Achtzehntes Kapitel
Der Herbst kam. Simon war noch oft durch die nächtliche heiße Gasse gegangen, und er ging auch jetzt noch, aber die Jahreszeit war rauher geworden. Man wußte, daß draußen in den Wiesen die Bäume sich entblättern mußten, wenn man auch nicht selber hinging und zusah, wie die Blätter fielen. In der Gasse spürte man es auch. An einem sonnigen Herbsttag war Klaus angekommen, eine wissenschaftliche Arbeit und Absicht hatte ihn für einen Tag in diese Gegend geführt. Sie waren zusammen hinaus auf das erhöhte, hügelige Feld gegangen, angelockt von der schönen Sonne, ziemlich schweigsam und allzu intime Gespräche vorsichtig vermeidend. Der Weg führte sie durch Wald und wieder über langgestreckte Wiesen, deren spätes, saftiges Gras Klaus bewunderte, ebenso die braungefleckten Kühe, die hier weideten. Es war hübsch gewesen für Simon, ein wenig gedankenvoll, aber doch sehr hübsch, so mit Klaus ohne viel Gerede und viel Wesens, durch die herbstliche Niederung zu wandern, die Glocken der Kuhherden läuten zu hören, ein paar Worte zu sagen, aber doch mehr in die Ferne zu schauen, als zu sprechen. Alsdann waren sie einen waldigen Hügel emporgegangen, sachte und wohlig; denn Klaus wollte alles, jeden Zweig und jede Beere, liebevoll betrachtet wissen, und waren dann zu der Höhe gekommen, an einen schönen Waldrand, wo eine unsäglich milde und liebkosende abendliche Herbstsonne sie empfing, und wo ihnen die Freiheit des Blickes wiedergegeben war, eine Aussicht in ein Tal hinunter, in welchem ein weißlich schimmernder Fluß sich dahinschlängelte, zwischen gelben Baumkronen und vorspringenden Waldungen hindurch, wo ein anmutiges, rotdächiges Dorf inmitten der braunen Rebhügel lag, das anzuschauen eine Herzenslust sein mußte. Hier hatten sie sich auf die Matte geworfen, waren lange still, ohne ein Wort zu sprechen, geblieben, hatten mit den Augen an der weit sich ausbreitenden Gegend und mit den Ohren an den Tönen der Glocken gehangen und hatten beide gefunden, daß immer irgendwie und wo Töne in allen Landschaften zu vernehmen seien, ohne gerade Glocken zu hören, und hatten dann eines jener stillen, mehr empfundenen als geradezu gesprochenen Gespräche miteinander geführt, die nicht aufgeschrieben werden können, die keinen weiteren Zweck als das Wohlwollen haben, die nichts sagen wollen, deren Duft nur und Ton und Absicht unvergeßlich bleiben. Klaus hatte gesagt: »Gewiß, wenn ich mir denken darf, daß noch alles mit dir gut kommen kann, so darf ich auch wieder mehr frohen Mut haben. Zu denken, daß du ein nützlicher, zweckerfüllter Mensch würdest, das hat immer in meinem Herzen ein besonders schönes Getön verursacht. Du bist so sehr darauf angelegt, die Achtung der Menschen zu genießen, wie nur irgend einer, und mehr noch, da du Eigenschaften hast, nur eigentlich zu viel wollende und zu flammende, die andere nicht besitzen. Du mußt nur nicht zu vieles wollen und mußt nicht allzu reizbar sein im Forderungen an dich stellen. Das schadet und reibt ab und macht schließlich kalt, glaube es mir nur. Weil du nicht alles, jede kleine Sache in der Welt, so vorfindest, wie du es wünschest, so darfst du deswegen noch lange nicht grollen. Anderer Meinungen und Neigungen herrschen eben auch, und zu gute Vorsätze vergiften viel eher das Herz eines Mannes als das Gegenteil, was freilich ein Übel ist. Du hast, wie mir scheint, zu sehr Springlust. Dich nach einem Ziele außer Atem zu laufen, macht dir Vergnügen. Das taugt nicht. Laß doch jeden Tag in seiner ruhigen, natürlichen Abrundung nur bestehen und sei ein bißchen mehr stolz darauf, es dir bequem, wie schließlich einem Menschen auch ziemt, gemacht zu haben. Wir haben die Pflicht, uns vor den Mitmenschen das Leben mit Anstand und einiger Würde leicht zu machen; denn wir leben in einer Fülle von stillen, gedankenvollen Kultursorgen, die mit dem grollenden, heißen Atem der Raufer nichts zu tun haben. Du hast, ich muß es dir sagen, etwas zu Wildes an dir, und dann, im Handumkehren, springst du in eine Zartheit über, die wieder viel zu viel Zartheit von den Menschen fordert, um bestehen zu können. Vieles, das dich verletzen sollte, kränkt dich in keiner Weise, und verletzen läßt du dich von ganz selbstverständlichen, aus Welt und Leben herausgewachsenen Dingen. Du mußt versuchen, Mensch unter Menschen zu werden, dann wird es dir sicher gut gehen; denn im Erfüllen von allerhand Anforderungen kennst du keine Ermattung, und einmal die Liebe der Menschen gewonnen, wird es dich dann reizen, ihnen zu zeigen, daß du sie verdient hast. So, wie du jetzt bist, drückst du dich um die Ecken herum und gehst in Sehnsuchten unter, die eines Bürgers, Menschen und vor allem eines Mannes nicht recht würdig sind. Wie viel habe ich schon gedacht, das du tun und unternehmen könntest, um dich zu befestigen, aber ich muß dir doch am Ende die Arbeit an dem Herausformen deines Lebens selbst überlassen; denn Ratschläge taugen selten etwas.« – Simon sagte dann: »Warum bist du sorgenvoll an einem so schönen Tage, wo das Hinschauen in die Ferne einen in Glück zerfließen macht?« –
Dann hatten sie über die Natur geplaudert und das Schwere vergessen.
Am andern Tag war Klaus wieder abgereist.
Es wurde Winter. Merkwürdig: die Zeit ging über alle guten Vorsätze ebenso sicher hinweg wie über die schlechten Eigenschaften, deren man nicht Herr werden konnte. Es lag etwas Schönes, Hinwegnehmendes und Verzeihendes in diesem Gehen der Zeit. Sie ging über den Bettler wie über den Präsidenten der Republik hinweg, über die Sünderin und über die Anstandsdame. Sie ließ vieles als klein und unbedeutend empfinden; denn sie allein stellte das Erhabene und Große dar. Was war denn das ganze Treiben und Leben, was all das Sich-Rühren, was das Vorwärtsstreben gegen die Höhe, die sich keineswegs darum bekümmerte, ob einer ein Mann wurde oder ein Simpel, der es gleichgültig war, ob man das Rechte und Gute wünschte oder nicht? Simon liebte dieses Rauschen der Jahreszeiten über seinem Kopf, und als eines Tages Schnee in die dunkle, schwärzliche Gasse hinabflog, freute er sich des Fortschrittes der ewigen, erwärmenden Natur. »Sie schneit, das ist der Winter, und ich Törichter habe geglaubt, den Winter nicht mehr erleben zu sollen,« dachte er. Es kam ihm wie ein Märchen vor: »Es waren einmal Schneeflocken, die flogen, weil sie nichts Besseres zu tun wußten, auf die Erde nieder. Viele flogen aufs Feld und blieben dort liegen, andere fielen auf die Dächer und blieben dort liegen, wieder etliche und andere fielen auf Hüte und Kapuzen von schnell vorwärtseilenden Menschen und blieben dort liegen, bis sie abgeschüttelt wurden, einige und wenige flogen einem Pferd, das vor einem Karren angebunden stand, ins treue, liebe Antlitz und blieben auf den langen Wimpern der Pferdsaugen liegen, ein Schneeflocken flog in ein Fenster hinein, aber was er dort machte, ist nicht erzählt worden, jedenfalls blieb er dort liegen. In der Gasse schneit’s, im Wald oben, o, wie schön muß es jetzt im Wald sein. Da könnte man hingehen. Hoffentlich schneit es noch bis in den Abend, wenn die Laternen angezündet werden. Es war einmal ein Mann, der war ganz schwarz, da wollte er sich waschen, aber er hatte kein Seifenwasser. Als er nun sah, daß es schneite, ging er auf die Straße und wusch sich mit Schneewasser und davon wurde sein Gesicht weiß wie Schnee. Da konnte er prahlen damit, und das tat er. Aber er bekam den Husten, und nun hustete er immer, ein ganzes Jahr lang mußte der arme Mann husten, bis zum nächsten Winter. Da lief er den Berg hinauf, bis er schwitzte, und noch immer hustete er. Das Husten wollte gar nicht mehr aufhören. Da kam ein kleines Kind zu ihm, es war ein Bettelkind, das hatte einen Schneeflocken in der Hand, der Flocken sah aus wie eine kleine zarte Blume. »Iß den Schneeflocken,« sprach das Kind. Und nun aß der große Mann den Schneeflocken, und weg war der Husten. Da ging die Sonne unter, und alles war dunkel. Das Bettelkind saß im Schnee und fror doch nicht. Es hatte zu Hause Schläge bekommen, warum, das wußte es selber nicht. Es war eben ein klein Kind und wußte noch nichts. Seine Füßchen froren ihm auch nicht, und doch waren sie nackt. In des Kindes Auge glänzte eine Träne, aber es war noch nicht gescheit genug, um zu wissen, daß es weinte. Vielleicht erfror das Kind in der Nacht, aber es spürte nichts, spürte gar nichts, es war zu klein, um etwas zu spüren. Gott sah das Kind, aber es rührte ihn nicht, er war zu groß, um etwas zu spüren.« –
Simon spornte sich in dieser Zeit an, trotz der Winterkälte, die in seinem Zimmer herrschte, früh aus dem Bett zu springen, wenn er auch weiter nichts zu tun hatte. Er würde dann einfach dastehen, sich auf die Zähne beißen, und das Anspannende würde schon kommen müssen. Irgend etwas gäbe es immer zu tun. Er könnte sich ja zum Zeitvertreib die Hände oder den Rücken reiben, oder versuchen, auf den Händen am Boden zu gehen. Irgend eine Willensübung, sei es auch die allerlächerlichste, müßte er stets treiben, das vertriebe die Gedanken und stählte und ermunterte den Körper. Er wusch sich alle Morgen mit kaltem Wasser ab, von oben bis unten, bis ihm heiß wurde, und verschmähte es, den Mantel anzuziehen, wenn er ausging. Er wollte sich jetzt lehren, zu parieren in dieser Jahreszeit! Den Mantel benutzte er als Fußumhüllung, wenn er am Tische saß und las. Ein Paar breite, grobe Schuhe, wie sie die Rekruten beim Militär tragen, schaffte er sich an, um zu jeder Zeit über den Berg im tiefen Schnee zu waten. Das sollte ihn lehren, jetzt noch auf elegante Schuhe zu sehen. Mit so einem derben Schuhpaar mochte man um eins noch so fest in der Welt dastehen. Es kam jetzt darauf an, oberhalb zu bleiben und festen Fuß zu fassen. Wenn er nur den Nacken nicht beugte, mußte sich sicher, ja, von selbst, etwas für ihn zeigen, das er ergreifen konnte. Wieder anfangen, von vorne, seinetwegen fünfzig Mal, was schadete das jetzt. Er mußte nur gespannten Blicks und gespannten Sinnes bleiben, dann würde es schon kommen, was er haben mußte.
Er glich in dieser Zeit einem Menschen, der Geld verloren hat und der seinen ganzen Willen einsetzt, es wieder zu gewinnen, der aber zur Wiedergewinnung weiter nichts tut, als nur eben den Willen einsetzen, und sonst nichts macht.
Um die Weihnachtszeit herum ging er den breiten Berg hinauf. Es war gegen Abend und furchtbar kalt. Ein beißender Wind pfiff den Menschen um die Nasen und Ohren, die gerötet und von der Kälte entzündet wurden. Simon schlug unwillkürlich den Weg ein, der einstmals zu Klaras Waldhaus hinaufführte und der jetzt gangbarer gemacht worden war. Überall zeigte sich eine Spur von umwandelnden Menschenhänden. Er sah ein großes, doch nicht unzierliches Haus vor sich stehen, an der Stelle, an der früher das Chalet aus Holz stand, in das er so oft hineingegangen war, als noch Kaspar hier malte, zu der lieben merkwürdigen Frau, die es bewohnte. Jetzt war hier ein Kurhaus für das Volk errichtet worden, und es wurde, wie es den Anschein hatte, fleißig besucht; denn etliche wohlgekleidete Menschen gingen aus und ein. Simon besann sich eine Weile, ob er ebenfalls hineingehen sollte, aber schon die grimmige Kälte machte ihm den Gedanken an einen erwärmten, menschenerfüllten Saal angenehm. So trat er hinein. Ein warmer, scharfer Duft von Tannenzweigen schlug ihm entgegen, das ganze große, helle Zimmer, eigentlich ein Saal, war mit Tannengrün geziert und ausgefüttert, gleichsam tapeziert. Nur die Sprüche, die an die weißen Wände gemalt waren, befanden sich frei, und man konnte sie lesen. An allen Tischen saßen heitere und ernste Menschen, viele Frauen, aber auch Männer und Kinder, einzeln an einem runden Tischchen sitzend oder zu Gesellschaften um einen länglichen Tisch herum vereinigt. Der Duft von Getränken und Speisen vermischte sich mit dem weihnachtlichen Tannenduft. Hübsch gekleidete Mädchen gingen umher, und bedienten die Gäste auf eine freundliche und zugleich überaus gelassene Weise, die nichts Kellnerinnenhaftes an sich hatte. Es sah aus, als ob diese zierlichen Mädchen nur, um ein lächelndes Spiel aufzuführen, hier bedienten, oder so, als ob sie nur ihren Eltern, Verwandten, Brüdern, Schwestern oder ihren Kindern diesen Dienst erwiesen: so elterlich und kindlich zugleich sah es aus. Eine kleine, ebenfalls dicht mit Tannenzweigen umrahmte Bühne befand sich an einem anderen Ende des Saales, vielleicht zur Aufführung irgend eines Weihnachtsstückes oder eines Stückes mit sonst irgend einem lieblichen Inhalt. Auf jeden Fall war es ein warmer, freundlicher, gastlich aussehender Raum, und Simon setzte sich, als einzelner, an ein rundes Tischchen nieder, wartend, ob eines der Mädchen zu ihm herankäme, um zu fragen, was er wünsche. Aber es kam vorläufig keines. So blieb er denn eine geraume Zeit still, das Kinn in die Hand gestützt, wie es junge Männer zu machen pflegen, an dem Tischchen sitzen, als mit einem Mal eine schlankgewachsene Dame auf ihn zukam, ihm freundlich entgegennickte und dann, zu einem der Mädchen gewendet, ausrief und frug, wie man nur den jungen Herrn so lange ohne Bedienung lassen könne. Dieser Vorwurf war eher lachend und liebenswürdig geschehen, als ernsthaft, aber jedenfalls war diese Dame hier im Hause eine Art Direktorin oder Leiterin oder wie man das nennen konnte.
»Entschuldigen Sie, daß man Sie sitzen läßt,« wandte sie sich wieder zu Simon.
»O, ich wüßte nicht, was da zu entschuldigen wäre. Vielmehr ich habe mich zu entschuldigen, daß ich der Anlaß bin, daß Sie einem von Ihren Mädchen einen Vorwurf machen müssen. Ich sitze hier übrigens ganz gern, ohne daß man sich um mich bekümmert; denn offen gestanden: was ich an Bestellungen für das bedienende Mädchen aufzuwenden habe, ist blutwenig.« –
»Essen und trinken Sie nur so viel, als Sie wollen. Sie brauchen nichts zu bezahlen,« sagte die Dame.
»Gilt das für mich allein oder gilt das hier für alle?«
»Natürlich nur für Sie allein, und nur deshalb, weil ich die bezügliche Ordre erteilen werde, daß man Ihnen nichts abfordern soll.«
Sie setzte sich zu ihm an den kleinen, braunen Tisch:
»Ich habe einen Augenblick Zeit, mit Ihnen zu plaudern, und sehe nicht ein, warum ich es nicht tun sollte. Sie scheinen ein vereinsamter junger Mann zu sein, das sagen mir Ihre Augen, und sie sagen mir auch, und das deutlich genug, daß der, dem sie gehören, den Wunsch fühlt, mit Menschen in Berührung zu kommen. Ich weiß nicht, wie es kommt, daß ich Sie für einen wohlgebildeten Menschen halten muß. Als ich Sie sah, reizte es mich schon, mit Ihnen zu sprechen. Wenn ich Sie mit der scharfen Lorgnette hätte betrachten wollen, würde ich vielleicht entdeckt haben, daß Sie ziemlich verwahrlost aussehen, aber wer wollte Menschen erkennen lernen und sich dazu des Augenglases bedienen? Als Vorsteherin dieses Hauses habe ich ein Interesse daran, möglichst genau zu erfahren, wer alles meine Gäste sind. Ich habe mich daran gewöhnt, die Menschen nicht nach einem schäbigen Filzhut, sondern nach ihren Bewegungen, die ihr Wesen besser erklären, als gute oder schlechte Kleidungsstücke, zu beurteilen, und habe im Laufe der Zeit gefunden, daß ich den richtigen Weg nehme. Gott soll mich doch, wenn er es je gut mit mir meint, daran verhindern, hochnäsig und hochmütig zu werden. Eine Geschäftsfrau, die nicht Menschenkennerin ist, macht mit der Zeit schlechte Geschäfte, und was lehrt denn die zunehmende Menschenkenntnis? Das Einfachste von der Welt: Alle mit Freundlichkeit zu behandeln! Sind wir nicht alle zusammen, wir Menschen auf diesem einsamen, verlorenen Planeten, Geschwister? Brüder und Schwestern? Brüder zu Schwestern, Schwestern zu Schwestern und wieder Schwestern zu Brüdern? Ganz zart kann ja das sein und muß es wohl auch immer sein: in Gedanken vor allem! Aber dann muß es auch anschwellen und getan werden. Kommt mir ein roher Mann vor oder ein einfältiges Weib, was kann ich da tun? Muß ich mich sogleich abgeschreckt und unsympathisch berührt fühlen? O, noch lange nicht. Ich denke dann: nein, ganz angenehm ist mir dieser Mensch nicht, er stößt mich ab, er ist ungebildet und anmaßend, aber ich muß ihn und mich das nicht in so allzudeutlicher Weise merken lassen. Ich muß mich ein wenig verstellen, er verstellt sich dann vielleicht auch ein wenig, wenn auch nur aus Trägheit oder Dummheit. Wie lieb ist es, Rücksichten zu nehmen. Ich bin innerlich heilig und mit Flammen davon überzeugt, daß es lieb ist, weiter weiß ich über diesen Punkt nichts zu sagen. Oder dieses noch: ein Bruder muß ja nicht gerade zu den feinsten und erlesensten Menschen gehören und kann doch, vielleicht aus, sagen wir, etwas abgemessener Entfernung, Bruder sein. So mache ich es mir zum Gesetz, und ich stehe ordentlich gut dabei. Viele Menschen gewinnen mich lieb, die vordem die Schultern gezuckt und mir ihr Gesicht verzogen haben. Warum sollte ich nicht, was eine so reizende Lehre, wie das Üben der liebenden und beobachtenden Geduld ist, betrifft, ein klein wenig Christin sein? Wir alle haben das Christentum jetzt vielleicht wieder nötiger als je zuvor; aber das ist dumm gesprochen. Sie lächelten, und ich weiß ganz gut, warum Sie lächeln. Sie haben recht, weshalb habe ich mit Christentum zu kommen, wo nur einfache, kluge Freundlichkeit in Frage kommt. Wissen Sie was? Ich denke mir so manchmal: Christenpflicht, das geht jetzt in unseren Tagen leise und kaum spürbar in Menschenpflicht über, und das ist viel einfacher und ist besser auszuführen. Doch ich muß gehen. Man ruft mich. Bleiben Sie sitzen, ich komme wieder.« –
Damit ging sie fort.
Nach einigen Minuten kam sie wieder und fing schon aus der Entfernung von ein paar Schritten das Gespräch von neuem an, indem sie ausrief: »Wie doch hier alles von Neuheit umspannt ist. Sehen Sie sich doch um: alles ist neu, frisch und erst eben geboren. Keine einzige Erinnerung an Altes! Sonst befindet sich in jedem Hause und in jeder Familie wohl irgend ein altes Möbel, ein Hauch und Stück aus alten Zeiten, das man noch immer liebt und ehrt, weil man es schön findet, wie man eine Abschiedsszene oder einen wehmutvollen Sonnenuntergang schön findet. Erblicken Sie hier etwas Ähnliches, auch nur eine Andeutung davon? Es kommt mir wie eine schwindelnde, gebogene, leichte Brücke in die noch unerklärliche Zukunft vor. O, in die Zukunft zu blicken, ist schöner, als der Vergangenheit nachzuträumen. Man träumt auch, wenn man in eine Zukunft hineindenkt. Hat das nicht etwas Wunderbares? Sollte es nicht klüger von den feindenkenden Menschen sein, ihre Wärme und ihre Ahnungen den noch kommenden, als den vergangenen Tagen zu schenken? Kommende Zeiten sind uns wie Kinder, die eher der Aufmerksamkeit bedürfen als die Gräber der Gestorbenen, die wir vielleicht nur mit etwas zu übertriebener Liebe schmücken: die vergangenen Zeiten! Der Maler wird jetzt gut daran tun, Kostüme für ferne Menschen zu entwerfen, die die Grazie besitzen werden, sie mit Anstand und Freiheit zu tragen, der Dichter träumt Tugenden aus für starke, von keiner Sehnsucht angefressene Menschen, der Baumeister erfindet, so gut es geht, Formen, die dem Stein und dem Bauen einen entzückenderen Schwung verleihen, er geht in den Wald und merkt sich da, wie hoch und edel die Tannen aus dem Boden herauswachsen, um sie als Muster für künftige Bauten zu nehmen, und der Mann im allgemeinen wirft, in der Vorausahnung des Kommenden, viel Gemeines, Unedles und Undienliches ab und flüstert seiner Gattin, wenn sie ihm den Mund zum Kuß darreicht, seine Gedanken ins Ohr, so gut er es versteht, und die Frau lächelt. Wir verstehen es, euch Männer mit einem Lächeln zu Taten anzuspornen, und wir bilden uns ein, unsere Aufgabe getan zu haben, wenn wir es dahin gebracht haben, euch die eurige ganz lebhaft und reizvoll vor die Sinne zu lächeln. Wir sind froher über das, was ihr gemacht habt, als über Selbst-Vollbrachtes. Wir lesen die Bücher, die ihr schreibt, und denken: wenn sie doch nur etwas mehr tun und etwas weniger schreiben wollten. Im allgemeinen wissen wir nicht viel Ersprießlicheres, als uns euch zu unterwerfen. Was können wir anderes! Und wie gern tun wir es. Aber von der Zukunft zu reden, habe ich natürlich vergessen, von diesem kühnen Bogen über einem dunklen Gewässer, von diesem Wald voller Bäume, von diesem Kind mit den strahlenden Augen, von diesem Unsagbaren, das einen immer reizt, es in Worte wie in ein Netz zu fangen. Nein ich glaube, die Gegenwart ist die Zukunft. Finden Sie nicht, daß hier herum alles nur Gegenwart atmet?«
»Ja,« sagte Simon.
»Und draußen ist jetzt furchtbar strenger Winter, und hier drinnen ist es so warm, so eben recht, daß man Gespräche führen kann, und ich sitze hier bei Ihnen, einem ganz jungen, scheinbar etwas verkommenen Menschen, und versäume am Ende noch meine Pflichten. Ihr Benehmen hat etwas Fesselndes, wissen Sie das? Man möchte Ihnen gleich eine Ohrfeige geben, aus heimlicher Wut darüber, daß sie so dumm dasitzen, und einen in so sonderbarer Weise verführen können, die kostbare Zeit mit Ihnen Hereingeschneitem zu verlieren. Wissen Sie was: Sie könnten trotzdem noch eine Weile dasitzen. Es kommt Ihnen gewiß nicht drauf an. Ich werde dann noch einmal einen Anlauf nehmen auf Ihre Ohren. Jetzt hab’ ich Pflichten.« –
Und fort war sie.
Simon betrachtete seine Umgebung, während die Dame fortblieb. Die Lampen gaben ein helles und warmes Licht. Die Menschen plauderten unbefangen miteinander. Einzelne, da es schon Nacht war, gingen jetzt fort, weil sie noch den Berg hinuntergehen mußten, um in die Stadt zu kommen. Zwei alte Männer, die gemütlich an einem Tische saßen, fielen ihm durch ihre Ruhe auf. Sie hatten beide weiße Bärte und ziemlich frische Gesichter und rauchten aus ihren Pfeifen, was ihnen etwas Altväterisches verlieh. Sie sprachen nicht miteinander, sie schienen das für überflüssig zu halten. Ab und zu trafen sich ihre gegenseitigen Augenpaare und dann zuckten sie so mit ihren Pfeifen und Mundwinkeln, aber ganz ruhig und wahrscheinlich ganz gewohnheitsmäßig. Es schienen Müßiggänger zu sein, aber berechnende, ausgedachte und überlegene Müßiggänger, aus dem Wohlstand heraus müßig. Gewiß hatten sie sich beide angeschlossen, nur deshalb, weil sie dieselben Gewohnheiten betrieben: Pfeife rauchen, Spaziergängchen machen, Vorliebe für Wind, Wetter und Natur, das Gesundsein, das gerne lieber Schweigen als Plaudern und endlich das Alter und die mit demselben verbundenen Spezialsächelchen. Simon erschienen die beiden nicht ohne Würde. Man mußte ein wenig lächeln bei ihrem abgezirkelten, hübschen Anblick, aber dieser Anblick schloß die Ehrfurcht nicht aus, die schon das Alter allein für sich herausfordert. Etwas Zielbewußtes sprach aus ihren ruhigen Mienen, etwas Fertiges und in keiner Weise mehr Anzufechtendes. Beirren ließen sich diese Alten gewiß nicht mehr in ihrer Sache, die vielleicht ein Irrtum war. Aber was war denn eigentlich Irrtum? Wenn man sich mit sechzig und siebzig Jahren noch einen Irrtum als Leitstern anschaffte, so war das eine unantastbare Sache, die dem Jüngling Achtung abringen mußte. Diese beiden Käuze, denn etwas Kauzartiges hatten sie immerhin an sich, mußten irgend ein Verfahren, ein System haben, nach welchem sie sich schworen zu leben bis ans Lebensende; so sahen sie aus, so wie zwei, die für sich etwas gefunden hatten, das ihnen diente und das sie veranlaßte, ruhig ihrem Ende entgegenzusehen. »Wir zwei haben’s herausgefunden, euer Geheimnis,« so drückten sich ihre Mienen und Haltungen aus. Es war lustig und rührend und des Nachdenkens wohl wert, ihnen zuzuschauen und sich zu bestreben, ihre Gedanken zu erraten. So erriet man unter anderem sogleich, so wie man sie eine Weile betrachtet hatte, daß diese zwei immer würden zusammen gesehen werden können, nie anders, nie einzeln, sondern zu zweien! Immer! Das war der Hauptgedanke, den man ihnen aus ihren weißen Köpfen ablauschte. Zu zweien durchs Leben, womöglich zu zweien hinunter in den Abgrund des Todes: das schien ihr Prinzip zu sein. In der Tat, sie sahen auch aus wie zwei lebendige, alt gewordene, aber immer noch lustige und muntere Prinzipien. Wenn es wieder Sommer würde, so würde man sie draußen auf der schattigen Terrasse sitzen sehen, aber eben so geheimnisvoll Pfeifen stopfend und das Schweigen dem Reden bevorzugend. Wenn sie fortgingen, gingen immer zweie fort, nicht erst einer und dann der andere: das schien undenkbar. Ja, gemütlich sahen sie aus, das mußte Simon ihnen lassen: gemütlich und eigensinnig, dachte er, indem er von ihnen weg, wo andershin, blickte.
Er ließ über verschiedene Menschen seine Blicke streifen, entdeckte eine englische Familie mit sonderbaren Gesichtern, Männer, die Gelehrte zu sein schienen und andere, denen man nur schwer ein Amt oder eine Berufsart zudichten konnte, sah Frauen mit weißen Haaren und Mädchen mit ihrem Bräutigam, bemerkte Leute, denen man ansah, daß sie sich hier nicht recht wohlfühlten, und wieder andere, die wie zu Hause im Familienkreis hier saßen. Aber der Saal leerte sich zusehends. Draußen pfiff der Winter, und man konnte die Tannen aneinanderächzen hören. Der Wald lag nur zehn Schritte weg vom Hause entfernt, das wußte Simon aus alten Tagen genau.
Indem er sich so seinen Gedanken überließ, erschien die Vorsteherin wieder.
Sie setzte sich zu ihm.
Es schien eine stille Veränderung mit ihr vorgegangen zu sein. Sie erfaßte Simons Hand: das war etwas Unerwartetes. – Darauf sprach sie leise, von niemandem gehört und von niemandem beobachtet:
»Jetzt wird man mich wohl kaum noch stören, bei Ihnen zu sitzen, die Leute entfernen sich allmählich. Sagen Sie mir, wer sind Sie, wie heißen Sie, woher kommen Sie? Sie sehen so aus, als ob man das fragen müßte. Ein Fragen und ein Verwundern geht von Ihnen aus, nicht ein Verwundern, das Sie selbst haben, sondern der, der Ihnen gegenübersitzt, und über Sie. Man fragt sich und verwundert sich über Sie, und dann bekommt man eine Sehnsucht darnach, Sie reden zu hören, und stellt sich vor, daß es etwas sein müßte, was da aus Ihnen herausspräche. Man macht sich unwillkürlich Kummer wegen Ihnen. Man geht von Ihnen fort, macht seine Arbeit, und plötzlich erbarmt man sich Ihrer, indem man an Sie denkt. Mitleid ist es nicht, denn das fordern Sie absolut nicht heraus, und Erbarmen schlechtweg ebenfalls nicht. Ich weiß nicht, was es sein kann: Neugierde vielleicht? Lassen Sie mich einen Moment nachdenken. Neugierde? Ein Begehren, etwas über Sie zu wissen, nur etwas, nur einen Ton oder einen Laut. Man glaubt Sie bereits zu kennen, findet Sie nicht sehr interessant und lauscht und lauscht doch, ob Sie da etwas gesagt haben, was vielleicht wert gewesen wäre, noch einmal zu Ihrem Mund heraus vernommen zu werden. Wenn man Sie anblickt, bedauert man Sie unwillkürlich leichthin, obenhin, von oben herab. Sie müssen etwas Tiefes an sich haben, und das scheint niemand zu bemerken, weil Sie sich keinerlei Mühe geben, es hervortreten und leuchten zu lassen. Ich möchte Sie erzählen hören. Haben Sie noch Eltern, und haben Sie Geschwister? Von Ihnen vermutet man, wenn man Sie bloß erblickt, daß Sie bedeutende Menschen zu Geschwistern haben müssen. Sie selbst aber hält man und muß man für unbedeutend halten. Wie kommt das? Man fühlt sich Ihnen gegenüber leicht als Überlegener. Und doch, wenn man sich mit Ihnen eingelassen hat, sieht man, daß man einen jener Fehler begangen hat, der deshalb vorkam, weil man es mit einem durchaus gelassenen Menschen zu tun gehabt hat, der es nur verschmähte, sich in Position zu werfen, und nicht wollte besser und gefährlicher aussehen, als er ist. Sie sehen wenig interessant und noch weniger gefährlich aus, und die Frauen, das ist so ein Gemengsel von Zartheitsbedürfnis und Lust an der rohen Gefahr, die sie beständig bedrohen soll. Sie nehmen natürlich nicht übel, was ich Ihnen soeben gesagt habe, denn Sie nehmen nichts übel. Man weiß nicht, wie man mit Ihnen dran ist. Möchten Sie mir erzählen, ich bin so gespannt darauf! Wissen Sie, ich möchte gerne Ihre Vertraute sein, wenn auch nur für eine Stunde, meinetwegen in der Einbildung bloß. Als ich oben war, eben vorhin, hatte ich einen solchen Drang darnach, zu Ihnen hinunterzueilen, als wären Sie gar eine Persönlichkeit von Belang, die man unter keinen Umständen warten lassen darf, vor der man froh sein muß, in Gnade und in einiger herablassender Achtung zu stehen. Und sitzt da einer, dessen Wangen höher glühen, wenn ich daher zu springen komme! Welch eine Verwechslung, aber ist es nicht seltsam? So, jetzt will ich still sitzen und Ihnen zuhören.« –
Simon erzählte:
»Ich heiße Tanner, Simon Tanner, und habe vier Geschwister, von denen ich der Jüngste bin und derjenige, der zu den wenigsten Hoffnungen berechtigt. Ein Bruder ist Maler, der lebt in Paris, und er lebt dort stiller und zurückgezogener als in einem Dorf; denn er malt. Jetzt muß er sich schon ein wenig verändert haben, es ist über ein Jahr her, daß ich ihn zuletzt gesehen habe, aber ich denke, wenn Sie ihm begegnen würden, bekämen Sie den Eindruck von einem bedeutenden und in sich abgeschlossenen Menschen. Es ist nicht ohne Gefahr, mit ihm zu tun zu haben, er bestrickt, und das in einer Weise, daß man um seinetwillen Torheiten begehen kann. Er ist ganz und gar Künstler, und wenn ich, sein Bruder, etwas von der Kunst verstehe, so ist er daran schuld, nicht mein Verständnis, das sich nur, angezogen von ihm, einigermaßen entfalten konnte. Ich glaube, er trägt jetzt lange Locken, aber die Locken stehen ihm so natürlich, wie einem Offizier der kurzgeschorene Kopf, man findet es nicht auffällig. Unter den Menschen verschwindet er, und er begehrt auch, unter ihnen zu verschwinden, um ruhig arbeiten zu können. Früher einmal hat er mir in einem Briefe etwas von einem Adler geschrieben, der seine Schwingen breite über Felsenkanten und der sich über Abgründen am wohlsten fühle, und ein anderes Mal schrieb er mir, der Mensch und Künstler müsse arbeiten, wie ein Pferd, umsinken sei noch gar nichts, umsinken müsse er und sogleich wieder aufstehen und frisch ans Werk gehen. Er war damals noch ein Knabe, und jetzt malt er Bilder. Wenn er nicht mehr wird malen können, wird er auch kaum noch leben. Er heißt Kaspar und ist als Schulknabe in der Schule und im elterlichen Hause fortwährend für einen faulen Bengel angesehen worden, glauben Sie das nur, und nur deshalb, weil sein ganzes Wesen ein gelassenes und mildes war. Er wurde früh aus der Schule genommen, weil er darin nicht reüssierte, und mußte Schachteln und Kisten herumschleppen, und dann kam er aus der Heimat fort und lernte dort draußen, den Menschen die Achtung, die er verdiente, abzunötigen. Das ist einer meiner Brüder, ein anderer heißt Klaus. Dieser ist der Älteste, und ich halte ihn für den besten und bedachtsamsten Menschen auf der Welt. Die Nachsicht, das Bedenkentragen und das Nachdenken schauen ihm zu den Augen heraus. Er ist ein tüchtiger Mensch, so tüchtig, daß niemand jemals hinter seine bescheidene, verborgene Tüchtigkeit kommen wird. Er hat uns Jüngere aufwachsen und uns unsern Begierden und Leidenschaften nachhängen sehen, er hat geschwiegen dazu und gewartet, bisweilen ein Wort der Sorge und des Rates gesprochen, aber er hat immerfort eingesehen, daß jeder seinen eigenen Weg gehen muß, er hat nur Schlimmes zu verhüten gesucht, und das Gute an einem hat er stets mit sonderbarem Scharfblick herausgefunden. Dieser Bruder macht sich wegen mir stille Sorgen, ich weiß das ganz genau; denn er liebt mich, er liebt überhaupt die Menschen und hat eine sonderbar schüchterne Achtung vor ihnen, die wir Jüngere nicht besitzen. Obschon er eine bedeutende Stellung in der Gelehrtenwelt einnimmt, bin ich doch überzeugt, daß nur seine Gewissenhaftigkeit, die immer mit Schüchternheit verbunden ist, daran schuld ist, daß er eine nicht noch höhere bekleidet; denn er verdiente die höchste und verantwortungsreichste. Nun habe ich noch einen dritten Bruder, der nur unglücklich ist, weiter nichts, und der nur noch das ist, was die Erinnerung von ihm an seine früheren Tage einem erzählen kann. Er ist im Irrenhaus. – Sollte ich das vielleicht vor Ihnen nicht offen haben heraussagen dürfen? Sie haben sicher ein Interesse daran, wenn Sie nun schon dasitzen und mir mit so aufmerksam lauschendem Ohr zuhören, alles der Wahrheit gemäß zu erfahren, sonst lieber gar nichts, nicht wahr! Sie nicken und sagen mir damit, daß ich Sie schon ziemlich kenne, wenn ich den Mut habe, von Ihnen anzunehmen, daß Sie eine tapfere und zugleich herzensgütige Frau sind. Hören Sie weiter. Dieser unglückliche Bruder war wohl, ich darf es ruhig sagen, das Ideal eines jungen schönen Mannes, und Talente besaß er, die eher in das galante, zierliche achtzehnte Jahrhundert hineingepaßt haben würden, als in unsere Zeit mit den viel härteren und trockneren Anforderungen. Lassen Sie mich über sein Unglück schweigen; denn erstens würde ich Sie damit verstimmen, und zweitens und drittens und meinetwegen auch sechstens schickt es sich nicht, die Falten des Unglücks auseinander zu ziehen, alle Feierlichkeit wegzunehmen, alle schöne, verschleierte Trauer, die nur dann ist, wenn man schweigt über solches. Ich habe Ihnen nun leise und skizzenhaft meine Brüder gezeigt, es tritt jetzt ein Mädchen auf, eine einsame, in einem Dörfchen mit Strohdächern vergrabene Schullehrerin, meine Schwester Hedwig. Möchten Sie sie kennen lernen? Sie würden mit Ihrer ganzen Empfindung Freude an dem Mädchen haben. Es gibt kein stolzeres Geschöpf als sie auf der Erde. Ich lebte drei volle Monate lang als Müßiggänger bei ihr auf dem Lande, sie hat geweint, als ich ankam und mich ausgelacht, als ich, mit dem Reisekoffer in der Hand, zärtlich Abschied nehmen wollte. Fortgejagt hat sie mich und mir zugleich einen Kuß gegeben. Sie hat mir gesagt, daß sie für mich nur eine leise, nicht abzuwehrende Verachtung hege, aber sie hat es so schön gesagt, daß ich mich wie geliebkost geglaubt habe. Denken Sie, sie hat mich bei ihr geduldet, als ich zu ihr kam, bettelhafter und frecher als ein aufdringlicher Landstreicher, der sich nur seiner Schwester einmal erinnerte, weil er dachte: »da kannst du hingehen, bis du wieder auf zwei Füßen stehst«. – Aber wir haben die drei Monate hindurch wie in einem heiteren Lustgarten voll Laubengänge zusammen gelebt. So etwas kann man niemals vergessen. Wenn ich ausging und im Walde spazierte und nicht wußte vor Trägheit, ob ich mich am Kinn oder hinter den Ohren kratzen sollte, träumte ich von ihr, nur von ihr, als von dem Nächsten und dem Fernsten zugleich. Sie war mir fern aus Ehrfurcht und nahe aus Liebe. Sie war so stolz, wissen Sie, daß sie mich niemals fühlen ließ, wie lumpig ich ihr vorkommen mußte. Sie hat sich nur gefreut, als ich mich bei ihr wohlgefühlt und eingenistet hatte. Das dauerte bis zu der letzten Stunde, den Abschied schnitt sie mir einfach vom Munde weg, in dem Vorausgefühl, daß ich nur Kränkendes und Dummes sagen würde. Als ich, schon weggegangen, hinter mich den Hügel herabblickte, sah ich sie mir mit der Hand nachwinken, so freundlich und einfach, als ginge ich nur bis zum nächsten Dorfschuhmacher und käme nach einer Stunde wieder zurück. Und doch wußte sie, daß sie allein in der Verlassenheit zurückbleiben und die Aufgabe vorfinden würde, sich eines Gesellschafters zu entwöhnen, was immerhin eine Aufgabe und ein Stück innerlicher Arbeit war. Wir haben uns, wenn wir abends zusammensaßen, das Leben erzählt und haben die Flügel der Kindheit wieder rauschen hören, wie das Kleid unserer Mutter auf dem Zimmerboden rauschte, wenn sie den Kindern entgegenkam. Meine Mutter und meine Schwester Hedwig ergeben in meinem Kopf immer ein innig verbundenes und zusammengewobenes Bild. Hedwig hat die Mutter, als diese krank wurde, besorgt und gepflegt, wie man ein kleines Kind pflegen muß. Denken Sie: ein Kind sieht seine Mutter zum Kinde werden und wird Mutter an der Mutter. Welche seltsame Verschiebung der Gefühle. Meine Mutter war eine hochgeachtete Frau, und die Hochachtung, die man ihr allgemein entgegenbrachte, war rein und kam aus dem Herzen heraus. Sie hat immer den Eindruck des Ländlichen und zugleich Vornehmen gemacht. Demutvoll und zugleich abweisend, wußte sie jeden Ungehorsam und jede Lieblosigkeit zu dämpfen. Der Ausdruck ihres Gesichts bat und gebot zu gleicher Zeit. Wie scharten sich die Damen in unserer Stadt um sie, und wenn sie spazieren ging, wie viele Herrenhüte wurden vor ihr gelüftet. Dann, als sie krank wurde, fiel sie in Vergessenheit und wurde der Gegenstand der Sorge und der Scham. Man schämt sich eben kranker Familienglieder wegen und ist beinahe zornig, wenn man der Tage gedenkt, wo man die Gesunde und ringsumher Achtunggebietende gesehen hat. Kurz vor ihrem Tode, ich war damals vierzehn Jahre alt, schrieb sie eines Mittags einen Brief: »Mein lieber Sohn!« Aber glauben Sie, sie wäre mit ihrer wunderlich-schlanken Handschrift weiter gekommen als über die Anrede hinaus? Nein, sie lächelte müde und irr, murmelte etwas und war gezwungen, die Feder wieder wegzulegen. Da saß sie, da lag der angefangene Sohnesbrief, da die Feder, die Sonne schien draußen, und ich beobachtete das alles. Eines Nachts dann klopfte Hedwig an meiner Kammertüre: ich solle aufstehen, Mutter sei gestorben! Ein dünner Lichtstrahl fiel durch die Türritze zu mir hinein, während ich zum Bett hinaussprang. Meine Mutter war als Mädchen unglücklich und schlecht bestellt gewesen. Sie kam aus dem abgelegenen Gebirge zu ihrer Schwester, meiner Tante, in die Stadt, wo sie beinahe Magdsdienste verrichten mußte. Als Kind ging sie einen weiten, tief mit Schnee bedeckten Weg in die Schule, und ihre Schulaufgaben machte sie in einer kleinen Stube, bei einem armseligen Lichtstümpfchen, daß ihr die Augen weh taten, weil sie die Buchstaben im Buch kaum lesen konnte. Ihre Eltern waren nicht gut zu ihr, so lernte sie früh die Schwermut kennen und stand, als sie Mädchen war, eines Tages an ein Brückengeländer angelehnt und dachte darüber nach, ob es nicht besser wäre, in den Fluß hinab zu springen. Man muß sie vernachlässigt, hin und her geschoben und auf diese Art mißhandelt haben. Als ich als Knabe einmal von ihrer bösen Jugend hörte, schoß mir der Zorn ins Gesicht, ich bebte vor Empörung und haßte von nun an die unbekannten Gestalten meiner Großeltern. Für uns Kinder hatte die Mutter, als sie noch gesund war, etwas beinahe Majestätisches, vor dem wir uns fürchteten und zurückscheuten; als sie krank im Geist wurde, bemitleideten wir sie. Es war ein toller Sprung, so von der ängstlichen, geheimnisvollen Ehrfurcht ins Mitleid überspringen zu müssen. Was dazwischen lag: die Zärtlichkeit und Vertraulichkeit zu ihr, war uns unbekannt geblieben. So kam es, daß unser Mitleid mit einem unsäglichen Bedauern über das Nie-Empfundene stark gemischt wurde, was uns dann eigentlich sie um so inniger bemitleiden ließ. Alle Flegeleien fielen mir wieder ein und alles unehrerbietige Betragen, und dann die Stimme der Mutter, mit der sie einen schon aus der Entfernung strafte, so daß die nachher erfolgende, handliche und wirkliche Abstrafung nur noch süßes, lächerliches Zuckerzeug dagegen war. Sie hat solch eine Stimme anzuschlagen gewußt, die einen im Nu den begangenen Fehler bereuen und einen wünschen ließ, die heftig Gekränkte so schnell wie nur möglich wieder besänftigt zu sehen. Ihre Sanftheit hatte etwas wunderbar Sanftes für uns, es war ein Geschenk; denn wir sahen es selten. Gereizt und allzu empfindlich war meine Mutter immer. Unsern Vater fürchteten wir alle lange nicht so, wie die Mutter, wir fürchteten nur immer, daß er etwas gesagt oder getan haben mochte, worüber Mutter in Zorn geraten konnte. Er war ihr gegenüber machtlos, eine Natur, die das Energische nicht so sehr liebte wie das Sich-wohl-sein-lassen. Als munterer Gesellschafter war er gerne gesehen, aber zu schweren Geschäften war er nicht der Mann. Jetzt ist er achtzig Jahre alt, und wenn er sterben wird, so stirbt ein Stück Stadtgeschichte mit ihm; die alten Leute werden ihren Kopf bedenklicher und müder schütteln, wenn sie den alten Mann nicht mehr sehen seinen Geschäften nachgehen, was er immer noch, und mit ziemlich rüstigen Beinen, tut. In seiner Jugend war er ein ziemlich wilder Geselle gewesen, den das Stadtleben allmählich abschliff, aber auch zum Wohlleben verführte. Beide Eltern, Mutter sowohl wie Vater, kamen aus rauhen, stillen Gebirgsgegenden her, in eine Stadt, die schon damals ihrer Großzügigkeit und Lebensfreude wegen im ganzen Lande einen gemischten Ruhm genoß. Die Industrie blühte damals wie eine feurige Pflanze auf und gestattete ein leichtes, gedankenloses Leben, viel Geld wurde verdient, viel ausgegeben. Wenn in der Woche fünf bis sechs Tage gearbeitet wurde, so galt das als fleißiges Wesen. Der Arbeiter lag tagelang am sonnigen Flußufer und angelte Fische, wenn er nichts Schlimmeres trieb. Sobald er Geld nötig hatte, zum Weiterleben, arbeitete er ein paar Tage und verdiente soviel, daß er wieder müßig gehen konnte. Der Handwerker verdiente vom Arbeiter, denn wenn die armen Leute Geld haben, so kann es den Wohlhabenden um so weniger fehlen. Die Stadt schien in einer Nacht zehntausend Einwohner mehr bekommen zu haben, alles strömte aus dem umliegenden Lande herbei, in die Häuser, die schon besetzt und bewohnt wurden, sobald sie nur äußerlich das fertige Aussehen hatten, mochten sie innen feucht und schmutzig sein, so viel sie wollten. Die Bauunternehmer hatten eine prachtvolle Zeit, sie brauchten nur immer bauen zu lassen, und sie taten es so liederlich, als es nur anging. Die Fabrikanten ritten zu Pferd und ihre Damen fuhren in Kaleschen, während der alte Stadtadel die Nase dazu rümpfte. An Festtagen tat sich die Stadt, wie keine andere, hervor und entfaltete bei solcher Gelegenheit alles, was ihr zu Gebote stand, um sich überall als die beste Feststadt rühmen zu lassen. Die Kaufleute konnten unter solchen Umständen nicht klagen, die Schulkinder ebensowenig, nur einige Einsichtsvolle, die nicht den Mut fanden, sich auf dem schwankenden, rosenbestreuten Boden der Lust und Oberflächlichkeit mit fortzubewegen. In solche Verhältnisse hinein kamen meine Eltern, Mutter mit ihrer empfindlichen Reizbarkeit und mit ihrem Sinn für das Einfach-Vornehme, und Vater mit seinem Anpassungstalent an alles Bestehende. Für Kinder ist eine jede Gegend lieblich und reizvoll, aber diese, die uns empfing, war ihrer Lage nach für Kinder, die gerne Schlupfwinkel, wie Felsen, Höhlen, Flüsseufer, Weiden, Niederungen, Schluchten und Waldstürze zu ihren Spielen haben, wie geschaffen. So genoß man die ganze Gegend spielend und Spiele erfindend, bis man aus der Schule kam. Ich wurde, als die Mutter starb, in eine Bank als Lehrling gegeben. Im ersten Jahr hielt ich mich vortrefflich; denn das Neue, das mir begegnete in dieser Welt, jagte mir Furcht und Scheu ein. Das zweite Jahr sah mich als Muster-Lehrling, aber im dritten Lehrjahr jagte mich der Direktor in Forma zum Teufel und behielt mich nur gnadenshalber aus Rücksicht auf meinen Vater, dem er seit vielen Jahren ein guter Bekannter war. Ich war unlustig geworden zu jeder Arbeit und frech zu den Vorgesetzten, die ich nicht für würdig befand, mir Befehle zu erteilen. Es war etwas mir jetzt Unbegreifliches in mir. Ich besinne mich, daß mir alles, jedes Möbel, jeder Gegenstand, jedes Wort weh tat. Ich war so scheu geworden, daß es Zeit war, mich fortzuschicken, und man tat es. Man suchte mir eine Stelle in einer entfernten Stadt, nur um mich loszuwerden, mit dem doch nichts anzufangen war. So kam ich fort. – Aber jetzt will ich nicht mehr an all das Frühere denken, auch nicht mehr sprechen davon. Es ist etwas Wunderbares, der frühen Jugend entronnen zu sein; denn sie ist nicht das gar nur Schöne, Liebliche und Leichte, sondern oft schwerer und gedankenvoller als manches alten Mannes Leben. Je mehr man gelebt hat, desto sanfter lebt man. Wer heftig in der Jugend gelebt hat, der mag sich später nur noch selten, am liebsten nie mehr wieder heftig gebärden. Wenn ich so denke, wie wir Kinder, immer eines dem andern nach, so durch mußten, durch den Irrtum und durch die jähe, schnelle Empfindung hindurch, und daß das alle Kinder der Erde müssen, mit so viel jugendlicher Gefahr, so möchte ich die Kindheit nicht so voreilig als etwas Süßes preisen, und doch preisen; denn sie ist doch eine kostbare Erinnerung. Wie schwer wird es oft Eltern gemacht, gute und behütende Eltern zu sein; und ein artiges, folgsames Kind zu sein, das ist für die meisten Kinder nur eine billige, oberflächliche Phrase. Sie wissen das übrigens besser; denn Sie sind eine Frau. Was mich betrifft, so bin ich bis jetzt noch der untüchtigste aller Menschen geblieben. Ich besitze nicht einmal einen Anzug am Leibe, der von mir aussagen könnte, daß ich einigermaßen mein Leben geordnet hätte. Sie erblicken nichts an mir, das auf eine bestimmte Wahl im Leben hindeutete. Ich stehe noch immer vor der Türe des Lebens, klopfe und klopfe, allerdings mit wenig Ungestüm, und horche nur gespannt, ob jemand komme, der mir den Riegel zurückschieben möchte. So ein Riegel ist etwas schwer, und es kommt nicht gern jemand, wenn er die Empfindung hat, daß es ein Bettler ist, der draußen steht und anklopft. Ich bin nichts als ein Horchender und Wartender, als solcher allerdings vollendet, denn ich habe es gelernt, zu träumen, während ich warte. Das geht Hand in Hand, und tut wohl, und man bleibt dabei anständig. Ob ich meinen Beruf etwa verfehlt habe, darnach frage ich mich nicht mehr, das fragt sich der Jüngling, aber der Mann nicht. Ich wäre mit jedem Beruf so weit gekommen, wie ich jetzt bin. Was kümmert mich das! Ich bin mir meiner Tugenden und Schwächen bewußt und verhüte es, mit der Tugend sowohl, als mit der Schwäche zu prahlen. Ich biete einem jeden mein Wissen, meine Kraft, meine Gedanken, meine Leistungen und meine Liebe an, wenn er einen Gebrauch davon machen kann. Streckt er den Finger aus und winkt mir, so ist einer, der vielleicht in einem solchen Falle heranhumpeln würde, ich aber springe, sehen Sie, so wie der Wind pfeift, und überschlage und trete achtlos auf alle Erinnerungen, nur um noch ungehinderter laufen zu können. Die ganze Welt saust mit, das ganze Leben! So ist es schön. Nur so! Nichts in der Welt ist mein, aber ich sehne mich auch nach nichts mehr. Ich kenne keine Sehnsucht mehr. Als ich noch eine bestimmte Sehnsucht trug, waren mir die Menschen gleichgültig und hinderlich, und ich verabscheute sie bisweilen, jetzt liebe ich sie, weil ich sie brauche und weil ich mich zum Verbrauchen ihnen anbiete. Dazu ist man da. Es kommt einer und sagt zu mir: »Du da! Komm! Ich brauche dich. Ich kann dir Arbeit geben!« Der macht mich glücklich. Dann weiß ich, was Glück ist! Glück und Schmerz sind vollständig verändert, sie sind mir deutlicher und ersichtlicher geworden, sie erklären sich mir, sie gestatten mir, in Liebe und Weh mit ihnen zu buhlen, um sie zu werben. Wenn ich jemandem eine Dienst-Offerte einzureichen habe, so weise ich immer auf meine Brüder und deute an, daß, wenn diese sich als nützliche und schaffensfreudige Menschen erwiesen haben, ich vielleicht auch noch zu gebrauchen sei, worüber ich jedesmal lachen muß. Es ist mir keineswegs bange, daß aus mir nicht auch noch eine Form wird, aber mich endgültig formen möchte ich so spät als nur möglich. Und dann sollte das besser von selber, ohne, daß man es gerade beabsichtigte, kommen. Nun habe ich mir vorläufig ein paar grobe, breite Schuhe anmessen lassen, um fester aufzutreten und den Menschen schon mit meinen Schritten zeigen zu können, daß ich einer bin, der etwas will und wahrscheinlich auch etwas kann. Erprobt zu werden, das ist mir eine Lust! Kaum eine höhere kenne ich. Daß ich augenblicklich arm bin, was heißt das? Das will gar nichts heißen, das ist nur eine kleine Verzeichnung in der äußeren Komposition, der mit ein paar energischen Strichen abgeholfen werden kann. Es setzt höchstens einen gesunden Menschen in Verlegenheit, in einigen Kummer vielleicht, aber in keine Aufregung. Sie lachen. Nein? Sie wollen nicht gelacht haben? Dann wäre es schade; denn Ihr Lachen ist etwas Schönes. Eine Zeitlang war es immer mein Gedanke, unter die Soldaten zu gehen, aber ich traue diesem romantischen Gedanken nicht mehr recht. Warum nicht bleiben, wo man ist! Kann sich mir hier im Lande etwa keine Gelegenheit bieten, wenn ich Gelegenheit haben will, unterzugehen? Ich kann hier einen würdigeren Anlaß finden, meine Gesundheit, Kraft und Lebenslust aufs Spiel zu setzen. Zunächst bin ich meiner Gesundheit froh, der Lust, meine Beine und Arme nach Belieben zu gebrauchen, dann meines Geistes, der mir immer noch sehr munter erscheint, dann endlich des aufreizenden Bewußtseins, daß ich der Welt gegenüber als tief belasteter Schuldner dastehe, der alle Ursache hat, den Atem endlich anzuspannen, um sich in der Liebe der Welt hinaufzuarbeiten. Ich bin gern Schuldner! Wenn ich mir sagen müßte, daß mich die Menschen gekränkt hätten, das wäre trostlos für mich. Da müßte ich mich ja in Stumpfheit und Abneigung und Bitternis versteifen. Nein, die Sache steht anders, sie steht glänzend, wie sie glänzender für einen angehenden Mann nicht stehen kann: ich, ich bin es, der die Welt gekränkt hat. Sie steht mir gegenüber wie eine erzürnte, beleidigte Mutter: wundervolles Antlitz, in das ich vernarrt bin: das Antlitz der Sühne fordernden, mütterlichen Erde! Ich zahle ab, was ich vernachlässigt, verspielt, verträumt, versäumt und verbrochen habe. Ich werde die Beleidigte zufriedenstellen und meinen Geschwistern dann einmal, einer schönen, traulichen Abendstunde erzählen, wie ich es gemacht habe, daß es gekommen ist, daß ich den Kopf so hoch trage. Es kann Jahre dauern, aber eine Arbeit ist mir nur um so viel entzückender, je längere und je schwerere Anspannung der Kräfte sie fordert. Jetzt kennen Sie mich einigermaßen.«
Die Dame küßte ihn.
»Nein,« sagte sie, »Sie werden nicht untersinken. Sonst, wenn das geschähe, wäre es schade, schade für Sie. Sie dürfen niemals wieder so verbrecherisch, so sündhaft über Sie selber aburteilen. Sie achten sich zu wenig und andere zu hoch. Ich will Sie davor behüten, gegen sich selber so allzustreng vorzugehen. Wissen Sie, was Ihnen fehlt? Sie müssen es eine Zeitlang ein bißchen wieder gut haben. Sie müssen in ein Ohr hineinflüstern und Zärtlichkeiten erwidern lernen. Sie werden sonst zu zart. Ich will Sie lehren; das alles, was Ihnen fehlt, will ich Sie lehren. Kommen Sie. Wir gehen hinaus in die Winternacht. In den brausenden Wald. Ich muß Ihnen so viel sagen. Wissen Sie, daß ich Ihre arme, glückliche Gefangene bin? Kein Wort mehr, kein Wort mehr. Kommen Sie nur.« –
Buchdruckerei Roitzsch, G. m. b. H., Roitzsch.
Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.
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das so hübsch sprach einen guten Eindruck auf ihn
das so hübsch sprach, einen guten Eindruck auf ihn
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von mir sagten. Nein, verehrter Herr, wenn sie gedenken,
von mir sagten. Nein, verehrter Herr, wenn Sie gedenken,
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Gewiß, mein Herr.«
»Gewiß, mein Herr.«
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geht wohl nicht gut. Wieviel kostet es?
geht wohl nicht gut. Wieviel kostet es?«
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nicht empfinden, er stört mich.
nicht empfinden, er stört mich.«
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ich gehe, um mich gesund zu arbeiten, wäre, es auch, um
ich gehe, um mich gesund zu arbeiten, wäre es auch, um
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lebendig werden zu wollen und den Lorber, den sie in
lebendig werden zu wollen und den Lorbeer, den sie in
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schon: hinhorchen uud beinahe das eigene Horchen
schon: hinhorchen und beinahe das eigene Horchen
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bescheidene und meine Kulter eine delikatere, denn ich
bescheidene und meine Kultur eine delikatere, denn ich
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»Indem der alte Mann das sagte, erschien in dem
Indem der alte Mann das sagte, erschien in dem
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setzte sich mit der größen Freude neben ihn nieder, auf
setzte sich mit der größten Freude neben ihn nieder, auf
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Rede redetete sich solch eine Seele ja so leicht in eine
Rede redete sich solch eine Seele ja so leicht in eine
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in Augenblicken des Wiedersehens seit langer Zeit. Dennnoch
in Augenblicken des Wiedersehens seit langer Zeit. Dennoch
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Sie, liebes Mädchen, Schwester meines Kaspars,
»Sie, liebes Mädchen, Schwester meines Kaspars,
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sich zu ihr nieder, hielten ihre Arme fest, bis die Zukungen
sich zu ihr nieder, hielten ihre Arme fest, bis die Zuckungen
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Ich sehe die Fische schwimmmen. Ich bin ganz still, ich
Ich sehe die Fische schwimmen. Ich bin ganz still, ich
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und paßte besser auf seine Schritte auf; dem er stieß
und paßte besser auf seine Schritte auf; denn er stieß
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wollte, kränkte es sie, und wenn man ihre Vorwürfe
wollte, kränkte es sie, und wenn man ihr Vorwürfe
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käme mir nie in den Sinn. Ich hätte alles erfahrene
käme mir nie in den Sinn. Ich hätte alles erfahren,
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Bettstelle wurde auf einem breitem Schlitten in der Nacht
Bettstelle wurde auf einem breiten Schlitten in der Nacht
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sowie Lustbarkeiten fröhlich miteiander.
sowie Lustbarkeiten fröhlich miteinander.
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In der Tat, er ließ die Häfte davon stehen,
In der Tat, er ließ die Hälfte davon stehen,
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sagte die Fau.
sagte die Frau.
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man begangen hat; und Simon nahm sich im stillen vor,
man begangen hat«; und Simon nahm sich im stillen vor,
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Tränen der Widersehensfreude weinen werden. Es wird
Tränen der Wiedersehensfreude weinen werden. Es wird
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aus der er schließlich erwachte.«
aus der er schließlich erwachte.
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haben. Es war der Wagen, den diese herumziehendie
haben. Es war der Wagen, den diese herumziehenden
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Karrossen rollten auf der Straße, die elektrische Straßenbahn
Karossen rollten auf der Straße, die elektrische Straßenbahn
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haben muße. Einer riß beständig Witze, es war
haben mußte. Einer riß beständig Witze, es war
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acht-, ein-, zwei-oder vierzehntätige Anstellung gefunden.
acht-, ein-, zwei-oder vierzehntägige Anstellung gefunden.
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die ich mir verbunden wissen will, Geld auf Dahrlehn
die ich mir verbunden wissen will, Geld auf Darlehn
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im, und er verließ alsogleich das Lokal mit diesem
ihm, und er verließ alsogleich das Lokal mit diesem
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Ihnen dann der Spaß verleien müßte. Ziehen Sie sich
Ihnen dann der Spaß verleiden müßte. Ziehen Sie sich
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um zu fragen, was er wünsche Aber es kam
um zu fragen, was er wünsche. Aber es kam
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Entschuldigen Sie, daß man Sie sitzen läßt,« wandte
»Entschuldigen Sie, daß man Sie sitzen läßt,« wandte
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einem ganz jungen, scheinbar etwas vorkommenen Menschen,
einem ganz jungen, scheinbar etwas verkommenen Menschen,
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sondern zu zweien! Immer! Das war der Hauptgedanke
sondern zu zweien! Immer! Das war der Hauptgedanke,
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lieber gar nichts, nicht war! Sie nicken und sagen mir
lieber gar nichts, nicht wahr! Sie nicken und sagen mir
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die Nase dazu rümpfte. Am Festtagen tat sich die Stadt,
die Nase dazu rümpfte. An Festtagen tat sich die Stadt,
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machen kann Streckt er den Finger aus und winkt
machen kann. Streckt er den Finger aus und winkt