Neuntes Kapitel
Simon trug den Brief zur Post. Am nächsten Sonntag erschien Klaus, der ältere Bruder, zu Besuch. Es war ein regnerischer Tag, es fror einen, zu sehen, wie die kalten Regentropfen die schon erwachten Blüten peitschten. Klaus machte ein ziemlich erstauntes Gesicht, als er bei seiner Schwester den Simon eingerichtet sah, den er irgendwo im Ausland vermutet hatte, doch blieb er so freundlich, als er nur vermochte; denn er mochte den Sonntag nicht verderben. Sie blieben alle drei ziemlich still, standen sich oft gegenüber, ohne zu sprechen, und schienen nach Worten zu suchen. Mit Klaus kam eine gewisse nachdenkliche Befremdung in die Wohnung Hedwigs hinein. Man drehte und fand allerlei, das allerdings nicht am Platze war. Der Gegenstand war natürlich Simons Hiersein. Klaus wollte heute keine Vorwürfe machen, obgleich es ihn wahrlich lebhaft genug dazu antrieb, aber er vermied die entzweiende Bemerkung. Er sah seinen Bruder fragend und bedeutsam an, als wolle er sagen: »Ich bin erstaunt über dein Betragen. Sollte man glauben, daß du ein erwachsener Mensch bist. Ist es ehrenhaft für dich, die Lage deiner Schwester dazu zu benutzen, um den Müßiggänger zu spielen? Wahrlich, keine Ehre, das! Ich würde es dir auch offen heraussagen, aber ich schone Hedwig, die ich dadurch verletzte. Ich will nicht den Sonntag verderben!« Simon verstand ihn schon. Er wußte ganz genau, was dieser Blick, diese steife, unnatürliche Wärme beim Wiedersehen, dieses Schweigen und Verlegensein bedeuteten. Er war nur froh, daß Klaus schwieg; denn er hätte antworten müssen, was ihm längst zuwider war, als Rechtfertigung vorzubringen. Freilich, freilich! Verdammenswert war seine Lage für einen jungen Mann, wie er war, und sein Betragen gewiß nicht zu entschuldigen. Aber schön war es auch, hier zu sein, schön, schön. Plötzlich von Weichheit ergriffen, sagte er zu Klaus: »Ich weiß wohl, was und wie du denkst über mich, aber ich schwöre dir, daß es bald aufhört. Ich glaube, du kennst mich ein wenig. Glaubst du mir?« Klaus reichte ihm die Hand und der Sonntag war gerettet. Es wurde bald zu Mittag gegessen, und Hedwig merkte wohl, heimlich lächelnd, die veränderte Lage zwischen den Brüdern. »Er ist doch gut, Klaus! Klaus ist gut,« dachte sie und sie trug das wohlschmeckende Essen mit größerem Vergnügen auf. Es gab eine herrliche Suppe, auf deren feine Zubereitung sich Hedwig trefflich verstand, dann Schweinefleisch mit Sauerkohl und zuletzt einen mit Speck gespickten Braten. Simon plauderte unbefangen über Welt und Menschen, zog seinen Bruder in Gespräche von der verschiedensten Art und lobte mit komischer Begeisterung wieder das herrliche Essen, was Hedwig jedes Mal, wenn er es tat, so zum Lachen brachte, daß sie ganz fröhlich wurde und alles vergaß, was etwa noch hätte eine Sorge genannt werden können. Am Nachmittag, trotz des trüben Wetters, wurde ein kleinerer Spaziergang gemacht. Das Feld, durch das man langsam ging, war naß, so daß man bald wieder zurückkehrte. Alle waren wieder still am Abend. Simon versuchte eine Zeitung zu lesen, Klaus sprach wie absichtlich von den nebensächlichsten Dingen, worauf Hedwig zerstreut antwortete. Vor dem Abschiednehmen sagte Klaus zu dem Mädchen, das er in die Küche rief, ein paar Worte, auf die der Drinnenstehende nicht horchen mochte. Was mochte es denn sein. Mochte es sein, was es wollte. Dann ging Klaus. Als die beiden, nachdem sie ein Stück Weges den zu Gast Dagewesenen auf den Heimweg begleitet hatten, wieder allein zu Hause saßen, war ihnen unwillkürlich wieder froher ums Herz, wie Schülern, die den gestrengen Inspektor wieder fort wissen. Sie atmeten freier und fühlten sich wieder als die Alten. Hedwig sprach, und eine Besorgnis um dessen, was sie jetzt sprechen wollte, machte ihre Stimme inniger und höher klingen: »Klaus ist doch immer derselbe. Man hat immer eine kleine Angst auszustehen, wenn er da ist. Seine Gegenwart macht einen unwillkürlich zur schuldbewußten Schülerin, die eine Strafrede erwartet, weil sie leichtsinnig gewesen ist. Man ist immer leichtsinnig gewesen in seinen Augen, wenn man noch so ernsthaft meint gehandelt zu haben. Seine Augen sehen ganz anders, sehen die Welt so seltsam besorgniserregend an, als müßte man sich beständig vor irgend etwas fürchten. Er schafft sich selber und andern immer Sorgen. Aus seinem Munde kommt solch ein Ton heraus, der aus tausend rücksichtsvollen Bedenken zusammengesetzt ist, so wenig vertrauensvoll ist er zur Welt und zu den Fäden, die einen an die Welt spannen, ganz von selber. Er sieht aus, als ob er schulmeistern möchte, und sieht doch wieder so genau ein, daß er schulmeistert, ohne es zu wissen: er möchte nicht schulmeistern und tut’s doch, wider seinen Willen, aus seiner Natur heraus, wofür man ihn nicht schuldig machen darf. Er ist so über alle Bedenken gut und zart, aber er bedenkt immer, ob es wohl angebracht sei, gut und milde zu sein. Die Strenge steht ihm absolut nicht, und doch glaubt er, mit der Strenge etwas erreichen zu sollen, was er glaubt, mit Güte verfehlt zu haben. Er meint: Güte sei unvorsichtig, und ist doch so gütig. Er verbietet sich, harmlos und gütig zu sein, was er doch am liebsten sein möchte, weil er immer fürchtet, dadurch etwas zu verderben, dadurch in den Augen der Welt als leichtsinnig dazustehen. Er sieht nur Augen, die ihn betrachten, und nicht Augen, die ruhig in seine sehen möchten. Man kann nicht ruhig in seine Augen blicken, weil man fühlt, daß ihn das beunruhigt. Er denkt immer, man denke etwas über ihn, und er möchte heraus haben, was man denkt. Wenn er nicht irgend einen Fehler an einem bemerkt, den er tadeln kann, scheint ihm nicht wohl zu sein. Und er ist doch so gut! Er ist nicht glücklich. Wenn er das wäre, würde er anders reden, im Nu, ich weiß es. Er neidet anderer Glück nicht gerade, aber es reizt ihn doch beständig, das Glück und die Unbefangenheit anderer zu bekritteln, was ihm doch sicher nur weh tut. Er mag nicht von Glück reden hören, ich begreife, warum nicht. Das liegt auf der Hand, und jedes Kind kann es verstehen: Selbst nicht froh, haßt man die Fröhlichkeit anderer. Wie muß ihn das oft schmerzen, ihn, der edel genug ist, um zu fühlen, daß er damit ein Unrecht begeht. Er ist durchaus edel, aber, wie soll ich sagen, ein bißchen verdorben in seinem Innern, ein ganz klein wenig, durch das Zurückgesetztsein und durch das Bemühen, sich nichts aus diesem Zurückgesetztsein zu machen. Ach, freilich ist er zurückgesetzt vom Schicksal, für dessen Launen und Kälten er viel zu wertvoll ist. So möchte ich es sagen; denn er tut mir weh! Zum Beispiel du, Simon! Ach Gott. Für dich empfindet man ganz anders, du ewig lustiger Bruder! Weißt du, über dich denkt man immer: Er sollte Prügel bekommen, so recht scharfe Prügel, das verdiente er! Man erstaunt über dich und begreift nicht, daß du noch nicht in einen Abgrund gefahren bist. Mitleid für dich empfinden, käme einem nie in den Sinn. Man hält dich allgemein für einen sorglosen, frechen, glücklichen Burschen. Ist das wahr?« –
Simon lachte laut auf, und damit war ein Ton angeschlagen, der eine Stunde lang anhielt. Da klopfte es draußen an der Türe. Die beiden erhoben sich, Simon ging, um zu sehen, wer draußen sei. Es war die Nachbarslehrerin. Sie kam verweint dahergelaufen. Ihr Mann, ein roher, rücksichtsloser Mensch, hatte die Frau wieder einmal geprügelt. Man suchte sie zu trösten, und es gelang.
Das Wetter wurde nun immer wärmer und die Erde üppiger, sie war mit einem dicken, blühenden Teppich von Wiesen überzogen, die Felder und Äcker dampften, die Wälder boten in ihrem schönen, frischen, reichen Grün einen entzückenden Anblick dar. Die ganze Natur bot sich dar, zog sich hin, dehnte, krümmte, bäumte sich, sauste und summte und rauschte, duftete und lag still wie ein schöner, farbiger Traum. Das Land war ganz dick, fett, undurchsichtig und satt geworden. Es streckte sich gewissermaßen aus in seiner üppigen Sattheit. Es war grünlich, dunkelbraun, schwarz gefleckt, weiß, gelb und rot und blühte mit einem heißen Atem, kam fast um vor Blühen. Es lag wie eine verschleierte Faulenzerin da, unbeweglich und zuckend mit seinen Gliedern und duftend mit seinen Düften. Die Gärten dufteten in die Straßen und hinaus ins Feld, wo Männer und Frauen arbeiteten; die Fruchtbäume waren ein helles, zwitscherndes Singen, und der nahe, runde, gewölbte Wald war ein Chorgesang von jungen Männern; die hellen Wege kamen kaum durch das Grün hindurch. In Waldlichtungen betrachtete man den weißen, verträumten, trägen Himmel, den man meinte herabsinken zu sehen und jubilieren zu hören, wie Vögel jubilieren, kleine Vögel, die man nie sah und die so natürlich paßten in die Natur. Man bekam Erinnerungen und man mochte sie doch nicht zergliedern und ausdenken, man vermochte es nicht, es tat einem süß weh, aber man war zu träge, um einen Schmerz ganz zu durchfühlen. Man ging so und blieb wieder so stehen und drehte sich so nach allen Seiten um, schaute in die Ferne, hinauf, hinweg, hinab, hinüber und zu Boden und fühlte sich betroffen von all der Mattigkeit dieses Blühens. Das Summen im Wald war nicht das Summen in der nackteren Lichtung, es war anders und erforderte wieder neue Stellungnahme zu neuen Träumereien. Man hatte immer zu kämpfen damit, zu trotzen, leise abzulehnen, zu sinnen und zu schwanken. Denn ein Schwanken war alles, ein Bemühen, und Sich-schwach-Finden. Aber es war süß so, nur süß, ein bißchen schwer, und dann wieder ein bißchen knauserig, dann scheinheilig, dann listig, dann nichts mehr, dann ganz dumm; zuletzt wurde es ganz schwer, noch irgend etwas schön zu finden, man konnte sich gar nicht mehr dazu veranlaßt finden, man saß, ging, schlenderte, trieb, lief und säumte so, man war ein Stück Frühling geworden. Konnte das Summen über sein Summen und Girren und Singen entzückt sein? War es dem Gras gegeben, seine eigenen schönen Schwankungen zu betrachten? Wäre es der Buche möglich gewesen, sich in ihren eigenen Anblick zu vergaffen? Man wurde nicht müde und stumpf, aber man ließ es so sein, so gehen, so hin und her schwanken. Die ganze Natur, so wie sie aussah, war eine Säumerin, ein Harren und Hangen! Die Düfte hingen und die ganze Erde harrte und wartete. Die Farben waren der selige Ausdruck davon. Man konnte etwas Frühmüdes und Ahnungsvolles im blühenden Strauch finden. Es war eine Art Nicht-mehr-weiter-Wollen, ein einziges Lächeln. Die blauen, verhauchten Waldberge klangen wie ferne, ferne Hörner, man fühlte die Landschaft ein wenig englisch, es war wie ein üppiger, englischer Garten, die Üppigkeit und das Weben und das Wogen der Stimmen führte die Sinne auf diese Verwandtschaft. Man dachte, so könnte es nun da und da auch aussehen, wie jetzt hier, die Gegend rief alle andern Gegenden einem ins Herz herbei. Es war komisch und weithintragend, forttragend und herbeibringend: Ein Bringen, wie junge Knaben bringen, ein Darbieten wie Kinder darbieten, ein Gehorchen und Aufhorchen. Man konnte sagen und denken, was man wollte, es blieb immer dasselbe Unausgesprochene, Unausgedachte! Es war leicht und schwer, wonnig und schmerzhaft, dichterisch und natürlich. Man begriff die Dichter, nein, eigentlich begriff man sie nicht, denn man wäre doch, indem man so ging, viel zu träge gewesen, um zu denken, daß man sie begriffe. Man hatte nicht nötig, irgend etwas zu begreifen, es begriff sich nie, und wieder begriff es sich ganz von selbst, indem es sich in das Horchen nach einem Klang auflöste, oder in das Sehen in die Ferne hinein, oder in die Erinnerung, daß es jetzt eigentlich Zeit sei, nach Hause zu gehen und eine, wenn auch ganz geringfügige Pflicht zu erfüllen, denn Pflichten wollen auch im Frühling erfüllt sein.
Die Nächte wurden herrlich. Der Mond verliebte sich in das Weiß der blühenden Gebüsche und Bäume und in die langen Windungen der Straßen, die er blenden machte. In den Brunnen spiegelte er sich und im fließenden Flußwasser. Den Kirchhof mit den stillen Gräbern machte er zu einem weißen Feenort, so daß man die Toten vergaß, die dort begraben lagen. Er drängte sich zwischen das Gewirr der herabfallenden, schmalen, haarähnlichen Äste und machte, daß man auf den Denksteinen die Inschriften lesen konnte. Simon ging um den Kirchhof herum, einige Male, dann schlug er einen weiteren Weg ins erhöhte, flache Feld hinein, drang durch niedriges, erleuchtetes Buschwerk, kam auf eine kleine abstürzende Wiese mitten in den Büschen und setzte sich da auf einen Stein, um darüber nachzudenken, wie lange er wohl dieses Leben des bloßen Beschauens und Sinnens noch weitertreiben werde. Bald mußte es gewiß ein Ende nehmen, denn es konnte nicht weitergehen. Er war ein Mann und gehörte einer strengen Pflichterfüllung an. Es mußte bald wieder gehandelt werden, das wurde ihm klar. Als er nach Hause kam, sagte er das in passenden Worten seiner Schwester. Er solle doch gar nicht an das denken, wenigstens jetzt noch nicht, sagte sie. Gut, erwiderte er, ich will noch nicht daran denken. Es war auch zu verlockend, noch ferner hier zu bleiben. Was wollte er denn eigentlich, und wonach trieb es ihn? Er würde kaum Reisegeld haben, irgendwohin zu reisen, und dort, wohin er gehen sollte, was erwartete ihn dort? Nein, er blieb gerne noch auf eine unbestimmte kleine Zeit da. Wahrscheinlich würde er sich toll zurücksehnen, wenn er fort wäre, und was wäre dann das? Nein, mit dem Sehnen müßte dann natürlich aufgeräumt werden; denn das würde sich ihm nicht ziemen. Aber machte man denn nicht oft Unziemliches? Übrigens, er blieb ja, und weiter wollte er sich den Gedanken die ihn belästigten, nicht hingeben.
So kamen wieder ein paar Tage und schwanden wieder. Die Zeit kam so geräuschlos und entfernte sich, ohne daß man es merkte. Auf diese Art verging sie eigentlich schnell, obgleich sie lange zauderte, ehe sie ging. Die beiden, Simon und Hedwig, schlossen sich jetzt noch lebhafter aneinander. Sie verbrachten plaudernd die Abende bei der Lampe und wurden nie des Redens müde. Sie sprachen während des Essens über das Essen, dessen Einfachheit und Delikatesse sie mit gesuchten Worten priesen, und während der Arbeit über die Arbeit, die sie mit Worten begleiteten, und während des Spazierens über die Freude und den Genuß des Spazierens. Sie vergaßen längst, daß sie nur Geschwister waren, sie kamen sich mehr durch das Schicksal als durch das gleiche Blut verbunden vor und verkehrten miteinander ungefähr wie zwei angeschlossene Gefangene, die sich bemühen, das Leben über der Freundschaft zu vergessen. Sie vertändelten viel Zeit, aber sie wollten sie so vertändelt wissen, weil jedes fühlte, daß der Ernst nur dahinter sich verborgen hielt, und daß jedes sehr wohl ernsthaft zu handeln und zu reden verstände, wenn es nur wollte. Hedwig empfand, daß sie sich ihrem Bruder immer mehr zu erkennen gab, und verhehlte sich den Trost nicht, den diese Empfindung ihr bereitete. Es schmeichelte ihr, daß er es nicht nur für klug und seiner Lage angemessen hielt, mit ihr zusammenzuleben, sondern auch für interessant, und sie dankte ihm dafür, indem sie ihn inniger, als früher, in das Herz schloß. Beide kamen sich so vor, als ob sie jedes für das andere bedeutend genug wären, um mit Stolz miteinander ein Stück Leben zu verbringen. Sie sprachen und dachten viel in Erinnerungen und versprachen sich, alles aufzutischen, was ihnen aus der frühen, entschwundenen Zeit, wo sie beide noch klein waren, noch einfiel. Weißt du noch! So fingen öfters ihre Gespräche an. So versanken sie in die köstlichen Bilder der Vergangenheit und waren immer bemüht, was es auch sein mochte, ihr Gefühl und ihren Verstand daran zu belehren, auch ihr Lachen daran zu wetzen und bei traurigen Anlässen heiter zu bleiben, wie es sich auch ziemte. Die Vergangenheit selbst machte ihnen wiederum die Gegenwart deutlicher und empfindlicher, und diese empfundene Gegenwart war, wie von einem Spiegel verdoppelt und verdreifacht, inhaltsreicher und lebhafter und zeigte auch gerader und sichtbarer den Weg in die Zukunft, die sie sich oft ausmalten, um sich daran auf eine leichte Art zu berauschen. Eine erträumte Zukunft war immer eine schöne, und die Gedanken, die sie dachten, heitere und leichte.