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Studien und Plaudereien. First Series

by Sigmon M. Stern

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XII

Otto: Meine Damen, wie befinden Sie sich (= wie sind Sie) heute nach der Gesellschaft?

Bella: Danke Ihnen, Otto, sehr wohl. Das war ein schöner Abend, nicht wahr, Louis?

Louis: Gewiß, mein Fräulein. Alles war wundervoll, und die Damen waren so reizend (= schön), besonders Sie, Fräulein Anna und Sie, Fräulein Bella, und Herrn Meisters Töchter Martha und Gretchen auch.

Otto: Mein Bruder Louis konnte lange, lange nicht einschlafen, und dann sprachst du noch im Traume vom Kotillon. Weißt du das, Louis?

Louis: So? Das kommt davon, weil ich noch gestern Abend nach dem Balle an meinen Bruder Albert geschrieben habe. Sehen Sie, meine Damen, hier ist der Brief.

Anna: Haben Sie Deutsch geschrieben?

Louis: O gewiß!

Bella: Wollen Sie Ihren Brief nicht vorlesen?

Louis: Mit Vergnügen. Bis Herr Meister kommt,[XII-1] bin ich hoffentlich damit zu Ende.

Louis (liest):

»Teurer Albert!

Deine beiden deutschen Briefe habe ich erhalten, ich habe sie gelesen und verstanden. O, ich wünsche, ich könnte auch so gut Deutsch schreiben, wie Du. Ich studiere jeden Tag bei Herrn Meister und hoffe, die deutsche Sprache hier gut zu lernen; so gut, als wäre ich in Deutschland. Ich bedauere nur, daß Herr Meister morgen von uns geht und einen Monat oder auch zwei nicht in der Stadt sein wird. Ich liebe und bewundere ihn und glaube, er ist mir so gut, wie ich ihm bin. Vor einer halben Stunde kam ich aus seinem Hause. Da war große Gesellschaft. Viele interessante Personen habe ich gesehen, viele gelehrte Herren, Doktoren, Journalisten, Schriftsteller und Schriftstellerinnen, und von der Schönheit der Damen waren meine Augen fast geblendet. Ich möchte Dir über alles schreiben, aber wo soll ich beginnen? wo enden? Über einen Tanz muß ich Dir doch schreiben, einen Tanz, der mir sehr gut gefallen hat. Es ist der Kotillon.

Es war Mitternacht, genau zwölf Uhr, da brachten die Diener einen Tisch in die Mitte des Saales. Auf dem Tische sah ich Blumen, Blumensträuße (= Bouquets), Medaillons, Früchte und noch viele, viele andere Dinge; ich konnte nicht alles übersehen. Die Diener stellten dann Stühle in einem weiten Zirkel um den Tisch. Damen und Herren setzten sich. Bruder Otto saß neben Bella, und ich neben Anna. Die Musik begann einen Walzer zu spielen, und ein Herr Dr. Stellen aus Köln eröffnete mit Fräulein Martha Meister den Kotillon. Sie tanzten eine Runde. O, da hättest Du Fräulein Martha sehen sollen! Welche Grazie! Welche Schönheit! Alle bewunderten sie, und ich weiß, mein lieber Albert, sie hätte Dir auch gefallen. Als sie an den Tisch kamen, nahm Herr Dr. Stellen einen Lilienstrauß und gab ihn Fräulein Martha, dafür gab (ich gebe, ich gab, ich habe gegeben) sie ihm ein Medaillon. Sie tanzten wieder eine Runde durch den Saal und setzten sich. Nun stand mein Bruder Otto auf und tanzte auch; tanzte bis an den Tisch und gab in die Hand seiner Freundin Bella einen Spiegel (= Glas). Otto brachte (ich bringe, ich brachte, ich habe gebracht) dann sechs Herren an den Tisch. Diese stellten sich hinter Fräulein Bella, so daß Fräulein Bella sie (= die sechs Herren) in dem Spiegel sah, und wenn Fräulein Bella mit der Hand nach der rechten Seite winkte, so setzte sich ein Herr auf einen Stuhl zur rechten Seite: und wenn Fräulein Bella nach der linken Seite winkte, so mußte sich ein Herr auf einen Stuhl zur Linken setzen. So, nun saßen alle Herren, und Fräulein Bella engagierte mich zu einem Tanze. Welche Ehre für mich! Die Herren auf der rechten Seite engagierten nun Damen und tanzten. Die Herren auf der linken Seite aber mußten auf ihrem Stuhle sitzen, bis wir zu Ende waren; o, die armen, armen Menschen! Fräulein Anna, meine Freundin, hat sehr viel getanzt; ich fürchte, zu viel; sie tanzt sehr gut und sehr schön. Der Kotillon dauerte zwei Stunden, aber immer war er interessant, immer kam etwas Neues, immer eine andere Form. Herr Meister hat alles sehr schön geordnet. Du mußt mich, mein lieber Albert, entschuldigen. Ich will schließen, denn ich bin müde. Ich schreibe Dir bald mehr, vielleicht morgen. Für heute sage ich Dir gute Nacht, schlafe wohl — und denke oft an Deinen Bruder

Louis.«

Bella: Aber, Louis, Sie schreiben ja einen sehr guten Brief.

Otto: Unser Bruder Albert hat gewiß schon oft den Kotillon gesehen; in Deutschland wird der Kotillon viel getanzt und.....

Anna: Da kommt Herr Meister.


Herr Meister: Guten Tag, meine Freunde. Wollen Sie gütigst entschuldigen, daß ich so spät komme?

Louis: Wir glaubten (= dachten), Sie wären nicht wohl und könnten nicht kommen.

Herr Meister: Nein, mein lieber Louis; ich bin wohl und bin glücklich, weil alle in meinem Hause gestern so glücklich waren.

Anna: Ja, glücklich waren wir alle, und es war bis heute der schönste Abend in meinem Leben, ich werde noch lange, lange an ihn denken.

Bella: Herr Meister, ich bin ein wenig neugierig, ich möchte sehr gern wissen, warum Sie heute so spät kommen. Es ist dieses die letzte Stunde für lange Zeit, und gewiß..... Ah, Sie lächeln — gewiß, gewiß, Sie haben einen Grund.

Herr Meister: Wohl gesprochen, mein liebes Fräulein. Erraten Sie, erraten Sie: Warum komme ich spät?

Bella: Warum Sie spät kommen, ja, das weiß ich nicht, ich kann nicht raten, Herr Meister, heute nicht; gewiß, ich kann nicht.

Otto: Ich vermute (= denke), das kleine Paket in Ihrer Hand ist der Grund Ihres Spätkommens.

Herr Meister: Erraten! Sie haben es erraten, Otto.

Louis: Und was ist darin, Herr Meister?

Herr Meister: Nun, sind auch Sie neugierig, Louis?

Anna: Sagen Sie es, Herr Meister, bitte, bitte!

Herr Meister: O, nein, nein, noch nicht.

Bella: Ah, Herr Meister, Sie sind heute in sehr guter Laune.

Herr Meister: Ja, meine Lieben, das bin ich, und wie könnte ich anders sein! Monate lang komme ich zu Ihnen, oft zwei Mal an einem Tage, und spreche mit Ihnen in meiner Muttersprache, und.....

Louis: O, ich liebe Ihre Muttersprache, Herr Meister!

Herr Meister:..... und wir sind die besten Freunde geworden.

Louis: Ja, Herr Meister, das sind wir geworden.

Herr Meister: Und wissen Sie auch, was das heißt (= ist): »Wir sind Freunde«? Wissen Sie, was es heißt: »Ich habe einen Freund. Ich habe einen Freund, der fühlt, wie ich, — einen Freund, der mir gehört«? Muß dieser Gedanke uns nicht glücklich machen? Und welche Wunder thut dieser Gedanke! Die Freude fühlen wir doppelt, das Leid nur halb. Ich bitte, lassen Sie mich zum Ende noch wenige Worte sprechen.

Bella: O, bitte, Herr Meister, sprechen Sie noch recht viel! Ich höre Sie so gerne Deutsch sprechen, es klingt so musikalisch.

Herr Meister: Sie haben recht, mein Fräulein. Deutsch, schön gesprochen, klingt musikalisch. Freundschaft! Die Freundschaft und die Liebe zu allem, was groß ist und gut und schön, macht uns selbst gut, groß, schön, und stark, das Größte zu thun. Freundschaft und Liebe ist überall in der Natur. Kommen Sie mit mir, meine teuren Freunde, in das Feld. Früh am Sommermorgen, wenn die Sonne den Tau von Gras und Blumen küßt, — o sehen Sie dann, sehen Sie wie diese Blumen alle lächeln; hören Sie nur, wie diese Bäume wispern in stiller Freude, und wie die Vögel singen, und die Insekten so fröhlich summen, so froh!

Sie alle freuen sich, sie alle sind glücklich, denn die Sonne sendet ihre Strahlen. Das ist Freundschaft zwischen Sonne und Erde, und in dieser Freundschaft zwischen Sonne und Erde wird alles groß und reif. In dem Wald! Wie kühl, wie frisch! Alles ist so still, ich höre nur das Murmeln des klaren Baches. Kommt, dieser Bach ist nicht sehr tief, wir wollen springen von einem Stein zum andern bis auf jenen großen dort in seiner Mitte. Da wollen wir ruhen. Wie schön, o wie schön ist es hier! Sehen Sie auf der einen Seite des Baches, auf jenem Busche da, das Nest? O, seht, die grünen Blätter bedecken es ein wenig. Konnte die Liebe einen schöneren Platz finden als diesen? Still, still, nun kommt die Mutter; o sehen Sie, die Kleinen öffnen den Mund; nun legt die Mutter ihnen Körner hinein. So, jetzt haben sie alle. Nun fliegt die Mutter wieder fort; — sie kommt wieder, o wie die Jungen sich freuen! O, die kleinen, kleinen lieben Vögel! Hier stehe ich, wundere mich und freue mich. Wie warm muß das kleine Herz der Mutter fühlen für ihre Kinder! Das, das ist Mutterliebe.....

Louis: Bitte, Herr Meister, vergessen Sie nicht, von dem Pakete in Ihrer Hand zu sprechen.

Bella: Louis! Sie sind sehr ungeduldig!

Herr Meister: Es war gut, Louis, daß Sie von dem Pakete sprachen, ich hätte es vergessen. Ich habe Ihnen noch so viel zu sagen, Fräulein Bella, aber wir sehen uns ja wieder, nicht wahr? und ich hoffe, bald. Damit Sie aber oft an diese schönen Stunden denken, habe ich Ihnen dieses mitgebracht. Ich öffne nun das Paket hier.

Anna: O, wie schön!

Herr Meister: Dieses Buch ist für Sie, Fräulein Bella.

Bella: Ich danke Ihnen aus vollem Herzen, Herr Meister. »Goethes Gedichte.« Wie schön! Und Sie haben auch etwas geschrieben: »Zum Andenken schöner Stunden.«

Herr Meister: Dieses Buch, Fräulein Anna, ist für Sie.

Anna: Ich danke Ihnen viel, vielmal, Herr Meister. »Schillers Gedichte«! — und hier steht: »Denken Sie oft an Ihren Freund W. Meister.« O, wie schön das ist, und wie glücklich ich bin!

Herr Meister: Dieses Buch ist für Sie, mein lieber Louis, lesen Sie?

Louis: »Märchen von Grimm.« O, Herr Meister! Darüber freue ich mich aber sehr! »Dornröschen,« — hier ist »Dornröschen,« Otto, und hier »Aschenputtel,« und hier....., sieh, Otto, o sieh!

Bella: Louis’ Freude ist so groß, das er vergißt (ich vergesse, er vergißt), Herrn Meister zu danken.

Louis: O, Herr Meister, ich danke Ihnen recht herzlich!

Herr Meister: Und für Sie, Freund Otto, habe ich einen Roman von Paul Heyse: »Die Kinder der Welt.«

Otto: Von Paul Heyse und von »Kinder der Welt« habe ich schon so viel gehört. Herr Meister, ich danke Ihnen für Ihre Güte!

Anna: Kann ich wohl die Gedichte von Schiller verstehen, Herr Meister?

Herr Meister: Nicht alle, mein Fräulein, aber viele. Sehen Sie, hier ist ein wundervolles Gedicht: »Die Bürgschaft.« Das müssen Sie lesen, ich will Ihnen ein wenig davon erzählen.

Alle: Ja, thun Sie das, Herr Meister.


Herr Meister: Syrakus war eine Republik, aber Dionys hatte sich zum König gemacht; darum wollte Damon ihn töten und ging mit einem Dolche in den Palast des Königs. Aber des Königs Männer sahen ihn und brachten ihn gebunden (binden, gebunden) vor den König. Der König sprach: »Du mußt sterben.« »So will ich sterben,« sagte Damon. »Ich mag nicht leben unter einem König, ich mag nicht leben in einer Monarchie. Frei will ich leben und frei sterben. Doch, — ich bitte dich, o König, gieb mir nur drei Tage Zeit zum Leben, daß ich erst für meine Schwester sorgen und ihr einen Gatten (= Mann) geben kann. Ich komme wieder nach drei Tagen. Mein Freund wird dir so lange bleiben.« Der König aber dachte eine Weile, lächelte und sprach: »Drei Tage will ich dir Freiheit geben und Leben, so du den Freund mir bringst. Doch kommst du nicht wieder zur Zeit, dann muß der Freund für dich sterben, — du aber gehst frei.«

Damon kam zum Freunde und sagte ihm alles und fragte ihn dann: »Willst du, o Freund, für mich zum König gehen und bleiben bis ich wieder komme?« Und der Freund sprach kein Wort, umarmte ihn und ging zum Könige. Damon aber ging zur Schwester und sorgte für sie.

Und am dritten Morgen, früh, ging Damon vom Hause der Schwester auf den Weg nach Syrakus. Aber es hatte lange geregnet (es regnet, es regnete, es hat geregnet), und es regnete noch immer, und der Regen wurde stärker und stärker (stark, stärker). So kam Damon an den Strom, aber das Wasser war wild und stark und hatte die Brücke hinweggerissen, und da war auch kein Schiffer, und da war kein Boot, ihn über das Wasser zu bringen. Und auf und ab ging er am Ufer und rief laut nach einem Schiffer. Aber kein Schiffer kam. Da sank (ich sinke, ich sank, ich bin gesunken) er auf die Kniee und rief zu seinem Gott: »O, sende mir Hilfe, sende mir Hilfe, mein Gott! Es ist ja schon Mittag, und wenn die Sonne niedergeht und ich bin nicht in der Stadt, so muß der teure, teure Freund für mich sterben.« Aber Hilfe kam nicht, der Strom ward wilder. Damon denkt an den Freund und springt in den Strom und schwimmt und kommt an das andere Ufer und eilt weiter und dankt Gott und kommt in einen dunklen Wald. Da kamen Räuber auf ihn zu. Er aber tötet (Tod, tötet) drei von ihnen mit einem Schlage. Das sehen die anderen, fürchten sich und rennen fort.

Damon aber kann nicht mehr stehen, er sinkt zur Erde vor Durst, denn die Sonne schien (scheinen, schien) heiß. Und wieder betete er zu Gott: »O, Gott! Du hast mich gerettet aus den Händen der Räuber, du hast mich gerettet aus dem wilden Strome! Soll ich hier nun sterben vor Durst?« Aber da hörte er nahe bei sich Wasser rinnen aus einer Quelle. Er trinkt, er wird frisch und eilt weiter.

Nun ist es spät am Tage. Zwei Männer sieht er. Die kommen von Syrakus, und er hörte sie sagen: »Jetzt schlagen sie ihn ans Kreuz.« Sie sprachen von seinem Freunde, und er eilte noch mehr, — weiter, weiter. Es ist Abend, und da ist er vor der Stadt. Da kommt sein Diener und ruft: »Zurück, Herr! du kommst zu spät. Soeben (= in dieser Minute) töten sie deinen Freund. Der König hatte den Freund verlacht, aber der Freund wußte, du würdest kommen.« Da rief Damon: »Und ist es zu spät, und kann ich den Freund nicht mehr retten, so will ich mit ihm sterben!«

So ruft er und eilt in die Stadt. Da will man eben den Freund ans Kreuz schlagen. Damon aber ruft: »Haltet! Haltet! Hier bin ich; ich, Damon, bin hier. Hier bin ich!«

Die beiden Freunde umarmen sich und weinen vor Freude und vor Schmerzen (= Leid); und die Tausende von Menschen, sie alle, die da stehen, sie weinen. Und der König hört das Wunderbare, und man führt (= bringt) die beiden Freunde vor ihn. Er sieht (ich sehe, er sieht) sie lange, lange an. Dann sagt er: »Ich sehe, — ja, ich sehe — es giebt (= es sind) Freunde in der Welt. Ich bitte euch, nehmet auch mich zu eurem Freunde!«

Louis: Ist das das Ende?

Bella: Herr Meister, das ist sehr, sehr schön.

Anna: Ja, das ist schön.

Louis: Damon war ein guter Mensch.

Otto: Und sein Freund auch.

Herr Meister: Ich freue mich, daß Ihnen »die Bürgschaft« gefällt. Sie werden noch viel, viel schönes in Ihren Büchern finden. Lesen Sie, meine Freunde, lesen Sie! So, nun muß ich Ihnen auf lange Zeit Adieu sagen. Leben Sie wohl, meine Freunde!

Otto: Leben Sie wohl, Herr Meister!

Louis: Leben Sie wohl!

Anna: Adieu, Herr Meister!

Bella: Reisen Sie mit Gott!

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