Der Waldberg
Ich bin um den einen von den beiden länglichen Waldbergen, die unserer Stadt naheliegen, herumgegangen, wobei ich drei bis vier freundliche, kluge, stille und sehr, sehr liebe Dorfschaften zu streifen, zu berühren und zu passieren hatte. Wie ich mich entsinne, war das Wetter ein winterliches-freundliches. Indessen ließ die Landstraße da und dort an Sauberkeit und schöner, feiner Glätte zu wünschen übrig, was als großes Unglück nun auch nicht gerade bezeichnet werden kann. Gibt es ja doch Schuhputzer, die einem später das stark in Anspruch genommene Schuhwerk wieder reinigen und in Ordnung setzen können. Die Welt gewährte einen grünen, hauchartigen Anblick. Die Farben waren sehr zart, und was die Formen und Erscheinungen betrifft, so begegneten mir auf der Straße einige Fuhrleute mit Fuhrwerken, sowie eine alte behäbige, korbdahertragende Bauersfrau und ein städtischer mürrischer Händler. Zur linken Seite hatte ich fortlaufend und mit mir, dem Fußgänger, gleichsam weitermarschierend, den Waldberg, während zur Rechten sich eine zarte, schöne Ebene erstreckte, mit Feldern und Äckern und Moorlandschaft. Ein kleines Landstädtchen mit Kirchturm in der Ferne und ein Stück Fluß, und in einiger Nähe drei Frauen, die im Feldweg arbeiteten. Sie lachten und redeten miteinander, als sie den einzelnen Wanderer so wacker und fleißig dahermarschieren sahen. Ich muß und will gerne gestehen, daß ich, wenn ich schon einmal marschiere, es mit einem gewissen sichtlichen Eifer und Ernst tue, daß mir jedermann anmerkt, wie ich dabei genieße, eine Offenherzigkeit, für die ich mich nicht schelten möchte. Ich kam nun in ein Dorf und trat ohne viel Besinnen ins heimelige, einladende Dorfwirtshaus, wo ich mir ein Glas Bier geben ließ. Nicht lange, und so traten zwei der schönsten Bauerntypen herein, der eine langnasig und mittelalt, der andere so alt und dabei so fröhlich, wie nur ein alter, steinalter Landmann sein kann, der auf ein Leben voller Arbeit und Mühsal gütig und heiter zurückblickt und fast – herabblickt. Der Langnasige hatte eine Tabakspfeife im Munde so trefflich eingeklemmt, daß es aussah, als sei die Pfeife ein Teil des Gesichtes. Sein Gesicht war das schönste Tabakspfeifengesicht, das ich je sah, und es war unmöglich, sich das Gesicht ohne Pfeife vorzustellen. Die beiden wackeren kernigen Erscheinungen setzten sich, nicht ohne vorher ein wenig sich zu besinnen, zu mir an den Wirtstisch und verlangten vom Mädchen ein Bäzzi- oder sogenanntes Drusenwasser. Ich erkundigte mich sogleich nach der Beschaffenheit ihres Schnapses oder Branntweines, und beide Leute beeilten sich, mit mir zu konversieren, was eine gar freundliche und erquickliche Unterhaltung abgab. O es ist so ernst, so schön, mit Menschen zu reden, die es hart haben im Leben. Der alte Bauer war niemand anders als der Dorfälteste. Wie rührend erschien er mir. Ihm zu Ehren trank ich zwei Gläser über den eigentlichen Durst hinaus und verweilte länger im Gasthaus als ich zuerst wollte. Dann ging ich. Ich zog den Hut vor den beiden, und sie beide lüpften oder besser lüfteten die Kappen, und so zog ich hinaus, gleich einem kecken, gutgelaunten Wanderburschen, auf die Straße, auf welcher es bereits Abend war, und nun ging es leise, still und schön in die Welt und nachher in die Nacht hinein. Viele liebe, rötlich-blasse Dorfkindergesichter sah ich noch, und immer war der gute, herzliche, waldige Berg so warm und so heimatanmutig mir zur Seite. Endlich kam ich auf einer feinen runden Straßenwindung um ihn herum. So hatte ich ihn denn umgangen und umlaufen und voller Stolz langte ich rechtzeitig zu Hause an.