Better Gutenberg
Free, beautifully formatted public-domain ebooks

Kleine Dichtungen

by Robert Walser

60 of 89 · Contents · Download EPUB

Eine Stadt

Eines Tages, mitten im Sommer, langte ich in einer Stadt an, in welcher ich einstmals gewohnt hatte, die ich aber nun schon seit manchem Jahr nicht mehr wiedersah. Sie sah so bleich, so farblos aus, die Stadt, daß ich mich vor ihr fürchtete. Ich ging durch die altbekannten Gassen, in der Vermutung, daß mich ihr Anblick ergötzen und erquicken werde, doch es war ganz anders, der Anblick schlug mich nieder, und ein seltsames, unbeschreibliches Verzagen ging mir durch die enttäuschte Seele. Es kam mir alles so tot vor, die Leute erschienen mir wie Gespenster. Unerfreut starrten mich die bleichen Häuser an, und ich wiederum betrachtete sie voller Mißtrauen. Die Frauen kamen mir wie keine Frauen, die Männer wie keine Männer vor, und ich selber war zum unglücklichen Gespenst geworden in der gespenstischen und unglücklichen Umgebung. Das elektrische Tram erschien mir wie irrsinnig, die ganze Stadt machte mir den kummervollen Eindruck eines traurigen, hoffnungslosen Traumes. Gebeugt von der Unruhe und niedergeschlagen von den üblen Eindrücken, trat ich in ein Wirtshaus, um mich ein wenig zu erfrischen, aber ich fand nur neuerlichen Schrecken. »Warum bin ich nur hierher gekommen,« dachte ich, und ich verließ die Halle. In der Gasse, durch die ich nun ging, roch es wie nach dem Entsetzen. Ein altes geschminktes Weibsbild lächelte gräßlich aus einem Fenster zu mir herunter. Mir schien, als wenn der Mord hier herum zu Hause sei. Ich sehnte mich nach einer Tiefe, nach einer Kühle, aber es war ringsum alles flach, schwül und leer. Staub in den engen, fürchterlich kleinen Gassen, in denen Zwerge und ungezieferartige Tiere zu leben und zu hausen schienen und nicht Menschen. Die Fenster grinsten wie Grimassen mich an, und die offenen Haustüren sahen aus, als seien sie sperrangelweit offen für jegliche Art von Verrat, Laster und Verbrechen. Keine Tugend, keine Ehrlichkeit, keine Ehrsamkeit schien mehr in dieser weltverlassenen Stadt möglich, ich konnte kein Kindergesicht finden, die Kinder schienen gestorben zu sein in dieser Stadt des starrenden und stierenden Entsetzens. Ich ging wie wund umher, ich hätte mich am liebsten am Straßenboden niedersetzen und heulen mögen, wie ein Tier, wie ein armer Hund, der seinen lieben gütigen Herrn verloren. Ohne Stern war diese Stadt, ohne Sonne und ohne Mond. Traurig ging ich weiter. Da zog es mich in ein Haus, o, in ein Haus hinein, in das ich früher so oft gegangen. In dem Hause hatte ich einstens gewohnt, und wie fröhlich war ich aus-und eingegangen. Jetzt konnte ich das gar nicht mehr begreifen. Furchtsam stieg ich die Treppe hinauf, die schlecht gehalten war. Eine Beklemmnis begleitete mich hinauf, und da sah ich das dunkle Zimmer wieder, in welchem ich ehemals logiert hatte, aber es war ein anderes Zimmer. Ich kannte es nicht mehr. Es glich einem Sarg, und ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken. Ich ging nun auf die Suche nach einer Frau, die ich geliebt hatte, aber die Leute schauten mich fremd und verständnislos an, als habe ich mich nach einer Frau erkundigt, die vor tausend Jahren lebte. Wie süß, wie liebevoll war sie gewesen. Ich fühlte noch die sanften Liebkosungen ihrer Hand auf meiner Stirn, und es war mir, wie ich nun so meines Weges weiterging, als sollte sie auf mich hinzutreten und mich küssen. Aber es begegnete mir niemand, der mich kannte. Alles, alles war fremd. Mir war nichts wert, und ihnen allen, den fremden Leuten, war ich nichts wert. Ich drehte der Stadt den Rücken und wanderte weiter.

← Back to Kleine Dichtungen

Scroll to Top