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Kleine Dichtungen

by Robert Walser

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Der Mond

Gestern war eine wunderbar schöne Mondnacht, so leise, so mild, so still, als sei die ganze Welt in ein dunkeles süßes Entzücken gesunken. Ich ging durch die Gassen und Gäßchen. Viele Menschen waren auf den Beinen, als habe der Mondeszauber die Leute aus den Häusern ins Freie hinausgezogen. Die Straßen ganz glatt und weich und hell im Mondlicht und alles so still und so freundlich. Eine verhaltene Freude strahlte durch alle Straßen, überdies war gerade in dieser schönen Nacht Weihnachtsmarkt und darum viel Leben in der Stadt. Ich ging durch ein enges Gartengäßchen, das sich den Berg entlang schmiegt. Dort war der Zauber überwältigend. Es war wie ein Märchen, der felsige Boden klang unter den Tritten und Schritten. Langsam ging ich weiter. Bei jedem Schritt, den ich tat, blieb ich stehen, drehte mich um und schaute zum göttlich schönen sanften Mond hinauf und zu den Tannen und uralten Stadttürmen. – Zwischen den aufwärts gebogenen, ärmelartigen Tannenästen zitterten und schimmerten die Sterne, Liebesblicken ähnlich, hindurch. Bald war ich oben am Berge, der sich über der traulichen Stadt erhebt wie ein alter Riese. Eine in den weißen Felsen gehauene Treppe führte mich hinauf, und oben angekommen, schaute ich hinunter in die weiche, schleierhafte, milde Tiefe, die einer Traumerscheinung glich. Ich ging noch weiter hinauf, durch den Wald, der ganz weiß war. Alles war weiß vom Mond, so bleich, so süß. Ich dachte an Vater und Mutter, und ein unnennbar zartes, weiblich-banges, zaghaftes Empfinden beschlich mich. Ich wünschte, daß ich ewig so in der Mondnacht stehen und alten lieben Gedanken mich überlassen könne, ewig so bleiben und in die Vergangenheit zurückdenken könne. Der dunkelhelle Himmel mit seinen weißlich-wolligen Wolken erschien mir wie eine schöne, liebe, üppige Wiese. Der Mond glich dem träumerischen Schäfer, das weiche Gewölk den Schäfchen, und die Sterne, die ab und zu daraus hervorblinzelten, waren wie die Blumen. Aus der Stadt herauf drang Musik und Stimmenlärm. Unsagbar feierlich war mir zumute. Es kam mir vor, als sei die ganze weitausgedehnte stille Nacht ein körperartiges Wesen, und der Mond sei seine Seele. Lange blieb ich noch stehen.

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