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Zwischen neun und neun

by Leo Perutz

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»Dreizehn vier sechsundfünfzig! – Nein, Fräulein, dreizehn vier sechsundfünfzig. Sechsundfünfzig, Fräulein! Sechsundfünfzig! Sieben mal acht. – Ja. – Wer dort, bitte? Ja? – Ich bitte, kann ich vielleicht mit Fräulein Prokop sprechen? Prokop. Pro–kop. Steffi Prokop. Ja. Ich werde warten.«

»Steffi? – Ja? – Endlich! Gott sei Dank! Eine Viertelstunde lang hab’ ich keine Verbindung bekommen. Hier Stanislaus Demba. – Ja. – Grüß dich Gott. Steffi, hör’ zu: Ich habe mit dir zu sprechen. Womöglich gleich. Geht’s nicht? Lieber Gott, erst mittag? Geht es nicht doch jetzt, vielleicht läßt dich dein Chef – nein? Herrgott, hat sich heut alles gegen mich verschworen? Also mittag, in Gottesnamen. Sind wir dann wenigstens allein? Ungestört? Gut. Ich werde kommen. – Das kann ich dir durchs Telephon nicht sagen. Ja, natürlich werd’ ich dir’s erzählen, deswegen komme ich ja zu dir. Nein, durchs Telephon geht’s wirklich nicht. Es steht einer draußen und hört jedes Wort, und ist schon sehr ungeduldig, weil er so lange warten muß. Ich läut’ jetzt ab. Also um zwölf Uhr. – Nach zwölf. – Gut. – Gut. Grüß dich Gott, Steffi!«

Stanislaus Demba trat auf die Straße und ließ einen kleinen, dicken Herrn, der ihn wütend anblickte und unverständliche Beleidigungen murmelte, in die Telephonzelle. Als er ein paar Schritte gegangen war, wurde er von der andern Seite der Straße angerufen.

»Grüß Sie Gott, Demba! Wohin des Wegs? Warten Sie, ich komme ein Stück mit Ihnen.«

Demba wartete. Willy Eisner kam herüber.

Demba nickte ihm flüchtig zu.

»Was ist denn mit Ihnen? Sind Sie denn nicht mehr in Ihrer Bank, daß Sie vormittags spazieren gehen können?« fragte er.

Willy Eisner machte einen Zug aus seiner Zigarette und blies den Rauch von sich.

»Doch,« sagte er. »Glauben Sie, die Bank ließe mich gehen? Aber ich komme eben von der Börse. Ich hatte dort zu tun.«

Willy Eisner flunkerte gern. Er war ein kleiner Beamter in der Zentralbank und in der Revisionsabteilung beschäftigt. Mit dem Börsengeschäft der Bank hatte er nichts zu tun. Er war vielmehr damit betraut gewesen, einen Kassenboten, der einen größeren Geldbetrag bei sich trug, auf seinem Gang zu begleiten, und hatte nach Erledigung dieses Auftrages der Versuchung, ein bißchen über die Ringstraße zu promenieren – die Glacéhandschuhe in der rechten, das Stöckchen in der linken Hand – nicht widerstehen können. Willy Eisner fühlte sich in seinem Bureau nicht an dem richtigen Platze. Er beneidete alle, die in einem freien Beruf tätig und nicht an bestimmte Bureaustunden gebunden waren. Advokaten, Künstler, Handelsagenten. Als sein Lebensideal schwebte ihm das Dasein eines Menschen vor, der morgens gemächlich seine Post durchsieht, dann ins Kaffeehaus geht und im bequemen Fauteuil zurückgelehnt, die Zigarette im Mund, ein Gläschen Likör vor sich auf dem Marmortisch, das Straßengetriebe betrachtet. Der mittags zur Korsozeit auf dem Graben flaniert, gerade so lange, als es ihn freut, Bekannte sieht und gesehen wird, zu Freunden mit gelangweilter Miene ein paar Bemerkungen über die eleganten Damen macht, dann ohne Hast zu Mittag speist und schließlich nachmittags an seinem Schreibtisch ein paar wichtige Geschäfte erledigt. – Willy Eisner jedoch war genötigt, von acht bis halb eins und von zwei bis halb sechs in einem Raum, den er mit acht Kollegen teilte, ununterbrochen Rechnungen und Ziffern zu vergleichen und richtig befundene Posten mit einem kleinen Bleistifthäkchen zu versehen.

Er sprach langsam und in gesuchten Wendungen, schaltete nach einzelnen Worten eine kleine Pause ein, um sie zu voller Wirkung zu bringen und war überzeugt, daß ihm alle Welt mit Aufmerksamkeit zuhörte, wenn er es für gut fand, eine Äußerung zu machen.

»Ich habe meine Wohnung aufgeben müssen. Eine wirklich schöne Wohnung. Aber sie war mir ein bißchen zu eng geworden – ich brauchte einen Raum für meine Bibliothek –«

»Entschuldigen Sie,« sagte Stanislaus Demba. »Sie müssen ein bißchen schneller gehen, ich habe wenig Zeit.«

»Es tut mir leid um die Wohnung,« sagte Eisner und setzte sich in Trab. »Ich habe angenehme Stunden in ihr verbracht. So viele nette Mädchen haben mich dort besucht, wirklich nette Mädchen –«

»Ich gehe jetzt in die Kolingasse,« unterbrach ihn Stanislaus Demba. »Das ist wohl nicht Ihr Weg?«

»In die Kolingasse? Da kann ich leider nur ein kleines Stückchen mit Ihnen gehen. Ich habe zu viel zu tun in der Bank. Wirklich zu viel zu tun. Sie müssen wissen, ich disponiere, ich repräsentiere, ich verkehre, ich wickle Geschäfte ab – alles.«

»So,« sagte Stanislaus Demba zerstreut.

»Gestern fragt mich der Baron Reifflingen – kennen Sie den Reifflingen? Ich speise manchmal mit ihm im Imperial – gestern fragt er mich also: Was halten Sie eigentlich von der Gleisbacher Union, haben Sie Meinung für dieses Papier? Und ich sag’ ihm, lieber Baron, Sie wissen: Geschäftsgeheimnis! Ich habe da leider gebundene Hände, aber –«

Stanislaus Demba blieb stehen, runzelte die Stirne und blickte seinen Begleiter an. »Was sagen Sie da? Gebundene Hände?«

»Ja. Weil nämlich –«

»So. Gebundene Hände haben Sie. Das muß unangenehm sein.«

»Wie meinen Sie das?«

»Es muß unangenehm sein,« sagte Demba mit einem hämischen Blick. »Gebundene Hände! Ich stelle mir vor, daß die Fingerspitzen anschwellen infolge der Blutstauung, daß man das Gefühl hat, als ob sie bersten wollten. Dann ein Schmerz, der sich bis zur Schulter hinaufzieht –«

»Was reden Sie da?«

»Ich male mir aus, wie es Ihnen zumute sein muß, wenn Sie mit gebundenen Händen herumlaufen.«

»Aber ich wollte nur sagen: Mit gebundenen Händen, insoferne ich nämlich das Interesse der Bank …«

»Genug!« schrie Demba. »Warum reden Sie von Dingen, von denen Sie nichts wissen, bei denen Sie nichts denken und nichts fühlen. Die Worte, die Sie sprechen, kommen tot zur Welt und stinken, kaum daß sie aus Ihrem Mund sind, schon wie Aas.«

»Was fällt Ihnen ein, so einen Krawall zu machen! Mitten auf der Straße. Ich hab’ ihm ja schließlich die Auskunft gegeben. Ich hab’ ihm gesagt: Wissen Sie, Baron, ich will Ihnen ja nicht abraten, ich habe selbst gekauft, aber es war eben ein Sprung ins Ungewisse. Wenn ich –«

»Was sagen Sie? Ein Sprung ins Ungewisse? Sehr gut! Ausgezeichnet. Sicher sind Sie schon einmal gesprungen. Ins Ungewisse. Nicht?« Stanislaus Demba suchte mit Anstrengung einen seiner Wutanfälle zu unterdrücken und zwang sich, ganz ruhig zu sprechen. »Nicht wahr, man blickt hinunter und hat anfangs gar keine Angst, man denkt sich: es muß sein. Angst bekommt man erst – furchtbare Angst! – in der Sekunde, in der man den Halt verliert und zu fallen beginnt. Erst dann, in dieser Sekunde. Man sieht alles, was rings um einen vorgeht, doppelt deutlich. Man spürt seine Schweißtropfen auf der Stirn. Und dann – nun, was geschieht dann? Nun?«

»Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen,« sagte Willy Eisner verwundert.

»He?« schrie Stanislaus Demba. »Sie wissen nicht –? Wie können Sie sich dann unterstehen zu sagen: Sprung ins Ungewisse. Ich, wenn ich das sage, bekomme kalten Schweiß auf der Stirne und die Knie zittern mir. Aber Sie, Sie sagen das sicher bei jeder Gelegenheit so leicht hin und fühlen nichts dabei.«

»Jeder Mensch ist eben anders, lieber Demba,« sagte Willy Eisner. »Es können nicht alle Ihre Phantasie haben. Ich wieder –«

»Sie haben gebundene Hände, ich weiß. Bei Ihnen verreckt alles, was einem andern einmal blutiges Erlebnis war, zu einer blechernen Redensart. Aber versuchen Sie doch einmal sich vorzustellen, wie das ist: gebundene Hände. Mir hat einmal geträumt, daß ich einen widerwärtigen Dummkopf mitten in seine glatte Visage hinein schlagen müsse, und es ging nicht! Ich hatte gebundene Hände, wirklich gebundene Hände, nicht durch ein Geschäftsgeheimnis gebunden, sondern mit Ketten an den Knöcheln, eine Hand an die andere gebunden –«

»Haben Sie immer so lebhafte Träume?« fragte Eisner, dem unbehaglich zumute wurde. »Ich muß mich jetzt verabschieden. Die Arbeit wartet. Grüß Sie der Himmel.«

»Was ist das?« sagte Demba und beugte sich über Willy Eisners ausgestreckte Hand.

»Ich wollte Ihnen die Hand geben, trotz Ihres, ich muß schon sagen, eigentümlichen Benehmens, das Sie da mitten auf der Straße – Aber es scheint, daß Sie –« Er zuckte die Schultern und wandte sich zum Gehen.

»Sehr gut,« sagte Demba. »Sagen Sie mal, Verehrtester, wie kann man jemandem die Hand geben, wenn man gebundene Hände hat! Möchten Sie mir das nicht sagen?«

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