20
Stanislaus Demba kam langsam die Treppe herauf. Vor der Wohnungstür stand Steffi Prokop und wartete im Dunkeln.
»Stanie?« rief sie ihm leise entgegen. »Daß du doch kommst! Endlich! Endlich! Es ist gleich neun Uhr. So spät!«
»Wartest du lang?«
»Seit einer Stunde. Ein Dienstmann war da, deine Hausfrau hat ihm die Tür aufgemacht. Ich habe mich in die Fensternische gedrückt und sie hat mich nicht gesehen. Er hat einen Brief gebracht, ich glaube, für dich.«
»So,« sagte Demba. Er wartete auf keine Nachricht mehr von der Welt unten.
»Gehen wir nicht hinein?« bat Steffi.
»Ja. Nimm den Türschlüssel aus meiner rechten Rocktasche und sperr’ auf. Aber leise – leise! Es muß niemand wissen, daß ich nach Hause gekommen bin.«
Sie traten in das Zimmer. Demba versperrte die Tür und zog den Schlüssel ab.
»Also da wohnst du,« sagte Steffi leise. »Wo ist dein Freund, nicht zu Hause? Wart’, ich werde Licht machen.«
»Nein! Wenn Licht im Zimmer ist, kommt gleich meine Wirtsfrau herein. Dort die Kerze auf dem Nachttischchen, die kannst du anzünden. Hast du den Schlüssel?«
»Ja. – Ich glaube.«
»Du glaubst? Was soll das bedeuten?«
»Ich hab’ den Schlüssel. Gewiß hab’ ich den Schlüssel,« sagte Steffi. »Gib mir die Hände her. Schau, da liegt der Brief.«
Demba riß den Umschlag auf. Der Brief war von Hübel. Er enthielt die Mitteilung, daß Dr. Rübsams goldene Uhr sich gefunden hatte. Bei der Suschitzky. Dr. Rübsam bat vielmals um Entschuldigung und stellte das Geld zurück, zweihundertsiebzig Kronen. Hiervon habe er, Hübel, sich erlaubt, fünfzig Kronen zu entlehnen. Besten Dank und bestimmt am nächsten Ersten.
Demba warf den Brief und die Banknoten auf die Tischplatte. Was war ihm jetzt das Geld! Ein paar Fetzen bemalten Papiers, nichts weiter. Es kam zu spät.
»Stanie, ich hab’ nicht viel Zeit, ich muß nach Hause,« drängte Steffi Prokop. »Gib die Hände her, ich will versuchen, ob der Schlüssel sperrt.«
»Versuchen?« fragte Demba.
»Natürlich, er muß sperren, das ist ja klar,« sagte Steffi und holte den Schlüssel hervor. »Ich brauch’ mehr Licht.« Sie schob die Kerze an den Rand des Tisches. Ihr Blick fiel auf die Banknoten.
»So viel Geld!« sagte sie und suchte das Schlüsselloch. »Was wirst du machen mit dem vielen Geld?«
»Nichts. Ich brauche es nicht mehr. Es kommt zu spät.«
»Zu spät? Warum?«
»Es ist gleichgültig, warum,« sagte Demba müde. »Der Schlüssel kommt zurecht. Gebe Gott, daß ich im rechten Augenblick die Hände frei bekomme.«
Steffi blickte unruhig auf.
»Im rechten Augenblick?« fragte sie.
»Sie sind wieder hinter mir her,« sagte Demba.
»Wer denn, Stanie, wer denn?«
»Ich glaube, sie werden gleich da sein.«
»Wer denn, Stanie? Die Polizei?«
»Ja. Aber das macht nichts. Hab’ keine Angst. Wenn die Handschellen fort sind, fürcht’ ich die Polizei nicht. Die Hände muß ich frei haben. Die Handschellen müssen fort!«
»Ja. Die Handschellen müssen fort,« stammelte Steffi. »Die Handschellen müssen fort! Die Handschellen müssen fort! Stanie, er paßt nicht! Er ist zu groß.«
»Wer? Der Schlüssel?« – Demba fuhr erschrocken auf.
»Ich hab’ mir’s gleich gedacht. Ich hab’ gleich Angst gehabt.« Sie ließ die Hände in den Schoß sinken und blickte hilfesuchend in Dembas Gesicht.
»Wie ist das möglich!« stieß Demba hervor.
»Ich bin nicht schuld,« schluchzte Steffi, mit den Augen um Verzeihung bittend. »Dieser dumme Mensch!«
»Was ist denn geschehen?«
»Dieser dumme Mensch! Denk’ dir: am Nachmittag, während ich im Bureau war, ist der Schlosserjunge zu meiner Mutter gekommen, weißt du, der Bub von nebenan. Er hat gesagt, daß er meinen Wachsabdruck verloren hätte und die Mutter solle ihm mein Tagebuch geben. Stanie, der Schlüssel öffnet die Handschellen nicht. Er hat mir einen Schlüssel zu meinem Tagebuch gemacht!«
»Es ist gut,« sagte Demba leise zu sich selbst.
»Stanie! Was werden wir tun?«
»Ich weiß, was ich tun werde,« sagte Demba mit einem Seufzer.
»Stanie!« begann Steffi. »Du mußt mir folgen, ich mein’s mit dir gut. Schau, wär’ es nicht am besten, du gingst zur Polizei und sagtest alles, was geschehen ist? Du bekämst sicher nur eine ganz leichte Strafe, ein paar Wochen, zwei oder drei Wochen vielleicht nur. Und wenn du hinauskommst, bist du frei, hörst du, Stanie, dann bist du frei! Frei, Stanie –«
»Bis auf die Handschellen,« sagte Stanislaus Demba.
»Bis auf die Handschellen?«
»Ja. Die behalt ich mein Leben lang. Die behält ein jeder, der aus dem Kerker kommt. Weißt du’s nicht, Steffi? Strafen werden von der Gerechtigkeit immer lebenslänglich verhängt. Wer aus dem Kerker kommt, der muß seine Hände verstecken, denn sie sind für immer geschändet. Er kann keinem Menschen mehr frei und offen die Hand reichen, er muß mit ängstlich versteckten Händen durch sein Leben schleichen, so wie ich heute zwölf Stunden lang die Hände unter dem Mantel – horch! Da sind sie schon.«
Es hatte geläutet.
Steffi sprang auf und schlang ihre Arme um Dembas Hals.
»Sie sollen nicht herein! Wenn sie mich hier finden, Stanie, wenn sie mich hier finden!«
Es läutete nochmals. Die Tür der Wohnung wurde geöffnet. Männerschritte, zwei harte Schläge an die Zimmertür. »Im Namen des Gesetzes, öffnen Sie!«
»Wenn sie mich hier finden,« klagte Steffi.
Demba stöhnte. Ein Windstoß kam durchs Fenster und löschte die Kerze aus. Aber es wurde nicht dunkel, nicht Nacht, sondern trübes, kaltes Dämmerlicht.
»Heute morgen,« sagte Demba, »als ich in der Dachkammer am Fenster stand, hab’ ich an dich gedacht, Steffi. Hab’ an dich gedacht, mir war bang nach dir, wollte dich noch einmal sehen. Ich hab’ mir gewünscht, daß du bei mir sein sollst, wenn ich sterbe. Und nun bist du da und ich bin nicht froh, hab’ dich mit in mein Unglück gerissen. Jetzt wollte ich, du wärest weit fort von hier.«
Der Druck der Arme ließ nach. Steffis Bild sank, als hätte sie auf dieses Wort gewartet, in sich zusammen, wurde zur Nebelwolke, löste sich und verflog in nichts.
Das Pochen und Klopfen hatte aufgehört. Harte Instrumente arbeiteten an der Holzfüllung der Tür.
»Es gibt Menschen,« sagte Demba, »die macht die Freiheit nicht glücklich, Steffi. Nur müde.«
Es kam keine Antwort.
»Ich hab’ mir die Freiheit gewünscht. Mit jeder Fiber meines Körpers, Steffi. Aber ich bin nur müde geworden und jetzt will ich nur noch eines: Ausruhen.«
Keine Antwort.
»Wo bist du, Steffi?«
Stille.
Nur das Holz der Tür knirschte und krachte.
Demba stand auf. Er stieß mit dem Kopf an das Balkenwerk des Dachbodens. Er machte zwei Schritte vorwärts, stolperte über einen zusammengerollten Teppich, stieß mit dem Kopf an die Wäscheleine und fiel auf einen Strohsack. Die staubgesättigte Luft der engen Kammer legte sich ihm drückend auf die Lunge. Er raffte sich auf und trat an die Dachlucke.
Verdammt! Der Malzgeruch! Wie kommt der furchtbare Malzgeruch hierher? Eine Turmuhr schlägt. Neun Uhr! Morgens? Abends? Wo bin ich? Wo war ich? Wie lange steh’ ich schon hier und hör’ die Turmuhr schlagen? Zwölf Stunden? Zwölf Sekunden?
Die Tür springt auf. Ein Grammophon in der Ferne spielt den »Prinz Eugen«. – Jetzt – das Schieferdach glänzt so fröhlich in der Morgensonne – zwei Schwalben schießen erschreckt aus ihren Nestern – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Als die beiden Polizisten – kurz nach neun Uhr morgens – den Hof des Trödlerhauses in der Klettengasse betraten, war noch Leben in Stanislaus Demba.
Sie beugten sich über ihn. Er erschrak und versuchte, aufzustehen. Er wollte fort, rasch um die Ecke biegen, in die Freiheit –
Er sank sogleich zurück. Seine Glieder waren zerschmettert und aus einer Wunde am Hinterkopf floß Blut.
Nur seine Augen wanderten. Seine Augen lebten. Seine Augen irrten ruhelos durch die Straßen der Stadt, schweiften über Gärten und Plätze, tauchten unter in der brausenden Wirrnis des Daseins, stürmten Treppen hinauf und hinunter, glitten durch Zimmer und durch Spelunken, klammerten sich noch einmal an das rastlose Leben des ewig bewegten Tages, spielten, bettelten, rauften um Geld und um Liebe, kosteten zum letztenmal von Glück und Schmerz, von Jubel und Enttäuschung, wurden sehr müde und fielen zu.
Die Handschellen waren durch die Gewalt des Sturzes zerbrochen. Und Dembas Hände, die Hände, die sich in Angst versteckt, in Groll empört, im Zorn zu Fäusten geballt, in Klage aufgebäumt, die in ihrem Versteck stumm in Leidenschaft gezittert, in Verzweiflung mit dem Schicksal gehadert, in Trotz gegen die Ketten rebelliert hatten, – Stanislaus Dembas Hände waren endlich frei.