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Sämtliche Werke 9–10

by Fyodor Dostoyevsky

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Siebentes Buch — Aljoscha

I — Der Verwesungsgeruch

Die Leiche des entschlafenen Staretz Sossima wurde zur Bestattung in der vorgeschriebenen Weise hergerichtet. Die verstorbenen Mönche und Einsiedler werden bekanntlich nicht gewaschen, denn es heißt im großen Ritualbuch: „Wenn jemand von den Mönchen zum Herrn eingeht, so reibe der dazu auserwählte Mönch den Körper des Entschlafenen mit warmem Wasser ab, wobei er mit dem Schwamme (mit einem griechischen Schwamme) auf die Stirn, auf die Brust, auf die Hände, Füße und Knie des Verstorbenen das Zeichen des Kreuzes mache, und das sei alles.“ Beim Staretz Sossima verrichtete diesen letzten Liebesdienst Pater Paissij eigenhändig. Nach der Abreibung zog er ihm das Mönchsgewand an und legte ihm den Priestermantel um, wozu er diesen, wie es die Vorschrift verlangt, etwas einschnitt, um damit die Leiche kreuzweise umwickeln zu können. Über den Kopf der Leiche zog er die Kapuze mit dem achtarmigen Kreuz. Doch wurde die Kapuze offen gelassen und das Gesicht mit schwarzem Flor bedeckt. In die Hände des Entschlafenen legte man ein Bild des Heilands. So wurde er gegen Morgen in seinen Sarg gebettet, der schon lange für ihn bereit gestanden hatte. Den Sarg beabsichtigte man aber den ganzen Tag in der Zelle stehen zu lassen, in demselben ersten größeren Zimmer, in dem der Verstorbene seine Gäste empfangen hatte. Da der Staretz ein höheres Gelübde als die anderen Priestermönche abgelegt hatte, so mußten diese wie auch die Priesterdiakonen an seinem Sarge nicht die Psalmen, sondern die Evangelien lesen. Gleich nach der Seelenmesse begann Pater Jossiff mit dem Lesen, da Pater Paissij den ganzen Tag und die ganze Nacht lesen wollte. Vorläufig jedoch war er sowohl, wie der Vorsteher der Einsiedelei, zu beschäftigt und mit anderem in Anspruch genommen. Es tat sich nämlich, je länger desto mehr, unter den Klosterbrüdern und auch unter den Weltlichen, die aus der Stadt in Scharen herbeiströmten, eine außergewöhnliche, ja sogar unerhört „ungebührliche“ Aufregung und ungeduldige Erwartung kund. Der Vorsteher und Pater Paissij taten alles, um die erregten Gemüter zu beruhigen. Als es Tag wurde, kamen aus der Stadt sogar Kranke, die noch andere Kranke herbeischleppten, besonders ihre kranken Kinder, als hätten sie dazu gerade diesen Tod abgewartet. Augenscheinlich hofften sie auf eine Heilkraft, die, wie sie glaubten, nicht ausbleiben und sich vielleicht unverzüglich nach dem Verscheiden des Staretz an seinem Sarge kundtun werde. Da sah man denn wieder einmal, wie sich alle bei uns daran gewöhnt hatten, den entschlafenen Staretz schon bei Lebzeiten für einen unzweifelhaft großen Heiligen zu halten. Und es waren das durchaus nicht nur Leute aus dem einfachen Volke, die mit ihren Kranken ankamen. Diese ungeheure Erwartung der Gläubigen äußerte sich fast wie eine Forderung, und zwar so unverhohlen, daß sie für Pater Paissij geradezu etwas Anstößiges hatte. Wohl hatte er Ähnliches vorausgefühlt. Aber dieser Andrang übertraf denn doch seine Erwartungen. Den aufgeregten Mönchen, denen er begegnete, sagte er daher mit ernstem Tadel: „Die Erwartung eines höheren Ereignisses so unverhohlen zu zeigen, ist eine Leichtfertigkeit, die höchstens bei einem Weltlichen verzeihlich wäre, sich für uns aber nicht geziemt.“ Doch man hörte wenig auf ihn, was er selbst sehr gut merkte und sich auch mit Unruhe im Herzen eingestand. Auch mußte er sich sagen, und es wäre nicht recht, dies hier zu verheimlichen, daß er bei sich in der Tiefe seines Herzens fast dasselbe erwartete, obschon er in der allzu aufdringlichen Erwartung der anderen nichts als Leichtsinn sah. Einige von den Gesichtern, die er in der Zelle erblickte, waren ihm ganz besonders unangenehm; sie erweckten in ihm ein gewisses Vorgefühl und peinliche Bedenken. So bemerkte er in der Zelle des Entschlafenen unter den sich herbeidrängenden Klosterbrüdern geradezu mit einem seelischen Widerwillen (worüber er sich selbst Vorwürfe machte) die Anwesenheit Rakitins und des Mönches aus dem fernen Obdorskschen Kloster, der sich immer noch bei ihnen aufhielt; alle beide schienen sie dem Pater irgendwie verdächtig, obgleich sie nicht die einzigen waren, die man hätte verdächtigen können. Der Obdorsksche Mönch fiel unter den übrigen Aufgeregten durch seine ganz besondere Geschäftigkeit auf: man konnte ihn überall antreffen, und überall hatte er etwas zu fragen und zu horchen, überall flüsterte er etwas mit geheimnisvoller Miene. Der Ausdruck seines Gesichtes war ungeduldig, und er schien sehr ungehalten darüber zu sein, daß das Erwartete noch immer nicht eintraf. Was aber Rakitin anbelangt, so war er im besonderen Auftrage Frau Chochlakoffs so früh in der Einsiedelei erschienen. Diese gute, doch leider charakterschwache Dame, die in die Einsiedelei nicht zugelassen werden konnte, war, als sie kaum erwacht und die Nachricht vom Tode des Staretz vernommen hatte, von einer so unbezwingbaren Neugier ergriffen worden, daß sie sofort Rakitin beauftragt hatte, an ihrer Stelle alles zu beobachten und sie „brieflich sofort und in jeder halben Stunde von allem zu unterrichten“. Sie hielt Rakitin für einen sehr gottesfürchtigen und gläubigen jungen Mann – so gut verstand er es, mit den Menschen umzugehen und sich jedem nach Wunsch anzupassen, wenn er darin nur den kleinsten Vorteil für sich erblickte.

Der Tag war klar und hell, und von den anwesenden Pilgern versammelten sich viele an den Gräbern der Einsiedelei, die am zahlreichsten in der Nähe der Kirche lagen, aber auch sonst in der ganzen Einsiedelei verstreut waren. Pater Paissij erinnerte sich plötzlich, als er durch die Einsiedelei schritt, Aljoschas, und es fiel ihm auf, daß er ihn schon lange, fast seit der Nacht, nicht mehr gesehen hatte. Kaum aber hatte er an ihn gedacht, als er ihn auch schon in der entferntesten Ecke der Einsiedelei, am Zaun, bemerkte, sitzend, auf dem Grabstein eines in hohem Alter verstorbenen Mönches, der seiner Taten wegen weit bekannt war. Er saß mit dem Rücken zur Einsiedelei, das Gesicht dem Zaune zugekehrt, als wolle er sich hinter dem Denkmal verbergen. Als Pater Paissij sich ihm näherte, bemerkte er, daß Aljoscha sein Gesicht mit beiden Händen bedeckt hielt und bitterlich weinte. Er zitterte vor Schluchzen am ganzen Körper. Pater Paissij blieb eine Weile bei ihm stehen.

„Genug, mein lieber Sohn, laß gut sein, mein Freund,“ sagte er schließlich mitleidig zu ihm. „Warum tust du das? Freue dich und weine nicht! Oder weißt du denn nicht, daß von allen Tagen dieser sein größter Tag ist? Wo ist er denn jetzt, in diesem Augenblick? Vergegenwärtige es dir nur!“

Aljoscha erhob sein Gesicht, das, wie bei einem kleinen Kinde, von den Tränen ganz geschwollen war; doch ohne ein Wort hervorzubringen, wandte er sich wieder um und bedeckte es von neuem mit seinen Händen.

„Nun, meinetwegen,“ sagte Pater Paissij nachdenklich, „meinetwegen, weine denn, Christus hat dir diese Tränen geschickt. Diese Tränen der Rührung dienen nur zur Erhöhung deiner Seele und zur Erheiterung deines lieben Herzens,“ fügte er noch bei sich hinzu, als er Aljoscha verließ und liebevoll an ihn dachte. Übrigens beeilte er sich, von ihm fortzukommen, denn er fühlte, daß er sonst gleichfalls zu weinen anfangen werde. Inzwischen verging die Zeit; die Feierlichkeiten und Seelenmessen nahmen ordnungsgemäß ihren Fortgang. Pater Paissij traf wieder Pater Jossiff am Sarge des Verstorbenen an und löste ihn jetzt im Evangelienlesen ab. Es war aber noch nicht drei Uhr nachmittags geworden, als sich etwas ereignete, was ich schon am Ende des vorigen Buches erwähnt habe, etwas uns allen so Unerwartetes und das außerdem noch so entgegengesetzt der allgemeinen Zuversicht war, daß, ich wiederhole es, die ausführlichsten und albernsten Legenden von diesem Ereignisse sich bis auf den heutigen Tag in bewundernswert frischer Erinnerung, sowohl in unserer Stadt, als in der ganzen Umgegend, erhalten haben. Ich füge hier noch einmal von mir persönlich hinzu, daß es mir widerwärtig ist, dieses albernen, ärgerlichen und im Grunde genommen leeren und selbstverständlichen Ereignisses Erwähnung zu tun, und ich würde es bestimmt unterlassen, wenn es nicht auf die Seele und das Herz des späteren Haupthelden meiner Erzählung, Aljoscha, in gewisser Weise einen so außerordentlichen Einfluß gehabt hätte. Dies Ereignis führte gleichsam zu einem Bruch in seiner Seele, zu einem Wendepunkt in seinem Leben, und es festigte seinen Geist, indem es ihn zum erstenmal auf ein bewußtes Ziel hinwies.

Als man noch vor Tagesanbruch die zur Bestattung bereitete Leiche des Staretz in den Sarg legte und ihn in das erste Zimmer, in dem er früher empfangen hatte, brachte, da wurde unter den Anwesenden die Frage laut, ob es nötig wäre, das Fenster des Zimmers zu öffnen? Diese Frage, die irgend jemand nur beiläufig gestellt hatte, wurde nicht weiter beachtet und blieb ohne Antwort. Wenn man sie auch allgemein gehört hatte, so war sie höchstens von einigen der Anwesenden als Abgeschmacktheit bemerkt worden, da allen die Voraussetzung, die Leiche dieses Entschlafenen könne verwesen und ihr daher Verwesungsgeruch entströmen, eine Annahme zu sein schien, die nur Bedauern, wenn nicht Spott verdiene. So blieb die Frage unbeantwortet, da sie doch nur tadelnswerter Kleingläubigkeit entsprungen sein konnte. Man erwartete durchaus das Gegenteil. Und siehe, bald nach dem Mittag begann etwas, was von den Ein-und Ausgehenden zuerst nur schweigend und für sich im stillen bemerkt wurde, da jeder sich fürchtete, dem anderen seinen aufsteigenden Gedanken mitzuteilen – etwas, das sich aber um drei Uhr nachmittags schon so deutlich und unzweifelhaft bemerkbar machte, daß die Nachricht davon sich im Augenblick durch die ganze Einsiedelei und unter allen Pilgern und Gästen verbreitete und sogleich auch ins Kloster drang und die Verwunderung aller Mönche hervorrief. In kurzer Zeit erreichte sie auch die Stadt, wo sie alle, Gläubige wie Ungläubige, in höchste Aufregung versetzte. Die Ungläubigen freute es, und was die Gläubigen anbelangt, so fanden sich viele unter ihnen, die sich noch mehr darüber freuten als die Ungläubigen, denn: „die Menschen lieben den Fall des Gerechten und seine Schmach,“ wie der verstorbene Staretz mehr als einmal in seinen Unterweisungen gesagt hatte. Die Sache war kurz folgende: In der kleinen Zelle, in der der Tote aufgebahrt lag, begann sich mit der Zeit immer mehr Verwesungsgeruch bemerkbar zu machen, zuerst natürlich nur sehr wenig, doch um drei Uhr nachmittags war ein Zweifel nicht mehr möglich, und dabei nahm der Geruch immer noch zu. Ein solches Ärgernis, wie es sich jetzt auf so grobe Weise kundtat, war schon lange nicht mehr vorgekommen, ja aus der ganzen Vergangenheit unseres Klosters konnte man sich keines ähnlichen Falles erinnern. Die Folgen dieses Ereignisses waren fast unglaublich. Später, nach vielen Jahren, konnten sich einige unserer vernünftigeren Mönche, wenn sie sich dieses Tages bis in alle Einzelheiten erinnerten, nicht genug darüber wundern, wie dieses Ärgernis in solchem Maße hatte um sich greifen können. Denn auch früher schon war es vorgekommen, daß den Leichen mancher Mönche, die einen reinen und gerechten Lebenswandel geführt hatten und als gottesfürchtige Startzen gestorben waren, trotzdem Verwesungsgeruch entströmt war, ohne daß dadurch Ärger oder die geringste Aufregung hervorgerufen worden wäre. Freilich hatte es in unserem Kloster auch einige gegeben, die in hohem Alter verstorben waren, und von deren Leichen nach der Überlieferung kein Verwesungsgeruch ausgegangen sei. Diese Überlieferungen machten einen geradezu mysteriösen Eindruck auf die Brüderschaft, und die Mönche bewahrten sie im Gedächtnis wie etwas Herrliches und Wunderbares, wie die Verheißung eines noch größeren Ruhmes, der in Zukunft aus den Gräbern dieser „Heiligen“ aufsteigen werde, „wenn nach dem Willen Gottes die Zeit dazu kommt“. Besonders lebendig war das Andenken an den Staretz Hiob, der erst mit hundertundfünf Jahren gestorben und ein berühmter Glaubenseiferer, ein großer Faster und Schweiger gewesen war. Er war schon zu Anfang dieses Jahrhunderts gestorben, und sein Grab wurde mit besonderer und außerordentlicher Hochachtung allen zum erstenmal ins Kloster gekommenen Pilgern gezeigt, und geheimnisvoll wurde an ihm mancher großen Hoffnung Erwähnung getan. Es war dies dasselbe Grab, auf dem Pater Paissij Aljoscha sitzend angetroffen hatte. Wie an diesen an Altersschwäche verstorbenen Startzen, war auch die Erinnerung an einen vor nicht allzulanger Zeit verstorbenen Startzen, den großen Staretz Warssonofij, noch lebendig, denselben, von dem der Staretz Sossima die Startzenwürde übernommen hatte, und der noch bei Lebzeiten von allen das Kloster besuchenden Pilgern für schwachsinnig gehalten worden war. Von diesen beiden erhielt sich die Überlieferung, daß sie in ihren Särgen wie Lebende gelegen hätten, daß sie ganz unverwest begraben worden wären, und daß ihr Antlitz im Sarge geradezu geleuchtet habe. Manche wollten sich sogar noch auf das bestimmteste erinnern, daß ihren Leichnamen Wohlgeruch entströmt sei. Aber ungeachtet aller dieser Erinnerungen, ist doch schwer, zu erklären, warum beim Sarge des Staretz Sossima eine so alberne und boshafte Erregung sich kundtat. Was meine persönliche Meinung anbelangt, so meine ich, daß hierbei die verschiedensten Gründe und Ursachen zusammentrafen: wie zum Beispiel die eingewurzelte Feindschaft gegen das Startzentum, als eine schädliche Neuerung, wie sie im Kloster und in den Köpfen und Herzen vieler Mönche gehegt wurde. Dann freilich war es hauptsächlich der Neid auf die Heiligkeit des Entschlafenen, an die schon zu dessen Lebzeiten so fest geglaubt wurde, daß es geradezu verboten schien, dagegen zu sprechen. Denn obgleich der selige Staretz – nicht so sehr durch Wunder, als gerade durch Liebe – so viele an sich gezogen und um sich eine ganze Welt von Liebe geschaffen hatte, so hatte er sich nichtsdestoweniger, oder sogar gerade dadurch um so mehr Neider und infolgedessen auch erbitterte Feinde, offene und geheime, und nicht nur unter den Mönchen, sondern auch unter den Weltlichen geschaffen. Niemandem hatte er etwas Böses getan. Aber siehe da, es hieß doch: „Warum wird er für heilig gehalten?“ Schon allein diese eine Frage schuf, da sie immer von neuem wiederholt wurde, einen ganzen Abgrund von unersättlicher Bosheit. Darum glaube ich, daß viele, als sie von der Verwesung seines Körpers hörten und von der Schnelligkeit, mit der sie eintrat – es war noch nicht ein Tag nach seinem Verscheiden vergangen – sich unbändig freuten. Unter denen aber, die dem Staretz ergeben waren und ihn bis dahin geachtet hatten, gab es auch solche, die sich durch dieses Ereignis fast persönlich gekränkt und beleidigt fühlten. Die Begebenheiten trugen sich folgendermaßen zu.

Kaum hatte sich der Verwesungsgeruch bemerkbar gemacht, so konnte man schon am Mienenspiel der Mönche, die in die Zelle des Entschlafenen eintraten, erkennen, warum sie kamen. Sie traten ein, blieben eine Weile stehen, und beeilten sich dann, so schnell als möglich den anderen, der draußen wartenden Menge, die Nachricht zu bestätigen. Die einen von den Wartenden wiegten kummervoll das Haupt, andere aber konnten ihre Genugtuung nicht mehr verbergen, und die Schadenfreude sprach triumphierend aus ihren boshaften Blicken. Und niemand rügte sie, niemand wollte ein gutes Wort für den Toten einlegen, was doch sonderbar war, denn dem entschlafenen Staretz war immerhin über die Hälfte der Klosterbrüderschaft ergeben gewesen. Die Vorsehung aber schien selbst zu wollen, daß die Minderheit die Oberhand behielt. In kurzer Zeit erschienen in der Zelle auch weltliche Spione, die Gebildeten, die Klostergäste. Das einfache Volk ging nicht hinein, wenn es auch an der Pforte der Einsiedelei in ganzen Scharen gedrängt stand. Wahr ist, daß nach drei Uhr nachmittags, als die ärgerliche Nachricht sich schon verbreitet hatte, der Besuch der weltlichen Gäste sehr zunahm. Viele von den Weltlichen, die an diesem Tage vielleicht gar nicht erschienen wären und sogar überhaupt nicht die Absicht gehabt hatten, ins Kloster zu fahren, waren jetzt aus Neugier gekommen; unter ihnen befanden sich auch einige Persönlichkeiten von höherem Range. Übrigens wurde äußerlich der Anstand noch nicht verletzt, und Pater Paissij fuhr fort, mit strengem Gesicht und lauter Stimme fest und vernehmlich die Evangelien zu lesen, obgleich er schon lange die Unruhe um sich bemerkt hatte. Und schließlich drangen die Stimmen auch bis zu seinen Ohren, zuerst nur leise, doch allmählich immer vernehmlicher und kühner: „Da sieht man, daß das Urteil Gottes anders ist als das Urteil der Menschen!“ hörte er plötzlich neben sich sagen; ein Weltlicher, ein städtischer Beamter, hatte diese Worte ausgesprochen, ein schon älterer Mann, der sehr gottesfürchtig war und nun laut das wiederholte, was die Mönche sich untereinander schon seit Stunden zugeflüstert hatten. Das Schlimme aber war, daß sich in diesen Worten allmählich fast ein Triumph kundtat. Bald darauf wurde die mühsam bewahrte Haltung durchbrochen, und es schien sogar, daß alle sich geradezu berechtigt fühlten, sie zu durchbrechen. „Wie kommt das nur,“ sagten einige von den Mönchen, anfänglich noch bedauernd, „sein Körper war doch nicht fleischig und fett, er war doch so hager, nur Haut und Knochen, wo kann da der Geruch herkommen?“ – „Also kann das nur ein Fingerzeig Gottes sein...“ fügten eilig andere hinzu, und ihre Meinung wurde sofort widerspruchslos angenommen. Man wies besonders darauf hin, daß der Leichengeruch bei einem gewöhnlichen und sündigen Sterblichen sich erst viel später hätte einstellen müssen, wenigstens nicht mit einer dermaßen auffallenden Schnelligkeit, im äußersten Falle nach vierundzwanzig Stunden. „Dieser ist aber der Natur zuvorgekommen, folglich kann es nichts anderes sein als ein Fingerzeig Gottes. Ja, ja, ein Hinweis Gottes ist es!“ Diese Auslegung machte einen großen Eindruck. Der bescheidene Pater Jossiff, der Liebling des Verstorbenen, wandte sich an etliche der Rädelsführer mit der Behauptung, daß es nicht überall so wäre, und daß es in der Rechtgläubigkeit ein solches Dogma gar nicht gäbe, wonach die Leichen der Gerechten nicht verwesen dürften, und daß das nur ein Vorurteil sei, da man an den allerrechtgläubigsten Orten, auf dem Athos zum Beispiel, an dem Verwesungsgeruch der Gerechten gar keinen Anstoß nähme und das Nichtverwesen der Leichen durchaus nicht das Hauptmerkmal der Verherrlichung der Geretteten sei, sondern die Farbe ihrer Knochen, nachdem die Leichen schon viele Jahre in der Erde gelegen hätten. „Wenn dann die Knochen gelb wie Wachs sind, so ist das das Zeichen, daß Gott den Entschlafenen verherrlicht hat; wenn sie aber nicht gelb sind, sondern schwarz, so bedeutet es, daß Gott ihn solchen Ruhmes nicht für würdig gefunden. So ist es auf dem Athos, an diesem großen Ort, wo die Rechtgläubigkeit sich von alters her unerschütterlich in der leuchtendsten Reinheit erhalten hat,“ schloß Pater Jossiff. Doch die Rede des frommen Paters machte gar keinen Eindruck; sie rief sogar spöttischen Widerspruch hervor: „Das ist alles nur Gelehrsamkeit und Neuerung, das lohnt sich gar nicht anzuhören,“ behaupteten die Mönche unter sich. „Bei uns ist alles nach dem Alten; als ob es heutzutage noch nicht genug Neuerungen gäbe! Soll man denn alles nachahmen?“ fügten andere hinzu. „Wir haben nicht weniger Heilige gehabt als sie. Die sitzen dort und haben unter dem Türkenjoch alles vergessen. Bei denen ist die Rechtgläubigkeit schon längst getrübt, sie haben nicht einmal mehr Glocken,“ meinten die Spötter. Pater Jossiff entfernte sich betrübt, um so mehr, als er selbst auch nur halb an seine Worte glaubte. Mit Schrecken aber bemerkte er, daß eine immer mächtigere Bewegung um sich griff und sogar der Ungehorsam sein Haupt erhob. Wie Pater Jossiff verstummten allmählich auch alle anderen vernünftigen Stimmen. Und siehe, bald waren alle, die den verstorbenen Staretz geliebt hatten und in frommem Gehorsam der Forderung des Startzentums gefolgt waren, maßlos erschrocken, und wenn sie sich begegneten, wagten sie kaum, einander anzublicken. Dagegen erhoben die Feinde des Startzentums stolz ihre Häupter: „Vom verstorbenen Staretz Warssonofij ist nicht nur kein Verwesungsgeruch ausgegangen, ihm ist sogar Wohlgeruch entströmt,“ sagten sie schadenfroh und fast triumphierend, „denn er hat nicht nur dem Startzentum gedient, sondern war selbst ein Gerechter.“ Die Folge davon war, daß sie den jüngst Verstorbenen zu verurteilen und zu beschuldigen anfingen: „Er hat nicht richtig gelehrt; er lehrte, daß das Leben eine große Freude und nicht eine Demütigung in Tränen sei,“ sagten einige von den Unintelligenteren. „Er glaubte nach der neuen Mode, und materielles Feuer in der Hölle erkannte er nicht an,“ fügten andere noch Unverständigere hinzu. „Im Fasten war er nicht streng, er erlaubte sich Süßigkeiten, den Tee trank er gerne mit Kirschenmus, die Damen schickten ihm alles zu. Darf denn ein Einsiedler Tee trinken?“ hörte man einige neidische Stimmen ausrufen. „Stolz aufgebläht saß er da,“ bemerkten immer erbitterter die Schadenfrohen, „für einen Heiligen hielt er sich, man warf sich vor ihm auf die Knie, und er nahm das als etwas Selbstverständliches hin.“ „Das Sakrament der Beichte hat er mißbraucht,“ tuschelten in boshaftem Geflüster die heftigsten Gegner des Startzentums, und das waren die ältesten und in ihrem Gottesdienst strengsten Mönche, aufrichtige Faster und große Schweiger, die zu Lebzeiten des Staretz geschwiegen hatten, jetzt aber plötzlich ihren Mund auftaten, was ganz besonders gefährlich war, da ihre Worte einen starken Einfluß auf die jüngeren, in ihren Anschauungen noch nicht gefestigten Mönche hatten. Sehr eifrig horchte der Obdorsksche Gast, der Mönch vom heiligen Silvester, auf alles, was man sprach, indem er tief aufseufzte und den Kopf hin und her wiegte: „Pater Ferapont hat gestern gerecht geurteilt, wie ich sehe,“ dachte er bei sich. Und siehe, da erschien Pater Ferapont plötzlich in eigener Person, um eine noch größere Verwirrung zu verursachen.

Wie ich schon früher erwähnt habe, verließ er nur selten seine kleine hölzerne Zelle im Bienengarten, ja er erschien sogar oft lange Zeit nicht einmal in der Kirche zum Gottesdienst, was man jedoch ihm, als einem Schwachsinnigen, nicht weiter nachtrug. Und schließlich wäre das auch nicht gut angegangen. Denn einem so großen Faster und Schweiger gegenüber, der Tag und Nacht betete (und oft auf den Knien liegend einschlief), wäre es geradezu kleinlich gewesen, die Einhaltung der Regeln, die für die übrigen vorgeschrieben waren, zu verlangen, wenn er sie nicht selbst einhalten wollte. „Er ist heiliger als wir alle und vollführt Schwereres, als die Regel verlangt,“ sagten dann die Mönche, „und wenn er nicht in die Kirche geht, so bedeutet das, daß er selbst besser weiß, wann er dahin zu gehen hat, er hat seine eigene Regel.“ Um die Möglichkeit solcher Unwillensäußerungen von seiten der Mönche zu vermeiden, hatte man Pater Ferapont denn auch ganz in Ruhe gelassen. Der Staretz Sossima liebte, wie allen bekannt war, den Pater Ferapont nicht sehr. Nun war die Nachricht, „daß das Urteil Gottes nicht dasselbe sei wie das der Menschen“, und daß dieses sogar „der Natur zuvorgekommen“ wäre, auch bis zu Pater Feraponts Zelle gedrungen. Es ist anzunehmen, daß der erste, der ihm diese Nachricht überbracht hatte, der Obdorsksche Mönch gewesen war, der ihn noch gestern besucht und tief erschüttert verlassen hatte. Ich muß auch noch erwähnen, daß Pater Paissij, der laut und vernehmlich am Sarge die Evangelien las, und daher nichts hören und sehen konnte von dem, was außerhalb der Zelle vor sich ging, in seinem Herzen doch das Hauptsächlichste richtig ahnte, da er seine Umgebung durch und durch kannte. Er war keineswegs aus der Fassung gebracht, sondern erwartete alles, was noch kommen werde, vollkommen furchtlos, wenn er auch dabei keinen Augenblick aufhörte, gespannt die Entwicklung der Aufregung zu verfolgen. Plötzlich vernahm er vom Vorzimmer her einen außergewöhnlichen Lärm, ungebührlich, anstößig in dieser ernsten Stunde. Die Zellentür wurde geräuschvoll aufgestoßen, und auf der Schwelle erschien – Pater Ferapont. Hinter ihm her drängten sich unten an der Treppe, wie man aus der Zelle deutlich sehen konnte, viele ihn begleitende Mönche, unter denen sich auch Weltliche befanden. Sie traten indessen nicht ein und wagten auch nicht, auf die Treppe zu steigen; sie erwarteten nur, was Pater Ferapont sagen und tun werde. Ungeachtet ihrer Vermessenheit, fühlten sie doch mit einem gewissen Schrecken, daß dieser große Schweiger nicht umsonst gekommen war. Als Pater Ferapont auf der Schwelle erschien, erhob er seine beiden Hände: und da lugten hinter seinem rechten Arm die scharfen und neugierigen Äuglein des Obdorskschen Gastes hervor, der allein aus überwältigender Neugier Pater Ferapont auf die Treppe gefolgt war. Die anderen waren schon beim Geräusch der wuchtig geöffneten Tür zurückgeschreckt und drängten sich nun, von plötzlicher Angst ergriffen, noch mehr zurück. Pater Ferapont hielt die Hände empor, und plötzlich brüllte er laut:

„Austreibend werde ich dich austreiben!“ und sofort begann er, sich nach allen vier Seiten wendend, zu den Wänden und vier Ecken des Zimmers das Kreuzeszeichen zu machen. Diese Handlung Pater Feraponts verstanden alle, die ihn begleiteten, denn sie wußten, daß er immer so tat, wohin er auch kam, und daß er sich auch nicht früher hinsetzte, noch ein Wort sagte, bevor er die unreine Macht ausgetrieben hatte.

„Weiche Satan, weiche hinaus!“ wiederholte er bei jedem Kreuzeszeichen. „Austreibend, treibe ich dich hinaus!“ brüllte er von neuem. Er war in seiner groben Mönchskutte und mit einem Strick umgürtet. Aus dem sackleinenen Hemde blickte seine mit grauen Haaren bewachsene Brust hervor. Er war barfüßig. Sobald er seine Hände erhob, rasselten und klirrten die schrecklichen Ketten, die er unter der Kutte trug. Pater Paissij unterbrach das Lesen, trat auf ihn zu und stellte sich in Erwartung vor ihn hin.

„Warum bist du gekommen, ehrenwerter Pater? Warum verletzest du den Anstand? Warum bringst du die fromme Herde in Verwirrung?“ fragte er und blickte ihn streng an.

„Wessentwillen ich gekommen bin? Wen fragst du? Wie glaubst du?“ schrie Pater Ferapont, der sich wie ein Einfältiger gebärdete. „Um hier eure Gäste, die unflätigen Teufel, auszutreiben. Ich sehe, daß sich hier ohne mich viele angesammelt haben. Mit einem Birkenquast will ich sie ausfegen!“

„Unreines willst du austreiben, selbst aber dienst du vielleicht dem Unreinen,“ sagte unerschrocken Pater Paissij. „Und wer kann von sich sagen, daß er ‚heilig‘ sei, etwa du, Vater?“

„Aas bin ich, aber kein Heiliger! In den Lehnstuhl setze ich mich nicht, und ich lasse mir nicht Verbeugungen machen wie einem Götzen!“ donnerte Pater Ferapont. „Heutzutage richten die Menschen den heiligen Glauben zugrunde. Der Verstorbene, euer Heiliger dort“ – dabei wandte er sich zur Menge und wies auf den Sarg – „hat die Teufel nicht anerkannt. Nur Abführmittel gab er gegen die Teufel. Die aber haben sich bei euch vermehrt, wie die Spinnen in den Ecken. Er selbst stinkt jetzt. Darin sehen wir einen großen Fingerzeig Gottes!“

Es war in der Tat einmal zu Lebzeiten des Staretz Sossima vorgekommen, daß einem Mönche die unreine Macht zuerst im Traume und später auch im Wachen erschienen war. Als er das voll Entsetzen dem Staretz mitgeteilt hatte, da war ihm von diesem ununterbrochenes Gebet und verstärktes Fasten angeraten worden. Als aber auch das nicht helfen wollte, da hatte der Staretz gesagt, er solle das Fasten und Beten nicht aufgeben, doch außerdem noch eine gewisse Arznei zu sich nehmen. Das hatte bei sehr vielen Ärgernis erregt, und sie hatten untereinander viel darüber gesprochen und die Köpfe geschüttelt, am meisten von ihnen aber war Pater Ferapont, dem einige der Tadler eiligst die in diesem besonderen Falle „außergewöhnliche“ Anordnung des Staretz mitgeteilt hatten, ungehalten gewesen.

„Weiche von hier, Vater!“ sagte befehlend Pater Paissij. „Nicht Menschen können darüber urteilen, nur Gott kann es tun. Vielleicht ist das ein Hinweis, den weder du, noch ich, noch sonst jemand zu begreifen imstande ist. Gehe fort von hier und bringe die Herde nicht in Verwirrung!“ wiederholte er mit fester Stimme.

„Das Fasten hat er nicht eingehalten, das dem Range eines Einsiedlers zukommt, deshalb ist uns dieser ‚Hinweis‘ geworden. Das ist klar und es zu verheimlichen ist Sünde!“ Der aus Rand und Band geratene Fanatiker konnte sich noch immer nicht beruhigen. „Mit Konfekt hat er sich verführen lassen, die Damen haben es ihm in ihren Taschen mitgebracht, süßen Tee hat er geschlürft, seinen Bauch hat er vergöttert, hat ihn mit Süßigkeiten angefüllt, wie seinen Geist mit anmaßenden Gedanken... Darum hat er den Schimpf erlitten...“

„Leichtfertig sind deine Worte, Vater!“ sagte mit erhobener Stimme Pater Paissij. „Ich bewundere dein Fasten und deinen Glaubenskampf, doch leichtfertig sind deine Worte, wie ein Jüngling redest du, der in der Welt noch unselbständig ist und von jungem Verstande. Gehe fort von hier, Vater, ich befehle es dir!“ rief drohend zum Schluß Pater Paissij.

„Ich gehe schon!“ murmelte Pater Ferapont einigermaßen verwirrt, doch seine Wut verließ ihn nicht. „Gelehrte seid ihr! Mit eurem hohen Verstande erhebt ihr euch über meine Nichtigkeit. Ich kam hierher mit geringen Kenntnissen, doch jetzt habe ich alles vergessen, was ich gewußt habe, Gott selbst hat mich Geringen vor eurer Gelehrtheit beschützt...“

Pater Paissij stand festentschlossen dicht vor ihm. Pater Ferapont schwieg, und plötzlich wurde er traurig, stützte die eine Wange in die Hand, betrachtete den Sarg des entschlafenen Staretz und sagte in singendem Tone:

„Über ihm wird man morgen ‚Helfer und Beschützer‘ singen, den schönsten Kanon, über mir aber, wenn ich krepiere, nur ‚Welche Lebenswonne‘, das kleine Verslein!“ sagte er wehmütig und mit Tränen in den Augen. „Hoffärtig und aufgeblasen sind sie, das ist hier ein leerer Ort!“ schrie er plötzlich wieder wie wahnsinnig und winkte mit der Hand ab, kehrte sich um und schritt schnell die Stufen der Treppe hinab. Die unten wartende Menge wich zurück; einige folgten ihm, andere zögerten noch, denn die Tür der Zelle stand offen. Pater Paissij war Pater Ferapont auf die Treppe gefolgt und sah ihm nach. Der besessene Greis konnte sich noch immer nicht beruhigen: Kaum war er zwanzig Schritte gegangen, als er sich plötzlich zur Seite, zur untergehenden Sonne wandte, beide Hände erhob und, als ob man ihn niedergemäht hätte, mit großem Geschrei zur Erde niederfiel:

„Mein Gott hat gesiegt! Christus hat gesiegt über die untergehende Sonne!“ schrie er wie rasend, erhob die Hände zur Sonne, fiel mit dem Gesicht auf die Erde und weinte mit lauter Stimme wie ein kleines Kind. Er bebte am ganzen Körper und breitete seine Hände über die Erde aus.

Alles stürzte zu ihm, Ausrufe wurden laut, lautes Weinen ihm zur Antwort... Ekstase ergriff alle.

„Seht, wer der Heilige ist! Seht, wer der Gerechte ist!“ ließen sich jetzt bereits ohne jegliche Scheu Stimmen vernehmen. „Seht, wer Staretz sein sollte!“ fügten noch andere erbost hinzu.

„Er will kein Staretz sein... er selbst erkennt sie nicht an... wird dieser verfluchten Neuerung nicht dienen... ihre Dummheiten wird er nicht nachahmen,“ riefen wieder andere Stimmen, und wie weit das noch gegangen wäre, ist schwer zu sagen, wenn nicht gerade in diesem Augenblick die große Glocke angefangen hätte, zum Gottesdienst zu läuten. Da begannen alle sich zu bekreuzen. Auch Pater Ferapont erhob sich, bekreuzte sich und ging dann, ohne sich umzusehen und immer noch vor sich hinmurmelnd, in seine Zelle. Ihm folgten einige Mönche, doch waren es nur wenige; die Mehrzahl ging auseinander oder eilte zum Gottesdienst. Pater Paissij übergab den Lesedienst an Pater Jossiff und ging hinunter. Das ekstatische Geschrei des Fanatikers konnte ihn nicht wankend machen, aber sein Herz war betrübt, und er grämte sich um irgend etwas, – dessen ward er sich selbst bewußt. Er blieb plötzlich stehen und fragte sich: „Woher diese Trauer bis zur völligen Niedergeschlagenheit?“ und mit Erstaunen erkannte er, daß diese plötzliche Trauer von einem ganz kleinen und besonderen Zufall herrührte. Er hatte in der Menge, die sich am Eingang der Zelle drängte, unter den übrigen Erregten, auch Aljoscha bemerkt, und er erinnerte sich, daß er sofort bei seinem Anblick einen Stich im Herzen gefühlt hatte. „Ja ist denn dieser Jüngling wirklich meinem Herzen so wert,“ fragte er sich ganz verwundert. In demselben Augenblick ging Aljoscha an ihm vorüber, als eilte er irgendwohin, doch ging er nicht in der Richtung zur Kirche. Ihre Blicke begegneten sich. Aljoscha aber wandte schnell seine Augen ab und blickte zu Boden. An seiner Miene erkannte Pater Paissij sofort, daß für den Jüngling der Augenblick einer großen Umwandlung gekommen war.

„Hast auch du dich hinreißen lassen?“ rief Pater Paissij aus, „ist es möglich, daß auch du zu den Kleingläubigen gehörst?“ fügte er traurig hinzu.

Aljoscha blieb stehen, sah unsicher und unbestimmt Pater Paissij an, wandte aber schnell seine Augen von ihm ab und senkte den Blick wieder zu Boden. Er stand halb abgewandt, ohne sich zum Fragenden umzuwenden. Pater Paissij beobachtete ihn aufmerksam.

„Wohin eilst du?“ fragte er ihn wieder. „Es wird zur Messe geläutet.“

Aljoscha gab keine Antwort.

„Oder willst du das Kloster verlassen, ohne um Erlaubnis und ohne um den Segen zu bitten?“

Aljoscha lächelte plötzlich verzerrt und warf einen sonderbaren, sehr sonderbaren Blick dem fragenden Pater zu, dem er von seinem verstorbenen Lenker, dem früheren Beherrscher seiner Seele und seines Geistes, von seinem inniggeliebten Staretz, anvertraut worden war. Und ohne Antwort, wie vorhin, winkte er nur mit der Hand ab, als ob er sich um eine Ehrerbietung nicht mehr kümmern wollte, und verließ mit schnellen Schritten die Einsiedelei durch das Eingangstor.

„Wirst noch zurückkehren!“ murmelte leise Pater Paissij vor sich hin und blickte ihm in kummervoller Verwunderung nach.

II — Solch ein Augenblick

Pater Paissij irrte sich nicht, wenn er annahm, daß sein „lieber Junge“ wiederkehren werde, und vielleicht hatte er, wenn auch nicht ganz, so doch scharfsinnig genug Aljoschas Seelenstimmung erraten. Ich muß aber gestehen, daß es mir nichtsdestoweniger schwer wird, die Ursache dieser sonderbaren augenblicklichen Seelenstimmung des jungen und von mir so inniggeliebten Helden meines Romanes zu erklären. Auf die traurige Frage Pater Paissijs: „Solltest auch du zu den Kleingläubigen gehören?“ kann ich jedoch mit Bestimmtheit für Aljoscha antworten: Nein, er gehörte nicht zu den Kleingläubigen. Nein, hier war sicher das Gegenteil der Fall: seine ganze Verwirrung kam daher, daß er nur zu sehr glaubte. Eine große Verwirrung war es aber, und alles, was sich ereignete, war so quälend für ihn, daß er sogar nach langer Zeit diesen kummervollen Tag für einen der schwersten und verhängnisvollsten Tage seines Lebens hielt. Wenn man aber fragen wollte: „Sollte wirklich sein ganzer Kummer und seine Seelenunruhe davon herrühren, daß der Leichnam seines Staretz, statt sofort unmittelbare Heilkraft zu offenbaren, im Gegenteil, so früh in Verwesung übergegangen war,“ so antworte ich ohne zu zögern: Ja, so ist es in der Tat gewesen. Nur möchte ich den Leser bitten, nicht gleich über den reinen Sinn meines Jünglings zu lachen. Ich habe nicht die Absicht, seinen einfältigen Glauben durch sein jugendliches Alter zu entschuldigen oder zu rechtfertigen. Ich tue gerade das Entgegengesetzte und versichere hiermit, daß ich für ihn aufrichtige Hochachtung empfinde. Zweifellos wäre mancher andere Jüngling, der schon verstanden hätte, mit Vorsicht solche Herzenseindrücke zu empfangen, der verstanden hätte, nicht heiß, sondern nur lau zu lieben – wenn auch mit richtigem, so doch für sein Alter gar zu reiflich überlegendem und daher billigem Verstande –, solch ein Jüngling, sage ich, wäre dem entgangen, was mit meinem Jüngling geschah. Nur ist, meiner Meinung nach, in manchen Fällen denn doch achtbarer, sich so hinreißen zu lassen (denn wenn es auch unvernünftig ist, so geschieht es doch nur aus übergroßer Liebe), als sich überhaupt nicht hinreißen zu lassen. Und das besonders noch im Jünglingsalter!... Denn hoffnungslos und billig ist der Geist eines beständig überlegenden Jünglings, – das ist meine Meinung. „Aber,“ rufen da vielleicht die vernünftigen Leute aus, „es kann doch nicht ein jeder Jüngling an solche Vorurteile glauben, und Ihr Jüngling kann doch kein Vorbild für andere sein.“ Darauf kann ich nur erwidern: Ja, mein Jüngling gehörte nicht zu den Kleingläubigen, er glaubte heilig und unerschütterlich, und dennoch werde ich nicht für ihn um Entschuldigung bitten.

Sehen Sie: wenn ich auch vorhin sagte (vielleicht etwas zu voreilig), daß ich jene Stimmung meines Jünglings weder erklären, noch entschuldigen oder rechtfertigen werde, so sehe ich jetzt doch ein, daß einige Erläuterungen zum Verständnis meiner weiteren Erzählung unbedingt erforderlich sind. Hier handelte es sich nicht um Wunder. Nicht um eine Erwartung von Wundern, die in ihrer Ungeduld leichtfertig gewesen wäre, handelte es sich dabei. Auch nicht für den Triumph seiner Überzeugung verlangte Aljoscha Wunder (das war erst recht nicht der Fall) oder etwa für den Sieg einer vorgefaßten Idee über eine andere, – o nein, auch das war es nicht. Nein, über allem anderen und an erster Stelle stand für ihn die Person, nur die Person seines geliebten Staretz, die Person des Gerechten, die er mit solcher Vergötterung liebte und ehrte. Das war es gerade, daß die ganze Liebe, die sein junges und reines Herz zu „Jedem und Allem“ während des ganzen vergangenen Jahres gehegt, sich fast nur auf diesen einen Menschen bezogen hatte, auf seinen entschlafenen und über alles geliebten Staretz. Dieses Wesen hatte so lange als unbestreitbares Ideal vor ihm gestanden, daß alle seine jungen Kräfte und alle seine Bestrebungen sich ausschließlich nur diesem Ideal zuwandten und er in manchen Minuten sogar „Alles und Jedes“ vergaß. Später erinnerte er sich noch, daß er an diesem schweren Tage selbst seinen Bruder Dmitrij, um den er sich noch am Abend vorher so gesorgt, ganz vergessen hatte; und so vergaß er auch, dem Vater Iljuschas die zweihundert Rubel zu überbringen, wie er es noch am Abend vorher begeistert beschlossen hatte. Und nicht um Wunder war es ihm zu tun, sondern nur um „die höhere Gerechtigkeit“, die seinem Glauben nach verletzt worden war. Ja, das war es, was so grausam sein Herz verwundet hatte. Und was war denn dabei so wunderlich, daß diese „Gerechtigkeit“ in ihm, wie die Dinge nun einmal lagen, zur Erwartung eines Wunders wurde, das unverzüglich von dem irdischen Staube seines vergötterten Staretz ausgehen werde? Das erwarteten doch alle im Kloster, selbst die, vor deren großem Verstande Aljoscha sich beugte, wie zum Beispiel Pater Paissij. Und so war es denn auch mit Aljoscha: ohne weiter durch irgendwelche Zweifel beunruhigt zu werden, nahmen seine Erwartungen dieselbe Form an, die die Erwartungen aller anderen hatten. Und lange schon hatte sich diese Erwartung in seinem Herzen zur vollen Überzeugung entwickelt, – lebte er doch schon ein ganzes Jahr lang im Kloster, in der unmittelbaren Nähe des Staretz. Gerechtigkeit, Gerechtigkeit erwartete er und nicht Wunder! Und siehe da – der, welcher nach seiner Zuversicht von allen auf der Welt am meisten erhöht werden sollte, derselbe erntete jetzt, statt ihm gebührender Ehre, nur Schmach und Spott! Warum? Wer hatte gerichtet? Wer konnte so richten? – Das waren die Fragen, die sein unerfahrenes und naives Herz quälten. Er konnte es nicht, ohne gekränkt zu sein, und nicht ohne Erbitterung ertragen, daß der Gerechteste aller Gerechten der lächerlichen und boshaften Verspottung durch eine so leichtfertige und weit unter ihm stehende Menge preisgegeben war. Nun, und mögen sich auch keine Wunder ereignen, möge das Erwartete sich auch nicht gleich verwirklichen – aber warum diese Unehre, dieser Schimpf, warum diese sofortige Verwesung, „die der Natur sogar zuvorgekommen ist,“ wie die boshaften Mönche sagten? Warum dieser „Fingerzeig Gottes“, auf den sie zusammen mit Pater Ferapont im Triumph hinwiesen, und warum glaubten sie, daß sie das Recht hätten, so zu urteilen? Wo blieb denn die Vorsehung und ihr Fingerzeig? Warum hält sie sich „im notwendigsten Augenblick“ verborgen, geradezu als wenn sie sich selbst den blinden und tauben und unbarmherzigen Naturgesetzen unterordnen wollte, dachte Aljoscha.

Das war es, warum sein Herz blutete, und wie ich schon sagte, handelte es sich für ihn zuerst um den über alles geliebten Menschen, um die Person des Staretz, die jetzt beschimpft und entehrt worden war! Mag dieser Kummer meines Jünglings leichtfertig und unverständig gewesen sein, doch wiederhole ich zum drittenmal: Ich bin froh, daß er in solch einer Minute nicht zu verständig war, denn der Verstand kommt schon mit der Zeit bei jedem nicht gar zu dummen Menschen; doch wenn in einer so außergewöhnlichen Minute im Herzen eines Jünglings sich keine Liebe erweist, wann soll sie dann kommen? Bei der Gelegenheit will ich noch eine sonderbare Erscheinung nicht verschweigen, die an diesem für Aljoscha verhängnisvollen und verwirrenden Tage in seinem Kopfe auftauchte. Dieses neue, sich kundgebende Etwas bestand in einigen quälenden Eindrücken, die in der Erinnerung an sein gestriges Gespräch mit Iwan in ihm auftauchten. Und das noch gerade jetzt! Oh, nicht daß sie die Grundlagen seines Glaubens in seiner Seele wanken gemacht hätten! Er liebte seinen Gott und glaubte unerschütterlich an ihn, wenn er sich auch jetzt gegen seinen Urteilsspruch aufgelehnt hatte. Doch immerhin war in seiner Seele eine trübe und quälende Erinnerung an das Gespräch mit seinem Bruder zurückgeblieben, und plötzlich stieg sie wieder in seiner Seele auf und nahm ihn allmählich mehr und mehr gefangen.

Als es zu dämmern begann, bemerkte Rakitin, der durch das Wäldchen der Einsiedelei auf das Kloster zuging, Aljoscha unter einem Baum liegend: er lag mit dem Gesicht zur Erde, unbeweglich und wie schlafend. Rakitin trat zu ihm und rief ihn an.

„Du hier, Alexei? Ja, ist es denn mit dir...“ rief er verwundert aus, doch stockte er mitten im Satz.

Er wollte sagen: „Ist es denn mit dir schon so weit gekommen?“

Aljoscha sah ihn nicht an, doch an einer kurzen Bewegung erriet Rakitin sofort, daß er ihn gehört und verstanden hatte.

„Was ist denn mit dir passiert?“ fuhr er verwundert fort zu fragen.

Aber seine Verwunderung machte auf seinem Gesichte bald einem Lächeln Platz, das immer spöttischer wurde.

„So hör doch, ich suche dich bereits seit zwei Stunden. Du warst dort plötzlich verduftet. Aber was tust du denn hier? Was machst du für heilige Dummheiten? Sieh mich doch wenigstens an...“

Aljoscha erhob seinen Kopf, setzte sich auf und lehnte sich mit dem Rücken an den Baumstamm. Er weinte nicht, doch sein Gesicht drückte Leiden aus, und seinen Augen sah man die Erregung an, in der er sich befand. Er sah übrigens nicht zu Rakitin auf, sondern blickte zur Seite.

„Hör mal, dein Gesicht hat sich ja ganz verändert. Von deiner berühmten früheren Engelskeuschheit ist nichts mehr zu sehen. Hast dich wohl über irgend jemanden geärgert, nicht? Hat man dich etwa gekränkt?“

„Laß mich!“ sagte Aljoscha plötzlich, vermied es aber, ihn anzusehen und winkte nur müde mit der Hand ab.

„Oho, also so sind wir! Man fängt also schon wie die übrigen Sterblichen an, anzuschnauzen. Und das soll ein Ebenbild der Engel sein! Nun, Aljoschka, du hast mich aber in Erstaunen gesetzt, das laß dir gesagt sein! Ich spreche jetzt aufrichtig. Schon lange wundere ich mich hier über nichts mehr. Übrigens habe ich dich doch immer für einen gebildeten Menschen gehalten...“

Endlich sah ihn Aljoscha an, tat es aber so zerstreut, als ob er ihn gar nicht verstanden hätte.

„Bist du denn wirklich darum so, weil dein Alter stinkt? Glaubtest du denn im Ernst, daß er alte Wunder wieder auffrischen werde?“ fragte Rakitin, in immer größere Verwunderung geratend.

„Ich glaubte, glaube, will glauben und werde glauben und was willst du noch?“ fragte Aljoscha, gereizt auffahrend.

„Aber ganz und gar nichts, mein Täubchen. Pfui, Teufel, an diesen Rummel glaubt ja selbst ein dreizehnjähriger Schuljunge nicht mehr. Übrigens, Teufel... Du hast dich also über deinen Gott geärgert, hast dich jetzt empört? – Um eine Rangerhöhung seid ihr gekommen, habt keinen Orden zu den Feiertagen gekriegt! Ach, ihr!“

Aljoscha sah Rakitin lange mit halbzugekniffenen Augen an, und plötzlich blitzte etwas in seinen Augen auf... es war aber nicht Wut über Rakitin.

„Ich empöre mich nicht gegen meinen Gott, nur ‚will ich seine Welt nicht annehmen‘,“ sagte Aljoscha mit einem verzerrten Lächeln.

„Wie willst du denn diese Welt nicht annehmen?“ Rakitin dachte ein wenig über das Gesagte nach. „Was ist nun das wieder für ein Gallimatthias?“

Aljoscha schwieg.

„Na, genug von den Dummheiten, jetzt zur Sache: Hast du heute gegessen oder nicht?“

„Ich weiß nicht... ich glaube.“

„Du mußt dich unbedingt stärken, nach deinem Gesicht zu urteilen. Wenn man dich ansieht, packt einen ja das wahre Mitleid. Du hast ja auch in der Nacht nicht geschlafen; wie ich hörte, habt ihr da eine Sitzung gehabt. Und darauf dieses ganze Drunter und Drüber und Gequack noch dazu... Du wirst wohl höchstens ein Stückchen Hostie gekaut haben. Ich habe bei mir in der Tasche ein Stück Wurst, habe sie mir in der Stadt, auf dem Wege hierher, auf alle Fälle eingesteckt, aber du wirst wohl keine Wurst...“

„Gib sie her.“

„Ah! Also so bist du! Also schon ganz Aufruhr, Barrikaden! Nun, Bruder, es gibt Sachen, die doch nicht so ganz zu verachten sind. Gehen wir zu mir... Ich möchte mir selbst ein Schnäpschen hinter die Binde gießen, bin todmüde. Für Schnaps würdest du dich natürlich nicht entschließen... oder würdest du nicht schließlich auch ein Gläschen trinken?“

„Gib auch Schnaps.“

„Sieh mal an! Das ist ja wunderbar, Bruder!“ Rakitin betrachtete ihn neugierig. „Nun, so oder so, Schnaps und Wurst, das ist eine herrliche Sache, das muß man nicht versäumen. Komm, gehen wir!“

Aljoscha erhob sich schweigend von der Erde und folgte Rakitin.

„Wenn das dein Bruder Wanitschka sehen würde, der würde sich wundern! Übrigens, dein Brüderchen Iwan Fedorowitsch ist heute morgen nach Moskau gefahren, weißt du das?“

„Ich weiß es,“ sagte Aljoscha teilnahmslos. Und plötzlich tauchte vor seinem Geiste die Gestalt seines Bruders Dmitrij auf, aber es war nur ein Auftauchen, und obgleich er sich dabei einer sehr eiligen Sache, einer Sache, die keine Minute länger aufgeschoben werden durfte, irgendeiner Schuld, einer furchtbaren Verpflichtung erinnerte, so machte diese Erinnerung doch auf ihn durchaus keinen Eindruck, sie reichte nicht bis in sein Herz und verflog im selben Augenblick wieder aus seinem Gedächtnis. Später aber erinnerte sich Aljoscha deutlich dieses Augenblicks.

„Dein Brüderchen Wanitschka hat sich über mich einmal geäußert, ich sei ‚ein untalentierter liberaler Sack‘. Auch du hast einmal nicht an dich halten können und hast mir zu verstehen gegeben, daß ich ‚unehrlich‘ sei... Schön! Ich werde aber jetzt einmal auch eure Begabung und Ehrenhaftigkeit auf die Probe stellen.“ (Den Schluß murmelte Rakitin leise vor sich hin.)

„Pfui Teufel, hör mal!“ sagte er wieder laut „gehen wir um das Kloster herum und auf dem Fußpfad gerade zur Stadt... Hm! Ich muß übrigens zur Chochlakowa gehen. Stelle dir vor: Ich schrieb ihr alles, was sich bei uns ereignet hatte, und sie antwortet mir mit einem Briefchen – diese Dame liebt über alles, Briefchen zu schreiben –, daß sie von einem so ehrenwerten Greise, wie der Staretz Sossima, nie eine solche Handlung erwartet hätte! Sie hat tatsächlich ‚eine solche Handlung‘ geschrieben. Sie ist also gleichfalls empört über ihn. Ach, ihr alle! Halt!“ rief er wieder und blieb plötzlich stehen, packte Aljoscha an der Schulter und hielt ihn auf: „Weißt du, Aljoscha,“ er sah ihm fragend in die Augen, ganz unter dem Eindruck eines plötzlich in ihm auftauchenden Gedankens, und obgleich er äußerlich lächelte, so fürchtete er sich doch, seinen unerwarteten und neuen Gedanken laut auszusprechen, – so wenig wagte er, an die für ihn wunderbare und unerwartete Stimmung Aljoschas zu glauben, in der er ihn jetzt sah. „Aljoschka,“ sagte er endlich schüchtern und vorsichtig. „Aljoschka, weißt du, wohin wir jetzt am besten gehen?“

„Mir ist es gleich... wohin du willst.“

„Gehen wir zu Gruschenka, was? Kommst du?“ fragte Rakitin, fast zitternd in erregter Erwartung.

„Gehen wir zu Gruschenka,“ antwortete sofort und ruhig Aljoscha.

Dieses ruhige und schnelle Einverständnis kam so unerwartet für Rakitin, daß er fast zurückschrak.

„Nun ja, warum auch nicht!“ meinte er verdutzt, griff aber plötzlich Aljoscha unter den Arm und zog ihn schnell mit sich fort, in großer Angst, daß dieser seinen Entschluß ändern könnte. Sie gingen schweigend zur Stadt. Rakitin fürchtete sich sogar, zu sprechen.

„Froh wird sie sein, riesig froh...“ murmelte er, doch verstummte er wieder.

Doch nicht nur, um Gruschenka eine Freude zu bereiten, führte er Aljoscha zu ihr. Er war ein „gediegener“ Mensch, – ohne ein für ihn vorteilhaftes Ziel unternahm er nichts. Hierbei verfolgte er nun einen doppelten Zweck: erstens, sich zu rächen, – das heißt „die Schande des Gerechten“ und „den Fall“ Aljoschas „vom Heiligen zum Sünder“ zu erleben, worüber er sich schon im voraus freute. Und zweitens verfolgte er ein für sich sehr vorteilhaftes, materielles Ziel, wovon später noch die Rede sein wird.

„Also, solch ein Augenblick ist das,“ dachte er bei sich boshaft frohlockend, „wollen wir ihn am Schopf fassen, diesen Augenblick, denn er wird uns sehr gelegen kommen.“

III — Das Zwiebelchen

Gruschenka wohnte in der belebtesten Gegend der Stadt, in der Nähe der Kathedrale. Sie hatte bei einer Frau Morosoff, einer Kaufmannswitwe, auf dem Hof ein kleineres hölzernes Nebenhaus gemietet. Das Haus, in dem Frau Morosoff selbst wohnte, war ein großes zweistöckiges Steingebäude und sah von außen eigentlich recht unschön aus. In ihm lebten, außer der alten Besitzerin, noch deren zwei Nichten, die gleichfalls schon alte, ledige Damen waren. Frau Morosoff hatte es nicht nötig, ihr Haus auf dem Hofe zu vermieten, aber alle wußten, daß sie Gruschenka nur darum als Mieterin aufgenommen hatte, um ihrem Verwandten, dem Kaufmann Ssamssonoff – dem offiziellen Protektor Gruschenkas – einen Gefallen zu erweisen. Man sagte damals, daß der eifersüchtige Alte seine „Favoritin“ nur aus dem einen Grunde bei der Morosowa untergebracht hätte, weil er vor allem auf die scharfen Augen der Alten, die auf die Aufführung der neuen Mieterin achtgeben sollten, gerechnet habe. Alsbald aber sah er ein, daß die scharfen Augen ganz überflüssig waren, und auch die Morosowa gab schließlich auf, Gruschenka mit einer Aufsicht zu belästigen. Ja, es waren schon vier Jahre seit der Zeit vergangen, als der Alte das schüchterne, bescheidene, bleiche und magere achtzehnjährige Mädchen, das immer nachdenklich und traurig war, aus der Gouvernementshauptstadt in dieses Haus gebracht hatte. Die Lebensgeschichte des jungen Mädchens kannte man übrigens in unserer Stadt nur wenig und ganz ungenau; in der letzten Zeit, und selbst dann, als sich viele für diese „Schönheit“, zu der sich Agrafena Alexandrowna in den vier Jahren entwickelt hatte, zu interessieren begannen, konnte man noch immer nichts Genaues über sie erfahren. Es verbreitete sich nur das Gerücht, daß das siebzehnjährige Mädchen, wie es hieß, von irgendeinem Offizier verführt und sofort verlassen worden sei. Der Offizier wäre fortgefahren und hätte darauf irgendwo eine andere geheiratet. Kurz, Gruschenka war in Armut und Schande zurückgeblieben. Auch sprach man darüber, daß Gruschenka vom Alten zwar aus armen Verhältnissen gezogen wäre, trotzdem aber aus einer achtbaren Familie stamme. Ihr Vater sei ein Diakon oder etwas in der Art gewesen. In diesen vier Jahren war aus der empfindsamen, beleidigten und mageren kleinen Waise eine stolze, prächtige russische Schönheit geworden, eine Frau mit kühnem und entschlossenem, vielleicht frechem, doch jedenfalls stolzem Charakter, ein Weib, das in Geldsachen sehr bewandert, dabei geizig und vorsichtig war, und das verstanden hatte, rechtmäßig oder unrechtmäßig – wie viele von ihr behaupteten –, ein kleines Kapital für sich zusammenzuscharren. In einem aber stimmten alle überein: daß es sehr schwierig war, sich Gruschenka zu nähern, und daß sich außer ihrem Protektor, dem Alten, in diesen vier Jahren niemand rühmen konnte, ihre Geneigtheit errungen zu haben. Das war Tatsache, denn diese Geneigtheit zu erwerben, danach strebten nicht wenig Liebhaber, besonders in den zwei letzten Jahren. Doch alle Versuche schlugen fehl, und einige von den Unternehmungslustigen waren gezwungen, sich lächerlich und schimpflich zurückzuziehen, infolge des unbesieglichen und hohnvollen Widerstandes der charakterfesten jungen Person. Man wußte auch, daß diese junge Person, besonders im letzten Jahr, sich auf das eingelassen hatte, was man allgemein „Geschäfte“ nennt, und darin außerordentliche Fähigkeiten bewies, so daß zu guter Letzt viele sie eine wahre Jüdin nannten. Nicht nur, daß sie etwa Geld auf Prozente verliehen hätte, man erzählte sich sogar, daß sie zum Beispiel in Gemeinschaft mit Fedor Pawlowitsch Karamasoff seit einiger Zeit Wechsel zu Spottpreisen aufkaufte, zu zehn für hundert, und dann beim Verkauf einen Rubel auf zehn Kopeken verdiente. Der kranke Ssamssonoff, der im letzten Jahr des Gebrauches seiner geschwollenen Beine gänzlich beraubt war – Witwer und Tyrann seiner erwachsenen Söhne –, und der sicher einige hunderttausend Rubel besaß, ein unerbittlicher und geiziger Mensch, verfiel vollständig dem Einfluß seiner Schutzbefohlenen, die er anfangs „auf Fastenöl“, das heißt ganz knapp, hatte halten wollen, wie die Spötter meinten. Doch Gruschenka hatte verstanden, sich seiner Bevormundung zu entziehen, indem sie dem Alten unbedingtes Vertrauen auf ihre Treue einflößte. Dieser Alte (jetzt ist er schon lange tot) war ein großer Geschäftsmann und gleichfalls ein bemerkenswerter Charakter. Er war geizig und hartherzig wie ein Kieselstein, und obgleich Gruschenka auf ihn einen großen Einfluß ausübte, so daß er ohne sie kaum noch leben konnte (was besonders in den zwei letzten Jahren der Fall war), so ließ er ihr doch nicht ein größeres Kapital zuschreiben, und selbst wenn sie ihm gedroht hätte, ihn zu verlassen, so wäre er unerbittlich geblieben. Dafür hatte er ihr aber ein kleines Kapital angewiesen, über dessen geringe Höhe man später sehr erstaunt war. „Du bist ein Weib, das nicht auf den Kopf gefallen ist,“ soll er zu ihr gesagt haben, nachdem er ihr an achttausend Rubel geschenkt hatte, „verdiene selbst damit, doch wisse, daß du außer deinem jährlichen Unterhalt bis zu meinem Tode nichts mehr bekommst, auch in meinem Testament werde ich dir nichts vermachen.“ So hielt er denn sein Wort. Als er starb, hinterließ er alles seinen Söhnen, die er sein ganzes Leben lang mit Weib und Kind auf einer Stufe mit den Dienstboten bei sich gehalten hatte; Gruschenka war nicht einmal im Testament erwähnt. Alles das wurde erst in der Folge bekannt. Mit Ratschlägen dagegen, wie Gruschenka mit ihrem Kapital zu verfahren habe, kargte er nicht, und er half ihr sogar bei den „Geschäften“. Als Fedor Pawlowitsch Karamasoff, der anfangs nur aus Gründen eines gelegentlichen „Geschäfts“ mit Gruschenka zusammengetroffen war, sich sterblich in sie verliebte und ihretwegen fast kindisch wurde, da lachte der alte Ssamssonoff, der sich schon in den letzten Lebensstadien befand, herzlich darüber. Bemerkenswert ist noch, daß Gruschenka zu ihrem Alten während der ganzen Dauer ihres Verhältnisses vollkommen und von ganzem Herzen aufrichtig war, und zwar war sie das auf der ganzen Welt nur ihm gegenüber. Als aber in der letzten Zeit auch Dimitrij Fedorowitsch mit seiner Liebe auftauchte, da lachte der Alte nicht mehr. Im Gegenteil, er riet Gruschenka ernst und streng: „Wenn du einen von beiden wählst, so wähle den Alten, aber nur mit der Bedingung, daß der alte Schuft dich unfehlbar heiratet und dir im voraus einiges Kapital verschreibt. Doch mit dem Leutnant lasse dich nicht ein, daraus wird nichts.“ Das war der Rat, den der alte Wollüstling Gruschenka gegeben hatte. Er fühlte schon damals seinen nahen Tod voraus, und ein paar Monate nach diesem Gespräch starb er denn auch. Ich will hier noch bemerken, daß bei uns in der Stadt damals viele von der ungeheuerlichen Nebenbuhlerschaft der Karamasoffs, Vater und Sohn, wußten, deren Gegenstand Gruschenka war, aber ihre wirkliche Beziehung zu beiden, zum Vater wie zum Sohne, verstand wohl kaum jemand. Sogar die beiden Dienstmädchen Gruschenkas sagten später (nach der Katastrophe, von der weiterhin die Rede sein wird) vor Gericht aus, daß Agrafena Alexandrowna Dimitrij Fedorowitsch nur aus Furcht empfangen habe, weil er ihr gedroht hätte, sie zu töten. Sie hielt zwei Dienstmädchen: eine alte, kranke und harthörige Köchin, die bereits bei ihren Eltern gedient hatte, und deren Enkelin, ein munteres Mädchen von zwanzig Jahren, das ihr Stubenmädchen war. Gruschenka lebte sehr sparsam, und auch ihre Wohnung war durchaus nicht reich ausgestattet. Sie bewohnte nur drei Zimmer, die von der Hausbesitzerin mit alten Möbeln, Fasson der zwanziger Jahre, eingerichtet waren.

Als Rakitin und Aljoscha bei ihr eintraten, war es draußen schon fast dunkel, doch war trotzdem in den Zimmern noch nicht Licht gemacht. Gruschenka lag in ihrem Empfangszimmer auf einem großen, plumpen Diwan, der mit bereits abgenutztem und hier und da durchlöchertem Leder überzogen war. Unter ihrem Kopf hatte sie zwei weiße Daunenkissen, die sie von ihrem Bett genommen haben mochte. Sie lag auf dem Rücken und hatte beide Hände unter den Kopf geschoben. Gekleidet war sie, als wenn sie Besuch erwartet hätte: sie trug ein schwarzes Seidenkleid, im Haar hatte sie einen duftigen Spitzentuff, der ihr vorzüglich stand, und um die Schultern hatte sie sich einen kostbaren Spitzenschal geschlungen, der vorne mit einer schweren Goldbrosche zugesteckt war. Mit bleichem Gesicht und heißen Lippen lag sie da und schien ungeduldig jemanden zu erwarten; ihre rechte Fußspitze klopfte nervös an die Seitenlehne des Diwans. Rakitins und Aljoschas Eintritt rief im Hause eine kleine Aufregung hervor: Sie hörten schon im Vorzimmer, wie Gruschenka schnell vom Diwan aufsprang und erschrocken laut fragte: „Wer ist da?“ Das Stubenmädchen empfing die Gäste und rief sofort ihrer Herrin zu:

„Nichts, nichts! Das ist nicht er, das sind andere!“

„Was ist mit ihr?“ murmelte Rakitin und führte Aljoscha an der Hand ins Gastzimmer.

Gruschenka stand immer noch ganz erschrocken am Diwan. Eine schwere Flechte ihres dunkelblonden Haares löste sich und fiel auf ihre rechte Schulter herab, aber sie beachtete es nicht und steckte sie auch nicht eher auf, bevor sie sich vergewissert hatte, wer die Gäste waren.

„Ach, das bist du, Rakitka? Wie du mich erschreckt hast. Aber mit wem kommst du denn da? Wer ist das? Herrgott, sieh, wen du da mitgebracht hast!“ rief sie aus, als sie Aljoscha bemerkte.

„Befiehl mal, daß man Licht macht!“ sagte Rakitin in dem nachlässigen Tone eines intimen Bekannten, der sich das Recht herausnehmen kann, im Hause Anordnungen zu treffen.

„Licht... natürlich, Licht... Fenjä, bring ihm ein Licht... Nun, du hast also Zeit gefunden, ihn herzubringen!“ rief sie wieder aus und nickte Aljoscha zu. Darauf wandte sie sich zum Spiegel und brachte schnell mit beiden Händen ihre Haarflechte in Ordnung.

Sie schien aber unzufrieden zu sein.

„Paßt es dir etwa nicht?“ fragte Rakitin sofort beleidigt.

„Du hast mich erschreckt, Rakitka, das ist’s!“ Gruschenka wandte sich sofort mit einem Lächeln zu Aljoscha. „Fürchte dich nicht, Aljoscha, mein Täubchen, ich freue mich furchtbar über dich, mein unerwarteter Gast. Aber du, Rakitka, du hast mich erschreckt: Ich dachte nämlich, Mitjä bräche wieder ein. Ich habe ihn nämlich vorhin betrogen, ich habe ihm das Ehrenwort abgenommen, daß er mir glauben werde, und habe ihn dann doch belogen. Ich sagte ihm, daß ich zu Kusjma Kusjmitsch, zu meinem Alten, gehe, um den ganzen Abend bis in die Nacht hinein mit ihm Geld zu zählen. Ich gehe jede Woche einmal auf einen ganzen Abend zu ihm, um mit ihm seine Rechnungen zu ordnen. Wir schließen uns dann ein: er klappert auf dem Rechenbrett, und ich sitze und trage in die Bücher ein; er hat nur zu mir allein Zutrauen. Mitjä glaubte mir, daß ich dort bleiben werde, ich aber habe mich hier zu Hause eingeschlossen, sitze nun und warte auf eine gewisse Nachricht. Wie hat euch die Fenjä nur hereingelassen! Fenjä, Fenjä! Lauf schnell zur Hofpforte und sieh nach, ob nicht Dmitrij Fedorowitsch in der Nähe ist. Vielleicht hat er sich irgendwo versteckt und lauert mir auf. Wie den Tod fürchte ich ihn!“

„Niemand ist dort, Agrafena Alexandrowna, ich habe mir schon die Augen aus dem Kopf gesehen, ich laufe doch alle Augenblick hinaus, um ein wenig zu lauern. Ich habe selbst solche Angst!“

„Sind die Fensterläden geschlossen, Fenjä? Man muß auch die Vorhänge herunterlassen, so!“ Sie ließ selbst die schweren Vorhänge herab. „Sonst kommt er noch auf das Licht hin sofort herbeigelaufen. Ja, Aljoscha, heute fürchte ich deinen Bruder sogar sehr.“

Gruschenka sprach lauter als sonst, und wenn sie auch unruhig zu sein schien, so war sie doch wie in einem Freudenrausche.

„Warum fürchtest du denn gerade heute Mitjenka?“ erkundigte sich Rakitin. „Du bist doch, scheint es, sonst nicht ängstlich von Natur. Er tanzt ja sowieso nach deiner Pfeife.“

„Ich sage dir doch, ich erwarte eine Nachricht, eine goldene, kleine Nachricht, so daß Mitjenka jetzt hier ganz überflüssig ist. Außerdem hat er es mir ja gar nicht geglaubt, daß ich bei Kusjma Kusjmitsch bleiben werde. Das fühle ich. Wahrscheinlich sitzt er jetzt bei Fedor Pawlowitsch an der Hinterstraße im Nachbargarten, um mir aufzulauern. Nun, wenn er sich dort festgesetzt hat, um so besser, dann wird er nicht hierher kommen. Mitjä hat mich ja selbst hinbegleitet zu Kusjma Kusjmitsch; ich sagte ihm, daß ich bis Mitternacht bei ihm bleiben werde, und daß er durchaus um Mitternacht kommen solle, um mich abzuholen. Er ging fort, ich saß ungefähr zehn Minuten beim Alten, dann kehrte ich schnell wieder zurück. Ach, wie ich lief, und wie ich mich fürchtete, ihm zu begegnen!“

„Und jetzt hast du dich aufgeputzt! Sieh mal an, was hast du denn da für ein feines Ding im Haar?“

„Wie du neugierig bist, Rakitka! Ich sage dir ja, ich erwarte so eine gewisse kleine Nachricht. Kommt diese kleine Nachricht, so springe ich auf und fliege davon, daß ihr mich hier kaum gesehen haben werdet. Siehst du, darum habe ich mich aufgeputzt, um dann gleich bereit zu sein.“

„Und wohin willst du dann fliegen?“

„Wenn du viel weißt, wirst du schnell alt.“

„Na, sieh mal an! Du bist ja ganz aus dem Häuschen vor Freude... Habe dich noch niemals so gesehen. Hast dich ja angekleidet wie zum Ball,“ sagte Rakitin, sie kritisch betrachtend.

„Als ob du was von Bällen verständest.“

„Und du etwa?“

„Ich habe mir doch einmal einen Ball angesehen, vor drei Jahren, als Kusjma Kusjmitsch seinen Sohn verheiratete. Ich saß auf der Empore und sah zu. Ach, Rakitka, aber soll ich mich etwa mit Dir unterhalten, wenn solch ein Prinz hier steht! Sieh, das ist ein Gast! Aljoscha, mein Täubchen, wenn ich dich ansehe, so kann ich’s nicht glauben... Herrgott, wie bist denn du hergekommen! Offen gestanden, ich hätte es nicht erwartet, nicht geahnt, und früher niemals daran geglaubt, daß du kommen könntest. Wenn es nicht in solch einer Minute wäre, so wäre ich außer mir vor Freude! Setze dich hier auf den Diwan, hierher, so, du mein zarter, goldener Neumond! Ich kann es noch gar nicht fassen... Ach du, Rakitka, wenn du ihn doch gestern oder vorgestern gebracht hättest!... Aber ich freue mich auch heute. Vielleicht ist es auch besser jetzt, in solch einer Minute...“

Sie setzte sich mutwillig neben Aljoscha auf den Diwan und sah ihn in freudigem Entzücken an. Und sie freute sich tatsächlich, sie log nicht, wenn sie es sagte. Ihre Augen blitzten und ihre Lippen lachten, aber gutherzig und fröhlich lachten sie. Aljoscha hätte ihr solch eine fröhliche Gutmütigkeit gar nicht zugetraut... Bis zum gestrigen Tage hatte er sie nur wenig gesehen und sich von ihr die abschreckendste Vorstellung gemacht. Auch gestern war er ganz unter dem Eindruck ihres boshaften und heimtückischen Betragens bei Katerina Iwanowna gewesen, und daher war er jetzt ganz erstaunt, in ihr plötzlich ein vollkommen anderes und für ihn unerwartetes Wesen zu finden. Und wie sehr er auch von seinem eigenen Kummer niedergedrückt war, so blieben seine Augen doch aufmerksam auf sie gerichtet. Auch ihre Manieren hatten sich seit gestern, wie es schien, sehr gebessert: Sie hatte nicht mehr die Süßlichkeit in der Aussprache, diese gezierten und gemachten Bewegungen... Alles war einfach und herzlich an ihr, ihre Bewegungen rasch, ungezwungen, vertrauenerweckend, nur war sie ersichtlich sehr aufgeregt.

„Herrgott, was heute für Sachen passieren, nein wirklich!“ plapperte sie wieder weiter. „Und warum nur freue ich mich so über dich, Aljoscha, ich weiß es selbst nicht. Wenn du mich fragtest, so würde ich es nicht zu sagen wissen.“

„Was, du solltest es nicht wissen, warum du dich freust!“ Rakitin lächelte. „Warum hast du mich denn unaufhörlich gebeten, ihn herzubringen? Mußt doch einen Grund gehabt haben, denke ich.“

„Früher hatte ich einen Grund, jetzt aber ist das vorüber, jetzt ist ein Anderes – –... Ich werde euch sofort etwas vorsetzen. Ich bin wieder zu mir gekommen, Rakitka. Setz dich, Rakitka, warum stehst du? Oder sitzest du schon? Ach, Rakituschka versteht schon für sich zu sorgen! Siehst du, Aljoscha, jetzt sitzt er uns dort gegenüber und ist beleidigt, weil ich dich zuerst gebeten habe, Platz zu nehmen. Ach, empfindlich ist mir der Rakitka, unglaublich empfindlich!“ Gruschenka lachte. „Sei nicht böse, Rakitka, heute bin ich gut. Warum sitzest du so traurig da, Aljoschka, fürchtest du mich etwa?“ Mit fröhlichem Lachen sah sie ihm in die Augen.

„Er hat großen Kummer. Es hat keine Rangerhöhung gegeben,“ brummte Rakitin.

„Was für eine Rangerhöhung?“

„Sein Staretz stinkt.“

„Wie, wer stinkt? Was du für einen Unsinn schwatzest! Du willst wohl wieder irgendeine Gemeinheit damit sagen. Schweig, Dummkopf. Aljoscha, laß mich auf deinen Knien sitzen, sieh so!“ Im Augenblick sprang sie auf und setzte sich ihm lachend auf die Knie, und wie ein Kätzchen umfaßte sie mit dem rechten Arm zärtlich seinen Hals. „Ich werde dich wieder froh machen, du mein gottesfürchtiger Knabe! Erlaubst du mir wirklich, auf deinen Knien zu sitzen, bist du nicht böse? Sag nur, und ich werde sofort abspringen.“

Aljoscha schwieg. Er saß und wagte nicht sich zu rühren; er hörte wohl ihre Worte: „Sag nur, und ich werde abspringen,“ aber er antwortete ihr nicht, er war förmlich erstarrt. Doch ging in ihm nicht etwa das vor sich, was man wohl hätte erwarten können, oder was Rakitin, der ihn von seinem Platze aus gierig beobachtete, annahm. Der große Kummer in seiner Seele verschlang alle übrigen Gefühle, die jetzt in seinem Herzen hätten auftauchen können, und wenn er in diesem Augenblick fähig gewesen wäre, sich über seine Gefühle Rechenschaft abzulegen, so hätte er sich gestehen müssen, daß er gegenwärtig gegen jegliche Verführung oder Verlockung gepanzert war. Nichtsdestoweniger wunderte er sich doch unwillkürlich über eine neue und sonderbare Empfindung, die mit einem Male in seinem Herzen auftauchte: Dieses Weib, dieses „schreckliche“ Weib, flößte ihm nicht im geringsten jene Furcht ein, die ihn früher beim Gedanken an eine Frau überfallen hatte – wenn jemals einer in seiner Seele aufgetaucht war –, im Gegenteil, diese Frau, die er am meisten von allen gefürchtet hatte, und die jetzt auf seinen Knien saß und ihn umarmt hielt, erweckte in ihm ein ganz anderes, unerwartetes und besonderes Gefühl, das Gefühl einer ungewöhnlichen, noch nie so empfundenen herzensreinen Anteilnahme, und alles das ohne jegliche Furcht, ohne den geringsten früheren Schrecken. Das war es, was ihn hauptsächlich in Erstaunen setzte.

„Genug jetzt mit dem Unsinnschwatzen,“ rief Rakitin dazwischen, „laß mal lieber Champagner reichen, das ist jetzt deine Pflicht und Schuldigkeit, wie du selbst am besten weißt!“

„Du hast recht, ich bin dir jetzt welchen schuldig. Ich habe ihm doch Champagner für den Fall versprochen, daß er dich zu mir brächte. Na, mal los, holen wir den Champagner, ich werde mittrinken! Fenjä, Fenjä, bring den Champagner, die Flasche, die Mitjä hier gelassen hat, schnell! Wenn ich auch geizig bin, die Flasche gebe ich doch, aber nicht deinetwegen, Rakitka, du bist bloß ein Giftpilz, er aber ist ein Prinz! Und wenn auch meine Seele jetzt nicht dazu aufgelegt ist, einerlei, ich trinke mit euch, auch ich möchte einmal ausgelassen sein!“

„Was ist denn das für ein Augenblick, und was für eine ‚Nachricht‘ erwartest du denn, wenn man fragen darf, oder ist das ein Geheimnis?“ Rakitin brachte das Gespräch wieder darauf zurück und gab sich dabei aus allen Kräften den Anschein, als bemerke er die Nasenstüber nicht, die ihm Gruschenka verabfolgte.

„Ach, warum soll das ein Geheimnis sein, du weißt es doch schon,“ sagte Gruschenka unwillig und drehte ihren Kopf zu Rakitin zurück, wobei sie sich ein wenig von Aljoscha abwandte, doch blieb sie auf seinen Knien sitzen und hielt seinen Hals immer noch umschlungen: „Mein Offizier ist da, mein Offizier kommt!“

„Ich weiß, daß er kommt, aber ist er denn schon hier?“

„In Mokroje ist er; von dort aus wird er mir einen reitenden Boten schicken. Er hat mir geschrieben, vorhin erhielt ich den Brief. Ich sitze jetzt hier und erwarte den Boten.“

„Also das ist’s! Warum aber in Mokroje?“

„Das zu erzählen wäre zu weitläufig, und außerdem genügt das für dich.“

„Und... und, der Mitjenka, der... o weh! Weiß er das, oder weiß er es nicht?“

„Ob er’s weiß? Nichts weiß er! Wenn er es wüßte, so würde er mich totschlagen. Aber jetzt fürchte ich nichts mehr, nichts, auch sein Messer nicht. Schweig, Rakitka, erinnere mich nicht mehr an Dmitrij Fedorowitsch: Er hat mir das Herz müd gequält. Und ich möchte an all das nicht mehr denken. Hier, an Aljoschetschka will ich denken, Aljoschetschka will ich ansehen... Ja, lache nur über mich, mein Täubchen, freue dich über meine Dummheit, über meine Freude lache nur! Er lächelt, er lächelt! Wie freundlich er mich ansieht! Weißt du, Aljoscha, ich dachte immer, daß du wegen vorgestern... wegen des Fräuleins... mir böse bist. Ich war ein Scheusal, ich weiß... Aber es ist doch gut so, wie es gekommen ist. Und schlecht war es, und gut war es,“ sagte Gruschenka nachdenklich lächelnd, und ein harter Zug erschien plötzlich trotz des Lächelns auf ihrem Gesicht. „Mitjä sagte mir, daß sie geschrien habe: ‚Peitschen sollte man sie!‘ Ich hatte sie gar zu sehr beleidigt. Sie rief mich zu sich, wollte mich besiegen, mit ihrer Schokolade verführen... Nein, es ist doch gut so, wie es gekommen ist,“ sagte sie nochmals und lächelte wieder. „Aber ich fürchte immer noch, daß du böse...“

„Ja, das ist wahr,“ wandte sich Rakitin in ernster Verwunderung an Aljoscha. „Sie fürchtet dich, Aljoscha, dich Küchel!“

„Für dich ist er ein Küchel, Rakitka, weil du kein Gewissen hast! Ich aber liebe ihn mit meiner ganzen Seele! Glaubst du mir, Aljoscha, daß ich dich mit meiner ganzen Seele liebe?“

„Ach, du schamloses Geschöpf! Sie macht dir eine Liebeserklärung, Aljoscha.“

„Und wenn es so wäre, was ist denn dabei, daß ich ihn liebe?“

„Und dein Offizier? Und die goldene Nachricht aus Mokroje?“

„Das ist etwas für sich, und das hier ist auch etwas für sich.“

„Sieh mal, das ist wieder einmal echte Weiberlogik!“

„Ärgere mich nicht, Rakitka,“ fiel Gruschenka ihm heftig ins Wort, „das ist etwas ganz anderes. Aljoscha liebe ich auf eine andere Art. Es ist wahr, Aljoscha, früher dachte ich auch mit einem häßlichen Gedanken an dich. Ich bin ja ein niedriges Geschöpf, ein wildes Geschöpf bin ich, aber zuweilen habe ich doch auf dich wie auf mein Gewissen gesehen. Immer habe ich gedacht: Wie muß so einer, wie du, mich schlechtes Geschöpf verachten! Noch vorgestern dachte ich es, als ich von dem Fräulein nach Hause kam. Ich habe schon so lange an dich gedacht, Aljoscha, und Mitjä weiß es, ich habe ihm alles gesagt. Mitjä versteht das sehr gut. Glaub mir, Aljoscha, ein anderes Mal, wenn ich dich ansehe, so schäme ich mich, so vergehe ich vor Scham... Und seit wann ich an dich zu denken angefangen habe, weiß ich nicht einmal, ich erinnere mich dessen nicht mehr...“

Fenjä trat ein und stellte einen Untersetzer mit drei gefüllten Champagnergläsern und einer aufgekorkten Champagnerflasche auf den Tisch.

„Der Champagner ist da!“ meldete Rakitin. „Hör mal, du bist ja heute so erregt, daß du, wenn du ein Glas getrunken hast, womöglich noch zu tanzen anfangen wirst.“

„Pfui, Schweinerei,“ rief er aus, als er den Champagner näher betrachtete; „Die Alte hat die Flasche in der Küche aufgekorkt und den Pfropfen nicht wieder aufgesetzt... außerdem ist er warm. Nun, meinetwegen, ich trinke ihn auch so.“

Er schenkte sich ein, stürzte ein Glas hinunter und goß sich ein zweites ein.

„Champagner bekommt man nicht alle Tage,“ sagte er und leckte sich die Lippen –, „nun, Aljoscha, nimm ein Glas und zeige, was du kannst. Worauf sollen wir trinken? Auf das Paradies? Nimm ein Glas, Gruscha, trink auch du aufs Paradies!“

„Warum willst du denn aufs Paradies trinken?“

Sie nahm ein Glas, auch Aljoscha nahm das seinige, trank aber keinen Schluck und stellte es wieder zurück.

„Nein, es ist besser, ich trinke nicht,“ sagte er leise lächelnd.

„So hast du nur geprahlt!“ rief sofort Rakitin höhnisch lachend.

„Wenn er nicht trinkt, so will auch ich nicht trinken,“ sagte Gruschenka, „und ich will auch gar nicht... Trink du allein, Rakitka, die ganze Flasche schenke ich dir. Wenn Aljoscha trinkt, dann werde auch ich trinken, sonst aber nicht.“

„Sind das aber Kälberzärtlichkeiten!“ schimpfte Rakitin voll Hohn. „Dabei sitzest du noch auf seinen Knien! Er hat wenigstens einen Kummer, was aber hast du? Er revoltiert gegen seinen Gott, er wollte sogar schon Wurst essen...“

„Wieso?“

„Sein Staretz ist doch heute gestorben, Staretz Sossima, der Heilige!“

„Der Staretz Sossima ist gestorben?“ fragte Gruschenka betroffen, „Herrgott, und ich wußte es nicht!“ Sie bekreuzte sich andächtig. „Gott, und was tue ich... ich... ich sitze auf seinen Knien!“ fuhr sie plötzlich erschrocken auf. Sofort sprang sie von seinen Knien herab und setzte sich auf den Diwan.

Aljoscha sah sie lange und erstaunt an: In seinem Gesicht schien etwas aufzuleuchten.

„Rakitin,“ sagte er plötzlich mit lauter und fester Stimme, „spotte nicht, daß ich mich gegen meinen Gott empöre. Ich möchte gegen dich keinen Groll hegen, darum sei auch du besser. Ich habe einen Schatz verloren, wie du nie einen besessen hast, und du kannst darum auch nicht über mich urteilen. Sieh lieber einmal her auf sie: Hast du bemerkt, wie sie mich geschont hat? Ich kam hierher und dachte, eine böse Seele zu finden –, und es zog mich hierher, weil ich selbst schlecht und böse war. Statt dessen habe ich eine aufrichtige Schwester... eine liebende Seele gefunden... Sie hat mich gleich geschont... Agrafena Alexandrowna, ich spreche von dir. Du hast meine Seele wieder aufgerichtet.“

Aljoschas Lippen bebten, und sein Atem stockte. Er hielt inne.

„Das wäre ja beinahe, als ob sie dich gerettet hätte!“ Rakitin lachte boshaft auf. „Dabei wollte sie dich doch verschlingen, weißt du denn das nicht?“

„Schweig, Rakitka!“ Gruschenka sprang plötzlich auf, „schweigt alle beide! Jetzt werde ich alles sagen: Du, Aljoscha, schweige, denn bei deinen Worten packt mich die Scham, weil ich schlecht und nicht gut bin –, siehst du, so ist’s! Und du, Rakitka, schweig, denn du lügst ja doch nur. Ich hatte einmal, das ist wahr, den schlechten Gedanken, ihn zu verschlingen, wie du sagst, aber jetzt lügst du, jetzt ist das nicht mehr der Fall... Und daß ich jetzt von dir kein Wort mehr höre, Rakitka!“

Gruschenka sagte es in außergewöhnlicher Erregung.

„Ihr seid beide nicht recht gescheit!“ schimpfte Rakitin, der bald sie, bald Aljoscha verwundert ansah. „Ihr habt ja vollständig den Verstand verloren! Ich bin, wie’s scheint, hier in ein Irrenhaus geraten. Es wird nicht mehr lange dauern, und ihr werdet zu weinen anfangen!“

„Ja, ich werde weinen, werde weinen!“ sagte Gruschenka. „Er hat mich seine Schwester genannt, und das werde ich ihm nie vergessen! Aber sieh, Rakitka, wenn ich auch schlecht bin, so habe ich doch vielleicht ein Zwiebelchen gegeben!“

„Was für ein Zwiebelchen? – Pfui Teufel, sie sind ja faktisch übergeschnappt!“

Rakitin wunderte sich über ihre verzückte Begeisterung und fühlte sich gekränkt, obgleich er sich hätte sagen müssen, daß sich bei beiden alles, was ihre Seelen erschütterte, in dieser Minute zusammenfand, wie das nicht oft im Leben geschieht. Doch Rakitin, der sonst sehr feinfühlig in allem war, was ihn selbst betraf, war sehr roh im Verständnis der Empfindungen und Gefühle seiner Nächsten, teilweise wohl aus jugendlicher Unerfahrenheit, teilweise aber auch aus großem Egoismus.

„Siehst du, Aljoschetschka,“ sagte Gruschenka nervös auflachend, und sie wandte sich wieder zu ihm, „ich prahle vor Rakitka, daß ich ein Zwiebelchen gegeben hätte, vor dir aber werde ich nicht damit prahlen, dir werde ich es aus einem anderen Grunde erzählen. Es ist nur eine Legende, aber eine schöne, ich habe sie bereits als Kind gehört, von meiner Matrjona, die noch jetzt bei mir als Köchin dient. Also: Es lebte einmal ein altes Weib, das war sehr, sehr böse und starb. Diese Alte hatte in ihrem Leben keine einzige gute Tat vollbracht. Da kamen denn die Teufel, ergriffen sie und warfen sie in den Feuersee. Ihr Schutzengel aber stand da und dachte: Kann ich mich denn keiner einzigen guten Tat von ihr erinnern, um sie Gott mitzuteilen? Da fiel ihm etwas ein, und er sagte zu Gott: ‚Sie hat einmal,‘ sagte er, ‚aus ihrem Gemüsegärtchen ein Zwiebelchen herausgerissen, und es einer Bettlerin gegeben.‘ Und Gott antwortete ihm: ‚Nimm,‘ sagte er, ‚dieses selbe Zwiebelchen, und halte es ihr hin in den See, so daß sie die Wurzeln zu ergreifen vermag, und wenn du sie aus dem See herausziehen kannst, so möge sie ins Paradies eingehen, wenn aber das Pflänzchen abreißt, so soll sie bleiben, wo sie ist.‘ Der Engel lief zum Weibe und hielt ihr das Zwiebelchen hin: ‚Nun,‘ sagte er zu ihr, ‚faß an, wir wollen sehen, ob ich dich herausziehen kann.‘ Und er begann vorsichtig zu ziehen – und zog sie beinahe schon ganz heraus; da bemerkten es aber die anderen Sünder im See, und wie sie das sahen, klammerten sie sich alle an sie, damit man auch sie mit ihr zusammen herauszöge. Aber das Weib war böse, sehr böse und stieß sie mit ihren Füßen zurück und schrie: ‚Nur mich allein soll man herausziehen und nicht euch, es ist mein Zwiebelchen und nicht eures.‘ Wie sie aber das ausgesprochen hatte, riß das kleine Pflänzchen entzwei. Und das Weib fiel in den Feuersee zurück und brennt dort noch bis auf den heutigen Tag. Der Engel aber weinte und ging davon. So lautet die Legende, Aljoscha, und ich habe sie Wort für Wort auswendig behalten, weil ich selbst dieses sehr, sehr böse Weib bin. Vor Rakitka prahlte ich, daß ich das Zwiebelchen gegeben hätte, aber dir sage ich etwas anderes: Ich habe in meinem ganzen Leben nur ein Zwiebelchen gegeben, und das ist die einzige gute Tat, die ich vollbracht habe. Lobe mich nicht, Aljoscha, halte mich nicht für gut, ich bin schlecht und sehr, sehr böse, und wenn du mich lobst, muß ich mich schämen. Ach, jetzt bereue ich schon alles! Weißt du, Aljoscha, ich habe dermaßen gewünscht, dich zu mir heranzulocken, daß ich Rakitka keine Ruhe gelassen habe, daß ich ihm fünfundzwanzig Rubel versprochen habe, wenn er dich zu mir brächte. Warte, Rakitka, schweig!“ Sie ging mit raschen Schritten zum Tisch, zog ein Schiebfach heraus, suchte nach ihrer Börse und entnahm ihr dann einen Fünfundzwanzigrubelschein.

„Was fällt dir ein! Bist wohl ganz verrückt geworden!“ Rakitin war nicht wenig verdutzt.

„Nimm nur, Rakitka, das ist meine Schuld, wirst es doch nicht abschlagen, hast ja selbst so viel verlangt!“ Und sie warf ihm den Schein zu.

„Warum denn schließlich abschlagen,“ brummte Rakitin, tapfer bemüht, seine Verlegenheit zu verbergen. „Das kommt mir sogar sehr gelegen. Die Dummköpfe sind ja doch nur zur Ausnutzung für die Klugen da.“

„Aber jetzt schweige, Rakitka, jetzt werde ich etwas erzählen, was nicht für deine Ohren bestimmt ist. Setze dich dorthin in den Winkel und schweige; du liebst uns nicht, das weiß ich, so schweige denn.“

„Wofür sollte ich euch denn lieben?“ schimpfte Rakitin, ohne seine Wut zu verbergen. Den Fünfundzwanzigrubelschein steckte er in die Tasche, schämte sich aber doch sehr vor Aljoscha. Er hatte darauf gerechnet, diesen Lohn nachher zu erhalten, so daß Aljoscha gar nichts davon erfahren hätte. Darum nämlich war er so wütend. Bis dahin hatte er noch für ratsam gefunden, Gruschenka nicht zu sehr zu widersprechen, ungeachtet aller Zurechtweisungen, die sie ihm erteilte, und die nur zu deutlich verrieten, daß sie über ihn eine gewisse Macht hatte. Jetzt aber tat er sich keinen Zwang mehr an.

„Wenn man liebt, so muß man eine Veranlassung dazu haben, was aber habt ihr beide denn für mich getan?“

„Man muß auch für nichts und wieder nichts lieben können, so wie Aljoscha liebt.“

„Wieso liebt er dich denn, und was hat er dir denn getan, daß du damit so prahlst?“

Gruschenka stand mitten im Zimmer und sprach erregt; in ihrer Stimme klang schon eine hysterische Note.

„Schweig, Rakitka, du verstehst nichts von uns! und wage es nicht, mich Du zu nennen, ich erlaube es dir nicht, – seit wann hast du dir diese Frechheit überhaupt herausgenommen? Sitz in der Ecke und schweige, du bist mein Lakai! Aber dir, Aljoscha, werde ich jetzt über mich die lautere Wahrheit sagen, damit du weißt, was für ein niedriges Geschöpf ich bin! Nicht Rakitka, sondern dir werde ich es sagen. Ich wollte dich verderben, Aljoscha, das ist die ganze Wahrheit; so sehr wollte ich es, daß ich Rakitka mit Geld bestach, damit er dich herbrächte. Und weißt du, warum ich das so sehr wollte? Du, Aljoscha, wußtest nichts davon, du wandtest dich von mir ab oder senktest die Augen, wenn du an mir vorübergingst, ich aber schaute dir nach und fing an, alle über dich auszufragen. Dein Gesicht aber behielt ich in meinem Herzen: ‚Er verachtet mich, er will mich nicht einmal ansehen,‘ dachte ich. Und es überkam mich zuletzt ein Gefühl, über das ich mich selbst wunderte. Warum fürchtete ich so einen kleinen Knaben? Ach was, ich werde ihn einfach – verschlingen und ihn dann nachher auslachen. Ich wurde zuletzt ganz wütend. Glaubst du, niemand hier wagt zu sagen, daß man Agrafena Alexandrowna mit schlechten Absichten kommen darf; ich habe dort meinen Alten, an ihn bin ich auf ewig gebunden und verkauft; der Satan hat uns getraut, aber sonst – niemand! Als ich dich aber sah, entschloß ich mich – dich zu verschlingen. Und so verschlinge ich dich denn und werde dich hinterher auslachen. Siehst du, was für ein wildes Tier ich bin, ich, die du deine Schwester genannt hast! Siehst du, und jetzt ist mein Verführer gekommen, der mich entehrt hat; ich sitze jetzt hier und erwarte von ihm eine Nachricht. Weißt du aber auch, was jener für mich bedeutet? Fünf Jahre sind jetzt vergangen, vor fünf Jahren brachte mich Kusjma her, – und so lebte ich denn hier und versteckte mich vor allen Leuten, damit sie mich nicht sahen und nichts von mir hörten; ein mageres, dummes Kleines war ich! Da saß ich nun und weinte, und schlief die Nächte nicht und dachte: Wo mag er jetzt sein, mein Verführer? Er lacht jetzt vielleicht mit der anderen über mich! Wenn ich ihn doch nur einmal sehen, ihm begegnen könnte! Dann würde ich es ihm aber heimzahlen, ja, dann würde ich es ihm bezahlen! In der Nacht, in der Dunkelheit schluchzte ich in meine Kissen hinein und dachte unablässig daran, zerriß mein Herz und tränkte es mit verzweifelter Wut: ‚Ich werde es ihm bezahlen, ich werde es ihm schon bezahlen!‘ So war es, so schrie ich in die Nacht hinein. Ja, wenn ich mir das plötzlich vorstellte, daß ich ihm nichts würde antun können, und daß er jetzt vielleicht über mich lacht oder aber überhaupt nicht mehr an mich denkt und mich ganz vergessen hat, so warf ich mich aus dem Bett auf den Fußboden und schüttelte mich und wälzte mich vor ohnmächtiger Wut und vor ohnmächtigen Tränen! Am nächsten Morgen stehe ich auf wie ein wütendes Tier; ich wäre froh gewesen, die ganze Welt verschlingen zu können. Darauf, was denkst du wohl, habe ich angefangen mir ein Kapital zusammen zu scharren, ich wurde unbarmherzig und gleichgültig gegen alles, mein Körper nahm zu und wurde schön – glaubst du aber, daß ich auch an Vernunft zunahm? Haha! Niemand auf der ganzen Welt weiß oder sieht was von mir! Und wenn die nächtliche Dunkelheit wieder anbricht, so liege ich, wie dasselbe kleine, dumme Mädchen vor fünf Jahren, auf meinem Bett und knirsche mit meinen Zähnen und weine die ganze Nacht: ‚Ich werde ihn schon, ich werde ihn schon...!‘ denke ich dann wieder. Hast du jetzt alles gehört? Nun, wirst du mich aber jetzt verstehen, wenn ich dir sage, daß mir, als ich vor einem Monat plötzlich von ihm einen Brief erhielt, mit der Nachricht, daß er kommt, daß er Witwer ist und mich wiedersehen möchte –, daß mir da der Atem stehen blieb! Herrgott, denke ich da plötzlich: also er kommt und pfeift mir zu, ruft mich, und ich krieche wieder zu ihm wie ein geschlagenes Hündchen, das sich schuldig fühlt! So denke ich bei mir und traue mir selbst nicht: ‚Bin ich niedrig, oder bin ich nicht so niedrig, werde ich zu ihm laufen, oder werde ich nicht zu ihm laufen?‘ Und es packte mich eine Wut auf mich selbst, die mich den ganzen Monat nicht verließ, schlimmer noch als vor fünf Jahren. Siehst du jetzt, Aljoscha, was ich für eine Wütende, Rasende bin?! Die ganze Wahrheit habe ich dir soeben gesagt. Mit Mitjä habe ich mich amüsiert, um nicht an jenen zu denken. Schweig, Rakitka, du hast nicht über mich zu urteilen, dir habe ich es nicht erzählt. Ich lag jetzt hier, bevor ihr kamt, wartete und dachte – und beschloß mein Schicksal, und niemals werdet ihr erfahren, was in meinem Herzen vorging. Nein, Aljoscha, sage deinem Fräulein, daß sie mir wegen vorgestern nicht böse sein soll!... Niemand auf der ganzen Welt weiß, was in mir jetzt vorgeht, und wer soll es denn auch wissen!... Vielleicht nehme ich ein Messer mit, wer kann es wissen...“

Als Gruschenka das ausgesprochen hatte, konnte sie nicht mehr an sich halten: sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, warf sich auf den Diwan in die Kissen und weinte wie ein kleines Kind. Aljoscha erhob sich von seinem Platz und ging zu Rakitin.

„Mischa,“ sagte er, „sei nicht böse. Du bist von ihr beleidigt worden, sei aber nicht böse. Hast du gehört, was sie gesagt hat? Man kann von der Seele des Menschen nicht zu viel verlangen, man muß barmherziger sein.“

Aljoscha kamen diese Worte ganz von selbst über die Lippen. Er mußte seinem Herzen Luft machen, und darum wandte er sich an Rakitin. Wenn Rakitin auch nicht dagewesen wäre, so hätte er sie trotzdem ausgerufen. Rakitin sah ihn aber spöttisch an, und Aljoscha verstummte.

„Du bist heute mit deinem Staretz geladen, und jetzt schießest du ihn auf mich ab, du Gottesknecht Aljoschetschka!“ sagte Rakitin mit haßerfülltem Lächeln.

„Spotte nicht, Rakitin, lache nicht so und sprich nicht vom Verstorbenen: Er war höher als alle auf der Welt!“ rief Aljoscha mit unsicherer Stimme. „Ich habe nicht als Richter zu dir gesprochen, sondern als der erste, der gerichtet werden muß. Was bin ich vor ihr? Ich kam hierher, um ins Verderben zu gehen, und sagte mir: ‚Meinetwegen, meinetwegen, mir soll’s recht sein!‘ so kleinmütig war ich. Sie aber hat nach fünf Jahren Qual, nur weil irgend jemand kam und ihr ein aufrichtiges Wort sagte – alles verziehen, alles vergessen, und weint! Ihr Beleidiger ist zurückgekehrt und ruft sie, und sie verzeiht ihm alles, eilt freudig zu ihm und wird das Messer nicht mitnehmen, nein, wird es nicht mitnehmen! Ich bin nicht so. Ich weiß nicht, ob du auch so bist, Mischa, aber ich bin nicht so. Ich habe soeben eine Lehre von ihr erhalten... Sie ist in ihrer Liebe größer als wir... Hast du auch früher schon dasselbe von ihr gehört, was sie soeben gesagt hat? Nein, du hast es nicht gehört; wenn du es gehört hättest, so hättest du schon längst alles verstanden... auch die andere Beleidigte würde ihr vergeben. Und sie wird ihr vergeben, sobald sie es nur erfährt... und sie wird es erfahren... Diese Seele ist noch nicht zur Ruhe gekommen... man muß sie schonen... in ihrer Seele könnte ein Schatz...“

Aljoscha verstummte, atemlos. Rakitin sah ihn trotz seiner Wut verwundert an. Niemals hätte er von dem stillen Aljoscha eine solche Rede erwartet.

„Du entpuppst dich ja als großer Advokat! Hast dich wohl in sie verliebt, wie? Agrafena Alexandrowna, unser Faster hat sich direktement in dich verliebt, du hast ihn besiegt!“ schrie er mit frechem Lachen.

Gruschenka erhob ihren Kopf aus den Kissen und sah Aljoscha mit einem gerührten Lächeln an, das ihr tränengeschwollenes Gesicht erhellte.

„Laß ihn, Aljoscha, mein Cherub, siehst du, wie er ist, du hast dich an den Rechten gewandt. Ich, Michail Ossipowitsch,“ sagte sie zu Rakitin, „wollte dich um Verzeihung bitten, weil ich dich gekränkt habe, aber jetzt will ich es nicht mehr tun. Aljoscha, komm zu mir, setz dich neben mich,“ rief sie ihn mit glücklichem Lächeln zu sich. „Sieh, so, setze dich her, sage du mir“ (sie ergriff seine Hand und sah ihm lächelnd ins Gesicht). „Sage du mir: Liebe ich ihn, oder liebe ich ihn nicht? Meinen Beleidiger, meine ich, liebe ich ihn, oder liebe ich ihn nicht? Ich lag hier, bevor ihr kamt, allein in der Dunkelheit und fragte mein Herz: Liebe ich ihn, oder liebe ich ihn nicht? Entscheide du, Aljoscha, jetzt ist es Zeit, wie du bestimmst, so wird es geschehen. Soll ich ihm vergeben, oder soll ich ihm nicht vergeben?“

„Du hast ihm doch schon vergeben,“ sagte Aljoscha lächelnd.

„Ja, sofort habe ich ihm vergeben,“ entgegnete Gruschenka nachdenklich. „Was für ein niedriges Herz! Ich trinke auf mein niedriges Herz!“ Sie ergriff ein Glas, leerte es bis auf den Grund, hob es in die Höh und warf es mit Wucht zu Boden. Die Scherben klirrten. Ihr Lächeln war grausam in diesem Augenblick.

„Vielleicht habe ich ihm aber doch noch nicht vergeben!“ sagte sie drohend wie zu sich selbst, und ihr Blick haftete am Boden. „Vielleicht hat mein Herz erst angefangen zu verzeihen. Ich kämpfe ja noch mit meinem Herzen. Ich, siehst du, Aljoscha, ich habe die Tränen meiner fünfjährigen Qual liebgewonnen... Vielleicht liebe ich nur mein Leid, meine Kränkung, und liebe ihn überhaupt nicht!“

„Na, ich möchte jetzt nicht in seiner Haut stecken!“ meinte Rakitin.

„Und wirst auch nie in seiner Haut stecken, Rakitka, nie! Du wirst mir die Stiefel putzen, Rakitka, dazu kann ich dich gebrauchen, aber solch eine wie ich wirst du niemals zu sehen bekommen... Ja, und vielleicht auch er nicht...“

„Er? Warum hast du dich denn so aufgeputzt?“ neckte schadenfroh Rakitin.

„Wirf mir nicht den Putz vor, Rakitka, du kennst mein Herz noch nicht! Wenn ich will, so zerreiße ich ihn, sofort zerreiße ich ihn, in dieser Minute!“ rief sie laut. „Du weißt noch nicht, wozu diese Toilette dienen soll, Rakitka! Vielleicht nur, um zu ihm zu gehen und ihm zu sagen: ‚Hast du mich schon so gesehen oder noch nicht?‘ Er hat mich doch als siebzehnjähriges, mageres und abgezehrtes Ding verlassen. Da werde ich mich zu ihm setzen, ihn berücken und anfachen: ‚Hast du gesehen, wie ich jetzt bin,‘ werde ich ihm sagen, ‚nun, und dabei bleibt es, mein werter Herr, kannst dir die Lippen lecken, mehr gibt es nicht!‘ siehst du, wozu diese Toilette noch dienen kann, Rakitka,“ schloß Gruschenka mit bösem Lachen. „Ich bin ein wütendes, ein schlechtes Geschöpf, Aljoscha. Wenn ich will, so zerreiße ich meinen Putz in Fetzen, verstümmle ich meine Schönheit, verbrenne mir das Gesicht und zerschneide es mit dem Messer und gehe betteln. Wenn ich will, so gehe ich jetzt nirgendwohin und zu niemandem und schicke morgen Kusjma alles zurück, was er mir geschenkt hat, all sein Geld, und gehe hin, um mein ganzes Leben lang Tagelöhnerin zu sein!... Du denkst wohl, daß ich es nicht tun würde, Rakitka, nicht wagen würde, das zu tun? Ich werde es tun, werde es tun, sofort werde ich es tun, reizt mich nur nicht... ihn aber werde ich fortjagen, dem will ich... der soll mich nicht zu sehen bekommen!“

Die letzten Worte rief sie außer sich. Wieder konnte sie sich nicht beherrschen. Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, warf sich in die Kissen und schüttelte sich vor Schluchzen. Rakitin erhob sich von seinem Platz:

„Es ist Zeit,“ sagte er, „es ist schon spät, man wird uns nicht mehr ins Kloster einlassen.“

Gruschenka sprang sofort auf.

„Ist es möglich, daß du schon fortgehn willst, Aljoscha!“ fragte sie in trauriger Bestürzung: „Was hast du jetzt aus mir gemacht? Du hast alles in mir wachgerufen, hast mein Herz zerrissen und nun – wieder diese Nacht, in der ich allein bleiben muß!“

„Er kann doch nicht bei dir nächtigen? Doch wenn du es willst – meinetwegen! Ich werde dann allein fortgehen,“ witzelte Rakitin wieder in seiner häßlichen Weise.

„Schweig, du böse Seele,“ schrie Gruschenka wütend, „niemals hast du mir solche Worte gesagt, wie Aljoscha sie heute zu mir gesprochen hat!“

„Was hat er dir denn gesagt?“ erkundigte sich Rakitin gereizt.

„Ich weiß nicht mehr was, ich kann dir nicht sagen, was er mir gesagt hat, aber mein Herz hat es gefühlt, er hat mir mein Herz um-und umgekehrt... Er hat mit mir als erster und einziger Mitleid gehabt, siehst du, das ist es! Warum bist du, mein Schutzengel, nicht früher zu mir gekommen!“ Sie fiel wie außer sich vor ihm auf die Knie nieder. „Ich habe mein ganzes Leben lang solch einen wie dich erwartet, gerade daß so einer wie du kommen und mir alles verzeihen werde! Und ich habe geglaubt, daß irgend jemand auch mich lieben wird, mich Schlechte, und nicht nur um den Preis meiner Schande...“

„Was habe ich dir denn Gutes getan?“ fragte Aljoscha gerührt lächelnd, beugte sich zu ihr nieder und erfaßte ihre beiden Hände: „Nur ein Zwiebelchen habe ich dir gegeben, nur ein kleines Zwiebelchen, und nur das, nur, nur das!...“

Und als er das gesagt hatte, rollten ihm selbst die Tränen über die Wangen. In diesem Augenblick hörte man im Flur ein Geräusch: jemand trat ins Vorzimmer ein; Gruschenka sprang auf vor Schreck. Fenjä stürzte mit Lärm und Geschrei ins Zimmer.

„Herrin, Täubchen, der Bote ist angekommen!“ rief sie freudig. „Ein Wagen aus Mokroje ist gekommen, Timofeij mit einer Troika, sofort werden die Pferde gewechselt... Ein Brief, ein Brief, hier ist der Brief!“

Sie hielt den Brief in der Hand und schwenkte ihn die ganze Zeit in der Luft. Gruschenka riß ihr den Brief aus der Hand und trat zum Licht. Es war nur ein Zettelchen, einige Zeilen; in einem Augenblick hatte sie es gelesen.

„Er ruft mich!“ sagte sie erbleichend, und ihr Gesicht verzerrte sich zu einem schmerzlichen Lächeln, „er pfeift! Nun, kriech heran, Hündchen!“

Doch nur einen Augenblick stand sie unentschlossen da; plötzlich stieg ihr das Blut in die Wangen, und ihre Augen flackerten auf.

„Ich gehe!“ rief sie plötzlich aus. „Meine fünf Jahre! Lebt wohl! Leb wohl, Aljoscha, mein Schicksal ist entschieden... Fort mit euch, fort, alle, damit ich euch nicht mehr sehe!... Gruschenka beginnt ihren Flug ins neue Leben... Auch du, Rakitka, gedenke meiner im guten. Vielleicht gehe ich in den Tod! Ich bin ja wie betrunken!“

Sie verließ sie plötzlich und lief in ihr Schlafzimmer.

„Nun, jetzt hat sie keine Zeit mehr für uns,“ brummte Rakitin. „Gehen wir, sonst beginnt womöglich wieder dieses Weibergeschrei. Diese hysterischen Tränen sind mir schon zum Ekel geworden...“

Aljoscha ließ sich mechanisch hinausführen. Auf dem Hof stand ein Wagen: man spannte die Pferde aus, machte sich geschäftig am Wagen zu tun, eine Laterne wurde hin und her getragen. Durch das offene Hoftor wurden gerade die neuen drei Pferde gebracht. Kaum aber waren Aljoscha und Rakitin auf die Treppe hinausgetreten, als sich Gruschenkas Schlafzimmerfenster öffnete, und sie mit heller Stimme Aljoscha nachrief:

„Aljoschetschka, grüße deinen Bruder Mitjenka, und bitte ihn, daß er meiner nicht im bösen gedenke. Thu’s mit diesen Worten: ‚Ein Schuft hat Gruschenka bekommen, und nicht du hast sie bekommen, der Edelste von allen!‘ Ja, und füge auch noch hinzu, daß ihn Gruschenka ein Stündchen lang geliebt hat, im ganzen vielleicht ein Stündchen lang geliebt – und daß er sich dieses Stündchen sein ganzes Leben lang erinnern soll, so habe Gruschenka gesagt... sein ganzes Leben lang!...“

Ihre Stimme ging in Schluchzen über. Das Fenster wurde zugeschlagen.

„Hm, hm!“ brummte Rakitin und lachte dann laut auf. – „Deinem Bruder Mitjenka hat sie den Todesstoß versetzt, und jetzt befiehlt sie ihm noch dazu, sein ganzes Leben lang daran zu denken! Ist das aber eine Bestie!“

Aljoscha antwortete nichts darauf. Es war, als ob er es gar nicht gehört hätte. Er ging schnell neben Rakitin her, wie wenn er Eile hatte. Er war in tiefes Nachdenken versunken und ging ganz mechanisch. Rakitin fühlte plötzlich einen fast körperlichen Schmerz in seinem Innern, als wenn an ihm eine frische Wunde berührt worden wäre. Er hatte etwas ganz anderes vorhin erwartet, als er Aljoscha zu Gruschenka führte; und nun hatte sich dieses so ganz Unerwartete ereignet. Nein, nicht das hatte er gewünscht!

„Ihr Offizier ist ein Pole,“ sagte er schließlich, da er nicht mehr an sich halten konnte, „und jetzt ist er nicht einmal mehr Offizier, sondern bloß ein Zollbeamter, hat in Sibirien gedient, irgendwo dort an der chinesischen Grenze. Ein jämmerliches, kränkliches Kerlchen scheint es zu sein. Hat seine Stelle verloren, sagt man... Er hat gehört, daß Gruschenka ein Kapital haben soll, nun, und da ist er denn zurückgekehrt. Das ist das ganze Wunder.“

Aljoscha schien wieder nicht zuzuhören. Rakitin fuhr fort:

„Nun, was, hast du eine Sünderin bekehrt?“ fragte er boshaft lachend. „Eine Verirrte auf den Weg der Wahrheit geführt? Die sieben Teufel ausgetrieben etwa? Da haben sich ja eure erwarteten Wunder erfüllt!“

„Hör auf, Rakitin,“ unterbrach ihn Aljoscha gequält.

„Jetzt verachtest du mich wohl wegen der fünfundzwanzig Rubel? Habe sozusagen den Freund verkauft... Du bist aber doch nicht Christus, und ich nicht Judas...“

„Ach, Rakitin, ich versichere dir, ich hatte das schon ganz vergessen,“ sagte Aljoscha, „du hast mich jetzt selbst daran erinnert...“

Da aber wurde Rakitin grob vor Wut.

„Hol euch alle und einen jeden der Teufel!“ brüllte er. „Zum Teufel, warum habe ich mich mit dir abgegeben! Möchte dich von Stund an nicht mehr kennen! Geh allein ins Kloster, dorthin gehörst du!“

Und er kehrte sich auf dem Hacken um und bog in eine andere Straße ein. Aljoscha blieb in der Dunkelheit allein stehen. Er trat aus der Stadt hinaus und ging übers Feld auf das Kloster zu.

IV — Die Hochzeit zu Kana in Galiläa

Nach der Klosterregel war es sehr spät, als Aljoscha bei der Einsiedelei anlangte; der Pförtner ließ ihn auf einem besonderen Wege ein. Es hatte schon neun Uhr geschlagen, die Stunde der Ruhe und Erholung nach einem für alle so aufregenden Tage. Schüchtern öffnete Aljoscha die Tür und trat in die Zelle des Staretz, wo jetzt sein Sarg stand. Außer Pater Paissij, der einsam am Sarge die Evangelien las, und dem jungen Novizen Porfirij, der, müde von der gestrigen nächtlichen Unterhaltung und von den heutigen Aufregungen, im anderen Zimmer auf dem Fußboden in festem, jugendlichem Schlafe lag, war niemand in der Zelle. Pater Paissij hatte wohl gehört, daß Aljoscha eingetreten war, doch blickte er nicht einmal auf. Aljoscha ging von der Tür rechts in die Ecke, kniete nieder und fing an zu beten. Seine Seele war übervoll, aber es waren nur trübe, unklare Empfindungen in ihm, von denen keine sich klärte, sondern die eine verdrängte die andere, wie in stillem, gleichmäßigem Kreislauf. Im Herzen aber war ihm süß und sonderbar zumute, und er wunderte sich nicht einmal darüber. Wieder sah er vor sich den Sarg, und in ihm seinen teuren Toten. Doch in seiner Seele fühlte er nicht mehr wie am Morgen das quälende, nagende Leid. Gleich beim Eintritt fiel er vor dem Sarge wie vor einem Heiligtum in die Knie, doch Freude, Freude war in seinem Herzen und in seinen Gedanken. Das eine Fenster der Zelle stand offen, und es war eine frische, kalte Luft im Zimmer. „So muß denn der Geruch noch stärker geworden sein, wenn man das Fenster geöffnet hat,“ dachte Aljoscha. Doch dieser Gedanke an den Verwesungsgeruch, der ihm noch vor kurzem so schrecklich und entehrend erschienen war, erweckte in ihm keine Trauer mehr und keinen Unwillen. Er begann, leise zu beten, bald aber fühlte er selbst, daß er nur mechanisch betete. Bruchstücke von Gedanken tauchten in seiner Seele auf, erglühten wie Sternchen und verlöschten wieder und machten anderen Platz. Doch in seiner Seele erhob sich etwas Ganzes, Festes, Tröstendes, und er wurde sich dessen immer mehr bewußt. Von Zeit zu Zeit fing er von neuem leidenschaftlich ein Gebet an, denn er wollte danken und lieben... Doch kaum hatte er das Gebet begonnen, so gingen seine Gedanken auch schon auf etwas anderes über, er verfiel in Nachdenken, vergaß das Gebet und auch das, was es unterbrochen hatte. Er fing an zuzuhören, was Pater Paissij las, aber den Ermüdeten überkam allmählich der Schlaf.

„Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa,“ las Pater Paissij, „und die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger waren auch auf die Hochzeit geladen...“

„Hochzeit? Was ist das... eine Hochzeit...,“ ging es wie ferner Glockenklang durch Aljoschas Gedanken. „... Auch sie ist voll Glück auf ein Fest gefahren... Nein, sie nahm nicht das Messer, nein, sie nahm es nicht... Das war nur ein verzweifeltes Wort..., solche Worte muß man durchaus verzeihen, durchaus. Sie erleichtern die Seele... Ohne sie wäre es den Menschen zu schwer, ihr Leid zu tragen... Rakitin bog in eine Nebenstraße ein. Er wird noch jetzt an die Kränkungen denken... er wird immer in eine Nebenstraße gehen... Aber der Weg... der Weg ist doch groß, gerade und hell, kristallrein, und die Sonne am Ende des Weges... Wie?... Was liest er?“

„... Und da es an Wein gebricht, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein...“ hörte Aljoscha ihn lesen.

„Ach ja, ich habe da etwas überhört, und wollte es doch nicht, ich liebe diese Stelle so. Die Hochzeit zu Kana, das erste Wunder... Ach, dieses Wunder, dieses herrliche Wunder! Nicht das Leid, nein, die Freude der Menschen suchte Jesus auf, als er sein erstes Wunder vollbrachte, zur Freude verhalf er ihnen. ‚Wer die Menschen liebt, der liebt auch ihre Freude,‘ – das wiederholte der Verstorbene immer, diesen Ausspruch habe ich am häufigsten von ihm gehört... Ohne Freude kann man nicht leben, sagt Mitjä... ja, Mitjä... Alles, was aufrichtig und schön ist, das ist voll von Allverzeihung und Vergebung: das hat auch wieder Er gesagt...“

„... Jesus spricht zu ihr: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter spricht aber zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut...“

„Das tut... Freude, Freude für die armen Menschen... Selbstverständlich waren sie arm, wenn es ihnen sogar zur Hochzeit an Wein gebrach... Die Historiker schreiben ja, daß am See Genezareth und an allen jenen Orten die ärmste Bevölkerung gelebt habe, die man sich nur denken kann... Und noch ein anderes großes Herz eines anderen großen Wesens, das Herz seiner Mutter wußte, daß er nicht nur wegen seiner großen Tat gekommen war, sondern daß seinem Herzen auch die einfältige von Herzen kommende Freude irgendwelcher kleinen, geringen, aber treuherzigen Leute, die ihn freundlich zu ihrer Hochzeit geladen hatten, zugänglich sei. ‚Meine Stunde ist noch nicht gekommen,‘ sagt er mit stillem Lächeln (sicherlich hat er still gelächelt)... Ja, er ist doch nicht darum auf die Welt gekommen, um auf den Hochzeiten Armer den Wein zu vermehren. Aber er ist doch zu ihrer Hochzeit gegangen und hat es auf ihre Bitte hin getan... Ach so, er liest wieder...“

„... Und Jesus spricht zu ihnen: Füllet die Krüge mit Wasser. Und sie füllten sie bis zum Rande.

Und er spricht zu ihnen: Schöpfet nun und bringet es dem Speisemeister. Und sie brachten es.

Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und wußte nicht, von wannen er kam (die Diener aber wußten es, die das Wasser geschöpft hatten), ruft der Speisemeister den Bräutigam.

Und spricht zu ihm: Jedermann gibt zum ersten guten Wein, und wenn sie trunken sind, alsdann den schlechteren; du aber hast den guten Wein bis zuletzt behalten...“ las Pater Paissij.

„Aber was ist das, was ist das? Warum erweitert sich das Zimmer?... Ach, ja, es ist doch Hochzeit, Hochzeit... ja... Sieh, da sind die Gäste, dort sitzt ja das junge Paar und zu beiden Seiten die fröhlichen Gäste... Wo ist der Speisemeister? Wer aber ist das? Wer? Wieder wird das Zimmer größer... Wer erhebt sich dort am großen Tisch? Wie... Auch er ist hier? Aber er ist doch im Sarge... Aber er ist es, er ist hier,... er steht auf, er hat mich gesehen, er kommt hierher... Herrgott!...“

Ja, zu ihm, zu ihm kam er, der hagere kleine Alte, mit den feinen Runzeln im Gesicht, freudig und verklärt lächelnd. Der Sarg ist nicht mehr da, und er ist im selben Gewande, in dem er noch gestern unter ihnen gesessen hatte, als die Gäste zu ihm gekommen waren. Das Antlitz ist freudig, die Augen glänzen.

„Wie ist denn das möglich? – er ist also auch auf dem Feste, ist auch zur Hochzeit zu Kana in Galiläa geladen?...“

„Ja, mein lieber Sohn, auch ich bin eingeladen und berufen,“ ertönte hinter ihm eine leise Stimme. „Warum hast du dich hierher zurückgezogen, so daß man dich nicht sehen kann... komme auch du zu uns.“

Das ist seine Stimme, die Stimme des Staretz Sossima... Ja, und wie soll es sie denn nicht sein, da er es ist, der da ruft? Der Staretz reichte Aljoscha die Hand, und der erhob sich von den Knien.

„Freuen wir uns,“ fuhr der kleine hagere Greis fort, „trinken wir neuen Wein, den Wein neuer, großer Freude, siehst du, wieviel Gäste hier sind? Sieh, hier ist der Bräutigam und hier die Braut, und hier ist der hochweise Speisemeister, der den neuen Wein kostete. Warum wunderst du dich über mich? Ich habe ein Zwiebelchen gegeben und sieh, jetzt bin ich hier. Und viele hier haben nur ein Zwiebelchen gegeben, nur ein kleines, einziges... Und wie steht es mit dir, du mein stiller, bescheidener Jüngling? Hast du heute verstanden, das Zwiebelchen einer armen Hungernden zu geben? Beginne, mein Lieber, beginne dein Werk, mein Bescheidener!... Siehst du unsere Sonne, siehst du Ihn?“

„Ich fürchte mich... ich wage nicht, hinzusehen...“ flüsterte Aljoscha.

„Fürchte Ihn nicht. Schrecklich ist Er uns in Seiner Größe, furchtbar in Seiner Höhe, aber unendlich barmherzig ist Er zu uns in Seiner Liebe, und Er freut sich mit uns, Er hat Wasser in Wein verwandelt, damit die Freude der Gäste nicht aufhöre. Neue Gäste erwartet Er, und ununterbrochen ruft Er neue herbei, und so geht es bis in die Ewigkeit. Neuen Wein trägt man auch uns auf, siehst du, wie man die Gefäße trägt...“

Es war Aljoscha, als brenne etwas in seinem Herzen und erfülle es mit unsäglichem Schmerz. Tränen der Begeisterung lösten sich aus seiner Seele... Er breitete seine Arme aus, schrie auf und erwachte...

Wieder der Sarg, das geöffnete Fenster und das leise, würdige, gleichmäßige Lesen der Evangelien. Aljoscha hörte nicht mehr, was gelesen wurde. Sonderbar, er war auf den Knien eingeschlafen, und auf den Füßen stehend erwachte er, und plötzlich, als wenn es ihn von der Stelle gerissen hätte, trat er mit drei festen, schnellen Schritten an den Sarg heran. Er berührte sogar die Schulter Pater Paissijs, doch merkte er es nicht einmal. Der erhob seinen Blick vom Buch und richtete ihn auf Aljoscha, senkte ihn aber sofort wieder, denn er begriff, daß mit dem Jüngling etwas Sonderbares vorging. Aljoscha sah wohl eine halbe Minute lang auf den Sarg, auf den bedeckten, unbeweglich im Sarge ausgestreckten Leichnam, mit dem Heiligenbild auf der Brust und der Kapuze mit dem achtarmigen Kreuze auf dem Haupte. Soeben hatte er seine Stimme gehört, und sie tönte noch fort in seinen Ohren. Er horchte noch hin, er erwartete noch einen Laut... Doch plötzlich wandte Aljoscha sich um und verließ die Zelle.

Er blieb nicht auf der Treppe stehen, sondern eilte hinunter auf den Rasen. Seine von Jubel erfüllte Seele dürstete nach Freiheit, nach Raum und Weite. Über ihm wölbte sich weit, breit und unabsehbar die Himmelskuppel, übersät mit stillen, flimmernden Sternen. Vom Zenit bis zum Horizont zog sich noch, undeutlich schimmernd, der neblige Streifen der Milchstraße. Eine kühle und bis zur Unbeweglichkeit stille Nacht umfing die Erde. Die weißen Türme und goldenen Kuppeln der Kathedrale hoben sich mattleuchtend vom saphirblauen Nachthimmel ab; die schönen Herbstblumen im Garten der Einsiedelei schliefen noch dem Morgen entgegen. Es war, als wenn die irdische Stille mit der Stille des Himmels zusammenflösse und das Geheimnis der Erde sich mit dem der Gestirne berühre... Aljoscha stand und schaute empor... und plötzlich, als hätte ihn ein wuchtiger Schlag getroffen, warf er sich zur Erde nieder.

Er wußte nicht, warum er sie umfing. Er wollte auch nicht darüber nachdenken, warum es ihn so unwiderstehlich verlangte, sie zu küssen: und er küßte sie weinend, schluchzend, und tränkte sie mit seinen Tränen, und wie außer sich schwur er, wie verzückt, sie zu lieben, zu lieben bis in alle Ewigkeit! „Tränke die Erde mit deinen Freudentränen und liebe diese deine Tränen,“ hallte es in seiner Seele wider. Warum weinte er? Oh, er weinte in seiner Begeisterung sogar über die Sterne, die aus dem unendlichen Raume zu ihm herniederblickten, und „er schämte sich seiner Verzückung nicht.“ Ihm war, als träfen von all diesen zahllosen Welten Gottes unsichtbare Fäden in ihm zusammen, und seine ganze Seele erbebte „in der Berührung mit anderen Welten“. Er wollte allen alles vergeben und um Verzeihung bitten, oh! nicht für sich, sondern für alle, für alles und jedes! „Für mich werden andere bitten,“ erklang es in seiner Seele. Und mit jedem Augenblick fühlte er immer deutlicher, wurde es ihm immer mehr bewußt, daß etwas Festes und Unerschütterliches, wie dieses Himmelsgewölbe, in seine Seele einzog, – wie eine Idee sich seines Verstandes bemächtigte, und zwar für sein ganzes Leben und bis in alle Ewigkeit. Als schwacher Jüngling war er noch zur Erde niedergefallen, als ein fürs ganze Leben gewappneter Kämpfer erhob er sich wieder – das fühlte er, und dessen wurde er sich plötzlich bewußt in diesem Augenblick seiner großen Begeisterung.

Sein ganzes Leben lang, niemals, niemals konnte Aljoscha diesen Augenblick vergessen... „Jemand hat in dieser Stunde meine Seele heimgesucht,“ sagte er in festem Glauben an seine Worte...

Nach drei Tagen verließ er das Kloster, gehorsam den Worten seines verstorbenen Staretz, der ihm befohlen hatte, „in der Welt zu leben“.

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