Gedichte
Gefunden
Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.
Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.
Ich wollt’ es brechen,
Da sagt’ es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?
Ich grub’s mit allen
Den Würzlein aus,
Zum Garten trug ich’s
Am hübschen Haus.
Und pflanzt’ es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.
Goethe.
Leise zieht durch mein Gemüt
Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute,
Klinge, kleines Frühlingslied,
Kling’ hinaus ins Weite.
Kling’ hinaus bis an das Haus,
Wo die Blumen sprießen.
Wenn du eine Rose schaust,
Sag’ ich lass’ sie grüßen.
Heine.
Des Knaben Berglied
Ich bin vom Berg der Hirtenknab’
Seh’ auf die Schlösser all herab;
Die Sonne strahlt am ersten hier,
Am längsten weilet sie bei mir;
Ich bin der Knab’ vom Berge!
Hier ist des Stromes Mutterhaus,
Ich trink’ ihn frisch vom Stein heraus;
Er braust vom Fels im wilden Lauf,
Ich fang ihn mit den Armen auf;
Ich bin der Knab’ vom Berge!
Der Berg, der ist mein Eigentum
Da ziehn die Stürme rings herum;
Und heulen sie von Nord und Süd,
So überschallt sie doch mein Lied:
Ich bin der Knab’ vom Berge!
Und wann die Sturmglock’ einst erschallt,
Manch Feuer auf den Bergen wallt,
Dann steig’ ich nieder, tret’ ins Glied
Und schwing’ mein Schwert und sing’ mein Lied:
Ich bin der Knab’ vom Berge!
Uhland.
Der gute Kamerad
Ich hatt’ einen Kameraden,
Einen bessern findst du nit.
Die Trommel schlug zum Streite,
Er ging an meiner Seite,
In gleichem Schritt und Tritt.
Eine Kugel kam geflogen:
Gilt’s mir oder gilt es dir?
Ihn hat es weggerissen;
Er liegt mir zu den Füßen,
Als wär’s ein Stück von mir.
Will mir die Hand noch reichen,
Derweil ich eben lad’;
»Kann dir die Hand nicht geben,
Bleib’ du im ew’gen Leben,
Mein guter Kamerad!«
Uhland.
Schäfers Sonntagslied
Das ist der Tag des Herrn.
Ich bin allein auf weiter Flur;
Noch eine Morgenglocke nur:
Nun Stille nah und fern.
Anbetend knie’ ich hier.
O süßes Graun, geheimes Wehn!
Als knieten viele ungesehn
Und beteten mit mir.
Der Himmel nah und fern,
Er ist so klar und feierlich,
So ganz, als wollt’ er öffnen sich.
Das ist der Tag des Herrn.
Uhland.
Zur Nacht
Gute Nacht!
Allen Müden sei’s gebracht.
Neigt der Tag sich still zu Ende,
Ruhen alle fleiß’gen Hände,
Bis der Morgen nun erwacht.
Gute Nacht!
Geht zur Ruh,
Schließt die müden Augen zu!
Stiller wird es auf den Straßen,
Und den Wächter hört man blaßen;
Und die Nacht ruft allen zu:
Geht zur Ruh!
Schlummert süß,
Träumt euch euer Paradies!
Wenn die Liebe raubt den Frieden,
Sei ein schöner Traum beschieden,
Als ob Liebchen ihn begrüß’.
Schlummert süß!
Gute Nacht!
Schlummert, bis der Tag erwacht,
Schlummert, bis der neue Morgen
Kommt mit seinen neuen Sorgen,
Ohne Furcht, der Vater wacht.
Gute Nacht!
Theodor Körner.
Wanderschaft
Das Wandern ist des Müllers Lust,
Das Wandern!
Das muß ein schlechter Müller sein,
Dem niemals fiel das Wandern ein,
Das Wandern.
Vom Wasser haben wir’s gelernt,
Vom Wasser!
Das hat nicht Rast bei Tag und Nacht,
Ist stets auf Wanderschaft bedacht,
Das Wasser.
Das sehn wir auch den Rädern ab,
Den Rädern!
Die gar nicht gerne stille stehn,
Die sich mein Tag nicht müde drehn,
Die Räder.
Die Steine selbst, so schwer sie sind,
Die Steine!
Sie tanzen mit den muntern Reihn
Und wollen gar noch schneller sein,
Die Steine.
O Wandern, Wandern, meine Lust!
O Wandern!
Herr Meister und Frau Meisterin,
Laß mich im Frieden weiter ziehn
Und wandern.
Der Hirtenknabe
König ist der Hirtenknabe,
Grüner Hügel ist sein Thron;
Über seinem Haupt die Sonne
Ist die große goldne Kron’.
Ihm zu Füßen liegen Schafe,
Weiche Schmeichler, rotbekreuzt;
Kavaliere sind die Kälber,
Und sie wandern stolzgespreizt.
Hofschauspieler sind die Böcklein;
Und die Vögel und die Küh’,
Mit den Flöten, mit den Glöcklein,
Sind die Kammermusici.
Und das klingt und singt so lieblich,
Und so lieblich rauschen drein
Wasserfall und Tannenbäume,
Und der König schlummert ein.
Unterdessen muß regieren
Der Minister, jener Hund,
Dessen knurriges Gebelle
Wiederhallet in der Rund’.
Schläfrig lallt der junge König:
Das Regieren ist so schwer;
Ach, ich wollt’, daß ich zu Hause
Schon bei meiner Kön’gin wär’!
In den Armen meiner Kön’gin
Ruht mein Königshaupt so weich,
Und in ihren schönen Augen
Liegt mein unermeßlich Reich!
Heine.
Siegfrieds Schwert
Jung Siegfried war ein stolzer Knab’,
Ging von des Vaters Burg herab.
Wollt’ rasten nicht in Vaters Haus,
Wollt’ wandern in die Welt hinaus.
Begegnet’ ihm manch Ritter wert
Mit festem Schild und breitem Schwert.
Siegfried nur einen Stecken trug,
Das war ihm bitter und leid genug.
Und als er ging im finstern Wald,
Kam er zu einer Schmiede bald.
Da sah er Eisen und Stahl genug,
Ein lustig Feuer Flammen schlug.
»O Meister, liebster Meister mein,
Laß’ du mich deinen Gesellen sein,
Und lehr’ du mich mit Fleiß und Acht,
Wie man die guten Schwerter macht!«
Siegfried den Hammer wohl schwingen könnt’,
Er schlug den Amboß in den Grund.
Er schlug, daß weit der Wald erklang,
Und alles Eisen in Stücke sprang.
Und von der letzten Eisenstang’
Macht er ein Schwert so breit und lang:
»Nun hab’ ich geschmiedet ein gutes Schwert,
Nun bin ich wie andre Ritter wert.
Nun schlag’ ich, wie ein andrer Held,
Die Riesen und Drachen in Wald und Feld.«
Uhland.
Barbarossa
Der alte Barbarossa,
Der Kaiser Friederich,
Im unterird’schen Schlosse
Hält er verzaubert sich.
Er ist niemals gestorben,
Er lebt darin noch jetzt;
Er hat, im Schloß verborgen,
Zum Schlaf sich hingesetzt.
Er hat hinabgenommen
Des Reiches Herrlichkeit
Und wird einst wiederkommen
Mit ihr zu seiner Zeit.
Der Stuhl ist elfenbeinern,
Darauf der Kaiser sitzt;
Der Tisch ist marmorsteinern,
Worauf sein Haupt er stützt.
Sein Bart ist nicht von Flachse,
Er ist von Feuersglut,
Ist durch den Tisch gewachsen,
Worauf sein Kinn ausruht.
Er nickt als wie im Traume,
Sein Aug’ halb offen zwinkt;
Und je nach langem Raume
Er einem Knaben winkt.[G-2]
Er spricht im Schlaf zum Knaben:
Geh’ hin vors Schloß, o Zwerg,
Und sieh, ob noch die Raben
Herfliegen um den Berg.
Und wenn die alten Raben
Noch fliegen immerdar,
So muß ich auch noch schlafen
Bezaubert hundert Jahr’.
Rückert.
Lied des Fischerknaben
Es lächelt der See, er ladet zum Bade,
Der Knabe schlief ein am grünen Gestade.
Da hört er ein Klingen,
Wie Flöten so süß,
Wie Stimmen der Engel
Im Paradies.
Und wie er erwachet in seliger Lust,
Da spülen die Wasser ihm um die Brust,
Und es ruft aus den Tiefen:
Lieb Knabe, bist mein!
Ich locke den Schläfer,
Ich zieh’ ihn herein.
Aus Schillers Wilhelm Tell.
Der Fischer
Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor;
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.
Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
»Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut?
Ach, wüßtest du, wie’s Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist
Und würdest erst gesund.
»Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
Das feuchtverklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ew’gen Tau?«
Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll,
Netzt’ ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll,
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war’s um ihn geschehn:
Halb zog sie ihn, halb sank er hin,
Und ward nicht mehr gesehn.
Goethe.
Erlkönig
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.
Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? —
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron’ und Schweif?
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. —
»Du liebes Kind, komm, geh’ mit mir!
Gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand;
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.«
Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? —
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind. —
»Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn,
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.«
Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort? —
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’ es genau;
Es scheinen die alten Weiden so grau. —
»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.«
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids gethan. —
Dem Vater grauset’s, er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Müh und Not,
In seinen Armen das Kind war tot.
Goethe.
Das Mädchen aus der Fremde
In einem Thal bei armen Hirten
Erschien mit jedem jungen Jahr,
Sobald die ersten Lerchen schwirrten
Ein Mädchen, schön und wunderbar.
Sie war nicht in dem Thal geboren,
Man wußte nicht, woher sie kam,
Und schnell war ihre Spur verloren,
Sobald das Mädchen Abschied nahm.
Beseligend war ihre Nähe,
Und alle Herzen wurden weit;
Doch eine Würde, eine Höhe
Entfernte die Vertraulichkeit.
Sie brachte Blumen mit und Früchte,
Gereift auf einer andern Flur,
In einem andern Sonnenlichte,
In einer glücklichern Natur.
Und teilte jedem eine Gabe,
Dem Früchte, jenem Blumen aus;
Der Jüngling und der Greis am Stabe,
Ein jeder ging beschenkt nach Haus.
Willkommen waren alle Gäste;
Doch nahte sich ein liebend Paar,
Dem reichte sie der Gaben beste,
Der Blumen allerschönste dar.
Schiller.
Der Glücksvogel
Es fliegt ein Vogel in dem Hain,
Und singt und lockt: Man soll’ ihn fangen.
Es fliegt ein Vogel in dem Hain,
Aus dem Hain in den Wald, in die Welt hinein,
In die Welt und über die See.
Und könnte wer den Vogel fangen,
Der würde frei von aller Pein,
Von aller Pein und Weh!
Es fliegt der Vogel in dem Hain,
»O, könnt’ ich mir den Vogel fangen!«
Es fliegt der Vogel in dem Hain,
Aus dem Hain in den Wald, in die Welt hinein,
In die Welt und über die See.
»O, könnt’ ich mir den Vogel fangen,
So würd’ ich frei von aller Pein,
Von aller Pein und Weh!«
Der Knabe lief wohl in den Hain,
»Ich will den schönen Vogel fangen.«
Der Vogel flog wohl aus dem Hain,
Aus dem Hain in den Wald, in die Welt hinein,
In die Welt und über die See.
Und hat der Knab’ ihn erst gefangen,
So wird er frei von aller Pein,
Von aller Pein und Weh!
Adelbert von Chamisso.
Warnung vor dem Rhein
An den Rhein, an den Rhein, zieh’ nicht an den Rhein,
Mein Sohn, ich rate dir gut!
Da geht dir das Leben zu lieblich ein,
Da blüht dir zu freudig der Mut.
Siehst die Mädchen so frank und die Männer so frei,
Als wär’ es ein adlig Geschlecht:
Gleich bist du mit glühender Seele dabei,
So dünkt es dich billig und recht.
Und zu Schiffe, wie grüßen die Burgen so schön,
Und die Stadt mit dem ewigen Dom!
In den Bergen, wie klimmst du zu schwindelnder Höhe
Und blickst hinab in den Strom!
Und im Strome, da tauchet die Nix’ aus dem Grund,
Und hast du ihr Lächeln gesehn,
Und grüßt dich die Lurlei mit bleichem Mund,
Mein Sohn, so ist es geschehn.
Dich bezaubert der Laut, dich bethört der Schein,
Entzücken faßt dich und Graun:
Nun singst du immer: Am Rhein, am Rhein,
Und kehrst nicht wieder nach Haus.
Karl Simrock.
Alt Heidelberg, du feine
Alt Heidelberg, du feine,
Du Stadt an Ehren reich,
Am Neckar und am Rheine
Kein’ andre kommt dir gleich.
Stadt fröhlicher Gesellen,
An Weisheit schwer und Wein,
Klar ziehn des Stromes Wellen,
Blauäuglein blicken drein.
Und kommt aus lindem Süden
Der Frühling übers Land,
So webt er dir aus Blüten
Ein schimmernd Brautgewand.
Auch mir stehst du geschrieben
Ins Herz, gleich einer Braut,
Es klingt wie junges Lieben
Dein Name mir so traut.
Und stechen mich die Dornen,
Und wird mir’s drauß zu kahl,
Geb’ ich dem Roß die Spornen
Und reit’ ins Neckarthal.
Jos. Victor Scheffel.