an allem die Schuld: Ihnen ward das Paradies gegeben, sie aber wollten Freiheit und raubten das Feuer vom Himmel, obgleich sie wußten, daß sie dadurch unglücklich würden. Also ist kein Grund vorhanden, sie zu bemitleiden. O, nach meinem armseligen, irdischen, euklidischen Verstande weiß ich nur das eine, daß es Leiden gibt, Schuldige aber nicht, daß sich bei allem eines aus dem anderen gerade und einfach ergibt, daß alles fließt und sich aufwägt, – aber das ist nur eine euklidische Ente, das weiß ich doch, und ich kann doch nicht einwilligen, danach zu leben! Was habe ich davon, daß keine Schuldigen vorhanden sind, und daß sich alles gerade und einfach eines aus dem anderen ergibt, und daß ich das weiß! Ich brauche Vergeltung oder ich vernichte mich!! Und die Vergeltung nicht irgendwo und irgendwann in der Unendlichkeit, sondern noch hier auf Erden, so daß ich sie selbst sehen kann. Ich habe geglaubt, also will ich auch mit eigenen Augen sehen, und wenn ich zu der Stunde schon tot bin, so soll man mich auferstehen lassen – denn es wäre doch, wenn alles ohne mich geschehen sollte, gar zu kränkend für mich. Will ich doch nicht dazu gelitten haben, um mit meinen Verbrechen und meinen Leiden für irgendeinen Anderen die zukünftige Harmonie zu düngen. Ich will mit meinen Augen sehen, wie das Reh arglos neben dem Löwen ruht, und wie der Ermordete aufsteht und seinen Mörder umarmt. Ich will dabei sein, wenn alle plötzlich erfahren, warum und wozu alles so gewesen ist. Auf diesem Wunsch beruhen alle Religionen der Erde. Ich aber glaube. Doch da sind nun die kleinen Kinder, was soll ich mit ihnen anfangen? Das ist eine Frage, die ich nicht zu beantworten vermag. Zum hundertstenmal sage ich dir: Solcher Fragen gibt es in Unmenge, doch ich habe nur die Kinder allein genommen, denn hierbei ist das, was ich zu sagen habe, unwiderlegbar klar. Höre mich: Wenn alle leiden müssen, um damit die ewige Harmonie zu erkaufen, so sag mir doch bitte, was das mit den kleinen Kindern zu tun hat? Es bleibt unbegreiflich, warum auch sie leiden müssen, und warum auch sie durch Leiden die Harmonie erkaufen sollen. Warum sind auch sie zu Material gemacht, um für irgend jemanden die zukünftige Harmonie zu düngen? Die Solidarität der Menschen in der Sünde begreife ich sehr wohl, ich begreife auch die Solidarität in der Vergeltung – aber doch nicht mit kleinen Kindern Solidarität in der Sünde! Und wenn die Wahrheit wirklich darin besteht, daß sie mit ihren Vätern in allen Verbrechen derselben solidarisch sind, so ist diese Wahrheit, versteht sich, nicht von dieser Welt und ist für mich unbegreiflich. Manch ein Spaßvogel wird wohl sagen, daß es schließlich auf dasselbe hinauskäme: das Kind werde groß und hätte dann selbst übergenug Zeit zum Sündigen. Aber dieser kleine Knabe wurde doch schon im achten Lebensjahre von Hunden zerrissen... O, Aljoscha, ich will nicht lästern! Ich begreife doch, wie groß die Erschütterung des Weltalls sein wird, wenn alles im Himmel, auf der Erde und unter der Erde in einen einzigen Lobgesang zusammenfließt, wenn alles, was lebt, und was gelebt hat, ausruft: ‚Gerecht bist du, o Herr, denn offenbar sind jetzt deine Wege!‘ Wenn selbst die Mutter den Peiniger, der ihren Sohn von Hunden hat zerreißen lassen, umarmt und alle drei mit Tränen singen: ‚Gerecht bist du, o Herr,‘ – dann, ja dann ist die Krone alles Wissens und Erkennens erworben, dann wird alles seine Erklärung finden. Hier aber ist nun für mich der Haken, denn gerade das ist es, was ich nicht annehmen kann. Und daher beeile ich mich, solange ich noch auf Erden bin, meine Maßregeln zu ergreifen. Denn sieh, Aljoscha, es ist doch möglich, daß ich, wenn ich diesen Augenblick noch erlebe oder von den Toten auferweckt werde, um das alles zu sehen, – daß auch ich dann beim Anblick der Mutter, die den Peiniger ihres Sohnes umarmt, mit allen anderen zusammen ausrufe: ‚Gerecht bist du, o Herr!‘ Ich aber will das nicht ausrufen. Und darum beeile ich mich, solange es noch Zeit ist, Maßregeln zu ergreifen, und darum danke ich von vornherein für jede höhere Harmonie. Ist sie doch keine einzige Träne jenes gequälten kleinen Kindes wert, das sich mit der kleinen Faust an die kleine Brust geschlagen und zu seinem ‚lieben Gottchen‘ gebetet hat. Sie ist es nicht wert, denn diese Kindertränen sind unausgelöscht geblieben. Sie aber müssen ausgelöscht werden, oder sonst gibt es keine Harmonie. Aber womit, womit kannst du sie auslöschen? Ist das überhaupt möglich? Was tut es schließlich, daß sie gerächt werden? Was tue ich mit der Rache, wozu nützen mir die Höllenqualen der Peiniger, was kann die Hölle hierbei wieder gutmachen, wenn das Kind schon zu Tode gequält ist? Und wo bleibt dann die Harmonie, wenn es noch eine Hölle gibt? Ich will verzeihen und umarmen und will nicht, daß noch gelitten wird. Und wenn die Leiden der Kinder zur Ergänzung jener Summe von Leid, die zum Kauf der Wahrheit erforderlich ist, hinzugerechnet werden müssen, so behaupte ich im voraus, daß die Wahrheit diesen Preis nicht wert ist. Ich will nicht, daß die Mutter den Peiniger ihres Sohnes umarmt! Wie darf sie es wagen, ihm zu vergeben? Wenn sie will, kann sie für sich vergeben – mag sie ihm ihr unermeßliches Mutterleid und alle ihre Schmerzen verzeihen: doch die Leiden ihres von Hunden zerrissenen Kindes darf sie nicht verzeihen, dazu hat sie kein Recht, und wenn auch ihr Kind selbst dem Peiniger vergibt! Wenn das aber so ist, wenn man nicht verzeihen darf, wo ist dann die Harmonie? Gibt es in der ganzen Welt ein Wesen, das verzeihen könnte, das das Recht hätte, zu verzeihen? Ich will keine Harmonie, aus Liebe zur Menschheit will ich keine. Lieber bleibe ich bei ungerächten Leiden. Lieber bleibe ich bei meinem ungerächten Leiden und in meinem heiligen unstillbaren Zorn, selbst wenn ich nicht im Recht wäre. Ist doch diese Harmonie gar zu teuer eingeschätzt! Wenigstens erlaubt es mein Beutel nicht, so viel für den – Eintritt zu zahlen. Darum aber beeile ich mich, mein Eintrittsbillett zurückzustellen. Und wenn ich ein Mann von Ehre bin, so ist es meine Pflicht, dies sobald als möglich zu tun. So tue ich es denn auch. Nicht Gott ist es, den ich ablehne, Aljoscha, ich schicke ihm nur die Eintrittskarte ergebenst zurück.“
„Das ist Empörung,“ sagte Aljoscha leise mit gesenktem Blick.
„Empörung? Dieses Wort wünschte ich nicht von dir zu hören,“ sagte Iwan empfindsam mit tiefem Blick auf den Bruder. „Kann man denn in der Empörung leben? Ich aber will leben. Sage mir offen, ich rufe dich an, antworte: Nehmen wir an, du selbst solltest das Gebäude des Menschenschicksals errichten mit dem Ziel, zum Schluß alle Menschen zu beglücken, ihnen endlich Ruhe und Frieden zu geben, doch zu dem Zweck stünde dir unvermeidlich bevor, und wär’s auch nur ein einziges kleines Wesen zu Tode zu quälen, sagen wir, dasselbe kleine Kind, das sich mit der kleinen Faust an die kleine Brust schlug – auf dessen ungerächten Tränen solltest du dieses Gebäude errichten, – würdest du es übernehmen, unter dieser Bedingung der Baumeister des großen Gebäudes zu sein? Sage es mir und lüge nicht!“
„Nein, ich würde es nicht übernehmen,“ sagte Aljoscha leise.
„Und kannst du glauben, daß die Menschen, für die du baust, einwilligen werden, ihr Glück auf Grund des ungerecht vergossenen Blutes jenes zu Tode gehetzten Knaben zu empfangen? und daß sie dann ewig glücklich sein können?“
„Nein, das kann ich nicht glauben... Ach, Iwan,“ sagte Aljoscha plötzlich mit aufleuchtenden Augen, „du fragtest vorhin: Gibt es in der ganzen großen Welt ein Wesen, das verzeihen könnte, das das Recht hätte, zu verzeihen? Aber dieses Wesen gibt es, und es kann alles vergeben, allen und für alles, denn es selbst hat sein unschuldiges Blut für alle und alles hingegeben. Du hast ihn vergessen, auf ihm aber wird sich das Gebäude errichten und ihm wird man zurufen: ‚Gerecht bist du, o Herr, denn deine Wege sind jetzt offenbar.‘“
„Ach, das ist es ja, der ‚Einzige Sündenlose‘ und ‚Sein Blut‘! Nein, ich habe ihn nicht vergessen, im Gegenteil, ich wunderte mich die ganze Zeit, warum du ihn noch nicht vorführtest, denn gewöhnlich ist Er das erste, was deinesgleichen in allen derartigen Diskussionen nennen... Weißt du, Aljoscha, – du brauchst nicht zu lachen, die Sache ist ernst –: Ich habe einmal, so etwa vor einem Jahr, ein Poem verfaßt. Wenn du noch zehn Minuten mit mir verlieren wolltest, so könnte ich es dir vielleicht erzählen.“
„Wie, du hast ein Gedicht geschrieben?“
„O nein, ist mir nicht eingefallen,“ antwortete Iwan lachend. „Ich habe in meinem ganzen Leben bestimmt nicht einmal zwei Verse zusammengebracht. Dieses ‚Poem‘ habe ich mir ganz einfach ausgedacht, und, ohne es niederzuschreiben, behalten. Oh, ich habe es mir mit Begeisterung ausgedacht! Du wirst also mein erster Leser sein oder sagen wir Zuhörer. Nein, wirklich, warum soll sich der Autor einen Zuhörer entgehen lassen, und wenn es nun noch gar der einzige in Frage kommende ist,“ meinte Iwan lächelnd. „Soll ich also erzählen oder nicht?“
„Ich bin sehr gespannt,“ sagte Aljoscha.
„Nun, mein Poem heißt; ‚Der Großinquisitor‘, – ein unsinniges Ding, aber ich will es dir nun einmal erzählen.“
V — „Der Großinquisitor“
„Natürlich geht es auch hier nicht ohne Vorrede ab, ich meine, ohne ein literarisches Vorwort, – hol’s der Kuckuck!“ begann Iwan lachend, „und schließlich, was bin ich denn für ein Dichter!... Also – die Handlung spielt bei mir im sechzehnten Jahrhundert, damals aber – dir muß das übrigens schon aus der Schule bekannt sein –, damals war es allgemein gebräuchlich, die himmlischen Mächte in poetischen Darstellungen auf die Erde zu bringen. Von Dante will ich nicht weiter reden. In Frankreich waren es die Schreiber der Gerichtshöfe, die Passionsbrüderschaften und in den Klöstern die Mönche, die ganze Vorstellungen gaben, in denen auf der Szene die Madonna, Engel, Heilige, Christus und selbst Gott dargestellt wurden. Damals war das alles naiv gemeint. In Victor Hugos Notre Dame de Paris wird unter Ludwig XI., zur Feier der Geburt des Dauphins, in Paris, im Saale des Hotel de Ville, unentgeltlich dem Volke eine erbauliche Vorstellung gegeben, unter dem Titel: ‚Le bon jugement de la très sainte et gracieuse Vierge Marie‘, in der sie persönlich erscheint und ihr bon jugement verkündet. Auch bei uns in Moskau wurden früher, vor Peter, eben solche dramatische Aufführungen veranstaltet, vornehmlich nach Stoffen aus dem Alten Testament. Und so gab es denn auch damals, als diese dramatischen Aufführungen so beliebt waren, überall solche Geschichten, sogenannte ‚Poeme‘ und ‚Gedichte‘, in denen je nach Bedarf Heilige, Engel und womöglich alle himmlischen Mächte mitwirkten. In unseren Klöstern wurden diese Werke vielfach übersetzt und abgeschrieben, oder man verfaßte ganz neue – und weißt du auch, wann bereits? Zur Zeit des Tatarenjochs!17 Es gibt zum Beispiel ein Klosterpoem – natürlich aus dem Griechischen: ‚Der Gang der Mutter Gottes durch die Hölle‘, von einer Kühnheit der Phantasie, die der danteschen wirklich nicht nachsteht. Die Mutter Gottes steigt hinab in die Hölle, und der Erzengel Michael führt sie ‚durch die Qualen‘. Sie sieht jeden Sünder in seiner Pein. Unter anderem gibt es dort auch eine äußerst bemerkenswerte Kategorie von Sündern in einem brennenden See: diejenigen, welche in diesem See bereits so weit versunken sind, daß sie nicht mehr herausschwimmen können, von denen heißt es, daß ‚Gott sie bereits vergäße‘ – es ist ein Ausdruck von ungewöhnlicher Tiefe und Kraft. Und siehe, die erschütterte Mutter Gottes fällt weinend vor dem Throne des Höchsten nieder und bittet ihn um Vergebung für alle, die sie dort in der Hölle gesehen hat, für alle ohne Ausnahme. Ihr Gespräch mit Gott ist ungemein interessant. Sie fleht; sie hört nicht auf zu flehen; und wie Gott auf die durchbohrten Hände und Füße ihres Sohnes weist und sie fragt: ‚Wie soll ich seinen Peinigern vergeben?‘ – da befiehlt sie allen Heiligen, allen Märtyrern, allen Engeln und Erzengeln mit ihr zusammen niederzuknien und um die Begnadigung aller ohne Ausnahme zu flehen. Es endet damit, daß sie von Gott die Einstellung der Qualen in jedem Jahr vom Karfreitag bis zum Pfingstsonntag erbittet, und da ertönt aus der Hölle der Dank und der Lobgesang der Sünder, die laut zu ihm rufen: ‚Gerecht bist du, o Herr, da du also gerichtet hast.‘ Von der Art wäre nun auch mein Poem gewesen, wenn ich es in jener Zeit verfaßt hätte. Bei mir erscheint auf der Szene Er. Allerdings spricht Er kein Wort, Er erscheint nur und geht vorüber. Fünfzehn Jahrhunderte sind seit Seinem ersten Erscheinen vergangen, seit der Zeit, da Er den Menschen versprach, wiederzukommen und sein Reich auf Erden zu errichten, fünfzehn Jahrhunderte seit der Zeit, da Er, wie sein Jünger uns berichtet, zu uns sagte, als Er noch unter ihnen wandelte: ‚Wahrlich, ich komme bald. Von jenem Tage aber und der Stunde weiß nicht einmal der Sohn, nur mein himmlischer Vater weiß es.‘ Doch die Menschheit erwartet Ihn in demselben Glauben und mit derselben Sehnsucht wie früher. Was sage ich! – in noch größerem Glauben erwartet sie Ihn, denn fünfzehn Jahrhunderte sind schon seit der Zeit vergangen, da der Himmel dem Menschen ein Unterpfand gab...
‚Was das Herz dir saget, daran glaube:
Der Himmel gibt kein Unterpfand den Menschen.‘
Es ist wahr, es gab damals viele Wunder. Es gab Heilige, die wunderbare Heilungen vollbrachten, und zu manchen frommen Einsiedlern stieg die Himmelskönigin herab, wie wir aus vielen Lebensgeschichten wissen. Doch auch der Teufel schlief nicht: und siehe, in der Menschheit erhoben sich Zweifel an der Wahrheit dieser Wunder. Und da verbreitete sich im Norden, in Deutschland, eine furchtbare neue Ketzerei. Ein großer Stern, ‚ähnlich einer Leuchte – das heißt also, der Kirche – fiel in die Quellen der Wasser, und siehe, das Wasser ward bitter‘. Die Sekten begannen gotteslästerlich die Wunder zu leugnen. Aber um so glühender glauben die Treugebliebenen. Die Tränen der Menschen steigen nach wie vor zu Ihm empor, man erwartet Ihn, man liebt Ihn, man hofft auf Ihn, wie früher... Und siehe, so viele Jahrhunderte haben die Menschen in feurigem Glauben zu Ihm gebetet und Ihn angerufen: ‚Unser Herr und Gott, erscheine uns!‘ daß Er in Seinem unermeßlichen Mitleid zu den Flehenden herabsteigen will. War Er doch auch schon vordem herabgestiegen und zu gar manchen Gerechten, Märtyrern und heiligen Einsiedlern gegangen, wie wir es aus deren Lebensgeschichte wissen. Tjutscheff hat, vollkommen überzeugt, daß es so war, folgenden Vers geschrieben:
‚Unter der Last des dreiendigen Kreuzes,
Inmitten der beiden verdammten Schächer,
Ging Christ der König, wie ein Verbrecher,
Der die Erde segnete.‘
Was natürlich auch so war, das sage ich dir von mir aus. Und siehe, Er will in seiner Barmherzigkeit wenigstens auf einen Augenblick zum Volke hinabsteigen, zu dem sich quälenden, dem leidenden, schmutzig-sündigen, doch kindlich Ihn liebenden Volke. Die Handlung spielt bei mir in Spanien, in Sevilla, zur Zeit der schrecklichsten Inquisition, als zum Ruhme Gottes täglich Scheiterhaufen auf zum Himmel flammten, und endlos, bei flackerndem Fackelschein,
‚In mächtigen, grausigen Zügen
Die Ketzer zogen zum Autodafé.‘
Er kam natürlich nicht so zu den Menschen, wie Er nach Seiner Verheißung zu Ende der Zeiten in Seiner himmlischen Herrlichkeit erscheinen wird: plötzlich, wie ein Blitz von Morgenrot zu Abendrot. Nein, Er will nur auf einen Augenblick Seine Kinder wiedersehen, und zwar gerade dort, wo die Scheiterhaufen der Ketzer prasseln, wo Flammenzungen Menschenblut lecken. In Seiner unermeßlichen Barmherzigkeit wandelt Er noch einmal in derselben Menschengestalt, in der Er vor fünfzehn Jahrhunderten dreiunddreißig Jahre lang unter den Menschen erschienen war. Er erscheint auf den ‚heißen Plätzen‘ der südlichen Stadt, in der noch am Vorabend in Gegenwart des Königs, des ganzen Hofes, aller Granden, Kardinäle und der schönsten Hofdamen, in Gegenwart der zahlreichen Bevölkerung Sevillas, durch den greisen Kardinal, den Großinquisitor, auf einmal fast ein ganzes Hundert Ketzer ad majorem gloriam Dei verbrannt worden war. Unmerklich ist Er plötzlich erschienen, und siehe, – sonderbar – alle erkennen Ihn. Das könnte eine der besten Stellen des Poems sein, ich meine, warum Ihn alle erkennen. Eine unbezwingbare Macht zieht das Volk zu Ihm hin; es umringt Ihn und wächst mehr und mehr um Ihn an und folgt Ihm, wohin Er geht. Er aber wandelt stumm unter ihnen mit einem stillen Lächeln unermeßlichen Mitleids. Eine Sonne der Liebe brennt in Seinem Herzen. Strahlen der Erleuchtung und der Kraft fließen aus Seinen Augen, und jeden, über den sie sich ergießen, machen sie vor Gegenliebe erbeben. Er streckt ihnen Seine Hände entgegen, Er segnet sie, und von der Berührung Seiner Hände, ja auch nur von der Berührung Seines Gewandes geht heilende Kraft aus. Da ruft aus der Menge ein Greis, der von Geburt an blind ist, Ihn, der vorübergeht, laut an: ‚Herr, heile mich, auf daß auch ich dich schaue.‘ Und siehe, es fällt wie Schuppen von seinen Augen, und der Blinde sieht Ihn. Das Volk weint und küßt die Erde, auf der Er gestanden hat. Kinder streuen vor Ihm Blumen; sie singen und rufen: ‚Hosianna!‘ ‚Das ist Er, Er selbst!‘ raunt sich das Volk immer lauter und lauter zu, ‚das muß Er sein, das kann kein anderer sein als Er!‘ – Da bleibt Er vor dem Portal der Kathedrale von Sevilla stehen. Man trägt gerade unter Weinen und Wehklagen einen weißen offenen Kindersarg in den Dom: in ihm liegt das tote siebenjährige Töchterchen eines vornehmen Bürgers, sein einziges Kind. Es liegt in weißen Blumen gebettet. ‚Er wird dein Kind erwecken‘, ruft man aus der Menge der weinenden Mutter zu. Aus der Kathedrale tritt dem Sarge ein Pater entgegen: er bleibt verwundert stehen und runzelt die Brauen. Da aber wirft sich die Mutter des toten Kindes klagend Ihm zu Füßen und sagt: ‚Bist du es, so erwecke mein Kind!‘ und flehend hebt sie ihre Hände zu Ihm empor. Die Prozession bleibt stehen, der kleine Sarg wird vor dem Portal der Kathedrale Ihm zu Füßen gelegt. Voll Mitleid blickt er auf das tote Kind, und seine Lippen murmeln leise: ‚Talitha kumi‘ – ‚stehe auf, Mädchen‘. Und das Mädchen erhebt sich im Sarge, setzt sich und blickt lächelnd mit weit offenen verwunderten Augen um sich. Ihre Hände pressen die weißen Rosen, mit denen sie im Sarge gelegen hat, an die Brust. Im Volke Bestürzung, Schreien, Schluchzen und – siehe da, da geht... im selben Augenblick geht an der Kathedrale der greise Kardinal, der grausame Großinquisitor vorüber. Es ist ein fast neunzigjähriger Greis, hoch und aufrecht noch schreitet er, sein Gesicht ist vertrocknet und runzlig, die Augen sind eingefallen, sie liegen tief, doch noch glimmt in ihnen ein unheimliches Feuer, das unerwartete Funken sprühen kann. Nicht in seinen prächtigen Kardinalsgewändern geht er vorüber, in den leuchtenden Farben, in denen er gestern vor dem Volke erschienen war, als er die Feinde des römischen Glaubens den Flammen übergab. – Nein, in diesem Augenblick trägt er nur seine alte, grobe Mönchskutte. Ihm folgen in angemessener Entfernung seine dunklen Gehilfen und Sklaven und die ‚heilige‘ Wache. Nun bleibt er stehen vor dem Volk und beobachtet aus der Ferne. Er sieht alles, er sieht, wie der Sarg vor Seine Füße gestellt wird, er sieht, wie das Mädchen aufersteht, und sein Gesicht verfinstert sich. Er runzelt die grauen, buschigen Brauen, und sein Blick erglüht unheilverkündend. Er streckt seine Hand aus und befiehlt den Wachen, Ihn zu ergreifen. Und siehe, so groß ist seine Macht, und dermaßen unterwürfig und zitternd gehorsam ist ihm das Volk, daß es vor den Wachen wortlos zurückweicht und diese, inmitten der Grabesstille, Hand an Ihn legen und Ihn fortführen läßt. Und jäh beugt sich die ganze Menge, wie ein Mann, bis zur Erde vor dem greisen Großinquisitor. Der aber segnet schweigend das kniende Volk und geht stumm vorüber. Die Wache jedoch führt den Gefangenen in ein enges, dunkles, gewölbtes Verlies im alten Palaste des Heiligen Tribunals und schließt ihn dort ein. Der Tag vergeht, es wird Nacht: ‚dunkle, dumpfe, atemanhaltende, lautlose, sevillanische Nacht‘. Die Luft ist schwül von Lorbeer-und Orangenduft. Und da, inmitten der tiefen, lautlosen Nacht öffnet sich die eiserne Tür des Verlieses, und er, der Greis, der Großinquisitor tritt langsam mit der Leuchte in der Hand über die Schwelle. Er ist allein, hinter ihm schließt sich die Tür. Er steht und blickt lange schweigend in Sein Gesicht. Endlich tritt er unhörbar näher, stellt die Leuchte auf den Tisch und fragt Ihn:
„‚Bist Du es? Du?‘ Und da er keine Antwort erhält, fügte er schnell hinzu: ‚Antworte nicht, schweige. Was könntest du auch sagen? Ich weiß nur zu gut, was Du sagen würdest. Aber Du hast nicht einmal das Recht, zu dem noch etwas hinzuzufügen, was von Dir schon früher gesagt worden ist. Warum also bist Du gekommen, uns zu stören? Denn du bist gekommen, uns zu stören! Das weißt Du selbst. Aber weißt Du auch, was morgen sein wird? Ich weiß nicht, wer Du bist und will es auch nicht wissen: Bist Du Er, oder bist Du nur Sein Ebenbild? Doch morgen noch werde ich Dich richten und Dich als den ärgsten aller Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrennen, und dasselbe Volk, das heute noch Deine Füße geküßt hat, wird morgen auf einen einzigen Wink meiner Hand zu Deinem Scheiterhaufen hinstürzen, um gierig die glühenden Kohlen zu schüren, – weißt Du das? Ja, vielleicht weißt Du es,‘ fügt er in Nachdenken versunken hinzu, ohne aber auch nur auf eine Sekunde den durchdringenden Blick von seinem Gefangenen abzuwenden.“
„Ich verstehe nicht ganz, Iwan, – was soll das?“ fragte lächelnd Aljoscha, der die ganze Zeit schweigend zugehört hatte. „Ist das einfach uferlose Phantasie, oder ist es irgendein Irrtum des Alten, ein unmögliches qui pro quo?“
„Nimm meinetwegen das letztere an,“ sagte Iwan lachend, „wenn dich unser zeitgenössischer Realismus bereits dermaßen verwöhnt hat, daß du nichts Phantastisches mehr ertragen kannst. Wenn du willst, also qui pro quo, mag es meinetwegen so sein. Es ist ja wahr,“ sagte er, sichtlich erheitert, „der Alte ist doch ein neunzigjähriger Greis und hat vielleicht schon längst über seinen Ideen den Verstand verloren. Der Gefangene aber hat ihn wohl durch sein Aussehen betroffen gemacht, wie? Oder schließlich konnte es ja auch einfach Fieberwahn sein, die Halluzination eines neunzigjährigen Greises kurz vor dem Tode – oder auch nur eine Nachwirkung der Erregung vom vergangenen Tage. Aber kann es denn uns beiden nicht ganz gleich sein, ob es qui pro quo oder uferlose Phantasie ist? Hier handelt es sich doch nur darum, daß der Alte sich endlich aussprechen muß! Er muß doch wenigstens einmal das laut aussprechen, worüber er runde neunzig Jahre geschwiegen hat.“
„Und der Gefangene schweigt gleichfalls? Sieht ihn an und sagt kein Wort?“
„Kein einziges Wort, und so muß es sogar unbedingt sein,“ sagte Iwan wieder lachend. „Der Alte sagt Ihm doch selbst, daß er nicht einmal das Recht habe, etwas zu dem hinzuzufügen, was er schon früher gesagt hat. Wenn du willst, so liegt gerade darin der Grundzug des römischen Katholizismus. Wenigstens fasse ich ihn so auf. Mit anderen Worten: ‚Du hast alles dem Papst übergeben, und folglich liegt jetzt alles beim Papst, Du aber komme überhaupt nicht wieder, störe uns wenigstens nicht mehr!‘ In diesem Sinne reden sie ja nicht nur, sondern schreiben sie sogar, wenigstens die Jesuiten. Ich habe es selbst in den Schriften ihres Gottesgelahrten gelesen. ‚Hast Du das Recht, uns auch nur eines der Geheimnisse jener Welt, aus der Du gekommen bist, aufzudecken?‘ fragt Ihn mein Greis, und er gibt Ihm statt Seiner die Antwort auf die eigene Frage: ‚Nein, dieses Recht hast Du nicht, denn das hieße Neues zu dem, was Du schon früher gesagt hast, hinzufügen, und den Menschen die Freiheit nehmen, für die Du so eingestanden bist, als Du noch auf Erden warst. Alles, was Du Neues verkünden könntest, würde ein Eingriff in die Glaubensfreiheit der Menschen sein, denn es würde als Wunder erscheinen, und die Freiheit ihres Glaubens war Dir damals vor anderthalb Jahrtausenden das Teuerste. Warst Du es nicht, der damals so oft sagte: „Ich will euch frei machen“? Jetzt hast Du sie gesehen, diese freien Menschen!‘ fügt der Greis plötzlich mit nachdenklichem, spöttischem Lächeln hinzu... ‚Ja, dies zu erreichen, war schwer, es hat uns viel gekostet,‘ fährt er dann fort, ohne seinen strengen Blick von Ihm abzuwenden, ‚doch wir haben es schließlich vollendet, in Deinem Namen. Anderthalb Jahrtausende haben wir uns mit dieser Freiheit gequält, doch jetzt ist das überwunden und gut überwunden. Du glaubst nicht, daß es gut überwunden ist? Du blickst mich milde und sanftmütig an und würdigst mich nicht einmal Deines Unwillens? So höre denn, daß gerade jetzt diese Menschen mehr denn je überzeugt sind, vollkommen frei zu sein. Sie haben uns eigenhändig ihre Freiheit gebracht und sie gehorsam und unterwürfig uns zu Füßen gelegt. Doch das ist unser Werk. Oder war es das, was auch Du wolltest, war es diese Freiheit?...‘“
„Ich verstehe wieder nicht,“ unterbrach ihn Aljoscha, „ist das von ihm ironisch gesagt, will er sich über Ihn lustig machen?“
„Fällt ihm nicht ein. Er rechnet es sich und den Seinen vollkommen im Ernst zum Verdienst an, daß sie – endlich einmal! – die Freiheit besiegt haben, und daß sie dies nur zu dem einen Zweck getan hatten, um die Menschen glücklich zu machen. ‚Denn erst jetzt‘ – er meint natürlich die Inquisition – ‚ist es zum erstenmal möglich, auch an das Glück der Menschen zu denken. Der Mensch war als Empörer geschaffen; können aber Empörer glücklich sein? Du wurdest gewarnt,‘ sagt der Greis zu Ihm, ‚Du littest nicht Mangel an Warnungen und Fingerzeigen, doch Du achtetest der Warnungen nicht, und Du verschmähtest den einzigen Weg, auf dem man die Menschen hätte glücklich machen können, Du verwarfst ihn. Doch zum Glück gingst Du fort und übergabst die Arbeit uns. Du verhießest, Du bestätigtest es durch Dein Wort, Du gabst uns das Recht, zu binden und zu lösen, und kannst es Dir selbstverständlich nicht einfallen lassen, dieses Recht uns jetzt wieder abzunehmen. Warum also bist Du gekommen, uns zu stören?‘“
„Was bedeutet das: ‚Du littest nicht Mangel an Warnungen und Fingerzeigen‘?“ fragte Aljoscha.
„Dieser Punkt ist der wichtigste, über den mußt Du den Alten sich aussprechen lassen,“ sagte Iwan. „Und der Alte fuhr fort zu Ihm:
„‚Der furchtbare und kluge Geist, der Geist der Selbstvernichtung und des Nichtseins, der große Geist sprach zu Dir in der Wüste. Und wie die Schriften uns überliefern, hat er Dich versucht. War das so? Und wäre es möglich, etwas Wahreres zu sagen als das, was er Dir in seinen drei Fragen vorlegte, und was Du verwarfst, und was in den Schriften „Versuchungen“ genannt wird? Doch ich sage Dir, wenn jemals auf Erden ein wirkliches, ein nie wieder dagewesenes, wahrlich gewittermäßiges Wunder sich begeben hat, so war es dasjenige an jenem Tage, am Tage dieser drei Versuchungen! Gerade in der Erscheinung dieser drei Fragen bestand das Wunder. Wenn es möglich wäre, sich vorzustellen, nur zur Probe und zum Beispiel, daß diese drei Fragen des furchtbaren Geistes aus den Büchern spurlos verschwänden, und daß man sie also von neuem erdenken und formen müßte, um sie wieder in die Schriften einzutragen, und zu dem Zweck alle Weisen der Erde, Herrscher, Priester, Gelehrte, Philosophen, Dichter versammelte und zu ihnen sagte: Löst die Aufgabe, erdenkt und formt drei Fragen, doch solche, die nicht nur der Größe dieses Ereignisses gleichkommen, sondern die noch außerdem in drei Worten, nur in drei menschlichen Sätzen die ganze zukünftige Geschichte der Welt und der Menschheit ausdrücken – was meinst Du wohl, könnte die ganze Weisheit der Erde zusammengenommen und vereint etwas ersinnen, das an Kraft, Macht und Tiefe jenen drei Fragen, die Dir der mächtige und kluge Geist in der Wüste tatsächlich vorgelegt hat, auch nur annähernd ähnlich wäre? Schon allein an diesen Fragen, an dem Wunder ihrer sichtbaren Gestaltung, begreift der Mensch, daß er es nicht mit einem menschlichen fließenden Verstande zu tun hat, sondern mit einem ewigen und absoluten Geist. Denn wahrlich, in diesen drei Fragen ist die ganze weitere Menschengeschichte gleichsam in ein einziges Ganzes zusammengefaßt und vorhergesagt, und sind kundgetan drei Dinge, in denen alle unlösbaren historischen Widersprüche der menschlichen Natur zusammentreffen. Damals konnte man das noch nicht wissen, denn das Zukünftige war unbekannt. Jetzt aber, da anderthalb Jahrtausende vergangen sind, sehen wir, daß in diesen drei Fragen alles dermaßen richtig erraten und vorausgesagt ist, daß sich nichts weder zu ihnen hinzufügen noch von ihnen abstreichen läßt.‘
„‚Entscheide selbst, wer damals recht hatte: Du oder jener, der Dich damals befragte? Erinnere Dich der ersten Frage. Ihr Sinn, wenn auch nicht ihr Wortlaut war folgender: „Du willst in die Welt gehen und gehst mit leeren Händen, mit irgendeiner Freiheitsverheißung, die sie in ihrer Einfalt und angeborenen Stumpfheit nicht einmal begreifen können, vor der sie sich fürchten, und die sie schreckt, – denn für den Menschen und die menschliche Gemeinschaft hat es niemals und nirgends etwas Unerträglicheres gegeben als die Freiheit! Siehst Du dort jene Steine in dieser nackten, verdorrten Wüste? Verwandle sie in Brote, und die Menschheit wird Dir wie eine Herde nachlaufen, wie eine edelmütige und gehorsame Herde, wenn sie auch ewig zittern wird vor Furcht, Du könntest Deine Hand zurückziehen, und Deine Brote hätten dann ein Ende.“ Du aber wolltest den Menschen nicht der Freiheit berauben, und Du verschmähtest den Vorschlag, denn was ist das für eine Freiheit, dachtest Du, wenn der Gehorsam mit Broten erkauft wird? Und Deine Antwort war: „Der Mensch lebt nicht von Brot allein...“ Aber weißt Du auch, daß im Namen dieses Erdenbrotes der Erdgeist sich gegen Dich erheben, mit Dir kämpfen und Dich besiegen wird, und alle ihm folgen und ausrufen werden: „Wer gleicht ihm wohl? er gab uns das Feuer vom Himmel!“ Weißt Du auch, daß, wenn Jahre, Jahrhunderte vergangen sind, die Menschheit durch den Mund ihrer Weisheit und Wissenschaft verkünden wird, daß es Verbrechen überhaupt nicht gibt, und folglich auch keine Sünde, dafür aber Hungrige. „Sättige sie zuerst, dann kannst Du von ihnen Tugenden verlangen!“ werden sie auf ihre Fahne schreiben, die sie gegen Dich erheben, und durch die Dein Tempel stürzen wird. An der Stelle Deines Tempels wird sich ein neues Gebäude erheben, wird der furchtbare babylonische Turm gebaut werden, und obgleich auch der, ganz wie der frühere, nicht vollendet werden wird, so hättest Du doch diesen neuen Turm vermeiden und die Leiden der Menschen um tausend Jahre abkürzen können, – denn zu wem sonst, wenn nicht zu uns, sollen sie kommen, nachdem sie sich tausend Jahre lang mit ihrem Turme abgequält haben! Sie werden uns dann wieder unter der Erde hervorsuchen, uns, die in den Katakomben sich Verbergenden – denn man wird uns wieder verfolgen und martern –, sie werden uns finden und uns anflehen: „Sättigt uns, denn die, so uns das Feuer des Himmels versprachen, haben es uns nicht gegeben.“ Und dann werden wir ihren Turm auch vollenden, denn vollenden wird derjenige, der den Hunger stillt, den Hunger aber stillen werden nur wir, in Deinem Namen, und wir werden lügen, daß es in Deinem Namen geschehe. Oh, niemals, niemals werden sie aus eigener Kraft ihren Hunger stillen können! Keine Wissenschaft wird ihnen Brot geben, solange sie frei bleiben, und so wird es denn damit enden, daß sie ihre Freiheit uns zu Füßen legen und sagen werden; „Knechtet uns, aber macht uns satt.“ Sie werden schließlich begreifen, daß Freiheit zusammen mit genügend Brot nicht für jeden erreichbar ist, denn niemals, niemals werden sie verstehen, untereinander zu teilen! Desgleichen werden sie sich überzeugen, daß sie auch niemals werden frei sein können, denn sie sind kraftlos, lasterhaft, niedrig, und sind Empörer! Du versprachst ihnen himmlisches Brot, ich aber frage Dich nochmals: Kann sich dieses Brot in den Augen des schwachen, ewig verderbten und ewig undankbaren Menschengeschlechts mit irdischem Brote messen? Und wenn Dir um des himmlischen Brotes willen Tausende und Zehntausende nachfolgen, was soll dann mit den Millionen und Milliarden von Wesen geschehen, die nicht die Kraft haben, das Erdenbrot um des Himmelsbrotes willen zu verachten? Oder sind dir nur die Zehntausende der Großen und Starken teuer, die übrigen Millionen aber, die unzählig sind wie der Sand am Meer, die Schwachen, doch Dich Liebenden, sollen die dann nur zum Material für die Großen und Starken dienen? Nein, uns sind auch die Schwachen teuer. Sie sind lasterhaft und sind Empörer, aber zum Schluß werden sie gehorsam werden. Sie werden sich über uns wundern und uns für Götter halten, weil wir, die wir uns an ihre Spitze stellen, eingewilligt haben, die Freiheit zu ertragen, diese Freiheit, die ihnen solche Furcht einflößt, und weil wir einwilligen, über sie zu herrschen, – ja so furchtbar wird es ihnen zum Schluß werden, frei zu sein! Wir aber werden sagen, wir gehorchten Dir und herrschten nur in Deinem Namen. Wir werden sie wieder betrügen, denn Dich werden wir nicht mehr zu uns einlassen. Und in diesem Betruge wird unser Leiden bestehen, denn wir werden lügen müssen. Das war es, was diese erste Frage der Wüste bedeutete, und was Du im Namen der Freiheit, die Du über alles stelltest, verschmähtest. Währenddessen aber lag in der Frage das große Geheimnis dieser Welt. Hättest Du die „Brote“ angenommen, so hättest Du die Menschen von ihrer ewigen Seelenangst erlöst, denn du hättest diese eine Frage, die wichtigste jedes einzelnen Menschen wie der ganzen Menschheit, die so sehnsüchtig nach Antwort verlangt, beantwortet, – die Frage: „was sollen wir anbeten?“ Es gibt keine unaufhörlichere und quälendere Sorge für den Menschen, als, wenn er frei bleibt, etwas zu finden, vor dem er sich beugen kann. Doch sucht der Mensch sich nur vor so etwas zu beugen, das bereits keinem Zweifel an seine Anbetungswürdigkeit unterworfen ist, auf daß alle Menschen sofort gleichfalls bereit seien, dasselbe gemeinsam anzubeten. Denn die Sorge dieser kläglichen Geschöpfe besteht nicht nur darin, etwas zu finden, was dieser oder jener anbeten kann, sondern unbedingt so etwas, das alle sofort gleichfalls anbeten wollen, unbedingt alle zusammen! Gerade dieses Bedürfnis der gemeinsamen Anbetung ist seit Anfang der Zeiten die größte Qual des Menschen gewesen, ob wir ihn als einzelnes Wesen oder als ganze Rasse nehmen. Um der gemeinsamen Anbetung willen haben sich die Menschen gegenseitig in grausamen Kämpfen zerfleischt. Sie schufen Götter und riefen einander zu: „Verlaßt eure Götter und kommt, um die unsrigen anzubeten, oder Tod und Verderben euch und euren Göttern!“ Und also wird es sein bis zum Ende der Welt, selbst dann, wenn aus der Welt die Götter verschwinden: gleichviel, dann wird man sich vor Götzen niederwerfen. Du kanntest dieses Geheimnis der menschlichen Natur, Du konntest es unmöglich nicht kennen, doch Du verschmähtest das einzige Positive, das Dir vorgeschlagen wurde, um alle zu zwingen, sich widerspruchslos vor Dir zu beugen: das irdische Brot, und Du verschmähtest es um der Freiheit und des himmlischen Brotes willen. So siehe doch, was Du weiter getan hast. Und wieder alles im Namen der Freiheit! Ich sage Dir, der Mensch kennt keine quälendere Sorge als die, einen zu finden, dem er möglichst schnell jenes Geschenk der Freiheit, mit dem er als unglückliches Geschöpf geboren wird, übergeben kann. Doch die Freiheit der Menschen erobert nur der, der ihr Gewissen beruhigt. Mit dem Brote wurde Dir eine unbestreitbare Macht angeboten: gibst Du Brot, so wird sich der Mensch vor Dir beugen, denn es gibt nichts Positiveres als Brot; wenn aber zu gleicher Zeit irgendein anderer hinter Deinem Rücken sein Gewissen erobert – oh, dann wird er selbst Dein Brot verlassen und jenem folgen, der sein Gewissen umstrickt. Darin hattest Du recht. Denn das Geheimnis des menschlichen Seins liegt nicht in dem bloßen Leben, sondern im Zweck des Lebens. Ohne eine feste Vorstellung zu haben, wozu er leben soll, wird der Mensch nie einwilligen, zu leben, und er wird sich eher vernichten, als daß er auf Erden leben bliebe – selbst dann, wenn auch um ihn herum Brote in Fülle wären. Das ist nun einmal so. Aber was ergab sich aus Deiner Weigerung? Anstatt die Freiheit der Menschen unter Deine Herrschaft zu beugen, hast Du sie ihnen noch vergrößert! Oder hattest Du vergessen, daß Ruhe und selbst der Tod dem Menschen lieber sind als freie Wahl in der Erkenntnis von Gut und Böse? Es gibt nichts Verführerisches für den Menschen als die Freiheit seines Gewissens, doch gibt es auch nichts Quälenderes für ihn. Und siehe, anstatt fester Grundlagen zur Beruhigung des menschlichen Gewissens, ein für allemal – wähltest Du alles, was es Ungewöhnliches, Rätselhaftes und Unbestimmtes gibt, nahmst Du alles, was über die Kräfte der Menschen ging und handeltest daher, als ob Du sie überhaupt nicht geliebt hättest. Wer aber war es, der das tat? Der, der gekommen war, Sein Leben für sie hinzugeben! Anstatt Dir die menschliche Freiheit zu unterwerfen, hast Du sie noch vergrößert, hast Du sie vervielfacht und hast mit ihren Qualen das Seelenreich des Menschen auf ewig belastet. Dich gelüstete nach freier Liebe des Menschen, auf daß er Dir frei folge, bezaubert und gebannt durch Dich. Statt nach dem festen alten Gesetz, sollte der Mensch hinfort mit freiem Herzen selbst entscheiden, was Gut und was Böse ist, wobei er nur Dein Vorbild als einzige Richtschnur vor sich hatte. Aber hast Du wirklich nicht daran gedacht, daß er schließlich doch auch Dein Vorbild und Deine Wahrheit verwerfen und sie bestreiten wird, wenn man ihn mit einer so furchtbaren Last, wie der Freiheit der Wahl, bedrückt? Die Menschen werden ausrufen, daß die Wahrheit nicht in Dir sei, denn es war unmöglich, sie in größerer Verwirrung und Qual zurückzulassen, als Du es getan hast, da Du ihnen soviel Sorgen und unlösbare Aufgaben hinterließest. Auf diese Weise hast Du selbst den Grund zum Sturze Deiner Herrschaft gelegt, und so beschuldige denn auch niemanden außer Dir. Was aber wurde Dir angeboten? Es gibt drei Mächte, es sind die einzigen drei Mächte auf Erden, die das Gewissen dieser kraftlosen Empörer zu ihrem Glück auf ewig besiegen und bannen können, – das sind: das Wunder, das Geheimnis und die Autorität. Du verwarfst das eine, wie das andere und auch das dritte, und zeigtest dies deutlich im Beispiel. Als der furchtbare und wissende Geist Dich auf die Zinne des Tempels führte und zu Dir sprach: „Wenn Du wissen willst, ob Du Gottes Sohn bist, so stürze Dich hinab, denn es ist gesagt von Ihm, daß Engel Ihn auffangen und tragen würden, damit Er seinen Fuß an keinen Stein stoße: Du wirst dann erfahren, ob Du Gottes Sohn bist, und wirst dann beweisen, wie groß Dein Glaube an Deinen Vater ist“. Du aber wiesest die Versuchung von Dir, Du unterlagst ihr nicht und stürztest Dich nicht hinab. Oh, natürlich, Du handeltest stolz und mächtig wie ein Gott, aber sind denn die Menschen, sind denn diese schwachen Geschöpfe mit den Empörerinstinkten, – sind denn das Götter? Oh, Du wußtest gar wohl, daß Du, wenn Du nur einen Schritt getan hättest, nur eine Bewegung, um Dich hinabzustürzen, Du sofort Gott versucht und Deinen ganzen Glauben an ihn verloren hättest und an der Erde zerschellt wärest, an derselben Erde, die zu retten Du gekommen warst, und der kluge Geist, der Dich versuchte, hätte seine Freude daran gehabt. Ich aber frage Dich nochmals: Gibt es denn viele solcher wie Du? Und hast Du wirklich nur einen Augenblick glauben können, daß auch die Menschen einer ähnlichen Versuchung widerstehen würden? Ist denn die Natur des Menschen so geschaffen, daß er das Wunder zurückweisen und selbst in so furchtbaren Lebensaugenblicken, in den Augenblicken seiner fundamentalen, schrecklichsten und quälendsten Seelenfragen, mit der freien Entscheidung seines Herzens auskommen könnte? Oh, Du wußtest, daß Deine Tat in den Schriften aufbewahrt werden würde, und daß sie die letzte Tiefe der Zeiten und die letzten Grenzen der Erde erreichen wird, und Du hofftest, daß der Mensch, wenn er Dir folgt, mit Gott bleiben und des Wunders nicht bedürfen werde. Doch Du wußtest nicht, daß der Mensch, sobald er das Wunder verwirft, sofort auch Gott verwirft, denn der Mensch sucht nicht so sehr Gott, als er Wunder sucht. Und da der Mensch nicht die Kraft hat, ohne Wunder auszukommen, so wird er sich neue Wunder schaffen, bereits selbst ausgedachte Wunder, und wird das Wunder der Zauberer, die Hexerei alter Weiber anbeten, wenn er auch hundertmal Empörer, Ketzer und ein Gottloser ist. Du stiegst nicht herab vom Kreuze, als man Dir mit Spott und Hohn zurief: „Steige herab vom Kreuze, und wir werden glauben, daß Du Gottes Sohn bist“. Du aber stiegst nicht herab, weil Du wiederum den Menschen nicht durch ein Wunder zum Sklaven machen wolltest, weil Dich nach freier und nicht nach durch Wunder erzwungener Liebe verlangte. Dich dürstete nach freier Liebe, nicht nach knechtischem Entzücken vor der Macht, die ihm ein für allemal Furcht eingeflößt hat. Aber auch hierin hast Du die Menschen gar zu hoch eingeschätzt, denn Sklaven sind sie, das sage ich Dir, wenn sie auch als Empörer geschaffen sind. Blicke um Dich und urteile selbst: Da sind nun anderthalb Jahrtausende vergangen, gehe hin und sieh sie Dir an: Wen hast Du bis zu Dir emporgehoben? Ich schwöre Dir, der Mensch ist schwächer und niedriger geschaffen, als Du von ihm geglaubt hast. Wie soll er denn dasselbe erfüllen, was Du erfüllt hast? kann er das überhaupt? Da Du ihn so hoch einschätztest, handeltest Du, als ob Du kein Mitleid mehr mit ihm gehabt hättest, denn Du verlangtest gar zu viel von ihm, – und wer war es, der das tat? Derselbe, der ihn mehr als sich selbst liebte! Hättest Du ihn weniger geachtet, so hättest Du auch weniger von ihm verlangt, das aber wäre der Liebe näher gekommen, denn seine Bürde wäre leichter gewesen. Er ist schwach und gemein. Was will es besagen, daß er sich jetzt allerorten gegen unsere Macht empört und auf seine Empörung stolz ist? Das ist der Stolz eines Kindes, eines unreifen Schulknaben. Das sind kleine Kinder, die sich in der Klasse empört und den Lehrer hinausgejagt haben. Aber auch der Triumph der Schulkinder wird ein Ende haben, und er wird ihnen teuer zu stehen kommen. Sie werden die Tempel einäschern und die Erde mit Blut überschwemmen. Und die dummen Kinder werden schließlich ahnen, daß sie doch nur kraftlose Empörer sind, die ihre eigene Empörung nicht ertragen können. Sie werden sich unter dummen Tränen gestehen, daß derjenige, welcher sie als Empörer geschaffen hat, zweifellos sich über sie hat lustig machen wollen. Sie werden sich das in Verzweiflung sagen, und ihre Worte werden eine Gotteslästerung sein, die sie noch unglücklicher machen wird, denn die menschliche Natur erträgt keine Gotteslästerung, und zu guter Letzt straft sie sich selbst dafür. Also ist nichts als Unruhe, Verwirrung und Unglück den Menschen zuteil geworden, nachdem Du soviel für ihre Freiheit gelitten hast! Dein großer Prophet sagt in der Allegorie seiner Vision, er hätte alle gesehen, die in der ersten Auferstehung auferstehen würden, und es seien je zwölftausend aus jedem Stamm gewesen. Doch wenn es ihrer nur so wenige waren, so waren auch sie gewissermaßen nicht Menschen, sondern Heilige, sondern Götter. Sie haben Dein Kreuz erduldet, sie haben jahrzehntelang hungrige, nackte Wüste ertragen, sich nur von Heuschrecken und Wurzeln genährt, – und, versteht sich, Du kannst nun stolz auf diese Kinder der Freiheit, der Freiheit in der Liebe und der Freiheit im großen Opfer um Deines Namens willen, hinweisen. Vergiß aber nicht, daß ihrer im ganzen nur wenige Tausende waren, und noch dazu – Götter! Wo aber sind die übrigen? Worin besteht die Schuld der übrigen schwachen Menschen, daß sie nicht dasselbe haben ertragen können, was die Starken ertragen haben? Worin liegt die Schuld der schwachen Seele, daß es über ihre Kräfte geht, so furchtbare Geschenke anzunehmen? Kamst Du denn wirklich nur zu den Auserwählten und für die Auserwählten? Wenn das wahr ist, so ist es ein Geheimnis, das nicht wir durchschauen können. Wenn es aber ein Geheimnis ist, so waren auch wir im Recht, das Geheimnis zu verkünden und sie zu lehren, daß nicht die freie Entscheidung ihrer Herzen und nicht die Liebe wichtig ist, sondern eben das Geheimnis, dem sie blind gehorchen müssen, und sei es auch gegen ihr Gewissen. Und so haben wir getan. Wir haben Deine Tat verbessert und sie auf dem Wunder, dem Geheimnis und der Autorität aufgebaut. Und die Menschen freuten sich, daß sie wieder wie eine Herde geführt wurden, und daß von ihren Herzen endlich das ihnen so furchtbare Geschenk, das ihnen soviel Qual gebracht hatte, genommen wurde. Waren wir im Recht, als wir so lehrten und handelten? Sprich! Haben wir denn nicht die Menschheit geliebt, da wir so bescheiden ihre Kraftlosigkeit erkannten, liebevoll die Bürde des Menschen erleichterten und seiner schwachen Natur sogar die Sünden erließen? Warum nun bist Du gekommen, uns zu stören? Und warum blickst Du mich so stumm und tief mit Deinen stillen Augen an? Sei zornig. Ich will Deine Liebe nicht, denn ich selbst liebe Dich nicht. Und was sollte ich wohl vor Dir verbergen? Oder weiß ich nicht, mit wem ich rede? Was ich Dir zu sagen habe, ist Dir schon bekannt, das lese ich in Deinen Augen. Und sollte ich etwa unser Geheimnis vor Dir verbergen? Vielleicht willst Du es gerade von meinen Lippen vernehmen? So höre denn: Wir sind nicht mit Dir, sondern mit ihm, das ist unser Geheimnis! Schon lange sind wir nicht mit Dir, sondern mit ihm, schon seit acht Jahrhunderten. Es sind nun acht Jahrhunderte her, da wir von ihm das nahmen, was Du unwillig von Dir wiesest, jene letzte Gabe, die er Dir anbot, als er Dir alle Erdenreiche zeigte: Wir nahmen von ihm Rom und das Schwert der Cäsaren, und wir erklärten, daß nur wir allein die Herren dieser Welt seien, die einzigen Herrscher der Erde, wenn wir auch unser Werk bis jetzt noch nicht vollendet haben. Doch wessen Schuld ist das? Oh, unser Werk ist bis jetzt nur im Anfangsstadium, immerhin ist es schon begonnen worden. Lange noch wird man auf die Vollendung des Werkes warten müssen, und viel wird die Erde inzwischen leiden, doch wir werden unser Ziel erreichen und werden Cäsaren sein, und dann werden wir an das universale Glück der Menschen denken. Und doch hättest Du auch damals schon das Schwert der Cäsaren nehmen können. Warum verwarfst Du diese letzte Gabe? Hättest Du diesen dritten Ratschlag des mächtigen Geistes angenommen, so hättest Du alles geschaffen, was der Mensch auf Erden sucht: hättest ihm gegeben, vor wem er sich beugen, wem er sein Gewissen einhändigen kann, und auf welche Weise sich endlich alle Menschen zu einem einzigen, einstimmigen Ameisenhaufen vereinigen könnten. Denn das Bedürfnis nach der universalen Vereinigung ist die dritte und letzte Qual der Menschen. In der Gesamtheit hat die Menschheit immer danach gestrebt, sich unbedingt welteinheitlich einzurichten. Viel große Völker mit großer Geschichte hat es gegeben, doch je höher diese Völker standen, um so unglücklicher waren sie, denn um so stärker erkannten oder empfanden sie die Notwendigkeit der allweltlichen Vereinigung der Menschen. Große Eroberer, die Timur und die Dschingis-Chan, zogen wie Wetterwolken mit Wirbelsturm über die Erde, in dem Bestreben, die Welt zu erobern, und auch sie drückten, wenn auch unbewußt, dasselbe mächtige Bedürfnis der Menschheit nach der allgemeinen und weltumfassenden Vereinigung aus. Hättest Du das Schwert und den Purpur des Herrschers genommen, so hättest Du die Weltherrschaft begründet und der Welt den Frieden gegeben. Denn wahrlich, wer sollte wohl sonst über die Menschen herrschen, wenn nicht diejenigen, in deren Händen ihr Gewissen und ihre Brote sind? Und so nahmen wir das Schwert der Cäsaren, da wir es aber nahmen, verwarfen wir natürlich Dich und folgten ihm. Oh, es werden noch Jahrhunderte des Unfugs ihres freien Verstandes, ihrer Wissenschaft und der Menschenfresserei vergehen – denn wenn sie ihren babylonischen Turm ohne uns beginnen, werden sie mit der Menschenfresserei enden. Dann aber wird das Tier zu uns herankriechen, und es wird uns die Füße lecken, und sie mit den blutigen Tränen seiner Augen netzen. Und wir werden uns auf das Tier setzen und den Kelch erheben, und auf ihm wird geschrieben stehen: „Geheimnis!“ Doch dann erst, dann erst wird für die Menschen die Herrschaft der Ruhe und des Glücks beginnen. Du bist stolz auf Deine Auserwählten, doch Du hast eben nur Auserwählte, wir aber werden Allen Ruhe geben. Und das ist noch nicht alles, o nein: wie viele von diesen Auserwählten, von den Starken, die Auserwählte hätten werden können, ermüdeten schließlich in der Erwartung Deiner, und brachten und bringen die Kraft ihres Geistes und die Glut ihres Herzens auf ein anderes Ackerfeld und endigen damit, daß sie gegen Dich, gerade gegen Dich ihre freie Fahne erheben. Doch Du selbst hast diese Fahne erhoben. Bei uns jedoch werden Alle glücklich sein, und sie werden sich weder empören noch sich gegenseitig vernichten, wie sie es in Deiner Freiheit allerorten tun. Oh, wir werden sie überzeugen, daß sie bloß dann frei sein werden, wenn sie sich von ihrer Freiheit zu unseren Gunsten lossagen und sich uns unterwerfen. Nun sage: Werden wir recht haben, oder wird das gelogen sein? Nein, sie werden sich selbst überzeugen, daß wir recht haben, denn sie werden sich erinnern, bis zu welchem Entsetzen in Sklaverei und Verwirrung sie Deine Freiheit gebracht hat. Die Freiheit, der freie Geist und die Wissenschaft werden sie in so dunkle Klüfte und Abgründe führen und vor solche Wunder und undurchdringliche Geheimnisse stellen, daß die einen von ihnen, die Ununterwürfigen doch Wilden, sich selbst vernichten werden, die Ununterwürfigen doch Schwachen dagegen sich gegenseitig vernichten, und die übrigen, die Dritten, die Kraftlosen und Unglücklichen zu uns herankriechen und zu unseren Füßen aufstöhnen werden: „Ja, ihr hattet recht, ihr allein besaßt Sein Geheimnis, und wir kehren zu euch zurück... rettet uns vor uns selbst“. Wenn sie von uns Brote erhalten, werden sie natürlich erkennen, daß wir nur ihre Brote, die von ihren eigenen Händen geschaffenen Brote von ihnen nehmen, um sie wiederum unter ihnen zu verteilen, also ihnen ohne jedes Wunder Brot geben. Sie werden sehen, daß wir nicht Steine zu Broten machen – doch wahrlich, mehr noch als über das Brot werden sie sich darüber freuen, daß sie es aus unseren Händen erhalten! Denn nur zu gut werden sie sich erinnern, daß früher, ohne uns, sich selbst die Brote, die sie schufen, in ihren Händen bloß in Steine verwandelten, daß aber, als sie zu uns zurückkehrten, selbst die Steine in ihren Händen zu Broten wurden. Nur zu gut, nur zu gut werden sie zu schätzen wissen, was es heißt, sich ein für allemal zu unterwerfen! Solange die Menschen das nicht begreifen, werden sie unglücklich sein. Wer hat am meisten zu diesem Unverständnis beigetragen? Sprich! Wer hat die Herde zerstückt und sie auf unbekannten Wegen versprengt? Doch die Herde wird sich wieder zusammenfinden und sich von neuem unterwerfen, und dann für immer, für immer. Dann werden wir ihnen ein stilles, bescheidenes Glück geben, das Glück kraftarmer Kreaturen, als die sie geschaffen sind. Oh, wir werden sie schließlich überzeugen, daß sie gar kein Recht haben, stolz zu sein. Du hast sie emporgehoben und damit gelehrt, stolz zu sein. Wir aber werden ihnen beweisen, daß sie kraftarm, daß sie nur armselige Kinder sind, doch daß das Kinderglück süßer als jedes andere ist. Sie werden schüchtern werden und werden zu uns aufblicken und sich in Angst an uns schmiegen wie die Küken an die Bruthenne. Sie werden uns entsetzt anstaunen und werden stolz darauf sein, daß wir so mächtig und so klug sind, und daß wir eine so wilde, tausendmillionenköpfige Herde beruhigt haben. Entkräftigt werden sie vor unserem Zorne zittern, ihr Geist wird kleinmütig, ihre Augen werden tränenreich werden wie die Augen der Kinder und Weiber, doch ebenso leicht wie zu Tränen, werden sie auf unseren Wink zu Frohsinn und Heiterkeit, zu heller Lustigkeit und glücklichen Kinderliedern übergehen. Ja, wir werden sie zwingen zu arbeiten, doch in den arbeitsfreien Stunden werden wir ihnen das Leben wie ein Spiel gestalten, mit Gesängen, Chören und unschuldigen Tänzen. Oh, wir werden ihnen sogar die Sünden vergeben – sie sind doch schwach und kraftlos – und sie werden uns wie Kinder dafür lieben, daß wir ihnen zu sündigen erlauben. Wir werden ihnen sagen, daß jede Sünde ausgekauft werden kann, wenn sie nur mit unserer Erlaubnis begangen worden ist; die Erlaubnis aber zum Sündigen geben wir ihnen nur darum, weil wir sie lieben, und die Strafe für diese Sünden nehmen wir meinetwegen auf uns. Wir werden sie auch in der Tat auf uns nehmen, sie aber werden uns dafür vergöttern wie ihre Wohltäter, die vor Gott ihre Sünden tragen. Und sie werden vor uns keinerlei Geheimnisse haben. Wir werden ihnen erlauben oder verbieten mit ihren Frauen und Geliebten zu leben, Kinder zu haben oder nicht zu haben – immer je nach ihrem Gehorsam –, und sie werden sich uns freudig und fröhlich unterwerfen. Selbst die quälendsten Geheimnisse ihres Gewissens, – alles, alles werden sie zu uns tragen, und wir werden ihnen verzeihen, und sie werden mit Freuden unserer Entscheidung glauben, denn sie wird sie von der großen Sorge und den furchtbaren gegenwärtigen Qualen einer persönlichen und freien Entscheidung erlösen. Und alle werden glücklich sein, alle Millionen Wesen, außer den Hunderttausend, die über sie herrschen. Denn nur wir, wir, die wir das Geheimnis hüten, nur wir werden unglücklich sein. Es wird Tausende von Millionen glücklicher Kinder geben und nur hunderttausend Märtyrer, die den Fluch der Erkenntnis von Gut und Böse auf sich genommen haben. Still werden sie sterben, still werden sie verlöschen in Deinem Namen und hinter dem Grabe nur den Tod finden. Doch wir werden das Geheimnis bewahren und werden die Menschen zu ihrem Glück durch himmlische und ewige Belohnung anlocken. Denn selbst wenn es dort, in jener Welt, ein Etwas geben sollte, so wird es doch, versteht sich, nicht für solche wie sie sein. Man redet und prophezeit, daß Du kommen und von neuem siegen werdest, daß Du mit Deinen Auserwählten, Deinen Stolzen und Mächtigen kommen wirst. Wir aber werden dann sagen, daß sie nur sich selbst, wir aber alle gerettet haben. Man sagt, daß die Buhlerin, die auf dem Tiere sitzt und in ihren Händen das Geheimnis hält, beschimpft werden wird, daß die Kraftarmen sich wieder empören, den Purpur der großen Buhlerin zerreißen und ihren „scheußlichen“ Leib entblößen werden. Dann aber werde ich mich erheben und, zu Dir gewandt, auf die Tausende von Millionen glücklicher Kinder, die die Sünde nicht gekannt haben, hinweisen. Und wir, die ihre Sünden auf uns genommen haben, um sie glücklich zu machen, wir werden dann vor Dich hintreten und Dir sagen: „Verurteile uns, wenn Du es kannst und wagst“. Wisse, daß ich keine Furcht vor Dir habe. Wisse, daß auch ich in der Wüste war, daß auch ich mich einst von Heuschrecken und Wurzeln nährte, daß auch ich die Freiheit, mit der Du die Menschen gesegnet hattest, segnete, und auch ich mich vorbereitete, zur Zahl Deiner Auserwählten zu gehören, zur Zahl der Mächtigen und Starken, mit dem lechzenden Wunsch, „die Zahl zu ergänzen“. Doch ich erwachte und wollte nicht mehr dem Wahnsinn dienen. Ich kehrte zurück und gesellte mich zur Schar derer, die Deine Tat verbessern. Ich ging fort von den Stolzen und kehrte zurück zu den Demütigen, zum Glücke derselben. Was ich Dir sage, wird also geschehen, es wird alles in Erfüllung gehen, und unser Reich wird erstehen. Und ich sage Dir nochmals: Morgen noch wirst Du diese gehorsame Herde sehen, die auf meinen ersten Wink zu Deinem Scheiterhaufen stürzen wird, um das Feuer zu schüren. Denn auf den Scheiterhaufen bringe ich Dich dafür, daß Du gekommen bist, uns zu stören. Und wahrlich, wenn es einen gegeben hat oder gibt, der am meisten den Scheiterhaufen verdient hat, so bist Du es, Du! Morgen noch werde ich Dich verbrennen. Dixi‘!“
Iwan hielt inne. Seine Worte hatten ihn mit sich fortgerissen, und er war fast in Begeisterung geraten. Als er aber geendet hatte, lächelte er plötzlich wieder.
Aljoscha hatte ihm schweigend zugehört, doch zum Schluß hin, offenbar nicht wenig erregt, mehrmals den Bruder unterbrechen wollen, sich aber jedesmal bezwungen. Als nun Iwan plötzlich verstummte, fiel er sofort ein, – heftig und hastig, wie ein Mensch, der sich lange hat zurückhalten müssen:
„Aber... das ist doch absurd!“ stieß er hervor, und errötete. „Dein Poem ist ein Lob Jesu, aber keine Schmähung... wie du es gewollt hast. Und wer wird dir das von der Freiheit glauben? Muß man sie denn so, so auffassen? Ist denn das die Auffassung der Rechtgläubigkeit?... Das ist Rom, und nicht einmal ganz Rom, das ist nicht wahr, – das sind die Schlechtesten des Katholizismus, das sind Inquisitoren, Jesuiten!... Und solch einen phantastischen Menschen, wie es dein Inquisitor ist, gibt es überhaupt nicht. Was sind das für Sünden der Menschen, die sie auf sich nehmen? Was sind das für Träger des Geheimnisses, die da irgendeinen Fluch zum Glücke der Menschen auf sich genommen haben? Wer hat jemals so etwas gesehen? Wir kennen die Jesuiten, wir wissen, was dahintersteckt... Aber sind sie denn das, als was du sie schilderst? – Nicht die Spur! – Sie sind einfach die römische Armee für das zukünftige, allesvereinende Weltreich mit dem Imperator, dem römischen Kirchenoberhaupt an der Spitze... das ist ihr Ideal, aber ohne alle Geheimnisse und erhabenes Leid... Der allergewöhnlichste Wunsch nach Macht, nach schmutzigen Erdengütern, Knechtung... in der Art eines zukünftigen Leibeigenschaftsrechtes, damit sie sozusagen Gutsbesitzer werden können. Das ist alles, was sie wollen. Sie glauben vielleicht überhaupt nicht an Gott. Dein leidender Inquisitor ist nichts als Phantasie...“
„Aber wart, wart doch,“ sagte Iwan lachend, „sieh mal, wie du dich ereiferst! Phantasie, sagst du, schön! Natürlich ist’s Phantasie. Einstweilen aber erlaube: Glaubst du wirklich, daß diese ganze katholische Bewegung der letzten Jahrhunderte – Mittelalter und so weiter – tatsächlich nichts anderes gewesen ist als das Verlangen nach Macht, nur um der schmutzigen Erdengüter willen? Hat dich das nicht vielleicht Pater Paissij gelehrt?“
„O nein, nein, im Gegenteil, Pater Paissij sprach einmal sogar ein wenig in deinem Sinne... übrigens es war doch nicht dasselbe, selbstverständlich nicht ganz dasselbe,“ verbesserte sich Aljoscha.
„Das ist immerhin eine kostbare Nachricht, trotz deines ‚selbstverständlich nicht ganz dasselbe‘. Ich frage dich ausdrücklich, warum du annimmst, daß Jesuiten und Inquisitoren sich nur zum Erwerb niedriger materieller Güter verbündet haben. Warum glaubst du, daß es unter ihnen keinen einzigen Gequälten gibt, der von großem Leid und von der Liebe zur Menschheit gepeinigt wird? Sieh: nimm an, daß sich unter allen diesen, die lediglich materielle, schmutzige Güter wollen, nur ein Einziger fände, nur ein Einziger wie mein greiser Inquisitor, der in der Wüste von Gewürm und Wurzeln gelebt hat, gegen sich gewütet hat und vor Verzweiflung außer sich geraten ist, im Kampf gegen sein Fleisch, um frei zu werden und vollkommen zu sein, der aber sein ganzes Leben die Menschheit geliebt hat, und der plötzlich erkennt und sich überzeugt, daß es keine große sittliche Glückseligkeit sein kann, die Vollkommenheit des Willens zu erreichen und zu gleicher Zeit einsehen zu müssen, daß die Millionen der übrigen Gottesgeschöpfe bloß zum Spott Geschaffene bleiben, daß sie niemals die Kraft haben werden, sich mit ihrer Freiheit zurechtzufinden, daß aus den armseligen Empörern niemals Riesen zur Vollendung des Turmes hervorgehen werden, daß nicht für solche Gänse der große Idealist von seiner Harmonie geträumt hat. Da er aber alles das begriffen hatte, kehrte er zurück und schloß sich den... klugen Leuten an. Glaubst du wirklich, daß das niemals hat geschehen können?“
„Wem schloß er sich an, welchen klugen Leuten?“ griff Aljoscha sofort heftig, fast zornig das Wort auf. „Kein einziger von ihnen besitzt da so eine besondere Klugheit und überhaupt nichts von heiligen Geheimnissen... Es sei denn höchstens ihre Gottlosigkeit, die wäre noch allenfalls ihr ganzes Geheimnis. Dein Inquisitor glaubt nicht an Gott, sieh, das ist sein ganzes Geheimnis!“
„Nun ja! Endlich hast du es erraten. Es ist allerdings so; sein ganzes Geheimnis liegt tatsächlich nur darin. Aber ist denn das keine Qual, sagen wir, für einen Menschen wie er, der sein ganzes Leben daran gesetzt hatte, durch die Wüste ein Auserwählter zu werden, und der sich von seiner Liebe zur Menschheit doch nicht heilen konnte? An seinem Lebensabend überzeugt er sich, daß nur die Ratschläge des großen furchtbaren Geistes das Leben der kraftarmen Empörer, dieser unvollkommenen, zum Spott geschaffenen Probewesen wenigstens einigermaßen erträglich machen könnten. Und siehe, nachdem er sich davon überzeugt hat, sieht er ein, daß man nach der Weisung dieses klugen Geistes, des furchtbaren Geistes der Zerstörung und des Todes vorgehen muß – daß man Lüge und Betrug annehmen und die Menschen bereits wissentlich in Tod und Verderben treiben muß, wobei es aber heißt, sie auf dem ganzen Wege betrügen, damit diese armseligen Blinden nicht merken, wohin sie geführt werden, und sich wenigstens auf dem Wege für glücklich halten. Und vergiß nicht, daß der Betrug im Namen desjenigen geschieht, an dessen Idealgestalt der Greis sein Leben lang so leidenschaftlich geglaubt hat! Meinst du, daß das kein Unglück sei? Und wenn es auch nur einen einzigen solchen gäbe, an der Spitze dieses ganzen Heeres, ‚das nur um des Besitzes schmutziger Güter willen nach Macht verlangt‘, – genügte dann wirklich nicht ein einziger solcher zur... Tragödie? Oh, ich sage dir, es genügte, daß ein einziger solcher an der Spitze stände, auf daß die Idee, die Rom mit allen seinen Herren und Jesuiten solange leitet, die höhere Idee Roms, endlich zum Ausdruck käme. Ich sage dir ganz offen: Ich bin fest überzeugt, daß das der einzige Mensch wäre, der unter denen, die an der Spitze der Bewegung stehen, nie ermüden würde. Wer weiß, vielleicht hat es unter den römischen Kirchenoberhäuptern auch solche gegeben. Und wer weiß, vielleicht lebt dieser verfluchte Greis, der so starrsinnig und eigenartig die Menschheit liebt, auch jetzt in einer ganzen Schar vieler ebensolcher einzelner Greise – lebt durchaus nicht zufällig, sondern aus Übereinstimmung, in einem geheimen Bunde, der schon vor langer Zeit zur Wahrung des Geheimnisses, zu seiner Beschützung vor den unglücklichen und kraftarmen Menschen zu dem Zweck gegründet ist, diese Menschen glücklich zu machen. Das gibt es unbedingt. Es muß so sein. Wenn ich mich nicht täusche, haben auch die Freimaurer etwas von der Art dieses Geheimnisses in ihrer Grundidee, und ich glaube sogar, daß sie nur deswegen von den Katholiken so gehaßt werden, weil diese in ihnen Konkurrenten sehen: die Teilung der Einheit ihrer katholischen Idee wittern – während es doch eine einzige Herde unter einem einzigen Hirten werden soll... Übrigens habe ich, wenn ich meinen Gedanken verteidige, den Anschein eines Autors, der deine Kritik nicht ertragen kann. Genug davon.“
„Du bist wahrscheinlich selbst Freimaurer!“ stieß plötzlich Aljoscha hervor. „Du glaubst nicht an Gott,“ fügte er darauf traurig und bedrückt hinzu. Zugleich schien ihm, daß der Bruder ihn etwas spöttisch betrachtete.
„Aber womit endigt denn deine Tragödie?“ fragte er, den Blick zu Boden gesenkt. „Oder ist sie schon aus?“
„Den Schluß hatte ich mir eigentlich so gedacht: Nachdem der Inquisitor verstummt ist, wartet er noch eine Zeitlang auf das, was der Gefangene ihm antworten wird. Sein Schweigen lastet schwer auf ihm. Er hatte gesehen, wie der Gefangene ihn anhörte, und wie tief und still Er ihm in die Augen blickte, offenbar ohne etwas entgegnen zu wollen. Der Greis aber will, daß Er ihm etwas sage, und wäre es auch etwas Bitteres, Furchtbares. Doch siehe, Er nähert sich schweigend dem Greise und küßt ihn leise auf seine blutleeren neunzigjährigen Lippen. Das ist Seine ganze Antwort, die Antwort, die den Alten zusammenfahren macht. Und siehe, da zuckt etwas an den Mundwinkeln des großen, greisen Inquisitors: er geht zur Tür des gewölbten Verlieses, öffnet sie und sagt zu Ihm: ‚Geh und komme nie wieder... komme überhaupt nicht mehr... niemals, niemals!‘ Und er läßt Ihn hinaus auf die ‚dunklen, schweigenden Plätze der Stadt‘. Und der Gefangene geht hinaus.“
„Und der Alte?“
„Der Kuß brennt in seinem Herzen, doch er bleibt bei seiner früheren Idee.“
„Und auch du mit ihm, auch du?“
Iwan lachte auf.
„Aber das ist doch Unsinn, Aljoscha, das ist doch nur das sinnlose Poem eines einfältigen Studenten, der nie in seinem Leben auch nur zwei Verse hat schreiben können. Warum bist du denn so traurig? Oder glaubst du vielleicht gar, daß ich etwa gleich zu ihnen fahren will, zu den Jesuiten, um mich der Schar anzuschließen, die Sein Werk verbessert? O Gott! – was geht das mich an? Ich habe dir doch gesagt: Nur bis zum dreißigsten Jahre, und dann – den Becher fortgeschleudert!“
„Und die krausen, klebrigen Frühlingsblätter, und die teuren Gräber, und der hohe, blaue Himmel, und die Geliebte? Wie willst du denn leben, womit wirst du sie denn lieben?“ fragte Aljoscha traurig. „Ist denn das möglich, mit solch einer Hölle in der Brust und in den Gedanken, – ist denn das möglich? Nein, du fährst gerade hin, um dich ihnen anzuschließen... wenn aber nicht, so wirst du dich selbst töten, denn du wirst es nicht länger aushalten!“
„Es gibt eine Kraft, die alles aushält!“ sagte Iwan halblaut mit kaltem Lächeln.
„Was ist das für eine Kraft?“
„Die Karamasoffsche... die Kraft der Karamasoffschen Gemeinheit.“
„Heißt das – in Ausschweifung untergehen, die Seele in Sittenverderbnis erwürgen, ja? heißt es das?“
„Meinetwegen auch das... aber nur bis zum dreißigsten Jahre werde ich es... vielleicht noch... vermeiden, dann aber...“
„Wie das vermeiden? Auf welche Weise vermeiden? Wodurch willst du dem entgehen? Mit deinen Anschauungen ist das unmöglich.“
„Wiederum auf Karamasoffsche Weise.“
„Ah! – ‚alles ist erlaubt‘? Nicht? Das ist’s doch – alles ist erlaubt?“
Iwans Gesicht verfinsterte sich, und er wurde plötzlich seltsam bleich.
„Du hast es also richtig nicht vergessen – das gestern gefallene Wort, das Miussoff so kränkte... und das Dmitrij so naiv und auffallend wiederholte?“ fragte er mit einem verzogenen Lächeln. „Ja, meinetwegen: ‚alles ist erlaubt‘ – wenn das Wort einmal gesagt ist. Ich nehme es nicht zurück. Mitjäs Redaktion war übrigens gar nicht so übel.“
Aljoscha blickte ihn schweigend an.
„Aljoscha, ich glaubte, wenn ich fortfahre, auf der ganzen Welt wenigstens dich zu haben,“ sagte Iwan plötzlich mit ganz unerwartetem, tiefem Gefühl, „aber jetzt sehe ich, daß auch in deinem Herzen kein Platz für mich ist, mein lieber Mönch du! Von der Formel: ‚alles ist erlaubt‘ sage ich mich nicht los, nun, und deswegen sagst du dich von mir los, ist es nicht so, ja?“
Aljoscha stand auf, trat zu ihm und küßte ihn stumm und leise auf den Mund.
„Das ist literarischer Diebstahl!“ rief nach dem Kuß Iwan, der plötzlich ganz begeistert zu sein schien. „Das hast du aus meinem Poem gestohlen! Aber... habe Dank. – Komm, gehen wir, Aljoscha, es ist Zeit für mich wie für dich.“
Sie gingen hinaus, doch unten an der Treppe blieben sie stehen.
„Hör, Aljoscha,“ sagte Iwan mit fester Stimme, „ich werde die klebrigen Frühlingsblätter nur in der Erinnerung an dich lieben. Es genügt mir, daß du hier irgendwo bist, und daß ich das Leben noch leben will. Genügt dir das? Wenn du willst, kannst du das für eine Liebeserklärung nehmen. Jetzt aber – geh du nach rechts und ich nach links. Es ist genug geredet, hörst du? Das heißt, ich meine, falls ich morgen nicht abreisen sollte – ich werde aber wahrscheinlich bestimmt fahren – und wir uns noch irgendwie treffen sollten, so bitte ich, mit mir über alle diese Themata kein Wort mehr zu reden. Ich bitte dich ausdrücklich darum. Und auch über Dmitrij, darum bitte ich dich besonders, rede kein Wort mehr, sprich mir nie mehr von ihm,“ fügte er plötzlich gereizt hinzu. „Ich denke, wir haben uns darüber nichts mehr zu sagen, nicht wahr? Und jetzt werde ich dir auch meinerseits ein Versprechen dafür geben: Wenn ich um das dreißigste Jahr herum den ‚Becher fortschleudern‘ will, so werde ich kommen und dich, wo du auch sein solltest, doch noch einmal aufsuchen, um noch einmal mit dir zu reden... und wär’s auch aus Amerika, das wisse. Ich werde mit bestimmter Absicht kommen. Es wird auch sehr unterhaltsam sein, dich dann wiederzusehen, wie du sein wirst. Das Versprechen ist doch genügend feierlich? Wir nehmen vielleicht wirklich auf sieben oder auf zehn Jahre Abschied voneinander. Nun, geh jetzt zu deinem Pater Seraphicus, er liegt ja im Sterben. Stirbt er in deiner Abwesenheit, so wirst du dich womöglich noch über mich ärgern, daß ich dich solange aufgehalten habe. Also auf Wiedersehen. Weißt du, küsse mich noch einmal. So. Und nun geh...“
Iwan wandte sich brüsk um und ging seinen Weg, ohne sich noch nach dem Bruder umzukehren.
„So ging auch Dmitrij gestern abend von mir fort,“ dachte Aljoscha, „nur geschah es doch in einer ganz anderen Weise...“ Diese sonderbare kleine Beobachtung schoß wie ein Pfeil durch Aljoschas traurigen Sinn und verlor sich in einem sorgenvollen, die Gedanken lähmenden Gefühl. Er wartete noch ein wenig und blickte dem Bruder nach. Da fiel ihm plötzlich auf, daß sein Bruder Iwan gleichsam schaukelnd, schwankend ging, und daß seine rechte Schulter, von hinten gesehen, scheinbar niedriger als die linke war. Das hatte Aljoscha sonst nie bemerkt. Doch plötzlich drehte auch er sich um und eilte fast laufend zum Kloster. Es dämmerte bereits stark, und Aljoscha fühlte, wie sich mit der wachsenden Dunkelheit Angst in seinem Herzen erhob. Es war etwas Neues in ihm, das wuchs und wuchs, doch er hätte nicht sagen können, was es war. Es hatte sich wieder ein Wind erhoben, und in den Kronen der uralten Kiefern rauschte es schaurig, als er durch den Wald zur Einsiedelei schritt.
„‚Pater Seraphicus‘ – diesen Namen hat er von irgendwo hergenommen, woher aber?“ dachte Aljoscha flüchtig. „Iwan, armer Iwan! Und wann werde ich dich jetzt wiedersehen?... Da ist die Einsiedelei, Herrgott! Ja, ja, er, Pater Seraphicus wird mich retten... vor ihm!... wird mich auf ewig erlösen!“
In seinem späteren Leben erinnerte er sich noch oft dieses Abends, und jedesmal fragte er sich verwundert, wie er nach seiner Trennung von Iwan so vollständig Dmitrij hatte vergessen können, obgleich er ihn doch am Vormittag, nur wenige Stunden vorher, unbedingt aufzusuchen beschlossen hatte, selbst wenn er dann nicht mehr zur Nacht ins Kloster zurückgekommen wäre.
VI — Ein vorläufig noch sehr unklares Gespräch
Iwan Fedorowitsch ging, als er sich von Aljoscha getrennt hatte, nach Hause zu Fedor Pawlowitsch. Aber sonderbar – ihn überfiel plötzlich eine qualvolle Seelenangst, die mit jedem Schritt, mit dem er sich dem Vaterhause näherte, wuchs und wuchs und immer unerträglicher wurde. Doch nicht die Seelenangst an sich war sonderbar, sondern das, daß Iwan Fedorowitsch sich auf keine Weise zu erklären vermochte, was die eigentliche Ursache derselben sein konnte. Es war auch früher nicht selten vorgekommen, daß ihn solche Stimmungen plötzlich überfallen hatten, und so wäre es weiter nicht auffallend gewesen, daß diese – ich möchte sagen – Schwermut in einem Augenblick wiederkam, als er gerade mit allem, was ihm hier teuer war, gebrochen hatte und als er sich anschickte, kurz zur Seite abzubiegen und einen neuen, ihm ganz unbekannten Weg zu betreten und wieder allein ins Leben zu gehen – ein einsamer suchender Wanderer mit großen Hoffnungen, doch ohne zu wissen, auf was er hoffte, der viel, gar zu viel vom Leben erwartete, doch der selbst nicht bestimmen konnte, worin seine großen Hoffnungen und seine zehrenden Wünsche bestanden. Und doch quälte ihn in diesem Augenblick, obwohl die Angst des Neuen und Unbewußten auf seiner Seele lag, etwas ganz anderes. „Oder sollte es nicht wieder der Ekel vor dem Vaterhause sein?“ dachte Iwan! „Das wäre möglich, das könnte es sein. Wenn ich auch heute zum letztenmal über diese verhaßte Schwelle trete, so ist es doch deswegen nicht weniger... Aber nein, auch das ist es nicht. Oder sollte es vielleicht der Abschied von Aljoscha sein, und das Gespräch mit ihm?“ Das konnte es allerdings sein, ein Gefühl wie: „So viele Jahre habe ich geschwiegen, mit keinem Menschen zu sprechen geruht, und nun plötzlich habe ich so viel dummes Zeug geschwatzt.“ Es konnte jugendlicher Unwille, jugendliche Unerfahrenheit und jugendlicher Ehrgeiz sein, Ärger darüber, daß er nicht verstanden hatte, sich auszudrücken, dazu in einem Augenblick, da Aljoscha ihm zuhörte, Aljoscha, auf den sein Herz zweifellos große Hoffnungen setzte. Gewiß war es teilweise auch das, was ihn bedrückte, dieses Gefühl mußte sogar unbedingt in ihm nagen, aber auch das war noch nicht alles, auch das nicht. „Eine Schwermut bis zur Übelkeit,“ sagte er sich, „bin aber unfähig, mir zu erklären, was ich will. Das einzige wäre – nicht mehr zu denken!“
Doch trotz des Versuches, „nicht zu denken“, verließ ihn die Angst nicht. Das Ärgerlichste an ihr war, daß sie ganz zufällig, völlig äußerlich zu sein schien. Das fühlte er qualvoll. Ein Wesen oder ein Gegenstand oder so etwas Unerklärliches stand irgendwo in seiner Nähe oder lebte hier irgendwo: wie zuweilen etwas vor dem Auge flimmert und man sich lange, sei es bei der Arbeit oder während eines hitzigen Gespräches, dessen nicht bewußt wird, obgleich es einen unbewußt die ganze Zeit ärgert, reizt und sogar quält, bis man sich schließlich besinnt und den Gegenstand beseitigt, zuweilen irgendein leeres, dummes Ding, ein Tuch, das auf dem Fußboden liegt, oder ein Buch, das nicht in den Schrank gestellt ist, oder etwas Ähnliches. So, in der schlechtesten und gereiztesten Stimmung näherte sich Iwan Fedorowitsch dem Vaterhause, als er plötzlich, etwa fünfzehn Schritt von der Hofpforte, aufblickend, erriet, was ihn so gequält und erregt hatte.
Auf der Bank am Hoftor saß, um sich an der kühlen Abendluft zu erfrischen, der Diener Ssmerdjäkoff, und Iwan Fedorowitsch begriff in derselben Sekunde, als er ihn erblickte, daß dieser Diener Ssmerdjäkoff in seiner Seele gesessen hatte, und daß gerade diesen Menschen seine Seele nicht ertragen konnte. Schon vorhin, bei der Erzählung Aljoschas von seiner Begegnung mit Ssmerdjäkoff im Nachbargarten, hatte etwas Finsteres und Widerwärtiges sich ihm ins Herz gebohrt und sofort seine Wut entfacht. Während des folgenden Gespräches hatte er dann Ssmerdjäkoff auf eine Weile vergessen. Trotzdem war der Gedanke an diesen Diener in seiner Seele geblieben, und kaum hatte er sich von Aljoscha getrennt und den Weg zum Vaterhause eingeschlagen, da war auch die vergessene Empfindung wieder über ihn gekommen. „Kann mich denn dieser elende Kerl wirklich dermaßen beunruhigen!“ dachte er und heiß überströmte ihm die Wut.
Doch diese Wut hatte noch einen besonderen Grund. Ihm war dieser Mensch in der letzten Zeit tatsächlich verhaßt geworden, besonders in den letzten Tagen. Es war ihm sogar aufgefallen, wie sich sein Haß auf diesen Diener immer noch vergrößert hatte. Vielleicht vergrößerte sich dieser Haß gerade deswegen so überwältigend, weil er zu Anfang sich ganz anders zu ihm verhalten hatte. Damals, d. h. kurz nachdem er bei uns angekommen war, hatte Iwan Fedorowitsch sich plötzlich ganz besonders für diesen Ssmerdjäkoff interessiert und ihn sogar sehr originell gefunden. Er hatte ihn selbst daran gewöhnt, mit ihm zuweilen ein Gespräch anzuknüpfen, sich aber stets über seine gewisse Einfalt, oder vielleicht nicht so sehr Einfalt als innere Unruhe gewundert, ohne dabei zu begreifen, was „diesen Weltbeschauer“ so unaufhörlich und unablässig beunruhigen konnte. Sie sprachen über Philosophisches, sprachen über alles Mögliche – unter anderem auch darüber, wie es am ersten Tage hatte Tag sein können, da die Sonne, der Mond und die Sterne doch erst am vierten Tage geschaffen worden waren, kurz, wie man das alles zu verstehen hätte. Aber Iwan Fedorowitsch überzeugte sich gar bald, daß es Ssmerdjäkoff dabei gar nicht um Sonne, Mond und Sterne zu tun war, daß Sonne, Mond und Sterne, wenn sie auch einen relativ interessanten Gesprächsstoff abgaben, für Ssmerdjäkoff vielmehr nebensächliche Dinge waren, und daß er mit diesen Gesprächen etwas ganz anderes bezwecken wollte. Wie dem aber nun auch sein mochte, jedenfalls begann sich allmählich bei jeder Gelegenheit eine grenzenlose Eigenliebe in Ssmerdjäkoffs Worten zu äußern. Obendrein war dies eine Eigenliebe, die sich gekränkt und erniedrigt glaubte. Das mißfiel Iwan Fedorowitsch sehr. Und damit hatte dann sein Haß angefangen. Späterhin waren die Familienszenen dazwischen gekommen, die ganze Geschichte mit Gruschenka und die Zänkereien zwischen Dmitrij und dem Vater. Sie hatten auch darüber gesprochen, doch obwohl Ssmerdjäkoff über diese Angelegenheiten stets sehr erregt sprach, war es doch unmöglich, festzustellen, was er dabei eigentlich selbst wünschte oder zu wem er hielt. Ja, über die Unlogik und den Widerspruch mancher seiner Wünsche, die er zuweilen ganz wie aus Versehen aussprach, und die alle gleich unklar waren, mußte man sich geradezu wundern. Ssmerdjäkoff stellte seine Fragen immer halbwegs und indirekt, dachte sie sich augenscheinlich schon früher aus, wozu er das aber tat, – das erklärte er nicht. Gewöhnlich verstummte er mitten in seinem interessiertesten Gespräch, oder er ging plötzlich auf ein ganz anderes Thema über. Doch vor allem anderen, was Iwan Fedorowitsch ärgerte und in ihm schließlich einen so großen Widerwillen hervorrief, war es eine gewisse widerliche und besondere Familiarität, die sich der Diener ihm gegenüber, je länger desto unverschämter, herausnahm. Oh, versteht sich, nicht daß er sich erlaubt hätte, unhöflich zu sein! Im Gegenteil, er war immer ungewöhnlich ehrerbietig, aber es hatte sich mit der Zeit so gemacht, daß Ssmerdjäkoff, Gott weiß warum, sich für solidarisch mit Iwan Fedorowitsch zu halten begann, in einem Tone redete, als ob zwischen ihnen beiden etwas Verabredetes wäre, etwas Geheimes, das irgend einmal von beiden angedeutet, wenn auch nicht ausgesprochen worden wäre, das aber nur ihnen allein bekannt war, von den anderen um sie herumkriechenden Sterblichen dagegen überhaupt nicht begriffen werden konnte. Doch wurde sich Iwan Fedorowitsch noch lange nicht klar über den wahren Grund seines wachsenden Widerwillens, und erst in der letzten Zeit erriet er endlich, um was es sich dabei handelte.
Mit einer ekelhaften Empfindung wollte er jetzt stumm und ohne Ssmerdjäkoff anzublicken an ihm vorüber durch die Fußpforte eintreten, als sich Ssmerdjäkoff plötzlich langsam von der Bank erhob, – und schon allein an dieser Bewegung erriet Iwan Fedorowitsch sofort, daß jener ein besonderes Gespräch mit ihm wünschte. Iwan blickte ihn an und blieb stehen, und eben das, daß er so plötzlich stehen geblieben und nicht vorübergegangen war, wie er noch vor einer Sekunde beabsichtigt hatte, machte ihn erzittern vor Wut. Zornig und angeekelt blickte er in Ssmerdjäkoffs blutarmes Gesicht, das der Physiognomie eines verschnittenen Sektierers nicht unähnlich war, trotz der kunstvoll mit dem Kamm bearbeiteten Haare und des kleinen aufgedrehten Lockenbüschels. Sein linkes, etwas zugekniffenes kleines Auge zwinkerte und lächelte, ganz als ob es sagen wollte: „Warum willst du vorübergehn? Du wirst ja doch nicht vorübergehn, du siehst doch selbst ein, daß wir beide, wir zwei Klugen, etwas zu besprechen haben.“ Iwan Fedorowitsch erzitterte.
„Fort, Hund, was habe ich mit dir zu schaffen, Rüpel!“ schwebte es Iwan auf den Lippen, doch zu seiner größten Verwunderung sprach er etwas ganz anderes aus:
„Schläft der Vater noch, oder ist er schon aufgestanden?“ fragte er mit leiser und fast freundlicher Stimme, und ebenso unerwartet für sich selbst, setzte er sich plötzlich auf die Bank. Auf einen Augenblick überkam ihn geradezu Angst, und dieser plötzlichen Angst erinnerte er sich noch später. Ssmerdjäkoff stand vor ihm, die Hände auf dem Rücken, und blickte ihn voll Selbstvertrauen fast streng an.
„Geruhen noch zu schlafen,“ antwortete er langsam, ohne sich im geringsten zu beeilen, und mit dieser Langsamkeit schien er gleichsam ausdrücken zu wollen: „Hast selbst angefangen zu sprechen, nicht ich.“ – „Nur wundere ich mich alleweil über Euch, Herr,“ fügte er nach kurzem Schweigen hinzu, schlug geradezu geziert die Augen nieder, setzte den rechten Fuß vor und spielte mit der Spitze des spiegelblank geputzten Stiefels.
„So, und warum wunderst du dich denn über mich?“ stieß Iwan Fedorowitsch schroff und rauh hervor, obgleich er sich aus allen Kräften bezwang, denn er hatte plötzlich mit Ekel begriffen, daß er die größte Neugier für das, was der Diener sagen werde, empfand und auf keinen Fall fortgehen werde, ohne sie befriedigt zu haben.
„Warum fahrt Ihr, Herr, nicht nach Tschermaschnjä?“ fragte Ssmerdjäkoff, der plötzlich wieder aufsah und familiär lächelte. – Sein linkes, etwas zugekniffenes Auge aber schien zu sagen: „Und worüber ich lächle, mußt du selbst begreifen, wenn du ein kluger Mensch bist.“
„Warum soll ich denn nach Tschermaschnjä fahren?“ fragte Iwan Fedorowitsch verwundert.
Ssmerdjäkoff schwieg eine Weile.
„Sogar der Herr Fedor Pawlowitsch haben Euch so drum gebeten,“ sagte er schließlich langsam und als ob er selbst seine gegebene Antwort nicht schätzte, – also ungefähr: „Mache es mit einem nebensächlichen Grunde ab, nur um etwas zu sagen“ –.
„Äh, Teufel, sprich deutlicher, was willst du?“ schrie ihn Iwan Fedorowitsch zornig an, von der Sanftmut zur Grobheit übergehend.
Ssmerdjäkoff setzte den rechten Fuß neben den linken, richtete sich etwas strammer auf, fuhr aber fort, ihn mit derselben Ruhe und mit demselben Lächeln anzublicken.
„Wesentliches habe ich nichts zu sagen... ich meinte nur so beiläufig...“
Wieder trat Schweigen ein. Sie schwiegen etwa eine Minute lang. Iwan Fedorowitsch wußte, daß er sofort geärgert aufstehen und fortgehen müßte, Ssmerdjäkoff aber stand vor ihm, als ob er wartete und dachte: „Ich will jetzt nur sehen, ob du dich ärgerst oder nicht.“ Wenigstens schien es Iwan Fedorowitsch so. Er machte eine Bewegung, um aufzustehen. Darauf hatte aber Ssmerdjäkoff nur gelauert.
„Ganz schrecklich ist meine Lage, Herr, ich weiß gar nicht, wie ich mir helfen soll,“ sagte er sofort, doch sprach er bereits fest und deutlich, und beim letzten Worte seufzte er auf. Iwan Fedorowitsch blieb sitzen.
„Beide sind sie ganz kindisch geworden, ganz wie die allerkleinsten Kinder,“ fuhr Ssmerdjäkoff fort. „Ich rede von dem alten Herrn und Dmitrij Fedorowitsch. Der alte Herr werden jetzt aufstehen, und von selbigem Augenblick an geht dann das Fragen los: ‚Ist sie noch nicht gekommen? Warum ist sie nicht gekommen?‘ – Und das geht dann so weiter bis Mitternacht und noch weiter. Und wenn Agrafena Alexandrowna18 nicht gekommen sind, sintemal sie wohl wahrscheinlich überhaupt niemals zu kommen gedenken, so werden der Herr morgen früh wieder anfangen: ‚Warum ist sie nicht gekommen? Weshalb ist sie nicht gekommen? Wann wird sie kommen?‘ – Ganz als ob das meine Schuld ist, sozusagen. Und hinwiederum andererseits kommen, sobald es dunkler wird, oder auch schon früher, Dmitrij Fedorowitsch mit der Flinte in die Nachbarschaft: ‚Paß auf, Kanaille,‘ sagen sie, ‚wenn du sie durchläßt und mich nicht benachrichtigst, falls sie gekommen ist, so bist du der erste, den ich totschieße‘. Und ist die Nacht vergangen, so fangen auch Dmitrij Fedorowitsch, ganz wie der alte Herr, mich qualvoll zu quälen an: ‚Warum ist sie nicht gekommen, wird sie sich bald sehen lassen‘? – Ganz als ob es hinwiederum auch vor ihnen meine Schuld wäre, daß ihre Dame nicht gekommen ist. Und derartig ärgern sie sich alleweil, und mit jeder Stunde, und mit jedem Tage wird ihre Wut immer noch gewaltiger, so daß ich mitunter schon daran denke, mir vor lauter Angst das Leben zu nehmen. Ich, Herr, ich kann mich nicht auf solche Menschen verlassen.“
„Warum hast du dich darauf eingelassen? Warum hast du Dmitrij Fedorowitsch alles hinterbracht?“ fragte Iwan Fedorowitsch gereizt.
„Aber wie sollte ich denn nicht? Und ich hab mich auch gar nicht hineingemischt, wenn ich die volle Wahrheit sagen soll. Ich habe vom ersten Anfang an alleweil geschwiegen, dieweil ich nicht wagte, zu antworten, Dmitrij Fedorowitsch aber haben mich ungefragt gezwungen, ihr Diener zu sein, und jetzt kennen sie für mich nur ein Wort: ‚Schlage dich platt, Kanaille, mausetot, wenn du sie hineinläßt!‘ Ich bin sicher, Herr, daß ich morgen einen langen Anfall haben werde.“
„Was für einen langen Anfall?“
„So einen langen Anfall, einen ungewöhnlich langen. Mehrere Stunden oder einen ganzen Tag und noch einen anderen Tag womöglich. Einmal hatte ich ihn drei Tage lang, dieweil ich damals vom Wäscheboden gefallen war. Es hört auf – fängt aber wieder an. Ich konnte an all diesen drei Tagen nicht zu klarer Besinnung kommen. Fedor Pawlowitsch schickten nach Herzenstube, dem hiesigen Arzt, der legte mir Eis auf die Schläfen und gebrauchte noch ein anderes dummes Mittel... Ich hätte davon sterben können.“
„Soviel ich weiß, kann man bei dieser Krankheit nicht voraussagen, daß man dann und dann einen Anfall bekommen wird. Wie kannst du also sagen, daß du morgen einen haben wirst?“ erkundigte sich mit ganz besonderer und gereizter Neugier Iwan Fedorowitsch.
„Das stimmt genau, daß man es nicht vorauswissen kann.“
„Und zudem hattest du ihn damals nur darum, weil du vom Boden gefallen warst.“
„Auf den Boden gehe ich jeden Tag, ich kann alsomit auch morgen von der Bodentreppe herabfallen. Oder wenn nicht von dort, dann kann ich ja auch in den Keller hinabfallen, dieweil ich auch in den Keller täglich von wegen der Wirtschaft gehen muß.“
Iwan Fedorowitsch blickte ihn lange scharf an.
„Du faselst, wie ich sehe, und ich verstehe dich wohl nicht recht,“ sagte er halblaut, doch drohend, „willst du dich morgen etwa verstellen und drei Tage lang einen Anfall vorspielen? Wie?“
Ssmerdjäkoff, der zu Boden sah und wieder mit der Stiefelspitze des rechten Fußes spielte, stellte sich nun auf den rechten Fuß und schob statt seiner den linken Fuß vor, erhob den Kopf und sagte lächelnd:
„Selbst wenn ich dieses Stückchen machen könnte, also mich verstellen, dieweil es für einen geübten Menschen gar nicht schwer ist, so bin ich doch vollauf berechtigt, selbiges Mittel zur Rettung meines Lebens vom Tode zu gebrauchen, dieweil wenn ich krank bin und Agrafena Alexandrowna zum alten Herrn kommen, Dmitrij Fedorowitsch dann doch nicht von einem kranken Menschen fragen können: ‚Warum hast du es mir nicht gesagt?‘ Sie werden sich von selbst schämen, dann noch einen kranken Menschen das zu fragen.“
„Äh, Teufel!“ schrie ihn plötzlich Iwan Fedorowitsch mit wutentstelltem Gesicht an. „Was zitterst du immer um dein Leben! Du weißt doch, daß diese Drohungen Dmitrij Fedorowitschs nichts zu bedeuten haben, nur leere Worte sind! Dich wird er nicht totschlagen, da sei du unbesorgt! Totschlagen wird er, aber nicht dich!“
„Wie eine Fliege, und zwar mich vor allen anderen. Aber mehr als das fürchte ich noch das Weitere: daß man mich dann sozusagen für ihren Helfershelfer hält, wenn sie was ganz Verrücktes mit ihrem Vater getan haben.“
„Warum soll man denn dich für seinen Helfershelfer halten?“
„Dieweil ich ihnen selbige Zeichen als großes Geheimnis mitgeteilt habe.“
„Was für Zeichen? Wem mitgeteilt? Zum Teufel, so sprich deutlicher!“
„Ich muß wirklich gestehen, daß ich hier ein Geheimnis habe mit dem alten Herrn,“ sagte Ssmerdjäkoff langsam in pedantischer Ruhe. „Wie Ihr selbst zu wissen geruht – wenn Ihr nur geruht, es zu wissen – hat sich der Herr seit einigen Tagen zur Gewohnheit gemacht, zur Nacht oder sogar schon am Abend von innewendig die Türen alleweil zuzuschließen. Ihr geruhtet, Euch in letzter Zeit immer früh nach oben zurückzuziehen, und gestern geruhtet Ihr, überhaupt nicht auszugehen, und alsomit könnt Ihr auch wohlmöglich überhaupt nicht wissen, wie akkurat und besorgt der alte Herr sich jetzt zur Nacht einschließen. Und selbst wenn Grigorij Wassiljewitsch kommt, so machen sie nur höchstens dann noch auf, wenn sie ihn vorher gut an der Stimme erkannt haben. Aber Grigorij Wassiljewitsch kommt nicht, denn ich bediene sie jetzt ganz allein in ihren Zimmern, – so haben sie es selbst bestimmt seit dem Momente, da sie diesen Einfall mit Agrafena Alexandrowna haben, zur Nacht aber entferne auch ich mich aus dem großen Hause, dieweil selbiges ihre eigne Anordnung ist, und dann muß ich bis Mitternacht aufpassen, herumgehn auf dem Hof und warten, ob sie kommen, dieweil der Herr sie schon seit mehreren Tagen wie wahnsinnig erwarten. Denken aber tun sie dabei so: ‚Sie,‘ sagt der Herr, ‚fürchtet ihn‘, – also den Dmitrij Fedorowitsch, den sie immer Mitjka nennen, ‚und darum wird sie etwas später durch die Hinterstraßen zu mir kommen; du aber‘, sagen sie zu mir, ‚mußt sie bis Mitternacht und noch drüber hinaus erwarten. Und wenn sie kommt, so komm schnell zur Gartentür gelaufen und klopf an die Tür oder an das Fenster vom Garten aus, die ersten zwei Male etwas leiser, sieh so: Eins-zwei, und dann gleich darauf dreimal etwas schneller: Tuck-tuck-tuck. Dann‘, sagen sie, ‚werde ich sofort wissen, daß sie gekommen ist, und dir leise die Tür aufmachen.‘ Und dann haben sie mir noch ein anderes Zeichen für den Fall mitgeteilt, wenn etwas Besonderes geschehen sollte, zuerst zweimal schnell: Tuck-tuck, und dann, nach einer kleinen Weile, noch einmal viel stärker: Tuck. Dann, sagen sie, würden sie sofort begreifen, daß etwas Besonderes geschehen ist, und daß ich sie sprechen muß, und werden mir gleichfalls aufmachen. Und ich werde dann eintreten und melden. Das alles für den Fall, daß Agrafena Alexandrowna nicht selbst kommen können und irgendeine Nachricht schicken. Und dann können auch Dmitrij Fedorowitsch kommen, also muß ich auch dann benachrichtigen, daß sie in der Nähe sind. Der alte Herr fürchten sich gewaltig vor Dmitrij Fedorowitsch, so daß ich selbst dann, wenn Agrafena Alexandrowna gekommen sind und sie sich mit ihr eingeschlossen haben, Dmitrij Fedorowitsch aber mittlerweile irgendwo in der Nähe auftauchen, daß ich auch dann sofort melden muß, nach selbigem zweiten Zeichen, also dreimal geklopft. So bedeutet denn das erste Zeichen, fünfmal geklopft: ‚Sie ist gekommen‘, und das zweite Zeichen, dreimal geklopft – ‚dringend nötig‘. So haben sie selber es mir mannigfach vorgemacht und angezeigt und buchstäblich so erklärt. Und da nun in der ganzen Welt nur ich und sie von diesen Zeichen wissen, so werden sie ohne jede Bedenklichkeit und ohne zu fragen oder anzurufen, aufmachen, denn auch laut zu rufen haben sie gewaltige Angst. Und selbige Zeichen sind nun auch dem jungen Herrn Dmitrij Fedorowitsch bekannt geworden.“
„Wieso, wodurch bekannt geworden? Hast du sie ihm mitgeteilt? Wie konntest du es wagen!“
„Nur von wegen meiner gewaltigen Angst. Und wie hätte ich denn hinwiederum wagen können, ihnen selbiges zu verheimlichen? Dmitrij Fedorowitsch drohen mir jeden lieben Tag: ‚Du betrügst mich‘, sagen sie, ‚du verheimlichst etwas! Ich werde dich zu Brei schlagen, werde dir beide Beine ausreißen!‘ Und da machte ich ihnen denn Mitteilung von selbigen geheimen Zeichen, damit sie wenigstens meine treue Ergebenheit sehen und sich alsomit vergewissern, daß ich sie nicht betrüge und alles gehorsamst vermelde.“
„Wenn du glaubst, daß er die Kenntnis dieser Zeichen benutzen will, um hineinzukommen, so mußt du doppelt acht geben, hörst du, und ihn auf keinen Fall hereinlassen!“
„Wenn ich aber selber einen Anfall habe, wie soll ich sie dann nicht hereinlassen, selbst wenn ich mich erdreisten könnte, sie nicht hereinzulassen, da ich doch weiß, wie verzweifelt sie sind?“
„Zum Teufel, warum bist du so überzeugt, daß du einen Anfall bekommen wirst? Machst du dich etwa über mich lustig?“
„Wie sollte ich wohl wagen, über Euch zu lachen, und ist denn einem nach Lachen zumut, wenn man solche Angst hat? Ich fühle es voraus, daß ich einen Anfall bekommen werde, habe solch ein Vorgefühl, von bloßer Angst werde ich ihn bekommen.“
„Äh, Teufel! Wenn du krank bist, wird Grigorij wachen. Bereite ihn darauf vor, der wird dich schon gut ersetzen.“
„Von den Zeichen darf ich Grigorij Wassiljewitsch ohne ausdrücklichen Befehl des Herrn unter keinen Umständen etwas sagen. Und was Ihr sagt: von mich ersetzen, so hat er sich akkurat heute erkältet, und Marfa Ignatjewna will ihn alsomit morgen gewaltig kurieren. Sie haben es vorhin beide besprochen. Und dieses Kurieren ist sehr knifflich: Marfa Ignatjewna hat solch einen Salzbranntweinaufguß mit Kräutern, deren sämtliche Wirkungen sie kennt, und mit dieser Geschichte wird Grigorij Wassiljewitsch dreimal im Jahr kuriert, wenn er nämlich kreuzlahm wird. Dann nehmen sie ein grobes Handtuch, tunken es in diesen Kräuteraufguß, und dann reibt Marfa Ignatjewna eine halbe Stunde lang Grigorijs Rücken, so daß selbiger ganz rot wird und anschwillt. Und darauf gibt sie ihm den Rest mit einem gewissen Gebet zu trinken, aber nicht alles, etwas behält sie noch für sich zurück, das sie dann selber austrinkt. Und alsomit legen sich beide schlafen und schlafen lange und gewaltig fest. Und am nächsten Morgen ist Grigorij Wassiljewitsch immer gesund, Marfa Ignatjewna aber hat immer nachher Kopfschmerzen. Alsomit wird Grigorij Wassiljewitsch morgen, wenn Marfa Ignatjewna ihr Vorhaben ausführt, nichts hören, und so kann denn auch von einem Dmitrij Fedorowitsch nicht Einlassen gar keine Rede sein. Schlafen wird er.“
„Welch ein Blödsinn!“ schrie ihn Iwan Fedorowitsch zornig an. „Das trifft ja alles wie absichtlich zusammen: Du bewußtlos nach dem epileptischen Anfall und Grigorij und Marfa in festem Schlaf! – Oder steckst du vielleicht dahinter, daß sich alles so vorzüglich trifft?“, stieß er plötzlich kurz hervor und zog drohend die Brauen zusammen.
„Wie soll ich dahinter stecken... und wozu sollte ich das zu tun versuchen, wenn doch hier alles nur von Dmitrij Fedorowitsch abhängt und von ihren Absichten... Wollen sie was anstiften, so wird es alsomit auch geschehen, wenn hinwiederum nicht, so werde doch ich nicht absichtlich sie herrufen, um sie zu ihrem Erzeuger hineinzuschicken.“
„Aber warum soll er denn zum Vater kommen, und dazu noch heimlich, wenn Agrafena Alexandrowna, wie du selbst sagst, überhaupt nicht kommen wird?“ fuhr Iwan Fedorowitsch, bleich vor Wut, fort. „Du sagst doch selbst, daß sie nicht zu ihm kommen will, und auch ich war die ganze Zeit über, die ich hier verbracht habe, überzeugt, daß der Alte nur phantasiert, und daß dieses Geschöpf nie zu ihm kommen wird. Warum nun soll sich Dmitrij mittels dieser Zeichen zum Alten hineinschleichen wollen? Sprich! Ich will deine Gedanken wissen!“
„Ihr geruht doch selber zu wissen, warum sie kommen werden, wozu hier meine Gedanken? Können sie doch schon aus Wut allein kommen oder auch aus Argwohn, beispielsweise, wenn ich krank bin. Dann wissen sie, daß ich nicht aufpassen kann, und werden vielleicht wie gestern in die Zimmer laufen, um sich alsomit zu vergewissern, ob ihre Dame nicht irgendwie von ihnen unbemerkt gekommen ist. Auch wissen sie ganz genau, daß der Herr ein großes Kuvert bereit liegen haben, und daß da drin dreitausend Rubel sind, und daß der Herr das Kuvert mit drei großen Siegeln verlackt und mit einem Bändchen kreuzweise umbunden und eigenhändig draufgeschrieben haben: ‚Meinem Engel Gruschenka, wenn sie zu mir kommen will‘, und daß sie darauf nach drei Tagen noch hinzugefügt haben ‚und Küchelchen‘. Das aber ist es nun, was gefährlich werden kann.“
„Blödsinn!“ stieß Iwan Fedorowitsch wutbebend hervor. „Dmitrij wird nicht Geld rauben gehn und dabei noch den Vater erschlagen. Er hätte ihn vielleicht gestern ihretwegen aus besinnungsloser Eifersucht erschlagen können, aber Geld stehlen – das tut ein Dmitrij Fedorowitsch nicht!“
„Sie brauchen aber jetzt Geld, brauchen es ganz gewaltig! Ihr wißt ja nicht einmal, wie nötig sie es haben,“ erklärte ungewöhnlich ruhig und auffallend deutlich Ssmerdjäkoff. „Und selbige Dreitausend halten sie noch dazu für ihr Geld, und so haben sie selber mir sogar mannigfach erklärt; ‚Diese Dreitausend ist er mir so gut wie schuldig‘, haben sie zu mir gesagt. Und zu alledem bedenkt doch selbst, Herr, daß Agrafena Alexandrowna, wenn sie nur wollen, den Herrn zwingen werden, sie zu heiraten, den alten Herrn Fedor Pawlowitsch, das ist doch so wie es ist, muß man sagen, die reinste abgekochte Wahrheit, wenn sie nur selber wollen, und es kann doch sein, daß sie wirklich wollen werden. Ich sag doch nur so selbentlich, daß sie nicht kommen werden, sie aber wollen vielleicht noch viel mehr als Dreitausend, sie wollen vielleicht geradeswegs Gnädige werden. Ich selber weiß, daß der Kaufmann Ssamssonoff ihr in aller Aufrichtigkeit gesagt hat, das wäre sogar äußerst wenig dumm, und daß sie darauf gelacht haben. Und sie sind gleichfalls eine Dame, die äußerst wenig dumm sind. Einen Habenichts, wie es doch Dmitrij Fedorowitsch sind, kann ihr nicht passen zu heiraten. Wenn man alsomit jetzt bedenkt, Herr, daß dann weder für Dmitrij Fedorowitsch, noch selbst für Euch, Herr, mitsamt Euerm Brüderchen Alexei Fedorowitsch so gut wie nichts nach dem Tode des Vaters verbleiben wird, kein einziger runder Rubel, dieweil Agrafena Alexandrowna sie nur deswegen heiraten werden, um alles für sich verschreiben zu lassen, alles, was es nur an Kapitalien gibt, so bedenkt doch selbst, wie es ist. Stirbt aber der alte Herr jetzt, da doch noch nichts davon geschehen ist, so kriegt jeder von Ihnen sofort blank und bar, wie man sagt, mindestens seine Vierzigtausend sicher, sogar Dmitrij Fedorowitsch, der ihnen jetzt so gewaltig verhaßt ist, da sie ein Testament noch nicht gemacht haben... Und das alles weiß Dmitrij Fedorowitsch wie dreimal drei.“
Es war, als ob sich in Iwan Fedorowitschs Gesicht etwas verzerrte. Er zitterte am ganzen Körper. Und plötzlich stieg ihm dunkelrot das Blut ins Gesicht.
„Warum also rätst du mir daraufhin, nach Tschermaschnjä zu fahren?“ unterbrach er Ssmerdjäkoff. „Was wolltest du damit sagen? Du siehst doch, was geschehen wird, wenn ich fahre!“
Iwan Fedorowitsch atmete schwer.
„Das ist vollkommen richtig,“ sagte wohlüberlegt, leise und überzeugungsvoll Ssmerdjäkoff, der nicht aufhörte, Iwan Fedorowitsch aufmerksam und unverwandt zu beobachten.
„Wieso vollkommen richtig?“ fragte, nur mit Mühe sich bezwingend, Iwan Fedorowitsch, und seine Augen blickten drohend.
„Ich meinte selbiges nur, weil ich Mitleid hatte mit Euch, Herr. An Eurer Stelle würde ich das alles hier liegen lassen, wie es ist, und fortgehen... das ist doch besser, als bei solch einer Geschichte dabei sitzen...“ antwortete Ssmerdjäkoff, indem er scheinbar mit der größten Offenheit in die unheimlich drohenden Augen Iwan Fedorowitschs blickte.
Beide schwiegen eine Weile.
„Du bist, glaube ich, ein riesengroßer Idiot und außerdem, versteht sich, der gemeinste Schurke!“ sagte Iwan Fedorowitsch langsam und erhob sich von der Bank.
Er wollte darauf durch das Fußpförtchen auf den Hof gehen, doch plötzlich blieb er stehen und wandte sich um zu Ssmerdjäkoff. Es geschah etwas Sonderbares: Plötzlich, wie im Krampf, hatte Iwan Fedorowitsch die Zähne zusammengepreßt und die Fäuste geballt und – noch einen Augenblick, und er hätte sich auf Ssmerdjäkoff gestürzt. Der aber, der es sofort bemerkt hatte, fuhr zusammen und bog erschrocken den Oberkörper zurück. Doch der Augenblick verging glücklich für Ssmerdjäkoff, und Iwan Fedorowitsch wandte sich schweigend, als ob er plötzlich in Zweifeln befangen wäre, zur Pforte.
„Ich werde morgen nach Moskau fahren, wenn es dich interessiert, – morgen in der Früh, – das ist alles!“ sagte er plötzlich boshaft, laut und langsam, und als er es gesagt hatte, fragte er sich verwundert, was ihn veranlaßt haben mochte, Ssmerdjäkoff das zu sagen, und auch später noch stellte er sich oftmals diese Frage.
„Das ist auch das allerbeste,“ griff Ssmerdjäkoff sofort auf, ganz, als hätte er nur darauf gewartet, „und wäre es nur, daß man Euch in Moskau mit dem Telegraphen beunruhigen und zurückrufen könnte, in irgend so einem besonderen Fall.“
Iwan Fedorowitsch blieb wieder stehen und wandte sich von neuem brüsk zu Ssmerdjäkoff zurück. Doch mit dem schien etwas Sonderbares geschehen zu sein: seine ganze Familiarität und Nachlässigkeit waren mit einemmal verschwunden; sein ganzes Gesicht drückte ungewöhnliche Aufmerksamkeit und Erwartung aus – doch war es diesmal zaghafte, furchtsame, knechtische Erwartung. „Wirst du nicht noch etwas sagen, nicht noch etwas hinzufügen?“ fragte förmlich sein unverwandter, sich an Iwan Fedorowitsch gleichsam festsaugender Blick.
„Und aus Tschermaschnjä würde man mich etwa nicht zurückrufen... in irgend so einem besonderen Fall?“ schrie ihn plötzlich Iwan Fedorowitsch an, ohne selbst zu wissen, warum er so die Stimme erhob.
„Auch aus Tschermaschnjä würde man... beunruhigen...“ murmelte Ssmerdjäkoff fast flüsternd, und als hätte er sich ganz verloren, doch fuhr er dabei unverwandt fort, aufmerksam, ungeheuer aufmerksam Iwan Fedorowitsch gerade in die Augen zu blicken.
„Nur ist Moskau weiter und Tschermaschnjä näher, so tut es dir wohl um das verfahrene Geld leid, nicht? wenn du mir nach Tschermaschnjä zu fahren zuredest, oder tue ich dir etwa leid, weil ich dann einen so großen Umweg mache?“
„Genau so...“ murmelte Ssmerdjäkoff, widerlich lächelnd, mit fast tonloser Stimme – und wieder war er angespannt bereit, sofort rechtzeitig zurückzuspringen.
Doch zu Ssmerdjäkoffs höchster Verwunderung ging Iwan Fedorowitsch auflachend zur Pforte und trat, immer noch lachend, durch sie ein. Wer aber sein Gesicht gesehen hätte, der würde sich bestimmt gesagt haben, daß er nicht etwa lachte, weil ihm froh zumut war. Und auch ihm selbst wäre es unmöglich gewesen, zu erklären, was damals, in jener Minute mit ihm geschehen war. Bewegte er sich und ging er doch, als ob sich seine Glieder krampften.
VII — „Mit einem klugen Menschen ist auch das Reden ein Vergnügen“
Und wie er ging, so sprach er auch. Als er in den Saal trat und dort den Vater erblickte, rief er ihm sofort, heftig mit der Hand abwinkend, zu:
„Ich gehe zu mir nach oben, komme nicht zu Ihnen, auf Wiedersehen!“ Und damit ging er vorüber, bemüht, den Vater nicht anzusehen. Möglich, daß der Alte ihm in diesem Augenblick gar zu widerlich war. Doch diese zeremonielose Kundgebung des feindlichen Gefühls verblüffte selbst Fedor Pawlowitsch. Der Alte schien ihm tatsächlich etwas sagen zu wollen und ihm zu diesem Zweck in den Saal entgegengekommen zu sein. Als er jedoch diesen unliebenswürdigen Gruß hörte, blieb er schweigend stehen und blickte nur spöttisch dem Sohne so lange nach, bis der auf der Treppe zum oberen Stock verschwunden war.
„Was fehlt ihm?“ fragte er hastig den gleich nach Iwan Fedorowitsch eingetretenen Ssmerdjäkoff.
„Scheinen sich über was zu ärgern, wer kann aus ihnen klug werden?“ brummte der ausweichend.
„Na, dann zum Teufel mit ihm! Mag er sich doch ärgern, wenn es ihm Vergnügen macht. Gib den Tee her und mach dann, daß du fortkommst, fix. Was gibt es Neues?“
Und es begannen dieselben Fragen, über die sich Ssmerdjäkoff soeben bei Iwan Fedorowitsch beklagt hatte, d. h. Fragen, die sich alle auf den erwarteten Besuch bezogen. Nach einer halben Stunde wurde das Haus sorgfältig verschlossen, und der verrückte Alte spazierte allein durch die Zimmer, – in zitternder Erwartung, daß sofort, im Augenblick, die fünf verabredeten Schläge ertönen würden. Von Zeit zu Zeit blickte er durch die Fenster hinaus, doch sah er dort nichts außer der Nacht.
Es war schon sehr spät, aber Iwan Fedorowitsch schlief noch immer nicht. Die Gedanken ließen ihm keine Ruhe. Spät erst legte er sich in dieser Nacht zu Bett, erst nach zwei Uhr morgens. Doch will ich nicht unternehmen, den ganzen Gang seiner Gedanken wiederzugeben, es ist auch noch nicht an der Zeit, in diese Seele einzudringen. Und selbst wenn ich jetzt versuchen wollte, seinen Zustand zu schildern, so fiele es mir doch sehr schwer, da es nicht Gedanken waren, die ihn quälten, es war vielmehr etwas Unbestimmbares und vor allen Dingen etwas ihn maßlos Erregendes, was ihn peinigte. Es war ihm, als hätte er jeden Halt verloren. Auch quälten ihn verschiedene sonderbare und ganz unerwartete Wünsche, z. B.: kurz nach Mitternacht wandelte ihn plötzlich unwiderstehlich die Lust an, in das Nebengebäude auf den Hof zu gehen und Ssmerdjäkoff durchzuprügeln. Doch hätte man ihn gefragt, warum er das wollte, so wäre er bestimmt nicht imstande gewesen, auch nur einen einzigen Grund genau anzugeben, außer vielleicht den einen, daß dieser Diener ihm so verhaßt geworden war wie der größte Beleidiger, den man sich in der Welt denken könnte. Und andererseits wurde seine Seele in dieser Nacht nicht nur einmal von einer ganz unerklärlichen und erniedrigenden Zaghaftigkeit ergriffen, die ihn immer wieder ganz plötzlich überfiel, und von der er – das fühlte er – geradezu auch alle körperliche Kraft verlor. Sein Kopf tat ihm weh, und vor seinen Augen flimmerte es. Etwas Verhaßtes lag beklemmend auf seiner Seele, ganz als hätte er sich vorgenommen, sich an jemandem zu rächen. Er begann sogar, Aljoscha zu hassen, wenn er an sein Gespräch mit ihm dachte, und er haßte in manchen Minuten qualvoll auch sich selbst. An Katerina Iwanowna vergaß er beinahe zu denken, worüber er sich nicht wenig wunderte, um so mehr, als er am Morgen, wie er sich noch sehr gut erinnerte – da er so stolz bei Chochlakoffs gesagt hatte, daß er am nächsten Tage auf immer verreisen werde – sich selbst im geheimsten Innern gesagt hatte: „Das ist ja Unsinn, du wirst ja doch nicht fahren, und es wird dir durchaus nicht so leicht sein, dich von allem hier loszureißen, wie du jetzt prahlend sagst.“ Wenn Iwan Fedorowitsch später an diese Nacht zurückdachte, so war für ihn die unangenehmste Erinnerung, daß er sich plötzlich vom Diwan erhoben und leise, als hätte er furchtbare Angst, daß man ihn hören könnte, die Tür zur Treppe geöffnet hatte, um hinunterzulauschen, wie dort unten in den großen Räumen Fedor Pawlowitsch umherging. Lange hatte er so gestanden und gehorcht, ganze fünf Minuten lang, in einer sonderbaren Erwartung mit zurückgehaltenem Atem und klopfendem Herzen, doch warum er das tat, warum er horchen ging, – das wußte er in dem Augenblick selbst nicht. Diese seine Handlung nannte er später „abscheulich“, und in der verborgensten Tiefe seines Herzens hielt er sie für die niedrigste Tat seines Lebens. Gegen den Vater empfand er aber in diesen Minuten nicht den geringsten Haß, nur interessierte es ihn aus einem unbekannten Grunde über die Maßen, wie der Alte dort unten umherging, und was er wohl denken und tun möchte. Er stellte sich vor, wie der Vater in die dunklen Fenster blickte und plötzlich mitten im Zimmer stehen blieb und wartete, wartete, – ob nicht jemand klopfte. Zweimal ging Iwan Fedorowitsch zu diesem Zweck zur Treppe. Als aber alles still wurde, und Fedor Pawlowitsch sich hingelegt hatte, ungefähr um zwei Uhr morgens, da kleidete auch Iwan Fedorowitsch sich aus, um zu Bett zu gehen – mit dem Wunsch, bald einzuschlafen, da er sich nach allen Qualen unerträglich müde fühlte. Und so war es auch. Er schlief ganz plötzlich fest ein, schlief die ganze Nacht traumlos und erwachte früh am Morgen, ungefähr um sieben Uhr, als es schon hell war.
Als er die Augen aufschlug, fühlte er zu seiner Verwunderung einen ganz ungewöhnlichen Zustrom von Energie. Er erhob sich schnell, kleidete sich an, zog darauf seinen Koffer hervor und begann, ohne Zeit zu vertrödeln, selbst seine Sachen zu packen. Die Wäsche war gerade am Tage zuvor von der Wäscherin gebracht worden, und Iwan Fedorowitsch lächelte sogar bei dem Gedanken, wie alles sich traf und nichts seine plötzliche Abreise aufhielt. Plötzlich konnte man die Abreise sehr wohl nennen, denn wenn er auch Katerina Iwanowna, Aljoscha und später Ssmerdjäkoff gesagt hatte, daß er am nächsten Tage fortfahren werde, so hatte er doch am Abend – dessen erinnerte er sich genau – beim Schlafengehen kein einziges Mal an die Abreise gedacht, und noch viel weniger, daß er am Morgen, ohne sich zu bedenken, als erstes eigenhändig seinen Koffer packen werde. Endlich war alles fertig, sowohl der Koffer, wie die Reisetasche. Es war schon neun Uhr, als Marfa Ignatjewna wie gewöhnlich kam, um zu fragen, wo der junge Herr den Tee trinken würde, bei sich oben oder unten im Saal. Iwan Fedorowitsch ging diesmal nach unten; er sah geradezu heiter aus, wenn auch an ihm, in seinen Worten und Bewegungen, etwas Nervöses, eine gewisse Hast auffiel. Er begrüßte freundlich den Vater, erkundigte sich sogar nach dessen Befinden, und plötzlich, ohne die ganze Antwort des Vaters abzuwarten, teilte er mit, daß er in einer Stunde nach Moskau abfahren werde – und zwar auf immer – und daher bäte, die Pferde anspannen zu lassen. Der Alte vernahm diese unerwartete Mitteilung ohne das geringste Zeichen von Verwunderung, vergaß sogar höchst unhöflicherweise die Abfahrt des Sohnes zu bedauern – statt dessen belebte er sich gleich darauf ungemein, da ihm im Zusammenhang damit eine dringende eigene Angelegenheit eingefallen war.
„Ach du! Sieh mal einer an, wie du bist! Hast gestern kein Wort davon gesagt... nun, einerlei, aber weißt du was, mein Liebster, tu mir den Gefallen, Wanjä, und fahr noch vorher nach Tschermaschnjä! Du brauchst doch von der Station, von Wolowje, nur nach links abzubiegen, im ganzen lumpige zwölf Werst, und du bist da!“
„Unmöglich, das kann ich nicht: Bis zur Eisenbahn sind achtzig Werst, und der Zug nach Moskau verläßt die Station um Punkt sieben abends – komme also knapp hin.“
„Nun, dann kommst du morgen oder übermorgen hin, ’s ist doch wahrhaftig egal! Heute aber fahr nach Tschermaschnjä! Ist es denn viel, um was ich dich bitte, und du beruhigst deinen Vater! Wenn ich hier nicht gebunden wäre, würde ich schon längst hingerutscht sein, denn die Sache drängt, sag ich dir, und ist wirklich nicht so ohne, ich aber habe jetzt hier... mit einem Wort, die Zeit erlaubt es nicht... Sieh, ich habe dort meinen Wald in zwei Distrikten, in Begitschewo und in Djätschkinoje. Maßloffs, Vater und Sohn, Kaufleute, bieten mir für das Abholzen nur achttausend Rubel; im vorigen Jahr aber bot ein Aufkäufer zwölftausend, es war aber kein Hiesiger, das ist der Haken! Denn die Hiesigen haben keine Abnahme, und die beiden Maßloffs wuchern mit Hunderttausenden! Was sie anbieten, das muß man auch nehmen, denn von den Hiesigen wagt niemand, sie zu überbieten und ihnen was vor der Nase wegzufangen. Nun aber erhielt ich am vorigen Donnerstag von dem Popen Iljinskij einen Brief, in dem er mir mitteilte, daß Gorstkin hingekommen sei, – das ist gleichfalls ein Aufkäufer, ich kenne ihn, nur ist das Wertvolle an der Sache das, daß er kein Hiesiger ist, sondern aus Pogreboje, das heißt also so viel, daß er die Maßloffs, Vater und Sohn, alle beide nicht fürchtet, da er, wie gesagt, kein Hiesiger ist. Elftausend hat er gesagt, würde er für das Abholzen geben, begreifst du jetzt? Hier aber wird er, wie der Pope schrieb, nur eine Woche bleiben. Wenn du nun hinfahren würdest, könntest du mit ihm die ganze Angelegenheit abmachen...“
„Schreiben Sie doch dem Popen, der kann es ja gleichfalls abmachen.“
„Aber der versteht doch so etwas nicht, das ist es ja! Dieser Gottesknecht hat ja keine Augen! Sonst ist er ein goldener Mensch, würde ihm ohne zu zögern sofort Zwanzigtauseud ohne Quittung zum Aufbewahren einhändigen, aber zu sehen versteht er nicht, wirklich als ob er gar kein Mensch wäre! Jede lahme Krähe macht ihm ein X für ein U vor. Dabei ist er ein gelehrter Mensch! Dieser Gorstkin aber ist dem Ansehen nach ein Bauer, geht in blauem Wams herum, nur ist er dem Charakter nach ein vollendeter Schuft, das ist ja unser gemeinsamer Jammer! Der Kerl lügt, das ist das Verflixte! Mitunter lügt er dir Dinge vor, daß du dich nur wundern kannst, warum er es tut. Vor drei Jahren log er mir vor, daß seine Frau gestorben sei und er schon eine andere geheiratet habe, und dabei war davon keine Silbe wahr, denk dir nur! Seine Frau lebte damals unverändert weiter, lebt auch heutigen Tages noch und prügelt ihn alle drei Tage einmal. So handelt es sich denn jetzt darum, zu erfahren, ob er wirklich die Wahrheit sagt, daß er kaufen und Elftausend geben will.“
„So werde auch ich nichts ausrichten können, ich habe auch keine Augen.“
„Halt, mein Sohn, wart, du wirst schon dazu taugen, ich werde dir alle Zeichen sagen, von Gorstkin, denn, weißt Du, ich habe schon lange mit ihm zu tun. Sieh: Man muß bei ihm immer auf den Bart sehn. Er hat so’n kleines, gerupftes, rotblondes Bärtchen. Wenn nun dieses Bärtchen zittert, er sich aber beim Sprechen ärgert – dann ist’s gut, dann redet er die Wahrheit, will ein Geschäft machen. Streichelt er aber das Bärtchen mit der linken Hand und lächelt er dabei, – nun, dann will er begaunern, dann macht er Finten. In die Augen sieh ihm niemals, aus denen wird kein Teufel klug, dunkel ist das Wasser, wie gesagt, ein Erzspitzbube, – sieh nur auf den Bart. Er nennt sich Gorstkin, heißt aber gar nicht Gorstkin, sondern Ljägawyj,19 aber rede ihn nicht so an, sonst fühlt er sich sofort beleidigt. Wenn du also mit ihm gesprochen hast und siehst, daß er es ernst meint, so schreibe mir sofort. Schreibe nur: ‚Der Kerl lügt nicht‘. Das genügt. Nur mußt du auf elftausend bestehen, wenn es aber nicht anders geht, so kannst du noch ein Tausend ablassen, mehr aber unter keiner Bedingung. Denk nur: Acht und elf – das ist ein Unterschied von dreitausend. Diese Dreitausend habe ich so gut wie gefunden, denn so bald läuft einem kein neuer Käufer in die Finger, Geld aber habe ich grad bis zum Halsabschneiden nötig. Wenn du mir dann schreibst, daß die Sache ernst ist, so werde ich von hier schnell hinfahren, hier irgendwie die Zeit noch dazu herausquetschen. Was aber hat es für einen Zweck, überhaupt hinzufahren, wenn sich schließlich alles nur als Hirngespinst des Popen erweisen kann? Nun, fährst du?“
„Ich habe wirklich keine Zeit, ersparen Sie es mir...“
„Ach du, aber so tu mir doch den Gefallen, werde es dir nicht vergessen! Herzlos seid ihr alle samt und sonders, das ist das Ganze, was dahintersteckt! Was macht es dir denn aus, ob du einen oder zwei Tage früher ankommst? Wohin fährst du denn jetzt? – nach Venedig? Nun, in diesen zwei Tagen wird dein Venedig nicht versinken. Ich würde sonst Aljoscha schicken, aber was versteht denn Aljoschka von solchen Dingen? Ich bitte einzig und allein dich darum, weil ich weiß, daß du ein kluger Mensch bist. Das sehe ich doch, wie soll ich denn das nicht sehen? Zwar handelst du nicht mit Wald, aber du hast ein gutes Auge. Hier heißt es ja bloß sehen; meint es der Kerl ernst oder faselt er wieder mal? Ich sage dir, sieh auf den Bart: Zittert das Bärtchen, so ist’s gut, dann meint er’s ernst.“
„Sie wollen also à tout prix, daß ich dahin, in dieses verfluchte Nest fahre, nach Tschermaschnjä?“ fragte Iwan Fedorowitsch zornig und lächelte boshaft.
Fedor Pawlowitsch bemerkte die Bosheit nicht oder wollte sie nicht bemerken, beachtete aber sofort das Lächeln.
„Du fährst also, wirst hinfahren? Wart, dann schreib ich schnell noch ’n paar Zeilen, die du mitnehmen kannst.“
„Ich weiß nicht, ob ich hinfahren werde, ich weiß es noch nicht; werde mich unterwegs entscheiden.“
„Ach was, unterwegs, entscheide dich jetzt! Nun, mein Täubchen, entscheide dich, du fährst doch? Wenn du mit ihm gesprochen hast, so schreibe mir nur zwei Zeilen und gib den Zettel dem Popen ab, er wird ihn mir sofort rüberschicken. Und dann fahr wohin du willst, schieb meinetwegen ab nach Venezien. Zurück zur Station kann dich der Pope mit seinen Pferden fahren...“
Der Alte war entzückt; im Augenblick hatte er das Zettelchen bekritzelt, dann bestellte er die Pferde, bestellte auch einen Imbiß, Kognak. Wenn der Alte sich über irgend etwas freute, so wurde er sofort sehr gesprächig und mitteilsam, diesmal aber schien er sich zu bezwingen. Dmitrij Fedorowitsch zum Beispiel erwähnte er mit keinem Wort. Die bevorstehende Trennung selbst, vom zweiten Sohn, rührte ihn nicht im geringsten. Er schien sogar nicht einmal recht zu wissen, wovon er sprechen sollte, was Iwan Fedorowitsch sehr wohl bemerkte. „Muß ihm doch genügend lästig geworden sein,“ dachte er bei sich.
Erst als der Alte den Sohn auf die Treppe hinausbegleitete, wurde er etwas rührselig und bekundete sogar die Absicht, ihn zu küssen. Doch Iwan Fedorowitsch streckte ihm schnell die Hand zum Abschied entgegen, sichtlich bemüht, etwaige Liebesergüsse zu vermeiden, was der Alte denn auch sofort begriff, und weshalb er den Kuß unterließ.
„Nun, fahr mit Gott, mit Gott!“ rief er ihm von der Treppe zu. „Wirst doch noch einmal im Leben wieder herkommen, nicht? Na, komm nur, werde mich freuen. Nun, Gott mit dir!“
Iwan Fedorowitsch stieg in den Wagen.
„Nun, leb wohl, Iwan, schimpf nicht zu sehr über mich!“ rief ihm der Vater noch zum letztenmal nach.
Die Dienerschaft hatte sich zum Abschied gleichfalls eingefunden: Ssmerdjäkoff, Marfa und Grigorij. Iwan Fedorowitsch schenkte jedem von ihnen zehn Rubel. Als er sich schon in den Wagen gesetzt hatte, trat noch Ssmerdjäkoff an den Schlag, um den Fußteppich zu ordnen.
„Siehst du... ich fahre nach Tschermaschnjä...“ kam es plötzlich ganz von selbst über Iwan Fedorowitschs Lippen, für ihn jedenfalls ebenso unerwartet, wie am Tage vorher bei der Hofpforte die Mitteilung, daß er nach Moskau fahren werde – doch diesmal stieß er es mit einem sonderbar nervösen Lachen hervor. Dieses Lachens und dieser Worte erinnerte er sich später noch oft.
„Alsomit haben denn die Leute recht, wenn sie sagen, mit klugen Menschen sei auch das Reden ein Vergnügen,“ antwortete Ssmerdjäkoff mit fester Stimme, und sein Blick schien Iwan Fedorowitsch durchdringen zu wollen.
Die Pferde zogen an, und der Wagen rollte davon. Die Seele Iwan Fedorowitschs war traurig, doch gierig blickte er ins Land, auf die Felder und Hügel und Bäume, und auf einen Zug wilder Gänse, die hoch, hoch über ihm am klaren Himmel nach Süden zogen. Und plötzlich wurde ihm so wohl zumut. Er versuchte, mit dem Kutscher ein Gespräch zu beginnen, und wartete schon neugierig, was der antworten werde, doch nach einer Minute wurde er sich bewußt, daß die ganze Antwort ihm entgangen war – daß er dem Kutscher überhaupt nicht zugehört hatte. Er verstummte, und auch so war es schön: die Luft war so rein und klar und frisch, der Himmel so hoch und hell. Er sah vor sich die Gestalten Aljoschas und Katerina Iwanownas, aber er lächelte still, winkte ihnen leise ab, und die Schemen verschwanden.
„Auch ihre Zeit wird kommen,“ dachte er.
Die erste Station erreichten sie ziemlich bald, wechselten dort die Pferde und fuhren dann weiter nach Wolowje.
„Warum ist es ein Vergnügen, mit einem klugen Menschen zu reden, was hat er damit sagen wollen?“ fuhr es ihm plötzlich durch den Kopf, und der Atem blieb ihm stehen. „Und warum sagte ich ihm, daß ich nach Tschermaschnjä fahre?“
Nach einiger Zeit kamen sie in Wolowje an. Iwan Fedorowitsch stieg aus, und alsbald umringten ihn die Fuhrleute. Er befahl Postpferde anzuspannen und vereinbarte dann auch sofort den Preis für die zwölf Werst bis nach Tschermaschnjä. Er ging ins Stationsgebäude, drehte sich dort einmal um, warf auch einen Blick auf die Stationshalterin, und plötzlich ging er wieder zurück zur Vorfahrt.
„Nicht nötig nach Tschermaschnjä! Ich fahre nicht hin. Werde ich aber nicht zu spät zur Eisenbahn kommen? Der Zug geht um sieben ab.“
„Wird noch grade gehn. Befehlen der Herr anzuspannen?“
„Ja, sofort. Wird nicht jemand von euch morgen in die Stadt fahren?“
„Wie denn nicht? Mitrij wird bestimmt hinkommen.“
„Kannst du mir nicht einen Dienst erweisen, Mitrij? Geh’ zu meinem Vater, zu Fedor Pawlowitsch Karamasoff, und sage ihm, daß ich nicht nach Tschermaschnjä gefahren bin. Kannst du das tun?“
„Warum denn nicht? Kenne den Herrn Fedor Pawlowitsch schon lange.“
„Hier hast du ein Trinkgeld, denn er könnte dir vielleicht keines geben,“ sagte Iwan Fedorowitsch gut gelaunt und lachte.
„Das ist schon wahr, er würde wohl nichts geben,“ sagte Mitrij gleichfalls lachend. „Danke, Herr, werde gehen, werde bestimmt hingehen...“
Um sieben Uhr abends stieg Iwan Fedorowitsch in den Zug ein, der ihn nach Moskau brachte.
„Fort mit allem Gewesenen, Strich drunter, jetzt ist es abgeschlossen, das frühere Leben und die frühere Welt, in der ich gelebt habe, und daß kein Ruf, kein Echo mehr aus ihr zu mir herüberklinge! Hinein in die neue Welt, in das neue Leben und ohne jemals zurückzuschauen!“
Doch an Stelle des frohen Jubels erhob sich in seinem Herzen so großes Weh, wie er es in seinem Leben noch nie empfunden hatte. Die ganze Nacht konnte er nicht schlafen: Gedanken jagten Gedanken; der Waggon flog ratternd dahin, und erst beim Morgengrauen, kurz vor der Einfahrt in Moskau, war es ihm, als ob er plötzlich erwachte.
„Ich bin ein Schuft!“ murmelte er vor sich hin.
Fedor Pawlowitsch dagegen blieb sehr zufrieden zurück, als das Söhnchen abgefahren war. Ganze zwei Stunden lang fühlte er sich beinahe glücklich und kippte von Zeit zu Zeit einen Kognak. Doch plötzlich geschah etwas sehr Ärgerliches und für alle Hausbewohner Unangenehmes, was Fedor Pawlowitsch sofort in große Unruhe versetzte: Ssmerdjäkoff war nämlich aus irgendeinem Grunde in den Keller gegangen und von der Treppe hinuntergefallen. Es war noch ein Glück, daß Marfa Ignatjewna sich gerade auf dem Hof befand und es rechtzeitig hörte. Den Fall hatte sie zwar nicht gesehen, dafür aber hatte sie den Schrei gehört, den Schrei eines Epileptikers, der im Anfall hinstürzt. Ob ihn nun der Anfall beim Hinabsteigen getroffen hatte und er dann bewußtlos die Treppe hinuntergestürzt war, oder ob der Anfall durch den Sturz und die Erschütterung verursacht worden war, – das ließ sich natürlich nicht feststellen, doch fand man ihn schon auf dem Boden des Kellers in Krämpfen liegen, Schaum vor dem Munde. Man glaubte zuerst, er müsse sich wenigstens ein Glied, einen Arm oder ein Bein gebrochen oder beschädigt haben, doch siehe: „Gott hatte ihn beschützt,“ wie Marfa Ignatjewna sagte; er hatte sich nicht den geringsten Schaden zugefügt, nur war es schwer, ihn aus dem Keller in Gottes freie Natur hinaufzuschaffen. Man bat aber die Nachbarn um Hilfe und brachte ihn dann, so gut es ging, nach oben. Fedor Pawlowitsch wohnte persönlich dieser ganzen umständlichen Prozedur bei und half sogar eigenhändig; jedenfalls war er nicht wenig erschrocken und sehr besorgt. Der Kranke kam nicht sobald zur Besinnung. Die Anfälle hörten wohl zeitweilig auf, doch kamen sie immer wieder, und so meinten schließlich alle, daß der Anfall ebenso lange andauern werde wie im vorigen Jahre, als er vom Hausboden herabgefallen war. Man erinnerte sich, daß er damals Eisumschläge auf die Stirn und den Scheitel bekommen hatte, und beschloß daher, jetzt dasselbe Mittel anzuwenden. Eis fand sich noch im Keller, und Marfa Ignatjewna machte ihm die Umschläge. Fedor Pawlowitsch aber schickte zu Herzenstube, der auch sofort kam. Nachdem er den Kranken sorgfältig untersucht hatte (er war der sorgfältigste und aufmerksamste Arzt im ganzen Gouvernement), erklärte er, daß der Anfall ein „außerordentlicher“ sei und „Gefahr drohen könne“, daß er, Herzenstube, vorläufig noch nicht alles begreife, daß er aber morgen früh, falls diese Mittel nicht helfen sollten, sich entschließen werde, andere anzuwenden. Der Kranke wurde in sein Zimmer gebracht und zu Bett gelegt. Grigorijs und Marfas Schlafstube war nur durch eine dünne Wand von Ssmerdjäkoffs Zimmer getrennt, so daß Marfa Ignatjewna sofort hören konnte, wenn es dem Kranken vielleicht schlecht gehen sollte. Der arme Fedor Pawlowitsch aber hatte an diesem Tage ein Unglück nach dem anderen zu ertragen: das Essen hatte Marfa Ignatjewna zubereitet, und so fand Fedor Pawlowitsch, daß die Suppe im Vergleich zu Ssmerdjäkoffs Meisterwerken „das reine Spülwasser“ sei, und das Huhn erwies sich als dermaßen vertrocknet, daß für ihn ganz ausgeschlossen war, es durchzukauen. Marfa Ignatjewna aber entgegnete auf die bitteren, wenn auch gerechten Vorwürfe des Herrn, daß das Huhn sowieso sehr alt gewesen sei und sie das Kochen nicht bei Professoren gelernt habe. Und am Abend kam dann noch ein neues Unglück hinzu: Fedor Pawlowitsch wurde gemeldet, daß Grigorij, der sich vor zwei Tagen erkältet hätte, völlig kreuzlahm zu Bett liege. Fedor Pawlowitsch trank daher seinen Abendtee möglichst früh und schloß sich dann allein im Hause ein. Er war durch die fieberhafte Erwartung ungewöhnlich erregt. Er war nämlich überzeugt, daß Gruschenka an diesem Abend ganz bestimmt kommen werde, da ihm Ssmerdjäkoff schon am Morgen gesagt hatte, sie hätte versprochen, „unfehlbar heute zu kommen“. Das Herz des unruhigen Alten schlug erwartungsvoll; er ging erregt in seinen großen einsamen Räumen umher und blieb immer wieder lauschend und aufhorchend mit klopfendem Herzen stehen. Er mußte auf der Hut sein; konnte doch Dmitrij Fedorowitsch irgendwo in der Nähe ihr auflauern, und so hieß es, wenn sie ans Fenster klopfte (Ssmerdjäkoff hatte ihm schon vor drei Tagen versichert, daß er ihr ausführlich gesagt hätte, wo und wie sie klopfen sollte), so hieß es dann sofort, die Tür öffnen und sie keine Sekunde lang warten lassen, damit sie nur um Gotteswillen nicht vor irgend etwas Angst bekäme und fortliefe. Besorgt und unruhig wartete Fedor Pawlowitsch. Noch nie hatte sein Herz in so süßer Hoffnung geschwelgt: es war doch so gut wie sicher und bestimmt, daß sie diesmal kommen werde!...