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Sämtliche Werke 3–4

by Fyodor Dostoyevsky

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Zweiter Teil

I

Am zweiten Tage nach den sonderbaren Vorgängen in der Wohnung Nastassja Filippownas reiste Fürst Myschkin nach Moskau, um dort alles Nötige in seiner Erbschaftsangelegenheit persönlich zu erledigen. Es wurde damals davon gesprochen, daß er auch noch aus anderen Gründen seine Abreise so beschleunigt hätte; doch können wir sowohl darüber, wie auch über alle weiteren Erlebnisse des Fürsten in Moskau oder überhaupt während seiner Abwesenheit aus Petersburg nicht sehr viel Näheres berichten. Der Fürst war ganze sechs Monate von Petersburg abwesend, und in dieser Zeit konnten selbst diejenigen, die Ursache hatten, sich für sein Schicksal zu interessieren, fast nichts über seinen Verbleib oder sein Tun und Treiben erfahren. Freilich drangen diesem und jenem bisweilen Gerüchte zu Ohren, doch waren dieselben größtenteils recht seltsamer Art und widersprachen sich außerdem in der Regel sehr. Das größte Interesse hatte man für den Fürsten im Hause des Generals Jepantschin, wo der Fürst, nebenbei bemerkt, nicht einmal seinen Abschiedsbesuch gemacht hatte. Der General war mit ihm allerdings noch zwei-oder dreimal zusammengekommen, und sie hatten beide sogar sehr ernst miteinander gesprochen, doch hatte der General in der Familie kein Wort davon verlauten lassen. Und überhaupt wurde bei Jepantschins in der ersten Zeit, d. h. fast einen ganzen Monat nach der Abreise des Fürsten, nicht von diesem gesprochen. Nur die Generalin Lisaweta Prokofjewna äußerte ganz zu Anfang, daß sie sich im Fürsten „grausam getäuscht“ habe. Einige Tage später bemerkte sie, doch jetzt ohne den Fürsten zu nennen, sondern nur so im allgemeinen, ihr „auffallendster Charakterzug“ sei, daß sie sich beständig in den Menschen täusche. Und schließlich, nach Verlauf weiterer zehn Tage, schloß sie, durch die Töchter aus irgendeinem Anlaß in gereizte Stimmung versetzt, bereits in Form einer Sentenz: „Genug der Täuschungen! Jetzt werden keine mehr vorkommen.“ Das war ihr letztes Wort. Doch auch ganz abgesehen davon, herrschte in ihrem Hause, was hier nicht verschwiegen werden darf, ziemlich lange eine recht unangenehme Stimmung: es lag eine gewisse Spannung, eine Unzufriedenheit in der Luft, alle waren mißvergnügt und gereizt. Der General hatte namentlich im Dienst viel zu tun; er war vom Morgen bis zum Abend beschäftigt, so daß ihn seine Angehörigen kaum zu Gesicht bekamen. Was aber die drei Mädchen betrifft, so ließ keine von ihnen in Gegenwart der Eltern ein Wort über den Fürsten fallen, und vielleicht hatten sie auch unter sich nur wenig über ihn gesprochen – vielleicht aber auch nicht einmal das. Sie waren stolze, hochmütige Mädchen, die auch dann, wenn sie unter sich waren, nicht ihre innersten Gefühle aussprachen.

Jedenfalls hätte aus oben Erwähntem ein Beobachter, falls ein solcher vorhanden gewesen wäre, mit ziemlicher Sicherheit das Richtige erraten können: daß der Fürst doch einen gewissen Eindruck im Hause des Generals hinterlassen hatte, obschon er nur ein einziges Mal und auch dann nur kurze Zeit dort gewesen war. Möglicherweise war dieser Eindruck nur durch die etwas seltsamen Erlebnisse des Fürsten zu erklären... Doch wie dem auch sein mochte, jedenfalls hatte er Eindruck gemacht.

Die Gerüchte, die sich anfänglich über ihn in der Stadt verbreitet hatten, gerieten alsbald in Vergessenheit. Es war eine Zeitlang in gewissen Kreisen von irgendeinem recht beschränkten jungen Fürsten – den Namen wußte niemand genau – gesprochen worden, von einem, man kann wohl sagen, halben Idioten, der ein großes Vermögen geerbt und eine zugereiste Französin, eine bekannte Kankantänzerin aus dem Château des Fleurs zu Paris, geheiratet habe. Dann hatte es eine Zeitlang geheißen, das Vermögen hätte ein gewisser General geerbt, und die Französin habe ein ungeheuer reicher russischer Kaufmann geheiratet, der auf seiner Hochzeit einzig aus Prahlsucht für runde siebenhunderttausend Rubel Lotterielose an einer Stearinkerze verbrannt hätte, natürlich in der Trunkenheit. Doch alle diese Gerüchte verstummten sehr bald infolge der Veränderung der Verhältnisse selbst. So war zum Beispiel die ganze Rotte Rogoshins mit diesem selbst an der Spitze nach Moskau gereist – eine Woche nach der Orgie in Jekateringoff, an der auch Nastassja Filippowna teilgenommen hatte –, und somit waren gerade diejenigen, die am ehesten etwas hätten erzählen können, nicht mehr in Petersburg. Nur einige wenige, die wirklich Grund hatten, sich für die Angelegenheit zu interessieren, erfuhren dann später, daß Nastassja Filippowna schon am nächsten Tage nach jener Orgie geflüchtet und verschwunden und daß man ihr jetzt endlich auf die Spur gekommen sei: wie verlautet, hatte sie sich nach Moskau begeben, und als nun Rogoshin gleichfalls nach Moskau fuhr, brachte man den Zweck seiner Reise unwillkürlich mit Nastassja Filippowna in Zusammenhang.

Desgleichen wurde auch über Gawrila Ardalionytsch Iwolgin, der in seinem Kreise durchaus nicht so unbekannt war, gar mancherlei gesprochen; doch auch hier trat bald ein Umstand ein, der alle für ihn nachteiligen Gerüchte vergessen ließ: er erkrankte und konnte daher nicht nur nicht in der Gesellschaft erscheinen, sondern auch nicht einmal die Arbeit, die er als Angestellter der Aktiengesellschaft zu verrichten hatte, fortsetzen. Nachdem er einen Monat das Bett gehütet, setzte er seine Bekannten dadurch in Erstaunen, daß er diese Anstellung aufgab, worauf seinen Posten ein anderer erhielt. Auch beim General Jepantschin erschien er nicht mehr, so daß ihn auch dort ein anderer ersetzen mußte. Seine Feinde hätten nun annehmen können, daß er sich schäme, sich auch nur auf der Straße zu zeigen, doch das war nicht der Fall. Er fühlte sich in der Tat nicht wohl, war fast zum Hypochonder geworden, war nachdenklich und sehr reizbar. Warwara Ardalionowna verheiratete sich noch im Laufe des Winters mit Iwan Petrowitsch Ptizyn. Alle Bekannten der Familie behaupteten, daß sie ihn einzig deshalb genommen habe, weil Ganjä seine frühere Arbeit nicht wieder aufnehmen wollte und daher auch die Familie nicht mehr unterstützen konnte; ja, er bedurfte sogar selbst der Unterstützung und wollte gepflegt sein.

Bei der Gelegenheit sei noch nebenbei bemerkt, daß im Hause des Generals Jepantschin auch Gawrila Ardalionytschs mit keinem Wort Erwähnung getan wurde, ganz als hätte es nie einen solchen Menschen in der Welt gegeben. Und doch hatten dort alle Damen bald etwas sehr Bedeutsames über ihn erfahren. Es war das folgendes: Als er in jener Nacht von Nastassja Filippowna zurückgekehrt war, hatte er sich nicht schlafen gelegt, sondern in fieberhafter Ungeduld die Rückkehr des Fürsten erwartet. Der Fürst nun war aus Jekateringoff erst um sechs Uhr morgens zurückgekehrt. Da war Ganjä zu ihm ins Zimmer gegangen und hatte das Geldpaket – die ihm, als er ohnmächtig auf dem Boden lag, von Nastassja Filippowna geschenkten hunderttausend Rubel – vor dem Fürsten auf den Tisch gelegt und ihn mit allem Nachdruck gebeten, bei nächster Gelegenheit dieses Geschenk Nastassja Filippowna zurückzugeben. Als Ganjä beim Fürsten eintrat, war er in feindseliger und verzweifelter Stimmung gewesen, doch, hieß es, waren dann zwischen ihm und dem Fürsten einige Worte gefallen, woran Ganjä noch ganze zwei Stunden bei jenem geblieben war und die ganze Zeit bitterlich geschluchzt hatte. Geschieden waren sie freundlich voneinander.

Und diese Nachricht beruhte auch vollkommen auf Wahrheit. Unverständlich war nur, daß Nachrichten dieser Art sich so schnell verbreiten konnten; so war zum Beispiel der Verlauf der ganzen Abendgesellschaft bei Nastassja Filippowna fast schon am nächsten Tage im Hause des Generals bekannt geworden, und sogar noch mit ziemlich genauen Einzelheiten. Man hätte annehmen können, daß Warwara Ardalionowna, die zum größten Erstaunen Lisaweta Prokofjewnas ganz plötzlich mit den drei jungen Mädchen enge Freundschaft pflegte, diesen alles Nähere erzählt habe. Doch wenn es Warwara Ardalionowna aus irgendeinem Grunde auch nötig erschienen war, mit Jepantschins Freundschaft zu schließen, so würde sie doch niemals ungebeten von ihrem Bruder erzählt haben. Sie war gleichfalls stolz, allerdings in ihrer Art – und obwohl sie jetzt Freundschaft dort anknüpfte, wo ihrem Bruder der Verkehr so gut wie abgesagt worden war. Sie war freilich schon früher mit den Schwestern bekannt gewesen, doch hatte sie dieselben nur wenige Male besucht. Übrigens zeigte sie sich auch jetzt nur selten in ihrem Empfangssalon, und gewöhnlich kam sie über die Hintertreppe, um dann nur eine kurze Zeit bei den jungen Mädchen zu verweilen. Die Generalin war ihr niemals besonders gewogen gewesen, obschon sie Warjäs Mutter sehr achtete. Über Warjäs Besuche ärgerte sie sich und schrieb diese neue Freundschaft ihrer Töchter den Launen „dieser Mädchen“ zu, die „selbst nicht mehr wüßten, was sie ihr noch zum Trotz antun sollten“. Doch ungeachtet ihres Ärgers setzte Warwara Ardalionowna auch nach ihrer Verheiratung mit Ptizyn die Besuche bei den Generalstöchtern fort.

Da erhielt die Generalin eines Tages – es war ungefähr ein Monat nach der Abreise des Fürsten vergangen – von der alten Fürstin Bjelokonskaja, die vor etwa zwei Wochen nach Moskau zu ihrer ältesten, verheirateten Tochter gefahren war, einen Brief, und dieser Brief machte auf die Generalin Jepantschin offenbar einen nicht geringen Eindruck. Zwar teilte sie von seinem Inhalt weder ihren Töchtern, noch ihrem Gemahl Iwan Fedorowitsch etwas mit; doch konnte man aus untrüglichen Anzeichen schließen, daß sie sich durch ihn in merkwürdig gehobener Stimmung befand. Sie knüpfte mit den Töchtern Gespräche über die seltsamsten Dinge an, über Dinge, die, wie man meinen sollte, ganz fern lagen. Allem Anscheine nach hatte sie etwas auf dem Herzen, das sie jedoch vorläufig noch für sich behalten wollte. Am ersten Tage nach dem Empfang des Briefes war sie sogar sehr lieb zu ihren Töchtern, küßte Aglaja und Adelaida und erklärte sich in irgend etwas für schuldig vor ihnen – doch worin gerade, das konnten beide nicht verstehen. Selbst gegen Iwan Fedorowitsch, der jetzt einen Monat in Acht und Bann war, ward sie plötzlich gnädig gestimmt. Versteht sich: schon am nächsten Tage ärgerte sie sich wieder unsäglich über ihre „Sentimentalität“ und fand bereits vor Tisch Zeit und Gelegenheit, sich mit allen von neuem zu überwerfen, doch zum Abend klärte sich der Horizont wieder auf. Diese freundlichere Stimmung hielt sogar eine ganze Woche an, was man eigentlich lange nicht mehr erlebt hatte.

Es vergingen acht Tage, und die Generalin erhielt einen zweiten Brief von der Bjelokonskaja, worauf sie sich dann doch entschloß, ihr Schweigen zu brechen. Nicht ohne eine gewisse Feierlichkeit hub sie ihre Mitteilung an: daß die „alte Bjelokonskaja“ – sie nannte sie nie Fürstin, wenn sie mit anderen von ihr sprach – ihr äußerst beruhigende Dinge über diesen... „nun, diesen da, diesen Sonderling, den Fürsten“ mitgeteilt habe. Die alte Dame hatte in Moskau Erkundigungen über ihn eingezogen und, wie sie schrieb, etwas sehr Gutes über ihn erfahren. Schließlich sei auch der Fürst selbst bei ihr erschienen und habe einen fast ungeheuren Eindruck auf sie gemacht. Ferner habe sie ihn eingeladen, sie täglich zwischen eins und zwei zu besuchen, „und jener schleppt sich auch täglich zu ihr hin und ist ihr bis jetzt noch nicht langweilig geworden,“ schloß die Generalin, worauf sie noch kurz hinzufügte, daß der Fürst dank der „alten Bjelokonskaja“ auch in zwei oder drei anderen sehr angesehenen Familien empfangen worden sei. – „Gut wenigstens, daß er nicht nur in seinen vier Wänden hockt und sich nicht wie ein Tölpel vor den Menschen fürchtet.“

Den jungen Mädchen fiel es nach diesen Mitteilungen sogleich auf, daß die Mutter ihnen lange nicht alles gesagt hatte, was die Briefe enthielten. Vielleicht hatten sie bereits viel mehr von anderer Seite erfahren, etwa von Warwara Ardalionowna, die ja doch alles wissen konnte, was Ptizyn wußte. Ptizyn aber wußte höchstwahrscheinlich mehr als alle anderen, und wenn er auch als Geschäftsmann einem jeden gegenüber sehr verschwiegen war, so machte er doch in der Beziehung mit Warjä eine Ausnahme, weshalb sich denn auch die Generalin nicht wenig über deren Besuche ärgerte.

Doch wie dem nun auch sein mochte, jedenfalls war das Eis gebrochen, und in der Familie konnte man wieder von dem Fürsten sprechen: und da zeigte es sich denn nur zu deutlich, einen wie großen Eindruck der Fürst im Hause des Generals hinterlassen hatte. Die Generalin wunderte sich auch nicht wenig über den Eindruck, den ihre Moskauer Nachrichten auf die drei Mädchen machten, und diese wiederum wunderten sich ebenfalls nicht wenig über ihre Mutter, die doch so feierlich erklärt hatte, daß ihr „auffallendster Charakterzug“ das ewige Sichtäuschen in Menschen sei, und die dabei gleichzeitig den Fürsten der Aufmerksamkeit der „allmächtigen“ Fürstin empfahl – wobei nicht zu vergessen war, daß man deren Aufmerksamkeit mit endlosen Reden erkaufen mußte, denn die alte Dame war etwas schwer von Begriff. Doch da nun, wie gesagt, das Eis gebrochen war und ein neuer Wind in der Familie wehte, entschloß sich auch der General, seine Meinung zu äußern, und so zeigte es sich, daß auch er sich in ganz erstaunlicher Weise für den Fürsten interessierte. Was er mitteilte, bezog sich übrigens nur auf die „geschäftliche Seite“ der Angelegenheit. Zur nicht geringen Verwunderung der Gattin und Töchter hatte der General zwei zuverlässige und in ihrer Art einflußreiche Herren in Moskau beauftragt, über den Fürsten und namentlich über Ssalaskin, seinen Rechtsbeistand, Erkundigungen einzuziehen und ihn auch gewissenhaft zu überwachen. Die Erbschaft, „das heißt die Tatsache der Erbschaft“, habe ihre Richtigkeit, doch das Vermögen sei schließlich gar nicht so groß, wie man zuerst angenommen hatte; die Hälfte desselben liege fest; da seien Schulden; da seien weiß Gott was für Prätendenten; und der Fürst selbst verführe trotz aller Ratgeber und Beiräte in einer Weise mit dem Kapital, die bei jedem Geschäftsmann nur ein Kopfschütteln hervorrufen könne. „Ich wünsche ihm selbstverständlich nur das Beste,“ sagte der General, und da jetzt der Bann aufgehoben war, konnte er es sogar „von ganzem Herzen wünschen“; denn „wenn der Junge auch so... nun ja... etwas so ist, so ist er es doch wert, daß man ihm Gutes wünscht“. Kurz und gut, der Junge habe aber bei dieser Gelegenheit doch eine große Dummheit begangen: es seien da verschiedene Gläubiger des alten Kaufmanns gekommen, mit ganz ungenügenden Dokumenten, mit Dokumenten, deren Ungültigkeit auf der Hand lag, und manche, die von dem fürstlichen Erben Wind bekommen hatten, seien sogar ohne Dokumente gekommen, und was war geschehen? – der Fürst hatte ihre Forderungen beglichen, trotz aller Vorhaltungen seiner Freunde, die ihm vergeblich versicherten, daß alle diese Leutchen ganz rechtlos wären. Und zwar hätte er ihnen nur deshalb gezahlt, weil einige von ihnen andernfalls ihr tatsächlich geliehnes Geld verloren oder sonstwie „durch Papuschin“ gelitten hätten.

Die Generalin bemerkte hierauf, daß auch die Bjelokonskaja ihr in diesem Sinne schriebe, und das sei natürlich „sehr dumm von ihm, sehr dumm, aber einen Dummen kann man nicht klug machen,“ fügte sie schroff hinzu; doch ihrem Gesicht sah man es an, wie sehr ihr die Handlungsweise dieses „Dummen“ innerlich gefiel. Jedenfalls fiel es dem General plötzlich auf, daß seine Lisaweta Prokofjewna „für diesen Fürsten eine Teilnahme übrighabe, als wäre er ihr leiblicher Sohn“, und daß sie zu Aglaja doch etwas auffallend zärtlich war. Nach Beendigung dieses Gedankenganges und einem nochmaligen prüfenden Blick auf seine Gattin beschloß der General, zeitweilig die Haltung eines vielbeschäftigten Mannes anzunehmen.

Doch diese gute Stimmung sollte wiederum nicht lange dauern. Es vergingen nur kurze zwei Wochen, und plötzlich „schlug das Wetter wieder um“, wie der General bei sich sagte: die Generalin war wieder schlechter Laune und er selbst mußte sich, nachdem er ein paarmal die Schultern in die Höhe gezogen, schließlich doch drein fügen, daß über gewisse Vorgänge und Personen fortan eisiges Schweigen herrschte. Vor zwei Wochen hatte er die kurze und deshalb etwas unklare, doch nichtsdestoweniger glaubwürdige Nachricht erhalten, daß Nastassja Filippowna, die anfangs in Moskau gelebt, und die Rogoshin nach langem Suchen endlich dort gefunden, wieder geflohen und wieder von Rogoshin aufgesucht worden war, zu guter Letzt doch eingewilligt habe, diesen zu heiraten. Das war die erste Nachricht. Und nun, nach kaum vierzehn Tagen, hatte Seine Exzellenz wieder eine Nachricht erhalten, die ihn nicht weniger erregte: Nastassja Filippowna war zum drittenmal geflohen, fast vom Altare fort, und diesmal sollte sie irgendwo in einer Provinz verschwunden sein. Nun aber war plötzlich auch Fürst Myschkin aus Moskau verschwunden, nachdem er alle seine Erbschaftsangelegenheiten Ssalaskin übertragen hatte; „ob nun mit ihr zusammen oder hinter ihr her, das weiß man nicht, doch steht seine Abreise zweifellos mit ihrer Flucht in Zusammenhang,“ schloß der General. Auch die Generalin hatte unangenehme Nachrichten erhalten. So kam es, daß man nach zwei Monaten in Petersburg nichts mehr vom Fürsten wußte, und im Hause des Generals Jepantschin wurde „das Eis des Schweigens“ hinfort nicht mehr gebrochen. Doch Warwara Ardalionowna besuchte immer noch ab und zu die drei jungen Mädchen...

Um nun mit all diesen Gerüchten, Nachrichten und Stimmungen abzuschließen, sei hier noch erwähnt, daß sich bei Jepantschins zum Frühling hin sehr vieles veränderte, so daß es schließlich nur natürlich war, wenn man den Fürsten, der nichts von sich hören ließ und vielleicht auch sogar selbst vergessen sein wollte, mit der Zeit tatsächlich ganz vergaß. Im Laufe des Winters hatte man sich allmählich entschlossen, im Sommer eine Reise ins Ausland zu machen, das heißt, nur Lisaweta Prokofjewna und die drei Töchter. Der General dagegen hatte keine Zeit für „nutzlose Zerstreuungen“. Der Beschluß war gefaßt worden, weil die drei jungen Mädchen sich eingeredet hatten, daß die Eltern sie nur deshalb nicht ins Ausland bringen wollten, weil sie sie sobald als möglich an den Mann zu bringen wünschten. Vielleicht waren nun die Eltern zur Überzeugung gekommen, daß es ja auch im Auslande Männer gab, und die Reise ins Ausland nicht nur nichts „verderben“, sondern sogar sehr „zustatten“ kommen könnte. Hier muß noch erwähnt werden, daß die einstmals projektierte Heirat zwischen Afanassij Iwanowitsch Tozkij und Alexandra Jepantschin ganz ins Wasser gefallen und es zu einem formellen Antrag seinerseits gar nicht gekommen war. Es hatte sich das ganz von selbst gemacht, ohne viele Worte oder gar Familienszenen. Seit der Abreise des Fürsten war von beiden Seiten nicht mehr davon gesprochen worden, aber wenn die Generalin auch damals schon gesagt hatte, daß es sie nur freue und sie mit beiden Händen ein Kreuz schlage, so war das doch den Winter über mit ein Grund der schlechten Stimmung gewesen, in der sich die Familie befunden. Der General fühlte zwar, daß er selbst daran schuld war, spielte aber trotzdem oder vielmehr gerade deshalb den Stolzen. Ihm tat nur Freund Tozkij leid – „wenn man bedenkt: ein solches Vermögen und dazu ein so gewandter Mensch!“ Doch es dauerte nicht lange, und der General erfuhr, daß „Freund Tozkij“ sich von den Reizen einer vor kurzem in Petersburg eingetroffenen Französin hatte bestricken lassen, einer Marquise und Legitimistin, und daß Freund Tozkij sie baldigst heiraten würde, worauf sie mit ihm nach Paris und von dort nach der Bretagne zu fahren gedächte. „Nun, wenn du dich schon mit Französinnen einläßt, ist es aus mit dir, Freund!“ dachte der General bei sich.

Und so stand es denn fest, daß Jepantschins im Sommer verreisen würden. Doch siehe, plötzlich kam wieder etwas dazwischen, das abermals alle Pläne umwarf und die Reise zur größten Freude des Generals und der Generalin hinausschob.

Vor nicht langer Zeit war in Petersburg ein gewisser Fürst Sch. eingetroffen, ein Moskauer Aristokrat, der sich eines sehr, sehr guten Rufes erfreute. Er war einer jener Leute oder man kann sogar sagen Tatmenschen der „neuen Zeit“, die ehrlich und bescheiden sind, die sich niemals vordrängen, die aufrichtig und bewußt das Nützliche wollen und durchführen, immer arbeiten und sich auch noch durch die seltene und glückliche Eigenschaft auszeichnen, daß sie immer Arbeit finden. Ohne sich um die Zwietracht und die Händel der großredenden Parteien zu kümmern, ohne sich zu überheben oder zu den Ersten zählen zu wollen, faßte der Fürst doch vieles von dem jüngst Geschehenen oder sich noch Vollziehenden in höchst verständiger Weise auf. Er hatte zuerst im Staatsdienst gestanden und sich dann mit den Agrarfragen zu beschäftigen begonnen. Außerdem war er ein geschätzter Mitarbeiter mehrerer gelehrter Verbände. In Gemeinschaft mit einem bekannten Techniker hatte er auf Grund eingehender Untersuchungen einer gerade projektierten, sehr wichtigen Eisenbahnlinie die Baukommission derselben auf verschiedene Fehler im Projekt aufmerksam gemacht und gleichzeitig das Projekt einer mit Rücksicht auf die Ortsverhältnisse weit zweckmäßigeren Linie eingereicht. Er war fünfunddreißig Jahre alt, gehörte zur vornehmsten Gesellschaft und besaß ein „gutes, sicheres Vermögen“, wie der General verlauten ließ, der den Fürsten in einer ziemlich schwierigen Sache beim Grafen, seinem Vorgesetzten, kennen gelernt hatte. Der Fürst machte seinerseits wiederum sehr gern die Bekanntschaft von russischen „Tatmenschen“. Kurzum, der Fürst wurde mit der Familie des Generals bekannt und Adelaida Iwanowna, die mittlere der drei Schwestern, machte einen so großen Eindruck auf ihn, daß er zu Ende des Winters bei den Eltern um ihre Hand anhielt. Und da er sowohl Adelaida Iwanowna wie auch der Generalin sehr gefiel, wurde die Hochzeit auf das Frühjahr festgesetzt. Der General freute sich von Herzen und war in sehr gehobener Stimmung. Selbstverständlich mußte nun die Reise ins Ausland vorläufig aufgeschoben werden.

Freilich hätte die Generalin deshalb immer noch im Sommer oder zu Ende des Sommers auf ein bis zwei Monate mit Alexandra und Aglaja reisen können, allein schon um der Zerstreuung willen: nach der Trauer um den Verlust Adelaidas! Doch da kam wieder etwas dazwischen: gegen Ende des Frühlings führte Fürst Sch. – die Hochzeit war auf die Mitte des Sommers verschoben worden – seinen entfernten Verwandten Jewgenij Pawlowitsch Radomskij bei Jepantschins ein. Es war das ein noch junger Offizier, Flügeladjutant des Zaren, eine auffallend schöne Erscheinung, vornehmer Herkunft, geistreich, glänzend, „modern in jeder Beziehung und unerhört gebildet“, wie es hieß, und zum Überfluß noch enorm reich. In betreff dieses letzten Punktes pflegte der General stets etwas skeptisch zu sein. Er zog Erkundigungen ein, aber das Ergebnis derselben war zufriedenstellend: „Es scheint tatsächlich etwas Wahres daran zu sein, doch, wie gesagt, man muß sich noch vergewissern“, äußerte sich der General. Dieser junge Offizier, dem eine „glänzende Zukunft“ bevorstand, war von der alten Bjelokonskaja in einem Brief aus Moskau in den siebenten Himmel gehoben worden. Nur ein einziger Punkt war dabei etwas kitzliger Art: man sprach von gewissen Verbindungen, von gewissen Siegen und Eroberungen und von unglücklichen Herzen. Nachdem er aber Aglaja erblickt und kennen gelernt hatte, wurde er auffallend seßhaft im Hause Jepantschin. Es war allerdings noch von nichts gesprochen worden, selbst Andeutungen hatte noch niemand gehört, doch den Eltern wurde es trotzdem klar, daß man in diesem Sommer an eine Reise ins Ausland wirklich nicht denken konnte. Aglaja selbst war vielleicht die einzige, die anders dachte.

Alles das geschah kurz vor der abermaligen Ankunft unseres Helden in Petersburg, zu einer Zeit, als dem Anscheine nach bereits alle den armen Fürsten Myschkin vergessen hatten. Wäre er jetzt plötzlich unter seinen Bekannten aufgetaucht, so hätten sie ihn wie einen vom Himmel Herabgefallenen überrascht und verwundert angestarrt. Indes – es muß doch noch eines Faktums Erwähnung getan werden, bevor wir die Einleitung abschließen.

Koljä Iwolgin setzte nach der Abreise des Fürsten sein früheres Leben unverändert fort, d. h. er besuchte das Gymnasium, besuchte seinen Freund Hippolyt, beaufsichtigte den General und half Warjä in der Wirtschaft, indem er gewissermaßen als Laufbursche in ihren Diensten stand. Mit den Mietern war es übrigens bald zu Ende. Ferdyschtschenko verschwand am dritten Tage nach der Orgie in Jekateringoff, und bald war er ganz verschollen; anfangs hatte es noch geheißen, er „trinke dort irgendwo“, aber Genaueres wußte niemand von ihm. Fürst Myschkin fuhr, wie gesagt, nach Moskau, und weitere Pensionäre hatten sie nicht gehabt. Späterhin, als Warjä heiratete, zogen mit ihr auch Nina Alexandrowna und Ganjä zu Ptizyn, der in dem Stadtteil Ismailowskij Polk lebte. Was jedoch den alten verabschiedeten General Iwolgin betrifft, so war ihm etwas sehr Seltsames zugestoßen: er kam nämlich in das Schuldgefängnis. Hineingebracht hatte ihn seine ehemalige „Seelenfreundin“, die Kapitanscha, auf Grund seiner ihr zu verschiedenen Zeiten ausgestellten Schuldverschreibungen, alle zusammen in der Höhe von zirka zweitausend Rubeln. Diese Einforderung der Schuld kam für den armen General vollkommen unerwartet, er war „entschieden das Opfer seines unbeschränkten Glaubens an den Edelmut des Menschenherzens, im allgemeinen gesprochen“, wie er sich ausdrückte. Es war ihm zur beruhigenden Gewohnheit geworden, Pfandbriefe und Wechsel zu unterzeichnen, da er nicht einmal an die Möglichkeit, daß die verschriebenen Summen eingefordert werden könnten, dachte, sondern vielmehr überzeugt war, daß das alles „nur so“sei. „Traue jetzt noch den Menschen, bekunde jetzt noch Zutrauen!“ rief er pathetisch im Kreise seiner neuen Freunde im Gefängnis aus und erzählte ihnen dann bei einer Flasche Rotspon die Belagerung von Kars und die Geschichte vom auferstandenen Soldaten. Übrigens hatte er sich dort sehr schnell und vorzüglich eingelebt. Ptizyn und Warjä sagten, daß diese Unterkunft für ihn wie geschaffen sei, und Ganjä war ungefähr derselben Ansicht. Nur die arme Nina Alexandrowna weinte im stillen bitterlich – was ihre Angehörigen eigentlich recht wunderte –, und obschon sie kränkelte, machte sie sich doch immer wieder auf und ging zu ihrem Mann ins Schuldgefängnis.

Seit dieser „Generalüberraschung“, wie Ganjä sie nannte, und der Verheiratung Warjäs hatte sich Koljä immer mehr von der Familie losgemacht und in der letzten Zeit brachte er es sogar so weit, daß er selbst zur Nacht nicht nach Hause kam, sondern es vorzog, bei seinen Freunden zu schlafen. Wie man hörte, hatte er viele neue Freundschaften angeknüpft und war auch im Schuldgefängnis ein fast täglicher Besucher geworden. Nina Alexandrowna konnte dort gar nicht ohne ihn auskommen, zu Hause aber wurde er nicht einmal mit Neugier belästigt, obschon eine solche bei seinem Treiben doch ganz verständlich gewesen wäre. Selbst Warjä, die früher so strenge Warjä, nahm ihn jetzt nie ob seiner Lebensweise ins Verhör. Und auch Ganjä begann, zur größten Verwunderung der Familie, ganz freundschaftlich mit ihm zu reden und umzugehen – trotz seiner Hypochondrie –, was gegen sein früheres Verhältnis zum Bruder sehr abstach. Hatte doch der siebenundzwanzigjährige Ganjä den fünfzehnjährigen Koljä nicht der geringsten freundschaftlichen Beachtung gewürdigt, ihn „einfach grob“ behandelt, von allen anderen wie auch von sich selbst nur Strenge ihm gegenüber verlangt und ewig gedroht, „einmal noch mit seinen Ohren in nähere Berührung zu kommen,“ was dann Koljä „aus den letzten Grenzen menschlicher Geduld“ brachte. Man konnte sogar glauben, daß der jüngere Bruder Ganjä gewisse Dienste leistete und diesem daher unentbehrlich wurde. Koljä war sehr erstaunt darüber gewesen, daß Ganjä das Geld zurückgegeben hatte, und war deshalb bereit, ihm vieles zu verzeihen.

Etwa im dritten Monat nach der Abreise des Fürsten erfuhr man in der Familie Iwolgin, daß Koljä inzwischen auch mit Jepantschins bekannt geworden war und von den jungen Mädchen sehr nett behandelt wurde. Das hatte Warjä bald in Erfahrung gebracht. Übrigens war Koljä nicht durch Warjä bekannt geworden, sondern „von sich aus“, wie er sagte. Allmählich gewannen ihn Jepantschins sehr gern. Die Generalin war ihm anfänglich nicht sehr geneigt gewesen. Doch bald wurde er fast ihr Liebling, „weil er aufrichtig ist und nicht schmeichelt,“ wie sie behauptete. Daß Koljä nicht schmeichelte, war richtig: er hatte es verstanden, als gesellschaftlich vollkommen gleichstehender, unabhängiger junger Mann aufzutreten, und dabei blieb es auch, selbst wenn er der Generalin Zeitungen oder Bücher vorlas – er war eben gern gefällig. Zweimal hatte er sich aufs heftigste mit Lisaweta Prokofjewna überworfen, hatte ihr erklärt, daß sie eine Despotin sei und er seinen Fuß nicht mehr in ihr Haus setzen werde. Das erstemal war der Grund des Streites die Frauenfrage gewesen und das zweitemal die Frage, welche Jahreszeit zum Zeisigfang die beste sei. Wie unwahrscheinlich es nun auch scheinen mag, so ist es doch Tatsache, daß Lisaweta Prokofjewna ihm am dritten Tage nach dem Zerwürfnis mit dem Diener einen Brief sandte, in dem sie ihn bat, unbedingt zu ihr zu kommen, worauf Koljä sich nicht lange zierte und ohne Aufschub hinging. Nur Aglaja allein schien ihm nicht ganz wohlgeneigt zu sein und behandelte ihn von oben herab. Gerade sie aber sollte er einmal in Erstaunen setzen.

Eines Tages, es war in der Osterwoche, benutzte Koljä, als sie einmal allein im Zimmer waren, die Gelegenheit, um ihr einen Brief zu überreichen. Er sagte nur, es sei ihm aufgetragen, den Brief zu übergeben. Aglaja maß den „eingebildeten Bengel“ mit zornigem Blick vom Kopf bis zu den Füßen, doch Koljä kümmerte sich weiter nicht um sie und ging hinaus. Aglaja entfaltete den Brief und las:

„Eines Tages würdigten Sie mich Ihres Vertrauens. Doch vielleicht haben Sie mich jetzt schon ganz vergessen? Wie komme ich nun darauf, an Sie zu schreiben? Ich weiß es nicht; aber ich habe plötzlich ein unbezwingbares Verlangen, Sie, gerade Sie an mich zu erinnern. Wie oft habe ich mich nach Ihrer aller Gegenwart gesehnt, doch von allen dreien sah ich immer nur Sie vor mir stehen. Ich bedarf Ihrer, ich bedarf Ihrer unsäglich. Von mir habe ich Ihnen nichts zu schreiben, nichts zu erzählen. Nicht deshalb schreibe ich an Sie; ich würde nur unendlich gern Sie glücklich wissen. Sind Sie glücklich? Das ist alles, was ich Sie fragen wollte.

Ihr Bruder Fürst Lew Myschkin.“

Als Aglaja diesen kurzen und eigentlich recht sinnlosen Brief zu Ende gelesen hatte, wurde sie plötzlich dunkelrot, biß sich dann auf die Lippe und wurde nachdenklich. Ihren Gedankengang wiederzugeben, würde nicht leicht fallen. Unter anderem fragte sie sich auch, ob sie den Brief jemandem zeigen solle. Es war ihr doch ein wenig so zumute, als schämte sie sich. Schließlich warf sie den Brief mit einem spöttischen und seltsamen Lächeln in das Schubfach ihres Tischchens. Am nächsten Tage jedoch nahm sie ihn von dort heraus und legte ihn in ein dickes, in Leder eingebundenes Buch, wie sie es mit allen ihren Papieren tat, um sie „schneller zu finden“, wenn sie sie suchte. Erst nach einer Woche sah sie zufällig auf das Titelblatt des Buches: es stand darauf in dicken Lettern: „Don Quijote de la Mancha“. Aglaja lachte hellauf – der Grund ihres Lachens blieb aber unaufgeklärt. Auch wäre es schwer, festzustellen, ob sie den Brief jemals den Schwestern gezeigt hat. Während sie ihn aber noch las, kam ihr plötzlich ein Gedanke: sollte dieser eingebildete Bengel vom Fürsten zum Vertrauensmann erkoren sein, und war er vielleicht gar sein einziger Korrespondenzvermittler? Sie beschloß, Koljä auf den Zahn zu fühlen. Sie setzte eine möglichst geringschätzige Miene auf und fragte ihn wie von ungefähr, wie er denn zu diesem Brief gekommen sei. Doch der sonst stets empfindliche „Bengel“ übersah diesmal ihre Geringschätzung und erklärte, allerdings ziemlich kurz und trocken, daß er dem Fürsten vor dessen Abreise zwar seine ständige Adresse mitgeteilt und seine Dienste angeboten habe, doch sei dies der erste Auftrag, der ihm vom Fürsten zuteil geworden, worauf er als Beweis den Brief hervorzog, den der Fürst an ihn persönlich gerichtet hatte. Aglaja wollte den Brief zuerst nicht lesen, nahm ihn dann aber doch und las folgendes:

„Lieber Koljä, seien Sie so freundlich und übergeben Sie das beigefügte Schreiben Aglaja Iwanowna. Ich wünsche Ihnen das Beste.

Ihr Sie liebender Fürst L. Myschkin.“

„Es ist aber doch lächerlich, sich einem so kleinen Bengel anzuvertrauen,“ sagte Aglaja, indem sie Koljä den Brief zurückgab, in beleidigendem Tone und ging mit verächtlicher Miene an ihm vorüber.

Das aber war denn doch zu empörend für Koljä! Er hatte sich noch absichtlich zu diesem Nachmittage von Ganjä dessen neue Krawatte ausgebeten, ohne einen Grund anzugeben, und nun wurde er so behandelt! Er fühlte sich tief und grausam beleidigt.

II

Es war in den ersten Tagen des Juni und das Wetter war in Petersburg schon seit einer ganzen Woche selten schön. Jepantschins besaßen eine prächtige eigene Villa in Pawlowsk12. Eines schönen Tages bekam die Generalin Sehnsucht nach dem frischen Grün des Parks dort draußen, und in zwei Tagen war die Familie übergesiedelt.

Zwei oder drei Tage darauf traf mit dem Frühzug aus Moskau Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin in Petersburg ein. Ihn erwartete niemand; doch als er das Kupee verließ, schien es ihm plötzlich, daß ein seltsamer, glühender Blick zweier Augen aus der Menge, die sich auf dem Bahnsteig drängte, starr auf ihn gerichtet wäre. Er sah genauer hin, doch es war nichts mehr zu sehen. Natürlich war es ihm nur so vorgekommen, wie man zuweilen etwas vor den Augen flimmern sieht; doch nichtsdestoweniger blieb in ihm eine unangenehme Empfindung zurück, die ihn in seiner traurigen, nachdenklichen Stimmung noch mehr bedrückte. Der Fürst sah unruhig und besorgt aus.

Er nahm eine Droschke und sagte dem Kutscher, er solle ihn zu einem Hotel fahren. In der Nähe der Liteinaja hielt der Kutscher vor einem mittelmäßigen Gasthof. Der Fürst ließ sich zwei Zimmer anweisen, schien es kaum zu bemerken, daß sie klein, dunkel und schlecht möbliert waren, wusch sich, kleidete sich um, verlangte sonst nichts und ging eilig wieder fort, als hätte er gefürchtet, unnütz seine kostbare Zeit zu verlieren oder irgend jemand nicht zu Hause anzutreffen.

Hätte ihn jetzt jemand von seinen früheren Bekannten gesehen, die ihn vor sechs Monaten in Petersburg kennen gelernt, so würden sie ihn auf den ersten Blick sehr verändert gefunden haben, und zwar zum Besseren verändert. Doch im Grunde genommen war es wohl kaum der Fall. Nur die Kleidung war allerdings ganz anderer Art: sie war in Moskau gearbeitet, und man sah ihr sofort den guten Schneider an; aber schließlich wäre auch an ihr etwas auszusetzen gewesen: es war alles zu sehr nach der Mode gefertigt, wie es eben alle guten Schneider machen, und das paßte nicht zu einem Menschen, der sich dafür nicht im geringsten interessierte, so daß Lachlustige bei näherem Betrachten des Fürsten vielleicht Grund zu einem Lächeln gefunden hätten... Doch worüber lächeln diese Leute schließlich nicht?

Der Fürst nahm wieder eine Droschke und fuhr nach Peski. In der Roshdestwenskijstraße fand er alsbald ohne Mühe die Hausnummer, die er suchte. Zu seiner Verwunderung war es ein sehr hübsches, wenn auch nicht großes hölzernes Häuschen, das offenbar sauber und in guter Ordnung gehalten wurde, und an der Straße davor lag sogar ein kleines Gärtchen, in dem Sonnenblumen blühten. Die Fenster zur Straße waren geöffnet, und man hörte eine laute Stimme fast schreiend reden, und zwar redete sie so ununterbrochen, daß man glauben konnte, es werde etwas laut vorgelesen oder eine Rede gehalten, die nur hin und wieder von schallendem Gelächter heller, jugendlicher Stimmen übertönt wurde. Der Fürst trat auf den Hof, stieg eine kleine Treppe zum Flur hinauf und fragte nach Herrn Lebedeff.

„Da ist er ja, hören Sie ihn denn nicht!“ sagte die Küchenmagd, die mit aufgekrempelten Ärmeln erschienen war, um ihm die Tür zu öffnen – und ärgerlich wies sie mit dem Finger auf die Zimmertür.

Dem Fürsten blieb nichts anderes übrig, als durch die bezeichnete Tür einzutreten. Das Besuchszimmer Lebedeffs war sehr sauber und sogar mit einer gewissen Prätention auf Komfort eingerichtet, d. h. in dem nicht hell-, aber auch nicht gerade dunkelblau tapezierten Zimmer befanden sich ein Sofa, ein runder Tisch, eine Stutzuhr unter einer Glasglocke, zwischen den Fenstern ein Stehspiegel, und an dem Ampelhaken in der Mitte der Decke hing an einer Bronzekette ein alter, kleiner Kronleuchter mit Glasprismen. Herr Lebedeff, der mit dem Rücken zur Tür stand, durch die der Fürst eingetreten war, befand sich wegen der Sommerhitze nur in Hemdsärmeln und Weste – der Rock war im Zimmer nicht zu sehen – und redete unter überzeugungsvollen Faustschlägen gegen die eigene Brust ohne Punkt und Komma in hinreißender Begeisterung. Seine Zuhörer waren: ein etwa fünfzehnjähriger Knabe mit einem lustigen und nicht dummen Gesicht und einem Buch in der Hand, ein zwanzigjähriges Mädchen in Trauerkleidern mit einem kleinen Kinde im Steckkissen auf den Armen, ein dreizehnjähriges Mädchen, gleichfalls in Trauer, das beim Lachen den Mund erschreckend weit aufriß, und ferner noch ein äußerst seltsamer Zuhörer, der sich auf dem Sofa ausgestreckt hatte, ein junger Mann von etwa zwanzig Jahren, mit einem recht hübschen Gesicht, mit dichtem, dunklem, ziemlich langem Haar, großen dunklen Augen und einem kleinen Ansatz zu jenem kurz geschnittenen Backenbart, der kaum bis zur halben Wange reichte, wie man ihn zu Anfang des Jahrhunderts trug. Allem Anscheine nach unterbrach dieser Zuhörer mitunter den unaufhaltsam redenden Lebedeff, und wahrscheinlich waren es seine Fragen, die das übrige Publikum zu schallendem Gelächter reizten.

„Lukjan Timofejewitsch, he, Lukjan Timofejewitsch! Ob der hört, wenn man ihn ruft! So seht doch her!...“

Und die Küchenmagd entfernte sich wütend, indem sie nur – zum Ausdruck, daß Reden doch vergeblich sei – mit der Hand abwinkte und vor Ärger ganz rot wurde.

Lebedeff sah sich aber doch um und – erstarrte. Der Anblick des Fürsten überraschte ihn wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Dann fuhr er sich an den Kopf und stürzte dem Fürsten entgegen, doch auf halbem Wege blieb er wie angewurzelt stehen, bis er sich so weit faßte, daß er mit untertänigem Lächeln stottern konnte:

„Du–Du–Du–Durchlauchtigster Fürst!“

Doch plötzlich, immer noch ohne Fassungskraft, besann er sich eines anderen, wandte sich zurück und stürzte sich auf das junge Mädchen in Trauer mit dem Säugling auf den Armen, so daß diese ob der Plötzlichkeit zurückschreckte. Aber Lebedeff ließ sie bereits im Stich und stürzte sich auf das dreizehnjährige Mädchen, das in der Tür zum nächsten Zimmer sich noch die Seiten von der Anstrengung der letzten Lachsalve hielt, und dessen Gesicht die Lachfalten noch nicht aufgegeben hatte. Sie zuckte erschrocken zusammen, als der Vater sie so anfuhr, und stürzte davon, in die Küche, während Lebedeff hinterdrein wie in Berserkerwut mit den Beinen trampelte und drohend die Faust hob. Doch da begegnete er zufällig dem Blick des Fürsten, der ihn ganz verlegen ansah, und er beeilte sich, seine Handlungsweise zu rechtfertigen:

„Um–um–um Ehrerbietung beizubringen, he–he–he...“

„Aber wozu...“ wollte der Fürst beginnen, doch schon unterbrach ihn Lebedeff.

„Sofort, sofort, sofort... wie ’n Wirbelwind bin ich wieder da!“

Und er verschwand im Handumdrehen aus dem Zimmer. Der Fürst blickte verwundert das junge Mädchen, den Knaben und den jungen Mann auf dem Sofa an: alle lachten. Da mußte auch der Fürst lächeln.

„Er will sich nur den Rock anziehen,“ sagte der Knabe.

„Wie fatal, daß er...“ sagte der Fürst, „ich wollte mich ihm... Sagen Sie, ist er...“

„Betrunken, meinen Sie?“ rief der junge Mann vom Sofa. „Keine Spur! Nur so seine drei, vier Gläschen wird er gekippt haben, nun, sagen wir fünf, höchstens, aber das ist doch nur der Disziplin halber, um in der Übung zu bleiben.“

Der Fürst wollte sich der Stimme auf dem Sofa zuwenden, doch da begann das junge Mädchen mit dem aufrichtigsten Ausdruck in ihrem lieblichen, sympathischen Gesicht zu sprechen.

„Morgens trinkt er niemals viel; wenn Sie mit ihm etwas Geschäftliches zu besprechen haben, so reden Sie nur; jetzt ist die beste Zeit dazu. Nur des Abends, wenn er nach Hause kommt, ist er etwas... aber dann weint er gewöhnlich und liest uns bis in die Nacht hinein aus der Bibel vor. Unsere Mutter ist vor fünf Wochen gestorben.“

„Hören Sie, er ist ja nur fortgelaufen, weil er noch nicht genau weiß, was er Ihnen antworten soll!“ lachte der junge Mann auf dem Sofa. „Ich könnte wetten, daß er Ihnen ein X für ein U vormachen will und sich gerade jetzt den Verfahrungsmodus überlegt.“

„Fünf Wochen! Vor genau fünf Wochen!“ griff Lebedeff, der schon wieder zurückkehrte, die letzten Worte seiner Tochter auf und blinzelte betrübt mit den Augen, während er aus der Rocktasche das Schnupftuch hervorzog, um seine Tränen abzuwischen. „Waisen sind wir! Ganz verwaist!“

„Aber, Papa, weshalb haben Sie denn diesen alten Rock angezogen? Der hat ja Löcher!“ sagte das junge Mädchen, „hier hinter der Tür hängt doch Ihr neuer Rock, haben Sie ihn denn nicht gesehen?“

„Schweig, Heuschrecke!“ schrie Lebedeff sie an. „Uh, du!“ und wieder stampfte er mit den Beinen.

Doch diesmal lachten alle schallend auf.

„Was erschrecken Sie mich, ich bin doch nicht Tanjä, daß ich fortlaufe! So können Sie noch Ljubotschka aufwecken und die kann noch Krämpfe bekommen... was schreien Sie denn!“

„Pst-pst-pst! Pfeffer auf deine Zunge!“ flüsterte Lebedeff ganz entsetzt, schlich auf den Fußspitzen zum jungen Mädchen, das das Kind hielt, und bekreuzte das kleine Ding mehrmals mit ängstlicher Miene. „Gott behüte uns davor! Gott behüte! Das ist ja doch mein eigener Säugling, müssen Sie wissen, meine Tochter Ljubow,“ wandte er sich an den Fürsten, „geboren in der gesetzmäßigsten Ehe von meiner jüngst verschiedenen Gattin Helena, die bei der Geburt das Leben ließ. Und diese Kiebitzin hier ist meine Tochter Wjera, in Trauer, wie Sie sehen... dieser aber, dieser dort, oh, dieser...“

„Na was, kommst mit Worten zu kurz?“ rief der junge Mann lachend dazwischen. „Fahr nur fort, genier’ dich nicht.“

„Euer Durchlaucht!“ rief Lebedeff plötzlich wie aus der Pistole geschossen aus und mit einer Stimme, die fast überklappte. „Haben Sie von der Ermordung der Familie Shemarin in den Zeitungen zu lesen geruht?“

„J...ja,“ sagte der Fürst etwas verwundert.

„Nun, dann sehen Sie hier: das ist der leibhaftige Mörder der Familie Shemarin, er selbst, er selbst!“

„Was! Was reden Sie!“ Der Fürst war ganz verdutzt.

„Das heißt, allegorisch gesprochen, ein zukünftiger zweiter Mörder einer zukünftigen zweiten Familie Shemarin, wenn sich eine solche nochmals irgendwo finden sollte. Dazu bereitet er sich vor...“

Alle lachten. Dem Fürsten kam es in den Sinn, daß Lebedeff vielleicht tatsächlich nur deshalb so viel sprach und schrie, weil er seine Fragen voraussah und nun Zeit gewinnen wollte, um sich seine Antworten zu überlegen.

„Er revoltiert! Ein Empörer! – ein Verschwörer ist er!“ schrie Lebedeff, als befände er sich in einer Wut, die jede Selbstbeherrschung ausschloß. „Nun, wie kann ich denn, nun, habe ich denn überhaupt das Recht, ein solches Lästermaul, einen solchen, man kann schon sagen – Wüstling und Auswurf des Menschengeschlechts, eine solche Kreatur als meinen leiblichen Neffen, als den einzigen Sohn meiner Schwester Anissja, der Seligen, anzuerkennen?“

„Na, weißt du, jetzt kannst aber auch aufhören, Alter! Werden Sie es glauben, Fürst, jetzt ist es ihm eingefallen, sich mit der Advokatur zu befassen: er spielt den Verteidiger vor Gericht, und so redet er auch zu Hause mit seinen Kindern nur noch im Deklamatorenstil. Vor fünf Tagen hat er vor dem Friedensrichter plädiert, und was glauben Sie wohl, wessen Verteidigung er übernommen hatte? Nicht die des alten Weibes, das ihn hier angefleht und das ein alter Wucherer kahl gestohlen hat – fünfhundert Rubel, ihr ganzes Vermögen, hat sich der Kerl eingesackt – o nein, sondern die des Wucherers, Saidler mit Namen, irgend so ein Judenvieh, weil der Kerl ihm fünfzig Rubel zu geben versprochen hat...“

„Fünfzig Rubel, wenn ich gewinne, und nur fünf, wenn ich verliere,“ erklärte Lebedeff plötzlich mit einer ganz anderen Stimme, als er bisher gesprochen, mit einer so zahmen, als hätte er nie geschrien.

„Na, natürlich ist er durchgefallen, es ist ja doch nicht mehr die gute alte Zeit, man hat sich nur krank gelacht über ihn. Aber er ist doch ungeheuer zufrieden mit sich selbst und seiner Leistung. ‚Bedenken Sie,‘ hat er gesagt, ‚bedenken Sie, meine hochverehrten Herren Richter, ohne Ansehen der Person, wollte sagen, ganz unparteiisch, daß dieser armselige Greis, dem die Füße schon den Dienst versagen, und der von ehrlicher Arbeit lebt, daß er somit sein letztes Stück Brot verlieren würde! Gedenket der weisen Worte des Gebers aller Gesetze: Es walte die Milde im Gericht!‘ – Und was glauben Sie, diese Rede hält er an jedem Morgen, den Gott werden läßt, vor der versammelten Familie, Wort für Wort, wie er sie dort gehalten hat. Heute war’s schon das fünftemal; kurz bevor Sie kamen, redete er wieder, dermaßen hat er sich in sie verliebt. Leckt sich die Lippen ab vor lauter Gefallen an sich selbst. Und nun bereitet er sich vor, wieder irgend jemand zu verteidigen... Sie sind, glaube ich, Fürst Myschkin? Koljä hat mir schon von Ihnen erzählt; einen klügeren Menschen als Sie habe er noch nie angetroffen, und es gäbe einen solchen auch wohl in der ganzen Welt nicht...“

„Stimmt! Stimmt! gibt ’s auch nicht!“ mußte Lebedeff sofort bestätigen...

„Na, was dieser sagt, das brauchen Sie nicht zu glauben, der lügt jedes Wort. Der eine liebt Sie und dieser will Ihnen bloß schmeicheln. Was nun mich betrifft, so habe ich durchaus nicht die Absicht, Ihnen Schmeicheleien zu sagen, das sei vorausgeschickt. Aber Sie sind doch immerhin ein vernünftig denkender Mensch, – seien Sie jetzt mal unser Richter und schlichten Sie unseren Streit. Na, du, willst du, der Fürst soll unser Richter sein?“ wandte er sich an den Onkel. „Ich bin sogar sehr froh darüber, daß Sie uns in den Weg gelaufen sind, Fürst.“

„Abgemacht! Ich will’s auch!“ rief Lebedeff entschlossen aus und sah sich unwillkürlich nach dem Publikum um, das wieder heranzurücken begann.

„Was haben Sie denn hier zu schlichten?“ fragte der Fürst stirnrunzelnd.

Sein Kopf tat ihm weh, und zudem fühlte er mit jedem Augenblick deutlicher, daß Lebedeff ihn betrog und sehr froh darüber war, daß er die Aussprache hinausschieben konnte.

„Also, die Sache verhält sich so: Ich bin sein Neffe, das hat er seltsamerweise nicht gelogen, wenn er auch sonst alles lügt. Ich bin Student, habe aber das Studium nicht beendet, doch will und werde ich es unfehlbar beenden, denn ich habe Charakter. Vorläufig aber nehme ich, um meine Existenz fortzusetzen, eine Anstellung an der Eisenbahn für fünfundzwanzig Rubel monatlich an. Ich gestehe freiwillig und gebe zu, daß er mir zwei-oder dreimal bereits geholfen hat. Nun besaß ich zwanzig Rubel und die habe ich jetzt verspielt. Werden Sie es glauben, Fürst, ich war tatsächlich so gemein, so unendlich dumm, daß ich sie verspielte?...“

„Und noch an einen Schurken, an einen Schurken, den er gar nicht hätte bezahlen dürfen!“ schrie Lebedeff.

„Ja, an einen Schurken, den man jedoch nichtsdestoweniger bezahlen muß,“ fuhr der junge Mann fort. „Daß er aber ein Schurke ist, kann auch ich bezeugen, und zwar nicht etwa deshalb, weil er dich mal gerupft hat. Das ist nämlich, müssen Sie wissen, ein heruntergekommener ehemaliger Offizier, ein verabschiedeter Unterleutnant aus Rogoshins Bande, der jetzt Unterricht im Faustkampf erteilt und sich einen meisterhaften Boxer nennt. Jetzt, nachdem Rogoshin die Kerle zum Deubel gejagt hat, treiben sie sich brotlos in der Stadt umher. Doch was das dümmste dabei ist: das ist, daß ich schon ohnehin wußte, wer er war, – nämlich ein Schurke und Spitzbube und Taschendieb – und mich dennoch hinsetzte und mit ihm zu spielen begann, und daß ich, als ich den letzten Rubel verspielte – wir spielten ein Hasardspiel – bei mir dachte: Verliere ich ihn, so gehe ich zu Onkel Lukjan, mache ihm meinen Bückling – er wird schon geben. Sehen Sie, das war eben die Gemeinheit, ja, das war wirklich eine Gemeinheit, das gebe ich zu. Das war schon ganz bewußte Niedertracht!“

„Jawohl, das war schon ganz bewußte Niedertracht!“ bestätigte Lebedeff.

„Na, triumphier’ nur nicht, wart’ noch ein bißchen damit!“ rief der Neffe gekränkt dem Onkel zu. „Er freut sich noch! Ich kam also zu ihm, Fürst, hierher in dieses Haus und gestand ihm alles: Sie sehen, ich handelte edel, denn ich habe mich selbst nicht geschont; ich beschimpfte mich vor ihm, wie ich nur konnte – hier sind die Zeugen. Um nun die Stelle bei der Eisenbahn antreten zu können, muß ich mich vorher doch einigermaßen equipieren, ich bin ja doch ganz zerlumpt. Da, sehen Sie nur die Stiebel! So kann ich mich doch nicht dort einfinden, das geht doch nicht – finde ich mich aber nicht ein, nun, so erhält die Stelle eben ein anderer, und ich sitze dann wieder auf dem Äquator und kann warten, bis ich eine neue Stelle finde. Jetzt bitte ich ihn im ganzen nur um fünfzehn Rubel und verspreche ihm hoch und heilig, daß ich fernerhin niemals mehr einen Pumpversuch bei ihm machen und zweitens innerhalb der drei ersten Monate ihm die ganze Schuld bezahlen werde –, ich aber pflege mein Wort zu halten! Was verlangt also der Mensch eigentlich? Ich kriege es schon fertig, ganze Monate nur von Brot und Kwaß zu leben, denn, wie gesagt, ich habe Charakter. Für drei Monate Dienst erhalte ich fünfundsiebzig Rubel. Mit dem Früheren zusammen schulde ich ihm summa summarum nur fünfunddreißig Rubel, folglich kann ich ihm die Schuld bezahlen, ich habe dann was, womit! Na, und wenn er Prozente haben will, so zahle ich sie ihm auch, hol’s der Deubel! Kennt er mich denn etwa noch nicht? Bin ich ihm denn ein Fremder? Fragen Sie ihn doch, Fürst, ob ich nicht alles ehrlich bezahlt habe, was er mir früher gepumpt hat? Weshalb will er mir denn jetzt nichts mehr pumpen? Es ärgert ihn, daß ich dem Leutnant die Spielschuld bezahlt habe, das ist der ganze Grund, einen anderen gibt es nicht! Sehen Sie, so ist dieser Mensch, – weder sich noch anderen!“

„Und er geht nicht fort!“ rief Lebedeff aus, klagend und empört zugleich. „Hat sich hier festgesetzt und geht nicht fort!“

„Ich habe dir doch gleich gesagt: ich gehe nicht eher fort, als bis du gibst. Sie scheinen zu lächeln, Fürst? Sie finden wohl, daß ich im Unrecht bin?“

„Ich lächle nicht, doch meiner Meinung nach sind Sie allerdings ein wenig im Unrecht,“ sagte der Fürst zögernd. Dieses ganze Gespräch behagte ihm sehr wenig.

„Na, sprechen Sie es doch ruhig aus, daß ich ganz und gar im Unrecht bin, Winkelzüge sind hier nicht angebracht: was heißt das – ‚ein wenig‘!“

„Nun, ja, wenn Sie wollen: Sie sind ganz und gar im Unrecht.“

„Wenn ich will! Das ist mal nett! Aber glauben Sie denn wirklich, ich wüßte nicht, daß es kitzlig ist, so vorzugehen, das Geld gehört doch ihm, sein freier Wille gleichfalls; meinerseits aber läuft es schließlich auf einen Vergewaltigungsversuch hinaus. Aber Sie, Fürst... kennen Sie das Leben nicht! Wenn man diese Leute nicht belehrt, kommt nichts Gescheites aus ihnen heraus. Man muß sie belehren, sie zwingen. Mein Gewissen ist doch rein; nach meinem Gewissen bringe ich ihm keinen Schaden, sondern gebe ihm noch die Prozente zu verdienen. Eine moralische Genugtuung hat er gleichfalls durch mich gehabt: er hat meine Erniedrigung gesehen. Was verlangt er also noch? Wozu wird er denn überhaupt taugen, wenn er nicht wenigstens in dieser Weise der Menschheit Nutzen bringt? Und erlauben Sie mal, wie treibt er’s denn selbst? Fragen Sie mal, was er mit anderen Leuten tut, wie er denen das Fell über die Ohren zieht! Wie ist er denn zu diesem Hause hier gekommen? Und ich gebe meinen Kopf darauf, daß er auch Sie bereits betrogen und sich auch schon überlegt hat, wie er Sie noch mehr betrügen kann! Sie lächeln – Sie glauben mir nicht?“

„Ich glaube, daß das nicht ganz zur Sache gehört,“ bemerkte der Fürst.

„Ich liege hier schon den dritten Tag, und was habe ich hier nicht schon alles gesehen!“ rief der junge Mann lachend aus, ohne die Bemerkung des Fürsten weiter zu beachten. „Denken Sie sich nur, Fürst, er verdächtigt diesen Engel, dieses reizende junge Mädchen dort, meine leibliche Kusine und seine leibliche Tochter – unerlaubter Beziehungen und vermutet in jeder Nacht liebe Freunde in ihrem Zimmer! Überall schnüffelt er nach Liebhabern herum, selbst hierher zu mir schleicht er sich des Nachts und sucht sogar unter dem Sofa nach einem Eindringling. Er ist verrückt geworden, vor lauter Mißtrauen, in jeder Ecke glaubt er Diebe zu sehen. In der Nacht springt er alle fünf Minuten aus dem Bett, um bald die Fenster, bald die Türen zu untersuchen, ob auch alles hübsch fest ist, sogar in den Ofen steckt er den Kopf hinein, und das wiederholt sich ungefähr siebenmal in einer Nacht. Vor Gericht verteidigt er Spitzbuben, um dann in der Nacht den Himmel um Hilfe vor ihnen anzuflehen; dann kniet er hier in diesem Zimmer nieder, schlägt mit der Stirn auf den Fußboden und betet und bittet. Herr des Himmels, wenn Sie wüßten, für wen alles er hier betet! Natürlich unter der Einwirkung des Alkohols. Sogar für die Seele der Gräfin Dubarry! – ich hab’s mit meinen eigenen Ohren gehört, glauben Sie mir! Koljä hat es gleichfalls gehört. Er ist ja doch total übergeschnappt, glauben Sie mir!“

„Sehen Sie, hören Sie, wie er mich verleumdet, Fürst!“ schrie Lebedeff, ganz rot im Gesicht und entschieden aus der Fassung gebracht. „Ob er aber auch das erzählt, wie ich Trunkenbold und Herumtreiber, ich Räuber und Missetäter dieses Lästermaul als Säugling in Windeln gewickelt, in der kleinen Kinderwanne gebadet, wie ich bei meiner verwitweten Schwester Anissja, die ebenso arm war wie ich, ganze Nächte aufgesessen habe, ohne auch nur ein Auge zuzudrücken, wie ich sie beide gepflegt habe – denn beide waren sie krank –, wie ich beim Hausknecht Holz gestohlen, wie ich ihm Wiegenlieder gesungen und zu seiner Erheiterung mit den Fingern geschnippt habe, alles mit leerem Magen – ob er das wohl auch erzählt? Da habe ich jetzt den Dank dafür, daß ich seine Amme gewesen bin, da sitzt jetzt das Produkt und lacht mich alten Mann noch aus! Was kümmert’s dich, wenn ich wirklich einmal für die Gräfin Dubarry ein Kreuz schlage? Ich werde Ihnen sagen, Fürst, vor vier Tagen las ich zum erstenmal die Biographie der Dubarry im Lexikon. Weißt du auch überhaupt, wer sie war, diese Dubarry? Sprich, weißt du’s oder weißt du’s nicht?“

„Na, du hältst dich wohl für den einzigen, der’s weiß?“ brummte der junge Mann spöttisch und unwillig.

„Das war eine solche Gräfin, daß sie, als sie erst aus dem Straßenschmutz heraus war, an Stelle einer Königin regierte, und die eine große Kaiserin in einem eigenhändigen Schreiben mit ‚ma cousine19‘ anredete. Jawohl, ja! Und der Kardinal, der päpstliche Nuntius erbot sich beim lever-du-roi20 (weißt du auch, was das ist ‚lever-du-roi‘?) die seidenen Strümpfchen über ihre bloßen Füßchen zu ziehen, eigenhändig, er, der päpstliche Nuntius und Kardinal – so ein großes Tier! – und er rechnete sich das noch zur Ehre an! Wußtest du das? Ich sehe es ja schon an deinem Gesicht, daß du davon keinen Schimmer hattest! Nun, und wie ist sie gestorben? Antworte, wenn du’s weißt!“

„Ach, hör’ auf!“

„Gestorben aber ist sie so, daß sie, diese Herrscherin, nach aller Macht und allem Glanz und allen Ehren, daß sie, die schließlich doch nichts verbrochen hatte, zur Freude der Pariser Marktweiber von dem Henker auf die Guillotine geschleppt wurde und selbst vor Angst überhaupt nicht begriff, was mit ihr geschah. Sie sieht nur, daß er ihren Kopf unter das Messer drückt und ihr noch Püffe und Stöße versetzt, jene aber lachen. Und da schreit sie in ihrer Todesangst: ‚Encore un moment, monsieur le bourreau, encore un moment!‘ das heißt soviel, wenn du’s wissen willst, wie: ‚Noch einen Augenblick, Herr Henker, noch einen Augenblick!‘ Und für diesen einen Augenblick wird ihr Gott der Herr vielleicht auch noch alles vergeben, denn eine größere misère21 der Menschenseele kann man sich kaum vorstellen. Weißt du überhaupt, was dieses Wort ‚misère‘ bedeutet? Nun sieh, jetzt habe ich dir erläutert, was es bedeutet? Ich sage dir, als ich von diesem einen moment22 las, war mir’s, als hätte man mir das Herz mit einer Kneifzange festgeklemmt. Und was kümmert das dich, du Wurm, daß ich auch sie, die große Sünderin, in mein Gebet eingeschlossen habe? Vielleicht habe ich es nur deshalb getan, weil seit ihrem Hinscheiden noch niemand auf dem ganzen Erdenrund für sie gebetet hat oder auch nur daran gedacht hat, für sie zu beten. Wird es ihr doch in jener Welt sicher angenehm sein, zu hören, daß sich ein ebenso großer Sünder wie sie gefunden, der wenigstens einmal auf Erden für sie betet. Was lachst du? Du glaubst mir nicht, Atheist! Was kannst du wissen? Und dabei hast du mich noch falsch verstanden, obschon du gewissenlos genug gewesen bist, mich zu belauschen: ich habe nicht nur für die Gräfin Dubarry gebetet, sondern wortwörtlich so, wie folgt: ‚Erbarme dich, Vater, der Seele der Gräfin Dubarry, der großen Sünderin, wie der Seelen aller ihresgleichen!‘ – das aber ist etwas ganz anderes! Denn solcher Sünderinnen und Beispiele der Veränderungssucht Fortunas, solcher Menschen, die viel gelitten haben, hat es in der Welt allerorten unzählige gegeben, und sie alle winden sich jetzt in der Höllenpein und stöhnen und warten! Aber damit habe ich ja doch auch für dich und deinesgleichen Gott den Herrn um Gnade angefleht, für ganz genau solche unverschämte Lästermäuler und unverfrorene Frechlinge, wie du einer bist, das schreib dir hinter die Ohren, wenn du dich schon mal so weit verirrt hast, daß du mich belauschen willst, wenn ich bete...“

„Na, aber jetzt hör’ auf, Schluß! Bet’ für wen du willst, hol’ dich der Deubel!“ unterbrach ihn der Neffe ärgerlich. „Er ist ja doch ein belesener Mann, wußten Sie das schon, Fürst?“ sagte er dann plötzlich mit einem gewissermaßen betretenen Lächeln. „Er ist ja jetzt ohne irgend so ein Memoirenbüchelchen gar nicht mehr denkbar.“

„Ihr Onkel ist jedenfalls... kein herzloser Mensch,“ bemerkte halb wider Willen der Fürst, dem der junge Mann auf dem Sofa durchaus nicht gefiel.

„Oh, ihn zu loben ist gefährlich! Mit solchen Bemerkungen können Sie ihn ja noch ganz verrückt machen! Sehen Sie, da hat er schon wieder die Hand aufs Herz gepreßt und den Mund zum ‚O‘ geformt. Ist in Geschmack gekommen. Herzlos ist er gerade nicht, dafür aber gerieben, das ist der Jammer. Zudem ist er jetzt noch dem Alkohol ergeben, da hat er denn so ein paar Schrauben verloren, wie es schließlich jedem passiert, der jahrelang keinen nüchternen Tag sieht. Seine Kinder liebt er, das muß man ihm lassen, seine Frau hat er sehr geachtet... Sogar mich hat er gern, und was glauben Sie, er hat mich sogar im Testament bedacht, bei Gott, er will auch mir etwas hinterlassen!“

„N–nichts hinterlasse ich dir!“ schrie Lebedeff in ingrimmiger Erbitterung.

„Hören Sie, Lebedeff,“ wandte sich der Fürst fest und entschlossen an ihn, indem er dem jungen Mann den Rücken zukehrte, „ich weiß aus eigener Erfahrung, daß Sie ein guter Geschäftsmann sind, wenn Sie es sein wollen... Ich habe sehr wenig Zeit, und wenn Sie jetzt... Verzeihung, wie ist Ihr Vorname und Ihr Vatername? Ich habe es im Augenblick...“

„Ti–ti–Timofej.“

„Und?“

„Lukjanowitsch.“

Alle Anwesenden brachen in schallendes Gelächter aus.

„Er lügt ja!“ schrie der Neffe. „Auch das muß er lügen! Er heißt ja gar nicht Timofej Lukjanowitsch, Fürst, sondern Lukjan Timofejewitsch! Na, sag’ doch, weshalb hast du denn wieder gelogen? Kann es dir denn nicht ganz egal sein, ob du Lukjan oder ob du Timofej heißt, und was macht sich schließlich der Fürst daraus? Glauben Sie mir, Fürst, ihm ist das Lügen so zur Gewohnheit geworden, daß er überhaupt kein wahres Wort mehr reden kann, ich versichere Sie!“

„Ist es wahr?“ fragte der Fürst ungeduldig.

„Lukjan Timofejewitsch, allerdings,“ bestätigte der verlegen gewordene Lebedeff, indem er schuldbewußt die Augen niederschlug und die Hand auf das Herz preßte.

„Ja, warum tun Sie denn das, ach Gott!“

„Aus... zur Selbsterniedrigung,“ flüsterte Lebedeff, der immer schuldbewußter den Kopf hängen ließ.

„Wo ist denn hier Selbsterniedrigung! Wenn ich nur wüßte, wo ich jetzt Koljä finden könnte!“ sagte der Fürst stirnrunzelnd und wandte sich zur Tür, um fortzugehen.

„Ich werde es Ihnen sagen, wo Koljä ist,“ rief der junge Mann.

„Ni–ni–nicht doch!“ fuhr Lebedeff entsetzt dazwischen.

„Koljä hat hier übernachtet, und am Morgen begab er sich auf die Suche nach seinem General, den Sie, Fürst, aus dem Schuldgefängnis ausgekauft haben, wozu und weshalb, mag Gott wissen. Der General aber versprach gestern noch, zur Nacht herzukommen, ist aber bis jetzt noch nicht erschienen. Es ist anzunehmen, daß er im Gasthaus ‚Zur Wage‘ die Nacht verbracht hat. Koljä wird also entweder dort sein – das ist hier in nächster Nähe – oder in Pawlowsk bei Jepantschins. Geld hatte er und hinfahren wollte er schon gestern. Also entweder in der ‚Wage‘ oder in Pawlowsk.“

„In Pawlowsk, in Pawlowsk, versteht sich!... Wir aber, wir aber wollen ins Gärtchen gehen, hier, hier, wenn ich bitten darf, und... ein Täßchen Kaffee zu uns nehmen...“

Lebedeff hatte den Fürsten schon am Ärmel gefaßt und zog ihn fort. Sie traten aus dem Hause, gingen über den kleinen Hof und gelangten zu einem Gartenpförtchen, das Lebedeff aufschloß. Vor ihnen lag ein sehr netter, wenn auch nur sehr kleiner Garten, dessen Bäume dank dem warmen Wetter schon hellgrüne Blätter hatten. Lebedeff führte den Fürsten zu einer grünen Bank, vor der auf einem eingerammten Pfosten ein gleichfalls grün angestrichener Tisch stand. Er bat den Fürsten, Platz zu nehmen, und setzte sich selbst ihm gegenüber. Eine Minute später wurde auch schon der Kaffee gebracht. Der Fürst lehnte nicht ab. Lebedeff fuhr fort, ihn mit ergebenen, doch gierig-neugierigen Blicken zu betrachten.

„Ich wußte es gar nicht, daß Sie ein hübsches Grundstück besitzen,“ sagte der Fürst in dem Tone eines Menschen, der an etwas ganz anderes denkt, nicht aber an das, was er spricht.

„W–waisen...“ stotterte Lebedeff erschrocken, brachte aber nichts mehr hervor, als das eine Wort, da ihm Schweigen ratsamer erschien.

Der Fürst blickte zerstreut vor sich hin und hatte seine Frage natürlich schon längst vergessen. Das Schweigen dauerte eine ganze Weile. Lebedeff beobachtete ihn und wartete.

„Nun, was?“ sagte der Fürst, gleichsam erwachend. „Ach so! Ja, Sie wissen es doch selbst, Lebedeff, um was es sich handelt. Ich bin auf Ihren Brief hin gekommen. Also reden Sie.“

Lebedeff senkte ganz verwirrt den Blick, wollte etwas sagen, schloß aber wieder den Mund, ohne eine Silbe hervorgebracht zu haben. Der Fürst wartete und ein trauriges Lächeln glitt über sein Gesicht.

„Ich glaube Sie sehr gut zu verstehen, Lukjan Timofejewitsch: Sie haben mich ganz einfach nicht erwartet. Sie dachten wohl nicht, daß ich mich auf Ihre erste Benachrichtigung hin aufmachen und meine Einöde verlassen würde, und so schrieben Sie nur zur Beruhigung Ihres Gewissens. Und da bin ich nun plötzlich hier eingetroffen. Doch nun genug, hören Sie jetzt auf mit dem Betrügen. Zweien Herren kann man nicht zu gleicher Zeit dienen. Rogoshin ist schon seit drei Wochen hier, ich weiß alles. Haben Sie inzwischen Zeit gehabt, sie ihm wieder zu verkaufen, wie damals? Sagen Sie die Wahrheit.“

„Das Ungeheuer hat ja doch von selbst alles erfahren, ganz von selbst!“

„Schelten Sie ihn nicht. Er hat Sie freilich nicht gut behandelt...“

„Verprügelt hat er mich, verprügelt hat er mich!“ fiel Lebedeff aufgeregt dazwischen. „Und in Moskau hat er mir noch einen Hund auf den Hals gehetzt, mitten auf der Straße, einen tollen Hund, eine wütende Bestie!“

„Sie scheinen mich für ein kleines Kind zu halten, Lebedeff. Sagen Sie im Ernst: Hat sie ihn wirklich verlassen, jetzt, in Moskau?“

„Im Ernst, im Ernst, und wieder fast vom Altar fort. Jener zählte schon die Minuten, sie aber entfloh hierher, direkt zu mir. ‚Rette mich, beschütze mich, Lukjan, und auch dem Fürsten sag’ kein Wort‘... Sie fürchtet Sie jetzt noch mehr als ihn, Fürst, und darin liegt – hohe Weisheit!“

Und Lebedeff tippte sich bedeutsam mit dem Finger vor die Stirn.

„Und jetzt haben Sie sie wieder zusammengeführt?“

„Durchlauchtigster Fürst, wie hätte ich... wie hätte ich das nicht zulassen können!“

„Nun, genug, ich werde schon selbst alles erfahren. Sagen Sie nur – wo ist sie jetzt? Bei ihm?“

„O nein! Denkt nicht dran! Gehört sich noch ganz allein, sich selbst! ‚Ich bin vollkommen frei‘, sagt sie, und wissen Sie, Fürst, darauf besteht sie! ‚Ich bin‘, sagt sie, ‚noch vollkommen frei!‘ Sie wohnt jetzt immer noch auf der Petersburger Seite im Hause meiner Schwägerin, wie ich Ihnen schrieb.“

„Und ist sie auch jetzt dort?“

„Auch jetzt, wenn sie bei dem schönen Wetter nicht nach Pawlowsk gefahren ist, zu Darja Alexejewna, die dort eine Villa besitzt! ‚Ich bin noch vollkommen frei, noch vollkommen frei‘, sagt sie. Noch gestern hat sie Nikolai Ardalionytsch, dem Koljä, viel von ihrer Freiheit erzählt. Brüstet sich sogar. ’n schlechtes Zeichen!“

Und Lebedeff lächelte.

„Ist Koljä oft bei ihr?“

„Oh, der ist leichtsinnig und unvernünftig und obendrein noch nicht einmal verschwiegen!“ lenkte Lebedeff ab.

„Sind Sie oft bei ihr gewesen?“

„Jeden Tag, jeden Tag.“

„Also auch gestern.“

„N–nein, vor vier Tagen zum letztenmal.“

„Wie schade, daß Sie heute etwas zuviel getrunken haben, Lebedeff! Ich hätte Sie sonst etwas gefragt...“

„Ni–ni–nicht die Spur, nicht die Spur!“

Lebedeff war ganz Ohr.

„Sagen Sie, wie haben Sie sie verlassen?“

„S–su–suchend...“

„Suchend?“

„Ja, so als würde sie immer etwas suchen, als hätte sie etwas verloren. Von der Heirat darf man überhaupt nicht reden, sie faßt es als Beleidigung auf. Selbst der Gedanke daran ist ihr ekelhaft geworden. An ihn denkt sie nicht mehr – und nicht mehr jedenfalls als etwa an ein Apfelsinenschalenstückchen, das heißt selbstverständlich – bedeutend mehr, sogar mit Furcht und Entsetzen, verbietet strengstens, von ihm auch nur zu sprechen, und sie sehen sich auch nur dann, wenn es durchaus nötig ist... und er empfindet das sogar sehr! Doch was! – was geschehen soll, wird geschehen!... Unruhig ist sie, spöttisch, doppelzüngig, zänkisch...“

„Doppelzüngig, zänkisch??“

„Jawohl. Viel fehlte nicht, und sie wäre mir das letztemal, als ich dort war, in die Haare gefahren, wegen eines Gespräches. Das zog ich mir durch die Apokalypse zu.“

„Was? Wie?“ fragte der Fürst, der sich verhört zu haben glaubte.

„Sie ist nun einmal eine Dame mit unruhigem Geist. Jawohl, ja! Und wie ich beobachtet habe, gar zu geneigt zu ernsten, wenn auch nebensächlichen Gesprächen. Ja, das hat sie gern, nein wirklich! Ohne Spaß. Ich aber bin nun in der Auslegung der Apokalypse eine Kompetenz und befasse mich damit schon seit fünfzehn Jahren. Sie war sogar ganz meiner Meinung, daß wir jetzt beim dritten Rosse stehen, bei dem braunen, und bei dem Reiter mit dem Maß in der Hand, da doch heutzutage alles nach Maß und Vertrag geht und jeder Mensch nur sein eigenes Recht sucht: ‚ein Maß Weizen für einen Denar und drei Maß Gerste für einen Denar‘, wie es in der Heiligen Schrift geschrieben steht... und dabei wollen sie noch freien Geist und reines Herz und gesunden Körper und alle guten Gaben Gottes behalten und bewahren. Das aber können und werden sie nicht, wenn sie das Recht so auffassen, und hierauf folgt das ‚bleiche Roß‘ und der, dessen Name ist Tod, und dann folgt schon die Hölle... Darüber disputieren wir nun, wenn wir zusammenkommen und – es hat stark gewirkt.“

„Ist das Ihr eigener Glaube?“ fragte der Fürst und betrachtete Lebedeff mit seltsamem Blick.

„Jawohl. Also glaube ich und also lege ich es aus; denn ich bin arm und nackend und nur ein Atom im Kreislauf der Menschen. Wer wird einen Lebedeff achten? Ein jeder hat ihm etwas am Zeuge zu flicken und versetzt ihm wenn nichts anderes, dann wenigstens einen Rippenstoß. Hier aber, in der Auslegung der Apokalypse, bin ich jedem Würdenträger ebenbürtig. Das macht der Verstand! Und hat doch schon einmal ein Würdenträger vor mir gezittert... auf seinem Fauteuil, als ihm das Licht aufging. Seine erhabene Exzellenz Nil Alexejewitsch ließen mich vor drei Jahren – es war kurz vor dem Osterfest und ich hatte damals noch in ihrem Departement eine Anstellung – durch Pjotr Sacharytsch in ihr Kabinett rufen und fragten mich also unter vier Augen: ‚Ist es wahr, daß du ein Professor des Antichrist bist?‘ Und ich verschwieg’s auch nicht: ‚Ich bin’s‘, sprach ich, und ich begann meine Auslegung und stellte es dar und verminderte auch den Schrecken nicht im geringsten, sondern vergrößerte ihn noch, indem ich die ganze Allegorie aufrollte und mathematische Zahlen anführte. Anfangs hatten sie noch gelächelt, bei den Zahlen aber und den Gleichnissen begannen sie zu zittern und baten, das Buch zu schließen und fortzugehen, und zu Ostern versprachen sie mir noch eine Gratifikation, doch zu St. Thomas gaben Seine Exzellenz bereits den Geist auf.“

„Was reden Sie, was ist in Sie gefahren, Lebedeff?“

„Tatsache! Nach dem Mittagessen geruhten Seine Exzellenz aus dem Wagen zu fallen... an einer Straßenecke mit dem Oberschädel senkrecht auf einen Prellstein, und wie ein Kindchen, wie ein kleines Kindchen geruhten sie sogleich die Seele auszuhauchen. Dreiundsiebzig Jahre alt, nach dem Taufschein gerechnet. Ein rosa-graues Herrchen in einer Wolke von Parfüm und ewig mit einem Lächeln im Gesicht, ewig lächelnd, auf ein Haar wie ein kleines Kindlein. Da sagte noch Pjotr Sacharytsch zu mir: ‚Das hast du ihm vorausgesagt!‘ sagte er.“

Der Fürst erhob sich. Lebedeff wunderte sich darüber und sah ihn ganz verblüfft an.

„Sie sind mir aber doch mal etwas zu gleichmütig geworden, he–he...“ wagte er mit unterwürfigem Blick zu bemerken.

„Ich... ich fühle mich nicht ganz wohl, der Kopf ist mir schwer, von der Reise natürlich,“ antwortete der Fürst stirnrunzelnd.

„Sie müßten aufs Land, müßten sich eine Datsche mieten,“ bemerkte Lebedeff vorsichtig.

Der Fürst stand in Gedanken versunken vor ihm.

„Auch ich werde so in drei Tagen mit Kind und Kegel auf die Datsche ziehen, um das neugeborene Würmchen zu erhalten und inzwischen hier das Haus renovieren zu lassen. Ich gehe gleichfalls nach Pawlowsk.“

„Und auch Sie gehen nach Pawlowsk?“ fragte der Fürst überrascht. „Was ist denn das, hier zieht ja wirklich alle Welt nach Pawlowsk? Und Sie haben, sagen Sie, eine eigene Datsche?“

„Oh, nach Pawlowsk zieht durchaus nicht alle Welt. Mir aber hat Iwan Petrowitsch Ptizyn eine der Datschen, die ihm sehr billig zugefallen sind, ebenso billig abgetreten. Es ist dort sehr schön und vornehm und grün und billig und musikalisch, und deshalb zieht auch alle Welt für den Sommer nach Pawlowsk. Ich, das heißt, ich wohne selbst nur im Nebengebäude, die eigentliche Villa aber...“

„Haben Sie vermietet?“

„N–n–nein. N–n–noch nicht ganz.“

„Überlassen Sie sie mir, ich will sie mieten!“ schlug der Fürst plötzlich vor.

Lebedeff schien nur darauf gewartet zu haben. Erst vor einem Augenblick war der Gedanke in ihm aufgetaucht, und sofort übersah er die ganze „neue Wendung der Dinge“, die ihm sehr fruchtbar erschien. Zwar hatte sich ein Villenmieter bereits bei ihm gemeldet, der, wie Lebedeff wußte, die Villa bestimmt nehmen würde; doch da jener beim Fortgehen sich mit „Vielleicht“ und „Wahrscheinlich“ verabschiedet hatte, so fühlte sich Lebedeff nicht gebunden. Auf den Vorschlag des Fürsten ging er dagegen mit Begeisterung ein, so daß er selbst auf die Frage nach dem Preise nur mit der Hand abwinkte.

„Nun, gleichviel, Sie sollen das Ihrige nicht verlieren,“ sagte der Fürst.

Sie gingen bereits zum Pförtchen.

„Ich würde Ihnen... ich würde Ihnen... wenn Sie nur wollten, könnte ich Ihnen etwas Hochinteressantes mitteilen, sehr geehrter Fürst, könnte Ihnen etwas mitteilen, das sich gleichfalls darauf bezieht,“ flüsterte Lebedeff, der vor Freude fast zappelnd neben dem Fürsten einherlief.

Der Fürst blieb stehen und sah ihn fragend an.

„Darja Alexejewna hat in Pawlowsk gleichfalls ein Datschchen.“

„Nun, und?“

„Und die gewisse Dame ist mit ihr befreundet und beabsichtigt allem Anschein nach, sie oft in Pawlowsk zu besuchen. Und – zu einem gewissen Zweck!“

„Und?“

„Und Aglaja Iwanowna...“

„Ach, genug, hören Sie auf, Lebedeff!“ unterbrach ihn der Fürst mit einem unangenehmen Gefühl, ganz als sei eine wunde Stelle in seinem Innern berührt worden. „Alles das... ist doch nicht so. Sagen Sie mir lieber, wann Sie übersiedeln, mir wäre es – je früher – desto angenehmer; denn ich bin in einem Hotel abgestiegen, das...“

Sie traten durch das Pförtchen und gingen über den Hof zur Straße.

„Aber da ist es doch das beste,“ fiel Lebedeff ein, „Sie ziehen sogleich zu mir herüber und leben so lange hier, bis wir dann übermorgen alle zusammen nach Pawlowsk auswandern!“

„Ich werde sehen,“ sagte der Fürst nachdenklich und trat aus dem Hof auf die Straße.

Lebedeff sah ihm verwundert nach. Ihn machte diese plötzliche Zerstreutheit des Fürsten stutzig: beim Fortgehen hatte er nicht einmal Adieu gesagt, nicht einmal mit dem Kopf genickt, das aber schien ihm mit der ihm bekannten Höflichkeit und Korrektheit des Fürsten ganz unvereinbar.

III

Es war bereits zwölf Uhr. Der Fürst wußte, daß er bei Jepantschins in ihrer Stadtwohnung jetzt nur den General antreffen würde, und vielleicht nicht einmal diesen. Außerdem stand zu befürchten, daß der General ihn sogleich nach Pawlowsk würde mitnehmen wollen, er aber wollte vorher noch unbedingt einen bestimmten Menschen aufsuchen. Und so entschloß er sich, selbst auf die Gefahr hin, den General nicht mehr anzutreffen und die Fahrt nach Pawlowsk auf den nächsten Tag hinausschieben zu müssen, zuerst jenes Haus aufzusuchen, zu dem es ihn geradezu gewaltsam hinzog.

Dieser Besuch hatte indessen etwas Gewagtes für ihn. Er wußte eigentlich noch nicht, ob er gehen oder nicht gehen sollte. Die Adresse kannte er nicht genau; er wußte nur, daß das Haus in der Gorochowaja, nicht weit von der Ssadowaja lag, und so ging er in dieser Richtung weiter, während er sich innerlich beruhigte, daß er ja bis dahin noch Zeit genug haben würde, sich endgültig zu entscheiden.

Als er an die Kreuzung der beiden Straßen kam, wunderte er sich selbst über seine ungewöhnliche Aufregung: er hatte nicht gedacht, daß sein Herz so heftig schlagen würde. Ein Haus in der Gorochowaja zog, wahrscheinlich durch seine besondere Bauart, schon von weitem die Aufmerksamkeit des Fürsten auf sich, und er sagte sich: ‚Bestimmt ist es dieses Haus!‘ Mit fast schmerzhafter Neugier näherte er sich ihm, um sich zu überzeugen, ob seine Ahnung ihn nicht betrog; er fühlte, daß es ihm aus irgendeinem Grunde ganz besonders unangenehm sein würde, wenn er es erraten hätte. Es war ein großes, düsteres Haus von drei Stockwerken, ohne jeden architektonischen Schmuck, von dunkler, schmutziggrüner Farbe. Einige, übrigens nur sehr wenige Häuser dieser Art, die aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts stammen, haben sich noch hier und da unverändert erhalten, selbst hier in diesen Straßen Petersburgs, wo sich sonst doch alles so schnell verändert. Sie sind sehr dauerhaft gebaut, mit dicken Mauern und verhältnismäßig nur wenigen Fenstern, die in der unteren Etage bisweilen noch mit einem starken Eisengitter versehen sind. Im Erdgeschoß befindet sich gewöhnlich eine Wechselbank, und der Besitzer, ein Sektierer (in der Regel ist es einer von der Skopzensekte), hat seine Wohnung in einem der oberen Stockwerke. Von außen wie von innen scheinen diese Häuser in gewisser Weise ungastlich zu sein, dunkel und ernst, alles scheint sich gleichsam zurückziehen und verbergen zu wollen, hinter allem scheint ein Geheimnis zu stecken, weshalb das aber so scheint, nur aus der Physiognomie des Hauses heraus so scheint – das wäre schwer zu erklären. Die architektonischen Linien und Umrisse haben natürlich ihr eigenes Geheimnis. In solchen Häusern leben, wie gesagt, fast ausschließlich Kaufleute. Als der Fürst an den Eingang des Hauses kam, blickte er auf das Schild über der großen Tür und las: „Haus des erblichen Ehrenbürgers Rogoshin.“

Der Fürst hatte sich entschlossen. Er öffnete die Glastür, die geräuschvoll hinter ihm zuschlug, als er eingetreten war und auf der steinernen Treppe zum zweiten Stockwerk emporzusteigen begann. Das ganze Treppenhaus war dunkel, massiv aus Stein gebaut, ohne jeden Schmuck, und die Wände waren dunkelrot angestrichen. Er wußte, daß Parfen Rogoshin mit seiner Mutter und seinem Bruder Ssemjon das ganze zweite Stockwerk dieses düsteren Hauses bewohnte. Der Bediente, der dem Fürsten öffnete, führte ihn sogleich, ohne ihn vorher anzumelden, durch mehrere große und kleine Räume: zuerst gingen sie durch einen großen Saal, dessen Wände nach altem Stil marmorartig bemalt waren, mit kostbarem Eichenparkett und den schweren geradlinigen Möbeln aus den zwanziger Jahren; dann folgten kleinere Räume, einzelne fast wie Käfige so klein, doch der Diener führte ihn immer noch weiter, im Zickzack bald nach rechts, bald nach links; zu manchen Zimmern stiegen sie zwei oder drei Stufen hinauf, um dann bald wieder ebensoviel Stufen hinabzusteigen, bis der Bediente endlich vor einer Tür stehen blieb und anklopfte.

Man hörte Schritte und die Tür wurde geöffnet – von Parfen Rogoshin. Als er den Fürsten erblickte, wich alles Blut aus seinem Gesicht, und er blieb wie zu Stein erstarrt stehen und sah ihn mit seinem unbeweglichen, fragend erschrockenen Blick an, während sein Mund plötzlich zuckte, als wolle er sich zu einem Lächeln verziehen, und dann lächelte er auch wirklich, wie in höchster Verwunderung. Es war, als hätte Rogoshin den Besuch des Fürsten für etwas ganz Unmögliches, für ein tatsächliches Wunder gehalten. Der Fürst hatte zwar etwas Derartiges erwartet, mußte sich nun aber doch selber darüber wundern.

„Parfen... vielleicht komme ich dir nicht gelegen – dann will ich dich nicht stören,“ sagte er schließlich verwirrt.

„Doch! Doch!“ besann sich plötzlich Rogoshin, „bitte, tritt nur ein!“

Sie standen beide auf du und du. In Moskau waren sie oft und stundenlang zusammen gewesen, und es hatte in ihrem Zusammensein Augenblicke gegeben, die sich leider zu tief ins Herz geprägt hatten, um jemals von ihnen vergessen werden zu können. Jetzt hatten sie sich seit mehr als drei Monaten nicht gesehen.

Rogoshin war immer noch bleich, und von Zeit zu Zeit lief es wie ein plötzliches, kaum merkliches Zucken über sein Gesicht. Er hatte den Fürsten wohl aufgefordert, näher zu treten, doch seine ungewöhnliche Erregung und Verwirrung waren noch nicht vergangen. Während er den Fürsten zu einem der großen Lehnstühle am Tisch führte, blickte sich jener wie zufällig nach ihm um und blieb regungslos unter dem seltsamen Eindruck seines unbestimmbaren, schweren Blickes stehen. Es war dem Fürsten, als hätte ihn etwas durchbohrt, und gleichzeitig fühlte er sich an etwas erinnert – etwas Schweres, Finsteres, Düsteres... vor ein paar Stunden Geschehenes. Regungslos, ohne sich zu setzen, blickte er Rogoshin unverwandt in die Augen; die waren im ersten Augenblick gleichsam noch mehr erglüht. Endlich lachte Rogoshin kurz und leise auf; doch aus diesem kurzen, fast lautlosen Lachen tönte eine gewisse Verwirrung hervor, lag etwas wie Verlorenes.

„Was siehst du mich so aufmerksam an?“ brummte er dann mit halblauter Stimme. „Setz dich!“

Der Fürst setzte sich.

„Parfen,“ sagte er, „sage mir aufrichtig: Wußtest du, daß ich heute in Petersburg eintreffen würde?“

„Daß du kommen würdest, das hab’ ich mir gedacht, und da hab’ ich mich, wie du siehst, auch nicht geirrt,“ sagte jener mit ironischem Lächeln. „Aber wie sollte ich wissen, daß du gerade heute kommen würdest!“

Die gewisse schroffe Heftigkeit und seltsame Gereiztheit der Frage, die seine Antwort in sich schloß, machten den Fürsten noch stutziger.

„Und wenn du auch gewußt hast, daß ich heute kommen würde, weshalb braucht man sich denn da zu ärgern?“ fragte der Fürst leise und augenscheinlich verwirrt.

„Wozu stellst du denn diese Frage?“

„Als ich heute morgen aus dem Kupee stieg, sah ich ein Augenpaar, das genau so aussah und so blickte wie deine Augen, als du soeben hinter meinem Rücken auf mich sahst.“

„Sieh mal an! Wessen Augen waren denn das?“ fragte Rogoshin mißtrauisch.

Dem Fürsten schien es, als sei er zusammengezuckt.

„Ich weiß nicht, in der Menge irgendwo... Es will mir sogar scheinen, daß es mir nur so vorgekommen ist – ich fange jetzt wieder an, alles mögliche zu sehen. Und überhaupt, weißt du, fühle ich mich fast ebenso wie damals vor fünf Jahren, als ich noch meine epileptischen Anfälle hatte.“

„Nu was, vielleicht hat es dir auch nur so geschienen; ich weiß nicht...“ brummte Parfen, und er versuchte, freundlich zu lächeln, doch dieses Lächeln paßte in diesem Augenblick nicht zu ihm, es war, als hätte er gewaltsam etwas unterdrücken wollen, und das gelang ihm nicht, wie sehr er sich auch dazu zwang.

„Was, nun geht’s wieder ins Ausland?“ fragte er, und plötzlich lachte er: „Aber weißt du noch, wie wir im Waggon dritter Klasse damals im Herbst aus Pskow kamen, ich hierher, und du... in dem Kapuzenmantel, weißt du noch, und den Gamaschen?“

Und Rogoshin lachte, doch tat er es diesmal mit unverhohlenem Ingrimm, und ganz als hätte es ihn gefreut, daß er diesen Ingrimm wenigstens in irgendeiner Weise ausdrücken konnte.

„Lebst du jetzt ganz hier?“ fragte der Fürst, indem er sich im Kabinett umsah.

„Ja, ich bin hier zu Hause. Wo sollte ich denn sonst sein?“

„Wir haben uns lange nicht gesehen. Ich habe von dir Dinge gehört, die ich dir gar nicht zugetraut hätte.“

„Als ob wenig erzählt werden kann,“ bemerkte Rogoshin trocken.

„Aber du hast doch die ganze Bande fortgejagt; selbst sitzt du zu Hause und machst keine Geniestreiche mehr. Ich dachte – das ist gut. Gehört das Haus dir oder euch gemeinsam?“

„Das Haus gehört der Mutter. Zu ihr geht man hier durch den Korridor.“

„Und wo wohnt dein Bruder?“

„Mein Bruder Ssemjon Ssemjonytsch wohnt im Seitenflügel.“

„Ist er verheiratet?“

„Witwer. Wozu fragst du das?“

Der Fürst sah ihn an, ohne zu antworten. Er war plötzlich wie in Gedanken versunken und hörte die Frage nicht. Rogoshin bestand nicht auf der Antwort, er wartete. Beide schwiegen.

„Ich habe dieses Haus, als ich herkam, schon auf hundert Schritt als das deinige erkannt,“ sagte der Fürst.

„Woran denn das?“

„Das weiß ich selbst nicht. Dein Haus hat die Physiognomie eurer ganzen Familie und eures ganzen Rogoshinschen Lebens; wenn du aber fragen wolltest, woraus ich das schließe, so könnte ich es dir mit nichts erklären. Wahn, natürlich. Es ängstigt mich sogar, daß mich das so beunruhigt. Ich hätte früher nie gedacht, daß du in solch einem Hause wohnst; als ich es jedoch erblickte, kam mir sogleich der Gedanke: ‚Aber genau so muß ja doch sein Haus sein, es kann ja gar nicht anders sein!‘“

„Sieh mal!“ sagte Rogoshin unbestimmt, das Gesicht kurz zu einem Lächeln verziehend. Er hatte den unklaren Gedanken des Fürsten nicht ganz verstanden. „Dieses Haus hat noch mein Großvater gebaut,“ bemerkte er. „Hier haben beständig Sektierer gewohnt, Skopzen, eine Familie Chludjäkoff. Und auch jetzt noch leben sie hier zur Miete.“

„Wie düster es hier ist! Im Düstern sitzt du,“ sagte der Fürst, sich im Kabinett umschauend.

Es war das ein großes Zimmer mit hoher, dunkler Decke, und auch alles übrige war ziemlich dunkel gehalten. Das ganze Zimmer war voll von allerhand Möbelstücken: da waren große Arbeitstische, ein Pult und an den Wänden große Schränke, in denen verschiedene Geschäftspapiere und noch andere Papiere aufgestapelt lagen. Ein großes, breites Kanapee, das mit rotem Saffianleder überzogen war, diente Rogoshin augenscheinlich als Schlafstelle. Der Fürst bemerkte auf dem Tisch, an dem sie beide saßen, ein paar Bücher. Eines von denen, die Russische Geschichte Ssolowjoffs, war aufgeschlagen und mit einem Lesezeichen versehen. An den Wänden hingen in einstmals vergoldeten, doch nun matt und braun gewordenen Rahmen einige stark nachgedunkelte Ölgemälde, auf denen man nur schwer noch etwas unterscheiden konnte. Dagegen zog ein lebensgroßes Männerporträt sofort die Aufmerksamkeit des Fürsten auf sich: es stellte einen etwa fünfzigjährigen Mann dar in einem langschößigen Rock, der jedoch deutschen Schnitt verriet, mit zwei Medaillen auf der Brust, einem sehr spärlichen, kurzen, grauen Bart, runzligem und gelbem Gesicht und einem argwöhnischen, verschlossenen und leidenden Blick.

„Ist das nicht gar dein Vater?“ fragte der Fürst.

„Er selbst,“ antwortete Rogoshin mit einem unangenehmen einmaligen Auflachen, ganz, als hätte er sich im nächsten Augenblick irgendeinen unzeremoniellen Scherz über seinen verstorbenen Vater erlauben wollen.

„Er war doch kein Altgläubiger?“

„Nein, er ging in die Kirche; aber es ist schon wahr, er sagte, daß der alte Glaube richtiger sei. Die Skopzen hat er auch immer sehr geachtet. Das hier war ja sein Kabinett. Wozu hast du das gefragt, das von der Altgläubigkeit?“

„Wirst du die Hochzeit hier feiern?“

„Hi–ier,“ antwortete Rogoshin langsam, doch war er bei der unerwarteten Frage kaum merklich zusammengezuckt.

„Bald?“

„Du weißt doch selbst: hängt es denn von mir ab?“

„Parfen, ich bin nicht dein Feind und will dich an nichts verhindern. Ich sage es dir jetzt nochmals, wie ich es dir schon früher einmal gesagt habe, in einer ähnlichen Stunde. Als in Moskau deine Trauung vollzogen werden sollte, bin ich nicht dazwischengetreten, das weißt du. Das erstemal kam sie von selbst zu mir gestürzt, fast vom Altare fort, und flehte mich an, sie vor dir zu ‚retten‘. Ich wiederhole nur ihre eigenen Worte. Dann lief sie auch von mir fort. Du suchtest sie wieder auf und brachtest sie wieder zum Altar, und da, sagt man mir, sei sie wieder von dir fortgelaufen und habe sich hierher geflüchtet. Ist das wahr? So hat es mir Lebedeff geschrieben, und deshalb bin ich auch hergekommen. Daß ihr euch aber hier wieder halbwegs ausgesöhnt habt, habe ich erst gestern im Eisenbahnkupee von einem deiner früheren Freunde erfahren, von Saljosheff, wenn es dich interessiert. Hergereist aber bin ich mit einer ganz bestimmten Absicht: ich will sie bereden, ins Ausland zu fahren, um dort für ihre Gesundheit etwas zu tun; denn sie ist sowohl geistig wie körperlich sehr der Pflege bedürftig... namentlich macht mir ihr seelischer Zustand Sorge. Ich selbst wollte sie nicht ins Ausland begleiten, sondern beabsichtigte, es irgendwie ohne mich zu arrangieren, mich selbst dabei ganz aus dem Spiel zu lassen. Ich sage dir die volle Wahrheit. Wenn es aber wahr ist, daß ihr wieder einig seid, so werde ich mich überhaupt nicht mehr zeigen und auch zu dir werde ich dann nie mehr kommen. Du weißt, daß ich dich nicht betrügen werde; denn ich bin ja auch früher immer offen und ehrlich gegen dich gewesen. Ich habe dir auch meine Überzeugung nicht verschwiegen, daß die Heirat mit dir – ihr unbedingtes Verderben sein würde. Auch dein Verderben... vielleicht sogar noch mehr als ihres. Wenn ihr wieder auseinandergehen solltet, wird es mich sehr beruhigen; doch habe ich deshalb noch nicht die Absicht, euch zu entzweien oder zwischen euch zu treten. Sei also in der Beziehung ganz ruhig und verdächtige mich nicht. Doch du weißt es ja selbst – bin ich denn jemals im Ernst dein Nebenbuhler gewesen, selbst damals, als sie von dir zu mir flüchtete? Da lachst du nun wieder dein kurzes Lachen! Ich weiß, weshalb du so kurz aufgelacht hast. Wir haben dort ganz getrennt gelebt, sogar in verschiedenen Städten, und das weißt du ja selbst ganz genau. Ich habe dir ja schon früher einmal erklärt, daß ich sie nicht ‚aus Liebe‘, sondern ‚aus Mitleid‘ liebe. Ich glaube es so ganz richtig zu bezeichnen. Du sagtest damals, daß du diese meine Worte begriffen hättest. Ist das nun wahr? Hast du sie wirklich begriffen? Du, weshalb siehst du mich jetzt so haßerfüllt an? Ich bin doch nur gekommen, weil auch du mir teuer bist. Ich liebe dich, Parfen. Ich werde jetzt fortgehen und niemals wiederkommen. Leb’ wohl.“

Der Fürst erhob sich.

„Bleib noch ein wenig bei mir,“ sagte Parfen leise, den Kopf in die rechte Hand gestützt, ohne sich zu erheben. „Ich habe dich lange nicht gesehen.“

Der Fürst setzte sich wieder. Beide schwiegen sie.

„Ich... wenn ich dich nicht vor mir sehe, fühle ich gleich Haß gegen dich, Lew Nikolajewitsch. In diesen drei Monaten, da ich dich nicht gesehen habe, bin ich dir immerwährend, in jeder Minute böse gewesen, bei Gott. Ich hätte dich so genommen und erwürgt vor lauter Wut, sieh so! Und jetzt sitzt du noch keine Viertelstunde bei mir, und schon ist meine ganze Wut vergangen, und ich hab’ dich wieder so lieb wie früher. Bleib noch ein wenig bei mir...“

„Wenn ich bei dir bin, dann glaubst du mir, und wenn ich nicht mehr da bin, dann hörst du sogleich auf mir zu glauben und verdächtigst mich wieder. Du bist wie dein Vater!“ sagte der Fürst mit freundschaftlichem Lächeln, bemüht, das Gefühl, das aus seinen Worten sprach, zu verbergen.

„Ich glaube deiner Stimme, wenn du bei mir bist. Ich begreife doch, daß man uns beide nicht vergleichen kann, dich und mich...“

„Weshalb sagst du gerade das? Da bist du nun wieder gereizt,“ sagte der Fürst.

„Ach, hier, Freund, wird nicht nach unserer Meinung gefragt,“ entgegnete jener, „das ist schon ohne uns so bestimmt worden. Auch lieben tun wir ja beide ganz verschieden... Ich will damit sagen, in allem ist eben ein Unterschied,“ fuhr er nach kurzem Schweigen leise fort. „Du liebst sie, sagst du, nur aus Mitleid. Ich aber empfinde nichts von Mitleid in mir, so was fühle ich gar nicht für sie. Und sie haßt mich ja auch nur, haßt mich mehr als alles andere. Jede Nacht träumt mir jetzt, daß sie mit einem anderen über mich lacht. Und so ist es auch, Freund. Sie wird mit mir zum Altar gehen; aber an mich auch nur dabei denken, das tut sie nicht, selbst das wird sie vergessen – es ist einfach so, wie wenn sie Schuhe wechselte. Glaubst du mir, ich habe sie schon seit fünf Tagen nicht gesehen; denn ich wage nicht hinzugehen: wenn sie nun fragt: ‚Wozu hast du dich herbemüht?‘ Hat sie mir denn wenig Schimpf angetan...“

„Was – wieso Schimpf angetan? Was sagst du?“

„Als ob du’s selbst nicht weißt! Hast doch noch selbst vorhin ausgesprochen, daß sie ‚vom Altar‘ weg zu dir gelaufen ist.“

„Aber, du glaubst doch selbst nicht, daß...“

„Und das mit dem Offizier, dem Semtjushnikoff in Moskau – war denn das kein Schimpf? Ich weiß es ganz genau, daß sie mir die Schande, die Schmach angetan hat, und das noch, nachdem sie schon selbst den Tag der Trauung bestimmt hatte.“

„Nicht möglich!“ rief der Fürst aus.

„Ich weiß es ganz genau,“ wiederholte Rogoshin in fester Überzeugung. „Was ‚keine solche‘, meinst du? Darüber, Bruder, darüber lohnt es sich gar nicht zu reden, daß sie keine solche ist. Mit dir wird sie keine solche sein und vielleicht wird sie vor diesen Sachen sogar Entsetzen empfinden, mit mir aber ist sie, siehst du, gerade eine solche. Das ist schon so. Sie hält mich für den letzten Pöbelkerl: als gehörte ich zum Gesindel. Mit Keller, mit diesem Leutnant, dem Boxer – hat sie, das weiß ich ganz genau, nur um über mich zu spotten angefangen... Du weißt noch gar nicht alles, was sie in Moskau angestellt hat! Und wieviel Geld habe ich fortgeworfen...“

„Ja, aber... wie wirst du sie denn jetzt heiraten!... Wie wird denn das später werden?“ fragte der Fürst ganz entsetzt.

Rogoshin sah ihm mit schwerem, furchtbarem Blick in die Augen und antwortete nichts.

„Jetzt bin ich schon fünf Tage nicht bei ihr gewesen,“ fuhr er nach einer Weile fort, als hätte er sein Schweigen vergessen. „Ich fürchte immer, daß sie mich hinausjagt. Ich bin immer noch meine eigene Herrin, sagt sie; wenn ich will, jage ich dich ganz von mir fort und fahre ins Ausland. – Das hat auch sie mir schon gesagt, daß sie ins Ausland fahren würde,“ fügte er plötzlich, wie zur Ergänzung noch hinzu, während er dabei dem Fürsten mit einem ganz besonderen Blick in die Augen sah.

„Manches Mal wiederum will sie mich nur erschrecken, immer bin ich ihr lächerlich. Ein anderes Mal aber verdüstert sich ihr Gesicht, sie runzelt die Stirn und spricht kein Wort mit mir. Das aber fürchte ich am meisten. Neuerdings dachte ich: ich werde von jetzt ab nicht mehr mit leeren Händen hinfahren, – da machte sie sich wieder nur lustig über mich und schließlich wurde sie sogar böse. Ihrer Kammerzofe, der Katjka, schenkte sie meinen Schal, den ich ihr als Geschenk mitgebracht hatte; aber wenn sie früher auch üppig gelebt und teure Sachen getragen hat, einen solchen Schal hatte sie vielleicht doch noch nie gesehen! Und davon, wann denn die Trauung sein soll, davon darf man überhaupt nicht zu sprechen anfangen. Was ist denn das für ein Bräutigam, der sich fürchtet, sie auch nur zu besuchen? So sitze ich denn hier, und wenn es unerträglich wird, dann gehe ich heimlich, schleichend an ihrem Hause vorüber, auf der Straße, oder ich verberge mich hinter einer Hausecke. Vor kurzem noch habe ich so eine ganze Nacht bis zum Morgen an ihrer Hofpforte Wache gestanden, – mir hatte damals so etwas geschienen... Sie aber muß mich wohl aus dem Fenster beobachtet haben. ‚Was hättest du denn,‘ fragte sie später, ‚was hättest du denn mit mir getan, wenn du einem Betrug auf die Spur gekommen wärst?‘ Da hielt ich’s nicht aus und sagte: ‚Das weißt du selbst.‘“

„Was weiß sie denn?“

„Ja, wie soll ich’s denn wissen!“ lachte Rogoshin boshaft. „In Moskau hab’ ich sie damals mit keinem überraschen können, obschon ich ihr lange genug auflauerte. Da ging ich einmal zu ihr hin und sagte: ‚Du hast dein Wort gegeben, daß du dich mit mir trauen lassen wirst, du kommst in eine ehrenwerte Familie; weißt du aber auch, was für eine du jetzt bist? Sieh, solch eine bist du!‘ sagte ich.“

„Das sagtest du ihr ins Gesicht?“

„Ja.“

„Und?“

„‚Ich werde dich,‘ antwortete sie, ‚ich werde dich jetzt vielleicht noch nicht einmal als Diener zu mir nehmen, geschweige denn dich heiraten!‘ – ‚Und du glaubst, daß ich fortgehe?‘ fragte ich. – ‚Dann werde ich sofort Keller rufen,‘ sagte sie, ‚und ihm befehlen, dich hinauszuwerfen.‘ Da packte ich sie und schlug sie, bis sie blaue Flecken hatte.“

„Nicht möglich! Das kann nicht sein!“ stieß der Fürst atemlos hervor.

„Ich sage: es war so,“ sagte leise, doch mit blitzenden Augen Rogoshin. „Zwei Tage aß ich nicht, trank nicht, schlief nicht, ging nicht aus dem Zimmer hinaus, kniete vor ihr nieder. ‚Ich sterbe, aber ich gehe nicht eher fort,‘ sagte ich, ‚ich gehe nicht eher fort, als bis du mir verziehen hast; läßt du mich aber hinauswerfen, so ertränke ich mich, denn – was bin ich jetzt noch ohne dich?‘ Wie eine Wahnsinnige war sie den ganzen Tag: bald weinte sie, bald wollte sie mich mit dem Messer erstechen, bald drohte sie mit der Faust und begann mich wie eine Rasende zu beschimpfen, – jawohl, zu beschimpfen. Saljosheff, Keller, Semtjushnikoff, alle, alle rief sie zusammen, zeigte dann auf mich und begann mich wieder zu schmähen. ‚Gehen wir, meine Herren,‘ sagte sie dann, ‚gehen wir jetzt alle ins Theater, mag er hier allein sitzen, wenn er nicht fortgehen will, ich bin für ihn nicht angebunden. Ihnen aber, Parfen Ssemjonytsch, wird man hier in meiner Abwesenheit Tee bringen, Sie müssen ja ganz hungrig sein.‘ Aus dem Theater kehrte sie allein zurück. ‚Alle sind sie Feiglinge und Lumpen,‘ sagte sie, ‚alle haben sie Angst vor dir und da wollen sie natürlich auch mir Angst einflößen: sie behaupten, du würdest so nicht fortgehen, sondern mich vorher noch unbedingt ermorden. Ich aber werde, sieh, wenn ich dorthin in mein Schlafzimmer gegangen bin, die Tür nicht hinter mir zuschließen, sieh, so wenig fürchte ich dich! Damit du das ein für allemal weißt und siehst! Hast du Tee getrunken?‘ – ‚Nein,‘ sagte ich, ‚und ich werde es auch nicht.‘ – ‚Wenn das dir Ehre einlegen würde, wäre es etwas anderes, aber so – wenn du wüßtest, wie wenig das zu dir paßt.‘ Und wie sie gesagt hatte, so tat sie’s auch: die Tür zu ihrem Schlafzimmer blieb offen. Am nächsten Morgen kam sie – lachte. ‚Bist du denn ganz von Sinnen, sag’ doch? So wirst du ja noch vor Hunger sterben.‘ – ‚Vergib,‘ sagte ich. ‚Ich will nicht, und heiraten will ich dich erst recht nicht; es bleibt dabei, was ich gesagt habe. Hast du denn die ganze Nacht in diesem Lehnstuhl gesessen und nicht geschlafen?‘ – ‚Nein, ich habe nicht geschlafen,‘ sagte ich. – ‚Ach, wie klug! Und Tee trinken und essen wirst du wieder nicht?‘ – ‚Ich habe doch gesagt: Vergib!‘ – ‚Wenn du wüßtest, wie schlecht das zu dir paßt, wie ein Sattel zu einer Kuh! Oder ist es dir etwa in den Sinn gekommen, mich schrecken zu wollen? Daraus mache ich mir gerade viel, und daß du hier hungrig sitzt, ach, wie entsetzlich du mich damit einschüchterst!‘ Dann wurde sie böse, aber nicht auf lange, und dann begann sie wieder zu spotten und zu sticheln. Da wunderte ich mich über sie, daß doch eigentlich keine Bosheit in ihr war. Sonst vergißt sie doch Böses nicht so leicht, vergißt es lange nicht! Und da kam es mir in den Sinn, daß sie mich wohl für so niedrig hält, daß sie nicht einmal große Wut über mich empfinden kann. Und das ist wahr. ‚Weißt du auch, wer das ist: der römische Papst?‘ fragte sie. – ‚Ja, ich habe gehört, wer das ist,‘ sage ich. ‚Du, Parfen Ssemjonytsch, hast ja von der allgemeinen Geschichte nicht viel gelernt!‘ sagt sie. – ‚Ich habe überhaupt nichts gelernt,‘ sage ich. – ‚Dann werde ich dir etwas zu lesen geben, oder hör’ zu: Es war einmal ein Papst, und der wurde auf einen Kaiser böse, und dieser Kaiser lag drei Tage ohne Essen und Trinken barfuß auf den Knien vor dem Schloß des Papstes, bis dieser ihm verzieh. Was meinst du – was hat wohl der Kaiser in diesen drei Tagen, als er so barfuß dort kniete, bei sich gedacht und welche Rache dem Papst geschworen?... Doch warte, ich werde es dir selbst vorlesen!‘ sagte sie und stand auf und brachte das Buch. ‚Es sind Verse,‘ sagte sie, und dann las sie mir vor, wie dieser Kaiser in diesen drei Tagen geschworen, sich an dem Papst zu rächen. ‚Gefällt dir das nicht, Parfen Ssemjonytsch?‘ fragte sie. – ‚Das stimmt alles, was du da gelesen hast,‘ sage ich. – ‚Aha,‘ rief sie aus, ‚du gibst also selbst zu, daß es stimmt, dann schwörst auch du jetzt Rache und sagst dir: Wenn sie mich erst geheiratet hat, dann werde ich ihr schon alles heimzahlen, dann werde ich mich dafür entschädigen!‘ – ‚Ich weiß nicht,‘ sag’ ich, ‚vielleicht denk’ auch ich so!‘ – ‚Wie, weißt du das denn nicht?‘ – ‚Ach,‘ sag’ ich ‚ich weiß es nicht, nicht daran denke ich jetzt.‘ – ‚Woran denkst du denn jetzt?‘ – ‚Wenn du aufstehst vom Stuhl, gehst du an mir vorüber, und ich sehe auf dich und folge dir mit dem Blick; dein Kleid wird rauschen und mir wird das Herz stillstehen, und wenn du hinausgegangen bist aus dem Zimmer, denke ich an jedes einzelne deiner Worte, was und wie und mit welch einer Stimme du es gesagt hast; diese ganze Nacht habe ich an nichts anderes gedacht, ich habe nur gehorcht, wie du im Schlafe atmetest und dich zweimal bewegtest...‘ – ‚Ja, dann denkst du ja vielleicht,‘ lachte sie, ‚dann denkst du ja vielleicht auch daran gar nicht mehr, daß du mich geschlagen hast?‘ – ‚Vielleicht,‘ sag’ ich, ‚vielleicht denke ich auch daran nicht mehr, ich weiß nicht.‘ – ‚Wenn ich dir aber nicht verzeihe und dich nicht heirate?‘ – ‚Ich habe gesagt, ich ertränke mich.‘ – ‚Schlägst mich aber vorher wahrscheinlich noch tot...‘ Sagte es und wurde nachdenklich. Dann wurde sie böse und ging aus dem Zimmer. Nach einer Stunde kommt sie wieder zu mir zurück, ernst, düster. ‚Ich werde dich heiraten, Parfen Ssemjonytsch,‘ sagt sie, ‚doch nicht deshalb, weil ich dich etwa fürchte, sondern weil es doch auf eins herauskommt, wo man umkommt. Wo ist’s denn besser? Setz’ dich,‘ sagt sie, ‚man wird dir gleich zu essen bringen. Wenn ich dich aber heirate,‘ fügte sie hinzu, ‚werde ich dir ein treues Weib sein, daran brauchst du nicht zu zweifeln, kannst ruhig sein.‘ Dann schwieg sie eine Weile und dann sagte sie noch: ‚Du bist doch kein Lakai – ich dachte früher, du seist ein echter, ein ganzer Lakai.‘ Und nun bestimmte sie selbst den Tag, an dem die Trauung stattfinden sollte; nach einer Woche aber lief sie von mir fort und flüchtete sich hierher zu Lebedeff. Als ich dann herkam, sagte sie: ‚Ich habe mich durchaus nicht von dir losgesagt, ich will es nur noch aufschieben, solange es mir paßt; denn ich bin ja doch noch ganz Herrin meiner selbst. Warte auch du, wenn du willst.‘ Siehst du, so stehen wir jetzt miteinander... Was meinst du zu alledem, Lew Nikolajewitsch?“

„Wie denkst du selbst darüber?“ fragte der Fürst mit traurigem Blick auf Rogoshin.

„Denk’ ich denn überhaupt!“ entfuhr es diesem ganz unwillkürlich.

Er wollte noch etwas hinzufügen, doch dann senkte er den Blick und schwieg.

Der Fürst erhob sich von neuem, um fortzugehen.

„Trotzdem werde ich dir nicht in den Weg treten,“ sagte er leise, fast wie in Gedanken versunken, und es war, als hätte er auf einen eigenen inneren Gedanken geantwortet.

„Weißt du, was ich dir sagen werde?“ wandte sich plötzlich Rogoshin erregt an ihn, und seine Augen blitzten auf. „Wie kannst du sie mir nur so abtreten, das verstehe ich nicht! Oder hast du schon ganz aufgehört, sie zu lieben? Früher warst du doch immerhin noch traurig, ich weiß es, ich habe es doch gesehen. Wozu bist du denn jetzt so Hals über Kopf hergereist? Aus Mitleid?“ (Sein Gesicht verzog sich in boshaftem Spott) „He–he!“

„Du glaubst, daß ich dich betrüge?“ fragte der Fürst.

„Nein, ich glaube dir, nur verstehe ich davon nichts. Am wahrscheinlichsten ist wohl, daß dein Mitleid noch größer ist als meine Liebe!“

Etwas Böses, das gleichsam herausdrängte, das sich unbedingt sogleich äußern wollte, war in seinem Gesicht aufgeflammt.

„Deine Liebe kann man vom Haß kaum unterscheiden,“ lächelte der Fürst, „und wenn sie vergeht, Bruder, wird das Unglück vielleicht noch größer sein. Ich sage dir nur das eine, Parfen...“

„Daß ich sie ermorden werde?“

Der Fürst zuckte zusammen.

„Du wirst sie um dieser Liebe, dieser Qual willen, mit der du dich jetzt quälst, gar zu sehr hassen. Am meisten wundert mich aber, wie sie überhaupt wieder zu dir zurückkehren kann. Als ich es gestern hörte, wollte ich es kaum glauben, so schwer wurde es mir... Zweimal ist sie schon von dir fortgelaufen, fast vom Altar weg, also muß sie doch eine Vorahnung haben!... Weshalb will sie dich denn jetzt noch nehmen? Doch nicht deines Geldes wegen? Das ist ja doch Unsinn! Und von deinem Gelde hast du ja auch schon so viel vergeudet. Und doch auch nicht, um nur einen Mann zu bekommen? Denn du bist doch nicht der einzige, den sie heiraten könnte! Da wäre doch jeder andere besser als du, denn du wirst sie ja vielleicht wirklich ermorden, und das begreift sie doch selbst nur zu gut! Oder weil du sie so leidenschaftlich liebst? Ja, es sei denn dieses eine... Ich habe gehört, daß es welche geben soll, die gerade eine solche Liebe suchen... nur...“

Der Fürst hielt nachdenklich inne.

„Was lächelst du wieder über meines Vaters Bild?“ fragte Rogoshin, der seinen Blick nicht vom Gesicht des Fürsten abwandte und aufmerksam jede Veränderung im Gesicht, jeden Blick des Fürsten verfolgte.

„Weshalb ich soeben lächelte? Es kam mir in den Sinn, daß du, wenn dir nicht dieses Unglück zugestoßen, wenn nicht diese Liebe über dich gekommen wäre, daß du dann auf ein Haar wie dein Vater geworden wärst, und das sogar in sehr kurzer Zeit. Du würdest dich schweigend hier in diesem Hause niederlassen mit deiner Frau, einem gehorsamen, verschüchterten Wesen, würdest nur wenig und jedes Wort in strengem Tone sprechen, würdest keinem Menschen trauen, keines Menschen Vertrauen brauchen und nur schweigend und finster dein Geld aufhäufen. Viel wäre es, wenn du einmal die alten Bücher loben und dich für das Bekreuzen mit zwei Fingern aussprechen würdest,13 aber auch das höchstens im Alter...“

„Spotte nur. Genau dasselbe hat auch sie mir vor nicht langer Zeit gesagt, gleichfalls als sie dieses Porträt betrachtete. Das ist doch wunderlich, wie jetzt bei euch alles übereinstimmt...“

„Ja, ist sie denn schon einmal bei dir gewesen?“ fragte der Fürst überrascht.

„Einmal. Das Porträt betrachtete sie lange, fragte mich über den Verstorbenen aus. ‚Du würdest genau so sein,‘ sagte sie dann lachend, ‚du hast mächtige Leidenschaften, Parfen Ssemjonytsch,‘ sagte sie, ‚solche Leidenschaften, daß du unentgeltlich nach Sibirien mit ihnen kämst, wenn du nicht – wenn du nicht deinen Verstand hättest, und du hast einen großen Verstand,‘ sagte sie – geradeso sagte sie’s, wirst du’s mir glauben! Zum erstenmal hörte ich von ihr ein solches Wort! – ‚Du würdest diesen ganzen Unsinn bald lassen. Und da du ein ganz ungebildeter Mensch bist, so würdest du dich einfach aufs Geldverdienen verlegen und würdest dich ganz wie dein Vater in diesem Hause hier festsetzen, mit deinen Skopzen natürlich. Vielleicht würdest du zum Schluß auch noch zu ihrem Glauben übertreten. Das Geld aber, das würdest du so liebgewinnen, daß du nicht nur zwei Millionen, sondern vielleicht ganze zehn Millionen zusammenscharrtest, um dann auf deinen Goldsäcken am Ende Hungers zu sterben; denn du bist in allem leidenschaftlich, ja, bei dir wird alles, was du beginnst, zur Leidenschaft.‘ Genau so sagte sie, mit denselben Worten. Niemals noch hatte sie so zu mir gesprochen! Denn sonst hat sie nur Albernheiten mit mir geredet oder über mich gespottet. Auch hier hatte sie lachend begonnen, dann aber wurde sie plötzlich sehr ernst. Durch das ganze Haus ging sie, alles besah sie, ganz als fürchte sie sich immer vor etwas. ‚Ich werde das alles hier verändern,‘ sage ich, ‚alles verschönern oder auch zur Hochzeit ein neues Haus kaufen.‘ Da war sie ganz erschrocken: ‚Nein, nein, um Gottes willen nicht!‘ sagte sie; ‚alles muß so bleiben, wie es ist, gerade so wollen wir hier leben. Ich will neben deiner Mutter leben,‘ sagte sie, ‚wenn ich deine Frau sein werde.‘

Dann führte ich sie zu meiner Mutter – sie war ehrerbietig gegen sie wie eine leibliche Tochter. Meine Mutter ist nun schon seit zwei Jahren nicht ganz bei vollem Verstande – krank ist sie – und nun seit dem Tode des Vaters ist sie ganz wie ein Kind geworden, spricht gar nicht mehr, kann nicht mehr gehen, die Füße tragen sie nicht, und so sitzt sie und grüßt nur vom Platz aus einen jeden, den sie sieht. Wenn man ihr nicht zu essen geben wollte, würde sie es drei Tage lang nicht merken, so steht’s mit ihr. Ich nahm die rechte Hand meiner Mutter, legte die drei Finger zum Segen zusammen und sagte: ‚Mütterchen, segnet sie, sie geht mit mir zum Altar,‘ und da küßte sie meiner Mutter die Hand, aber nicht nur so, sondern wirklich innig. ‚Viel Leid,‘ sagte sie, ‚muß deine Mutter erduldet haben.‘ Dieses Buch hier sah sie: ‚Was ist das,‘ fragte sie, ‚fängst du an, russische Geschichte zu lesen?‘ Sie selbst hatte mir einmal in Moskau gesagt: ‚Wenn du dich doch wenigstens etwas bilden würdest, lies doch wenigstens Ssolowjoffs Russische Geschichte, du weißt ja doch gar nichts;‘ ja, das hatte sie mir schon in Moskau gesagt. ‚Das ist gut,‘ sagte sie jetzt, ‚lies nur weiter. Ich werde dir ein kleines Verzeichnis aufschreiben von Büchern, die du ganz zuerst lesen mußt. Willst du, soll ich?‘ Nie, nie hatte sie vorher so mit mir gesprochen, ich war ganz erstaunt; zum erstenmal atmete ich auf, wie ein lebendiger Mensch.“

„Das freut mich, das freut mich sehr, Parfen,“ sagte der Fürst warm, „ich bin sehr froh darüber. Wer weiß, vielleicht hat Gott euch doch noch zu einem gemeinsamen Leben bestimmt.“

„Nein, das ist unmöglich!“ rief Rogoshin heftig aus.

„Höre, Parfen, wenn du sie so liebst – willst du dann nicht ihre Achtung erwerben? Und wenn du es willst – weshalb willst du dann nicht auch hoffen? Ich sagte vorhin, daß es für mich unbegreiflich sei: weshalb sie dich überhaupt noch heiraten will? Doch wenn ich es mir auch jetzt noch nicht ganz erklären kann, so sehe ich doch eines ein: daß sie dazu einen genügenden Grund, einen vernünftigen Grund haben muß. Von deiner Liebe ist sie überzeugt, doch ganz gewiß ist sie es auch von deinen Vorzügen, wenigstens von einigen. Anders kann es ja gar nicht sein! Und was du soeben erzähltest, bestätigt meine Annahme vollkommen. Du sagst doch selbst, daß es ihr möglich gewesen ist, in einer ganz anderen Weise mit dir zu reden, als sie früher getan. Du bist argwöhnisch und eifersüchtig, deshalb vergrößerst du auch alles, was du Schlechtes von ihr erfahren hast. Es liegt doch auf der Hand, daß sie lange nicht so schlecht von dir denkt, wie du erzählst; denn sonst müßte man ja doch von ihr sagen, daß sie mit vollem Bewußtsein ins Wasser geht oder unter das Messer, wenn sie dich heiratet. Ist denn das möglich? Wer geht denn bewußt aufs Messer los?“

Mit bitterem Spottlächeln hörte Rogoshin den Fürsten an. Seine Überzeugung schien schon unerschütterlich festzustehen.

„Wie schwer dein Blick ist, mit dem du mich ansiehst, Parfen!“ stieß plötzlich der Fürst unter einem erdrückenden Gefühl hervor.

„Ins Wasser oder unter das Messer!“ sprach Rogoshin endlich langsam nach. „He–he! Ja, einzig deshalb nimmt sie mich doch, weil sie überzeugt ist, daß sie bei mir der Dolch erwartet! Solltest du denn bis jetzt wahrhaftig noch nicht erraten haben, Fürst, um was es sich hier handelt?“

„Ich verstehe dich nicht.“

„Was, vielleicht begreift er’s auch wahrhaftig nicht, he–he! Sagt man doch von dir, daß du... nun, jenes!... Einen anderen liebt sie! – begreifst du’s jetzt? Ganz so, wie ich sie jetzt liebe, genau so liebt sie jetzt einen anderen. Und dieser andere ist – weißt du, wer? Das bist du! Was, wußtest du das noch nicht?“

„Ich?“

„Ja, du. Sie hat sich gleich damals, damals an ihrem Geburtstage in dich verliebt – und seit der Stunde liebt sie dich. Nur glaubt sie jetzt, daß sie dich nicht heiraten darf, weil sie dir damit eine Schande antun und dein Leben verderben würde. ‚Man weiß ja doch, was für eine ich bin,‘ sagte sie. Und davon ist sie nicht abzubringen. Alles das hat sie mir selbst ins Gesicht gesagt. Dich zu verderben und dir Schande anzutun – das fürchtet sie, mich aber, siehst du, mich kann man heiraten, bei mir macht’s nichts aus – sieh, so hoch schätzt sie mich ein! – das kannst du dir gleichfalls merken!“

„Aber wie ist sie denn... wie ist sie denn von dir zu mir und... von mir wieder...“

„Von dir wieder zu mir zurückgekehrt! Haha! Als ob ihr wenig in den Kopf kommt! Sie ist ja doch jetzt ganz wie im Fieber, wie im Delirium. Bald schreit sie mir zu: ‚Dich heiraten oder ins Wasser – ist eins! Die Hochzeit so schnell wie möglich!‘ sie drängt selbst, bestimmt den Tag, rückt aber die Zeit heran, dann – erschrickt sie, oder es kommen ihr andere Gedanken. Gott weiß – du hast sie doch gesehen: weint, lacht, gebärdet sich wie in Raserei. Was Wunder, wenn sie da auch von dir wieder fortgelaufen ist? Sie ist ja doch nur deshalb von dir fortgelaufen, weil es ihr plötzlich zum Bewußtsein kam, wie sehr sie dich liebt. Sie hielt bei dir ihre eigene Liebe zu dir nicht mehr aus. Du sagtest, ich hätte sie damals in Moskau aufgesucht. Das ist ja gar nicht wahr – sie selbst kam von dir zu mir gelaufen. ‚Bestimme den Tag,‘ sagte sie, ‚ich bin bereit! Gib Champagner her! Fahren wir zu den Zigeunerinnen!‘ schrie sie... Wäre ich nicht gewesen, so hätte sie sich schon längst ertränkt. Glaube mir! Nur deshalb tut sie es nicht, weil ich vielleicht noch furchtbarer bin als der Tod im Wasser. Nur aus Bosheit will sie mich heiraten... Wenn sie mich heiratet, so kannst du sicher sein, daß sie es nur aus Bosheit tut.“

„Ja, aber wie kannst du dann... wie kannst du dann!...“ rief der Fürst ganz bestürzt aus, doch sprach er nicht zu Ende, was er sagen wollte.

Ganz entsetzt sah er Rogoshin an.

„Warum sprichst du’s denn nicht aus?“ fragte jener spöttisch, und man sah seine Zähne zwischen den Lippen. „Willst du, so werde ich dir sagen, was du in diesem Augenblick bei dir denkst? – ‚Nun, wie kann sie dann jetzt noch zu ihm gehen? Wie kann man das zulassen?‘ Ich weiß schon, was du denkst.“

„Ich bin nicht deshalb hergekommen, Parfen, ich schwöre es dir, glaub’ mir, ich hatte nicht das im Sinn...“

„Schon möglich, daß du nicht deshalb gekommen bist, und daß du nicht das im Sinn hattest; nur ist es jetzt schon ganz sicher geworden, daß du doch deshalb gekommen bist, he–he!... Nun, genug! Was bist du so bestürzt? Wußtest du es denn wahrhaftig nicht? Du wunderst mich!“

„Das ist alles nur deine Eifersucht, Parfen, deine Krankheit, du vergrößerst alles unendlich, du übertreibst...“ stotterte der Fürst in unbeschreiblicher Erregung. „Was willst du?“

„Laß!“ sagte Rogoshin herrisch, indem er dem Fürsten das Messer aus der Hand riß, das jener vom Tisch genommen hatte. Rogoshin legte es neben das Buch auf dieselbe Stelle zurück, wo es gelegen.

„Es ist mir, als hätte ich es bei der Einfahrt in Petersburg schon gewußt, als hätte ich es vorausgefühlt...“ fuhr der Fürst fort. „Ich wollte nicht herfahren! Ich wollte alles das hier vergessen, aus dem Herzen herausreißen! Nun, aber jetzt leb’ wohl... Was hast du?“

In seiner Zerstreutheit hatte der Fürst beim Sprechen wieder das Messer in die Hand genommen, und wieder riß es ihm Rogoshin aus der Hand, um es auf den Tisch zurückzuwerfen. Es war das ein ganz einfaches Messer, nicht zusammenlegbar, mit einem Griff aus Hirschhorn und einer etwa dreieinhalb Zoll langen und dementsprechend breiten Klinge.

Als Rogoshin sah, daß der Fürst stutzig wurde – denn das Messer mußte ihm doch auffallen, wenn es ihm zweimal in dieser Weise aus der Hand gerissen wurde –, nahm er es sichtlich ärgerlich und legte es ins Buch, das er mit einer kurzen Bewegung auf den anderen Tisch schleuderte.

„Schneidest du damit die Blätter auf?“ fragte der Fürst, doch war seine Frage immer noch wie in Zerstreutheit gestellt, als wäre er nach wie vor noch in seine Gedanken versunken.

„Ja, die Blätter...“

„Das ist doch ein Gartenmesser?“

„Ja, ein Gartenmesser. Darf man denn mit einem Gartenmesser keine Blätter aufschneiden?“

„Ja, aber... es ist ganz neu.“

„Was ist denn dabei, daß es neu ist? Darf ich mir denn nicht, wenn ich will, ein neues Messer kaufen?“ schrie Rogoshin schließlich wütend heraus, jedes Wort hatte ihn immer mehr gereizt und aufgebracht.

Der Fürst fuhr zusammen und blickte ihm aufmerksam ins Gesicht.

„Ach, wir sind aber auch!“ lachte er dann auf, plötzlich zur Besinnung gekommen. „Verzeih mir, Bruder, mein Kopf ist mir jetzt so schwer, und diese Krankheit... ich bin jetzt immer so zerstreut und lächerlich. Ich wollte das ja gar nicht fragen... ich weiß nicht mehr, was es war. Leb’ wohl!“

„Nicht durch diese Tür,“ sagte Rogoshin.

„Ich –...“

„Hier, hier, komm, ich werde dir den Weg zeigen.“

IV

Sie gingen durch dieselben Zimmer, durch die der Fürst bereits gekommen war. Rogoshin ging voran und der Fürst folgte ihm. Sie kamen in den großen Saal. Hier hingen an den Wänden mehrere Gemälde, meistens waren es Porträts von Bischöfen und stark nachgedunkelte Landschaften, deren Einzelheiten kaum noch zu erkennen waren. Über der Tür zum folgenden Zimmer hing ein Bild von sehr sonderbarem Format: es war ungefähr zwei Meter lang und nicht mehr als sechs Zoll hoch. Es war die Darstellung einer Kreuzabnahme. Der Fürst blickte flüchtig darauf hin, und es war ihm, als entsänne er sich eines ähnlichen oder auch desselben Bildes, blieb aber weiter nicht davor stehen, sondern wollte durch die Tür hinaustreten. Es war ihm sehr schwer zumute, und er wollte schnell aus diesem Hause hinaus. Da blieb plötzlich Rogoshin in der Tür stehen und trat wieder einen Schritt zurück.

„Alle diese Bilder hier,“ sagte er, „alle sind sie für einen oder für zwei Rubel von meinem Vater auf Auktionen erstanden, er liebte Bilder sehr. Ein Kenner hat sie sich hier einmal alle angesehen; taugen nichts, sagte er, dieses aber, sagte er, dieses hier über der Tür, das gleichfalls für zwei Rubel erstanden ist – dieses, sagte er, sei von großem Wert. Schon damals fand sich einer, der für das Bild dreihundertfünfzig Rubel bot, Ssaweljeff aber, Iwan Dmitritsch – das ist ein Kaufmann, ein großer Bilderliebhaber – der bot dem Verstorbenen vierhundert, und in der vorigen Woche hat er meinem Bruder Ssemjon Ssemjonytsch sogar fünfhundert geboten. Ich hab’s für mich behalten.“

„Das ist... das ist die Kopie einer Kreuzabnahme von Hans Holbein,“ sagte der Fürst, das Bild jetzt aufmerksamer betrachtend. „Ich bin zwar kein großer Kenner, aber wie mir scheint, ist es eine vorzügliche Kopie. Ich habe das Original im Auslande gesehen, und seitdem kann ich dieses Bild nicht mehr vergessen. Aber... was hast du...“

Rogoshin hatte sich plötzlich wieder abgewandt und ging bereits durch die Tür, um den Fürsten dem Ausgang zuzuführen. Freilich konnten seine Zerstreutheit und seine seltsam gereizte Stimmung diese Plötzlichkeit sehr wohl erklären; doch trotzdem wunderte es den Fürsten, daß Rogoshin so schnell das Gespräch abgebrochen, das er doch selbst begonnen hatte, und seine Bemerkung nicht zu beachten schien.

„Aber wie nun, Lew Nikolajewitsch, ich wollte dich schon lange fragen, glaubst du an Gott?“ fragte plötzlich Rogoshin, nachdem sie ein paar Schritte gegangen waren.

„Wie sonderbar du fragst und... mich ansiehst!“ sagte der Fürst unwillkürlich.

„Auf dieses Bild da liebe ich zu sehen,“ sagte Rogoshin nach kurzem Schweigen, als hätte er seine Frage vergessen.

„Auf dieses Bild!“ rief der Fürst unter dem Eindruck eines plötzlichen Gedankens ganz erschrocken aus, „auf dieses Bild! Aber vor diesem Bilde kann einem ja doch nur noch jeder Glaube vergehen!“

„Der vergeht auch ohnedem,“ sagte Rogoshin ganz unerwartet.

Sie waren an der Tür zum Treppenhaus angelangt.

„Was?“ Der Fürst blieb vor Überraschung stehen. „Was sagst du! Ich habe ja doch nur gescherzt, du aber sagst es so ernst! Weshalb fragtest du mich, ob ich an Gott glaube oder nicht?“

„Nichts, nur so. Ich wollte es dich eigentlich schon immer fragen. Aber wie nun, ist es wahr – du hast doch im Auslande gelebt –, mir sagte einmal einer in der Betrunkenheit, daß es bei uns in Rußland mehr als in allen anderen Ländern solche geben soll, die an Gott nicht glauben. Uns, sagte er, falle das leichter als ihnen, denn wir seien darin fortgeschrittener...“

Rogoshin lachte kurz und leise auf. Es lag etwas Beißendes in seinem Lachen. Er öffnete die Tür und wartete, den Türgriff in der Hand, bis der Fürst hinaustrat.

Der Fürst wunderte sich darüber, trat aber doch hinaus. Rogoshin folgte ihm auf den Treppenflur und zog die Tür hinter sich zu. Beide standen sie sich gegenüber, und wie es schien, hatten sie beide vergessen, wohin sie gekommen waren, und was sie hier tun wollten.

„Nun, so leb’ denn wohl,“ sagte der Fürst sich besinnend und reichte Rogoshin die Hand.

„Leb’ wohl,“ sagte Rogoshin, indem er fest, doch ganz mechanisch die ihm entgegengestreckte Hand drückte.

Der Fürst trat eine Stufe hinunter, wandte sich dann aber nochmals zurück.

„Und was den Glauben anbetrifft,“ sagte er lächelnd – offenbar wollte er den anderen nicht so verlassen, und wahrscheinlich war ihm plötzlich etwas in den Sinn gekommen – „so hatte ich an zwei Tagen der letzten Woche vier verschiedene Begegnungen. Am Morgen des einen Tages fuhr ich auf einer neuen Eisenbahnstrecke und unterhielt mich vier Stunden lang mit einem gewissen S., mit dem ich im Kupee zusammensaß. Ich hatte schon früher von ihm gehört, unter anderem auch, daß er ein Atheist sei. Er war ein allerdings sehr gelehrter Mann, und es freute mich, daß ich mit einem solchen über dieses Thema sprechen konnte. Außerdem war er vorzüglich erzogen, so daß er mit mir sprach, als wäre ich ihm an Gelehrsamkeit vollkommen gleich. An Gott glaubt er nicht. Nur machte mich eines stutzig: daß er die ganze Zeit gar nicht davon sprach, und zwar machte mich das gerade deshalb stutzig, weil es mir auch früher aufgefallen ist, so oft ich mit Atheisten zusammengekommen bin oder Schriften von ihnen gelesen habe, daß sie gar nicht davon gesprochen oder geschrieben haben, wenn es auch hundertmal diesen Anschein hat. Ich sagte ihm, daß ich diese Beobachtung gemacht hätte, doch muß ich mich wohl nicht ganz verständlich ausgedrückt haben, denn er begriff nicht, was ich damit sagen wollte... Am Abend desselben Tages mußte ich im Gasthof einer kleinen Kreisstadt absteigen, um zu übernachten. Dort hatte sich in der vorhergehenden Nacht ein Mord zugetragen, und so wurde natürlich, als ich eintraf, nur davon gesprochen. Zwei vollkommen nüchterne und bejahrte Bauern, zwei alte Bekannte, oder man kann sogar sagen, zwei gute Freunde, hatten am Abend Tee getrunken und wollten in einem kleinen Stübchen die Nacht verbringen. Der eine aber hatte in den zwei Tagen, die sie schon in der Stadt waren, bemerkt, daß der andere eine silberne Uhr an einer Glasperlenkette trug, die er früher nicht an ihm gesehen hatte. Dieser Mann war durchaus kein Dieb, er war sogar ein ehrlicher Kerl und als einfacher Bauer durchaus nicht arm. Die Taschenuhr gefiel ihm aber in solchem Maße, und ihr Besitz erschien ihm so verlockend, daß er sein Messer nahm und, als der Freund sich abwandte, leise hinterrücks an ihn heranschlich, die Augen zum Himmel aufschlug, sich fromm bekreuzte und inbrünstig betete: ‚Gott, verzeihe mir um Christi willen!‘ – um darauf den Freund mit einem einzigen Stoß niederzustechen wie einen Hammel und ihm die Uhr aus der Tasche zu nehmen.“

Rogoshin brach in ein schallendes Gelächter aus. Er lachte ungläubig, lachte, als hätte er einen Lachkrampf. Und dieses plötzliche konvulsive Lachen erschien um so sonderbarer, als er noch vor einem Augenblick ernst, ja sogar finster gewesen war.

„Das gefällt mir! Nein, das ist aber doch unübertrefflich!“ stieß er zwischendurch hervor. „Der eine glaubt überhaupt nicht an Gott, der andere aber glaubt schon so sehr, daß er, zu ihm betend, sogar Menschen ermordet! Nein, das, Bruder, das ist zu wundervoll, so etwas kann man nur erleben, das kann man sich nicht ausdenken, Fürst, Freund! Ha–ha–ha–ha–ha! Nein, das ist unübertrefflich!...“

„Am folgenden Morgen machte ich einen Spaziergang durch die Stadt,“ fuhr der Fürst fort, sobald Rogoshin sich ein wenig beruhigt hatte, wenn auch sein Mund immer noch krampfhaft zuckte und das Lachen aus seinem Gesicht nicht verschwinden wollte. „Da sehe ich, vor mir auf dem Trottoir kommt mir im Zickzack ein betrunkener Soldat entgegen, zerzaust, unordentlich und schmutzig. Wie er sich mir nähert, sagt er plötzlich: ‚Kauf’, Herr, ein silbernes Kreuz, gebe es dir für zwanzig Kopeken; ein echt silbernes!‘ Ich sehe, er hat in der Hand ein Kreuz, das er offenbar soeben erst vom Halse genommen, an einem hellblauen, nur schon sehr abgetragenen Bande, doch ist es ein schweres Bleikreuz, das sieht man auf den ersten Blick, ziemlich groß, achtendig, mit echt byzantinischem Muster. Ich gab ihm ein Zwanzigkopekenstück und legte mir sogleich das Kreuz um den Hals. Man sah seinem Gesicht an, wie zufrieden er darüber war und wie es ihn freute, daß er den dummen Herrn so geschickt hatte betrügen können, worauf er sich zweifellos in die nächste Schenke begab, um das Geld für sein Kreuz zu vertrinken. Weißt du, Freund, ich war damals noch so unter dem Einfluß all der Eindrücke, die hier in Rußland auf mich eingestürmt waren, daß ich mitunter glaubte, sie würden mich erdrücken. Hatte ich doch früher nichts von unserem Vaterlande begriffen, war ich doch wie ein Taubstummer aufgewachsen, und nur phantastisch entsann ich mich in diesen fünf Jahren im Auslande des einen oder des anderen. Ich ging weiter und dachte bei mir: Nein, ich werde doch damit warten, diesen Christusverkäufer zu verurteilen. Kann doch nur Gott allein wissen, was diese trunkenen, schwachen Herzen in sich bergen. Nach einer Stunde, als ich zum Gasthof zurückkehrte, begegnete ich einem jungen Weibe, das ein kleines Kindchen auf den Armen trug. Es war ein noch junges Weib, und das Kleine wird so sechs Wochen alt gewesen sein. Da sehe ich, wie sie sich plötzlich so fromm bekreuzt, so inbrünstig geradezu. ‚Weshalb bekreuzt du dich, junge Mutter?‘ fragte ich sie – ich frage doch nach allem auf Schritt und Tritt. Da sagte sie: ‚Ebenso groß, wie die Freude der Mutter ist, wenn sie das erste Lächeln ihres Kindes erblickt, ist auch die Freude Gottes jedesmal, wenn er sieht, wie ein Sünder vor ihm zum Gebet niederkniet.‘ Fast mit denselben Worten sagte es mir das Weib, und damit sprach sie einen so tiefen, so feinen und wahrhaft religiösen Gedanken aus, einen Gedanken, in dem sich das ganze Wesen des Christentums ausdrückt, das heißt, der ganze Begriff von Gott, als von unserem leiblichen Vater, und von der Freude Gottes am Menschen, als von der Freude eines Vater an seinem leiblichen Kinde – das aber ist ja doch der Grundgedanke Christi! Es war ein ganz einfaches junges Bauernweib! Freilich, sie war Mutter... Und wer weiß, vielleicht war sie das Weib jenes Soldaten. Höre, Parfen, ich will dir noch auf deine Frage antworten: Das Wesen des religiösen Gefühls steht außerhalb aller Verbrechen und atheistischen Lehrsätze; wenn man von ihm sprechen will, wird man immer irgendwie nicht davon sprechen, und so wird es ewig sein; es ist hierin etwas, von dem alle Atheismen abgleiten, und ich sage dir, man kann gar nicht davon, sondern nur von etwas ganz anderem sprechen. Doch die Hauptsache ist, daß man dies am klarsten und schnellsten am russischen Herzen bemerkt, – davon bin ich überzeugt! Es ist das eine meiner ersten Überzeugungen, die ich hier in unserem Rußland gewonnen habe. Es gibt hier etwas zu tun, Parfen! Es gibt vieles zu tun, hier in unserer russischen Welt, glaub’ es mir! Denk’ daran, wie wir in Moskau zusammenkamen und sprachen... Nein, ich wollte gar nicht mehr hierher zurückkehren!... Und daß wir so, daß wir in dieser Weise uns wiedersehen würden, hätte ich niemals, niemals erwartet! Doch was!... Leb’ wohl, auf Wiedersehen!... Möge Gott dich behüten!“

Er wandte sich um und stieg die Treppe hinab.

„Lew Nikolajewitsch!“ rief plötzlich Parfen von oben, als der Fürst beim ersten Treppenabsatz angelangt war, „das Kreuz, das du dem Soldaten abgekauft hast – hast du das bei dir?“

„Ja, bei mir.“

Und der Fürst blieb stehen.

„Zeig’ mal her.“

Wieder eine neue Seltsamkeit. Der Fürst dachte einen Augenblick nach, dann entschloß er sich und stieg die Treppe wieder hinauf, zog das Kreuz hervor und zeigte es Rogoshin, ohne es jedoch abzunehmen.

„Gib’s mir,“ sagte Rogoshin.

„Weshalb? Willst du denn...“

Der Fürst wollte sich nicht gern von diesem Kreuz trennen.

„Ich werde es tragen und mein Kreuz dir geben, trag du es.“

„Du willst mit mir die Kreuze tauschen?14 Wenn du das willst, Parfen, wird es mich freuen – seien wir Brüder!“

Der Fürst nahm sein bleiernes Kreuz ab und Parfen sein goldenes, und sie tauschten die Kreuze. Parfen schwieg. Es fiel dem Fürsten auf und berührte ihn unangenehm, daß das frühere Mißtrauen, das frühere bittere und fast spöttische Lächeln immer noch im Gesicht seines „Bruders“ zu zucken schien, wenigstens trat es für Augenblicke sichtbar hervor. Schweigend nahm schließlich Rogoshin die Hand des Fürsten und behielt sie eine Weile gleichsam unentschlossen in der seinen; plötzlich zog er ihn dann nach sich, indem er kaum hörbar ein „Komm!“ brummte. Sie gingen über den Treppenflur, und Rogoshin klingelte an der zweiten Tür, die jener, aus der sie herausgetreten waren, gegenüberlag. Es wurde ihnen bald geöffnet. Ein altes, kleines Frauchen in einem schwarzen Kleide, mit gekrümmtem Rücken und einem kleinen, um die Haare gebundenen Tuch verbeugte sich schweigend und tief vor Rogoshin. Dieser stellte flüchtig irgendeine Frage an sie, zog jedoch, ohne stehen zu bleiben oder ihre Antwort abzuwarten, den Fürsten weiter durch die folgenden Zimmer. Auch hier waren es dunkle, hohe Räume, in denen eine ganz besondere Sauberkeit herrschte, und kalt und streng wirkten auch die altertümlichen Möbel in den weißen, sauberen Überzügen. Ohne Anmeldung führte Rogoshin den Fürsten in ein nicht großes Zimmer, das etwa als Gastzimmer eingerichtet zu sein schien, doch wurde ein Teil vom Raume durch eine glänzend polierte Mahagoniholzwand, in der rechts und links eine Tür war, abgeteilt, und dieser Teil diente wahrscheinlich als Schlafzimmer.

In der einen Ecke des Gastzimmers saß dicht am Ofen in einem großen Lehnstuhl eine kleine, alte Frau. Übrigens war sie vielleicht noch gar nicht so sehr alt; ihr angenehmes, rundes Gesicht hatte noch eine ziemlich gesunde Farbe, doch ihr Haar war schon ganz silbergrau, und auf den ersten Blick konnte man erkennen, daß sie bereits vollkommen kindisch geworden war. Sie trug ein schwarzes Wollenkleid, um die Schultern ein weiches, schwarzes Tuch und auf dem Kopf eine saubere, weiße Haube, die unter dem Kinn nach alter Art festgebunden war. Die Füße stützte sie auf ein kleines Fußbänkchen. Neben ihr saß ein anderes, ebenso sauberes Frauchen, vielleicht etwas älter an Jahren, gleichfalls in einem Trauerkleide und einer weißen Haube – offenbar eine arme, alte Bekannte, die im Hause lebte und von Rogoshins ernährt wurde. Sie strickte schweigend an einem Strumpf. Augenscheinlich hatten sie beide die ganze Zeit geschwiegen. Als die ältere, fremde Frau Rogoshin und den Fürsten erblickte, lächelte sie freundlich und nickte mehrmals zum Zeichen ihrer Freude mit dem Kopf.

„Mütterchen,“ sagte Rogoshin, nachdem er seiner alten Mutter die Hand geküßt hatte, „hier ist mein Freund, Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin; wir haben beide die Kreuze getauscht; er war eine Zeitlang in Moskau wie ein leiblicher Bruder zu mir, er hat viel für mich getan. Segne du ihn, Mütterchen, wie du deinen leiblichen Sohn segnen würdest. Wart, Mütterchen, gib her, ich werde dir die Hand zum Segnen zurechtlegen...“

Doch noch bevor Parfen ihre Hand ergreifen konnte, hatte sein Mütterchen schon ihre rechte Hand erhoben, die drei Finger zusammengelegt und andächtig dreimal das Kreuz über den Fürsten geschlagen. Es war ein fast zärtlicher Ausdruck in ihrem Gesicht, als sie ihm darauf freundlich mit dem Kopfe zunickte.

„Nun, gehen wir, Lew Nikolajewitsch,“ sagte Parfen, „ich habe dich nur deshalb hierhergeführt...“

Als sie wieder auf den Treppenflur hinaustraten, fügte er noch hinzu:

„Sie versteht doch sonst nichts, was man zu ihr sagt, und auch meine Worte hat sie nicht verstanden, und doch segnete sie dich; sie muß es selbst gewollt haben... Nun leb’ wohl, es ist Zeit für uns beide, für dich wie für mich.“

Und er öffnete die Tür, die zu seiner Wohnung führte.

„Aber so laß mich dich doch zum Abschied wenigstens umarmen, du sonderbarer Mensch!“ rief der Fürst aus, indem er ihn mit liebevollem Vorwurf anblickte, und er näherte sich ihm.

Doch Parfen hatte kaum die Hände erhoben, als er sie auch schon wieder sinken ließ. Er konnte sich nicht entschließen, er wandte sich von ihm ab, um ihn nicht ansehen zu müssen. Er wollte ihn nicht umarmen.

„Hab’ keine Angst! Ich habe wohl von dir dein Kreuz genommen, aber wegen einer Taschenuhr werde ich dich doch nicht ermorden!“ brummte er undeutlich und lachte dann ganz eigentümlich auf.

Doch plötzlich veränderte sich sein ganzes Gesicht: er erbleichte unheimlich, seine Lippen erzitterten und seine Augen wurden dunkel und flammten auf. Er erhob die Arme, umarmte den Fürsten krampfhaft und stieß, vor Erregung ganz atemlos, hervor:

„So nimm sie denn, wenn’s das Schicksal so will! Sie sei dein! Ich lasse sie dir!... Gedenke Rogoshins!“

Und hastig verließ er den Fürsten, ohne ihn anzusehen, und trat durch die Tür, die er krachend hinter sich zuschlug.

V

Es war schon ziemlich spät, fast halb drei Uhr nachmittags, und so traf der Fürst den General nicht mehr in seiner Stadtwohnung an. Er hinterließ seine Visitenkarte und begab sich hierauf in den Gasthof „Zur Wage“, um dort mit Koljä zu sprechen oder, falls er auch ihn nicht antreffen sollte, ein paar Worte an ihn zu schreiben, die er dann bei seiner Rückkunft vorfinden würde. Im Gasthof wurde ihm aber auf seine Frage mitgeteilt, daß Nikolai Ardalionytsch Iwolgin bereits am Morgen ausgegangen sei; doch habe er vor dem Fortgehen hinterlassen, für den Fall, daß jemand nach ihm fragen sollte, daß er um drei Uhr vielleicht zurückkehren werde; wenn er aber bis halb vier noch nicht erschienen sein sollte, so bedeute das, daß er mit der Bahn nach Pawlowsk gefahren sei, und dann würde er auch wohl bis zum Abend dort bleiben. Der Fürst beschloß, bis halb vier zu warten, und ließ sich die Speisekarte geben, um inzwischen zu Mittag zu speisen.

Die Uhr schlug halb vier und schlug vier, doch Koljä kam nicht. Der Fürst trat auf die Straße hinaus und ging mechanisch weiter. Es gibt bisweilen zu Anfang des Sommers wundervolle Tage in Petersburg, die Luft ist dann so hell, warm und still. Ein solcher Tag war es gerade jetzt. Der Fürst schlenderte eine gute Weile ziellos umher. Die Stadt war ihm wenig bekannt. An den Straßenkreuzungen, vor einzelnen Häusern, auf Plätzen und Brücken blieb er stehen; einmal setzte er sich in eine Konditorei, um etwas auszuruhen. Hin und wieder begann er auch mit großem Interesse die Vorübergehenden zu betrachten; doch am häufigsten sah er weder diese, noch bemerkte er überhaupt, wo er sich befand. Er fühlte sich in qualvoll gespannter und unruhiger Stimmung, und gleichzeitig empfand er ein unbezwingbares Bedürfnis nach Einsamkeit. Er wollte allein sein, um sich dieser ganzen, quälenden Stimmung völlig passiv hingeben zu können, ohne auch nur den geringsten Ausweg aus ihr zu suchen. Ihn ekelte vor all diesen Fragen, die plötzlich seine Seele und sein Herz bestürmten. „Wie denn, bin ich denn schuld an alledem?“ murmelte er halb unbewußt vor sich hin.

Es war bereits gegen sechs, als er plötzlich gleichsam erwachte und sich auf dem Bahnhof der Zarskoje-Sselo-Bahn sah. Die Einsamkeit auf dem Bahnsteig wurde ihm bald unerträglich; ein neues Gefühl erfaßte ihn heiß und erhellte für einen Augenblick grell das Dunkel, in dem seine Seele rang. Er löste ein Billett nach Pawlowsk, und es drängte ihn, so schnell wie nur möglich fortzufahren. Doch offenbar verfolgte ihn etwas, und was ihn verfolgte, war nicht irgendein Wahn seiner Phantasie, wie er vielleicht zu glauben geneigt war, sondern Wirklichkeit. Kaum hatte er sich ins Kupee gesetzt, als er mit einemmal das soeben gelöste Billett hinwarf, auf den Bahnsteig hinabsprang und zerstreut und wie in Gedanken versunken den Bahnhof verließ. Nach einer Weile, bereits auf der Straße, kam ihm dann plötzlich eine Vorstellung ganz besonderer Art, die ihm zum Bewußtsein brachte, was ihn schon lange beunruhigt hatte. Er ertappte sich nun mit einem Male bei einer sehr sonderbaren Empfindungsäußerung, die schon ziemlich lange andauerte, die er jedoch erst jetzt bemerkte: schon seit mehreren Stunden, sogar schon in der „Wage“, vielleicht aber auch schon vorher, kamen ihm immer wieder Augenblicke, in denen er plötzlich mit den Blicken ringsum irgend etwas zu suchen begann, bis er es dann plötzlich wieder vergaß – und sogar auf lange Zeit, auf ganze halbe Stunden –, um sich dann ebenso plötzlich wieder umzusehen und wieder unruhig mit den Augen zu suchen und zu suchen.

Doch kaum waren ein paar Minuten vergangen, nachdem er diesen krankhaften und bisher vollkommen unbewußten Vorgang bemerkt hatte, als plötzlich auch noch eine andere Erinnerung in ihm auftauchte, die sogleich ein ganz besonderes Interesse in ihm erweckte: er entsann sich, daß er in dem Augenblick, als er sich seines immer wiederkehrenden Suchens bewußt wurde, gerade auf dem Trottoir vor einem Schaufenster gestanden und mit großem Interesse die ausgestellte Ware betrachtet hatte. Nun wollte er sich unbedingt überzeugen, ob er tatsächlich vor vielleicht fünf Minuten auf seinem Wege an einem solchen Fenster vorbeigekommen war, oder ob er es sich nur einbildete, vor einem solchen Fenster gestanden zu haben. Hatte er nicht irgend etwas verwechselt? Gab es wirklich ein solches Schaufenster mit dieser Ware? Fühlte er sich doch heute eigentümlich krank, unruhig, unbehaglich, fast in derselben Stimmung, die früher seinen epileptischen Anfällen vorausgegangen zwar. Er wußte, daß er in den Stunden vor einem Anfall stets ungewöhnlich zerstreut gewesen war und häufig sogar Gegenstände und Personen verwechselt hatte, wenn er sie nicht gerade mit angespannter Aufmerksamkeit ansah. Doch es gab da noch einen besonderen Grund, weshalb er sich unbedingt vergewissern wollte, ob er in dem Augenblick tatsächlich vor einem Schaufenster gestanden: unter den zur Schau gestellten Gegenständen war ein Gegenstand gewesen, den er unverwandt angesehen, und den er sogar auf sechzig Silberkopeken geschätzt hatte, – dessen entsann er sich noch genau, trotz seiner ganzen Zerstreutheit und Erregung. Wenn nun dieses Schaufenster existierte und dieser Gegenstand sich wirklich unter den übrigen fand, so war er nur wegen dieses Gegenstandes stehen geblieben; folglich aber mußte dieser doch von so großem Interesse für ihn sein, daß er seine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte, und das noch dazu in einem Augenblick so bedrückender Zerstreutheit, nachdem er kaum aus dem Bahnhof herausgetreten war! Der Fürst ging denselben Weg zurück, den er gekommen, und blickte fast angstvoll auf die Schaufensterreihe, während sein Herz in ungeduldiger Erwartung laut schlug. Endlich, da war das Fenster! Er war also schon an fünfhundert Schritt an ihm vorübergegangen. Und da war auch jener Gegenstand, den er auf sechzig Kopeken geschätzt hatte. „Natürlich, sechzig Kopeken, nicht mehr und nicht weniger!“ dachte er bei sich und lachte. Doch dieses Lachen war nervös, es wurde ihm unsäglich schwer zumute. Und auf einmal entsann er sich, daß er gerade hier, als er vor diesem Fenster gestanden, sich plötzlich umgewandt hatte, ganz wie vorhin bei Rogoshin, als er dessen Blick auf sich ruhen gefühlt. Nachdem er sich überzeugt, daß er sich im Schaufenster nicht getäuscht hatte – wovon er übrigens auch schon vor der Rückkehr zum Fenster eigentlich überzeugt gewesen war – wandte er sich wieder um und ging schnell fort. Über alles das hieß es jetzt nachdenken, um möglichst bald mit sich selbst ins reine zu kommen. Jetzt war es ja klar, daß auch am Morgen bei seiner Ankunft etwas unbedingt Wirkliches auf ihm gelastet hatte, das zweifellos mit dieser seiner früheren Unruhe zusammenhing. Er wollte über alles nachdenken... doch da stieg in ihm ein gewisser, unbezwinglicher Ekel auf und erstickte alles übrige; er mochte nicht nachdenken, er wollte nicht daran denken,... seine Gedanken hingen an etwas ganz anderem.

Er dachte unter anderem auch daran, daß in seinem früheren epileptischen Zustande kurz vor jedem Anfall – wenn der Anfall nicht in der Nacht, nicht gerade im Schlafe kam – ganz plötzlich mitten in der Trauer, in der inneren Dunkelheit – wie er es nannte – des Bedrücktseins und der Qual, sein Gehirn sich für Augenblicke gleichsam blitzartig erhellte und alle seine Lebenskräfte sich mit einem Schlage krampfhaft anspannten. Die Empfindungen des Lebens, des Seins verzehnfachten sich in diesen Augenblicken, und wenn sie vergangen waren, war alles nur wie ein Blitz gewesen. Der Verstand und das Herz waren plötzlich von ungewöhnlichem Licht erfüllt; alle Aufregung, alle Zweifel, alle Unruhe löste sich gleichsam in eine höhere Ruhe auf, in eine Ruhe voll klarer, harmonischer Freude und Hoffnung. Doch diese Augenblicke, diese Lichtblicke waren erst nur eine Vorahnung jener einen Sekunde, in der dann der Anfall eintrat – länger als eine Sekunde währte es nie. Diese Sekunde aber war unerträglich. Wenn er später in bereits gesundem Zustande über diese Sekunde nachgedacht, hatte er sich sagen müssen, daß doch all diese Lichterscheinungen und Augenblicke eines höheren Bewußtseins und einer höheren Empfindung seines Ich, und folglich auch eines „höheren Seins“, schließlich nichts anderes waren als eine Unterbrechung des normalen Zustandes, als eben seine Krankheit; war aber das der Fall, so konnte man es doch durchaus nicht als „höheres“ Sein, sondern im Gegenteil nur als ein sehr niedriges betrachten. Doch dessenungeachtet kam er zu guter Letzt zu einer überaus paradoxen Schlußfolgerung: „Nun, was tut denn das, daß es Krankheit und unnormal ist?“ entschied er schließlich, „Was geht das mich an, ob es normal oder nicht normal ist, wenn das Resultat, wenn die Empfindung des Augenblicks in der Erinnerung an sie in gesundem Zustande mir als höchste Harmonie und Schönheit erscheint, in mir bis dahin ungeahnte Gefühle erweckt, Größe, Fülle und Ewigkeit mich fühlen läßt und mich mit allem aussöhnt, wie in einem begeisterten, gottschauenden Zusammenfließen mit der höchsten Synthese des Lebens?“ Diese nebelhaften Ausdrücke für seine Gefühle erschienen ihm selbst sehr verständlich, nur fand er sie noch viel zu schwach. Daß es aber tatsächlich „Schönheit und Gottschauen“ und „die höchste Synthese des Lebens“ war – daran zweifelte er nicht, er hätte es überhaupt nicht vermocht, einen Zweifel auch nur zuzulassen. Waren es doch keine Visionen von der Art, wie man sie nach dem Genuß von Haschisch, Opium oder Wein träumt, die die Vernunft vernichten und die Seele verzerren, die unnormal und künstlich sind. Darüber konnte er in gesundem Zustande ganz objektiv urteilen. Diese Augenblicke waren schließlich nichts anderes als eine unendliche Ausspannung des Sichselbstempfindens – wenn man diesen Zustand in einem Wort ausdrücken soll – oder der Erkenntnis, des Bewußtseins eines im höchsten Grade unmittelbaren Selbstgefühls. Wenn er in dem Augenblick, d. h. in jener letzten bewußten Sekunde vor dem Anfall, sich noch deutlich und bewußt sagen konnte: „Ja, für diese Sekunde kann man das ganze Leben hingeben!“ so mußte diese Sekunde selbstverständlich auch das ganze Leben wert sein. Übrigens – für die Richtigkeit der Dialektik seiner Schlußfolgerung stand er nicht ein: die geistige Stumpfheit, die seelische Dunkelheit, der Idiotismus standen als Folgen dieser „höchsten“ Sekunde nur zu deutlich in seiner Erinnerung, und so hätte er natürlich nicht versucht, seine Auffassung im Ernst zu verteidigen. Es mußte also in seiner Folgerung, in seiner Einschätzung dieses Augenblicks doch irgendwo ein Fehler sein, ein Versehen vielleicht, aber die Wirklichkeit der Empfindung war nun einmal Tatsache, und ihren Eindruck konnte und wollte er nicht herabsetzen. „In diesem Augenblick glaube ich jenes ungeheuere Wort zu verstehen, daß ‚die Zeit nicht mehr sein wird‘,“ hatte er einmal in Moskau zu Rogoshin gesagt. Und lächelnd hatte er noch hinzugefügt: „Wahrscheinlich ist es dieselbe Sekunde, in der der bis zum Rande mit Wasser gefüllte Krug des Epileptikers Mohammed umstürzte und doch nicht Zeit hatte, überzufließen, während Mohammed in derselben Sekunde alle Gärten Allahs überschaute.“ Ja, in Moskau war er oft mit Rogoshin zusammengekommen, und dann hatten sie fast nur davon gesprochen.

„Rogoshin sagte vorhin, daß ich damals sein Bruder gewesen sei... Das hat er heute zum erstenmal gesagt,“ dachte der Fürst bei sich.

Als er daran dachte, saß er auf einer Bank, unter einem Baume im „Sommergarten“15. Es war gegen sieben Uhr und der Garten schon ganz menschenleer; etwas Dunkles schob sich für einen Augenblick vor die untergehende Sonne. Es war schwül;... in der Ferne zog ein Gewitter herauf. Der Fürst befand sich in einer Stimmung, die seine Gedanken immer wieder auf einen gewissen Weg zu locken schien, und deshalb heftete er instinktmäßig sein Denken an jeden äußeren Gegenstand, der ihm auffiel oder im Laufe des Tages aufgefallen war, und dieses Spiel gefiel ihm. Es war ihm, als wollte er etwas vergessen, etwas Gegenwärtiges, Drohendes, – doch schon beim ersten Blick ringsum erkannte er in sich wieder seinen dunklen Gedanken, diesen Gedanken, den er doch um jeden Preis loswerden wollte. Er zwang sich, daran zu denken, was er in der „Wage“ mit dem Oberkellner über einen sehr seltsamen Mord, der in letzter Zeit viel von sich reden gemacht, eigentlich gesprochen hatte. Doch kaum begann er daran zu denken, als plötzlich schon wieder etwas Sonderbares mit ihm geschah: ein allmächtiger, unbezwingbarer Wunsch, der fast wie eine teuflische Versuchung war, umkrallte plötzlich seinen ganzen Willen. Er erhob sich von der Bank und ging aus dem Garten geradeswegs zur „Petersburger Seite“16. Als er vorhin am Newakai gestanden, hatte er sich von einem Vorübergehenden den Weg dorthin zeigen lassen, doch war er damals nicht hingegangen. Es wäre ja auch ganz zwecklos gewesen, hinzugehen, das wußte er. Die Adresse war ihm bekannt, und das Haus der Verwandten Lebedeffs hätte er bald gefunden; doch was half das, wenn er fast genau wußte, daß er sie nicht zu Hause antreffen würde?

„Bestimmt ist sie nach Pawlowsk gefahren, sonst hätte Koljä nach der Verabredung eine Nachricht in der ‚Wage‘ hinterlassen.“ Wenn er aber jetzt dennoch hinging, so tat er es natürlich nicht, um sie zu sehen. Eine andere dunkle und quälende Neugier lockte ihn dahin. Es war ihm plötzlich ein neuer Gedanke gekommen...

Vorläufig genügte es ihm vollkommen, daß er ging und daß er wußte, wohin er ging. Doch kaum war eine Minute verstrichen, und er wußte nicht mehr, wohin er ging; er empfand es überhaupt nicht, daß er sich weiterbewegte. An seinen neuen Gedanken zu denken, ekelte ihn und wurde ihm ganz unmöglich. Mit qualvoll angespannter Aufmerksamkeit begann er alles zu betrachten, was ihm in den Weg kam, oder er betrachtete den Himmel, die Newa. Ein kleines Kind, das ihm begegnete, redete er an. Vielleicht war es nur die epileptische Spannung, die immer größer in ihm wurde.

Das Gewitter schien in der Tat, wenn auch nur langsam, heraufzuziehen. In der Ferne hörte man bisweilen ein dumpfes Grollen. Es war unerträglich schwül...

Aus irgendeinem Grunde mußte er jetzt fortwährend an den Neffen Lebedeffs denken, den er am Vormittage gesehen hatte – wie einen bisweilen ein dummes, musikalisches Motiv verfolgt, das man auf keine Weise loswerden kann, auch wenn es einem schon bis zur Übelkeit langweilig geworden ist. Das Sonderbarste daran war aber, daß dieser Neffe ihm immer als jener Mörder erschien, als den Lebedeff ihn vorgestellt hatte. Von diesem Mörder hatte er noch vor ein paar Tagen gelesen. Überhaupt hatte er viel von derartigen Geschehnissen gelesen, seitdem er wieder in Rußland war; er verfolgte alle diese Dinge sehr gespannt. Und in der „Wage“ hatte er mit dem Oberkellner sehr interessiert über die Ermordung der Familie Shemarin gesprochen. Der Oberkellner war ganz seiner Meinung gewesen, dessen entsann er sich. Er dachte an den Eindruck, den dieser Oberkellner auf ihn gemacht hatte: es war das ein nicht dummer Bursche, solide und vorsichtig, – „übrigens... Gott weiß, was er sein kann... es ist schwer in einem neuen Lande neue Menschen zu durchschauen.“ An die russische Seele begann er übrigens leidenschaftlich zu glauben. Oh, viel, viel für ihn ganz Neues, Ungeahntes, Unerhörtes, Unerwartetes hatte er in diesen sechs Monaten ertragen! Doch eine fremde Seele bleibt stets ein Rätsel, und auch die russische Seele ist ein Rätsel, für viele ein Rätsel. Da war er nun lange Zeit so oft mit Rogoshin zusammengekommen, wie „Brüder“ waren sie zueinander gewesen, und dennoch – kannte er Rogoshin? – „Was ist das hier alles für ein Chaos, welch ein Durcheinander, welch eine Unordnung! Was doch dieser Neffe Lebedeffs für ein unsympathischer und selbstzufriedener Bengel ist! Übrigens, was fällt mir ein!“ fuhr der Fürst in seinem Gedankengang fort, „er hat doch nicht diese Familie ermordet, die sechs Menschen? Ich glaube, ich verwechsele alles... wie sonderbar das ist! Ich glaube, mein Kopf ist ganz wirr, es dreht sich alles in ihm... Was für ein reizendes, sympathisches Gesicht doch die älteste Tochter Lebedeffs hat, die dort mit dem Kinde stand, welch ein unschuldiger, fast kindlicher Ausdruck in ihren Augen lag und dazu dieses kindlich-heitere Lachen!“ Seltsam, daß er dieses Gesicht fast ganz vergessen hatte und es erst jetzt in seiner Erinnerung auftauchte. Und Lebedeff, der sie mit den Füßen trampelnd anschreit, vergöttert höchstwahrscheinlich alle seine Kinder. Und was sogar noch wahrscheinlicher, was sogar ganz zweifellos Tatsache ist, das ist – daß Lebedeff auch seinen Neffen vergöttert!

„Übrigens, wie kommt er darauf, über sie alle ein endgültiges Urteil fällen zu wollen, er, der erst heute hier eingetroffen ist? Nehmen wir selbst diesen Lebedeff – der hat ihm doch vorhin einfach ein Rätsel aufgegeben: hätte er denn früher jemals einen solchen Lebedeff für möglich gehalten? Lebedeff und die Dubarry – Heiliger Vater! Wenn Rogoshin mordet, so wird er wenigstens nicht so unanständig morden. Es wird nicht dieses Chaos sein. Eine nach eigener Zeichnung bestellte Mordwaffe und sechs Menschen, alle sechs vorher in bewußtlosem Zustande! Hat denn Rogoshin eine nach eigener Zeichnung bestellte Mordwaffe... er hat... aber... steht es denn fest, daß Rogoshin morden wird?!“ fragte sich der Fürst, plötzlich zusammenzuckend. „Ist es nicht ein Verbrechen, eine Schändlichkeit, eine Niedertracht meinerseits, so zynisch offen eine solche Annahme auch nur in Gedanken zuzulassen?“ rief er innerlich, und die Röte der Scham stieg ihm jäh ins Gesicht. Wie von einem Schlage getroffen blieb er stehen, und mit einem Schlage stand auch deutlich vor seinem geistigen Auge der Bahnhof der Zarskoje-Sselo-Bahn, von wo aus er nach Pawlowsk hatte fahren wollen, dann der Nikolaibahnhof am Morgen bei der Ankunft und die direkte Frage an Rogoshin in betreff der „Augen“ und dann das Kreuz Rogoshins, das er jetzt auf seiner Brust trug und der Segen der alten Mutter Rogoshins, zu der ihn jener selbst geführt hatte, und dann die letzte krampfhafte Umarmung und plötzlich der Verzicht Rogoshins, vorhin, auf der Treppe – und nach alledem mußte er sich nun immerwährend darauf ertappen, daß er irgend etwas in seiner Umgebung gleichsam suchte, – und dann jenes Schaufenster und jener eine Gegenstand... welch eine Gemeinheit von ihm! Und nach alledem geht er jetzt mit einer „besonderen Absicht“ und einem besonderen „plötzlichen Gedanken“ dorthin. Verzweiflung und Qual erfaßte seine ganze Seele. Er wollte sofort umkehren und in sein Hotel zurückgehen; er wandte sich auch schon um und ging, doch nach einer Minute blieb er stehen, dachte nach, wandte sich wieder um und setzte seinen früheren Weg fort.

Da sah er, daß er bereits auf der „Petersburger Seite“ war, und daß es zu dem Hause der Verwandten Lebedeffs nicht mehr weit sein konnte. Ging er doch jetzt nicht mehr mit der früheren Absicht hin, nicht mehr mit seinem „besonderen Gedanken“! Wie ging das zu? Ja, seine Krankheit kehrt wieder, daran kann er nicht mehr zweifeln; vielleicht wird er heute noch einen Anfall haben? Deshalb auch diese ganze Dunkelheit innerlich, deshalb auch dieser plötzliche Gedanke, diese neue Idee! Jetzt ist das Dunkel zerstreut, der Dämon vertrieben, alle Zweifel sind aufgehoben, in seinem Herzen ist Freude! Und – er hat sie so lange nicht gesehen, er muß sie schnell sehen und... ja, er möchte jetzt Rogoshin treffen, er würde ihn bei der Hand nehmen, und sie würden beide zusammen gehen... Sein Herz ist rein. Ist er denn Rogoshins Nebenbuhler? Morgen wird er zu Rogoshin gehen und ihm sagen, daß er bei ihr gewesen; war er doch herbeigeeilt, wie Rogoshin vorhin sagte, nur um sie zu sehen! Vielleicht wird er sie doch antreffen; es steht ja noch gar nicht fest, daß sie nach Pawlowsk gefahren ist!

Ja, es muß jetzt vor allen Dingen Klarheit geschaffen werden, damit sich alle über alle klar seien, damit es in der Leidenschaft nicht wieder zu solchen erschreckenden Verzichten kommt, wie heute, als Rogoshin auf sie verzichtete und sie ihm abtrat... Ja, es muß das alles frei geschehen, frei und... licht. Ist denn Rogoshin unfähig zu einem Leben im Lichten? Er sagt, er liebe sie nicht so, empfinde kein Mitleid wie ich. Allerdings fügte er dann noch hinzu: „Dein Mitleid ist vielleicht noch größer als meine Liebe,“ – aber er verleumdet sich ja doch nur. Hm!... Rogoshin liest Bücher, – ist denn das nicht „Mitleid“, nicht der Anfang des „Mitleids“? Beweist denn nicht schon dieses eine Buch auf seinem Tisch, daß er sein Verhältnis zu ihr vollkommen begreift? Und was er vorhin erzählte? Nein, das ist tiefer als bloße Leidenschaft. Und kann denn ihr Gesicht nur Leidenschaft allein erwecken? Und noch dazu jetzt, so wie es jetzt ist? Mitleid erweckt es, die ganze Seele nimmt es gefangen, es... Brennende, quälende Erinnerung durchzuckte plötzlich das Herz des Fürsten.

Ja, quälend war die Erinnerung. Er mußte daran denken, wie er sich überzeugt hatte, daß sie ja doch ganz von Sinnen war. Er war damals der Verzweiflung nahe gewesen. Und wie hatte er sie damals verlassen können, als sie von ihm zu Rogoshin gelaufen war? Seine Pflicht wäre es gewesen, ihr nachzueilen, nicht aber, auf Nachrichten zu warten. Aber... sollte Rogoshin noch immer nicht bemerkt haben, daß sie von Sinnen ist? Hm!... Rogoshin vermutet in allem andere Ursachen, in allem vermutet er Leidenschaft. Und was das doch für eine sinnlose Eifersucht ist! Was wollte er vorhin mit seiner Annahme sagen? (Der Fürst errötete plötzlich, und es war ihm, als ob etwas in seinem Herzen erzitterte.)

Doch wozu daran denken? Sowohl Rogoshin wie sie – beide waren sie wahnsinnig. Daß aber er, der Fürst, diese Frau leidenschaftlich lieben sollte – das war ja ganz undenkbar, das wäre ja fast eine Grausamkeit, eine Unmenschlichkeit gewesen. Ja, ja! Nein, Rogoshin verleumdet sich selbst: er hat ein großes, ein so großes Herz, ein Herz, das leiden und auch Mitleid zu empfinden vermag. Wenn er erst die ganze Wahrheit erfahren wird, wenn er erst sehen wird, was für ein armes Geschöpf dieses beschimpfte und erniedrigte, halb wahnsinnige Weib ist, – wird er ihr dann nicht alles verzeihen, alle Qualen, die er durch sie gelitten? Wird er dann nicht ihr Diener, ihr Bruder, ihr Freund, ihre Vorsehung werden? Das Mitleid wird ihn lehren und lenken. Das Mitleid ist ja doch das erste und vielleicht auch einzige Daseinsgesetz der ganzen Menschheit. Oh, wie unverzeihlich und unehrenhaft seine Schuld Rogoshin gegenüber war! Nein, nicht die russische Seele ist ein Rätsel, sondern seine eigene Seele mußte ein Rätsel sein, wenn er einen so schändlichen, so entsetzlichen Verdacht hegen konnte. Für ein paar warme herzliche Worte, die er in Moskau zu ihm gesprochen, nennt ihn Rogoshin bereits seinen Bruder, er aber... Doch das ist ja alles nur Krankheit, nur Fieber! Es wird sich ja alles bald entscheiden!... Wie finster doch Rogoshin vorhin gesagt hatte, daß sein Glaube „vergehe“! Nein, dieser Mensch muß sich unsäglich quälen. Er sagt, er „liebe es, dieses Bild zu betrachten“; das heißt, er liebt es nicht, aber er empfindet das Bedürfnis, es zu betrachten. Rogoshin ist nicht nur ein Leidenschaftsmensch, er ist – ein Kämpfer! Ja, ein Kämpfer ist er: wenn nicht anders, dann mit Gewalt den verlorenen Glauben wiedergewinnen, das will er. Und den Glauben, nach dem verlangt es ihn jetzt bis zur Pein... Ja, an etwas glauben! An jemand glauben! Aber wie sonderbar doch diese Holbeinsche Kreuzabnahme ist... Ah, da ist die Straße! Da ist auch wahrscheinlich schon das Haus... Richtig: Nr. 16. „Haus der Kollegien-Sekretärin Filissoff“. Das ist es!

Der Fürst zog die Klingel und fragte nach Nastassja Filippowna.

Die Hausbesitzerin, die ihm selbst geöffnet hatte, teilte ihm mit, daß Nastassja Filippowna bereits am Morgen nach Pawlowsk zu Darja Alexejewna gefahren sei – „und es ist möglich, daß sie etliche Tage daselbst verbleibt,“ fügte sie mitteilsam hinzu.

Die Filissowa war ein mageres, spitzes Dämchen von etwa vierzig Jahren, mit spitzem Gesicht und scharfen Augen, die den Fürsten listig und aufmerksam musterten. Auf ihre Frage, „mit wem sie denn die Ehre habe“ – sie hatte gleichsam mit Absicht so gefragt, als handle es sich um ein großes Geheimnis – wollte der Fürst eigentlich nicht gern antworten, und er wandte sich bereits zum Fortgehen; doch besann er sich sogleich, nannte seinen Namen und bat sie, Nastassja Filippowna von seinem Besuch in Kenntnis zu setzen. Die Filissowa horchte auf und machte ein höchst geheimnisvolles Gesicht, als hätte sie damit sagen wollen: „I, ich verstehe schon, seien Sie unbesorgt!“ Der Name des Fürsten hatte offenbar großen Eindruck auf sie gemacht. Der Fürst blickte sie nur zerstreut an, wandte sich dann um und kehrte auf die Straße zurück. Doch als er das Haus verließ, sah er anders aus als beim Eintritt in dasselbe. Es war in ihm wieder eine Veränderung vor sich gegangen, und wieder war es in einer einzigen Sekunde geschehen: wieder war er bleich, müde, gequält und erregt; seine Knie zitterten und ein unstetes, trübes Lächeln ließ seine blau gewordenen Lippen hin und wieder zucken: sein „plötzlicher Gedanke“ hatte sich plötzlich bestätigt, es hatte also seine Richtigkeit damit, und – wieder glaubte er an seinen Dämon!

Aber hatte er sich auch wirklich bestätigt? Hatte es wirklich seine Richtigkeit damit? Weshalb zitterte er denn jetzt wieder? Woher kam dieser kalte Schweiß auf der Stirn, diese Dunkelheit und Kälte in der Seele? Weil er soeben wieder jene Augen gesehen? Aber er war ja doch nur deshalb aus dem Sommergarten hergekommen, um sie zu sehen! Das war ja doch sein ganzer „plötzlicher Gedanke“ gewesen. Er hatte unbedingt, unbedingt „jene Augen“ sehen wollen, um sich endgültig zu überzeugen, daß er sie unfehlbar „dort, bei jenem Hause“ sehen würde. Dieser krampfhafte Wunsch hatte ihn hergeführt, – weshalb ist er denn jetzt so zermalmt, nachdem er sie nun auch wirklich gesehen? Ganz als hätte er es nicht erwartet! Ja, es waren dieselben Augen – daß es tatsächlich dieselben waren, darüber konnte kein Zweifel bestehen! – dieselben, die in der drängenden Volksmenge plötzlich aufblitzend starr ihn angesehen hatten, als er aus dem Kupee gestiegen war; dieselben (genau, genau dieselben!), deren Blick er vorhin auf sich ruhen gefühlt, die Augen dicht hinter seinen Schultern, als er bei Rogoshin im Begriff gewesen war, sich zu setzen. Rogoshin hatte geleugnet, hatte nur mit ironischem, eisigem Lächeln gefragt: „Wessen Augen waren’s denn?“ Und der Fürst hatte noch vor kurzem – als er sich auf dem Bahnhof der Zarskoje-Sselo-Bahn ins Kupee gesetzt, um zu Aglaja zu fahren, und plötzlich wieder diese Augen sah, bereits zum drittenmal an diesem Tage – auf Rogoshin zugehen und ihm sagen wollen, „wessen Augen es waren“! Statt dessen war er aus dem Bahnhof hinausgeeilt und erst vor dem Schaufenster jener Messerhandlung halbwegs zur Besinnung gekommen, als er dort stehen geblieben war und halb unbewußt einen Gegenstand mit einem Hirschhorngriff auf sechzig Kopeken geschätzt hatte. Der seltsame, grauenvolle Dämon heftete sich endgültig an ihn und wollte ihn nicht mehr verlassen. Dieser Dämon hatte ihm im Sommergarten, als er gedankenverloren unter der Linde gesessen, plötzlich zugeflüstert, daß Rogoshin, wenn er es für nötig fand, ihn seit dem Morgen zu verfolgen, sich gleichsam an seine Fersen zu heften, dann doch sicherlich nach der Feststellung, daß der Fürst nicht nach Pawlowsk fuhr (was für Rogoshin natürlich von verhängnisvoller Bedeutung war), ganz zweifellos dorthin gehen würde, zu jenem Hause auf der Petersburger Seite, um dort den Fürsten zu erwarten, der ihm doch noch am Vormittage sein Ehrenwort gegeben, daß er sie „nicht sehen“ werde und „nicht deshalb nach Petersburg gekommen sei“. Und dennoch – wie im Krampf war er zu jenem Hause gestrebt. Und was ist denn dabei, daß er dort tatsächlich Rogoshin antraf? Er hatte doch nur einen unglücklichen Menschen gesehen, dessen Seelenzustand dunkel und düster, doch nichtsdestoweniger nur zu verständlich war. Dieser unglückliche Mensch hatte sich jetzt nicht einmal mehr versteckt. Ja, Rogoshin hatte, als er ihn nach jenen Augen gefragt, geschwiegen und nicht die Wahrheit gesagt, doch auf dem Bahnsteig der Zarskoje-Sselo-Bahn hatte er, fast ohne sich verbergen zu wollen, dagestanden; eher war sogar er es gewesen, der Fürst, der sich verborgen hatte, nicht aber Rogoshin. Jetzt aber, bei jenem Hause, hatte er auf der anderen Seite der Straße gestanden, vielleicht fünfzig Schritt entfernt, schräg gegenüber dem Hause; auf dem Trottoir hatte er gestanden, die Arme über der Brust verschränkt, und gewartet. Hier hatte er frei gestanden, allen sichtbar, und offenbar hatte er mit Absicht gewollt, daß der Fürst ihn sähe. Wie ein Ankläger und Richter hatte er dort gestanden und nicht wie... Nicht wie wer?

Aber weshalb war er, der Fürst, denn nicht auf ihn zugegangen? Weshalb hatte er sich von ihm abgewandt, als hätte er ihn nicht bemerkt, obschon ihre Blicke sich begegnet waren? (Ja, ihre Blicke waren sich begegnet, und sie hatten einander in die Augen gesehen.) Hatte er doch noch vor kurzem selbst den Wunsch gehabt, Rogoshin bei der Hand zu nehmen und mit ihm zusammen dorthin zu gehen? Hatte er doch selbst morgen zu ihm gehen und ihm sagen wollen, daß er bei ihr gewesen war? Hatte er sich doch selbst von seinem Dämon losgesagt, noch auf dem halben Wege dorthin, als plötzlich Freude seine ganze Seele erfüllt hatte. Oder war in Rogoshin tatsächlich irgend etwas gewesen, in der ganzen heutigen Erscheinung dieses Menschen, in der Gesamtheit seiner Worte, Bewegungen, Handlungen, Blicke, das die entsetzlichen Vorahnungen des Fürsten und die furchtbaren Einflüsterungen seines Dämons rechtfertigen konnte? Irgend etwas, das man vielleicht ganz unbewußt, ganz von selbst sieht, das sich aber schwer analysieren oder in Worten ausdrücken läßt, und das, wenn man es auch tausendmal nicht begründen kann, dennoch einen vollkommen in sich abgeschlossenen und unwiderstehlichen Eindruck macht, der ganz unwillkürlich zur vollen Überzeugung auswächst?...

Überzeugung? – Zu was für einer Überzeugung? (Oh, wie die Ungeheuerlichkeit dieser „erniedrigenden“ Überzeugung, „dieser niedrigen Vorahnung“ den Fürsten quälte, und wie bittere Vorwürfe er sich ihretwegen machte!) „So sag’ es doch, wenn du es wagst, was das für eine Überzeugung ist?“ sagte er immer wieder herausfordernd zu sich selbst, „formuliere, wage es doch, deinen ganzen Gedanken klar, treffend, ohne zu zögern, auszusprechen! Oh, ein Ehrloser bin ich!“ rief er verzweifelt aus, und die Röte der Scham stieg ihm ins Gesicht. „Mit welchen Augen werde ich jetzt mein Leben lang auf diesen Menschen sehen! Was ist das heute für ein Tag! Gott, welch ein Alpdruck!“

Während der Fürst den langen Weg von der Petersburger Seite bis zu seinem Gasthof zurücklegte, überkam ihn in einem Augenblick plötzlich der unbezwingbare Wunsch, sogleich zu Rogoshin zu gehen, ihn zu erwarten, beschämt und unter Tränen zu umarmen und ihm alles zu sagen, alles, alles. Doch da war er bereits bei seinem Gasthof angelangt. Das ganze Haus, die Korridore, seine Nummer hatten ihm schon auf den ersten Blick unsäglich mißfallen, und im Laufe des Tages hatte er mehr als einmal mit ganz besonderem Widerwillen daran gedacht, daß er ja doch noch hierher würde zurückkehren müssen... „Aber was ist heute mit mir, ich fange ja wahrhaftig an, wie eine kranke Frau an jedes Vorgefühl zu glauben!“ dachte er mit gereiztem Spott und blieb vor dem Haustor stehen: ihm fiel plötzlich ein heute gesehener Gegenstand ein, doch dachte er „kalt“, mit vollem Bewußtsein an ihn, nicht wie unter einem Alpdruck: er entsann sich plötzlich des Messers auf Rogoshins Tisch. „Nein, aber weshalb darf denn Rogoshin nicht so viele Messer auf dem Tisch haben, wie er will?“ dachte er verwundert über sich selbst, und im selben Augenblick fühlte er, wie er erstarrte: ihm war sein Stehenbleiben vor dem Schaufenster der Messerhandlung eingefallen. „Aber was hat denn das damit zu tun...“ rief er aus, doch plötzlich brach er ab. Wie eine jeden Widerstand verschlingende Welle überkam ihn von neuem das Schamgefühl, das diesmal fast an Verzweiflung grenzte, und bannte ihn an den Fleck, wo er stand – als er gerade im Begriff war, durch das Haustor einzutreten. Er stand eine Weile wie erstarrt. So pflegt es bisweilen Leuten zu ergehen: plötzliche, überwältigende Erinnerungen, namentlich wenn diese noch ein heißes Schamgefühl in ihnen erwecken, machen sie für einen Augenblick gleichsam erstarren. „Ja, ich bin ein herzloser Mensch und ein Feigling!“ sagte der Fürst düster zu sich selbst und machte eine hastige Bewegung, wie um weiterzugehen, doch... Da blieb er plötzlich wieder wie gebannt stehen.

In dem Torweg, wo es sonst ohnehin schon dunkel war, wurde es in diesem Augenblick ganz finster: die mittlerweile heraufgezogene Gewitterwolke hatte den letzten Abendschein verdunkelt, und, als der Fürst in den Torweg trat, fielen die ersten großen Tropfen, denen sofort ein strömender Gewitterregen folgte. Doch in derselben Sekunde, in der er nach seinem momentanen Stehenbleiben hastig einen Schritt vortrat – er befand sich noch am Eingang auf der Straße und trat erst durchs Tor –, sah er plötzlich im dunklen Hintergrunde des Torwegs, dort wo die Treppe begann, einen Menschen. Dieser Mensch schien auf irgend etwas gewartet zu haben, doch als der Fürst im Tor erschien, bewegte er sich schnell zur Seite und verschwand. Der Fürst hatte ihn kaum gesehen und hätte natürlich nicht sagen können, wer es gewesen war – zudem war das hier ein Gasthof, und es gingen doch fortwährend Menschen ein und aus –, aber nichtsdestoweniger war er plötzlich fest überzeugt, daß er diesen Menschen erkannt habe, und daß dieser Mensch kein anderer als Rogoshin war. In demselben Augenblick stürzte der Fürst ihm nach auf die Treppe. Das Herz stand ihm still. „Sogleich wird sich alles entscheiden!“ dachte er bei sich in seltsamer Überzeugung.

Die Treppe, die der Fürst hinaufeilte, und die zu den Korridoren des ersten und zweiten Stockwerkes führte, war wie in fast allen alten Petersburger Häusern eine schmale, dunkle, steinerne Wendeltreppe, die sich um einen dicken, steinernen Pfeiler wand. Auf dem ersten Treppenabsatz befand sich in diesem breiten, steinernen Pfeiler eine Art Nische; sie war etwa einen Schritt breit und einen halben Schritt tief – jedenfalls hätte ein Mensch sich hier verbergen können. Wie dunkel es auch war, so konnte der Fürst doch sofort, als er den Treppenabsatz erreicht hatte, erkennen, daß der Mensch sich hier in der Nische aus irgendeinem Grunde verbarg. Der Fürst wollte zuerst vorübergehen, ohne nach rechts zu sehen, er machte bereits einen Schritt weiter – doch da hielt er es plötzlich nicht aus und wandte sich zurück zur Nische.

Zwei Augen, dieselben Augen, die ihn den ganzen Tag verfolgt hatten, begegneten seinem Blick. Der Mensch, der sich in der Nische verborgen hatte, war gleichfalls schon einen Schritt vorgetreten. Eine Sekunde lang standen sie sich dicht gegenüber. Plötzlich packte der Fürst ihn an den Schultern und kehrte ihn zurück zur Treppe, zum Licht: er wollte das Gesicht sehen.

Rogoshins Augen funkelten ihn an, und ein irrsinniges Lächeln verzerrte seine Lippen. Seine rechte Hand erhob sich, und es blitzte etwas in ihr; der Fürst dachte nicht daran, die Hand aufzuhalten. In der Erinnerung schien es ihm später, daß er ausgerufen habe:

„Parfen, ich glaub’s nicht!...“

Dann war es ihm plötzlich, als täte sich etwas vor ihm auf: unbeschreibliches, nie dagewesenes Licht erstrahlte in seinem Innern und erhellte seine Seele. Das dauerte im ganzen vielleicht nur eine halbe Sekunde, doch entsann er sich später noch deutlich und bewußt des Anfangs, des ersten Tones jenes entsetzlichen Schreis, der sich plötzlich ganz von selbst seiner Brust entrungen hatte, und den er mit keiner Gewalt hätte aufzuhalten, zu unterdrücken oder abzubrechen vermocht. Dann schwand ihm momentan das Bewußtsein und tiefe Finsternis trat ein.

Es war ein epileptischer Anfall, wie er ihn lange nicht mehr gehabt. Bekanntlich kommen solche Anfälle ganz plötzlich, das Gesicht verzerrt sich, namentlich der Blick ist entstellt, Krämpfe und Zuckungen erfassen den ganzen Körper und alle Gesichtszüge zucken. Ein entsetzlicher, mit nichts vergleichbarer Schrei, der vielleicht entfernt an das Brüllen eines Tieres gemahnt, entringt sich der Brust; in diesem Schrei verschwindet gleichsam alles Menschliche, und einem Beobachter ist es ganz unmöglich, sich vorzustellen, daß es wirklich ein Mensch ist, der da schreit. Es scheint vielmehr, daß jemand anderes es tut, einer, der sich im Innern dieses Menschen befindet. Wenigstens haben viele mit diesen Worten ihren Eindruck geschildert; in vielen ruft der Anblick eines Menschen im epileptischen Anfall entschieden unerträgliches Entsetzen hervor, ein Entsetzen, dem sogar etwas Mystisches anhaftet. Es ist anzunehmen, daß der unheimliche Schrei des Fürsten und das durch ihn hervorgerufene plötzliche Entsetzen Rogoshin im Augenblick erstarren machte, und das war’s, was den Fürsten vor dem Messer bewahrte, das der andere bereits über ihm erhoben hatte. Dann aber, als Rogoshin sah, daß der Fürst plötzlich zurücktaumelte, rücklings die Treppe hinunterfiel und sein Kopf krachend auf die steinernen Stufen schlug, da zuckte er zusammen und stürzte, ohne zu erraten, daß es ein Anfall war, fast besinnungslos die Treppe hinab, am Gefallenen vorüber, hinaus auf die Straße.

Von den krampfartigen Zuckungen und dem Umsichschlagen rutschte der Körper des Kranken immer weiter die Treppe hinab, von Stufe zu Stufe, von denen es bis zum Flur noch ganze fünfzehn waren. Sehr bald, schon nach wenigen Minuten, bemerkte man den Liegenden, und in kürzester Zeit umstand ihn eine Menge Menschen. Die Blutlache, in der der Kopf lag, flößte Schrecken ein: „Hat sich der Mensch selbst beschädigt, oder ist ein Verbrechen geschehen?“ fragte man sich. Alsbald jedoch erkannten einige an gewissen Anzeichen den epileptischen Anfall. Einer von den Hotelgästen erinnerte sich, den Liegenden am Morgen im Korridor gesehen zu haben. Der Unbekannte mußte also hier abgestiegen sein. Durch einen Zufall klärte sich die Ungewißheit sehr schnell auf.

Koljä Iwolgin, der versprochen hatte, bis halb vier Uhr in der „Wage“ zu sein, statt dessen aber nach Pawlowsk gefahren war, hatte aus irgendeinem Grunde dort abgelehnt, zu Tisch zu bleiben, und war nach Petersburg zurückgekehrt, wo er um sieben Uhr in der „Wage“ eintraf. Der Fürst hatte an ihn einen Zettel mit seiner Adresse hinterlassen, und so war Koljä sogleich in jenen Gasthof geeilt, wo ihm gesagt worden war, daß der Fürst noch nicht zurückgekehrt sei. Darauf hatte sich Koljä in das Büfettzimmer begeben, um dort bei einer Tasse Tee und den Klängen eines Polyphons auf den Fürsten zu warten. Als er dann zufällig von einem „epileptischen Anfall“ reden hörte, den soeben jemand von den im Gasthof Abgestiegenen gehabt habe, eilte er, von einer gewissen Vorahnung getrieben, schnell hinaus und erkannte in dem Liegenden den Fürsten. Nun wurden sogleich Vorkehrungen getroffen, und vorsichtig trug man den Fürsten hinauf in sein Zimmer. Er erwachte schon recht bald; doch dauerte es noch ziemlich lange, bis er das volle Bewußtsein wiedererlangte. Der Arzt, der den verletzten Kopf untersuchte, hatte bereits Wundwatte mitgebracht und empfahl kalte Kompressen, erklärte aber die Verletzung für durchaus ungefährlich. Als der Fürst ungefähr nach einer Stunde seine Umgebung langsam zu erkennen begann, brachte ihn Koljä in einem Wagen zu Lebedeff. Dieser empfing den Kranken mit seinem ganzen Diensteifer, gerührt und freudig zugleich. Seinetwegen beschleunigte er auch die Übersiedelung nach Pawlowsk: schon am dritten Tage waren sie alle auf der Datsche.

VI

Lebedeffs Landhaus war nicht groß, dafür aber hübsch, und sogar sehr bequem gebaut. Namentlich jener Teil des Hauses, der zum Vermieten bestimmt war, zeichnete sich durch besonderen Schmuck aus. Auf der recht geräumigen Terrasse, über die man von den nicht weit vorüberführenden Parkwegen in die Wohnräume gelangte, standen in großen grünen Kübeln mehrere Pomeranzen-, Zitronen-und Jasminbäume, die nach Lebedeffs Meinung den Gesamteindruck der Villa zu einem geradezu verführerischen machten. Diese Bäume hatte er zum Teil mit dem Landhaus zusammen erstanden, und da sie ihm so ungemein gefielen, hatte er sich entschlossen, auf einer Auktion noch etliche solcher Bäumchen zur Erhöhung des wundervollen Effektes in gleichfalls grünen Kübeln zu billigem Preise hinzuzukaufen. Als dann endlich alle Bäumchen auf der Datsche angelangt und symmetrisch auf der Terrasse aufgestellt waren, lief Lebedeff an jenem Tage alle fünf Minuten die paar Stufen der Terrasse hinunter, um sich von der Straße aus am Anblick seines Besitzes zu erfreuen, wobei er jedesmal in Gedanken die Summe erhöhte, die er von seinem künftigen Datschenmieter verlangen würde. Dem Fürsten, der sich nach dem Anfall müde, geschwächt, bedrückt und körperlich wie zerschlagen fühlte, gefiel die Villa sehr. Übrigens hatte der Fürst am Tage der Übersiedelung nach Pawlowsk äußerlich bereits das Aussehen eines fast völlig Gesunden, wenn er sich auch innerlich immer noch sehr angegriffen fühlte. Es war ihm in diesen drei Tagen besonders angenehm gewesen, Menschen um sich zu haben: er freute sich über Koljäs Anwesenheit, der fast ununterbrochen bei ihm saß, freute sich über die ganze Familie Lebedeff – ohne den Neffen, der irgendwohin verschwunden war – und empfing sogar mit Vergnügen den alten General Iwolgin, der ihm schon am zweiten Tage seine Aufwartung machte. Am Tage der Übersiedelung versammelte sich um ihn auf der Terrasse eine ganze Schar von Bekannten, die sich alle nach seinem Befinden erkundigen wollten! Zuerst kam Ganjä, der sich so verändert hatte und so abgemagert war, daß der Fürst ihn kaum wiedererkannte. Darauf erschienen Warjä und Ptizyn, die gleichfalls in Pawlowsk ihr eigenes Landhaus besaßen. General Iwolgin dagegen schien sich bei Lebedeff ganz und gar einquartiert zu haben, ja, er hatte sogar allem Anschein nach nur zu dem Zweck Petersburg verlassen. Lebedeff bemühte sich freilich aus allen Kräften, ihn vom Fürsten fernzuhalten, ging aber sonst ganz freundschaftlich mit ihm um, offenbar waren sie schon lange mit einander bekannt. In den letzten drei Tagen hatte der Fürst bemerkt, daß sie mitunter lange Gespräche führten, nicht selten im Eifer des Disputs sogar schrien und zeterten, und zwar schien es sich dann gewöhnlich um wissenschaftliche Probleme zu handeln, die Lebedeff offenbar mit besonderem Vergnügen erörterte. Ja, man konnte sogar glauben, daß ihm der General zu dieser dialektischen Gymnastik einfach unentbehrlich war.

Leider erstreckte Lebedeff seine Vorsichtsmaßregeln auf Grund der Schonungsbedürftigkeit des Fürsten auch auf alle anderen Hausbewohner, auf seine Kinder sowohl, wie auf jeden Gast. Sobald sich erstere in der Nähe der Terrasse zeigten, stürzte Lebedeff sofort wutschnaubend auf sie los – selbst mit Wjera, die stets das kleine Schwesterchen trug, machte er keine Ausnahme – und schrie sie trampelnd an, daß sie auf der Terrasse, wo sich der Fürst gewöhnlich aufhielt, nichts zu suchen hätten, obschon ihn dieser immer wieder bat, keinen Menschen von ihm fernhalten zu wollen.

„Erstens tu’ ich es deshalb, weil sonst jede Ehrerbietung aufhörte, wenn man sie so ’rumlaufen ließe; und zweitens schickt es sich für sie auch gar nicht...“ erklärte er schließlich auf die direkte Frage des Fürsten, weshalb er sie nicht zu ihm ließ.

„Aber warum denn nicht?“ wunderte sich der Fürst. „Ich versichere Sie, daß Sie mich mit diesem Aufpassen und Bewachen nur quälen. Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich mich oft langweile, wenn ich hier allein im Freien sitze, Sie selbst aber fallen mir mit Ihren ewigen lebhaften Gesten und dem Umherschleichen auf den Fußspitzen weit mehr auf die Nerven.“

Der Fürst wollte ihm zu verstehen geben, daß er ihn nur quäle: er, der alle anderen unter dem Vorwande der Ruhebedürftigkeit des Kranken davonjagte, selbst dagegen fast alle Viertelstunden einmal zum Fürsten kam, wobei er jedesmal dasselbe Manöver wiederholte, das er von Ferdyschtschenko gelernt haben mußte: hatte er die Tür aufgemacht, so steckte er zuerst nur den Kopf durch die Spalte, betrachtete das Zimmer und den Fürsten – ganz als hätte er Angst gehabt, der Kranke könne am Ende gar fortgelaufen sein, und als wolle er sich daher nur von seiner Anwesenheit überzeugen – und dann erst trat er vorsichtig auf den Fußspitzen herein, um sich geradezu schleichend dem Fürsten zu nähern, so daß er diesen oftmals wirklich erschreckte. Ewig erkundigte er sich nach seinen Wünschen, und als der Fürst ihn endlich bat, ihn doch nicht immer zu belästigen, da machte er sofort gehorsam kehrt, schlich wieder auf den Fußspitzen zur Tür, wobei er die ganze Zeit ängstlich abwehrend die Hände bewegte (was etwas an das Flügelschlagen einer Krähe erinnerte), als hätte er damit sagen wollen, daß er ja kein Wort mehr rede, er gehe ja schon und werde nicht mehr stören, um Gottes willen nie mehr stören. Nach zehn Minuten aber – oder spätestens einer Viertelstunde – öffnete sich wieder die Tür und Lebedeff steckte von neuem den Kopf ins Zimmer. Daß Koljä zu jeder Zeit beim Fürsten eintreten durfte, rief in Lebedeff tiefen Kummer und sogar gekränkten Unwillen hervor. Alsbald jedoch bemerkte Koljä, daß Lebedeff bisweilen eine halbe Stunde lang hinter der Tür stand und horchte, was im Zimmer gesprochen wurde. Natürlich teilte er seine Entdeckung sofort dem Fürsten mit.

„Sie scheinen mich ja förmlich als Ihren Privatbesitz zu betrachten und hinter Schloß und Riegel halten zu wollen,“ protestierte der Fürst. „Ich bitte Sie, doch wenigstens hier in der Sommerfrische Ihr Verhalten zu ändern, und im übrigen versichere ich Sie, daß ich hier jeden Menschen, wenn es mir paßt, empfangen und zu jeder Zeit ganz nach meinem Gutdünken ausgehen werde.“

„Aber ohne den allermindesten, den allerleisesten Zweifel!“ pflichtete Lebedeff sogleich mit beschwichtigendem Handwinken bei.

Der Fürst musterte ihn aufmerksam vom Kopf bis zu den Füßen.

„Sagen Sie mal, Lukjan Timofejewitsch, haben Sie Ihr Schränkchen, das Sie in Ihrer Petersburger Wohnung über dem Bett hatten, bereits hergeschafft?“

„Nein, das ist dort geblieben.“

„Was Sie sagen? Ist’s möglich?“

„’s geht nicht: man müßte es aus der Wand herausbrechen... zu fest, zu fest.“

„Aber vielleicht haben Sie hier auch so ein Schränkchen?“

„Sogar noch ein besseres, ein noch viel besseres, hab’s mitsamt der Datsche gekauft.“

„A–h!... Wer war’s, den Sie vorhin nicht zu mir hereinlassen wollten? Vor etwa einer Stunde.“

„Das... das war sozusagen der General. Allerdings: ich ließ ihn nicht zu Ihnen, das stimmt, und es ist auch besser so – es schickt sich nicht. Wissen Sie, Fürst, ich achte diesen Menschen sehr hoch, jawohl, er ist... ist sozusagen ein durch und durch großartiger Mensch. Sie glauben mir nicht? Nun, Sie werden selbst sehen, aber wie gesagt, trotzdem – besser ist besser, und ich sage Ihnen: es ist besser, durchlauchtigster Fürst, Sie empfangen ihn nicht bei sich.“

„So, und weshalb denn das, wenn man fragen darf? Und weshalb stehen Sie jetzt wieder die ganze Zeit auf den Fußspitzen, Lebedeff, und weshalb nähern Sie sich mir jedesmal, als wollten Sie mir ein ungeheures Geheimnis mitteilen?“

„Gemein, gemein bin ich, ich fühl’s ja selbst,“ war Lebedeffs unerwartete Antwort, und reuig schlug er sich vor die Brust. „Wird aber der General nicht allzu gastfreundlich für Sie sein?“

„Allzu gastfreundlich?“

„Jawohl ja. Erstens: wie ich merke, schickt er sich bereits an, sich bei mir häuslich niederzulassen. Na, das mag noch hingehen. Zweitens ist er seinen Mitmenschen überaus zugetan, und das sogar in solchem Übermaße, daß er sich sofort jedem als Verwandten vorstellt. Wir beide haben uns schon mehrmals klipp und klar bewiesen, daß wir unbedingt verwandt sein müssen, und wie er nun herausgetüftelt hat, sind wir auch über diese und jene und noch eine dritte hinweg verschwägert. Also bon, mir soll’s recht sein. Aber auch Sie, Durchlauchtigster Fürst, sind, wie er mir ausführlich erklärt hat, mütterlicherseits der Neffe seiner Nichte – hat’s mir noch gestern mathematisch bewiesen. Sind Sie aber mit ihm verwandt, so sind Sie es ja durch ihn auch mit mir, nach der neuen Verfassung sozusagen. Aber was, das mag noch hingehen – ’ne kleine Schwäche, wie gesagt, und weiter nichts. Aber soeben hat er mir versichert, daß er während seines ganzen Lebens, angefangen von seiner Fähnrichszeit bis zum elften Juni vorigen Jahres, täglich niemals weniger als zweihundert Personen zu Tisch gehabt habe. Schließlich ging’s sogar so weit, daß sie überhaupt nicht mehr von den Stühlen aufstanden, so daß sie zirka dreißig Jahre lang täglich mindestens fünfzehn Stunden zum Frühstück, zu Mittag und zu Abend bei ihm speisten und zwischendurch noch Tee tranken! Und das wohlgemerkt! ohne die geringste Unterbrechung, kaum daß sie Zeit ließen, die Tischtücher zu wechseln: der eine steht auf, geht fort, der andere kommt, setzt sich – und an Fest-und Feiertagen gab es sogar dreihundert Menschen, und am Tage der Feier des tausendjährigen Bestehens des Russischen Reiches zählte er mir sogar siebenhundert vor! Das ist doch schauderhaft! So etwas, bei Licht betrachtet, ist doch ’n schlimmes Zeichen! Und solche Menschen bei sich zu empfangen, deren Gastfreundschaft mit einem so endlosen Maßstabe gemessen werden muß – da–da–das ist doch mehr als riskant! Nun, sehen Sie wohl, und deshalb dachte ich denn auch so bei mir, ob er für Sie vielleicht nicht gar zu gastfreundlich sein würde?“

„Aber Sie selbst stehen sich doch mit ihm, wir mir scheint, sehr gut?“

„Wie Brüder! Aber ich faß’s ja auch nur als Scherz auf. Nun gut, wir sind also verschwägert – bon, mir soll’s recht sein. Gereicht mir ja nur zur Ehre. Und im übrigen erkenne ich auch trotz der zweihundert Personen und der Jahrtausendfeier unseres Vaterlandes einen außergewöhnlichen Menschen in ihm. Jawohl ja – ich bin die Aufrichtigkeit selbst. Sie, Fürst, beliebten vorhin ein Wort über Geheimnisse fallen zu lassen, und zwar in dem Sinne, daß ich mich Ihnen jedesmal so nähere, als hätte ich ein ungeheures Geheimnis mitzuteilen. Damit haben Sie diesmal den Nagel auf den Kopf getroffen: ich bin nämlich soeben tatsächlich mit einem Geheimnis hergekommen. Die gewisse Dame hat mich soeben wissen lassen, daß sie mit Ihnen unbedingt ein heimliches Zusammentreffen wünscht.“

„Weshalb denn ein heimliches? Das ist durchaus nicht nötig. Ich werde selbst zu ihr hingehen, meinetwegen heute noch.“

„Um–um–um Gottes willen!“ winkte Lebedeff mit beiden Händen ab. „Und sie fürchtet ja gar nicht das, was Sie vielleicht denken! Übrigens: das Ungeheuer kommt jeden Tag, um sich nach Ihrer Gesundheit zu erkundigen – wußten Sie das schon?“

„Sie nennen ihn etwas gar zu oft ein Ungeheuer, das kommt mir sehr verdächtig vor.“

„Aber ich bitte Sie, hier kann doch von Verdacht gar nicht die Rede sein... und im übrigen wollte ich ja nur erklären,“ lenkte Lebedeff schnell ab, „daß die betreffende Dame nicht ihn, sondern einen ganz anderen Menschen fürchtet, jawohl...“

„Nun, wen denn? So sagen Sie doch endlich alles, was Sie zu sagen haben,“ drängte der Fürst ungeduldig, da ihn die Geheimnistuerei Lebedeffs aufrichtig ärgerte.

„... Das ist aber eben das Geheimnis.“

Und Lebedeff lächelte vielsagend.

„Wessen Geheimnis?“

„Ihres, natürlich doch! Durchlauchtigster Fürst, Sie werden sich doch wohl dessen entsinnen, daß Sie selbst mir verboten haben, auch nur mit einem Wort davon zu sprechen,“ sagte Lebedeff wichtigtuend, und nachdem er sich an der krankhaften Ungeduld des anderen genugsam geweidet hatte, schloß er plötzlich ganz unerwartet: „Sie fürchtet Aglaja Iwanowna.“

Der Fürst runzelte die Stirn und schwieg eine Weile.

„Bei Gott, Lebedeff, ich verlasse Ihre Villa,“ stieß er mit einemmal hervor. „Wo sind Gawrila Ardalionytsch und Ptizyns? Bei Ihnen? Die wollen Sie wohl gleichfalls von mir fernhalten?“

„Sie kommen ja, sie kommen schon! Und sogar der General kommt mit ihnen. Ich werde alle Türen aufreißen, alle meine Töchter herrufen, alle, alle, sofort, sofort!“ flüsterte Lebedeff erschrocken, wieder mit den Händen beschwichtigend, und geschäftig stürzte er zur Tür, besann sich aber, lief zur anderen Tür, zögerte jedoch auch dort und kehrte dann wieder zur ersten zurück.

In dem Augenblick erschien Koljä auf dem Parkwege, sprang eilig die Stufen zur Terrasse empor und meldete, daß ihm auf dem Fuße Gäste folgten – Lisaweta Prokofjewna mit ihren drei Töchtern.

„Soll ich Ptizyns und Gawrila Ardalionytsch hereinlassen? Ja oder nein? Und den General?“ fragte geschwind Lebedeff, den diese Nachricht in höchste Aufregung versetzt hatte.

„Aber natürlich, weshalb denn nicht? Alle, wer nur zu mir kommen will. Ich versichere Sie nochmals, Lebedeff, daß Sie sich in Ihrer Auffassung meiner Beziehungen zu meinen Bekannten arg täuschen; Sie fassen alles immer ganz anders auf. Ich habe nicht die geringste Ursache, mich vor irgend jemand, sei es, wer es wolle, zu verbergen,“ sagte der Fürst lachend, und im Augenblick verzog auch Lebedeff sein Gesicht zu einem Schmunzeln; denn trotz seiner ganzen Aufregung war er doch ersichtlich äußerst zufrieden mit der Entwickelung der Dinge.

Koljäs Meldung erwies sich als richtig: er war den Damen nur ein paar Schritte vorausgeeilt, so daß nun plötzlich von beiden Seiten Gäste erschienen: aus dem Park näherten sich der Terrasse Jepantschins, und durch die Zimmertür traten Ptizyns, Ganjä und General Iwolgin.

Jepantschins hatten von der Erkrankung des Fürsten und seiner Anwesenheit in Pawlowsk soeben erst durch Koljä erfahren. Der General hatte ihnen zwar schon vor drei Tagen von der in ihrer Stadtwohnung vorgefundenen Visitenkarte des Fürsten erzählt und damit in seiner Gemahlin die feste Überzeugung erweckt, daß der Fürst sogleich in eigener Person auch in ihrer Villa erscheinen würde. Vergeblich wandten die Töchter ein, daß ein Mensch, der ein halbes Jahr nicht geschrieben, es wohl auch mit dem Besuch nicht so eilig haben werde, und außerdem könne ihn ja noch viel Wichtigeres in Petersburg zurückhalten. Die Generalin ärgerten diese Bemerkungen nicht wenig; sie hätte wetten mögen, daß der Fürst unfehlbar am nächsten Tage erscheinen würde, „obschon auch das noch unverzeihlich spät wäre“. Und so erwartete sie ihn am nächsten Tage den ganzen Vormittag, doch leider vergeblich; nachdem sie um eins ihr Frühstück ohne den Fürsten eingenommen hatten, begann sie ihn zum Diner zu erwarten; da er jedoch auch zum Diner nicht erschien, erwartete sie ihn zum Abend; doch als es gar zu dunkeln begann, ohne daß der Fürst erschienen wäre, da ärgerte sie sich dermaßen, daß sie in kürzester Zeit mit allen in Streit geriet und sich aufs ärgste mit ihren Töchtern und ihrem Gatten verfeindete. Selbstverständlich ward dabei ihrerseits mit keinem Wort des Fürsten Erwähnung getan. Als aber Aglaja am dritten Tage bei Tisch plötzlich die Bemerkung fallen ließ, daß maman sich ja nur deshalb so ärgere, weil der Fürst noch immer nicht käme (worauf der General sogleich vorbeugend feststellte, daß er, der General, doch nichts dafür könne, das sei doch nicht seine Schuld) – da erhob sich Lisaweta Prokofjewna in hellem Zorn und verließ, ohne ein Wort zu sagen, das Zimmer. Endlich bereits am Abend, erschien Koljä und erzählte, daß der Fürst einen epileptischen Anfall gehabt. Das Ergebnis dieser Mitteilung war, daß Lisaweta Prokofjewna triumphierte, doch vorher bekam noch Koljä seinen Teil.

„Sonst sitzt er hier tagelang und ist nicht loszuwerden, diesmal aber ist er nicht einmal auf den Gedanken gekommen, uns wenigstens zu benachrichtigen, wenn er nicht selbst kommen konnte!“

Koljä wollte sich zwar sogleich wegen des „Nichtloszuwerden“ gekränkt fühlen, schob es aber noch auf; wenn nicht das Wort an sich gar so beleidigend gewesen wäre, hätte er die Bemerkung sogar ganz verziehen, dermaßen freuten ihn die Aufregung und Unruhe Lisaweta Prokofjewnas nach der Mitteilung von der Krankheit des Fürsten. Sie bestand sofort mit allem Nachdruck auf der Notwendigkeit, einen Diener nach Petersburg zu senden, um eine der größten medizinischen Berühmtheiten zur Konsultation zu bitten; doch die Töchter rieten davon ab. Doch wollten sie ihrer Mutter nicht nachstehen, als diese sich sogleich aufmachte, um den Kranken zu besuchen.

„Er liegt im Sterben, und da sollen wir nun Zeremonien beobachten!“ rief sie erregt. „Ist er ein Freund unseres Hauses oder nicht?“

„Nur finde ich es nicht ratsam, sich anderen Menschen aufzudrängen,“ wagte zwar Aglaja einzuwenden, doch die Mutter bemerkte hierauf nur scharf:

„Dann geh nicht mit. Und du tust sogar sehr gut daran: Jewgenij Pawlowitsch wird kommen, und da wäre sonst niemand hier, der ihn empfangen könnte.“

Nach diesen Worten folgte Aglaja natürlich sofort den anderen, was sie übrigens sowieso zu tun beabsichtigt hatte. Fürst Sch., der sich mit Adelaida unterhielt, war auf deren Bitte sogleich bereit, die Damen zu begleiten. Er interessierte sich sehr für den Fürsten, nachdem ihm so manches von diesem erzählt worden war. Übrigens war er mit ihm auch persönlich bekannt: sie hatten beide vor etwa drei Monaten in einem Provinzstädtchen fast ganze zwei Wochen in ein und demselben Gasthof gelebt. Er hatte auch seinerseits Jepantschins vom Fürsten erzählt, und zwar äußerte er sich sehr sympathisch über ihn, weshalb er denn jetzt gern seinen alten Bekannten besuchen wollte. Der General war nicht zu Hause, und auch Jewgenij Pawlowitsch war noch nicht aus Petersburg eingetroffen.

Lebedeffs Landhaus war von der Villa Jepantschin nicht mehr als dreihundert Schritte entfernt. Die erste unangenehme Überraschung war dort für Lisaweta Prokofjewna – so viele Gäste anzutreffen (ganz abgesehen davon, daß zwei oder drei von diesen ihr entschieden verhaßt waren), und die zweite – statt des auf dem Sterbebett geglaubten, einen anscheinend vollkommen gesunden, elegant gekleideten, lachenden jungen Mann zu erblicken, der sofort die Stufen der Terrasse hinunterstieg und sie sichtlich erfreut begrüßte. Sie blieb sogar stehen vor Verwunderung – zum größten Gaudium Koljäs, der sie natürlich sehr gut über das augenblickliche Befinden des Fürsten hätte aufklären können, als sie noch nicht zum Besuch aufgebrochen war. Er hatte es jedoch absichtlich unterlassen, um sich an ihrem Zorn ergötzen zu können, wenn sie, die dem Fürsten von Herzen das Beste wünschte, diesen bei guter Gesundheit antraf. Ja, Koljä war sogar so taktlos, daß er seinen Gedanken laut aussprach, was er wiederum nur deshalb tat, um Lisaweta Prokofjewna zu necken. Solche Neckereien waren trotz der sie verbindenden Freundschaft gang und gäbe zwischen ihnen.

„Wart’ noch ein wenig, mein Lieber, beeile dich nicht allzusehr, verdirb nicht deinen Triumph!“ versetzte Lisaweta Prokofjewna, indem sie sich auf den vom Fürsten ihr hingeschobenen Sessel niederließ.

Lebedeff, Ptizyn und der alte General Iwolgin beeilten sich, sogleich den jungen Damen Stühle zu bringen. Der General brachte seinen Stuhl Aglaja. Lebedeff eilte auch zum Fürsten Sch. mit einem Stuhl und bot ihn mit einer so tiefen Verbeugung an, als hätte er durch die Krümmung seines Rückgrates die Tiefe seiner Ergebenheit ausdrücken wollen. Warjä begrüßte die jungen Mädchen wie gewöhnlich, mit ihnen flüsternd und ganz begeistert.

„Es ist wahr, Fürst, ich glaubte wirklich, dich womöglich im Bett vorzufinden; denn als ich von deiner Erkrankung hörte, mußte ich in der Angst natürlich gleich übertreiben. Aber lügen werde ich deshalb um keinen Preis, und so hör’ du es nur ruhig, daß ich mich über dein glückliches Gesicht furchtbar ärgerte; aber, ich schwöre dir, das tat ich nur einen Augenblick, bis ich den richtigen Gedanken erfaßt hatte. Wenn ich eine Sache erst erfaßt habe, handle und rede ich immer viel klüger; ich glaube, du auch. Jetzt aber kann ich dir sagen, daß ich mich über die Genesung meines leiblichen Sohnes, wenn ich einen hätte, vielleicht weniger freuen würde, als über die deine; wenn du mir das nicht glaubst, so hast du dich zu schämen und nicht ich. Dieser boshafte Bengel aber erlaubt sich mir gegenüber doch etwas zu weitgehende Scherze. Du protegierst ihn, glaube ich? Nun, dann sage ich dir im voraus, daß ich eines schönen Tages auf das Vergnügen seiner weiteren Bekanntschaft verzichten werde.“

„Ja, aber was habe ich denn verbrochen?“ fragte Koljä lachend. „Selbst wenn ich Ihnen auch noch so überzeugend versichert hätte, daß der Fürst fast schon gesund sei, Sie hätten es mir doch nicht glauben wollen; denn ihn sich als Sterbenden vorzustellen, war doch unvergleichlich interessanter.“

„Wirst du lange hierbleiben?“ wandte sich Lisaweta Prokofjewna brüsk an den Fürsten.

„Den ganzen Sommer und vielleicht noch länger.“

„Du bist doch allein? Nicht verheiratet?“

„Nein, nicht verheiratet,“ antwortete der Fürst, lächelnd über die Naivität dieses Stiches.

„Da ist nichts zu lächeln; das kommt vor. Ich rede von der Datsche, – weshalb bist du nicht zu uns gekommen? Bei uns steht ein ganzer Seitenflügel leer. Übrigens, wie du willst. Wohnst du bei diesem? Bei dem da?“ fragte sie halblaut, mit einem Kopfnicken auf Lebedeff weisend. „Was fehlt ihm, weshalb kann er nicht ruhig stehen?“

In dem Augenblick trat Wjera aus dem Zimmer auf die Terrasse; wie gewöhnlich trug sie das Kindchen auf den Armen. Lebedeff, der sich zwischen den Stühlen der Gäste hin und her wand und entschieden nicht wußte, wo er sich lassen sollte – jedenfalls aber um alles in der Welt nicht die Terrasse verlassen wollte – stürzte sich plötzlich, wie besessen mit den Armen fuchtelnd, seiner Tochter entgegen, um sie nur ja fortzutreiben, und in der Hitze vergaß er sich sogar so weit, daß er mit den Füßen trampelte.

„Was fehlt ihm, ist er wahnsinnig?“ fragte die Generalin erschrocken.

„Nein, er ist...“

„Betrunken vielleicht? Nein, dein Umgangskreis ist nicht nach meinem Geschmack, offen gesagt, mein Lieber,“ meinte sie schroff, während ihr Blick auch die anderen Gäste streifte. „Aber wer war dieses reizende Mädchen?“

„Das war Wjera Lukjanowna, die Tochter dieses Lebedeff.“

„Ah!... Wirklich reizend. Ich möchte sie kennen lernen.“

Kaum hatte Lebedeff die lobenden Worte der Generalin aufgefangen, als er seine Tochter auch schon mit Gewalt herbeizog, um sie untertänigst vorzustellen.

„Waisen, Waisenkinder!“ erläuterte er zerschmelzend. „Und dieses Kindchen im Steckkissen – ist gleichfalls eine Waise, ihr Schwesterchen und meine Tochter, Ljubow mit Namen, und geboren in gesetzmäßigst geschlossener Ehe, von meiner jüngst verstorbenen Gattin Helena, die vor sechs Wochen im Kindbett, wie gesagt, gestorben ist, nach Gottes Ratschluß... jawohl. Und sie vertritt jetzt Mutterstelle an der Kleinen, obwohl sie nur ihre Schwester ist, nicht mehr und nicht weniger, als ihre Schwester, glauben Sie mir...“

„Und du, Väterchen, bist nicht mehr und nicht weniger als ein Dummkopf, verzeih mir, aber das kannst du mir gleichfalls glauben. Nun, genug, du wirst mich schon richtig verstehen, denke ich,“ schnitt ihm Lisaweta Prokofjewna ungehalten das Wort ab.

„Stimmt! Mir aus der Seele gesprochen!“ sagte Lebedeff, sich ehrfurchtsvoll und tief vor ihr verneigend.

„Hören Sie, Herr Lebedeff, ist es wahr, daß Sie die Apokalypse auslegen?“ fragte Aglaja.

„Jawohl! Die reinste Wahrheit... seit fünfzehn Jahren.“

„Ich habe davon gehört. Es ist von Ihnen auch in den Zeitungen geschrieben worden, glaube ich, nicht?“

„Nein, nicht von mir, aber von einem anderen, jawohl, einem anderen, aber der ist jetzt tot, und nun bin ich an seiner Stelle,“ berichtete Lebedeff ganz außer sich vor Freude.

„Oh, dann seien Sie so gut und erklären Sie sie mir einmal gelegentlich, als unser nunmehriger Nachbar! Ich verstehe so gut wie nichts von der ganzen Apokalypse.“

„Ich kann leider nicht umhin, Aglaja Iwanowna, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß diese ganze Auslegung seinerseits nichts als Scharlatanerie ist, ich versichere Sie,“ mischte sich plötzlich General Iwolgin ein, der neben Aglaja wie auf Nadeln saß und in größter Ungeduld eine Gelegenheit erwartete, gleichfalls etwas sagen zu können. „Ich verstehe ja, Nachbarschaft zieht gewisse Privilegien nach sich,“ fuhr er in demselben Tone fort, „verknüpft mit Pflichten und Vorrechten, und der Empfang eines solchen Scharlatans um der Auslegung der Apokalypse willen ist zwar ein Einfall wie jeder andere oder vielmehr ein Einfall, der durch das Niveau seiner geistigen Höhe sogar bemerkenswert ist, doch ich... Sie sehen mich, wie ich bemerke, etwas erstaunt an? General Iwolgin – habe die Ehre, mich vorzustellen. Ich habe Sie auf den Armen getragen, Aglaja Iwanowna.“

„Freut mich sehr. Ich bin mit Warwara Ardalionowna und Nina Alexandrowna bekannt,“ murmelte Aglaja, sich auf die Lippen beißend, um nicht aufzulachen. Doch Lisaweta Prokofjewna wurde rot vor Unwillen. Es hatte sich in ihrem Herzen so manches angesammelt, das nun mit Gewalt zum Ausbruch drängte. Sie konnte den General Iwolgin, mit dem sie einmal vor langen, langen Jahren bekannt gewesen war, nicht ausstehen.

„Das lügst du natürlich wieder, wie gewöhnlich, niemals hast du sie auf den Armen getragen!“ fuhr sie ihn zornig an.

„Doch, maman, er hat mich tatsächlich auf den Armen getragen, in Twerj war’s,“ bestätigte plötzlich Aglaja.

„Wir lebten damals in Twerj. Ich war vielleicht sechs Jahre alt, oh, ich entsinne mich dessen noch ganz genau! Er machte mir auch einen Bogen und Pfeile und lehrte mich, damit zu schießen, und ich traf auch eine Taube. Erinnern Sie sich dessen, wie wir beide auf die Taube schossen?“

„Und mir schenkten Sie einen Helm aus Goldpappe und einen hölzernen Säbel!“ rief lustig Adelaida dazwischen.

„Ja, auch ich entsinne mich dessen,“ bestätigte nun auch Alexandra. „Du und Adelaida, ihr gerietet beide wegen der verwundeten Taube in Streit und wurdet jede in einen Winkel gestellt; und Adelaida stand noch mit ihrem Helm und Säbel im Winkel – ein guter Soldat das!“

Der General hatte Aglaja wie gewöhnlich „nur so“erzählt, daß er sie auf den Händen getragen habe, – zum Teil, um ein Gespräch anzuknüpfen, und zum Teil, weil er mit jedem jüngeren Menschen auf diese Weise das Gespräch begann, wenn er einmal die Bekanntschaft eines solchen machte. Diesmal aber hatte er ganz zufällig die Wahrheit gesagt, und gerade die Wahrheit hatte er natürlich vergessen. Als ihn nun aber Aglaja so unerwartet daran erinnerte, wie sie beide die Taube geschossen hatten, entsann er sich plötzlich des ganzen Vorfalls, entsann sich seiner mit allen Einzelheiten! So pflegt es nicht selten alten Leuten mit alten Erinnerungen zu ergehen. Freilich ist es schwer, festzustellen, was gerade an dieser Erinnerung so erschütternd auf den armen alten, auch jetzt längst nicht nüchternen General wirken konnte: er war aber tatsächlich ganz ergriffen.

„O ja, jetzt fällt es mir ein, ja! ich entsinne mich!“ rief er vor Freude ganz begeistert aus. „Ich war damals noch Hauptmann! Und Sie waren so ein kleines, reizendes Ding! Nina Alexandrowna... Ganjä... Ich wurde bei Ihnen empfangen... Iwan Fedorowitsch...“

„Und nun sieh, wie weit du es jetzt gebracht hast!“ fiel ihm plötzlich die Generalin ins Wort. „Aber es scheint, daß du deine edleren Gefühle doch noch nicht gänzlich vertrunken hast, wenn alte Erinnerungen noch einen so starken Eindruck auf dich machen können! Deine Frau aber hast du doch zu Tode gequält. Anstatt deine Kinder zu erziehen, sitzt du im Schuldgefängnis. Geh mal, Väterchen, geh mal fort von hier, geh in einen Winkel und wein’ ein bißchen, denk’ an das Vergangene, und wie schön es war, vielleicht wird dir Gott dann verzeihen. Geh mal, geh, ich rate dir gut. Wenn man sich bessern will, ist das Beste, was man tun kann – reuig an Vergangenes zu denken. Ich sage es dir im Ernst.“

Doch die Versicherung, daß sie es im Ernst sagte, war eigentlich überflüssig: der General war, wie alle Trinker, im Grunde genommen ungeheuer zartfühlend und verwand es nur schwer, wenn man ihn an seine bessere Vergangenheit erinnerte. Er erhob sich und schritt gehorsam zur Tür, so daß er Lisaweta Prokofjewna sofort leid tat.

„Ardalion Alexandrowitsch! Väterchen!“ rief sie ihm schnell nach. „Wart’ noch einen Augenblick – wir sind ja allesamt Sünder! Wenn du fühlst, daß das Gewissen dich weniger drückt, dann komm zu mir auf ein Stündchen, laß uns von den alten Zeiten plaudern. Ich habe ja vielleicht noch fünfzigmal mehr gesündigt als du – aber jetzt geh nur, adieu, adieu, geh nur jetzt, was sollst du hier...“ drängte sie ihn erschrocken fort, als er Miene machte, zurückzukehren.

„Gehen Sie ihm vorläufig noch nicht nach!“ hielt der Fürst Koljä auf, der dem Vater folgen wollte. „Er würde sich nach einer Minute ärgern, und damit wäre die ganze Stimmung verdorben.“

„Das ist wahr, laß ihn jetzt in Ruh’; nach einer halben Stunde kannst du gehen,“ entschied Lisaweta Prokofjewna.

„Da sieht man, was das heißt, einmal im Leben die Wahrheit zu hören – hat doch bis zu Tränen auf ihn gewirkt!“ wagte Lebedeff zu bemerken.

„Nun, Väterchen, auch du mußt gut sein, wenn es wahr ist, was ich von dir gehört habe!“ setzte ihm die Generalin sofort einen Dämpfer auf.

Die Stellungnahme der Gäste zueinander sprach sich allmählich deutlicher aus. Der Fürst, der die ganze Größe der Anteilnahme Lisaweta Prokofjewnas und ihrer Töchter durchaus zu schätzen wußte, fühlte sich verpflichtet, der Generalin zu sagen, daß es seine feste Absicht gewesen, sie spätestens morgen, wenn nicht noch an diesem Abend trotz der späten Stunde und seiner angegriffenen Gesundheit zu besuchen.

Lisaweta Prokofjewna meinte hierauf – nach einem Blick auf seine Gäste –, daß er es ja doch sogleich tun könne, worauf Ptizyn, als höflicher und stets verträglicher Mensch, sich sogleich erhob und sich zu Lebedeffs zurückzog. Beim Hinausgehen machte er noch den Versuch, auch Lebedeff mitzuziehen; doch dieser machte sich mit einem „Sofort, sofort, werde mich sofort hier losmachen“ von – Ptizyn los und blieb natürlich. Warjä hatte inzwischen mit den jungen Mädchen ein Gespräch angeknüpft. Sie und Ganjä atmeten erleichtert auf, als ihr Vater hinausgegangen war. Ganjä folgte jedoch bald Ptizyns Beispiel. In der kurzen Zeit, die er auf der Terrasse verbracht, hatte er sich bescheiden und doch würdig gehalten und sich durch die strengen Blicke Lisaweta Prokofjewnas nicht im geringsten einschüchtern lassen. Er hatte sich im Vergleich zu früher allerdings sehr verändert, was Aglaja überaus gefiel.

„Das war doch Gawrila Ardalionytsch, der soeben hinausging?“ fragte sie plötzlich, wie sie es gewöhnlich zu tun pflegte, laut, schroff, ohne sich an jemand persönlich zu wenden oder sich darum zu kümmern, daß sie mit ihrer Frage das Gespräch der anderen unterbrach.

„Allerdings,“ antwortete der Fürst.

„Ich habe ihn kaum wiedererkannt. Er hat sich auffallend verändert, und zwar... bedeutend zu seinem Vorteil.“

„Das freut mich sehr für ihn,“ sagte der Fürst.

„Er war sehr krank,“ bemerkte Warjä mit erfreutem Mitleid.

„Inwiefern zu seinem Vorteil verändert?“ fragte fast zornig und erschrocken die Generalin. „Wie kommst du darauf? Ich finde nichts Besseres. Was scheint dir denn jetzt an ihm besser?“

„Etwas Besseres als den ‚armen Ritter‘ gibt es überhaupt nicht!“ rief plötzlich Koljä, der die ganze Zeit hinter dem Stuhl Lisaweta Prokofjewnas gestanden hatte, pathetisch aus.

„Der Meinung bin auch ich,“ sagte Fürst Sch. lachend.

„Und ich gleichfalls,“ erklärte Adelaida.

„Was ist das für ein ‚armer Ritter‘?“ fragte die Generalin verständnislos und blickte ärgerlich die Sprechenden an. Als sie aber sah, daß Aglaja plötzlich rot wurde, fuhr sie ungehalten auf: „Welch ein Unsinn! Was ist denn das für ein ‚armer Ritter‘?“

„Ach, hat denn dieser Bengel, Ihr Liebling Nikolai Ardalionytsch, noch nicht genug Worte verdreht!“ lenkte Aglaja mit hochmütigem Unwillen ab.

Wenn Aglaja sich ärgerte – und das tat sie ziemlich oft – blickte durch ihren scheinbaren Ernst und abweisenden Stolz so viel Kindliches, daß es mitunter ganz unmöglich war, bei ihrem Anblick ernst zu bleiben (was übrigens Aglaja zu noch größerem Ärger reizte, da sie es gar nicht begreifen konnte, „wie man überhaupt wagen durfte, über sie zu lachen!“). So brachen denn auch diesmal die Schwestern in Lachen aus, auch Fürst Sch. lachte, und selbst Fürst Lew Nikolajewitsch, der plötzlich aus irgendeinem Grunde gleichfalls ganz rot geworden war, mußte lächeln. Koljä triumphierte darüber und amüsierte sich köstlich. Aglaja aber ärgerte sich über alle Maßen, und das stand ihr vorzüglich: sie wurde noch reizender durch ihre Verwirrung und den Ärger über diese ihre Verwirrung.

„... Oder haben Sie schon vergessen, maman, wie oft er den Sinn Ihrer eigenen Worte entstellt hat?“ fragte sie verletzt.

„Aber wieso, ich wiederhole doch ganz wortgetreu Ihren eigenen Ausruf!“ verteidigte sich Koljä eifrig. „Vor einem Monat blätterten Sie im ‚Don Quijote‘ und plötzlich riefen Sie buchstäblich aus, etwas Besseres als den ‚armen Ritter‘ gäbe es überhaupt nicht. Leider weiß ich nicht, von wem die Rede war: von Don Quijote oder Jewgenij Pawlowitsch oder vielleicht von irgendeinem Dritten; nur konnte ich konstatieren, daß jedenfalls von einer bestimmten Persönlichkeit gesprochen worden war, und zwar offenbar schon recht lange...“

„Mein lieber Junge, ich sehe, du erlaubst dir mitunter doch etwas zuviel mit deinen Voraussetzungen,“ unterbrach ihn die Generalin ärgerlich.

„Aber was habe ich denn getan?“ wunderte sich der nicht zum Schweigen zu bringende Koljä. „Ich habe doch meines Wissens durchaus keine Indiskretion begangen: alle sprachen damals davon, und das tun sie ja auch jetzt: soeben sprachen doch noch Fürst Sch. und Adelaida von ihm, und alle sagten damals, daß sie für den ‚armen Ritter‘ ständen! Folglich muß es doch diesen ‚armen Ritter‘ nicht nur in der Literatur, sondern wirklich und leibhaftig geben, und meiner Meinung nach ist es nur die Schuld Adelaida Iwanownas, daß wir ihn noch nicht näher kennen.“

„Meine Schuld? Um Gottes willen, was habe ich denn verbrochen?“ fragte Adelaida lachend.

„Ganz einfach das, daß Sie nicht sein Porträt gemalt haben! Aglaja Iwanowna bat Sie damals, den ‚armen Ritter‘ zu malen, und wird Ihnen wohl auch ganz genau beschrieben haben, wie sie sich das Bild dachte, Sie aber...“

„Aber was hätte ich denn malen sollen? Von dem Sujet heißt es doch:

‚Und niemals sah man ihn schlagen
Zurück das feste Visier.‘

Also was? – einen Harnisch? – ein Visier?“

„Ich verstehe kein Wort! Harnisch! Visier! – Was soll das heißen, wovon redet ihr?“ fragte die Generalin aufrichtig geärgert; denn sie begann bereits zu erraten, wer mit dem „armen Ritter“ gemeint war und offenbar schon seit langer Zeit nach gemeinsamer, stillschweigender Verabredung so genannt wurde.

Da bemerkte sie, daß auch Fürst Lew Nikolajewitsch ganz verwirrt aussah und schließlich wie ein zehnjähriger Knabe verlegen wurde – und da war sie empört.

„Aber so sagt mir doch endlich, was diese ganze Dummheit zu bedeuten hat! Nun... wird’s bald? Was hat es für eine Bewandtnis mit dem ‚armen Ritter‘? Oder ist es denn ein so furchtbares Geheimnis, daß man überhaupt nicht daran rühren darf?“

Doch die anderen fuhren nur fort zu lachen.

„Es gibt ein russisches Gedicht, ein Fragment,“ nahm es schließlich Fürst Sch. auf sich, den Sachverhalt zu erklären, um dem Gespräch dann eine andere Wendung geben zu können, „ein Fragment vom ‚armen Ritter‘, das weder einen richtigen Anfang noch ein richtiges Ende hat. Vor etwa einem Monat scherzten wir einmal alle nach Tisch und schlugen wie gewöhnlich Sujets zu dem zukünftigen großen Gemälde Adelaida Iwanownas vor. Sie wissen doch, daß es die wichtigste Aufgabe der ganzen Familie ist, für Adelaida Iwanowna ein passendes Sujet zu ersinnen! Und da schlug dann jemand den ‚armen Ritter‘ vor, – wer es zuerst getan, dessen entsinne ich mich nicht mehr...“

„Aglaja Iwanowna!“ verriet Koljä lachend.

„Vielleicht, es ist möglich, nur entsinne ich mich dessen nicht mehr,“ fuhr Fürst Sch. fort. „Die einen lachten über diesen Vorschlag, die anderen wiederum meinten, es gäbe sicher nichts Edleres, Erhabeneres; doch, um den ‚armen Ritter‘ zu malen, müsse man vor allen Dingen ein Gesicht malen, und dazu brauche man ein Modell. Da begannen wir denn, alle Bekannten der Reihe nach durchzunehmen; doch das Resultat der Prüfung war, daß uns kein einziges Gesicht als dazu passend erschien, und dabei blieb es. Tja, und das war alles. Ich verstehe nur nicht, weshalb Nikolai Ardalionytsch jetzt darauf zu sprechen gekommen ist? Was damals scherzhaft und bien à propos23 war, ist doch jetzt von durchaus keinem Interesse.“

„Wahrscheinlich weil wieder eine Dummheit damit beabsichtigt wird, irgendeine neue verletzende Taktlosigkeit,“ versetzte die Generalin scharf.

„Durchaus keine Taktlosigkeit oder Dummheit, sondern nur der Ausdruck der größten Hochachtung, wenigstens meinerseits,“ sagte plötzlich ganz unerwartet Aglaja, die sich inzwischen gefaßt und ihre Verlegenheit vollkommen überwunden hatte. Ja, man konnte sogar glauben, es freue sie jetzt, daß sie den Scherz so weit getrieben hatte und die Erklärung nun notwendigerweise folgen mußte. Und diese ganze Veränderung war in dem einen Augenblick vor sich gegangen, als sie plötzlich die ganz erstaunliche Verlegenheit und Verwirrung des Fürsten Lew Nikolajewitsch bemerkt hatte.

„Da werd’ einer klug draus! Zuerst lachen sie wie die Wahnsinnigen und dann empfinden sie plötzlich die größte Hochachtung! Sag’ sofort, weshalb du jetzt mir nichts dir nichts die größte Hochachtung empfindest?“

„Ganz einfach deshalb,“ antwortete Aglaja ebenso ernst und – man kann sagen – feierlich auf die fast zornige Frage der Mutter, „weil uns in diesem Gedicht ein Mensch geschildert wird, der, nachdem er sich einmal ein Ideal auserkoren und an dasselbe zu glauben begonnen – ganz abgesehen davon, daß er überhaupt dazu fähig ist –, diesem Ideal sein ganzes Leben weiht. So etwas hört man jetzt nicht alle Tage. Leider ist in dem Gedicht nicht direkt gesagt, worin denn eigentlich dieses Ideal des ‚armen Ritters‘ bestand; aber es geht doch wenigstens aus ihm hervor, daß es etwas so ‚Lichtes‘ gewesen, daß der verliebte Ritter sogar auf den Schmuck der seidenen Schärpe verzichtet und statt dessen stets den Rosenkranz zum Gebet bei sich trug. Allerdings gibt es dann noch eine leise Anspielung im Gedicht, eine etwas unverständliche Devise, die Buchstaben N. F. B., die er auf seinen Schild gemalt...“

„A. M. D.!“ korrigierte Koljä.

„Ich aber sage N. F. B.!“ unterbrach ihn Aglaja ärgerlich. „Doch gleichviel – jedenfalls ist es klar, daß dem ‚armen Ritter‘ der wahre Wert seiner Dame oder ihr Tun und Treiben mit der Zeit ganz gleichgültig wird: er hat sie einmal zu seinem Ideal erwählt und ihrer ‚Erscheinung so licht‘ Glauben geschenkt, das Weitere geht ihn nichts mehr an. Doch das ist eben das Große, daß er auch dann, wenn sie zur Diebin würde, dennoch an sie glauben und für ihre reine Schönheit Lanzen brechen müßte. Der Dichter hat in der Gestalt des ‚armen Ritters‘ offenbar die ganze Größe der mittelalterlichen platonischen Liebe irgendeines reinen und hochstehenden Edelmannes darstellen wollen. Natürlich war das alles nichts als Idealismus. Und im ‚armen Ritter‘ geht dieser Idealismus bis zur letzten Grenze, so daß er schon Asketismus wird. Man muß aber doch zugeben, daß die Fähigkeit zu einem solchen Idealismus eine große und tiefe Bedeutung hat und an sich sogar sehr lobenswert ist. Der ‚arme Ritter‘ ist auch ein Don Quijote, nur ein ernster und kein lächerlicher. Zu Anfang begriff ich diesen armen Ritter nicht und lachte über ihn, doch jetzt liebe ich ihn sehr und habe Hochachtung vor ihm.“

Als Aglaja geendet hatte, wußte keiner von den Anwesenden, ob sie im Ernst oder nur im Scherz gesprochen.

„Nun, das muß wohl irgendein Dummkopf gewesen sein, ebenso dumm wie sein ganzes großes Ideal!“ entschied die Generalin. „Aber auch du, meine Liebe, hast viel dummes Zeug zusammengeredet. Das war wirklich ganz unpassend von dir. Was ist das für ein Gedicht? Sage es auf, du kannst es doch gewiß auswendig. Ich will es unbedingt hören. Mein Lebtag habe ich keine Gedichte ausstehen können, als hätte ich’s vorausgeahnt! Und da haben wir’s nun! Um Gottes willen, lieber Fürst, dulde noch ein wenig, wir sind beide, scheint es, zu gemeinsamem Dulden verurteilt,“ wandte sie sich an den Fürsten Lew Nikolajewitsch.

Sie ärgerte sich aufrichtig über Aglaja.

Fürst Lew Nikolajewitsch wollte zwar etwas sagen, brachte aber in seiner Verwirrung kein Wort hervor. Nur Aglaja, die sich soviel herausgenommen hatte, war die einzige von allen Anwesenden, die sich nicht im geringsten geniert fühlte; ja, sie schien sich sogar darüber zu freuen, daß es so weit gekommen war. Sie erhob sich sogleich, und es hatte fast den Anschein, als hätte sie sich darauf vorbereitet und jetzt nur auf die erste Aufforderung gewartet: sie trat vor und blieb mitten auf der Terrasse, gegenüber dem im Lehnstuhl sitzenden Fürsten stehen. Alle sahen sie im ersten Augenblick erstaunt an, und fast alle, wenigstens die Mutter, die Schwestern und Fürst Sch. erschraken ein wenig; denn sie fürchteten, daß diese neue Unart vielleicht doch gar zu weit gehen könnte. Aus der Art und Weise, wie Aglaja vortrat und sich aufstellte, ersah man, daß sie an diesem ganzen affektierten Vortrag des Gedichts Gefallen fand. Es fehlte nicht viel, und Lisaweta Prokofjewna hätte sie mit einem strengen Verweis auf ihren Platz zurückgeschickt. Doch kaum hatte Aglaja die bekannte Ballade begonnen, als sich plötzlich zwei neue Gäste laut sprechend auf dem Parkwege der Terrasse näherten. Es waren das General Iwan Fedorowitsch Jepantschin und ein unbekannter junger Mann. Auf der Terrasse ging eine kleine Bewegung durch die Anwesenden.

VII

Der junge Mann, in dessen Begleitung der General erschien, war eine große und schlanke Erscheinung mit einem klugen Gesicht und dunklen Augen, deren Blick sofort Scharfsinn und Spottlust verriet. Er zählte etwa achtundzwanzig Jahre. Aglaja blickte sich nicht einmal nach ihm um, sondern fuhr unbehelligt in ihrem Vortrag fort, und zwar wandte sie sich ausschließlich an den Fürsten Myschkin, der nun seinerseits begriff, daß sie mit diesem scheinbaren Scherz eine ganz bestimmte Absicht verfolgte. Zum Glück half ihm das Erscheinen der neuen Gäste ein wenig aus seiner unangenehmen Lage: er erhob sich sogleich, als er sie erblickte, nickte dem General von weitem zu und bat ihn durch einen Wink, den Vortrag nicht zu stören, worauf er hinter seinen Stuhl trat und, den linken Ellenbogen auf die Lehne stützend, die Ballade in gewissermaßen freierer Haltung zu Ende hören konnte. Lisaweta Prokofjewna hatte ihrerseits sogleich durch eine befehlende Handbewegung ihrem Gatten und dem fremden Herrn zu verstehen gegeben, daß sie dort stehen bleiben sollten, wo sie waren. Fürst Lew Nikolajewitsch interessierte sich übrigens ungeheuer für den neuen Gast, den ihm der General da zuführte: er erriet sofort, daß der junge Mann kein anderer sein konnte als Jewgenij Pawlowitsch Radomskij, von dem er so viel gehört, und an den er oft gedacht hatte. Nur eines machte ihn stutzig: der junge Mann trug Zivilkleider, während doch Jewgenij Pawlowitsch, soviel er wußte, Offizier war und eine glänzende Uniform trug. Während des ganzen Vortrages der Ballade zuckte ein spöttisches Lächeln um den Mund des jungen Mannes, als wäre in seiner Gegenwart schon des öfteren vom ‚armen Ritter‘ die Rede gewesen.

„Vielleicht stammt sogar der ganze Einfall nur von ihm,“ dachte der Fürst bei sich.

Doch währenddem war mit Aglaja eine vollkommene Veränderung vor sich gegangen. Die affektierte Feierlichkeit, mit der sie begonnen hatte, war alsbald einem tiefen Ernst gewichen, und sie sprach jedes Wort so einfach und doch mit so innigem Verständnis aus, daß sie zum Schluß nicht nur die allgemeine Aufmerksamkeit gefesselt, sondern auch die anfangs affektiert erschienene Feierlichkeit, mit der sie vorgetreten war, gleichsam gerechtfertigt hatte. Wenigstens konnte man jene Feierlichkeit nur noch als Ausdruck der Größe und, nun ja, auch Naivität ihrer Hochachtung auffassen, die sie für den ‚armen Ritter‘ hegte. Ihre Augen glänzten, und zweimal glitt kaum merklich ein leises Beben der Begeisterung über ihr entzückendes Gesicht, als sie die Ballade vortrug.

Wenn der Fürst später an Aglajas Vortrag dieser Ballade zurückdachte, peinigte ihn stets etwas für ihn ganz Unbegreifliches, und das war: wie sie einen so innigen, schönen Vortrag, der doch von ihrer Begeisterung für den Sinn der Ballade sprach, mit einer so boshaften Absicht, deren Spott doch auf der Hand lag, hatte vereinigen können? Daß sie ihn aber hatte verspotten wollen, daran zweifelte er keinen Augenblick. Den Spott hatte er sogleich herausgemerkt, und zwar aus folgendem: Aglaja hatte statt der drei Buchstaben A. M. D. drei andere Buchstaben, N. F. B., genannt. Daß sie es nicht aus Zerstreutheit oder sonstwie unbeabsichtigt getan, davon war er fest überzeugt – und mit Recht, wie sich später herausstellte. Jedenfalls war aber dann Aglajas, sagen wir, Scherz ein beabsichtigter. Und doch mußte er sich sagen, daß sie diese Buchstaben nicht nur ohne jeden Hohn oder Spott oder auch nur die leiseste Scherzhaftigkeit ausgesprochen hatte, sondern im Gegenteil mit so unverändertem Ernst, mit so unschuldiger und naiver Einfachheit, daß man sehr wohl hätte glauben können, vom Dichter seien in der Ballade gerade diese Buchstaben und keine anderen angegeben. Es war dem Fürsten bei diesen Gedanken zumute, als bohre sich etwas Schweres und Unangenehmes in ihn hinein. Lisaweta Prokofjewna war die Veränderung überhaupt nicht aufgefallen, und ihr Gatte, der General, begriff nur, daß „Verse“ deklamiert wurden – das genügte ihm. Allen übrigen dagegen war Aglajas Ausfall sogleich aufgefallen, und sie wunderten sich nicht wenig über sie; doch bemühte man sich, so zu tun, als wäre nichts vorgefallen, um so über die Sache hinwegzukommen. Nur Jewgenij Pawlowitsch hatte nicht bloß begriffen, sondern – darauf hätte der Fürst wetten mögen – schien auch zeigen zu wollen, wie gut er es begriffen hatte: so spöttisch lächelte er.

„Wundervoll! Ein prächtiges Gedicht!“ rief die Generalin aufrichtig entzückt aus, als Aglaja geendet hatte. „Von wem ist es?“

„Von Puschkin, maman, beschämen Sie uns nicht, das muß man doch wissen!“ sagte Adelaida lachend.

„Ach, wenn man mit euch zusammenlebt, kann man noch viel dümmer werden!“ meinte Lisaweta Prokofjewna nicht ohne Bitterkeit. „Freilich ist es eine Schande, Puschkin nicht zu kennen! Wenn wir nach Hause kommen, müßt ihr mir sofort den Puschkin geben.“

„Ich glaube, wir besitzen gar keinen Puschkin.“

„Doch, zwei alte, halb zerrissene Bände liegen dort irgendwo seit undenklichen Zeiten herum,“ sagte Alexandra.

„Dann müssen wir sogleich in die Stadt schicken, Fedor oder Alexei, mit dem nächsten Zug – besser Alexei, damit er die Gesamtausgabe kauft. Aglaja, komm her! Gib mir einen Kuß, du hast es vorzüglich vorgetragen, aber – wenn du es aufrichtig getan hast,“ fuhr sie fast flüsternd fort, „so tust du mir leid; hast du’s aber getan, um ihn zu verspotten, so heiß’ ich deine Gefühle nicht gut, so daß es dann jedenfalls besser gewesen wäre, du hättest geschwiegen. Verstehst du? So, und jetzt gehen Sie, mein Fräulein, ich werde noch später mit dir reden, wir aber sind hier doch etwas zu lange sitzen geblieben.“

Inzwischen hatte der Fürst den General begrüßt, worauf ihm dieser den mitgebrachten Gast als Jewgenij Pawlowitsch Radomskij vorstellte.

„Unterwegs griff ich ihn auf, er war gerade mit dem letzten Zuge aus Petersburg gekommen. Als er erfuhr, daß ich mich hierherbegebe und auch die Meinigen alle hier sind...“

„Als ich erfuhr, daß auch Sie hier sind,“ unterbrach ihn Jewgenij Pawlowitsch, „beschloß ich, da ich mir fest vorgenommen hatte, nicht nur Ihre Bekanntschaft zu machen, sondern mich auch um Ihre Freundschaft zu bewerben, weiter keine Zeit zu verlieren und die Gelegenheit zu benutzen. Sie sind krank gewesen, wie ich höre...“

„Gewesen, jetzt jedoch bin ich wieder ganz gesund, und es freut mich sehr, Sie kennen zu lernen. Ich habe durch Fürst Sch. viel von Ihnen gehört und sogar viel mit ihm über Sie gesprochen,“ sagte Fürst Lew Nikolajewitsch, indem er ihm die Hand reichte.

Die Begrüßungsworte waren ausgetauscht, sie drückten einander die Hand und blickten sich eine Sekunde lang prüfend in die Augen. Die Unterhaltung wurde im Handumdrehen allgemein. Der Fürst bemerkte übrigens (er bemerkte jetzt sehr vieles und sehr schnell, vielleicht aber auch manches, was gar nicht der Fall war), daß die Zivilkleidung Jewgenij Pawlowitschs ganz ungewöhnliches Aufsehen erregte und die Anwesenden so in Erstaunen setzte, daß im Augenblick alle übrigen Eindrücke vergessen wurden. Daher war es auch nur natürlich, wenn der Fürst in dieser Veränderung einen Umstand von besonderer Bedeutung und großer Wichtigkeit vermutete. Adelaida und Alexandra begannen Jewgenij Pawlowitsch erstaunt auszufragen, und Fürst Sch., der mit ihm verwandt war, schien sogar sehr beunruhigt zu sein. Der General war geradezu aufgeregt. Nur Aglaja betrachtete den jungen Mann mit vollkommener Ruhe, ganz als hätte sie nur feststellen wollen, was ihm wohl besser stand, die Uniform oder der Zivilanzug; doch kaum hatte sie ihn einmal von oben bis unten betrachtet, als sie sich auch schon abwandte, um ihn dann überhaupt nicht mehr zu beachten. Auch die Generalin stellte keine einzige Frage an ihn, obschon auch sie sich vielleicht beunruhigt fühlte. Dem Fürsten wollte es scheinen, daß Jewgenij Pawlowitsch bei ihr zurzeit in Ungnade stand.

„Ich fiel aus den Wolken! Ich traute meinen Augen nicht!“ war des Generals Antwort auf die Fragen der Damen. „Ich wollte es einfach nicht glauben, als ich ihm vorhin in Petersburg begegnete! Und weshalb so plötzlich, das ist das Problem! Sonst ist er doch der erste, der anderen den Rat gibt, nicht übereilt zu handeln.“

Wie aber aus dem folgenden Gespräch hervorging, hatte Jewgenij Pawlowitsch schon vor langer Zeit mitgeteilt, daß er den Abschied nehmen würde; doch hatte er es stets in einem so unernsten Tone gesagt, daß es ihm von niemand geglaubt worden war. Übrigens war es seine Eigenart, von allen ernsten Sachen unernst oder fast scherzend zu sprechen, so daß es wirklich schwer war, herauszufühlen, wie er es nun in Wirklichkeit meinte, namentlich, wenn er selbst wollte, daß die anderen es nicht herausbekämen.

„Aber ich werde ja doch nur kurze Zeit, nur ein paar Monate, höchstens ein Jahr in der Reserve bleiben,“ sagte er lachend.

„Aber wozu das, das ist doch ganz überflüssig, wenigstens soweit ich Ihre Verhältnisse kenne!“ konnte sich der General noch immer nicht beruhigen.

„Um meine Güter zu inspizieren. Dazu haben Sie mir doch selbst geraten; und zudem will ich auch mal ins Ausland...“

Das Gespräch ging auf einen anderen Gegenstand über, doch die eigentümliche andauernde Unruhe bestärkte den Fürsten Lew Nikolajewitsch unwillkürlich in der Vermutung, daß es sich hier um etwas Besonderes handelte.

„Also der ‚arme Ritter‘ ist wieder in Szene gegangen?“ fragte Jewgenij Pawlowitsch, an Aglaja herantretend.

Doch diese maß ihn zur größten Verwunderung des Fürsten nur mit erstaunt fragendem Blick, als wolle sie sagen, daß zwischen ihnen doch wohl nie vom ‚armen Ritter‘ die Rede gewesen sein könne und sie seine Frage überhaupt nicht verstehe.

„Aber es ist doch zu spät, jetzt ist es doch viel zu spät, noch in die Stadt zu schicken, um den Puschkin zu kaufen!“ bemühte sich Koljä, die Generalin, mit der er sich wieder stritt, von ihrem Vorhaben abzubringen. „Glauben Sie mir doch endlich, ich sage es Ihnen zum dreitausendstenmal: es ist heute viel zu spät dazu!“

„Ja, heute ist es allerdings zu spät, noch in die Stadt zu schicken,“ pflichtete ihm Jewgenij Pawlowitsch, der sich von Aglaja möglichst schnell abwandte, bei. „Auch, glaube ich, dürften die Läden in Petersburg schon geschlossen sein, die Uhr geht bereits auf neun,“ sagte er nach einem Blick auf seine Taschenuhr.

„Und in der vornehmen Welt ist’s ja auch gar nicht Sitte, sich so lebhaft für Literatur zu interessieren! Fragen Sie mal Jewgenij Pawlowitsch. Das fashionabelste ist heutzutage, in einem gelben Char-à-bancs mit roten Rädern spazieren zu fahren.“

„Schon wieder ein Zitat, Koljä!“ seufzte Adelaida in komischer Verzweiflung.

„Aber ich bitt’ Sie, er spricht ja doch nie anders als in Zitaten,“ versetzte Jewgenij Pawlowitsch. „Mitunter kann man ganze Phrasen der ‚Kritischen Rundschau‘ von ihm wiederhören. Ich habe schon lange das Vergnügen, Nikolai Ardalionytschs Redeweise zu kennen; doch diesmal war es kein Zitat, sondern eine nicht mißzuverstehende Anspielung auf meinen gelben Char-à-bancs mit roten Rädern. Nur haben Sie sich damit leider ein wenig verspätet, denn ich habe meinen Wagen bereits umgetauscht.“

Der Fürst hörte Radomskij mit großem Interesse zu. Er fand, daß Jewgenij Pawlowitsch sich ganz vorzüglich hielt, und namentlich gefiel ihm außer seiner Bescheidenheit und Scherzhaftigkeit, daß er so freundschaftlich mit Koljä sprach, wie mit einem völlig Gleichstehenden, und obgleich dieser ihn doch offenbar hatte foppen wollen.

„Was ist das?“ fragte Lisaweta Prokofjewna erstaunt, als plötzlich Wjera Lebedewa mit mehreren ganz neuen, prächtig eingebundenen Büchern großen Formats vor ihr erschien und ihr eines derselben reichte.

„Puschkin,“ sagte Wjera. „Unser Puschkin. Papa befahl mir, Ihnen unseren Puschkin zu bringen.“

„Wie das? Wie ist das möglich?“ wunderte sich die Generalin.

„Nicht als Geschenk, nicht als Geschenk! Wie dürfte ich das wagen!“ beteuerte sofort Lebedeff, der im Augenblick neben seiner Tochter auftauchte. „Zum selben Preise, für den ich ihn gekauft! Das ist mein eigener, sozusagen unser Familien-Puschkin, die Gesamtausgabe Annenkoffs, die jetzt nirgends mehr zu haben ist – zu demselben Preise, wie gesagt. Ich biete Ihnen die ganze Ausgabe untertänigst zum Kaufe an, um die edle Ungeduld des literarischen Wissensdranges Eurer Exzellenz zu befriedigen.“

„Ach so, du willst deinen Puschkin verkaufen, – besten Dank. Sollst nichts verlieren, hab’ keine Angst; nur krümme dich, bitte, nicht so viel, Väterchen. Ich habe von dir gehört: du sollst ja ungeheuer belesen sein, sagt man. Dann können wir einmal diskutieren. Wirst du selbst deinen Puschkin zu mir bringen?“

„Gewiß mit der größten Ehrfurcht und... Ehrerbietung!“ – Lebedeff, der die Bücher seiner Tochter bereits aus den Händen gerissen, zerschmolz förmlich vor Seligkeit.

„Verlier’ sie nur nicht bis dahin, bring sie meinetwegen auch ohne Ehrerbietung, doch mit der einen Bedingung,“ fügte sie langsam, ihn kritisch betrachtend, hinzu, „nur bis zur Schwelle; denn heute werde ich dich nicht empfangen. Deine Tochter Wjera dagegen laß mal ruhig sogleich zu uns kommen, die gefällt mir sehr.“

„Warum sagen Sie denn nichts von jenen, Papa?“ wandte sich Wjera ungeduldig an ihren Vater. „So werden sie ja schließlich noch unaufgefordert eintreten, sie sind ja doch nicht mehr zu halten. Lew Nikolajewitsch,“ wandte sie sich an den Fürsten, der nach seinem Hut gegriffen hatte, um Jepantschins, die bereits aufbrechen wollten, zu begleiten; „es sind dort welche, die mit Ihnen sprechen wollen, vier junge Leute, sie warten bei uns und sind wütend, weil Papa sie nicht zu Ihnen lassen will.“

„Was wollen sie von mir?“ fragte der Fürst.

„Es sei eine geschäftliche Angelegenheit, sagen sie; aber sie sind jetzt so weit, daß sie, wenn man sie nicht empfängt, schließlich noch einen großen Skandal machen werden. Sie können Sie im Park aufhalten. Ich denke, es ist besser, Lew Nikolajewitsch, Sie empfangen sie jetzt schnell und schicken sie dann fort – dann sind Sie sie los. Gawrila Ardalionytsch und Ptizyn reden dort mit ihnen und wollen sie beruhigen, aber sie wollen sich nicht fortschicken lassen.“

„Pawlischtscheffs Sohn, Pawlischtscheffs Sohn ist’s! Lohnt sich nicht, nicht der Mühe wert!“ beteuerte Lebedeff, mit beiden Händen abwinkend. „Es lohnt sich wahrhaftig nicht, sie überhaupt anzuhören! Und sich von solchen Leutchen auch nur aufhalten zu lassen, wäre ganz unter Ihrer Würde, durchlauchtigster Fürst. Jawohl, das ist meine Meinung. Es lohnt sich wahrhaftig nicht...“

„Pawlischtscheffs Sohn! Großer Gott!“ entfuhr es dem Fürsten in der ersten Bestürzung. „Ich weiß... aber ich habe doch... ich habe doch diese ganze Angelegenheit Gawrila Ardalionytsch übergeben! Und Gawrila Ardalionytsch sagte mir vor einer Stunde...“

In dem Augenblick trat Gawrila Ardalionytsch aus dem Zimmer auf die Terrasse und ihm folgte Ptizyn. Im nächsten Zimmer hörte man Lärm und wüstes Stimmengewirr, aus dem nur die laute Stimme des alten Iwolgin zu unterscheiden war, da dieser offenbar die anderen überschreien wollte. Koljä eilte sofort hin.

„Das ist ja sehr interessant,“ bemerkte plötzlich Jewgenij Pawlowitsch laut, so daß es alle hörten.

„Ah, also er weiß etwas davon!“ dachte der Fürst bei sich.

„Was? Ein Sohn von Pawlischtscheff? Aber... was kann denn das für ein Sohn von Pawlischtscheff sein?“ wunderte sich General Jepantschin und blickte fragend vom einen zum anderen. Zu seinem Erstaunen bemerkte er, daß alle etwas zu wissen schienen, wovon nur er allein keine Ahnung hatte.

Allerdings wäre die allgemeine Erwartung und das offenkundige Interesse der Anwesenden selbst einem Unbefangenen aufgefallen; den Fürsten aber wunderte es unsäglich, daß eine Angelegenheit, die nur ihn persönlich etwas anging, so vielen bereits bekannt war, und daß so viele auch nur das geringste Interesse daran haben konnten.

„Das ist sehr gut, daß Sie diese ganze Angelegenheit hier sogleich selbst erledigen werden,“ sagte Aglaja, die plötzlich an den Fürsten herangetreten war, mit auffallendem Ernst, „und ich hoffe, daß Sie uns allen erlauben, Ihre Zeugen zu sein. Man will Sie herabziehen, Fürst, deshalb müssen Sie sich stolz verteidigen. Ich freue mich schon im voraus für Sie.“

„Ja, auch ich wünsche es, daß diese empörende Prätention endlich einmal energisch zurückgewiesen wird!“ sagte die Generalin laut. „Lieber Fürst, schone sie nicht, gib’s ihnen ordentlich! Mir gellen schon die Ohren von dieser Skandalgeschichte, weiß Gott, sie hat viel böses Blut in mir gemacht. Deinetwegen, Fürst. Und es wird auch nicht uninteressant sein, diese Menschensorte einmal kennen zu lernen. Ruf’ sie nur herein, wir setzen uns inzwischen. Das war sehr richtig von dir, Aglaja, was du da sagtest. Haben Sie schon davon gehört, Fürst?“ wandte sie sich an den Fürsten Sch.

„Oh, gewiß; in Ihrem Hause. Doch was mich besonders interessiert, ist – jene jungen Leute mit eigenen Augen zu sehen,“ antwortete Fürst Sch.

„Das sind jetzt also Nihilisten, nicht wahr?“

„Nein, nicht gerade Nihilisten,“ griff sofort Lebedeff, der vor Aufregung nicht wußte, wo er sich lassen sollte, einen Schritt nähertretend, das Wort auf; „sie gehören zu einer anderen, einer ganz besonderen Kategorie. Mein Neffe sagt, sie gingen viel weiter als die Nihilisten. Eure Exzellenz glauben vielleicht, sie durch Eurer Exzellenz Anwesenheit einzuschüchtern; das wäre aber ein großer Irrtum Eurer Exzellenz: die pfeifen drauf! Nihilisten sind mitunter auch verständige Leute, sogar gelehrte Leute, diese aber sind weitergegangen, sie sind vor allem Geschäftsleute und beginnen sogleich mit der Tat. Diese Sorte Menschen ist eigentlich nur eine gewisse Folge des Nihilismus, doch wiederum auch keine direkte Folge, sondern sozusagen eine indirekte, halb nur nach dem Hörensagen, und ihre Meinung äußern sie nicht etwa wie jene in Zeitungsartikelchen, sondern direkt in Taten, sehen Sie! Und nicht nur um die, nun, zum Beispiel, Sinnlosigkeit Puschkins, oder, zum Beispiel, um die Notwendigkeit des Zerfalls des Russischen Reiches handelt es sich bei ihnen! – nein, sie erklären einfach, ein jeder habe das Recht, wenn er nach irgend etwas Verlangen trägt, vor keinem Hindernis mehr zurückzuschrecken oder sich von moralischen Bedenken abhalten zu lassen, und wenn es auch heißt, bei der Gelegenheit acht lebendige Menschen um einen Kopf kürzer zu machen. Deshalb würde ich Ihnen, durchlauchtigster Fürst, aufrichtig abraten...“

Doch der Fürst schritt bereits zur Tür, um sie den ungebetenen Gästen zu öffnen.

„Sie verleumden sie, Lebedeff,“ sagte er lächelnd, „Ihr Neffe hat Sie gar zu sehr betrübt. Glauben Sie ihm nicht, Lisaweta Prokofjewna. Ich versichere Sie, die Gorskys und Daniloffs17 sind nur einzelne Fälle, diese hier aber... irren sich nur... Nur würde ich nicht gern hier in Gegenwart aller... Verzeihen Sie, Lisaweta Prokofjewna, wenn ich die jungen Leute nur auf einen Augenblick hierherbitte, damit Sie sie sehen können, und sie dann wieder fortführe. – Bitte, meine Herren!“

Ihn beunruhigte weniger die bevorstehende Aussprache, als ein gerader qualvoller Gedanke: wie nun, wenn dieses Zusammentreffen, gerade an diesem Tage und zu dieser Stunde, von irgend jemand absichtlich herbeigeführt worden war, um gerade diesen Zeugen nicht etwa seinen Sieg, sondern seine Niederlage zu zeigen? Doch das Quälendste waren die Vorwürfe, die er sich selbst wegen seines „schändlichen, schamlosen Argwohns“ machte. Er wäre gestorben vor Scham, wenn jemand um seine geheimen Gedanken gewußt hätte, und als die neuen Gäste auf die Terrasse hinaustraten, war er aufrichtig bereit, sich unter allen Anwesenden in sittlicher Beziehung für den Letzten der Letzten zu halten.

Auf die Terrasse traten im ganzen fünf Mann, vier neue Gäste und hinter diesen der alte General Iwolgin – höchst ereifert und aufgebracht und, wie gewöhnlich in solchen Fällen, von überströmender Redelust. „Der wenigstens wird zu mir halten!“ dachte der Fürst lächelnd. Mit Hippolyt war gleichzeitig auch Koljä wieder auf die Terrasse zurückgekehrt – Hippolyt war einer von den vieren. Koljä redete eifrig auf ihn ein, doch jener lächelte nur boshaft.

Der Fürst bat die Neueingetretenen, Platz zu nehmen. Sie waren aber alle noch so unausgewachsene Jungen, daß man sich über sie, ihr Vorhaben und die Umstände, die man mit ihnen machen mußte, nur wundern konnte. Iwan Fedorowitsch Jepantschin zum Beispiel, der von dieser ganzen „neuen Geschichte“ nichts wußte und nichts begriff, ärgerte sich sogleich über ihre Jugend und hätte sicherlich irgendwie gegen eine weitere Verhandlung protestiert, wenn ihn nicht dies unerklärliche Interesse seiner Gemahlin für die Privatangelegenheit des Fürsten stutzig gemacht hätte. Übrigens blieb er zum Teil auch aus Neugier und zum Teil aus Gutmütigkeit, in der Hoffnung, vielleicht auch helfen, doch jedenfalls durch seine Autorität von Nutzen sein zu können. Da aber wagte es der alte General Iwolgin, ihn von weitem zu grüßen, was Seine Exzellenz sogleich wieder so empörte, daß er beschloß, „finster und schweigend auszuharren“.

Übrigens war einer von den vier doch nicht mehr so ganz jung – so an die Dreißig; das war jener Unterleutnant aus der Rogoshinschen Rotte, „der Boxer“ genannt, der „einst selbst an die fünfzehn Rubel den Bettlern gegeben“. Er begleitete die übrigen drei als aufrichtiger Freund zur Unterstützung ihres Mutes und, falls erforderlich, auch ihrer Muskeln. Unter den übrigen drei spielte die erste Rolle natürlich derjenige, der von sich behauptete, Pawlischtscheffs Sohn zu sein; doch stellte er sich dessenungeachtet als Antip Burdowskij vor. Er war ein langer, magerer, blonder, junger Mann von etwa zweiundzwanzig Jahren, in ärmlicher Kleidung, die sich noch durch Unordentlichkeit, Schmierigkeit und fast spiegelblanke Ellenbogen auszeichnete; die Weste hatte er bis zum Halse zugeknöpft, die Wäsche war Gott weiß wo geblieben, die Krawatte war bis zur Unglaublichkeit fettig und fast zur Schnur zusammengerollt; die Hände waren ungewaschen, das Gesicht sehr finnig, und der Blick war, wenn man sich so ausdrücken kann, unschuldig-frech. Dennoch lag in seinem Gesicht keine Spur von Ironie oder Berechnung, sondern nur ein stumpfes Berauschtsein von seinem „Recht“ und gleichzeitig ein seltsames Etwas, das sein unersättliches Bedürfnis, beständig beleidigt zu sein oder sich beleidigt zu fühlen, mit ziemlicher Deutlichkeit verriet. Er sprach aufgeregt und schnell, blieb jedoch nach jeden drei Worten im Satz stecken, als wäre ihm das Stottern angeboren oder als wäre er ein Ausländer.

Ihn begleiteten der Neffe Lebedeffs, der den Lesern bereits bekannt ist, und Hippolyt. Diesen sah der Fürst zum erstenmal. Er war noch sehr jung, – siebzehn, höchstens achtzehn Jahre mochte er zählen; sein Gesicht hatte einen klugen, doch stets gereizten Ausdruck und zeigte deutlich die furchtbaren Anzeichen seiner Krankheit. Mager war er wie ein Skelett, seine Augen glänzten, und auf den eingefallenen Wangen von gelblich-bleicher Farbe zeichneten sich zwei rote Flecke ab. Er hustete sehr stark und sein Atmen hatte etwas Pfeifendes. Man sah es ihm sofort an, daß er im höchsten Grade schwindsüchtig war – zwei bis drei Wochen konnte er vielleicht noch leben. Er war erschöpft und ließ sich als erster auf einen Stuhl nieder. Die anderen waren im ersten Augenblick etwas zeremoniell und fast sogar schüchtern geworden, blickten indes doch noch möglichst wichtig drein und waren offenbar sehr darauf bedacht, sich nicht irgendwie eine gesellschaftliche Blöße zu geben, was mit ihrer Reputation, grundsätzliche Gegner aller unnützen gesellschaftlichen Formen, aller Vorurteile und fast alles übrigen außer der Wahrnehmung ihrer eigenen Interessen zu sein, sehr sonderbar harmonierte.

„Antip Burdowskij,“ stellte sich eilig und doch stotternd der sogenannte „Sohn Pawlischtscheffs“ vor.

„Wladimir Doktorenko,“ sagte klar und deutlich und als wolle er sich damit brüsten, daß er ein Doktorenko war, der Neffe Lebedeffs.

„Keller!“ brummte kurz und nicht sehr laut der verabschiedete Unterleutnant.

„Hippolyt Terentjeff,“ meldete sich als letzter mit ganz unerwartet kreischender Stimme der Schwindsüchtige. Alle setzten sich in einer Reihe auf die Stühle, gegenüber dem Fürsten; alle machten sie, nachdem sie ihre Namen genannt, finstere Gesichter und nahmen, gleichsam um sich zu ermutigen, die Mützen aus der einen Hand in die andere; alle bereiteten sich vor, zu sprechen, doch keiner machte den Anfang, und so schwiegen sie und erwarteten mit herausfordernden Mienen, was nun kommen werde, während ihre Blicke selbstbewußt zu sagen schienen: „Nein, Verehrtester, uns führt man nicht hinters Licht!“ Man fühlte gleichsam, daß sie, falls nur einer von ihnen den Mund auftun und mit einem Wort beginnen würde, sogleich alle Mann ihm in die Rede fallen und dann kreuz und quer durcheinander reden würden.

VIII

„Ich habe keinen von Ihnen erwartet, meine Herren,“ begann der Fürst, „denn ich war bis heute krank. Doch Ihre Angelegenheit,“ wandte er sich an Burdowskij, „habe ich bereits vor einem Monat Herrn Gawrila Ardalionytsch Iwolgin anvertraut, wovon Sie durch mich noch an demselben Tage in Kenntnis gesetzt worden sind. Übrigens habe ich auch gegen eine persönliche Aussprache nichts einzuwenden, nur werden Sie doch wohl selbst einsehen, daß... zu einer so späten Stunde... Ich mache Ihnen den Vorschlag, wir ziehen uns in eines meiner Zimmer zurück, wenn es voraussichtlich nicht allzulange dauern wird... Ich habe hier augenblicklich Besuch...“

„Besuch... das geht uns nichts an, aber Sie werden mir doch die Bemerkung gestatten,“ unterbrach ihn der Neffe Lebedeffs in äußerst belehrendem Ton, wenn auch nicht mit allzu erhobener Stimme, „die Bemerkung gestatten, daß Sie uns auch etwas höflicher behandeln könnten und uns nicht zwei Stunden lang in Ihrer Dienerstube warten lassen...“

„Und natürlich... auch ich... das ist natürlich nach Fürstenart! Und das... Sie sind also ein General! Ich bin aber nicht Ihr Diener! Auch ich... ich...“ begann plötzlich in unbeschreiblicher Erregung Antip Burdowskij zu stottern; seine Lippen und seine Stimme bebten, und bei jedem Wort spritzte Speichel aus seinem Munde, als wäre er im Begriff vor Wut zu bersten; doch ebenso plötzlich, wie er begonnen, hörte er auch wieder auf; was er aber hatte sagen wollen, das begriff kein einziger.

„Das war echt fürstlich!“ lachte höhnisch mit heiserer, gleichsam kreischender Stimme Hippolyt.

„Wenn man sich das mir gegenüber erlaubt hätte,“ brummte der Boxer, „ich meine, direkt mir gegenüber, so hätte ich als Mann von Ehre an Burdowskijs Stelle... ich... khm“ – er räusperte sich.

„Aber, auf Ehrenwort, meine Herren, ich habe es erst vor zwei Minuten erfahren, daß Sie da sind,“ versicherte der Fürst.

„Wir haben keine Furcht vor Ihren Freunden, Fürst, wer diese Freunde auch immer sein mögen, denn wir sind in unserem Recht,“ erklärte Lebedeffs Neffe.

„Was für ein Recht aber haben Sie? Erlauben Sie, daß ich Sie das frage,“ schrie wieder Hippolyt mit seiner heiseren Stimme, „was für ein Recht haben Sie, Burdowskijs Privatangelegenheit dem Urteil Ihrer Freunde zu unterbreiten? Woher wissen Sie, ob wir das Urteil Ihrer Freunde überhaupt hören wollen? Man kann sich ja denken, was das für ein Urteil sein wird!“

„Aber wenn Sie, Herr Burdowskij, die Sache nicht in Gegenwart Unbeteiligter erörtern wollen,“ gelang es dem Fürsten, den dieser Anfang ganz betroffen gemacht hatte, einzuwenden, „so bin ich ja doch, wie gesagt, sogleich bereit, mich mit Ihnen allen in ein Zimmer zurückzuziehen, und ich bitte Sie, mir nur glauben zu wollen, daß ich erst vor zwei Minuten...“

„Aber Sie haben kein Recht, Sie haben kein Recht, Sie haben nicht das Recht dazu!... Ihre Freunde... besagen gar nichts!“... ereiferte sich wieder der stotternde Burdowskij mit wildem und doch scheuem Blick auf all die fremden Menschen ringsum. Je mehr er seiner Umgebung mißtraute und je unsicherer er sich in ihr fühlte, um so aufgebrachter wurde er. „Und Sie haben kein Recht! Ganz einfach!“

Und nachdem er das hervorgestoßen, verstummte er wieder so plötzlich wie vorher und starrte, indem er seine kurzsichtigen, auffallend gewölbten Augen, deren Äderchen sehr dick und sehr rot waren, unheimlich aufriß, mit fragendem Blick den Fürsten an, wobei er seinen ganzen Oberkörper weit vorbeugte. Diesmal aber war der Fürst so verblüfft, daß auch er verstummte und ihn gleichfalls wortlos fragend ansah.

„Lew Nikolajewitsch!“ rief ihn plötzlich Lisaweta Prokofjewna zu sich, „hier, lies das, dieses hier, und bitte laut; lies es sofort, es bezieht sich direkt auf diese Angelegenheit.“

Sie hielt ihm mit einer befehlenden Handbewegung eines unserer humoristischen Wochenblätter hin und deutete mit dem Finger auf den Titel des Leitartikels. Lebedeff, der sich eifrig um die Gunst Lisaweta Prokofjewnas bewarb, war beim Eintritt der Gäste sogleich hinter ihren Stuhl geschlüpft, hatte aus der Seitentasche seines Rockes das Blatt hervorgezogen und es ihr vor die Augen gehalten, mit dem Zeigefinger eifrig auf die erste angestrichene Spalte weisend. Sie überflog den Anfang des Artikels, und was sie da las, empörte sie sichtlich tief.

„Wäre es nicht besser, wenn man es nicht laut lesen würde,“ wagte der Fürst, nicht wenig verwirrt, einzuwenden, „ich kann es ja auch später lesen, wenn ich allein bin...“

„Ach, dann lies lieber du es, sofort, laut! So daß es alle hören!“ wandte sich Lisaweta Prokofjewna an Koljä in einem Tone, der keinen Widerspruch duldete, und gereizt nahm sie dem Fürsten das Blatt, das er kaum genommen hatte, wieder aus der Hand, um es Koljä zu geben. „Lies es laut vor, laut, hörst du, so daß alle es hören, hier, dies hier!“

Lisaweta Prokofjewna war eine heißblütige Dame, die sich leicht hinreißen ließ. Es kam oft vor, daß sie plötzlich ganz unbedacht alle Anker lichtete und ins offene Meer hinausfuhr, ohne dabei vorher nach dem Wetter zu fragen. Iwan Fedorowitsch bewegte sich unruhig. Doch alle waren noch so überrascht und verwundert, daß niemand daran dachte, gegen das laute Vorlesen Einspruch zu erheben, und so begann denn Koljä, dem Lebedeff sogleich eifrig zeigte, von wo er anfangen sollte, mit lauter Stimme den Artikel vorzulesen, der folgendermaßen lautete:

„Proletarier und Aristokraten! Ein Beispiel unserer alltäglichen Diebstähle! Fortschritt! Reform! Gerechtigkeit!“

„Seltsame Dinge ereignen sich in unserem sogenannten heiligen Rußland, in unserem Jahrhundert der Reformen und handelspolitischen Initiativen, des erwachenden Nationalbewußtseins und der jährlichen Ausfuhr von mehreren Hundertmillionen ins Ausland, im Jahrhundert der Handels-und Industriebegünstigung und der Ohnmacht des Arbeiters usw. usw., – alles läßt sich gar nicht aufzählen, meine Herrschaften, und deshalb zur Sache.

„Er war ein Sproß unsrer einst so allmächtig gewesenen (de profundis!) Aristokratie, einer von jenen, deren Großväter bereits ihr ganzes Vermögen im Auslande auf grünen Tischen verzettelt, deren Väter dann ihr Leben als Junker und Leutnants fristen mußten und in der Regel wegen eines harmlosen Kassendefizits im Untersuchungsgefängnis starben, und deren Kinder jetzt entweder als Idioten vegetieren, gleich dem Helden unserer Erzählung, oder sich in Kriminalprozesse verwickeln, wofür sie übrigens – wohl infolge der neuen Erziehungs-und Besserungsprinzipien – von den Geschworenen freigesprochen werden; oder die schließlich für Unterhaltungsstoff sorgen, indem sie Stückchen losschießen, die das Publikum in Erstaunen setzen und unseren ohnehin schon beschämenden Zeitgeist zu einem noch beschämenderen machen.

„Vor etwa einem halben Jahre kehrte unser Adelssproß in ausländischen Stiefeletten und zitternd vor Kälte in einem ungefütterten Kapuzenmantel mitten im Winter nach Rußland zurück, und zwar kam er damals direkt aus der Schweiz, wo er sich längere Zeit aufhielt, um sich zu heilen; denn er war krank, und seine Krankheit war – die Idiotie. (Sic!) Man muß gestehen, daß ihm das Glück nicht abhold gewesen ist; denn von Idiotie geheilt zu werden, dürfte mehr Glück sein, als Fortuna je einem Sterblichen vergönnt hat. Man bedenke: von Idiotie! Und diese Gunst Fortunas läßt sich in seinem ganzen Leben nachweisen: als Säugling allein auf Erden zurückgeblieben – nach dem Tode eines Vaters, der infolge des Verlustes der Regimentskasse – im Kartenspiel, versteht sich – in Untersuchungshaft gestorben, vielleicht aber auch infolge einer für Untergebene in Menschengestalt zu reichlich bemessenen Prügelstrafe (Sie entsinnen sich wohl noch der alten Zeiten, meine Herrschaften?), war unser Adelssproß von einem äußerst reichen Gutsbesitzers aus Gnade und Mitleid erzogen worden. Dieser russische Gutsbesitzer – nennen wir ihn der Kürze halber Herrn P. – besaß in der alten goldenen Zeit seine viertausend Leibeigene (Leibeigene! Begreifen Sie diesen Ausdruck, meine Herrschaften? Ich nicht. Ich werde im Konversationslexikon nachschlagen: – ‚Jung ist die Sage, und doch kaum glaublich‘18 kann man mit Gribojedoff sagen) und gehörte offenbar zu jenen Russen, die ewig auf der Bärenhaut liegen und ihre müßige Zeit im Auslande verbringen, im Sommer in Kurorten und im Winter in Paris, und dort gewöhnlich in einem Château des Fleurs, wo sie seinerzeit unermeßliche Summen zurückgelassen haben. Man kann ja doch fast positiv behaupten, daß wenigstens ein Drittel des ganzen zur Zeit der Leibeigenschaft in Rußland gezahlten Pachtzinses in die Hände der Besitzer des Pariser Château des Fleurs geflossen ist. (Muß das ein glücklicher Mensch gewesen sein!). Doch wie dem auch sei, jedenfalls ließ der sorglose Herr P. seinen Pflegling fürstlich erziehen, engagierte für ihn Erzieher und Gouvernanten (zweifellos recht hübsche), die er natürlich nicht vergaß, aus Paris selbst mitzubringen. Doch leider erwies sich der Sproß, der Letzte seines Stammes, als Idiot. Da half auch die ganze Kunst der Pariser Gouvernanten nichts, und bis zum zwanzigsten Lebensjahre erlernte ihr Zögling überhaupt keine Sprache, die russische nicht ausgenommen. Letzteres dürfte übrigens verzeihlich sein. Eines schönen Tages aber beglückte das ruhende Gehirn des Herrn P. der wundervolle Gedanke, daß man dem Idioten in der Schweiz ganz sicherlich zu gesundem Verstande verhelfen könne – ein Gedanke, der unter diesen Verhältnissen von einwandfreier Logik war: wie sollte ein Mensch seines Schlages nicht der Meinung sein, daß man für Geld selbst Verstand auf dem Markte kaufen könne, und noch dazu in der Schweiz! Für seinen Zögling folgten also fünf Jahre lang kalte Duschen in der Schweiz unter Aufsicht eines berühmten Professors, wie es sich von selbst versteht, und Geld ward für ihn ausgegeben zu Tausenden. Aus dem Idioten wurde natürlich kein Philosoph; aber immerhin entwickelte sich in ihm ein Quantum Verstand, das vorläufig genügte, um ihn wenigstens einen Menschen nennen zu können, allerdings nur mit knapper Not. Da aber stirbt Herr P. ganz unvorhergesehen. Ein Testament hinterläßt er selbstverständlich nicht, und selbstverständlich herrscht in seinen Vermögensverhältnissen die größte Unordnung; Erben aber gibt es mehr als genug, Erben, denen um die Heilung erblicher Idioten in der Schweiz nicht das allermindeste zu tun ist. Der Idiot war zwar ein Idiot, wußte aber dennoch so klug zu sein, daß er seinen Professor geschickt betrog und sich jahrelang umsonst von ihm behandeln ließ, indem er ihm den Tod P.’s verschwieg. Doch auch der Professor war nicht auf den Kopf gefallen: der völlige Geldmangel erschien ihm schließlich doch etwas bedenklich, und da der zunehmende Appetit seines fünfundzwanzigjährigen Zöglings die Sache für ihn noch bedenklicher machte, so entschloß er sich, seinen Patienten abzuschütteln, schenkte ihm seine alten Stiefeletten, desgleichen seinen alten Kapuzenmantel und expedierte ihn nach Rußland, indem er auch noch die Reise dritter Klasse aus seiner Tasche bezahlte. Nun sollte man meinen, Fortuna habe dem Jüngling fortan nur noch ihre Rückseite gezeigt, doch nein, – mitnichten! Sie, die ganze Gouvernements Hungers sterben läßt, schüttet plötzlich das Füllhorn ihrer Gaben über dem Haupte des aristokratischen Idioten aus, gleich der ‚Wolke‘ in Kryloffs berühmter Fabel, die über das dürre Feld zieht, ohne einen Tropfen Wassers zu spenden, und über dem Ozean einen ganzen Gewitterregen niedergehen läßt. Also geschah es auch hier: fast an demselben Tage, an dem der junge Mann in Petersburg eintrifft, stirbt in Moskau ein Verwandter seiner Mutter (der natürlich nur ein Kaufmann war), ein alter, kinderloser, griesgrämiger Altgläubiger mit einem langen Bart, und hinterläßt ein Kapital von mehreren Millionen, und dieses ganze unantastbare, bare Geld (wenn wir es doch hätten!) – alles das fällt unserem Idioten, der fürwahr mehr Glück als Verstand hat, ohne die geringsten Scherereien in den Schoß! Da zog natürlich alle Welt sogleich ganz andere Saiten auf: unser Baron in den alten Stiefeletten, der sich sofort in eine berühmte Schönheit und ebenso berühmte Mätresse verliebte, war in kürzester Frist von einer Schar von Freunden umgeben, es fanden sich sogar Verwandte ein, und bald ward er von einem ganzen Heer hochwohlgeborener junger Mädchen belagert, die nur noch eine Sehnsucht kannten: von ihm zum Altar geführt zu werden; denn er ist doch das Ideal eines Gatten: Aristokrat, Millionär und Idiot – was will man mehr? – alle guten Eigenschaften in einer Person! Einen solchen Mann kann man ja mit der Laterne suchen, ohne ihn zu finden, und selbst auf Bestellung könnte einem keiner einen zweiten solchen liefern!...“

„Das... das ist aber doch empörend!“ rief Iwan Fedorowitsch Jepantschin in höchster Entrüstung aus.

„Hören Sie auf, Koljä!“ rief ihm der Fürst beschwörend zu.

Von allen Seiten wurden Ausrufe laut.

„Lesen! Um jeden Preis weiterlesen!“ befahl Lisaweta Prokofjewna kurz und bündig. Man sah es ihr an, daß sie nur noch mit Mühe an sich hielt. „Fürst!“ wandte sie sich an diesen, „wenn du ihn nicht weiterlesen läßt – sind wir Feinde!“

Es war also nichts zu machen, und Koljä, der vor Scham errötet war, fuhr mit erregter Stimme in der Lektüre fort.

„Doch während unser junger Millionär sozusagen im Überflusse schwelgt, geschieht etwas ganz Nebensächliches. Eines schönen Morgens erscheint bei ihm ein Herr mit einem ruhigen, strengen Gesicht, tadellos, doch unauffällig gekleidet, mit höflicher, würdiger und rechtschaffener Rede und mit augenscheinlich liberalen Ansichten. In zwei Worten erklärt er ihm den Grund seines Erscheinens: er ist ein bekannter Advokat, der von einem jungen Mann, in dessen Namen er erschienen ist, einen gewissen Auftrag erhalten hat, und jener ist nichts mehr und nichts weniger als der natürliche Sohn des verstorbenen Herrn P., wenn er auch einen anderen Namen trägt. Der alte Lüstling P. hatte ein ehrsames, armes Mädchen von seinem Gutsgesinde, das jedoch europäische Erziehung genossen, mit Hilfe seiner Gutsherrnrechte verführt und dann, als sich die Folgen seines Leichtsinns bemerkbar machten, schnell mit einem anderen verheiratet, mit einem Kaufmann oder, wie man sagt, sogar Beamten, der dieses Mädchen seit langem liebte. Zu Anfang der Ehe half er hin und wieder den Neuvermählten; doch bald wurde seine Hilfe von dem edelgesinnten Gatten der jungen Frau zurückgewiesen, und mit der Zeit vergaß Herr P. nicht nur die beiden Eheleute, sondern auch den Sohn, den sein ehemaliges Gutsmädchen bald nach ihrer Verheiratung ihrem – Gatten geboren hatte. Und dann kam, wie gesagt, ein Tag, an dem Herr P. unvorhergesehen starb, ohne ein Testament gemacht zu haben. Inzwischen war der Sohn, den der edeldenkende Gatte seiner Mutter wie seinen leiblichen Sohn erzogen hatte, nachdem er auch diesen seinen Pflegevater, dessen bürgerlichen Namen er trug, durch einen plötzlichen Tod verloren, ganz allein auf sich und seine Kraft angewiesen und mußte nicht nur für sich, sondern auch für seine alte, kranke, halbgelähmte Mutter sorgen. So zog er denn allein nach Petersburg, um durch Erteilung von Privatunterricht in Kaufmannsfamilien zuerst ein Gymnasium besuchen und nachher für ihn nützliche Lektionen nehmen zu können, da er als strebsamer, junger Mann höhere Ziele im Auge hatte. Doch wie weit kommt man mit Privatunterricht zu fünfzig Kopeken die Stunde, wenn man außer sich selbst auch noch eine kranke Mutter ernähren muß? Deshalb wäre auch der Tod seiner im Sterben liegenden Mutter keine besondere Erleichterung für ihn. Jetzt ist die Frage aufzuwerfen: Was hätte unser Adelssproß in diesem Falle tun sollen? Sie, meine verehrten Herren Leser, werden natürlich der Meinung sein, daß er folgendes bei sich gedacht habe: ‚Ich habe mein ganzes Leben lang von P. alles Gute erfahren; für meine Erziehung, meine Gouvernanten und meine Heilung von der Idiotie hat er Zehntausende ausgegeben. Jetzt besitze ich Millionen, der natürliche Sohn P.s jedoch muß bei seinem edlen Charakter durch Unterricht kümmerlich sein Leben fristen und unschuldig für die Sünden seines leichtsinnigen, vergeßlichen Vaters büßen. Alles, was er für mich ausgegeben hat, hätte er von Rechts wegen für ihn, seinen Sohn, ausgeben müssen. Diese riesigen, für mich ausgegebenen Summen hatte ich ja gar nicht verdient, das war ein blinder Irrtum der blinden Fortuna oder meines phantastischen Wohltäters. Wenn ich wirklich dankbar, zartfühlend und gerecht sein will, so muß ich jetzt seinem Sohne die Hälfte meiner gegenwärtigen Millionen geben. Da ich aber in allen Dingen ein berechnender Mensch bin und nur zu gut begreife, daß er gesetzlich nichts von mir verlangen kann, so werde ich ihm die Hälfte meiner Millionen nicht geben; da aber nichts geben doch gar zu gemein wäre, so muß ich ihm jetzt zum mindesten doch jene Zehntausende zurückgeben, die sein Vater für meine Heilung von der Idiotie ausgegeben hat. Damit tue ich nach meinem Gewissen und der Gerechtigkeit nur meine Pflicht und Schuldigkeit. Denn was wäre schließlich aus mir geworden, wenn sich P. nicht meiner, sondern seines natürlichen Sohnes erbarmt hätte?‘

Doch nein, meine verehrten Leser! Unsere Adelssprößlinge denken anders! Wie beredt auch der Advokat, der einzig aus Freundschaft und fast gegen den Willen des Jünglings die Sache übernommen hatte, dem gegenwärtigen Millionär und ehemaligen Idioten diese Pflicht der Ehre und Gerechtigkeit und sogar der logischen Berechnung vorhält, der in der Schweiz geschulte Idiot bleibt unerbittlich – und was tut er? Ja, was er tut, das läßt sich nicht mehr mit interessanten Krankheiten entschuldigen, das ist und bleibt unverzeihlich: dieser Millionär, der kaum aus den Stiefeletten seines Professors heraus ist, begreift nicht einmal, daß der edelgesinnte Sohn seines Wohltäters, der sich mit Privatunterricht abquält, nicht um eine gnädige Unterstützung bittet, sondern nur um das, was ihm von Rechts wegen zukommt, und nicht einmal selbst bittet, sondern daß nur von seinen Freunden für ihn gebeten wird. In aufgeblasenem Hochmut und berauscht von der Macht seiner Millionen, die es ihm jetzt erlauben, ungestraft die Machtlosen unter die Füße zu treten, zieht unser Adelssproß eine fünfzigrublige Banknote aus seinem Portemonnaie und schickt sie frech als Almosen dem edlen jungen Manne zu. Sie wollen es nicht glauben, meine verehrten Leser? Sie sind empört, beleidigt, Sie finden keine Worte – und dennoch: er hat es getan! Selbstverständlich ist ihm das Geld sogleich zurückgesandt, sozusagen ins Gesicht geworfen worden. Doch welch eine Lösung ist wohl jetzt, wie die Verhältnisse liegen, zu erwarten? Juridisch ist ihm nicht beizukommen, nach dem geschriebenen Gesetz kann man ihm nichts anhaben; es bleibt also nichts anderes übrig, als die Sache der Öffentlichkeit zu übergeben. So unterbreiten wir sie denn dem Urteil des Publikums, das wir zum Schluß noch der Wahrheit jedes geschriebenen Wortes versichern. Es heißt, daß einer unserer bekanntesten Humoristen, dem dieser Fall gleichfalls zu Ohren gekommen ist, ein köstliches Epigramm darauf verfaßt hat, das durchaus wert ist, selbst in Residenzblättern veröffentlicht zu werden, weshalb wir es denn hier auch noch anführen wollen:

Seit fünf Jahren schon trug Ljowa19
– Also hieß der Adelssproß –
Ein paar enge Stiefeletten
Seines Schweizer Professors.
Als er dann im fünften Jahre
Noch Millionen erben tat,
Wollt’ er nimmer das berappen,
Was man ihm gepumpt einst hat.“

Als Koljä zu Ende gelesen hatte, warf er das Blatt angeekelt auf den Tisch und eilte, das Gesicht mit den Händen bedeckend, in den nächsten Winkel, wo er die Stirn fest an die Wand preßte. Er schämte sich bis in sein Innerstes hinein, und seine kindlich reine Seele, die sich an solchen Schmutz noch nicht gewöhnt hatte, litt unsäglich. Es schien ihm, daß etwas Entsetzliches geschehen war, etwas, das alles Schöne und Gute zerstört hatte, und daß er selbst womöglich die Ursache dessen gewesen war, allein schon dadurch, daß er dieses Schändliche laut vorgelesen hatte.

Doch auch die anderen schienen fast alle Ähnliches zu empfinden.

Den jungen Mädchen war die Situation mehr als peinlich. Die Generalin bezwang mit aller Gewalt ihren Zorn und bereute vielleicht bitter, daß sie sich in diese Angelegenheit überhaupt hineingemischt hatte; jetzt schwieg sie. Der Fürst aber schämte sich, wie das mit zartfühlenden Menschen oft geschieht, dermaßen für die Verfasser dieses Artikels, daß er seine Gäste gar nicht anzusehen wagte. Ptizyn, Warjä, Ganjä und sogar Lebedeff schauten alle etwas verwirrt und betreten drein. Doch am sonderbarsten war wohl, daß auch Hippolyt und Burdowskij, der „Sohn Pawlischtscheffs“, erstaunt und gleichsam etwas erschrocken aussahen; und selbst der Neffe Lebedeffs schien offenbar mit irgend etwas unzufrieden zu sein. Nur der „Boxer“ saß wichtig und ruhig auf seinem Stuhl und drehte seinen Schnurrbart, den Blick ein wenig gesenkt – jedoch nicht etwa aus Verlegenheit gesenkt, sondern gleichsam aus Bescheidenheit infolge gar zu offenkundigen Triumphes. Jedenfalls war aus allem zu ersehen, daß der Artikel ihm sehr gefallen hatte.

„Der Teufel mag wissen, was das sein soll!“ brummte Iwan Fedorowitsch halblaut, „das ist ja, wie wenn fünfzig Lakaien sich zusammengetan und dann auch glücklich die größte Gemeinheit zustande gebracht hätten!“

„Erla–auben Sie, mein Herr, wie dürfen Sie uns mit solchen Vermutungen beleidigen?“ empörte sich, am ganzen Körper zitternd, Hippolyt.

„Das, das, das ist für einen Mann von Ehre... das werden Sie doch selbst zugeben, Exzellenz, daß für einen, einen Mann von Ehre so etwas beleidigend sein muß!“ brummte diesmal etwas lauter der Boxer, der sich gleichfalls aus irgendeinem Grunde verletzt zu fühlen schien, und mit gekränkter Miene fuhr er fort, seine Schnurrbartspitzen zu zwirbeln, während er dazu bald mit dieser, bald mit jener Schulter zuckte.

„Ich bin für Sie nicht ‚mein Herr‘, und im übrigen habe ich nicht die Absicht, Ihnen irgendwelche Erklärungen zu geben!“ antwortete mit verhaltener Wut Iwan Fedorowitsch. Er erhob sich und ging ohne ein weiteres Wort zu den Stufen der Terrasse, wo er auf der obersten Stufe, den Rücken der Gesellschaft zugekehrt, stehen blieb. Er ärgerte sich unbeschreiblich über Lisaweta Prokofjewna, die sich auch jetzt noch nicht von ihrem Platz rührte.

„Meine Herren, ich bitte Sie, meine Herren, lassen Sie uns doch so sprechen, daß wir einander verstehen!“ kam der Fürst, in dessen Gesicht sich seine ganze Qual und Erregung widerspiegelte, endlich zu Wort. „Der Artikel – nun, was... vergessen wir ihn. Ich meine ja nur – es ist doch alles unwahr, was dort geschrieben steht, und das sage ich Ihnen jetzt, weil Sie das doch selbst wissen. Es würde mich doch wirklich nur wundern, wenn das jemand von Ihnen verfaßt haben sollte.“

„Ich habe von diesem ganzen Artikel bis jetzt nichts gewußt,“ erklärte Hippolyt. „Ich billige ihn nicht.“

„Ich habe zwar gewußt, daß er geschrieben war, aber... von einer Veröffentlichung hätte ich entschieden abgeraten; denn dazu ist es noch zu früh,“ sagte Wladimir Doktorenko, Lebedeffs Neffe.

„Ich habe gewußt, aber ich habe das Recht... ich...“ stotterte der „Sohn Pawlischtscheffs“.

„Was! Sie haben das selbst geschrieben?“ fragte der Fürst fast erschrocken, und erstaunt blickte er Burdowskij an. „Das kann doch nicht sein!“

„Man könnte Ihnen übrigens das Recht zu solchen Fragen auch absprechen,“ trat Doktorenko für seinen Freund ein.

„Ich wunderte mich ja nur, daß es Herrn Burdowskij gelungen ist... doch... wenn Sie die Sache bereits an die Öffentlichkeit gebracht haben, weshalb waren Sie dann vorhin so beleidigt, als ich in Gegenwart meiner Freunde davon zu sprechen begann?“

„Endlich!“ stieß Lisaweta Prokofjewna halblaut hervor, indem sie gleichzeitig mit der Fußspitze aufschlug.

„Und dabei geruhen Sie noch, Fürst, mit Stillschweigen darüber hinwegzugehen,“ warf Lebedeff, der sich wie im Fieber hinter den Stühlen der anderen herumwand, diensteifrig ein, „jawohl, darüber hinwegzugehen, daß es einzig und allein Ihr guter und freier Wille und die unvergleichliche Güte Ihres Herzens war, diese Herren zu empfangen und anzuhören, und sie infolgedessen überhaupt kein Recht haben, von Ihnen eine Unterredung zu verlangen, um so weniger, als Sie, durchlauchtigster Fürst, bereits Gawrila Ardalionytsch mit der Führung dieser Sache betraut haben. Deshalb, durchlauchtigster Fürst, wird es Ihro Gnaden niemand verargen dürfen, wenn Ihro Gnaden jetzt den Wunsch aussprechen, diese Herren die Stufen hinunterbefördert zu sehen, was ich in meiner Eigenschaft als Hausbesitzer sogar mit ganz besonderem Vergnügen...“

„Gewiß, das einzig Richtige!“ dröhnte plötzlich aus dem Hintergrunde die Stimme des alten Iwolgin.

„Genug, Lebedeff, hören Sie auf...“ wollte der Fürst beginnen, doch ein ganzer Sturm von Ausrufen verschlang seine Worte.

„Nein, verzeihen Sie, Fürst, verzeihen Sie, jetzt ist’s mit einem ‚hören Sie auf‘ nicht abgetan!“ überschrie Lebedeffs Neffe alle anderen. „Vor allem tut jetzt not, daß man die Sache klar und deutlich hinstellt; denn offenbar versteht sie hier keiner richtig. Wie ich sehe, will man uns mit juristischen Winkelzügen einschüchtern, und man droht uns sogar, uns hinauszuwerfen! Aber halten Sie uns denn, Fürst, wirklich für zu dumm, um zu begreifen, daß wir, wenn wir juridisch gegen Sie vorgehen wollten, keinen Rubel von Ihnen zu verlangen das Recht hätten! Doch andererseits verstehen wir nur zu gut, daß es hier, wenn von juridischem Recht keine Rede sein kann, ein um so größeres menschliches, natürliches Recht gibt, das Recht der gesunden Vernunft und der Stimme unseres Gewissens, und wenn dieses Recht auch nicht in alten vermoderten Kodexen steht, so ist doch ein edler und ehrlicher Mensch, das heißt soviel wie ein Mensch mit gesunder Vernunft, dennoch verpflichtet, auch in solchen Punkten, die in keinem Kodex stehen, eben ein ehrlicher und edler Mensch zu sein und dementsprechend zu handeln. Deshalb sind wir auch hergekommen, ohne zu fürchten, daß man uns hinauswerfen wird – wie Sie soeben gedroht haben –, weil wir nicht bitten, sondern fordern... und weil unser Besuch etwas spät ausgefallen ist – was jedoch mehr Ihre als unsere Schuld ist, denn Sie haben uns zwei Stunden lang in Ihrer Dienerstube warten lassen. Deshalb, wie gesagt, sind wir ohne Furcht zu Ihnen gekommen, weil wir Sie für einen Menschen mit gesunder Vernunft hielten, das heißt soviel wie für einen Mann von Ehre und Gewissen. Es ist wahr, wir sind nicht de-und wehmütig, nicht wie Bettler hier eingetreten, sondern erhobenen Hauptes, als freie Menschen, die wir sind, und durchaus nicht mit untertänigen Bitten, sondern mit einer freien und stolzen Forderung, ja, Forderung und nicht Bitte – merken Sie sich das! Und jetzt stellen wir ohne alle Winkelzüge frei und offen die Frage an Sie: Glauben Sie in dieser Angelegenheit im Recht oder im Unrecht zu sein? Geben Sie es zu oder geben Sie es nicht zu, daß Pawlischtscheff Ihr Wohltäter gewesen ist und Sie vielleicht vom Tode errettet hat? Wenn Sie das zugeben – und das tun Sie doch offenbar – so fragen wir Sie, ob Sie die Absicht haben, oder ob Sie es vor Ihrem Gewissen für gerecht oder ungerecht halten, wenn wir von Ihnen, nachdem Sie Millionen geerbt haben, einfach fordern, daß Sie dem natürlichen, doch darbenden Sohne Ihres Wohltäters das zurückzahlen, was Sie von seinem Vater ungerechterweise geschenkt erhalten haben? Ja oder nein? Wenn ja, das heißt mit anderen Worten: wenn Sie auch nur einen Funken von dem in sich haben, was Sie in Ihrer Sprache Ehre und Gewissen nennen, und was wir noch treffender mit gesunder Vernunft bezeichnen, so befriedigen Sie uns – und die Sache ist erledigt. Befriedigen Sie uns, ohne dabei auf Bitten und Dankbarkeit unsererseits zu rechnen, erwarten Sie sie nicht; denn Sie tun es ja doch nicht für uns, sondern für sich, weil die Gerechtigkeit es von Ihnen verlangt. Wollen Sie uns jedoch nicht befriedigen, das heißt: wenn Sie auf unsere Frage mit einem Nein antworten, so werden wir uns sofort zurückziehen und die Sache ist gleichfalls abgetan; doch werden Sie uns dann wohl gestatten, daß wir in Gegenwart all Ihrer Freunde und Zeugen Ihnen ins Gesicht sagen, daß Sie ein Mensch mit rohem Verstande sind und jedenfalls auf einer sehr niedrigen Entwicklungsstufe stehen, und daß Sie hinfort nicht mehr das Recht haben, sich einen Mann von Ehre und Gewissen zu nennen, da Sie sich dieses Recht denn doch gar zu billig kaufen wollen. So, ich habe geendet. Die Frage ist gestellt! Lassen Sie uns doch jetzt hinauswerfen, wenn Sie es wagen. Sie haben ja die Macht dazu. Aber vergessen Sie nicht, daß wir dennoch fordern und nicht bitten!“

„Ja, fordern, fordern, fordern, und nicht bitten!...“ stotterte Burdowskij, der vor Aufregung so rot geworden war wie ein Krebs.

Nach dieser Rede, die Lebedeffs Neffe mit viel Temperament gehalten hatte, ging eine allgemeine Bewegung durch die Gesellschaft: Ausrufe wurden laut, hier und da wurde getuschelt, geflüstert, obschon es alle außer Lebedeff sichtlich vermieden, sich in die Sache laut einzumischen. Lebedeff dagegen war wie im Fieber, und seltsam: obschon er bedingungslos zum Fürsten hielt, empfand er jetzt doch so etwas wie Familienstolz nach der Rede Doktorenkos und blickte sich im Kreise um, als wolle er sagen: „Und seht, das ist mein Neffe!“

„Meiner Ansicht nach,“ begann der Fürst, ziemlich leise, „meiner Ansicht nach haben Sie, Herr Doktorenko, in dem, was Sie soeben gesagt, zum Teil recht, sogar zum weit größeren Teil, und ich wäre mit Ihnen vollkommen einverstanden, wenn Sie in Ihrer Rede nicht etwas ganz aus dem Auge gelassen hätten. Was es freilich ist, was Sie übersehen haben, vermag ich nicht genau auszudrücken... Doch kommen wir lieber zur Sache, meine Herren. Weshalb haben Sie diesen Artikel veröffentlicht? Jedes Wort in diesem Artikel ist doch eine Verleumdung. Ich finde, daß diese Veröffentlichung Ihrerseits eine Schändlichkeit ist.“

„Erlauben Sie!...“

„Mein Herr!...“

„Das... das... das...“ hörte man gleichzeitig von den aufgeregten Gästen.

„Was diesen Artikel betrifft,“ griff Hippolyt mit seiner heiseren Stimme auf, „was diesen Artikel betrifft, so habe ich Ihnen bereits gesagt, daß sowohl ich wie auch die anderen ihn nicht billigen. Geschrieben aber hat ihn dieser hier.“ (Er wies auf den neben ihm sitzenden Boxer.) „Ich gebe zu, daß er ihn unanständig und in einem Stil geschrieben hat, der allen Verabschiedeten seines Schlages eigen ist. Er ist dumm und obendrein noch käuflich, das gebe ich zu – ich sage es ihm ja jeden Tag ins Gesicht –, aber halbwegs ist er doch in seinem Recht: da ein jeder das Recht zur Veröffentlichung hat, kann auch er davon Gebrauch machen. Seinen Stil jedoch und seine Dummheit mag er selbst verantworten. Und was das betrifft, daß ich vorhin im Namen aller gegen die Anwesenheit Ihrer Freunde protestierte, so erkläre ich jetzt einfach, daß ich einzig deshalb protestiert habe, um unser Recht zu behaupten, im Grunde aber sind uns Zeugen sogar erwünscht, und darin sind wir bereits früher, noch bevor wir hier eintraten, übereinkommen. Also gleichviel, wer die Zeugen sind, und wenn wir Ihre Freunde vor uns haben – um so besser; denn daß sie einsehen werden, daß Burdowskij vollkommen in seinem Recht ist – das liegt ja doch auf der Hand! das ist ja mathematisch klar! – Nun, und so wird eben der Sieg der Wahrheit ein um so größerer sein.“

„Das ist wahr, wir waren übereingekommen, daß...“ wollte Lebedeffs Neffe Hippolyts Mitteilung bestätigen.

„Aber weshalb erhoben Sie denn vorhin ein solches Geschrei, wenn Ihnen Zeugen sogar erwünscht waren?“ wunderte sich der Fürst.

„In betreff des Artikels, Fürst,“ bemerkte eilig der Boxer, der furchtbar gern auch zu Wort kommen wollte und sich nun, als es ihm endlich gelang, in angenehmer Selbstzufriedenheit immer mehr belebte (es war unschwer zu erraten, daß die Anwesenheit von Damen einen starken Einfluß auf ihn ausübte), „in betreff des Artikels muß ich allerdings gestehen, daß ich der Verfasser bin, obschon mein kranker Freund, dem ich um seiner Krankheit willen zu verzeihen geneigt bin, sich soeben sehr absprechend über diesen meinen Artikel geäußert hat. Ich habe ihn aber in dem Blatt meines anderen Freundes gewissermaßen nur als eingesandten Brief veröffentlicht. Nur das Gedicht zum Schluß stammt allerdings nicht von mir, sondern von einem Bekannten, und man kann sogar sagen, berühmten Humoristen. Vorgelesen habe ich ihn nur meinem Freunde Burdowskij, doch auch ihm nicht alles; ich erhielt aber von ihm sogleich die Erlaubnis, meinen Artikel zu veröffentlichen, was ich schließlich auch ohne seine Erlaubnis hätte tun können, das werden Sie doch zugeben. Das Recht der Veröffentlichung ist ein allgemeines, ein edles und nützliches. Ich hoffe, auch Sie, Fürst, sind so weit fortgeschritten, daß Sie das nicht in Abrede stellen werden...“

„Das nicht, aber Sie sehen doch wohl selbst ein, daß Ihr Artikel...“

„Etwas scharf ist, wollen Sie vielleicht sagen? Aber hier handelt es sich doch, das müssen Sie nicht vergessen, um den allgemeinen Nutzen, und dann – wie hätte man eine solche Gelegenheit unbenutzt vorübergehen lassen können? Der Nutzen der Allgemeinheit geht stets voran. Und was die einzelnen Ungenauigkeiten betrifft – man kann sie eigentlich nur Hyperbeln nennen – so sind doch diese nicht von Belang, die Hauptsache bleibt doch die Initiative, der Zweck und die Absicht sozusagen. Von Wichtigkeit ist das Beispiel, die Privatfragen kommen erst später in Betracht. Und dann ist’s doch eine vortreffliche Gelegenheit, den Stil zu entwickeln, es ist ja förmlich eine humoristische Aufgabe, und – alle schreiben doch so! Ha–ha!“

„Aber das ist doch ein ganz falscher Weg! Ich versichere Sie, meine Herren,“ rief der Fürst, „Sie haben den Artikel in dem Glauben geschrieben, daß ich unter keiner Bedingung einwilligen würde, Herrn Burdowskijs Ansprüche zu befriedigen, und so haben Sie mich in dieser Weise schrecken und sich an mir rächen wollen. Woher aber wissen Sie, was ich zu tun beschlossen habe? Ich sage Ihnen jetzt offen in Gegenwart aller, daß ich seine Ansprüche bedingungslos befriedigen werde...“

„Ah, das ist doch endlich ein kluges und edles Wort eines klug-und edeldenkenden Menschen!“ rief der Boxer begeistert aus.

„Großer Gott!“ stieß Lisaweta Prokofjewna hervor.

„Das ist ja unerträglich!“ brummte der General empört.

„Erlauben Sie, meine Herren, erlauben Sie, daß ich Ihnen die Sache auseinandersetze,“ bat der Fürst. „Vor etwa fünf Wochen erschien bei mir in S. Ihr Bevollmächtigter, Herr Burdowskij, ein gewisser Herr Tschebaroff. Sie haben ihn aber doch etwas gar zu schmeichelhaft geschildert, Herr Keller, das muß ich sagen!“ wandte sich der Fürst plötzlich an den Boxer. „Mir dagegen gefiel dieser Herr durchaus nicht. Ich begriff sogleich, daß die ganze Geschichte nur von diesem Tschebaroff ausging und er vielleicht sogar Sie, Herr Burdowskij, dazu bewogen hat, diesen Anspruch zu erheben, indem er geschickt Ihre Unwissenheit und Vertrauensseligkeit auszunutzen verstanden hat, wenn ich offen sein soll.“

„Sie haben kein Recht dazu... ich... ich bin nicht unwissend... das...“ stotterte Burdowskij sehr erregt.

„Sie haben durchaus kein Recht dazu, solche Vermutungen zu äußern,“ belehrte ihn Lebedeffs Neffe.

„Das ist im höchsten Grade beleidigend!“ krähte Hippolyt mit seiner heiseren Stimme. „Beleidigend, unwahr und gehört nicht zur Sache.“

„Verzeihung, Verzeihung, meine Herren,“ beeilte sich der Fürst einzuwenden, „verzeihen Sie mir, bitte. Ich sagte es ja nur, weil ich glaubte, wir täten besser, vollkommen offen miteinander zu reden. Doch wie Sie wollen. Ich sagte Herrn Tschebaroff, daß ich, da ich nicht selbst nach Petersburg fahren konnte, meinen Freund sogleich mit der Untersuchung der Angelegenheit betrauen und Sie, Herr Burdowskij, unverzüglich davon in Kenntnis setzen würde. Ich sage Ihnen ganz offen, meine Herren, daß mir dieses ganze Ansinnen als niederträchtige Spitzbüberei erschien, und zwar gerade deshalb, weil Tschebaroff... Oh, um Gottes willen, seien Sie doch nicht wieder beleidigt! Ich bitte Sie, meine Herren!“ unterbrach sich der Fürst schnell, als er in Burdowskijs Miene die Unruhe des Gekränkten und in denen der Freunde Protest und Empörung bemerkte. „Das kann Sie doch unmöglich kränken, wenn ich sage, daß ich die Sache für eine Spitzbüberei, für einen schändlichen Betrug gehalten habe! Ich kannte doch damals noch keinen einzigen von Ihnen, nicht einmal Ihre Namen waren mir bekannt! Ich konnte doch nur nach dem Eindruck urteilen, den Tschebaroff auf mich gemacht hatte... und ich sage es ja nur so im allgemeinen; denn... wenn Sie wüßten, wie ich betrogen worden bin, seitdem ich die Erbschaft gemacht habe!“

„Sie sind unglaublich naiv, Fürst,“ meinte Lebedeffs Neffe spöttisch.

„Und dabei – Fürst und Millionär! Doch ungeachtet Ihres vielleicht guten Herzens, können Sie sich immerhin nicht dem allgemeinen Gesetz entziehen,“ erklärte Hippolyt.

„Möglich, sehr möglich, meine Herren,“ beeilte sich wieder der Fürst zu erwidern, „das heißt wenn ich auch nicht verstehe, von welch einem allgemeinen Gesetz Sie reden... doch ich fahre fort. Nur bitte ich Sie, sich nicht sogleich gekränkt zu fühlen; ich versichere Sie, mir liegt nichts so fern als die Absicht, Ihnen irgendwie zu nahezutreten. Aber was ist das, wirklich, meine Herren: man kann kaum zwei Worte offen zu Ihnen reden, da fühlen Sie sich schon gekränkt!... Vor allem überraschte es mich ungeheuer, daß ein natürlicher Sohn von Pawlischtscheff lebte und das noch dazu in solchen Verhältnissen, wie sie Tschebaroff mir schilderte. Pawlischtscheff war mein Wohltäter und der Freund meines Vaters. Ach, weshalb haben Sie so schändliche Unwahrheiten über meinen Vater geschrieben, Herr Keller? Daß er die Regimentskasse verspielt oder einen Soldaten geprügelt habe – das ist doch nicht wahr, davon bin ich ja fest überzeugt! Wie hat Ihre Hand nur eine solche Verleumdung schreiben können? Doch das, was Sie über Pawlischtscheff geschrieben haben, ist einfach unerträglich! Sie nennen diesen durch und durch edelmütigen Menschen so dreist und überzeugt einen alten Lüstling, als würden Sie damit die unantastbarste Wahrheit sagen! Pawlischtscheff war sicherlich einer der sittenstrengsten Männer, die es je gegeben hat! Er war sogar ein großer Gelehrter und hat in seinem Leben viel Geld für die Wissenschaft ausgegeben. Was Sie aber über sein gutes Herz und seine Güte gegen mich geschrieben haben, ist vollkommen zutreffend. Ich war damals wirklich fast ein Idiot und konnte nur wenig begreifen – aber Russisch sprach ich doch fehlerfrei – und Sie können mir glauben, daß ich sehr wohl zu schätzen weiß, was und wieviel er für mich getan hat...“

„Erlauben Sie,“ krächzte Hippolyt, „wird das nicht gar zu gefühlvoll werden? Wir sind keine Kinder. Sie wollten doch zur Sache kommen, die Uhr geht auf zehn, vergessen Sie das nicht.“

„Gewiß, gewiß, meine Herren,“ willigte der Fürst sogleich ein. „Nach dem ersten Mißtrauen sagte ich mir denn auch, daß ich mich täuschen und daß Pawlischtscheff vielleicht wirklich einen natürlichen Sohn haben könne. Mich wunderte nur sehr, daß dieser Sohn so leichtfertig, das heißt, Verzeihung, ich will sagen: so öffentlich das Geheimnis seiner Herkunft aufdeckt und vor allem seine Mutter nicht schont. Denn Tschebaroff drohte mir schon damals mit der Veröffentlichung...“

„Welch eine Dummheit!“ rief Lebedeffs Neffe ärgerlich aus.

„Sie haben nicht das Recht... haben nicht das Recht!“ stotterte fast schreiend Burdowskij.

„Der Sohn ist für die Handlungen seines Vaters nicht verantwortlich und die Mutter ist in diesem Fall unschuldig,“ erklärte Hippolyt.

„Um so mehr, denke ich, hätte er sie schonen sollen...“ bemerkte der Fürst fast schüchtern.

„Sie sind nicht nur furchtbar naiv, Fürst, sondern sind noch etwas mehr,“ meinte Lebedeffs Neffe mit boshaftem Lachen.

„Und welches Recht hatten Sie?...“ krächzte wieder mit seiner unnatürlichen Stimme Hippolyt.

„Überhaupt keines, überhaupt keines!“ kam ihm der Fürst eilig zuvor. „Darin haben Sie recht, das sehe ich vollkommen ein! Ich habe mir auch schon in demselben Augenblick, als ich es aussprach, gesagt, daß meine persönlichen Gefühle mit der Sache selbst nichts zu tun haben dürfen; denn wenn ich es einmal als meine Pflicht ansehe, Herrn Burdowskijs Forderung auf Grund meiner Pawlischtscheff schuldigen Dankbarkeit zu befriedigen, so muß ich es in jedem Fall tun, also gleichviel, ob ich Herrn Burdowskij achte oder nicht achte. Ich kam jetzt, meine Herren, nur deshalb darauf zu sprechen, weil es mir doch gar zu unnatürlich schien, daß der Sohn das Geheimnis seiner Mutter der Öffentlichkeit preisgibt... Mit einem Wort, gerade daraus glaubte ich zu ersehen, daß Tschebaroff eine Kanaille sein müsse und er allein Herrn Burdowskij zu einer solchen Niedertracht bewogen haben könne.“

„Aber das ist ja nicht mehr zum Aushalten!“ ertönte es von den jungen Leuten, von denen drei sogar von ihren Plätzen aufsprangen.

„Meine Herren! Nur deshalb kam ich zu der Überzeugung, daß der unglückliche Herr Burdowskij ein treuherziger, schutzloser, einfacher Mensch sein muß, der leicht das Opfer jedes geschickten Spitzbuben werden kann! Folglich aber war es meine Pflicht, ihm als ‚Sohn Pawlischtscheffs‘ zu helfen, und zwar, indem ich vor allem gegen Herrn Tschebaroff auftrat und ihm als treuer Freund mit Rat und Tat behilflich sein wollte, und ihm ferner zehntausend Rubel auszuzahlen bestimmte, also dieselbe Summe, die Pawlischtscheff nach meiner Berechnung für mich ausgegeben hat...“

„Was! Nur zehntausend!“ kreischte Hippolyt.

„Nein, Fürst, Sie sind doch in der Arithmetik sehr schwach!... oder vielleicht sehr stark, wenn Sie sich auch als noch so harmlosen Menschen hinstellen wollen!“ rief der Neffe Lebedeffs höhnisch aus.

„Mit zehntausend bin ich nicht einverstanden!“ erklärte Burdowskij, zum erstenmal nicht stotternd.

„Antip, sei kein Esel!“ flüsterte ihm schnell und deutlich vernehmbar der Boxer zu, indem er sich über Hippolyts Stuhllehne zu Burdowskij beugte. „Greif zu, später kann man ja dann immer noch sehen!“

„Hören Sie, Herr Myschkin,“ ereiferte sich Hippolyt und seine Stimme klang noch heiserer, „begreifen Sie doch endlich, daß Sie nicht dumme Jungen vor sich haben, wie hier alle Ihre Gäste von uns zu glauben scheinen, und namentlich diese Damen, die jetzt so empört über uns sind und so spöttisch lächeln, und auch jener hochwohlgeborene Herr dort (er wies auf Jewgenij Pawlowitsch), den zu kennen ich freilich nicht die Ehre habe, doch von dem mir, wenn ich mich nicht täusche, schon manches zu Ohren gekommen ist...“

„Erlauben Sie, erlauben Sie, meine Herren, Sie haben mich ja wieder nicht verstanden!“ wandte sich der Fürst erregt an seine Gäste. „Sie, Herr Keller, haben in Ihrem Artikel mein Vermögen sehr falsch taxiert: ich habe ja gar keine Millionen geerbt, ich besitze vielleicht den achten oder zehnten Teil von dem, was Sie glauben. Und dann: Zehntausende sind für mich bestimmt nicht verausgabt worden. Professor Schneider erhielt nicht mehr als sechshundert Rubel jährlich, und auch die hat er nur in den ersten drei Jahren erhalten. Hübsche Gouvernanten aber hat Pawlischtscheff niemals aus Paris mitgebracht, – das ist wiederum eine Verleumdung. Ich bin überzeugt, daß Pawlischtscheff alles in allem bedeutend weniger als zehntausend Rubel für mich ausgegeben hat, doch ich habe nun einmal die Summe nach oben abgerundet, und dabei bleibt es. Mehr aber als das, was ich empfangen habe, kann ich doch Herrn Burdowskij nicht anbieten, selbst wenn ich ihn auch noch so liebgewonnen hätte, denn sonst würde ich doch sein Zartgefühl verletzen; was von mir verlangt wird, ist: eine Schuld zu bezahlen, nicht ein Almosen zu geben! Ich begreife nicht, meine Herren, wie Sie das nicht einsehen! Ich aber wollte ihm dafür noch meine Freundschaft schenken, ich wollte ihm in jeder Beziehung behilflich sein und ihm beistehen; denn er wird doch offenbar von allen und jedem betrogen! Anders ist es ja gar nicht möglich, denn wie hätte er sich sonst zu einer solchen... solchen Gemeinheit verstehen können, wie zum Beispiel der Veröffentlichung jener Sätze in Herrn Kellers Artikel über seine Mutter... Aber weshalb regen Sie sich denn wieder auf, meine Herren? Man kann ja mit Ihnen keine zwei Worte reden! So werden wir uns ja bald überhaupt nicht mehr verstehen! Und ich habe mich ja auch nicht getäuscht in meinen Voraussetzungen, davon habe ich mich jetzt mit eigenen Augen überzeugen können,“ versicherte der Fürst, bemüht, die aufgeregten Geister zu beruhigen, ohne dabei zu bemerken, daß er sie nur noch mehr aufregte.

„Was? Wovon haben Sie sich überzeugt?“ drangen sie geradezu zornig auf ihn ein.

„Aber ich bitte Sie, meine Herren, erstens habe ich Herrn Burdowskij sehr gut verstanden, ich sehe doch, was er ist... Er ist ein unschuldiger Mensch... und deshalb muß ich ihn in Schutz nehmen. Und zweitens hat Gawrila Ardalionytsch, – von dem ich lange keine Nachrichten über den Stand der Dinge erhalten, da ich fast die ganze Zeit gereist und dann hier in Petersburg drei Tage krank gewesen bin – hat mir Gawrila Ardalionytsch erst heute vor etwa einer Stunde mitgeteilt, als wir uns zum erstenmal wiedersahen, daß er die Absichten Tschebaroffs sehr wohl durchschaue, und daß Tschebaroff genau das sei, für was ich ihn gehalten habe. Ich weiß es, meine Herren, daß mich viele für einen Idioten halten, und auch Tschebaroff nur deshalb, weil ich diesen Ruf habe, und in dem Glauben, daß man mit Leichtigkeit von mir Geld erhalten könne, mich eben betrügen wollte, indem er schlau meine Gefühle für Pawlischtscheff auszunutzen gedachte. Aber die Hauptsache, – so hören Sie doch, meine Herren, lassen Sie mich doch zu Ende sprechen! –: wie sich jetzt herausstellt, ist ja Herr Burdowskij gar nicht Pawlischtscheffs Sohn! Vor einer Stunde hat mir Gawrila Ardalionytsch mitgeteilt, daß er unantastbare Beweise dafür habe! Nun, in welch einem Licht erscheint Ihnen jetzt die Sache? Es ist ja doch überhaupt nicht zu glauben, nach allem, was Sie bereits angestiftet haben! Und Sie hören: unantastbare Beweise! Ich glaube es noch nicht, ich glaube es selbst noch nicht, ich versichere Sie! Ich zweifle auch jetzt noch, denn Gawrila Ardalionytsch hatte heute keine Zeit, mir alles ausführlich zu erklären. Daß aber Tschebaroff eine Kanaille ist, daran zweifle ich keinen Augenblick mehr! Er allein ist es, der den armen Herrn Burdowskij und auch Sie alle, meine Herren, die Sie Ihrem Freunde beistehen – da er des Beistandes offenbar bedarf, das begreife ich doch! – ja, der Sie alle betrogen hat; denn diese ganzen Ansprüche sind doch im Grunde nichts als Betrug und gemeine Spitzbüberei!“

„Wie! Was! Spitzbüberei!... Nicht Pawlischtscheffs Sohn!?... Wie ist das möglich!?“ ertönten empörte und erschrockene Ausrufe durcheinander.

Die ganze Kompagnie Burdowskijs war außer sich vor Entrüstung.

„Gewiß Spitzbüberei! Wie wollen Sie denn die Ansprüche Herrn Burdowskijs anders nennen, wenn er mit Pawlischtscheff überhaupt nicht verwandt ist? Das heißt: selbstverständlich hat er das nicht gewußt! Aber das ist es ja, weshalb ich immer wieder sage, daß er das Opfer eines Betruges ist – ich will ihn doch rechtfertigen! Deshalb sage ich auch, daß man ihn bemitleiden muß, daß er in seiner Treuherzigkeit unbedingt des Beistandes bedarf, denn andernfalls würde er doch jetzt als Spitzbube dastehen. Ich bin überzeugt, daß er nichts davon ahnt! Ich bin ja doch selbst in einem solchen Zustande gewesen wie er, bevor ich in die Schweiz fuhr, ich stammelte gleichfalls zusammenhanglose Worte, – man will alles, alles sagen und kann kein einziges Wort finden... Ich weiß, ich weiß, wie das ist, ich kann es ihm nachfühlen; denn ich selbst bin ja fast ebenso, deshalb kann er es mir nicht übelnehmen, wenn ich es sage. Aber ich werde dennoch – ganz abgesehen davon, daß es einen ‚Sohn Pawlischtscheffs‘ nicht mehr gibt, und das Ganze sich als Mystifikation erweist – ich werde dennoch meinen Entschluß nicht ändern, und ich bin trotzdem bereit, Herrn Burdowskij zehntausend Rubel anzuweisen. Ich hatte früher die Absicht, sie zu einer Schule zu verwenden, im Namen Pawlischtscheffs, aber ich kann sie ja ebensogut Herrn Burdowskij zusprechen; denn wenn er auch nicht tatsächlich Pawlischtscheffs Sohn ist, so... ist er doch so gut wie sein Sohn: er ist doch selbst so schändlich betrogen worden. Er selbst ist doch überzeugt, daß er der Sohn Pawlischtscheffs sei! Ich bitte Sie, meine Herren, Gawrila Ardalionytsch anzuhören, damit dann die Sache endlich einmal abgetan ist. Regen Sie sich nicht auf und seien Sie mir nicht böse. Bitte, setzen Sie sich wieder. Gawrila Ardalionytsch wird Ihnen sogleich alles erklären, und, offen gestanden, auch ich bin sehr gespannt darauf, alle Einzelheiten zu erfahren. Er reiste sogar nach Pskow und hat mit Ihrer Frau Mutter gesprochen, Herr Burdowskij. Nur hat er sie durchaus nicht sterbend vorgefunden, wie es in jenem Artikel heißt... Setzen Sie sich, meine Herren, bitte, nehmen Sie Platz!“

Der Fürst setzte sich, und seinem Beispiel folgten auch die jungen Leute. In den letzten zehn oder zwanzig Minuten hatte der Fürst laut, ungeduldig und schnell gesprochen und in dem Bestreben, sich überhaupt Gehör zu verschaffen und womöglich alle zu überzeugen, sich in immer größeren Eifer hineingeredet, so daß er jetzt, kaum zur Ruhe gekommen, manches Ausgesprochene bitter zu bereuen begann. Hätte er sich nicht so ereifert, so würde er seine Mutmaßungen nicht ausgesprochen und alles Überflüssige vermieden haben. Doch kaum hatte er sich wieder hingesetzt, als ihn auch schon brennende Reue erfaßte und bis zur Pein quälte. Nicht nur, daß er Burdowskij „beleidigt“ hatte mit der Annahme, daß er mit derselben Krankheit behaftet sei, von der er, der Fürst, in der Schweiz geheilt worden war, er hatte ihn auch noch tief gekränkt; denn das Angebot, die zehntausend Rubel ihm statt einer Schule zu geben, war seiner Meinung nach in einer verletzenden Weise geschehen, da er es in Gegenwart anderer, also gewissermaßen öffentlich getan hatte.

„Ich hätte damit warten sollen, ich hätte es ihm morgen unter vier Augen anbieten sollen,“ dachte der Fürst gequält, „und das läßt sich jetzt nicht mehr gutmachen! Ja, ich bin ein Idiot, ich bin wirklich ein Idiot!“ sagte er sich in einem Anfall unerträglicher Scham und Selbstbeschuldigung.

Gawrila Ardalionytsch, der bis dahin abseits gestanden und vorsätzlich geschwiegen hatte, trat auf die Aufforderung des Fürsten hin neben seinen Stuhl und schickte sich ruhig an, den Sachverhalt der Angelegenheit, die zu untersuchen er vom Fürsten beauftragt worden war, auseinanderzusetzen. Alles verstummte sogleich, und neugierig und in erwartungsvollem Interesse richteten sich aller Augen auf ihn.

IX

„Sie werden es gewiß nicht in Abrede stellen wollen, Herr Burdowskij,“ begann Gawrila Ardalionytsch, sich direkt an den ‚Sohn Pawlischtscheffs‘ wendend, der ihm mit auffallend glotzendem Blick und ebenso großer Verwunderung wie Verwirrung zuhörte, „daß Sie genau zwei Jahre nach der Verheiratung Ihrer achtbaren Mutter mit dem Herrn Kollegiensekretär Burdowskij, Ihrem Vater, geboren sind. Der Tag Ihrer Geburt ist an der Hand von Dokumenten gar zu leicht und genau nachzuweisen, und deshalb wollen wir, um Sie und Ihre Mutter nicht zu verletzen, die Entstellung der Tatsache in jenem Artikel mit einer Verwirrung der zweifellos blühenden Phantasie Herrn Kellers erklären, der mit diesen... Hyperbeln Ihnen und Ihren Interessen offenbar zu dienen gemeint hat. Herr Keller sagte, daß er Ihnen seinen Artikel nur zum Teil vorgelesen habe; daher können wir annehmen, daß er es nur bis zu dieser Stelle getan...“

„Allerdings nur bis dahin,“ unterbrach ihn der Boxer, „aber die Fakta waren mir von einer durchaus glaubwürdigen Person mitgeteilt, und ich...“

„Erlauben Sie, Herr Keller, daß ich jetzt rede,“ unterbrach ihn Gawrila Ardalionytsch. „Sobald ich auf Ihren Artikel zu sprechen komme, können Sie Ihre Erklärungen vorbringen; jetzt aber wollen wir zuerst sachgemäß fortfahren. Zufällig gelangte ich durch die Freundin meiner Schwester, einer gewissen Wjera Alexejewna Subkowa, einer Witwe und Gutsbesitzerin, in den Besitz eines Briefes, den der verstorbene Nikolai Andrejewitsch Pawlischtscheff vor vierundzwanzig Jahren aus dem Auslande an sie geschrieben hat. Auf meine Bitte um nähere Auskunft erteilte mir Wjera Alexejewna den Rat, mich an den Obersten a. D. Timofej Fedorowitsch Wjäsowkin zu wenden, an einen entfernten Verwandten und einstmaligen großen Freund des Herrn Pawlischtscheff. Von diesem erhielt ich dann noch weitere zwei Briefe Pawlischtscheffs an ihn, die gleichfalls aus dem Auslande geschrieben sind. Der Inhalt dieser drei Briefe schließt jeden Zweifel daran, ob Herr Pawlischtscheff auch wirklich damals, anderthalb Jahre vor Ihrer Geburt, ins Ausland gefahren ist, wo er dann drei Jahre verblieb, von vornherein völlig aus. Ihre Mutter aber hat, wie Sie wissen, Rußland nie verlassen. Ich will mir augenblicklich nicht die Zeit nehmen, die drei Briefe vorzulesen; es ist heute etwas spät geworden, deshalb begnüge ich mich mit der bloßen Mitteilung der Tatsachen. Doch wenn Sie wünschen, Herr Burdowskij, können Sie morgen vormittag, sagen wir, um zehn oder um elf – wann es Ihnen genehm ist, – mit Ihren Zeugen und Experten zu mir kommen, um die Authentizität der Briefe festzustellen; denn ich zweifle keinen Augenblick daran, daß Sie sich von der Wahrheit überzeugen lassen werden, und wenn Sie sich überzeugt haben, so dürfte die Sache damit abgetan sein, denke ich.“

Wieder folgte diesen Worten eine allgemeine Bewegung und Aufregung. Doch plötzlich erhob sich Burdowskij.

„Wenn es so ist, dann bin ich betrogen worden, betrogen... jedoch nicht von Tschebaroff, sondern schon vor langer Zeit; ich will keine Experten... ich will nichts feststellen, ich glaube es... ich... ich verzichte... Die Zehntausend will ich nicht... adieu...“

Er nahm seine Mütze, schob den Stuhl zurück und wollte fortgehen.

„Verzeihung, Herr Burdowskij,“ hielt ihn Gawrila Ardalionytsch mit leiser, süßlich klingender Stimme zurück, „könnten Sie nicht noch fünf Minuten verzögern? Es haben sich in dieser Angelegenheit noch einige äußerst wichtige Tatsachen herausgestellt, namentlich für Sie wichtige, für uns dagegen nur interessante. Meiner Meinung nach dürften Sie es sich nicht entgehen lassen, mit ihnen bekannt zu werden, und es wird Ihnen gewiß eine Erleichterung sein, wenn der ganze Sachverhalt ein für allemal aufgeklärt und damit abgetan ist...“

Antip Burdowskij setzte sich schweigend, den Kopf ein wenig gesenkt, wie in Gedanken versunken. Seinem Beispiel folgte auch Lebedeffs Neffe, der sich gleichfalls erhoben hatte, um mit ihm fortzugehen; dieser schien zwar den Kopf und die Dreistigkeit noch nicht verloren zu haben, schaute aber doch sehr befremdet drein. Hippolyt sah finster, traurig und sehr erstaunt aus. In diesem Augenblick hatte er übrigens einen so starken Hustenanfall, daß auf dem Taschentuch, das er vor den Mund preßte, Blutflecken erschienen. Der Boxer war unglaublich erschrocken.

„Ach, Antip!“ rief er plötzlich kummervoll aus, „hab’ ich’s dir damals nicht gleich gesagt, vor drei Tagen schon, daß du vielleicht wirklich gar nicht Pawlischtscheffs Sohn bist!“

Verhaltenes Lachen ertönte, zwei oder drei lachten lauter.

„Was Sie da soeben mitteilen, Herr Keller,“ griff Gawrila Ardalionytsch schnell auf, „ist als Faktum von unschätzbarer Bedeutung. Nichtsdestoweniger kann ich auf Grund der sichersten Beweise behaupten, daß Herr Burdowskij, dem die Zeit seiner Geburt sehr wohl bekannt war, von jenem Aufenthalt Herrn Pawlischtscheffs im Auslande jedoch völlig ununterrichtet gewesen ist. Bekanntlich hat Herr Pawlischtscheff den größten Teil seines Lebens im Auslande verbracht und ist immer nur auf kurze Zeit nach Rußland zurückgekehrt. Außerdem ist seine Abreise anderthalb Jahre vor Ihrer Geburt, Herr Burdowskij, an sich so wenig aufsehenerregend gewesen, daß es nur zu begreiflich ist, wenn sich ihrer nach vierundzwanzig Jahren selbst seine Verwandten und Freunde nicht mehr erinnern. Deshalb wären auch alle meine Nachforschungen ergebnislos gewesen, wenn der Zufall mir nicht ganz unvermutet diese Briefe in die Hände gespielt hätte. Und deshalb wären auch für Herrn Burdowskij und sogar für Tschebaroff solche Nachforschungen fast unmöglich gewesen, selbst wenn sie welche hätten vornehmen wollen...“

„Erlauben Sie, Herr Iwolgin,“ unterbrach ihn plötzlich Hippolyt gereizt, „wozu halten Sie diese ganze Rede, wenn ich fragen darf? Die Hauptsache ist doch erklärt, und wir haben eingewilligt, an die Richtigkeit zu glauben; wozu also noch breittreten, was ohnehin schon schwer und verletzend ist? Oder wollen Sie vielleicht Ihre Geschicklichkeit als Nachforscher, als Detektiv zeigen? Oder beabsichtigen Sie gar, eine Verteidigungsrede für Burdowskij zu halten, weil er das alles nur aus Unwissenheit getan hat? Das wäre denn doch zu verletzend, mein Herr! Burdowskij bedarf weder Ihrer Rechtfertigungen noch Entschuldigungen! Es kränkt ihn nur, er ist ohnehin in einer peinlichen Situation, das hätten Sie erraten, begreifen sollen...“

„Pardon, Herr Terentjeff, erlauben Sie, daß ich fortfahre,“ unterbrach ihn Gawrila Ardalionytsch, „beruhigen Sie sich, Sie regen sich ganz unnütz auf. Sie sind, glaube ich, sehr krank. Ich kann Ihnen durchaus nachfühlen... In dem Falle habe ich, wenn Sie wollen, alles gesagt oder vielmehr bin ich gezwungen, nur noch in aller Kürze jene Fakta mitzuteilen, die zu erfahren meiner Meinung nach nicht überflüssig sein dürfte,“ lenkte er ein, als er eine gewisse allgemeine Bewegung bemerkte, die bereits Ungeduld zu verraten schien. „Ich habe Ihnen mitzuteilen, Herr Burdowskij, daß Herr Pawlischtscheff nur deshalb Ihrer Mutter gutgesinnt gewesen ist und ihr so oft geholfen hat, weil sie die leibliche Schwester jenes Hofmädchens ist, in die sich Herr Pawlischtscheff in seiner Jugend so verliebt hatte, daß er sie unfehlbar geheiratet hätte, wenn sie nicht gestorben wäre. Ich habe Beweise, daß dieser Jugendroman nur sehr wenigen bekannt gewesen und von diesen alsbald sogar ganz vergessen worden ist. Ferner kann ich Ihnen mitteilen, daß Herr Pawlischtscheff Ihre Mutter seit ihrem zehnten Jahre hat erziehen lassen und ihr eine gute Mitgift gegeben hat, und gerade diese seine Anteilnahme hat unter seinen Verwandten und Bekannten eine gewisse Besorgnis erregt und zu verschiedenen Gerüchten Anlaß gegeben; eine Zeitlang hat es sogar geheißen, daß er seinen Pflegling heiraten würde. Doch es endete damit, daß sie im Alter von zwanzig Jahren aus Liebe, wofür ich gleichfalls Beweise habe, den Feldmessungsbeamten Burdowskij heiratete. Ferner habe ich die sichersten Beweise dafür, daß Ihr Vater, Herr Burdowskij, nach Empfang der Mitgift Ihrer Mutter, die sich auf fünfzehntausend Rubel belief, seinen Dienst aufgab, sich an verschiedenen kommerziellen Spekulationen beteiligte, betrogen wurde, das ganze Kapital verlor und vor Kummer zu trinken begann, worauf er bald erkrankte und starb, im achten Jahr seiner Ehe mit Ihrer Mutter. Ihre Mutter blieb hierauf, wie sie mir selbst erzählt hat, in der größten Armut zurück und wäre elend zugrunde gegangen, wenn nicht Herr Pawlischtscheff ihr großmütig immer wieder geholfen hätte. Er hat ihr bis zu sechshundert Rubel im Jahr gegeben. Ferner gibt es unzählige Beweise dafür, daß Pawlischtscheff Sie als Kind sehr liebgewonnen hatte. Aus diesen Beweisen und nicht zum mindesten aus den Aussagen Ihrer Mutter geht hervor, daß er Sie hauptsächlich deshalb so liebgewonnen, weil Sie ein schwächliches, stotterndes, armseliges Kindchen gewesen sind. Pawlischtscheff aber hat bekanntlich sein Leben lang eine ganz besondere, fast zärtliche Liebe für alles Behaftete empfunden, für alles ‚von der Natur Gekränkte‘, wie das Volk sagt, namentlich aber für solche Kinder. Diese Tatsache, für die ich gleichfalls mehrere Beweise habe, ist für uns in diesem Falle von besonderer Wichtigkeit. Und schließlich kann ich mich noch rühmen, auch das erklären zu können, wie diese auffallende Liebe Pawlischtscheffs – dank dessen Hilfe Sie das Gymnasium besucht und unter besonderer Aufsicht gelernt haben – mit der Zeit unter seinen Verwandten den Glauben erweckt hat, daß Sie sein Sohn seien. Doch dieser Glaube ist erst in den letzten Lebensjahren Pawlischtscheffs, als man sich seines Testaments wegen Sorgen zu machen begann, in seinen Verwandten zur Überzeugung geworden, also erst dann, als die alten Fakta vergessen waren und Nachforschungen immer unmöglicher wurden. Zweifellos ist dieses Gerücht auch Ihnen zu Ohren gekommen und hat dann auch einen entsprechenden Eindruck auf Sie gemacht. Ihre Mutter, die persönlich kennen zu lernen ich das Vergnügen gehabt habe, hat zwar von diesen Gerüchten gehört, weiß aber bis jetzt noch nicht – auch ich verschwieg es natürlich –, daß auch Sie, ihr Sohn, sich von ihnen haben beeinflussen lassen. Ihre Mutter fand ich in Pskow krank und in großer Armut vor, da sie mit Pawlischtscheffs Tod nicht nur den Freund und Gönner, sondern auch die Unterstützung verloren hatte. Unter Tränen der Dankbarkeit teilte sie mir mit, daß sie nur noch dank Ihrer Hilfe lebe; sie erwartet große Dinge von Ihnen und glaubt felsenfest an Ihre zukünftigen, großen Erfolge...“

„Das ist aber jetzt doch nicht mehr zu ertragen!“ erklärte plötzlich laut in größter Ungeduld Lebedeffs Neffe. „Was bezwecken Sie mit der Wiedergabe dieses ganzen Romans?“

„Ekelhaft! Einfach unanständig!“ stieß Hippolyt mit einer gereizten Bewegung hervor.

Burdowskij jedoch bemerkte nichts und rührte sich nicht einmal.

„Was ich damit bezwecke?“ wunderte sich Gawrila Ardalionytsch, sich mit verschlagenem Lächeln zu seiner Schlußfolgerung vorbereitend. „Erstens wird Herr Burdowskij jetzt überzeugt sein, daß Herr Pawlischtscheff ihn nicht als leiblichen Sohn, sondern nur aus Mitleid geliebt hat. Das aber dürfte für Herrn Burdowskij, der die Handlungsweise Herrn Kellers vorhin nach der Vorlesung des Artikels guthieß, jedenfalls wissenswert sein. Ich sage das nur deshalb, weil ich Sie für einen guten Menschen halte, Herr Burdowskij. Ferner stellt es sich jetzt heraus, daß selbst von seiten Tschebaroffs durchaus keine bewußte Spitzbüberei vorliegt, das aber ist auch für mich von Wichtigkeit; denn der Fürst äußerte sich vorhin im Eifer des Gesprächs ungefähr in dem Sinne, daß auch ich in dieser Beziehung seiner Meinung sei. Im Gegenteil, hier handelte es sich bei allem um eine feste Überzeugung, und wenn auch Tschebaroff vielleicht in der Tat ein großer Spitzbube ist, so ist er wenigstens in dieser Sache nur ein echter Winkeladvokat. Er hat offenbar gehofft, bei der Gelegenheit viel Geld verdienen zu können, und seine Berechnung ist durchaus nicht so dumm gewesen: er rechnete auf die Leichtigkeit, mit der man vom Fürsten Geld erhalten kann, sowie auf dessen Gefühle für den verstorbenen Pawlischtscheff; vor allem jedoch – was am wichtigsten ist – auf gewisse ritterliche Ansichten des Fürsten bezüglich Ehren-und Gewissenspflichten. Von Herrn Burdowskij aber kann man sagen, daß er, der sich infolge einiger seiner Ansichten von Tschebaroff und seinem Freundeskreise offenbar leicht beeinflussen läßt, seine Ansprüche anfangs eigentlich gar nicht aus materiellem Interesse erhoben hat, sondern fast nur infolge seiner Überzeugung, daß er damit der Wahrheit, dem Fortschritt und der ganzen Menschheit diene. Jetzt, nachdem ich alle Fakta mitgeteilt und die Beweggründe auseinandergesetzt habe, hoffe ich, daß alle in Herrn Burdowskij einen ehrenwerten Menschen sehen werden und der Fürst ihm jetzt leichteren Herzens seine Freundschaft und auch jene Hilfe anbieten kann, deren er vorhin Erwähnung tat, als er von der in Pawlischtscheffs Namen einer Schule zugedachten Summe sprach...“

„Um Gottes willen, hören Sie auf, Gawrila Ardalionytsch, hören Sie auf!“ unterbrach ihn der Fürst wahrhaft entsetzt, doch es war schon zu spät.

„Ich habe gesagt, ich habe schon dreimal gesagt,“ rief Burdowskij gereizt, „ich will das Geld nicht! Ich werde es nicht annehmen... weshalb nicht... ich will es nicht... so!...“

Und kaum hatte er das hervorgestoßen, als er sich schnell dem Ausgang zuwandte und die Stufen hinunterlief. Doch Lebedeffs Neffe eilte ihm nach, ergriff ihn am Arm und flüsterte ihm etwas zu, worauf Burdowskij ebenso plötzlich zurückkehrte, aus der inneren Rocktasche ein offenes Kuvert großen Formats hervorzog und auf den kleinen Tisch neben dem Fürsten hinwarf.

„Da! das Geld!... Sie durften nicht... durften nicht... durften nicht!... Das Geld!...!“ stieß er erregt hervor.

„Das sind die zweihundertundfünfzig Rubel, die Sie gewagt haben, ihm wie ein Almosen durch Tschebaroff zu übersenden,“ erklärte Doktorenko.

„Im Artikel ist gesagt, daß er ihm nur fünfzig Rubel zugesandt habe!“ rief Koljä dazwischen.

„Ich bitte Sie, mir zu verzeihen,“ sagte der Fürst, auf Burdowskij zutretend, „ich habe Ihnen ein großes Unrecht abzubitten, Herr Burdowskij. Dieses Geld aber habe ich Ihnen nicht wie ein Almosen zugesandt, das bitte ich Sie, mir zu glauben. Es ist ein anderes Unrecht, das ich meine – eines, das ich vorhin begangen habe.“ (Der Fürst sah sehr angegriffen, müde und schwach aus, und seine Worte waren fast zusammenhanglos.) „Ich sprach von einer Spitzbüberei... doch das bezog sich nicht auf Sie, ich habe mich falsch ausgedrückt. Ich sagte, daß Sie... ebenso seien wie ich, ebenso krank. Doch Sie sind nicht ebenso wie ich, Sie... erteilen Unterricht, Sie... ernähren Ihre Mutter. Ich sagte, Sie hätten Ihre Mutter nicht geschont, doch Sie lieben sie; sie sagt es selbst... ich wußte das nicht... Gawrila Ardalionytsch hatte mir vorher nicht alles erzählt... ich bitte Sie, mir zu verzeihen. Ich habe es gewagt, Ihnen zehntausend Rubel anzubieten, verzeihen Sie es mir, ich hätte sie nicht so anbieten sollen, jetzt aber... geht es nicht, denn Sie müssen mich verachten.“

„Das ist ja, um wahnsinnig zu werden! Oder sind wir hier in einer Irrenanstalt?“ konnte sich Lisaweta Prokofjewna nicht mehr beherrschen.

„Wußten Sie das noch nicht, Mama?“ fragte Aglaja schroff, denn auch ihr riß die Geduld.

Doch ihre Worte hörte fast niemand in dem Lärm, der sich erhoben hatte. Alle sprachen durcheinander, die einen stritten, andere redeten laut und gescheit und erteilten guten Rat, einige lachten. Iwan Fedorowitsch Jepantschin war im höchsten Grade empört und wartete mit der Miene gekränkter Würde nur auf den Augenblick, in dem sich seine Gattin endlich erheben würde.

„Ja, Fürst, das muß man Ihnen lassen,“ ergriff Lebedeffs Neffe noch einmal das Wort, „Sie verstehen es großartig, aus Ihrer... nun, sagen wir, um uns höflicher auszudrücken – Krankheit Kapital zu schlagen. Sie haben Ihre Freundschaft und das Geld in einer so geschickten Form anzubieten gewußt, daß ein Mann von Ehre sie in keinem Fall annehmen kann. Das war Ihrerseits entweder gar zu naiv oder vielleicht ungeheuer geschickt... Das werden Sie übrigens selbst am besten wissen.“

„Verzeihung, meine Herren,“ rief plötzlich Gawrila Ardalionytsch, der mittlerweile das Kuvert untersucht hatte, „hier sind im ganzen nur hundert Rubel und nicht zweihundertfünfzig. Ich mache Sie jetzt nur darauf aufmerksam, Fürst, damit es später nicht zu irgendwelchen Mißverständnissen kommt.“

„Lassen Sie, lassen Sie!“ winkte der Fürst schnell Gawrila Ardalionytsch ab.

„Nein, ‚lassen Sie‘ es durchaus nicht!“ griff sofort Doktorenko auf. „Ihr ‚lassen Sie‘, Fürst, ist für uns äußerst beleidigend. Wir wollen nichts verheimlichen, wir gehen offen und ehrlich vor: ja, dieses Kuvert enthält nur hundert und nicht zweihundertundfünfzig Rubel, aber ist denn das nicht ganz gleich...“

„N–nein, ich dächte nicht,“ unterbrach ihn Gawrila Ardalionytsch mit naiver Verwunderung.

„Unterbrechen Sie mich nicht; wir sind nicht so dumm, wie Sie glauben, mein Herr Advokat,“ bemerkte Doktorenko ärgerlich. „Selbstverständlich sind hundert Rubel nicht zweihundertundfünfzig Rubel; ich will nur sagen, daß es nicht auf die Vollzähligkeit der Summe ankommt, sondern auf das Prinzip. Die Hauptsache ist hier die Initiative, der fehlende Rest ist – Privatsache! Wichtig ist, daß Burdowskij Ihr Almosen nicht empfängt, Durchlaucht, daß er es Ihnen ins Gesicht wirft, und in diesem Sinne ist es ganz gleich, ob es hundert oder zweihundertundfünfzig sind. Burdowskij hat die Zehntausend nicht angenommen, das haben Sie gesehen; und er würde auch die hundert Rubel nicht zurückgebracht haben, wenn er das wäre, für was Sie ihn halten: ein Ehrloser! Die hier fehlenden hundertfünfzig Rubel sind für Tschebaroffs Unkosten, seine Reise zu Ihnen, usw. draufgegangen. Wenn Sie lachen wollen, dann lachen Sie über unser Unvermögen, eine Sache richtig anzufassen, über unsere Unkenntnis in solchen Dingen – Sie haben sich ja so redlich drum bemüht, uns lächerlich zu machen! – aber wagen Sie es nicht, uns zu sagen, daß wir keine Ehre hätten. Diese hundertfünfzig Rubel werden wir alle, mein Herr, dem Fürsten zurückzahlen, und wenn wir die Summe auch nur rubelweise zusammenbringen sollten – wenn Sie wollen, auch noch mit Prozenten. Burdowskij ist arm, er besitzt keine Millionen, Tschebaroff aber präsentierte nach der Reise seine Rechnung. Wir hofften zu gewinnen... Wer hätte an seiner Stelle anders gehandelt?“

„Wer??“ mischte sich Fürst Sch. hinein.

„Ich werde hier wahnsinnig!“ rief Lisaweta Prokofjewna aus.

„Das erinnert ja auffallend,“ begann lachend Jewgenij Pawlowitsch, der die ganze Zeit geschwiegen und sie alle beobachtet hatte, „ganz auffallend an eine vor kurzer Zeit gehaltene berühmte Rede eines Advokaten, der, nachdem er als Entschuldigungsgrund die Armut seines Klienten hervorgehoben, – sein Klient hatte sechs Menschen in einer Nacht ermordet und beraubt – plötzlich mit den Worten schloß: ‚Selbstverständlich ist dem Angeklagten nur infolge seiner Armut der Gedanke in den Kopf gekommen, diesen Mord an sechs Menschen zu begehen; aber wem wäre denn an seiner Stelle dieser Gedanke nicht in den Kopf gekommen?‘ – Oder ungefähr mit diesen Worten. Jedenfalls war’s etwas überaus Seltsames.“

„Genug jetzt!“ erklärte plötzlich bebend vor Zorn Lisaweta Prokofjewna. „Es ist Zeit, daß man diesem Unsinn endlich ein Ende macht!...“ Sie kochte innerlich vor Wut, doch äußerlich trat sie geradezu majestätisch auf: fast drohend hatte sie den Kopf in den Nacken geworfen und mit stolzer, hochmütiger Herausforderung ließ sie ihren Blick über die ganze Gesellschaft schweifen, offenbar ohne im Augenblick die Freunde von den Feinden zu unterscheiden. Sie war bei jenem Punkt angelangt, über den hinaus ihr Zorn sich nicht mehr eindämmen ließ, sondern rücksichtslos zum Ausbruch, zum offenen Kampfe drängte. Alle, die sie näher kannten, fühlten sofort, daß diesmal ein ganz besonderer Ausbruch bevorstand. Am nächsten Tage sagte Iwan Fedorowitsch zum Fürsten Sch.: „Ja, das kommt bei ihr vor, aber mit einer solchen Wucht, wie gestern, doch nur sehr selten, höchstens alle drei Jahr einmal. Wie gesagt, höchstens einmal in drei Jahren, nicht öfter, nein, nicht öfter, höchstens einmal!“ schärfte er ihm noch nachdrücklich ein.

„Lassen Sie mich, Iwan Fedorowitsch!“ herrschte Lisaweta Prokofjewna ihren Mann an, der auf sie zutrat und ihr den Arm bot, um sie fortzuführen. „Was soll ich jetzt noch mit Ihrem Arm! Wenn es Ihnen als Mann und Familienvater nicht früher eingefallen ist, mich von hier fortzuführen – jetzt ist es zu spät. Am Ohr hätten Sie mich fortziehen sollen, wenn ich nicht freiwillig gegangen wäre. Wenn Sie sich doch wenigstens um Ihre Töchter bekümmern würden! Jetzt aber werden wir auch ohne Sie den Weg finden... die Schmach reicht für ein ganzes Jahr... Warten Sie noch einen Augenblick, ich will mich nur noch bei dem Fürsten bedanken!... Ich danke dir, Fürst, für die Vorstellung!... Und ich hatte mich hier hingesetzt, um unsere Jugend zu hören!... Das ist ja eine Niedertracht, eine Niederträchtigkeit! Das ist ja ein Chaos, so etwas kann man sich ja nicht einmal träumen lassen! Gibt es denn wirklich noch viele solche?... Schweig, Aglaja! Sei still, Alexandra! Ihr habt euch nicht hineinzumischen!... So lassen Sie mich doch, Jewgenij Pawlowitsch, ich habe Ihre Bücklinge wirklich satt!... Also du, mein Junge, bittest sie noch um Verzeihung,“ wandte sie sich an den Fürsten, „‚verzeiht mir, daß ich euch ein Kapital anzubieten gewagt habe!‘ – ganz allerliebst!... Was lachst du, du dummer Bengel!“ fuhr sie empört Lebedeffs Neffen an, der zu lächeln gewagt hatte, „also ‚wir bitten nicht, wir fordern, wir werfen ihm das Geld ins Gesicht!‘ Reizend! Wirklich reizend! Und dabei tut er noch, als wüßte er nicht, daß dieser Idiot sich spätestens morgen zu ihnen hinschleppen wird, um wieder seine Freundschaft und sein Geld anzubieten! Hab’ ich nicht recht? Du wirst doch gehen! Du wirst doch gehen? Wirst du gehen oder nicht?“

„Ich werde gehen,“ antwortete der Fürst leise und ruhig.

„Habt ihr’s gehört! Und darauf rechnest du ja nur,“ wandte sie sich wieder an Doktorenko, „das Geld hast du ja jetzt schon so gut wie in der Tasche, deshalb prahlst du ja auch so unverfroren, um uns noch vorher zu imponieren... Nein, mein Täubchen, da müßt ihr euch andere Dumme suchen, denn ich durchschaue euch mehr, als ihr ahnt... euer ganzes Spiel durchschaue ich!“

„Lisaweta Prokofjewna!“ rief der Fürst.

„Gehen wir, Lisaweta Prokofjewna, es ist Zeit, und den Fürsten fordern wir auf, sich uns anzuschließen,“ sagte möglichst ruhig und möglichst harmlos lächelnd Fürst Sch.

Die jungen Mädchen standen fast erschrocken etwas abseits, der General aber schien förmlich erstarrt zu sein. Übrigens waren alle zum mindesten erstaunt. Einige, die etwas weiter ab standen, lächelten verstohlen oder flüsterten sich ein paar Worte zu. Lebedeff war geradezu in Ekstase.

„Niederträchtigkeit und Chaos, gnädige Frau, findet man überall,“ sagte bedeutsam Lebedeffs Neffe, der übrigens gleichfalls etwas verblüfft war.

„Aber nicht solche! Nicht solche, Väterchen, wie jetzt bei euch, nicht solche Niedertracht, das kannst du mir glauben!“ fiel ihm Lisaweta Prokofjewna mit schmerzlicher und zorniger Schadenfreude ins Wort. „Ach, werdet ihr mich denn nicht endlich in Ruhe lassen!“ fuhr sie die anderen an, die sie beschwichtigen wollten. „Nein, wenn sogar die Verteidiger vor Gericht es ganz natürlich finden, daß man sechs Menschen umbringt, bloß weil man arm ist, so kann ja wahrhaftig das Ende der Welt nicht mehr weit sein. So etwas habe ich denn doch noch nicht gehört! Jetzt ist mir alles klar geworden! Würde denn dieser Stotterer, dieser dort“ (sie wies auf Burdowskij, der sie vor Verwunderung ganz sprachlos anstarrte), „würde denn der nicht ermorden? Ich könnte wetten, daß er’s fertigbringt! Dein Geld, die zehntausend Rubel wird er vielleicht nicht nehmen, das ist wahr, wird sie aus Gewissenhaftigkeit nicht nehmen; aber in der Nacht hingehen und ermorden, um sie aus der Schatulle herauszunehmen – das wird er bestimmt tun und wird es noch dazu ruhig auf sein Gewissen nehmen! – Das wird dann vor seinem Gewissen nicht ehrlos sein! Das nennt man jetzt ‚Ausbruch edler Verzweiflung‘ oder ‚Negation der alten Moral‘, oder weiß der Himmel wie noch... Pfui! Alles ist jetzt verkehrt, alle stellen sich auf den Kopf und strampeln mit den Beinen in der Luft! Wird da ein junges Mädchen von ehrsamen Eltern im Hause erzogen – plötzlich springt sie mitten auf der Straße in einen Wagen und fährt davon: ‚Mamachen, ich habe mich vor ein paar Tagen mit einem Karlytsch oder Iwanytsch verheiratet, adieu!‘ Und das ist Ihrer Meinung nach sehr richtig, nicht wahr? Aller Achtung wert? Durchaus natürlich? Frauenfrage?... Sogar dieser Bengel hier“ (sie wies auf Koljä) „wollte noch vor kurzem mit mir streiten, behauptete, gerade das sei ja der ganze Kern der ‚Frauenfrage‘. Wenn auch die Mutter dumm gewesen ist, so sei du doch immerhin wie ein Mensch zu ihr!... Weshalb hoben Sie die Nasen so hoch, als Sie hier eintraten? Es war ja, als hätten Sie sagen wollen: ‚Platz da, wir kommen! Uns gebt alle Rechte, ihr aber dürft euch kein einziges anmaßen! Uns müßt ihr alle Ehren erweisen, sogar solche, die es überhaupt noch nicht gegeben hat, und zum Dank dafür werden wir euch wie die letzten Kanaillen behandeln‘! Das sagte da jede eurer Nasenspitzen! Ihr sagt: ‚Wir suchen die Wahrheit‘ und ‚wir bestehen auf unserem Recht‘ – was wißt ihr von Recht und Wahrheit, wenn ihr in eurem Artikel wie die Straßenräuber über einen Unschuldigen herfallt und Lügen über Lügen schreibt! ‚Wir bitten nicht, wir fordern, und erwarten Sie von uns keine Dankbarkeit; denn Sie tun es nur zur Beruhigung Ihres Gewissens!‘ Das ist mir mal eine Moral. Wenn du im voraus sagst, daß du ihm nicht dankbar sein wirst, so kann dir doch der Fürst gleichfalls sagen, daß auch er für Pawlischtscheff keine Spur von Dankbarkeit empfindet, denn dieser habe das Gute auch nur zur Beruhigung des eigenen Gewissens getan. Auf was aber hast du denn gerechnet, wenn nicht auf die Dankbarkeit, die er für Pawlischtscheff empfindet? Du hast ihm doch nicht das Geld gegeben, er schuldet es doch nicht dir, auf was hast du denn sonst gerechnet, wenn nicht auf seine Dankbarkeit? Wie kannst du dich dann aber selbst von jeder Dankbarkeit lossagen? Verrückt seid ihr! Ihr behauptet, die Gesellschaft sei roh und unmenschlich, weil sie ein verführtes Mädchen ausstößt. Aber wenn du deshalb die Gesellschaft für roh und unmenschlich erklärst, so gibst du doch damit zu, daß diese Handlungsweise der Gesellschaft dem Mädchen weh tut. Wenn du aber das zugibst, wie kannst du dann von ihr verlangen, daß ihr das nicht weh tun soll? Verrückt seid ihr! Eure Ruhmsucht hat euch alle verrückt gemacht! Ihr glaubt weder an Gott noch an Christus. Ihr seid ja von eurer Ruhmsucht und eurem Stolz so geschwollen, daß ihr euch zum Schluß noch gegenseitig auffressen werdet, das prophezeie ich euch! Und das soll kein Chaos sein, das soll keine Schändlichkeit sein? Und nach alledem geht dieser Schamlose noch hin und bittet sie noch um Verzeihung! Sagt, gibt es viele solche wie ihr seid? Was lacht ihr? Weil ich mich so erniedrige, daß ich überhaupt mit euch rede? Jetzt ist es zu spät, was geschehen ist, ist geschehen, da ist nichts zu machen... Du aber hast hier nichts zu lachen, du ungezogener Bengel!“ fuhr sie plötzlich empört Hippolyt an. „Er selber kann kaum noch atmen, verdirbt aber noch andere! Du hast mir diesen Bengel da“ (sie wies wieder auf Koljä) „den hast du mir auch verdorben, er phantasiert ja überhaupt nur noch von dir, du hast ihn zum Atheismus bekehrt, du glaubst nicht an Gott, hast aber selbst noch Prügel verdient, ja wohl, denen bist du noch nicht entwachsen, mein Junge!... Also du wirst morgen zu ihnen gehen, Fürst Lew Nikolajewitsch?“ fragte sie plötzlich fast atemlos den Fürsten.

„Ich werde gehen.“

„Dann kenne ich dich von Stund’ an nicht mehr!“ – Sie wandte sich hastig zur Treppe, um fortzugehen, doch plötzlich kehrte sie wieder zurück. „Und auch zu diesem Atheisten wirst du gehen?“ fragte sie, auf Hippolyt weisend, – „aber was lachst du denn wieder über mich, du unverschämter Bengel!“ schrie sie plötzlich wie rasend und packte ihn an der Hand – sein beißendes Lächeln hatte sie um den letzten Rest von Selbstbeherrschung gebracht.

„Lisaweta Prokofjewna! Lisaweta Prokofjewna! Lisaweta Prokofjewna!“ ertönte es von allen Seiten.

„Maman, das ist eine Schande!“ rief Aglaja laut.

„Beunruhigen Sie sich nicht, Aglaja Iwanowna,“ antwortete Hippolyt ruhig, obgleich die Generalin immer noch krampfhaft seine Hand festhielt und ihn mit ihrem glühenden Blick förmlich durchbohren zu wollen schien, „beunruhigen Sie sich nicht, Ihre maman wird einsehen, daß man sich an einem Sterbenden nicht vergreifen darf... Ich bin gern bereit zu erklären, weshalb ich gelacht habe... es wird mir eine Freude sein, wenn man es mir erlaubt...“

Ein plötzlicher Hustenanfall, der eine ganze Minute andauerte, erstickte seine Worte.

Lisaweta Prokofjewna ließ erschrocken seine Hand fahren und sah mit Entsetzen, wie er sich das Blut von den Lippen wischte.

„Mein Gott, er stirbt ja doch schon und will noch reden! Du darfst kein Wort mehr sprechen, hörst du! Du mußt einfach gehen und dich hinlegen...“

„Das werde ich auch tun,“ sagte heiser, leise, fast flüsternd Hippolyt. „Sobald ich heute zurückkehre, werde ich mich sogleich hinlegen... nach zwei Wochen bin ich tot... Das hat mir schon in der vorigen Woche B–n gesagt... Wenn Sie erlauben, werde ich Ihnen noch zwei Worte zum Abschied sagen.“

„Bist du von Sinnen? Unsinn! Kurieren mußt du dich, was willst du denn jetzt reden? Geh, leg dich ins Bett!...“ Lisaweta Prokofjewna war wirklich ganz erschrocken.

„Wenn ich mich hinlege, so werde ich ja doch nicht mehr aufstehen, bis man mich aus dem Bett in den Sarg legt,“ meinte Hippolyt lächelnd. „Ich wollte mich eigentlich schon gestern so hinlegen... um dann nie mehr aufzustehen... bis zum Tode... aber dann beschloß ich, es bis morgen aufzuschieben, solange ich mich noch auf den Füßen halten kann... um heute mit ihnen hierherzukommen... Nur müde bin ich jetzt...“

„Aber so setz dich doch, setz dich, was stehst du denn! Hier hast du einen Stuhl!“ und Lisaweta Prokofjewna schob ihm selbst schnell einen Stuhl hin. Hippolyt setzte sich – es war wie ein Zusammenbrechen.

„Ich danke Ihnen,“ fuhr er leise fort, „aber Sie müssen sich mir gegenübersetzen, und dann lassen Sie uns miteinander reden... wir werden unbedingt miteinander reden, Lisaweta Prokofjewna, jetzt bestehe ich darauf...“ lächelte er ihr wieder zu. „Bedenken Sie doch nur, daß ich heute zum letztenmal im Freien bin, in frischer Luft und unter Menschen, nach zwei Wochen aber bin ich in der Erde. Das wird also jetzt so etwas wie mein Abschied von den Menschen und von der Natur werden. Ich bin zwar nicht besonders sentimental, aber stellen Sie sich vor, es freut mich doch sehr, daß alles das hier draußen in Pawlowsk geschehen ist: so habe ich doch wenigstens noch Bäume mit grünen Blättern gesehen...“

„Was sprichst du da, sei still, du hast ja doch Fieber!“ unterbrach ihn Lisaweta Prokofjewna in wachsender Angst. „Vorhin schriest du und sprachst du so viel, jetzt aber kannst du kaum noch Atem schöpfen!“

„Ich werde mich sogleich erholen. Weshalb wollen Sie mir nicht meine letzte Bitte gewähren?... Wissen Sie auch, daß ich schon lange davon geträumt habe, wie ich einmal mit Ihnen zusammenkommen würde, Lisaweta Prokofjewna?... Ich habe viel von Ihnen gehört. – Koljä hat mir von Ihnen erzählt; er ist ja fast der einzige, der mich nicht verläßt... Sie sind eine originelle Frau, das habe ich jetzt selbst gesehen... wissen Sie auch, daß ich Sie sogar ein wenig geliebt habe?...“

„Gott, und ich hätte ihn doch beinah geschlagen!“

„Aglaja Iwanowna hat Sie daran verhindert; ich irre mich doch nicht? Das ist doch Ihre Tochter Aglaja Iwanowna? Sie ist so schön, daß ich vorhin auf den ersten Blick erriet, sie müsse es sein, obgleich ich sie vorher nie gesehen habe. Lassen Sie mich noch zum letztenmal im Leben eine Schönheit sehen,“ bat er mit einem seltsam schüchternen und doch gleichsam sich verzerrenden Lächeln. „Auch der Fürst ist hier und Ihr Mann und der ganze Bekanntenkreis. Weshalb wollen Sie meinen letzten Wunsch nicht erfüllen?“

„Einen Stuhl!“ rief Lisaweta Prokofjewna, ergriff jedoch schnell selbst einen und setzte sich Hippolyt gegenüber. „Koljä,“ rief sie diesem zu, „du wirst mit ihm unverzüglich aufbrechen, begleit ihn nach Hause, morgen aber werde ich unbedingt selbst...“

„Wenn Sie erlauben, würde ich den Fürsten um ein Glas Tee bitten... Ich bin sehr müde... Wissen Sie was, Lisaweta Prokofjewna, Sie wollten, glaube ich, den Fürsten zu sich zum Tee mitnehmen: bleiben Sie hier, verbringen wir die Zeit zusammen, und der Fürst wird bestimmt so freundlich sein, uns mit Tee zu bewirten. Verzeihen Sie, daß ich so... ungefragt Anordnungen treffe... Aber ich kenne Sie doch, Sie haben ein gutes Herz, der Fürst auch... wir sind ja alle bis zur Lächerlichkeit herzensgute Menschen...“

Der Fürst bestellte sogleich den Tee, Lebedeff stürzte hinaus, als stünde sein Haus in Flammen, und ihm folgte auf dem Fuße Wjera.

„Nun gut,“ entschied die Generalin, „sprich also, nur sprich leiser und rege dich nicht auf. Du tust mir so leid, mein Junge... Fürst! Du bist es eigentlich nicht wert, daß ich bei dir Tee trinke, aber mag es denn so sein, ich bleibe. Doch bitte ich, nicht etwa zu glauben, daß ich hier jemanden um Verzeihung bitten werde! Unsinn! Übrigens – wenn ich dich gescholten habe, Fürst, so verzeihe es mir, – das heißt: wenn du willst. Ich will hier niemand zurückhalten,“ wandte sie sich plötzlich in geradezu hochmütigem Zorn an ihren Gemahl und ihre Töchter, als hätten diese ihr – und nicht sie ihnen – ein furchtbares Unrecht angetan. „Ich werde auch allein den Weg nach Hause finden...“

Doch man ließ sie nicht zu Ende sprechen: sogleich traten alle bereitwilligst näher und umringten sie und Hippolyt. Stühle wurden herbeigerückt, man setzte sich. Der Fürst forderte alle zum Tee auf und entschuldigte sich, daß er nicht früher selbst darauf verfallen war. Sogar der General wurde liebenswürdig, brummte etwas Beruhigendes und fragte ritterlich besorgt seine Gemahlin, ob es ihr nicht vielleicht etwas zu kühl auf der Terrasse werde. Es fehlte nicht viel, und er hätte Hippolyt gefragt: „Wie lange sind Sie schon auf der Universität?“ – unterließ es aber noch im letzten Augenblick. Jewgenij Pawlowitsch und Fürst Sch. wurden plötzlich ungeheuer liebenswürdig und waren ersichtlich sehr aufgeräumt; Alexandra und Adelaida sah man es trotz ihrer noch immer andauernden Verwunderung an, daß sie gern blieben. Kurz, alle waren erfreut, daß Lisaweta Prokofjewna sich besänftigt hatte. Nur Aglaja setzte sich finster und schweigend etwas abseits nieder. Auch Burdowskij und seine Freunde blieben, keiner wollte fortgehen, auch der alte General Iwolgin blieb, doch Lebedeff flüsterte ihm im Vorübergehen etwas zu – augenscheinlich etwas nicht ganz Angenehmes – und da zog er sich mehr in den Hintergrund zurück. Doktorenko entgegnete auf die Aufforderung des Fürsten, als dieser an ihn und seine Freunde herantrat, daß sie auf Hippolyt warten würden, und hierauf setzten sie sich in der entferntesten Ecke der Terrasse wieder alle in einer Reihe hin. Der Ssamowar mußte bei Lebedeff schon aufgestellt gewesen sein, denn er wurde im Augenblick hereingetragen. Die Uhr schlug elf.

X

Hippolyt trank nur einen Schluck Tee aus dem Täßchen, das ihm Wjera Lebedewa gereicht hatte, kaum aber hatte er die Lippen benetzt, da stellte er auch schon die Tasse wieder auf den Tisch und blickte sich verwirrt und beschämt im Kreise um.

„Sehen Sie doch diese Täßchen, Lisaweta Prokofjewna,“ lenkte er schnell ihre Aufmerksamkeit von sich ab, und überhaupt sprach er jetzt gleichsam sich überhastend, „das sind ja Porzellantassen, und wie’s scheint, ist es sogar vorzügliches Porzellan... die stehen ja bei ihm sonst immer im Schmuckschränkchen unter Glas verriegelt und verschlossen, niemals gibt er sie her... sie gehören noch zur Aussteuer seiner Frau... heute aber hat er sie hergegeben, Ihnen zu Ehren, versteht sich, dermaßen hat ihn Ihr Besuch erfreut...“

Er wollte noch weitersprechen, fand aber in der Verwirrung keine Worte.

„Glücklich verlegen geworden, das dachte ich mir,“ raunte plötzlich Jewgenij Pawlowitsch unbemerkt dem Fürsten zu. „So etwas ist gefährlich, nicht? Das sicherste Zeichen, daß er jetzt aus Ärger darüber irgend etwas so Exzentrisches losschießen wird, daß Lisaweta Prokofjewna es vielleicht wirklich nicht mehr verzeihen kann.“

Der Fürst sah ihn fragend an.

„Fürchten Sie das nicht?“ fragte Jewgenij Pawlowitsch, etwas erstaunt über den fragenden Blick des anderen. „Ich sehe es jedenfalls kommen, und ich wünsche sogar, daß es so käme: mir ist dabei nur darum zu tun, daß unsere liebe Lisaweta Prokofjewna bestraft wird, und zwar unbedingt heute noch, sogleich, vorher werde ich nicht fortgehen. Aber Sie scheinen ja ganz krank zu sein.“

„Später, stören Sie nicht. Ja, ich bin nicht ganz gesund,“ antwortete der Fürst zerstreut und sogar etwas ungeduldig.

Er hörte seinen Namen nennen, Hippolyt sprach von ihm.

„Sie glauben es mir nicht?“ fragte Hippolyt hysterisch auflachend. „Das dachte ich mir, der Fürst aber wird es sofort glauben und sich nicht im geringsten wundern.“

„Hörst du, Fürst?“ wandte sich Lisaweta Prokofjewna an ihn, „hast du gehört?“

Die meisten lachten. Lebedeff trat geschäftig vor und drehte und wand und verbeugte sich wiederholt vor der Generalin.

„Er sagt, daß dieser hier, dieser verkörperte Bückling, dein Hauswirt, jenem Herrn dort den Artikel korrigiert habe, der vorhin hier laut vorgelesen wurde.“

Der Fürst sah mit erstauntem Blick Lebedeff an.

„Was schweigst du denn, so sag’ doch!“ sagte Lisaweta Prokofjewna ärgerlich und schlug wieder mit der Fußspitze auf den Boden.

„Was soll ich denn noch sagen,“ murmelte der Fürst halblaut, ohne den Blick von Lebedeff abzuwenden, „ich sehe doch schon, daß er ihn korrigiert hat.“

„Ist es wahr?“ wandte sich Lisaweta Prokofjewna hastig an Lebedeff.

„Unantastbar, Exzellenz!“ bestätigte Lebedeff mit unerschütterlicher Miene, indem er die Hand aufs Herz preßte.

„Und das sagst du noch, als wenn du stolz darauf wärst?“ fuhr ihn Lisaweta Prokofjewna, fast vom Stuhle aufspringend, an.

„Gemein, gemein bin ich!“ erklärte Lebedeff in tiefer Selbsterkenntnis, schlug sich vor die Brust und senkte das Haupt immer tiefer.

„Was hab’ ich davon, daß du dich jetzt ‚gemein‘ nennst! Er glaubt, daß er, wenn er sich selbst ‚gemein‘ nennt, damit alles wieder gutgemacht habe! Und du schämst dich nicht, Fürst, dich mit solchen Leuten abzugeben? Das werde ich dir niemals verzeihen!“

„Mir wird der Fürst verzeihen!“ sagte Lebedeff überzeugt und gerührt zugleich.

„Einzig aus Anständigkeit, Gnädigste,“ fiel plötzlich mit lauter Stimme der aufspringende Boxer ein, „einzig aus Anständigkeit und um meinen Freund nicht zu kompromittieren, habe ich vorhin kein Wort über diese Korrektur verlauten lassen, sogar ungeachtet dessen, daß er sich erboten hatte, uns die Treppe hinunterzubefördern, wie Sie selbst gehört haben. Doch um die Wahrheit nicht zu entstellen, muß ich gestehen, daß ich mich allerdings an ihn gewandt und seine Hilfe für sechs Rubel in Anspruch genommen habe, nur wohlgemerkt, nicht zur Verbesserung des Stils, sondern einzig um die Fakta von ihm zu erfahren, die mir zum größten Teil völlig unbekannt waren, also wie gesagt, weil mir seine Kompetenz fehlte. Die Stiefeletten, der zunehmende Appetit beim Schweizer Professor, die fünfzig Rubel anstatt der zweihundertfünfzig, mit einem Wort, diese ganze Gruppierung des Materials stammt von ihm, für sechs Rubel, wie gesagt, den Stil aber hat er nicht korrigiert.“

„Ich muß bemerken, daß ich nur die erste Hälfte des Artikels korrigiert habe,“ unterbrach ihn Lebedeff mit geradezu fieberhafter Ungeduld, „jawohl, nur die erste Hälfte; denn da wir in der Mitte wegen eines Gedankens in Streit gerieten, habe ich die zweite Hälfte nicht mehr korrigiert, daher ist auch alles grammatisch Unzulässige in dieser Hälfte – und von Fehlern wimmelt es dort nur so! – nicht mir zuzuschreiben...“

„Also das ist deine größte Sorge!“ fuhr Lisaweta Prokofjewna empört auf.

„Gestatten Sie die Frage,“ wandte sich Jewgenij Pawlowitsch an Keller, „wann haben Sie den Artikel korrigiert?“

„Gestern morgen,“ rapportierte Keller gehorsamst. „Wir hatten eine Zusammenkunft verabredet und uns gegenseitig ehrenwörtlich verpflichtet, das Geheimnis beiderseits zu wahren.“

„Also zur selben Zeit, als er vor dir seine Bücklinge gemacht und dich seiner Ergebenheit versichert hat! ‚Er trägt dich ja seit drei Tagen auf den Händen‘, wie Koljä sagt! Das sind mir mal Menschen! Ich brauche deinen Puschkin nicht und deine Tochter hat nichts bei mir zu suchen!“

Lisaweta Prokofjewna wollte sich bereits erheben, doch da bemerkte sie, daß Hippolyt lachte, und gereizt wandte sie sich an ihn:

„Was, mein Lieber, wolltest du dich hier etwa über mich lustig machen?“

„Gott behüte!“ versetzte Hippolyt mit verzerrtem Lächeln, „mich wundert nur, daß Sie wirklich so exzentrisch sind, Lisaweta Prokofjewna. Ich will’s gestehen, daß ich mit Absicht diese Sache zur Sprache gebracht habe: ich wußte, wie das auf Sie wirken würde, auf Sie allein; denn der Fürst wird ihm bestimmt verzeihen, er hat ihm schon verziehen und sucht bereits offenbar nach einer Entschuldigung für ihn. Nicht wahr, Fürst, hab’ ich nicht recht?“

Er atmete schnell und seine seltsame Aufregung wuchs mit jedem Wort.

„Nun!“... sagte Lisaweta Prokofjewna kurz und ungehalten, denn der Ton, den er jetzt anschlug, wunderte sie. „Nun?“

„Ich habe viel von Ihnen gehört... vieles von dieser Art... es hat mich furchtbar gefreut... und ich habe Sie achten gelernt...“ fuhr Hippolyt fort.

Es war, als hätte er gar nicht das sagen wollen, was er sprach, sondern etwas ganz anderes; etwas, das er mit keinem Wort andeutete. Er sprach mit einem leisen Schimmer von Spott, regte sich aber dabei ganz unbegreiflich auf, blickte sich mißtrauisch im Kreise um, schien sehr verwirrt zu sein und verlor beständig den Faden, so daß er durch dieses sonderbare Wesen, einen eigentümlich flackernden, an Wahnsinn gemahnenden Blick in dem hageren Gesicht, auf dessen Wangen zwei rote Flecke brannten, unwillkürlich die Aufmerksamkeit der Anwesenden fesselte.

„Ich hätte mich eigentlich darüber wundern müssen, obgleich ich doch die Welt und die Gesellschaft fast gar nicht kenne – ich gebe das selbst zu –, daß Sie nicht nur selbst in unserer, für Sie so unanständigen Gesellschaft geblieben sind, sondern auch diesen... jungen Mädchen erlaubt haben, diese skandalöse Geschichte anzuhören, wenn den Damen auch aus... Romanen schon längst alles bekannt ist. Übrigens, ich... vielleicht... ich weiß nicht... ich habe es nicht so sagen wollen... doch jedenfalls – wer wäre denn sonst geblieben... auf die Bitte eines Knaben... nun, ja, Knaben – ich geb’ es wieder selbst zu – mit ihm einen Abend zu verbringen und... Anteil zu nehmen... an allem... um sich dann am nächsten Tage dessen zu schämen... Ich gebe übrigens selbst zu, daß ich mich nicht richtig ausdrücke. Ich kann das alles nur loben... und Hochachtung dafür empfinden... obschon ich an der Miene Seiner Exzellenz, Ihres Gatten, deutlich ersehe, wie wenig das gesellschaftlich comme il faut24 für ihn ist... Hihi!“ kicherte er, da er in eine aussichtslose Sackgasse geraten war; doch plötzlich bekam er einen heftigen Hustenanfall, daß er erst nach zwei Minuten wieder sprechen konnte.

„Da hat man’s!“ meinte kühl und schroff Lisaweta Prokofjewna, indem sie ihn mit strengem Blick musterte. „Nun, mein lieber Junge, genug, es ist Zeit.“

„Gestatten Sie auch mir, mein Herr, die Bemerkung,“ begann plötzlich gereizt Iwan Fedorowitsch, der allmählich seine Geduld verloren hatte, „daß meine Gemahlin sich hier beim Fürsten Lew Nikolajewitsch befindet, unserem Freunde und Nachbarn, und daß es in jedem Fall nicht Ihnen, junger Mann, zusteht, die Handlungen Lisaweta Prokofjewnas zu kritisieren, ebensowenig mir ins Gesicht zu sagen, was mein Gesicht ausdrückt. Und wenn meine Gemahlin hier geblieben ist,“ fuhr er, mit jedem Wort gereizter werdend, fort, „so hat sie es, mein Herr, nur aus Verwunderung getan und aus der sehr verständlichen Neugier, einmal Repräsentanten der heutigen Jugend kennen zu lernen. Auch ich bin hier geblieben, wie man eben bisweilen auch wohl auf der Straße stehen bleibt, wenn man eben etwas... etwas... etwas...“

„Etwas Seltsames erblickt,“ half Jewgenij Pawlowitsch.

„Ganz recht, sehr richtig und treffend, gerade etwas Seltsames,“ fuhr Seine Exzellenz erfreut fort, nachdem man ihm über den schwierigen Vergleich hinweggeholfen hatte. „Doch ganz abgesehen davon, wundert es mich sehr und betrübt mich sogar, daß Sie, junger Mann, nicht einmal begriffen haben, daß meine Gemahlin nur deshalb bei Ihnen geblieben ist, weil Sie krank sind, – ich nehme an, daß Sie es auch wirklich sind – das heißt also, daß sie nur aus Mitleid geblieben ist, weil Sie ihr sozusagen leid tun, junger Mann, und vielleicht merken Sie es sich, gefälligst, daß sowohl dem Namen, wie den Eigenschaften und der Bedeutung meiner Gemahlin unter keinen Umständen sich etwas Schmutziges anheften kann... Lisaweta Prokofjewna!“ wandte sich der im Eifer rot gewordene General an seine Gattin, „wenn du jetzt aufbrechen willst, so können wir uns von unserem lieben Fürsten verabschieden und...“

„Ich danke Ihnen für die Lehre, General,“ unterbrach ihn ganz unerwartet mit ernstem Gesicht Hippolyt, und nachdenklich sah er ihn an.

„Gehen wir, maman, wie lange soll das denn noch dauern!“ sagte Aglaja ungeduldig und geärgert, und sie erhob sich von ihrem Platz.

„Nur noch einen Augenblick, lieber Iwan Fedorowitsch, wenn du erlaubst,“ wandte sich Lisaweta Prokofjewna an ihren Gemahl, im Tone, in der Haltung und Miene durchaus grande Dame. „Ich glaube, er hat hohes Fieber und phantasiert einfach; ich sehe es an seinen glänzenden Augen; so darf man ihn nicht fortlassen. Lew Nikolajewitsch! Könnte er nicht hier bei dir übernachten, damit man ihn heute nicht noch nach Petersburg zurückzubringen braucht? Cher prince,25 Sie langweilen sich doch nicht?“ wandte sie sich aus irgendeinem Grunde an den Fürsten Sch. „Komm her, Alexandra, du mußt dir die Haare ein wenig ordnen, meine Liebe.“

Und sie ordnete ihr das Haar, an dem übrigens nichts zu ordnen war, und gab ihr einen Kuß; nur deshalb hatte sie sie zu sich gerufen.

„Ich glaubte, Sie seien entwicklungsfähig...“ begann wieder Hippolyt, aus seiner Versunkenheit auffahrend. „Ja! richtig, was ich sagen wollte,“ rief er erfreut aus, als wenn ihm plötzlich etwas eingefallen wäre. „Da haben wir Burdowskij, der aufrichtig seine Mutter verteidigen will, nicht wahr? Und dabei kommt es so heraus, daß gerade er sie beleidigt und herabzieht. Da will nun der Fürst Burdowskij helfen, bietet ihm ohne Arg und Falsch einfach aus Herzensgüte seine Freundschaft und sein Geld an und ist vielleicht der einzige von uns allen, der sich nicht von ihm angeekelt fühlt, und gerade sie stehen sich beide als echte Feinde gegenüber... Ha–ha–ha! Sie alle hassen Burdowskij, weil er sich ihrer Meinung nach häßlich und unfein seiner Mutter gegenüber benommen hat, das ist es doch? Nicht wahr? Nicht? Sie lieben doch alle unbeschreiblich Schönheit und elegante Form, nur für die allein leben Sie doch, hab’ ich nicht recht? (Das habe ich ja schon längst gemutmaßt, daß Sie alle nur dafür leben!) Nun, dann hören Sie jetzt, daß vielleicht kein einziger von Ihnen seine Mutter so geliebt hat, wie Burdowskij! Sie, Fürst, ich weiß, Sie haben durch Ganetschka heimlich der Mutter Burdowskijs Geld zugesandt, und da könnt’ ich nun wetten – hihihi!“ lachte er hysterisch, „könnte wetten, daß gerade dieser Burdowskij Ihnen jetzt Unzartheit und Mißachtung seiner Mutter gegenüber vorwerfen wird, bei Gott, er wird’s tun, hahaha!“

Wieder unterbrach ihn ein Hustenanfall.

„Nun, ist das jetzt alles? Hast du alles gesagt, was du sagen wolltest? Nun, dann geh jetzt schlafen, du hast dich erkältet, du fieberst ja doch,“ unterbrach ihn ungeduldig Lisaweta Prokofjewna, die ihren besorgten Blick nicht von ihm abwandte. „Ach, Gott! Da fängt er schon wieder an!“

„Sie lachen, wie es scheint? Weshalb lachen Sie über mich? Ich habe es gesehen, daß Sie die ganze Zeit über mich lachen!“ wandte sich Hippolyt plötzlich unruhig und gereizt an Jewgenij Pawlowitsch.

Dieser lächelte in der Tat.

„Ich wollte Sie nur fragen, Herr... Hippolyt... pardon, ich habe Ihren werten Namen vergessen...“

„Herr Terentjeff,“ sagte der Fürst.

„Richtig, Terentjeff, ich danke Ihnen, Fürst; vorhin hörte ich ihn zwar, doch momentan war er mir entfallen... Ich wollte Sie fragen, Herr Terentjeff, ob es wahr ist, was ich gehört habe: Sie sollen, sagte man mir, der Meinung sein, daß Sie nur eine Viertelstunde lang aus dem Fenster zum Volk zu sprechen brauchten und dasselbe würde sogleich in allem Ihrer Ansicht sein und sogleich Ihnen folgen...“

„Sehr möglich, daß ich das gesagt habe...“ antwortete Hippolyt, indem er sich gleichsam dessen zu entsinnen suchte. „Bestimmt hab’ ich’s gesagt!“ bestätigte er dann plötzlich, wieder lebhafter werdend, und mit festem Blick sah er Jewgenij Pawlowitsch an. „Nun, und?“

„Nichts weiter; ich fragte nur zur Kenntnisnahme, nur so, um das Bild zu vervollständigen...“

Jewgenij Pawlowitsch verstummte, doch Hippolyt sah ihn immer noch in ungeduldiger Erwartung an.

„Nun, ist das alles, hast du alles gefragt?“ wandte sich Lisaweta Prokofjewna an Jewgenij Pawlowitsch. „Komm schneller zum Schluß, Väterchen, er muß schlafen gehen. Oder verstehst du das nicht?“

Sie ärgerte sich entsetzlich.

„Oh, ich bin gern bereit, fortzufahren,“ sagte Jewgenij Pawlowitsch lächelnd. „Alles, was ich hier von Ihren Kameraden gehört habe, Herr Terentjeff, und was Sie soeben selbst mit unstreitigem Beobachtungstalent vorgebracht haben, ist meiner Meinung nach im Resultat nichts anderes, als in erster Linie und ganz abgesehen von allem anderen und sogar mit Ausschluß alles anderen die Theorie des Triumphes dessen, was Sie ‚Recht‘ nennen, und das vielleicht sogar ohne jede nähere Untersuchung, worin denn dieses Recht überhaupt besteht. Oder irre ich mich vielleicht?“

„Natürlich irren Sie sich, ich verstehe Sie sogar nicht einmal... weiter?“

Im Hintergrund hörte man Lebedeffs Neffen halblaut irgend etwas sprechen.

„Weiter? – oh, so gut wie nichts,“ fuhr Jewgenij Pawlowitsch fort, „ich will nur bemerken, daß man von diesem Standpunkt sehr leicht auf den des Rechtes der Kraft überhaupt überspringen kann, ich meine, auf das Recht der einzelnen Faust und des jeweiligen willkürlichen Wunsches des einzelnen, womit es ja übrigens auch stets in der Welt geendet hat. Ist doch auch Proudhon zur Theorie des Rechtes der Kraft gelangt. Und zur Zeit der Negerbefreiung in Amerika haben sich ja sogar viele der angesehensten Liberalen für die Plantagenbesitzer erklärt, mit der Begründung, daß die Neger eben Neger seien und niedriger als die Menschen der weißen Rasse ständen, und folglich hätten die Weißen das Recht, die Neger als Sklaven zu behandeln...“

„Nun?“

„Sie haben also gegen das Recht der Kraft nichts einzuwenden, Sie haben nichts dawider?“

„Weiter?“

„Sie sind mir mal konsequent! Ich wollte nur bemerken, daß es von dem Recht der Kraft bis zum Recht der Tiger und Krokodile und sogar dem der Gorsky und Daniloffs nicht weit ist.“

„Ich weiß nicht, weiter?“

Hippolyt hörte kaum darauf, was Jewgenij Pawlowitsch sprach, und auch das „nun“ und „weiter“ schien er nicht aus Interesse für das Weitere zu sagen, sondern einfach, weil es ihm zur Gewohnheit geworden war, einen jeden, der ihm von der Welt draußen an seinem Krankenlager erzählte, mit „nun“ und „weiter“ zum Weitererzählen zu drängen.

„Tja, weiter ist nichts... das war alles.“

„Ich bin Ihnen übrigens nicht böse,“ sagte Hippolyt plötzlich ganz unvermittelt und streckte, vielleicht ohne sich selbst dessen bewußt zu sein, Jewgenij Pawlowitsch die Hand entgegen und lächelte sogar dazu.

Jewgenij Pawlowitsch wunderte sich zuerst, berührte dann aber doch mit dem ernstesten Gesicht die ihm entgegengestreckte Hand, als empfinge er wirklich Hippolyts Verzeihung.

„Ich kann nicht umhin, Ihnen meinen Dank auszusprechen für die Aufmerksamkeit, mit der Sie mich angehört haben,“ sagte er in demselben zweideutig-höflichen Tone, „denn nach meinen unzähligen Beobachtungen ist unser Liberaler nie imstande, einem anderen Menschen eine andere Überzeugung zu gestatten und seinem Opponenten nicht sogleich mit Geschimpf zu antworten oder mit noch Schlimmerem...“

„Das haben Sie sehr richtig bemerkt,“ versetzte General Iwan Fedorowitsch, worauf er, die Hände auf dem Rücken, mit der gelangweiltesten Miene wieder an die Treppe der Terrasse trat, wo er vor Ärger heimlich gähnte.

„Nun, jetzt haben wir aber genug von dir,“ erklärte Lisaweta Prokofjewna, zu Jewgenij Pawlowitsch gewandt. „Ihr werdet mir langweilig...“

„Es ist Zeit!“ erhob sich sofort Hippolyt besorgt und fast erschrocken und blickte sich verwirrt im Kreise um. „Ich habe Sie aufgehalten... ich wollte Ihnen alles sagen... ich glaubte, daß alle... das war nur eine phantastische Idee...“

Man sah es ihm an, daß er sich nur vorübergehend belebte, daß er aus seinen Fieberdelirien ganz plötzlich nur auf kurze Zeit zu sich kam und mit vollem Bewußtsein dachte und sprach. Letzteres meistenteils nur in abgerissenen Sätzen, die er vielleicht alle schon vorher gedacht – in den langen endlosen Stunden auf seinem Krankenlager, wenn er schlaflos in seiner Einsamkeit lag.

„Nun, leben Sie wohl!“ sagte er plötzlich schroff. „Sie glauben, daß es mir leicht ist, Ihnen ‚Leben Sie wohl‘ zu sagen? Na – ha!“ lachte er kurz auf, ärgerlich über seine ungeschickte Frage, und plötzlich, gewissermaßen aus Ärger darüber, daß er nichts von dem gesagt hatte und nichts aussprechen konnte, sagte er laut und gereizt: „Exzellenz! ich habe die Ehre, Sie zu meiner Beerdigung aufzufordern, vorausgesetzt, daß Sie mich dieser Ehre würdigen,... und nach Seiner Exzellenz auch alle anderen!“

Wieder lachte er auf; doch diesmal klang es wie das Lachen eines Irrsinnigen. Lisaweta Prokofjewna näherte sich ihm erschrocken und erfaßte seine Hand. Hippolyt sah sie, mit demselben Lachen im Gesicht, forschend und unbeweglich an; doch er lachte nicht mehr hörbar, das Lachen war nur als solches gleichsam in seinem Gesicht erstarrt.

„Wissen Sie auch, daß ich eigentlich nur deshalb hergekommen bin, um Bäume zu sehen? Diese hier...“ (er wies auf die Bäume des Parks) „ist das nicht lächerlich, was? Aber hierbei ist doch nichts Lächerliches?“ fragte er ernst Lisaweta Prokofjewna und versank plötzlich in Gedanken; nach einem Augenblick hob er aber wieder den Kopf und begann neugierig in der Schar der Anwesenden jemanden mit den Augen zu suchen. Er suchte Jewgenij Pawlowitsch, der sich rechts von ihm ganz in seiner Nähe auf demselben Platz wie vorhin befand, doch Hippolyt mußte schon vergessen haben, wo er gestanden hatte. „Ah, da sind Sie, Sie sind nicht fortgegangen!“ rief er erfreut aus, als er ihn endlich entdeckte. „Sie lachten darüber, daß ich nur eine Viertelstunde aus dem Fenster sprechen wollte... Aber wissen Sie auch, daß ich gar nicht achtzehn Jahr alt bin? Ich habe so lange auf diesem Kopfkissen gelegen, ich habe so lange durch dieses Fenster geschaut, ich habe so endlos nachgedacht... über alle... so daß... Ein Toter steht außerhalb jedes Alters, das wissen Sie doch. Noch in der vorigen Woche dachte ich, als ich in der Nacht erwachte... Aber wissen Sie auch, was Sie am meisten fürchten? Unsere Aufrichtigkeit fürchten Sie am meisten, wenn Sie uns auch verachten! Das habe ich gleichfalls damals, in jener Nacht, auf meinem Kopfkissen gedacht... Sie glauben, daß ich mich vorhin über Sie lustig machen wollte, Lisaweta Prokofjewna? Nein, ich habe mich nicht über Sie lustig gemacht, ich wollte nur sagen, daß alles gut ist... Koljä hat mir gesagt, der Fürst habe Sie ein Kind genannt... das ist gut... Aber was wollt’ ich doch... ich wollte doch noch etwas sagen...“ Er bedeckte das Gesicht mit den Händen und dachte krampfhaft nach. „Richtig, das war’s! – als Sie sich vorhin schon verabschieden wollten, dachte ich plötzlich: hier sind jetzt Menschen, und nie mehr wirst du sie wiedersehen, und nie mehr wird das alles so sein, niemals! Und auch die Bäume nicht, – nur die Backsteinmauer wird vor mir sein, die rote von Meyers Mietkaserne... die Brandmauer vor meinem Fenster... nun, so sag’ ihnen doch jetzt alles das... versuch’ es doch, sage es; da“ – er wies auf Aglaja – „eine Schönheit!... du bist so gut wie ein Toter, stell’ dich ihnen als Toter vor, sag’ ihnen: ‚ein Toter kann alles sagen‘... und daß die Fürstin Maria Alexejewna nicht schelten wird20, ha–ha!... Sie lachen nicht über mich?“ Er blickte sich mißtrauisch im Kreise um. „Aber wissen Sie, auf diesem Kopfkissen sind mir viele Gedanken gekommen...: wissen Sie, ich habe eingesehen, daß die Natur sehr spottlustig ist... Sie sagten, ich sei ein Atheist, aber wissen Sie auch, daß diese Natur... Weshalb lachen Sie wieder? Sie sind furchtbar grausam!“ unterbrach er sich traurig und unwillig, indem er sich wieder mißtrauisch umblickte. „Ich habe Koljä nicht verdorben,“ schloß er plötzlich in einem ganz anderen Tone, ernst und überzeugt, als wäre ihm plötzlich wieder ein anderer Gedanke gekommen...

„Niemand, niemand lacht hier über dich, beruhige dich!“ bat ihn Lisaweta Prokofjewna fast gequält. „Morgen wird dich ein anderer Arzt untersuchen, deiner hat sich geirrt; aber so setz dich doch, was stehst du denn, du kannst dich ja kaum auf den Füßen halten! Du fieberst und phantasierst... Ach, was soll man jetzt mit ihm anfangen!“ sorgte sie sich um ihn und bemühte sich ängstlich, ihn wieder zum Niedersitzen zu bewegen, damit er nur ja nicht mehr stehe.

Eine Träne erglänzte auf ihrer Wange.

Hippolyt blieb ganz betroffen stehen, hob die Hand, die er ängstlich vorstreckte, und berührte zaghaft diese Träne.

Er lächelte, es war ein eigentümliches, kindliches Lächeln.

„Ich... ich... habe Sie...“ begann er selig, „Sie wissen nicht, wie ich Sie... er hat mir immer mit einer solchen Begeisterung von Ihnen erzählt, er da, Koljä... ich liebe seine Begeisterung... Ich habe ihn nicht verdorben! Nur ihn allein lasse ich zurück... ich wollte alle zurücklassen, alle, – aber es war niemand da, niemand war da... Ich wollte ein großer Tatmensch sein, ich hatte das Recht... oh, wieviel ich gewollt habe! Jetzt will ich nichts, ich will nichts mehr wollen, ich habe mir das Wort gegeben, daß ich nichts mehr wollen werde; mögen sie ohne mich die Wahrheit suchen, mögen sie doch! Ja, die Natur ist spottlustig! Weshalb erschuf sie mich,“ brach es in zitternder Leidenschaft aus ihm hervor, „weshalb erschafft sie die besten Geschöpfe, um dann später ihren Spott mit ihnen zu treiben? Hat sie es doch auch zugelassen, daß das einzige Wesen, das auf Erden als vollkommen anerkannt wurde... hat sie es doch so gemacht, daß gerade dieses Wesen das aussprechen mußte, um dessenwillen so viel Blut geflossen ist, daß die Menschen, wenn es auf einmal geflossen wäre, im Blute hätten ertrinken müssen!

Oh, es ist gut, daß ich sterbe! Ich würde ja vielleicht auch irgendeine furchtbare Lüge sagen, die Natur würde es schon so einrichten!... Ich habe niemanden verdorben... Ich wollte zum Glücke aller Menschen leben, um die Wahrheit zu ergründen und zu verkünden... Ich sah durch mein Fenster auf Meyers Backsteinmauer und glaubte, eine Viertelstunde würde mir genügen, um alle, alle zu überzeugen, und da bin ich nun einmal im Leben zusammen... mit Ihnen, wenn auch nicht mit den Menschen! – und was ist nun herausgekommen? Nichts! Es ist das herausgekommen, daß Sie mich verachten! Folglich bin ich ein Dummkopf, folglich bin ich überhaupt nicht nötig, folglich ist es Zeit! Und nicht die geringste Erinnerung habe ich zu hinterlassen verstanden! Keinen Laut, keine Spur, nicht eine einzige Tat, keine einzige Überzeugung habe ich verbreitet! Lachen Sie nicht über den Dummen! Vergessen Sie ihn! Vergessen Sie alles... vergessen Sie, ich bitte Sie darum, seien Sie nicht so grausam! Wissen Sie auch, daß ich, wenn nicht diese Schwindsucht gekommen wäre, mich selbst umgebracht hätte...“

Er wollte offenbar noch mehr sagen, sprach es aber nicht aus, sondern fiel plötzlich auf seinen Sessel nieder, bedeckte das Gesicht mit den Händen und schluchzte wie ein kleines Kind.

„Da! Er weint! Mein Gott, was soll man jetzt mit ihm tun!“ rief Lisaweta Prokofjewna aufs äußerste erschrocken aus; sie trat schnell an seinen Sessel, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und drückte ihn fest, fest an ihre Brust. Er schluchzte wie im Krampf.

„Nu – nu – nu! Nu, wein’ doch nicht, nu, genug, du bist ein guter Junge, Gott wird dir alles verzeihen, wegen deiner Unwissenheit; nu, genug, sei ein ganzer Mann... Und du wirst dich ja doch später schämen...“

„Ich habe dort,“ begann Hippolyt stockend, und er bemühte sich, den Kopf zu erheben, „ich habe einen Bruder und zwei Schwestern, Kinder, kleine Kinder, arme, unschuldige... Sie wird sie verderben! Entreißen Sie sie ihr... Sie – sind eine Heilige, Sie... Sie sind selbst ein Kind, – retten Sie sie! Retten Sie sie vor dieser... sie... wird sie der Schande... Oh, helfen Sie ihnen, erbarmen Sie sich ihrer, Gott wird es Ihnen hundertfach vergelten, um Christi willen!...“

„So sagen Sie doch endlich, Iwan Fedorowitsch, was soll man jetzt tun!“ rief Lisaweta Prokofjewna gereizt ihren Mann um Rat an. „Haben Sie doch die Güte und brechen Sie endlich Ihr erhabenes Schweigen! Wenn Sie sich zu nichts entscheiden, werde ich selbst hier nächtigen, damit Sie’s nur wissen; Sie haben mich zur Genüge mit Ihrer Herrschsucht tyrannisiert!“

Lisaweta Prokofjewna war zu jedem Opfer bereit, was sie äußerlich in ihrem Zorn verriet, und erwartete eine sofortige Antwort. Leider pflegen in solchen Fällen die Anwesenden, selbst wenn ihrer viele sind, mit Schweigen und passiver Neugier zu antworten, um nur ja nichts auf sich zu nehmen. Ihre Gedanken aber äußern sie gewöhnlich erst lange nachher. Hier nun gab es unter den Anwesenden sogar solche, die womöglich die ganze Nacht bis zum nächsten Morgen gesessen hätten, ohne auch nur ein Wort zu sagen – zum Beispiel Warwara Ardalionowna Ptizyn, die die ganze Zeit schweigend dagesessen und nur mit ungeheurem Interesse zugehört hatte, – vielleicht nicht ohne ihre besonderen Gründe zu diesem Interesse zu haben.

„Meine Liebe,“ versetzte der General, „meine Meinung wäre die, daß hier jetzt eher eine Krankenpflegerin am Platze wäre als unsere Aufregung... oder für diese Nacht zum mindesten ein nüchterner, zuverlässiger Mensch. Jedenfalls müssen wir aber den Fürsten bitten und... diesem hier unverzüglich Ruhe gönnen. Morgen kann man sich ja dann wieder nach ihm erkundigen.“

„Es ist sogleich zwölf, wir fahren. Wird er mit uns kommen oder bleibt er bei Ihnen?“ wandte sich Doktorenko gereizt und geärgert an den Fürsten.

„Wenn Sie wollen, so bleiben Sie doch auch hier bei ihm,“ forderte ihn der Fürst auf, „Platz habe ich genug.“

„Exzellenz,“ wandte sich ganz unerwartet und förmlich begeistert Herr Keller an den General, „wenn ein zuverlässiger Mensch für die Nacht verlangt wird, so bin ich gern bereit, meinem Freunde das Opfer zu bringen... er ist ein seltener Mensch, wenn Sie wüßten, was für eine Seele er hat! Ich halte ihn schon längst für ein Genie, Exzellenz! Ich habe gewißlich, sowohl in meiner Bildung wie in meiner Karriere, Pech gehabt und Exzellenz werden das verstehen... aber wenn er kritisiert, das kann auch ich beurteilen, dann streut er ja nur so Perlen aus dem Ärmel, Perlen, sag’ ich Ihnen!...“

Mit Verzweiflung im Gesicht wandte ihm der General den Rücken.

„Es wird mich sehr freuen, wenn er hier bleibt; es würde ihm natürlich sehr schwer fallen, jetzt noch zu fahren,“ sagte der Fürst auf die gereizte Frage Lisaweta Prokofjewnas.

„Ja, schläfst du denn? Wenn du nicht willst, Väterchen, werde ich ihn zu mir bringen! Gott, du hältst dich ja selbst kaum auf den Füßen! Bist du krank? Was fehlt dir?“

Als Lisaweta Prokofjewna den Fürsten nicht sterbend vorgefunden, hatte sie ihn nach seinem Aussehen für viel gesunder gehalten, als er war. In Wirklichkeit aber hatten der Anfall, die schweren Erinnerungen, die sich an ihn knüpften, die physische Müdigkeit in den Gliedern und der ermüdende Abendbesuch, ferner dieser ganze Vorfall mit dem „Sohn Pawlischtscheffs“ und nun auch noch der mit Hippolyt – alles das hatte auf die krankhafte Empfindsamkeit des Fürsten geradezu fieberhaft eingewirkt. Außerdem verrieten jetzt seine Augen noch irgendeine besondere Sorge oder sogar Angst: fast furchtsam blickte er auf Hippolyt, ganz als befürchte er von diesem irgend etwas.

Da erhob sich plötzlich Hippolyt, unheimlich bleich, mit einem Ausdruck unerträglicher, an Verzweiflung grenzender Scham in seinem verzerrten Gesicht. Diese Scham drückte sich vor allem in seinem Blick aus, der haßerfüllt und doch angstvoll über die Anwesenden huschte, und in dem verlorenen, verzogenen und gleichsam sich windenden Spottlächeln auf seinen zuckenden Lippen. Übrigens senkte er den Blick sogleich zu Boden und wankte mit unsicheren Schritten, immer noch dasselbe Lächeln auf den Lippen, zu Burdowskij und Doktorenko, die bereits an der Treppe standen: er fuhr mit ihnen.

„Das... das fürchtete ich ja!“ rief der Fürst aus. „So mußte es ja kommen!“

Hippolyt wandte sich brüsk nach ihm um, und rasende Wut sprach aus seinem Gesicht, in dem jeder Nerv zu zittern und zu sprechen schien.

„Ah, also das haben Sie befürchtet! ‚So mußte es ja kommen‘ Ihrer Meinung nach? So hören Sie denn, daß ich, wenn ich hier jemanden hasse – und ich hasse Sie hier alle!“ – schrie er heiser, kreischend, bei jedem Satz spritzte der Speichel von seinen Lippen und an seinen Mundwinkeln hatte sich Schaum gebildet, – „daß ich Sie, Sie Jesuit, Sie Idiot, Sie tugendreicher Millionär und Wohltäter, daß ich Sie mehr als alles auf der Welt hasse! Ich habe Sie längst durchschaut und zu hassen begonnen, schon damals, als ich Sie nur vom Hörensagen kannte, haßte ich Sie mit dem ganzen Haß meiner Seele... Das haben Sie jetzt so herbeigeführt! Sie haben mich zu diesem Anfall gebracht! Sie haben mich, den Sterbenden, dieser Schmach ausgesetzt, Sie, Sie, Sie allein sind schuld an meiner erbärmlichen Verzagtheit! Ich würde Sie totschlagen, wenn ich am Leben bliebe! Ich brauche Ihre Wohltaten nicht, ich nehme von keinem welche an, hören Sie, von keinem, nichts! Ich fieberte... ich habe nur phantasiert, Sie dürfen es nicht wagen, zu triumphieren! Ich verfluche Sie alle ein für allemal!“

Seine Stimme brach ab, er war atemlos.

„Schämt sich seiner Tränen!“ flüsterte Lebedeff Lisaweta Prokofjewna zu. „Da haben wir das ‚So mußte es kommen!‘ Ja, der Fürst! Hat ihm wieder bis ins Innerste geschaut...“

Doch Lisaweta Prokofjewna würdigte ihn nicht einmal eines Blickes. Sie stand, stolz aufgerichtet, den Kopf in den Nacken geworfen, und betrachtete mit verächtlichem Blick „diese Leutchen“. Als Hippolyt atemlos verstummt war, hatte der General nur die Schultern mit entsprechender Mundbewegung in die Höhe gezogen, woraufhin ihn seine Gattin jetzt zornig vom Kopf bis zu den Füßen maß, als verlange sie Rechenschaft über diese seine Bewegung; doch dann wandte sie sich, ohne ein Wort zu sagen, an den Fürsten.

„Ich danke Ihnen, Fürst – unserem exzentrischen Freunde, der Sie sind – für den angenehmen Abend, den Sie uns allen bereitet haben. Sie können sich ja jetzt von Herzen freuen, daß es Ihnen doch gelungen ist, auch uns in Ihre Dummheiten zu verwickeln... Genug jetzt, lieber Freund, ich danke Ihnen, daß Sie uns dabei wenigstens Gelegenheit geboten haben, Sie einmal gut zu durchschauen!...“

Und unwillig begann sie ihre Mantille zurechtzuziehen, da sie erst abwarten wollte, bis „jene“ sich fortbegeben hatten. Doktorenko hatte bereits vor einer Viertelstunde Lebedeffs Sohn, den Gymnasiasten, nach einer Droschke geschickt, mit der dieser nun gerade vorgefahren war. Dem Beispiel seiner Gattin folgend, wandte sich auch der General an den Fürsten.

„In der Tat, ich hätte es nicht erwartet... nach allem... nach allen freundschaftlichen Beziehungen... und schließlich – Lisaweta Prokofjewna...“

„Nein, pfui, nein, wie kann man nur so!“ rief Adelaida im Unwillen über ihre Eltern aus, trat schnell auf den Fürsten zu und reichte ihm die Hand.

Mit müdem, verlorenem Blick lächelte der Fürst sie an, vielleicht ohne sie zu sehen. Plötzlich drang ein heißes, schnelles Geflüster an sein Ohr.

„Wenn Sie diese erbärmlichen Menschen nicht sogleich hinauswerfen lassen, werde ich mein ganzes Leben, mein ganzes Leben lang nur Sie allein hassen!“

Es war Aglaja; sie war wie rasend, wie außer sich; doch noch bevor der Fürst sie ansehen konnte, hatte sie sich schon von ihm abgewandt. Übrigens gab es niemanden mehr hinauszuwerfen: Hippolyt war von seinen Freunden inzwischen in den Wagen gehoben worden – in diesem Augenblick fuhren sie bereits davon.

„Nun, gedenken Sie sich noch lange hier aufzuhalten, Iwan Fedorowitsch? Was meinen Sie?“ fragte Lisaweta Prokofjewna.

„Tja, ich, mein Freund... ich-ch... bin selbstverständlich sofort bereit... Lieber Fürst...“

Der General streckte doch noch seine Hand aus, um sich vom Fürsten zu verabschieden, wartete aber nicht, bis der Fürst, der ihn nur zerstreut ansah, ihm gleichfalls die Hand reichte, sondern eilte seiner Gemahlin nach, die soeben zornig und rauschend die Treppe hinunterstieg. Adelaida, deren Bräutigam und Alexandra verabschiedeten sich herzlich vom Fürsten, desgleichen Jewgenij Pawlowitsch, der als einziger seine heitere Stimmung bewahrt hatte.

„Sehn Sie, da habe ich doch recht gehabt! Schade nur, daß auch Sie Ärmster jetzt darunter zu leiden haben!“ sagte er halblaut mit dem gewinnendsten Lächeln zum Fürsten gewandt – vielleicht aber lag dennoch ein wenig Spott in diesem Lächeln.

Aglaja ging fort, ohne sich zu verabschieden.

Doch die Überraschungen dieses Abends waren damit noch nicht zu Ende.

Lisaweta Prokofjewna war kaum von der Treppe auf den Fahrweg getreten, der sich durch den Park schlängelte, als plötzlich ein entzückendes Gespann, eine offene Kalesche, vor der zwei prächtige Schimmel elegant ausgriffen, in schnellem Tempo an der Villa des Fürsten vorüberfuhr. Im Fond des Wagens saßen zwei reich gekleidete Damen. Doch plötzlich, kaum waren sie zehn Schritte an der Terrasse vorübergefahren, hielt der Wagen; die eine der Damen wandte sich hastig zurück, als hätte sie einen Bekannten erblickt, mit dem sie unbedingt ein paar Worte wechseln mußte.

„Jewgenij Pawlowitsch! Bist du’s?“ ertönte plötzlich eine helle, wundervolle Stimme, die den Fürsten zusammenzucken machte, und vielleicht nicht nur den Fürsten allein. „Nein, bin ich froh, daß ich dich endlich gefunden habe! Ich habe doch einen Boten zu dir in die Stadt geschickt; zwei! Den ganzen Tag wirst du gesucht!“

Jewgenij Pawlowitsch stand wie vom Schlage gerührt auf der Treppenstufe. Auch Lisaweta Prokofjewna war stehen geblieben, doch nicht vor Schreck und Verwunderung wie Jewgenij Pawlowitsch: sie blickte die geputzte Dame mit derselben kalten Verachtung an, mit der sie vor fünf Minuten die „Leutchen“ betrachtet hatte.

„Freue dich!“ fuhr die helle Stimme fort. „Rogoshin hat deine Wechsel aufgekauft, von Kupfer, für dreißigtausend, ich habe ihn darum gebeten. Jetzt kannst du noch drei Monate lang ruhig sein! Und mit Biskup und dem ganzen anderen Wuchererpack werden wir es auch noch arrangieren, aus alter Bekanntschaft! Na, wie du siehst, alles geht gut! Kannst dich freuen! Auf Wiedersehen morgen!“

Die Pferde zogen an und griffen aus, der Wagen verschwand ebenso schnell, wie er aufgetaucht war.

„Ist sie wahnsinnig!“ stieß endlich Jewgenij Pawlowitsch hervor, bis über die Stirn errötend vor Unwillen, und verständnislos blickte er sich im Kreise um. „Ich habe keine Ahnung von dem, was sie da sprach! Was sind das für Wechsel? Wer ist sie überhaupt?“

Doch Lisaweta Prokofjewna sah ihn immer noch unbeweglich an: zwei Sekunden lang ruhten ihre Blicke ineinander; dann wandte sie sich plötzlich stolz ab und begab sich zu ihrer Villa. Die anderen folgten ihr.

Nach einer Minute kehrte Jewgenij Pawlowitsch in höchster Erregung zum Fürsten auf die Terrasse zurück.

„Fürst, sagen Sie mir die Wahrheit, wissen Sie nicht, was das zu bedeuten hat?“

„Ich habe keine Ahnung!“ antwortete der Fürst, der sich gleichfalls in krankhafter Spannung und Erregung befand.

„Wirklich nicht?“

„Sie können es mir glauben.“

„Tja, auch ich weiß es nicht,“ lachte plötzlich Jewgenij Pawlowitsch. „Bei Gott, ich habe keinen Schimmer von irgendwelchen Wechseln, Sie können es mir wahrhaftig glauben, ich versichere Sie auf mein Ehrenwort!... Aber was ist mit Ihnen, Sie werden doch nicht ohnmächtig?“

„Oh, nein, nein, gewiß nicht, nein...“

XI

Erst am dritten Tage wurde dem Fürsten von Jepantschins verziehen. Zwar sprach der Fürst, wie gewöhnlich, sich allein die ganze Schuld zu und erwartete daher mit Gewißheit seine Strafe; trotzdem war er innerlich von Anfang an überzeugt, daß Lisaweta Prokofjewna ihm nicht ernstlich böse sein könne, sondern sich aller Wahrscheinlichkeit nach mehr über sich selbst ärgere. Deshalb fühlte er sich denn auch am dritten Tage, als ihm noch immer nicht Verzeihung gewährt worden war, moralisch ganz niedergedrückt. Außerdem kamen noch andere Dinge hinzu, die ihn quälten, namentlich etwas, das sich im Laufe der drei Tage dank dem zunehmenden Mißtrauen des Fürsten progressiv vergrößerte und immer beängstigender wurde. (Er machte sich seit einiger Zeit heftige Vorwürfe wegen seines „sinnlosen, zudringlichen“ Vertrauens und seines „finsteren, niedrigen“ Mißtrauens.) Kurz und gut – bis zum Abend des dritten Tages hatte der Zwischenfall mit der exzentrischen Dame, die aus dem Wagen zu Jewgenij Pawlowitsch gesprochen, in seinen Gedanken bereits eine wahrhaft rätselhafte Bedeutung von nahezu erschreckendem Umfang angenommen. Die unheimlichste Frage war für ihn – ganz abgesehen von allen anderen unangenehmen Seiten des Vorfalls – ob nun wiederum er allein an dieser neuen „Ungeheuerlichkeit“ schuld sei, oder nur... Doch er sprach es nicht aus, wen er meinte. Was jedoch die Umänderung der Buchstaben A. M. D. in N. F. B. anlangte, so glaubte er jetzt nur einen harmlosen Scherz darin erblicken zu dürfen, eine kindliche Unart, so daß ihm selbst längeres Nachdenken darüber beschämend und in einer Beziehung sogar unehrenhaft erschien.

Übrigens hatte der Fürst am nächsten Tage nach jenem „scheußlichen Abend“ das Vergnügen gehabt, den Fürsten Sch. und Adelaida bei sich zu empfangen: sie waren „hauptsächlich deshalb gekommen, um sich nach seiner Gesundheit zu erkundigen“. Adelaida hatte im Park einen „entzückenden alten Baum“ entdeckt, eine Trauerbirke mit langen hängenden Ästen in frischem jungen Grün; unterwegs – sie waren beide „nur so“ spazieren gegangen – hatte Adelaida beschlossen, „unbedingt, unbedingt diesen Baum zu malen“. Und von diesem Baum war fast die ganze Zeit gesprochen worden, mindestens eine halbe Stunde lang. Fürst Sch. war so liebenswürdig und aufmerksam gewesen, wie er es immer war, hatte den Fürsten nach diesem und jenem gefragt, hatte ihn an ihre erste Begegnung in der kleinen Provinzstadt erinnert, so daß des vorhergegangenen Abends mit keinem Wort Erwähnung getan wurde. Schließlich hatte es Adelaida doch nicht ausgehalten: sie hatte zu lachen begonnen und gestanden, daß sie beide gewissermaßen „inkognito“ zu ihm gekommen seien. Doch das war auch alles, was sie verriet, – nicht viel, aber auch gewiß nicht wenig, denn aus diesem „inkognito“ konnte man mit Leichtigkeit die Stimmung ihrer Eltern erraten. Doch weder über ihre Mutter, noch über Aglaja und nicht einmal über Iwan Fedorowitsch ließ Adelaida ein Wort fallen, und als sie aufbrachen, um ihren Spaziergang wieder fortzusetzen, forderten sie den Fürsten nicht auf, sich ihnen anzuschließen, – von „sie zu besuchen“ war erst recht keine Rede! Ja, in der Beziehung verriet ein kurzes Gespräch sogar noch viel mehr: als Adelaida von ihrer letzten Aquarellmalerei erzählte, wünschte sie plötzlich sehr, daß der Fürst sie kritisiere. „Aber wie soll ich sie Ihnen zeigen?“ stutzte sie auf einmal. „Warten Sie! Ich werde Koljä bitten, wenn er heute zu uns kommt... oder nein, ich werde sie Ihnen morgen selbst bringen, wenn ich mit dem Fürsten wieder spazieren gehe!“ entschied sie schnell, sehr erfreut über die gefundene Lösung des Problems.

Sie verabschiedeten sich bereits, als Fürst Sch. sich scheinbar erst jetzt ganz plötzlich einer Sache zu entsinnen schien.

„Ach, à propos,“ wandte er sich an den Fürsten, „wissen Sie nicht wenigstens, bester Lew Nikolajewitsch, wer diese Dame war, die gestern Jewgenij Pawlowitsch diese rätselhaften Worte zurief?“

„Das war Nastassja Filippowna,“ sagte der Fürst. „Sollten Sie es noch nicht erfahren haben, daß sie es war?...“

„Doch, doch, ich weiß, ich hab’s gehört!“ unterbrach ihn Fürst Sch. eilig. „Aber was bedeutete das, was sie ihm da zurief? Das ist, ich muß gestehen, ein solches Rätsel... für mich, wie auch für alle anderen...“

Fürst Sch. sprach ersichtlich in größter Verwunderung.

„Sie sprach von irgendwelchen Wechseln Jewgenij Pawlowitschs,“ antwortete der Fürst sehr einfach, „die Rogoshin von einem Wucherer gekauft hat, auf ihre Bitte hin, und daß Rogoshin auf die Einlösung derselben noch warten werde.“

„Ich weiß, ich weiß, mein bester Fürst, aber das ist ja doch ein Ding der Unmöglichkeit! Jewgenij Pawlowitsch hat überhaupt keine Wechsel ausgestellt, wozu hätte er das nötigt – bei seinem Vermögen!... Es ist ja wahr, er hat ja früher mitunter aus Leichtsinn welche ausgestellt, und sogar ich habe ihn manchesmal aus der Patsche gezogen... Aber bei einem solchen Vermögen einem Wucherer Wechsel auszustellen und sich dann ihretwillen noch Sorgen zu machen – das ist doch ausgeschlossen, ganz ausgeschlossen! Und ebenso kann er sich doch mit Nastassja Filippowna unmöglich auf du und du stehen – das ist mir noch das Rätselhafteste! Er schwört, daß er kein Wort von der ganzen Sache verstehe, und ich glaube es ihm gern. Die Sache ist nur die, bester Fürst, – ich wollte Sie fragen, ob Sie nicht vielleicht irgend etwas wissen? Das heißt, ich meine ja nur – vielleicht ist Ihnen durch irgendeinen Zufall etwas zu Ohren gekommen?“

„Nein, ich weiß nichts, und ich versichere Sie, daß ich daran nicht beteiligt gewesen bin.“

„Aber lieber Fürst, wer denkt denn daran! Wie Sie wirklich sind! Ich erkenne Sie heute kaum wieder. Hätte ich denn jemals so etwas auch nur vermuten können? – Sie, beteiligt an einer solchen Intrige?... Doch Sie sind heute nervös.“

Er umarmte und küßte ihn herzlich.

„Das heißt – an welch einer ‚solchen‘ Intrige beteiligt? Ich kann hier keinerlei ‚solche‘ Intrige sehen.“

„Nun, zweifellos hat doch die betreffende Person Jewgenij Pawlowitsch an irgend etwas verhindern wollen, indem sie ihm in den Augen der Anwesenden Eigenschaften beilegte, die er nicht hat und auch gar nicht haben kann,“ antwortete Fürst Sch. ziemlich trocken.

Den Fürsten Lew Nikolajewitsch schien diese Antwort nicht wenig zu verwirren, doch blickte er trotzdem unverwandt Fürst Sch. an; jener verstummte aber plötzlich.

„Sollten es nicht doch einfach Wechsel sein? Ist es nicht buchstäblich so, wie sie gestern sagte?“ stieß der Fürst plötzlich in nervöser Ungeduld hervor, man hörte jedoch heraus, daß er unsicher war.

„Aber so urteilen Sie doch selbst, was kann es denn Gemeinsames geben zwischen Jewgenij Pawlowitsch und... ihr und außerdem noch Rogoshin? Glauben Sie mir, er besitzt tatsächlich ein großes Vermögen, ich weiß es ganz positiv. Und ein zweites großes Vermögen wird ihm vielleicht bald noch von seinem Oheim zufallen. Einfach, Nastassja Filippowna...“

Wieder verstummte Fürst Sch. ganz plötzlich; offenbar wollte er dem anderen gegenüber nicht mit seinen Gedanken über Nastassja Filippowna herausrücken.

„Aber dann ist sie doch jedenfalls mit ihm bekannt?“ fragte der Fürst nach kurzem Schweigen.

„Das allerdings – ja. Doch übrigens, wenn er auch mit ihr bekannt gewesen ist, so ist das immerhin schon lange her, so... sagen wir, – zwei bis drei Jahre. Er war ja doch mit Tozkij gut bekannt. Jetzt aber kann von einer näheren Bekanntschaft oder gar einer Freundschaft auf du und du überhaupt nicht die Rede sein! So intim ist er mit ihr nie gewesen, nie! Und Sie wissen doch selbst sehr gut, daß sie lange Zeit gar nicht in Petersburg gelebt hat. Und die meisten wissen es überhaupt noch nicht, daß sie wieder hier aufgetaucht ist. Diesen Wagen und die Pferde habe ich erst vor etwa drei Tagen zum erstenmal hier gesehen.“

„Ein entzückendes Gespann!“ bemerkte Adelaida.

„Ja, das Gespann ist allerdings tadellos.“

Übrigens verließen sie den Fürsten in der freundschaftlichsten Stimmung, fast kann man sogar sagen, daß sie sich wie Geschwister von ihm verabschiedeten.

Für den Fürsten Lew Nikolajewitsch war aber dieser Besuch von ganz ungeheuerer Bedeutung. Nun ja, er hatte ja selbst vieles vermutet, bereits seit der gestrigen Nacht (vielleicht aber auch schon früher); doch hatte er bis zu ihrem Besuch immer noch nicht gewagt, seine Befürchtungen vor sich selbst zu rechtfertigen. Jetzt aber war wenigstens so viel klar, daß Fürst Sch., der natürlich das Ganze an sich falsch auffaßte, immerhin der Wahrheit auf der Spur war, wenn er hier eine Intrige vermutete.

„Übrigens...“ dachte der Fürst bei sich, „vielleicht faßt er es im geheimen ganz richtig auf, will es aber nur nicht anderen aufdecken und legt die Sache deshalb absichtlich falsch aus.“

Jedenfalls stand jetzt eines fest: daß Adelaida und Fürst Sch. (namentlich Fürst Sch.) in der Hoffnung zu ihm gekommen waren, von ihm etwas Näheres erfahren zu können; war aber das der Fall, so mußte man ihn doch unbedingt für beteiligt an der Intrige halten. Und außerdem: wenn der ganze Vorfall wirklich von solch einer Wichtigkeit war, dann mußte sie doch irgend etwas Furchtbares im Sinne haben, – was aber konnte das sein?... Wie diese Gedanken quälten!

„Und wie könnte man sie von etwas abbringen, das sie sich einmal in den Kopf gesetzt hat? Das ist ja doch ganz unmöglich, ganz ausgeschlossen, wenn sie sich von der Notwendigkeit der Durchführung ihrer Absicht überzeugt hat!“ Das wußte der Fürst aus Erfahrung nur zu gut. „Sie ist ja doch wahnsinnig!... wahnsinnig!...“

Doch der quälenden Probleme gab es für ihn an diesem Morgen gar zu viele; alle tauchten sie jetzt auf einmal auf, und über alle mußte er nachdenken, lange nachdenken, und alle wollten schnell gelöst sein. So kam es, daß der Fürst sehr ernst und niedergedrückt war. Ein wenig Zerstreuung brachte ihm Wjera Lebedewa, die mit ihrem kleinen Schwesterchen Ljubotschka zu ihm kam und lachend irgend etwas erzählte. Bald darauf erschien auch ihre andere Schwester, die, welche beim Sprechen und beim Lachen den Mund immer so unheimlich weit auftat, und dieser folgte Lebedeffs Sohn, der Gymnasiast, der sich dann gleichfalls an der Zerstreuung des Fürsten beteiligte und lebhaft versicherte, daß der Stern in der Apokalypse, der „auf die Quellen der Gewässer“ fiel, nach der Auslegung seines Vaters nichts anderes als das Eisenbahnnetz bedeute, das sich jetzt über Europa auszubreiten beginne. Der Fürst wollte es nicht glauben, daß Lebedeff den Stern so deute, worauf dann beschlossen wurde, ihn selbst bei nächster Gelegenheit danach zu fragen. Von Wjera Lebedewa erfuhr der Fürst ferner, daß Herr Keller sich bei ihnen gestern heimisch niedergelassen hatte und aller Voraussicht nach nicht sobald wieder fortziehen werde, zumal er in dem alten General Iwolgin einen Kompagnon und guten Freund gefunden hätte; übrigens habe er erklärt, daß er einzig „zur Komplettierung seiner Bildung“ bei ihnen bliebe. Überhaupt begannen die Kinder Lebedeffs, dem Fürsten mit jedem Tage mehr zu gefallen.

Koljä erschien den ganzen Tag nicht: er war am Morgen nach Petersburg gefahren (Lebedeff hatte sich bereits in aller Frühe dorthin begeben – in Geschäften, wie es hieß), und so erwartete der Fürst mit Ungeduld den Besuch Gawrila Ardalionytschs, den ihm dieser am Abend vorher beim Abschied zugesagt hatte.

Um sieben Uhr abends erschien er denn auch richtig – sogleich nach dem Essen21. Beim ersten Blick auf ihn glaubte der Fürst zu erraten, daß ihm alles, was an dem Abend passiert war, bis aufs Letzte bekannt sei. Wie sollte es auch anders sein, wenn er solche Helfershelfer wie seine Schwester Warjä und seinen Schwager Ptizyn hatte! Zwischen Ganjä und dem Fürsten bestand ein etwas eigentümliches Verhältnis. Der Fürst hatte ihm zum Beispiel die Führung der ganzen Angelegenheit mit Burdowskij anvertraut und ihn noch ganz besonders gebeten, die Sache zu übernehmen; doch ungeachtet dieses Vertrauens und noch so mancher anderen Bande, die sie verknüpften, blieben gewisse Punkte zwischen ihnen bestehen, die von ihnen gleichsam nach gemeinsamer Verabredung mit keinem Wort berührt wurden. Dem Fürsten hatte allerdings geschienen, daß Ganjä ihm gegenüber vielleicht vollkommen und freundschaftlich aufrichtig zu sein wünschte, und so dachte er auch jetzt, daß Ganjä, als er eintrat, im höchsten Grade überzeugt sei, daß nun der Augenblick gekommen wäre, in dem das Eis an diesen gewissen Punkten von beiden Seiten gebrochen werden könnte. Nur hatte Ganjä diesmal leider nicht viel Zeit: seine Schwester wartete auf ihn bei Lebedeffs, und sie hatten beide noch etwas Eiliges vor.

Doch wenn Ganjä vielleicht tatsächlich eine ganze Reihe ungeduldiger Fragen, unwillkürlicher Äußerungen oder gar freundschaftlicher Mitteilungen und Herzensergüsse erwartet hatte, so harrte seiner allerdings eine große Enttäuschung. Während der ganzen Zeit seines Besuches war der Fürst fast wie geistesabwesend, wenigstens sehr wortkarg und sehr zerstreut.

Die ganze Reihe Fragen, oder vielmehr die eine Frage, die Ganjä erwartet hatte, wurde vom Fürsten nicht an ihn gerichtet. Da beschloß auch Ganjä, zurückhaltender zu sein. Nichtsdestoweniger erzählte er ohne Unterlaß die ganze Zeit, lachte, scherzte, – kurzum, unterhielt den Fürsten während der zwanzig Minuten, die er bei ihm war, in der liebenswürdigsten Weise, doch die Hauptsache berührte er mit keinem Wort.

Unter anderem erzählte er, daß Nastassja Filippowna sich erst seit etwa vier Tagen in Pawlowsk aufhalte und doch bereits die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt habe. Sie wohne in einem kleinen, unscheinbaren Hause bei Darja Alexejewna, irgendwo in einer „Matrosenstraße“, wenn er sich nicht irre, ihre Equipage aber sei die schönste in Pawlowsk. Es habe sich auch bereits eine ganze Schar von alten und jungen Verehrern um sie versammelt, von denen sie auf ihren Spazierfahrten mitunter hoch zu Roß begleitet werde. Zwar sei sie immer noch sehr wählerisch in ihrem Verkehr mit Herren, doch stände ihr trotzdem ein ganzes Korps zur Verfügung, falls sie irgendwie desselben bedürfen sollte. Ein erklärter Bräutigam, einer der Pawlowsker Datschenbesitzer, habe sich bereits ihretwegen mit seiner Braut entlobt, und ein alter General habe ihretwegen seinen Sohn fast verflucht. Gewöhnlich fahre sie mit einem sehr schönen jungen Mädchen, einer Verwandten Darja Alexejewnas aus; dieses junge, etwa sechzehnjährige Mädchen habe eine wundervolle Stimme und singe des Abends so schön, daß das unansehnliche Haus Darja Alexejewnas die Aufmerksamkeit von ganz Pawlowsk auf sich lenke. Übrigens führe sich Nastassja Filippowna überall tadellos auf, kleide sich nicht auffallend, doch stets so elegant, daß alle Damen sie wegen ihres Geschmacks, ihrer Schönheit und ihrer prachtvollen Equipage beneideten.

„Ihr exzentrischer Ausfall von gestern abend,“ verschnappte sich Ganjä schließlich doch einmal, „ist natürlich auf eine besondere Absicht zurückzuführen und zählt daher nicht mit. Um ihr etwas anhaben zu können, müßte man es direkt darauf absehen oder sie einfach verleumden, was übrigens das schnellste und sicherste Mittel wäre,“ schloß er in der Erwartung, daß der Fürst jetzt unbedingt fragen werde, weshalb er ihrem Ausfall eine „besondere Absicht“ zugrunde lege und weshalb er „Verleumdung das schnellste und sicherste Mittel“ nenne.

Doch der Fürst sagte nichts.

Da begann Ganjä auch von Jewgenij Pawlowitsch ohne besondere Aufforderung des Fürsten zu sprechen, was um so seltsamer war, als er ganz unvermittelt begann. Seiner Meinung nach war Jewgenij Pawlowitsch früher nicht mit Nastassja Filippowna bekannt gewesen und kannte sie auch jetzt kaum, da er ihr erst vor vier Tagen auf dem Spaziergang vorgestellt worden sei; und daß er sie mit den anderen zusammen in ihrem Hause besucht habe, sei wiederum aus gewissen Gründen nicht anzunehmen. Was jedoch die Wechselgeschichte betreffe, so könne sehr wohl etwas Wahres daran sein (das wurde von Ganjä mit auffallender Sicherheit behauptet, – offenbar hatte er etwas Näheres hierüber von Ptizyn erfahren). Jewgenij Pawlowitschs Vermögen sei allerdings sehr groß, „doch zum Teil sind seine Vermögensverhältnisse ziemlich im unklaren,“ fügte er kurz hinzu und damit brach er plötzlich ab. Auch über Nastassja Filippowna sprach er weiter kein Wort. Endlich kam Warjä, um den Bruder abzuholen, setzte sich aber doch noch auf einen Augenblick und erzählte – gleichfalls ungebeten –, daß Jewgenij Pawlowitsch „heute den ganzen Tag und vielleicht auch noch morgen“ in Petersburg bleiben werde, und daß auch ihr Mann, Iwan Petrowitsch Ptizyn, in Petersburg sei. Ja, fast kam es so heraus, als weile ihr Mann nur wegen einer Geldangelegenheit Jewgenij Pawlowitschs in der Stadt. Bereits im Fortgehen begriffen, sagte sie dann noch, daß Lisaweta Prokofjewna sich in entsetzlicher Stimmung befinde, doch am meisten befremde es sie, Warjä, daß Aglaja sich mit der ganzen Familie, nicht nur dem Vater und der Mutter, sondern auch mit den beiden Schwestern ernstlich entzweit habe, – „und sogar wirklich im Ernst“. Und nachdem sie anscheinend ganz gleichmütig diese Nachrichten – die für den Fürsten von so großer Wichtigkeit waren! – mitgeteilt hatte, entfernten sich Bruder und Schwester.

Der Fürst blieb allein zurück. Auch Burdowskijs hatte Ganjä mit keinem Wort Erwähnung getan, vielleicht aus falschem Zartgefühl, um den Fürsten nicht an Unangenehmes zu erinnern; doch der Fürst ließ es sich trotzdem nicht entgehen, ihm für seine Mühe zu danken.

Es freute ihn sehr, daß er endlich allein war. Langsam stieg er die Stufen der Terrasse hinunter und ging über den Fahrweg in den Park. Er wollte sich einen entscheidenden Schritt, den er fast im Begriff war zu tun, reiflich überlegen. Doch dieser „Schritt“ war gerade einer von denen, die man sich nicht überlegt, sondern zu denen man sich einfach kurz entschließt; er wollte plötzlich unsäglich gern wieder dorthin zurückkehren, woher er gekommen, nur irgendwohin, weit, weit fort, in den Wald, in die einsamste Gegend, und alles hier so zurücklassen, wie es war, nicht einmal sich von jemandem verabschieden! Eine fast drohende Ahnung sagte ihm, daß er, wenn er auch nur noch wenige Tage hier blieb, sich rettungslos in diese Welt würde hineinziehen lassen, und diese Welt, die würde dann sein Schicksal sein! Doch er hatte noch keine zehn Minuten den Plan dieser Flucht erwogen, als er auch schon entschied, daß es „ganz unmöglich“ für ihn sei, so zu flüchten, daß es von ihm „kleinmütig“ wäre, daß er jetzt vor großen Aufgaben stände, die er unbedingt lösen müsse, oder wenn auch nicht das, so habe er jetzt doch überhaupt nicht mehr das Recht, fortzufahren, sondern müsse zum mindesten alle seine Kräfte anspannen zu ihrer Lösung. Mit diesem Gedanken kehrte er zur Villa zurück, nachdem er kaum eine Viertelstunde im Park gewesen war. Er fühlte sich entsetzlich unglücklich in diesem Augenblick.

Lebedeff war noch immer nicht aus der Stadt zurückgekehrt, und so gelang es am Abend dem verabschiedeten Leutnant Keller, ungehindert beim Fürsten einzutreten. Er war nicht gerade betrunken, aber jedenfalls auch nicht gerade nüchtern; denn seine Redseligkeit war auffallend und seine geradezu verblüffende Offenherzigkeit mehr als verdächtig. Er begann sogleich damit, daß er den Grund seines Erscheinens erklärte: er sei gekommen, um dem Fürsten seine ganze Lebensgeschichte zu erzählen, und nur zu dem Zweck sei er in Pawlowsk geblieben. Es war nicht die geringste Hoffnung vorhanden, ihn loszuwerden; selbst wenn man ihm die Tür gewiesen hätte, wäre er doch nicht gegangen. Er setzte sich fest und schickte sich an, lange und ziemlich ungereimt zu reden; doch siehe da, fast schon nach den ersten Worten sprang er ganz plötzlich auf den Schluß über und erklärte, mit der Zeit sei ihm jeder Schimmer von Sittlichkeit „abhanden gekommen“ – und das einzig infolge seines Unglaubens an den Höchsten –, so daß er sogar gestohlen habe.

„Können Sie sich das vorstellen!“

„Hören Sie, Keller, ich würde an Ihrer Stelle doch nicht so unnützerweise solche Dinge gestehen,“ wandte der Fürst ein. „Doch – vielleicht wollen Sie sich mit Absicht anschwärzen? Wozu sagen Sie das alles?“

„Nur Ihnen auf Gottes ganzem Erdboden, einzig und allein Ihnen sage ich es, und zwar nur deshalb, um damit meine Entwicklung zu fördern! Sonst keinem eine Silbe! Keinem einzigen! Wenn ich sterbe, soll mein Geheimnis mit mir in die Grube fahren und von dort dann meinetwegen aufwärts gen Himmel! Aber, Fürst, wenn Sie nur wüßten, wenn Sie nur wüßten, wie schwer es heutzutage ist, irgendwo Geld zu bekommen! Wo soll man es denn hernehmen, wenn Sie mir das doch wenigstens gefälligst sagen könnten? Die einzige Antwort ist: ‚Bring Gold und Brillanten, dann kriegst du welches‘, – mit anderen Worten, also gerade das, was ich nicht habe. – Können Sie sich das vorstellen? Ich – wurde schließlich wütend, stand, stand: – ‚Aber für Smaragden‘, fragte ich, ‚geben Sie dafür auch welches?‘ – ‚Gewiß, auch für Smaragden geben wir welches.‘ – ‚Na, bon,‘ sagte ich, nahm meinen Hut und ging. Der Teufel hol’ sie samt und sonders, ’s ist ’ne Gaunerbande, bei Gott!“

„Hatten Sie denn Smaragden?“

„Wie sollt’ ich wohl Smaragden haben? Oh, Fürst, wie ahnungslos und unschuldig, wie rosig und, man kann wohl sagen – schäferhaft Sie noch auf das Leben blicken!“

Dem Fürsten tat er schließlich... nicht gerade leid, aber der Fürst glaubte plötzlich, sich schämen zu müssen. Ihm kam sogar der Gedanke: „Könnte man nicht noch etwas aus diesem Menschen machen? – wenn er unter einen guten Einfluß käme?“ Seinen eigenen Einfluß hielt er aus gewissen Gründen für absolut untauglich dazu, und das nicht etwa aus falscher Bescheidenheit oder falscher Beobachtung, sondern eigentlich nur infolge seiner nunmehrigen Auffassung verschiedener Dinge und Verhältnisse. Allmählich aber kamen sie beide so ins Sprechen hinein, daß sie ans Aufhören gar nicht mehr dachten. Keller bekannte mit ungewöhnlicher Bereitwilligkeit, sogar an solchen Dingen schuldig zu sein, von denen auch nur zu sprechen man wohl nie und nimmer für möglich halten würde. Vor Beginn jeder neuen Erzählung versicherte er nachdrücklich, daß er es bereue und „inwendig voll Tränen“ sei, worauf er aber dann jedesmal so erzählte, als wenn er auf seine Tat noch ganz besonders stolz gewesen wäre, und dabei wußte er noch alles so amüsant wiederzugeben, daß schließlich beide, sowohl er selbst wie auch der Fürst, sich die Seiten vor Lachen hielten.

„Die Hauptsache ist, daß Sie noch eine gewissermaßen kindliche Zutraulichkeit und eine wirklich seltene Wahrheitsliebe besitzen,“ sagte schließlich der Fürst. „Wissen Sie auch, daß Sie schon allein damit sehr vieles wieder gutmachen?“

„Edel bin ich, edel, ritterlich edel!“ bestätigte Keller sofort gerührt. „Aber wissen Sie, Fürst, das beschränkt sich alles leider immer nur auf die Träume, auf die Gedankenwelt, und tritt sozusagen immer nur in meiner Courage so etwas wie zutage, in der Wirklichkeit aber kommt’s nie eigentlich heraus! Und weshalb ist es so? Ich begreif’s wahrhaftig nicht!“

„Verzagen Sie deshalb nicht. Sie haben mir jetzt alles bis aufs Letzte erzählt; wenigstens können Sie doch an Häßlichem und Schlechtem nichts mehr hinzufügen, denke ich...“

„Nichts mehr hinzufügen?!“ rief Keller in einem geradezu mitleidigen Tone aus. „Jesus, Fürst, bis zu welch einem Grade Sie die Menschen doch immer noch sozusagen schweizerisch auffassen!“

„Gibt es denn wirklich noch etwas...?“ fragte mit zaghafter Verwunderung der Fürst. „Aber was haben Sie denn von mir erwartet, Keller, sagen Sie mir das doch, bitte, weshalb sind Sie denn mit Ihrer Beichte zu mir gekommen?“

„Von Ihnen? Was ich von Ihnen erwartet habe? Erstens ist es so angenehm, Ihre Herzenseinfalt zu sehen; es ist ein wahrhaft herzerquickendes Gefühl, bei Ihnen zu sitzen und zu schwatzen; wenigstens weiß ich dann, daß der tugendhafteste Mensch vor mir sitzt; und zweitens... zweitens... khm...“

Er stockte, räusperte sich und wußte nicht recht, wie weiter.

„Sie wollten vielleicht Geld von mir leihen?“ half ihm der Fürst vollkommen ernst und sehr einfach, sogar ein wenig schüchtern.

Keller sprang fast vom Stuhl auf; er blickte dem Fürsten ganz starr vor Verwunderung in die Augen... und plötzlich schlug er mit der Faust auf den Tisch.

„Das ist es ja, weiß der Teufel, womit Sie einen total aus dem Konzept bringen! Erbarmen Sie sich, Fürst: bald sind Sie die leibhaftige Verkörperung einer solchen Unschuld, einer solchen Herzenseinfalt, wie sie selbst im goldenen Zeitalter unerhört gewesen sein muß, und bald wiederum oder vielmehr gleichzeitig durchschauen Sie einen mit den tiefsten psychologischen Beobachtungen, die einem wie Pfeile durch Mark und Bein gehen! Erlauben Sie, Fürst, das verlangt noch Erklärungen, denn ich... ich bin einfach auf den Kopf getroffen! Selbstverständlich war zu guter Letzt Zweck und Ziel meines Besuches – von Ihnen Geld zu leihen. Sie aber fragen mich das plötzlich von vornherein und noch dazu in einem Tone, als würden Sie nicht den geringsten Anstoß daran nehmen, als ob es gerade so sein müßte!“

„Ja... von Ihnen mußte es auch so sein.“

„Und Sie sind nicht empört?“

„Weshalb denn?“

„Hören Sie, Fürst, ich muß Ihnen alles von Anfang an sagen: ich blieb gestern abend in erster Linie aus besonderer Hochachtung für den französischen Erzbischof Bourdaloue hier – wir entkorkten bei Lebedeff bis drei Uhr morgens Flaschen –, und in zweiter Linie und hauptsächlich – ich schlage mir alle Kreuze vor die Stirn, Sie können es mir also aufs Wort glauben! – hauptsächlich deshalb, weil ich die Absicht hatte, Ihnen, Fürst, einmal mein ganzes Herz auszuschütten, um durch diese sozusagen von Herzen kommende Ohrenbeichte meiner eigenen moralischen Entwicklung etwas auf die Beine zu helfen; mit diesem Gedanken schlief ich denn auch so gegen vier Uhr morgens unter fließenden Tränen ein. Und jetzt glauben Sie mir: in demselben Augenblick, als ich im Begriff war, einzuschlummern – ich war schon halbwegs weg – (und dabei war ich doch so voll aufrichtiger innerer Tränen, daß sie sozusagen sogar überflossen; denn zu guter Letzt weinte ich tatsächlich, dessen entsinne ich mich noch ganz genau!) in demselben Augenblick kam mir plötzlich ein teuflischer Gedanke: ‚Aber was,‘ dachte ich bei mir, ‚sollte man nicht ganz zum Schluß, nach der Beichte, einen Pumpversuch bei ihm machen?‘ Und so bereitete ich mich denn unter Tränen einerseits zu meiner Beichte vor, die ich gleichfalls unter Tränen vortragen wollte, um andererseits mit diesen Tränen den Weg zu finden oder Ihr Herz zu erweichen, damit Sie dann zum Schluß, von Mitleid bewegt, mir hundertundfünfzig Rubel einhändigten. Ist das nun nicht eine Gemeinheit, was meinen Sie?“

„Aber das ist doch bestimmt nicht so gewesen, das eine ist nur ganz zufällig zum anderen gekommen, zwei Gedanken sind sich begegnet, wie das sehr oft geschieht. Bei mir geschieht das fortwährend. Übrigens glaube ich, daß das nicht gut ist, und offen gestanden, gerade wegen dieser Doppelgedanken mache ich mir die größten Vorwürfe. Es ist mir fast, als hätten Sie mir von mir selbst erzählt. Ich habe sogar mitunter gedacht,“ fuhr der Fürst sehr ernst und aufrichtig interessiert fort, „daß alle Menschen so seien, so daß ich schließlich aufhörte, mich deshalb zu quälen; denn es ist sehr schwer, gegen diese Doppelgedanken anzukämpfen; ich weiß es... Gott weiß, woher sie kommen, wie sie entstehen... Da kommen Sie aber jetzt und nennen es doch einfach eine Gemeinheit! Nun fange auch ich wieder an, diese Gedanken zu fürchten. Jedenfalls kann ich nicht Ihr Richter sein. Aber immerhin finde ich, daß man es doch nicht so ohne weiteres eine Gemeinheit nennen kann, was meinen Sie? Sie haben auf schlaue Weise durch Tränen Geld herauslocken wollen; aber Sie schwören doch selbst, daß Ihre Beichte für Sie auch einen anderen Zweck hatte, einen geistigen, edlen, und nicht nur materiellen. Und was das Geld betrifft, so brauchen Sie es doch zum Verzechen, nicht wahr? Das aber ist freilich nach solch einer Beichte zum mindesten kleinmütig. Aber andererseits: wie soll man so plötzlich von seinen bisherigen Gewohnheiten lassen? Das geht doch nicht. Also was tun? Am besten ist, man überläßt das Ihrem eigenen Gewissen, was meinen Sie?“

Der Fürst blickte Keller mit ungeheurem Interesse an. Das Problem der „Doppelgedanken“ hatte ihn offenbar schon lange beschäftigt.

„Jetzt sagen Sie mir nur gefälligst, weshalb man Sie nach alledem noch einen Idioten nennt! – das verstehe ich nicht! – da hört doch alles auf!“ rief Keller ganz begeistert aus.

Der Fürst errötete ein wenig.

„Selbst der gerechte Mann Gottes, Bourdaloue, hätte einen Menschen nicht so geschont wie Sie! Und Sie haben mich noch menschlich mir selbst näher gebracht! Nun gut, um mich zu bestrafen und zu beweisen, daß ich gerührt bin, will ich jetzt nicht mehr hundertundfünfzig Rubel – geben Sie mir nur fünfundzwanzig, und damit basta! Das ist alles, was ich brauche, wenigstens für zwei Wochen. Vor zwei Wochen werde ich bestimmt nicht wiederkommen mit dieser Bitte. Ich wollte mal meine Agaschka etwas verwöhnen, aber was! – sie ist es ja doch nicht wert! O nein, gütigster Fürst, ich danke Ihnen, Gott segne Sie dafür!“

Lebedeff, der soeben aus der Stadt zurückgekehrt war und gerade eintrat, machte, als er Keller die Banknote von fünfundzwanzig Rubeln in Empfang nehmen sah, ein finsteres Gesicht; doch Keller drückte sich schleunigst. Da begann Lebedeff sofort über ihn herzuziehen.

„Sie sind ungerecht,“ bemerkte schließlich der Fürst, „er hat tatsächlich aufrichtig bereut.“

„Ja, aber was will das sagen! Das ist ja doch ebenso wie ich gestern: ‚gemein, gemein bin ich‘ – wunderschön, aber das sind doch alles nur kurze Worte!“

„So waren es also nur Worte von Ihnen? Und ich dachte bereits...“

„Na, ich will Ihnen, aber auch nur Ihnen allein, die Wahrheit sagen; denn Sie durchschauen ja doch jeden Menschen: leere Worte und Aufrichtigkeit, Lüge und Wahrheit – alles zusammen war’s, und jedes war echt, war wirklich echt! ‚Wahrheit und Aufrichtigkeit‘ bestehen bei mir in der aufrichtigen Reue – glauben Sie es oder glauben Sie es nicht, ich schwöre es jedenfalls – ‚leere Worte und Lüge‘ bestehen in dem teuflischen und immer gegenwärtigen Gedanken, wie ich auch hier den Menschen übers Ohr hauen, wie ich auch hier aus den Tränen der Reue Vorteil ziehen könnte! Bei Gott, so ist es! Einem anderen würde ich es nicht sagen – er würde mich auslachen; Sie aber Fürst, Sie denken menschlich.“

„Nun, sehen Sie: genau dasselbe, fast mit denselben Worten, hat mir auch Keller soeben gesagt, – und beide scheinen Sie sich damit gleichsam brüsten zu wollen! Sie setzen mich sogar damit wirklich in Erstaunen... nur hat er aufrichtiger gesprochen als Sie; denn bei Ihnen ist es schon entschieden zu einer Art Handwerk geworden. Nun, genug, reden wir nicht davon, und machen Sie schnell ein anderes Gesicht, Lebedeff, und pressen Sie doch nicht immer so die Hand aufs Herz! Haben Sie mir nicht etwas zu sagen? Sie pflegen doch nie grundlos zu mir zu kommen...“

Lebedeff begann sich zu krümmen, zu wenden und zu drehen und hinterm Ohr zu kratzen, sagte aber kein Wort.

„Ich habe Sie den ganzen Tag erwartet, um eine Frage an Sie stellen zu können; antworten Sie mir jetzt und sagen Sie mir doch wenigstens einmal im Leben sogleich die Wahrheit: Sind Sie an dem Vorfall mit dem Wagen gestern abend beteiligt oder nicht?“

Lebedeff begann sich wieder zu winden, fuhr sich mit dem Finger in den Kragen und zweimal unter der Gurgel hin und her, räusperte sich, kicherte, räusperte sich wieder, rieb sich die Hände, nieste sogar; doch zu sprechen entschloß er sich noch immer nicht.

„Ich sehe schon, daß Sie mitgewirkt haben.“

„Aber indirekt, einzig nur indirekt! Ich sage die reinste Wahrheit! Nur insoweit mitgewirkt, als ich die gewisse Dame rechtzeitig benachrichtigt habe, daß bei... bei mir sich so eine Gesellschaft versammelt habe, und daß auch gewisse Personen darunter seien.“

„Ich weiß, daß Sie Ihren Sohn dorthin geschickt haben, er hat es mir vorhin selbst gesagt; aber was soll denn diese Intrige wieder bedeuten!“ rief der Fürst ungeduldig aus.

„Das ist nicht meine Intrige, nicht meine Intrige, bei Gott nicht!“ wehrte Lebedeff mit beiden Händen ab. „Hier handelte es sich um andere, ganz andere, und das Ganze ist mehr ein phantastischer Einfall, als eine Intrige zu nennen.“

„Aber um was handelt es sich denn, so erklären Sie mir doch wenigstens das, um Christi willen! Begreifen Sie denn nicht, daß mich das diesmal direkt angeht? Hier wird doch Jewgenij Pawlowitsch angeschwärzt!“

„Fürst! Durchlauchtigster Fürst!“ begann Lebedeff wieder sich zu verneigen und dabei die Hand aufs Herz zu pressen, „Sie erlauben mir doch nicht, die ganze Wahrheit zu sagen! Ich habe doch schon oft davon angefangen, nicht nur einmal, Sie aber haben mir immer sofort verboten, weiterzusprechen...“

Der Fürst schwieg eine Weile und dachte nach.

„Nun gut; sprechen Sie die Wahrheit,“ sagte er endlich gepreßt, augenscheinlich nach einem schweren Kampfe.

„Aglaja Iwanowna...“ begann Lebedeff sofort bereitwillig.

„Schweigen Sie, schweigen Sie!“ schrie ihn der Fürst sogleich beschwörend an, und er wurde rot vor Unwillen, – vielleicht auch vor Scham. „Das ist doch unmöglich, das kann doch nie und nimmer sein, das ist doch Unsinn! Sie haben sich das alles selbst ausgedacht, oder ebenso Wahnsinnige wie Sie! Und hören Sie: daß ich nie mehr auch nur ein Wort davon aus Ihrem Munde vernehme!“

Spät am Abend, bereits gegen elf Uhr, erschien endlich Koljä mit einem ganzen Sack voll Neuigkeiten. Zuerst erzählte er schnell in ein paar Worten das Wichtigste aus der Stadt, das sich hauptsächlich auf Hippolyt und den vorhergegangenen Abend bezog, und ging dann, um später wieder darauf zurückzukommen, schnell zu den Pawlowsker Neuigkeiten über.

Vor etwa drei Stunden war er aus Petersburg zurückgekehrt und, ohne beim Fürsten vorzusprechen, direkt zu Jepantschins gegangen. „Dort ist einfach alles auf den Kopf gestellt! Natürlich steht in erster Linie und obenan der Vorfall mit dem Wagen,“ berichtete Koljä; doch müsse unbedingt noch etwas geschehen sein, was ihm und dem Fürsten noch unbekannt war.

„Ich wollte natürlich nicht spionieren oder ausforschen. Übrigens wurde ich sehr gut empfangen, sogar so gut, wie ich es gar nicht erwartet hatte; doch von Ihnen, Fürst, – kein Wort!“

Die Hauptsache und das interessanteste jedoch sei, daß Aglaja sich mit allen anderen Ganjäs wegen „verrissen“ habe. „Wie und weshalb – das weiß ich nicht, nur ist es tatsächlich Ganjäs wegen geschehen – können Sie sich das denken? Und nicht etwa im Scherz, sondern vollkommen ernst, also muß es doch etwas Wichtiges sein.“ Der General sei erst spät aus der Stadt ziemlich „brummig“ heimgekehrt, zusammen mit Jewgenij Pawlowitsch, der gleichfalls vorzüglich empfangen worden sei. Jewgenij Pawlowitsch sei selbst erstaunlich guter Laune, heiter und liebenswürdig gewesen. Die kapitalste Nachricht war aber die, daß die Generalin Lisaweta Prokofjewna ohne viel Wesens und Aufsehen Warwara Ardalionowna, Koljäs Schwester, die bei den jungen Mädchen gesessen, zu sich gerufen und sie ein für allemal ersucht habe, ihr Haus fernerhin nicht mehr zu betreten – „übrigens in der höflichsten Weise – Warjä selbst hat’s mir erzählt,“ fügte Koljä hinzu. Als Warjä dann noch zu den jungen Mädchen gegangen war, um sich von ihnen zu verabschieden, hatten diese ihr alle ganz unbefangen die Hand gereicht und offenbar keine Ahnung davon gehabt, daß die Mutter der Freundin die Tür gewiesen hatte und diese sich nun zum letztenmal von ihnen verabschiedete.

„Aber Warwara Ardalionowna – war noch um sieben Uhr bei mir,“ bemerkte der Fürst verwundert, „und...“

„Und hinausgeworfen worden ist sie erst um acht oder kurz vor acht! Warjä tut mir sehr leid und ebenso Ganjä... Sie haben natürlich immer etwas vor, ewig spinnen sie ihre Intrigen, ohne die können sie, wie’s scheint, nicht auskommen. Was sie aber eigentlich wollen, was sie im Schilde führen, was sie beabsichtigen – das habe ich nie begreifen können... und will’s auch nicht. Aber ich versichere Ihnen, lieber, guter Fürst, Ganjä hat wirklich Herz! Er ist in vielen Dingen natürlich ein verlorener Mensch, aber in anderen Dingen hat er doch gewisse Züge, die zu entdecken sich wirklich lohnt, und ich werde es mir nie verzeihen, daß ich ihn früher nicht begriffen habe... Ich weiß nicht, soll ich dort noch weiter verkehren, nach der Geschichte mit Warjä? Ich habe mich ja wohl von Anfang an ganz unabhängig gestellt, aber man muß es sich doch noch überlegen.“

„Sie haben keine Ursache, Ihren Bruder zu bedauern,“ bemerkte der Fürst. „Wenn es schon dazu gekommen ist, daß Lisaweta Prokofjewna Ihrer Schwester den Verkehr mit ihren Töchtern verboten hat, so muß Gawrila Ardalionytsch in ihren Augen gefährlich geworden sein; folglich aber müssen sich doch einzelne seiner Hoffnungen bestätigen.“

„Wie, was für Hoffnungen?“ fragte Koljä erstaunt. „Oder glauben Sie etwa, daß Aglaja Iwanowna... das ist doch unmöglich!“

Der Fürst schwieg eine Weile.

„Sie sind ein furchtbarer Skeptiker, Fürst,“ sagte Koljä endlich, nach vielleicht ganzen zwei Minuten. „Es fällt mir auf, daß Sie seit einiger Zeit immer skeptischer werden; Sie fangen an, an nichts mehr zu glauben und alles zu vermuten... Habe ich in diesem Fall das Wort ‚Skeptiker‘ nicht richtig gebraucht?“

„Ich glaube, daß es richtig ist, doch übrigens – weiß ich es selbst nicht genau.“

„Nein, nein! – ich sage mich selbst vom ‚Skeptiker‘ los; denn ich habe eine andere Erklärung gefunden!“ rief plötzlich Koljä laut auflachend, „Sie sind nicht skeptisch, sondern einfach eifersüchtig! Sie sind wegen eines gewissen stolzen Mädchens höllisch eifersüchtig auf Ganjä!“

Koljä sprang auf und lachte, lachte, – lachte, wie er vielleicht noch nie im Leben gelacht hatte. Und als er sah, daß der Fürst plötzlich ganz rot geworden war, lachte er noch unbändiger. Ihm gefiel der Gedanke, daß der Fürst Aglajas wegen auf Ganjä eifersüchtig sei „ganz furchtbar!“ Doch kaum bemerkte er, daß der Fürst aufrichtig darunter litt, als er auch sofort zu lachen aufhörte. Dann sprachen sie noch eine oder anderthalb Stunden sehr ernst und besorgt miteinander.

Am nächsten Tage mußte der Fürst in einer unaufschiebbaren Angelegenheit nach Petersburg fahren, wo er den ganzen Vormittag verblieb. Als er gegen fünf Uhr auf den Bahnhof kam, um nach Pawlowsk zurückzufahren, stieß er dort mit General Jepantschin zusammen. Dieser erschrak zuerst, ergriff dann schnell seine Hand, und nachdem er sich fast ängstlich umgeblickt, zog er ihn schnell mit sich in ein Coupé erster Klasse, um mit ihm zusammen zurückzufahren. Er brannte vor Verlangen, mit ihm über alle die wichtigen Ereignisse zu reden.

„Vor allen Dingen, mein lieber Fürst, sei mir nicht böse, und wenn meinerseits etwas nicht so war, wie es hätte sein sollen – so vergiß es. Ich wäre selbst gestern zu dir gekommen, ich war aber nicht sicher, wie Lisaweta Prokofjewna es... Bei mir zu Hause ist einfach... die Hölle los! Eine rätselhafte Sphinx hat sich dort niedergelassen, und ich gehe umher und verstehe nichts. Was dich betrifft, so bist du meiner Meinung nach von uns allen am wenigsten an der Sache schuld, wenn auch nur durch dich allein fast alles gekommen ist. Sieh, mein lieber Fürst, Philanthrop zu sein, ist angenehm, aber an sich sehr schwer. Wirst vielleicht auch schon selbst in die Früchte gebissen haben. Ich, versteht sich, ich liebe Güte und achte Lisaweta Prokofjewna, aber...“

Der General sprach noch lange in dieser Art, doch seine Sätze waren seltsam unzusammenhängend. Jedenfalls sah man es ihm an, daß er durch etwas für ihn absolut Unbegreifliches vor den Kopf gestoßen und verwirrt, wenn nicht erschüttert war.

„Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß du an diesem ganzen Zwischenfall nicht im geringsten beteiligt bist,“ sprach er sich endlich etwas deutlicher aus; „aber ich bitte dich als Freund von ganzem Herzen: besuch’ uns vorläufig nicht, warte ab, bis sich der Wind gedreht hat. Und was Jewgenij Pawlowitsch betrifft,“ fuhr er mit ungewöhnlichem Eifer fort, „so war das die sinnloseste Verleumdung, die man sich nur denken kann! Es liegt doch auf der Hand, daß einfach eine Intrige dahintersteckt! Die Absicht, uns mit ihm zu entzweien, schaut doch nur zu deutlich hervor! Sieh, Fürst, ich werde dir etwas ins Ohr sagen: zwischen uns und Jewgenij Pawlowitsch ist noch kein Wort gefallen, du weißt – du verstehst doch? Wir sind noch durch nichts gebunden, – aber dieses Wort kann vielleicht bald gesprochen werden, vielleicht sogar sehr bald! Also galt es, das zu verhindern! Weshalb aber das, wozu, warum – das mag ein anderer wissen! Sie ist ja doch ein un–be–rechen–bares Frauenzimmer! Ich fürchte sie so, daß ich kaum noch schlafen kann. Und was für Pferde sie hat, was für einen Wagen! Das ist doch einfach schick, genau das, was der Franzose unter schick versteht! Und wer hat ihr das geschenkt? Bei Gott, ich habe gesündigt, noch vorgestern verdächtigte ich Jewgenij Pawlowitsch. Jetzt aber hat es sich herausgestellt, daß das ganz ausgeschlossen ist... Wenn es aber ausgeschlossen ist, was will sie dann eigentlich, weshalb kommt sie uns dann in den Weg, weshalb will sie dann die Sache aus dem Leim bringen? Das, das ist ja das Rätsel! Um Jewgenij Pawlowitsch zu behalten? Aber ich versichere dir, und hier hast du ein Kreuz, daß er mit ihr überhaupt nicht bekannt und die Wechselgeschichte nichts als ihre eigene Erfindung ist! Und mit welch einer Frechheit sie ihn noch öffentlich mit ‚du‘ anredet! Das ist ja eine reine Verschwörung! Es ist doch klar, daß man das Ganze nur mit Verachtung zurückweisen kann und die Hochachtung für Jewgenij Pawlowitsch verdoppeln muß. Das habe ich auch Lisaweta Prokofjewna gesagt. Doch jetzt werde ich dir meinen intimsten Gedanken mitteilen – was ich so bei mir selbst denke: ich bin fest überzeugt, daß sie das nur deshalb getan hat, um sich an mir persönlich zu rächen; du weißt doch, für das Frühere, obgleich ich mir doch ihr gegenüber nie etwas habe zuschulden kommen lassen! Ich erröte wirklich schon bei der bloßen Erinnerung daran. Jetzt, sieh, ist sie wieder aufgetaucht, und ich glaubte bereits, sie sei für immer verschwunden. Wo sitzt denn dieser Rogoshin eigentlich, sag’ mir das doch wenigstens! Ich glaubte, sie sei schon längst Madame Rogoshina!“

Mit einem Wort, man sah es dem Manne an, daß er tatsächlich durch dieses Ereignis wie vor den Kopf gestoßen war. Während der ganzen Fahrt sprach fast nur er allein; er stellte Fragen, die er selbst beantwortete, drückte dem Fürsten die Hand, und wenn er diesen von etwas schließlich überzeugt hatte, so war es nur das, daß er, der General, in bezug auf ihn, den Fürsten, nicht den geringsten Verdacht in irgendeiner, gleichviel welch einer Beziehung, ja nicht einmal ein leises Ahnen von einem möglichen Verdacht hegte. Das aber war für den Fürsten von außerordentlicher Wichtigkeit. Zum Schluß erzählte er noch von einem leiblichen Onkel Jewgenij Pawlowitschs, der in irgendeiner Kanzlei so etwas wie ein Präsident war – „jedenfalls ein großes Tier, stark in den Siebzigern, viveur,26 Gastronom, überhaupt, wie gesagt, ein verlockender Greis... haha! Wie ich weiß, hat er sich auch um Nastassja Filippownas Gunst bemüht. Ich war heute zu ihm hingefahren; leider ist er krank, empfängt nicht. Aber reich ist er, schwer reich, nicht ohne Einfluß und... gebe Gott ihm langes Leben, aber wenn er stirbt, fällt sein ganzes Vermögen wiederum Jewgenij Pawlowitsch zu... Ja, ja... aber ich habe doch Angst! Ich weiß selbst nicht, was ich fürchte, aber ich fürchte mich... Es muß etwas in der Luft sein, etwas Dunkles, wie eine Fledermaus... irgendein Unheil ist in der Luft... Ich fürchte mich, weiß Gott, ich fürchte mich wirklich!...“

Und erst am dritten Tage, wie bereits oben erwähnt, erfolgte schließlich die formelle Aussöhnung der ganzen Familie Jepantschin mit dem Fürsten Lew Nikolajewitsch.

XII

Es war sieben Uhr nachmittags; der Fürst schickte sich an, in den Park zu gehen. Plötzlich erschien Lisaweta Prokofjewna ganz allein bei ihm auf der Terrasse.

„Erstens: Daß du mir nicht zu denken wagst,“ begann sie, „ich sei hergekommen, um dich um Verzeihung zu bitten. Unsinn! Du allein bist der Schuldige.“

Der Fürst schwieg.

„Bist du der Schuldige oder nicht?“

„In demselben Maße wie auch Sie. Übrigens bin weder ich es, noch sind Sie es. Wir sind beide in nichts bewußt die Schuldigen. Vor drei Tagen hielt ich mich allerdings für schuldig, doch jetzt habe ich nachgedacht und eingesehen, daß das nicht richtig ist.“

„Also so bist du! Nun gut; jetzt höre und setz’ dich, denn ich habe nicht die Absicht, noch lange so zu stehen.“

Sie setzten sich.

„Zweitens: Kein Wort über die Bengel. Ich werde hier sitzen und zehn Minuten mit dir sprechen; ich bin gekommen, um mich bei dir nach etwas zu erkundigen (du dachtest wohl schon weiß Gott was?), aber wenn du auch nur mit einer Silbe die frechen Bengel erwähnst, stehe ich auf und gehe, und dann ist es ein für allemal aus zwischen uns, damit du’s weißt.“

„Gut, ich werde sie nicht erwähnen,“ sagte der Fürst.

„Jetzt erlaube die Frage: Hast du vor zwei oder zweieinhalb Monaten, so um Ostern herum, an Aglaja einen Brief zu schreiben versucht?“

„J–j–ja.“

„Zu welchem Zweck? Was stand im Brief? Zeig’ ihn mir!“

Lisaweta Prokofjewnas Augen glühten, sie zitterte beinahe vor Ungeduld.

„Ich habe den Brief nicht,“ sagte der Fürst verwundert, und ihm ward entsetzlich angst und bange zumute; „wenn er noch existiert und ganz ist, so befindet er sich im Besitze Aglaja Iwanownas.“

„Mach’ keine Flausen! Was hast du in diesem Brief geschrieben?“

„Ich mache durchaus keine Flausen und ich brauche mich vor nichts zu fürchten. Nur kann ich durchaus keinen Grund sehen, weshalb ich nicht hätte schreiben sollen...“

„Schweig! Später kannst du reden. Was stand in dem Brief? Weshalb bist du rot geworden?“

Der Fürst dachte eine Weile nach.

„Ich kenne Ihre Gedanken nicht, Lisaweta Prokofjewna. Ich sehe nur, daß dieser Brief Ihnen sehr mißfällt. Sie werden aber doch einsehen, daß ich mich sehr wohl weigern könnte, auf diese Frage zu antworten. Doch um Ihnen zu beweisen, daß ich nichts fürchte und durchaus nicht bereue, den Brief geschrieben zu haben, und auch keineswegs deshalb erröte,“ – der Fürst wurde fast noch einmal so rot – „werde ich Ihnen Wort für Wort den ganzen Brief hersagen, – ich glaube, daß ich den Inhalt behalten habe.“

Und der Fürst sagte tatsächlich aus dem Gedächtnis den ganzen Wortlaut des Briefes her.

„Solch ein Blödsinn! Was soll denn das alles bedeuten, deiner Meinung nach?“ fragte Lisaweta Prokofjewna schroff, nachdem sie ungeheuer aufmerksam die Wiedergabe des Briefes angehört hatte.

„Das weiß ich selbst nicht genau; ich weiß nur, daß ich gerade das empfand, was ich schrieb. Ich hatte dort bisweilen Augenblicke, in denen ich so voll Leben und voll ungeheurer Hoffnungen war...“

„Was waren denn das für Hoffnungen?“

„Das ist schwer zu erklären, jedenfalls aber nicht eine solche, wie Sie jetzt vielleicht annehmen. Eine Hoffnung... nun, mit einem Wort, Hoffnung auf die Zukunft und Freude darüber, daß ich in Rußland vielleicht kein Fremder bin, kein Ausländer. Es gefiel mir plötzlich ganz unsäglich im Vaterland. Und an einem sonnigen Morgen setzte ich mich hin und schrieb an sie diesen Brief; weshalb gerade an sie – das weiß ich nicht. Mitunter sehnt man sich doch nach einem Freunde... so werde ich mich damals wohl auch nach einem Freunde gesehnt haben...“ fügte der Fürst nach kurzem Schweigen hinzu.

„Sag’ mal: bist du etwa in sie verliebt?“

„N–nein. Ich... ich habe an sie wie meine Schwester geschrieben; ich unterschrieb mich ja auch ‚Ihr Bruder‘.“

„Hmhm! absichtlich; ich verstehe.“

„Es fällt mir sehr schwer, Ihnen auf diese Fragen zu antworten, Lisaweta Prokofjewna.“

„Ich weiß, daß es dir schwerfällt, aber was geht das mich an, ob es dir schwerfällt. Höre, sag’ mir die Wahrheit, antworte mir wie deinem Gott: lügst du mir da was vor oder lügst du nicht?“

„Ich lüge nicht.“

„Ist es wirklich wahr, daß du nicht verliebt bist?“

„Ich... ich glaube, daß es wahr ist.“

„Sieh mal an! – ‚ich glaube‘! Der Bengel hat ihn übergeben?“

„Ich hatte Nikolai Ardalionytsch gebeten...“

„Der Bengel! Der Bengel!“ unterbrach ihn Lisaweta Prokofjewna zornig. „Einen Nikolai Ardalionytsch kenne ich überhaupt nicht! Der Bengel heißt er!“

„Nikolai Ardalionytsch...“

„Der Bengel, sag’ ich dir!“

„Nein, er heißt nicht der Bengel, sondern Nikolai Ardalionytsch,“ widersprach fest, wenn auch ziemlich leise, der Fürst.

„Nun gut, mein Täubchen, gut! Das werde ich dir nicht vergessen!“

Sie kämpfte ihre Erregung nieder und erholte sich ein Weilchen.

„Aber was ist das mit dem ‚armen Ritter‘?“

„Das weiß ich nicht; davon habe ich keine Ahnung; wohl ein Scherz, denke ich.“

„Sehr angenehm, das plötzlich zu erfahren! Sollte sie es wirklich fertiggebracht haben, sich für dich zu interessieren? Hat dich doch selbst noch einen ‚Narren‘ und ‚Idioten‘ genannt.“

„Das hätten Sie mir auch nicht zu sagen brauchen,“ bemerkte der Fürst vorwurfsvoll, wenn auch sehr leise.

„Sei nicht bös. Sie ist ein eigenwilliges, verrücktes, verzogenes Mädchen, – liebt sie, so wird sie unbedingt vor den anderen über ihn herziehen und ihn verspotten; ich war genau so. Nur, bitte, triumphier’ deshalb noch nicht, mein Täubchen, noch ist sie nicht dein! Niemals werde ich das glauben! Ich sage es dir, damit du jetzt gleich deine Maßregeln ergreifen kannst. Hör’ mal, schwöre mir, daß du nicht mit jener verheiratet bist.“

„Lisaweta Prokofjewna! Was fällt Ihnen ein? Erbarmen Sie sich!“ Der Fürst sprang fast vom Stuhl auf.

„Aber fast hättest du sie doch geheiratet?“

„Fast hätte ich sie geheiratet,“ murmelte der Fürst, zu Boden blickend, und er senkte den Kopf tiefer.

„Was, bist du dann etwa in sie verliebt, wenn es so ist? Bist du jetzt ihretwegen hergekommen? Wegen jener?“

„Ich bin nicht deshalb hergekommen, um zu heiraten,“ antwortete der Fürst.

„Gibt es für dich etwas in der Welt, was dir heilig ist?“

„Ja.“

„Schwöre mir, daß du nicht deshalb gekommen bist, um jene zu heiraten.“

„Ich schwöre es!“

„Ich glaube dir; komm, gib mir einen Kuß. So, endlich kann man freier aufatmen. Doch wisse: Aglaja liebt dich nicht, richte dich danach, und solange ich lebe, wird sie nicht die Deine werden! Hast du gehört?“

„Ich habe gehört.“

Der Fürst errötete dermaßen, daß er Lisaweta Prokofjewna überhaupt nicht anzusehen wagte.

„Merk’ dir’s. Ich habe dich wie die Vorsehung selbst erwartet – bist es natürlich nicht wert gewesen! Ich habe mein Kissen in jeder Nacht mit Tränen benetzt – nicht deinetwegen, mein Täubchen, beunruhige dich nicht, ich habe noch ein ganz anderes, mein eigenes Leid, ewig ein und dasselbe. Nein, da gab es einen anderen Grund, weshalb ich dich mit einer solchen Ungeduld erwartete: ich glaube immer noch, daß dich Gott der Herr selbst zu mir gesandt hat, als Freund und leiblichen Bruder. Ich habe doch keine Menschenseele außer der alten Bjelokonskaja, aber auch die ist jetzt fortgeflogen, und außerdem ist sie vor Alter auch noch dumm geworden. Jetzt antworte mir einfach ja oder nein: Weißt du, weshalb sie an jenem Abend Jewgenij Pawlowitsch das zurief?“

„Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich weder daran irgendwie beteiligt bin, noch sonst etwas von ihren Beweggründen weiß.“

„Genug, ich glaube es dir. Jetzt denke ich auch anders darüber, aber gestern noch, gestern morgen noch beschuldigte ich in allem Jewgenij Pawlowitsch. Die ganzen ersten vierundzwanzig Stunden bis gestern morgen, den Morgen noch mitgerechnet. Jetzt muß ich den anderen natürlich beistimmen: es liegt ja doch auf der Hand, daß man ihn hier aus irgendeinem Grunde und zu irgendeinem Zweck zum Narren gehabt hat. Das allein ist schon verdächtig! – und kann auch nichts Gutes verheißen! Aber Aglaja bekommt er doch nicht, das sage ich dir! Mag er hundertmal ein guter Mensch sein, aber dabei bleibt es. Früher war ich noch unschlüssig, aber jetzt steht es fest: ‚Legt mich zuerst in den Sarg und begrabt mich, dann könnt ihr sie verheiraten!‘ – sieh, das habe ich heute in kurzen Worten Iwan Fedorowitsch erklärt. Siehst du jetzt, daß ich dir vertraue, siehst du es?“

„Ich sehe es und verstehe es.“

Lisaweta Prokofjewna blickte den Fürsten durchdringend an: vielleicht wollte sie gar zu gern erfahren, welch einen Eindruck diese Mitteilung betreffs Jewgenij Pawlowitsch auf ihn gemacht hatte.

„Von Gawrila Iwolgin weißt du nichts?“

„Doch... ich weiß sehr vieles.“

„Weißt du oder weißt du es noch nicht, daß er mit Aglaja korrespondiert?“

„Nein, davon wußte ich noch nichts!“ Der Fürst war im ersten Augenblick sogar ein wenig zusammengezuckt. „Wie, Sie sagen, Gawrila Ardalionytsch korrespondiere mit Aglaja Iwanowna? Unmöglich!“

„Erst seit kurzem. Hier hat die Schwester ihm den ganzen Winter den Weg gebahnt, wie eine Ratte hat sie gearbeitet und genagt.“

„Ich glaube es nicht,“ sagte der Fürst überzeugt nach kurzem Nachdenken, und seine Aufregung legte sich. „Wenn es wahr wäre, würde ich es bestimmt gewußt haben.“

„Du glaubst wohl, daß er dann zu dir gekommen wäre, um an deiner Brust unter Tränen sein Herz auszuschütten! Du bist mir mal eine heilige Unschuld! Alle betrügen dich doch wie... wie... Und du schämst dich gar nicht, ihm dein Vertrauen zu schenken? Siehst du denn wirklich nicht, daß er dich wie einen dummen Jungen betrogen hat?“

„Ich weiß es, daß er mich bisweilen betrügt,“ gab der Fürst wider Willen halblaut zu, „und er weiß, daß ich es weiß...“ fügte er noch hinzu.

„Wissen, daß man betrogen wird, und dabei doch vertrauen! Das fehlte gerade noch! Übrigens, von dir war auch nichts anderes zu erwarten. Worüber wundere ich mich noch? Großer Gott! Hat man jemals solch einen Menschen gesehen! Pfui! Aber weißt du auch, daß dieser Ganjka oder diese Warjka sie mit Nastassja Filippowna in Beziehungen gebracht haben?“

„Wen?!“ stieß der Fürst entsetzt hervor.

„Aglaja.“

„Das glaube ich nicht! Das kann nicht sein! Zu welchem Zweck denn eigentlich?“

Er sprang vom Stuhle auf.

„Auch ich glaube nicht daran, obwohl es Beweise dafür gibt. Sie ist doch ein eigenwilliges Mädchen, ein phantastisches Mädchen, ein verrücktes Mädchen! Und böse, böse, böse ist sie! Tausend Jahre werde ich behaupten, daß sie böse ist! Alle sind sie jetzt bei mir so, selbst diese Alexandra, dieses begossene Huhn, – doch die ist mir schon entwachsen. Aber auch ich glaube noch nicht daran! Vielleicht weil ich nicht glauben will,“ fügte sie wie zu sich selbst hinzu. „Weshalb bist du nicht gekommen?“ wandte sie sich plötzlich wieder an den Fürsten. „Weshalb bist du in diesen drei Tagen nicht zu uns gekommen?“ wiederholte sie in höchster Ungeduld ihre Frage.

Der Fürst begann seine Gründe aufzuzählen, doch sie unterbrach ihn wieder.

„Alle halten sie dich für dumm und betrügen dich, daß man es nicht mit ansehen kann! Du bist gestern in der Stadt gewesen, – ich könnte wetten, daß du diesen Spitzbuben auf den Knien gebeten hast, die zehntausend Rubel anzunehmen!“

„Durchaus nicht, ich habe nicht einmal daran gedacht. Ich habe ihn überhaupt nicht gesehen... und außerdem ist er kein Spitzbube. Ich habe von ihm einen Brief erhalten.“

„Zeig’ ihn her!“

Der Fürst zog seine Brieftasche hervor, entnahm ihr den Brief und reichte ihn ihr. Lisaweta Prokofjewna las folgendes:

„Sehr geehrter Herr!

Ich habe natürlich in den Augen der Leute nicht das geringste Recht, Eigenliebe zu besitzen. Nach ihrer Meinung bin ich viel zu gering dazu. Doch das ist die Meinung der Leute, nicht Ihre Meinung. Ich habe mich überzeugt, daß Sie, geehrter Herr, vielleicht besser sind als alle anderen. Ich bin nicht mehr mit Doktorenko einverstanden, in diesem Punkt sind unsere Ansichten jetzt ganz verschieden. Ich werde niemals auch nur eine Kopeke von Ihnen annehmen, doch Sie haben meiner Mutter geholfen, und so muß ich Ihnen dankbar sein, wenn auch nur aus Schwäche. Ich beurteile Sie jetzt anders und habe es für nötig befunden, Sie davon zu benachrichtigen. Ich nehme an, daß es zwischen uns nach dem Vorgefallenen keinerlei Beziehungen mehr geben kann.

Antip Burdowskij.

P. S. Die an den zweihundertfünfzig Rubeln fehlende Summe wird Ihnen mit der Zeit sicher zurückgezahlt werden.“

„Solch ein Blödsinn!“ sagte Lisaweta Prokofjewna verächtlich und warf den Brief auf den Tisch. „Nicht der Mühe wert, daß man’s liest. Was lachst du?“

„Gestehen Sie es doch nur, daß es Ihnen sehr lieb war, diesen Brief zu lesen.“

„Was! Diesen von Eitelkeit durchtränkten Blödsinn? Ja, siehst du denn nicht, daß sie vor Stolz, Ehrgeiz und Ruhmsucht alle einfach den Verstand verloren haben?“

„Ja, aber er hat doch gewissermaßen um Entschuldigung gebeten, und das ist ihm um so schwerer gefallen, je größer sein Stolz und sein Ehrgeiz sind. Oh, was für ein kleines Kind Sie sind, Lisaweta Prokofjewna!“

„Wa... du willst wohl eine Ohrfeige von mir haben?!“

„Nein, das will ich durchaus nicht. Ich sage es deshalb, weil Sie sich über den Brief freuen und Ihre Freude doch nicht eingestehen wollen. Weshalb schämen Sie sich Ihrer Gefühle? Und das ist doch bei Ihnen in allem so.“

„Daß du deinen Fuß jetzt nicht mehr über meine Schwelle setzt!“ Lisaweta Prokofjewna fuhr, bleich vor Zorn, vom Stuhle auf. „Daß du mir nie im Leben mehr unter die Augen kommst!“

„Aber nach drei Tagen werden Sie doch selbst kommen und mich zu sich auffordern... Nun, schämen Sie sich denn nicht? Das sind doch Ihre besten Gefühle, weshalb verleugnen Sie sie? Damit quälen Sie sich doch nur selbst.“

„Ich sterbe eher – als daß ich zu dir komme! Auch deinen Namen werde ich vergessen!! Hab’ es schon!!!“

Und fast rasend vor Zorn wandte sie sich zur Treppe.

„Mir ist ja ohnehin verboten, Ihr Haus zu besuchen!“ rief ihr der Fürst nach.

„Wa–as? Wer hat’s dir verboten?“

Wie mit der Nadel gestochen, fuhr sie zusammen und im Augenblick kehrte sie sich zurück.

Der Fürst war etwas unschlüssig: er fühlte, daß er sich unbedacht verraten hatte.

„Wer hat es dir verboten?“ fuhr ihn Lisaweta Prokofjewna in höchster Empörung an.

„Aglaja Iwanowna...“

„Wann? So sprich doch!!!“

„Heute morgen schickte sie mir einen Zettel; ich dürfe es nicht mehr wagen, bei Ihnen zu erscheinen.“

Lisaweta Prokofjewna stand wie erstarrt vor ihm, doch ihre Gedanken arbeiteten.

„Was hat sie geschickt? Durch wen? Den Bengel? Mündlich?“ fuhr sie plötzlich wieder auf.

„Ich habe einen Zettel erhalten,“ sagte der Fürst.

„Wie? Gib ihn her! Sofort!“

Der Fürst dachte einen Augenblick nach, zog aber dann doch aus seiner Westentasche ein gewöhnliches Stück Papier hervor, auf dem geschrieben stand:

„Fürst Lew Nikolajewitsch!

Wenn Sie nach allem, was geschehen ist, mich noch durch den Besuch unserer Villa in Erstaunen setzen sollten, so werden Sie mich, dessen können Sie sicher sein, nicht unter der Zahl der Erfreuten finden.

Aglaja Jepantschina.“

Lisaweta Prokofjewna überlegte eine Weile. Plötzlich faßte sie den Fürsten bei der Hand und zog ihn mit sich fort.

„Sofort! Du kommst jetzt sofort! Unverzüglich!“ befahl sie in ungewöhnlicher Aufregung und Ungeduld.

„Aber Sie setzen mich doch den größten...“

„Was? Wem setze ich dich aus? Du unschuldige Einfalt! Gott, das soll ein Mann sein! Nun werde ich selbst alles sehen, mit eigenen Augen...“

„Aber meinen Hut lassen Sie mich doch wenigstens nehmen...“

„Hier hast du deinen elenden Hut, gehen wir! Nicht mal eine Fasson hast du dir mit Geschmack aussuchen können!... Das hat sie... Das hat sie nach jenem Auftritt... das hat sie in der ersten Wut...“ murmelte Lisaweta Prokofjewna, den Fürsten, dessen Hand sie keinen Augenblick losließ, hinter sich herziehend. „Vorhin trat ich für dich ein, sagte laut, daß du ein Esel seist, weil du nicht kämst... sonst hätte sie nicht diesen Zettel –! Wie sie als wohlerzogenes, kluges Mädchen überhaupt so etwas fertiggebracht hat!... Hm!“ fuhr sie in ihrem Gedankengang fort, „oder... vielleicht... vielleicht hat sie sich selbst darüber geärgert, daß er nicht kam, nur hat sie vergessen, daß man an einen Idioten so nicht schreiben darf; denn der nimmt es ja doch wörtlich, wie er es nun auch getan hat. Was horchst du?“ fuhr sie plötzlich zusammen, als sie gewahr wurde, daß sie ihre Gedanken immerhin hörbar ausgesprochen hatte. „Einen Narren braucht sie, gerade solch einen wie du einer bist, hat dich lange nicht gesehen, deshalb schreibt sie! Aber mich freut es, mich freut es, daß sie dich jetzt durch die Hechel ziehen wird, das freut mich! Gerade das hast du verdient! Geschieht dir recht. Und sie versteht es, oh, sie versteht es, das kannst du mir glauben!“

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