Die Anandrine
Die berühmtesten Rabbiner sind der Meinung gewesen, daß unsere ersten Väter beide Geschlechter in sich vereinigten und als Zwitter geboren wurden, um die Fortpflanzung zu beschleunigen. Doch nachdem eine gewisse Zeit verstrichen, hörte die Natur auf, so fruchtbar zu sein, zu der Zeit, wo die Pflanzenstoffe nicht mehr für unsere Nahrung ausreichten und die Menschen anfingen, sich des Fleisches zu bedienen.
Im Anfange war es sicher so, und wir haben in diesen Ausführungen45 gesehen, daß Adam zweigeschlechtlich erschaffen worden ist. Gott gab ihm eine Gefährtin; doch die Schrift sagt nicht, ob Adam bei diesem Wunder eine seiner Eigenschaften verlor. Da die Genesis sich also in keiner genauen Weise über diesen Gegenstand äußert, hat das System der Rabbiner lange Zeit eine große Anhängerschaft gehabt.
Man hat ein gemäßigteres System aufgestellt, das einigen Leuten wahrscheinlicher vorgekommen ist. Daß es nämlich drei Arten von Wesen in dem ersten Zeitraum gegeben habe, die einen männlich, die anderen weiblich, andere männlich und weiblich in einem; daß aber alle Individuen dieser drei Arten jedes vier Arme und vier Beine, zwei Gesichter, eines gegen das andere gekehrt und auf einem einzigen Halse ruhend, vier Ohren, zwei Geschlechtsteile usw. gehabt hätten. Sie gingen aufrecht; wenn sie aber laufen wollten, schossen sie Purzelbaum. In ihre Ausschweifungen, ihre Keckheit, ihren Mut teilten sie sich; daraus aber ergab sich ein großer Übelstand: jede Hälfte versuchte unaufhörlich sich mit der anderen zu vereinigen, und wenn sie sich trafen, umarmten sie sich so eng, so zärtlich mit einem so köstlichen Vergnügen, daß sie sich zu keiner Trennung mehr entschließen konnten. Ehe sie sich voneinander rissen, starben sie lieber Hungers.
Das Menschengeschlecht sollte zugrunde gehen. Gott tat ein Wunder: er trennte die Geschlechter und wollte, daß die Wonne nach einem knappen Zeitraume wiche, damit man etwas anderes täte, als einer an dem anderen festkleben. Daher kommt es, und nichts ist einfacher, daß das weibliche Geschlecht, getrennt von dem männlichen Geschlechte, eine glühende Liebe zu den Männern bewahrt hat, und daß das männliche Geschlecht unaufhörlich darnach trachtet, seine zärtliche und schöne Hälfte wiederzufinden.
Doch gibt es Weiber, die andere Weiber lieben? Nichts ist doch natürlicher: es sind die Hälften der damaligen Weiber, die doppelt waren. Desgleichen haben gewisse Männer, die Verdoppelung anderer Männer, einen ausschließlichen Geschmack für ihr Geschlecht bewahrt.
Es ist nichts Wunderliches dabei, obwohl diese vereinten und entzweiten Männerpaare sehr wenig anziehend erscheinen. Seht doch, wie sehr einige Kenntnisse mehr oder weniger zu mehr oder weniger Duldung führen müssen! Ich wünschte, daß diese Ideen den moralisierenden Maulhelden Ehrfurcht einflößten. Man kann ihnen gewichtige Autoritäten anführen; denn dies System, das in Moses seinen Ursprung hat, ist von dem erhabenen Plato sehr erweitert worden. Und Louis Leroi, königlicher Professor zu Paris, hat über diese Materie ungeheure Kommentare verfertigt, an denen Mercerus und Quinquebze, die Lektoren des Königs für Hebräisch, erfolgreich mitgearbeitet haben.
Man wird wohl nicht ärgerlich sein, hier Louis Lerois’ eigene Verse angeführt zu sehen:
Im ersten Alter, da die Welt von Kraut
Und Eicheln lebte, hat sie froh geschaut
Drei Menschenarten: zwei, sie sind noch jetzt,
Die dritte aber war zusammengesetzt
Aus Mann und Weib. Es ist wohl jedem klar,
Daß ihr der Schönheit Form zu eigen war.
Der Gott, der sie erschuf mit reicher Hand,
Schuf sie so schön er sich darauf verstand.
Zwei Köpfe; Füße, Arme hatten viere
Diese vernunftbegabten schönen Tiere.
Der Rest bleibt ungesagt, denkt ihn euch schön,
Denn besser wäre er gemalt zu sehn.
Und jeder Teil freut seines Leibs sich so:
Denn wandt er sich, sah er geküßt sich froh,
Sah sich umarmt, wenn er den Arm ausspannte,
Dacht’ er, der andere schon die Antwort nannte.
In sich, was er zu seh’n begehrt’, er sah
Und was er haben wollte, war schon da.
Stets trugen seine Füße schnell den Leib
Dorthin, wo ihm erblühte Zeitvertreib;
Und hatte er mißbraucht sein bestes Gut,
Wie leicht entschuldigte ihn da sein Mut!
Für ihn gabs weder Rechnung noch Bericht,
Und Ehrbarkeit und Schande kannt’ er nicht.
Der einfach sich aus seiner Seele stahl,
Der Wunsch, erfüllte sich in Doppelzahl.
Wer das bedenkt, zu sagen ist bereit:
Damals, ja, herrschte die Glückseligkeit
Des goldnen Alters, o, welch schöne Zeit!
In ihrem Vorwort zum „Neuen Himmel“ bekennt Antoinette Bourignon sich auch zu diesem System, welches solcher Art zu sein scheint, daß es vom schönen Geschlecht bedauert wird. Sie mißt dem Sündenfalle diese Trennung in zwei Teile zu und sagt, sie habe in dem Menschen das Werk Gottes verunstaltet und statt Menschen, die sie sein sollten, seien sie Ungeheuer von Natur aus geworden, in zwei unvollkommene Geschlechter geteilt, unfähig, ihresgleichen allein hervorzubringen, wie sich die Pflanzen hervorbrächten, die darin sehr viel begünstigter und vollkommener wären, als das Menschengeschlecht, das dazu verdammt sei, sich nur durch die sehr kurze Vereinigung zweier Wesen fortzupflanzen, die, wenn sie dann einige Wonnen empfanden, dies hohe Werk der Vervielfältigung nur mit großen Schmerzen vollenden können.
Wie es sich auch mit diesen Gedanken verhalten mag, wir haben noch in unseren Tagen ähnliche Erscheinungen gesehen, die den Glauben unterstützen, daß Mose’s Überlieferung kein Hirngespinst gewesen ist. Eine der erstaunlichsten ist die eines Mönches zu Issoire in der Auvergne, wo der Kardinal von Fleury im Jahre 1739 den Siegelbewahrer Chanvelin des Landes verweisen ließ. Dieser Mönch besaß beide Geschlechter; man liest im Kloster folgende diesbezüglichen Verse:
Ein junges Mönchlein ohne Lug
— Ich selber habe ihn gesehen —
Des Manns und Weibs Geschlechtsteil trug,
Sah Kinder auch von ihm entstehen.
Und einzig nur durch sich allein
Zeugte, gebar er wie die Weiber,
Tat sich dazu kein Werkzeug leihn
Der wohlverseh’nen Männerleiber.
Indessen besagen die Klosterregister, daß dieser Mönch sich nicht selber schwängerte; er wäre nicht Handelnder und Leidender in Eins gewesen. Er wurde den Gerichten ausgeliefert und bis zu seiner Entbindung gefangen gehalten. Nichtsdestoweniger fügt das Register folgende bemerkenswerte Worte hinzu:
„Dieser Mönch gehörte dem hochwürdigen Herrn Cardinal von Bourbon; er besaß beide Geschlechter und jedes von ihnen half sich dergestalt, daß er von Kindern schwanger ward.“
Ich weiß, daß man einen Unterschied zwischen dem eigentlichen Hermaphroditen und dem Androgynen machen kann. Androgyne und Hermaphrodit, reine Erfindungen der Griechen, die alles im schönsten Lichte darzustellen wußten und darstellen wollten, sind von allen Dichtern, die reizende Beschreibungen von ihnen machten, nach Lust gefeiert worden, während die Künstler sie unter den liebenswürdigsten Formen darstellten, die im höchsten Grade geeignet waren, Gefühle der Wollust zu erwecken. Pandora hatte nur durch die Vollkommenheiten ihres Geschlechts Erfolg. Der Hermaphrodit vereinigte in sich alle Vollkommenheiten beider Geschlechter. Er war die Frucht der Liebschaft zwischen Merkur und Venus, wie aus der Etymologie des Namens hervorgeht46. Nun war Venus die Schönheit in der Vollendung, bei Merkur kamen zu seiner persönlichen Schönheit noch Geist, Kenntnisse und Talente hinzu. Man mache sich einen Begriff von einem Individuum, in dem all diese Eigenschaften sich vereinigt finden, und man wird den Hermaphroditen, wie ihn die Griechen dargestellt wünschten, vor sich sehen. Die Androgynen dagegen sind, unter der wahren Beachtung ihres Namens, nur Teilnehmer an den beiden Geschlechtern, die man Hermaphroditen genannt hat, weil die Alten vorgaben, daß Merkurs und Venus Sohn beide Geschlechter hätte. Aber es ist darum nicht minder wahr, daß, da es zu allen Zeiten Weiber gegeben hat, die großen Vorteil aus dieser androgynen Übereinstimmung gezogen haben, sie sich kostbar zu machen gewußt haben. Lucian läßt in einem seiner Dialoge zwischen zwei Hetären die eine zur anderen sagen: „Ich habe alles, wessen es bedarf, um deine Wünsche zu befriedigen!“ worauf die antwortet: „Du bist also ein Hermaphrodit?“47 Der Apostel Paulus wirft dies Laster den römischen Weibern vor48. Nur mit Mühe vermag man zu glauben, was man im Athenaeus über Ausschweifungen dieser Art liest, die Weiber begangen haben49. Aristophanes, Plautus, Phaedrus, Ovid, Martial, Tertullian und Clemens Alexandrinus haben sie in mehr oder minder offener Weise bezeichnet, und Seneca überschüttet sie mit den furchtbarsten Flüchen50.
Gegenwärtig sind vollkommene Hermaphroditen sehr selten; folglich scheint die Natur diese androgynen Menschen nicht mehr hervorzubringen. Zugeben muß man aber, daß man häufig auf Folgen dieser Teilung in zwei Wesen, die wir eben auseinandergesetzt haben, stößt: zu allen Zeiten, sowohl im ältesten Altertume, als auch in den neueren Zeiten näher liegenden Jahrhunderten, hat man die entschiedenste Liebe von Weib zu Weib beobachtet. Lykurg, der gestrenge Lykurg, der über so krause wie erhabene Dinge nachdachte, ließ öffentlich Spiele aufführen, die man Gymnopaedieen nannte, bei denen die jungen Mädchen nackend erschienen: laszivste Tänze, Posen, Annäherungen, Verflechtungen wurden ihnen beigebracht. Das Gesetz bestrafte die Männer, die die Kühnheit besaßen, ihnen beizuwohnen, mit dem Tode. Diese Mädchen wohnten beieinander, bis sie sich verheirateten: der Zweck des Gesetzgebers war höchstwahrscheinlich, sie die Kunst des Fühlens zu lehren, die die der Liebe so sehr viel schöner macht, ihnen alle Abstufungen der sinnlichen Empfindungen, die die Natur angibt oder für die sie empfänglich ist, beizubringen, kurz sie unter sich sie derart üben zu lassen, daß sie eines Tages zum Frommen der menschlichen Art all die Verfeinerungen anzuwenden wußten, die sie sich gegenseitig zeigten. Kurz, man lehrte sie verliebt zu sein, ehe sie einen Liebhaber hatten; denn man ist ohne Liebe verliebt, wie man oft versichert, daß man liebt, ohne verliebt zu sein. Habe kein Temperament, das will; liebe nicht, wenn du willst; das ist eine Moral von der Art, wie sie Lykurg in seinen Gesetzen enthüllt; das ist die Moral, die Anakreon wie Rosenblätter zwischen seine unsterblichen Tändeleien gestreut hat. Wer hätte je gedacht, gleiche Grundsätze bei Anakreon und Lykurg zu finden? Vor dem Dichter von Theos hatte Sappho sie in ein praktisches System verwandelt und dessen Symptome beschrieben. O, welch eine Malerin und Beobachterin war diese Schöne, die von allen Feuern der Liebe verbrannt wurde!
Sappho, die man nur noch aus Fragmenten ihrer schwülen Gedichte und aus ihren unglücklichen Liebschaften kennt, kann man als die berühmteste Tribadin ansehen. Zur Zahl ihrer zärtlichen Freundinnen rechnet man die schönsten Weiber Griechenlands, die sie zu Gedichten begeisterten. Anakreon versichert, man fände in ihnen alle Merkmale der Liebeswut. Plutarch zieht eine dieser Dichtungen als Beweis heran, daß die Liebe eine göttliche Wut ist, die heftigere Verzückungen hervorruft, als die der Priesterin in Delphi, der Bacchantinnen und der Priester der Cybele; man beurteile darnach, welche Flamme das Herz verzehrte, das also begeisterte51.
Sappho aber, die so lange in ihre Gefährtinnen verliebt war, opferte sie dem undankbaren Phaon auf, der sie der Verzweiflung in die Arme warf. Würde es nicht besser für sie getaugt haben, in den Eroberungen wie in den Vertrautheiten fortzufahren, die durch die Geschlechtsgleichheit und die Sicherheiten, die sie bietet, so erleichtert wurden und die ihres Geistes Schwung ihr so mühelos verschaffen konnte? Umsomehr als sie mit all den Vorzügen begabt war, die man sich für diese Leidenschaft, für die sie die Natur bestimmt zu haben scheint, wünschen kann, denn sie hatte eine so schöne Clitoris, daß Horaz der berühmten Frau das Beiwort mascula gab, was so viel bedeutet wie Mannweib.
Es scheint, daß die Schule der Vestalinnen als das berühmteste Serail der Tribadinnen, das es je gegeben hat, angesehen werden kann, und man darf ruhig behaupten, daß der Sekte der Androgynen in der Person dieser Priesterinnen die größten Ehren zuteil geworden sind. Das Priesteramt war keine der üblichen, einfachen und bescheidenen Einrichtungen in seinen Anfängen, welche von der ungewissen Frömmigkeit abhängen und ihren Erfolg nur der Laune verdanken. Es zeigte sich in Rom mit dem erhabensten Pomp: Gelübde der Jungfräulichkeit, Hut des Palladiums, Anvertrauung und Unterhaltung des heiligen Feuers52, Symbol der Erhaltung der Herrschaft, ehrvollste Vorrechte, ungeheurer Einfluß, Macht ohne Grenzen. Wie teuer aber ist all das bezahlt worden mit der völligen Beraubung des Glücks, zu dem die Natur alle Lebewesen beruft, und mit den furchtbaren Todesstrafen, die der Vestalinnen harrten, wenn sie ihrem Rufe unterlagen! Wie würden sie, jung und all der Lebhaftigkeit der Leidenschaften fähig, ohne Sapphos Hilfsquellen dem entgangen sein, wo man ihnen die gefährlichste Freiheit ließ und der Kult selber in ihnen die wollüstigsten Gedanken wach rief? Denn bekanntlich opferten die Vestalinnen dem Gotte Fascinus, dargestellt unter der Form des ägyptischen Thallum; und es gab seltsame feierliche Handlungen, die bei diesen Opfern obwalten mußten: sie hefteten dies Bildnis des männlichen Gliedes an die Wagen der Triumphatoren. So war das heilige Feuer, das sie unterhielten, bestimmt, sich auf wahrhaft belebenden Wegen im ganzen Reiche fortzupflanzen; ein solcher Gegenstand der Betrachtung war wenig geeignet, den Blicken junger Mädchen ausgesetzt zu sein, die Jungfräulichkeit gelobt hatten!
Man sieht, daß die Tribaden des Altertums berühmte Vorbilder hatten. In seinen palmyrenischen Altertümern führt der Abbé Barthelemi die Gewänder an, mit denen sie öffentlich prunkten: es waren nach ihm53 die Enomide und die Callyptze. Die Enomide wand sich eng um den Körper und ließ die Schultern frei. Was die Callyptze anlangt, so kennt man sie nur dem Namen nach wie die Crocote, die tarentinische Lobbe, die Anobole, das Eucyclion, die Cecriphale und die in lebhaften Farben gemalten Tuniken, die sehr deutlich die Glut der Tribaden anzeigten, die unausgesetzt lüstern waren wie die Wellen, die sich folgen, ohne jemals zu versiegen. Den Situationen entsprechend, in denen sie sich befanden, legten sie diese Kleidungsstücke an. Die Callyptze war für die Öffentlichkeit bestimmt, die Enomide trugen sie, wenn sie Besuche bei sich empfingen. Der Tarentine bedienten sie sich auf Reisen, die Crocote war für das Haus, wenn sie sich einsamer Beschäftigung widmeten. Die Anobole für Tribaderie unter vier Augen, die Cecriphale für nächtliche Stelldicheins, das Eucyclion, um ausgelassene Gesellschaften abzuhalten, die gemalten Tuniken für große Verbrüderungen, Orgien, und die Farbe der Tunika zeigte den Dienst an, mit dem die Tribade, die sie trug, für den Tag beauftragt worden war. Jede Art des Beistandes hatte ihre besondere leuchtende Farbe.
Es gibt bestimmte Fälle, in denen die Tribadie von sehr weisen Physikern anempfohlen wurde. Bekanntlich konnte David seine Brunst nur durch Weiber wiedergewinnen, die auf seinem Leibe tribadierten. Was Salomo anlangte, so benutzte er zweifelsohne seine dreihundert Beischläferinnen nur dazu, sie in seiner Gegenwart Evolutionen im großen machen zu lassen. In unseren Tagen stellt man die idiopathische Glut im Mannesleibe durch die Spiele einer Masse Weiber wieder her, in deren Mitte sich der niederläßt, der seine Kräfte wiedererlangen will. Dies Heilmittel war von Dumoulin immer erfolgreich angeraten worden. Man weiß, daß der Kranke, sobald er die idiopathischen Wirkungen der Brunst fühlt, sich zurückziehen muß, um das Weißglühen, das sich einzustellen scheint, sich beruhigen und kräftiger werden zu lassen, anderenfalls würde er eine entgegengesetzte Wirkung erzielen. Dies System fußt darauf, daß der Mensch nur der Gegenwart des Objektes bedarf, um die Art der Hitze, um die es sich handelt, zu verspüren, die ihn mehr oder minder stark bewegt, je nachdem er mehr oder minder schwach ist. Im allgemeinen hält die öftere Wiederkehr dieser Glutanwandlungen ebensolange oder länger als die Kräfte des Mannes an. Das ist eine der Folgen der Möglichkeit, plötzlich an gewisse angenehme Sensationen einzig bei der Besichtigung der Gegenstände, die sie einen haben empfinden lassen, zu denken oder sie sich ins Gedächtnis zurückzurufen. So sagte, wer behauptet, „daß, wenn die Tiere sich nur zu bestimmten Zeiten paarten, es nur geschähe, weil sie Tiere seien“, ein sehr viel philosophischeres Wort, als er dachte.
Übrigens ist bei der Tribadie wie in allem das Übermaß schädlich, es entnervt statt anzureizen. Es kommen auch manchmal bei diesen Arten von Ausübungen Untersuchungen zufolge merkwürdige und furchtbare Dinge vor. Vor einiger Zeit geschah es in Parma, daß ein Mädchen, die sich angewöhnt hatte, mit ihrer guten Freundin zu tribadieren, sich einer dicken Nadel mit einem Elfenbeinknopf von Daumenlänge bediente, die bei den Stößen auf einen falschen Weg gelangte und in die Harnblase geriet. Sie wagte ihr Abenteuer nicht einzugestehen, duldete und litt, sie urinierte Tropfen für Tropfen; am Ende von fünf Monaten hatte sich bereits ein Stein um die Nadel gebildet, die man auf den üblichen Wegen herauszog. In den Klöstern, den weiten Theatern der Tribadie, geschehen sehr viel ähnliche Dinge; hier ist’s ein Ohrlöffel, da eine Haarnadel, anderswo eine Strickscheide oder eine Klistierröhre, wieder wo anders ein Tropfglas von Königin von Ungarwasser, ein kleines Weberschiffchen, eine Kornähre, die von selber hochsteigt, die die Vagina kitzelt und die das arme Nönnchen nicht mehr herausziehen kann. Man könnte einen Band ähnlicher Anekdoten liefern.
Herr Poivre lehrt uns in seinen Reisebeschreibungen, daß die berüchtigtsten Tribaden der Erde die Chinesinnen seien; und da in diesem Lande die Weiber von Stand wenig gehen, tribadieren sie in den Hängematten. Diese Hängematten sind aus einfacher Seide mit Maschen von zwei Finger im Quadrat gefertigt, der Körper ist wollüstig darin ausgestreckt, die Tribaden wiegen sich hin und her und reizen sich, ohne die Mühe zu haben, sich bewegen zu müssen. Ein großer Luxus der Mandarinen ist’s, in einem Saal inmitten von Wohlgerüchen zwanzig solcher schwebenden Tribaden zu haben, die vor ihren Augen einander Wonne bereiten. Der Harem des Großherrn hat keinen anderen Zweck; denn was sollte ein einziger Mann mit so vielen Schönen anfangen? Wenn der übersättigte Sultan sich vornimmt, die Nacht bei einer seiner Frauen zu verbringen, läßt er seinen Sorbet im Zimmer der Rundungen, wie man es nennt (All’ hachi), auftragen. Dessen Mauern sind mit den laszivsten Malereien bedeckt; am Eingange in dies Gemach sieht man eine Taube, und auf der Seite, wo man hinausgeht, eine Hündin gemalt, Symbole der Wollust und Geilheit.
Inmitten der Malereien liest man zwanzig türkische Verse, die die dreißig Schönheiten der schönen Helena beschreiben, von denen Herr de Saint-Priest kürzlich ein Fragment mit diesen Einzelheiten gesandt hat; das Fragment war von einem Franzosen aus dem Quartier von Pera übersetzt worden54.
Ich will diese Verse nicht zu übersetzen versuchen; sie sind von keinem Dichter gemacht worden. Diese arithmetische Berechnung, diese dreißig, streng drei zu drei angeführten Eigenschaften, würden allen Schwung erstarren lassen. Man schätzt Reize, die man anbetet, nicht ab, man berauscht sich, man brennt, man bedeckt sie mit Küssen; nur dann fesselt man. Eine Schöne, welche die Vorzüge, mit denen sie geschmückt ist, an den Fingern abgezählt werden sieht, hält den Zähler für einen dummen Tropf und würde selber eine traurige Figur machen. Es gibt ihrer mehr als dreißig, es gibt ihrer mehr als tausend. Wie, wenn man Helena nackt sieht, behält man einen klaren Kopf?55... Aber die Türken sind ja nicht galant.
Der Sultan betritt diesen Saal, in dem die Stummen alles vorbereitet haben. Er hockt in einer Ecke nieder, wo er sich auf die Erde legt, um die Stellungen von einem günstigen Gesichtswinkel aus zu sehen. Raucht drei Pfeifen und während der Zeit, die er darauf verwendet, erscheint, was Asien an Vollkommenstem hervorbringt, nackt im Saal. Sie paaren sich zuerst nach dem Bilde der schönen Helena, dann vermischen sie sich und bilden Gruppen und Stellungen, zu denen die Mauern ihnen Beispiele geben, die sie dank ihrer Gewandtheit übertreffen. Unter anderen gibt es in diesem wollüstigen Raume auch sieben Gemälde Bouchers, deren eines die von Caravaggio ersonnenen Stellungen darstellt; und der letzte Sultan ließ sie in Natur nach dem Maler der Anmut ausführen. O, wenn man so viele Mühen aufwendete, um die Sitten zu bilden, wie um sie zu verderben, um Tugenden zu schaffen, wie Begierden zu erregen, dann würde der Mensch bald die höchste Stufe der Vollendung, für die die Natur empfänglich ist, erreichen!