Die Fee
Ein armer, junger Wanderbursche, eine Art umherziehender Dichter, kam auf einer seiner wilden Wanderungen vor ein artiges, graziöses Schlößchen, das ganz im leichten, hellen, süßen Frühlingsgrün versteckt war. Aus einem Fenster schaute eine Frau und weil der junge Mann so still stand und zu ihr aufschaute, so gefiel es der Dame, die eine Fee oder etwas Feeähnliches war, zu ihm zu sagen, er solle doch zu ihr hineinkommen. Das tat der Bursche, und aufs Allerfreundlichste hieß ihn die schöne Frau willkommen. »Bleibe doch bei mir«, sagte sie zu ihm, »was willst du nur immer weiter und weiter wandern?« Eine Zeitlang blieb der Bursche bei ihr, eine Zeitlang gefiel ihm das Leben bei der süßen, lieben, hohen Fee. Doch bald stellte sich in seiner Brust die Wandersehnsucht wieder ein. Er wurde traurig, und er kam sich wie versteinert vor. Das Marschieren fehlte ihm. »Was hast du? Gefällt es dir nicht mehr bei mir?« fragte die Frau den Veränderten. Er gab aber keine Antwort, sondern schaute zum Fenster hinaus in die grünliche, bläuliche Ferne, wo für ihn der ganze Genuß des Daseins lag. Die Fee wollte ihn küssen, doch er wich dem Kusse aus. Sie ging aus dem Zimmer und weinte. Das ging so eine Weile, bis endlich der Bursche eines frühen Morgens reisefertig vor der lieben Dame stand, um Abschied von ihr zu nehmen. Göttliches, bezauberndes Morgenrot brannte am Himmel, und die Vögel auf den grünen Zweigen sangen so verführerisch. »Ich will, ich muß gehen,« sagte er, »ich muß wieder hinauswandern in die weite Welt. Ich sterbe hier, ich fühle es. Ich muß meine Beine brauchen. Ich muß Landstraßenluft einatmen, und wenn auch das Essen noch so schlecht ist, so will ich doch lieber wieder im dürftigen Speisehaus essen als hier im reizenden Schloß, wo ich träge bin. Lassen Sie mich ziehen und haben Sie Dank für die vielerlei Freundlichkeit, die Sie mir zu genießen gegeben haben.« So sprach der unkluge Bursche, und ohne auf das zu achten, was die Fee sagte, ging er weg, und indem er wegging, sang er mit lauter, frischer, fröhlicher Stimme ein Burschenlied in die offene, schöne, warme Welt hinein. Weg war er, und die Fee hat ihn nie mehr wieder gesehen.