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Studien und Plaudereien. First Series

by Sigmon M. Stern

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Zweiter Teil

V

Anna: Herr Meister! Herr Meister!

Bella: O, ich bin so froh, daß Sie kommen, Herr Meister!

Louis: Können Sie wieder gut sprechen, Herr Meister?

Otto: Wie geht es Ihnen heute, Herr Meister?

Herr Meister: Danke, meine Freunde, gut (= es geht mir gut). Ich bin sehr glücklich (= sehr froh), Sie wieder zu sehen. Ja, ich bin wieder wohl und kann wieder gut sprechen. Wollen Sie mich hören?

Alle: Bitte, Herr Meister, bitte.

Herr Meister: Eine Mutter hatte zwei Töchter. Die eine war schön wie die Rose, und die andere war häßlich (= nicht schön) wie die Nacht. Die Mutter war gut mit der einen Tochter, die häßlich war, und war böse mit der andern, die schön war. Die Schöne mußte arbeiten im Hause und im Garten vom Morgen bis zum Abend; sie hatte nie Rast. Die Häßliche arbeitete (ich arbeite, ich arbeitete, ich habe gearbeitet) nicht; sie konnte nicht, sie war so dumm (= nicht weise, klug). Da war ein kleiner Garten vor dem Hause, und in dem Garten waren viele Bäume und unter dem größten (= Baume) war ein Brunnen. Hier saß (ich sitze, ich saß, ich habe gesessen) die schöne Tochter oft beim Spinnrade und spann (ich spinne, ich spann, ich habe gesponnen) Flachs.

»Ach, warum ist meine Mutter so böse mit mir? Ich thue alles, was ich kann, aber ich höre kein gutes Wort. Ach, lieber Gott, hilf mir!« So sprach sie und hatte nicht auf die Spindel gesehen und stach (ich steche, ich stach, ich habe gestochen) sich in den Finger, und das Blut rann auf die Spindel.

Und an dem Brunnen wollte sie die Spindel abwaschen, da fiel (ich falle, ich fiel, ich bin gefallen) die Spindel in das Wasser.

Sie kam zu ihrer Mutter und sagte: »O Mutter, meine Spindel ist in das Wasser gefallen! Was soll ich thun?« »Was thun?« sagte die Mutter, »springe in den Brunnen und hole (= bringe) die Spindel. Komm nicht wieder in mein Haus, bevor du die Spindel hast.«

Und das Mädchen ging (ich gehe, ich ging, ich bin gegangen) an den Brunnen und sah auf den Grund. Da war es so klar, aber die Spindel sah sie nicht (ich sehe, ich sah, ich habe gesehen). Sie sah tiefer und tiefer, da fiel sie in den Brunnen (ich falle, ich fiel, ich bin gefallen). Die Mutter kam, ihre Tochter war nicht mehr da.

Aber unter dem Brunnen war eine große Wiese, und dahin war sie gekommen. Da war es schön. Die Sonne stand am Himmel, und der Himmel war klar, und viele Bäume standen auf der Wiese mit roten Äpfeln. Und ein Baum rief (= sagte laut): »Meine Äpfel (1 Apfel, 2 Äpfel) sind reif! Meine Äpfel sind reif!« Und das Mädchen schüttelte (ich schüttele, ich schüttelte, ich habe geschüttelt) den Baum, daß alle Äpfel in das Gras fielen. Dann kam sie an einen Backofen, in dem Backofen war Brot und das Brot rief (ich rufe, ich rief, ich habe gerufen): »Ich bin gut gebacken! gut gebacken!« Und das Mädchen nahm (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen) das Brot aus dem Backofen.

Dann kam sie an ein kleines Haus. Davor stand das alte Weib, Frau Holle. »Schönes Mädchen,« sagte sie, »komm in mein Haus. Bleib’ bei mir, hilf mir (ich helfe, du hilfst) und du sollst es hier gut haben.« Da sagte das Mädchen: »Ich will dir helfen, so gut ich kann.« »Das ist brav,« sagte die Alte.

Und das Mädchen kam in das Haus und half der alten Frau. Sie mußte jeden Tag das Bett (von) der alten Frau machen und die Federn gut schütteln. Alles that (ich thue, ich that, ich habe gethan) sie gut, aber sie war doch traurig. Das sah die Frau eine Weile, dann fragte sie: »Warum so traurig, meine Tochter?« »Ach,« sagte sie, »hier ist es schön, und du bist gut und lieb, und ich habe alles, was ich will; nur eines nicht — ich habe keine Freundinnen, ich bin allein.« »Wohl,« sagte Frau Holle, »so komm mit mir.«

Sie gingen in einen großen Garten und gingen bis an das Ende. Hier sagte Frau Holle: »Meine Tochter, ich war mit dir zufrieden, und so sollst du auch mit mir zufrieden sein!« Sie winkte mit der Hand, da fiel ein Regen. Aber das war kein Regen von Wasser, es war ein Regen von Gold. »Lebewohl,« rief die Alte und war aus dem Garten. Das schöne Mädchen aber stand wieder am Brunnen, im kleinen Garten vor dem Hause. Sie ging hinein (= in das Haus), und da war ihre Mutter und ihre häßliche Schwester. Sie wunderten sich über das Gold und hörten alles.


»Ich muß auch Gold haben, Mutter,« rief die häßliche Tochter. »Ja, du mußt auch Gold haben,« sagte die Mutter. »Geh’ auch in den Brunnen und auf die Wiese.« Und sie (= die häßliche Tochter) that so und kam auf die Wiese.

Da waren die Bäume mit den Äpfeln. Der eine Baum rief »Schüttele mich! Schüttele mich!« Das Mädchen aber sagte: »O nein; ich kam nicht hierher, Bäume zu schütteln.« Und sie kam an den Backofen. Da rief das Brot: »Ich bin gut gebacken! gut gebacken! Nimm mich (ich nehme, du nimmst) heraus (= aus dem Backofen).« »Das thue ich nicht,« sagte das Mädchen, »ich werde voll Asche.«[V-1] Dann kam sie an das kleine Haus. Die alte Frau fragte (ich frage, ich fragte, ich habe gefragt): »Was willst du hier?« und das Mädchen sagte: »Ich will bei dir sein.« »Bei mir mußt du arbeiten.« »Arbeiten?« »Ja, du mußt gut arbeiten und viel, und jeden Morgen mußt du mein Bett machen und die Federn gut schütteln.«

Und am ersten Morgen war das Mädchen gut, am nächsten Morgen auch; am dritten Morgen nicht so gut, und am vierten Morgen hatte sie geschlafen, da die Sonne längst am Himmel stand. Da sagte die alte Frau: »Komm mit mir.« »Ha, nun kommt das Gold,« dachte (ich denke, ich dachte, ich habe gedacht) das Mädchen. Die Alte sagte: »Ich will dich nicht länger (lang, länger, längst) in meinem Hause haben. Geh’!« »Ja, ich will gehen,« sagte das Mädchen, »aber ich will mein Gold.« »Dein Gold?« Und die Alte winkte mit der Hand, da fiel ein Regen. Aber das war kein Goldregen, das war ein böser Stoff; davon wurde sie noch häßlicher, als zuvor. »Geh’,« rief die Alte, »geh’!« und im Augenblick (= Moment) war sie wieder oben im alten Garten, bei dem Brunnen vor ihrem Hause.

Anna: Bitte, Herr Meister, erzählen (= sprechen) Sie noch mehr.

Herr Meister: Die Erzählung (ich erzähle, die Erzählung) ist zu Ende. Mehr weiß ich nicht.

Otto: Die Erzählung ist sehr schön. Ich habe sie (= die Erzählung) oft und gern in Grimms »Märchenbuch« gelesen.

Anna: Was für ein Buch ist das?

Herr Meister: Ein Märchenbuch ist ein Buch mit Märchen; und ein Märchen ist eine Erzählung, wie diese von Frau Holle.

Anna: Sind viele Märchen in diesem Buche von Grimm?

Herr Meister: Ja, sehr viele, und die meisten (viel, mehr, am meisten) sind schön. Die beiden Brüder, Jakob Grimm und Wilhelm Grimm, haben uns die meisten Märchen und die schönsten Märchen gegeben.


Louis: Leben die Brüder Grimm noch?

Herr Meister: Nein, beide sind tot. Jakob Ludwig Grimm wurde am 4. Januar 1785 geboren und starb am 20. September 1863. Er war nicht verheiratet. Sein Bruder Wilhelm Karl Grimm wurde am 24. Februar 1786 geboren und starb am 16. Dezember 1859. Sie waren sehr gelehrt, das ist, sie hatten sehr viel gelernt. Ich spreche gern von den Brüdern Grimm. Beide waren gute Menschen, große gelehrte, brave Charaktere und liebten (ich liebe, ich liebte, ich habe geliebt) sich so sehr, wie Sie es thun, Louis und Otto. Sie wissen (ich weiß, Sie wissen) es ist nicht oft, daß Brüder und Schwestern sich lieben. Sie haben das auch in unserem Märchen gesehen. Wilhelm war der jüngere Bruder, und Jakob der ältere. Jakob war Professor an der Universität in Göttingen, und der jüngere half ihm bei seinen Werken.

Louis: »Half«? Das verstehe ich nicht.

Otto: Darf ich es meinem Bruder erklären (= klar machen), Herr Meister?

Herr Meister: Gewiß.

Otto: Wenn du in deinem Garten arbeitest, so komme ich oft und arbeite mit dir, — ich helfe dir; denn du bist mein guter Bruder, verstehst du? — und Brüder und Schwestern müssen einander helfen. Die reichen Leute sollten den Armen in der Not helfen, und die guten Menschen thun es auch, und Gott hilft allen guten Menschen, den reichen und den armen. Ich will dir ein gutes Wort geben:

Wenn die Not am höchsten,
Dann ist Gottes Hilfe am nächsten.

Bella: Hat Wilhelm Grimm seinem Bruder Jakob auch geholfen beim Schreiben von diesen Märchen?

Herr Meister: Es ist besser zu sagen: »Beim Schreiben dieser Märchen.« Ja, er hat ihm (= seinem Bruder Jakob) geholfen beim Schreiben dieser Märchen und auch beim Schreiben anderer Bücher. Die Brüder Grimm haben viele kostbare Werke geschrieben (ich schreibe, ich schrieb, ich habe geschrieben) über die deutsche Sprache. Einer von ihnen hätte das nicht allein thun können.

Bella: Herr Meister, ich habe mich schon oft gewundert (ich wundere mich, ich wunderte mich, ich habe mich gewundert), daß so viele deutsche Wörter wie englische Wörter lauten. Arm ist arm, Finger ist finger, Hand ist hand, grün ist green, braun ist brown, weiß ist white, sechs ist six, zehn ist ten, und.....

Louis: Und nose ist Nase, und Kuh ist cow, und horse ist Pferd, und.....

Otto: Nicht mehr, Louis; bitte, bitte.

Herr Meister: Ja, sehr viele Wörter sind im Englischen, wie im Deutschen. Ich will Ihnen erklären, wie das kommt. Sie wissen, meine Freunde, viele Deutsche kommen aus Deutschland hierher nach Amerika. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie viele Millionen hier sind. Viele Deutsche wandern auch aus ihrer Heimat (= ihrem Hause in Deutschland) nach Australien, denn Deutschland ist zu klein für die vielen Menschen. So ist es heute, und so war es immer. Im Jahre 449 wanderten (ich wandere, ich wanderte, ich bin gewandert) die Sachsen, — das waren Deutsche, — vom Norden Deutschlands nach Britannien und nahmen (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen) das Land. Britannien war nun in den Händen der Deutschen, und man sprach angelsächsisch, das ist: deutsch. Da kam im Jahre 1066 Wilhelm von der Normandie mit den Normannen (= Männern von der Normandie), nahm das Land und auch den Thron und war König von Britannien. Die Sprache des Königshauses war nun nicht mehr angelsächsisch, sie war französisch. So war es bis zum dreizehnten Jahrhundert, da sprach man auch wieder im Königshause angelsächsisch. Aber das Angelsächsische war nicht mehr die alte angelsächsische Sprache. Viele französische und viele lateinische Wörter waren in die Sprache gekommen. Angelsächsisch, Französisch und Lateinisch, — aus diesen drei Sprachen besteht die englische Sprache von heute. Fünf achtel (= 5⁄8) von allen Wörtern der englischen Sprache kommen aus dem Angelsächsischen, so sagt man. Darum, meine Freunde, ist die deutsche Sprache so leicht (= gut) und so schnell zu lernen von allen Personen, die Englisch sprechen; und die englische Sprache von allen, die Deutsch verstehen.


Anna: O, ich wünsche, die deutsche Sprache gut zu sprechen. Kann ich es lernen, Herr Meister?

Herr Meister: Gewiß, mein Fräulein. Die Amerikaner lernen besonders gut Deutsch. Oft habe ich amerikanische Damen und Herren gehört, die so gut Deutsch sprachen, wie Deutsche.

Otto: Ich hörte einmal Bayard Taylor Deutsch sprechen. Er spricht sehr gut.

Herr Meister: Es ist nicht lange her, da war ich mit meinen beiden Töchtern auf einem Balle. Ich saß (ich sitze, ich saß, ich habe gesessen) neben einem Herrn, und dieser sprach Deutsch mit mir. Ich antwortete (ich antworte, ich antwortete, ich habe geantwortet) ihm in deutscher Sprache. Zuletzt (= am Ende) fragte (ich frage, ich fragte, ich habe gefragt) ich ihn: »Aus welcher Stadt Deutschlands kommen Sie?« »Ich war nie in Deutschland, ich bin in Brooklyn geboren, ich bin ein Amerikaner; auch meine Eltern sind Amerikaner und verstehen kein Wort Deutsch. Deutsch habe ich hier gelernt.« So antwortete der Herr. Ich war voll Verwunderung. Auch Sie, meine Freunde, werden es so gut lernen. Sie haben schon viel gelernt und sprechen heute schon sehr gut.

Bella: Dafür müssen wir Ihnen danken, Herr Meister, und Ihnen, Otto.

Herr Meister: Und auch ich muß Ihnen meinen besten Dank hier sagen, Otto, und Ihnen auch mein bestes Kompliment machen. Für heute nicht mehr, ich sehe Sie morgen um zwölf Uhr wieder. Adieu!

Bella und Anna: Wir müssen auch nach Hause gehen.

Louis: Bitte, noch fünf Minuten! Ich habe hier ein deutsches..... was ist das, Otto?

Otto: Das? Das ist ein deutsches Lied von Mozart, »An den Mai.«

Louis: Bitte, Fräulein, singen Sie das Lied »An den Mai.« Hier ist ein Piano. Hier sind die Noten. So!

Bella: Ein Lied von Mozart? Ja, das will ich singen: Musik: An den Mai [V-2] [V-3]

Louis: O, das ist schön, das ist sehr schön! Ich danke Ihnen, Fräulein Bella.

Otto: Mein Fräulein, Sie haben das Lied wundervoll gesungen.

Anna: Das Lied will ich auch lernen.

Bella: Nun müssen wir nach Hause gehen. Adieu!

Louis: Adieu, meine Damen.

Otto: Auf Wiedersehen!

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