Die Linguanmanie
Wenn man alle Leidenschaften des Menschen auf ihre anfänglichen Neigungen zurückführte, alle ihre Idiome auf ihre Muttergedanken, wenn ich so sagen darf, indem man diese alle der Schattierungen, die sie entstellt haben, und jene all der Bedeutungen beraubte, mit denen ihre Symptome überladen worden sind, würden die Wörterbücher weniger umfangreich und die Gesellschaften minder verderbt sein.
Wie viel hat nicht zum Exempel die Einbildung den Kanevas der Natur mit Liebe bestickt? Wenn ihre Kräfte sich damit zufrieden gegeben hätten, die moralischen Illusionen zu verschönern, würden wir uns dazu beglückwünschen. Aber es gibt sehr viel mehr liederliche Einbildungen als gefühlvolle Einbildungen, und darum gibt’s unter den Menschen mehr Ausschweifung als Zärtlichkeit, darum hat man jetzt eine Masse Beiworte nötig, um alle Schattierungen eines Gefühls auszudrücken, das lau oder heiß, lasterhaft oder heroisch, edelmütig oder strafbar nach allem aber nie die mehr oder minder lebhafte Neigung eines Geschlechts zum anderen ist oder sein wird. Schamlosigkeit, Geilheit, Unzucht, Liederlichkeit, erotische Melancholie sind sehr verschiedene Eigenschaften und doch im Grunde nur mehr oder minder scharfe Schattierungen der gleichen Empfindungen. Geilheit und Unzucht zum Beispiel sind durchaus natürliche Fähigkeiten zur Lust, denn mehrere Tierarten sind geil und unzüchtig; unkeusche aber gibt es nicht. Unkeusche Gesinnung ist unzertrennlich von der vernunftbegabten Natur und nicht vom natürlichen Hang wie die Unzucht. Unkeusche Gesinnung drückt sich durch die Augen, in der Haltung, in den Gesten, in den Reden aus; sie kündigt ein sehr hitziges Temperament an, ohne daß die beweisende Tatsache ganz gewiß ist, sie verspricht aber viel Vergnügen an der Lust und hält ihr Versprechen, weil die Einbildung der wirkliche Herd der Lust ist, die der Mensch durch Studium und Verfeinerung der Wonnen variiert, verlängert und ausgedehnt hat.
Schließlich aber wollen diese und andere derartige Benennungen nichts weiter als einen Heißhunger anzeigen, der dazu verführt, ohne Maßen und ohne die Zurückhaltung, die vielleicht dem größeren Teile der menschlichen Institution natürlicher ist, als man annimmt, zu genießen, zu suchen; ohne die Zurückhaltung, die man Scham nennt, die verschiedensten, die geschicktesten und die sichersten Mittel zu suchen, sage ich, den Feuern, die einen verbrennen, deren Glut aber so verführerisch ist, daß man sie, nachdem man sie gelöscht hat, wieder herausfordert, genugzutun und auszulöschen.
Dieser Zustand hängt einzig und allein von der Natur und von unserer Leibesbeschaffenheit ab. Er ist der Hunger, das Bedürfnisgefühl, Nahrung zu sich zu nehmen, das durch ein Übermaß von Sinnlichkeit zur Gefräßigkeit führt, und durch die allzu lange Beraubung der Befriedigungsmittel in Wut ausartet. Das Verlangen nach Lust, das ein ebenso natürliches Bedürfnis ist, obwohl es weniger oft und gemäß der Verschiedenheit der Temperamente mehr oder weniger hitzig sich einstellt, steigert sich manchmal bis zum Wahnsinn, bis zu den größten physischen und moralischen Ausschweifungen, die alle nach dem Genusse des Objekts streben, durch das die glühende Leidenschaft, von der man erregt ist, vielleicht gestillt wird.
Dies verschlingende Fieber heißt bei den Weibern Nymphomanie107, bei den Männern würde man es, wenn sie ihm ebenso unterworfen wären, wie jene, Mentulomanie nennen, doch leistet ihre Bildung dagegen Widerstand, und mehr noch ihre Sitten, die, weniger Zurückhaltung und Zwang heischend, und die Scham nur nach der Zahl der Verfeinerungen rechnend, mit denen die menschliche Geschicklichkeit die Reize der Natur zu verschönern oder abzuschattieren verstanden hat, sie weniger den Verheerungen der allzu zurückgeschraubten oder allzu gesteigerten Wünsche aussetzen. Da übrigens unsere Organe viel empfänglicher für augenblickliche Regungen als die des anderen Geschlechts sind, kann die Intensität der Begierden selten ebenso gefährlich sein, wiewohl die Männer ebensogut wie die Weiber an Krankheiten leiden, die einer beinahe ähnlichen Ursache entspringen108, von denen aber eine männliche Leibesbeschaffenheit, die leichter schlaff wird, nicht ebenso lange heimgesucht zu werden braucht.
Trostlos würde es sein, scheußlich würde es sein, wollte man die so wunderlichen Wirkungen der Nymphomanie aufzählen. Vielleicht trägt die Unregelmäßigkeit der Einbildungskraft sehr viel mehr zu ihr bei als die venerische Energie, die das Subjekt, das von ihr befallen worden ist, von Natur aus mitbekommen hat. Tatsächlich ist der Kitzel der Vulva durchaus nicht Nymphomanie. Der Kitzel kann wahrlich eine Empfänglichkeit für diese Manie sein, man braucht darum aber nicht gleich zu glauben, daß sie ihm stets folgen müßte. Er reizt, er zwingt, mit den Fingern an die erregten Kanäle zu fassen, sie zu reiben, um sich Linderung zu verschaffen, wie man es bei allen Körperteilen tut, die man in derselben Absicht anfaßt, um die Ursachen des Reizes zu heben. Wie lebhaft und erwünscht dieses Kitzeln, diese Berührungen auch sein mögen, man nimmt sie wenigstens ohne Zeugen vor. Die dagegen, welche die Nymphomanie hervorruft, trotzen den Zuschauern und Umständen. Daraus geht hervor, daß der Kitzel sich nur in der Vulva festsetzt, während die unsinnige Manie der Sinnenlust ihren Sitz im Gehirn hat. Die Vulva jedoch überliefert ihm außerdem den Eindruck, den es mit Abänderungen empfängt, die geeignet sind, die Seele mit einer Menge unzüchtiger Gedanken zu durchtränken. Dort nährt sich das Feuer selber; denn die Vulva ist ihrerseits unabhängig von dem Einfluß der wollustgierigen Seele, von jedem Gefühlseindruck angegriffen und wirkt auf das Gehirn zurück. So wird die Seele immer tiefer von unzüchtigen Sensationen und Gedanken durchdrungen, die, da jene nicht allzu lange bestehen können, ohne sie zu ermatten, ihren Willen bestimmt, der Unruhe nachzugeben, die sich an die Verlängerung jedes allzu lebhaften Gefühls heftet und alle erdenklichen Mittel anzuwenden, um zu diesem Ziele zu gelangen.
Es ist unglaublich, wie sehr die durch die Leidenschaft geschärfte menschliche Geschlechtlichkeit die Mittel des Vergnügengewährens oder vielmehr das Verhalten beim Vergnügen variiert hat. Denn es ist stets das gleiche, und wir haben gut kämpfen gegen die Natur, über ihr Ziel werden wir nimmer hinausgehen. Sie scheint in Wahrheit viele Reizmittel zu ihrer Verlängerung109 verteilt zu haben, sicher ist es aber, daß die Gehirnfasern sich unabhängig von irgendeiner unmittelbaren Einwirkung der Natur ausdehnen. Alles, was die Einbildungskraft erhitzt, reizt die Sinne oder vielmehr den Willen, dem die Sinne sehr häufig nicht mehr genügen, und die werden mindestens ebenso stark von ihm unterstützt, da die Einbildungskraft niemals ohne das lebhafteste, glühendste Temperament, die am besten gestimmten Sinne, die besten Hilfen des Alters und der Umstände bestehen kann.
Da es weiter das Eigentümliche aller Leidenschaften der Seele ist, mit Rücksicht auf den Widerstand so hitzig wie möglich zu werden und die Nymphomanie nicht leicht zu befriedigen ist, so wird sie schließlich unersättlich. Weiber, die von ihr befallen sind, kennen kein Maß mehr; und das für einen schwachen Widerstand so schön geschaffene Geschlecht, das mit allem Entzücken der furchtsamen Scham prunkt, entehrt in dieser scheußlichen Krankheit seine Reize durch die schmutzigste Prostitution. Es fordert heraus, sucht auf, greift an; die Begierden stacheln sich an durch das, was anscheinend hinreichen müßte, um sie zu ersticken, und das tatsächlich genügen müßte, wenn der einfache Kitzel der Vulva den Genuß erregte. Wenn aber das Gehirn der Herd des Verlangens ist, so steigert es sich unaufhörlich; und die mehr ermattete als gesättigte Messalina110 jagt ohne anzuhalten der Lust und der Liebe nach, die sie mit Abscheu flieht.
Indessen muß man das zugeben: Die Beobachtung hat uns einige Phänomene in dieser Art gezeigt, die das einfache Werk der Natur zu sein scheinen. Herr von Buffon hat ein junges Mädchen von zwölf Jahren gesehen, sie war dunkelbraun, hatte eine lebhafte und gesunde Gesichtsfarbe, war von kleiner, aber ziemlich fetter Figur, war bereits ausgewachsen und mit einem hübschen Busen geschmückt, die einzig beim Anblick eines Mannes die unanständigsten Handlungen vornahm. Die Gegenwart der Eltern, deren Vorwürfe, die strengsten Züchtigungen, nichts hielt sie davon zurück. Sie verlor indessen die Vernunft nicht, und ihre scheußlichen Anwandlungen hörten auf, wenn sie mit Frauen zusammen war. Kann man annehmen, daß dieses Kind seinen Instinkt bereits mißbraucht hatte?
Gewöhnlich haben braune Mädchen von guter Gesundheit und kräftiger Leibesbeschaffenheit, die jungfräulich sind, und vor allem die, welche durch Verhältnisse anscheinend dazu bestimmt sind, es ewig zu bleiben, junge Witwen, Weiber, die wenig kräftige Männer haben, die meiste Anlage zur Nymphomanie. Und das allein würde beweisen, daß der Hauptherd dieser Krankheit in einer allzu geschärften, allzu gebieterischen Einbildungskraft ruht, daß aber auch die widernatürliche Untätigkeit der mit Kraft und Jugend versehenen Sinne eine ihrer hauptsächlichen Triebfedern ist. Billig ist es also, daß jedes Individuum seinen Instinkt befragt, dessen Antrieb stets zuverlässig ist. Wer immer darauf bedacht ist, seinesgleichen zu zeugen, hat entschieden das Recht es zu tun. Der Schrei der Natur ist die allgemeine Gebieterin, deren Gesetze zweifellos mehr Achtung verdienen, als alle die künstlichen Ideen von Ordnung, Regelmäßigkeit und Prinzipien, mit denen uns unsere tyrannischen Grillen auszeichnen, und denen man sich unmöglich sklavisch unterordnen kann, die nur unglückliche Opfer oder widrige Heuchler schaffen und nichts weiter für die Moral wie für die Physis regeln, als die Widersprüche der Natur jemals befehlen können. Die physischen Gewohnheiten üben eine sehr dingliche, sehr despotische und oft sehr furchtbare Macht aus und setzen einen öfters grausamen Übeln aus, statt daß sie einen gegen sie wappnen. Die menschliche Maschine darf nicht besser arbeiten als das sie umgebende Element, sie darf wirken, sich gar ermüden, sich ausruhen, untätig sein, je nachdem das Kräftegefühl es bestimmt. Es würde eine sehr abgeschmackte und sehr lächerliche Forderung sein, das Gesetz der Gleichheit befolgen und stets vor derselben Schüssel sitzen zu sollen, während alle Wesen, mit denen man in inniger Berührung steht, in ständigem Wechsel leben. Veränderung ist notwendig, und wäre es nur, um uns auf die heftigen Stöße vorzubereiten, die manchmal die Grundmauern unseres Seins erschüttern. Unsere Körper sind wie die Pflanzen, deren Stengel sich inmitten der Stürme durch das Rütteln widriger Winde kräftigt.
Leibesbewegung, eine gut ausgedachte Gymnastik würde zweifelsohne das wirksamste Mittel gegen die gefahrvollen Folgen eines untätigen Lebens sein; dies Mittel jedoch wird nicht in gleicher Weise von beiden Geschlechtern angewandt. Die Reitkunst zum Exempel scheint nicht sehr geeignet für die Frauen, die sie nur unter Gefahr oder unter Vorsichtsmaßregeln ausüben können, die die Übung beinahe unzweckmäßig machen. Es ist so wahr, daß die Natur sie nicht für diese Leibesübung bestimmt hat, daß sie dabei bloß die Reize zu verlieren scheinen, die ihnen zu eigen sind, ohne die des Geschlechtes zu gewinnen, das sie nachahmen wollen.
Der Tanz scheint mit der den Frauen eigentümlichen Anmut vereinbar, die Weise aber, in der sie sich ihm hingeben, ist oft mehr geeignet, die Organe zu entnerven als zu kräftigen. Die Alten, welche sich auf die große Kunst verstanden, die Sinnenfreude in den Dienst des Körpers zu stellen, haben aus der Tanzkunst einen Teil ihrer Gymnastik gemacht: sie wandten die Musik an, um die Bewegungen der Seele zu beruhigen oder zu lenken. Sie verschönten das Nützliche und machten die Wollust ersprießlich.
Doch wenn beim Entstehen politischer Körperschaften die Vergnügungen der Strenge der Einrichtungen unterstellt wurden, aus denen diese Körperschaften ihre Macht zogen, entarteten sie sehr schnell mit den Sitten111. Und wenn die Alten sich zuerst damit befaßten, alles zusammenzusuchen, was die Kräfte mehren und die Gesundheit bewahren konnte, so verfielen sie nur darauf, die Freuden zu erleichtern und auszudehnen zu suchen; und hier hat man nochmals Gelegenheit zu bemerken, wie sehr wir sie preisen, um uns selber zu verleumden. Welche Parallele läßt sich zwischen unseren Sitten und der Skizze ziehen, die ich eben hinwerfe?
Wenn ein Weib eine halbe Stunde Coricobole gespielt hatte, trockneten entweder Mädchen oder Knaben, je nach Geschmack der Spielerin, sie mit Schwanenpelz ab. Diese jungen Leute hießen Jatraliptae. Die Unctores schütteten darauf Essenzen über sie. Die Fricatores reinigten die Haut. Die Alipari zupften die Haare aus. Die Dropacistae bearbeiteten die Körper und brachten die Schwielen fort. Die Paratiltriae waren kleine Kinder, die alle Leibesöffnungen, Ohren, Anus, Vulva usw. säuberten. Die Picatrices waren junge Mädchen, die dafür zu sorgen hatten, alle die Haare, welche die Natur über den Körper verstreut hat, auszuzupfen, um ihr Wachstum zu verhindern, das dem Eindringen entgegensteht. Die Tractatrices endlich kneteten wollüstig alle Gelenke, um sie geschmeidiger zu machen. Eine so vorbereitete Frau bedeckte sich mit einem jener Schleier, die laut dem Ausdruck eines Alten einem gewebten Lufthauche glichen und den vollen Glanz der Schönheit durchschimmern ließen. Sie schritt ins Gemach der Wohlgerüche, wo sie sich beim Klang der Instrumente, die eine andere Art Wollust in ihre Seele gossen, dem Überschwange der Liebe hingab. Erstrecken sich bei uns die Verfeinerungen des Genusses bis zu diesem Übermaße von Gesuchtheiten112?
Zum Beweis unserer Harmlosigkeit in Sachen der Ausschweifung wäre es möglich, durch Anführung alter Schriftsteller eine Unzahl von Stellen anzubringen, die unsere leidenschaftlichsten Satyre in Erstaunen setzen würden. Wir haben schon in einem Stück dieser Ausführungen im Abriß gezeigt, auf welche Ausschweifungen sich das Volk Gottes verstand113. Erasmus hat in griechischen und römischen Autoren eine Menge Anekdoten und Sprichwörter gesammelt, die Dinge vermuten lassen, vor denen die kühnste Einbildung sich erschreckt. Ich will einige von ihnen anführen.
Wir haben zum Beispiel keine üblen Orte, die uns eine Idee von dem geben könnten, was man in Samos das Parterre der Natur nannte. Es waren öffentliche Häuser, wo sich Männer und Weiber durcheinander allen Arten von Ausschweifungen überließen: denn das würde prostituieren heißen, das Wort der Wollust, das sich hier anwenden ließe. Beide Geschlechter boten hier Modelle der Schönheit an, und daher kommt der Name: Parterre der Natur114. Die Alten wandten die Reste ihrer Geilheit noch an anderen Orten nützlich an. Sie waren derartig schamlos, daß man sie mit Tieren verglich, die den Geruch, die Hitze und die Geilheit der Ziegenböcke besaßen115.
... Verum noverat
Anus caprissantis vocare viatica.
Auf der Insel Sardinien, die weder jemals ein sehr blühendes noch sehr volkreiches Land gewesen ist, leitete der Name des Ancon genannten Ortes sich von dem der Königin Omphale ab, die ihre Frauen miteinander tribadieren ließ, sie dann ohne Unterschied mit Männern zusammensperrte, die auserlesen waren, um in allen Arten von Kämpfen zu glänzen116. Man weiß, was der orientalische Despotismus die Menschlichkeit und die Liebe gekostet hat; in allen Zeiten hat er die bedrückt und jene herabgewürdigt. Sardanapal117 ist einer der elendesten Tyrannen jener Gefilde, von dem der Gedanke und der Brauch kam, die Prostitution der Mädchen und Knaben zu vereinigen.
Korinth konnte Samos den Vorrang streitig machen in der Vervollkommnung der öffentlichen Prostitution; sie war dort derartig hochgeschätzt, daß es dort Tempel gab, in denen man unaufhörlich Gebete an die Götter zur Vermehrung der Prostituiertenzahl richtete118. Man behauptete, daß sie die Stadt gerettet hätten. Im allgemeinen aber gingen die Korinther dafür durch, beinahe ausschließlich die Kunst der Biegsamkeit und der wollüstigen Bewegungen zu beherrschen119. Man erkannte sie an einer bestimmten Körperhaltung und ihrer besonders zierlichen Figur.
Die Lesbierinnen werden bei der Erfindung oder der Sitte genannt, den Mund zu dem häufigst angewandten Wollustorgan gemacht zu haben120.
Verschiedene Völker zeichneten sich ebenfalls durch sehr merkwürdige Sitten aus, die bei ihnen häufiger vorkamen als bei allen anderen, dergestalt daß das, was heute nur das Laster dieses oder jenes Individuums ist, damals das bestimmte Merkmal eines ganzen Volkes war.
So stammt von der Bevölkerung der Insel Euboea, die nur Kinder liebte und sie in jeder Weise prostituierte, der Ausdruck chalcidieren121. Ebenso schuf man den Ausdruck phicidissieren, um eine recht ekelhafte Laune zu bezeichnen122. Man drückte die Gewohnheit, welche die Bewohner von Sylphos, einer Insel der Cykladen, hatten, die natürlichen Freuden durch die des Anus zu unterstützen, mittels des Wortes siphiniassieren aus123.
So fand man in den Jahrhunderten des Verderbnisses, wo man alles erprobte, Worte, um alles auszumalen. Daher das cleitoriazein124 oder die Verschmelzung von zwei Clitoris, eine Handlung, die Hesychtus und Suida sich die Mühe gemacht haben uns zu erklären, indem sie uns lehren, daß diese Handlung wie das Laichen des Karpfens mit seinesgleichen vor sich geht: eine ist in Bewegung, während die andere anhält und umgekehrt (darum das Sprichwort non satis liques), daher der Ausdruck cunnilinguus, den Seneca so ableitet. Die Phönizier unterschieden sich von den Lesbiern, indem erstere sich die Lippen rot färbten, um den Eingang in das wahre Heiligtum der Liebe vollkommener nachzuahmen, während die Lesbier, die nur Schminke in der Farbe der Spuren der Liebesopfer auflegten, weiße hatten125. Und das ist nicht die ungewöhnlichste Weise, auf die man die Lippen geschmückt hat, denn Sueton berichtet, daß der Sohn des Vitellius sie mit Honig bestrichen habe, um zur Vermehrung seiner Lust die Eichel seines Lieblings zu saugen, indem er so die zarte Haut, die diesen Körperteil umgibt, schlüpfrig machte, sollte der Speichel des mit Honig bestrichenen Handelnden den Liebeserguß anziehen. Das war ein bekanntes und auf erschöpfte Männer wirkendes Aphrodisiaticum126. Aber Vitellius nahm diese Zeremonie alle Tage öffentlich an denen vor, die sich dazu hergaben127, was nicht seltsamer ist, als die Trankopfer (semen et menstruum), die laut Epiphanius gewisse Weiber, ehe sie sie hinterschluckten, den Göttern darboten128.
Ich endige diese merkwürdige Rekapitulation, um die Moralisten zu fragen, ob die Alten sehr viel besser waren als wir, und die Gelehrten, welche Dienste sie den Männern und den Gebildeten geleistet zu haben glauben, wenn sie diese und so viele ähnliche Anekdoten in den Archiven des Altertums ausgegraben haben?
Finis
Das Erotika Biblion des Grafen Mirabeau wurde ins Deutsche übertragen von Paul Hansmann. Gedruckt wurde diese Ausgabe für den Hyperionverlag, Berlin, von der Buchdruckerei Imberg & Lefson G. m. b. H., Berlin, in zwölfhundert numerierten Exemplaren: die Exemplare 1 bis 100 wurden auf echtes Bütten, die Exemplare 101 bis 1200 auf feinstes Velinpapier abgezogen. Das Titelblatt zeichnete Erich Hoffmeister, den Einband Emil Preetorius. Dies ist Exemplar