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Sämtliche Werke 9–10

by Fyodor Dostoyevsky

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Achtes Buch — Mitjä

I — Kusjma Ssamssonoff

Dmitrij Fedorowitsch, dem Gruschenka „vor ihrem Flug ins neue Leben“ als letzten Gruß zu überbringen befohlen hatte, daß er „ewig dieses Stündchens ihrer Liebe“ gedenken solle, war zur selben Zeit, ohne von ihrem Vorhaben etwas zu ahnen, gleichfalls in großer Unruhe und Sorge. In den zwei letzten Tagen hatte er sich in einem unbeschreiblichen Zustande befunden, so daß es tatsächlich zu der „Gehirnentzündung“ hätte kommen können, an die er in manchen Augenblicken schon fest glaubte. Am Tage vorher hatte Aljoscha ihn vergeblich gesucht, und auch Iwan hatte ihn vergeblich im Gasthaus erwartet. Mitjäs Hauswirte verheimlichten auf seinen Befehl alles, was sich auf ihn bezog. Er aber trieb sich in diesen zwei Tagen überall herum. Er „kämpfte mit seinem Schicksal, um sich zu retten“, wie er sich später ausdrückte. Er verließ in einer dringenden Angelegenheit sogar die Stadt, obgleich es ihm schrecklich war, Gruschenka auch nur eine Stunde außer Aufsicht lassen zu müssen. Ich will nur die notwendigsten Tatsachen aus der Geschichte dieser Tage angeben; es waren dies die beiden letzten Tage vor jener furchtbaren Katastrophe, die so entscheidend in sein Leben eingreifen sollte.

Wenn es auch wahr ist, daß Gruschenka ihn ein Stündchen lang aufrichtig geliebt hatte, so hatte sie ihn doch zu gleicher Zeit wahrhaft grausam und schonungslos gequält; die größte Qual bestand aber für ihn darin, daß er ihre Absichten nicht erraten konnte. Sie im Guten oder mit Gewalt zu etwas zu bewegen, war gleichfalls unmöglich: sie hätte sich ihm auf diese Weise niemals ergeben, und sich, vielleicht auf immer erzürnt, ganz von ihm abgewandt, – das begriff er damals nur zu gut. Dabei fühlte er ganz richtig, daß sie sich selbst in einem Kampf, in einer seltsamen Unentschlossenheit befand, daß sie sich zu etwas entschließen wollte und doch nicht konnte – und darum ahnte er ganz mit Recht, und sein Herz stand ihm still bei diesem Gedanken, daß Gruschenka in manchen Augenblicken ihn und seine Leidenschaft geradezu hassen mußte. So war es denn auch. Warum jedoch Gruschenka trauerte, das konnte er nicht verstehen. Er glaubte, es handele sich für sie nur um die Frage, für wen sie sich entschließen sollte: für ihn, Mitjä, oder für Fedor Pawlowitsch. Hier muß noch auf eine auffallende Tatsache hingewiesen werden: Mitjä war fest überzeugt, daß Fedor Pawlowitsch durchaus Gruschenka eine rechtmäßige Ehe antragen werde (wenn er es nicht schon getan hatte), und glaubte keine Minute daran, daß der alte Wollüstling im Ernst nur mit dreitausend Rubeln davonzukommen hoffte. Darum konnte ihm aber auch zuzeiten scheinen, daß alle Qual Gruschenkas und ihre ganze Unentschlossenheit nur davon herrühre, daß sie nicht wußte, wen von beiden sie wählen sollte, und wer von ihnen für sie vorteilhafter sei. Sonderbar war nur, daß er die bevorstehende Rückkehr „des Offiziers“, jenes in Gruschenkas Leben so bedeutungsvollen Menschen, den sie mit solcher Aufregung und Furcht erwartete, überhaupt nicht beachtete und in diesen Tagen nicht einmal an ihn dachte. Auch Gruschenka hatte in den letzten Tagen ganz darüber geschwiegen. Indessen wußte er davon: Gruschenka selbst hatte ihm vor einem Monat von diesem Brief erzählt, und zum Teil war ihm sogar der Inhalt des Schreibens bekannt. Damals hatte Gruschenka in einem Augenblick gereizter Bosheit Mitjä diesen Brief gezeigt. Doch zu ihrer Verwunderung hatte diese Nachricht schon damals auf ihn fast überhaupt keinen Eindruck gemacht. Warum sie es nicht tat, ist sehr schwer zu erklären: vielleicht einfach darum nicht, weil Mitjä, der durch den schrecklichen Kampf mit seinem leiblichen Vater um dieses Weib niedergedrückt war, sich nichts Gefährlicheres und Schrecklicheres, als was er bereits vor Augen hatte, mehr vorstellen konnte. An einen Bräutigam, der plötzlich nach fünfjähriger Abwesenheit wieder auftauchte, konnte er einfach nicht glauben, und besonders daran nicht, daß der Betreffende nun bald tatsächlich erscheinen sollte. Außerdem war im ersten Brief dieses „Offiziers“, den Gruschenka Mitjä gezeigt hatte, die Ankunft desselben nur ganz unbestimmt angedeutet gewesen. Der Brief war sehr unklar, sehr hochtrabend verfaßt, und hatte eigentlich nichts anderes enthalten, als verschnörkelte Redewendungen. Ich muß dazu bemerken, daß Gruschenka die letzten Zeilen des Briefes, in denen etwas Bestimmteres über seine Wiederkehr gesagt war, verheimlicht hatte. Außerdem erinnerte sich Mitjä noch später, daß auf Gruschenkas Gesicht sich unwillkürlich stolze Verachtung ob dieser Nachricht aus Sibirien ausgedrückt hatte – wenigstens glaubte er so etwas damals bemerkt zu haben. Auch hatte ihm Gruschenka von ihren näheren Beziehungen zu diesem neuen Nebenbuhler nichts mitgeteilt. Auf diese Weise vergaß er denn den Offizier allmählich vollständig. Er dachte nur daran, daß es, wie die Sache sich auch wenden sollte, doch unvermeidlich, und zwar sehr bald, zu einem entscheidenden Zusammenstoß zwischen Fedor Pawlowitsch und ihm kommen werde, und da von diesem Zusammenstoß zweifellos Gruschenkas Entscheidung abhing, so ersehnte er ihn ebenso ungeduldig, wie er ihn fürchtete. So erwartete er denn in unerträglicher Qual jeden Augenblick den Entschluß Gruschenkas, und glaubte immer noch, daß er ganz plötzlich und in höherer Eingebung erfolgen werde. – Vielleicht würde sie ihm plötzlich sagen: „Nimm mich, ich gehöre dir auf ewig,“ und alles hätte dann ein Ende. Er würde sie dann nehmen und sofort ans andere Ende der Welt bringen. Oh, so weit, so weit als möglich würde er sie fortbringen, wenn auch nicht ans Ende der Welt, so doch mindestens ans andere Ende Rußlands. Er würde sich dort unverzüglich mit ihr trauen lassen und sich ungekannt und ungenannt ansiedeln, so daß niemand etwas von ihnen wußte, weder hier, noch dort, noch sonstwo. Dann, oh, dann, beginnt sofort ein neues Leben! Von diesem anderen, erneuten und unbedingt „tugendhaften“ Leben („durchaus, durchaus tugendhaft!“) träumte er ununterbrochen und wie in Verzückung. Er sehnte sich nach solcher Auferstehung und nach jenem neuen Leben. In diesem „unreinen Pfuhl“, in den er durch seinen eigenen Willen geraten war, ekelte es ihn dermaßen, daß er, wie sehr viele in solchen Fällen, mit der Veränderung des Wohnortes alles zu verändern glaubte. Nur nicht diese Menschen, nur nicht diese Verhältnisse, nur fort von diesem verfluchten Ort und – alles wird wiedergeboren werden, alles wird von neuem beginnen! Daran glaubte er unerschütterlich, und das war es, wonach er sich sehnte.

Aber dies alles war nur im Falle einer glücklichen Lösung des ganzen Gruschenka-Problems möglich. Es konnte aber auch eine andere, eine schreckliche Lösung bevorstehen. Wie, wenn sie ihm plötzlich sagte: „Geh fort, ich habe mich soeben für Fedor Pawlowitsch entschieden, ich werde ihn heiraten, dich habe ich nicht nötig.“ Was dann?... Mitjä wußte übrigens nicht, was dann sein werde, bis zur letzten Stunde wußte er es nicht, das muß zu seiner Verteidigung gesagt sein. Irgendwelche bestimmte Absichten hatte er nicht, an ein Verbrechen dachte er auch nicht. Er ließ sie nur nicht aus den Augen; er spionierte und quälte sich, oder aber – er bereitete sich auf den glücklichen Ausgang vor. Jeden anderen Gedanken verscheuchte er ganz. Und nun kam für ihn noch eine neue Qual hinzu: es erhob sich eine neue, nebensächlichere, doch gleichfalls verhängnisvolle Sorge.

Wenn sie ihm nämlich sagte: „Ich bin dein, bringe mich fort von hier,“ wie sollte er sie dann fortbringen? Wo hatte er die Mittel dazu, das Geld? Gerade in diesen Tagen waren seine Einkünfte, die aus den Abzahlungen Fedor Pawlowitschs bestanden, und die er ununterbrochen im Laufe so vieler Jahre erhalten hatte, völlig versiegt. Allerdings hatte ja Gruschenka Geld, aber Mitjä war in dieser Hinsicht mehr als stolz. Mit seinen eigenen Mitteln wollte er sie fortführen und das neue Leben beginnen, nicht mit ihren. Er vermochte sich nicht einmal vorzustellen, daß er von ihr Geld annehmen könnte, und litt bei dem Gedanken die schrecklichsten Qualen. Über diesen wunden Punkt werde ich mich weiter nicht verbreiten und ihn auch nicht weiter untersuchen; ich will nur gesagt haben, welcher Art seine Seelenverfassung in diesen Tagen war. Vielleicht kam sie, ohne daß er sich dessen bewußt wurde, von den Qualen seiner geheimen Gewissensbisse um das entwendete Geld Katerina Iwanownas her. In den Augen der einen bin ich schon ein Schuft, soll ich es auch noch in den Augen der anderen werden? dachte er damals, wie er selbst später gestand. „Ja, wenn Gruschenka das erfährt, so wird sie nichts von einem solchen Schufte wissen wollen. Woher aber nun die Mittel nehmen, wie sich dieses verhängnisvolle Geld verschaffen? Nichts wird zustandekommen, alles werde ich verlieren, und einzig und allein darum, weil ich kein Geld habe! Oh, Schmach!“

Ich muß hier vorgreifen: Das war es ja, daß er vielleicht wußte, wo dieses Geld zu haben war, vielleicht sogar wußte, wo es lag! Ausführlicheres darüber werde ich dieses Mal noch nicht sagen, das wird sich später von selbst ergeben. Doch worin sein Hauptunglück bestand, darüber will ich, wenn er sich auch der Ursache desselben nicht ganz bewußt war, wenigstens meine Meinung äußern. Um diese irgendwo liegenden Mittel nehmen zu können, um das Recht zu haben, sie zu nehmen, war es unbedingt nötig, die Dreitausend Katerina Iwanowna zurückzuerstatten, – „sonst bin ich ein Taschendieb, ein Schuft, und mein neues Leben will ich nicht als Schuft beginnen.“ Das waren Mitjäs Gefühle, und darum beschloß er auch, wenn es sein müßte, die ganze Welt umzudrehen, doch diese Dreitausend Katerina Iwanowna unter allen Umständen zurückzugeben, was es auch koste. Den endgültigen Entschluß faßte er erst in den letzten Stunden, nämlich nach seinem letzten Gespräch mit Aljoscha, am Abend auf dem Wege zum Kloster, nachdem Gruschenka Katerina Iwanowna beleidigt hatte. Mitjä hatte nach der Erzählung Aljoschas sofort eingesehen, daß er wirklich als „Schuft“ gehandelt hatte, und befohlen, Katerina Iwanowna zu sagen, daß er die Bezeichnung annehme, „wenn das sie trösten könne“. Als er in dieser Nacht vom Bruder fortgegangen war, hatte er sich in seiner Verzweiflung gesagt, daß es für ihn besser wäre, „jemanden zu erschlagen, zu berauben, doch unbedingt die Schuld an Katjä zu tilgen“. „Mag ich lieber vor dem Toten und Geplünderten als Mörder und Dieb dastehen, und vor allen Menschen, – lieber will ich nach Sibirien geschickt werden, als daß ich Katjä das Recht gebe, von mir zu sagen, daß ich sie betrogen, ihr Geld gestohlen, und daß ich mit ihrem Geld Gruschenka entführt und ein neues Leben begonnen habe! Das kann ich nicht ertragen!“ So dachte Mitjä wutknirschend und glaubte, wie erwähnt, nicht ohne Grund, daß es zu jener „Gehirnentzündung“ kommen werde. Einstweilen aber kämpfte er noch...

Sonderbar: schien es doch, daß ihm bei einem solchen Entschluß außer Verzweiflung nichts anderes übrigblieb; denn wo sollte er plötzlich dieses Geld hernehmen, ein Hungerleider wie er? Trotzdem aber glaubte und hoffte er bis zum Schluß, hoffte er die ganze Zeit über, daß er diese Dreitausend erhalten werde, daß sie, wenn nichts anders, ihm vom Himmel in den Schoß fallen würden. So aber ergeht es allen, die, wie Dmitrij Fedorowitsch, in ihrem Leben nur Geld verausgabt und ein durch Erbschaft und ohne Mühe erhaltenes Geld verschwendet haben, davon aber, wie man Geld verdient, sich überhaupt keine Vorstellung machen können.

Nachdem er Aljoscha damals verlassen hatte, waren ihm die phantastischsten Gedanken wie ein Sturmwind durch den Kopf gezogen. So kam es denn, daß er mit dem allerunglaublichsten Unternehmen anfing. Ja, es kommt vor, daß solchen Leuten in solcher Lage die phantastischsten Unternehmungen gerade die möglichsten scheinen. Er entschloß sich plötzlich, zum Kaufmann Ssamssonoff, dem Protektor Gruschenkas, zu gehen, und ihm einen Plan vorzulegen, um sich auf diese Weise sofort das nötige Geld zu verschaffen. Den kommerziellen Wert seines Projektes bezweifelte er nicht im mindesten. Was ihn peinlich beschäftigte, war viel mehr die eine Frage: wie der alte Ssamssonoff diesen Schritt aufnehmen werde, wenn er ihn nicht ausschließlich von der kommerziellen Seite betrachten sollte. Mitjä kannte diesen Kaufmann nur dem Ansehen nach: bekannt mit ihm war er nicht, noch nie hatte er mit ihm gesprochen. In Mitjä jedoch hatte sich schon lange die Überzeugung festgesetzt, daß dieser alte Wollüstling, dessen Stunden bereits gezählt waren, nichts dagegen haben würde, wenn Gruschenka einen „zuverlässigen Menschen“ heiraten wollte, ja, daß er sogar selbst wünschen werde, ihr dazu zu verhelfen, besonders wenn sich eine so gute Gelegenheit bot. Nach dem Hörensagen oder aus einigen Worten Gruschenkas entnahm er wohl, daß der Alte für Gruschenka Fedor Pawlowitsch vorgezogen hätte. Vielleicht werden viele Leser meiner Erzählung diese Hoffnung Mitjäs auf eine solche Hilfe und die Absicht, die Braut gewissermaßen aus den Händen ihres früheren Beschützers zu empfangen, sehr wenig feinfühlig von Dmitrij Fedorowitsch finden. Ich kann dazu nur eines bemerken: daß die Vergangenheit Gruschenkas von ihm als etwas ganz Abgetanes angesehen wurde. Er sah auf diese Vergangenheit mit unendlichem Mitleid, und in der Glut seiner Leidenschaft glaubte er, daß von dem Augenblick an, wenn Gruschenka ihm sagen werde, daß sie ihn liebe und mit ihm gehen wolle, sofort eine andere Gruschenka und er zusammen mit ihr gleichfalls ein anderer Dmitrij Fedorowitsch sein würde, ohne alle Laster und nur noch mit Tugenden begabt; beide würden sie einander alles vergeben und ihr Leben ganz von neuem beginnen. Was aber Kusjma Ssamssonoff anbelangt, so zählte er ihn zu den „verhängnisvollen“ Menschen in Gruschenkas früherem verunglückten Leben, den sie indessen nie geliebt hatte, und der – und dies war die Hauptsache – auch schon „Vergangenheit“ war, so daß er für ihn überhaupt nicht mehr da zu sein schien. Und außerdem konnte ihn Mitjä jetzt auch gar nicht mehr für einen Mann halten: wußte doch jedermann in der Stadt, daß die Beziehungen dieser „Ruine“ zu Gruschenka nur noch väterlicher Art und durchaus nicht mehr die von früher waren, und zwar schon lange nicht mehr, fast schon seit einem Jahr. Jedenfalls war von seiten Mitjäs viel Herzenseinfalt dabei, denn bei all seinen Lastern war er doch ein gutmütiger Mensch. Infolge dieser Herzenseinfalt war er denn auch unter anderem fest überzeugt, daß der alte Kusjma, jetzt, da er sich vorbereitete, in die andere Welt abzugehen, aufrichtige Reue wegen seiner Vergangenheit mit Gruschenka empfände, und daß Gruschenka nun keinen besseren Gönner, noch zuverlässigeren Freund haben könnte als gerade diesen harmlos gewordenen Alten.

Am Tage nach seinem Gespräch mit Aljoscha auf dem Felde (nach welchem Mitjä die ganze Nacht nicht hatte schlafen können), erschien er um zehn Uhr morgens im Hause Ssamssonoffs und ließ sich bei ihm anmelden. Es war ein altes, düsteres, sehr großes, zweistöckiges Haus mit einem Anbau und Nebengebäuden auf dem Hof. In der unteren Etage lebten die beiden verheirateten Söhne Ssamssonoffs mit ihren Familien, eine alte Schwester von ihm und eine unverheiratete Tochter. Im Anbau des Hauses waren zwei seiner Kommis untergebracht, von denen einer wiederum Vater einer zahlreichen Familie war. Alle diese Familien lebten eingeengt und eingezwängt in ihren kleinen Wohnungen, doch den ganzen oberen Stock seines Hauses bewohnte der Alte allein und erlaubte nicht einmal, daß seine Tochter bei ihm wohnte, die ihn pflegte, und zu bestimmten Stunden und auf die immerwährenden Rufe jedesmal zu ihm von unten nach oben laufen mußte, ungeachtet ihrer schwachen Brust. Dieser obere Stock bestand aus einer Menge großer Paradezimmer, die auf alte, kaufmännische Art ausgestattet waren: mit langen, langweiligen Reihen plumper angestrichener Sessel und Stühle aus rotem Holz an den Wänden, mit kristallenen Kronleuchtern in Überzügen, mit alten, trüben Spiegeln zwischen den Fenstern. Alle diese Zimmer waren unbewohnt, denn der kranke Alte hatte sich in ein einziges kleines Zimmer zurückgezogen, in ein abgelegenes, kleines Schlafzimmer, wo ihm eine alte Magd, die ihre Haare mit einem Tuch umwickelt trug, und ein Bursche, der auf der Truhe im Vorzimmer schlief, aufwarteten. Wegen seiner geschwollenen Füße konnte der Alte überhaupt nicht mehr allein gehen und erhob sich daher sehr selten aus seinem Ledersessel; die Alte, die ihm aufstehen half, führte ihn dann ein-oder zweimal durch das Zimmer. Er war streng und wortkarg; selbst mit der Alten sprach er kaum. Als man ihm den „Hauptmann“, wie der Alte Dmitrij Fedorowitsch zu nennen pflegte, meldete, befahl er, ihn abzuweisen. Aber Mitjä bestand darauf und bat, ihn noch einmal anzumelden. Kusjma Kusjmitsch erkundigte sich ausführlich beim Burschen nach dem Besuch: „Wie sieht er aus? Ist er nicht betrunken? Ist er vielleicht aufgebracht?“ und erhielt zur Antwort, daß er „nüchtern“ sei, aber auf keinen Fall fortgehen wolle. Der Alte befahl, ihn noch einmal abzuweisen. Da schrieb Mitjä, der das alles vorausgesehen und sich für den Fall mit Bleistift und Papier versorgt hatte, auf eine Karte: „In einer sehr dringlichen Angelegenheit, die Agrafena Alexandrowna betrifft,“ und schickte sie dem Alten. Nach einigem Nachdenken befahl der Alte dem Burschen, den Gast in den Saal zu führen; die Alte aber schickte er zum jüngeren Sohn nach unten, mit der Weisung, der möge sofort sich zu ihm nach oben begeben. Dieser jüngere Sohn, ein Mann von fast sieben Fuß Länge und von außergewöhnlicher Kraft, mit glattrasiertem Gesicht und in deutscher Kleidung (Ssamssonoff selbst trug einen russischen Leibrock und einen langen Bart), erschien sofort und ohne ein Wort zu reden. Alle zitterten sie vor dem Vater. Der Vater hatte den jungen Mann nicht etwa aus Furcht vor dem „Hauptmann“ rufen lassen, denn er war nichts weniger als furchtsam, sondern vielmehr, um auf jeden Fall einen Zeugen zugegen zu haben. In Begleitung des Sohnes und des Burschen, die ihn unter den Armen gestützt hielten, erschien der Alte endlich im Saal. Man sollte meinen, daß auch er eine genügend starke Neugier empfinden mußte. Der Saal, in dem Mitjä wartete, war ein sehr großes, dunkles, die Seele des Menschen bedrückendes Gemach, mit zwei übereinanderliegenden Fensterreihen und mit einer Galerie; die Wände waren marmorartig bemalt, und an der Decke hingen drei große Kristall-Kronleuchter in Überzügen. Mitjä saß auf einem kleinen Stuhl neben der Tür und wartete in nervöser Ungeduld. Als der Alte in der gegenüberliegenden großen Tür erschien, sprang Mitjä sofort vom Stuhl auf und ging ihm mit seinen festen Offiziersschritten entgegen. Er war gut gekleidet: in zugeknöpftem Gehrock, einen schwarzen, englischen Hut in der Hand und in schwarzen Handschuhen, fast genau so, wie er am Tage vorher beim Staretz zur Familienversammlung erschienen war. Der Alte erwartete ihn stehend, würdig und streng, und Mitjä fühlte sofort, daß jener ihn, solange er auf ihn zuging, musternd betrachtete. Das Gesicht Kusjma Kusjmitschs war in der letzten Zeit ganz aufgeschwollen und setzte Mitjä etwas in Erstaunen: seine untere und ohnehin schon dicke Lippe glich jetzt geradezu einem hängenden, dicken Fleischlappen. Würdig und schweigend verneigte er sich vor dem Gast und wies ihm einen Sessel neben dem Diwan an; er selbst aber ließ sich – von seinem Sohne gestützt und schwer ächzend – Mitjä gegenüber auf dem Diwan nieder. Mitjä empfand, als er die Anstrengung des Alten sah, in seinem Herzen sofort etwas wie zartfühlende Reue wegen seiner Belästigung eines so würdigen, kranken Greises.

„Womit kann ich Ihnen gefällig sein, mein Herr,“ fragte endlich der Alte, nachdem er sich gesetzt hatte, langsam, deutlich, streng, doch in höflichem Tone.

Mitjä fuhr zusammen und wollte schon vom Stuhl aufspringen, besann sich aber und blieb sitzen. Darauf fing er sofort mit lauter Stimme, sich überstürzend, mit unruhigen Gesten und in großer Aufregung zu reden an. Es war, wie wenn ein Mensch an der letzten Grenze angelangt ist, unmittelbar vor dem Untergang steht und noch einen letzten Ausweg sucht, – gelingt es ihm nicht, ihn zu finden, so springt er sofort ins Wasser. Alles das begriff der alte Ssamssonoff sofort, doch sein Gesicht blieb unveränderlich und kalt wie das eines Götzenbildes. Mitjä wußte nicht recht, wie er ihn anreden sollte.

„Der sehr geehrte Kusjma Kusjmitsch,“ begann er endlich, „wird wohl schon oft genug von meinen Streitigkeiten mit meinem Vater, Fedor Pawlowitsch Karamasoff, gehört haben, der mich des Erbes meiner leiblichen Mutter beraubt hat... da ja die ganze Stadt davon spricht... denn hier reden doch alle von Dingen, die sie nichts angehen... Außerdem hätten Sie von Gruschenka... pardon: von Agrafena Alexandrowna... der von mir hochgeehrten und hochgeachteten Agrafena Alexandrowna...“ So begann Mitjä und verwirrte sich schon bei den ersten Worten. Doch ich will hier nicht seine ganze Rede wortwörtlich wiederholen, sondern nur den Inhalt derselben. Zunächst ging’s folgendermaßen weiter: Mitjä hätte sich schon vor drei Monaten „absichtlich“ mit einem Advokaten aus der Gouvernementsstadt beraten, „mit dem berühmten Advokaten Pawel Pawlowitsch Korneplodoff. Sie werden diesen Namen wahrscheinlich schon gehört haben? Ein kluger Kopf, ein fast staatsmännischer Verstand... er kennt Sie... er hat Ihrer im besten Sinne erwähnt...“ Mitjä verlor schon wieder den Faden. Aber das hielt ihn nicht im geringsten auf, er überhastete sich und strebte immer weiter. Dieser Korneplodoff hätte nun, nachdem er die Dokumente, die Mitjä ihm stellen konnte, zur Durchsicht verlangt (von den Dokumenten sprach Mitjä sehr unklar, und er beeilte sich offenbar, über diesen Punkt hinwegzukommen), ihm gesagt, daß man in betreff des Gutes Tschermaschnjä, das Mitjä mütterlicherseits zukam, tatsächlich einen Prozeß gegen den alten Lüstling beginnen könne... „denn es sind doch nicht alle Türen verschlossen! Wer soll es denn sonst wissen, wenn nicht die Juristen, wo man durchschlüpfen kann!“ Mit einem Wort, man könne noch auf eine Abzahlung von sechstausend, sogar siebentausend Rubel von seiten Fedor Pawlowitschs hoffen. Denn Tschermaschnjä sei immerhin nicht weniger als fünfundzwanzigtausend wert, „das heißt achtundzwanzig – was sage ich –, dreißig, dreißigtausend, Kusjma Kusjmitsch, und denken Sie sich doch, ich hab nur siebzehntausend von ihm ausgezahlt erhalten!... Ich habe die Sache damals nur deswegen liegen lassen, weil ich nichts mit dem Gericht zu tun haben wollte, doch als ich herkam, fiel ich geradezu aus den Wolken: Er bereitete eine Gegenklage vor!“ (Hier verwirrte sich Mitjä von neuem und übersprang daher auch diesen Punkt.) „Mit einem Wort, wollen Sie vielleicht, sehr geehrter Kusjma Kusjmitsch, alle meine Ansprüche auf dieses Gut übernehmen, und mir dafür nur dreitausend Rubel geben... Sie können dabei in keinem Falle etwas verlieren, dessen versichere ich Sie bei meiner Ehre, sondern Sie können statt dreitausend, sechs-bis siebentausend gewinnen... Die Hauptsache ist aber, daß man die Sache so schnell als möglich erledigt, wenn möglich sogar heute schon... Ich werde Ihnen beim Notar, oder wie da... Mit einem Wort, ich bin zu allem bereit, ich werde Ihnen alle Dokumente einhändigen, die Sie nur wollen, alles unterschreiben... und wir würden dieses Papier sofort aufsetzen, und wenn es nur möglich, ja wenn es nur irgend möglich ist, sogleich heute alles erledigen... Sie würden mir die Dreitausend geben... Denn welcher Kapitalist hier in der Stadt könnte sich mit Ihnen messen?... und Sie würden mich retten vor... mit einem Wort, Sie würden meinen Kopf retten, um einer hochherzigen... Ich hege die edelsten Gefühle zu einer gewissen Dame, die Sie nur zu gut kennen, und die Sie väterlich beschützen. Es sind hier, wenn Sie wollen, drei mit den Köpfen zusammengestoßen, denn das Schicksal – das ist etwas Grausames! Der Realismus, Kusjma Kusjmitsch, der Realismus! Da man Sie aber schon seit langem ausschließen muß, so bleiben nur noch zwei Köpfe... pardon, ich drücke mich vielleicht nicht ganz geschickt aus... ich bin kein Literat. Das heißt, der eine Kopf, das bin ich, und der andere – das ist das Ungeheuer! Und so wählen Sie denn. Alles liegt jetzt in Ihren Händen... drei Schicksale und zwei Lose... Verzeihen Sie, ich habe mich versprochen... doch Sie verstehen schon... ich sehe es an Ihren ehrwürdigen Augen, daß Sie verstanden haben... Wenn Sie aber nicht verstehen wollen, so ist es heute noch aus mit mir!“

Mitjä hielt plötzlich in seiner sinnlosen Rede inne und erwartete eine Antwort auf seinen dummen Vorschlag. Bei der letzten Phrase hatte er plötzlich gefühlt, daß nun alles verloren war – und hauptsächlich, daß er einen schrecklichen Unsinn zusammengesprochen hatte. „Sonderbar, als ich herkam, schien mir alles so klar und gut, und jetzt ist alles Unsinn!“ ging es ihm plötzlich durch seinen hoffnungslosen Kopf. Die ganze Zeit, während er sprach, saß der Alte unbeweglich da und beobachtete ihn mit einem eisigen Ausdruck. Nachdem er ihn eine Weile auf seine Antwort hatte warten lassen, sagte er endlich im kühlsten und teilnahmlosesten Tone:

„Entschuldigen Sie, aber mit solchen Sachen befassen wir uns nicht.“

Mitjä fühlte, daß seine Füße schwach wurden.

„Was soll ich jetzt tun, Kusjma Kusjmitsch?“ murmelte er erblassend. „Was glauben Sie, jetzt bin ich doch verloren?“

„Entschuldigen Sie...“

Mitjä stand noch immer da und starrte vor sich hin, und plötzlich bemerkte er, daß im Gesicht des Alten etwas zuckte. Er schrak zusammen.

„Sehen Sie, mein Herr, solche Sachen – passen mir nicht,“ sagte langsam der Alte, „mit dem Gericht und mit den Advokaten, das ist das reine Unglück! Doch wenn Sie wollen, ich kenne einen Menschen, an den Sie sich damit wenden könnten...“

„Mein Gott, wer ist das?... Sie retten mich, Kusjma Kusjmitsch!“ stotterte Mitjä.

„Er ist kein Hiesiger, und auch jetzt befindet er sich nicht hier. Er ist Bauer, handelt mit Wald und heißt Ljägawyj. Mit Fedor Pawlowitsch verhandelt er schon ein Jahr lang wegen des Waldes von Tschermaschnjä; sie können mit dem Preis nicht übereinkommen, wie Sie vielleicht gehört haben. Jetzt ist er wieder hergekommen und hält sich beim Popen Iljinskij auf, zwölf Werst von der Station Wolowje entfernt, im Dorfe Iljinskoje. Er hat auch an mich in dieser Angelegenheit geschrieben, das heißt, er hat mich wegen des Waldes um Rat gefragt. Fedor Pawlowitsch wollte selbst hinfahren. Wenn Sie jetzt Fedor Pawlowitsch zuvorkommen und dem Ljägawyj dasselbe vorschlagen, was Sie mir vorgeschlagen haben, so könnte er...“

„Ein genialer Gedanke!“ unterbrach ihn Mitjä begeistert. „Gerade ihm, gerade ihm muß man das in die Hand geben! Er will den Wald kaufen, man verlangt einen hohen Preis von ihm, und da, da gibt man ihm ein Dokument mit dem Anrecht auf den ganzen Besitz in die Hände, hahaha!“ Und Mitjä lachte plötzlich sein trockenes, kurzes Lachen, und zwar so unerwartet, daß Ssamssonoff mit dem Kopf zurückzuckte.

„Wie soll ich Ihnen dafür danken, Kusjma Kusjmitsch!“ stieß Mitjä aufgeregt hervor.

„Ich bitte, nicht der Mühe wert,“ erwiderte Ssamssonoff mit einem Kopfneigen.

„Sie wissen gar nicht, Sie haben mich gerettet, mein Vorgefühl hat mich zu Ihnen geführt... Also, auf zu diesem Popen! Ich eile, ich fliege sofort... Ich habe auf Ihre Krankheit keine Rücksicht genommen... Aber ich werde es Ihnen nie vergessen! Ein russischer Mensch sagt Ihnen das, Kusjma Kusjmitsch, ein russischer Mensch!“

„Sehr wohl.“

Mitjä wollte bereits die Hand des Alten ergreifen, um sie zu schütteln, doch etwas Böses blitzte in dessen Augen auf. Mitjä ließ seine Hand sinken, machte sich aber seines Argwohns wegen sofort Vorwürfe. „Er ist ermüdet...“ ging es ihm durch den Sinn.

„Für sie! Für sie! Kusjma Kusjmitsch! Sie verstehen mich doch, alles ist ja für sie!“ rief er plötzlich laut durch den ganzen Saal, verbeugte sich, drehte sich auf dem Hacken hastig um und ging mit denselben raschen, gleichmäßigen Schritten, ohne sich umzukehren, dem Ausgang zu. Er zitterte vor Begeisterung. „Alles war schon verloren, da hat mich mein Schutzengel gerettet!... Und wenn schon selbst solch ein Geschäftsmann wie dieser Alte –, welch ein edler Greis, welch eine Haltung! – mir diesen Ausweg zeigt, so... so ist doch wenigstens schon der Weg gefunden! Ich werde sofort hinfahren. Vor der Nacht bin ich dann wieder zurück, und die Sache ist erledigt. Der Alte hat sich doch nicht über mich lustig machen wollen?“ So dachte Mitjä bei sich, als er in seine Wohnung eilte. Es konnte ihm auch gar nicht anders scheinen: entweder, es war ein sachlicher Rat (von solch einem Geschäftsmann!) mit Sachkenntnis gegeben, oder – oder aber der Alte hatte sich wirklich über ihn lustig gemacht! Leider war der zweite Gedanke der richtige. Später, lange nachher, als die ganze Katastrophe schon geschehen war, gestand der alte Ssamssonoff selbst lachend, daß er sich über den „Hauptmann“ tatsächlich lustig gemacht hatte. Er war ein böswilliger, kalter und höhnischer Mensch, und dazu war er noch voller krankhafter Abneigungen. Die begeisterte Stimmung des „Hauptmanns“, die dumme Überzeugung dieses „Verschwenders und Verschleuderers“, daß er, Ssamssonoff, auf so einen „wilden Plan“ hereinfallen könnte, die Eifersucht wegen Gruschenka, um derentwillen dieser „Herumtreiber“ zu ihm gekommen war, um für irgendeinen wilden Blödsinn Geld zu erhalten – ich weiß nicht, was in dem Alten in jenem Augenblick aufstieg, als Mitjä vor ihm stand und fühlte, daß seine Füße schwach wurden, und er sinnlos ausrief, daß er verloren sei: aber in dieser Minute sah der Greis mit unendlicher Wut auf ihn und nahm sich vor, ihn zum besten zu haben. Als Mitjä hinausgegangen war, befahl Kusjma Kusjmitsch, bleich vor Zorn, seinem Sohn, dafür zu sorgen, daß von diesem Herumtreiber hinfort selbst nicht der Schatten mehr vor seine Augen komme, nicht einmal auf den Hof solle man ihn lassen, geschweige denn...

Er beendete seine Drohung nicht, doch der Sohn, der ihn oft im Zorn gesehen hatte, erzitterte vor Furcht, denn so war der Vater noch nie gewesen. Noch eine ganze Stunde nachher bebte der Alte vor Wut, und zum Abend hin erkrankte er und schickte nach dem Arzt.

II — Ljägawyj

So mußte sich Mitjä denn aufmachen, doch Geld, um die Pferde zu bezahlen, besaß er nicht: im ganzen hatte er noch zwei Zwanzigkopekenstücke, das war aber auch alles, was ihm von seinem früheren Wohlstande verblieben war. Aber bei ihm zu Haus lag noch eine alte silberne Uhr, die schon längst zu gehen aufgehört hatte. Er nahm sie und brachte sie zu einem Uhrmacher, einem Juden, der seinen kleinen Laden am Markt hatte. Der gab für sie sechs Rubel. „So viel? Das hatte ich gar nicht erwartet!“ rief Mitjä entzückt aus (er war die ganze Zeit über noch begeistert), steckte sich die sechs Rubel ein und eilte nach Haus. Zu Hause borgte er von seinen Hauswirten noch drei Rubel dazu; sie gaben sie ihm mit Vergnügen, ungeachtet dessen, daß es ihr letztes Geld war – so sehr liebten sie ihn. Mitjä erzählte ihnen sofort in seiner Begeisterung, daß sein Schicksal sich jetzt entscheiden werde, erzählte ihnen in großer Eile fast seinen ganzen „Plan“, den er soeben noch Ssamssonoff vorgelegt hatte, darauf den Rat Ssamssonoffs, alle seine Hoffnungen usw. usw. Die Hauswirte waren auch schon früher in viele seiner Geheimnisse eingeweiht worden und betrachteten ihn als einen zu ihnen Gehörigen, und durchaus nicht als stolzen Herrn Leutnant. Nachdem er auf diese Weise also neun Rubel zusammengebracht hatte, schickte er nach Postpferden, um zur Station Wolowje zu fahren. Auf diese Weise konnte später die Tatsache festgestellt werden, daß Mitjä „am Tage vor dem Ereignisse keinen Kopeken besessen hatte, und daß er, um sich das Geld, das er zur Fahrt nötig hatte, zu verschaffen, seine Uhr verkauft und drei Rubel von den Hauswirten geborgt hatte, und das alles vor Zeugen.“

Ich hebe diese Tatsache schon jetzt hervor, später wird sich erklären, warum ich es tue.

Wenn nun Mitjä auch während der ganzen Fahrt bis zur Station Wolowje, vor Freude darüber, daß jetzt endlich sich alles lösen und „alle diese Gemeinheiten“ ein Ende nehmen würden, förmlich berauscht war, so zitterte er trotz alledem vor Angst bei dem schrecklichen Gedanken: „Was wird Gruschenka während meiner Abwesenheit tun? Wenn sie sich nun gerade heute entschließt, zum Vater zu gehen?“ Darum hatte er ihr auch nicht gesagt, daß er fortfahren werde und den Hauswirten strengstens verboten, zu verraten, wohin er sich begeben hatte, falls jemand kommen sollte, um nach ihm zu fragen. „Ich muß unbedingt, unbedingt noch heute abend zurückkehren,“ sagte er sich immer wieder, „und diesen Ljägawyj müßte man eigentlich mitschleppen, damit man alle Formalitäten sofort erledigen kann...“ So träumte Mitjä mit bangem Herzen, doch leider sollten sich diese Träume nicht nach seinem „Plane“ verwirklichen. Erstens: er verspätete sich, da er von der Station Wolowje einen Nebenweg eingeschlagen hatte. Der Nebenweg war aber nicht zwölf, sondern achtzehn Werst lang. Zweitens traf er den Iljinskijschen Popen nicht zu Haus, da jener auf ein benachbartes Gut gefahren war. Als Mitjä ihm mit seinen müdegejagten Pferden auf das Gut nachfuhr und ihn endlich fand, wurde es schon Nacht. Das „Väterchen“, dem Äußeren nach ein bescheidener und liebenswürdiger Mensch, erklärte sofort bereitwillig, daß dieser Ljägawyj sich wohl zuerst bei ihm aufgehalten habe, doch jetzt sich in Ssuchoj Possjolok, wo er Wald kaufe, beim Buschwächter befinde, und dort in dessen Hütte übernachten werde. Auf die inständigen Bitten Mitjäs, ihn sofort zu diesem Ljägawyj zu bringen und ihn dadurch zu „retten“, weigerte sich das Väterchen zuerst, schließlich aber willigte es doch ein, ihn nach Ssuchoj Possjolok zu führen, da es augenscheinlich selbst eine große Neugierde empfand. Zum Unglück riet er aber Mitjä, mit ihm zu Fuß dahin zu gehen, da es nur etwas mehr als eine Werst entfernt sei. Mitjä, versteht sich, willigte sofort ein und ging mit seinen langen Schritten drauflos, so daß das arme Väterchen fast hinter ihm herlaufen mußte. Es war das noch kein alter, doch ein sehr vorsichtiger Mensch. Mitjä sprach sofort wieder begeistert mit ihm über seine Pläne, verlangte voll Unruhe seinen Rat in betreff Ljägawyjs und sprach überhaupt den ganzen Weg. Das Väterchen hörte ihm aufmerksam zu, riet ihm aber wenig. Auf die Fragen Mitjäs antwortete es ausweichend: „Ich weiß es nicht, ich, ich weiß es nicht, wie soll ich das wissen“ usw. Als Mitjä von seinen Streitigkeiten mit Fedor Pawlowitsch wegen seiner Erbschaft erzählte, erschrak das Väterchen sogar, da es in irgendwelchen Dingen von Fedor Pawlowitsch abhängig war. Mit Verwunderung fragte der Pope übrigens Mitjä, warum er diesen Holzhändler Gorstkin „Ljägawyj“ nannte, und er erklärte Mitjä ausführlich, daß jener, wenn er auch Ljägawyj hieße, sich doch nicht Ljägawyj nenne; mit diesem Namen kränke man ihn bis aufs Blut, und Mitjä solle ihn nur ja Gorstkin anreden, denn sonst würde aus der Sache nichts werden, und „er würde Sie überhaupt nicht anhören“, schloß das Väterchen. Mitjä war darüber sehr verwundert und erklärte ihm, daß Ssamssonoff selbst jenen Holzhändler so genannt habe! Als der Priester das hörte, brach er das Gespräch sofort ab, obgleich es besser gewesen wäre, wenn er Mitjä seinen Verdacht mitgeteilt hätte: daß Ssamssonoff, wenn er ihn zu diesem Bauer, als zu „Ljägawyj“ geschickt hat, sich über ihn nur habe lustig machen wollen, und daß dabei etwas nicht ganz in Ordnung sein müsse. Doch Mitjä hatte keine Zeit, jetzt „an solche Kleinigkeiten“ zu denken. Er beeilte sich, schritt weit aus, und erst, als er in Ssuchoj Possjolok angelangt war, erriet er, daß sie nicht eine Werst, wohl aber drei Werst gegangen waren; das ärgerte ihn ein wenig, aber er schwieg darüber. Sie traten in die Hütte. Der Buschwächter, ein Bekannter des Väterchens, wohnte in der einen Hälfte der Hütte, in der anderen, in der „guten Stube“, rechts vom Flur, hatte sich Gorstkin einquartiert. Sie traten in die gute Stube, und es wurde für sie sofort ein Talglicht angezündet. Die Stube war stark geheizt. Auf einem Tannenholztisch stand ein verlöschter Ssamowar, ein Teebrett mit Tassen, eine geleerte Flasche Rum, ein fast geleerter Liter Branntwein und Reste von Weizenbrot. Der Angereiste selbst lag ausgestreckt auf einer Holzbank, hatte seinen zusammengerollten Überrock statt eines Kissens unter den Kopf geschoben und schnarchte laut. Mitjä war einen Augenblick unentschlossen. „Man muß ihn wecken! Meine Angelegenheit ist zu wichtig, und ich habe es so eilig, ich muß heute noch zurückfahren,“ sagte Mitjä in seiner Erregung; das Väterchen und der Wächter standen dabei, schweigend, und keiner äußerte seine Meinung. Mitjä ging zum Schlafenden und versuchte ihn zu wecken, rüttelte ihn kräftig, aber der Schlafende wachte nicht auf. „Er ist betrunken!“ rief Mitjä erschrocken aus, „was soll ich jetzt tun, mein Gott, was soll ich jetzt tun!“ Und plötzlich begann er in seiner Ungeduld den Schlafenden an den Händen und Füßen zu zerren, seinen Kopf zu schütteln, ihn aufzuheben und auf die Bank zu setzen, doch seine ganze lange Liebesmüh war umsonst: der Betrunkene brummte und grunzte nur und fing schließlich an kräftig, wenn auch undeutlich zu schimpfen.

„Nein, besser, Sie schieben es noch auf,“ sagte endlich das Väterchen, „er ist augenblicklich nicht imstande...“

„Er hat den ganzen Tag getrunken,“ berichtete nun auch der Buschwächter.

„Mein Gott!“ rief Mitjä ganz verzweifelt, „wenn Sie nur wüßten, wie sehr die Sache drängt, in welch einer Verzweiflung ich mich jetzt befinde!“

„Aber es wäre auch für Sie besser, bis zum Morgen zu warten,“ meinte wieder das Väterchen.

„Bis zum Morgen? Erbarmen Sie sich, das ist unmöglich!“ Und in seiner Verzweiflung wollte er sich wieder auf den Betrunkenen stürzen, um ihn zu wecken, doch ließ er sofort davon ab, da er die Nutzlosigkeit dieser Anstrengung einsah. Der Pope schwieg, der verschlafene Wächter stand mit düsterer Miene da.

„Herrgott, welche furchtbaren Tragödien die Wirklichkeit doch mit den Menschen aufführt!“ rief Mitjä verzweifelt aus. Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er stand schweigend da. Das Väterchen benutzte den Augenblick, um ihm noch einmal vernünftig zuzureden: daß, wenn es ihm auch gelänge, den Schlafenden aufzuwecken, dieser in seiner Betrunkenheit doch nicht zu solch einem Gespräch fähig sein werde, „und da Ihre Sache von so großer Wichtigkeit ist, so wäre es besser, sie bis zum Morgen aufzuschieben...“ Mitjä breitete nur die Arme aus und schickte sich wohl oder übel drein.

„Väterchen, ich werde mit dem Licht hierbleiben und werde einen Augenblick zu erhaschen versuchen. Wenn er aufwacht, werde ich sofort beginnen... Das Licht werde ich dir bezahlen,“ sagte er zum Wächter gewandt, „für das Nachtlogis gleichfalls, wirst noch an Dmitrij Karamasoff denken. Was wird aber nun aus Ihnen, Väterchen, ich weiß nicht, wo Sie bleiben sollen, wo Sie sich hinlegen könnten...“

„Nein, ich gehe zu mir nach Haus. Ich werde auf seiner Stute zurückreiten,“ sagte das Väterchen, auf den Wächter weisend. „Leben Sie wohl, ich wünsche Ihnen guten Erfolg.“

Und so geschah es denn auch. Der Pope ritt auf der kleinen Stute davon, froh darüber, daß er sich endlich von der Sache losgemacht hatte. Doch schüttelte er noch lange nachdenklich sein Haupt und dachte unruhig darüber nach, ob es nicht besser wäre, morgen frühzeitig seinen Gönner Fedor Pawlowitsch von diesem bemerkenswerten Fall zu benachrichtigen, „denn ist die Stunde, in der er es erfährt, ungünstig, so kann er noch wütend werden und seine Güte zu mir einschränken.“ Der Waldwächter kratzte sich hinterm Ohr und ging schweigend in seine Kammer. Mitjä setzte sich auf die Bank, um, wie er gesagt hatte, den Augenblick zu erhaschen! Schwermut breitete sich wie Nebel über seine Seele; es war eine tiefe, lähmende Schwermut! Und doch gaben ihm die Sorgen keine Ruh. Er saß da und grübelte und konnte sich trotzdem nicht klar und schlüssig werden. Das Licht brannte nieder; ein Heimchen zirpte hin und wieder, und in dem geheizten Zimmer wurde es unerträglich beklemmend. Plötzlich sah er einen Garten vor sich, einen Gang hinter dem Garten, im Hause des Vaters öffnete sich geheimnisvoll eine Tür, und durch die Tür schlüpfte Gruschenka... Er sprang auf.

„Die Tragödie!“ sagte er zähneknirschend, mechanisch ging er zum Schlafenden und betrachtete ihn. Es war ein hagerer, noch nicht alter Bauer mit länglichem Gesicht, rötlichen Locken und einem langen, dünnen roten Bart, in einem Kattunhemd und in schwarzer Weste, aus deren Tasche die silberne Kette einer silbernen Uhr heraushing. Mitjä betrachtete diesen Menschen mit unbeschreiblichem Haß, und es war ihm aus irgendeinem Grunde besonders widerwärtig, daß er Locken hatte. Hauptsächlich aber war für ihn beleidigend, daß er, Mitjä, jetzt hier bei ihm stehend warten mußte, mit dieser unaufschiebbaren Angelegenheit, dabei noch so viel opferte, so viel wagte und so gequält war, während dieser Faulpelz, „von dem jetzt mein ganzes Schicksal abhängt, schnarcht, als ob nichts wäre, als befände er sich auf einem anderen Planeten. Oh, Ironie des Schicksals!“ rief Mitjä verzweifelt aus, verlor plötzlich ganz den Kopf und stürzte sich wieder auf den Menschen, um ihn zu wecken. In einer Art Raserei riß er ihn herum, stieß ihn, schlug ihn, doch als er nach fünf Minuten nichts erreichte, kehrte er in kraftloser Verzweiflung wieder auf seine Bank zurück und setzte sich wieder hin.

„Dumm, dumm ist es!“ murmelte er. „Und... wie ist das alles ehrlos!“ fügte er plötzlich noch aus irgendeinem Grunde hinzu. Ihm tat der Kopf entsetzlich weh: „Sollte ich es nicht ganz aufgeben? Fortfahren?“ dachte er einen Augenblick. „Nein, ich bleibe lieber bis zum Morgen. Jetzt bleibe ich erst recht! Wozu bin ich denn hergekommen? Ja, und wie soll ich denn jetzt von hier fortkommen? Oh, ich Esel!“

Der Kopfschmerz wurde aber immer stärker. Unbeweglich saß er da, und unversehens war er sitzend eingeschlafen. Wahrscheinlich hatte er zwei bis drei Stunden geschlafen. Als er erwachte, glaubte er, sein Kopf müsse zerspringen, er hätte schreien mögen vor Schmerz. In seinen Schläfen hämmerte das Blut, und in den Ohren summte es. Zuerst konnte er noch lange nicht zu sich kommen: nicht begreifen, was mit ihm eigentlich geschehen war. Endlich begriff er, daß im überheizten Zimmer ein schrecklicher Dunst war, und daß er vielleicht hätte sterben können. Der betrunkene Bauer aber lag und schnarchte wie zuvor; das Licht war heruntergebrannt und drohte zu erlöschen. Mitjä stürzte wankend hinaus in den Flur und in die Stube des Wächters. Der erwachte sofort, doch als er hörte, daß in der anderen Stube Dunst sei, machte er sich zwar sofort auf, um hinzugehen, nahm aber diese Tatsache mit sonderbarem Gleichmut auf, was Mitjä äußerst erstaunte und beleidigte.

„Aber er ist vielleicht gestorben, gestorben, und was dann... was dann?“ schrie ihn Mitjä außer sich an.

Man öffnete die Tür, das Fenster, das Ofenrohr. Mitjä schleppte einen Eimer voll Wasser aus dem Flur und befeuchtete sich den Kopf, und als er darauf ein Handtuch gefunden hatte, steckte er es ins Wasser und legte es dem Ljägawyj auf die Stirn. Der Wächter verhielt sich gleichgültig zu allem, was geschah. Als er das Fenster geöffnet hatte, sagte er mürrisch: „So, ist schon gut,“ und ging wieder fort. Er überließ Mitjä eine Blechlaterne. Mitjä mühte sich noch eine halbe Stunde um den Betrunkenen, machte ihm Kompressen um den Kopf und beabsichtigte im Ernst, die ganze Nacht über nicht mehr zu schlafen, doch gequält und ermüdet setzte er sich wieder auf eine Minute hin, um etwas aufzuatmen, und im selben Augenblick fielen ihm auch schon die Augen zu: ganz unbewußt streckte er sich auf der Bank aus und – schlief wie ein Toter.

Er erwachte sehr spät. Es war schon etwa neun Uhr morgens. Die Sonne schien hell durch die beiden Fensterchen in die Stube. Der lockige Bauer von gestern saß bereits angekleidet auf der Bank. Vor ihm stand ein kochender Ssamowar und ein neuer Liter Branntwein. Der gestrige, alte Liter war schon geleert und der neue Liter bis zur Hälfte ausgetrunken. Mitjä sprang auf und bemerkte sofort, daß der verfluchte Bauer wieder betrunken war, schwer betrunken. Er sah ihn eine Minute lang starr an. Der Bauer betrachtete ihn gleichfalls schweigend mit einem schlauen Blick und beleidigender Ruhe, wenn nicht gar mit verächtlichem Hochmut. So schien es wenigstens Mitjä. Er stürzte auf ihn zu.

„Erlauben Sie, sehen Sie... ich... Sie werden wohl schon von dem Buschwächter in der Stube drinnen gehört haben: ich bin der Leutnant Dmitrij Karamasoff, der Sohn des alten Karamasoff, von dem Sie hier Wald kaufen wollen.“

„Das lügst du,“ sagte bestimmt und ruhig der Bauer.

„Wieso lüge ich? Sie kennen doch Fedor Pawlowitsch?“

„Gar keinen Fedor Pawlowitsch kenne ich,“ sagte der Bauer mit schwerlallender Zunge.

„Aber den Wald, den Wald wollen Sie doch von ihm kaufen! Wachen Sie doch auf, besinnen Sie sich doch! Das Väterchen, Pawel Iljinskij, hat mich hergebracht... Sie haben an Ssamssonoff geschrieben, und er hat mich zu Ihnen geschickt...“

Mitjä holte tief Atem.

„Du lügst!“ wiederholte Ljägawyj langsam, deutlich und mit steifer Zunge. Mitjä fühlte, daß ihm die Füße kalt wurden.

„Erbarmen Sie sich, das ist doch kein Spaß! Sie haben vielleicht einen Rausch... Sie wissen vielleicht nicht was Sie sagen... sonst... sonst verstehe ich nichts!“

„Du bist ein Färber!“

„Erbarmen Sie sich, ich bin doch Karamasoff, Dmitrij Karamasoff, ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen... einen vorteilhaften Vorschlag... sehr vorteilhaft... und gerade in betreff des Waldes...“

Der Bauer strich sich wichtig den Bart.

„Nein, du hast die Lieferung übernommen, und bist als Schuft daraus hervorgegangen. Ein Schuft bist du!“

„Ich versichere Ihnen, daß Sie sich irren!“ Mitjä rang fast die Hände vor Verzweiflung. Der Bauer strich sich immer noch den Bart, und plötzlich kniff er listig die Augen zusammen.

„Nein, weißt du, was du mir zeigen kannst? Zeige mir solch ein Gesetz, nach dem es erlaubt ist, Gemeinheiten zu machen, hörst du! Ein Schuft bist du, verstehst du, was ich dir sage?“

Mitjä wandte sich finster von ihm ab, und plötzlich war es ihm, als wenn ihn „etwas vor die Stirn schlug,“ wie er sich selbst später ausdrückte. „Plötzlich kam eine Erleuchtung über mich, ein Licht ging mir auf, und ich verstand alles.“ Er stand und konnte nicht begreifen, wie er als einsichtiger Mensch sich mit solch einer Dummheit hatte befassen, wie er sich die ganze Zeit mit diesem Ljägawyj hatte abgeben können. „Und ich habe ihm noch den Kopf gekühlt!“... „Betrunken ist der elende Kerl, betrunken bis zum Delirium, und er wird noch eine ganze Woche trinken – wie lange soll ich da warten? Wie aber, wenn Ssamssonoff mich absichtlich hergeschickt hat? Wie, wenn sie... Oh, mein Gott, was habe ich getan!...“

Der Bauer saß da, betrachtete ihn und schmunzelte. Unter anderen Umständen hätte Mitjä diesen Dummkopf aus Wut vielleicht erschlagen; in diesem Augenblick fühlte er sich aber so schwach wie ein Kind. Still ging er zur Bank, nahm seinen Mantel, zog ihn schweigend an und ging zur Stube hinaus. Den Buschwächter fand er in der anderen Stube nicht vor, es war niemand da. Er nahm aus seiner Tasche Kleingeld, an fünfzig Kopeken, und legte es auf den Tisch – für das Nachtlager, für das Licht und „die Störung“. Als er aus der Hütte hinaustrat, sah er, daß ringsherum nur Wald war und sonst nichts. Er ging aufs Geratewohl weiter, ohne darüber nachzudenken, ob man nach rechts oder nach links von der Hütte abbiegen mußte; gestern abend hatte er in der Eile nicht auf den Weg geachtet. Er fühlte gegen niemanden Haß in seiner Seele, nicht einmal Ssamssonoff konnte er hassen. Er schritt auf dem schmalen Waldwege gedankenlos und wie verloren einher, „mit einer verlorenen Idee“ und kümmerte sich überhaupt nicht darum, wohin er ging. Ihn hätte ein Kind überwältigen können, dermaßen müde war er plötzlich, sowohl körperlich wie seelisch. Indessen fand er sich doch irgendwie aus dem Walde heraus – plötzlich lagen vor ihm unabsehbare Strecken abgeernteter kahler Felder. „Welch eine Verzweiflung, welch ein Tod ringsum!“ sagte er vor sich hin und schritt weiter, immer weiter...

Da kam ein Fuhrmann mit einem alten kleinen Kaufmann auf diesem Nebenwege dahergefahren. Mitjä erkundigte sich bei ihnen nach dem Weg, und da hörte er denn, daß die beiden auch nach Wolowje fuhren. Sie kamen mit dem Preis überein, und Mitjä wurde als Reisegefährte mitgenommen. Nach drei Stunden kamen sie an. Auf der Wolowjeschen Station bestellte Mitjä sofort Postpferde zur Rückkehr in die Stadt, und da erst fühlte er einen unerträglichen Hunger. Während die Pferde angespannt wurden, bereitete man ihm einen Eierkuchen. Er verzehrte ihn sofort, aß ein großes Stück Brot, es fand sich auch noch Wurst dazu, die er gleichfalls aufaß: dazu trank er drei Schnäpse. Als er sich so gestärkt hatte, wurde er wieder munter, und auch in seiner Seele wurde es heller. Er jagte in die Stadt zurück und feuerte den Postknecht zu noch größerer Schnelligkeit an. Und plötzlich kam ihm eine gute Idee, die sich alsbald zu einem neuen „unwandelbaren“ Plan entwickelte, nämlich, wie er sich noch vor dem Abend dieses verfluchte Geld verschaffen könnte. „Und sich vorzustellen, nur vorzustellen, daß wegen dieser lumpigen dreitausend Rubel ein Mensch zugrunde gehen soll!“ rief er mit Verachtung aus. „Heute noch muß es sich entscheiden!“ Und wenn ihn nicht fortwährend der Gedanke an Gruschenka und daran, was alles inzwischen geschehen sein konnte, gequält hätte, so wäre er vielleicht wieder ganz heiter geworden. Doch der Gedanke an sie bohrte sich wie ein scharfes Messer in seine Seele. Endlich langte er wieder in der Stadt an, und sofort eilte er zu Gruschenka.

III — Die Goldgruben

Es war dies jener Besuch Mitjäs bei ihr, von dem sie Rakitin und Aljoscha am Abend desselben Tages mit Schrecken erzählt hatte. Sie erwartete damals schon seit einiger Zeit den berittenen Boten aus Mokroje und war daher sehr froh, daß Mitjä weder gestern noch heute zu ihr gekommen war, und vielleicht vor ihrer Abfahrt überhaupt nicht wiederkommen würde. Und nun plötzlich überraschte er sie. Das Weitere ist uns bekannt. Um ihn los zu werden, überredete sie ihn, sie zu Kusjma Ssamssonoff zu begleiten, zu dem sie, wie sie sagte, unbedingt gehen mußte, um „Geld zu zählen“, und als Mitjä sie dann begleitet hatte, nahm sie ihm das Wort ab, sie um Mitternacht wieder abzuholen, um sie nach Haus zu bringen. Mitjä war mit dieser Abmachung sehr zufrieden: „Sie wird bei Kusjma sitzen, und folglich nicht zum Vater gehen... wenn sie nur die Wahrheit sagt,“ fügte er sofort hinzu. Doch schien ihm dieses Mal, daß sie nicht log. Seine Eifersucht war von der Art, daß er während der Trennung von dem geliebten Weibe sich Gott weiß was für Schrecken ausdachte: was alles mit ihr geschieht und wie sie ihm „untreu“ ist. Doch kaum ist er dann – erschüttert, zerschmettert, und fest überzeugt, daß alles verloren sei, daß sie ihn schon verraten habe – wieder bei ihr angelangt: so sind nach dem ersten Blick in ihr Gesicht, in das lachende, fröhliche und zärtliche Gesicht der Geliebten, wieder alle Qualen vergessen, er schöpft wieder Hoffnung, verliert sofort jeglichen Verdacht, schämt sich seiner Eifersucht und schilt sich ihretwegen. Nachdem er Gruschenka zu Ssamssonoff begleitet hatte, ging er zu sich nach Haus. Oh, er hatte heute noch soviel zu erledigen! Aber seinem Herzen war doch ein wenig leichter. „Nur muß ich noch sehen, daß ich von Ssmerdjäkoff sofort erfahre, ob sie nicht gestern abend beim Alten gewesen ist, bei Fedor Pawlowitsch... unbedingt!“ ging es ihm durch den Kopf. So gelang ihm also noch nicht einmal, bis zu seiner Wohnung zu gehen, als die Eifersucht in seinem unruhigen Herzen schon wieder aufloderte.

Eifersucht! „Othello ist nicht eifersüchtig, er ist vertrauensselig,“ hat Puschkin gesagt, und schon allein diese eine Bemerkung zeigt die ungewöhnliche Tiefe unseres großen Dichters. Othellos Seele ist nur zermalmt, und seine ganze Weltanschauung hat sich getrübt, denn er hat „sein Ideal verloren“. Aber Othello wird sich nicht verstecken, wird nicht spionieren, nicht auflauern: er ist vertrauensselig! Im Gegenteil, man mußte ihn darauf bringen, ihn geradezu darauf stoßen, ihn mit aller Gewalt dazu anfachen, damit er auf einen Verrat verfiel. Anders ist es mit dem Eifersüchtigen. Man kann sich die ganze Schmach und die sittliche Erniedrigung gar nicht ausdenken, zu der ein Eifersüchtiger fähig ist, und in die er ohne jegliche Gewissensbisse verfallen wird. Oh, nicht, daß es etwa nur gemeine und schlechte Seelen wären! Im Gegenteil, mit reiner Liebe und großer Selbstaufopferung im Herzen, kann der Eifersüchtige sich zu gleicher Zeit unter Tischen verstecken, die gemeinsten Leute bestechen und sich mit den letzten Gemeinheiten eines Spionentums befreunden. Othello hätte sich niemals mit einem Verrat aussöhnen können – er hätte verziehen, nie aber sich ausgesöhnt – obgleich seine Seele unschuldig und gut wie die Seele eines Kindes war. Anders der wahre Eifersüchtige. Es ist schwer, sich vorzustellen, wonach er sich wieder aussöhnen, und was er alles verzeihen kann! Der Eifersüchtige verzeiht von allem am ehesten, und das wissen auch die Frauen. Der Eifersüchtige ist fähig (versteht sich, nach einer furchtbaren Szene), alles zu verzeihen, sogar einen fast erwiesenen Verrat, sogar Umarmungen und Küsse, die er selbst gesehen hat, wenn er nur zu gleicher Zeit hoffen kann, daß es „zum letztenmal“ gewesen ist, und daß sein Gegner von Stund an verschwinden, ans andere Ende der Welt fortfahren wird, oder daß er selbst sie irgendwohin entführen kann, an einen Ort, wo es seinem furchtbaren Gegner unmöglich ist, sie zu erreichen. Versteht sich, die Aussöhnung dauert nur eine Stunde, denn wenn der Gegner auch wirklich auf immer verschwindet, so wird er doch morgen einen anderen, einen neuen Gegner finden, und er wird aufs neue eifersüchtig sein. Und was liegt ihm so an dieser Liebe, und was ist diese Liebe wert, die so gehütet und belauscht, die so bewacht werden muß? Das ist eine Frage, die ein Eifersüchtiger überhaupt nicht versteht, und doch gibt es unter ihnen Männer, die wirklich hochherzig sind. Bemerkenswert ist darum, daß dieselben hochherzigen Menschen in irgendeinem Kämmerlein lauschend und spähend stehen können; obgleich sie nur zu gut mit ihrem „hohen Herzen“ die ganze Schmach begreifen, in die sie sich freiwillig selbst begeben haben, so werden sie doch in dieser Minute, wenigstens während sie da im Kämmerlein stehen, gar keine Gewissensbisse empfinden. Bei Mitjä, wenn er Gruschenka sah, verlor sich die Eifersucht ganz, und für den Augenblick war er voll Vertrauen und Anständigkeit und verachtete sich selbst wegen seiner schlechten Gefühle. Aber das bedeutete nur, daß in seiner Liebe zu dieser Frau etwas Höheres lag und nicht nur eine Leidenschaft für jene „Körperbiegung“, wie er es selbst geglaubt und wovon er noch mit Aljoscha gesprochen hatte. Sobald aber Gruschenka verschwunden war, begann Mitjä wieder, sie aller Niedrigkeiten des Verrats zu verdächtigen. Und dabei fühlte er dann nicht die geringsten Gewissensbisse.

So loderte denn auch jetzt die Eifersucht wieder in ihm auf. Vor allen Dingen mußte er sich beeilen und sich für jeden Fall etwas Geld verschaffen. Die gestrigen neun Rubel waren für die Fahrt aufgegangen, und ganz ohne Geld, das wußte er, konnte man ja keinen einzigen Schritt tun. So hatte er denn auch unterwegs, zusammen mit seinem neuen Plane, überlegt, von wo er sich dieses Geld verschaffen konnte. Er besaß noch zwei gute Duellpistolen mit Patronen, und wenn er sie bis jetzt noch nicht versetzt hatte, so hatte er dies nur darum nicht getan, weil er sie von allen seinen Sachen am meisten liebte. Im Gasthaus „Zur Hauptstadt“ hatte er flüchtig einen jungen Beamten kennen gelernt, von dem er wußte, daß er ein unverheirateter, wohlhabender Mensch war, der bis zur Leidenschaft Gewehre, Pistolen, Revolver, Degen kaufte, sie an den Wänden seines Zimmers aufhing, um sie dann seinen Bekannten zu zeigen und damit zu prahlen, daß er Meister im Erklären der verschiedenen Systeme sei, wie man sie laden, wie man sie abfeuern müsse usw. Mitjä dachte denn auch nicht lange darüber nach und begab sich sofort zu ihm, um seine Pistolen für zehn Rubel zu versetzen. Der Beamte bat Mitjä hocherfreut, sie ihm ganz zu verkaufen, doch Mitjä willigte nicht ein. Dieser gab ihm die zehn Rubel und erklärte ihm, daß er keine Prozente dafür nehmen werde. Sie schieden als Freunde. Mitjä beeilte sich, zu Fedor Pawlowitsch oder vielmehr in die Laube am Gartenzaun zu gelangen, um so schnell als möglich mit Ssmerdjäkoff zu sprechen.

Auf diese Weise konnte man später wieder die Tatsache feststellen, daß Mitjä drei oder vier Stunden „vor dem Ereignisse“ (von dem später die Rede sein wird), keine Kopeke Geld besaß, und daß er für zehn Rubel einen Lieblingsgegenstand versetzte, nach drei Stunden aber – Tausende in den Händen hatte... Doch ich greife vor.

Bei Marja Kondratjewna (der Nachbarin Fedor Pawlowitschs) erwartete ihn eine Nachricht, die ihn sehr erregte: er erfuhr, daß Ssmerdjäkoff krank war. Er hörte die Geschichte vom Sturz in den Keller an, von der Ankunft des Doktors, von den Bemühungen Fedor Pawlowitschs um den Kranken, und mit großem Interesse vernahm er von der Abfahrt Iwan Fedorowitschs nach Moskau. „Wahrscheinlich passierte er die Station Wolowje früher als ich,“ dachte Dmitrij Fedorowitsch, aber die Krankheit Ssmerdjäkoffs beunruhigte ihn doch sehr. „Wie wird es denn jetzt sein, wer wird jetzt für mich aufpassen, wer wird es mir melden?“ fragte er sich. Gierig begann er die Frauen auszufragen, ob sie gestern abend nichts bemerkt hätten. Diese verstanden sehr gut, um was es sich für ihn handelte, und beruhigten ihn vollkommen: „Niemand war da,“ sagten sie, „nur Iwan Fedorowitsch nächtigten im Hause, alles war in der größten Ordnung.“ Mitjä überlegte. Selbstverständlich mußte er auch heute aufpassen, aber wo? – Hier oder beim Ssamssonoffschen Hause? Er beschloß, dies hier wie dort zu tun, je nach den Umständen, zunächst aber, zunächst... Die Sache war nämlich die, daß es jetzt „diesen Plan“ auszuführen galt, den „neuen und richtigen“ Plan, den er sich auf der Fahrt ausgedacht hatte, und der sich nun nicht mehr aufschieben ließ. Mitjä entschloß sich, eine Stunde für ihn zu opfern... „In einer Stunde werde ich alles erfahren, alles erledigt haben, und dann begebe ich mich sofort zu Ssamssonoffs, erfahre dort beim Hofknecht, ob Gruschenka da ist, komme dann sofort wieder hierher und bleibe bis elf Uhr hier, darauf hole ich sie von Ssamssonoff ab und bringe sie nach Haus.“

Er begab sich in seine Wohnung, wusch sich, kämmte sich und bürstete seine Kleider, kleidete sich an und ging darauf zu Frau Chochlakoff. Ja, leider – das war sein ganzer Plan. Er hatte beschlossen, diese Dame um dreitausend Rubel anzugehen. Und wieder war in ihm ein ungewöhnliches Vertrauen aufgetaucht, daß sie ihm seine Bitte nicht abschlagen werde. Vielleicht wird man sich darüber wundern, warum er, wenn er zu ihr solch ein Zutrauen hatte, dann nicht schon früher zu jemand aus seiner Bekanntschaft gegangen war, statt zu Ssamssonoff, der zu einer so ganz anderen, ihm fremden Gesellschaftsschicht gehörte, daß er nicht einmal gewußt hatte, wie er ihn anreden sollte. Die Sache verhielt sich aber so, daß er im letzten Monat die Bekanntschaft mit Frau Chochlakoff ganz vernachlässigt hatte und auch früher nur wenig mit ihr bekannt gewesen war; zudem wußte er, daß sie ihn nicht mochte, daß sie ihn haßte, lange schon, und zwar nur darum, weil er der Verlobte Katerina Iwanownas war, während sie plötzlich dringend wünschte, daß Katerina Iwanowna nicht ihn, sondern „den lieben ritterlichen Iwan Fedorowitsch mit dem exquisiten Auftreten“ heirate. Die Manieren Mitjäs dagegen gefielen ihr nicht. Auch hatte Mitjä über sie gelacht und einmal sogar von ihr geäußert, daß diese Dame „ebenso lebhaft wie ungebildet“ sei. Und siehe da, nun war ihm auf dem Wege der Gedanke gekommen: „Wenn sie so dagegen ist, daß ich Katerina Iwanowna heirate, – er wußte, daß diese ihre Abneigung fast hysterisch war – warum sollte sie mir da nicht die dreitausend Rubel geben, damit ich mit dem Gelde auf immer von hier fortgehe und auf diese Weise Katjä verlasse? Wenn solche verwöhnten Damen, wie die Chochlakoff einmal ihre Kapricen bekommen, so geben sie sich ja doch nicht eher zufrieden, als bis sie ihren Willen durchgesetzt haben. Zudem ist sie ja so reich,“ dachte Mitjä. Was nun den „Plan“ anbelangt, so war er derselbe, das heißt, er sah die Abtretung seiner Rechte auf Tschermaschnjä vor, nur diesmal nicht als kaufmännisches Geschäft, wie gestern bei Ssamssonoff. Auch wollte er diese Dame nicht wie Ssamssonoff mit der Möglichkeit, drei oder vier Tausend dabei zu gewinnen, anlocken, sondern es sollte nur eine anständige Sicherstellung für seine Schuld sein. Bei diesem Gedanken geriet Mitjä wieder in Begeisterung, – aber so geschah es ja immer mit ihm, bei allen seinen Unternehmungen und plötzlichen Entschlüssen. Jedem neuen Gedanken ergab er sich bis zur Leidenschaft. Nichtsdestoweniger fühlte er plötzlich, als er die Treppe zum Hause der Frau Chochlakoff hinaufstieg, ein Frösteln im Rücken. In dieser Sekunde wurde ihm bewußt und geradezu mathematisch klar, daß es seine letzte Hoffnung war, und daß ihm dann, wenn auch dieser Versuch nicht gelang, in der ganzen Welt nichts mehr verblieb, „als jemandem den Hals umzudrehen, um ihm nur die dreitausend Rubel zu rauben – und weiter nichts“... es war halbacht Uhr, als er die Türklingel zog.

Am Anfang schien ihm das Glück hold zu sein. Kaum hatte er sich anmelden lassen, als er auch schon mit außergewöhnlicher Bereitwilligkeit sofort empfangen wurde. „Ganz als hätte sie mich erwartet,“ dachte Mitjä bei sich, und kaum war er in den Salon eingetreten, als ihm die Dame des Hauses auch schon eilig entgegentrat und ihm geradeheraus erklärte, daß sie ihn tatsächlich erwartet habe...

„Ich habe Sie erwartet, oh, wie ich Sie erwartet habe! Und ich hätte doch gar nicht annehmen können, daß Sie zu mir kommen würden, sagen Sie sich doch selbst, Dmitrij Fedorowitsch, wundern Sie sich über meinen Instinkt, ich erwartete Sie schon den ganzen Morgen, und ich war überzeugt, daß Sie heute kommen würden.“

„Das ist allerdings sonderbar, gnädige Frau,“ bemerkte Mitjä erstaunt und setzte sich etwas schwerfällig, „doch... ich komme in einer sehr wichtigen Angelegenheit... die wichtigste aller wichtigsten... das heißt, gnädige Frau, wichtig ist sie nur für mich, und ich...“

„Ich weiß es, Dmitrij Fedorowitsch, daß die Sache wichtig ist, oh, das sind bei mir nicht irgendwelche Vorgefühle oder Ansprüche auf Wunder – haben Sie schon vom Staretz Sossima gehört? – hier, hier handelt es sich um Mathematik. Sie mußten kommen, nach alledem, was sich mit Katerina Iwanowna zugetragen hat. Sie konnten nicht anders, Sie mußten zu mir kommen! Das war doch Mathematik!“

„Das ist der Realismus des Lebens, gnädige Frau, das ist es! Aber erlauben Sie – indessen, ich wollte...“

„Ganz recht, der Realismus des Lebens, Dmitrij Fedorowitsch. Auch ich bin jetzt nur noch für den Realismus, denn was Wunder betrifft, so bin ich gründlich geheilt. Haben Sie schon gehört, daß der Staretz Sossima gestorben ist?“

„Nein, gnädige Frau, ich höre es zum erstenmal,“ sagte Mitjä ein wenig erstaunt. Vor seinem Geist tauchte die Gestalt Aljoschas auf.

„Heute in der Nacht ist er gestorben, und stellen Sie sich vor...“

„Gnädige Frau,“ unterbrach sie Mitjä, „ich kann mir nur vorstellen, daß ich mich in der verzweifeltsten Lage befinde, und wenn Sie mir nicht helfen, so stürzt alles zusammen, und ich selbst bin verloren. Verzeihen Sie mir, bitte, den trivialen Ausdruck, ich bin aber wie im Fieber...“

„Ich weiß, ich weiß, daß Sie wie im Fieber sind, ich weiß alles, Sie können ja auch gar nicht in einem anderen Seelenzustande sein, und was Sie mir darüber auch noch zu sagen hätten, ich weiß alles im voraus. Ich habe mir schon längst Ihr Schicksal vorgestellt, Dmitrij Fedorowitsch, ich verfolge es und versuche, es zu begreifen... Oh, glauben Sie mir, ich bin ein erfahrener Seelenarzt, Dmitrij Fedorowitsch...“

„Gnädige Frau, wenn Sie ein erfahrener Arzt sind, so bin ich ein erfahrener Kranker,“ – Mitjä mußte sich schon anstrengen, um liebenswürdig zu bleiben – „und ich fühle es voraus, wenn Sie sich sogar bemühen, mein Schicksal zu verfolgen, so werden Sie mich auch vor meinem Untergang bewahren, und darum erlauben Sie mir endlich, Ihnen meinen Plan vorzulegen, mit dem ich gewagt habe, bei Ihnen zu erscheinen... Ihnen zu sagen, was ich von Ihnen erwarte... Ich bin gekommen, gnädige Frau...“

„Lassen Sie das, das ist nebensächlich. Und was meine Hilfe anbelangt, so sind Sie nicht der erste, dem ich zu etwas verholfen habe, Dmitrij Fedorowitsch. Sie haben vielleicht von meiner Cousine Beljmjossoff gehört? Ihr Mann war so gut wie verloren; es stürzte bei ihm alles zusammen, wie Sie sich soeben ausdrückten, Dmitrij Fedorowitsch, und was glauben Sie, ich riet ihm, ein Gestüt anzulegen, und jetzt geht es ihm großartig. Verstehen Sie etwas von Pferdezucht, Dmitrij Fedorowitsch?“

„Nicht das geringste, gnädige Frau, ach Gott, nicht das geringste!“ rief Mitjä in nervöser Ungeduld und wollte sich schon erheben. „Ich bitte Sie nur, meine Gnädigste, mich anzuhören, gestatten Sie mir nur, daß ich zwei Minuten spreche, damit ich Ihnen zuerst mein ganzes Projekt vorlegen kann, um dessentwillen ich gekommen bin. Außerdem ist meine Zeit kostbar, ich habe Eile!...“ sagte Mitjä hastig, denn er fühlte, daß sie sofort wieder zu sprechen anfangen würde. „Ich bin aus Verzweiflung... in der letzten Minute der Verzweiflung... gekommen, um Sie um Geld zu bitten... um von Ihnen dreitausend Rubel zu borgen, unter der Garantie, unter der sichersten Garantie, gnädige Frau... Erlauben Sie, daß ich Ihnen...“

„Das tun Sie alles später, später!“ Frau Chochlakoff winkte mit der Hand ab – „Sie können mir ja nichts Neues sagen, ich weiß alles schon im voraus, wie ich Ihnen bereits gesagt habe. Sie bitten um eine Summe, Sie haben dreitausend Rubel nötig, aber ich werde Ihnen mehr geben, unendlich mehr, ich werde Sie retten, Dmitrij Fedorowitsch, aber sie müssen mich vorher anhören!“

Mitjä sprang auf. „Gnädige Frau, sollten Sie wirklich so gütig sein!“ rief er ganz begeistert und ergriffen aus. „Herrgott, Sie haben mich gerettet. Sie retten einen Menschen, gnädige Frau, vor dem Selbstmorde, vor der Pistole... Meine ewige Dankbarkeit...“

„Ich gebe Ihnen unendlich, unendlich mehr als dreitausend!“ beteuerte Frau Chochlakoff mit strahlendem Lächeln, sehr erfreut über Mitjäs Begeisterung.

„Unendlich? So viel ist ja nicht einmal nötig. Nötig sind nur die verhängnisvollen Dreitausend, ich bin aber meinerseits bereit, als Garantie für diese Summe... mit einem Wort, zu garantieren, abgesehen von einer unermeßlichen Dankbarkeit... Ich will Ihnen den Plan vor...“

„Genug, Dmitrij Fedorowitsch, gesagt, getan,“ schnitt ihm Frau Chochlakoff mit dem erhabenen Triumph einer Wohltäterin das Wort ab. „Ich habe Ihnen versprochen, Sie zu retten, und ich werde es auch tun. Ich rette Sie wie meinen Schwager Beljmjossoff. Was meinen Sie zu Goldgruben, Dmitrij Fedorowitsch?“

„Zu Goldgruben, gnädige Frau? Ich habe niemals daran gedacht... ich weiß nicht...“

„Dafür aber habe ich für Sie daran gedacht! Ich habe hin und her gedacht. Einen ganzen Monat habe ich mit diesem Gedanken an Sie gedacht. Ich habe Sie mir hundertmal daraufhin angesehen und mir gesagt: Das ist ein energischer Mensch, der müßte in die Goldgruben. Ich habe sogar ihren Gang studiert und mich überzeugt, daß Sie viele Goldadern finden werden.“

„Aus meinem Gang schließen Sie das, gnädige Frau?“ Mitjä lächelte.

„Warum denn nicht, selbstverständlich aus Ihrem Gang. Leugnen Sie etwa, daß man den Charakter eines Menschen nach seinem Gang beurteilen kann? Die Naturwissenschaft bestätigt es gleichfalls. Oh, ich bin jetzt ganz und gar Realistin, Dmitrij Fedorowitsch. Ich bin seit dem heutigen Tage, nach dieser ganzen Geschichte im Kloster, die mich so aufgeregt hat, vollkommene Realistin und möchte mich am liebsten in eine praktische Tätigkeit stürzen. Ich bin geheilt... J’en ai assez. ‚Genug!‘ wie Turgenjeff sagt.“

„Aber, gnädige Frau, diese Dreitausend, mit denen Sie mich so großmütig...“

„Die werden Ihnen nicht entgehen, Dmitrij Fedorowitsch,“ unterbrach ihn sofort wieder Frau Chochlakoff, „diese Dreitausend haben Sie so gut wie in der Tasche, und nicht dreitausend, sondern drei Millionen, Dmitrij Fedorowitsch, in der allerkürzesten Zeit! Ich werde Ihnen alles sagen. Sie werden Goldgruben finden und Millionen verdienen, dann werden Sie zurückkehren und hier eine Tätigkeit beginnen und werden hier auch uns zugute kommen. Muß man denn immer alles den Juden überlassen? Sie werden große Gebäude aufführen und die verschiedensten Unternehmungen machen. Sie werden den Armen helfen, und die werden Sie segnen. Jetzt leben wir im Jahrhundert der Eisenbahnen, Dmitrij Fedorowitsch. Sie werden berühmt und dem Finanzministerium unentbehrlich werden, da es uns jetzt doch so an Geld gebricht. Das Fallen des Kreditrubels raubt mir den Schlaf, Dmitrij Fedorowitsch, von der Seite kennt man mich noch gar nicht.“

„Gnädige Frau, oh, meine Gnädigste!“ unterbrach sie Dmitrij Fedorowitsch wieder mit einem beunruhigenden Vorgefühl, „ich werde Ihrem Rat gewiß Folge leisten, Ihrem gewiß sehr klugen Rat, gnädige Frau... ich werde mich vielleicht hinbegeben, vielleicht... in Ihre Goldgruben... und werde in den nächsten Tagen noch einmal zu Ihnen kommen, um darüber zu reden... aber die Dreitausend, die sie mir so großmütig... Oh, Sie würden mich erlösen, und wenn es möglich wäre, vielleicht heute schon... Das heißt, sehen Sie, ich habe jetzt keinen Augenblick Zeit zu verlieren, keine Stunde...“

„Genug davon, Dmitrij Fedorowitsch, hören Sie mich!“ unterbrach ihn Frau Chochlakoff hartnäckig. „Zuerst eine Frage: Werden Sie zu den Goldgruben fahren oder nicht? Sie müssen sich jetzt definitiv entscheiden, antworten Sie mathematisch!“

„Ich fahre, gnädige Frau, ich fahre schon... Ich fahre, wohin Sie wollen, gnädige Frau... jetzt aber...“

„Warten Sie!“ rief Frau Chochlakoff wieder dazwischen, sprang auf und eilte zu ihrem prächtigen Schreibtisch mit seinen unzähligen kleinen Schubfächern und riß ein Fach nach dem anderen auf, indem sie sich beim Suchen sehr beeilte.

„Dreitausend!“ dachte Mitjä, und es wurde ihm fast schwach zumut, „und das sofort, ohne jegliche Papiere, ohne jede Garantie. Oh, das ist anständig gehandelt! Eine großartige Frau, wenn sie nur nicht so gesprächig wäre.“

„Hier!“ rief freudig erregt Frau Chochlakoff, die zu Mitjä zurückkehrte, „hier, das war es, was ich suchte!“

Es war ein kleines silbernes Heiligenbild an einer Schnur, eines von denen, die man zusammen mit dem Kreuz trägt.

„Das ist aus Kiew, Dmitrij Fedorowitsch,“ fuhr sie andächtig fort, „aus den Reliquien der Heiligen Warwara. Erlauben Sie mir, es Ihnen selbst um den Hals zu hängen und Sie damit für Ihr neues Leben und zu Ihren neuen Unternehmungen zu segnen.“

Und sie legte ihm tatsächlich das Heiligenbild um den Hals. In großer Verwirrung beugte sich Mitjä vor und half ihr dabei, so gut es ging, und schob es dann mit vieler Mühe durch den Stehkragen auf die Brust.

„So, jetzt können Sie fahren!“ rief Frau Chochlakoff aus und setzte sich feierlich wieder auf ihren Platz.

„Gnädige Frau, ich bin so gerührt... und ich weiß gar nicht, wie ich danken soll... für solche Gefühle, aber... wenn Sie wüßten, wie teuer mir jetzt die Zeit ist! Die Summe, die Sie in Ihrer Großmut mir... Oh, gnädige Frau, wenn sie schon einmal so gut sind, so rührend großmütig zu mir,“ rief Mitjä plötzlich begeistert aus, „so erlauben Sie mir, Ihnen alles zu sagen... was Sie übrigens schon lange wissen... Ich liebe ein Wesen... Ich bin Katjä untreu geworden... Katerina Iwanowna wollte ich sagen... Oh, ich habe unmenschlich und ehrlos an ihr gehandelt, doch habe ich mich in die andere verliebt... in ein Wesen, das Sie, Gnädigste, das Sie vielleicht verachten... da Sie von ihr vielleicht alles wissen, von der ich aber nicht mehr lassen kann, und darum muß ich jetzt die dreitausend...“

„Lassen Sie das alles, Dmitrij Fedorowitsch!“ unterbrach ihn Frau Chochlakoff in entschiedenstem Tone, „lassen Sie das, und besonders die Frauen. Ihr Ziel – sind die Goldgruben, und Frauen dahin mitzunehmen, lohnt sich nicht. Später, wenn Sie zurückkehren, reich und berühmt, so finden Sie sicher eine Herzensfreundin in der höchsten Gesellschaft. Das wird dann schon ein Mädchen aus der neuen Generation sein, mit Kenntnissen und ohne Vorurteile. Bis zu der Zeit wird die Frauenfrage, von der jetzt alles spricht, schon gelöst sein, und eine neue Frau wird auferstehen...“

„Gnädige Frau, das ist es ja nicht – nicht das...“ Dmitrij Fedorowitsch legte fast schon flehend beide Hände zusammen.

„Gerade das, Dmitrij Fedorowitsch, gerade das, das haben Sie nötig, danach streben Sie, ohne es selbst zu wissen. Gegen die Frauenfrage habe ich nichts einzuwenden, ich bin sogar ganz dabei, Dmitrij Fedorowitsch. Die weibliche Ausbildung und die politische Rolle der Frauen in der Zukunft – sehen Sie, das ist mein Ideal. Ich selbst habe eine Tochter, und von der Seite kennt man mich noch wenig. Ich habe in der Angelegenheit dem Schriftsteller Schtschedrin geschrieben. Dieser Schriftsteller hat mich über die Bedeutung der Frau so aufgeklärt, daß ich ihm im vorigen Jahre einen anonymen Brief geschrieben habe, nur zwei Zeilen: ‚Ich umarme und küsse Sie, mein Schriftsteller, im Namen der zeitgenössischen Frau. Fahren Sie fort, so zu wirken.‘ Ich unterschrieb: ‚eine Mutter‘. Ich wollte zuerst ‚eine zeitgenössische Mutter‘ unterschreiben, doch dann entschloß ich mich, einfach ‚eine Mutter‘ zu schreiben; es lag mehr sittliche Schönheit darin. Und das Wort ‚zeitgenössisch‘ hätte ihn an die Revue ‚der Zeitgenosse‘ erinnern können – das aber ist für ihn in Anbetracht der heutigen Zensur eine unangenehme Erinnerung... Ach, mein Gott, was haben Sie?“

„Gnädige Frau,“ rief Mitjä endlich und rang die Hände in stummer Verzweiflung, „Sie werden mich noch zum Weinen bringen, gnädige Frau, wenn Sie das, was Sie so großmütig versprochen haben, noch aufschieben...“

„Weinen Sie nur, Dmitrij Fedorowitsch, weinen Sie nur! Das sind schöne Gefühle... Ihnen steht ein so schwerer Weg bevor! Die Tränen werden Ihnen Erleichterung bringen, später, wenn Sie zurückkehren, werden Sie sich freuen. Sie müssen direkt aus Sibirien zu mir kommen, um sich mit mir zusammen zu freuen...“

„Doch erlauben Sie auch mir,“ brüllte Mitjä auf... „zum letzten Male flehe ich Sie an, sagen Sie mir, bitte, kann ich heute die versprochene Summe erhalten? Wenn nicht, wann kann ich dann kommen, um sie zu empfangen?“

„Welch eine Summe, Dmitrij Fedorowitsch?“

„Die versprochenen Dreitausend... die Sie so großmütig waren...“

„Dreitausend? Sie meinen – Rubel! O nein, ich habe keine dreitausend bei mir,“ erwiderte Frau Chochlakoff in ruhiger Verwunderung. Mitjä erstarrte...

„Wie haben Sie denn... soeben... äußerten Sie... Sie sagten sogar, daß sie schon so gut wie in meiner Tasche wären...“

„O nein, Sie haben mich nicht recht verstanden, Dmitrij Fedorowitsch. Wenn das so ist, so haben Sie mich gar nicht verstanden. Ich sprach doch von den Goldgruben... Es ist wahr, ich versprach Ihnen mehr, unendlich mehr als dreitausend, ich verstehe jetzt alles, aber ich meinte doch nur die Goldgruben.“

„Und das Geld? Die Dreitausend?“ rief Dmitrij Fedorowitsch ganz von Sinnen aus.

„Oh, wenn Sie darunter Geld verstanden haben, ich habe es nicht. Ich habe jetzt gar kein Geld, Dmitrij Fedorowitsch, ich streite soeben mit meinem Verwalter um Geld, und in diesen Tagen habe ich selbst von Miussoff fünfhundert Rubel geliehen. Nein, nein, Geld habe ich nicht bei mir. Und wissen Sie, Dmitrij Fedorowitsch, wenn ich es auch hätte, so würde ich es Ihnen doch nicht geben. Erstens borge ich nie Geld. Geld borgen, heißt sich Feinde machen. Und Ihnen hätte ich es unter keinen Umständen gegeben, aus Liebe zu Ihnen, um Sie zu retten, hätte ich Ihnen keines gegeben, denn Sie haben nur das eine nötig: die Goldgruben, die Goldgruben, die Goldgruben...“

„Oh, daß doch der Teufel!“ brüllte Mitjä auf und schlug vor Wut aus aller Kraft mit der Faust auf den Tisch.

„Ach, ach mein Gott!“ schrie Frau Chochlakoff ängstlich auf und flog in die fernste Ecke des Empfangssalons.

Mitjä spuckte nur einmal wütend aus und eilte mit großen Schritten aus dem Zimmer, aus dem Hause, hinaus auf die Straße, in die Finsternis. Er ging wie ein Irrsinniger und schlug sich mit der Hand fortwährend auf die Brust, – auf dieselbe Stelle, auf die er sich vor zwei Tagen, als er spät abends in der Dunkelheit zu Aljoscha nochmals zurückgegangen war, bei seinen letzten Worten immer wieder geschlagen hatte. Was dieses Schlagen auf die Brust und gerade auf diese Stelle bedeutete, und was er damit sagen wollte, war vorläufig noch ein Geheimnis, das keine Menschenseele kannte, und das er damals nicht einmal Aljoscha verraten hatte. In diesem Geheimnis lag für ihn mehr als Schande: das war sein Untergang und sein Selbstmord – so hatte er es beschlossen –, wenn er nicht irgendwoher diese dreitausend Rubel erhielt, um sie Katerina Iwanowna abzugeben, und damit von seiner Brust, „von dieser Stelle auf der Brust“, die Schmach, die er auf ihr trug und die sein Gewissen bis zum Wahnsinn quälte, abwerfen konnte. (Es wird dem Leser späterhin erklärt werden, was das zu bedeuten hatte.) Jetzt aber, nachdem seine letzte Hoffnung untergegangen war, wankte dieser körperlich so starke Mann wie ein Wahnsinniger durch die Dunkelheit. Und noch war er nicht weit gegangen, als er plötzlich in Tränen ausbrach und wie ein kleines Kind schluchzte. Er ging weiter und wischte sich, ohne zu wissen, was er tat, mit der Hand die Tränen ab. So kam er auf den großen Platz, und plötzlich fühlte er, daß er mit dem ganzen Körper an etwas angeprallt war. Das schrille Geschrei eines alten Weibes, das er fast umgeworfen hatte, brachte ihn wieder zur Besinnung.

„Jesus Marie, kannst einen noch so totschlagen! Wo hast du deine Augen, Strolch!“

„Wie, sind Sie es?“ fragte Mitjä, der in ihr trotz der Dunkelheit die alte Dienstmagd Kusjma Ssamssonoffs zu erkennen glaubte.

„Und wer sind Sie denn, Väterchen?“ fragte die Alte sofort mit ganz veränderter Stimme. „Ich kann in dieser Dunkelheit nicht die Hand vor den Augen sehn.“

„Sie leben doch bei Kusjma Kusjmitsch, nicht wahr, Sie dienen doch bei ihm?“

„Jawohl, Väterchen, wollte soeben nur mal zu Prochorytsch bißchen hinübergehen... Aber dich, Väterchen, kann ich ganz und gar nicht wiedererkennen.“

„Sagt mir doch, Mütterchen, ist Agrafena Alexandrowna augenblicklich noch bei ihm?“ fragte Mitjä bebend vor Erwartung. „Ich hatte sie zu ihm hin begleitet.“

„Jawohl, Väterchen, sie kam heute wieder mal zu ihm, saß ein Weilchen und ging dann wieder fort.“

„Wie? Sie ist fortgegangen?“ schrie Mitjä. „Wann ging sie fort?“

„Als sie gekommen war, sie saß nur ein Minutchen bei uns, erzählte dem alten Herrn ein Märchen, erheiterte ihn und ging dann wieder fort; hatte es sehr eilig.“

„Du lügst, verfluchtes Weib!“ brüllte Mitjä.

„Jesus Marie!“ stotterte die Alte erschrocken, doch von Mitjä war schon jede Spur verschwunden. Er lief bereits so schnell er nur konnte zu Gruschenka. (Das war kaum eine Viertelstunde nach ihrer Abfahrt.) Fenjä saß mit ihrer Großmutter, der Köchin Matrjona, in der Küche, als plötzlich der „Herr Hauptmann“ hereinstürzte. Als sie ihn erblickte, schrie sie auf vor Schreck.

„Du schreist also?“ brüllte Mitjä das entsetzte Mädchen an. „Wo ist sie?“ Doch noch bevor Fenjä eine Antwort finden konnte, stürzte er ihr plötzlich zu Füßen.

„Fenjä, um Christi unseres Herrn willen, sage, wo ist sie?“

„Väterchen, Erbarmung, ich weiß nichts, Täubchen Dmitrij Fedorowitsch, ich weiß gar nichts, schlagen Sie mich tot, ich weiß nichts... Sie sind doch selbst zusammen mit ihr fortgegangen...“

„Sie ist zurückgekommen!...“

„Täubchen, ist nicht zurückgekommen, ich schwöre dir bei Gott, ist nicht zurückgekommen!“

„Du lügst,“ schrie Mitjä sie an, „schon aus deiner Angst kann ich schließen, wo sie ist!...“

Er stürzte hinaus. Die erschrockene Fenjä war froh, daß sie so billig davongekommen war, begriff aber sehr gut, daß sie das nur seiner Eile zu danken hatte. Aber noch im Fortstürzen setzte er Fenjä und die alte Matrjona durch eine gar zu unbegreifliche Tat in Erstaunen. Auf dem Küchentisch stand nämlich ein Mörser mit einer messingnen kleinen, etwa nur zwanzig Zentimeter langen Mörserkeule. Mitjä, der mit der einen Hand schon die Tür geöffnet hatte, ergriff nun plötzlich diese Mörserkeule, steckte sie sich in die Seitentasche – und fort war er.

„Großer Gott, er will jemanden totschlagen!“ rief Fenjä erschrocken aus und schlug die Hände zusammen.

IV — In der Dunkelheit

Wohin eilte er?

„Wo kann sie denn sein, wenn nicht beim Vater? Von Ssamssonoff ist sie geradeswegs zu ihm gegangen, das ist doch klar! Die ganze Intrige, der ganze Betrug liegt doch auf der Hand...“

Das waren die Gedanken, die wie ein Wirbelsturm durch seinen Kopf stoben. Doch nicht in den Nachbargarten zu Marja Kondratjewna wollte er laufen, nein: „Dorthin ist es überflüssig, ganz überflüssig... nicht das geringste Geräusch... sonst könnten sie es sofort sagen... Marja Kondratjewna gehört natürlich auch zur Verschwörung. Ssmerdjäkoff gleichfalls... alle sind sie bestochen... gekauft...“ Und im Augenblick veränderte er seinen Plan; er machte einen großen Umweg durch eine Nebengasse, lief durch die Dmitrowskistraße, dann über die kleine Brücke und gelangte in eine einsame Querstraße, die an keinem einzigen Hause, sondern nur an Gärten vorüberführte. Auf der einen Seite zog sich der Flechtzaun eines Gemüsegartens hin und auf der anderen der hohe starke Bretterzaun, der den ganzen Karamasoffschen Besitz einschloß. Hier suchte er sich zum Überklettern eine bequemere Stelle aus, und zwar war dies wahrscheinlich dieselbe, wo nach der Überlieferung, die ihm bekannt war, auch die Lisaweta Ssmerdjäschtschaja übergeklettert war. „Wenn selbst die hinübergekommen ist,“ flog es ihm plötzlich – Gott weiß warum – durch den Sinn, „wie soll es mir dann nicht gleichfalls gelingen?“ Er trat einen Schritt zurück und machte dann einen Satz in die Höhe – es gelang, er bekam mit der Hand den oberen Rand des Zaunes zu fassen, zog sich mit einem energischen Ruck hinauf und setzte sich oben rittlings auf den Zaun. Nicht weit vom Zaun stand das Badehäuschen, doch sah er von seinem Platze aus auch die erhellten Fenster des Herrenhauses. „Richtig! Das Schlafzimmer des Alten ist erleuchtet, sie ist dort!“ Er sprang sofort in den Garten hinab. Obgleich er wußte, daß Grigorij krank war und vielleicht auch Ssmerdjäkoff, und daß ihn folglich so leicht niemand hören konnte, so nahm er sich doch unwillkürlich in acht, blieb nach dem Sprung regungslos stehen und lauschte lange. Doch überall war totes Schweigen; es herrschte die atemlose Ruhe einer völlig windstillen Nacht; kein Blatt, kein Lüftchen regte sich.

„... Und es flüstert nur die Stille...“

Dieser Vers fiel ihm plötzlich ein, doch ebenso schnell vergaß er ihn auch wieder. „Wenn nur niemand gehört hat, wie ich herabgesprungen bin? Es scheint aber doch nicht.“ Nachdem er so eine Weile gestanden hatte, ging er vorsichtig weiter, immer auf dem Rasen, da auf den Wegen der Kies geknirscht hätte. Er ging hinter Bäumen und Gebüsch vorsichtig weiter, setzte immer nur leise einen Fuß vor und horchte auf jeden seiner Schritte. So kam er nach ungefähr fünf Minuten zum erleuchteten Fenster. Er erinnerte sich, daß dort unter den Fenstern einige hohe, dichte Holunder-und Schneeballensträucher standen. Die Ausgangstür, die an der linken Seite der Gartenfassade des Hauses lag, war sorgfältig verschlossen und verriegelt, wovon er sich beim Vorübergehen absichtlich und genau überzeugte. Endlich erreichte er die Sträucher vor den Fenstern und versteckte sich vorsichtig hinter ihnen. Er wagte kaum zu atmen. „Jetzt muß man etwas warten,“ dachte er, „vielleicht hat doch jemand meine Schritte gehört... damit er sich dann beruhigt... nur muß ich mich in acht nehmen, daß ich nicht huste oder niese...“

Er wartete etwa zwei Minuten lang, aber sein Herz schlug so heftig, daß er nach Atem rang. „Nein, das Herzklopfen wird nicht vorübergehen,“ dachte er, „ich kann nicht länger warten.“ Er stand hinter einem Strauch im Dunkeln, doch die andere Seite des Strauches war hell beleuchtet durch den Lichtschein, der aus dem Fenster in den Garten fiel. „Schneeballen, Mehlbeeren, wie rot sie sind!“ flüsterte er, ohne zu wissen, warum, leise vor sich hin. Vorsichtig, mit schleichenden, unhörbaren Schritten näherte er sich dem Fenster und hob sich auf die Fußspitzen. Das ganze kleine Schlafzimmer Fedor Pawlowitschs lag vor ihm wie auf der Handfläche. Es war kein großes Zimmer und obendrein in der ganzen Breite durch einen vielteiligen roten „chinesischen“ Bettschirm – so nannte ihn Fedor Pawlowitsch – in zwei Hälften geteilt. „Der Chinesische,“ zuckte es durch Mitjäs Gedanken, „und hinter dem Bettschirm ist Gruschenka.“ Er betrachtete Fedor Pawlowitsch. Der hatte einen neuen seidenen Schlafrock an – so hatte ihn Mitjä noch nie gesehen – und um den Leib war er mit einer seidenen Schnur, an der seidene Quasten hingen, gegürtet. Unter dem Kragen des Schlafrocks sah man die feinste Wäsche von teurem holländischem Linnen, und vorne auf der Brust war das Hemd mit goldenen Knöpfen geschlossen. Kopf und Stirn waren mit demselben rotseidenen Tuch, in dem ihn am Morgen auch Aljoscha gesehen hatte, umbunden. „Hat sich in Gala geworfen,“ dachte Mitjä. Fedor Pawlowitsch stand in der Nähe des Fensters, augenscheinlich in Gedanken versunken. Plötzlich hob er den Kopf, horchte ein wenig und trat, da er nichts Verdächtiges gehört hatte, an den Tisch, goß sich ein halbes Gläschen Kognak ein und kippte es. Darauf seufzte er tief, so daß sich die ganze Brust hob, stand wieder eine kleine Weile nachdenklich auf demselben Fleck, ging dann gleichsam zerstreut zum Pfeilerspiegel, schob mit der rechten Hand ein wenig die rote Binde von der Stirn hinauf und begann seine blauen Flecke und Beulen zu betrachten, die noch nicht vergangen waren. „Er ist allein,“ dachte Mitjä, „nach allem zu urteilen muß er allein sein.“ Fedor Pawlowitsch wandte sich vom Spiegel ab, und plötzlich trat er zum Fenster; er blickte hinaus in den dunklen Garten. Mitjä war sofort zurückgesprungen.

„Sie schläft bei ihm vielleicht schon – hinter dem chinesischen Schirm?“ Dieser Gedanke fuhr ihm wie ein Blitz durchs Herz. Da wandte sich Fedor Pawlowitsch zurück und ging fort vom Fenster. „Nein, er hat durch das Fenster nach ihr ausgeschaut, sie ist also nicht bei ihm! Warum sollte er denn sonst ans Fenster treten und hinaussehen?... Nein, die Ungeduld verzehrt ihn... und nur darum ist er ans Fenster getreten.“ Mitjä schlich sich wieder zum Fenster und sah wieder hinein. Der Alte saß schon am Tisch und war, wie es schien, sehr niedergeschlagen. Endlich legte er beide Arme auf den Tisch und stützte den Kopf in die rechte Hand, während die linke auf dem Tisch liegen blieb. Mitjä beobachtete ihn gierig.

„Er ist allein, ganz allein,“ sagte er sich wieder. „Wenn sie bei ihm wäre, würde er ein anderes Gesicht machen.“ Doch sonderbar: in seinem Herzen erhob sich darob, daß sie nicht beim Alten war, ein ganz unsinniger Ärger. „Nicht deswegen, weil sie nicht hier ist,“ sagte er sich sofort als Antwort auf dieses Gefühl, kaum daß es ihm zum Bewußtsein gekommen war, „sondern weil ich doch auf keine Weise genau erfahren kann, ob sie hier ist oder nicht.“ Später erinnerte sich Mitjä, daß seine Gedanken in diesen Minuten ungewöhnlich klar und deutlich gewesen waren, daß er sich alles bis auf das letzte Tüpfelchen genau überlegt hatte. Aber der Druck, der sich infolge der Ungewißheit, ob sie nun da sei oder nicht, und infolge seiner Unentschlossenheit auf seine Seele legte, vergrößerte sich von Sekunde zu Sekunde und wurde unerträglich. Und plötzlich entschloß er sich: er streckte die Hand aus und klopfte leise an den Fensterrahmen. Er klopfte das „Zeichen“, das zwischen dem Alten und Ssmerdjäkoff verabredet war: zuerst zweimal etwas leiser und dann dreimal schneller tuck-tuck-tuck – das Zeichen, das „Gruschenka ist gekommen“ bedeuten sollte. Der Alte fuhr zusammen, hob den Kopf, sprang auf und stürzte zum Fenster. Mitjä hatte sich schon aus dem Lichtschein in die Dunkelheit zurückgezogen. Fedor Pawlowitsch öffnete geschwind das Fenster und steckte den Kopf heraus.

„Gruschenka, bist Du es? Wo bist Du denn?“ fragte er mit gerader bebender Stimme in freudig-ängstlichem Flüstertone. „Sag doch, wo Du bist, mein Herzblatt, mein Engelchen, wo bist Du denn?“ Vor Erregung klappte seine Stimme über.

„Er ist allein!“ sagte sich Mitjä – jetzt erst war er wirklich überzeugt.

„Wo bist Du nur?“ fragte wieder der Alte und steckte den Kopf noch weiter zum Fenster hinaus, so daß auch die Schultern mit aus dem Fenster ragten, und blickte sich nach allen Seiten, nach links und rechts um. „So komm doch her, mein Engelchen, ich habe auch ein Geschenkchen für dich bereit, komm nur, ich werde es dir zeigen!“

„Aha, damit meint er das Paket mit den Dreitausend,“ dachte Mitjä.

„Aber wo bist Du nur?... Oder ist sie bei der Tür? Warte, ich werde sofort aufmachen...“

Und der Alte kroch fast aus dem Fenster, um durch die Dunkelheit besser nach rechts zur Tür sehen zu können. Noch eine Sekunde – und er wäre unbedingt zur Tür gelaufen, um sie für Gruschenka aufzumachen, ohne ihre Antwort abzuwarten. Mitjä betrachtete ihn von der Seite und rührte sich nicht. Das ganze ihm so verhaßte Profil des Alten, das herabhängende Doppelkinn, die Hakennase, die fleischigen, in süßer Erwartung lächelnden Lippen, alles das war von links aus dem Zimmer grell durch die Lampe beleuchtet. Eine unbändige, sinnlose Wut raste plötzlich in Mitjäs Herzen auf: „Da ist er, mein Nebenbuhler, mein Peiniger, der Quälgeist meines Lebens!“ Wie eine heiße Welle überkam ihn plötzlich diese sinnlose Wut, von der er vor vier Tagen in der Laube, wahrscheinlich in einem Augenblick der Vorahnung, zu Aljoscha gesprochen hatte, als Antwort auf dessen Fragen: „Wie kannst du nur sagen, daß du den Vater erschlagen wirst?“

„Ich weiß es ja nicht, ich weiß es nicht,“ hatte er damals gesagt, „vielleicht werde ich ihn auch nicht erschlagen, vielleicht aber doch. Ich fürchte, daß mir sein Gesicht in dem Augenblick gar zu widerlich sein wird. Ich hasse sein Doppelkinn, seine Nase, seine Augen, seinen schamlosen Spott. Mich überkommt dann ein unerträglicher persönlicher Ekel. Das ist es, was ich fürchte, denn in dem Augenblick werde ich mich nicht beherrschen können.“

Und der persönliche Ekel wurde von Sekunde zu Sekunde unerträglicher, als er so stand und das Profil des Alten betrachtete. Er war seiner Sinne nicht mehr mächtig, und plötzlich riß er die messingne Mörserkeule aus der Tasche hervor...


„Gott jedoch beschützte mich,“ sagte Mitjä später. Kurz vorher war der Kranke Grigorij Wassiljewitsch erwacht. Am Abend war an ihm das bewußte Heilmittel, von dem Ssmerdjäkoff Iwan Fedorowitsch erzählt hatte, angewandt worden, d. h. Marfa Ignatjewna hatte ihm mit jenem starken geheimnisvollen Kräuteraufguß eine halbe Stunde lang den Rücken gerieben und ihm dann mit einem bestimmten Gebet das Übriggebliebene zu trinken gegeben, worauf er eingeschlafen war. Marfa Ignatjewna aber hatte dann noch den Rest ausgetrunken und war, da sie sonst nie Spirituosen trank, von diesem einen Schluck Branntwein wie eine Tote eingeschlafen. Nun aber war Grigorij ganz unerwarteterweise wieder aufgewacht. Er besann sich zuerst ein wenig und setzte sich im Bett auf, fühlte aber sofort einen heftigen Schmerz im Kreuz. Darauf dachte er wieder etwas nach, stand aber dann auf und kleidete sich schnell an. Vielleicht fühlte er Gewissensbisse, weil er geschlafen hatte, während doch das Haus „in einer so gefährlichen Zeit“ unbewacht war. Denn Ssmerdjäkoff lag, vom Anfall völlig entkräftet, regungslos im Nebenzimmer. Marfa Ignatjewna rührte sich gleichfalls nicht. „Ist schwach geworden,“ dachte Grigorij und ging ächzend hinaus auf die Treppe. Eigentlich wollte er nur „ein wenig sehn“, da er nicht imstande war, zu gehen, die Schmerzen im Kreuz und im rechten Bein wurden gar zu heftig. Da aber fiel ihm ein, daß er das Pförtchen, das vom Hof in den Garten führte, nicht verschlossen hatte. Grigorij war der genaueste und pünktlichste Mensch, der nur einmal eingeführte Ordnung und langjährige Gewohnheit kannte. Hinkend und schmerzgekrümmt stieg er die Treppe hinab und ging zur Gartenpforte. Richtig, sie war weit offen. Er trat in den Garten ein: vielleicht hatte er irgendeinen Verdacht geschöpft oder einen Laut gehört... als er aber nach links blickte, sah er den Lichtschein aus dem Zimmer des Herrn und das offene, leere Fenster, – es blickte niemand mehr hinaus.

„Warum ist es offen? Jetzt ist nicht mehr Sommer,“ dachte Grigorij. Und plötzlich, gerade im selben Augenblick, huschte etwas Sonderbares im Garten vorbei. Ungefähr vierzig Schritt vor ihm schien in der Dunkelheit ein Mensch vorüberzulaufen, wie ein Schatten huschte er durch den Garten.

„Herrgott!“ stammelte Grigorij, und dann stürzte er besinnungslos, alle Kreuzschmerzen vergessend, dem gespenstischen Schatten nach. Er nahm aber einen kürzeren Weg zum Zaun, der Garten war ihm offenbar bekannter als dem Flüchtling, der zuerst die Richtung nach dem Badehäuschen einschlug, dann um das Häuschen herumlief und zum Zaun stürzte... Grigorij verfolgte ihn, ohne ihn aus dem Auge zu lassen, und lief, was er laufen konnte. Er erreichte den Zaun in dem Augenblick, als der Flüchtling schon hinüberkletterte. Außer sich schrie Grigorij auf, stürzte zum Zaun und klammerte sich mit beiden Händen an den Fuß des auf dem Zaune Sitzenden.

Da! Seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen! Er erkannte ihn, das war er, „der Unmensch, der Vatermörder!“

„Vatermörder!“ schrie der Alte, und der Schrei hallte durch die lautlose Nacht über die ganze Umgegend hin. Doch das war auch alles, was er noch schreien konnte: plötzlich stürzte er, schwer getroffen, zusammen. Mitjä sprang wieder in den Garten hinab und beugte sich über den am Boden Liegenden. Die messingne Mörserkeule, die er noch in der Hand hatte, warf er mechanisch zur Seite in das Gras. Sie fiel etwa zwei Schritt von Grigorij hin, doch nicht ins Gras, sondern auf den Weg, gerade auf die sichtbarste Stelle. Er untersuchte hastig den Liegenden. Der Kopf des Alten war ganz von Blut überströmt. Mitjä befühlte den Kopf von allen Seiten. Er erinnerte sich später deutlich, daß er sich in dieser Minute unbedingt hatte „vollkommen überzeugen“ wollen, was mit dem Alten geschehen war: ob er ihm den Schädel eingeschlagen oder ihn durch den Schlag auf den Scheitel nur betäubt hatte. Aber das Blut strömte, strömte unaufhörlich und benetzte wie ein warmer Strom Mitjäs bebende Finger. Er erinnerte sich später auch noch, daß ihm eingefallen war, sein reines Taschentuch, das er vor dem Gang zu Frau Chochlakoff zu sich gesteckt hatte, aus der Rocktasche hervorzuziehen, um damit sinnloserweise das Blut von der Stirn und dem Gesicht des Alten abzuwischen. Aber auch das Taschentuch war im Augenblick von Blut durchtränkt.

„Gott, warum habe ich das getan?“ sagte sich Mitjä, wie aus einem Traum erwachend. „Wenn ich ihm schon den Schädel eingeschlagen habe, wie soll ich mich dann überzeugen... Ach, ist denn jetzt nicht alles einerlei!“ fügte er plötzlich hoffnungslos hinzu, „– habe ich ihn erschlagen, dann habe ich ihn erschlagen... Bist mir in den Weg gekommen, Alter, so liege denn!“ sagte er laut vor sich hin, und plötzlich stürzte er wieder zum Zaun, sprang hinab in die Nebenstraße und lief fort. Das blutdurchtränkte Taschentuch hielt er noch zusammengeballt in der rechten Faust, und so steckte er es beim Laufen in die hintere Rocktasche. Er lief, so schnell er konnte, und einige wenige Fußgänger erinnerten sich später, in dieser Nacht einen wie wahnsinnig laufenden Menschen gesehen zu haben. Er stürzte zum Hause der Morosowa, wo Gruschenka wohnte.

Fenjä war inzwischen, oder vielmehr gleich nach seinem Fortgange, zum Oberhofknecht Nasar Iwanowitsch gelaufen und hatte ihn zitternd angefleht, den „Hauptmann um Christi willen weder heute noch morgen hereinzulassen“. Nasar Iwanowitsch hatte sie ruhig angehört und versprochen, ihre Bitte zu erfüllen, doch war er bald drauf zur Herrin gerufen worden, und so hatte er seinen Neffen, einen Burschen von etwa zwanzig Jahren, der erst vor kurzem vom Lande eingetroffen war, auf dem Hof zurückgelassen, hatte aber vergessen, ihm etwas von Fenjäs Bitte in betreff Karamasoffs zu sagen. Als Mitjä das Hoftor erreicht hatte, klopfte er heftig. Der Bursche erkannte ihn sofort: Mitjä hatte ihm schon des öfteren ein gutes Trinkgeld gegeben. Er riß sofort die Tür auf und beeilte sich, lächelnd zu melden, daß Agrafena Alexandrowna nicht zu Haus sei.

„Wo ist sie denn, Prochor?“ fragte Mitjä und blieb stehen.

„Sie ist doch vorhin fortgefahren, so vor zwei guten Stunden, nach Mokroje, mit Timofei, dem Kutscher, der Herr kennen ihn wohl.“

„Fortgefahren? Warum?“ schrie Mitjä.

„Das kann ich nicht wissen, zu einem Offizier, heißt es, der hat sie rufen lassen und auch die Pferde von dort nachgeschickt...“

Mitjä ließ ihn stehen und lief wie ein Halbwahnsinniger zu Fenjä.

V — Der plötzliche Entschluß

Sie saß mit ihrer Großmutter in der Küche, beide wollten sie gerade schlafen gehen. Im Vertrauen auf Nasar Iwanowitsch hatten sie die Küchentür wieder nicht verriegelt.

Da stürzte Mitjä hinein, warf sich auf Fenjä und packte sie an der Kehle.

„Sage sofort, wo sie ist, mit wem ist sie in Mokroje!“ brüllte er außer sich.

Beide Weiber schrien auf.

„Ach, ich werde alles sagen, ach, Täubchen Dmitrij Fedorowitsch, werde gleich alles sagen, nichts verheimlichen,“ stammelte schnell, doch mit steifer Zunge, die tödlich erschrockene Fenjä, „sie ist nach Mokroje zum Offizier gefahren.“

„Zu was für einem Offizier?“ brüllte Mitjä.

„Zu ihrem früheren Offizier, zu demselben, zu ihrem früheren, den sie vor fünf Jahren gehabt hat, der sie verlassen hat und fortgefahren ist,“ stotterte, immer noch sich überstürzend, Fenjä so schnell, wie sie nur konnte.

Dmitrij Fedorowitschs Hände, mit denen er ihren Hals zusammengepreßt hatte, sanken herab. Er stand schweigend vor ihr, bleich wie ein Toter, doch an seinen Augen sah man, daß er alles mit einem Male begriffen hatte, alles, alles bis aufs Letzte hatte er begriffen und alles Unausgesprochene erraten. Doch war es der armen Fenjä natürlich nicht um diese Beobachtungen zu tun – ob er alles begriffen hatte oder nicht. Wie sie bei seinem Eintritt auf der Truhe gesessen hatte, so blieb sie auch jetzt sitzen; sie zitterte am ganzen Körper – hielt nur die Hände wie zum Schutz vor sich erhoben, und schien in dieser Stellung erstarrt zu sein. Der Blick ihrer angsterweiterten Pupillen war regungslos auf sein Gesicht geheftet. Seine beiden Hände waren rot von Blut, und auf der Stirn und der rechten Wange war sein Gesicht gleichfalls mit Blut besudelt; er hatte sich wahrscheinlich beim Laufen mit den blutigen Händen den Schweiß von der Stirn gewischt. Fenjä war einer Ohnmacht nahe. Die alte Matrjona, die zuerst mit einem Schrei aufgesprungen war, starrte ihn gleichfalls wie eine Irrsinnige an. Dmitrij Fedorowitsch stand ungefähr eine Minute lang, und dann setzte er sich, ohne recht zu wissen, warum, neben Fenjä auf einen Stuhl nieder.

Er saß und sah vor sich hin: er schien nicht zu denken, sondern gleichsam nur erschrocken, durch den Schreck gelähmt zu sein. Es war ihm alles so klar wie der Tag: dieser Offizier – er wußte von ihm, hatte von ihm gehört, wußte ja alles ganz genau, Gruschenka hatte ihm selbst alles erzählt. Er wußte auch, daß dieser Offizier ihr vor einem Monat einen Brief geschrieben hatte. Also einen Monat, einen ganzen Monat hatte sich alles im geheimen hinter seinem Rücken abgespielt, einen ganzen Monat, bis zur Ankunft dieses neuen Menschen – er aber hatte nicht einmal an ihn gedacht! Wie war das nur gekommen, wie war das möglich gewesen, daß er nicht mehr an ihn gedacht hatte? Wie war es doch nur gekommen, daß er damals diesen Offizier so ganz vergessen hatte? – gleich nachdem sie es ihm erzählt hatte? Das war die Frage, die wie ein Ungeheuer vor ihm stand. Und er schaute es an, dieses Ungeheuer, und der Schreck rief in ihm ein Gefühl wie Kälte hervor.

Und plötzlich begann er zu sprechen. Er wandte sich zu Fenjä und sprach leise und sanft: wie ein ruhiger und lieber Knabe sprach er zu ihr, ganz als hätte er völlig vergessen, wie sehr er sie erschreckt, beleidigt und gepeinigt hatte. Er fragte sie mit erstaunlicher, in seiner Verfassung unglaublicher Logik, und Fenjä, die zwar immer noch scheu auf seine blutigen Hände schielte, antwortete mit gleichfalls erstaunlicher Bereitwilligkeit auf jede Frage, die er an sie stellte, als wenn sie sich beeilen wollte, ihm die ganze „wahrhaftige Wahrheit“ zu sagen. Allmählich fing sie geradezu mit einer gewissen Freudigkeit an, ihm auch Ungefragtes zu erzählen, doch tat sie es nicht etwa, um ihn zu quälen, sondern als wollte sie sich beeilen, ihm von Herzen dienstlich zu sein. Sie erzählte ihm alles, was am Tage geschehen war, erzählte ausführlich von Aljoschas und Rakitins Besuch, wie sie, Fenjä, Wache gestanden hatte, wie ihre Herrin abgefahren war, und vorher noch Aljoscha durch das Fenster einen Gruß an ihn, Mitjenka, bestellt hatte, daß er nicht vergessen solle, „daß sie ihn ein Stündchen lang geliebt habe“. Als Mitjä von diesem Gruß hörte, lächelte er, und auf seinen bleichen Wangen erschien eine helle Röte. Da fragte ihn Fenjä, deren ganze Angst wieder vergangen war:

„Aber was haben Sie denn für Hände, Täubchen Dmitrij Fedorowitsch, sie sind ja ganz blutig!“

„Ja,“ sagte Mitjä mechanisch, blickte zerstreut auf seine Hände und vergaß sie sofort wieder, und mit ihnen auch Fenjäs Frage. Er versank wieder in Schweigen. Er war nun schon seit etwa zwanzig Minuten in der Küche. Sein erster Schreck war vergangen, doch wurde er ersichtlich von einem verzweifelten Entschluß beherrscht. Er erhob sich vom Stuhl und lächelte nachdenklich.

„Herr, was ist denn mit Ihnen geschehen?“ fragte Fenjä, die wieder auf seine Hände wies, – sie sagte es so mitleidig, als wäre sie jetzt im Leid der einzige ihm nahestehende Mensch.

Mitjä warf nochmals einen Blick auf seine Hände.

„Das ist Blut, Fenjä,“ sagte er und blickte sie mit einem sonderbaren Ausdruck an, „das ist Menschenblut. Gott, warum ist es nur vergossen worden! Aber... Fenjä... hier gibt es einen Zaun“ (er blickte sie an, als wollte er ihr ein Rätsel aufgeben), „ein hoher Zaun, der dem Ansehen nach schrecklich aussieht, aber... morgen, wenn der Tag erwacht, ‚wenn die Sonne sich goldrot erhebt‘, dann... dann wird Mitjä Karamasoff über diesen hohen Zaun springen... Du weißt nicht, Fenjä, welchen Zaun ich meine, nun, tut nichts... einerlei, wirst es morgen erfahren und dann alles begreifen... jetzt aber leb wohl! Ich will nicht stören, werde mich fortschaffen, werde verstehen, mich rechtzeitig fortzuschaffen... Ach, lebe, lebe, du meine Freude! Hast mich ein Stündchen geliebt, so vergiß denn auch fernerhin nicht Dmitrij Karamasoff, Mitjenka... Sie nannte mich doch immer Mitjenka, weißt du noch, Fenjä?“

Mit diesen Worten verließ er plötzlich die Küche. Doch dieses Fortgehen erschreckte Fenjä noch mehr, als es sein unerwartetes Wiedererscheinen getan hatte, trotz der zusammengepreßten Kehle. –

Genau zehn Minuten danach trat Dmitrij Fedorowitsch bei jenem jungen Beamten, Pjotr Iljitsch Perchotin, bei dem er seine Pistolen versetzt hatte, ein. Es war schon halb neun Uhr und Pjotr Iljitsch, der zu Hause seinen Tee getrunken hatte, war gerade im Begriff, nach sorgfältiger Toilette in das Gasthaus „Zur Hauptstadt“ zu gehen, um dort Billard zu spielen. Mitjä war noch zur rechten Zeit gekommen, um ihn anzutreffen. Als der ihn aber erblickte und die Blutflecken auf dem Gesicht bemerkte, fragte er ihn erschrocken:

„Nanu, was ist denn mit Ihnen passiert?“

„Ich bin wegen meiner Pistolen gekommen und habe Ihnen das Geld gebracht. Ich danke Ihnen. Nur bitte schnell, Pjotr Iljitsch, ich habe es sehr eilig.“

Pjotr Iljitsch jedoch kam aus dem Erstaunen nicht heraus, er wunderte sich immer mehr; in Mitjäs rechter Hand bemerkte er einen Packen Geldscheine, und das Auffallende dabei war, daß er dieses Geld so in der Hand hielt und so damit eintrat, wie sonst niemand Geld zu halten und einzutreten pflegt. Er hatte alle Scheine in der rechten Hand und hielt die Hand gerade vor sich, als wenn er sie jedem zeigen wollte. Der Knabe, den Perchotin als Bedienten bei sich hatte, sagte später aus, daß Mitjä auch ins Vorzimmer so mit dem Gelde eingetreten sei, wahrscheinlich also auch auf der Straße die Hand ebenso gehalten hatte. Es waren alles Hundertrubelscheine, lauter regenbogenfarbene, und er hielt sie mit blutbeschmutzten Fingern. Späterhin, bei dem Verhör, das man anstellte, antwortete Perchotin auf die Frage, wieviel Scheine es gewesen wären, daß er dies nicht genau sagen könne: vielleicht zweitausend Rubel, vielleicht aber auch dreitausend, denn das Paket sei recht groß gewesen, „ziemlich fest“, doch wolle er nicht darauf bestehen, da ein Irrtum in solchen Dingen sehr leicht möglich sei, besonders wenn man nicht häufig so viel Geldscheine, so als Paket in der Hand gehalten, gesehen hat. Was ihm aber an Dmitrij Fedorowitschs Verfassung aufgefallen war, das drückte er später folgendermaßen aus: „Er war damals, wie mir schien, nicht recht bei Sinnen, doch nicht etwa betrunken, sondern – wie soll ich sagen? – er war gleichsam in Ekstase, war sehr zerstreut, zu gleicher Zeit aber sehr – ich möchte sagen: konzentriert, wie wenn er beständig an ein und dasselbe gedacht hätte, wie wenn er etwas vergeblich zu erfassen gesucht hätte und es ihm dabei doch unmöglich gewesen wäre, sich zu etwas zu entschließen. Er beeilte sich sehr, antwortete schroff und sonderbar; in manchen Augenblicken jedoch schien er keineswegs traurig oder bedrückt, sondern sogar heiter zu sein.“ –

„Aber was ist denn mit Ihnen passiert, was haben Sie nur?“ fragte Perchotin nochmals, indem er den Gast immer noch scheu betrachtete. „Haben Sie sich verwundet, sind Sie gefallen? Sehen Sie doch hier, wie Sie aussehen!“

Er ergriff ihn am Ellenbogen und zog ihn vor den Spiegel. Als Mitjä sein mit Blut besudeltes Gesicht erblickte, fuhr er zusammen und runzelte zornig die Stirn.

„Ach zum Teufel! Das fehlte gerade noch,“ stieß er brummend hervor, legte schnell das Geld aus der rechten Hand in die linke und griff mit der rechten hastig nach dem Taschentuch in der hinteren Rocktasche. Aber das Tuch war ganz blutdurchtränkt: kein einziger weißer Fleck war zu sehen, und es war nicht nur trocken geworden, sondern war buchstäblich hart getrocknet und wollte sich daher nicht auseinanderfalten lassen. Mitjä schleuderte es wütend fort.

„Hol’s der Teufel! Haben Sie nicht irgendeinen Lappen hier... zum Abwischen?“

„So haben Sie sich nicht verletzt? Aber wo haben Sie sich denn so mit Blut besudelt? Wollen Sie sich nicht lieber waschen, ach, selbstverständlich, kommen Sie, hier ist der Waschtisch.“

„Waschen? Ja, das ist gut... nur wohin soll ich denn das tun?“ Und er hielt in einer ganz sonderbaren Hilflosigkeit Perchotin die Geldscheine hin und blickte ihn dabei so fragend an, als müßte jener bestimmen, wohin er sein Geld legen sollte.

„Das Geld? Stecken Sie es doch in die Tasche, oder legen Sie es hier auf den Tisch; es wird schon nicht verloren gehn.“

„In die Tasche? Ja, in die Tasche. Das ist gut.... Nein, sehen Sie mal, das ist doch alles Unsinn!“ sagte er plötzlich laut, gleichsam aus der Zerstreutheit erwachend. „Sehen Sie: wir wollen zuerst diese Sache erledigen, ich meine die Pistolen, Sie geben sie mir zurück, und hier ist Ihr Geld... denn ich habe sie sehr nötig... und Zeit – Zeit habe ich keinen Augenblick. –“ Damit nahm er den obersten Hundertrubelschein und hielt ihn Perchotin hin.

„So viel werde ich nicht herauszugeben haben,“ bemerkte der, „haben Sie nicht kleineres Geld?“

„Nein,“ sagte Mitjä, der wieder das Geldpaket betrachtete, aber er schien es selbst nicht genau zu wissen, und so blätterte er mit den Fingern die ersten zwei, drei Scheine zurück. „Nein, es sind nur solche,“ sagte er und blickte Perchotin wieder fragend an.

„Wie sind Sie denn plötzlich so reich geworden?“ fragte jener. „Warten Sie, ich werde den Jungen zu Plotnikoffs schicken, die schließen ihr Geschäft immer etwas später, – dort wird man es noch auswechseln. He, Mischa!“ rief er in das Vorzimmer.

„Zu Plotnikoff! Das ist großartig!“ rief Mitjä begeistert, als hätte ihn mit einem Male ein großer Gedanke erleuchtet. „Mischa,“ wandte er sich zum eingetretenen Jungen, „lauf zu Plotnikoff und sage, daß Dmitrij Karamasoff sofort hinkommen wird... Doch hör, hör, daß sie Champagner, sagen wir drei Dutzend Flaschen einpacken, wie damals, als ich nach Mokroje fuhr... Ich nahm damals vier Dutzend mit“ (damit wandte er sich plötzlich zu Perchotin), „sie wissen schon, hab keine Bange, Mischa, aber hör: daß sie den Käse nicht vergessen, die Straßburger Pasteten, geräucherte Forellen, Schinken und Kaviar, kurz und gut, alles, was sie da haben, so ungefähr für hundert, hundertzwanzig Rubel wie damals... Aber hör noch: daß sie auch die Süßigkeiten nicht vergessen, Birnen, Wassermelonen, etwa zwei oder drei oder vier, halt, nein, von Wassermelonen genügt eine, dafür aber viel Schokolade, Karamellen, Ziehbonbon – kurz, alles, was ich auch damals nach Mokroje mitnahm, mit dem Champagner zusammen für dreihundert Rubel... Nun, und auch jetzt soll es genau so viel sein. Aber vergiß nichts, Mischa, wenn du nur Mischa... Er heißt doch Mischa, nicht wahr?“ unterbrach er sich, zu Perchotin gewandt.

„Warten Sie doch,“ unterbrach ihn Perchotin, der ihn unmutig angehört und beobachtet hatte, „bestellen Sie das lieber selbst, wenn Sie hinkommen, der Junge wird doch nur alles verwechseln.“

„Verwechseln, ja, das sehe ich, er wird alles verwechseln. Ach, Mischa, ich wollte dich fast abküssen für den kleinen Dienst... Wenn du es nicht verwechselst, gebe ich dir zehn Rubel, spring aber schnell hinüber... Champagner ist die Hauptsache, daß sie den Champagner einpacken und Kognak und Portwein und Rheinwein, kurz, alles wie es damals war... Sie wissen schon, wie es damals war!“

„Aber so hören Sie doch auf!“ unterbrach ihn Perchotin ungeduldig. „Lassen Sie doch den Jungen endlich hinlaufen, er kann dort das Geld wechseln und sagen, daß sie noch nicht schließen sollen, und Sie gehen dann selbst hin und bestellen persönlich alles, was Sie wollen... Geben Sie Ihren Hundertrubelschein, marsch, Mischa, lauf, daß deine Beine fliegen!“

Perchotin wollte, wie es schien, den Jungen absichtlich schnell aus dem Zimmer haben, denn dieser stand mit offenem Munde vor dem Gast und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf dessen blutbefleckte Stirn und die blutigen bebenden Hände mit dem Geldpaket und begriff vor Angst und Erstaunen wahrscheinlich kaum die Hälfte von dem, was Mitjä ihm sagte.

„So, jetzt kommen Sie und waschen Sie sich,“ befahl Perchotin kurz. „Legen Sie das Geld auf den Tisch, oder stecken Sie es in die Tasche... So, nun kommen Sie. Aber ziehen Sie sich doch den Rock aus.“ Und er half ihm, sich seines Rockes zu entledigen, doch plötzlich schrie er auf.

„Was, Donner! Ihr Rock ist ja gleichfalls blutig!“

„Das... das kommt nicht vom Rock... Nur ein wenig hier am Ärmel... und das hier ist, wo das Taschentuch gelegen hat. Es ist aus der Tasche durchgesickert. Ich habe mich bei Fenjä auf das Taschentuch gesetzt, und da ist denn das Blut durchgesickert,“ erklärte Mitjä sofort mit geradezu rührender Vertrauensseligkeit.

Perchotin hörte mit finsterer Stirn zu.

„Das sind ja schöne Geschichten!... Sie haben wohl eine Prügelei gehabt?“ brummte er.

Darauf begann das Waschen. Perchotin hielt die Kanne und goß das Wasser über. Mitjä beeilte sich und seifte daher die Hände nur wenig ein. (Seine Hände zitterten, wie Perchotin sich später erinnerte.) Da befahl ihm Perchotin sofort, die Hände besser einzuseifen und stärker zu reiben. Er war Mitjä bereits überlegen und wurde es mit jeder Minute mehr. Bei der Gelegenheit will ich noch bemerken, daß der junge Mann von Charakter nichts weniger als schüchtern war.

„Da, unter den Nägeln haben Sie das Blut noch nicht genügend abgerieben; so, jetzt waschen Sie sich das Gesicht, hier, höher, noch höher: bei der Schläfe, beim Ohr... Und Sie wollen in diesem Hemde fahren? Wohin fahren Sie denn? Sehen Sie doch, die ganze Manschette des rechten Ärmels ist mit Blut –...“

„Ja, mit Blut,“ bemerkte Mitjä, der die Hand hob, um den Hemdärmelaufschlag zu betrachten.

„So wechseln Sie die Wäsche.“

„Keine Zeit. Ich, sehen Sie, ich werde...“ fuhr Mitjä, der sich schon Gesicht und Hände getrocknet hatte und sich wieder den Rock anzog, mit derselben Zutraulichkeit fort, „ich werde hier den Hemdärmelrand einfach so umbiegen, man wird es unter dem Rock gar nicht sehen... So, sehen Sie, nicht wahr?“

„Jetzt sagen Sie, wo Sie sich so zugerichtet haben? Haben Sie sich mit jemandem geprügelt? Im Gasthaus vielleicht? Etwa wieder mit dem Hauptmann, wie damals? Sie haben ihn wohl wieder am Bart gezogen?“ fragte Perchotin vorwurfsvoll. „Oder wen haben Sie sonst noch geprügelt... oder am Ende gar totgeschlagen?“

„Unsinn!“ sagte Mitjä.

„Wieso Unsinn?“

„Ach, das ist doch ganz überflüssig,“ sagte Mitjä plötzlich lächelnd. „Ich habe soeben eine Alte auf dem großen Platze erdrückt.“

„Erdrückt? Eine Alte?“

„Einen Alten!“ schrie Mitjä lachend, mit offenem Blick in Perchotins Gesicht, und zwar so laut, als wenn jener taub gewesen wäre.

„Teufel noch eins, eine Alte, einen Alten... Haben Sie jemanden totgeschlagen?“

„Wir haben uns wieder versöhnt. Wir prallten zusammen – und versöhnten uns... an einem anderen Ort. Wir gingen als Freunde auseinander. Ein dummer Alter... aber er hat mir verziehen... jetzt hat er mir bestimmt schon verziehen... Wäre er aufgestanden, so hätte er mir nicht verziehen,“ fügte Mitjä plötzlich, mit den Augen zwinkernd, hinzu. „Nur, wissen Sie, zum Teufel mit ihm, hören Sie, Pjotr Iljitsch, zum Teufel mit ihm, das ist jetzt ganz überflüssig! Jetzt in dieser Stunde will ich nicht!“ Mitjä brach in bestimmtem Tone kurz ab.

„Ich wollte Sie nur fragen, was für ein Vergnügen es Ihnen macht, mit fremden Menschen anzubinden... wie Sie auch damals wegen solcher Lappalien mit diesem Hauptmann anbändelten... zuerst eine Prügelei und dann ein Gelage – das ist Ihr ganzer Charakter! Drei Dutzend Flaschen Champagner! – Was fangen Sie denn damit an?“

„Bravo! Geben Sie jetzt die Pistolen. Bei Gott, ich habe keine Zeit. Ich würde gern mit dir etwas sprechen, mein Täubchen, wie Fenjä sagt, aber ich habe keine Zeit. Und es ist auch nicht nötig, es ist zu spät zum Sprechen. Ah! wo ist denn das Geld, wo habe ich es hingelegt?“ fragte er erstaunt und begann die Hände in die Tasche zu stecken.

„Auf den Tisch haben Sie es doch selbst gelegt... dort, da liegt es ja. Hatten Sie es vergessen? Sie gehen ja mit Ihrem Gelde wahrlich so um, als wäre es Kehricht oder Wasser. Hier sind Ihre Pistolen. Sonderbar, um sechs versetzten Sie sie für zehn Rubel, und jetzt scheinen Sie ja Tausende in den Fingern zu haben. Wieviel sind es denn, zwei oder drei?“

„Drei, natürlich,“ sagte Mitjä lachend und steckte das Geld in die Hosentasche.

„Aber so werden Sie es doch verlieren. Haben Sie etwa Goldgruben geerbt?“

„Goldgruben? Goldgruben! Hahaha!“ Mitjä lachte, lachte unbändig. „Perchotin, sagen Sie, Liebster, wollen Sie nicht in den Goldgruben nach Gold graben? Dann wird Ihnen eine hiesige Dame sofort Dreitausend vorschießen, damit Sie nur hinfahren. Mir hat sie sie vorgeschossen, dermaßen liebt sie die Goldgruben! Kennen Sie Frau Chochlakoff?“

„Ich bin ihr nicht vorgestellt, aber ich habe sie gesehen und auch von ihr gehört. So hat sie Ihnen diese Dreitausend gegeben? Ist’s möglich?“ Perchotin blickte ihn ungläubig an.

„Wissen Sie, wenn morgen die Sonne goldrot emporsteigt, wenn der ewig junge Phöbus, Gott preisend und lobsingend, im Sonnenwagen am Himmel emporjagt, – so gehen Sie zu ihr, zu Frau Chochlakoff, und fragen Sie sie, ob sie mir die Dreitausend vorgeschossen hat oder nicht? Erkundigen Sie sich mal!“

„Ich kenne Ihre Beziehungen nicht... wenn Sie so sagen, dann wird sie sie Ihnen wohl gegeben haben... Und Sie gehen jetzt, nachdem Sie das Geld erhalten haben, anstatt nach Sibirien Gold graben, für alle drei... Ja, wohin wollen Sie denn jetzt eigentlich fahren?“

„Nach Mokroje.“

„Nach Mokroje? Aber es ist doch Nacht!“

„Es war einmal ein Mann, der war in allem Meister, doch sieh, da ward er dumm und saß dann fest im Kleister,“ sagte plötzlich Mitjä.

„Wieso im Kleister? Mit Dreitausend in der Hand sitzt man nicht im Kleister.“

„Ich rede nicht von den Tausenden. Hol sie der Teufel, die Tausende! Ich rede von des Weibes Herz:

‚Weibersinn ist leicht und flatterhaft,
Kennt keine Treu und ist nicht tugendhaft.‘

Ich bin mit Ulysses vollkommen einverstanden; das hat er gesagt.“

„Ich verstehe Sie nicht.“

„Betrunken, wie?“

„Nein, nicht betrunken, aber schlimmer als das.“

„Mein Geist ist trunken, Pjotr Iljitsch, geistig bin ich trunken, aber genug, genug davon!“

„Was tun Sie, Sie laden die Pistole?“

„Ja, ich lade die Pistole.“

Mitjä, der den Pistolenkasten geöffnet und das Pulverhorn genommen hatte, schüttete bereits vorsichtig die Ladung hinein und schlug sie dann sorgfältig fest zu. Darauf nahm er die Kugel, doch bevor er sie hineinschob, hielt er sie zwischen zwei Fingern zum Licht, um sie zu betrachten.

„Warum betrachten Sie die Kugel?“ fragte sofort Perchotin, der ihn unruhig und besorgt beobachtete.

„Nur so. Ein plötzlicher Einfall. Wenn du dir vorgenommen hättest, diese Kugel dir in den Kopf zu jagen, würdest du sie dann, wenn du die Pistole ladest, betrachten, oder würdest du sie so einfach hineinstoßen?“

„Warum sollte ich sie denn betrachten?“

„Wenn sie in dein eigenes Hirn eindringen soll, so ist es doch interessant, zu sehen, wie sie eigentlich aussieht... Aber übrigens, was rede ich für einen Unsinn, das war nur so ein dummer Gedanke. So, fertig.“ Er hatte die Kugel mit Werg festgestampft. „Pjotr Iljitsch, lieber Pjotr Iljitsch, das war ja nur Unsinn, wenn du wüßtest, was für ein Unsinn! Gib mir mal jetzt ein Stückchen Papier.“

„Da ist Papier.“

„Nein, glattes, reines, auf dem man schreiben kann. Ja, solches.“ Und Mitjä ergriff eine Feder, die auf dem Tisch lag und schrieb schnell zwei Zeilen auf das Papier, das er dann zweimal zusammenfaltete und in die Westentasche steckte. Die Pistolen legte er zurück in den Kasten, verschloß ihn mit dem kleinen Schlüssel, und nahm ihn dann vom Tisch. Er blieb vor Perchotin stehen, blickte ihn lange an und lächelte gedankenverloren.

„Gehen wir jetzt,“ sagte er.

„Wohin wollen Sie? Nein, hören Sie, das geht nicht... Sie wollen sich diese Kugel wahrscheinlich in Ihren Kopf jagen...“ sagte Perchotin unmutig.

„Die Kugel war doch Unsinn! Ich will leben! Ich liebe das Leben! Das laß dir gesagt sein. Den goldlockigen Phöbus liebe ich, und ich liebe sein heißes Licht... Pjotr Iljitsch, lieber Mensch, verstehst du, den Weg freizugeben?“

„Wie das, den Weg freizugeben?“

„Ich meine, aus dem Wege zu treten. Dem geliebten und gehaßten Wesen den Weg freizugeben? Und daß auch das Gehaßte lieb werde, – so muß man den Weg freizugeben verstehen! Und ihnen sagen: Gott mit euch, geht, geht vorüber, ich aber...“

„Sie aber?“

„Genug, gehen wir.“

„Weiß Gott, ich muß jemanden rufen, damit man Sie nicht dorthin läßt.“ Perchotin blickte ihn scharf an. „Warum wollen Sie denn jetzt nach Mokroje?“

„Dort ist ein Weib, hörst du, ein Weib! So. Das mag dir als Erklärung genügen. Genug. Gehen wir!“

„Hören Sie, Karamasoff, Sie sind ein wilder Mensch, aber Sie haben mir immer, ich weiß nicht warum, gefallen... ich beunruhige mich Ihretwegen.“

„Ich danke dir, Bruder. Ich bin wild, sagtest du? Ja, die Wilden, die Wilden! Ich habe es ja immer gesagt: die Wilden! Ah, das ist Mischa, ich hatte ihn schon ganz vergessen.“

Mischa war atemlos mit dem ausgewechselten Gelde eingetreten und meldete, daß bei Plotnikoff alle Kommis und Jungen bereits Flaschen, Fisch und Tee „zusammenschleppten“ und alles sofort fertig sein werde. Mitjä nahm einen Zehnrubelschein und reichte ihn Perchotin und einen anderen Zehnrubelschein wollte er dem Jungen geben.

„Nicht! Das verbiete ich Ihnen!“ Perchotin hielt ihn sofort auf. „In meinem Hause dürfen Sie das nicht ohne meine Erlaubnis tun, und es wäre auch nur eine schlechte Erziehung für den Jungen... wenn ich es erlauben wollte. Stecken Sie Ihr Geld ein, nicht dorthin, stecken Sie es in diese Tasche, werden es sonst verlieren. Morgen werden Sie es vielleicht nötig haben, und dann müßten Sie wieder Ihre Pistolen versetzen. Warum wollen Sie es denn in die Seitentasche stecken? So werden Sie es doch nur verlieren!“

„Hör, lieber Mensch, fahren wir zusammen nach Mokroje?“

„Wozu soll ich dorthin fahren?“

„Hör, ich werde sofort eine Flasche bestellen, trinken wir auf das Leben! Ich will auf das Leben trinken, aber mit dir zusammen will ich trinken. Ich habe doch noch nie mit dir getrunken, nicht wahr?“

„Meinetwegen, das kann man im Gasthaus besorgen, gehen wir hin, es war gerade meine Absicht, zu einer Partie Billard hinzugehen.“

„Nein, dazu haben wir keine Zeit, aber wir können bei Plotnikoff trinken, im Hinterzimmer. Willst du, ich werde dir ein Rätsel zum Raten aufgeben?“

„Nun, gib’s nur auf.“

Mitjä zog aus der Westentasche den soeben geschriebenen Zettel hervor, faltete ihn auseinander und zeigte ihn ihm. Mit deutlicher und großer Handschrift stand darauf geschrieben:

„Ich strafe mich für mein durchlebtes Leben und bestrafe damit mein Leben.“

„Nein, weiß Gott, ich muß jemanden rufen, ich werde sofort...,“ murmelte Perchotin vor sich hin, als er den Zettel gelesen hatte.

„Wirst keine Zeit mehr dazu haben, mein Täubchen, gehen wir und trinken wir. Nun, rechtsum kehrt, vorwärts – marsch!“

Die Kolonialwarenhandlung von Plotnikoff lag an derselben Straße, nur ein paar Häuser weit von Perchotins Wohnung, gerade an der Straßenecke. Es war die größte Delikatessenhandlung in unserer Stadt. Die Inhaber waren reiche Kaufleute, und das Geschäft ging nicht so übel. Es war dort alles zu haben, was auch in der Großstadt jedes größere Kolonialwarengeschäft hat: Weine von den Brüdern Jelissejeff, Früchte, Zigarren, chinesischer Tee, Zucker, Kaffee usw. Es waren immer drei Kommis und zwei Laufburschen beschäftigt. Obwohl unser Bezirk verarmt, der Handel zurückgegangen war und die Gutsbesitzer fortzogen, so blühte doch dieses Kolonialwarengeschäft nach wie vor und vergrößerte sich noch mit jedem Jahr, denn die Zahl der Käufer dieser Gegenstände verringerte sich nicht, sondern wuchs eher. Dmitrij Fedorowitsch wurde ungeduldig erwartet. Man erinnerte sich noch gar zu gut, wie er vor vier Wochen ebenso plötzlich Weine, Delikatessen und Süßigkeiten bestellt hatte, Ware für mehrere hundert Rubel bar (auf Kredit hätte man ihm natürlich nichts gegeben), und ebensogut wußte man, daß er auch damals ebenso wie jetzt einen ganzen Packen Hundertrubelscheine in der Hand gehalten hatte, wußte, wie er mit dem Gelde umgegangen war, wie großartig er alles bestellt hatte, ohne je nach einem Preise zu fragen, ohne nachzudenken oder nachdenken zu wollen, wieviel Ware er nahm. Sprach doch die ganze Stadt nachher, daß er damals, als er mit Gruschenka nach Mokroje gefahren war, in einer Nacht und an dem folgenden Tage dreitausend Rubel ausgegeben hatte und ohne einen roten Heller zurückgekommen war. Ein ganzes Zigeunerlager, das sich damals bei uns niedergelassen hatte, war von ihm hinbestellt worden, und dieses schlaue Volk, hieß es, hätte ihm in der Trunkenheit unzähliges Geld abgezapft und seine teuren Weine wie Flußwasser (nur mit anderen Folgen) getrunken. Man erzählte sich lachend, wie er in Mokroje schmutzige Bauernkerle mit Champagner und die Dorfmädel und Weiber mit teurem Konfekt und Straßburger Pasteten traktiert hatte. Desgleichen lachte man, besonders im Gasthaus „Zur Hauptstadt“, über Mitjäs aufrichtiges Eingeständnis (natürlich lachte man ihm nicht ins Gesicht, denn das wäre etwas zu gefährlich gewesen), daß er von Gruschenka für diese ganze „Eskapade“ nichts als die Erlaubnis erhalten hatte, „einen Kuß auf ihr Füßchen drücken zu dürfen und weiter nichts“.

Als Mitjä und Perchotin sich dem Laden näherten, sahen sie, daß vor der Tür eine Troika hielt; der Wagen war mit einem Teppich bedeckt und die Pferde mit Glocken und Schellen geschmückt. Andrei, der Kutscher, ging auf und ab und wartete auf Mitjä. Im Laden hatte man eine Kiste bereits „erledigt“ und wartete nur noch auf Mitjäs Erscheinen, um sie zu vernageln und auf den Wagen zu heben. Perchotin wunderte sich.

„Aber wo hast du so schnell die Troika hergenommen?“ fragte er erstaunt.

„Als ich zu dir ging, traf ich ihn unterwegs, ich meine den Andrei, und da befahl ich ihm, sofort anzuspannen und hier vorzufahren. Wozu Zeit verlieren? Das vorige Mal fuhr ich mit Timofei, aber diesmal ist mir Timofei mit meiner Zauberin vorausgefahren. He, Andrei, werden wir sehr viel später ankommen?“

„Höchstens ein Stündchen, Herr, werden sie früher ankommen als wir, und selbst nicht mal das!“ versicherte Andrei eilfertig. „Ich habe Timofei abfahren sehen, ich weiß, wie der fahren wird. Die fahren nicht wie wir, Herr, wie sollen die denn so wie wir fahren! Mehr als eine Stunde kommen sie sicherlich nicht früher an!“ beteuerte Andrei eifrig. Es war ein noch nicht alter, rothaariger und hagerer Mann im Leibrock. Seinen Mantel trug er auf dem linken Arm.

„Fünfzig Rubel Trinkgeld, wenn wir nur eine Stunde später hinkommen.“

„Für eine Stunde bin ich sicher! Ach, Herr, die werden nicht mal ’ne halbe Stunde früher ankommen, von ’ner ganzen schon ganz zu schweigen!“

Mitjä war zwar sehr beschäftigt mit dem Anordnen, doch gab er seine Befehle auffallend zerstreut, er sprach sie fast nie zu Ende. Perchotin fand es geboten, sich in die Sache einzumischen.

„Für vierhundert Rubel, nicht weniger als für vierhundert, damit es ganz genau so viel ist, wie damals,“ kommandierte Mitjä. „Vier Dutzend Flaschen Champagner, keinen Tropfen weniger!“

„Wozu soviel, wer wird das austrinken? Halt!“ rief Perchotin. „Was ist das für eine Kiste? Was ist hier eingepackt? Diese Kiste soll für vierhundert Rubel Weine und Delikatessen enthalten?“

Ihm wurde aber sofort von den dienstbeflissenen Kommis in höflichster Redeweise auseinandergesetzt, daß in dieser ersten Kiste nur ein halbes Dutzend Flaschen Champagner und „alle möglichen notwendigen Konserven und sofort nötige Delikatessen“ eingepackt seien, sowie Schokolade, Früchte, Kaviar, Lachs usw., daß aber der „große Bedarf“ sofort eingepackt und noch in dieser Stunde mit einer anderen Troika abgeschickt werden würde, so wie es auch das vorige Mal geschehen sei, und daß also die Sachen für den „großen Bedarf“ höchstens eine Stunde später als der Herr in Mokroje ankommen würden.

„Nur nicht später als nach einer Stunde, und möglichst viel Schokolade und Makronen, die werden von den Mädels am liebsten gegessen,“ setzte Mitjä noch eifrig hinzu.

„Nun gut, also noch Makronen. Aber was fängst du mit vier Dutzend Flaschen Champagner an? Eines genügt vollkommen!“ sagte Perchotin geärgert.

Er erkundigte sich nach den Preisen, verlangte die Rechnung und wollte sich nicht beruhigen. Kurz, er rettete im ganzen etwa hundert Rubel. Es endete damit, daß alles in allem nur für dreihundert Rubel Ware eingepackt werden sollte.

„Ach, zum Teufel!“ Perchotin bedachte sich eines anderen. „Was geht das mich an! Tu mit deinem Gelde, was du willst, wenn du es so mühelos bekommen hast!“

„Komm her, mein lieber Nationalökonom, komm her, ärgere dich nicht.“ Damit zog ihn Mitjä in das Hinterzimmer. „Man wird uns sofort eine Flasche herbringen. Ach was, fahren wir zusammen hin, du bist ein lieber Mensch, ich liebe solche wie du.“

Mitjä setzte sich auf einen geflochtenen Stuhl vor einen kleinen Tisch, der mit einem äußerst befleckten Tischtuch bedeckt war. Perchotin ließ sich ihm gegenüber auf irgendeiner anderen Sitzgelegenheit nieder. Im selben Augenblick wurde auch schon der Champagner gebracht. Es wurde noch gefragt, ob die Herren nicht Austern wünschten, „prima Qualität, letzte Sendung...“

„Ach, zum Teufel mit den Austern, ich will sie nicht, nicht nötig,“ stieß Perchotin geradezu wütend hervor.

„Ja, wir haben keine Zeit zum Austernschlürfen,“ meinte Mitjä, „und ich habe auch keinen Appetit auf Austern. Weißt du, Freund,“ sagte er plötzlich gefühlvoll, „ich habe niemals diese ganze Unordnung geliebt.“

„Wer liebt denn überhaupt so etwas! Vier Dutzend, das ist doch wirklich... für Bauernkerle!“

„Ich rede nicht davon. Ich meinte die höhere Ordnung. Es ist keine Ordnung in mir, keine höhere Ordnung... Aber... das ist jetzt vorüber, wozu noch darüber trauern. Das kommt jetzt zu spät, hol’s der Teufel, wenn er will! Mein ganzes Leben war Unordnung, jetzt muß man einmal Ordnung schaffen. Hm, du glaubst wohl, daß ich Witze reißen will?“

„Du phantasierst im Fieber, aber machst keine Witze.

‚Heil dem Höchsten in der Welt,
Heil dem Höchsten auch in mir!‘

– Diese Worte haben sich einmal, irgend einmal aus meiner Seele gerungen, nicht als Gedicht, nein, es waren Tränen... Ich habe sie selbst gedichtet... natürlich nicht damals, als ich den Hauptmann am Bärtchen zog...“

„Wie kommst du auf ihn?“

„Wie ich auf ihn zu sprechen komme? Unsinn! Alles nähert sich dem Ende, alles gleicht sich aus, ein Strich – und das Fazit.“

„Nein, weiß Gott, mir kommen deine Pistolen nicht aus dem Sinn.“

„Auch die Pistolen sind Unsinn! Trink und phantasiere nicht. Ich liebe das Leben, habe es gar zu lieb, so lieb, daß es fast schon niedrig ist. Doch genug davon! Auf das Leben, Täubchen, auf das Leben laß uns trinken, ich schlage einen Toast auf das Leben vor! Warum bin ich nur so zufrieden mit mir? Ich bin ein niedriger Mensch, aber ich bin zufrieden mit mir. Und doch – es quält mich, daß ich niedrig und trotzdem mit mir zufrieden bin. Ich segne die Schöpfung, ich bin bereit, Gott zu segnen und seine Schöpfung, aber... man muß ein scheußliches Insekt vernichten, damit es nicht mehr umherkriecht, nicht anderen das Leben verdirbt... Trinken wir auf das Leben, Bruder! Was gibt es Schöneres als das Leben? Nichts, nichts! Auf das wogende Leben und auf eine Königin aller Königinnen!“

„Schön, trinken wir auf das Leben, und meinetwegen auch auf deine Königin.“

Sie tranken jeder ein Glas. Mitjä war trotz seiner Begeisterung und Ekstase gewissermaßen traurig – als wenn eine Sorge hinter ihm stünde und er sie nicht loswerden könnte.

„Mischa... das ist doch dein Mischa, der soeben eintrat? Mischa, Täubchen, Mischa, komm her, trink dieses Glas auf Phöbus, den goldlockigen Jüngling, der morgen...“

„Warum gibst du ihm Champagner!“ rief Perchotin gereizt und versuchte ihn aufzuhalten.

„Nun, erlaub doch, laß doch, warum willst du es nicht? – laß, ich will.“

„Ach nun!“

Mischa trank das Glas aus, machte einen schönen Bückling und lief fort.

„So wird er es länger behalten,“ meinte Mitjä. „Ein Weib liebe ich, ein Weib! Was ist das Weib? Die Königin der Erde! Traurig ist mir zumut, Pjotr Iljitsch. Weißt du noch, wie Hamlet sagt: ‚Mir ist so schwer ums Herz, so schwer, Horatio... Ach, armer Yorik!‘ Dieser Yorik bin vielleicht ich. Ja, jetzt bin ich Yorik, und ein Schädel später.“

Perchotin hörte zu und schwieg; da verstummte auch Mitjä.

„Was ist das da für ein Hündchen?“ fragte er plötzlich zerstreut einen Kommis, als er in der Ecke ein kleines Bologneserhündchen mit schwarzen Augen bemerkt hatte.

„Das gehört Warwara Alexejewna, unserer Gnädigen,“ entgegnete der Kommis höflich, „sie hat es vorhin hergebracht und hier vergessen, da wird man es ihr zurückbringen müssen.“

„Ich habe einmal ein ähnliches gesehen... im Regiment...“ sagte Mitjä gedankenverloren, „nur hatte es sich die Hinterpfötchen gebrochen... Pjotr Iljitsch, ich wollte dich noch fragen, gut, daß es mir einfällt: Hast du je in deinem Leben gestohlen – oder nie?“

„Was soll das?“

„Nein, ich frage dich nur so. Ich meine, aus der Tasche eines anderen Menschen etwas Fremdes? Ich rede nicht von der Staatskasse, die wird natürlich von allen gerupft und auch von dir, versteht sich...“

„Geh zum Teufel.“

„Ich meine aber Fremdes: gleich aus der Tasche, aus dem Portemonnaie?“

„Von meiner Mutter habe ich einmal einen Zwanziger gestohlen, ich war ein neunjähriger Knabe. Ich nahm ihn leise vom Tisch und verbarg ihn in der Faust.“

„Nun, und?“

„Nun, nichts weiter. Drei Tage verwahrte ich ihn, dann schämte ich mich, gestand es und gab ihn zurück.“

„Nun, und dann?“

„Das ist doch klar: ich wurde gedroschen. Aber wozu fragst du, hast du etwa selbst gestohlen?“

„Hab’ gestohlen,“ sagte Mitjä mit einem verschmitzten Lächeln.

„Was hast du gestohlen?“

„Von meiner Mutter einen Zwanziger, ich war ein neunjähriger Knabe, nach drei Tagen gab ich ihn zurück.“

Als er das gesagt hatte, erhob er sich plötzlich.

„Herr, wollen wir uns nicht beeilen?“ ertönte von der Tür Andreis Stimme.

„Ist alles bereit? Gehen wir!“ Mitjä fuhr unmutig auf. „Noch das letzte Wort und... Dem Andrei einen Schnaps auf den Weg! Und auch ein Glas Kognak für ihn außer dem Schnaps! Dieser Kasten (mit Pistolen) kommt unter den Sitz. Leb wohl, Pjotr Iljitsch, denk nicht schlecht von mir!“

„Aber du kommst doch morgen zurück?“

„Unbedingt.“

„Werden der Herr vielleicht jetzt die kleine Nota begleichen?“ fragte freundlich ein flink herbeigesprungener Kommis.

„Ach, ja, natürlich! Versteht sich!“

Und wieder zog er alle Scheine aus der Tasche heraus, nahm die obersten drei regenbogenfarbenen und warf sie auf den Ladentisch. Dann eilte er hinaus. Ihm folgte unter Bücklingen und mit guten Wünschen auf die Reise das ganze Personal. Andrei räusperte sich und sprang auf seinen Platz. Doch kaum wollte Dmitrij einsteigen, als plötzlich Fenjä auftauchte. Sie kam atemlos herangelaufen, schlug die Hände flehend zusammen und stürzte mit einem Schrei vor Mitjä auf die Knie nieder.

„Väterchen Dmitrij Fedorowitsch, Täubchen, bringen Sie sie nicht um! Und ich, ich habe Ihnen alles erzählt in der Angst!... Und auch ihn bringen Sie nicht um, das ist doch der Frühere, ihr Liebster! Er wird jetzt Agrafena Alexandrowna heiraten, er ist doch nur deswegen aus Sibirien zurückgekehrt... Täubchen Dmitrij Fedorowitsch, richten Sie nicht fremdes Leben zugrunde!“

„Aha, das also ist es! Nun, da kann er ja was Schönes anrichten!“ brummte Perchotin vor sich hin. „Jetzt begreife ich... jetzt hat alles seine Erklärung... Dmitrij Fedorowitsch, gib mir mal sofort die Pistolen her, wenn du ein Mensch sein willst,“ rief er ihm laut zu, „hörst du!“

„Die Pistolen? Wart, mein Täubchen, ich werde sie unterwegs in den Graben werfen,“ sagte Mitjä. „Fenjä, stehe auf, liege nicht so vor mir auf den Knien. Niemanden wird Mitjä, dieser dumme Mensch, zugrunde richten, hinfort niemanden mehr. Und noch eines, Fenjä,“ rief er ihr, bereits einsteigend, zu, „ich habe dich vorhin gekränkt und habe dir weh getan, verzeih es mir und vergib dem Bösewicht... willst du es aber nicht vergeben, nun dann meinetwegen auch nicht! Jetzt ist doch schon alles einerlei! Fahr zu, Andrei, geschwind!“

Andrei zog die Leine an und knallte mit der Peitsche: Glocken und Schellen ertönten.

„Leb wohl, Pjotr Iljitsch! Dir die letzte Träne!...“

„Er ist nicht betrunken und schwatzt doch wie im Delirium!“ dachte Perchotin bei sich, als die Troika wie der Wind um die Ecke gebogen und verschwunden war. Er hatte sich vorgenommen, so lange zu warten, bis man die zweite Troika mit den übrigen Vorräten abgeschickt hätte, denn er sagte sich, daß man bei der Gelegenheit wahrscheinlich tüchtig betrügen wollte; doch plötzlich drehte er sich ärgerlich um und begab sich zu seiner Billardpartie.

„Ein Esel, wenn auch sonst ein netter Junge...“ brummte er unterwegs vor sich hin. „Von einem gewissen Offizier, diesem Vormaligen der Gruschenka, habe ich gehört. Nun, wenn er jetzt zurückgekehrt ist... Ach, die verfluchten Pistolen! Zum Teufel, was geht das schließlich mich an, ich bin doch nicht seine Kindermagd! Mag er doch! Aber es wird ja nichts geschehen. Hunde, die bellen, beißen nicht. Solche Leute trinken und prügeln sich, prügeln sich und versöhnen sich. Sind denn das Tatmenschen? Doch was war das mit dem ‚ich werde den Weg freigeben, strafe mich für mein Leben‘? Ach was, Geschwätz. Er hat doch wahrlich nicht wenig ähnliches Zeug geredet, wenn er betrunken war. Jetzt aber war er wirklich nicht betrunken. ‚Mein Geist ist trunken‘ – schönen Stil lieben die Schufte. Ach, was geht das mich an, bin doch nicht seine Kindermagd. Und das Prügeln stets erstes Lebenselement! Sein ganzes Gesicht war mit Blut besudelt. Und das ganze Taschentuch... Pfui Teufel, jetzt liegt es bei mir auf dem Fußboden... Schweinerei!“

In der schlechtesten Gemütsverfassung erreichte er endlich das Gasthaus „Zur Hauptstadt“ und begann sofort die Partie. Das Spiel zerstreute ihn. Man begann darauf eine zweite Partie, und plötzlich ließ er im Gespräch mit seinem Partner die Bemerkung fallen, daß Dmitrij Karamasoff wieder Geld in Fülle besitze, etwa dreitausend Rubel, daß er es selbst gesehen habe, und daß Mitjä wieder nach Mokroje zu einem Gelage mit Gruschenka gefahren sei. Diese Nachricht wurde mit erstaunlicher Aufmerksamkeit aufgenommen. Und alle sprachen sonderbarerweise vollkommen ernst darüber, keineswegs scherzend oder gleichgültig. Sie unterbrachen sogar das Spiel.

„Dreitausend? Woher hat er die denn plötzlich bekommen?“

Man begann ihn auszufragen. Daß Frau Chochlakoff ihm das Geld gegeben habe, wurde stark bezweifelt.

„Oder hat er vielleicht den Alten beraubt?“

„Weiß der Teufel, dreitausend! Da muß irgend etwas nicht in Ordnung sein.“

„Hat er sich denn nicht immer gerühmt, daß er den Vater erschlagen werde, das haben wir doch alle gehört! Und gerade von dreitausend Rubeln sprach er das letztemal...“

Perchotin hörte zu, und seine Antworten wurden immer trockener und knapper. Vom Blut, das Mitjä an den Händen und auf dem Gesicht gehabt hatte, sagte er nichts, obgleich er auf dem Wege zum Gasthaus eigentlich beabsichtigt hatte, auch davon zu erzählen. Man begann die dritte Partie, und das Gespräch über Mitjä verstummte allmählich. Nachdem aber Perchotin die dritte Partie beendet hatte, wollte er nicht weiter spielen; er legte das Queue hin und ging fort, ohne zu Abend zu essen. Als er auf den Platz hinaustrat, blieb er, in Zweifel befangen und verwundert über sich selbst, stehen. Er hatte beschlossen, sofort zu Fedor Pawlowitsch Karamasoff zu gehen, um dort zu erfahren, ob nicht etwas Besonderes geschehen war.

„Ach was,“ dachte er, „ich soll dort wegen irgendeiner Dummheit, denn mehr wird ja doch nicht dahinter stecken, fremde Menschen aus dem Schlafe wecken und womöglich noch einen Skandal hervorrufen. Teufel! was geht das mich an!“

In hundsgemeiner Stimmung begab er sich geradeswegs nach Hause, doch plötzlich fiel ihm Fenjä ein. „Ich Esel, warum erkundigte ich mich nicht bei ihr, dann würde ich jetzt alles wissen.“ Und das eigensinnige Verlangen, mit ihr zu sprechen, wurde so stark in ihm, daß er auf halbem Wege kurz entschlossen kehrtmachte und sich zum Hause der Morosowa, wo Gruschenka wohnte, begab. Beim Hoftor angelangt, klopfte er, und der Laut, der in der nächtlichen Stille erschallte, weckte ihn wieder auf: er ernüchterte und ärgerte ihn zugleich. Zudem rührte sich nichts: alles schien im Hause zu schlafen. „Und auch hier wird es schließlich nur auf einen Skandal hinauskommen!“ dachte er fast mit einem Schmerz in der Brust. Doch anstatt fortzugehen, begann er von neuem zu klopfen, und zwar klopfte er vor Wut aus aller Kraft. Der Lärm schallte durch die ganze Straße. „Ich werde sie doch noch wachrütteln, zum Trotz!“ brummte er, und mit jedem Schlag wuchs sein Ärger, und mit jedem Schlage klopfte er lauter, immer lauter.

VI — „Ich fahre!“

Inzwischen raste die Troika auf der Landstraße dahin. Bis nach Mokroje waren es etwas mehr als zwanzig Werst, doch Andrei jagte dermaßen, daß er in einer Stunde anzukommen hoffen konnte. Die scharfe Fahrt schien Mitjä zu beleben. Die Nacht war still und fast kalt; am klaren Himmel flimmerten lautlos die großen, hellen Sterne. Es war dieselbe Nacht und vielleicht auch dieselbe Stunde, in der Aljoscha zur Erde niederfiel und „in Verzückung schwor, die Erde bis in alle Ewigkeit zu lieben“. Doch in Mitjäs Seele war Unruhe, dunkle Unruhe. Und wenn auch viele Gefühle in seiner Seele miteinander rangen, so strebte doch sein ganzes Wesen nur zu ihr, zu ihr, seiner Königin, zu der ihn die rasenden Tiere brachten, – um sie noch einmal, zum letztenmal, zu sehen! Ich will hier nur noch eines sagen, wenn man es mir auch vielleicht nicht glauben wird: Dieses eifersüchtige Herz empfand für den neuen Nebenbuhler, für diesen plötzlich aus der Erde aufgetauchten sogenannten „früheren Offizier“, nicht den geringsten Haß. Jeder andere Nebenbuhler, wäre ein solcher neben ihm aufgetaucht, hätte ihn vor Eifersucht rasend gemacht, und vielleicht hätte er dann wieder seine Hände mit Blut besudelt, – doch für diesen, für diesen „ihren Ersten“ empfand er nicht einmal ein feindseliges Gefühl. Allerdings hatte er ihn noch nicht gesehen, aber: „Hier ist es ihr Recht und auch seines; hier ist es ihre erste Liebe, die sie in den ganzen fünf Jahren nicht vergessen hat, hier kann niemand mehr etwas streitig machen. Fünf Jahre lang hat sie ihn geliebt, und ich – warum habe ich mich zwischen sie zu drängen versucht? Was hatte ich dabei zu tun? Tritt zur Seite, Mitjä, und gib den Weg frei! Und was will ich jetzt noch? Jetzt ist ja auch ohne den Offizier alles aus! Selbst wenn er gar nicht wieder aufgetaucht wäre – es ist ein für allemal alles zu Ende...“

Ungefähr in diesen Worten würde er seine Empfindungen ausgedrückt haben, wenn er nur imstande gewesen wäre, zu denken. Denken aber war ihm unmöglich. Sein ganzer Entschluß war eigentlich ohne jeden Gedanken entstanden, in einer Sekunde war er aufgetaucht, sofort gefühlt und wortlos, gedankenlos mit allen Folgen von ihm als selbstverständlich aufgenommen worden. Das war in der Küche bei Fenjä schon bei deren ersten gestammelten Worten geschehen. Und doch war trotz des gefaßten Entschlusses Unruhe in seiner Seele; selbst die Entschlossenheit brachte keine Ruhe. Gar zu vieles stand hinter ihm und quälte ihn. Und eben dies kam ihm zuweilen so sonderbar vor. Er hatte doch schon eigenhändig seinen Urteilsspruch geschrieben: „Ich strafe mich für mein durchlebtes Leben,“ und der Zettel war doch hier in seiner Westentasche, und die Pistole war doch schon geladen, und er hatte ja schon beschlossen, wie er morgen den ersten lichten Strahl des „goldlockigen Phöbus“ begrüßen werde – und doch konnte er das Gewesene, das hinter ihm stand und ihn quälte, nicht abschütteln, das fühlte er bis zum körperlichen Schmerz, und der Gedanke daran hatte sich wie Verzweiflung an seine Seele festgesogen. Es kam ein Augenblick, in dem er die Pistole herausreißen und aus dem Wagen springen wollte, um alles sofort zu beenden, ohne auf den goldlockigen Phöbus zu warten. Aber auch dieser Augenblick verging wie ein Funken. Und die Troika jagte, „die Entfernung verschlingend“, und in dem Maße, wie er sich ihr näherte, verscheuchte der Gedanke an sie mehr und mehr alle anderen, ihn zerrenden Schreckgespenster. Oh, er wollte sie nur einmal noch sehen, nur noch einmal, und wenn auch nur von ferne, flüchtig! „Sie ist jetzt mit ihm zusammen, nun, so werde ich denn sehen, wie sie jetzt mit ihm zusammen ist, mit ihrem früheren Liebsten, das ist ja alles, was ich will.“ Und noch niemals hatte sich in ihm so viel Liebe zu diesem Weibe, das so verhängnisvoll für ihn geworden war, in seinem Herzen erhoben, so viel neue, noch nie empfundene Gefühle, Gefühle, die für ihn selbst ganz unerwartet kamen, Gefühle, die wie Gebete fromm und bis zur Weichheit zärtlich waren. „Ich werde den Weg freigeben und vergehen! Und ich vergehe auf Erden!“ sagte er sich in einem Anfall hysterischer Ekstase.

Fast eine Stunde lang jagten sie schon. Mitjä schwieg, und Andrei, der sonst recht gesprächig war, hatte auch noch kein Wort gesprochen, ganz, als hätte er sich gefürchtet zu sprechen, und trieb nur seine „Renner“ an, seine braune, hagere, wilde Troika. Da schrie ihm plötzlich Mitjä entsetzt zu:

„Andrei!... Aber wenn sie schon schlafen?“

Dieser Gedanke war ihm ganz plötzlich gekommen, denn vorher hatte er an diese Möglichkeit überhaupt nicht gedacht.

„Ja, es ist wohl anzunehmen, daß sie sich schon hingelegt haben.“

Mitjä runzelte finster die Stirn, ein krankhaftes Gefühl erfaßte ihn. „Nein, wirklich, was dann, wenn er ankommt... mit diesen Gefühlen... und sie schlafen bereits... und auch sie schläft vielleicht gleichfalls... im selben Hause...?“ Ein böser Gedanke stieg in seinem Herzen auf.

„Schneller, Andrei, jage!“ schrie er außer sich.

„Aber es kann auch sein, daß sie sich noch nicht hingelegt haben,“ meinte Andrei nach einem Weilchen Nachdenken. „Timofei sagte, daß sich ihrer dort viele versammelt haben...“

„Auf der Poststation?“

„Nein, nicht dort; bei Plastunoffs, im Einkehrhaus, also sozusagen in der Herberge, das wäre so eine freie Station für die Reisenden, ohne Post.“

„Ich weiß, ich weiß. Aber was sagst du da von vielen, die sich dort versammelt hätten? Wie viele? Wer das?“ Mitjä war durch die unerwartete Nachricht außergewöhnlich erregt.

„Timofei erzählte so. Alles Herren: aus der Stadt zwei, was für welche, weiß ich nicht, aber sie sollen aus der Stadt sein und dann noch zwei andere, angereiste, wie er sagte, und wer kann wissen, vielleicht noch jemand, ich hab ihn nicht viel ausgefragt. Sie haben angefangen Karten zu spielen, sagte er.“

„Karten?“

„So ist denn wohl möglich, daß sie noch nicht schlafen, wenn sie Karten zu dreschen angefangen haben. Was wird es denn jetzt viel an der Zeit sein, gut, wenn es elf ist.“

„Schneller, Andrei, so jage doch!“ schrie ihm Mitjä abermals zu.

„Nur möchte ich gern fragen, Herr,“ begann nach kurzem Schweigen Andrei, „weiß nur bloß nicht, wie ich das machen soll, damit der Herr sich nicht ärgert.“

„Was?“

„Vorhin fiel Fedossja Markowna vor dem Herrn auf die Knie und bat, ihre Herrin und noch jemand nicht umzubringen... So denk ich denn, ich bringe ihn jetzt wohl hin... Verzeiht, Herr, ich fragte nur so aus Gewissensangst, vielleicht habe ich was Dummes gesagt.“

Mitjä faßte ihn plötzlich hinterrücks an den Schultern.

„Du bist doch ein Kutscher? Ein Kutscher, nicht wahr?“ fragte er erregt.

„Nun ja, wie man’s nimmt, eigentlich ein Fuhrmann...“

„Weißt du nicht, daß man ausbiegen und anderen den Weg freigeben muß? Oder glaubst du, daß man drauflosfahren muß, wenn auch die anderen dabei in den Graben stürzen oder unter deine Räder kommen? Nein, Andrei, überfahre niemanden! Man darf nicht Menschen überfahren, man darf den Menschen nicht das Leben zerstören. Wenn du aber ein Leben zerstört hast, so strafe dich selbst... wenn du es verdorben hast, wenn du nur jemandem das Leben verdorben hast – so richte dich und verschwinde!“

Diese Worte sprudelten wie im Krampf aus ihm hervor. Andrei wunderte sich über den Herrn, setzte aber doch das Gespräch fort.

„Da hat der Herr ein wahres Wort gesagt: Das darf man nicht, einen Menschen überfahren, auch quälen nicht, und wenn’s auch nur ein Vieh ist, denn auch ein Vieh ist als Vieh von Gott geschaffen, selbst so ein Pferd. Mancher aber jagt wie blind drauflos, und wenn’s dann halten heißt, dann ist’s zu spät, er jagt dir schnurstracks...“

„In die Hölle?“ fiel Mitjä ein und lachte darauf sein unerwartetes, eigenartig kurzes Lachen. „Andrei, du goldene Seele, sag!“ Mitjä faßte ihn wieder hinterrücks an den Schultern, „sag, wird Dmitrij Karamasoff schnurstracks in die Hölle kommen oder nicht, was meinst du?“

„Das kann ich nicht wissen, Täubchen, das wird von Euch abhängen, denn Ihr seid doch bei uns, wie... Seht, Herr, als Gottes Sohn ans Kreuz geschlagen war und starb, da ging er vom Kreuz schnurstracks in die Hölle und befreite alle Sünder, die sich dort quälten. Und da ächzte die Hölle, weil, wie sie glaubte, hinfort niemand mehr hinkommen werde, also keine Sünder mehr. Und da sagte der Herr zur Hölle: ‚Ächze nicht, Hölle, denn es werden hinfort viele Reiche und Herrscher und Richter und Mächtige und Würdenträger zu dir kommen, und du wirst hinfort wiederum genau so gefüllt sein, wie du es von Ewigkeit warst, bis daß ich wiederkomme.‘ Und das ist wahr, das hat der Herr genau so gesagt...“

„Eine Volkslegende, prachtvoll! Zieh dem Linken eins über, Andrei!“

„Das ist schon so, Herr, für wen die Hölle bestimmt ist,“ – Andrei zog dem Linken eins über – „der kommt hinein, und was für welche hineinkommen, das hat der Herr damals der Hölle vorausgesagt. Aber Ihr seid doch für mich wie ein klein Kindchen... so kommt Ihr mir immer vor... Und wenn der Herr auch jähzornig ist, das ist wohl wahr, so wird doch Gott Euch für Euer gutes Herz vergeben.“

„Und du, vergibst du mir, Andrei?“

„Was habe ich Euch denn zu vergeben, Herr, Ihr habt mir doch nichts Schlechtes getan.“

„Nein, für alle, für alle du allein, jetzt gleich, sofort, hier im Wagen, auf der Fahrt, vergibst du mir für alle? Sprich, du Volksseele!“

„Ach Herr! Es wird einem ganz bange, Euch zu fahren. Eure Worte sind heute ganz wunderlich...“

Mitjä hörte nicht, was Andrei brummte. Er betete wie wahnsinnig und flüsterte angstvoll vor sich hin.

„Vater unser, nimm mich in meiner ganzen Gottlosigkeit, aber richte mich nicht! Ruf mich nicht vor deinen Richterstuhl, laß mich ohne Gericht vorübergehn... Richte mich nicht, denn ich habe mich selbst gerichtet. Richte mich nicht, denn ich liebe Dich, Herr! Niedrig bin ich, aber ich liebe Dich; schickst Du mich in die Hölle, so werde ich Dich auch dort lieben, werde auch von dort zu Dir emporschreien, daß ich Dich ewig, ewig liebe... Doch laß auch mich zu Ende lieben... jetzt hier zu Ende lieben, nur noch fünf Stunden bis zum ersten warmen Strahl Deines Lichts... Denn ich liebe die Königin meiner Seele! Ich liebe sie, und ich kann nicht anders als sie lieben. Du siehst mich doch ganz, Du kennst mich ganz, Du weißt doch, wie ich bin! Richte mich nicht, ich habe mich schon gerichtet; ich werde vor ihr niederstürzen und sagen: Es war recht von dir, daß du an mir vorübergingst... Lebe wohl und vergiß dein Opfer, beunruhige dich niemals meinetwegen!“

„Mokroje!“ rief Andrei und wies mit der Peitsche nach vorn.

Im bleichen Dunkel der Sternennacht hoben sich vor ihnen schwarze, kleine Häusermassen aus der Erde empor; stellenweise lagen sie dichter, stellenweise verstreuter. Das Dorf Mokroje zählte etwa zweitausend Einwohner. Zu dieser Stunde lag es schon in tiefem Schlaf, nur hier und da blitzten noch ein paar bescheidene Lichter durch die Nacht.

„Jage, jage, Andrei, ich komme angefahren!“ rief Mitjä wie im Fieber.

„Sie schlafen noch nicht!“ sagte Andrei, und wies mit der Peitsche auf das Plastunoffsche Haus, das gleich bei der Einfahrt ins Dorf lag, und dessen sechs Fenster, die auf die Straße sahen, hell erleuchtet waren.

„Sie schlafen nicht!“ griff Mitjä jubelnd auf. „Jage, Andrei, galoppiere, fahre donnernd vor! Damit sie hören, wer angefahren kommt! Ich! Ich komme angefahren!“ rief Mitjä atemlos, außer sich.

Andrei setzte seine dampfende, abgejagte Troika in Galopp und jagte tatsächlich donnernd zur Vorfahrt. Mitjä sprang vom Wagen. Der Hauswirt war schon im Begriff gewesen, schlafen zu gehen, doch hatte er plötzlich von ferne das Wagenrollen vernommen und war daher neugierig auf die Treppe hinausgetreten, um zu sehen, wer zu so später Stunde so wild daher jagte.

„Trifon Borissytsch, bist du es?“ fragte Mitjä.

Trifon Borissytsch beugte sich vor, blickte angestrengt durch das Dunkel und eilte dann geschwind in unterwürfigem Entzücken die Treppe hinab, dem Gaste entgegen.

„Väterchen, Dmitrij Fedorowitsch! Seid Ihr es wirklich, den wir sehen?“

Dieser Trifon Borissytsch war ein starkgebauter und gesunder Mann, mittelgroß, mit einem etwas dicken Gesicht, das gewöhnlich eine strenge und wichtige Miene annahm, besonders im Verkehr mit den Mokrojaner Bauern, doch dafür die Fähigkeit besaß, den Ausdruck ganz unverhofft schnell in das Gegenteil zu verwandeln, sobald Trifon Borissytsch einen Verdienst witterte. Gekleidet war er stets auf russische Bauernart: er trug ein russisches Hemd mit seitlichem Schluß und ein ärmelloses Wams. Er besaß bereits ein bedeutendes Kapital, doch hatte er noch viel höhere Ziele im Sinn. Ungefähr die Hälfte der Mokrojaner Bauern schuldete ihm. Er aber ließ von ihnen auf Grund ihrer Schulden, von denen sie sich nie befreien konnten, sein Land, das er von Gutsbesitzern pachtete oder auch kaufte, unentgeltlich bearbeiten. Er war Witwer und hatte vier erwachsene Töchter; die eine von ihnen war schon Witwe, lebte daher mit ihren zwei kleinen Kindern, seinen Enkeln, bei ihm, und arbeitete für ihn wie eine Tagelöhnerin. Die zweite Tochter hatte einen kleinen Beamten, irgendeinen aufgedienten Schreiber geheiratet, und in einem der Zimmer des Absteigequartiers hing unter den Familienbildern auch die Miniaturphotographie dieses Beamten in Uniform und mit Achselklappen. Die beiden jüngeren Töchter zogen sich zu Kirchenfesten, oder wenn sie zu Besuch gingen, hellblaue oder hellgrüne Kleider an, die nach französischer Mode genäht waren: Kleider mit langen Schleppen und gerafften Taillen und Röcken. Doch das hinderte nicht, daß sie am nächsten Morgen wie auch an Werktagen beim ersten Hahnenschrei aufstanden, mit Birkenbesen die Zimmer ausfegten, das Waschwasser hinaustrugen und die Betten machten. Trifon Borissytsch aber liebte es noch trotz der bereits erworbenen Tausende von leutseligen Gästen ein Überflüssiges zu nehmen, und da er von Dmitrij Fedorowitsch vor kaum einem Monat zwei-, wenn nicht ganze dreihundert Rubel verdient hatte, so begrüßte er ihn natürlich hocherfreut, – glaubte er doch schon in der Art, wie der Gast angefahren kam, eine Gewähr für guten Verdienst zu sehen.

„Väterchen Dmitrij Fedorowitsch, können wir Euch wieder beherbergen?“

„Halt, Trifon Borissytsch,“ begann Mitjä, „zuerst die Hauptsache: Wo ist sie?“

„Agrafena Alexandrowna?“ Der Wirt verstand ihn sofort und blickte ihm scharf ins Gesicht. „Ja, auch sie ist hier... sitzt mit...“

„Mit wem, mit wem?“

„Es sind Durchreisende... Der eine ist Beamter, wahrscheinlich ein Pole, nach der Sprache zu urteilen, und er hat auch die Pferde nach ihr geschickt. Und der andere, der mit ihm ist, ist sein Freund oder sein Reisebegleiter, wer kann das wissen; sind in Zivil...“

„Nun, und leben sie flott, auf großem Fuß – reiche Leute?“

„Ach wo! ganz kleine Leute, Dmitrij Fedorowitsch.“

„Kleine? Und die anderen?“

„Die sind aus der Stadt, nur zwei Herren... Sie sind aus Tschernaja zurückgekommen und vorläufig hiergeblieben. Der eine, der junge, muß wohl ein Verwandter von Herrn Miussoff sein, nur habe ich seinen Namen vergessen... und den anderen werdet Ihr wohl auch kennen: der Gutsbesitzer Maximoff, er sagt, er sei ins Kloster gefahren, jetzt aber fährt er mit diesem Verwandten von Herrn Miussoff...“

„Und das ist die ganze Gesellschaft?“

„Die ganze.“

„Halt, Trifon Borissytsch, sage jetzt das Wichtigste: Was macht sie, wie ist sie?“

„Ja, sie ist vorhin angekommen und sitzt jetzt mit ihnen.“

„Ist sie fröhlich? Lacht sie?“

„Nein, sie scheint nicht gerade sehr fröhlich zu sein... Sitzt sogar ganz gelangweilt, wie es scheint. Hat dem jungen Herrn das Haar gekämmt...“

„Dem Polen, dem Offizier?“

„Nein, das ist doch kein junger Herr und doch auch gar kein Offizier; nein, dem jungen Herrn, dem Verwandten von Herrn Miussoff... nur habe ich vergessen, wie er heißt...“

„Kalganoff?“

„Richtig! Herr Kalganoff!“

„Gut, ich werde schon selbst sehen. Spielen sie Karten?“

„Haben gespielt und dann aufgehört, haben schon Tee getrunken, und der Beamte hat Liköre verlangt.“

„Halt, Trifon Borissytsch, ich werde schon alles selbst sehen, aber jetzt zurück zur Hauptsache: sind keine Zigeuner hier?“

„Von Zigeunern ist jetzt nichts zu hören, Dmitrij Fedorowitsch, die Obrigkeit hat sie vertrieben, aber es gibt hier ein paar Juden, die spielen auf Zimbeln und Geigen, nicht weit von hier, in Roshdestwenskoje, man könnte sofort nachschicken, wenn’s beliebt. Sie würden sofort kommen.“

„Nachschicken, unbedingt nachschicken!“ rief Mitjä belebt. „Und auch die Mädchen zum Chor, wie damals, die Marja unbedingt, auch Stepanida, Arina. Zweihundert Rubel für den Chor!“

„Ach, für solches Geld kann ich dir, Väterchen, das ganze Dorf auftreiben, wenn sie auch jetzt schon alle schnarchen. Aber sind sie denn das wert, Väterchen Dmitrij Fedorowitsch, diese Bauern und Dorfmädels? Für so ein gemeines Pack so viel Geld hinzuschleudern! Unser Bauer und teure Zigarren rauchen, Gott, was versteht er denn davon! Du aber, Väterchen, hast ihnen von der besten Sorte gegeben! Er stinkt ja nur, der Räuber! Und die Mädels, das sind doch alles Lausefratzen! Ich werde für dich, Väterchen, meine eigenen Töchter unentgeltlich aufwecken, von so viel Geld gar nicht zu reden, sie sind nur gerade schlafen gegangen, aber ich werde sie schon mit einem Rippenstoß wachkriegen und singen machen! Ach, Väterchen, hast die Bauernkerle mit Champagner traktiert – wo soll das hin!“

Trifon Borissytschs Bedauern war etwas überflüssig: er hatte damals eigenhändig sechs Flaschen Champagner im Keller versteckt und unter dem Tisch einen Hundertrubelschein aufgehoben und in der Faust behalten.

„Trifon Borissytsch, ich habe hier doch etwas mehr als tausend Rubel durchgebracht, weißt du noch?“

„Väterchen, natürlich! haben vielleicht ganze Dreitausend hier in Mokroje gelassen!“

„Nun, so wisse denn, daß ich auch jetzt dasselbe tun werde, siehst du?“

Und damit zog er wieder das ganze Paket Geldscheine aus der Hosentasche und hielt sie dem Wirt unter die Nase.

„Jetzt höre mich und mach die Ohren auf: nach einer Stunde kommt der Wein an, die Delikatessen, Pasteten, Süßigkeiten – alles sofort nach oben. Diese Kiste, die hier im Wagen ist, gleichfalls sofort nach oben, aufbrechen und den Champagner sofort in Eis hereinbringen... Aber vor allem den Chor, die Mädels, die Marja unbedingt...“

Er wandte sich zum Wagen zurück und zog unter dem Sitz den Pistolenkasten hervor.

„Hier, Andrei, die Abrechnung! Hier, fünfzehn Rubel für die Fahrt und hier fünfzig Rubel Trinkgeld... für deine Bereitwilligkeit, für deine Liebe... Gedenke des Herrn Karamasoff!“

„Habe Angst, Herr!“ sagte Andrei schwankend, „für fünf Rubel Trinkgeld besten Dank, aber mehr nehm’ ich nicht, Trifon Borissytsch ist Zeuge. Verzeiht, Herr, mein dummes Wort...“

„Was fürchtest du?“ Mitjä maß ihn mit dem Blick. „Nun, hol dich der Teufel, wenn’s so...“ und er warf ihm die fünf Rubel zu. „Jetzt, Trifon Borissytsch, führ mich so leise hinein, daß ich sie vorher alle sehen kann, ohne dabei von ihnen gesehen zu werden. Wo sind sie denn, im blauen Zimmer?“

Trifon Borissytsch warf einen etwas furchtsamen Blick auf Mitjä, tat aber sofort gehorsam, wie ihm geheißen war: vorsichtig führte er ihn in den Flur, ging dann allein in das große erste Zimmer, das neben dem blauen Zimmer, in dem die Gäste saßen, lag, und brachte das Licht hinaus. Darauf führte er Mitjä leise hinein und brachte ihn in die dunkelste Ecke, von wo aus er ungehindert die Gäste, ohne selbst gesehen zu werden, betrachten konnte. Doch Mitjä stand dort nicht lange und konnte auch fast überhaupt nichts sehen: er erblickte sie – sein Herz begann zu klopfen, und vor seinen Augen flimmerte es. Sie saß an einer Seite des Tisches in einem Lehnstuhl, und neben ihr, auf dem Sofa, saß der nette, noch ganz junge Kalganoff; sie hatte seine Hand erfaßt und lachte, wie es schien. Kalganoff aber, der sie gar nicht ansah, sprach laut und fast ärgerlich zu Maximoff, der Gruschenka am Tisch gegenüber saß. Maximoff wiederum lachte herzlich. Auf dem Sofa saß außerdem noch er und neben ihm, auf einem Stuhl, mehr an der Wand, ein anderer Unbekannter. Jener auf dem Sofa saß in auffallend ungenierter Pose und rauchte eine Pfeife; es schien Mitjä, daß es ein untersetztes Männchen von nicht hohem Wuchse war, der ein breites Gesicht hatte und sich über irgend etwas ärgerte – mehr konnten seine flimmernden Augen nicht unterscheiden. Sein Freund jedoch, der andere Unbekannte, schien von ungewöhnlich hohem Wuchs zu sein. Das war alles, was er sah. Er rang nach Atem. Er hatte noch keine ganze Minute gestanden, als er seinen Pistolenkasten auf die Kommode stellte und sich zu der Gesellschaft ins blaue Zimmer begab – eiskalt am ganzen Körper und fast besinnungslos.

„Ach!“ rief Gruschenka erschrocken aus; sie war die erste, die ihn bemerkte.

VII — Der Erste und Unbestrittene

Mitjä trat mit seinen großen, strammen Offiziersschritten sofort bis dicht an den Tisch heran.

„Meine Herren,“ begann er laut, doch hielt er beinahe bei jedem Worte inne, „ich... ich – oh nichts! Fürchten Sie nichts!“ rief er, sich plötzlich zu Gruschenka wendend, die sich im Lehnstuhl ängstlich zu Kalganoff bog, dessen Hand sie krampfhaft umklammerte. „Ich... ich bin gleichfalls... auf der Durchreise. Ich bleibe nur bis zum Morgen. Meine Herren, gestatten Sie einem vorüberfahrenden Reisenden... mit Ihnen die Zeit bis zum... Morgen zu verbringen? Nur bis zum Morgen, zum letztenmal in diesem Zimmer mit Ihnen zusammen?“

Die letzten Worte sprach er zum wohlbeleibten Männlein mit der Pfeife gewandt. Dieser setzte würdig seine Pfeife ab und sagte streng:

„Pane,21 wir sein hier privatim. Hier befienden sich aber noch merrere ander Ziemer...“

„Ach, das sind Sie, Dmitrij Fedorowitsch, das ist ja herrlich!“ rief plötzlich Kalganoff dazwischen. „So setzen Sie sich doch her zu uns, guten Tag!“

„Guten Abend, teurer Mensch... Sie sind unschätzbar! Ich habe Sie immer gern gehabt...“ erwiderte Mitjä freudig und streckte ihm sofort die Hand entgegen.

„Au, wie stark Sie drücken! Sie haben mir beinahe alle Finger zerbrochen,“ sagte Kalganoff lachend.

„So drückt er einem immer die Hand,“ griff fröhlich, doch noch mit etwas schüchternem Lächeln Gruschenka auf. Sie hatte sich, wie es schien, inzwischen überzeugt, daß Mitjä nicht Händel suchte, und blickte ihn mit großer Teilnahme, wenn auch immer noch mit einer gewissen Unruhe, aufmerksam an. Es fiel ihr etwas Neues an ihm auf, das sie noch nie bemerkt hatte, und das sie jetzt gerader ängstigte – hätte sie doch auch nie von ihm erwartet; daß er in einem solchen Augenblick so hereintreten und so sprechen werde.

„Guten Abend,“ sagte bescheiden und süßlich von links her der Gutsbesitzer Maximoff. Mitjä wandte sich sofort eilig zu ihm.

„Ach, ich hatte ganz vergessen, daß auch Sie hier sind, verzeihen Sie!“ Er schüttelte ihm die Hand. „Es freut mich sehr, daß Sie gleichfalls hier sind. – Meine Herren, ich...“ (Er wandte sich von neuem zu dem Pan mit der Pfeife, da er ihn für die Hauptperson hielt) „Ich bin hergeeilt... Ich wollte den letzten Tag und die letzte Stunde hier in diesem Zimmer verbringen, in diesem Zimmer... wo ich schon einmal meine Göttin angebetet habe! Verzeihung, Pane!“ rief er erregt, als wüßte er selbst kaum, was er sagte. „Ich bin hergeeilt und habe mir geschworen... oh, fürchten Sie nichts, es ist meine letzte Nacht! Trinken wir, Pane, zum Friedensschluß! Der Wein wird sofort gebracht... Hier, damit bin ich gekommen.“ – Er zog plötzlich sein ganzes Geld hervor. – „Erlauben Sie, Pane! Ich will Musik, Fröhlichkeit, Lachen haben, alles wie früher... Aber der Wurm, der unnütze Wurm wird über die Erde kriechen und verschwinden und vergehen! Meines Freudentages will ich in meiner letzten Nacht gedenken!...“

Er glaubte zu ersticken. Ach, vieles, vieles wollte er sagen, doch es kamen fast nur abgerissene, sonderbare Ausrufe aus ihm heraus. Der Pan blickte unbeweglich ihn, seinen Packen Kassenscheine, Gruschenka, und nochmals ihn an und war ersichtlich vor den Kopf gestoßen.

„Wenn erlaubt meine Kruléwa...“ begann er, doch Gruschenka unterbrach ihn sofort.

„Was ist das: Kruléwa! Soll das etwa Königin bedeuten? Wie lächerlich sich doch diese Leute mit ihrem Sprechen machen! Setz dich, Mitjä, wovon redest du, was wolltest du sagen? Bitte, schrecke mich nicht. Du wirst mich doch nicht ängstigen? Wenn du es nicht tust, werde ich mich sehr darüber freuen, daß du gekommen bist...“

„Ich, ich schrecken?“ rief Mitjä plötzlich laut, seine Hände erhebend. „– Oh, geht vorüber, geht, ich trete aus dem Wege, ich werde nicht dazwischen treten!...“ Und plötzlich fiel er, ganz unerwartet für alle, und am unerwartetsten natürlich für sich selbst, auf einen Stuhl nieder und brach in Schluchzen aus... Er kehrte sich ab zur anderen Wand und umklammerte mit den Armen die Stuhllehne so fest, als wenn er sie krampfhaft an sein Herz pressen wollte.

„Da haben wir’s, da haben wir’s, wie du wirklich bist!“ sagte Gruschenka vorwurfsvoll. „Ganz so kam er auch einmal zu mir: fängt plötzlich an zu sprechen, ich aber verstehe nichts. Und einmal begann er ebenso zu schluchzen, und jetzt hier zum zweitenmal – solch eine Schande! Warum weinst du denn? Das fehlte noch, deswegen zu weinen! Es ist doch wahrlich kein Grund dazu vorhanden!“fügte sie plötzlich rätselhaft hinzu, mit einer gewissen Gereiztheit jedes Wort betonend.

„Ich... ich weine nicht... Nun, freuen wir uns!“ Im Augenblick hatte er sich auf dem Stuhl umgedreht und lachte auch schon: es war aber nicht sein gewöhnliches kurzes Lachen, sondern ein ganz eigentümlich unhörbares, langes, krampfhaftes und erschütterndes Lachenwollen.

„Nun, nun, schsch! – lach nicht so... Aber sei fröhlich, nun, sei doch fröhlich!“ beredete ihn Gruschenka. „Ich bin sehr froh darüber, daß du gekommen bist, Mitjä, hörst du, daß ich mich sehr darüber freue? Ich will, daß er hier bei uns bleibt,“ sagte sie befehlerisch scheinbar zu allen, doch galten ihre Worte eigentlich nur dem Pan auf dem Sofa. „Ich will es, ich will es! Wenn er fortgeht, so gehe auch ich fort, ganz einfach!“ fügte sie mit plötzlich glühendem Blick hinzu.

„Was wollen meine Kruléwa, is Gesetz,“ sagte der Pan und küßte ihr galant die Hand. „Ich biete die Pan zu sein von unser Kompagnie!“ sagte er liebenswürdig zu Mitjä. Mitjä sprang sofort wieder auf, offenbar mit der Absicht, nochmals eine Rede zu halten, aber es kam etwas anderes über seine Lippen.

„Trinken wir, Pane!“ stieß er nur kurz hervor. Alle brachen darüber in Lachen aus.

„Gott! Und ich glaubte schon, daß er wieder reden will!“ rief Gruschenka nervös aus. „Hörst du, Mitjä, daß du nicht mehr so aufspringst!... Daß du Champagner mitgebracht hast, ist großartig. Ich werde mittrinken, Liköre kann ich nicht ausstehen. Das beste aber ist doch, daß du selbst gekommen bist, es war hier sterbenslangweilig... Oder bist du gekommen, um hier wieder, wie damals, durchzugehen? Aber so steck doch das Geld ein! Wo hast du so viel Geld hergenommen?“

Mitjä schob die Geldscheine, die er immer noch in der Faust gehalten hatte, und die von allen, besonders von den Polen, bemerkt worden waren, hastig und verwirrt in die Tasche. Er errötete. Da brachte der Wirt den Champagner herein. Mitjä ergriff die Flasche, war aber so zerstreut, daß er nicht wußte, was er mit ihr anfangen sollte. Kalganoff nahm sie ihm lachend ab und schenkte an seiner Stelle ein.

„Noch, noch eine Flasche!“ rief Mitjä dem Wirt zu, ergriff sein Glas und stürzte es hinab, ohne vorher mit dem Pan, den er doch zum Friedenstrunk aufgefordert hatte, anzustoßen, oder auf die anderen zu warten. Sein ganzes Gesicht veränderte sich im Augenblick. Der feierliche, fast tragische Ausdruck, mit dem er eingetreten war, veränderte sich in einen geradezu kindlichen. Es war, als hätte sich der ganze Mensch besänftigt und ergeben. Schüchtern und freudig blickte er alle an, fast könnte man sagen, mit dem dankbaren Ausdruck eines schuldigen Hundes, den man wieder gestreichelt und ins Zimmer gelassen hat. Er schien alles vergessen zu haben und betrachtete alle Anwesenden geradezu verzückt mit einem kindlichen Lächeln, das zuweilen von einem kurzen nervösen Lachen unterbrochen wurde. Gruschenka konnte er nicht anders als lachend ansehen, und er setzte sich mit seinem Stuhl ganz nah zu ihr. Allmählich hatte er sich auch die beiden Polen genauer angesehen, doch ohne sich dabei etwas zu denken. Der Pan auf dem Sofa frappierte ihn durch seine sonderbare Haltung, den polnischen Akzent und, vor allen Dingen, – durch die Pfeife. „Nun, was ist denn dabei, es ist doch sehr gut so, daß er die Pfeife raucht,“ meinte Mitjä schließlich bei sich. Das etwas aufgedunsene Gesicht des vielleicht schon vierzigjährigen Polen mit der auffallend kleinen Nase, unter der das spärliche, gefärbte kohlschwarze Schnurrbärtchen zu zwei Nadelspitzen zusammengedreht war, rief in Mitjä gleichfalls nicht das geringste Bedenken hervor. Selbst die jämmerliche Perücke des Pans, die in Sibirien angefertigt war, an den Schläfen mit auffallend albern nach vorn gekämmtem Haar, erregte weiter keinen Verdacht in ihm. „Es muß wohl so sein, wenn man eine Perücke trägt,“ überlegte er in seliger Stimmung. Der andere Pan, der an der Wand saß und jünger war als der auf dem Sofa, blickte frech und herausfordernd die ganze Gesellschaft an und hörte mit stummer Verachtung der Unterhaltung zu: doch auch dieser junge Mann fiel Mitjä nur durch seine Länge auf, die sich allerdings sehr grotesk neben der Kürze des älteren Pans ausnahm. „Wenn der sich erhebt, kann er sich ja den Schädel an der Decke einschlagen,“ zuckte es Mitjä flüchtig durch den Sinn. Ebenso flüchtig dachte er auch daran, daß der lange Pan, der wahrscheinlich der Freund und Gehilfe des kleinen Pan auf dem Sofa war, gewissermaßen sein Leibwächter zu sein schien, und daß der Kleine natürlich über den Langen das Kommando führte. Aber auch das schien Mitjä wunderschön, und er hatte nichts dagegen einzuwenden. In dem „gestreichelten Hunde“ war jede Rivalität erstorben. Von Gruschenkas rätselhaften Worten hatte er noch nichts begriffen, ebensowenig wie er sich nach der Ursache ihrer ganzen Veränderung gefragt hatte. Er sagte sich nur mit langsam, doch, wie er glaubte, laut klopfendem Herzen, daß sie ihm „verziehen“ und ihn zu sich, ganz dicht an ihren Stuhl, herangewinkt hatte. Er glaubte zu vergehen vor Glück und wollte aufjauchzen, als er sah, wie sie das Glas hob und einen kleinen Schluck Champagner schlürfte. Das allgemeine Schweigen fiel ihm ganz plötzlich auf, und er blickte gleichsam erwartungsvoll alle Anwesenden an: „Aber warum sitzen wir denn so stumm, warum wird nichts gesprochen?“ schien sein lächelnder Blick zu fragen.

„Er hat die ganze Zeit gefaselt, und wir haben hier alle gelacht,“ sagte da Kalganoff, auf Maximoff weisend, als hatte er Mitjäs Blick verstanden.

Mitjä wandte seinen Blick sofort Kalganoff zu und dann sogleich zur Seite zum Gutsbesitzer Maximoff.

„Gefaselt?“ fragte er mit seinem kurzen, gehackten Lachen, als wäre er über irgend etwas sehr erfreut. „Ha – ha!“

„Ja. Stellen Sie sich vor, er behauptet, daß in den zwanziger Jahren unsere ganze Kavallerie Polinnen geheiratet habe. Das ist doch der unglaublichste Unsinn, habe ich nicht recht?“

„Polinnen?“ fragte Mitjä, der bereits in ausgesprochener Begeisterung war.

Kalganoff begriff sehr gut Mitjäs Beziehungen zu Gruschenka, erriet auch ihr Verhältnis zum Pan, aber das Ganze interessierte ihn nicht sonderlich, vielleicht sogar überhaupt nicht; ihn interessierte am meisten Maximoff. Er war ganz zufällig mit ihm hergekommen und den beiden Polen hier im Gasthaus zum erstenmal begegnet. Gruschenka jedoch kannte er schon von früher: er war sogar einmal mit einem seiner Freunde bei ihr gewesen. Damals hatte er ihr nicht gefallen. Hier aber war sie sehr nett zu ihm: vor Mitjäs Ankunft hatte sie ihm sogar den Kopf gestreichelt, doch hatte er sich dazu sehr gleichgültig verhalten. Er war ein noch ganz junger Mann von kaum zwanzig Jahren, stets nach der Mode gekleidet, hatte ein nettes, zartes Gesicht und prächtiges, dunkelblondes, dichtes Haar. In diesem Gesichtchen lagen wundervolle, hellblaue Augen, mit einem klugen, zuweilen sogar über seine Jahre hinaus tiefen Ausdruck, obgleich der junge Mann manches Mal ganz wie ein Kind blicken und reden konnte, was ihn aber, ungeachtet dessen, daß er es selbst sehr wohl wußte, nicht im geringsten genierte. Überhaupt war er sehr eigenartig, sogar eigensinnig, wenn auch immer freundlich. Zuweilen lag in seinem Gesichtsausdruck etwas Starres und Hartnäckiges: er blickte einen an, hörte einem zu, schien aber dabei ganz mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt zu sein. Bald wurde er gleichgültig und träge, bald wiederum regte er sich wegen einer scheinbar ganz bedeutungslosen Sache mehr als nötig auf.

„Denken Sie sich, ich führe diesen Menschen schon vier Tage lang mit mir herum,“ fuhr er fort, die Worte gleichsam aus Trägheit in die Länge ziehend, doch tat er es nicht mit einer unangenehmen Geziertheit, sondern ganz natürlich, „... seit jenem Tage, als wir im Kloster waren – Sie wissen doch noch –, und Ihr Bruder ihn aus dem Wagen hinausstieß und er zurückflog. Damals interessierte er mich gerade durch diesen Umstand, und ich nahm ihn aufs Gut mit, aber er lügt die ganze Zeit, so daß man sich wirklich für ihn schämen muß. Ich bringe ihn jetzt zurück...“

„Pan habben Pani polska22 garr niecht gesenn, err sackt was garr niecht kann sein,“ bemerkte der Pan mit der Pfeife zu Maximoff. Er sprach das Russische ganz gut, wenigstens viel besser, als er sich anstellte, sprach aber die russischen Worte, wenn er sie überhaupt gebrauchte, stets mit möglichst hartem polnischen Akzent aus.

„Aber... ich – ich war doch selbst mit einer polnischen Pani verheiratet!“ verteidigte sich Maximoff stotternd.

„Aber haben Sie denn etwa in der Kavallerie gedient? Sie sagten es doch von unserer Kavallerie! Sind Sie denn je Kavallerist gewesen?“ mischte sich sofort Kalganoff ein.

„Ha – ha, natürlich, ist er denn ein Kavallerist?“ fragte lachend Mitjä, der gierig zuhörte und seinen fragenden Blick sofort jedem zuwandte, der zu sprechen begann, als hätte er Gott weiß was von jedem zu hören erwartet.

„Nein, sehen Sie mal,“ sagte Maximoff, sich zu ihm wendend, „ich – ich rede nicht davon, daß diese kleinen Panénki... niedlich sind... wenn sie mit unseren Ulanen Masurka tanzen... und wenn sie abgetanzt hat, so springt sie ihm sofort auf die Knie, wie ein Kätzchen... ein weißes... und der – der Pan-oijez und die Pani-matka sehen’s und erlauben’s... jawohl, und erlauben’s... und der Ulan geht morgen ansprechen... jawohl... und hält um ihre Hand an, hi – hi!“ Und Maximoff kicherte.

„Pan laidak!“ brummte plötzlich der lange Pan auf dem Stuhl, und schlug das eine lange Bein über das andere lange. Mitjä fiel der riesige Schmierstiefel mit der dicken und schmutzigen Sohle besonders auf. Überhaupt waren beide Pane recht schmierig gekleidet.

„Warum soll er denn ein Strolch sein? Warum schimpft er?“ fragte Gruschenka sofort ärgerlich.

„Pani Agrippina, Pan hat in Pollen nur gesenn Bauermätchen, niecht vornemme Pani,“ bemerkte der Pan mit der Pfeife zu Gruschenka.

„Das ist sicker!“ meinte der lange Pan verächtlich.

„Das fehlt noch! So lassen Sie ihn doch sprechen! Warum stören Sie die Menschen beim Reden? Mit Ihnen ist es wenigstens nicht langweilig,“ sagte Gruschenka bissig.

„Ick större niecht, Pani,“ bemerkte bedeutsam der Pan auf dem Sofa mit einem langen Blick auf Gruschenka, verstummte wichtig und begann dann wieder an seiner Pfeife zu saugen.

„Aber nein, nein, der Pan hat ja ganz recht bemerkt, daß er keine Polinnen kennt!“ fiel wieder erregt Kalganoff ein, als hätte es sich um weiß Gott was für eine wichtige Sache gehandelt. „Er ist ja überhaupt nicht in Polen gewesen, wie kann er dann über Polen sprechen? Sie haben doch nicht in Polen geheiratet, nicht wahr?“

„N – nein, im-im Smolenskschen Gouvernement. Nur hatte der Ulan sie schon früher von dort mi-mi-mitgebracht, meine Frau, meine zukünftige, mitsamt der Pani-matka und der Tante und noch einer Verwandten mit einem erwachsenen Sohn, da-da-das aber war wirklich aus Polen, aus-aus Polen... und er trat sie mir ab. Das war ein Leutnant, ein-ein sehr hübscher junger Mann. Zuerst hatte er sie selbst heiraten wollen, aber dann heiratete er sie doch nicht, denn es hatte sich inzwischen erwiesen, daß sie lahm war...“

„Dann haben Sie eine Lahme geheiratet?“ fragte Kalganoff lachend.

„Eine Lahme. Das-das hatten sie mir beide verheimlicht und mich so ein bißchen betrogen. Ich-ich dachte, daß sie nur hüpfte... sie hüpfte immer und ich dachte, daß sie vor lauter Freude...“

„Vor Freude darüber, daß Sie sie heiraten wollten?“ schrie fast vor Lachen Kalganoff mit seiner hellen Kinderstimme.

„Jawohl, vor Freude. Doch da kam es heraus, daß sie es aus einem-einem ganz anderen Grunde tat. Später, als wir getraut waren, gestand sie mir alles gleich nach der Trauung, am-am selben Abend, und bat sehr gefühlvoll um Verzeihung; über eine Pfütze, sagte sie, sei sie in jungen Jahren gesprungen und habe sich dabei das Füßchen beschädigt, hi – hi!“

Kalganoff lachte sein jubelndes Kinderlachen und sank vor Lachen ganz zurück an die Lehne des Sofas. Da lachte auch Gruschenka, durch sein Lachen angesteckt. Mitjä schien den Gipfel des Glücks erreicht zu haben.

„Wissen Sie, wissen Sie, jetzt hat er einmal die Wahrheit gesagt!“ rief Kalganoff Mitjä zu. „Und wissen Sie, er ist zweimal verheiratet gewesen, – das war seine erste Frau, seine zweite Frau aber hat ihn verlassen und lebt auch jetzt noch, wissen Sie das schon?“

„Ist’s möglich?“ fragte Mitjä erstaunt und wandte sich hastig zu Maximoff. Auf seinem Gesicht drückte sich maßlose Verwunderung aus.

„Jawohl, sie verließ mich, ich-ich habe diese Unannehmlichkeit gehabt,“ bestätigte Maximoff bescheiden. „Mit einem Mßjö. Aber die Hauptsache: sie hatte sich vorher mein ganzes Gütchen auf ihren Namen verschreiben lassen. Du, sagte sie, bist ein gebildeter Mensch, du wirst auch so dein Brot finden. Und damit saß ich denn. Mir sagte einmal ein ehrenwerter Erzbischof: ‚Deine erste Frau war lahm, deine zweite war aber gar zu leichtfüßig,‘ hihi!“

„Hören Sie doch, hören Sie doch!“ fuhr Kalganoff auf, „wenn er auch lügt – und er lügt viel –, so lügt er doch nur, um andere zu erheitern: das ist doch nicht niedrig, nicht wahr? Wissen Sie, ich liebe ihn zuweilen. Er ist ein niedriger Mensch, aber er ist so natürlich, nicht? Was meinen Sie? Andere sind niedrig aus Berechnung, um daraus irgendeinen Nutzen zu ziehen, er aber tut es ganz aufrichtig, von Herzen, von Natur. Denken Sie sich, so behauptet er zum Beispiel – wir haben uns gestern die ganze Zeit unterwegs darüber gestritten –, er behauptet, Gogol hätte in seinen ‚Toten Seelen‘ über ihn geschrieben. Wissen Sie noch, dort kommt auch ein Gutsbesitzer Maximoff vor, den Nosdreff durchgeprügelt hat, weswegen dieser dann vor Gericht kommt: ‚Wegen persönlicher Beleidigung des Gutsbesitzers Maximoff in betrunkenem Zustande,‘ – nun, Sie wissen doch! Und was glauben Sie wohl, denken Sie sich, er behauptet nun, daß er das gewesen sei, daß man ihn durchgedroschen habe! Nun, sagen Sie doch selbst, ist denn das überhaupt möglich? Tschitschikoff23 fuhr spätestens in den zwanziger Jahren, zu Anfang der zwanziger Jahre umher, so daß die Jahre überhaupt nicht stimmen können. Wie konnte man ihn also damals durchpeitschen! Das ist doch ganz ausgeschlossen, ganz unmöglich! Nicht?“

Es war schwer zu sagen, warum sich Kalganoff so aufregte, jedenfalls tat er es aufrichtig. Mitjä teilte sein Interesse von ganzem Herzen.

„Nun, wenn man ihn aber gleichfalls durchgeprügelt hat!“ rief er lachend.

„Nicht gerade, daß ich-ich durchgeprügelt worden wäre, sondern nur so...“ versuchte Maximoff einzuwenden.

„Wieso nur so? Da heißt es doch entweder oder?“

„Ktura godsina, Pane?“ (Wieviel Uhr ist es?) fragte mit gelangweilter Miene der Pan mit der Pfeife den Pan auf dem Stuhl.

Der zuckte mit den Achseln; sie besaßen beide keine Uhr.

„Was soll das wieder heißen?“ fuhr Gruschenka sofort auf. „Lassen Sie doch wenigstens andere reden! Wenn Sie sich langweilen, so sollen sich die anderen wahrscheinlich mitlangweilen!“ Sie schien absichtlich Streit mit ihnen zu suchen.

Es war das erstemal, daß dies Mitjä flüchtig auffiel. Doch nun antwortete der Pan mit sichtlicher Gereiztheit:

„Pani, iech habbe niechts gesackt dagegen, keine Wort.“

„Ach, schon gut, du aber erzähl weiter,“ rief Gruschenka Maximoff zu. „Warum seid ihr denn alle verstummt?“

„Hier-hierbei ist nichts zu erzählen, denn es-es sind doch nur Dummheiten,“ griff eilfertig Maximoff auf, – sichtlich sehr zu erzählen bereit, doch anstandshalber etwas geziert – „und Gogol hat doch alles nur allegorisch gemeint, und so sind auch alle Familiennamen allegorisch. Nosdreff hieß doch gar nicht Nosdreff, sondern Nossoff, und Kuwschinnikoff ist ganz unkenntlich, denn er hieß Schkwornjeff. Nur Fenardi hieß tatsächlich Fenardi, bloß war er kein Italiener, sondern ein Russe, Petroff hieß er, und Mamsell Fenardi war sehr nett, die Beinchen in Trikot, reizende Beinchen, und das Röckchen war so kurz und ganz mit Pailetten benäht, und sie drehte sich auf der Fußspitze, nur dauerte das nicht vier Stunden, sondern nur vier Minuten... und sie bestrickte alle...“

„Aber weswegen gab es denn die Prügel, warum wurdest du denn durchgeprügelt?“ schrie ihn lachend Kalganoff an.

„Wegen Piron,“ antwortete Maximoff.

„Wegen Piron? Wer ist denn das?“ fragte Mitjä in seliger Stimmung.

„Das ist ein bekannter französischer Schriftsteller, Piron. Wir zechten alle, es – es war eine große Gesellschaft, wir tranken Wein. Zur Jahrmarktszeit. Sie hatten mich dazu eingeladen, und ich begann zuerst mit Epigrammen: ‚Bist du es, Boileau? Welch lächerlich Gewand!‘ Boileau aber antwortet, er begebe sich auf einen Maskenball, das heißt, er geht in eine Badstube, hi – hi, und da bezogen sie es auf sich. Ich aber sagte schnell ein anderes, das allen Gebildeten gut bekannt ist, ein etwas scharfes:

‚Ein Faun bin ich und Du bist Sappho,
Die Dichterin, die hehre,
Doch fandst Du leider noch immer nicht,
Den geraden Weg zum Meere.‘

Doch sie ärgerten sich darüber noch mehr und fingen an, mich deswegen auf höchst unanständige Weise zu schimpfen, ich aber wollte es wieder gutmachen und erzählte zu meinem Pech, um meine Aktien zu verbessern, eine sehr gebildete Anekdote von Piron, wie man ihn in die Académie Française nicht hat aufnehmen wollen, und wie er daraufhin für seinen Grabstein ein Epitaphium geschrieben hat:

‚Ci-gît Piron qui ne fut rien
Pas même un académicien.‘

Und da nahmen sie mich denn und prügelten mich durch.“

„Aber wofür denn, weswegen?“

„Wegen meiner Bildung. Als ob es wenig Gründe gäbe, warum die Menschen einen durchprügeln können,“ schloß Maximoff bescheiden und lehrhaft zugleich.

„Ach, genug davon, wie dumm das ist, ich will nichts mehr davon hören. Ich dachte, es wäre was Lustiges,“ sagte plötzlich Gruschenka mißgestimmt. Mitjä erschrak und hörte sofort auf zu lachen. Der lange Pan erhob sich vom Stuhl und begann, die Hände auf dem Rücken, mit der hochmütigen Miene eines Menschen, der sich in solcher Gesellschaft langweilt, durch das Zimmer zu spazieren, aus einer Ecke in die andere.

„Der stampft aber!“ bemerkte Gruschenka mit einem verächtlichen Blick auf den Langen.

Mitjä wurde unruhig, und zudem bemerkte er noch, daß der Pan auf dem Sofa gerade ihn gereizt anblickte.

„Pane,“ rief Mitjä ihm zu, „trinken wir, Pane! Und auch der andere Pan soll trinken: Trinken wir, Panowe!“

Er stellte schnell drei Gläser zusammen und schenkte ein.

„Auf Polens Wohl, Panowe, ich trinke aufs Wohl Ihres Polen, meine Herren, auf das Polenland!“ rief Mitjä laut.

„Bardso mi to milo, Pane“ (das ist mir sehr angenehm, mein Herr) „wirr trinken mit Sie,“ sagte würdevoll und doch wohlgeneigt der Pan auf dem Sofa und nahm sein Glas.

„Und auch der andere Pan, wie heißt der Kerl? – Heda, helleuchtender Edelmann, nimm dein Glas!“ rief Mitjä sich umdrehend.

„Pan Wrublewskij,“ sagte der Pan auf dem Sofa.

Der Pan Wrublewskij trat, auf seinen langen Beinen schaukelnd, an den Tisch und nahm stehend das Glas.

„Auf Polen, Panowe, Hurra!“ rief Mitjä mit erhobenem Glase.

Alle drei tranken sie die Gläser aus. Mitjä ergriff die Flasche und füllte von neuem die drei Gläser.

„Jetzt auf Rußlands Wohl, Panowe, und trinken wir Brüderschaft!“

„Schenk auch uns ein,“ sagte Gruschenka, „auf Rußlands Wohl will auch ich trinken.“

„Ich gleichfalls,“ sagte Kalganoff.

„Und auch ich-ich würde gern... auf Rußland, unser Russéjuschka, unser Mütterchen,“ sagte Maximoff kichernd.

„Alle, alle!“ rief Mitjä begeistert. „Heda, Wirt, noch Flaschen her!“

Es wurden von den sechs mitgenommenen noch drei hereingebracht. Mitjä schenkte sofort ein.

„Auf Rußlands Wohl, Hurra!“ rief er stolz.

Alle tranken, außer den beiden Polen, und Gruschenka leerte ihr Glas auf einen Zug. Von den Polen jedoch berührte keiner das Glas.

„Was soll denn das bedeuten, Panowe?“ schrie Mitjä. „Also so seid ihr?“

Da nahm Pan Wrublewskij sein Glas und sagte mit lautschallender Stimme:

„Auf Rußland in den Grenzen von siebzehnhundert und zweiundsipzick!“

„Oto bardso penkne!“ (So ist es gut!) rief sofort der andere Pan, und beide leerten sie ihre Gläser bis auf den letzten Tropfen.

„Dummes Pack!“ kam es plötzlich überzeugt aus Mitjä heraus.

„Pa – ne!!“ schrien sofort drohend die beiden Polen, wie Hähne auf Mitjä losfahrend. Besonders brauste Pan Wrublewskij auf.

„Kann man denn niecht libben seine Land?“ schrie er drohend.

„Schweigt! Keinen Streit! Daß ihr mir hier keinen Streit beginnt, verstanden!“ rief Gruschenka gebieterisch dazwischen, und sie stampfte mit dem Fuß auf.

Ihr Gesicht hatte sich gerötet, ihre Augen glühten. Das kam von dem soeben getrunkenen Glase. Mitjä erschrak maßlos.

„Panowe, Verzeihung! Es war meine Schuld, ich werde nicht mehr... Wrublewskij, Pan Wrublewskij, ich werde nicht mehr...“

„Aber so schweig doch du wenigstens, und setz dich endlich!“ fuhr ihn Gruschenka geärgert und heftig an.

Alle setzten sich, alle verstummten, alle blickten einander an.

„Meine Herren, ich trage die Schuld an allem!“ begann Mitjä, der von Gruschenkas Worten nichts verstanden hatte, von neuem. „Warum nur sitzen wir so? Was könnten wir beginnen... damit es wieder lustig wird, wieder lustig?“

„Ja, es ist wahr: es ist nichts weniger als lustig,“ meinte Kalganoff träge mit brummig vorgeschobenen Lippen.

„Wie wäre es, wenn-wenn wir ein Spielchen machten wie vorhin?...“ fragte Maximoff kichernd.

„Karten? Famos!“ griff Mitjä sofort auf. „Wenn nur die Panowe...“

„Pusno, Pane!“ sagte gleichsam widerstrebend der Pan auf dem Sofa.

„Ja, eetwas pusno,“ meinte auch Pan Wrublewskij.

„Pusno? Was heißt das nun wieder?“ fragte Gruschenka.

„Das heißen spät, Pani, später Stunde,“ erläuterte der Pan auf dem Sofa.

„Ach! immer ist Ihnen alles zu spät, immer ist Ihnen nichts recht!“ Gruschenka war wütend. „Selbst sitzen Sie da, wie die verkörperte Langeweile, und da sollen sich wohl die anderen Ihnen zur Gesellschaft gleichfalls langweilen! Bevor du kamst, Mitjä, saßen sie dort ebenso langweilig und stumpfsinnig und ärgerten sich über mich...“

„Meine Göttin!“ unterbrach sie der Pan auf dem Sofa, „was Göttin sackt, soll sein. Iech sehen serr gutt Ihr Ärger und so iech bien traurig. Pane, iech bien fertig,“ sagte er darauf bereitwillig zu Mitjä.

„Schön, fang an, Pane,“ rief Mitjä, der aus seiner Tasche das Geld herauszog und zwei Hundertrubelscheine vor sich auf den Tisch legte.

„Ich möchte viel an dich verspielen, Pan. Nimm die Karten, leg die Bank auf. Du hältst die Bank!“

„Karten müssen sein von Wirt, Pane,“ sagte nachdrücklich und ernst der kleine Pan.

„Das sein iemer beste Manier,“ meinte auch Pan Wrublewskij.

„Vom Wirt? Ah so, ich verstehe, gut, meinetwegen auch vom Wirt. – Ein Spiel Karten, Trifon Borissytsch!“ rief Mitjä dem Wirt zu.

Trifon Borissytsch brachte ein neues Spiel, das noch nicht entsiegelt war, und meldete Mitjä, daß die Mädchen sich schon versammelt hätten, die Juden mit den Zimbeln gleichfalls bald kommen würden, der Wagen aber aus der Stadt mit den übrigen Sachen noch nicht zu sehen sei. Mitjä sprang sofort auf und eilte ins andere Zimmer, um dort Anordnungen zu treffen. Es waren aber erst drei Mädchen gekommen, und auch die Marja war noch nicht erschienen. Überhaupt wußte er nicht, warum er eigentlich aufgestanden und hinausgelaufen war: er befahl nur, die Süßigkeiten aus der Kiste hervorzuholen und sie unter die Mädchen zu verteilen.

„Und Andrei Branntwein, eine ganze Flasche Branntwein dem Andrei,“ befahl er eilig, „ich habe ihn gekränkt.“

Da berührte ihn jemand an der Schulter: es war Maximoff, der ihm nachgelaufen war.

„Geben Sie mir fünf Rubel,“ bat er flüsternd, „ich würde gern auch ein-ein Spielchen machen, hihi!“

„Famos, vorzüglich! Nehmen Sie zehn, hier!“

Mitjä zog wieder alle Scheine aus der Tasche und suchte zehn Rubel hervor.

„Und wenn du das verlierst, so komm wieder, komm wieder...“

„Gut, ich danke,“ flüsterte Maximoff freudig und lief zurück in den Saal.

Auch Mitjä kehrte sofort zurück und entschuldigte sich, daß er auf sich hatte warten lassen. Die Polen hatten sich schon zurechtgesetzt und entsiegelten das neue Spiel. Sie blickten bereits viel freundlicher drein, fast konnte man sagen, wohlwollend. Der Pan auf dem Sofa hatte eine neue Pfeife angeraucht und schickte sich an, die Karten zu mischen. Auf seinem Gesichte drückte sich sogar eine gewisse Feierlichkeit aus.

„Auf die Plätze, Panowe!“ kommandierte Pan Wrublewskij.

„Nein, ich werde nicht mehr spielen,“ erklärte Kalganoff, „ich habe schon vorhin fünfzig Rubel an sie verspielt.“

„Der Pan war unglicklich, der Pan kann sein widder glicklich,“ bemerkte, halb zu ihm gewandt, der Pan auf dem Sofa.

„Wie hoch spielen wir? à discrétion?“ fragte Mitjä eifrig.

„Serr woll, Pane, vielleicht hundert, zweihundert, wieviel Pan will setzen.“

„Eine Million!“ rief Mitjä auflachend.

„Pan Hauptmann haben gehert von Pan Podwyssotzkij?“

„Von welchem Podwyssotzkij?“

„In Warschawa wird gehalten Bank à discrétion von wer will. Kommt herein Pan Podwyssotzkij, sieht er tausend Gulden und sackt: ‚va banque‘. Banquier sackt zu ihm: ‚Pane Podwyssotzkij, setzen du Gold oder setzen du auf Gónor (Ehre)?‘ – ‚Auf Gónor, Pane,‘ sackt Podwyssotzkij. – ‚Serr gutt so, Pane.‘ – Der Banquier mischen taille, Podwyssotzkij nimmt tausend Gulden. – ‚Wart, Pane,‘ sackt der Banquier, nimmt Kasten heraus und gipt ein Millionn, ‚nimm, Pane, das ist dein Recknung!‘ Bank war Millionn. – ‚Das ick nickt wußte,‘ sackt Podwyssotzkij. – ‚Pane Podwyssotzkij,‘ sackt Banquier, ‚du hast setzen auf Gónor, und wir setzen auf Gónor!‘ – Podwyssotzkij nahm Millionn.“

„Das ist nicht wahr,“ sagte Kalganoff.

„Pane Kalganoff, in addeligger Kompani wird nickt so gesprochen.“

„Das glaube ich, daß ein polnischer Spieler dir so eine Million hergeben wird!“ rief Mitjä, aber er besann sich sofort: „Verzeih, Pane, bin schuldig, bin schuldig, ja, er gibt sie heraus, selbstverständlich gibt er sie heraus, eine Million, na Gónor, auf polnische Ehre! Sieh, wie gut ich po polski spreche, ha – ha! Hier, ich setze zehn Rubel auf den Buben.“

„Und ich setze ein Rubelchen aufs Dämchen, auf das nette kleine Coeur-Dämchen, auf die kleine Panénotschka, hihi!“ kicherte Maximoff, schob seine Karte vor, beugte sich dann plötzlich stark nach vorn und bekreuzte sich heimlich und schnell unter dem Tisch. Mitjä gewann. Auch das „Rubelchen“ gewann.

„Eine Ecke umgebogen!“ rief Mitjä.

„Und ich wieder ein Rubelchen, ein Simplum nach dem anderen, ganz bisselchen,“ murmelte Maximoff, selig über das gewonnene „Rubelchen“.

„Geschlagen!“ rief Mitjä. „Verdoppele auf die Sieben!“

Er verlor wieder.

„Hören Sie auf,“ sagte plötzlich Kalganoff.

„Verdoppele, verdoppele!“ rief Mitjä, doch alles, was er verdoppelnd setzte, verlor er. Die „Rubelchen“ dagegen gewannen.

„Verdoppele!“ rief Mitjä jähzornig.

„Habben zweihundert Rubel verspielt, Pane. Wollen Sie noch zweihundert setzen?“ erkundigte sich der Pan auf dem Sofa.

„Wie, schon zweihundert verspielt? Dann also noch zweihundert! Die ganzen zweihundert als Doublé!“ Und Mitjä zog sein Geld aus der Tasche und warf zwei Hundertrubelscheine auf die Dame, als plötzlich Kalganoff sie mit der Hand bedeckte.

„Genug!“ rief er mit seiner hellen Stimme.

„Was fällt Ihnen ein?“ Mitjä blickte ihn fragend an.

„Genug, ich will es nicht! Sie werden nicht mehr spielen.“

„Warum nicht?“

„Darum nicht. Spucken Sie aus und gehen Sie fort. Ich lasse es nicht zu!“

Mitjä blickte ihn verwundert an.

„Laß es bleiben, Mitjä, er hat vielleicht ganz recht, und du hast doch schon genug verloren,“ sagte Gruschenka, und ein sonderbarer Ton klang in ihrer Stimme.

Beide Polen erhoben sich sofort mit tiefgekränkter Miene.

„Scherzest du, Pane?“ fragte der kleine Pan, mit strengem Blick Kalganoff messend.

„Wie, Sie waggen so was macken?“ schrie auch Wrublewskij Kalganoff an.

„Ruhe! Un – ter – stehen Sie sich nicht, zu schreien!“ rief Gruschenka zornig. „Ach ihr krähenden Truthähne!“

Mitjä blickte alle der Reihe nach an: es war etwas im Gesichte Gruschenkas, das ihn betroffen machte... Und plötzlich zuckte ihm wie ein Blitz etwas ganz Neues durch den Kopf, – ein ganz absonderlicher, neuer Gedanke.

„Pan Agrippina!“ begann der Kleine, rot vor Zorn, doch plötzlich trat Mitjä an ihn heran und schlug ihm mit der Hand auf die Schulter.

„Hochwohlgeborener, auf zwei Worte.“

„Was Sie wollen, Pane?“

„Dorthin, in jenes Zimmer, in das andere Gemach, will dir zwei Worte sagen, wirst mit ihnen zufrieden sein.“

Der kleine Pan wunderte sich und blickte etwas ängstlich zu Mitjä auf. Übrigens war er sofort einverstanden damit, nur stellte er die eine Bedingung, daß auch Pan Wrublewskij mit ihm käme.

„Ah, der Leibwächter, nicht wahr? Meinetwegen, auch er ist dabei nötig. Sogar unbedingt!“ rief Mitjä. „und jetzt vorwärts, Panowe!“

„Wohin, wohin wollt ihr?“ fragte Gruschenka erregt.

„Wir sind im Augenblick wieder hier,“ antwortete Mitjä.

Eine gewisse Kühnheit, ein ganz unerwarteter verwegener Mut leuchtete plötzlich aus seinem Gesicht. Nein, das war nicht mehr derselbe, der vor einer Stunde eingetreten war. Er führte die Polen in das Zimmer rechts, nicht in das große, in dem sich die Mädchen zum Chor versammelten und der Tisch in aller Eile gedeckt wurde, sondern in das Schlafzimmer, in dem Koffer, Truhen und zwei Betten mit je einem Berg von Kopfkissen in Kattunbezügen standen. Hier brannte in der hinteren Ecke auf einem kleinen ungestrichenen Tisch ein einziges Licht. Der kleine Pan und Mitjä setzten sich an diesem Tisch einander gegenüber, und der lange Pan Wrublewskij setzte sich neben sie, die Hände auf dem Rücken. Beide Polen blickten streng, doch mit nicht zu verbergender Neugier drein.

„Mit was ich kann dinnen dem Pan?“ stotterte der Kleine.

„Mit folgendem, Pane, ich werde nicht viel sprechen: Hier hast du Geld“ – er zog seine Hundertrubelscheine heraus – „willst du dreitausend Rubel, so nimm sie und fahre, wohin du willst.“

Der Pan blickte ihn forschend mit weit offenen Augen an, als wäre sein Blick an Mitjäs Gesicht angewachsen.

„Dreitausend, Pane?“

„Dreitausend, Panowe, drei! Hör mich, Pane, ich sehe, daß du ein vernünftiger Mensch bist. Nimm die Dreitausend und pack dich zum Teufel und vergiß auch nicht, Wrublewskij mitzunehmen, hörst du? Aber sofort, noch in dieser Minute, und zwar auf ewig, hörst du, Pane, auf ewig. Durch diese Tür dort gehst du hinaus. Was hast du – einen Mantel, einen Pelz? Ich werde ihn herbringen. Sofort wird dir eine Troika angespannt und dann – do widsenja, Panowe, auf Nimmerwiedersehen. Nun?“

Mitjä zweifelte nicht an der Zusage. Im Gesicht des Pans zuckte es, als wenn er einen großen Entschluß gefaßt hätte.

„Und das Geld, Pane?“

„Mit dem Gelde machen wir es so: fünfhundert Rubel sofort bar für die Fahrt und als Handgeld und die zweitausendfünfhundert morgen in der Stadt – bei meiner Ehre, ich hole sie, wenn nicht anders, unter der Erde hervor!“ rief Mitjä.

Die Polen tauschten einen Blick. Der Gesichtsausdruck des Kleinen veränderte sich zum schlimmeren.

„Siebenhundert, siebenhundert, nicht fünfhundert, sofort blank und bar!“ bot Mitjä an, da er die Veränderung bemerkt hatte und etwas Ungünstiges ahnte. „Was hast du, Pane? Glaubst du nicht? Ich kann dir doch nicht sofort alle Dreitausend geben. Sonst gebe ich sie, und du kehrst womöglich morgen schon zu ihr zurück... Und ich habe augenblicklich auch gar nicht so viel bei mir, sie liegen bei mir zu Haus in der Stadt,“ stotterte Mitjä angstvoll, ohne sich dessen klar bewußt zu sein, was er tat, da ihm der Mut mit jedem Worte immer mehr gesunken war. „Bei Gott, sie liegen dort, wohl aufgehoben, in einem Kuvert...“

In einer Sekunde veränderte sich das Gesicht des kleinen Pans: ein Ausdruck unbeschreiblicher persönlicher Würde lag plötzlich darauf.

„Wohlen Sie niecht nooch eetwas?“ fragte er ironisch. „Pfä! Wirklich pfä!“ Und er spuckte zur Seite.

Seinem Beispiel folgte sofort Pan Wrublewskij; er spuckte gleichfalls aus.

„Du spuckst doch nur darum, Pane,“ sagte Mitjä wie ein Verzweifelter, der einsieht, daß alles verloren ist, „nur darum, weil du von ihr noch mehr zu bekommen hoffst! Schnapphähne seid ihr beide, das sage ich euch!“

„Ich bien beleidickt bies auf letzte Grad!“ rief, rot wie ein Krebs, der kleine Pan und ging schnell wie in heftigem Unwillen, und als wolle er nichts mehr hören, hinaus aus dem Zimmer. Ihm folgte, schaukelnd auf den langen Beinen, in hohen Schmierstiefeln Pan Wrublewskij. Nach ihnen verließ, verwirrt und verdutzt, auch Mitjä das Zimmer. Er fürchtete Gruschenka, denn er sagte sich, daß der Kleine wahrscheinlich sofort alles erzählen werde. Und so war es auch. Der Pan trat in den Saal und majestätisch auf Gruschenka zu, vor der er sich theatralisch aufstellte.

„Pani Agrippina, ich bien bis auf letzte Grad beleidickt!“ begann er, doch Gruschenka schien plötzlich beim ersten polnischen Wort aus der Haut zu fahren.

„Russisch, sprich russisch, daß du mir kein einziges polnisches Wort mehr zu sagen wagst!“ schrie sie ihn an. „Du hast doch früher russisch gesprochen, wie kannst du denn das in fünf Jahren verlernt haben!“

Sie wurde bleich vor Zorn.

„Pani Agrippina...“

„Ich heiße Agrafena, Gruschenka! Sprich russisch, oder ich will kein Wort von dir hören!“

Der Pan keuchte und schwitzte vor Gónor und fuhr radebrechend und aufgeblasen in russischer Sprache fort:

„Pani Agrafena, iech gekomen bien zu vergessen Altes und es zu verzeihen, zu vergessen, was is gewesen von früher...“

„Was zu vergessen? Was zu verzeihen? Mir zu verzeihen bist du hergekommen?“ unterbrach ihn Gruschenka aufspringend.

„Wie gesagt, Pani, ich bien niecht kleinmütig, ich bien großmütig. Abber ich warr in Erstaunen, zu sehen deine Liebhabber. Pan Mitjä hat mir gegebben in ander Ziehmer Dreitausend, daß ich soll gehen weg, ich abber habb gespuckt in Pan sein Physiognomie!“

„Was? Er hat dir für mich Geld gegeben?“ schrie Gruschenka krankhaft auf. „Ist das wahr, Mitjä? Wie hast du es gewagt? Bin ich denn käuflich?“

„Pane,“ schrie Mitjä den Kleinen an, „sie ist rein und ist mir heilig, und niemals bin ich ihr Liebhaber gewesen! Das hast du gelogen...“

„Unterstehe dich nicht, mich vor ihm zu verteidigen!“ rief Gruschenka außer sich. „Nicht aus Tugend bin ich ehrlich gewesen, und nicht etwa, weil ich Kusjma Ssamssonoff fürchtete, nein, um vor ihm stolz sein zu können, um das Recht zu haben, ihn Schuft zu nennen, wenn ich ihn wiedersehe! Ist es möglich, daß er von dir nicht das Geld angenommen hat?“

„Er nahm es ja, nahm es doch!“ rief Mitjä auflachend. „Nur wollte er sofort alle Dreitausend haben, und ich bot ihm nur Siebenhundert als Handgeld an.“

„Aha, natürlich: er hat gehört, daß ich jetzt Geld habe, und so ist er denn zur Trauung gekommen!“

„Pani Agrippina,“ schrie der Pan, „ich bien Ritter, bien Edelmann, kein Laidack! Ich bien gekomen um dich heiraten, sehe abber neue Pani, niecht alte von früher, sondern eine, was is eigensinig und schamlos!“

„So pack dich fort, dahin, woher du gekommen bist! Ich werde sofort befehlen, daß man dich hinauswirft und dann fliegst du!“ keuchte Gruschenka besinnungslos. „Ach, dumm, dumm war ich, fünf Jahre mich deswegen zu quälen! Ach, nicht seinetwegen, nicht seinetwegen, nur aus Wut auf mich, habe ich mich gemartert! Und das ist ja gar nicht er! Sah er denn so aus? Das ist ja sein Vater, oder weiß Gott wer! Wo hast du denn diese Perücke bestellt? Jener war ein Falke, du aber bist wie ein alter Enterich... jener lachte und sang mir Lieder vor... Und ich, ich! – fünf Jahre lang habe ich geweint, ich dummes, niedriges, ehrloses Geschöpf, oh!...“

Sie sank auf ihren Lehnstuhl zurück und vergrub das Gesicht in den Händen.

Da ertönte plötzlich im Nebenzimmer links der Chorgesang der endlich versammelten Dorfmädchen – es war ein lustiges Tanzlied.

„Das ist aber ein Sodom!“ brüllte plötzlich Pan Wrublewskij ziemlich akzentfrei. „Wirt, schmeiß die Unverschämten hinaus!“

„Was hast du hier zu schreien? Willst du wohl das Maul halten!“ wandte sich der Wirt mit ganz unerklärlicher Unhöflichkeit an Wrublewskij.

„Rindvieh!“ brüllte der ihn an.

„Rindvieh? Darf ich fragen, mit was für Karten du gespielt hast? Ich gab dir mein neues Spiel, du aber hast es versteckt! Mit falschen Karten spielst du! Und für falsche Karten kann ich dich jederzeit nach Sibirien transportieren lassen, weißt du das auch, denn das ist ebensogut wie falsches Papiergeld...“

Und zum Sofa tretend, schob er die Hand zwischen die Lehne und das Polster und zog von dort ein neues Spiel Karten hervor.

„Das sind meine Karten, sehen Sie, meine Herrschaften, ganz neu, noch unentsiegelt!“ Er erhob die Hand, so daß alle das Kartenpaket sehen konnten. „Ich hab doch von der Tür aus gesehen, wie er meine Karten dorthin stopfte und seine Karten dafür herausnahm. Ein Spitzbube bist du, aber kein Pan!“

„Und ich habe gesehen, wie der andere Pan zweimal eine falsche Karte aufschlug!“ rief Kalganoff dazwischen.

„Diese Schande, so eine Schmach!“ stieß Gruschenka, vor Scham errötend, hervor. „Gott, so einer!“

„Und ich ahnte es!“ rief Mitjä.

Doch kaum hatte er es ausgerufen, als Pan Wrublewskij wütend und verwirrt sich zu Gruschenka wandte, und mit der Faust drohend, sie anschrie:

„Dirne!“

Noch aber war sein Schimpfwort nicht verhallt, als Mitjä ihn schon mit beiden Armen ergriffen und aufgehoben hatte und ihn im Augenblick hinaustrug, in dasselbe Zimmer, in dem sie vorher gesprochen hatten.

„Ich habe ihn auf den Fußboden hingelegt!“ rief er, sofort wieder eintretend, von der Tür aus, noch atemlos von der Aufregung. „Die Kanaille läßt es sich noch einfallen, zu schlagen... aber keine Bange, der kommt von dort nicht wieder!...“ Er schloß den einen Türflügel und rief, den anderen Türflügel noch weit offen haltend, dem kleinen Pan zu:

„Hochwohlgeborener, ist es nicht gefällig, gleichfalls hier einzutreten? Pschepróscham! Wirr bitten untertänickst!“

„Väterchen Dmitrij Fedorowitsch,“ rief klagend Trifon Borissytsch, „so nehmt ihnen doch Euer Geld ab, was Ihr verloren habt! Das ist doch ebensogut wie von Euch gestohlen!“

„Nein, ich will ihnen meine fünfzig Rubel nicht wieder abnehmen,“ sagte Kalganoff.

„Und auch ich will meine Zweihundert nicht wiedernehmen,“ rief Mitjä, „werde es auf keinen Fall tun, mag er sie zum Trost behalten.“

„Ja, ja, so ist es recht, Mitjä, ein feiner Kerl bist du!“ rief Gruschenka sofort, – ein merklich schadenfroher Ton klang in ihrem Beifallsruf.

Der kleine Pan begab sich, puterrot vor Wut, doch ohne ein Atom von seiner Würde zu verlieren, bereits zur Tür, als er plötzlich stehen blieb und sich zu Gruschenka zurückwandte:

„Pani,“ sagte er, „wenn du wohlen komen miet miech, kom, wen niecht – lebb woll!“

Und wichtig, fauchend vor Wut und Aufgeblasenheit, trat er durch die Tür. Das war ein Mann von Charakter. Trotz allem, was geschehen war, hatte er doch noch nicht die Hoffnung verloren, daß sie mit ihm gehen werde, – so hoch schätzte er sich selbst. Mitjä aber schlug krachend die Tür hinter ihm zu.

„Schließen Sie sie ein,“ sagte Kalganoff.

Doch da kreischte schon das Schloß: Die Pane hatten sich von innen eingeschlossen.

„Herrlich!“ rief boshaft und unbarmherzig Gruschenka. „Herrlich! Dorthin gehören sie!“

VIII — Rausch

Es begann eine Orgie, ein Fest über die ganze Erde hinweg! Gruschenka war die erste, die nach Wein rief: „Trinken will ich, betrunken will ich sein, oh, ganz betrunken, so wie damals, weißt du noch, Mitjä, weißt du, als wir uns hier anfreundeten!“ Mitjä selbst war wie im Fieber, und er „ahnte sein Glück“. Übrigens wurde er von Gruschenka immer wieder fortgeschickt: „Geh, sei lustig, sag ihnen, daß sie tanzen sollen, damit sich alle freuen, auch Hund und Katze, wie im Volkslied, alles, alles, wie damals, wie damals!“

Und Mitjä stürzte fort, um alles so anzuordnen, wie sie wollte. Der Chor hatte sich im Nebenzimmer versammelt, denn das blaue Zimmer, in dem man saß, war zu klein dazu, da es durch einen Kattunvorhang in zwei Hälften geteilt war. In der zweiten Hälfte stand ein riesengroßes Bett mit weichen Daunenkissen und einem ganzen Berg von Kopfkissen in Kattunbezügen. Solche Betten gab es in jedem der vier Gastzimmer. Gruschenka setzte sich an die Tür, wohin Mitjä ihren Lehnstuhl für sie gebracht hatte: so hatte sie auch „damals“ gesessen und dem Tanz zugesehen. Von den Mädchen waren wieder dieselben gekommen; keine einzige fehlte. Die jüdischen Musikanten waren mit Geigen, Zithern und Zimbeln gleichfalls angelangt, und schließlich kam auch die erwartete Fuhre mit den übrigen Vorräten und Weinen an. Mitjä war sehr in Anspruch genommen. Im vorderen Zimmer hatten sich noch andere Zuschauer versammelt, Weiber und Männer, die sich, als die Mädchen zum Chorgesang aufgetrieben worden waren, gleichfalls erhoben hatten, da sie sich wieder einmal eine ähnlich märchenhafte Bewirtung, wie sie ihnen vor einem Monat zuteil geworden war, versprachen. Mitjä begrüßte und umarmte die Bekannten, erinnerte sich der Gesichter, entkorkte Flaschen und schenkte allen ein, die sich ihm näherten. Der Champagner schmeckte eigentlich nur den Mädchen gut, die Männer zogen ihm Rum und Kognak vor, und besonders heißen Punsch. Auf Mitjäs Befehl wurde für alle Mädchen Schokolade gekocht; drei Ssamoware kochten die ganze Nacht Wasser für Tee und Punsch, damit alle sich bewirten konnten. Mit einem Wort, es begann etwas ungeheuer Sinnloses, doch Mitjä schien gerade in seinem Elemente zu sein, und je sinnloser alles wurde, desto mehr belebte sich sein ganzes Wesen. Hätte ihn jemand von den Bauern um Geld gebeten, so würde er sofort seine ganze Barschaft hervorgezogen und nach links und rechts, ohne zu bedenken, die Geldscheine hingegeben haben. Das war denn auch wahrscheinlich der Grund, warum Trifon Borissytsch, der, wie es schien, bereits jeden Gedanken an Schlaf in dieser Nacht aufgegeben hatte, Mitjä auf keinen Augenblick verließ, sich immer in seiner Nähe zu schaffen machte, und so auf seine Art Mitjäs Interessen bewachte. Er hatte nur ein einziges Glas Punsch getrunken, war also noch vollständig nüchtern, und so trat er denn, wenn er es für nötig fand, an Mitjä heran und beredete ihn, hielt ihn auf, ließ es nicht zu, daß er den Bauern „wie damals“ Zigarren und Rheinwein gab, und – um Gottes willen! – erst recht kein Geld, und war sehr ungehalten darüber, daß diese Dorfmädchen Liköre tranken und teure Süßigkeiten aßen. „Das ist doch nichts als die reine Verlaustheit, Dmitrij Fedorowitsch,“ sagte er unwillig. „Ich werde jeder von ihnen Fußtritte geben, und befehlen, sich das noch zur Ehre anzurechnen, – derart ist das Pack!“ Mitjä erinnerte ihn noch einmal an Andrei und befahl, ihm Punsch zu geben. „Ich habe ihn vorhin gekränkt,“ wiederholte er mit weicher und gerührter Stimme. Kalganoff wollte zuerst von Wein nichts wissen, und auch der Gesang gefiel ihm anfangs nicht, doch als er noch zwei Glas Champagner getrunken hatte, wurde auch er ungewöhnlich munter und guter Laune, schritt im Zimmer auf und ab, lachte, lobte alles und jedes, die Lieder sowohl wie die jüdische Musikkapelle. Maximoff, der selig und betrunken war, verließ ihn nicht auf einen Schritt. Gruschenka, die gleichfalls schon einen kleinen Rausch hatte, machte Mitjä auf Kalganoff aufmerksam: „Wie reizend er ist, was für ein prächtiger Junge!“ Und Mitjä trat sofort entzückt zu Kalganoff und küßte sein junges Knabengesicht und küßte darauf auch noch seinen treuen Begleiter Maximoff. Oh, er ahnte vieles: zwar hatte sie ihm noch nichts gesagt, was zu Hoffnungen berechtigte, und augenscheinlich bezwang sie sich sogar absichtlich, um ihm noch nichts zu sagen; nur hin und wieder fing er ihren spähenden und heißen Blick auf. Schließlich erfaßte sie plötzlich fest seine Hand und zog ihn zu sich nieder. Das war, als sie im Lehnstuhl an der Tür saß.

„Wie konntest du nur so eintreten, als du vorhin ankamst, sag? Wie konntest du so eintreten!... Ich erschrak so maßlos. Wie konntest du mich ihm nur abtreten? Sag, wolltest du das wirklich?“

„Ich wollte deinem Glück nicht im Wege sein,“ sagte Mitjä selig. Sie wußte es auch, ohne daß er es ihr sagte.

„Nun geh... sei lustig.“ Damit schickte sie ihn wieder fort. „So sei doch nicht traurig, ich werde dich wieder rufen.“

Und er ging abermals fort, sie aber hörte von neuem dem Gesang zu, doch ihr Blick folgte ihm unverwandt, wo er auch war oder ging, und nach einer Viertelstunde rief sie ihn wieder zu sich, und wieder eilte er selig zu ihr hin.

„So, setz dich jetzt her zu mir, erzähl mir, wie du gestern erfahren hast, daß ich hierhergefahren war. Von wem erfuhrst du es ganz zuerst?“

Und Mitjä erzählte alles, erzählte zusammenhanglos, zerstreut, erregt und sehr eigentümlich, verstummte mehrmals ganz plötzlich und zog finster die Brauen zusammen.

„Was hast du, warum runzelst du die Stirn?“ fragte sie.

„Nichts... ich habe dort einen Kranken zurückgelassen. Wenn er wieder gesund wird, wenn ich wüßte, daß er gesund wird, oh, zehn Jahre meines Lebens würde ich dafür geben!“

„Nun, Gott mit ihm, wenn er krank ist. Und du wolltest dich wirklich morgen erschießen, du dummer Junge, und warum nur? Weißt du, gerade solche Unbesonnene, wie du, liebe ich,“ flüsterte sie mit etwas schwerer Zunge. „So würdest du für mich alles tun? Sag? Und wolltest du dich, kleiner Dummkopf, tatsächlich deswegen erschießen? Nein, weißt du, wart damit noch ein wenig, morgen werde ich dir vielleicht etwas Schönes sagen... nicht heute, nein, morgen. Du aber würdest es wohl gern schon heute hören? Nein, heute will ich nicht... Nun geh, geh jetzt, freue dich.“

Einmal aber rief sie ihn ganz erschrocken und besorgt zu sich.

„Was hast du? Ich sehe es, daß dich etwas bedrückt. Nein, leugne nicht, ich sehe es, ich kenne dich,“ sagte sie und blickte ihn aufmerksam mit unbeweglich offenen Augen an. „Du küßt dort wohl die Bauern ab und lachst, aber ich sehe trotzdem dieses Etwas. Nein, amüsiere dich lieber, denn ich freue mich, und so sollst du dich gleichfalls freuen... Einen von denen, die hier sind, habe ich lieb, rat mal, wer das ist?... Ach, sieh doch: mein Herzensjunge ist eingeschlafen, er hat wohl zu viel getrunken, der Kleine.“

Sie meinte Kalganoff. Der war auf dem Sofa mittlerweile eingenickt. Doch war er nicht vom Weine allein eingeschlafen, sondern er war traurig geworden, oder, wie er sich ausdrückte: es war ihm „langweilig“ geworden. Die Lieder der Dorfmädchen hatten ihn zum Schluß stark herabgestimmt, da sie, in Zusammenwirkung mit den genossenen Getränken, in ein für ihn gar zu Zügelloses und Unzüchtiges ausarteten. Und nicht minder die Tänze: zwei von den Mädels hatten sich als Bären verkleidet, und Stepanida, ein anderes Mädel, ging mit einem Stock voran und spielte den Bärenführer, der die beiden „zeigte“. „Munterer, Maria,“ rief sie, „oder sonst kriegst du Prügel, hier, mit diesem Stock!“ Schließlich purzelten die Bären irgendwie in ganz besonders unanständiger Weise zu Boden, was lautes Gelächter des versammelten, dichtgedrängten Publikums von Männern und Weibern hervorrief. – „Nun, nun, laßt sie doch, laßt sie doch sich amüsieren,“ hatte Gruschenka mit seligem Gesichtsausdruck gesagt, „haben sie auch einmal eine Gelegenheit, sich zu freuen, warum sollen sie es denn nicht tun? Nein, laßt sie, laßt sie, laßt sie sich ihres Lebens freuen.“ Kalganoff aber hatte dreingeschaut, als hätte er sich mit irgend etwas beschmutzt. „Nichts als eine Schweinerei, diese ganzen Volksgeschichten,“ hatte er gemeint und sich zum Sofa zurückgezogen. „Das sollen ihre Frühlingsspiele sein, wenn sie die Sonne die ganze Nacht über hüten!“ Besonders mißfallen hatte ihm ein Liedchen mit einer munteren Tanzweise, das davon erzählte, wie der Herr ausfährt und die Mädchen „probiert“:

Der Herr fuhr aus, die Mädchen zu erproben,
Ob sie lieben oder nicht?

Doch den Mädchen scheint es, daß man den Herrn nicht lieben könne, es hieß:

Der Herr, der wird mich schlagen,
Und ich kann mich dann plagen.

Darauf fährt der Zigeuner aus, doch auch ihn konnte man nicht lieben, denn:

Ach, der liebt nicht mich,
Der liebt ja nur das Stehlen,
Und ich kann mich dann grämen.

Und so fuhren viele vorüber, selbst ein Soldat; doch der wurde mit Verachtung zurückgewiesen:

Der wird nur den Ranzen tragen
und ich...

Hier folgte ein gar zu derber Vers, der aber vollkommen offenherzig vorgesungen wurde und beim angeheiterten Publikum geradezu Furore machte. Schließlich endete es mit dem Kaufmann:

Da fuhr denn auch der Kaufmann aus
Die Mädchen zu probieren,
Ob sie lieben oder nicht?

Und da zeigte es sich, daß man ihn sogar sehr liebte, denn:

Der Kaufmann wird hübsch Handel treiben,
Und ich kann dann die Herrin bleiben.

Kalganoff war darob ganz böse geworden:

„Das ist ja ein vollkommen modernes Lied,“ hatte er laut und unwillig gesagt, „wer dichtet ihnen denn solche Lieder? Es fehlte noch, daß die Eisenbahnaktionäre und die Juden herumziehen, die Mädchen zu probieren: die würden alle besiegen.“ Und fast gekränkt hatte er gesagt, daß er sich langweile, und hatte sich auf das Sofa gesetzt, wo er dann eingeschlafen war. Sein reizendes Gesicht war etwas bleich geworden, und der Kopf war an das Kissen der Sofalehne zurückgesunken.

„Sieh doch, wie reizend er ist,“ sagte Gruschenka, als sie Mitjä zu ihm geführt hatte. „Ich habe ihm vorhin das Köpfchen gestreichelt. Wie Flachs ist sein Haar, und so dicht...“

Sie beugte sich gerührt über ihn und küßte ihn auf die Stirn. Kalganoff schlug sofort die Augen auf und blickte sie an, erhob sich und fragte mit der besorgtesten Miene: „Wo ist Maximoff?“

„Hör doch, was seine erste Sorge ist!“ sagte Gruschenka lachend. „So sitz doch ein Weilchen mit mir. Mitjä, such ihm seinen Maximoff auf.“

Da zeigte sich, daß Maximoff jetzt die Mädchen auf keinen Augenblick mehr verließ, nur hin und wieder lief er zum Tisch, um ein Gläschen Likör zu trinken, und Schokolade hatte er schon tassenweise getrunken. Sein Gesicht war rot, die Nase blaurot, und die Augen waren feucht geworden und blickten süßlich-selig drein. Er kam sofort herbeigelaufen und meldete, daß er sogleich nach einem „besonderen Motivchen“ die Sabotière tanzen werde.

„Man hat mich doch, als ich-ich noch klein war, in diesen französischen Tänzchen unterrichtet...“

„Nun geh, geh mit ihm, Mitjä, ich werde von hier aus zusehen, wie er dort tanzt.“

„Nein, auch ich, auch ich will ihn tanzen sehen,“ rief Kalganoff, womit er in der allernaivsten Weise Gruschenkas Einladung, neben ihr zu sitzen, verschmähte. Und so begaben sich denn alle hin, um zuzusehen. Maximoff führte tatsächlich seinen Tanz aus, doch außer Mitjä konnte er niemanden so recht entzücken. Der ganze Tanz bestand in Hopsern, wobei die Füße zur Seite geworfen wurden, so daß die Stiefelsohlen nach oben kamen, und bei jedem Sprung schlug Maximoff mit der flachen Hand auf die Sohle. Kalganoff gefiel der Tanz gar nicht, Mitjä aber umarmte den Tänzer vor Entzücken.

„Bravo, großartig! Nun, bist du müde, was? Willst du etwas? Ein Bonbon, wie? Oder willst du eine Zigarette?“

„Ein Zigarettchen, bitte.“

„Willst du nicht auch trinken?“

„Ich habe hier Likörchen... Aber haben Sie nicht noch etwas Schokoladenkonfekt?“

„Auf dem Tisch ist doch eine ganze Fuhre, nimm was du willst, du Taubenseele!“

„Nein, ich will – will eines mit Vanille... etwas Besonderes für alte Menschen... hi – hi!“

„Nein, mein Freund, so etwas Besonderes gibt es nicht.“

„Hören Sie!“ sagte plötzlich der Alte, ganz zu Mitjäs Ohr gebeugt, „dies eine Mädel, die Marjuschka, hi – hi! Könnt ich nicht, wenn’s-wenn’s möglich wäre, ihre Bekanntschaft machen, dank Ihrer Güte...“

„Oho, sieh mal einer, was dir in den Sinn gekommen ist! Nein, Freund, du faselst...“

„Ich-ich tue doch niemandem was Schlechtes,“ flüsterte Maximoff wehmütig.

„Nun gut, gut. Aber Freund, das geht nicht, hier wird nur gesungen und getanzt... übrigens – hol’s der Teufel! Wart... Trink vorläufig, iß, zerstreue dich. Brauchst du Geld?“

„Später vielleicht ein bißchen,“ meinte Maximoff schmunzelnd.

„Gut, gut...“

Mitjä brannte der Kopf. Er ging hinaus in den Flur und trat auf die obere kleine Galerie, die auch auf dem Hof einen Teil des ganzen Gebäudes umgab. Die frische Luft belebte ihn. Er stand in der Dunkelheit an die Wand gelehnt, in einer Ecke, und plötzlich faßte er sich mit beiden Händen an den Kopf. Seine zerstreuten Gedanken sammelten sich schnell, seine Empfindungen vereinigten sich zu einer einzigen Vorstellung, und alles wurde ihm klar. Eine furchtbare, grausige Erleuchtung war’s! „Wenn ich mich schon erschieße, wann soll es denn geschehen, wenn nicht jetzt?“ zuckte es ihm durch den Kopf. „Einfach den Pistolenkasten herbringen und hier, gerade hier in dieser schmutzigen, dunklen Ecke mit allem ein Ende machen.“ Eine ganze Minute lang war er unentschlossen. Vorhin, als er hergejagt war, hatte hinter ihm die Schande gestanden, begangener Diebstahl und dieses Blut, oh, dieses Blut!... Doch da war ihm leichter zumut gewesen, oh, viel leichter! Damals hatte er doch mit allem abgeschlossen; er hatte sie verloren, hatte sie abgetreten, sie war für ihn verschwunden, untergegangen, – oh, da war es leichter gewesen, das Todesurteil an sich zu vollziehen. Wenigstens war es ihm unbedingt notwendig, ganz unvermeidlich erschienen, denn wozu dann noch leben, hatte er sich gefragt? Jetzt aber! War es denn jetzt dasselbe wie damals? Jetzt war doch schon ein Schrecknis, ein Gespenst beseitigt: der „Erste“, ihr Alleinberechtigter, dieser fatale Mensch war verschwunden. Das große Schreckgespenst war so klein geworden, so lächerlich: man hatte es im Nebenzimmer hinter Schloß und Riegel einfach eingesperrt. Und niemals wird es mehr ängstigen! Sie schämt sich seiner, und in ihren Augen hat er klar gelesen, wen sie jetzt liebt. Ach, jetzt nur leben, leben! Und da – gerade jetzt nicht leben können! Oh, verflucht! „Gott, erwecke den Toten am Zaun! Gott, mein Gott, laß diesen furchtbaren Kelch an mir vorübergehen! Hast Du doch Wunder getan, und an ebenso großen Sündern wie ich! Aber wie, wenn der Alte lebt? Oh, dann werde ich die Schande der anderen Schmach vernichten, ich werde das gestohlene Geld zurückerstatten, alles zurückgeben, aus der Erde hervorkratzen... Es wird keine Spur mehr von der Schande übrigbleiben, außer in meinem Herzen, und dort wird sie bis in alle Ewigkeit brennen! Aber nein, nein, das sind ja unmögliche, kleinmütige Träume! Oh, Fluch!“

Und doch war es ihm, als fühlte er einen hellen Hoffnungsstrahl durch das Dunkel leuchten. Er riß sich plötzlich los von der Ecke und stürzte in die Zimmer zu ihr, wieder zu ihr, seiner Königin! „Ist denn eine Stunde, eine Minute ihrer Liebe nicht das ganze Leben wert, wenn auch in Qualen der Schmach und Schande?“ Diese wilde Frage machte sein Herz klopfen. „Zu ihr, zu ihr allein, sie sehen, sie hören und an nichts denken, alles andere vergessen, und wenn auch nur diese eine Nacht – eine Stunde, einen Augenblick lang!“ Kurz vor der Tür zum Flur, noch auf der Galerie, stieß er mit dem Wirt Trifon Borissytsch zusammen. Der kam ihm finster und besorgt vor und schien ihn zu suchen.

„Was ist – Borissytsch, suchst du mich?“

„Nein, nicht Euch,“ sagte der Wirt etwas erschrocken, wie es Mitjä schien. „Warum sollte ich Euch suchen? Aber... wo wart Ihr denn?“

„Warum bist du plötzlich so mißgestimmt? Ärgerst du dich etwa? Wart, bald kannst du schlafen gehn... Wie spät ist es denn eigentlich schon?“

„Es wird drei sein, vielleicht aber auch schon vier.“

„Dann machen wir ein Ende damit, dann ist es genug!“

„Aber ich bitte, es hat doch nichts zu sagen. Solange es Euch beliebt, Herr...“

„Was hat der Kerl?“ fuhr es Mitjä durch den Sinn, und er trat eilig in das Zimmer, in dem die Mädchen tanzten. Doch Gruschenka war nicht da. Im blauen Zimmer war sie gleichfalls nicht zu sehen; nur Kalganoff allein schlummerte auf dem Sofa. Mitjä blickte hinter den Vorhang – dort war sie. In der Ecke saß sie auf einer Truhe, hatte sich mit den Armen und dem Kopf auf das daneben stehende Bett gestützt und weinte, war dabei aus allen Kräften bemüht, ihr Schluchzen zu ersticken, damit es niemand höre. Als sie Mitjä bemerkte, streckte sie ihm die Hand entgegen, und als er zu ihr stürzte, preßte sie seine Finger wie im Krampf.

„Mitjä, Mitjä, ich habe ihn doch geliebt!“ raunte sie ihm qualvoll zu, „so geliebt, diese ganzen fünf Jahre, die ganze, ganze Zeit. Sag, habe ich ihn oder habe ich nur meinen Haß geliebt? Nein, ihn! Ach, ihn! Ich lüge doch, wenn ich sage, daß ich meinen Haß und nicht ihn geliebt habe! Mitjä, ich war ja damals erst siebzehn Jahre alt, und er war damals so freundlich zu mir, so lustig und sang mir Lieder vor... Oder sollte es mir, dem dummen Kinde, damals nur so geschienen haben?... Jetzt aber, o Gott! – das ist ja gar nicht er, gar nicht derselbe! Und auch das Gesicht ist ein ganz anderes, ich erkannte ihn zuerst nicht einmal. Als ich mit Timofei herfuhr, dachte ich die ganze Zeit, die ganze Zeit: ‚Wie werde ich ihm entgegentreten, was werde ich ihm sagen, wie werden wir uns in die Augen blicken können?...‘ Meine Seele wollte vergehen. Und da komme ich hier an und er – ach, als hätte er mir Spülicht übergegossen! Redet wie ein Schulmeister, alles so pedantisch, wichtig, aufgeblasen, empfängt mich so unnahbar, daß ich ganz verdutzt war. Ich wußte kein Wort zu sagen. Anfangs glaubte ich, daß er sich vor diesem anderen, seinem langen Polen, schämt. Ich saß, betrachtete sie beide und dachte: Warum verstehe ich denn plötzlich nicht mehr mit ihm zu sprechen? Weißt du, das hat seine Frau aus ihm gemacht, dieselbe, wegen der er mich damals verließ, und die er dann heiratete... Sie, sie hat ihn dort so umgemodelt. Mitjä, diese Schande, diese Schande ertrage ich nicht! Mitjä, wenn du wüßtest, wie ich mich schäme, Mitjä, für mein ganzes Leben! Verflucht seien diese ganzen fünf Jahre, verflucht!“ Und sie brach wieder in Tränen aus und schluchzte, doch Mitjäs Hand ließ sie nicht mehr los, sie hielt sie krampfhaft fest.

„Mitjä, Liebling, wart, geh nicht fort, ich habe dir etwas zu sagen,“ raunte sie ihm plötzlich, das Gesicht zu ihm erhebend, zu. „Höre, sage du mir, wen ich liebe? Ich habe hier von allen nur einen lieb. Wer mag nun das wohl sein? Sieh, das sollst du mir sagen.“ Auf ihrem von den Tränen geschwollenen Gesicht erschien ein Lächeln, und ihre Augen glänzten im Halbdunkel. „Es kam vorhin ein Falke her, und als ich ihn erblickte, da rief mir das Herz zu: ‚Wie dumm du bist, sieh, den dort, den allein liebst du!‘ – so flüsterte mir im Augenblick das Herz zu. Du tratest ein, und alles erleuchtetest du, – du! ‚Aber was fürchtet er?‘ fragte ich mich. Denn du fürchtetest dich doch, nicht wahr, du konntest ja kaum sprechen. ‚Er kann doch nicht diesen... diesen fürchten,‘ dachte ich, – kannst du dich denn überhaupt vor jemandem fürchten? ‚Nein, mich fürchtet er, mich, nur mich allein!‘ dachte ich. So hat dir also Fenjä erzählt, wie ich Aljoscha durch das Fenster zugerufen habe, daß ich Mitjenka im ganzen ein Stündchen geliebt hätte und nun fortführe, um einen anderen zu... lieben? Mitjä, ach Mitjä, wie konnte ich dummes Geschöpf glauben, daß ich nach dir noch einen anderen lieben könnte! Verzeihst du mir, Mitjä? Verzeihst du mir oder nicht? Liebst du mich? Liebst du mich?“

Sie sprang auf und faßte ihn mit beiden Händen an den Schultern. Mitjä blickte ihr stumm vor Entzücken in die leuchtenden Augen, in das Gesicht, auf ihre lächelnden Lippen, und plötzlich riß er sie in seine Arme, preßte sie wie mit Klammern an sich und küßte sie, küßte sie.

„Und verzeihst du mir, daß ich dich gequält habe? Ich habe euch alle doch nur aus Haß, wegen meiner Liebe zu ihm, so gequält. Ich habe doch den Alten absichtlich, aus Bosheit um den Verstand gebracht... Weißt du noch, wie du einmal bei mir trankst und darauf das Glas zerschlugst? Das habe ich nicht vergessen, und so habe ich heute gleichfalls mein Glas zerschlagen. Ich trank auf mein ‚niedriges Herz‘! Mitjä, mein lichter Falke, warum küßt du mich nicht? Hast mich nur einmal geküßt und bist dann erstarrt, hörst du... Wozu mich anhören! Küß mich, küß mich stärker, so, so. Liebt man, dann soll man auch lieben! Ich werde jetzt deine Sklavin sein, mein ganzes Leben lang deine Sklavin! Süß ist es, Sklavin zu sein!... Küß mich! Schlage mich, quäle mich, tu mir etwas an... Ach, wirklich, du solltest mich foltern... Nein! nicht!... wart, später, so will ich nicht...“ – Und sie stieß ihn plötzlich zurück. „Geh fort, Mitjä, ich werde jetzt Wein trinken, ich will mich antrinken, ich will betrunken tanzen, ich will, ich will!“

Sie riß sich von ihm los und lief fort. Mitjä folgte ihr wie im Traum. „Meinetwegen, meinetwegen... was jetzt auch geschehen mag, – für eine Minute gebe ich die ganze Welt hin,“ fuhr es ihm wirr durch den Kopf. Gruschenka leerte auf einen Zug noch ein ganzes Glas Champagner. Sie setzte sich in den Lehnstuhl, auf ihren alten Platz und lächelte selig! Ihre Wangen glühten, die Lippen schienen zu brennen, über ihre Augen legte sich ein matter Schimmer, und der Blick blinkte verführerisch. Selbst Kalganoff schien ihn zu spüren, und er trat an sie heran.

„Hast du es gefühlt, mein Herzensjunge, wie ich dich vorhin küßte, als du schliefst?“ fragte sie ihn mit etwas schwerer Zunge. „Betrunken bin ich jetzt, siehst du... Und du nicht? Aber warum trinkt Mitjä nicht? Warum trinkst du nicht, Mitjä? Sieh, ich habe schon getrunken, du aber trinkst nicht...“

„Ich bin ja schon betrunken! Auch so schon trunken... trunken von dir, jetzt aber will ich es auch noch vom Weine werden.“

Er stürzte noch ein Glas hinab und – es schien ihm selbst sonderbar – erst von diesem Glase wurde er betrunken, ganz plötzlich, bis dahin war er immer noch nüchtern gewesen. Das fühlte er jetzt deutlich, da er wirklich betrunken wurde. Von diesem Augenblicke an begann alles sich vor ihm wie im Rausch zu drehen. Er ging, lachte, sprach mit allen und tat es doch, wie ohne zu wissen, was er tat. Nur ein einziges, unbewegliches, brennendes Gefühl trug er fortwährend mit sich herum, „ganz wie eine glühende Kohle“, sagte er später. Er trat zu ihr, setzte sich neben sie hin, blickte sie an, hörte ihr zu... Sie aber wurde ungemein gesprächig: rief alle zu sich heran, winkte plötzlich auch ein Chormädchen zu sich, und wenn die dann zu ihr kam, küßte sie sie oder machte mit der Hand das Zeichen des Kreuzes über sie. Vielleicht fehlte nur noch etwas, und sie wäre in Tränen ausgebrochen. Am meisten belustigte sie Maximoff. Der kam immer wieder zu ihr gelaufen, um ihr die Hand „und jedes Fingerchen“, wie er sagte, zu küssen, und zum Schlusse tanzte er noch zu einem alten Liede, das er selbst sang, einen Volkstanz. Mit besonderer Liebe trug er vor:

„Schweinchen macht chruchru, chruchru,
Kälbchen macht mumu, mumu,
Entlein macht quaqua, quaqua,
Gänschen macht gaga, gaga.
Doch Spätzchen ging auf frischem Heu spazieren,
Konnte nur zipzirrip, zipzirrip tirillieren,
Zipzirrip, zipzirrip tirillieren!“

„Gib ihm etwas, Mitjä,“ sagte Gruschenka, „schenk ihm etwas, er ist doch arm. Ach ihr Armen, Erniedrigten!... Weißt du, Mitjä, ich werde ins Kloster gehen. Nein, im Ernst, einmal werde ich ins Kloster gehen. Aljoscha hat mir heute Worte fürs ganze Leben gesagt... Ja... Heute aber wollen wir noch tanzen. Morgen ins Kloster, heute aber noch getanzt. Ich will ausgelassen sein, ihr Guten. Nun, und was ist denn dabei? Gott wird es verzeihen. Wenn ich Gott wäre, würde ich allen Menschen vergeben. ‚Ihr meine lieben, kleinen Sünder,‘ würde ich sagen, ‚von heute ab vergebe ich euch allen.‘ Und ich werde um Verzeihung bitten. ‚Vergebt, ihr guten Leute, einem dummen Weibe.‘ Ja, genau so. ‚Ein Tier bin ich, ja, das bin ich.‘ Beten will ich. Ich habe im ganzen nur ein Zwiebelchen gegeben. Ja, ein Scheusal wie ich will beten. Mitjä, laß sie tanzen, störe sie nicht. Alle Menschen auf der Welt sind gut, alle bis auf den letzten. Es ist schön, in der Welt zu leben. Wenn wir auch schlecht sind, es ist doch schön auf der Welt. Schlecht und gut sind wir, schlecht und gut... Nein, sagt mir, ich frage euch, kommt alle her, ich frage euch, sagt mir alle folgendes: Warum bin ich so gut? Ich bin doch gut – bin sehr gut... Nun, darum also: Warum bin ich so gut?“

So stammelte Gruschenka, indem sie immer berauschter wurde, und zu guter Letzt erklärte sie, selbst tanzen zu wollen. Sie erhob sich aus dem Lehnstuhl und wankte.

„Mitjä, laß mich nicht mehr trinken,“ sagte sie, „ich werde bitten, gib du mir aber nichts mehr, hörst du. Wein gibt keine Ruhe. Und alles dreht sich, auch der Ofen, alles dreht, dreht sich. Tanzen will ich. Sie sollen alle herkommen, zusehen, wie ich tanze... wie schön und gut ich tanze... wie?“

Und sie machte bereits Ernst mit ihrer Absicht: zog ihr kleines, weißes Batisttüchlein hervor, nahm es mit zwei Fingern der rechten Hand am Zipfelchen, um es beim Tanz zu schwenken. Es sollte der Nationaltanz werden! Mitjä eilte ins vordere Zimmer, die Mädchen verstummten und bereiteten sich vor, auf den ersten Wink den Chorgesang zum Nationaltanz anzustimmen. Als Maximoff hörte, daß Gruschenka selbst tanzen wollte, ward er ganz Begeisterung und begann sofort – so gut es bei seinem Alter ging – den Kasatschock ihr entgegen zu tanzen, wozu er etwas atemlos sang:

Kleine Hexe, schlanke Beinchen,
Weiche Hüften, Ringelschweinchen!

Doch Gruschenka winkte ihm mit dem Tüchelchen ab und schickte ihn zurück.

„Sch – sch! Mitjä, warum kommen sie denn nicht? Alle sollen herkommen... zusehen. Ruf auch jene beiden, die Eingeschlossenen... Warum hast du sie eingeschlossen? Sag ihnen, daß ich tanze, ich will, daß auch sie zusehen, wie ich tanze...“

Mitjä ging etwas schwankend zur verschlossenen Tür und begann mit den Fäusten bei den Panen anzuklopfen.

„He, ihr... Podwyssotzkijs! Kommt heraus, sie will tanzen, läßt euch rufen.“

„Laidack!“ schrie zur Antwort einer von den Panen.

„Und du bist ein Oberlaidack! Ein ganz gemeiner, kleinlicher Schuft bist du, verstanden!“

„Wenn Sie doch endlich aufhören wollten, sich über Polen lustig zu machen!“ bemerkte ungehalten Kalganoff, der jetzt gleichfalls zu viel getrunken hatte.

„Schweig, Knabe! Wenn ich ‚Schuft‘ zu ihm sage, so heißt das noch nicht, daß ich es zu ganz Polen sage. Ein Schuft macht vorläufig noch nicht ganz Polen aus. Schweig, ein netter Junge bist du. Da – nimm ein Bonbon.“

„Ach, wie sie sind! Gar nicht wie Menschen. Warum wollen sie sich denn nicht versöhnen?“ sagte Gruschenka und trat vor zum Tanz.

Der Chor fiel schmetternd ein: „Auf grünen Fluren in kühlem Schatten...“ Gruschenka warf den Kopf in den Nacken, ihre Lippen öffneten sich halb, sie lächelte, schwenkte schon das Taschentuch und plötzlich – wankte sie und blickte sich verwundert im Kreise um.

„Bin schwach...“ sagte sie stammelnd mit einer geradezu müde gequälten Stimme, „verzeiht, bin zu schwach... ich kann nicht... es war meine Schuld...“

Sie verbeugte sich vor dem Chor und machte dann nach allen vier Seiten hin eine Verbeugung.

„Meine Schuld... Verzeiht...“

„Hat sich bißchen angetrunken, die Herrin, bißchen angetrunken die schöne Herrin,“ ertönten unter den Zuschauern einige Stimmen.

„Haben sich etwas angeheitert,“ erklärte kichernd Maximoff den Mädchen.

„Mitjä, bring mich fort... nimm mich, Mitjä,“ sagte Gruschenka erschöpft.

Mitjä, der schon neben ihr stand, hob sie im Augenblick hoch auf die Arme und eilte mit seiner Last zurück hinter den Vorhang. „Nun, jetzt werde ich lieber fortgehen,“ dachte Kalganoff und verließ das blaue Zimmer. Vorsichtig schloß er hinter sich beide Türflügel. Doch das Fest im Saal wurde tobend fortgesetzt, viel ausgelassener als vorher. Mitjä legte Gruschenka auf das große Bett und küßte sie, als hätte er sich im Kuß an ihren Lippen festgesogen.

„Rühr mich nicht an...“ bat sie ihn stammelnd, mit flehender Stimme. „Rühr mich nicht an, bevor ich nicht dein bin... Ich habe gesagt, daß ich dein bin, aber du rühr mich nicht an... schone mich, bitte... Nicht neben jenen, nicht in ihrer Gegenwart. Er ist hier. Widerlich ist es hier...“

„Ich gehorche!... Mit keinem Gedanken... Ich bete dich an...“ murmelte Mitjä. „Ja, widerlich ist’s hier, oh, verflucht!“

Und ohne sie aus den Armen zu lassen, kniete er neben dem Bett nieder.

„Ich weiß, du bist wohl ein Tier, aber du bist doch edel,“ sagte Gruschenka mit schwerer Zunge. „Es muß ehrenhaft sein... von nun an wird es ehrenhaft sein... und auch wir müssen ehrenhaft sein, auch wir wollen gut sein, keine Tiere, sondern gut... Bring mich fort, bring mich weit fort, hörst du... Ich will nicht hier... nein, weit fort, weit...“

„Oh, ja, ja, unbedingt!“ Und er preßte sie in seinen Armen. „Ich bringe dich fort, fortfliehen werden wir... Oh, mein ganzes Leben gebe ich sofort dafür hin – wenn ich nur um dieses Blut wüßte!...“

„Was für ein Blut?“ fragte Gruschenka verwundert.

„Nichts, nichts!“ stieß Mitjä knirschend hervor. „Gruscha, du willst, daß hinfort alles ehrenhaft sei, ich aber – bin – ein – Dieb. Ich habe von Katjä Geld gestohlen.“

„Von Katjä? Von dem Fräulein? Nein, du hast nicht gestohlen. Gib ihr, nimm von mir... Was brauchst du? Jetzt ist alles, was mein ist – dein. Was ist uns Geld?? Wir würden es ohnehin durchbringen... Wir sind die rechten, die es halten könnten. Wir beide aber wollen lieber gehen und die Erde pflügen. Mit diesen meinen Händen will ich die Erde aufscharren. Arbeiten muß man, sich mühen muß man, hörst du? Aljoscha hat es gesagt. Ich werde dir nicht Geliebte sein, ich werde dir treu sein, werde deine Sklavin sein, werde für dich arbeiten. Wir werden zum Fräulein gehen und sie bitten, daß sie uns verzeiht, und dann werden wir fortfahren. Und du bring ihr das Geld zurück, mich aber liebe... Sie jedoch, hörst du, sie sollst du nicht lieben. Jetzt darfst du sie nicht mehr lieben. Wenn du sie noch liebst, werde ich sie erwürgen... Werde ihr beide Augen mit einer Nadel ausstechen...“

„Dich liebe ich, dich allein! Ich werde dich auch in Sibirien lieben, ewig...“

„Warum in Sibirien? Aber warum schließlich auch nicht, meinetwegen auch nach Sibirien, wenn du willst, mir soll’s recht sein... einerlei... wir werden arbeiten... in Sibirien ist Schnee... Ich liebe es, im Schlitten über Schneefelder zu fahren... das Pferd muß eine Glocke am Krummholz haben... Hörst du, eine Glocke klingt... Wo klingt nur die Glocke? Es fährt jemand... da hat sie auch schon aufgehört.“

Erschöpft schloß sie die Augen und schien einzuschlafen. Es hatte in der Tat irgendwo in der Ferne eine Glocke geklungen, und dann – hatte sie plötzlich aufgehört zu klingen. Mitjä senkte seinen Kopf auf ihre Brust. Er merkte nicht, wie die Glocke zu klingen aufgehört hatte, hatte es auch nicht gemerkt, wie plötzlich der Chorgesang verstummt war und an Stelle des Geräusches und trunkenen Lärmes im ganzen Hause Totenstille eintrat. Gruschenka schlug die Augen auf.

„Was ist das? Habe ich geschlafen? Ja... Glockenklang... Ich schlief und mir träumte: es war, als wenn ich über Schneefelder fuhr... die Glocke klang, und ich schlummerte mit offenen Augen. Es war, als führe ich mit meinem Geliebten, mit dir. Und weit, weit fuhren wir. Ich umarmte und küßte dich, schmiegte mich an dich, ich glaube, mich fror, und der Schnee schimmerte... Weißt du, wenn in der Nacht der Schnee schimmert und der Mond scheint, und es war, als ob ich nicht auf der Erde wäre... Da erwachte ich, und du warst bei mir, Geliebter, wie wundervoll...“

„Bei dir,“ murmelte Mitjä und küßte ihr Kleid, ihre Brust, ihre Hände.

Und plötzlich schien ihm etwas so sonderbar: es schien ihm, als ob sie gerade vor sich hinblicke, doch nicht auf ihn, nicht in sein Gesicht, sondern über seinen Kopf hinweg, aufmerksam, unbeweglich und ganz eigentümlich starr. Und plötzlich drückte sich in ihrem Gesichte Verwunderung aus, fast Schreck.

„Mitjä,“ flüsterte sie plötzlich, „wer blickt von dort auf uns her?“

Mitjä wandte sich um und sah, daß tatsächlich jemand durch den Vorhang sie gleichsam zu beobachten schien. Ja, es schien nicht nur einer zu sein. Er sprang auf und trat auf den Beobachter zu.

„Hierher, darf ich bitten, hierher zu uns,“ sagte nicht laut, doch bestimmt und fest eine unbekannte Stimme zu ihm.

Mitjä trat hinter dem Vorhang hervor und blieb unbeweglich stehen. Das ganze Zimmer war voll von Menschen, doch nicht von denen, die noch vor kurzem dagewesen waren, sondern von ganz anderen, neuangekommenen. Ein plötzlicher Frostschauer lief ihm über den Rücken, und er fuhr zusammen. Alle diese Menschen erkannte er auf den ersten Blick. Dieser große, wohlbeleibte Herr im grauen Uniformpaletot mit der Kokarde an der runden Karakulmütze, das war der Kreisrichter, der Chef der Landpolizei, Michail Makarytsch Makaroff. Und dieser „schwindsüchtige“, saubergekleidete Stutzer, „immer in so blankgeputzten Stiefeln“ – das war der Stellvertreter des Staatsanwalts. „Er besitzt eine Uhr im Wert von vierhundert Rubeln, er hat sie mir gezeigt,“ dachte Mitjä. Und dieser jugendliche Kleine mit der Brille... Mitjä hatte nur seinen Namen vergessen, aber er kannte auch ihn, er hatte ihn gesehen: das war der Untersuchungsrichter des Gerichtshofes, der erst vor kurzer Zeit bei uns eingetroffen war. Und dieser dort – war der Polizeimeister, Mawrikij Mawrikitsch, den kannte er ja ganz genau, – ein alter Bekannter. Aber diese dort mit den Blechschildern, was wollen denn die? Und dann noch zwei Unbekannte, Bauernkerle wahrscheinlich... Und dort an der Tür Kalganoff und Trifon Borissytsch...

„Meine Herren... Was soll das, meine Herren?“ fing Mitjä an, doch plötzlich – rief er außer sich, als wäre er nicht mehr er selbst gewesen, laut, mit der ganzen Stimme:

„Ich be – grei – fe!“

Der jugendliche Kleine mit der Brille drängte sich plötzlich etwas vor und, zu Mitjä tretend, begann er, wenn auch ein wenig würdevoll, so doch gewissermaßen ziemlich eilig:

„Wir haben an Sie... Kurz, ich bitte Sie hierher, hierher zum Sofa... Gewisse Umstände machen es unbedingt notwendig, daß wir Sie um gewisse Erklärungen bitten.“

„Der Alte!“ schrie Mitjä außer sich auf. „Der Alte und sein Blut!... Ich begreife!“

Und wie von einem Keulenschlage getroffen, sank er, oder richtiger gesagt fiel er auf einen Stuhl, der neben ihm stand.

„Du begreifst? Du hast es begriffen! Du Vatermörder und Ungeheuer, das Blut deines erschlagenen alten Vaters schreit hinter dir her!“ brüllte plötzlich, auf Mitjä zutretend, der alte Polizeichef ihn an.

Er war außer sich, war dunkelrot vor Zorn und zitterte am ganzen Körper.

„Aber das ist unmöglich, so geht das nicht!“ rief der kleine junge Mann. „Michail Makarytsch, Michail Makarytsch! So geht das nicht, das geht wirklich nicht so!... Ich bitte Sie, mich allein sprechen zu lassen. Ich hätte nie von Ihnen erwartet, daß Sie so...“

„Aber das ist ja nicht möglich, meine Herren, das ist ja Wahnsinn!“ schrie wieder der Alte. „Sehen Sie ihn an: in der Nacht, betrunken, mit einem liederlichen Mädchen, in dem Blute seines Vaters... Wahnsinn, Wahnsinn!“

„Ich bitte Sie nochmals ernstlich, lieber Michail Makarytsch, dieses Mal Ihre Gefühle zu beherrschen,“ flüsterte dem Alten schnell der stutzerhafte Stellvertreter des Staatsanwalts zu, „anderenfalls wäre ich gezwungen, Maßregeln zu ergreifen.“

Aber der kleine Untersuchungsrichter unterbrach ihn; er wandte sich zu Mitjä und sagte mit fester Stimme, laut und wichtig:

„Herr Leutnant Karamasoff, ich muß Ihnen mitteilen, daß Sie angeklagt sind, Ihren Vater Fedor Pawlowitsch Karamasoff in dieser Nacht ermordet zu haben...“

Er fügte noch etwas hinzu, auch der Stellvertreter des Staatsanwalts wandte noch etwas ein, doch Mitjä, der wohl ihre Worte hörte, begriff sie nicht mehr. Sein wilder Blick ging verständnislos von einem der Anwesenden zum anderen.

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