Zwölftes Kapitel
Simon kam es ganz wunderbar vor, in dieser stillen Küche, mitten in einer großen Stadt, zu handwerken. Wer hätte das je gedacht. Nein, der Mensch kam doch nie dazu, sich eine Zukunft zu malen. Er, der früher frei über die Bergweiden streifte, wie ein Jäger unter dem offenen Himmel schlief und die Luft zu eng fand, wenn er Ausblicke genoß, die die vor ihm liegende Erde auseinanderbreiteten und dehnten, der die Sonne heißer, den Wind stürmischer, die Nacht dunkler und die Kälte grimmiger wünschte, wenn er draußen, zu jeder Jahreszeit und bei jeder Witterung, suchend, händereibend und atempustend herumlief, er steckte jetzt in einer kleinen Küche und trocknete einen tropfenden Teller warm ab. Er war froh. »Ich bin froh, so gehemmt, so eingesteckt, so eingeengt zu sein,« sagte er zu sich, »was will der Mensch nur immer die Weite haben, und dazu doch Sehnsucht, die doch so was Beengendes ist! Hier bin ich eng eingeklemmt zwischen vier Küchenwände, aber mein Herz ist weit und erfüllt von der Lust an meiner bescheidenen Pflicht.«
Es war ein wenig erniedrigend für ihn, sich in einer Küche zu wissen, mit einer Arbeit beschäftigt, die sonst nur Mädchen verrichten. Ein wenig erniedrigend und ein wenig lächerlich war es, aber es war entschieden geheimnisvoll und absonderlich. Kein Mensch konnte sich jetzt diese Lage von ihm austräumen. Dieser Gedanke hatte wiederum etwas Genugtuerisches und Stolzes. Man konnte bei diesem Gedanken lächeln. Das Mädchen fragte ihn, was er denn früher in seinem Leben gewesen sei, und er antwortete: »Schreiber!« Sie konnte nicht begreifen, wie man so wenig Ehrgeiz besitzen könne, das Schreibpult aufzugeben, um in eine Haushaltung hineinzukriechen. Simon sagte darauf, es gäbe in diesem Falle erstens nichts zu kriechen, wie sie sich da so lieblich ausdrücke, und zweitens sei es noch eine Frage, was besser wäre: ein Sitz hinter einem Pult oder der Zustand eines Geschirrabwischers. Er zöge bei weitem die freie, luftige, heiße, dampfige, interessante Küche dem öden Bureau vor, in dem die Luft meist schlecht und die Laune eine verbitterte sei. Hier sei kein Anlaß, bitter zu sein, hier, wo der Braten in der Pfanne schmore, das Gemüse koche, die Suppe dampfe, das Kupfer so lieblich herabblinke vom Gestell und die Teller so freundlich klängen, wenn man sie aneinanderschlüge. Aber Diener sein, das sei doch nicht viel, das bedeute doch gar nichts, meinte das muntere Mädchen. Er wolle nichts bedeuten, erwiderte Simon sanft. Sie ließ es dabei bewenden, doch fand sie, daß er ein kurioser, schwer begreiflicher Mensch sei. Aber sie dachte: »er ist anständig,« und fühlte, »er dürfte sich viel erlauben!« Simon war eben fertig geworden mit seiner Arbeit, als die Dame in die Küche trat und zu ihm sagte, er möge hineinkommen, sie habe eine Beschäftigung für ihn. »Was für eine schöne Beschäftigung hat sie wohl für mich,« dachte Simon, und er folgte der Voranschreitenden. »Sie haben jetzt, während des Nachmittages, weiter nichts zu tun, da können Sie meinem Knaben und mir aus einem Buche vorlesen. Verstehen Sie vorzulesen?«
Simon bejahte.
Und dann las er eine volle Stunde lang vor, mit etwas gepreßtem Atem, aber mit richtiger, scharfer, schöner Aussprache und mit einer warmen Stimme, die anzeigte, daß der Leser miterlebte, was er las. Der Dame schien es zu gefallen, und der Knabe war ganz nur Ohr bis zum Schluß, wo er sich anmutig für den Genuß bedankte. Simon, dessen Wangen hochrot vor Bewegung glühten, fand es schön, daß man ihm dankte. Er verfügte sich, da er weiter vorläufig nichts zu treiben wußte, in das Domestikenzimmer, das die Abendsonne rötlich beleuchtete, und fing an, zum Fenster hinaus zu rauchen.
»Ich sehe es unlieb, wenn Sie hier rauchen,« sprach die hereintretende Frau.
Er rauchte aber weiter, und sie ging wieder, etwas ärgerlich, hinaus. »Ich begreife allerdings, daß es ihr nicht lieb ist, aber, muß ihr denn alles lieb an mir sein? Das Rauchen gebe ich nicht auf. Nein! Zum Teufel, nein! Und wenn zwanzig Damen kämen und eine nach der andern es mir verböten.« Er war wütend, aber er wurde sofort wieder sanft und sprach zu sich: »Ich hätte die Zigarette wegwerfen sollen; das war unverschämt!«
In diesem Augenblick, den er dazu benutzen wollte, ein Selbstgespräch zu führen, tönte im Korridor ein Schrei und unmittelbar darauf ein heftiger Knall von einem zu Boden stürzenden Geschirr. Simon öffnete die Tür und erblickte die Frau, wie sie mit wehklagendem, stummem und betrübtem Gesicht zu Boden sah, wo die Scherben einer ihr gewiß teuer gewesenen Porzellanplatte herumlagen. Sie hatte die Platte mit einem Stück Torte drauf vom Eisschrank weg in ihr Zimmer tragen wollen und dieselbe fallen lassen, sie konnte selber nicht sagen, wie. Es brauchte ja nur eine kleine Täuschung der Sinne gewesen zu sein, oder sonst etwas, und das Unglück war eben geschehen. Als die Frau den Simon bemerkte, der hinter ihrem Rücken stand, verwandelte sich sogleich ihr betrübtes Gesicht in ein zürnendes und anklagendes, und sie sagte zu ihm, in einem Tone, der genug sagte, was sie empfand: »Lesen Sie zusammen!« Simon bückte sich zu Boden und las die Scherben zusammen. Während er es tat, streifte seine Wange das Kleid seiner Herrin und er dachte: »Verzeih mir, daß ich gerade dastehen mußte, um zu sehen, daß du dich ungeschickt benommen hast. Ich begreife deinen Zorn. Ich bekenne mich schuldig, die Platte, die du hast fallen lassen, zerbrochen zu haben. Ich habe sie zerbrochen. Wie muß es dir doch weh tun. Eine so schöne Platte. Gewiß war sie dir lieb. Du tust mir leid. Meine Wangen streifen dein Kleid. Jede Scherbe, die ich zusammenlese, sagt mir: »Elender,« und der Saum von deinem Rock sagt mir: »Glücklicher!« Ich lese absichtlich langsam zusammen. Versetzt es dich nicht in neuen Zorn, dies bemerken zu müssen? Es macht mir Spaß, der Übeltäter gewesen zu sein. Du gefällst mir, wenn du mir zürnst. Weißt du, warum mir dein Zorn gefällt? Weil er so zart ist, dein Zorn! Nur weil ich dich sah, wie du dich ungeschickt benahmst, zürnst du mir. Du mußt einige Achtung vor mir haben, da es dich kränken kann, wenn du dich vor mir blamierst. Du Hohe, vor mir Niedrigem. Wie entzückend zornig befahlst du mir, die Scherben zusammenzulesen. Und ich beeile mich damit gar nicht; denn ich möchte, daß du recht ärgerlich und böse würdest, weil ich so lange bei den Scherben verweile, die mir doch sagen müssen, wie ungeschickt du warst, die es dir auch sagen müssen. Du stehst immer noch da? Es muß jetzt eine Mischung von seltsamen Empfindungen in dir sein: Scham, Schmerz, Zorn, Ärger, Gleichmut, Gereiztheit, Gelassenheit, Überraschung und Hoheit und so viel kleines, nebenherschleichendes Unsagbares, das der Moment wegnimmt, ehe man es nur recht hat empfinden können, das da war wie ein Nadelstich oder wie ein Duft oder wie ein Blinzeln von einem Augenpaar. – Dein seidenes Kleid ist schön, wenn man denkt, daß es einen Frauenleib einhüllt, der vor Aufregung und vor Schwäche zittern kann. Deine Hände sind schön, die so lang zu mir herabhängen. Ich hoffe, daß du mir einmal eine Ohrfeige damit gibst. Jetzt gehst du schon weg, ohne mich gescholten zu haben. Wenn du gehst, kichert und flüstert dein Kleid auf dem Boden. Vorhin verbotest du mir zu rauchen. Aber ich werde die Frechheit besitzen, zu rauchen, wenn ich hinter dir auf den Markt gehe, um mit dir Einkäufe zu machen. Da sollst du mich rauchen sehen, weiße, blendende Zigaretten, und ich will hoffen, daß du alsdann die Geistesgegenwart besitzest, sie mir aus dem Mund zu schlagen. Jetzt eben mußte ich dich mit allen meinen mir zu Gebote stehenden Gebärden dafür um Verzeihung bitten, daß du eine Platte zerschlagen hast. Ich wollte, ich könnte Gelegenheit haben, etwas zu verüben, das dich veranlassen würde, mich zum Teufel zu jagen. O nein, nein! Was denke ich da. Ich bin schon verrückt. Wahrhaftig, diese Scherbenangelegenheit hat mich verrückt gemacht. Jetzt wird es Abend sein draußen auf der Straße. Die Laternen werden hellgelb brennen in den verlöschenden Tag hinein. Jetzt möchte ich auf die Straße. Es geht nicht anders, ich muß auf die Straße hinunter.« –
»Ich möchte einen kleinen Ausgang machen,« sagte er, in ihr Zimmer tretend, »darf ich?«
»Ja! Aber daß Sie mir nicht zu lange bleiben!«
Simon stürzte hinaus, die Treppe hinunter, wo ihm eine verschleierte Frauengestalt staunend nachblickte, zum Haus hinaus, auf die Straße, an die Luft, in die bewegliche, feuchte, glitzernde, abendliche Freiheit. Seltsam sei doch, dachte er, dieses Gehören an ein Haus, wo man recht wie ein Gefangener lebe. Seltsam sei es, ein erwachsener Mensch zu sein und als ein erwachsener Mensch hingehen zu müssen, zu einer Dame, in ein dunkles Zimmer, wo man die Frau nur halb im Dunkel sähe, und sie um Erlaubnis zu fragen, ausgehen zu dürfen. Als ob man ein Möbel von ihr wäre, ein Gegenstand, ein gekauftes Stück, ein Etwas, ein irgend Etwas, und als ob dieses Etwas nichts wäre, oder nur insofern etwas, als es sich dazu eigne, so ein Etwas zu sein, ihres zu sein! Seltsam sei es auch, daß man trotzdem diesen Zustand als eine Art Heimat und Zuhausesein fühle. Man liefe jetzt eigentlich zehnmal gehobener auf der Straße umher, weil jemand, den man darum bitten mußte, es einem erlaubt habe. Ein Erlaubnisbekommen, das sei allerdings etwas Schülerhaftes, aber es müßten, dachte er, selbst Greise oft noch, und unter kränkenderen Umständen, um eine Erlaubnis fragen. So sei alles wunderbar im Leben, und man müsse sich in das Wunderbare schicken, wenn es oft auch seltsam aussähe.
Er ging die Straße hinunter und verliebte sich in das süße Straßenbild mit den aufgehenden Sternen, mit den dichten Bäumen, die in langer, gerader Reihe davonliefen, mit den ruhiger gehenden Menschen, mit der Pracht des Abends, mit der tiefen, beweglichen Ahnung der Nacht. Auch er ging ruhig, beinahe träumerisch. Am Abend war es keine Schande, ein träumerisches Aussehen zu machen, wo unwillkürlich alle träumen mußten in dieser Atmosphäre voll von dem Duft des Frühsommerabends. Viele Frauen spazierten umher, mit kleinen, eleganten Täschchen in der behandschuhten Hand, mit Augen, in denen das Licht des Abends fortleuchtete, in engen Kleidern von englischem Schnitt oder in faltigen, schleppenden Röcken und Roben, die sich wundervoll breit in der Straße bewegten. Die Frau, dachte Simon, wie verherrlicht sie das Bild der städtischen Straße. Sie ist wie geschaffen zum promenieren. Man fühlt, sie promeniert, sie genießt ihr eigenes, wiegendes, schönes Gehen. Am Abend geben die Frauen den Ton des Abends an, dazu passen ihre Figuren mit diesen Armen voll Wehmut und Fülle und diesen Brüsten voll atmender Beweglichkeit. Ihre Hände in Handschuhen sehen wie Kinder in Masken aus, mit denen sie winken, in denen sie immer etwas halten. Ihre ganze Haltung setzt die abendliche Welt in tönende Musik um. Wenn man jetzt, so wie ich es tue, hinter ihnen hergeht, so gehört man schon zu ihnen, in Gedanken, in fühlenden Schwankungen, in schlagenden Wellen, die an das Herz schlagen. Sie winken nicht, und doch winken sie einem. Obschon sie keine Fächer tragen, sieht man in einer ihrer Hände einen Fächer und er blitzt und blendet wie getriebenes Silber in dem verlorenen, verschwommenen Abendlicht. Die reifen, üppigen Frauen passen besonders schön zum Abend, so wie Greisinnen in den Winter und blühende Mädchen in den eben erwachten Tag hineinpassen, wie Kinder in den dämmernden Morgen und junge Ehegattinnen in den heißen Mittag, wo die Sonne der Welt am glühendsten scheint.
Es war neun Uhr, als Simon wieder nach Hause kam. Er hatte sich verspätet und mußte Vorwürfe anhören, wie dieser: wenn das noch einmal, noch ein einziges Mal vorkomme, so – – dann –. Er hörte eigentlich nicht, sondern vernahm nur den Klang des Vorwurfes, innerlich lachte er, äußerlich schien er betrübt, das heißt, er setzte ein dummes Gesicht auf und fand es nicht für notwendig, den Mund aufzutun, um etwas zu erwidern. Er zog den Knaben aus, legte ihn in das Bett und zündete ein kleines Nachtlicht an.
»Dürfte ich um ein Licht für mich bitten,« fragte er die Dame.
»Was wollen Sie mit dem Licht?«
»Einen Brief schreiben.«
»Kommen Sie zu mir herein, da können Sie schreiben!« sagte die Dame.
Und er durfte sich an ihren Schreibtisch setzen. Sie gab ihm einen Briefbogen, einen Briefumschlag für die Adresse, eine Marke, eine Feder und erlaubte ihm, ihre Briefmappe als Unterlage zu benutzen. Sie saß dicht daneben, in einem Sessel, eine Zeitung lesend, während er schrieb:
Lieber Kaspar. Ich bin wieder in der dir bekannten Stadt und sitze an einem schönen, dunkelgefärbten Schreibtisch in einem hellerleuchteten Zimmer, während unten in der Straße, in der Sommernacht, unter den Bäumen voll herunterhängender Blätter die Menschen lustwandeln. Ich kann leider nicht mitpromenieren, denn ich bin an ein Haus gefesselt, nicht gerade mit Händen und Füßen, aber mit dem Pflichtbewußtsein, das ich nach und nach ausbilde, und das auch schließlich einmal da sein will. Ich bin der Diener einer Frau geworden, die einen kranken, kleinen Knaben hat, den ich pflegen muß, nicht viel anders, als wie eine Mutter ihren Sohn pflegt, denn seine Mutter, meine Herrin, wacht über jeder meiner Bewegungen, als wäre ihr Auge der Leiter meines Tuns und als flöße sie mir ihre eigene Sorgfalt ein, wenn ich mit dem Knaben beschäftigt bin. Sie sitzt jetzt, während ich an dich schreibe, neben mir, in einem Sessel, denn es ist ihr eigenes Kabinett, in dem ich sitze durch ihre Erlaubnis. Die Dinge liegen jetzt so, daß ich jedesmal, wenn mich eine persönliche Sache hinaustreibt, zuerst fragen muß, darf ich ausgehen?, wie ein Lehrjunge, der seinen Meister fragen muß. Immerhin, es ist doch wenigstens eine Dame, die ich um so etwas bitten muß, und das versüßt ein wenig die Sache. Unter Dienen versteht man das Aufpassen auf Befehle, die Vorausahnung der Wünsche, die fertige Fixheit und fixe Fertigkeit im Tafeldecken und Teppichabbürsten, mußt du wissen, wenn du es noch nicht weißt. Ich habe bereits eine gewisse Vollkommenheit darin erlangt, meiner Frau, die ich schlechthin meine Frau heiße, die Schuhe zu putzen. Es ist nur ein kleines, geringes Geschäft, und doch verlangt es auch Streben nach Vollendung, wie das Größte. Mit dem kleinen, jungen Herrn werde ich, wenn es schönes Wetter ist, in Zukunft spazieren gehen müssen. Dazu ist ein braunes Wägelchen da, in dem ich den Knaben ausfahren kann, worauf ich mich, wenn ich recht nachdenke, eigentlich wenig freue, da es langweilig sein wird. Du lieber Gott, ich werde es tun müssen. Meine Herrin gehört zu der Sorte von Weibern, an denen das Hervorstechende und Markante das Bürgerliche ist. Sie ist durch und durch Hausfrau, aber in so strengem und schlichtem Sinn, daß man sagen kann: es ist vornehm. Zu zürnen versteht sie meisterlich und ich wiederum bin Meister darin, ihr dazu Anlaß zu geben. Zum Beispiel heute zerschlug sie einen reichen Porzellannapf aus Gedankenlosigkeit und ward böse auf mich, daß ich es nicht war, der ihn zerschlug. Sie zürnte mich an, weil ich der unangenehme Zeuge ihrer Ungeschicktheit war und sie machte ein Gesicht, wie es die Fliegenden Blätter öfters in ihren Darstellungen bringen. Ein reines Fliegende-Blätter-Gesicht. Ich habe die Scherben recht zärtlich-langsam aufgehoben, um die Frau zu ärgern, denn ich muß sagen, ich ärgere sie gern. Sie ist reizend im Ärger. Schön ist sie nicht, aber solche strenge Frauen atmen, wenn sie in lebhafte Bewegung kommen, einen tiefen Zauber aus. Die ganze sittsame Vergangenheit solcher Frauen zittert in ihren Erregungen, die deshalb köstlich anzuschauen sind, weil sie aus so zarten Ursachen entflammen. Für mich ist das nun einmal so, ich muß solche Weiber lieb haben, denn ich bewundere und bemitleide sie zu gleicher Zeit. Hochmütig können solche Frauen sein in Sprache und Gebaren, daß die Wangen beinahe platzen und sich der Mund zu schmerzendstem Hohn zuspitzt. Ich liebe solchen Hohn, denn er macht mich zittern, und ich bin gern voll Scham und Wut: das treibt zu Höherem, das reizt zu Taten. Aber meine Frau da, die höhnische, ist doch nur ein gutes, sanftes Weib, ich weiß es, und das ist die Schurkerei an der Sache: daß ich es weiß. Wenn ich ihr, auf ihren befehlenden Ton hin, gehorche, so muß ich dabei lachen, denn ich bemerke, es freut sie, zu sehen, wie gern und schnell ich gehorche. Wenn ich sie nun um etwas bitte, so schnauzt sie mich an und gewährt doch gütig, vielleicht mit ein wenig Ärger darüber, daß ich in solch einer Art und Weise bitte, der man gewähren muß. Ich tu ihr immer ein bißchen weh, und denke: ganz recht! Tu das! Tu ihr immer ein bißchen weh. Das ist amüsant für sie. Das will sie. Das erwartet sie nicht anders! Frauen sind so leicht erkennbar, und doch haben sie so viel Unerkennbares. Nicht wahr, das ist seltsam, lieber Bruder! Sie sind jedenfalls das Belehrendste, was es auf der Welt für einen Mann gibt. – Wenn die wüßte, die neben mir sitzt, was ich schreibe! Einer meiner brennendsten Wünsche ist, so bald wie möglich von ihr eine Ohrfeige zu erhalten, aber ich muß leider zu meinem Schmerz daran zweifeln, daß sie dazu imstande ist. Eine klatschende Ohrfeige ins Gesicht: ich möchte alle Küsse, die ich noch erwarten darf, dafür weggeben. Dieses mit der Ohrfeige ist nun eigentlich eine abscheuliche, aber dafür eine echt bourgeoise Empfindung: sie lenkt in die Kindheit zurück, und wann hätte man nicht öfters Sehnsucht nach dem Weit-zurückliegenden? Meine Frau hat so etwas Zurückliegendes, etwas, bei dessen Anschauen man weit, weit zurückdenkt, an eine vielleicht noch frühere Zeit als die Kindheit ist. Ich werde ihr wahrscheinlich einmal die Hand küssen und dann wird sie mich zum Kuckuck jagen, zum Tempel hinaus, wie man sagt. Mag ich’s und mag sie’s dann. Was wird daran liegen. – O ich verteufle hier, kann ich dir nur sagen, ich merke es schon jetzt. Mein Geist gibt sich mit Serviettenfalten und Messerputzen ab und das Schiefe ist, es gefällt mir. Kannst du dir eine größere Versimplung denken! Wie geht es dir? Ich war drei Monate lang auf dem Land, aber es ist mir, als sei diese Zeit schon weit hinter mir zurück. Ich habe alle Aussicht, ein Mensch zu werden, der sich völlig dem Tag hingibt, ohne seiner Verwandtschaft mit schwebenderen Dingen mehr zu gedenken. Manchmal bin ich sogar zu faul, an dich zu denken, und das scheint mir schon eine große Trägheit zu sein. Klara hoffe ich bald einmal wieder zu sehen. Vielleicht hast du sie bereits vergessen, und dann habe ich nicht an diesen Gegenstand zu rühren. Ich tue es auch nicht. Adieu, mein Bruder.
»An wen haben Sie geschrieben,« fragte die Frau, ermüdet vom Zeitungslesen, als sie sah, daß Simon den Brief beendet hatte.
»An einen Freund von mir, der jetzt in Paris lebt.«
»Was ist er?«
»Er war zuerst Buchbinder, da er aber mit diesem Beruf nicht reüssierte, ist er Restaurationskellner geworden. Ich liebe ihn sehr, er ist mit mir in die Schule gegangen, und dort habe ich mich ihm angeschlossen, weil er unglücklich war schon als Knabe. Ich habe eines Tages gesehen, wie er von seinen Klassengenossen verhöhnt, und dann eine steinerne Treppe hinuntergeworfen wurde, wobei ich gerade in seine schönen, erschreckten, gramvollen Augen sehen mußte. Seit diesem Tage bin ich sein innigster Freund geworden, und wenn das Mitleid wirklich bindet, so muß ich mich ihm verbunden fühlen, auch ohne darüber nachzudenken, für immer! Er ist ein Jahr älter als ich, aber mir um Jahre vorgeschritten in Sitte und Lebensart, denn er hat immer in Weltstädten gelebt, wo der Mensch schneller reif wird. Früher hat er viel von der Malerei geschwärmt, hat oft auch, während der Ausübung seines Buchbindergewerbes, versucht, Bilder zu malen, ist aber damit zu seinem Schmerz nicht vorwärtsgekommen, und hat mir eines Tages schamhaft zugestanden, daß er sich entschlossen habe, sich ganz in den Strudel der Welt zu werfen, die Kunst, seine Träumerei, zu vergessen, und ist Kellner geworden. Welch ein Absturz, und zugleich: welch ein bewundernswerter Aufschwung! Ich habe ihm gesagt, daß ich ihn dafür liebe und bewundere, um ihn zu trösten, wenn er in stillen, einsamen Stunden sich dem Weh der Erinnerung verfallen sehen mußte. Das ist klar, daß er oft Sehnsucht nach jenem Besseren empfinden muß, während um ihn das Leben lärmt. Aber sehen Sie, gnädige Frau, dieser Mensch ist stolz und gut. Zu stolz, um einem verpaßten Leben nachzutrauern, und zu gut, um es ganz beiseite lassen zu können. Ich kenne jede seiner Empfindungen. Einmal hat er mir geschrieben, er sterbe wohl bald vor Öde und Langeweile. Das war seine Seele. Und ein anderes Mal schrieb er mir: »Die dumme Träumerei! Das Leben ist das Süße. Ich trinke Absinth und bin selig!« Das war sein Mannesstolz. Sie müssen wissen: Die Frauen schwärmen für ihn, denn er hat etwas Herzenherausforderndes an sich und wieder etwas Eisig-Kaltes. Seine ganze Erscheinung, trotz des Kellnerfrackes, atmet Liebe und Takt.«
»Wie heißt er, dieser verunglückte Mensch,« fragte die Frau.
»Kaspar Tanner.«
»Wie? Tanner? So heißen ja Sie auch. Er ist also Ihr Bruder und Sie sagten vorhin, er sei Ihr Freund.«
»Freilich, mein Bruder, aber viel mehr mein Freund! Solch einen Bruder muß man Freund nennen, wenn man die richtige Bezeichnung haben will. Wir sind nur zufällig Brüder, aber Freunde sind wir mit Bewußtsein, und das ist viel wertvoller. Was ist Bruderliebe? Als wir noch Brüder waren, packten wir uns eines Tages am Halse, beidseitig, und wollten uns den Garaus machen. Hübsche Liebe! Unter Brüdern ist der Neid und der Haß nichts Außerordentliches. Wenn Freunde sich hassen, gehen sie auseinander, wenn Brüder sich hassen, denen das Geschick das Zusammenleben unter einem Dache vorschreibt, geht es nicht so gelinde zu. Aber das ist eine alte und unschöne Geschichte.«
»Warum schließen Sie Ihren Brief nicht zu?«
»Ich möchte Sie bitten, von dem, was ich geschrieben habe, Kenntnis zu nehmen.«
Die Frau lächelte:
»Nein, das tu ich nicht.«
»Ich habe unziemlich von Ihnen gesprochen in dem Brief.«
»Es wird nicht so schlimm sein,« bemerkte sie und stand auf: »Gehen Sie zu Bett.«
Simon tat, was sie befahl, und dachte, indem er hinausging:
»Ich werde immer frecher. Bald jagt sie mich noch zum Haus hinaus!« –