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Zwischen neun und neun

by Leo Perutz

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Zwischen halb zwölf und zwölf Uhr mittags, wenn die Essensstunde heranrückte, war es meist sehr still im Café Hibernia gegenüber der Börse. Das Heer der Handelsagenten, Firmenchefs und Börsenbesucher, die in den Vormittagsstunden das Lokal mit lärmendem Treiben erfüllten, die hier ihr Gabelfrühstück nahmen, ihre Geschäfte abwickelten, Konjunkturen erörterten, ihre Korrespondenz erledigten, und dazwischen hindurch die Zeitungen studierten, durchblätterten, oder wenigstens durch Herausreißen des Kurszettels entmannten, hatte sich nach allen Richtungen verlaufen. Das Nachmittagsgeschäft des Kaffeehauses, der Aufmarsch der Domino-, Billard-, Tarock-und Schachspieler begann erst nach ein Uhr. Der Kellner Franz, dem für diese Stunde auch das Ressort des Zahlmarkörs übertragen war – der »Ober« war beim Mittagessen –, lehnte an einem Billardtisch, blinzelte schläfrig mit den Augen und kiebitzte den beiden einzigen Gästen, zwei Geschäftsreisenden, die ihre Strohmannpartie noch nicht beendet hatten. Das Fräulein an der Kasse pickte die Brösel einer angeschnittenen Linzertorte vom Teller auf.

Stanislaus Demba trat ein. Er behielt den Hut auf dem Kopf, aber das fiel in dem mitten im Geschäftsviertel gelegenen Kaffeehaus, in das die Gäste oft nur auf ein paar Minuten eintraten, und in dem jeder Eile hatte oder doch wenigstens merken lassen wollte, nicht weiter auf.

Demba blickte sich um, musterte das Gelände mit den Augen eines Feldherrn, verwarf einen Tisch in der Nähe der Kasse als für seine Zwecke ungeeignet, lehnte den Vorschlag des Kellners, der ihn mit einladender Handbewegung pantomimisch auf eine Reihe vorzüglicher Sitzgelegenheiten aufmerksam machte, wortlos ab, und entschied sich schließlich für einen Tisch in einem Winkel des Lokals zwischen zwei Kleiderständern.

Der Kellner kam mit einem Bückling heran.

»Befehlen der Herr?«

»Ich möchte etwas essen,« sagte Stanislaus Demba. »Was haben Sie?«

»Portion Salami vielleicht. Schönes, kaltes Rostbeaf wär’ da!«

Stanislaus Demba schien zu überlegen.

»Ham and eggs, wenn etwas Warmes nehmen wollen,« empfahl Franz in der höflichen Art Wiener Kellner, die sich lieber die Zunge abbeißen würden, als daß sie es übers Herz brächten, den Gast wie irgendeinen gewöhnlichen Sterblichen mit »Sie« anzusprechen.

»Ham and eggs, Portion Salami, Portion Rostbeaf, zwei Eier im Glas –,« rekapitulierte er nochmals.

»Bringen Sie mir,« entschied sich Demba nach längerem Nachdenken, »bringen Sie mir Lehmanns Wohnungsanzeiger.«

»Ersten, zweiten Band, bitte?« fragte der Kellner, der eine Bestellung von größerem Nährwert erwartet hatte, verblüfft.

»Beide Bände.«

Der Kellner holte die dicken Bände aus dem Bücherkasten, legte sie auf den Tisch und wartete auf den nächsten Auftrag.

Der ließ nicht lang auf sich warten.

»Haben Sie ein Lexikon?«

»Wie, bitte?«

»Ein Konversationslexikon.«

»Jawohl. Den kleinen Brockhaus.«

»Also bringen Sie mir den kleinen Brockhaus.«

»Welchen Band belieben?«

»A bis K,« befahl Demba.

Der Kellner brachte drei Bände.

»Eigentlich brauche ich auch die Buchstaben: N, R und V. Bringen Sie mir die übrigen Bände auch,« sagte Demba.

Der Kellner schleppte die fünf Bände herbei, der ganze kleine Brockhaus lag auf Dembas Tisch.

»Ist das das ganze? Fehlt kein Buchstabe?« fragte Demba.

»Nein. Nur noch ein Supplementband ist im Kasten.«

»Warum bringen Sie mir ihn nicht?« rief Demba ungeduldig. »Ich benötige die Ergebnisse der neuesten wissenschaftlichen Forschung zu meinen Untersuchungen.«

Der Kellner brachte den Supplementband und zog sich dann ehrfurchtsvoll zurück. Er trat an den Tisch zu den beiden Kartenspielern, legte die Hand an den Mund und flüsterte geheimnisvoll:

»Ein Herr von der Zeitung! Schreibt hier seinen Artikel.«

»Kellner!« rief in diesem Augenblick Stanislaus Demba.

»Befehlen der Herr?«

»Haben Sie vielleicht das Handbuch für Ingenieure?«

»Leider nicht dienen –«

»Dann bringen Sie mir den Armeeschematismus und das Jahrbuch für Heer und Flotte und was Sie sonst von militärischen Handbüchern haben.«

Der eine der beiden Reisenden legte die Karten hin.

»Gegen die hohen Militärs geht’s,« sagte er mit einem Blick auf Demba. »Haben Sie gehört? Den Armeeschematismus! Ist schon recht, soll er’s ihnen nur geben! Wer spielt aus?«

»Wer sagt Ihnen, daß er gegen die Militärs ist? Genau so gut kann er für die Militärs schreiben. Vielleicht haben wir dem Herrn Redakteur zu wenig Dreadnoughts,« sagte der Spielpartner.

»Haben Sie auch den Gothaischen Almanach?« forschte inzwischen Demba den Kellner aus.

»Jawohl.«

»Den bringen Sie mir auch.«

»Was der alles braucht zu seinem Artikel,« sagte der Reisende. »Und da hört man immer: Die Journalisten sind nicht gründlich.«

»Den Gotha,« sagte der andere. »Der schreibt etwas gegen den Minister des Äußeren. Der ist ja ein Graf von und zu.«

»Es kann auch sein, er zielt auf den Kriegsminister. Der ist auch ein Freiherr von.«

Der Kellner legte den Gothaischen Hofkalender und das gräfliche Taschenbuch auf Dembas Tisch.

»Das sind doch nicht alle Bände!« fuhr ihn Demba an. »Bringen Sie mir die anderen Bände auch. Oder soll ich es vielleicht auswendig im Kopf haben, ob der Reichsfreiherr Christoph Heribert Apollinaris von Reifflingen aus der älteren Sebastianischen oder aus der jüngeren Cyprianischen Linie stammt?«

Dem Kellner begann es im Kopf zu wirbeln. Er brachte das Taschenbuch der freiherrlichen, der uradeligen und der briefadeligen Häuser und dazu ein Jahrbuch des Vereins ehemaliger Börsebesucher, das ihm mit unter die Hände gekommen war.

Alle Wissenschaft und Gelehrsamkeit der Welt hatte sich auf Stanislaus Dembas Tisch zu einer hohen Bastei gehäuft, hinter der der Student völlig verschwunden war. Nur sein speckig glänzender Hut allein war noch sichtbar. Aber Herrn Demba schienen alle diese Behelfe noch immer nicht zu genügen. Er ließ sich auch den Niederösterreichischen Landeskalender, den Wiener Kommunalkalender und das Hof-und Staatshandbuch der österreichisch-ungarischen Monarchie bringen, und von den beiden erstgenannten Werken auch noch den vorletzten Jahrgang.

»Kellner,« rief er, als er das alles hatte. »Was steht dort für ein Buch im Kasten. Dort, das große, schwarze?«

»Das Fremdwörterlexikon, bitte.«

»Bringen Sie mir das doch sofort! Das brauch’ ich sehr notwendig. Ich muß unbedingt nachschlagen, wie man Leptoprosopie am besten ins Deutsche übersetzt. Leptoprosopie! Oder können Sie mir das vielleicht sagen?«

»Leider nicht mehr dienen,« stotterte der Kellner, dem ganz wirr im Kopf geworden war.

Jetzt schien Demba endlich alle Bücher zu haben, die er zu seiner Arbeit benötigte. Die beiden Reisenden begannen weiter zu spielen; der Kellner trat an ihren Tisch und sah zu.

»Kellner!« brüllte Stanislaus Demba von neuem, so laut, daß das Fräulein in der Kasse das Stück Linzertorte, das sie in der Hand hielt, fallen ließ. »Kell–ner!«

»Sofort, bitte!« rief der Kellner und warf einen Blick in den Bücherkasten; aber der war leer. Daher nahm er das befleckte gläserne Tintenfaß und die Pappschachtel, in der das Schreibpapier verwahrt war, vom Büfett, denn er glaubte den nächsten Wunsch des Gastes erraten zu können.

»Kellner! Wo bleiben Sie!« rief Demba.

»Bin schon da. Befehlen Tinte, Feder und Papier?«

»Nein,« sagte Demba. »Bringen Sie mir eine Portion Salami, zwei Eier im Glas, Brot und eine Flasche Bier.«

Der Kellner brachte das Verlangte, und eine Weile hindurch sah man von Stanislaus Demba nichts weiter, als den Hut, der sich im Rhythmus des Kauens auf und ab bewegte, und hinter dem Bücherwall bald sichtbar wurde, bald verschwand.

Einer der Reisenden hatte Zahnschmerzen und befahl dem Kellner nachzusehen, ob die Kaffeehausfenster alle geschlossen seien. Als Franz diesen Auftrag ausgeführt hatte, hielt er es für seine Pflicht, Herrn Demba beim Speisen ein wenig Gesellschaft zu leisten und ihn zu unterhalten.

»Manche Herrschaften sind so heikel, vertragen kein Lüfterl,« begann er das Gespräch und deutete auf den Reisenden.

Stanislaus Demba hatte sofort zu essen aufgehört, als der Kellner in seine Nähe kam. Er ließ Messer und Gabel klirrend auf die Tischplatte fallen, hob den Kopf und starrte den Kellner durch zwei Brillengläser über den Lexikonband Löffelhuhn – Nebenniere hinweg wütend an.

»Was wollen Sie?«

»Mußte leider die Fenster schließen, weil der Herr dort –«

Der Kellner kam nicht weiter.

»Machen Sie sie zu oder lassen Sie sie offen, was geht das mich an!« brüllte Demba. »Aber stören Sie mich nicht beim Essen!«

Franz verschwand eiligst hinter dem Büfett und kam erst wieder hervor, als Stanislaus Demba »Zahlen!« rief.

»Bitte sehr, was haben gehabt? Portion Salami, zwei Eier im Glas, eine Flasche Bier, – Brote? Zwei? Drei?«

Demba saß eigentümlich steif auf seinem Sessel.

»Drei Brote.«

»Eine Krone achtzig, zwei sechzig, drei sechsunddreißig, drei Kronen zweiundvierzig, bitte –.«

Demba wies mit den Augen auf die Tischplatte. Dort lagen drei Kronen und ein paar Nickelmünzen.

Dann erhob er sich und ging zur Tür. Ehe er auf die Straße trat, wandte er den Kopf und sagte mit verdrießlicher Miene zum Kellner:

»Ich habe hier eigentlich meine große Dissertation über den Stand des menschlichen Wissens am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts schreiben wollen. Aber es war mir doch ein bißchen zu viel Lärm in dem Lokal.«

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