Fünfzehntes Kapitel
Am nächsten Morgen erwachte er erst, als die Glocken klangen. Er bemerkte von seinem Bette aus, daß ein herrlicher, blauer Tag draußen sein mußte. In den Fensterscheiben blitzte so ein Licht, das auf einen wunderbaren Morgenhimmel hoch über der Gasse schließen ließ. Etwas Hellgoldenes ließ sich ahnen, wenn man die gegenüberliegende Hausmauer länger ansah. Man mußte bedenken, wie schwarz und düster diese fleckige Wand bei beflecktem Himmel aussehen mußte. Man sah lange dahin und stellte sich vor, wie jetzt der See, mit den Segeln darauf, sich ausnähme, in dem goldenen, blauen Morgenwetter. Gewisse Waldwiesen, gewisse Aussichten und gewisse Bänke unter den grünen, üppigen Bäumen, der Wald, die Straßen, die Promenaden, die Wiesen auf dem Rücken des breiten Berges, vollbesetzt mit Bäumen, die Abhänge und Waldschluchten, in denen das Grün nur so wucherte, die Quelle und der Waldbach mit den großen Steinen und dem leise singenden Wasser, wenn man daran saß und sich davon einschläfern ließ. Das alles war zu sehen, deutlich, wenn Simon auf die Wand hinüberblickte, die doch nur eine Wand war, aber die heute das ganze Bild eines seligen Menschensonntages widerspiegelte, nur weil etwas wie ein Hauch von blauem Himmel darauf auf und ab schwebte. Dazu klangen ja die Glocken in den bekannten Tönen, und Glocken, ja, die verstanden es, Bilder aufzuwecken.
Er nahm sich, immer noch im Bett liegend, vor, von jetzt ab fleißiger zu sein, etwas zu studieren, zum Beispiel eine Sprache, und überhaupt geregelter zu leben. Wie viel hatte er versäumt! Das Lernen mußte einem doch viel Freude machen. Es war so schön, sich das vorzustellen, recht innig und lebhaft, wie das wäre, wenn man emsig lernte und lernte, und gar nicht aus dem Lernen herauskäme. Er fühlte eine gewisse menschliche Reife in sich: nun wohl, um so schöner müßte das Lernen werden, wenn mit der ganzen, bereits erworbenen Reife gelernt würde. Ja, das wollte er nun tun: lernen, sich Aufgaben stellen, und einen Reiz darin finden, Lehrer und Schüler in eigener Person zu sein. Zum Beispiel, wie würde es mit einer fremden, wohlklingenden Sprache sein, etwa mit der französischen? »Ich würde Wörter lernen und sie meinem Gedächtnisse fest einprägen. Wie käme mir da meine allezeit lebhafte Einbildungskraft zu Hilfe. Der Baum: l’arbre. Ich würde in meinem ganzen Gefühl den Baum sehen. Klara käme mir in den Sinn. Ich würde sie in einem weißen, weitgefalteten Kleid unter einem breiten, schattigen, dunkelgrünen Baum sehen. So käme mir wieder vieles, beinahe schon ganz vergessenes in den Sinn. Der Sinn würde stärker und lebhafter im Erfassen. So, wenn man nichts lernt, stumpft man zusammen. Wie süß ist gerade die Kleinheit, das Anfängerische! Ich erblicke jetzt einen hohen Reiz darin und begreife nicht, wie ich so lange, so lange trotzig und träge sein konnte. O, die ganze Trägheit liegt nur im Trotz des Mehrwissen-wollens und des vermeintlichen Besser-wissens. Wenn man nur recht weiß, wie wenig man weiß, kann es noch gut kommen. Ich würde mir bei dem Klang des fremden Wortes das deutsche inniger denken und mir seinen Sinn weiter ausbreiten in Gedanken, so würde mir auch die eigene Sprache ein neuer, reicherer Laut voll ungekannter Bilder werden. Le jardin: der Garten. Hier würde ich an den ländlichen Garten Hedwigs denken, den ich doch mitgeholfen habe, anzupflanzen, als es Frühling wurde. Hedwig! Alles würde mir wieder einfallen, blitzschnell, was sie gesagt, getan, gelitten und gedacht hat, während all der Tage, die ich bei ihr verbracht habe. Ich habe keine Ursache, so schnell Menschen und Dinge zu vergessen und meine Schwester erst recht nicht. Damals, als wir den Garten schon bepflanzt hatten, schneite es nachts wieder, und wir hatten großen Kummer, es würde uns nichts wachsen in unserem Garten. Für uns bedeutete das viel; denn wir versprachen uns aus dem Garten recht viel schönes Gemüse. Wie schön ist es doch, mit einem Menschen den gleichen Kummer teilen zu können. Wie müßte es erst sein, wenn man die Schmerzen und das Ringen eines ganzen Volkes mitlitte und mitkämpfte. Ja, das alles würde mir einfallen beim Lernen einer Sprache, und noch so viel mehr, so vieles, das ich mir jetzt noch gar nicht ausdenken kann. Nur lernen, nur lernen, gleichviel, was! Ich will mich auch in die Naturgeschichte versenken, ich ganz allein, ohne Lehrer, an Hand eines billigen Buches, das ich gleich morgen kaufen werde, denn heute ist Sonntag, da sind freilich alle Läden geschlossen. Das geht alles, ganz gewiß. Wozu ist man auf der Welt. Bin ich mir etwa seit einiger Zeit gar nichts mehr schuldig? Aufraffen muß ich mich endlich, es ist wahrlich die höchste Zeit.«
Und er sprang aus dem Bett, als wenn es ihm ein Bedürfnis wäre, gleich jetzt mit den neuen Plänen anzufangen. Rasch kleidete er sich an. Der Spiegel sagte ihm, daß er wirklich ganz nett aussähe, das befriedigte ihn.
Wie er eben die Treppe hinuntergehen wollte, begegnete ihm Frau Weiß, seine Wirtin und Zimmervermieterin. Sie war ganz in Schwarz gekleidet und trug ein kleines Gebetbuch in der Hand, sie kam soeben aus der Kirche. Sie lachte, als sie den Simon erblickte, recht munter, und fragte ihn, ob er denn nicht auch zur Kirche hätte gehen mögen.
Er sei schon seit Jahren in keiner Kirche mehr gewesen, erwiderte er.
Die Frau erschrak über ihr ganzes, gutes Gesicht hinweg, als sie solche Worte vernahm, die ihr ungebührlich erschienen zum Munde eines jungen Mannes heraus. Sie wurde nicht böse; denn sie war durchaus keine unduldsame Frömmlerin, aber sie mußte doch zu Simon sagen, da täte er doch nicht ganz recht. Sie glaube es übrigens gar nicht. Er sähe ihr durchaus nicht so aus. Aber wenn es wahr wäre, so möchte er bedenken, daß er nicht gut handle, niemals in die Kirche zu gehen.
Simon versprach ihr, um sie bei guter Laune zu erhalten, nächstens in die Kirche zu gehen, worauf sie ihn ganz freundlich anschaute. Er indessen ging die Treppe hinunter, ohne sich weiter bei ihr aufzuhalten. »Ein liebes Weib,« dachte er, »und ich gefalle ihr, ich merke es immer, wenn ich einer Frau gefalle. Wie lustig sie mit mir wegen der Kirche geschmollt hat. So übers ganze Gesicht ein Schmollen: das kleidet eine Frau immer. Das sehe ich sehr gern. Sie hat außerdem Respekt vor mir. Ich werde mir den ferner zu erhalten wissen bei ihr. Aber ich werde nicht viel und nicht oft zu ihr reden. Sie wird dann wünschen, ein Gespräch mit mir anzufangen, und wird froh über jedes Wort sein, das ich mit ihr spreche. Ich mag gern solche Frauen, wie sie eine ist. Das Schwarz steht ihr herrlich. Wie lieb das kleine Gebetbuch aussah, das sie in ihrer üppigen Hand trug. Eine Frau, die betet, erhält eigentlich einen sinnlichen Reiz mehr. Wie schön diese blasse Hand aus dem Schwarz des Ärmels heraustrat. Und ihr Gesicht! Nun, schon gut! Es ist jedenfalls sehr angenehm, etwas Liebes für die Reserve zu haben, so gleichsam im Hinterhalt. Man besitzt dann eine Art Heim, ein Zuhausesein bei jemandem, einen Rückhalt, einen Zauber, da ich doch einmal ohne einen gewissen vorhandenen Zauber nicht leben kann. Sie hatte noch den Wunsch, vorhin, auf der Treppe, weiter mit mir zu sprechen. Ich habe aber abgebrochen; denn ich hinterlasse bei Frauen gern unerfüllt gebliebene Wünsche. So setzt man seinen Wert nicht herab, sondern schraubt ihn in die Höhe. Die Frauen wollen das übrigens selber, daß man so handelt.«
Die Straße wimmelte von sonntäglich geputzten Menschen. Die Frauen gingen alle in hellen, weißen Kleidern, die Mädchen trugen an ihren weißen Röcken farbige, breite Schleifen, die Männer waren einfach gekleidet in hellere Sommerstoffe, Knaben trugen Matrosenkleider, Hunde liefen hinter ein paar Menschen her; im Wasser, in ein Drahtgitter eingeschlossen, schwammen Schwäne herum, etliche junge Leute beugten sich über das Geländer der Brücke und sahen ihnen aufmerksam zu, wieder andere Männer gingen ziemlich feierlich zur Urne und gaben dort ihre Stimmzettel zu den Wahlen ab, die Glocken läuteten zum zweiten oder zum dritten Mal, der See schimmerte blau und die Schwalben flogen hoch oben in der Luft, über die Dächer hinweg, die in der Sonne strahlten; die Sonne war zuerst eine Sonntag-Vormittagsonne, dann eine Sonne schlechthin und dann noch eine Extrasonne für ein paar Künstleraugen, die wohl mit unter der Menge sein mochten; dazwischen grünten und breiteten sich die Bäume der städtischen Parkanlagen aus; unter der dunkleren Baumschattenwelt spazierten wieder andere Frauen und andere Männer; Segelschiffe flogen im Wind auf dem blauen, fernen Wasser, und träge, an Fässer angebundene Boote schaukelten am Ufer; hier flogen wieder andere Vögel und Menschen standen hier still, die die blaue, weißliche Ferne und die Berggipfel betrachteten, die am fernen Himmel wie köstliche, weiße, beinahe unsichtbare Spitzen herunterhingen, als ob der ganze Himmel eine hellblaue Morgenmantille gewesen wäre. Alles hatte etwas zu betrachten, zu plaudern, zu empfinden, zu zeigen, hinzuweisen, zu bemerken und zu lächeln. Aus einem Pavillon klangen jetzt die Töne einer Musikkapelle wie flatternde, zwitschernde Vögel aus dem Grün heraus. Dort im Grün spazierte auch Simon. Die Sonne warf durch das Blätterwerk helle Flecken auf den Weg, auf den Rasen, auf die Bank, wo Kindermädchen Kinderwägelchen hin und her rollten, auf die Hüte der Damen und auf die Achseln der Männer. Alles plauderte, schaute, blickte, grüßte und promenierte durcheinander. Die vornehmen Karossen rollten auf der Straße, die elektrische Straßenbahn sauste ab und zu vorbei, und die Dampfschiffe pfiffen und man sah durch die Bäume ihren Rauch dick und schwer davonfliegen. Draußen im See badeten junge Menschen. Die sah man allerdings, unter dem Grün auf und ab spazierend, nicht, aber man wußte es, daß dort nackte Leiber im flüssigen Blau herumschwammen und herausleuchteten. Was leuchtete eigentlich heute nicht? Was flimmerte nicht? Alles flimmerte, blitzte, leuchtete, schwamm in Farben und verschwamm zu Tönen vor den Augen. Simon sagte mehrere Male hintereinander zu sich: »Wie schön ist ein Sonntag!« Er sah den Kindern und allen Menschen in die Augen, er sah alles selig und verwirrt an, bald erhaschte er eine schöne, einzelne Bewegung, und bald trat ihm das Ganze vor die Augen. Er setzte sich zu einem anscheinend noch jungen Manne auf eine Bank und blickte dem Mann in die Augen. Es entspann sich ein Gespräch zwischen ihnen, denn es war so leicht, mit reden anzufangen, wo alles so glücklich war.
Der andere Mann sprach zu Simon:
»Ich bin Krankenwärter, aber gegenwärtig bin ich nichts als Bummler. Ich komme aus Neapel, wo ich im Fremdenhospital die Kranken pflegte. Vielleicht werde ich schon in zehn Tagen irgendwo in Inner-Amerika sein, oder in Rußland; denn man schickt uns überall da hin, wo ein Wärter verlangt wird, sei es auch auf den Südseeinseln. Man sieht auf diese Weise die Welt, das ist wahr, aber die Heimat wird einem so fremd, ich kann mich da nicht genügend ausdrücken. Sie zum Beispiel leben wahrscheinlich immer in Ihrer Heimat, sie umgibt Sie immerwährend, Sie fühlen sich von den Bekannten umschlossen, Sie schaffen hier, Sie sind hier glücklich und erleben sicher hier auch Ihr Mißgeschick, gleichviel, Sie dürfen wenigstens an einen Boden, an ein Land, an einen Himmel, wenn ich es so sagen darf, gebunden sein. Es ist schön, an etwas gefesselt zu sein. Man fühlt sich wohl, hat ein Recht, sich wohl zu fühlen und darf auf das Verständnis und die Liebe seiner Mitmenschen hoffen. Aber ich? Nein! Sehen Sie, ich bin zu schlecht geworden für meine engere Heimat, vielleicht auch zu gut, zu alles verstehend. Ich kann nicht mehr mitempfinden mit meinen Landsleuten. Ihre Vorliebe verstehe ich ebensowenig mehr wie ihren Zorn und ihre Abneigung. Jedenfalls bin ich fremd. Und ich fühle, es wird einem übel genommen, daß man fremd geworden ist. Und gewiß hat man recht, das zu tun; denn ich habe unrecht getan, mich zu entfremden. Was nützt es mir, wenn auch meine Ansichten über Vieles weltmännischer und klüger sind, wenn ich mit meinen Ansichten nur verletze? Dann sind es schlechte Ansichten, wenn sie verletzen. Eines Landes Sitten und Anschauungen sind etwas, das man heilig halten muß, wenn man nicht eines Tages ein Fremdling darin werden will, wie es mit mir geschehen ist. Nun, ich reise ja sehr bald wieder weg, zu meinen Kranken.«
Er lächelte und fragte Simon: »Was sind Sie?«
»Ich bin in meinem eigenen Lande ein sonderbarer Geselle,« antwortete Simon, »ich bin eigentlich Schreiber, und Sie können sich leicht denken, was ich da für eine Rolle in meinem Vaterlande spiele, wo der Schreiber so ziemlich der letzte Mensch ist, den es in der Rangordnung der Klassen gibt. Andere junge Handelsbeflissene reisen, um sich auszubilden, in das ferne Ausland, und kommen dann mit einem ganzen Sack voller Kenntnisse wieder heim, wo ihnen ehrenvolle Stellen offen gehalten werden. Ich nun, müssen Sie wissen, bleibe immer im Lande. Es ist gerade so, als fürchte ich, daß in anderen Ländern keine oder nur eine minderwertige Sonne scheine. Ich bin wie festgebunden und sehe immer Neues im Alten, deshalb vielleicht gehe ich so ungern fort. Ich verkomme hier, ich sehe es wohl, und trotzdem, ich muß, so scheint es, unter dem Himmel meiner Heimat atmen, um überhaupt leben zu können. Ich genieße natürlich wenig Achtung, man hält mich für liederlich, aber das macht mir so nichts, so gar nichts aus. Ich bleibe und werde wohl bleiben. Es ist so süß, zu bleiben. Geht denn die Natur etwa ins Ausland? Wandern Bäume, um sich anderswo grünere Blätter anzuschaffen und dann heimzukommen und sich prahlend zu zeigen? Die Flüsse und die Wolken gehen, aber das ist ein anderes, tieferes Davongehen, das kommt nie mehr wieder. Es ist auch kein Gehen sondern nur ein fliegendes und fließendes Ruhen. Ein solches Gehen, das ist schön, meine ich! Ich blicke immer die Bäume an, und sage mir, die gehen ja auch nicht, warum sollte ich nicht bleiben dürfen? Wenn ich im Winter in einer Stadt bin, so reizt es mich, sie auch im Frühling zu sehen, einen Baum im Winter, ihn auch im Frühling prangen und seine ersten, entzückenden Blätter ausbreiten zu sehen. Nach dem Frühling kommt immer der Sommer, unerklärlich schön und leise, wie eine glühende, große, grüne Welle aus dem Abgrund der Welt herauf, und den Sommer will ich doch hier genießen, verstehen Sie mich, mein Herr, hier, wo ich den Frühling habe blühen sehen. Da ist zum Beispiel dieses kleine Wiesen-oder Rasenbord. Wie süß ist das im Vorfrühling anzusehen, wenn der Schnee eben unter der Sonne darauf zerronnen ist. Aber um diesen Baum und um dieses Bord und um diese Welt handelt es sich: ich glaube, ich würde an anderen Orten den Sommer nicht bemerken. Die Sache ist die: ich habe eine recht verteufelte Lust, hier am Fleck zu bleiben und eine ganze Menge unlustiger Gründe, die mir das Reisen ins Ausland verbieten. Zum Beispiel: hätte ich etwa Reisegeld? Sie werden wissen, man braucht Geld, um mit der Eisenbahn oder mit dem Schiff zu fahren. Ich habe noch Geld für etwa zwanzig Mahlzeiten; aber ich habe kein Reisegeld. Und ich bin froh, daß ich keines habe. Mögen andere reisen und klüger heimkommen. Ich bin klug genug, eines Tages hier im Lande mit Anstand zu sterben.«
Nach einem kurzen Stillschweigen, während dessen der Krankenwärter ihn unverwandt anblickte, fuhr er fort:
»Und dann habe ich auch gar kein Verlangen darnach, Karriere zu machen. Was andern das meiste ist, ist mir das mindeste. Ich kann das Karrieremachen in Gottes Namen nicht achten. Ich mag leben, aber ich mag nicht in eine Laufbahn hineinlaufen, was so etwas Großartiges sein soll. Was ist Großartiges dabei: frühzeitig krumme Rücken vom Stehen an zu kleinen Pulten, faltige Hände, blasse Gesichter, zerschundene Werktagshosen, zittrige Beine, dicke Bäuche, verdorbene Mägen, kahle Platten auf den Schädeln, grimmige, anschnauzige, lederne, verblaßte, glutlose Augen, abgemergelte Stirnen und das Bewußtsein, ein pflichtgetreuer Narr gewesen zu sein. Ich danke! Ich bleibe lieber arm aber gesund, verzichte auf eine Staatswohnung, zugunsten eines billigen Zimmers, wenn es auch auf die dunkelste Gasse hinausgeht, lebe lieber in Geldverlegenheiten als in der Verlegenheit, wo ich sommers hinreisen soll, um meine verdorbene Gesundheit aufzuputzen, bin allerdings nur von einem einzigen Menschen geachtet, nämlich von mir selber, aber das ist einer, an dessen Achtung mir am meisten liegt, bin frei und kann jedesmal, wenn es die Notwendigkeit verlangt, meine Freiheit für einige Zeitlang verkaufen, um nachher wieder frei zu sein. Es lohnt sich, um der Freiheit willen arm zu bleiben. Ich habe zu essen; denn ich besitze das Talent, mit ganz Wenigem satt zu werden. Ich werde rasend, wenn man mir mit dem Wort und mit der Zumutung kommt, die in dem Worte »Lebensstellung« liegt. Ich will Mensch bleiben. Mit einem Wort: ich liebe das Gefährliche, das Abgründige, Schwebende und das Nicht-Kontrollierbare!«
»Sie gefallen mir,« sagte der Krankenwärter.
»Ich wollte durchaus nicht Ihr Gefallen erwecken, aber es freut mich trotzdem, wenn ich Ihnen gefalle, da ich einigermaßen von der Leber wegrede. Übrigens hätte ich nicht nötig gehabt, heftig auf andere zu werden. Das ist immer dumm, und man hat kein Recht, Verhältnisse zu beschimpfen, weil sie einem nicht behagen. Man kann ja fortgehen, ich kann ja fortgehen! Aber nein, es behagt mir eben. Meine Lage gefällt mir. Die Menschen gefallen mir, so wie sie sind. Ich meinesteils suche auch mit allen Mitteln meinen Mitmenschen zu gefallen. Ich bin fleißig und arbeitsam, wenn ich einen Auftrag zu erfüllen habe, aber meine Lust an der Welt opfere ich niemandem zu Gefallen, höchstens würde ich sie dem heiligen Vaterlande hinopfern, wozu bis jetzt die Gelegenheit noch immer ausgeblieben ist und wohl auch ausbleiben wird. Mögen sie immerzu Karriere machen, ich begreife sie, sie wollen bequem leben, sie wollen sorgen, daß ihre Kinder auch etwas haben, sie sind vorsehende Väter, deren Tun nur achtenswert ist, mich mögen sie eben auch machen lassen, sie mögen mich auf meine Weise dem Leben seinen Reiz abzureißen versuchen lassen, das versuchen alle, alle, nur nicht alle auf die gleiche Art. Es ist ja so wundervoll, reif genug zu sein, um alle machen zu lassen in ihrer Art, so wie es jeder versteht. Nein, wenn einer dreißig Jahre lang sein Amt treu verwaltet hat, ist er am Ende seiner Lebensbahn durchaus kein Narr gewesen, wie ich vorhin in der Heftigkeit sagte, sondern ein Ehrenmann, der verdient, daß man ihm Kränze aufs Grab legt. Sehen Sie, ich will keine Kränze auf mein Grab bekommen, das ist der ganze Unterschied. Mein Ende ist mir gleichgültig. Sie sagen mir immer, jene andern, ich werde meinen Übermut noch schwer büßen müssen. Nun wohl, dann büße ich und erfahre dann doch, was büßen heißt. Ich erfahre gern alles und deshalb fürchte ich nicht so viel, wie die, die um eine glatte Zukunft besorgt sind. Ich habe immer Angst, es möchte mir eine einzige Lebenserfahrung entgehen. Darauf bin ich ehrgeizig wie zehn Napoleone. Doch jetzt bin ich hungrig, ich möchte essen gehen, kommen Sie mit? Es würde mich freuen.«
Und sie gingen zusammen.
Nach dem etwas wilden Gerede war Simon plötzlich weich und sanft geworden. Er sah mit entzückten Augen die schöne Welt an, die runden, üppigen Kronen der hohen Bäume und die Straßen, wo die Menschen gingen. »Die lieben, geheimnisvollen Menschen!« dachte er bei sich und gestattete es, daß sein neuer Freund ihm die Schulter mit der Hand berührte. Er sah es gerne, daß der andere so vertraulich wurde, es paßte, es verband und löste auf. Er sah alles mit lachenden, glücklichen Augen an, wobei er wieder dachte: »Wie sind doch Augen schön!« Ein Kind hatte zu ihm den Blick erhoben. Mit so einem Kameraden zu gehen, wie der Krankenwärter war, erschien ihm als etwas ganz Neues, noch nie Erlebtes, als etwas jedenfalls Angenehmes. Auf dem Wege kaufte derselbe bei einem Gemüsehändler ein Gericht frischer Bohnen und in einer Metzgerei Speck und lud Simon zu sich zum Mittagessen ein. Gerne wurde das Angebot angenommen.
»Ich koche immer selbst,« sagte der Krankenwärter, als sie beide in dessen Wohnung anlangten, »ich habe mir das angewöhnt. Es macht Spaß, glauben Sie es mir nur. Passen Sie auf, wie vortrefflich Ihnen die Bohnen mit dem schönen Speck schmecken werden. Ich stricke mir zum Beispiel auch selber meine Strümpfe und wasche meine Wäsche selber. So erspart man viel Geld. Ich habe das alles gelernt, und warum sollten sich solche Arbeiten nicht auch ausnahmsweise einmal für einen Mann schicken, wenn er ausgesprochenen Sinn dafür hat. Ich sehe nicht ein, was in einer solchen Beschäftigung Beschämendes liegen sollte. Ich fertige mir auch selber Hausschuhe, wie diese hier sind, an. Einige Aufmerksamkeit erfordert schon solch eine Arbeit. Pulswärmer für den Winter zu stricken oder Westen zu machen, bietet mir keine besonderen Schwierigkeiten. Wenn man immer so allein ist, und auf Reisen, wie ich, kommt man auf wunderliche Sachen. Machen Sie es sich, oder, mach es dir bequem, Simon! Sollte ich mir nicht gestatten dürfen, dir das »Du« anzutragen?« –
»Warum nicht? Gern!« Und Simon errötete auf ihm ganz unbegreifliche Weise.
»Ich habe dich sehr lieb vom ersten Augenblick an gewonnen,« sprach der Wärter, der sich Heinrich nannte, weiter, »man braucht dich nur anzusehen, um überzeugt zu sein, daß du ein lieber Kerl bist. Ich hätte Lust, dich zu küssen, Simon.« –
Simon wurde es schwül in dem Zimmer. Er stand vom Stuhle auf. Er ahnte, was es für einer sei, der ihn so merkwürdig zärtlich ansah. Aber was schadete das. »Ich will es gehen lassen,« dachte er. »Ich mag dem Heinrich, der sonst nett ist, deswegen nicht grob kommen!« Und er gab seinen Mund her und ließ sich darauf küssen.
Was war es denn weiter!
Übrigens fand er es hübsch und dem Zustand von Weichheit, in dem er sich befand, angemessen, sich so zärtlich behandeln zu lassen. Wenn es auch diesmal nur ein Mann war! Er fühlte deutlich, daß dessen seltsame Neigung zu ihm der schonenden und vorläufig dahin gehen lassenden Rücksicht bedurfte, und er hätte es nie vermocht, die Hoffnungen des Mannes zu zerstören, wenn es nun einmal auch unwürdige Hoffnungen waren. Mußte er denn deswegen empört tun? »Keine Rede,« dachte sich Simon, »ich lasse ihn einstweilen gewähren, es paßt zu allem, was jetzt um mich herum vorgeht!«
Den Abend verbrachten beide mit einer Wanderung von Kneipe zu Kneipe; denn der Wärter war ein ziemlich leidenschaftlicher Trinker, weil er mit seiner freien Zeit nicht viel anderes anzufangen wußte. Simon fand es für passend, in jeder Beziehung mitzumachen. Er lernte dort in den kleinen, dumpfigen Wirtschaften Menschen kennen, die mit unglaublicher Ausdauer Karten spielten. Das Kartenspiel schien solchen eine ganz eigene Welt zu sein, in der sie sich nicht gern stören ließen. Andere saßen den ganzen Abend da und klemmten einen spitzen, langen Zigarrenstengel zwischen den Zähnen herum, ohne sich weiter bemerkbar zu machen, als etwa dadurch, daß sie den Zigarrenrest, wenn er zu kurz geworden war, um zwischen den Lippen noch weiter gepreßt zu werden, an die Spitze ihres Sackmessers steckten, um ihn bis zu der kleinsten Kürze herunterrauchen zu können. Eine abgemagerte, wüste Klavierspielerin erzählte ihm, daß ihre Schwester eine schlechte Schwester aber eine berühmte Konzertsängerin sei, mit der sie längst aufgehört habe, familiär zu verkehren. Simon fand es begreiflich, aber er benahm sich zart und sagte ihr nicht, daß er es begreiflich fände. Er hielt die Person mehr für unglücklich als verdorben, und das Unglück ehrte er immer, während er die Verdorbenheit für die Folge des Unglückes hielt, das wenigstens Anstand erforderte. Er sah dicke, kleine, furchtbar lebhafte Wirtinnen, die sich den Gästen unter allerhand Zutraulichkeiten nahten, während ihre Männer auf Sofas und in Lehnstühlen schliefen. Oft wurde ein gutes, altes Volkslied gesungen, von einem, der im Singen solcher alter Lieder, was die Tonart und den Wechsel der Stimme betraf, Meister war. Diese Lieder klangen schön und wehmütig, man spürte unwillkürlich, wie manche rauhe und helle Kehle sie schon, einstmals und viel früher, gesungen haben mußte. Einer riß beständig Witze, es war ein kleiner, junger Mensch in einem alten, großen, breiten, hohen, tiefen Hut, den er irgendwo beim Trödler erstanden haben mußte. Sein Mund war schmierig und seine Witze nicht minder, aber sie zwangen zum Lachen, ob man wollte oder nicht. Einer sagte ihm: »Ich bewundere Ihren Witz, Sie!« Aber der Witzige lehnte die dumme Bewunderung mit gut gespielter Verwunderung ab, und das war ein wirklicher Witz, der jeden Gebildeten hätte freuen können. Der Wärter erzählte allen Menschen, die neben ihn zu sitzen kamen, er sei im Grunde genommen zu schlecht und wieder, wenn er es recht bedenke, zu gut für seine Heimat. Simon dachte: »Wie dumm!« Aber von Neapel stattete der Krankenpfleger weit hübscheren Bericht ab, so sagte er zum Beispiel, daß dort in den Museen wundervolle Überreste von antiken Menschen zu sehen seien, und man könne daran sehen, daß die früheren Menschen uns an Größe, Breite und Dicke weit übertroffen hätten. Arme hätten diese Menschen gehabt wie wir Beine etwa! Das müsse ein Geschlecht von Weibern und Männern gewesen sein, das! Was wir dagegen seien? Einfach eine heruntergekommene, verkrüppelte, verkümmerte, zugespitzte, in die Länge und Dünne gesprungene und zerrissene und zerfetzte und abgemagerte Generation. Auch den Golf von Neapel wußte er in anmutigen Worten zu schildern. Viele hörten ihm aufmerksam zu, aber viele schliefen und weil sie schliefen, konnten sie nichts hören.
Simon kam sehr spät nach Hause, fand die Haustüre verschlossen, hatte aber keinen Schlüssel bei sich und klingelte an der Hausglocke ziemlich unverschämt; denn er war in einem Zustand, in welchem man stets rücksichtslos zu sein pflegt. Ein Fenster öffnete sich sogleich auf den heftigen Schall, den die Glocke verursachte, und eine weiße Gestalt, ohne Zweifel die Frau in ihrer Nachtjacke, warf den in dickes Papier gewickelten Schlüssel hinunter.
Am nächsten Morgen lächelte sie ihm, statt erzürnt über ihn zu sein, in der freundlichsten Weise »Guten Morgen« entgegen, und erwähnte mit keinem Wort die Störung in der Nacht. Simon fand es deshalb auch nicht am Platz, ein Wort darüber zu sagen und entschuldigte sich, halb aus Zartheit und halb aus Bequemlichkeit, nicht.
Er ging weg und suchte den Wärter auf. Der Montagmorgen war wiederum prachtvoll. Die Menschen waren alle an ihrer Arbeit, die Gassen waren infolgedessen leer und hell, er trat in das Zimmer, wo der Wärter noch schläfrig im Bette lag. Simon bemerkte an den Wänden des Zimmers heute, was er gestern nicht beobachtet hatte, eine Menge ziemlich süßlicher, christlicher Wanddekorationen: Engelchen mit rötlichen Köpfchen aus Papier geschnitten und Tafeln mit Sprüchen, die in geheimnisvolle, trockene Blumen gerahmt waren. Er las sämtliche Sprüche, es waren tiefe darunter, die zum Nachdenken reizten, Sprüche, die vielleicht älter waren als acht alte Menschen miteinander, aber auch glättliche, neue Sprüche, die sich so lasen, als ob sie zu Tausenden in einer Fabrik fabriziert worden wären. Er dachte: »Wie seltsam ist das! Überall, in vielen einzelnen Zimmern und Zimmerchen, wohin man auch kommen mag, und was man auch gerade verüben mag, sieht man solche Stücke alter Religionen an Wänden hängen, die teils viel sagen, und teils wieder weniger, teils auch gar nichts mehr. Was glaubt der Wärter? Sicher nichts! Vielleicht ist die Religion bei vielen, heutigen Menschen nur noch so halbe, oberflächliche und unbewußte Geschmackssache, eine Art Interesse und Gewohnheit, wenigstens bei den Männern. Vielleicht hat eine Schwester des Wärters dieses Zimmer auf diese Weise ausgeschmückt. Ich glaube es; denn die Mädchen haben innigeren Grund zur Frömmigkeit und zum religiösen Nachsinnen als die Männer, deren Leben immer mit der Religion gestritten hat, von jeher, wenn es nicht gerade Mönche waren. Aber ein protestantischer Pfarrer in schneeweißen Haaren, mit mildem, geduldigem Lächeln und edlem Gang, wenn er durch einsame Waldlichtungen schreitet, ist und bleibt etwas Schönes. In der Stadt ist die Religion weniger schön als auf dem Land, wo Bauern leben, deren Lebensart schon an und für sich etwas Tiefreligiöses hat. In der Stadt gleicht die Religion einer Maschine, was etwas Unschönes ist, auf dem Lande dagegen empfindet man den Gottesglauben als dasselbe wie ein blühendes Kornfeld, oder wie eine ausgedehnte, üppige Wiese, oder wie das entzückende Anschwellen leicht gebogener Hügel, auf deren Höhe ein verstecktes Haus steht, mit stillen Menschen, denen das Nachsinnen wie ein Freund ist. Ich weiß nicht, mir kommt vor, als ob in der Stadt der Pfarrer zu dicht neben dem Börsenspekulanten und dem glaubenslosen Künstler wohne. Es mangelt in der Stadt dem Gottesglauben an der gehörigen Entfernung. Die Religion hat hier zu wenig Himmel und zu wenig Geruch von Erde. Ich kann es nicht so gut sagen, und was kümmert es mich überhaupt. Religion ist nach meiner Erfahrung Liebe zum Leben, inniges Hangen an der Erde, Freude am Moment, Vertrauen in die Schönheit, Glauben an die Menschen, Sorglosigkeit beim Gelage mit Freunden, Lust zum Sinnen und das Gefühl der Verantwortungslosigkeit in Unglücksfällen, Lächeln beim Tode und Mut in jeder Art Unternehmungen, die das Leben bietet. Zuletzt ist tiefer, menschlicher Anstand unsere Religion geworden. Wenn die Menschen voreinander den Anstand bewahren, bewahren sie ihn auch vor Gott. Was will Gott mehr wollen? Das Herz und die feinere Empfindung können zusammen einen Anstand hervorbringen, der Gott wohlgefälliger sein dürfte, als finsterer, fanatischer Glaube, der den Himmlischen selbst beirren muß, so daß er am Ende noch wünschen wird, keine Gebete mehr zu seinen Wolken hinaufdonnern zu hören. Was kann ihm unser Gebet sein, wenn es derart anmaßlich und plump zu ihm hinaufdringt, als ob er schwerhörig wäre? Muß man ihn sich nicht mit den allerfeinsten Ohren vorstellen, wenn man ihn überhaupt denken kann? Ob ihm die Predigten und die Orgeltöne recht angenehm sind, ihm, dem Unaussprechlichen? Nun, er wird eben lächeln zu unsern immer noch so finsteren Bemühungen und er wird hoffen, daß es uns eines Tages einfällt, ihn ein wenig mehr in Ruhe zu lassen.«
»Sie sind ja so nachdenklich, Simon,« sagte der Wärter.
»Gehen wir?« fragte Simon.
Der Krankenwärter war fertig geworden, und beide gingen zusammen die steilen Wege den Berg hinauf. Die Sonne schien glühend heiß. Sie traten in einen kleinen, üppig verwachsenen Biergarten hinein und ließen sich einen Frühschoppen reichen. Als sie indessen gehen wollten, ermunterte sie die Wirtin, eine hübsche Frau, zum Dableiben, und sie blieben, bis es Abend wurde. »So vertrinkt man, ehe man es denkt, den hellen Sommertag,« dachte Simon mit einem Gefühl, das mit taumelnder Lust und mit einem sanften, schönen, melodiösen Weh gemischt war. Die Farben des Abends im Grün machten ihn trunken. Sein Freund schaute ihm tief und verlangend in die Augen und schlang den Arm um seinen Hals. »Eigentlich ist das häßlich,« dachte Simon. Auf dem Wege wurden alle Weiber und Mädchen in der auffallendsten Weise von den beiden angesprochen. Die Arbeiter kamen von der Arbeit heim, Menschen, die noch rüstig gingen, die Schultern seltsam wiegten, als atmeten sie jetzt befreit auf. Simon entdeckte prachtvolle Gestalten unter ihnen. Als sie in den heißen, aber schon dunkel gefärbten Wald kamen, der den Berg krönte, sank unten in der fernen Welt die Sonne unter. Sie lagerten sich in grüne Blätter und Gesträuch hinein und schwiegen und atmeten nur so. Dann kam, was Simon jetzt erwartete, die Annäherung seines Kameraden, die ihn aber durchaus erkältete.
»Es hat keinen Sinn,« sagte er, »hören Sie auf oder so: höre doch auf.«
Der Wärter ließ sich beschwichtigen, aber er war unmutig geworden, Leute kamen vorbei, sie mußten aufstehen und den Platz verlassen. Simon dachte: »Warum verbringe ich den Tag mit einem solchen Menschen?« Aber er gestand sich gleich darauf, daß er eine gewisse Freude an ihm habe, trotz seiner seltsamen, unschönen Neigungen. »Ein anderer würde den Wärter verachten,« dachte er weiter, indem sie den Rückweg einschlugen, »aber ich bin so einer, der einen jeden Menschen in seiner Art und Unart interessant und liebenswert findet. Ich komme nicht bis zur Menschenverachtung, oder ich verachte eigentlich nur die Feigheit und Leblosigkeit, aber ich finde an der Verdorbenheit sehr leicht etwas Interessantes. Und in der Tat, sie klärt über vieles auf, läßt tiefer in die Welt blicken und macht einen erfahrener und macht milder und treffender urteilen. Man muß mit allem bekannt werden, und man lernt es nur kennen, wenn man es tapfer berührt. Irgend jemandem ausweichen, aus Furcht, das würde ich meiner für unwürdig halten. Überdies: einen Freund haben, ist unschätzbar! Was schadet es, wenn es ein etwas merkwürdiger Freund ist.« –
Simon fragte:
»Bist du mir böse, Heinrich?«
Der aber sprach nichts mehr. Sein Gesicht hatte einen finsteren Ausdruck angenommen. Wieder langten sie an dem Biergarten an, der jetzt in seinen zierlichen Umrissen dunkel war. Farbige, schimmernde Lampions erleuchteten das dunkle Grün an einigen Stellen, Geräusch und Gelächter drang heraus, und die beiden, angelockt von dem lustigen, feurigen Leben, gingen wieder hinein, wo sie von der Wirtin freundschaftlich begrüßt wurden.
Der rote, dunkle Wein funkelte in den hellen Gläsern, die Lichtschimmer vermengten sich mit den erhitzten Gesichtern, die Blätter von dem Gebüsch berührten die Kleider der Frauen, es schien so selbstverständlich, daß man die heiße Sommernacht in einem lispelnden Garten mit Trinken, Singen und Lachen verbrachte. Aus dem tief gelegenen Bahnhof drang das Gelärm der Eisenbahnen herauf an die Ohren der Schwärmenden. Ein reicher, langer, rotbäckiger Weinhändlerssohn machte sich mit Simon in einem kühnen, philosophierenden Gespräch zu schaffen. Der Wärter widersprach in allem, weil er unmutig und ärgerlich war. Die Kellnerin, ein schlankes, brünettes Mädchen, setzte sich zu Simon und ließ es sich gefallen, daß er sie eng an sich heranzog, um sie zu küssen. Sie ertrug den Kuß gern, mit stolzen, geschwungenen Lippen, die wie dazu geschaffen schienen, Wein zu schlürfen, zu lachen und zu küssen. Der Wärter wurde noch böser und wollte aufbrechen, woran man ihn aber verhindern konnte. Da sang einer, ein junger, braungefärbter, dunkler Bursche mit grünem Jägerhut ein Lied, während sein Mädchen, das sich, an seine Brust angeschmiegt, eng an ihn lehnte, in leisen, glücklichen Tönen mitsang. Das klang so berauschend, dunkel und südlich. Simon dachte: »Lieder sind doch immer wehmütig, wenigstens die schönen. Sie mahnen ans Aufbrechen!« Aber er blieb noch lange in dem nächtlichen Garten.