»Apollo und Diana«
Ich war, erinnere ich mich, bei der Aktienbrauerei in Thun tätig. Vor ungefähr zehn Jahren war’s, und ich hatte das Glück, in einem schönen, geräumigen alten Haus dicht neben dem herrlichen Schloß auf dem Schloßhügel wohnen zu dürfen. Ich trank viel Bier, wozu mich schon meine bierbrauerliche Beschäftigung verleitete, badete in der reißenden Aare, ging öfter in die Ebene, die sich um Thun ausbreitet, spazieren und staunte zu den Kolossen empor, zu den Bergen, die, ungeheuerlichen Burgen ähnlich, dort in den Himmel hinaufragen. Eines Tages hatte ich mit meiner Wirtin, der Frau Amtschreiber, ein kleines reizendes Erlebnis, und zwar wegen einem Bild, das an der Wand meines Zimmers hing. Dieses Zimmer, es war die Wohnlichkeit, Traulichkeit und Heimeligkeit selber. Ich vergesse nie diesen saftgrün angehauchten bildhübschen Raum, ich vergesse aber auch die Sonnenstrahlen nie, die dort so goldig und zugleich so listig ins versteckte Zimmer hineinlächelten. Nun aber zur Frau Amtschreiber. Sie nahm mir das Bild, eine Photographie des Gemäldes »Apollo und Diana« von Kranach (das Original hängt im Kaiser-Friedrich-Museum zu Berlin), von der Wand, an welcher es zu meiner Belustigung und Erquickung hing, weg und legte es, schamhaft und vorwurfsvoll umgekehrt, auf meinen Tisch. Ich kam heim und merkte sogleich mit meinen beiden stets aufmerksamen Augen das Werk der falschen Sittlichkeitsbegriffe, und rasch entschlossen ergriff ich die allezeit dienstfertige Feder und schrieb folgendes keckes Billett: »Verehrte Frau, hat Ihnen das Bild, das mir lieb ist, weil es ganz aus lauterer Schönheit besteht, vielleicht etwas zuleid getan, daß Sie es von der Wand gemeint haben wegnehmen zu sollen? Finden Sie, daß das Bild häßlich ist? Sind Sie der Meinung, daß es ein unanständiges Bild ist? Dann bitte ich ergebenst, es einfach keines Blickes zu würdigen. Mir aber wollen verehrte Frau in der Güte, in deren Besitz ich dieselbe glaube, gestatten, das Bild wieder dorthin zu tun, wo es gewesen ist. Ich werde es sogleich wieder an die Wand anheften und bin überzeugt, daß niemand es mir nochmals fortnimmt.« Frau Amtschreiber las und nahm das Billett. Ich Schurke! Einer so liebenswürdigen Frau so harte Worte zu sagen. Doch die paar Worte, was hatten sie nicht für eine schöne Wirkung. Wie lieb war Frau Amtschreiber von nun an zu mir. Reizend, reizend benahm sie sich. Sogar meine zerrissenen Hosen erbat sie sich, damit sie sie flicke, sie, die Frau Amtschreiber.