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Zwischen neun und neun

by Leo Perutz

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»Was gibt’s denn, Afferl! Mir scheint gar, du weinst! Was ist dir denn geschehen?«

Herr Stephan Prokop war so plötzlich ins Zimmer getreten, daß Demba nicht Zeit gefunden hatte, die Hände unter den Mantel zurückzuziehen. Der Student blieb steif auf seinem Sessel sitzen und fand für den Augenblick unter der Tischplatte ein Notasyl für seine Hände.

»Hat’s was gegeben zwischen euch?« erkundigte sich Herr Prokop bei Demba.

»Nichts hat’s gegeben,« sagte Demba hastig. »Steffi weint, weil mein kleiner Hund überfahren worden ist; das hat sie so aufgeregt.« Er sah mit großem Unbehagen, daß Herr Prokop sich dem Sofa näherte, von dem aus man unter die Tischplatte sehen konnte.

»Überfahren?« fragte Prokop.

»Ja. Von einem Fleischerwagen.« – Dembas Hände suchten Deckung hinter einer Stuhllehne zu gewinnen, mußten sich jedoch, da Herr Prokop seinen Rundgang durchs Zimmer plötzlich unterbrach, und er vor ihm stehen blieb, eilig wieder unter die Tischplatte zurückziehen.

»Das hab’ ich gar nicht gewußt, daß Sie einen Hund haben, Herr Demba. Wie Sie noch bei uns gewohnt haben, ich erinnere mich noch ganz genau, da haben Sie doch Hunde auf den Tod nicht ausstehen können?« – Herr Prokop legte sich auf das Sofa.

»Er ist mir zugelaufen,« sagte Demba. Der Raum unter der Tischplatte erwies sich als ein Zufluchtsort von zweifelhaftem Wert.

»Wie hat er denn ausgesehen?« wollte Herr Prokop wissen.

»Ein kleiner, braungefleckter Pinscher. Erinnern Sie sich denn nicht, ich hab’ ihn doch mal hergebracht,« erzählte Demba und versuchte, die breite Lehne eines Stuhles zwischen sich und Herrn Prokop zu bringen.

»Mir scheint, ja. Ich erinnere mich.« Herr Prokop blies aus seiner Pfeife eine Rauchwolke in die Luft. »Wie hat er denn nur g’schwind geheißen?«

»Cyrus,« sagte Demba, dem im Augenblick kein anderer Name als der seines Feindes von heute morgen einfiel. Herr Prokop klopfte eben seine Pfeife aus, und dieser Moment mußte rasch ausgenützt werden.

»Cyrus. Richtig,« sagte Herr Prokop. »Komischer Name für einen Hund. Also selig im Herrn entschlafen? Na, mein Beileid. Aff, jetzt hör’ auf, zu heulen. Geh’ hinein, dein Essen ist kalt geworden.« Er gähnte. Nach Tisch wurde er immer schläfrig. »Überhaupt. Hast du denn kein Bureau heut nachmittag?«

Steffi stand auf, glättete ihre Schürze und warf einen verstohlenen Blick auf Dembas Hände, die gerade wie Füchse in ihren Bau unter die Pelerine zu verschwinden im Begriffe waren. Dann ging sie ins andere Zimmer. Die Tür blieb offen, und Geruch von gekochtem Rindfleisch und zerlassener Butter drang herein.

Jetzt stand Demba auf und betrachtete allerlei Nippes, die auf der Kommode standen. Den Gnomen mit dem weißen Patriarchenbart, der einen roten Fliegenpilz als Regenschirm benützte, die Katzenfamilie aus Porzellan und das Araberzelt mit dem Dattelbaum, ein Kunstwerk, das Steffis Vater aus Korkstöpseln hergestellt hatte. Der alte Prokop liebte Arbeiten dieser Art. Ein Nähzeugschränkchen, das ganz aus alten Zündhölzchenschachteln angefertigt war, befand sich auch im Zimmer und an der Wand hing ein Kaiserbild aus gebrauchten Briefmarken.

»Aff, geh, bring’ mir mein Bier herein!« befahl jetzt Herr Prokop. »Ich hab’s auf dem Tisch stehen lassen.«

Steffi brachte das Bier. Er trank das Glas leer und legte die Pfeife fort. Dann drehte er sich mit dem Gesicht der Wand zu. Ein paar Minuten später war er eingeschlafen.

Jetzt schlich sich Steffi auf den Fußspitzen zu Stanislaus Demba.

»Stanie! Was machen wir jetzt! Um Gottes willen, was machen wir jetzt!«

»Ich hab’ mich doch gut herausgelogen. Meine sechsundneunzigste Lüge seit heute morgen,« meinte Demba.

Steffi Prokop begann von neuem zu schluchzen.

»So ein Unglück! So ein Unglück!«

»Aber wein’ doch nicht!« sagte Demba unwirsch. »Das hat gar keinen Sinn. Wir müssen es nochmals versuchen.«

»Es geht nicht. Es wird nicht gehen. Ich hab’ gefeilt und gerieben, bis ich nicht mehr hab’ können, und die Kette ist genau so geblieben, wie sie war. Sie läßt sich nicht durchfeilen. Sie muß aus einem besonderen Stahl sein. Was machen wir jetzt, Stanie?«

»Wein’ doch nicht! Hör’ auf zu weinen. Du wirst deinen Vater aufwecken.« Stanislaus Demba versuchte ungeschickt, mit den Händen streichelnd über Steffis Haar zu fahren. Es sah kläglich aus und komisch zugleich: Diese beiden Hände, die wie zwei Lastpferde, wie zwei Maulesel aneinandergespannt waren. Wie ein stummer, langweiliger Begleiter, der starrsinnig mitgeht und sich nicht abschütteln läßt – so war Stanislaus Dembas linke Hand.

Demba ließ die Arme sinken, Steffi hörte zu weinen auf und sagte plötzlich:

»Aber das Ding hat ja Schlüssellöcher. Es muß ja aufzusperren gehen.«

»Natürlich.«

»Wir haben eine Menge so kleiner Schlüssel zu Hause. Im Vorzimmer an der Wand hängt ein Kasten, da sind zwanzig oder dreißig solcher Schlüssel drin. Einer wird doch passen! Wir müssen sie durchprobieren.«

Sie brachte eine Handvoll kleiner Schlüssel und legte sie geräuschlos einen neben den andern aufs Fensterbrett.

Sie versuchte es mit dem ersten.

»Das ist der Schlüssel vom Uhrkasten drüben im Speisezimmer. Der taugt nicht. Der ist zu groß.«

Sie griff nach dem zweiten.

»Das ist mein Violinkastenschlüssel. Der ist auch zu groß. Der geht überhaupt nicht ins Schlüsselloch hinein. Wart’ einmal, der vielleicht. Das ist der Schlüssel zur Kassette, in der die Mutter ihre Ohrringe eingesperrt hat und ihre beiden Lose. – Auch nicht.«

Sie versuchte es der Reihe nach mit allen Schlüsseln. Keiner paßte. Ein einziger ließ sich im Schlüsselloch umdrehen, aber das Schloß wollte trotzdem nicht aufspringen.

Sie dachte einen Augenblick lang nach, griff zögernd in die Schürzentasche und brachte noch einen kleinen Schlüssel zum Vorschein.

»Das ist der Schlüssel zu meinem Tagebuch. Weißt du, mein Tagebuch hat Schließen und läßt sich absperren. Ich glaub’, der wird bestimmt passen.«

»Laß es doch. Er paßt sicher auch nicht.«

»Doch! Doch! Laß mich nur erst mal versuchen. Siehst du – nein! Der paßt auch nicht. Er ist zu klein.«

Sie blickte Stanislaus Demba hilfesuchend an.

»Stanie! Er ist zu klein! Was machen wir?«

»Wir müssen einen Schlüssel anfertigen lassen,« sagte Demba. »Vom Schlosser. Wir nehmen einen Wachsabdruck ab – wo bekommt man Wachs?«

»Wachs hab’ ich zu Hause.«

»Wieso denn?«

»Ich male doch. Du weißt ja: Blumen und Vögel und Ornamente auf Seidenbänder und Schleifen. Da gibt es eine eigene Technik, zu der braucht man Wachs. Auf gewisse Stellen, die mit der Farbe nicht in Berührung kommen sollen, kommt flüssiges Wachs. Ich hab’ noch ein großes Stück zu Hause. Wart’, ich bring’s gleich.«

Sie kam mit einem Stück Wachs zurück und machte Abdrücke beider Schlösser.

»Das mußt du zu einem Schlosser tragen,« sagte Demba. »Aber du mußt vorsichtig sein und dir gut überlegen, was du sagst, damit er nicht Verdacht schöpft.«

»Nein. Ich geh’ zu keinem Schlosser. Gegenüber von uns wohnt eine Familie, und der älteste Sohn ist Lehrling in einer großen Werkstätte. Der ist sehr geschickt. Er hat uns schon öfter Schlösser repariert. Jetzt mittag ist er sicher zu Hause. Ich werd’ ihm sagen, daß ich den Schlüssel zu meinem Tagebuch verloren habe. Das Tagebuch selbst kann ich ihm nicht bringen, werd’ ich ihm sagen, weil Sachen drin stehen, die er nicht lesen darf. Deswegen hab’ ich einen Wachsabdruck gemacht, – werd’ ich sagen. Da kann er gar keinen Verdacht schöpfen. – Also wart’, ich geh’ gleich hinüber.«

Es währte fünf Minuten, ehe sie zurückkam. Aber sie war rot im Gesicht vor Freude und ganz aufgeregt.

»Es ist alles famos gegangen. Zuerst hat er das Tagebuch haben wollen, er brauche es unbedingt, hat er gesagt. Weißt du, er macht mir heftig den Hof, und möcht’ gern wissen, ob etwas über ihn im Tagebuch steht. Darum wollt’ er’s haben. Aber ich hab’ es ihm ausgeredet. Um acht Uhr, wenn er von der Arbeit kommt, gibt er mir den Schlüssel.«

»Erst um acht Uhr?«

»Ja. Um acht Uhr. Früher geht es nicht. So lange mußt du warten. Aber weißt du, was? Du bleibst zu Hause, sperrst dich ein und läßt keinen Menschen in dein Zimmer. Und um acht Uhr komm’ ich dann zu dir und bring’ dir den Schlüssel. Du mußt mir selbst aufmachen, wenn ich läut’. Wird mich jemand sehen?«

»Nein.«

»Wirst du allein sein? Du wohnst ja mit noch einem Herrn zusammen.«

»Der Miksch? Der ist abends schon wieder im Dienst.«

»Ich bin neugierig, wie dein Zimmer aussieht. Ich war noch nie in deiner Wohnung. Sicher hast du ein großes Durcheinander. Ich werd’ Ordnung machen. Früher, wie du bei uns gewohnt hast, hab’ ich dir oft genug Ordnung gemacht auf deinem Schreibtisch. Du wirst jetzt nach Hause gehen und warten, bis ich komme. Du darfst nicht ausgehen, Stanie! Sonst verrätst du dich. Versprich mir’s, Stanie.«

Aber Stanislaus Dembas Hirn war ganz beherrscht von dem Gedanken, mit Geld den Rivalen aus dem Feld zu schlagen. Er vergaß darüber alle Klugheit und alle Vorsicht.

»Das geht nicht,« sagte er. »Nach Hause kann ich jetzt nicht. Jetzt ist der Miksch noch zu Hause. Erst am Abend geht er fort. Ich hab’ auch inzwischen zu tun, das hab’ ich dir ja gesagt. Ich muß mir das Geld beschaffen.«

»Für die Sonja. Ich weiß,« sagte Steffi und nickte mit dem Kopf.

Demba setzte sich auf umständliche Art den Hut auf den Kopf, mit einer grotesk gleichmäßigen Bewegung beider Hände, die an die Darstellung auf Wandgemälden ägyptischer Königsgräber erinnerte. Dann stand er auf.

»Stanie!« sagte Steffi Prokop. »Stanie, du solltest dich doch irgendwo einsperren und niemandem zeigen. Folg’ mir doch. Du bist in solcher Gefahr, wenn jemand entdeckt –«

Sie unterbrach sich. Drüben auf dem Sofa hatte der alte Prokop eine Bewegung gemacht. Beide horchten nach dem Sofa hin.

»Hat er etwas gehört?« flüsterte Demba.

»Nein,« gab Steffi leise zurück. »Er ist gar nicht aufgewacht. Stanie, folg’ mir! Wenn jemand sieht, daß du –«

»Kind! Gerade das ist’s, was mich reizt,« sagte Demba mit gedämpfter Stimme. »Siehst du, mit diesen Handschellen bin ich abseits der Welt. Ganz allein steh’ ich gegen die Millionen anderer Menschen. Wer nur einen Blick auf meine gefesselten Hände erhascht, der ist von dieser Sekunde an mein Feind und ich der seine, und wenn er vorher der friedlichste Mensch war. Er fragt nicht, wer ich bin, er fragt nicht, was ich getan habe, er macht Jagd auf mich, und wenn ein Keiler plötzlich über die Straße liefe, oder ein Fuchs oder ein Rehbock, könnte die Jagd nicht so unbarmherzig und nicht so wild sein, als wenn mein Mantel zu Boden fiele und meine Hände sichtbar würden.«

»Siehst du!« sagte Steffi. »Das wollt’ ich ja sagen.«

»Aber das lockt, Steffi. Das zieht mich. Ich gehe ruhig und sicher zwischen Millionen Feinden hindurch, die mich nicht erkennen und spotte sie aus. Heute morgens hätte ich mich vielleicht noch verraten können. Da war ich ein Anfänger. Aber jetzt – du glaubst nicht, was für eine Routine ich schon darin habe, die Hände nicht zu zeigen. Es tut mir beinahe leid, daß der Tanz nur bis heut abend dauert. Heut abend um acht, nicht wahr? Und jetzt leb’ wohl.«

Steffi begleitete ihn bis vor die Tür der Wohnung.

»Und wohin gehst du jetzt?« fragte sie.

»An die Arbeit!« sagte Demba und schritt die Treppe hinunter.

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