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Studien und Plaudereien. First Series

by Sigmon M. Stern

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IX

Bella: Als wir gestern Abend nach Hause kamen, fanden wir Ihre Visitenkarten, Otto und Louis. Wir bedauerten sehr, Ihren angenehmen (= lieben) Besuch verfehlt zu haben.

Otto: Ja, meine Damen, wir waren gestern Nachmittag bei Ihnen, um Sie einzuladen, mit uns in den Park zum Schlittschuhlaufen zu gehen.

Louis: Ach, das Eis ist wunderschön, nicht wahr, Otto? Wir trafen (= ich finde, ich treffe, ich traf, ich habe getroffen) auch Ihre beiden Töchter dort, Herr Meister, und wir hatten viel Vergnügen.

Herr Meister: Ja, so erzählten mir meine Töchter; ich hörte sie auch zu ihrer Mutter sprechen: »Mama, die jungen Herrn Parks und ihre Freundinnen müssen auch zu unserm Balle kommen, nicht wahr, Mama? Die jungen Herren sind allerliebst.« Nun, meine Freunde und Freundinnen, müssen Sie sich nicht wundern, wenn Sie bald eine Einladung erhalten. Aber Sie dürfen (= müssen) meinen Töchtern nicht sagen, daß ich Ihnen alles zuvor verraten habe.

Louis: O, gewiß nicht, Herr Meister, aber ich verstand nicht alles, was Sie gesagt haben. Sie sagten: »Sie werden eine Einladung erhalten.« Was ist das?

Herr Meister: Sie werden bald ein kleines Billet erhalten, mit den Worten:

»Herr und Frau Meister senden ihre besten Empfehlungen und bitten Herrn Louis Parks, ihnen das Vergnügen zu machen, Mittwoch, den 10ten Dezember zu ihrer Abendgesellschaft zu erscheinen (= kommen).

New York, den 3ten Dezember 1878.
U. A. w. g.«

Sie werden nun verstehen, daß wir uns freuen werden, Sie in unserem Hause zu sehen.

Louis: Ich danke Ihnen, Herr Meister, das verstehe ich sehr gut, aber was bedeutet das Wort »allerliebst«?

Herr Meister: »Allerliebst,« das ist ein Wort, das junge Damen sehr oft brauchen, wenn sie sagen wollen: »Das ist schön.«

Otto: Und was bedeuten die letzten Buchstaben: »U. A. w. g.«?

Herr Meister: (»U.«) Um (»A.«) Antwort (»w.«) wird (»g.«) gebeten.

Anna: Das heißt: Sie wünschen Antwort?

Herr Meister: Ja wohl, mein Fräulein. Aber junge Damen lesen es nicht so, sie sagen dafür:

»Und« »abends« »wird« »getanzt.«

Anna: Ah, das ist sehr schön!

Bella: Aber das ist nicht die rechte Bedeutung.

Herr Meister: Nein, und ältere Herren sagen: »Und« »abends« »wird« »getrunken« (ich trinke Wein).

Bella: Und was sagen die älteren Damen?

Herr Meister: »U. A. w. g.« Und abends wird geplaudert (= gesprochen).

Bella: Das sind sehr feine Erklärungen, Herr Meister, aber ich wollte Sie noch fragen: Wird auch der Kotillon bei Ihnen getanzt werden?

Herr Meister: Ich glaube[IX-1] es, mein Fräulein.

Louis: Ist »Kotillon« ein Tanz?

Anna: O, Louis! Das wissen Sie nicht? Der Kotillon ist ein sehr schöner Tanz, nicht wahr, Bella?

Bella: Gewiß, Louis. Der Kotillon ist mein liebster Tanz, und ich weiß, er wird auch Ihnen gut gefallen.

Louis: Wo waren Sie gestern Nachmittag, Fräulein Anna?

Anna: Ah, Louis ist neugierig!

Louis: Neugierig, ich bin neugierig, was meinen Sie damit?

Anna: Ich meine: Sie wollen gerne alles Neue wissen, aber ich sage es Ihnen nicht, mein geehrter Herr, erraten Sie, erraten Sie!

Louis: O, Fräulein Anna! Ich kann Sie ja nicht mehr verstehen, wo lernen Sie denn alle diese neuen Wörter, die ich nie gehört habe, »erraten Sie,« ich weiß nicht, was Sie meinen.

Anna: »Erraten Sie,« das ist: »denken Sie,« »finden Sie,« und sagen Sie mir, wo ich gestern Nachmittag war, und wenn Sie das erraten haben, so werden Sie auch wissen, warum ich so viele neue Wörter weiß.

Louis: Sie waren im Park?

Anna: Nein, mein Herr!

Louis: Sie waren in Herrn Meisters Haus?

Anna: Nein, mein Herr!

Louis: Dann waren Sie bei Bellas Freundin, bei Frau Dr. Stellen im Hotel.

Anna: Das ist es, das ist es! geraten!

Otto: Da haben Sie gewiß viel Schönes gehört.

Bella: Wir erzählten der Frau Doktor alles, was wir bei Ihnen gehört hatten, Herr Meister, über die Königin Luise, und unsere Freundin sagte: »Sie war so gut, diese Königin Luise, so gut, wie ein Engel;« und dann sprach sie von ihrem (= Luisens) Marmorbilde im Mausoleum in Charlottenburg. Haben Sie es auch gesehen, Herr Meister?

Herr Meister: Ja wohl, mein Fräulein. Es sind nun viele Jahre, da ging ich an einem Nachmittag im Sommer von Berlin durch den Tiergarten und kam bald nach Charlottenburg in den königlichen Park. Ganz am Ende im Schatten der hohen Bäume stand eine Kapelle. Ich trat ein (ich trete ein, ich trat ein, ich bin eingetreten), ein mildes blaues Licht fiel auf eine Figur, die schlief so ruhig, so sanft auf ihrem Bette. Mir wurde selbst so wohl, so ruhig im Herzen, ich mußte die Hände falten und beten. Ich stand vor dem Marmorbild der Königin Luise. An ihrer linken Seite ist das Marmorbild ihres Gemahls, des Königs Friedrich Wilhelm III., ebenfalls (= auch) schlafend auf dem Bette. Beide Bilder sind von dem großen Künstler Rauch gemacht.


Louis: Anna, was hat Ihnen Ihre Freundin noch mehr gesagt?

Anna: Ah, Louis, Sie sind heute sehr neugierig.

Herr Meister: Entschuldigen Sie, mein Fräulein. Hier muß ich für meinen Freund Louis sprechen. Dieses Mal können Sie nicht sagen, daß Louis neugierig ist, er ist nicht neugierig, sondern wißbegierig. Louis möchte gern viel wissen, viel lernen; darum fragte er dieses Mal. Neugierde ist nicht gut, aber Wißbegierde ist gut.

Anna: Entschuldigen Sie mich, Louis. Bitte.

Louis: Wohl, ich will Sie entschuldigen, und ich will nicht böse mit Ihnen sein, wenn Sie alles erzählen wollen, was Sie gestern von Ihrer Freundin gehört haben.

Bella: Thue es, Anna.

Anna: Sehr gern. Unsere Freundin erzählte uns eine Geschichte, die mir sehr gut gefallen hat. Es ist die folgende Geschichte:

»Wer von den Rittern und Knappen will mir meinen goldenen Becher wieder bringen? Ich werfe ihn in dieses Meer.« So rief der König und warf den Becher in den wilden Ocean. Aber Ritter und Knappen waren still, und der König fragte wieder: »Ist keiner unter euch so mutig?« Die Ritter blieben still. Da kam einer von den Knappen; es war ein schöner Jüngling, er warf den Mantel ab und sprang in die Tiefe. Und alle, der König und die Ritter und die Edelfrauen sahen nach dem Wasser, und alle hofften, ihn wieder zu sehen. Und er kam wieder, und in der Hand hielt (ich halte, ich hielt, ich habe gehalten) er den Becher und gab ihn (= den Becher) dem Könige. Der füllte (ich fülle, ich füllte, ich habe gefüllt) ihn mit Wein. Der Knappe trank und rief: »Lange lebe der König! O, freut euch alle, daß ihr seid in dem wundervollen Lichte der Sonne, denn da unten in der Tiefe ist es fürchterlich! Ich sprang in das Meer und sank (ich sinke, ich sank, ich bin gesunken) tiefer und tiefer. Da sah ich Korallen; die erfaßte (ich erfasse, ich erfaßte, ich habe erfaßt) ich, und da hing ich. Da war auch der Becher, und um mich schwammen des Meeres Bewohner, die kleinen Fische und die großen. Da kam ein großer, schrecklicher Fisch auf mich zu; ich rief zu meinem Gotte um Hilfe, ließ die Koralle los, ein Wirbel erfaßte mich und brachte mich nach oben. So bin ich hier.«

Und der König sprach: »Der Becher ist dein, und diesen Ring gebe ich dir auch, wenn du wieder hinabspringst in das Meer, und mir sagst, was du sahest auf dem Grunde.« Aber des Königs Tochter, die schöne Prinzessin, sprach zum Vater: »O mein Vater! Laß nicht ihn hinabspringen! Hier, hier sind so viele tapfere Ritter; mag einer von diesen es thun.« Der König aber sagte: »Sieh, edler Jüngling! meine Tochter, die hier für dich bittet, soll heute noch dein Weib werden, wenn du wieder hinabspringst und mir sagst, was du sahst auf dem Grunde des Meeres.« Der Knappe sah das wilde Meer, dachte an die schreckliche Tiefe, aber er sah auch die schöne Prinzessin und sprang in die Tiefe. Wieder warteten alle, und warteten lange, lange; konnten nicht länger warten und gingen. Eine allein stand noch am Meere und wartete. Welle auf Welle kam. Zwei schöne Augen sahen auf alle und hofften; der Jüngling kam nicht mehr.


Louis: Diese Erzählung ist wunderschön; ich danke Ihnen vielmal, Fräulein Anna.

Otto: Ist diese Erzählung nicht aus Schillers Gedicht: »Der Taucher«?

Herr Meister: So ist es. Wir müssen bald beginnen, Gedichte von Schiller zu lesen.

Bella: Können wir das bald, Herr Meister?

Herr Meister: Gewiß, meine Freundin.

Bella: O, wie ich mich freue! Aber, Herr Meister, wollen Sie uns entschuldigen, wenn wir heute eine Viertelstunde (= 15 Minuten) früher gehen? Unsere Freundin, meine Schwester und ich wollen heute vieles einkaufen.

Herr Meister: Ah, wir haben bald Weihnachten.

Anna: Wir wollen heute eine Schlittenpartie machen.

Herr Meister: Gewiß, meine Damen, gehen Sie. Ich hoffe, daß Sie schönes Wetter haben werden. Halt! Ich habe hier eine Idee. Wenn Sie heute Abend zu Hause sind, meine Freunde, dann denken Sie nach über diesen Satz: »Ich hoffe, daß Sie schönes Wetter haben werden,« und sagen Sie mir morgen, wie viele Sätze Sie aus diesem einen Satze machen können.

Otto: Das ist ein guter Gedanke (= Idee). Meine Damen, ich wünsche Ihnen viel Vergnügen.

Anna und Bella: Ich danke. Adieu, meine Herren!

Louis: Auf morgen, meine Damen, auf morgen.

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