16
Und nun stand Demba auf der Straße, genarrt, gestrandet, um das Geld geprellt und um die letzte Hoffnung betrogen.
Es regnete. Er verspürte brennenden Durst und die Hände schmerzten ihn, die Knöchel vor allem und die Finger. Er war mutlos und so müde, daß er keinen anderen Wunsch mehr hatte, als endlich zu Hause zu sein, um den Kopf unter der Bettdecke zu verbergen, an nichts zu denken und zu schlafen.
Er hatte sich seinen gefesselten Händen zum Trotz um des Geldes willen in den Wirbel des Alltags gewagt. Und der tollgewordene Tag hatte ihn ohne Erbarmen durch die Stunden gehetzt, ihn wie eine hilflose Nußschale hin und her geschleudert, und jetzt war Stanislaus Demba müde, gab den Kampf auf und wollte schlafen.
»Wenn ich dir heute abend das Geld nicht auf den Tisch lege, dann magst du in Gottes Namen mit dem Georg Weiner fahren,« hatte er am Morgen gesagt. Und so weit war es nun. Er hatte das Geld nicht, und er wollte keinen Versuch mehr machen, es zu erlangen.
»Sie mag fahren,« sagte er im Gehen zu sich selbst und zuckte die Achseln. »Ich halte sie nicht. Bis heute abend um acht Uhr ist sie verpflichtet, auf mich zu warten. Länger nicht. Fair play. Ich habe getan, was ich konnte, aber ich habe keinen Erfolg gehabt. Eine straffe Organisation tückischer Zufälle stand gegen mich, ein Trust bösartiger Ereignisse. Jetzt ist Sonja frei. So ist es ausgemacht und ich halte mein Wort. Fair play.«
Ein Gefühl der Genugtuung überkam Demba bei dem Worte ›fair play‹ und er nahm im Gehen die Haltung eines Mitgliedes des Jokeyklubs an, der eben im Begriffe ist, ohne seine Miene zu verziehen, Ehrenschulden von beträchtlicher Höhe zu begleichen.
»An der weiteren Entwicklung der Dinge bin ich ja glücklicherweise desinteressiert,« sagte Demba leise und beflügelte seine Schritte. »Völlig desinteressiert.« Das Wort gefiel ihm und er gebrauchte es nochmals. »Ich erkläre hiemit mein Desinteressement,« sagte er und bekam den Gesichtsausdruck eines gewiegten Diplomaten, der eine bedeutsame Erklärung von großer Tragweite abgibt. Er blieb stehen und brachte durch eine leichte Verbeugung einem unsichtbaren Gegner zur Kenntnis, daß er an dem weiteren Verlauf der Dinge völlig desinteressiert sei.
»Jawohl. Völlig desinteressiert,« wiederholte er nochmals, denn er konnte sich von diesem Worte nicht losreißen, das die merkwürdige Fähigkeit zu besitzen schien, alles in einem tröstenden und beruhigenden Licht erscheinen zu lassen. Er brachte es beinahe zustande, ohne eine Spur von Haß, Zorn und Schmerz daran zu denken, daß Sonja Hartmann morgen mit einem Anderen fortfahren und daß er selbst allein zurückbleiben werde.
»Ich habe mein Wort nicht einlösen können, und nun heißt es eben die Konsequenzen ziehen,« versicherte er sich selbst. Er blieb an einer Auslage stehen und suchte sein Spiegelbild, denn er mußte sich unbedingt dabei beobachten, wie er kühl, unbewegt und zu Allem entschlossen die Konsequenzen zog.
»Das läßt sich nicht mehr ändern. Es war so ausgemacht,« sagte er und suchte sich selbst die Überzeugung von der zwingenden Natur der Umstände beizubringen. Und der Dienstmann an der Straßenecke, der Geschäftsdiener, der eben den Rolladen herunterließ und das Dienstmädchen, das mit dem vollen Bierkrug im Haustore stand, sie alle blickten verwundert der seltsamen Figur nach, die mit gesenktem Kopf, achselzuckend und sich selbst eifrig zuredend durch die Straßen eilte.
»Und jetzt nach Hause!« sagte Demba und blieb stehen. »Wohin geh ich denn? Es ist Zeit, nach Hause zu kommen! Miksch wird schon fort sein. Ich kann ruhig nach Hause. Es ist halb acht Uhr. Steffi wird bald kommen, und ich werde endlich die Handschellen los.«
Er bog in die Liechtensteinstraße ein, denn er sah wirklich nicht ein, warum er sich durch diesen Herrn Weiner abhalten lassen sollte, auf dem kürzesten Weg nach Hause zu gehen. Daß dieser Herr Weiner gerade in der Liechtensteinstraße wohnte, das konnte kein Grund sein, um einen Umweg zu machen. Jede Minute war kostbar.
Der Regen war stärker geworden. Demba hüllte sich fest in seinen Mantel. Es dunkelte und die flackernden Gasflammen spiegelten sich in den Regenlachen.
»Ich habe mich doch ein wenig zu stark engagiert in dieser Sache,« erzählte sich Demba und trat in Gedanken in eine Pfütze. »Es ist Zeit, daß ich meine Engagements löse.« Und auch diese Redewendung tat ihm auf seltsame Weise wohl. Sie klang so geschäftsmäßig kühl, so kaufmännisch berechnend und log die Gefühle weg, die schlecht verborgen hinter all den tönenden Worten lagen: Schmerz, Eifersucht und brennendes Verlangen.
Vor dem Hause, in dem Georg Weiners Wohnung lag, blieb er stehen und stellte fest, daß das Fenster im zweiten Stock neben dem Balkon erleuchtet war.
»Nun ja,« sagte er und ging nicht weiter. »Er ist zu Hause, und sie ist bei ihm. Was ist weiter dabei? Keine Ursache stehen zu bleiben und Zeit zu verlieren. Es kümmert mich nicht; ich bin anderweitig präokkupiert.«
Er seufzte und fühlte einen Augenblick lang das Aufflammen eines hilflosen Zornes und dann einen leise bohrenden Schmerz. Mit starren Augen blickte er auf das erleuchtete Fenster. Aber er überwand dieses Gefühl und flüchtete sich in den Schutz der schön klingenden Worte, die seinen Schmerz betäuben sollten.
»Die Sache wird in durchaus amikaler Weise geordnet,« murmelte er. »Wir werden im besten Einvernehmen auseinander gehen.«
Er setzte seinen Weg fort, blieb aber bald wieder stehen.
»Nun ja,« sagte er. »Weiner wohnt recht hübsch. Morgensonne, Ausblick auf den Liechtensteinpark. Das ist alles, was über den Fall zu sagen wäre. Sonst ist ja nichts festzustellen. Also – Allons!«
Er ging aber nicht, sondern blickte weiter zum Fenster hinauf.
»Übrigens habe ich Zeit. Es ist noch nicht halb acht. Steffi kann noch nicht bei mir sein. Ob ich zu Hause sitze oder hier noch ein bißchen stehe, ist wohl irrelevant. Irrelevant,« wiederholte er nochmals mit Nachdruck, und der Klang dieses Wortes gab ihm bei sich das Air eines kühlen Beurteilers, der die Dinge mit den Augen des Außenstehenden zu betrachten vermochte. »Sie ist bei ihm, was weiter? Wenn ich mich dafür interessiere, so ist es nicht viel anders, als wenn ich im Theater auf die Bühne sehe. Eine Angelegenheit zwischen fremden Menschen. Es mag amüsant sein oder auch langweilig, – keinesfalls ist es sehr wichtig. Man könnte beinahe –«
Er fuhr zusammen. Sein Herz stand einen Augenblick lang still und begann dann wild und ungestüm zu pochen. In seinen Ohren sauste und brauste es und ein würgender Schreck nahm ihm den Atem.
Dort oben im Fenster war mit einem Male das Licht erloschen.
In Georg Weiners Zimmer war das Licht erloschen.
Was ging dort vor! Was hatte das zu bedeuten!
Der mühselig errichtete Bau kühlen Gleichmutes brach in Scherben zusammen.
Dort oben in jenem Zimmer lag jetzt Sonja in den Armen Georg Weiners. Sie war es, die das Licht ausgelöscht hatte, und jetzt gehörte sie ihm. Eine Stunde begann jetzt für die beiden oben, von der die Welt nichts wissen sollte. Stummes Einverständnis, Gewährung und Erfüllung, das war es, was das Erlöschen des Lichtes bedeutete. Und Demba stand unten kläglich im Stich gelassen von den glatten Worten, mit denen er sich wider Schmerz und Zorn gerüstet hatte und die nun zu Boden fielen, wie welkes Laub. Verzweifelt, tief unglücklich, zitternd vor Leid und Haß, von Neid geschüttelt und dem Weinen nahe stand Demba auf der Straße.
Aber sie durften nicht allein bleiben! Sie sollte nicht in seinen Armen liegen! Sie sollten nicht glauben, die beiden, daß sie sich vor Demba und der ganzen Welt verbergen könnten.
Er mußte hinauf. Er wußte nicht, was er oben tun und was er sagen würde. Die Türe aufreißen wollte er und plötzlich wie ein Vorwurf, wie eine Anklage, wie eine Drohung, wie ein Alarmruf im Zimmer stehen.
Und er ging mit keuchendem Atem mit geballten Fäusten und dennoch: das Herz voll Angst – so ging er auf das Haustor los.
Aber da trat plötzlich ein junger Mann aus dem Haustor auf die Straße. Es war Georg Weiner, und er war allein.
Er trat an den Rand des Trottoirs, spähte nach rechts und nach links, die Straße hinauf und hinab, und winkte einen Wagen herbei.
Einen Augenblick lang sah Demba den Rivalen in höchster Verwunderung an. Dann atmete er sehr erleichtert auf.
Georg Weiner war ganz allein zu Hause gewesen. Nein. Sonja war nicht bei ihm gewesen. Sie hatten einander nicht umarmt und nicht geküßt im Dunkeln. Nur weil er weggegangen war, hatte Weiner das Licht in seinem Zimmer ausgelöscht.
Mag sie gestern bei ihm gewesen sein, mag sie morgen wieder kommen! Daran war nichts gelegen. Aber daß Sonja jetzt, gerade jetzt, da Demba in hilflosem Zorn auf das Fenster gestarrt hatte, nicht oben gewesen war, das machte Demba glücklich. Daß das plötzliche Erlöschen des Lichts nichts anderes zu bedeuten gehabt hatte, als daß Georg Weiner seine Wohnung verließ, das machte Demba dankbar und zufrieden.
Und jetzt, da er seine Ruhe wieder hatte, versuchte er nochmals, sich hinter das Rüstzeug der schönen Redensarten zu flüchten. Aber die glatten Worte hatten ihre tröstende und täuschende Kraft verloren.
Nein. Es half nichts. Er konnte jetzt nicht nach Hause gehen. Einmal mußte er sie noch sehen, bevor sie fort fuhr. Einmal noch ihr gegenübersitzen, sie ansehen, sie sprechen und lachen hören und stummen Abschied von ihr nehmen.
Georg Weiner hatte einen Wagen herbeigerufen und stieg ein. Er schien es eilig zu haben.
– Wahrscheinlich fährt er zu ihr, – dachte Demba. – Und jetzt wird er mir sagen müssen, wo sie zu finden ist. –
»Guten Abend, Herr Kollege!« sagte Demba und trat aus dem Dunkel hervor.
Georg Weiner wandte sich um.
»Guten Abend, Demba!« sagte er kühl.
»Wohin?« fragte Demba mit klopfendem Herzen.
»In den Residenzkeller!« sagte Weiner.
»In den Residenzkeller? Man ißt gut dort, nicht wahr?«
»Passabel.«
»Vorzüglich ißt man im Residenzkeller!« sagte Demba eifrig. »Es ist möglich, daß ich auch hin komme.«