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Sämtliche Werke 3–4

by Fyodor Dostoyevsky

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Erster Teil

I

Es war zu Ende November, bei Tauwetter, als gegen neun Uhr morgens ein Zug der Petersburg–Warschauer Bahn sich fauchend mit vollem Dampf Petersburg näherte. Es war so feucht und neblig, daß es kaum erst zu tagen schien. Aus den Kupeefenstern konnte man nur mit Mühe erkennen, was zehn Schritt vom Bahndamm rechts und links vorüberflog. Unter den Reisenden befanden sich auch solche, die offenbar weit herkamen, aus dem Auslande zurückkehrten, doch am stärksten waren die Abteile der dritten Klasse besetzt, und zwar von geringerem Volk und kleinen Geschäftsleuten, die während der Nacht in Städten, die nicht allzufern von Petersburg lagen, eingestiegen waren. Alle waren sie müde und abgespannt, allen waren die Augen über Nacht schwer geworden, alle froren, und die Gesichter waren gelblich bleich, von der Farbe des Nebels draußen.

In einem der Waggons dritter Klasse saßen am Fenster zwei Reisende sich gegenüber: beide junge Leute, beide fast ohne Gepäck und nicht gerade elegant gekleidet, mit ziemlich auffallenden Gesichtern. Sie schienen schließlich beide das Bedürfnis zu empfinden, ein Gespräch anzuknüpfen. Wenn sie von sich gewußt hätten, wodurch sie beide gerade in diesem Augenblick auffallend waren, so würden sie sich natürlich darüber gewundert haben, daß der Zufall sie so sonderbar in ein und denselben Waggon dritter Klasse der Petersburg–Warschauer Bahn einander gegenübergesetzt hatte.

Der eine von ihnen war nicht groß von Wuchs, etwa siebenundzwanzig Jahre alt, hatte krauses, fast schwarzes Haar und kleine graue, doch feurige Augen. Seine Nase war breit und platt, die Kiefer und Backenknochen stark entwickelt. Seine schmalen Lippen verzogen sich beständig zu einem halb frechen, halb spöttischen oder sogar boshaften Lächeln. Seine Stirn aber war hoch und wohlgeformt und verschönte die unedel entwickelte untere Hälfte seines Gesichts. Am auffallendsten war an diesem Gesicht die Leichenblässe, die der ganzen Physiognomie des jungen Mannes trotz seines festen Körperbaues etwas Entkräftetes, Krankhaftes verlieh und gleichzeitig etwas bis zur Qual Leidenschaftliches, das mit dem unverschämten, rohen Lächeln und seinem durchdringend scharfen, selbstzufriedenen Blick eigentlich gar nicht übereinstimmen wollte. Er war warm gekleidet, in einen weiten tuchüberzogenen Pelz von schwarzem Lammfell, und hatte es in der Nacht nicht kalt gehabt, während sein Reisegefährte gezwungen war, seinen Rücken von einer feuchtkalten russischen Novembernacht, auf die er sich offenbar nicht vorbereitet hatte, durchfrieren zu lassen. Er saß in einem weiten ärmellosen, zwar von dickem Stoff gefertigten, aber immerhin unwattierten Mantel mit einer sehr großen Kapuze, wie ihn Reisende im Winter dort irgendwo fern im Auslande, in der Schweiz oder in Oberitalien, zu tragen pflegen, natürlich ohne dabei auch mit solchen Abstechern rechnen zu müssen, wie von Eydtkuhnen nach Petersburg. Denn was in Italien vollkommen genügte, erwies sich natürlich in Rußland als wenig zweckmäßig. Der Besitzer dieses Kapuzenmantels war gleichfalls ein noch junger Mann von etwa sechs-oder siebenundzwanzig Jahren, etwas über mittelgroß, mit auffallend hellblondem, dichtem Haar, einem schmalen Gesicht, dessen Wangen eingefallen waren, und einem kleinen, fast weißblonden Spitzbart. Seine Augen waren groß und blau, und wenn er einen ansah, verwandte er nicht den Blick. Es lag eine eigentümliche Stille, gleichzeitig aber auch Schwere in diesem Blick: er war erfüllt von jenem eigenartigen Ausdruck, an dem manche Leute sofort den Fallsüchtigen erkennen. Übrigens war das Gesicht des jungen Mannes sehr angenehm, feingeschnitten und hager, nur etwas farblos, im Augenblick sogar ziemlich blaugefroren. An seiner Hand baumelte in einem alten verblichenen Kattunstoff ein armseliges Reisebündel, das wahrscheinlich seine ganze Habe enthielt. Seine Füße stecken in dicksohligen Schuhen, über die Gamaschen geknöpft waren – alles nicht nach russischer Art. Der Brünette im tuchüberzogenen Pelz hatte mittlerweile im dämmernden Morgenlicht schon alle diese Einzelheiten seines Gegenübers wahrgenommen und kritisch betrachtet, – zum Teil auch, weil er sonst nichts zu tun hatte – bis er dann schließlich mit jenem unzarten, gewissermaßen nachlässigen Spottlächeln, in dem sich mitunter so ungeniert das eigene Wohlbehagen beim Betrachten des Unglücks anderer ausdrückt, halb fragend bemerkte:

„Kalt. Nicht?“

Und er bewegte dabei die Schultern, als wenn ihn fröstelte.

„Sehr sogar,“ antwortete der andere mit auffallender Bereitwilligkeit, die Unterhaltung fortzusetzen. „Und dabei ist Tauwetter. Wenn wir noch Frost hätten! Ich dachte gar nicht, daß es bei uns so kalt sein würde. Jetzt bin ich daran nicht mehr gewöhnt.“

„Sie kommen aus dem Auslande?“

„Ja, aus der Schweiz.“

„Teufel! Seht mal an!...“

Er lachte kurz auf und pfiff dann vor sich hin.

Die Fortsetzung des Gesprächs machte sich ganz von selbst; denn die Bereitwilligkeit des blonden jungen Mannes im Schweizermantel, auf alle Fragen seines schwarzhaarigen Reisegefährten zu antworten, war wirklich erstaunlich. Er schien auch nicht den geringsten Anstoß an der Unbekümmertheit zu nehmen, mit der der andere manch eine müßige Frage stellte. Unter anderem erzählte er auch, als Antwort auf eine dieser Fragen, daß er allerdings längere Zeit nicht in Rußland gewesen sei, mehr als vier Jahre nicht, und daß man ihn krankheitshalber – er sprach von einer sonderbaren Nervenkrankheit, ähnlich der Epilepsie oder dem Veitstanz, die in Krämpfen und Zitteranfällen auftrat – ins Ausland gebracht habe. Der Schwarzhaarige lächelte mehrmals auffallend spöttisch, während der andere erzählte, und er lachte laut auf, als jener auf seine Frage, ob er denn dort auch geheilt worden sei, ganz offen antwortete: „Nein, ich bin nicht geheilt worden.“

„Haha! Das kann ich mir denken, daß Sie Ihr Geld umsonst fortgeworfen haben! Und wir hier sind so dumm und glauben immer noch an jene Kerls!“ bemerkte er gehässig.

„Da haben Sie ein wahres Wort gesagt!“ mischte sich ein schlecht gekleideter Herr ein, der neben ihm saß. Er mochte etwas von der Art eines im Amtsschreibertum verknöcherten Beamten sein, vierzig Jahre zählen, war dabei stark gebaut, hatte eine rote Nase und ein finniges Gesicht. „Ein wahres Wort! Sie ziehen nur das ganze russische Geld zu sich hinüber, und wir haben das Nachsehen!“

„Oh, was meinen Fall betrifft, so irren Sie sich sehr!“ fiel ihm der in der Schweiz nicht geheilte Kranke mit seiner sympathischen, versöhnenden Stimme ins Wort. „Natürlich kann ich Ihnen nicht grundsätzlich widersprechen; denn so genau kenne ich die Verhältnisse nicht, um positiv etwas behaupten zu können. Mein Arzt jedoch hat mir von seinem letzten Gelde noch die Mittel zur Reise gegeben, und außerdem hat er mich dort fast zwei Jahre lang auf seine Rechnung unterhalten.“

„Hatten Sie denn sonst keinen, der für Sie bezahlt hätte?“ fragte der Schwarzhaarige.

„Nein. Herr Pawlischtscheff, der mich anfangs dort unterhielt, starb vor zwei Jahren. Ich schrieb darauf hierher, an die Generalin Jepantschin, eine entfernte Verwandte von mir, erhielt aber keine Antwort. Und so bin ich denn hergekommen.“

„Zu wem wollen Sie denn hier?“

„Sie meinen, wo ich absteigen werde?... Ja, das weiß ich noch nicht, wirklich... ich...“

„Sie haben also noch nicht die Wahl getroffen?“

Und beide Zuhörer brachen von neuem in Lachen aus.

„Und dieses Bündel enthält natürlich Ihr ganzes Hab und Gut?“ fragte der Brünette.

„Darauf könnte ich wetten!“ griff sofort mit äußerst zufriedenem Schmunzeln der rotnasige Beamte die Bemerkung auf. „Und auch darauf, daß keine weiteren Koffer im Gepäckwagen sind, noch, daß ihm sonst was gehört, obgleich Armut keine Schande ist, was man wiederum nicht mit Stillschweigen übergehen darf.“

Es stellte sich heraus, daß es sich auch tatsächlich so verhielt, wie jener annahm: der blonde junge Mann gestand es ohne weiteres mit auffallender Offenherzigkeit ein.

„Ihr Bündel hat aber immerhin noch eine gewisse Bedeutung,“ fuhr der Beamte fort, nachdem sie sich satt gelacht hatten. (Merkwürdigerweise stimmte auch der Besitzer des Bündels beim Anblick der beiden Lachenden schließlich in das Gelächter ein, was die Heiterkeit jener natürlich noch erhöhte.) „Und wenn man auch darauf wetten könnte, daß sich in demselben keine ausländischen Goldrollen mit Napoleondors und Friedrichsdors oder zum mindesten mit holländischen Goldgulden befinden, was man allein schon aus Ihren Gamaschen ersehen kann, so erhält doch Ihr Reisebündel, wenn man zu diesem Bündel eine solche angebliche Verwandte wie zum Beispiel die Generalin Jepantschin hinzufügt, eine ganz andere Bedeutung. Versteht sich, nur in dem Fall, wenn die Generalin Jepantschin auch wirklich Ihre Verwandte ist und Sie sich nicht etwa täuschen... aus Zerstreutheit vielleicht... was einem Menschen sehr wohl passieren kann, und wenn auch nur – nun, sagen wir, infolge übermäßig entwickelter Phantasie.“

„Oh, da haben Sie wieder die Wahrheit erraten,“ versetzte schnell der blonde junge Mann; „denn ich täusche mich ja auch in der Tat: sie ist eigentlich so gut wie gar nicht verwandt mit mir, so daß es mich damals auch durchaus nicht wunderte, von ihr keine Antwort zu erhalten. Ich hatte sie im Grunde nicht einmal erwartet.“

„Da haben Sie nur das Geld für das Briefporto fortgeworfen. Hm!... Sie sind wenigstens gutmütig und aufrichtig, das ist lobenswert! Hm! Den General Jepantschin kennen wir, vornehmlich, weil er allbekannt ist. Aber auch den seligen Herrn Pawlischtscheff, der für Sie in der Schweiz bezahlt hat, haben wir einstmals gekannt, wenn es nur Nikolai Andrejewitsch Pawlischtscheff war; denn es gab ihrer zwei Vettern. Der eine lebt heute noch in der Krim. Nikolai Andrejewitsch aber, der Verstorbene, war ein angesehener Mann, der gute Verbindungen hatte und seinerzeit viertausend Leibeigene besaß, jawohl...“

„Ganz recht, er hieß Nikolai Andrejewitsch Pawlischtscheff.“

Der junge Mann blickte, nachdem er geantwortet hatte, unbeweglich und forschend den allwissenden Herrn an.

Solche Leute, die alle Welt kennen und alles wissen, findet man zuweilen, oder vielmehr sehr oft sogar, in einer ganz bestimmten Gesellschaftsschicht. Sie wissen buchstäblich alles, der ganze unruhige Forschertrieb ihres Geistes ist unablenkbar nach dieser einen Seite gerichtet, selbstverständlich „in Ermangelung ernsterer Lebensinteressen“, wie sich ein zeitgenössischer Denker ausdrücken würde. Übrigens beschränkt sich diese Allwissenheit nur auf ein ziemlich eng begrenztes Gebiet: welche Anstellung der und der hat, mit wem er bekannt, wie groß sein Vermögen, wo er Gouverneur gewesen, mit wem er verheiratet ist, wieviel er blank und bar mitgeheiratet hat, wer seine Verwandten, Tanten, Nichten, Neffen und Vettern im zweiten und im dritten Grade sind usw., in dieser Art. Größtenteils gehen diese Leute mit zerrissenen Ellenbogen umher und beziehen ein Monatsgehalt von etwa siebzehn Rubeln. Die Betreffenden, von denen sie alle diese Einzelheiten wissen, könnten es sich natürlich gar nicht erklären, aus welchen Gründen sie sich für diese Dinge interessieren; indes kann ich versichern, daß viele von ihnen mit diesen Kenntnissen, die einer ganzen Wissenschaft gleichkommen, sich vollkommen zufrieden geben, in ihrer Selbstachtung bedeutend steigen und mit der Zeit sogar eine höhere geistige Genugtuung darin finden. Und sie ist ja auch wirklich verführerisch, diese Wissenschaft! Ich habe Gelehrte, Literaten, Dichter und Staatsmänner gekannt, die in dieser Wissenschaft ihre höchste Befriedigung und ihren höchsten Lebenszweck fanden und einzig durch sie Karriere machten.

Während dieser ganzen Unterhaltung der beiden hatte der brünette junge Mann gegähnt, ziellos zum Fenster hinausgeschaut und voll Ungeduld das Ende der Reise herbeigesehnt. Er war sichtlich zerstreut – geradezu seltsam zerstreut, fast aufgeregt. Sein ganzes Gebaren war etwas sonderbar: er hörte zu und hörte doch nicht zu, sah und sah doch nicht, und seinem Lachen hörte man es an, daß er selbst nicht wußte, worüber er lachte.

„Aber erlauben Sie, mit wem habe ich die Ehre,“ wandte sich plötzlich der Herr mit dem finnigen Gesicht an den blonden jungen Mann mit dem Bündel.

„Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin,“ stellte sich jener sofort mit voller Bereitwilligkeit vor.

„Fürst Myschkin? Lew Nikolajewitsch? Kenn’ ich nicht. Nicht mal gehört,“ meinte der Beamte nachdenklich. „Das heißt, ich rede nicht vom Namen, – der Name ist historisch, in Karamsins Russischer Geschichte kann und muß man ihn finden. Ich rede vielmehr von Ihrer Person, und dann – man hat lange nichts mehr von irgendwelchen Fürsten dieses Namens gehört... und es ist einem auch keiner mehr zu Gesicht gekommen...“

„Oh, wie sollten sie auch!“ äußerte sich der Fürst zu dieser Frage. „Außer mir gibt es jetzt überhaupt keine Fürsten Myschkin mehr; ich bin, glaube ich, der letzte. Und was meinen Vater und Großvater anbetrifft, so haben sie ganz zurückgezogen auf ihrem einzigen Gut gelebt. Mein Vater war übrigens Page und hat es in der Armee bloß bis zum Sekondeleutnant gebracht. Nur weiß ich nicht, wie die Generalin Jepantschin von den Fürsten Myschkin abstammt; jedenfalls ist auch sie die Letzte ihres Geschlechts...“

„Hahaha! Die Letzte ihres Geschlechts! Haha! Nicht schlecht gesagt,“ lachte der Beamte.

Auch der Brünette lachte. Der Blonde aber wunderte sich, daß es ihm gelungen war, einen – übrigens recht schwachen – Witz zu machen.

„Ach so... Ich habe es ganz gedankenlos gesagt,“ erklärte er schließlich noch immer etwas verwundert.

„I, versteht sich, versteht sich!“ beruhigte ihn der Beamte oder richtiger der Herr mit der Physiognomie eines Beamten.

„Sagen Sie, Fürst, haben Sie dort auch Wissenschaften getrieben, dort bei Ihrem Professor?“ erkundigte sich plötzlich der Brünette.

„Ja... ich habe manches gelernt...“

„Ich habe nie was gelernt.“

„Auch ich habe ja nur so einiges...“ fügte der Fürst fast entschuldigend hinzu. „Infolge meiner Krankheit war es unmöglich, mich systematisch zu unterrichten.“

„Kennen Sie die Rogoshins?“ fragte plötzlich der Brünette.

„Nein, ich kenne sie nicht; die sind mir ganz unbekannt. Ich kenne ja nur sehr wenige Menschen in Rußland. So sind Sie ein Rogoshin?“

„Ja, ich bin ein Rogoshin. Parfen...“

„Parfen?“ Der Beamte stutzte. „Aber doch nicht etwa von jenen selben Rogoshins...“ begann er langsam.

„Na ja, gewiß von jenen selben, jenen selben,“ unterbrach ihn mit unhöflicher Gereiztheit der Brünette, der sich, nebenbei bemerkt, kein einziges Mal an den finnigen Beamten wandte, sondern von Anfang an nur zum Fürsten sprach.

„Ja... wie denn das?“ wunderte sich der Beamte, dessen ganzes Gesicht sich sofort zu einem andächtigen und unterwürfigen, ja sogar aufrichtig erschrockenen Ausdruck zu verziehen begann. „Doch nicht etwa der Sohn desselben Ssemjon Parfenowitsch Rogoshin, des erblichen Ehrenbürgers, der vor einem Monat gestorben ist und ein Kapital von zwei Millionen fünfmalhunderttausend Rubeln hinterlassen hat?“

„So, woher weißt du denn, daß er ein Kapital von zwei Millionen fünfmalhunderttausend Rubeln hinterlassen hat?“ unterbrach ihn der Brünette, auch diesmal ohne ihn eines Blickes zu würdigen. „Da sieh einer den Kerl!“ fuhr er mit einem Kopfnicken nach dessen Seite fort, sich an den Fürsten wendend, „was sie nur davon haben mögen, daß sie sich einem sofort wie die Schwänze anhängen? Aber das stimmt, daß mein Vater gestorben ist und ich erst nach einem Monat aus Pskow beinah ohne Stiebel nach Hause fahre. Weder mein Bruder, der Schuft, noch meine Mutter, weder Geld noch Nachricht – nichts haben sie mir geschickt! Wie einen Hund haben sie mich behandelt! Hab’ dort in Pskow den ganzen Monat im Fieber gelegen.“

„Und jetzt heißt es, ein Milliönchen auf einen Ruck in Empfang zu nehmen! – zum allermindesten! Du lieber Gott!“ Der Beamte hob ganz überwältigt die Hände empor.

„Sagen Sie doch, bitte, was geht das ihn an?“ fragte Rogoshin ärgerlich mit demselben kurzen Kopfnicken nach dessen Seite hin. „Ich werde dir ja doch keine Kopeke davon geben, und wenn du auch mit den Beinen in der Luft auf den Händen vor mir gehen und bitten solltest.“

„Und ich werde, und ich werde gehen!“

„Da sieh einer! Aber ich werde dir ja doch nichts geben, werde dir keine Kopeke geben, tanze meinetwegen eine ganze Woche auf den Händen vor mir herum!“

„Und gib auch nicht! Geschieht mir recht: gib nicht! Ich aber werde tanzen. Werde mein Weib und meine kleinen Kinderchen verlassen und vor dir tanzen! – jawohl! – und vor dir tanzen!“

„Pfui Teufel!“ Der Brünette spie aus. „Vor fünf Wochen fuhr ich ganz wie Sie da,“ wandte er sich an den Fürsten, „nur mit einem Bündel nach Pskow, um mich vor meinem Vater in Sicherheit zu bringen. Fuhr zur Tante. Dort warf mich das Fieber nieder. Er aber starb in meiner Abwesenheit. Am Schlage. Ewiges Angedenken dem Seligen, nur hätte er mich damals sicherlich totgeschlagen. Werden Sie es mir glauben, Fürst: bei Gott! – wär’ ich nicht geflohen, er hätte mich ohne weiteres erschlagen.“

„Sie haben ihn wohl irgendwie geärgert?“ fragte der Fürst, der mit eigentümlichem Interesse den Millionär im Schafpelz betrachtete.

Aber wenn auch eine Million und deren Erbschaft immer beachtenswert zu sein pflegen, so war es doch etwas ganz anderes, das den Fürsten wunderte und interessierte. Auch Rogoshin selbst hatte aus irgendeinem Grunde ersichtlich gern mit dem Fürsten das Gespräch angeknüpft, obschon er eine Unterhaltung offenbar mehr mechanisch als aus innerem Bedürfnis suchte – gewissermaßen mehr aus Zerstreutheit als aus Offenherzigkeit, mehr infolge seiner Erregung und Aufregung... vielleicht nur, um die Zunge bewegen zu können. Auch schienen seine Reden noch halbe Fieberphantasien zu sein, wenigstens sah man ihm an, daß er innerlich noch immer fieberte. Der Beamte aber wandte keinen Blick von ihm und wagte kaum, zu atmen. Er hing förmlich an seinen Lippen, von denen er jedes Wort gierig auffing und dann wägte, ganz als hätte er einen kostbaren Edelstein gesucht.

„Ja, geärgert – das hat er sich schon... und es war vielleicht auch der Mühe wert,“ brummte Rogoshin. „Mich aber hat am meisten mein Bruder geärgert. Von meiner Mutter red’ ich nicht, ist eine alte Frau, liest die Heiligenlegenden, sitzt mit alten Weibern zusammen, und wie’s mein Bruder Ssenjka1 bestimmt, so muß alles geschehen. Warum aber hat er mich nicht zur rechten Zeit benachrichtigt? Na, wir verstehen schon! Es ist ja wahr, ich lag bewußtlos im Fieber, und ein Telegramm haben sie ja wohl auch abgesandt. Aber meine Tante ist grad die Richtige für Telegramme! Sie verbringt schon seit dreißig Jahren ihre Witwenschaft mit Trübsinnspinnen und hockt vom Morgen bis zum Abend mit Kirchenbettlern und Stadtverrückten zusammen. Nonne ist sie grad nicht, jedenfalls aber so was von der Art, nur noch schlimmer. Das Telegramm erschreckte sie natürlich fürchterlich, und da lief sie mit ihm, ohne es zu entsiegeln, geradeswegs aufs Polizeibureau, wo es heute noch liegt. Nur Konjeff, Wassilij Wassiljitsch, rettete mich: schrieb mir alles ganz genau. Von der Sargdecke des Vaters hat mein Bruder nachts heimlich die echt goldenen Quasten abgeschnitten – ‚sie kosteten doch ein Heidengeld‘! Schon allein dafür kann er nach Sibirien wandern, wenn ich nur will; denn das ist doch Kirchendiebstahl. He, du da, alte Vogelscheuche!“ wandte er sich plötzlich an den Beamten. „Wie ist’s nach dem Gesetz: Kirchendiebstahl oder nicht?“

„Kirchendiebstahl! Gewiß Kirchendiebstahl!“ bestätigte dieser sofort mit großem Eifer.

„Und dafür geht’s nach Sibirien?“

„Nach Sibirien, nach Sibirien! Sofort nach Sibirien!“

„Sie glauben alle, daß ich noch todkrank sei,“ fuhr Rogoshin, zum Fürsten gewandt, fort, „ich aber bin heimlich, ohne ein Wort zu sagen, und allerdings noch halb krank, in den Zug gestiegen. Fuhr einfach los! Mach mal auf das Tor, mein bester Ssemjon Ssemjonytsch! Er hat mich bei meinem verstorbenen Vater angeschwärzt, das weiß ich. Daß ich aber mit der Nastassja Filippowna damals meinen Vater gereizt habe, das läßt sich nicht leugnen. Hier war es nun freilich ganz allein meine Schuld. Die Sünde hat’s so gewollt.“

„Mit Nastassja Filippowna?...“ flüsterte der Beamte ehrfurchtsvoll, als überlege er irgend etwas.

„Kennst sie ja doch nicht!“ schnitt ihm Rogoshin gereizt und ärgerlich das Wort ab.

„Doch, ich kenne sie!“ triumphierte der Beamte.

„Das fehlte noch! Als ob nur eine in der ganzen Welt Nastassja Filippowna hieße! Was du übrigens für ein freches Rindvieh bist! Merk dir das. Wußt’ ich’s doch, daß sich mir sogleich irgend so’n Geschmeiß anhängen würde!“ Er sprach wieder nur zum Fürsten.

„Wer weiß, vielleicht kenne ich aber doch die Richtige!“ Der Beamte ließ sich nicht abfertigen. „Lebedeff soll sie nicht kennen! Sie, Hochwohlgeborenster, geruhen mich zu tadeln, wie aber, wenn ich beweise, was ich sage? Das ist doch dieselbe Nastassja Filippowna, deretwegen Ihr Vater mittels eines Stockes Ihnen die Leviten zu lesen gedachte, und ihr Familienname ist Baraschkoff, also sozusagen sogar eine vornehme Dame und in ihrer Art auch eine Fürstin. Sie hat mit einem gewissen Tozkij, Afanassij Iwanowitsch, ein Verhältnis, aber nur mit ihm allein, einem Gutsbesitzer und Großkapitalisten, Mitglied verschiedener Handelsgesellschaften, und der dieserhalb mit dem General Jepantschin enge Freundschaft pflegt...“

„Ah! Also solch ein Vogel bist du!“ Rogoshin wunderte sich denn doch. Er war aufrichtig überrascht. „Pfui Teufel, er scheint sie ja tatsächlich zu kennen.“

„Wen kennt er nicht? Lebedeff kennt alle und alles! Ich, müßt Ihr wissen, Hochwohlgeborenster, habe einmal mit Alexaschka2 Lichatschewitsch zwei Monate lang juchheit, gleichfalls nach dem Tode des Vaters, kenne daher alle Winkel und Sackgassen; denn schließlich ging er ohne Lebedeff keinen Schritt! Jetzt sitzt er im Schuldturm, damals aber hatte er Gelegenheit, sowohl die Armance und Coralie wie die Fürstin Pazkij und Nastassja Filippowna näher kennen zu lernen... und noch so manches andere hatte er Gelegenheit, kennen zu lernen!“

„Nastassja Filippowna? Ja, hat sie denn mit Lichatschewitsch...?“ Rogoshin blickte ihn wütend an. Seine Lippen erbleichten und bebten.

„Nichts, nichts, nichts! Absolut nichts!“ besann sich eilig der Beamte. „Er konnte mit allem Geld n–n–nichts bei ihr erreichen, n–nicht das Geringste! Nein, die war keine Armance! Nur Tozkij allein, wie gesagt. Und abends sitzt sie in der Großen Oper oder im Französischen Theater in ihrer eigenen Loge. Vieles, was die Offiziere so unter sich reden – na, aber auch sie können ihr nichts nachsagen. Nur so: ‚Sieh dort, das ist jene Nastassja Filippowna‘ – das ist alles, was sie sagen können; in betreff des Weiteren aber n–nichts! Denn es ist ja auch nichts zu sagen.“

„Das stimmt alles ganz genau,“ bestätigte Rogoshin düster und stirnrunzelnd. „Das hat mir auch Saljosheff gesagt... Ich lief damals,“ fuhr er, zum Fürsten gewandt, fort, „in einem Pelzüberrock meines Vaters, den dieser schon vor drei Jahren abgelegt hatte, über den Newskij, da tritt sie aus einem teuren Laden und setzt sich in ihre Equipage. Ich war auf der Stelle wie – wie in Feuer getaucht. Darauf begegne ich Saljosheff – der paßt nicht zu mir, kleidet sich wie ein Friseurgehilfe, Pincenez auf der Nase, wir aber durften beim Seligen nur Schmierstiefel tragen und aßen nichts als Fastenkohl. ‚Nichts für dich,‘ sagt er, ‚die ist so gut wie eine Fürstin, Nastassja Filippowna heißt sie. Sie lebt mit einem gewissen Tozkij, der nicht weiß, wie er sie loswerden soll; denn da er jetzt reif zum Heiraten ist – fünfundfünfzig geworden – so will er eine der ersten Schönheiten Petersburgs ehelichen.‘ Gleichzeitig teilte er mir mit, daß ich sie noch am selben Abend in der Großen Oper sehen könne, sie würde in ihrer Parterreloge sitzen. Bei uns aber, zu Lebzeiten des Seligen, sollte jemand versuchen, ins Theater oder gar ins Ballett zu gehen! Kurzen Prozeß hätte er gemacht: einfach erschlagen. Ich aber machte mich dennoch einmal auf, ganz heimlich auf und davon – und es gelang mir auch wirklich, Nastassja Filippowna zu sehen. Die ganze Nacht schlief ich nicht. Am nächsten Morgen gibt mir der Selige zwei fünfprozentige Papiere, zu fünftausend Rubel jedes. ‚Geh,‘ sagte er, ‚verkauf sie: siebentausendfünfhundert bring zu Andrejeffs ins Kontor, bezahle dort, und den Rest von den zehntausend bring mir, ohne dich irgendwo aufzuhalten, unverzüglich zurück. Werde dich hier erwarten.‘ Die Papiere verkaufte ich, nahm das Geld, zu Andrejeffs aber ins Kontor ging ich nicht, sondern begab mich schnurstracks zum englischen Juwelier und kaufte dort fürs ganze Geld ein Paar Ohrringe, in jedem ein Brillant so ungefähr von der Größe einer Haselnuß, blieb noch vierhundert Rubel schuldig – nannte meinen Namen, da trauten sie mir. Mit den Ohrringen ging ich zu Saljosheff: soundso, gehen wir, Freund, zu Nastassja Filippowna. Wir gingen. Was damals unter meinen Füßen war, was vor mir, was neben mir – davon weiß ich nichts mehr, keine Ahnung. Wir traten ohne weiteres in ihren Salon ein, und sie erschien selbst. Ich, das heißt... ich sagte damals nicht, wie ich heiße, sondern einfach: ‚von Parfen Rogoshin,‘ sagte Saljosheff, ‚zum Andenken an die gestrige Begegnung, wenn Sie es empfangen wollten.‘ Sie öffnete, sah den Schmuck, lächelte. ‚Überbringen Sie,‘ sagte sie, ‚Ihrem Freunde, Herrn Rogoshin, meinen Dank für seine liebenswürdige Aufmerksamkeit.‘ Nickte und ging. Warum ich damals nicht auf der Stelle starb, begreife ich nicht! Aber wenn ich auch fortging, so tat ich’s doch nur, weil ich dachte: ‚Nun, gleichviel, lebendig kehrst du doch nicht zurück!‘ Am kränkendsten aber schien mir, daß diese Bestie Saljosheff alles gewissermaßen von sich aus gemacht hatte. Ich bin nicht groß von Wuchs, und gekleidet war ich wie ’n Knecht. Ich stehe, schweige, starre sie nur an – denn ich schämte mich doch –, er aber ist nach neuester Mode gekleidet, ist pomadisiert und frisiert, rotwangig, mit ’ner karierten Krawatte – zerfließt nur so, Kratzfuß hier und Bückling dort. Sicher hat sie ihn für den Parfen Rogoshin gehalten, während ich wie ’n Esel dabeistehe! ‚Nun,‘ sagte ich, als wir hinaustraten, ‚daß du mir jetzt nicht hier irgend etwas auch nur zu denken wagst, verstanden!‘ Er lachte. ‚Wie aber wirst du denn jetzt Ssemjon Parfenowitsch‘ – also meinem Vater – ‚Rechenschaft ablegen?‘ Ich muß gestehen, daß ich damals einfach ins Wasser wollte, ohne nach Hause zurückzukehren, dachte aber: ‚Jetzt ist doch alles gleich,‘ und ging wie ein Verfluchter heim.“

Der Beamte stöhnte überwältigt „Ach!“ und „Oh!“, verrenkte sein Gesicht und schüttelte sich, als wenn ihn Frostschauer durchrieselten. „Und dabei müssen Sie bedenken, daß der Selige imstande war, einen – von zehntausend ganz zu schweigen – schon wegen gewöhnlicher zehn Rubel ins Jenseits zu befördern!“ teilte er dem Fürsten wichtig mit mehrfachem Kopfnicken mit.

Interessiert betrachtete der Fürst Rogoshin, der in diesem Augenblick noch bleicher erschien.

„Ins Jenseits zu befördern!“ äffte ihn Rogoshin ärgerlich nach. „Was weißt du denn davon?... Im Augenblick hatte er alles erfahren,“ erzählte er dann dem Fürsten weiter; „denn Saljosheff hatte natürlich nichts Besseres zu tun, als die ganze Geschichte jedem ersten besten auf die Nase zu binden. Mein Vater führte mich ins Obergeschoß und schloß mich dort in einem Zimmer ein, in dem er mich dann eine Stunde lang belehrte. ‚Jetzt bereite ich dich nur vor,‘ sagte er, ‚am Abend aber werde ich wiederkommen und in noch ganz anderer Weise mit dir reden.‘ Was glauben Sie wohl? – Der Alte fährt zu Nastassja Filippowna, verneigt sich vor ihr bis zur Erde, fleht und weint, bis sie ihm den Schmuck bringt und hinwirft: ‚Da hast du deine Ohrringe, Alter,‘ sagt sie, ‚sie sind mir jetzt zehnmal teurer, wenn er sie mit solchen Gefahren erstanden hat. Grüß mir,‘ sagt sie, ‚grüß mir Parfen Ssemjonytsch und sag’ ihm meinen Dank.‘ Nun, ich aber hatte inzwischen mit meiner Mutter Segen von Sserjosha Protuschin zwanzig Rubel geborgt und begab mich sofort per Bahn nach Pskow, kam aber schon im Fieber dort an. Die alten Weiber begannen mich mit dem Vorlesen ihrer Heiligengeschichten zu langweilen, während ich halb betrunken dasaß. So ging ich denn und suchte für mein Letztes die Schenken heim und lag dann bewußtlos die ganze Nacht auf der Straße. Da hatte ich mich bis zum Morgen gründlich erkältet. Ein Wunder, daß ich überhaupt noch zu mir kam.“

„Na! Na! Jetzt wird Nastassja Filippowna ein anderes Liedchen singen!“ kicherte händereibend der Beamte. „Was Ohrringe! Jetzt werden wir sie für deine Ohrringe schon entschädigen...“

„Hör’, wenn du auch nur ein einziges Mal, gleichviel mit welchem Wort, Nastassja Filippowna erwähnst, so werde ich dich, bei Gott, einfach zu Brei schlagen, und wenn du auch hundertmal mit Lichatschewitsch juchheit hast!“ rief knirschend Rogoshin, der plötzlich mit eisernem Griff des anderen Handgelenk gepackt hatte.

„Nur zu! Schlägst du mich, so wirst du mich nicht fortjagen. Schlag nur. Gerade damit erwirbst du dir meine Freundschaft. Hast du mich erst einmal durchgehauen, so hast du mich damit auch erworben... Ah, da sind wir ja schon angekommen!“

Der Zug fuhr gerade in diesem Augenblick in den Bahnhof ein. Obgleich Rogoshin sich nach seinen Worten ganz heimlich aufgemacht hatte, wurde er doch von einer ganzen Schar Bekannter erwartet. Sobald sie ihn erblickt hatten, schrien sie ihm zu und schwenkten die Mützen.

„Sieh mal, auch Saljosheff ist hier!“ brummte Rogoshin, indem er sie mit triumphierendem und gleichwohl boshaftem Lächeln musterte, und plötzlich wandte er sich an den Fürsten. „Ich weiß nicht, weshalb ich dich liebgewonnen hab’, Fürst. Vielleicht, weil ich dich in einer solchen Stunde kennen gelernt habe, – aber ich habe ja auch diesen da kennen gelernt“ (er wies auf Lebedeff), „ohne ihn dabei liebzugewinnen. Komm zu mir, Fürst. Diese Stiebletten wollen wir dir schon abziehen, werde dir einen Marderpelz kaufen, den schönsten, den es nur gibt, werde dir einen Frack machen lassen vom teuersten Stoff, dazu eine weiße Weste oder was du sonst willst, die Taschen stopfe ich dir voll mit Geld und – fahren wir dann zu Nastassja Filippowna! Kommst du?“

„So hören Sie doch, Fürst Lew Nikolajewitsch!“ mischte sich Lebedeff eifrig dazwischen. „Greifen Sie zu, oh, greifen Sie zu!...“

Fürst Myschkin erhob sich, bot Rogoshin höflich die Hand und sagte herzlich:

„Ich werde mit dem größten Vergnügen zu Ihnen kommen, und ich danke Ihnen dafür, daß Sie mich liebgewonnen haben. Vielleicht werde ich sogar heute schon kommen, wenn ich Zeit finde. Denn, ich sage es Ihnen aufrichtig, auch Sie haben mir sehr gefallen – namentlich, als Sie das von den Ohrringen erzählten. Ja sogar vor den Ohrringen gefielen Sie mir bereits, obschon Sie ein düsteres Gesicht haben. Auch danke ich Ihnen für die Kleider und den Pelz, die Sie mir schenken wollen, ich werde bald beides nötig haben. Geld jedoch habe ich im gegenwärtigen Augenblick fast keine Kopeke mehr, doch...“

„Oh, Geld wirst du von mir bekommen, soviel du nur willst, zum Abend wird es schon da sein, komme nur zu mir!“

„Oh, Geld wird schon da sein,“ griff der Beamte sofort auf, „zum Abend, noch vor dem Abend wird es da sein!“

„Aber wie steht’s mit den Frauen, Fürst? Sind Sie ein großer Liebhaber des weiblichen Geschlechts? – das müssen Sie mir im voraus sagen.“

„Ich? N–n–nein. Ich bin ja... Sie wissen vielleicht nicht, daß ich... daß ich infolge meiner Krankheit die Frauen überhaupt noch nicht kenne.“

„Nun, wenn’s so ist...“ rief Rogoshin aus, „dann bist du ja, Fürst, ein ganz armer Heiliger! Solche, wie du, hat Gott lieb.“

„Gewiß! Gerade solche hat Gott der Herr lieb!“ echote der Beamte.

„Und du, Schmarotzer, schieb mir mal nach!“ wandte sich Rogoshin an Lebedeff.

Sie verließen alle drei das Kupee.

Lebedeff hatte nun doch erreicht, was er wollte. Die lärmende Schar entfernte sich bald in der Richtung nach dem Wosnessenskij Prospekt. Der Fürst dagegen mußte den Weg zur Liteinaja einschlagen. Der Morgen war feucht und naßkalt. Fürst Myschkin erkundigte sich bei Vorübergehenden nach den Entfernungen: bis zu seinem Ziel waren noch etwa drei Werst, und so entschloß er sich, eine Droschke zu nehmen.

II

General Jepantschin wohnte in seinem eigenen Hause, etwas abseits von der Liteinaja, in der Richtung zur Heiligen Verklärungskirche. Außer diesem äußerst stattlichen Hause, von dem fünf Sechstel vermietet waren, besaß der General noch ein riesiges Haus an der Ssadowaja, das ihm gleichfalls sehr viel eintrug. Ferner besaß er in der nächsten Nähe Petersburgs ein überaus rentables und durchaus nicht so kleines Gut und dann noch, gleichfalls im Petersburger Kreise, irgendeine Fabrik. In früheren Zeiten hatte sich der General, wie alle Welt wußte, an der Branntweinpacht beteiligt, jetzt jedoch war er Mitglied einiger solider Aktiengesellschaften, bei denen er eine einflußreiche Stimme im Aufsichtsrat besaß. Jedenfalls galt er als schwerreicher Mann mit Unternehmungsgeist und guten Verbindungen. An manchen Stellen, unter anderem auch in seinem Dienst, hatte er sich fast unentbehrlich zu machen gewußt. Indes wußte alle Welt, daß Iwan Fedorowitsch Jepantschin ein Mann ohne besondere Bildung war und aus einer Soldatenfamilie stammte. Letzteres konnte ihm zweifellos nur zur Ehre gereichen. Doch hatte der General, obgleich sonst gerade kein Dummer, auch seine kleinen, sehr verzeihlichen Schwächen, denen es zuzuschreiben war, daß er gewisse Anspielungen auf seine Herkunft nichts weniger als gern hörte. Im übrigen war er ein kluger und gewandter Mensch, der wußte, was sich gehörte, und der seine Prinzipien hatte. So zum Beispiel hatte er es sich zum Grundsatz gemacht, sich nie dort vorzudrängen, wo zurückzustehen ratsamer war. Im allgemeinen wurde er wegen seiner einfachen Natürlichkeit geschätzt, weil er sich nichts anmaßte, was ihm nicht zukam, und weil er immer seinen Platz kannte. Währenddessen aber – oh, wenn diese Leute nur geahnt hätten, was bisweilen in der Seele Iwan Fedorowitschs, der so gut seinen Platz kannte, vor sich ging! Doch wieviel Lebenserfahrung er auch besaß – und sogar einige recht bemerkenswerte Fähigkeiten ließen sich ihm nicht absprechen –: er zog es im allgemeinen durchaus vor, sich mehr als Vollstrecker fremder Ideen, denn als ein aus eigener Initiative Handelnder hinzustellen. Er war dabei aufrichtig, schmeichelte den Menschen nicht und – was erlebt man nicht alles in unserem Jahrhundert! – gab sich sogar als ganzer, echter, herzlicher Russe. In letzterer Beziehung sollen ihm sogar ein paar amüsante Geschichtchen passiert sein, doch der General verzagte nie, selbst angesichts der amüsantesten Geschichtchen nicht. Zudem hatte er Glück, selbst im Kartenspiel. Ja, er spielte sogar sehr hoch und bemühte sich nicht nur keineswegs, diese seine scheinbare kleine Schwäche – die ihm mitunter nicht wenig eintrug – zu verbergen, sondern kehrte sie noch absichtlich hervor. Sein Bekanntenkreis war ein etwas gemischter, doch – versteht sich – gehörten zu ihm immerhin nur reiche Leute. Aber es lag ja selbst alles noch vor ihm, jedes Ding hat seine Zeit, und so mußte einmal doch alles an die Reihe kommen. Auch was das Alter anbelangt, war der General sozusagen noch in den besten Jahren, nämlich genau sechsundfünfzig Jahre alt, nicht weniger und beileibe nicht mehr, was ja doch unter solchen Verhältnissen ein blühendes Alter zu nennen ist, ein Alter, in dem das wirkliche Leben so recht eigentlich erst beginnt. Gesundheit, frische Gesichtsfarbe, gute, wenn auch schon etwas schwarz angelaufene Zähne, eine breitschultrige, feste Gestalt, morgens im Dienst der ebenso besorgte und strenge, wie abends am Kartentisch Seiner Durchlaucht heitere Gesichtsausdruck – alles das trug zu den schon erreichten und noch bevorstehenden Erfolgen des Generals in nicht geringem Maße bei und streute auf den Lebenspfad Seiner Exzellenz duftende Rosen.

Der General besaß aber auch eine entsprechend blühende Familie. Freilich waren die Rosen, die ihm hier erblühten, nicht immer ganz ohne Dornen, doch dafür gab es wieder manches andere, auf Grund dessen sich die größten und liebsten Hoffnungen Seiner Exzellenz gerade auf seinen Nachwuchs konzentrierten. Welche Hoffnungen und Pläne könnten auch wichtiger und heiliger sein, als diejenigen liebender Eltern? An was soll man sich schließlich anklammern, wenn nicht an die Familie? Die Familie des Generals bestand aus seiner Gattin und drei erwachsenen Töchtern. Geheiratet hatte er schon vor sehr langer Zeit, als er noch Leutnant war; seine Braut war fast in gleichem Alter mit ihm, zeichnete sich weder durch besondere Schönheit noch durch Bildung aus, und als Mitgift bekam sie auch nur fünfzig Seelen – die allerdings zur Grundlage seines späteren Reichtums wurden. Der General jedoch äußerte in der Folge nie etwas, woraus man hätte schließen können, daß er seine frühe Heirat bereue. Er behandelte sie nie als übereilte Handlung der unüberlegten Jugend. Und seine Gemahlin achtete er so hoch und fürchtete sie bisweilen so sehr, daß man sogar sagen mußte: er liebte sie. Sie nun, die Generalin Jepantschin, stammte aus dem Hause der Fürsten Myschkin, einem nicht gerade sehr glänzenden, doch dafür sehr alten Geschlecht, und tat sich auf diese ihre Abkunft nicht wenig zugute. Eine zu jener Zeit einflußreiche Persönlichkeit (einer jener Protektoren, denen das Protegieren kein Geld kostet) hatte sich bereitgefunden, der jungen Fürstin einen Gatten zu verschaffen. Er öffnete dem jungen Offizier das Pförtchen zur Karriere und gab ihm den ersten Stoß, der ihn auf dieser Bahn in Gang brachte. Der junge Mann aber bedurfte nicht einmal einer so großen Hilfeleistung, es genügte ihm zunächst, wenn er nur mit einem Blick bemerkt und nicht ganz übersehen wurde. Die Ehegatten lebten, abgesehen von einzelnen wenigen Ausnahmen, bis zu ihrer Silberhochzeit in bester Eintracht. Bereits in jungen Jahren hatte die Generalin es verstanden – dank ihrer fürstlichen Abstammung und als Letzte ihres Stammes, vielleicht aber auch dank persönlicher Vorzüge – einzelne hochgestellte Gönnerinnen zu finden, und mit der Zeit war sie, dank ihrem Reichtum und der dienstlichen Stellung ihres Gemahls, im Kreise dieser hochgestellten Personen sogar ein wenig heimisch geworden.

In den letzten Jahren waren die drei Töchter des Generals, Alexandra, Adelaida und Aglaja, herangewachsen und lieblich erblüht. Freilich hießen sie alle drei nur Jepantschin, doch waren sie mütterlicherseits immerhin fürstlicher Abstammung, hatten keine geringe Mitgift zu erwarten und besaßen einen Vater, der für die Zukunft noch Aussicht auf einen vielleicht sogar sehr hohen Posten hatte. Außerdem waren sie alle drei – was gleichfalls von nicht geringer Bedeutung ist – auffallend schöne Mädchen, selbst die Älteste, Alexandra, die bereits das fünfundzwanzigste Jahr überschritten hatte, nicht ausgenommen. Die zweite war dreiundzwanzig Jahre alt und die Jüngste, Aglaja, kaum zwanzig. Diese Jüngste war sogar eine ausgesprochene Schönheit und lenkte denn auch in der Gesellschaft die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Aber das war noch längst nicht alles Gute, was sich von ihnen sagen ließ: alle drei zeichneten sich nämlich auch durch Bildung, Verstand und Talente aus. Auch wußte man zu erzählen, daß sie einander sehr zugetan seien und in gutem Einvernehmen zusammenhielten. Ja, man sprach sogar von gewissen Opfern, die die beiden älteren Schwestern der Jüngsten, dem Abgott der ganzen Familie, zu bringen beabsichtigten. In der Gesellschaft drängten sie sich nicht vor, sondern zogen sich vielleicht sogar allzusehr zurück. Niemand konnte ihnen Hochmut oder Eigendünkel vorwerfen, obschon ein jeder wußte, daß sie stolz waren und ihren eigenen Wert kannten. Die Älteste war musikalisch, die Mittlere besaß ein auffallendes Zeichentalent, doch davon hatte viele Jahre kein Mensch etwas geahnt: erst in der letzten Zeit hatte man es plötzlich entdeckt, und auch da nur ganz zufällig. Mit einem Wort, es wurde sehr viel Lobenswertes von ihnen erzählt. Nichtsdestoweniger gab es auch solche, die ihnen nicht gerade wohlwollten. So sprach man z. B. mit wahrem Entsetzen davon, wieviel Bücher sie schon gelesen hätten. Mit dem Heiraten hatten sie es nicht eilig. Vornehme Gesellschaft zogen sie natürlich vor, doch machten sie sich schließlich auch nicht viel aus ihr, was um so bemerkenswerter war, als jedermann den Charakter, die Wünsche und Hoffnungen ihres Vaters kannte.

Es war bereits elf Uhr, als der Fürst an der Wohnung des Generals die Klingel zog. Jepantschins wohnten im zweiten Stock, zwar möglichst wenig protzig, doch ihrer gesellschaftlichen Stellung durchaus entsprechend. Der Fürst, dem ein Diener in voller Livree öffnete, mußte ziemlich lange mit diesem Menschen reden, der ihn und sein Bündel zuerst recht kritisch musterte. Erst nach wiederholter und bestimmter Versicherung, daß der Besucher tatsächlich Fürst Myschkin sei und den General in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünsche, führte ihn der ungläubige Bediente in ein kleines Vorzimmer vor dem Empfangskabinett Seiner Exzellenz und übergab ihn dort gewissermaßen der Obhut eines anderen Dieners, der des Morgens in diesem Zimmer Dienst hatte und die zum Besuch erscheinenden Herren anmelden mußte. Dieser zweite Diener trug einen schwarzen Frack, mochte etwa vierzig Jahre zählen, zeigte eine sorgenvolle Miene und besaß als spezieller Anmeldediener des Generals Jepantschin ganz zweifellos höheren Wert.

„Warten Sie gefälligst im Empfangszimmer, das Bündel lassen Sie aber hier,“ sagte er jetzt, ohne sich zu beeilen, setzte sich darauf wichtig auf seinen Stuhl und betrachtete mit strenger Verwunderung den Fürsten, der, als wäre es ganz selbstverständlich, neben ihm auf einem anderen Stuhl Platz genommen hatte, während er das Bündel immer noch in der Hand trug.

„Wenn Sie erlauben,“ sagte der Fürst, „werde ich lieber hier bei Ihnen warten, was soll ich dort allein sitzen?“

„Im Vorzimmer ist nicht der richtige Platz für Sie; denn Sie sind ein Besucher, also sozusagen ein Gast. Wollen Sie den General selbst sprechen?“

Der Diener konnte sich offenbar nicht so schnell an den Gedanken, diesen Menschen anmelden zu müssen, gewöhnen und entschloß sich daher, vorsichtshalber nochmals zu fragen.

„Ja, ich habe die Absicht...“ sagte der Fürst.

„Ich frage Sie nicht nach Ihren Absichten, – ich habe Sie nur anzumelden. Aber ohne den Sekretär werde ich Sie doch nicht anmelden können.“

Das Mißtrauen dieses Menschen schien noch zu wachsen: der Fürst glich aber auch gar zu wenig den täglichen Besuchern, und wenn der General auch recht oft zu einer festgesetzten Stunde sogar sehr verschiedenartige Leute empfing – vornehmlich in geschäftlichen Angelegenheiten –, so war der Kammerdiener trotz aller Anweisungen diesmal doch sehr im Zweifel darüber, was er tun sollte. Jedenfalls erschien ihm die Mittlerschaft des Sekretärs mit jeder Minute notwendiger.

„Ja, aber sind Sie auch wirklich... aus dem Auslande gekommen?“ fragte er schließlich ganz unwillkürlich und verstummte sogleich etwas betreten.

Er hatte wahrscheinlich fragen wollen: ‚Sind Sie auch wirklich Fürst Myschkin?‘

„Ja, ich komme direkt von der Bahn. Ich glaube jedoch, daß Sie mich fragen wollten, ob ich auch wirklich Fürst Myschkin bin – sprachen das aber aus Höflichkeit nicht aus.“

„Hm!“ brummte der verwunderte Lakai.

„Nun, ich versichere Sie, daß ich Ihnen nichts vorgelogen habe. Übrigens werden Sie für mich nicht einzustehen brauchen. Und daß ich in diesem Aufzuge und mit diesem Reisebündel erscheine, ist weiter nicht verwunderlich, da meine Verhältnisse im Augenblick nicht glänzend sind.“

„Hm! Sehen Sie, das ist es eigentlich nicht, was ich befürchte. Sie anzumelden, bin ich verpflichtet, und der Sekretär wird Sie empfangen, außer wenn... das ist es eben, dieses außer wenn... Sie wollen doch nicht, hm... den General, wenn ich fragen darf, um eine Unterstützung bitten? – verzeihen Sie...“

„O nein, in der Beziehung können Sie vollkommen ruhig sein. Ich habe ein anderes Anliegen.“

„Sie müssen mich entschuldigen, ich fragte nur so... aus Ihrem Auftreten zu schließen... Warten Sie, bis der Sekretär kommt. Der General selbst arbeitet jetzt mit dem Obersten, dann aber kommt auch der Sekretär.“

„Wenn ich lange warten muß, so möchte ich Sie um etwas bitten: könnte ich hier nicht irgendwo ein wenig rauchen? Tabak und eine Pfeife habe ich bei mir.“

„Ra–au–chen?“ Der Diener blickte ihn mit verächtlicher Verwunderung an, als traue er seinen Ohren nicht ganz. „Ra–au–chen? Nein, hier dürfen Sie nicht rauchen. Schämen Sie sich denn gar nicht, an so etwas auch nur zu denken? He! – das ist mal nett!“

„Oh, ich fragte ja nicht, ob ich hier in diesem Zimmer rauchen könnte. Ich weiß, daß das nicht geht. Ich wäre irgendwohin hinausgegangen, in ein Vorhaus oder einen Korridor, den Sie mir gezeigt hätten; denn ich bin sehr ans Rauchen gewöhnt, und heute habe ich seit ganzen drei Stunden nicht geraucht. Übrigens, wie Sie meinen. Es gibt ja auch ein Sprichwort: In ein fremdes Kloster kommt man nicht mit fremden Sitten...“

„Wie soll ich Sie denn nun eigentlich anmelden?“ brummte der Kammerdiener fast unwillkürlich. „Erstens schon, daß dies hier doch nicht der rechte Platz zum Warten für Sie ist! Sie müßten im Empfangszimmer sitzen; denn Sie sind doch sozusagen ein Besucher, also ebenso gut wie ein Gast, und mich wird man dann fragen... oder haben Sie... haben Sie die Absicht, ganz bei uns zu bleiben?“ fragte er plötzlich mit einem neuen Seitenblick nach dem Bündel des Fürsten, das ihm offenbar keine Ruhe ließ.

„Nein, die Absicht habe ich nicht. Selbst wenn man mich hier dazu aufforderte, würde ich nicht bleiben. Ich bin einfach gekommen, um die Familie kennen zu lernen, weiter nichts.“

„Was? Kennen zu lernen?“ fragte der Kammerdiener verwundert mit doppeltem Mißtrauen. „Aber Sie sagten doch, Sie hätten ein Anliegen?“

„Oh, eigentlich habe ich kein Anliegen. Das heißt, wenn Sie wollen, habe ich allerdings ein Anliegen – ich wollte um einen Rat bitten – aber hauptsächlich bin ich doch gekommen, um mich vorzustellen; denn ich bin ein Fürst Myschkin, und auch die Generalin Jepantschin ist eine geborene Fürstin Myschkin – und außer uns beiden gibt es keine Myschkins mehr.“

„Was, so sind Sie sogar ein Verwandter?“ Der Kammerdiener stutzte erschrocken.

„Auch das eigentlich nicht. Oder wenn man durchaus will, sind wir auch Verwandte, aber immerhin in so entferntem Grade, daß man es im Grunde wohl kaum noch Verwandtschaft nennen kann. Ich habe bereits einmal aus der Schweiz an die Generalin geschrieben, doch sie hat mir nicht geantwortet. Dennoch halte ich es jetzt, nach meiner Rückkehr, für nötig, wenigstens den Versuch zu machen, Beziehungen anzuknüpfen. Und Ihnen erkläre ich das alles jetzt nur, damit Sie an meiner Identität nicht zweifeln; denn, wie ich sehe, beunruhige ich Sie immer noch. Also melden Sie getrost den Fürsten Myschkin an, der Grund meines Besuches wird schon aus dieser Anmeldung zu ersehen sein. Empfängt man mich – ist’s gut. Empfängt man mich nicht – ist’s vielleicht ebenso gut, vielleicht sogar besser. Nur können sie, glaube ich, keinen Grund haben, mich nicht zu empfangen. Die Generalin wird doch sicherlich den einzigen noch lebenden Träger ihres Namens kennen lernen wollen, um so mehr, als sie, wie ich gehört habe, auf ihre fürstliche Herkunft etwas geben soll.“

Die Unterhaltung des Fürsten war scheinbar die allergewöhnlichste, doch je selbstverständlicher sie wurde, desto unverständlicher erschien sie dem erfahrenen Kammerdiener. Jedenfalls konnte er nicht umhin, herauszufühlen, daß doch manches, was sonst zwischen zwei Menschen sehr wohl möglich ist, zwischen einem Gast und einem Diener dagegen ganz unmöglich ist. Da nun die Dienstboten in der Regel viel klüger zu sein pflegen, als ihre Herrschaft es im allgemeinen von ihnen voraussetzt, so dachte auch der Diener Seiner Exzellenz, daß es sich hier nur um zwei Möglichkeiten handeln könne: entweder war der Fürst irgend so ein leichtsinniger Herumtreiber, der unfehlbar Seine Exzellenz anbetteln wollte, oder er war einfach ein Dummkopf, der kein Standesbewußtsein hatte, denn – ein kluger Fürst mit Standesbewußtsein würde doch nicht im Vorzimmer sitzen und mit einem Lakaien von seinen Privatverhältnissen reden!? Wenn dem nun aber so war – fiel dann nicht ihm als erfahrenen Kammerdiener die Verantwortung zu?

„Aber Sie werden sich nun doch ins Empfangszimmer bemühen müssen,“ bemerkte er schließlich in möglichst bestimmtem Ton.

„Wenn ich dort gesessen hätte, würde ich Ihnen nichts erzählt haben,“ meinte halb lachend der Fürst, „und folglich würde Sie der Anblick meines Mantels und Reisebündels immer noch ängstigen. So aber brauchen Sie den Sekretär jetzt vielleicht nicht mehr zu erwarten und können mich ohne fremde Mittlerschaft selbst anmelden?“

„Nein, einen Besuch wie Sie kann ich ohne den Sekretär nicht anmelden, und überdies hat Seine Exzellenz vorhin noch ausdrücklich befohlen, daß ich sie nicht stören soll, gleichviel wer da käme, solange der Oberst bei ihr ist. Nur Gawrila Ardalionytsch kann unangemeldet eintreten.“

„Wer ist das – ein Beamter?“

„Gawrila Ardalionytsch? Nein. Er ist ein Angestellter der Handelsgesellschaft. Aber Ihr Bündel könnten Sie doch wenigstens dorthin stellen.“

„Das war auch schon meine Absicht. Wenn Sie gestatten... Übrigens – ich werde auch den Mantel ablegen, was meinen Sie dazu?“

„Natürlich, Sie können doch nicht im Mantel eintreten.“

„Gewiß nicht.“

Der Fürst erhob sich, zog eilig seinen Mantel aus und stand nun in einem zwar schon getragenen, jedenfalls aber noch sehr anständigen, kurzen Rock von gut sitzendem, elegantem Schnitt vor dem ihn kritisch musternden Diener. Über der Weste hing eine schlichte Stahlkette, an der er eine silberne Genfer Uhr trug.

Wenn nun der Fürst auch ein Dummkopf war – das hatte der Lakai bereits festgestellt –, so schien es dem Kammerdiener Seiner Exzellenz doch als unzulässig, daß er von sich aus das Gespräch mit dem Gast fortsetzte, obschon ihm der Fürst aus irgendeinem Grunde gefiel – in seiner Art, versteht sich. Trotzdem aber erregte er immer noch seinen aufrichtigen Unwillen.

„Wann empfängt die Generalin?“ fragte der Fürst, nachdem er sich wieder auf denselben Platz gesetzt hatte.

„Das ist nicht mehr meine Sache. Sehr verschieden übrigens, je nach Wunsch. Die Modistin wird sogar schon um elf empfangen. Gawrila Ardalionytsch gleichfalls früher als die anderen, sogar schon zum ersten Frühstück.“

„Hier ist es in den Zimmern an kalten Wintertagen bedeutend wärmer als im Auslande,“ bemerkte der Fürst, „dafür aber ist es dort in den Straßen wärmer als bei uns. Die Häuser sind dort im Winter dermaßen kalt, daß ein echter Russe anfangs gar nicht in ihnen wohnen kann.“

„Heizt man denn dort nicht?“

„Das wohl, aber die Häuser sind anders gebaut, die Öfen und Fenster...“

„Hm! Und wie lange beliebten Sie dort herumzureisen?“

„Ja so – vier Jahre. Übrigens habe ich die ganze Zeit fast nur an einem Ort gelebt, auf dem Lande.“

„Sind wohl unser Leben nicht mehr gewöhnt?“

„Auch das ist wahr. Glauben Sie mir, es wundert mich wirklich, daß ich das Russische nicht verlernt habe. Da spreche ich nun mit Ihnen und denke dabei doch die ganze Zeit: ‚Aber ich spreche ja wirklich gutes Russisch!‘ Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich soviel rede. Wirklich, seit dem gestrigen Tage würde ich am liebsten nur reden und reden.“

„Hm! Hm! Haben Sie früher schon in Petersburg gelebt?“ – Wie sehr sich der Diener auch beherrschen wollte, so weit konnte er sich doch nicht überwinden, daß er ein so freundlich und fast sogar zuvorkommend mit ihm geführtes Gespräch einfach einschlafen ließ.

„Ja Petersburg? So gut wie überhaupt nicht. Nur auf der Durchreise bin ich hier gewesen. Ich habe die Stadt auch früher nicht gekannt, und jetzt soll es ja hier, wie man hört, so viel Neues geben, daß selbst diejenigen, die die Stadt früher gekannt haben, sie schwerlich wiedererkennen könnten. Augenblicklich wird hier viel von der Reform unserer Gerichte gesprochen.“

„Hm!... Unsere Gerichte. Ja... Gerichte, das ist schon wahr, das sind eben Gerichte. Wie ist es dort: sind die Gerichte gerechter als bei uns?“

„Das weiß ich nicht. Ich habe aber gerade von unseren Gerichten viel Gutes gehört. Da hat man jetzt auch die Todesstrafe bei uns abgeschafft.“

„Wird man denn dort zum Tode verurteilt?“

„Ja. Ich habe einmal in Frankreich eine Hinrichtung gesehen. In Lyon. Mein Arzt, Professor Schneider, hatte mich dorthin mitgenommen.“

„Wird dort gehängt?“

„Nein, in Frankreich wird nur enthauptet.“

„Schreien sie sehr?“

„Wo denken Sie hin! Es geschieht ja in einem Augenblick. Der Mensch wird hingelegt, und dann fällt plötzlich von oben ein breites Messer auf seinen Hals, mittels einer Maschine – die Guillotine wird sie genannt – schwer, scharf, in einer Sekunde... Der Kopf springt schneller vom Rumpf ab, als man mit dem Auge einmal zwinkern kann. Die Vorbereitungen aber nehmen viel Zeit in Anspruch. Zuerst wird dem Verbrecher das Todesurteil vorgelesen, dann wird er angekleidet, gebunden und aufs Schafott geführt – das alles muß schrecklich sein! Das Volk läuft von allen Seiten herzu, sogar Frauen, obschon man es dort sehr ungern sieht, daß Frauen der Hinrichtung beiwohnen.“

„Ist auch nicht ihre Sache.“

„Natürlich nicht! Diese Qual!... Der Verbrecher war ein intelligenter, furchtloser, starker Mann, nicht mehr jung, Legros hieß er. Nun, glauben Sie es mir oder glauben Sie es nicht: als er das Schafott bestieg – weinte er, und sein Gesicht war so bleich, war so weiß wie Kalk. Wie ist so etwas nur möglich? Ist das nicht grauenvoll? Welcher Mensch weint denn vor Angst? Ich hätte nie gedacht, daß – nicht ein Kind, – aber ein erwachsener Mensch vor Angst weinen könnte, ein Mann von fünfundvierzig Jahren, der noch nie geweint hat! Was muß mit der Seele in diesem Augenblick geschehen, bis zu welchen Krämpfen wird sie gemartert? Eine Beschimpfung der Seele ist es, weiter nichts! Es heißt: ‚Du sollst nicht töten‘ – und nun soll man dafür, daß er getötet hat, wiederum ihn töten? Nein, das kann doch unmöglich richtig sein. Es ist schon über einen Monat her, daß ich es gesehen habe, und immer noch glaube ich, es lebendig vor mir zu sehen. Fünfmal hat mir davon geträumt.“

Der Fürst hatte sich geradezu in Eifer geredet: auf seinem blassen Gesicht erschien ein leises Rot, wenn auch seine Rede ruhig blieb, wie vorher. Der Kammerdiener hatte ihm mit großer Teilnahme und noch größerem Interesse zugehört und hing mit den Blicken an ihm, als könne er sich nicht von ihm losreißen. Vielleicht war dieser Bediente als Mensch nicht ohne Phantasie und Denkvermögen.

„Gut wenigstens, daß die Schmerzen nicht groß sind,“ meinte er, „hm, so... wenn der Kopf abgehackt wird.“

„Wissen Sie was,“ griff der Fürst angeregt diesen Gedanken auf, „was Sie da soeben bemerkt haben, wird fast von allen ganz genau so hervorgehoben. Auch wird die Maschine, die Guillotine, heutzutage hauptsächlich deshalb benutzt. Mir aber kam damals etwas anderes in den Sinn: wie, wenn das sogar noch schlimmer ist? Ihnen erscheint meine Annahme vielleicht lächerlich, unmöglich, wenn man sich jedoch ein wenig in die Stimmung des Verurteilten zu versetzen sucht, so kommt einem ganz unwillkürlich der Gedanke an diese Möglichkeit. Denken Sie mal nach – nun, nehmen Sie zum Beispiel die Folter: da gibt es Schmerzen und Wunden und körperliche Qual, die aber lenkt einen doch von den seelischen Qualen ab, so daß einen bis zum Augenblick des Todes nur die Wunden quälen. Den größten, den quälendsten Schmerz aber verursachen vielleicht doch nicht die Wunden, sondern das Bewußtsein, daß, wie man genau weiß, nach einer Stunde, dann nur nach zehn Minuten, dann nach einer halben Minute, sogleich, noch in diesem Augenblick – die Seele den Körper verlassen wird, und daß du dann kein Mensch mehr sein wirst, und daß es doch unfehlbar geschehen muß. Das Entsetzlichste ist ja gerade dieses ‚Unfehlbar‘. Gerade wenn man den Kopf unter das Messer beugt und dann hört, wie es von oben klirrend herabglitscht – gerade diese Viertelsekunden müssen die furchtbarsten sein! Dies ist nicht nur meine Ansicht, müssen Sie wissen, sondern sehr viele haben dieselbe geäußert. Ich bin aber so fest von der Richtigkeit meiner Annahme überzeugt, daß ich Ihnen offen sagen will, wie ich darüber denke: für einen Mord getötet zu werden ist eine unvergleichlich größere Strafe, als das begangene Verbrechen groß ist. Laut Urteil getötet zu werden ist unvergleichlich schrecklicher, als durch Räuberhand umzukommen. Wer von Räubern ermordet wird, nachts, im Walde, oder sonstwo, hat zweifellos noch bis zum letzten Augenblick die Hoffnung auf Rettung. Hat man doch Beispiele erlebt, daß dem Betreffenden schon die Kehle durchgeschnitten ist, er aber doch noch zu flehen oder zu entlaufen sucht. Hier aber wird auch diese letzte unwillkürliche Hoffnung, mit der zu sterben zehnmal leichter ist, unwiderruflich genommen; hier ist es das Todesurteil, dem man auf keine Weise entrinnen kann, hier ist es das Bewußtsein der unfehlbaren Vollstreckung desselben, was die größte Qual verursacht – eine größere Qual kann es in der Welt gar nicht geben. Führen Sie einen Soldaten in der Schlacht geradeswegs vor die Kanonen und lassen Sie auf ihn abfeuern, er wird doch immer noch hoffen, mit dem Leben davonzukommen; aber lesen Sie demselben Soldaten sein Todesurteil vor, das unfehlbar an ihm vollstreckt werden wird, so wird er entweder irrsinnig werden oder in Tränen ausbrechen. Wer hat es denn gesagt, daß die menschliche Natur fähig sei, diesen Tod ohne die geringste Geistesverwirrung zu ertragen? Und wozu diese überflüssige, unnütze, so unglaublich überflüssige Beschimpfung des Menschen? Vielleicht gibt es irgendwo einen Menschen, dem das Todesurteil verlesen worden ist, der diese Qualen bis zum letzten Augenblick durchgekostet, und dem man dann gesagt hat: ‚Geh hin, dir ist die Strafe erlassen.‘ Ja, solch einer könnte dann vielleicht erzählen. Von diesen Qualen und diesem Entsetzen hat auch Christus gesprochen. Nein, das darf man einem Menschen nicht antun!“

Der Diener hätte diesen Gedanken zwar nicht so auszudrücken vermocht, wie der Fürst, verstand aber dennoch die Hauptsache sehr wohl, was man allein schon aus seiner gerührten Miene ersehen konnte.

„Wenn Sie nun einmal so gern rauchen,“ brummte er, „so können Sie es schließlich auch tun, bloß dann etwas schnell. Denn wenn ich plötzlich gefragt werde und Sie nicht da sind –? Hier, sehen Sie, unter der Treppe ist eine kleine Tür. Da gehen Sie nur durch und dann rechts in die Kammer. Dort können Sie rauchen, nur müssen Sie das Klappfenster aufmachen, denn es ist doch immerhin nicht in der Ordnung...“

Doch noch bevor der Fürst sich erheben konnte, trat ein junger Mann mit Papieren unterm Arm ganz plötzlich ins Vorzimmer. Der Diener half ihm sofort, sich des Pelzes zu entledigen. Währenddessen musterte der Eingetretene den Fürsten möglichst unauffällig.

„Dieser Herr, Gawrila Ardalionytsch, bittet, ihn als Fürst Myschkin und Verwandten bei der gnädigen Frau anzumelden. Er ist soeben mit der Bahn aus dem Auslande gekommen, auch sein Reisebündel hat er bei sich, nur...“

Das Weitere vernahm der Fürst nicht, denn der Diener begann zu flüstern. Der mit Gawrila Ardalionytsch angeredete junge Mann hörte ihm aufmerksam zu und blickte dann mit unverhohlener Neugier den Fürsten an, bis er schließlich den Diener stehen ließ und sich ihm näherte.

„Sie sind Fürst Myschkin?“ fragte er äußerst höflich und liebenswürdig.

Er war ein sehr gefälliger junger Mann, gleichfalls etwa achtundzwanzig Jahre alt, gut gewachsen, von mittlerer Größe, blond und mit einem kleinen Napoleonsbart. Sein Gesicht war klug und sehr hübsch. Nur sein Lächeln war bei aller Liebenswürdigkeit gewissermaßen allzu fein, die Zähne erschienen dabei von gar zu perlenartiger Gleichmäßigkeit, und sein Blick war trotz seiner ganzen heiteren, vielleicht etwas zur Schau getragenen Offenherzigkeit etwas gar zu aufmerksam und forschend.

„Wenn er allein ist, wird er vielleicht ganz anders blicken und vielleicht überhaupt nicht lachen,“ sagte sich der Fürst im stillen.

Fürst Myschkin wiederholte in kurzen Worten, was er bereits dem Diener und am Morgen im Kupee seinem Reisegefährten Rogoshin erzählt hatte. Gawrila Ardalionytsch schien sich inzwischen einer anderen Sache zu erinnern.

„Ach, dann waren Sie es vielleicht,“ unterbrach er ihn, „dann haben Sie vor etwa einem Jahre oder vor noch kürzerer Zeit einen Brief, – ich glaube, aus der Schweiz – an Jelisaweta Prokofjewna geschrieben?“

„Allerdings.“

„Dann wird man Sie hier kennen und wird sich Ihrer entsinnen. Wollen Sie zu Seiner Exzellenz? Ich werde Sie sofort anmelden... Er wird im Augenblick frei sein. Nur müßten Sie... vielleicht halten Sie sich solange im Empfangszimmer auf... Weshalb haben Sie den Fürsten nicht ins Empfangszimmer geführt?“ wandte er sich in strengem Ton an den Diener.

„Ich sagte es doch, sie wollten selbst nicht...“

In dem Augenblick öffnete sich plötzlich die Tür zum Kabinett Seiner Exzellenz, und ein Offizier trat mit einem Portefeuille unterm Arm, laut sprechend und zum Abschied die Hacken zusammenschlagend, heraus.

„Bist du es, Ganjä3?“ rief eine Stimme aus dem Kabinett. „Dann komm mal her.“

Gawrila Ardalionytsch nickte dem Fürsten zu und trat ins Kabinett.

Nach zwei Minuten öffnete sich die Tür von neuem, und Gawrila Ardalionytschs wohltönende Stimme klang freundlich durch das Zimmer:

„Bitte Fürst, wenn Sie sich hierher bemühen wollten!“

III

Seine Exzellenz, General Iwan Fedorowitsch Jepantschin stand inmitten seines Kabinetts und musterte mit nicht geringer Neugier den eintretenden Fürsten, ja – er trat ihm sogar zwei Schritte entgegen. Der Fürst ging auf ihn zu und nannte seinen Namen.

„Freut mich, Sie kennen zu lernen,“ erwiderte der General. „Womit kann ich Ihnen dienen?“

„Ein unaufschiebbares Anliegen an Sie habe ich im Grunde genommen nicht. Der Zweck meines Besuches ist ausschließlich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich will Sie jedoch, wenn Ihre Zeit knapp bemessen ist, nicht weiter aufhalten; doch da ich weder Ihren Empfangstag kenne, noch weiß, wann Sie zu sprechen sind – ich bin übrigens soeben erst hier in Petersburg eingetroffen, aus der Schweiz...“

Der General wollte schon lächeln, besann sich aber noch rechtzeitig und blieb ernst; darauf überlegte er noch ein wenig, kniff die Augen zusammen, betrachtete seinen Gast nochmals von Kopf bis zu den Füßen, wies dann plötzlich auf einen Stuhl, setzte sich selbst schräg gegenüber und wandte dem Fürsten in ungeduldiger Erwartung sein Gesicht zu. Ganjä stand am Schreibtisch und sortierte die verschiedenen Papiere.

„Zu Bekanntschaften habe ich im allgemeinen wenig Zeit,“ sagte der General, „da Sie jedoch mit Ihrem Besuch zweifellos einen besonderen Zweck verfolgen, so...“

„Ich habe es, offen gestanden, nicht anders erwartet, als daß Sie in meinem Besuch eine besondere Absicht vermuten würden. Aber – mein Ehrenwort – außer dem Vergnügen, Ihre Bekanntschaft zu machen, habe ich keinerlei besondere Nebenabsicht im Sinn.“

„Das Vergnügen liegt natürlich ganz auf meiner Seite, aber man kann doch nicht immer nur ans Vergnügen denken. Mitunter, wissen Sie, gibt es auch ernste Sachen zu erledigen... Zudem kann ich zwischen uns bis jetzt noch nichts Gemeinsames entdecken... ich meine, gewisse Gründe, die–i–ie...“

„Ganz recht, solche Gründe gibt es natürlich nicht, und Gemeinsames zwischen uns dürfte wahrscheinlich nur – wenig vorhanden sein. Denn wenn ich auch ein Fürst Myschkin bin und Ihre Frau Gemahlin aus demselben Hause stammt, so ist das wohl noch kein genügender Grund zu einem Besuch. Das sehe ich vollkommen ein. Dennoch ist es nun einmal der einzige Grund, weshalb ich Sie aufgesucht habe. Ich bin vier Jahre nicht in Rußland gewesen. Und als was verließ ich es: kaum war ich bei vollem Verstande! Damals kannte ich so gut wie niemanden, und heute kenne ich hier vielleicht noch weniger... Mir tut Bekanntschaft mit guten Menschen not. Außerdem muß ich noch eine wichtige Angelegenheit erledigen, und ich weiß nicht einmal, an wen ich mich wenden soll, und wer mir mit seinem Rat beistehen könnte. Da dachte ich schon in Berlin an Sie: ‚Das sind doch fast Verwandte, ich werde mich zuerst an sie wenden; vielleicht können wir uns gegenseitig beistehen, ich ihnen, sie mir – wenn es gute Menschen sind.‘ Und ich habe gehört, Sie seien gute Menschen.“

„Sehr schmeichelhaft.“ Der General wunderte sich. „Erlauben Sie, wenn ich fragen darf: wo sind Sie abgestiegen?“

„Ich bin noch nirgendwo abgestiegen.“

„Also direkt aus dem Waggon zu mir? Und... mit Ihrem ganzen Gepäck?“

„Mein Gepäck besteht nur aus einem Bündel, in dem ich meine Wäsche habe, und sonst nichts; ich trage es gewöhnlich in der Hand bei mir. Ein Zimmer aber – nun, ich werde ja wohl heute noch Zeit haben, eines zu mieten.“

„So haben Sie also die Absicht, ein Zimmer zu mieten?“

„O ja, gewiß, selbstverständlich.“

„Aus Ihren Worten glaubte ich eigentlich entnehmen zu können, daß Sie bei mir zu wohnen gedachten.“

„Daran hätte ich doch nur denken können, wenn ich von Ihnen dazu aufgefordert worden wäre. Ich muß aber gestehen, daß ich selbst auf eine Einladung hin nicht bei Ihnen bleiben würde – nicht etwa aus irgendwelchen besonderen Gründen, sondern so... es ist nicht meine Art.“

„Nun, dann war es ganz richtig von mir, daß ich Sie nicht gleich dazu aufforderte und Sie auch jetzt nicht auffordere. Nur – wenn Sie gestatten, Fürst – um die Sache klarzulegen: da von einer Verwandtschaft zwischen uns, wie wir übereingekommen sind, nicht die Rede sein kann, obschon es mir, versteht sich, sehr schmeichelhaft wäre, so...“

„So kann ich aufstehen und gehen, nicht wahr?“ Und der Fürst erhob sich mit einem geradezu heiteren Lachen im Gesicht, das sich zu seiner etwas peinlichen Lage seltsam genug ausnahm. „Werden Sie es mir glauben, Exzellenz, bei Gott, obschon ich weder mit den hiesigen Sitten, noch mit dem ganzen Leben hierzulande vertraut bin, war ich doch überzeugt, bevor ich herkam, daß mein Besuch unfehlbar so und nicht anders verlaufen würde, als wie er jetzt tatsächlich verlaufen ist. Doch wie! – vielleicht muß es gerade so sein... Und überdies ist ja auch schon mein Brief unbeantwortet geblieben... Also dann – leben Sie wohl und entschuldigen Sie, daß ich Sie belästigt habe.“

Doch der Blick, mit dem der Fürst bei diesen Worten den Hausherrn ansah, war so freundlich und sein Lächeln so ohne jegliche Spur von irgendeinem verborgenen unangenehmen Gefühl, daß der General plötzlich stutzte und seinen Gast auf einmal gleichsam mit ganz anderen Augen betrachtete. In einem Moment hatte er seine Meinung über den Fürsten geändert.

„Wissen Sie, Fürst,“ sagte er lebhaft und mit gänzlich veränderter Stimme, „ich habe Sie ja eigentlich noch gar nicht kennen gelernt, und es ist doch sehr gut möglich, daß auch Jelisaweta Prokofjewna ihren stammverwandten Namensvetter sehen will... Vielleicht warten Sie einen Augenblick, wenn es Ihre Zeit erlaubt.“

„Oh, meine Zeit erlaubt es mir sehr leicht, sie gehört nur mir allein.“ Und der Fürst legte seinen runden, weichen Hut sofort auf den Tisch. „Offen gesagt, ich habe eigentlich auch daran gedacht, daß Jelisaweta Prokofjewna sich vielleicht meines Briefes an sie erinnern wird. Vorhin, als ich dort im Vorzimmer wartete, befürchtete Ihr Diener, daß ich Sie vielleicht anbetteln würde – jawohl: das war nicht schwer zu erraten – bei Ihnen aber muß es in der Beziehung strenge Vorschriften geben. Doch ich habe Sie wirklich nicht deshalb aufgesucht, es war mir wirklich nur darum zu tun, mit Menschen bekannt zu werden. Nur glaube ich, daß ich Sie aufgehalten habe, und das beunruhigt mich.“

„Nun denn, Fürst,“ sagte der General mit erfreutem Lächeln, „wenn Sie tatsächlich das sind, was Sie scheinen, so wird es wohl ein Vergnügen sein, Sie näher kennen zu lernen. Nur, sehen Sie, ich bin ein sehr in Anspruch genommener Mensch, ich muß mich sofort wieder an die Arbeit machen, dies und jenes durchsehen, unterschreiben, dann muß ich zu Seiner Durchlaucht, dann in den Dienst, kurzum – so gern ich auch geselligen Umgang mit Menschen pflegen würde, mit guten Menschen, das heißt, so, wie gesagt... Überdies bin ich fest überzeugt, daß Sie eine so vorzügliche Erziehung genossen haben, daß... Pardon, wie alt sind Sie, Fürst?“

„Sechsundzwanzig.“

„Oh! Ich glaubte, Sie seien viel jünger.“

„Ja, man sagt, daß ich jünger aussehe. Und was Ihren Zeitmangel anbetrifft, so werde ich bald lernen, Sie nicht lange aufzuhalten; denn es ist mir selbst sehr unangenehm, zu stören... Und schließlich sind wir ja allem Anschein nach so verschiedenartige Leute... aus verschiedenen Gründen –, daß es zwischen uns auch schwerlich viele Berührungspunkte geben wird. Das heißt, genau genommen bin ich selbst nicht der Meinung; es scheint nur zu oft, daß es keine Berührungspunkte gibt, und doch sind sogar sehr zahlreiche vorhanden. Das kommt nur von der Trägheit der Menschen, weil sie sich nur so nach dem äußeren Schein zusammenfinden, deshalb können sie auch nichts Gemeinsames entdecken... Doch ich langweile Sie vielleicht? Ich glaube, Sie sind...“

„Nur zwei Worte: besitzen Sie irgendwelches Vermögen? Oder beabsichtigen Sie, sich sonst irgendwie zu betätigen? Verzeihen Sie, daß ich so...“

„Aber ich bitte Sie, ich verstehe Ihre Frage sehr wohl zu schätzen und begreife sie vollkommen. Ein Vermögen besitze ich im Augenblick nicht, und eine Beschäftigung habe ich ebensowenig, aber ich müßte mich eigentlich nach einer solchen umsehen. Hergereist bin ich mit fremdem Gelde, Professor Schneider, mein Arzt und Lehrer in der Schweiz, hat mir das Reisegeld gegeben, aber auch nur so viel, wie dazu nötig war, so daß ich im Augenblick nur noch ein paar Kopeken besitze. Allerdings habe ich hier eine Angelegenheit, in der ich Sie eigentlich um Rat bitten wollte, jedoch...“

„Sagen Sie, wovon gedenken Sie dann vorläufig zu leben, und welches sind Ihre Absichten?“ unterbrach ihn der General.

„Ich beabsichtige zu arbeiten.“

„Oh, dann sind Sie ja ein ganzer Philosoph! Doch was ich sagen wollte... glauben Sie irgendwelche Talente oder Fähigkeiten zu besitzen, das heißt – ich meine solche, durch die man sich sein tägliches Brot verdienen kann? Sie müssen nochmals entschuldigen...“

„Oh, es bedarf durchaus keiner Entschuldigung. Nein, ich glaube, daß ich weder Talente noch besondere Fähigkeiten besitze. Hinzu kommt noch, daß ich ein kranker Mensch bin und keinen systematischen Unterricht genossen habe. Und in bezug auf meinen Lebensunterhalt glaube ich...“

Wieder unterbrach ihn der General, der jetzt Verschiedenes zu fragen begann. Der Fürst erzählte alles, was er bereits im Kupee Rogoshin erzählt hatte. Es stellte sich heraus, daß der General den verstorbenen Pawlischtscheff sogar persönlich gekannt hatte. Aus welchem Grunde sich dieser Pawlischtscheff für ihn interessiert und für seine Erziehung gesorgt hatte, vermochte der Fürst übrigens selbst nicht zu erklären; vielleicht einfach nur aus alter Freundschaft für den verstorbenen Vater des Fürsten. Nach dem Tode seiner Eltern war der Fürst, damals noch ein kleines Kind, ganz allein in der Welt zurückgeblieben und hatte dann ausschließlich auf dem Lande gelebt, da die Landluft ihm bedeutend zuträglicher gewesen war. Pawlischtscheff hatte den kleinen Knaben zwei alten Gutsbesitzerinnen, mit denen er weitläufig verwandt war, anvertraut; zuerst hatte er eine Gouvernante gehabt, späterhin einen Erzieher. Der Fürst fügte auch noch hinzu, daß er sich zwar alles dessen entsinnen, doch vieles nicht ganz erklären könne, da er sich über manche Dinge damals nicht Rechenschaft gegeben habe. Die häufigen Krankheitsanfälle hätten aus ihm fast einen Idioten gemacht. (Der Fürst drückte sich tatsächlich so aus: ‚einen Idioten‘.) Zum Schluß erzählte er noch, daß Pawlischtscheff einmal in Berlin den Professor Schneider, einen Schweizer, kennen gelernt habe, der sich auch damals schon speziell mit derartigen Krankheiten abgab und im Kanton Wallis eine Heilanstalt besaß, in der er die Kranken nach seiner eigenen Methode (vornehmlich mit kaltem Wasser, Gymnastik und Ähnlichem) auch von Idiotie und Irrsinn heilte, gleichzeitig sie unterrichtete und sich überhaupt ihrer geistigen Entwicklung mit Erfolg annahm. Pawlischtscheff hatte darauf den jungen Fürsten vor etwa fünf Jahren zu ihm in die Heilanstalt geschickt und war dann selbst – vor etwa zwei Jahren – ganz plötzlich gestorben, ohne ein Testament zu hinterlassen. In diesen zwei Jahren hatte ihn Schneider auf eigene Kosten in der Anstalt behalten und behandelt. Zwar habe er ihn nicht völlig geheilt, aber ihm doch sehr geholfen, bis er ihn dann schließlich auf eigenen Wunsch und außerdem noch aus einem „anderen besonderen Grunde“ nach Rußland geschickt habe.

Der General wunderte sich nicht wenig.

„Und hier in Rußland haben Sie keinen einzigen, der Ihnen nahesteht, keinen einzigen Menschen?“ fragte er.

„Bis jetzt keinen... aber ich hoffe... außerdem habe ich einen Brief erhalten...“

„Aber wenigstens haben Sie doch etwas gelernt,“ unterbrach ihn wieder der General, ohne die letzten Worte des Fürsten zu beachten, „und Ihre Krankheit wird Sie doch nicht hindern, einen, nun, sagen wir – nicht allzu schweren Posten zu bekleiden?“

„Oh, sicherlich nicht. Und ich würde sogar sehr gern eine Stelle annehmen; denn ich würde selbst gern wissen wollen, wozu ich fähig bin. In diesen vier Jahren habe ich ununterbrochen gelernt, allerdings nicht so, wie man in der Schule lernt, sondern nach Professor Schneiders Grundsatz, nämlich gewissermaßen frei und freiwillig. Ich hatte dort auch Gelegenheit, viele Bücher zu lesen.“

„Russische Bücher? Dann können Sie also auch schreiben und... können Sie auch fehlerlos schreiben?“

„Oh, selbstverständlich!“

„Vortrefflich. – Und Ihre Handschrift?“

„Meine Handschrift ist tadellos. Hierin besitze ich, nun ja, Talent, und wenn man will, kann man mich vielleicht sogar einen Künstler nennen, was das Schreiben anbelangt. Geben Sie mir ein Blatt Papier, ich werde Ihnen etwas zur Probe schreiben,“ sagte der Fürst, ganz bei der Sache.

„Bitte. Das ist sogar von großer Wichtigkeit... Und diese Ihre Bereitwilligkeit gefällt mir sehr, Fürst, Sie sind wirklich ein sehr lieber Mensch.“

„Was für wundervolle Schreibutensilien Sie hier haben, wieviel Bleistifte, wieviel Federn, welch ein dickes, schönes Papier... Und überhaupt haben Sie ein prachtvolles Arbeitskabinett. Diese Landschaft hier kenne ich: sie ist – aus der Schweiz. Der Künstler hat sicher nach der Natur gemalt. Ich glaube sogar, diesen Ort gesehen zu haben – im Kanton Uri...“

„Das ist leicht möglich, obschon das Gemälde hier gekauft ist. Ganjä, gib dem Fürsten ein Blatt Papier; hier sind Federn und Tinte, schreiben Sie hier auf dieser Unterlage, bitte. – Was ist das?“ wandte sich der General an Ganjä, der seinem Portefeuille eine Photographie in großem Format entnahm und dem General überreichte. „Ah! Nastassja Filippowna! Hat sie dir die selbst, wirklich selbst geschickt?“ fragte er lebhaft und mit großem Interesse.

„Soeben, als ich zur Gratulation bei ihr war, gab sie sie mir. Ich hatte sie schon vor längerer Zeit darum gebeten. Nur weiß ich nicht, ob das vielleicht nicht eine Anspielung sein soll, weil ich mit leeren Händen kam, ohne Geschenk – an einem solchen Tage?“ fügte Ganjä mit einem unangenehmen Lächeln hinzu.

„Nein, nein,“ meinte der General überzeugt. „Wie bist du nur wieder auf diesen Gedanken gekommen? Sie sollte solche Anspielungen machen! Sie ist ja doch gar nicht eigennützig. Und dann: womit solltest du ihr Geschenke machen? Dazu braucht man doch Tausende! Es sei denn, daß du ihr dein Bild schenktest. Wie, hat sie dich denn noch nicht um deine Photographie gebeten?“

„Nein, bis jetzt noch nicht. Vielleicht wird sie es auch nie tun. Sie haben doch den heutigen Abend nicht vergessen, Iwan Fedorowitsch? Sie sind ja einer der ausdrücklich Geladenen.“

„Gewiß, gewiß, weiß ich’s und ich werde auch unfehlbar erscheinen. Das fehlte noch, an ihrem Geburtstage! – und noch dazu am fünfundzwanzigsten!... Hm! Aber weißt du, Ganjä, ich werde dir – mag es denn so sein – etwas mitteilen. Bereite dich vor: sie hat Afanassij Iwanowitsch und mir versprochen, daß sie heute abend ihr letztes Wort sagen werde: Ja oder nein. So bereite dich jetzt mal darauf vor, vergiß es nicht!“

Ganjä geriet plötzlich dermaßen in Verwirrung, daß er sogar ein wenig erblaßte.

„Hat sie das wirklich gesagt?“ fragte er, und seine Stimme war unsicher.

„Vorgestern. Sie gab uns schließlich ihr Wort. Wir bedrängten sie beide so lange, bis sie es endlich versprach. Nur bat sie uns, es dir bis zum letzten Augenblick nicht zu sagen.“

Der General blickte Ganjä aufmerksam an: ihm schien dessen Verwirrung nicht zu gefallen.

„Vergessen Sie aber nicht, Iwan Fedorowitsch,“ sagte Ganjä erregt und mit unsicherer Stimme, „daß sie mir bis zu dem Augenblick, in dem sie sich entscheidet, volle Freiheit gegeben hat, und auch dann habe ich noch die Möglichkeit, mich nach meinem freien Willen zu entschließen.“

„Ja, willst du denn... so willst du also...“ stotterte der General erschrocken.

„Ich? – Nichts.“

„Aber ich bitte dich, als was willst du uns denn hinstellen?“

„Ich habe ja nicht gesagt, daß ich mich weigern werde. Ich habe mich vielleicht nicht ganz richtig ausgedrückt...“

„Das fehlte noch, daß du dich weigerst!“ rief der General ärgerlich aus, ohne seinen Ärger verbergen zu wollen. „Hier mein Freund, handelt es sich nicht mehr darum, daß du dich nicht weigerst, sondern hier handelt es sich um deine Bereitwilligkeit, um deine Freude, mit der du ihr Jawort vernimmst... Wie steht’s bei dir zu Hause?“

„Wie soll es da stehn? Zu Hause geschieht alles nach meinem Willen, nur mein Vater kann natürlich seinen Blödsinn nicht lassen. Er ist ja jetzt schon ganz unmöglich geworden. Ich rede überhaupt nicht mehr mit ihm, halte ihn aber noch im Zaum. Wenn die Mutter nicht wäre, würde ich ihm einfach die Tür weisen. Meine Mutter weint natürlich, und meine Schwester ärgert sich. Ich habe ihnen aber jetzt endlich einmal offen gesagt, daß ich Herr meines Schicksals bin und in meinem Hause wünsche, daß man mir... gehorcht. Meiner Schwester wenigstens habe ich es kurz und bündig auseinandergesetzt, und zwar in Gegenwart meiner Mutter.“

„Tja, Freund, ich begreife wahrhaftig nicht!“ sagte der General, indem er mit gehobenen Schultern die Hände ausbreitete und wieder sinken ließ. „Mit Nina Alexandrowna ist es ganz dasselbe – du weißt, als sie vorhin bei mir war, stöhnte und seufzte sie. ‚Was haben Sie denn gegen diese Heirat?‘ fragte ich. Da stellt es sich denn heraus, daß es für sie eine Entehrung sei. Aber erlaub’ mal, wer kann denn hier von Entehrung reden? Wer kann denn Nastassja Filippowna auch nur irgendeinen Vorwurf machen oder ihr etwas Schlechtes nachsagen? Doch nicht ewig das eine, daß sie zu Tozkij in Beziehung gestanden hat? Aber das ist doch nur lächerlich, namentlich wenn man gewisse Verhältnisse in Betracht zieht! ‚Sie werden sie doch nicht mit Ihren Töchtern verkehren lassen,‘ sagte sie. Da haben wir’s! Ich begreife Nina Alexandrowna einfach nicht! Wie kann man nur so wenig... so wenig...“

„So wenig seine Stellung begreifen?“ half Ganjä dem General. „Seien Sie ihr nicht böse: sie begreift ihre Stellung zu gut. Ich habe ihr damals sogleich tüchtig die Wahrheit gesagt, damit sie sich nicht mehr in fremde Angelegenheiten einmischt. Und doch ist das einzige, was das Haus bis jetzt zusammenhält, daß das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Das Gewitter aber zieht schon herauf. Wenn heute das letzte Wort gesagt wird, so wird auch alles übrige gesagt werden.“

Der Fürst hatte, während er am anderen Tisch seine Schriftprobe verfaßte, das ganze Gespräch der beiden mit angehört. Als er fertig war, trat er an den ersten Tisch und überreichte dem General das Blatt.

„Das also ist Nastassja Filippowna?“ murmelte er halblaut vor sich hin, während er aufmerksam und neugierig die Photographie auf dem Schreibtisch betrachtete: „Wie wunderbar schön!“ rief er gleich darauf ganz begeistert aus.

Die Photographie zeigte einen Frauenkopf von allerdings ungewöhnlicher Schönheit. Sie hatte sich in einem sehr schlichten, doch um so eindrucksvolleren schwarzen Seidenkleide photographieren lassen; ihr offenbar dunkelblondes Haar war sehr einfach aufgesteckt; die Augen waren dunkel, tief, die Stirn nachdenklich. Der Ausdruck des Gesichts verriet Leidenschaft und Hochmut. An sich war das Gesicht etwas hager, vielleicht auch bleich...

Ganjä und der General blickten beide ganz erstaunt den Fürsten an.

„Wie, Nastassja Filippowna? Ja, kennen Sie denn Nastassja Filippowna?“ fragte der General.

„Ja. Ich bin wohl noch nicht ganze vierundzwanzig Stunden in Rußland, diese Schönheit hier kenne ich aber schon.“

Und der Fürst berichtete von seiner Begegnung mit Rogoshin und was dieser ihm erzählt hatte.

„Das sind mir mal Neuigkeiten!“ bemerkte der General erregt, nachdem er dem Fürsten sehr aufmerksam zugehört hatte, worauf er forschend Ganjä anblickte.

„Wahrscheinlich hat er nichts als Unanständigkeiten im Sinn,“ brummte Ganjä, der gleichfalls etwas betroffen zu sein schien. „Kennt man... ein Kaufmannssohn, der durchgehen will. Ich habe bereits einiges von ihm gehört.“

„Auch ich, mein Lieber, habe von ihm gehört,“ griff der General auf. „Gleich damals nach der Geschichte mit den Ohrringen erzählte uns Nastassja Filippowna das ganze Erlebnis. Aber jetzt hat sich die Sachlage doch bedeutend geändert. Da steckt vielleicht wirklich eine Million und... Leidenschaft. Gesetzt – eine unanständige Leidenschaft... vielleicht... aber es riecht jedenfalls nach Leidenschaft, und wozu diese Leute im Rausch fähig sind, das weiß man!... Hm!... Wenn nur keine Geschichte daraus entsteht!“ schloß der General nachdenklich.

„Sie fürchten wohl die Million?“ fragte Ganjä mit einem Lächeln, das seine Zähne entblößte.

„Und du natürlich nicht?“

„Was meinen Sie, Fürst?“ wandte sich plötzlich Ganjä an diesen, „was für einen Eindruck hat er auf Sie gemacht? Ist es ein ernster Mensch oder nur so ein... wüster Kerl? Ich möchte gern Ihre persönliche Meinung hören.“

Es ging etwas Besonderes vor in Ganjä, als er diese Frage stellte. Es war, als wenn plötzlich eine neue Idee in seinem Hirn aufgeblitzt wäre und jetzt ungeduldig aus seinen Augen hervorleuchtete. Der General, der sich außerordentlich beunruhigt fühlte, blickte von der Seite gleichfalls auf den Fürsten, doch schien er nicht viel von seiner Antwort zu erwarten.

„Ich weiß nicht, wie ich es Ihnen sagen soll,“ antwortete der Fürst, „ich glaube, daß in ihm viel Leidenschaft steckt, sogar eine gewissermaßen kranke Leidenschaft. Und er scheint ja auch physisch noch ganz krank zu sein. Es ist leicht möglich, daß er sich schon nach den ersten Tagen in Petersburg wieder wird hinlegen müssen, namentlich, wenn er noch wüst daraufloslebt.“

„So? Also diesen Eindruck hat er auf Sie gemacht?“ Der General hielt sich offenbar gern an diese Auffassung.

„Ja, so scheint es mir.“

„Und dennoch können Wendungen von dieser Art nicht erst nach einigen Tagen, sondern heute noch eintreten, vielleicht werden wir noch heute abend etwas erleben,“ sagte Ganjä zum General, wiederum mit einem Lächeln, das seine Zähne zeigte.

„Hm!... Gewiß... Dann kommt es eben nur darauf an, welch eine Laune ihr in den Kopf fährt,“ meinte der General.

„Und Sie wissen wohl noch nicht, wie sie mitunter sein kann?“

„Das heißt – wie sein kann?“ fuhr der General auf, der sehr verstimmt und auch etwas verwirrt aussah. „Hör’ mal, Ganjä, ich bitte dich, widersprich ihr heute nicht und bemühe dich, so, weißt du, nun so... mit einem Wort: so nach ihrem Geschmack zu sein... Hm!... Weshalb verziehst du denn den Mund? Hör’ mal, Gawrila Ardalionytsch, es ist Zeit, daß wir uns einmal klar werden über die Dinge, sogar höchste Zeit: für wen mühen wir uns denn? Du begreifst doch, daß ich mir in bezug auf meinen eigenen Vorteil keine Sorgen zu machen brauche: der ist vollkommen sichergestellt. Ob so oder so, jedenfalls werde ich die Sache zu meinem Vorteil zu wenden wissen. Tozkijs Entschluß ist unerschütterlich, folglich kann ich ruhig sein. Und deshalb merk’ dir, mein Lieber, daß, wenn ich jetzt überhaupt was wünsche, dieses einzig dein Vorteil ist. Urteile doch selbst! Oder traust du mir etwa nicht? Aber du bist doch ein... ein Mensch... mit einem Wort, ein vernünftiger Mensch, und das ist doch in diesem Fall... das ist doch... ist doch...“

„Die Hauptsache,“ half Ganjä wieder dem etwas in die Enge geratenen General, worauf er seine Lippen zum beißendsten Lächeln verzog, das er jetzt nicht einmal mehr zu verbergen suchte. Er sah mit flammendem Blick ganz offen dem General in die Augen, als wünsche er, daß jener in seinem Auge alle seine Gedanken lese. Der General wurde feuerrot und geriet in Zorn.

„Nun ja, Vernunft ist die Hauptsache!“ sagte er scharf, indem er Ganjä streng anblickte. „Du bist, weiß Gott, ein komischer Mensch, Gawrila! Wie ich sehe, freust du dich geradezu über das Auftauchen dieses Kaufmannssohnes wie über einen Ausweg für dich. Hier hat es sich doch von Anfang an gerade um deine Vernunft gehandelt; hier galt es doch vor allen Dingen, zu begreifen und... beiderseits ehrlich und offen zu handeln oder... sonst wenigstens beizeiten zu sprechen, um nicht andere bloßzustellen. Zeit war dazu doch genug vorhanden, und es ist sogar auch jetzt noch nicht zu spät,“ (der General zog bedeutsam die Brauen in die Höhe) „obschon uns nur noch ein paar Stunden geblieben sind... Haben wir uns verstanden? Nun? so sag’ doch: willst du oder willst du nicht?... Willst du nicht, so sprich es aus – es steht dir vollkommen frei. Niemand wird Sie, mein bester Gawrila Ardalionytsch, dazu bereden, niemand zieht Sie mit Gewalt in die Falle, vorausgesetzt, daß Sie eine Falle hierin sehen.“

„Ich will,“ sagte Ganjä halblaut, doch mit fester Stimme; er blickte zu Boden und verstummte finster.

Der General war zufriedengestellt. Er war in Hitze geraten, bereute es aber augenscheinlich schon, daß er sich so weit hatte fortreißen lassen. Plötzlich wandte er sich zum Fürsten, und auf seinem Gesicht drückte sich flüchtig der unruhige Gedanke aus, daß der Fürst ja zugegen gewesen war und folglich alles gehört hatte. Doch er beruhigte sich sofort: ein Blick auf den Fürsten genügte, um jede Befürchtung auszuschließen.

„Oho!“ rief der General erstaunt aus, als er die Schriftprobe erblickte, die der Fürst fertiggestellt hatte. „Aber das ist ja einfach Kalligraphie! Und sogar eine seltene! Ganz großartig! Sieh mal her, Ganjä, was sagst du zu diesem Talent?“

Auf einem Blatt dicken Velinpapiers hatte der Fürst in mittelalterlicher, russischer Schrift die Worte geschrieben:

„In Demut unterzeichnet dieses

Igumen Pafnutij.“

„Dieses hier,“ erklärte der Fürst bereitwilligst und mit sichtlichem Interesse an der Sache, „ist die eigenhändige Unterschrift des Abtes Pafnutius nach einem Faksimile aus dem vierzehnten Jahrhundert. Sie schrieben alle prächtig, unsere alten Äbte und Metropoliten, und mit soviel Geschmack und Sorgfalt! Haben Sie nicht die Popodinsche Ausgabe zur Hand, Exzellenz?... Und hier habe ich in einer anderen Art geschrieben: das ist die runde, deutliche französische Schrift des vorigen Jahrhunderts, manche Buchstaben wurden sogar ganz anders geschrieben. Es ist eine offizielle Schrift, die Schrift der öffentlichen Schreiber, nach einer ihrer Vorlagen – ich hatte eine – und sie ist nicht ohne Vorzüge, das werden Sie zugeben. Betrachten Sie diese runden o, e und a. Ich habe den französischen Charakter der Schrift auf die russischen Buchstaben übertragen, was freilich durchaus nicht leicht ist – aber es ist mir doch gelungen. Und dann hier: gleichfalls eine schöne originelle Schrift, hier dieser Satz: ‚Energie kann alles überwinden‘. Das ist eine echt russische, die Handschrift eines russischen Schreibers, oder wenn Sie wollen, Militärschreibers. So wird in dienstlichen Angelegenheiten an hohe Vorgesetzte geschrieben. Der Charakter dieser Schrift ist gleichfalls rund, entzückend, eine schwarze Schrift, wie man sie nennt, viel Tinte, doch mit sehr viel Geschmack geschrieben. Ein Kalligraph würde diese Schnörkel, oder richtiger, diese Ansätze zu Schnörkeln, diese halben, unvollendeten Schwänzchen – sehen Sie, hier und hier – nicht zulassen, aber als Ganzes betrachtet, nicht wahr, machen sie doch gerade den Charakter aus. Und wirklich, in ihnen verrät sich die ganze militärisch gedrillte Schreiberseele: er würde so gern einen schwungvollen Schnörkel machen, das Talent will sich kundtun, aber es geht nicht – der Militärkragen ist eng zugeknöpft – die Disziplin erstreckt sich sogar bis auf die Handschrift – ganz wundervoll! Diese Probe fand ich vor nicht langer Zeit ganz zufällig, und noch dazu wo? – in der Schweiz! Sie frappierte mich geradezu. Nun, und dieses hier ist die gewöhnliche, sehr einfache, echt englische Schrift: weiter kann die Eleganz nicht gehen, hier ist alles vollendet! Wie aufgereihte Glasperlen sind die Buchstaben. Unübertrefflich. Doch hier eine Variation derselben, und wiederum eine französische, ich habe sie von einem französischen Commis voyageur1: es ist fast dieselbe englische Schrift, nur sind die Grundstriche ein wenig, nur um ein Haar, schärfer und dicker – und sehen Sie: die ganze Proportion ist sofort aufgehoben! Und beachten Sie auch das Oval der Buchstaben: sie sind um ein Haar runder, auch hat er sich einen Schnörkel erlaubt, ein Schnörkel aber ist ein überaus gefährliches Ding. Ein Schnörkel verlangt einen seltenen Geschmack. Ist er aber wirklich gelungen, ist die richtige Proportion getroffen, so läßt sich diese Schrift mit keiner einzigen vergleichen, dann ist sie so schön, daß man sich einfach in sie verlieben kann.“

„Oho! In was für Feinheiten Sie sich da vertiefen!“ sagte der General lachend. „Sie scheinen ja durchaus kein gewöhnlicher Kalligraph, sondern ein ganzer Künstler in diesem Fach zu sein – habe ich nicht recht, Ganjä?“

„In der Tat,“ gab Ganjä mit vollem Bewußtsein seine Zustimmung, nur mit leise spöttischem Lächeln die Worte begleitend.

„Lach’ nur, lach’ nur, aber damit kann man doch Karriere machen!“ sagte der General. „Wissen Sie auch, Fürst, an welche Persönlichkeit wir Sie unsere Eingaben werden schreiben lassen? Nein, Ihnen kann man ja von vornherein fünfunddreißig Rubel monatliches Gehalt zahlen. Oh! schon halb eins!“ unterbrach er sich nach einem Blick auf die Uhr. „Zur Sache, Fürst, ich muß mich beeilen, und heute werden wir uns wohl nicht wiedersehen. Setzen Sie sich noch auf einen Augenblick. Wie ich Ihnen bereits gesagt habe, wird es mir nicht möglich sein, Sie oft zu empfangen, doch ein wenig helfen will ich Ihnen herzlich gern, ein wenig, wie gesagt, das heißt natürlich nur im... im Allernotwendigsten, dann aber, fürs Weitere sozusagen, müssen Sie schon selbst Sorge tragen. Ich werde Ihnen eine kleine Anstellung in einer Kanzlei verschaffen, nichts besonders Schwieriges, nur verlangt so etwas innere Akkuratesse. Jetzt kommen wir auf das andere zu sprechen: im Hause, oder vielmehr in der Wohnung Gawrila Ardalionytsch Iwolgins, meines jungen Freundes hier, den ich Ihnen hiermit vorstelle, haben Mutter und Schwester desselben zwei oder drei möblierte Zimmer eingerichtet, die sie an gutempfohlene Mieter abgeben, versteht sich: mit Kost und Bedienung. Meine Empfehlung wird Nina Alexandrowna, denke ich, genügen. Für Sie aber, Fürst, dürfte das ein gefundener Schatz sein, erstens weil Sie dann nicht allein, sondern sozusagen im Schoße einer Familie leben werden, denn meiner Ansicht nach wäre es für Sie sehr unangenehm, in einer Großstadt wie Petersburg – besonders in der ersten Zeit – ganz allein zu sein. Nina Alexandrowna – die Mutter – und Warwara Ardalionowna – sind zwei Damen, die ich sehr hochschätze. Nina Alexandrowna ist die Gattin Ardalion Alexandrowitschs, eines verabschiedeten Generals, meines ehemaligen Regimentskameraden in jüngeren Jahren, mit dem ich aber aus gewissen Gründen den Verkehr abgebrochen habe, was mich jedoch nicht hindert, ihn in seiner Art zu achten. Alles dies erkläre ich Ihnen jetzt, Fürst, damit Sie sehen, daß ich Sie sozusagen persönlich empfehle und folglich für Sie gewissermaßen garantiere. Zu zahlen haben Sie für Kost und Logis einen sehr mäßigen Preis, doch wird, wie ich hoffe, Ihr Gehalt alsbald vollkommen dazu ausreichen. Es ist ja wahr, ein Mensch braucht auch etwas Taschengeld, wenn auch nur sehr wenig, aber – nehmen Sie es mir nicht übel, Fürst, wenn ich Ihnen rate, den Besitz von Taschengeld lieber zu vermeiden oder überhaupt zu vermeiden, Geld in der Tasche zu haben. Ich sage es nur so nach meiner Auffassung Ihres Charakters. Doch da Ihr Beutel im Augenblick ganz leer ist, so erlauben Sie mir, Ihnen jetzt – für den Anfang – hier diese fünfundzwanzig Rubel anzubieten. Wir können Sie ja dann später, natürlich, verrechnen: wenn Sie in der Tat ein so herzlicher und aufrichtiger Mensch sind, wie Sie zu sein scheinen, so wird es hierin zwischen uns niemals Schwierigkeiten geben. Wenn ich mich für Sie interessiere, so geschieht es, weil ich in bezug auf Sie bereits etwas im Sinne habe – was es ist, werden Sie später erfahren. Sie sehen, ich bin ganz offen zu Ihnen. Ich hoffe, Ganjä, daß du gegen die Aufnahme des Fürsten in deine Familie nichts einzuwenden hast.“

„Oh, im Gegenteil! Meine Mutter wird sich sehr freuen...“ versicherte Ganjä höflich.

„Ihr habt doch, glaube ich, bis jetzt nur ein Zimmer vermietet? An diesen – na, wie heißt er doch gleich? – Ferd... Ferd...“

„Ferdyschtschenko.“

„Nun ja. Weiß der Teufel, aber der Kerl gefällt mir nicht. Scheint mir irgend so ein schmieriger Patron zu sein. Und ich versteh auch nicht, warum Nastassja Filippowna ihn so protegiert? Ist er etwa wirklich mit ihr verwandt?“

„Oh, nein, das war doch nur ein Scherz! Keine Spur von Verwandtschaft!“

„Na, dann hol’ ihn der Teufel! Und Sie, Fürst, sind Sie damit zufrieden oder nicht?“

„Ich danke Ihnen, Exzellenz, Sie sind ungemein gütig zu mir, um so mehr, als ich Sie nicht einmal um etwas gebeten habe. Ich sage das jetzt nicht etwa aus Stolz. Ich wußte zwar eigentlich selbst noch nicht, wohin ich heute mein Haupt legen sollte. Allerdings hat mich Rogoshin zu sich aufgefordert...“

„Rogoshin? Nun nein, das geht denn doch nicht. Ich würde Ihnen väterlich, oder wenn Sie wollen, freundschaftlich raten, diesen Rogoshin ganz zu vergessen. Und überhaupt würde ich Ihnen raten, sich mehr der Familie anzuschließen, in die Sie eintreten.“

„Da Sie nun einmal so gütig zu mir sind,“ wollte der Fürst von seiner besonderen Angelegenheit beginnen, „so erlauben Sie mir, bitte, Sie in einer für mich sehr wichtigen Angelegenheit um Rat zu fragen. Ich bin vor nicht langer Zeit durch einen Bevollmächtigten benachrichtigt worden...“

„Nein, jetzt müssen Sie mich schon entschuldigen,“ unterbrach ihn der General, „ich habe keinen Augenblick mehr zu verlieren. Ich werde Sie noch bei Lisaweta Prokofjewna anmelden: wünscht sie, Sie sogleich zu empfangen – ich werde mich bemühen, Sie dementsprechend zu empfehlen –, so rate ich Ihnen, die Gelegenheit zu benutzen und ihr zu gefallen, denn Lisaweta Prokofjewna kann sehr viel für Sie tun. Und dazu sind Sie ja ihr – Namensvetter. Wünscht sie es dagegen nicht, so nehmen Sie es ihr nicht übel und sprechen Sie einmal zu einer anderen Stunde vor. Du, Ganjä, sieh mal inzwischen hier diese Rechnungen durch, wir konnten gestern, Fedossejeff und ich, nicht damit ins reine kommen. Die darf man nicht vergessen, auch noch hinzuzufügen...“

Der General verließ bereits das Zimmer, und so kam denn der Fürst doch nicht dazu, mit ihm über die überaus wichtige Angelegenheit zu reden, von der er zu sprechen begonnen hatte. Ganjä zündete sich eine Zigarette an, worauf er auch dem Fürsten sein Etui reichte. Der Fürst nahm eine Zigarette, knüpfte aber, da er nicht stören wollte, kein Gespräch an, sondern begann, das Zimmer zu betrachten. Ganjä jedoch schenkte dem mit Zahlen bedeckten Blatt Papier, auf das ihn der General aufmerksam gemacht hatte, kaum einen Blick. Er war augenscheinlich sehr zerstreut: sein Lächeln, seine bei aller Nachdenklichkeit auffallende Zerfahrenheit erschienen dem Fürsten noch unangenehmer, seitdem sie beide allein zurückgeblieben waren. Plötzlich trat Ganjä an den Fürsten heran. Dieser stand wieder über die Photographie Nastassjas Filippownas gebeugt und betrachtete sie.

„Also Ihnen gefällt eine solche Frau, Fürst?“ fragte er ganz unvermittelt, während er ihn durchdringend ansah, als hätte er irgendeine außergewöhnliche Absicht gehabt.

„Ein wunderbares Gesicht!“ sagte der Fürst, „und ich bin überzeugt, daß ihr Schicksal kein gewöhnliches ist. Das Gesicht ist an sich fast heiter, aber sie muß doch unglaublich gelitten haben, nicht? Das sieht man den Augen an, sehen Sie diese beiden hervorstehenden Knochen bei den Augen, hier, wo die Wangen beginnen. Es ist ein stolzes Gesicht, unglaublich stolz, nur weiß ich nicht, ob sie auch gut ist. Ach, wenn sie es doch wäre! Dann wäre alles gerettet!“

„Würden Sie eine solche Frau heiraten?“ fragte Ganjä plötzlich ganz unvermittelt, ohne seinen flammenden Blick von ihm abzuwenden.

„Ich kann niemals heiraten, ich bin nicht gesund,“ sagte der Fürst.

„Aber würde Rogoshin sie heiraten? Was meinen Sie?“

„Oh, heiraten würde der sie, glaube ich, wenn nicht heute, dann morgen. Er würde sie heiraten, jawohl, nach einer Woche aber – würde er sie ermorden.“

Kaum hatte der Fürst das gesagt, als Ganjä plötzlich so heftig zusammenfuhr, daß der Fürst beinahe aufschrie vor Schreck.

„Was ist Ihnen?“ fragte er entsetzt und ergriff seine Hand.

„Seine Exzellenz lassen Durchlaucht bitten, sich gefälligst zu Ihrer Exzellenz bemühen zu wollen,“ sagte der Diener, der in der Tür erschienen war.

Der Fürst folgte ihm zur Generalin.

IV

Alle drei Töchter des Generals waren gesunde, blühende, gutgewachsene junge Damen mit wundervollen Schultern, straffer Büste und großen, fast könnte man sagen – Männerhänden. Infolge ihrer guten Gesundheit und frischen Jugend aßen sie sich gern tüchtig satt, wessen sie sich übrigens durchaus nicht schämten, und was sie daher auch vor Fremden gar nicht zu verbergen suchten. Zwar war ihre Mutter, die Generalin Lisaweta Prokofjewna, mitunter etwas ungehalten über diesen offen bekundeten, echten Jugendhunger; doch da gar manche ihrer Ansichten trotz aller äußeren Ehrerbietung, mit der die Töchter sie anhörten, im Grunde schon längst ihre anfängliche und unerschütterliche Autorität eingebüßt hatten – und das sogar in einem solchen Maße, daß die einstimmige Partei der drei jungen Mädchen fast immer recht behielt, so fand es die Generalin im Hinblick auf ihre persönliche Würde weit bequemer und ersprießlicher, nicht zu streiten, sondern nachzugeben. Freilich wollte sie auch nicht immer nachgeben und sich dem Willen der Töchter fügen. Lisaweta Prokofjewna wurde mit jedem Jahre launischer, ungeduldiger und unduldsamer, ja, sie konnte bisweilen sogar sehr sonderbar sein. Doch da sie immer einen ihr äußerst zugetanen und von ihr gut erzogenen Gatten bei der Hand hatte, so ergoß sich der Ärger, wenn sich ein solcher in ihrem Herzen angesammelt hatte, gewöhnlich über sein Haupt, worauf die Harmonie in der Familie wiederhergestellt war und alles von neuem im alten Gleise seinen gewohnten Gang nahm.

Übrigens besaß auch die Generalin selbst keinen gerade schlechten Appetit, und so nahm sie täglich um halb ein Uhr an einem sehr reichhaltigen Frühstück teil, das man jedoch ebensogut ein Mittagsmahl hätte nennen können. Eine Tasse Kaffee wurde von den jungen Damen bereits früher getrunken, um neun Uhr, und das geschah in der Regel noch im Bett. Daran hatten sie sich einmal gewöhnt und dabei blieb es. Um halb eins wurde dann im kleinen Speisesalon in der nächsten Nähe der Gemächer der Frau Mama der Frühstückstisch gedeckt. Zu diesem intimen Dejeuner im engsten Familienkreise erschien bisweilen auch der General, wenn seine Zeit es ihm erlaubte. Da gab es denn außer Kaffee, Tee, Käse, Honig, Butter, gewisse Löffelkuchen, die besonders von der Generalin sehr gern gegessen wurden, auch noch Kotteletts und sogar eine starke heiße Bouillon. An jenem Morgen, an dem unsere Erzählung beginnt, hatten sich Mutter und Töchter wie gewöhnlich an der Frühstückstafel versammelt und erwarteten den General, der versprochen hatte, um halb eins sich gleichfalls einzufinden. Hätte er nur eine Minute länger auf sich warten lassen, so würde sofort nach ihm geschickt worden sein. Doch er erschien pünktlich.

Als er an seine Gattin herantrat, um ihr einen „Guten Morgen“ zu wünschen und die Hand zu küssen, bemerkte er in ihrem Gesicht einen ganz eigenartigen Ausdruck, und wenn er auch schon am Abend vorher nicht anders erwartet hatte, als daß es infolge einer gewissen „Geschichte“ – wie er Ähnliches in Gedanken zu nennen pflegte – genau so kommen würde, und sich noch im Einschlafen darob Sorgen gemacht hatte, so wurde ihm jetzt doch trotz der Vorbereitung etwas bange. Die Töchter kamen alle drei zum Papa, um ihm den Morgenkuß zu geben; die hatten nun allerdings keinen Grund, ihm gram zu sein, aber auch aus ihren Mienen glaubte sein argwöhnisches Gewissen etwas Besonderes herauszulesen. Freilich war der General aus gewissen Gründen mehr als nötig mißtrauisch geworden, und da er bei alledem noch ein erfahrener und talentvoller Gatte und Vater war, so traf er schleunigst seine Vorkehrungen.

Doch, wie ich sehe, muß ich hier von meiner Erzählung abschweifen und zur Erläuterung der Situation noch einiges über die inneren Verhältnisse der Familie Jepantschin hinzufügen.

Der General war, wie bereits erwähnt, zwar kein sehr gebildeter Mann – er selbst nannte sich gern einen Autodidakten, doch das hinderte ihn nicht, als Gatte und Vater ein geschickter Stratege zu sein. Unter anderem befolgte er auch den Grundsatz, seine Töchter nicht zum Heiraten zu drängen, d. h. „gleich einem Damoklesschwert über ihnen zu hängen“, und sie mit einer übergroßen väterlichen Besorgnis zu ihrem Glück zu drängen, wie es sonst fast ausnahmslos in allen Familien geschieht, in denen es erwachsene Töchter gibt. Ja, es war sogar ausschließlich dem Einfluß des Generals zuzuschreiben, daß auch Lisaweta Prokofjewna, seine Gattin, diesem Verfahren beitrat, obschon es für eine Frau doch recht schwer sein mußte – schwer, weil unnatürlich. Aber die Argumente des Generals waren zu überzeugend und stützten sich überdies noch auf handgreifliche Beweise. Mädchen, die sich vollkommen allein überlassen blieben, mußten sich doch mit der Zeit unwillkürlich selbst entschließen, Vernunft anzunehmen – und dann würde das Unternehmen ganz anders in Gang gesetzt werden: das lag doch auf der Hand! Sie würden sich dann mit ganz anderer Lust und wirklichem Eifer an die Sache machen und alle Launen und wählerisches Mäkeln hübsch beiseite lassen; die Eltern brauchten aber in solchem Fall nur darauf achtzugeben, daß die Töchter keine gar zu sonderbare Wahl trafen oder sonst eine unnatürliche Neigung an den Tag legten, um nur, wenn dann der wichtige Augenblick gekommen war, sofort mit aller Kraft nachzuhelfen und mit Ausnutzung jedes Einflusses die Angelegenheit ins richtige Gleis zu bringen. Hinzu kam noch, daß ihr Vermögen und ihr gesellschaftliches Ansehen mit jedem Jahre in geometrischem Verhältnis wuchs – folglich gewannen auch die Töchter, lediglich als „Partien“ betrachtet, mit jedem Jahr. Und zu dieser Tatsache war in jüngster Zeit noch eine andere wichtige Tatsache hinzugekommen: Die älteste Tochter, Alexandra, war plötzlich und ganz unerwartet – wie das gewöhnlich zu geschehen pflegt – fünfundzwanzig Jahre alt geworden. Fast um dieselbe Zeit hatte sich Afanassij Iwanowitsch Tozkij, ein Mann aus der besten Gesellschaft, der Beziehungen zu den angesehensten Persönlichkeiten hatte und außerordentlich reich war, wieder einmal zur Verwirklichung seines längst nicht mehr neuen Wunsches, sich zu verheiraten, fest entschlossen. Er war ein Mann von ungefähr fünfundfünfzig Jahren, von vornehmer Gesinnung und Gesittung, was man so nennt, und von einer seltenen Geschmacksfeinheit. Er wollte nicht „geschmacklos“ heiraten, denn er wußte Schönheit sehr zu schätzen, und da er mit dem General Jepantschin seit einiger Zeit innige Freundschaft pflegte, die namentlich durch gemeinsame Beteiligung an einzelnen finanziellen Unternehmungen herbeigeführt worden war, so stellte er denn an ihn die Frage, gewissermaßen in der Form einer Bitte um seinen freundlichen Rat und Beistand, ob es ginge oder nicht, daß er bei einer seiner Töchter anhielt.

Diese Frage verursachte im stillen, ruhig-schönen Lebenslauf der Familie Jepantschin einen sichtlichen Umschwung.

Die unbestrittene Schönheit in der Familie war, wie bereits erwähnt, Aglaja, die Jüngste. Aber selbst Tozkij, der sich sonst durch ganz außerordentliche Eigenliebe auszeichnete, begriff, daß sie nicht für ihn bestimmt sein konnte. Es ist möglich, daß die blinde Liebe und gar zu glühende Freundschaft der Schwestern die Sache etwas übertrieb, doch mußte Aglajas Leben ihrer festen Überzeugung nach nicht ein gewöhnliches Leben, sondern womöglich das verwirklichte Ideal eines irdischen Paradieses werden. Aglajas zukünftiger Mann sollte alle Tugenden und Vollkommenheiten in sich vereinigen, vom Besitz irdischer Güter schon ganz zu schweigen. Die beiden Schwestern hatten sogar beschlossen – und zwar ohne viel Worte zu verlieren – falls es nötig sein sollte, nach Möglichkeit von ihrer Mitgift zugunsten Aglajas einen Teil abzutreten, denn Aglaja sollte, meinten sie, ein ganz kolossales Vermögen besitzen. Die Eltern wußten um diese Absicht, und deshalb zweifelten sie kaum, als Tozkij um ihren Rat bat, daß eine von ihren Töchtern seinen Wunsch erfüllen und seinen Antrag annehmen würde, um so weniger, als der reiche Freier in betreff der Mitgift nicht allzu peinlich sein würde. Der General hatte seinerseits den Antrag Tozkijs sofort mit der ihm eigenen Lebensweisheit sehr hoch einzuschätzen gewußt. Nun ging aber Tozkij aus gewissen besonderen Gründen nur mit äußerster Vorsicht in dieser Angelegenheit vor – sondierte einstweilen noch – und daher hatten auch die Eltern mit ihren Töchtern von der Sache nur wie von einer fernen Möglichkeit gesprochen. Als Antwort hatten sie von den Töchtern den gleichfalls noch ziemlich unbestimmt ausgedrückten Bescheid erhalten, daß Alexandra, die Älteste, ihm vielleicht keinen Korb geben würde. Alexandra war ein herzensgutes Mädchen, wenn auch nicht ohne gewisse Charakterfestigkeit, sehr verständig und äußerst verträglich. Einen Mann wie Tozkij hätte sie ohne Überwindung sogar ganz gern zu heiraten vermocht, und es war sicher, wenn sie einmal ihr Wort gegeben, dann würde sie treu und gewissenhaft ihre Pflicht erfüllen. Glanz liebte sie nicht, und es war von ihr keine Launenhaftigkeit samt den damit verbundenen Scherereien zu erwarten, sondern sie konnte möglicherweise das Leben eines Mannes sogar versüßen und ruhig und angenehm machen. Dabei war sie hübsch, sehr hübsch, wenn sie auch nicht gerade Aufsehen erregte. Was konnte Tozkij Besseres wünschen?

Einstweilen aber fuhr man fort, mit entschlossenerem Vorgehen immer noch zu zögern. Gemeinsam und freundschaftlich war von Tozkij und dem General beschlossen worden, vorderhand jeden formellen und unwiderruflichen Schritt zu vermeiden. Und so vermieden es auch die Eltern, offen mit den Töchtern zu reden. Und das war schließlich der Grund, weshalb sich in die bisherige Übereinstimmung unmerklich eine Mißstimmung eingeschlichen hatte. Die Generalin selbst war plötzlich unzufrieden, und schon das allein war von großer Bedeutung. Es gab da nämlich einen gewissen verwickelten und recht unangenehmen „Zwischenfall“, der vielleicht sogar alle Heiratspläne zerschlagen und für immer unmöglich machen konnte.

Dieser verwickelte und unangenehme „Zwischenfall“, wie sich Tozkij auszudrücken pflegte, hatte eine Vorgeschichte, die schon ziemlich weit zurücklag. In einem der mittleren Gouvernements des europäischen Rußlands lebte einst auf einem kleinen Gütchen, das an eines der größten Güter Afanassij Iwanowitsch Tozkijs grenzte, in ärmlichen Verhältnissen ein gänzlich vermögensloser Krautjunker, der wegen seines sprichwörtlichen, überall und unermüdlich ihn verfolgenden Mißgeschicks eine wirklich bemerkenswerte Erscheinung war. Er stammte aus einer guten Adelsfamilie. In dieser Beziehung rangierte Filipp Alexandrowitsch Baraschkoff – so hieß der Betreffende – sogar noch vor Tozkij. Nachdem er als Offizier seinen Abschied genommen und lange Zeit bis über die Haare in Schulden gesteckt hatte, war es ihm endlich nach unermüdlicher, harter, geradezu sibirischer Arbeit gelungen, die Ertragsfähigkeit seines kleinen Gutes so weit in die Höhe zu bringen, daß er wenigstens sein Auskommen hatte. Da er bei allem Pech doch kein Pessimist geworden war, ermutigte ihn jeder noch so geringe Erfolg ganz außerordentlich. Als er nun nach langen Jahren wieder einmal neue Hoffnungen hegen durfte, begab er sich auf ein paar Tage in die nächste Kreisstadt, um daselbst mit einem seiner Hauptgläubiger zu sprechen und, wenn möglich, einen günstigen Vertrag abzuschließen. Am dritten Tage nach seiner Ankunft in der Stadt erschien aber plötzlich sein Dorfältester, reitend, mit verbrannter Wange und versengtem Bart, und meldete gehorsamst, daß am Tage vorher um die Mittagszeit sein „Erbgut“ niedergebrannt sei, „wobei auch die gnädige Frau zu verbrennen geruhten, die Kinderchen aber heil geblieben sind,“ wie er sich buchstäblich ausdrückte. Diesem Schicksalsschlage war jedoch selbst Baraschkoff, der an die Rippenstöße Fortunas so lange Gewöhnte, nicht gewachsen: er wurde irrsinnig und starb nach einem Monat. Das Gut mit dem niedergebrannten Gehöft wurde versteigert, und die Bauern waren bald ihrer Wege gegangen. Der beiden kleinen Mädchen aber, der Töchter Baraschkoffs, die damals sechs und sieben Jahre alt waren, nahm sich in seiner Großmut der Gutsnachbar Tozkij an.

Sie wurden zusammen mit den Kindern eines Verwalters der Tozkijschen Güter, eines Deutschen und ehemaligen Beamten, der eine zahlreiche Familie besaß, erzogen. Bald jedoch starb das eine Mädchen, die Jüngere, am Stickhusten, so daß nur noch die siebenjährige Nastjä4 von der ganzen Familie übrigblieb. Tozkij, der damals im Auslande lebte, hatte sie bald alle beide vergessen. Nach fünf Jahren fiel es ihm dann eines Tages ein, doch mal nachzusehen, wie es auf seinem Gute eigentlich aussah, und da entdeckte er denn zu seiner Überraschung in seinem alten Gutsgebäude unter den Kindern seines deutschen Verwalters ein entzückendes Mädchen von zwölf Jahren, ein ausgelassenes, reizendes, kluges Dingelchen, das einmal sehr schön zu werden versprach – in solchen Dingen war Tozkij ein guter Kenner. Er blieb nur ein paar Tage auf dem Gut, doch genügten sie ihm vollkommen, um einige Anordnungen zu treffen. Die Folge davon war, daß in der Erziehung der Kleinen eine bedeutsame Wendung eintrat. Es erschien alsbald eine ehrwürdige, ältere, sehr gebildete Gouvernante, eine Schweizerin, die sich im Erziehen höherer Töchter bereits gut bewährt hatte, und die außer in der französischen Sprache auch noch in verschiedenen wissenschaftlichen Fächern unterrichtete. Sie zog in das Gutsgebäude ein, und von nun an vergrößerte sich das Wissen der kleinen Nastassja mit jedem Jahre um ein bedeutendes. Nach vier Jahren war die Erziehung abgeschlossen: die Gouvernante fuhr wieder fort, und bald darauf erschien eine ältere Dame, eine Gutsnachbarin Tozkijs – doch aus einem anderen, fernen Gouvernement –, um Nastassja, wie die Instruktion und Bevollmächtigung Tozkijs lautete, auf ein anderes seiner zahlreichen Güter zu bringen. Auf diesem nicht großen Landstück war ein sehr nettes, wenn auch nur kleines Landhaus neu aufgebaut und sehr geschmackvoll eingerichtet worden. Das Gütchen trug wie absichtlich den Namen „Otradnoje“.5 Die alte Dame brachte das Mädchen in dieses stille Haus, und da ihr eigenes Gut nur eine Werst von dort entfernt lag, so richtete sie sich zusammen mit Nastassja in Otradnoje ein. Im Hause lebten noch eine alte Haushälterin und eine junge, geschickte Zofe. Auch gab es dort Musikinstrumente, eine elegante Mädchenbibliothek, Bilder, Skizzen, Zeichenstifte, Farben, kurz, alle Malutensilien, ferner ein schönes sibirisches Windspiel. Nach zwei Wochen erschien auch Afanassij Iwanowitsch in Otradnoje... Und seit der Zeit zeigte er dann eine ganz besondere Vorliebe für dieses entlegene kleine Steppengut, suchte es in jedem Jahre einmal auf, blieb dort zwei oder sogar drei Monate, und so vergingen etwa vier Jahre oder noch mehr, ruhige und glückliche Jahre vornehmen und geschmackvollen Lebens.

Da sollte es aber geschehen, daß einmal, zu Anfang des Winters, ungefähr vier Monate nach dem Sommerbesuch Tozkijs, der diesmal nur zwei Wochen geblieben war, in Otradnoje sich das Gerücht verbreitete und auch Nastassja Filippowna zu Ohren kam, daß Tozkij in Petersburg alsbald ein schönes, reiches und vornehmes Mädchen heiraten – kurz, eine solide und glänzende Partie machen werde. Später zeigte es sich, daß dieses Gerücht nicht in allen Punkten der Wahrheit entsprach. Die Heirat war nur erst ein Projekt, und überhaupt war alles noch sehr unbestimmt, doch in Nastassja Filippowna hatte sich aus diesem Anlaß bereits eine ungeheure Veränderung vollzogen. Sie bewies plötzlich eine ungewöhnliche Entschlossenheit und zeigte einen Charakter, den niemand in ihr vermutet hätte. Ohne sich lange zu bedenken, verließ sie das Landhaus und erschien plötzlich ganz allein in Petersburg, wo sie sich sofort zu Afanassij Iwanowitsch Tozkij begab. Dieser war zunächst sprachlos, sammelte sich aber doch so weit, daß er nach einer Weile mit ihr zu reden begann. Und nun stellte es sich zu seiner noch größeren Überraschung schon nach dem ersten Wort heraus, daß er in einem ganz anderen Ton mit ihr reden mußte, daß er Stil, Stimme, die Themen ihrer früheren so ästhetischen und so angenehmen Gespräche, die er bis jetzt so erfolgreich zu beherrschen gewußt, ja selbst die Logik, kurz – alles, alles, alles von Grund aus verändern mußte! Vor ihm saß ein ganz anderes, ihm vollkommen fremdes Weib, das mit jener Nastassja Filippowna, die er bis jetzt gekannt und erst im Juli in Otradnoje zurückgelassen hatte, nichts, aber auch nichts Gemeinsames hatte.

Diese neue Frau da vor ihm wußte und begriff unglaublich viel – so viel, daß man sich nur wundern konnte, woher sie dieses Wissen erlangt, wie sie so genaue Begriffe in sich hatte ausarbeiten können. Das stand doch nicht in den Büchern ihrer Mädchenbibliothek? Am erstaunlichsten jedoch war, daß sie sogar ausgesprochen juristische Kenntnisse besaß, und wenn ihr auch die Kenntnis der „Welt“ fehlte, so schien sie doch ganz genau zu wissen, wie gewisse Dinge in der „Welt“ zu verlaufen pflegen. Das war gar nicht mehr derselbe Charakter, den sie früher gehabt hatte – jene Zaghaftigkeit und Undefinierbarkeit des jungen Mädchens, das in seiner reizenden Unart und Naivität so bezaubernd sein konnte, mit seiner Lebhaftigkeit und Trauer und ernsten Nachdenklichkeit, seinem Staunen und Mißtrauen, mit seinen Tränen und mit seiner Unruhe.

Nein: hier lachte vor ihm und verletzte ihn mit den beißendsten Sarkasmen ein ganz ungewöhnliches, nie gesehenes Wesen, von dem ihm offen ins Gesicht gesagt wurde, daß es in seinem Herzen nie etwas anderes für ihn empfunden habe als tiefste Verachtung, eine Verachtung bis zum Ekel, die sogleich nach dem ersten Erstaunen eingetreten sei. Diese neue, unbekannte Frau da vor ihm erklärte ferner, daß es ihr im vollen Sinne des Wortes vollkommen gleichgültig sei, ob er heirate oder nicht heirate, und wen er erwählt habe, daß sie aber gekommen sei, um ihm diese Heirat zu verbieten, und zwar einzig aus Bosheit zu verbieten, einzig weil sie es so wollte und es genau so geschehen mußte, wie sie wollte, – „nun, und wenn auch nur, sagen wir, deshalb, um mich über dich totlachen zu können; denn jetzt will auch ich endlich einmal lachen.“

Wenigstens drückte sie sich so aus. Und dabei war mit diesen Worten vielleicht noch lange nicht alles ausgesprochen, was sie im Sinne hatte. Doch während die neue Nastassja Filippowna lachte und sich über ihn lustig machte, überlegte sich Tozkij die neue Wendung der Dinge und suchte seine etwas verwirrten Gedanken nach Möglichkeit wieder in Ordnung zu bringen. Dieses Ordnen und Überlegen nahm nicht wenig Zeit in Anspruch: es dauerte etwa vierzehn Tage, bis er alles begriffen und endgültig bei sich beschlossen hatte, was wohl zu tun sei. Afanassij Iwanowitsch Tozkij war zu jener Zeit nicht weniger als fünfzig Jahre alt und ein im höchsten Grade gesetzt und ehrbar gewordener Mann. Seine gesellschaftliche Stellung hatte sich auf den besten Grundlagen aufgebaut. Sein Ich, seine Ruhe und Bequemlichkeit liebte und schätzte er höher als alles andere auf der Welt, wie es sich ja auch für einen ehrenwerten Menschen gar nicht anders schickt. Nicht die geringste Verletzung oder Störung durfte in diesem Heiligtum zugelassen werden, das jetzt als „Krone des Lebens“ eine so schöne Form angenommen hatte. Andererseits sagten ihm seine Erfahrung und seine Auffassung der Sachlage sehr bald und ausnehmend richtig, daß er es nun mit einem ganz anders gearteten Wesen zu tun habe, mit einem Wesen, das nicht nur drohte, sondern unfehlbar auch handeln würde, und das überdies vor nichts, absolut nichts zurückschreckte, weil ihm jetzt nichts mehr teuer war, so daß man es nicht einmal mehr – gleichviel womit – bestechen konnte. Nein, hier handelte es sich offenbar um etwas ganz anderes, um irgendein inneres, seelisches Chaos – um etwas wie eine romantische Entrüstung über Gott weiß wen und Gott weiß was, jedenfalls war es ein unersättliches Verachtungsbedürfnis, das jedes Maß übersteigt – mit einem Wort, etwas im höchsten Grade Lächerliches und in der guten Gesellschaft Unerlaubtes, dem im Leben zu begegnen für jeden anständigen Menschen eine wahre Strafe Gottes sein mußte. Versteht sich: wenn man solchen Reichtum und solche Verbindungen wie Tozkij besaß, konnte man sich ja doch mit Leichtigkeit und in kürzester Zeit durch eine kleine und vollkommen „harmlose“ Schändlichkeit frei machen. Andererseits aber lag es doch auf der Hand, daß Nastassja Filippowna ihm, sagen wir z. B. im juristischen Sinne so gut wie überhaupt nichts anhaben konnte; nicht einmal einen großen Skandal vermochte sie zu machen, denn es wäre doch ein leichtes gewesen, sie im gegebenen Fall abzufinden. Das war ja nun alles ganz wunderschön und beruhigend, kam aber doch nur in dem Fall in Betracht, wenn Nastassja Filippowna zu solchen Dingen entschlossen gewesen wäre, wie sie in ähnlichen Fällen von Frauen ausgeübt werden, nämlich ohne daß dabei gar zu exzentrisch über den Zaun geschlagen wird. Hier aber kam Tozkij seine durch Erfahrung erworbene Menschenkenntnis sehr zustatten: er erriet, daß Nastassja Filippowna es selbst nur zu gut wußte, wie machtlos sie vom Standpunkt des Gesetzes aus war, und daß sie daher etwas ganz anderes im Sinne haben mußte, etwas, das nur ihre blitzenden Augen ahnen ließen. Da ihr nichts mehr teuer war, und am wenigsten sie sich selbst (es gehörte kein geringer Scharfblick dazu, um zu erraten, daß ihr eigenes Ich schon längst aufgehört hatte, ihr teuer zu sein, und um als Skeptiker und Zyniker an den Ernst dieses Gefühls zu glauben), so war sie imstande, sich selbst rettungslos und womöglich auf die entsetzlichste Art ins Verderben zu stürzen – denn was galt es ihr, unter sibirische Sträflinge zu kommen! – wenn sie nur einmal diesen Menschen beschimpfen konnte, vor dem sie einen so unmenschlichen Ekel empfand! Tozkij hatte es niemals verleugnet, daß er ein wenig feige war oder, sagen wir, höchst – „konservativ“. Wenn er gewußt hätte, daß er z. B. vor dem Traualtar erschlagen werden würde, oder daß ihn etwas Ähnliches erwartete, etwas ebenso Unästhetisches, Lächerliches und in der Gesellschaft Unzulässiges, so wäre er natürlich erschrocken – jedoch nicht so sehr deshalb, weil man ihm zugedacht, ihn zu verwunden oder ihm öffentlich ins Gesicht zu speien, als vielmehr deshalb, weil dieses in einer so unfeinen und gesellschaftlich unmöglichen Form mit ihm geschehen würde. Nastassja Filippowna aber schien gerade so etwas im Sinn zu haben, wenn sie vorläufig auch noch mit keinem Wort ihre Absicht angedeutet hatte. Er wußte, daß sie ihn bis ins kleinste hinein beobachtet hatte und dementsprechend kannte: daher mußte sie es auch wissen, wie und wo sie ihn am stärksten verletzen konnte. Und so beschloß denn Tozkij, da die Heirat noch nicht viel mehr als ein frommer Wunsch war, sich seinem Schicksal zu fügen und Nastassja Filippownas Willen zu tun.

Es gab aber noch einen anderen Grund, warum er sich dazu entschloß.

Nastassja Filippowna hatte sich auch im Gesicht stark verändert. Man konnte es kaum glauben, daß sie wirklich dieselbe Nastassja Filippowna war. Früher war sie ein hübsches Mädchen gewesen, jetzt aber... Tozkij konnte es sich lange Zeit nicht verzeihen, daß er sie vier Jahre lang so oft betrachtet und doch eigentlich nie gesehen hatte. Allerdings mußte man nicht vergessen, daß auf beiden Seiten eine ungeheure Veränderung vor sich gegangen war. Übrigens entsann er sich, daß es auch früher bisweilen Minuten gegeben hatte, in denen ihm z. B. beim Anblick dieser Augen eigentümliche Gedanken gekommen waren: es war, als hätte sich hinter ihnen eine tiefe, geheimnisvolle Finsternis aufgetan. Wenn dieser Blick einen ansah, so war’s, als gäbe er einem ein Rätsel auf. In den letzten zwei Jahren wunderte er sich oft über die Veränderung ihrer Gesichtsfarbe: Nastassja Filippowna wurde seltsam bleich, doch – sonderbar: sie wurde dadurch noch schöner. Tozkij, der anfangs wie alle Lebemänner nur mit Zynismus daran gedacht hatte, wie billig er diese Seele gekauft, die so gut wie überhaupt noch nicht gelebt hatte, begann mit der Zeit an der Richtigkeit seiner Annahme stark zu zweifeln. Doch ganz abgesehen davon, hatte er noch im letzten Frühling in Otradnoje beschlossen, Nastassja Filippowna bald mit irgendeinem verständigen und anständigen Herrn, dessen Arbeitsfeld am besten in einem anderen Gouvernement lag, zu verheiraten, natürlich nicht ohne reichliche Mitgift. (Oh, wie unheimlich und boshaft Nastassja Filippowna jetzt über diesen Plan lachte!) Doch nun dachte Tozkij – verlockt durch den Reiz der Neuheit – sogar daran, daß er dieses Weib ja von neuem ausnutzen konnte. Er beschloß, sie in Petersburg unterzubringen und mit dem größten Luxus zu umgeben. Wenn er das eine nicht haben konnte, so konnte er doch wenigstens das andere haben: mit Nastassja Filippowna Aufsehen erregen und in einem gewissen Kreise sogar renommieren. Und Afanassij Iwanowitsch Tozkij schätzte seinen Ruhm gerade in diesem Kreise sehr hoch.

Inzwischen vergingen fünf Jahre nach ihrem ersten Erscheinen in Petersburg, und während dieser Zeit hatte sich manches offenbart. Tozkijs Lage war einfach trostlos; und das Dümmste an der Sache war, daß er, nachdem ihm einmal bange geworden war, nicht mehr Mut fassen und sich beruhigen konnte. Er fürchtete... was? – das wußte er selbst nicht; fürchtete einfach Nastassja Filippowna. Eine Zeitlang – das war noch in den ersten zwei Jahren – begann er allmählich zu vermuten, daß sie ihn, Afanassij Tozkij, heiraten wolle, aus übertriebenem Stolz jedoch schweige und seinen Antrag erwarte. Das Verlangen wäre sonderbar gewesen, doch Tozkij wurde argwöhnisch: er runzelte zwar die Stirn und wollte nicht, aber er begann doch nachzudenken, schließlich wurde er sogar sehr nachdenklich... bis er sich eines Tages zu seiner größten und (so ist das Menschenherz!) etwas unangenehmen Verwunderung überzeugte, daß er, falls er anhalten würde, ganz positiv einen Korb bekäme. Lange Zeit konnte er es gar nicht fassen. Nur eine einzige Erklärung schien ihm schließlich möglich: daß der Stolz dieser „beleidigten und phantastischen Frau“ bereits so nahe an Verzweiflung grenzte, daß sie es vorzog, einmal ihre Verachtung für ihn in einer Absage ausdrücken zu können, als ihr Leben ein für allemal sicherzustellen und hinfort auf einer für sie sonst doch unerreichbar hohen Staffel zu stehen. Das schlimmste aber war, daß Nastassja Filippowna in geradezu beängstigender Weise die Oberhand gewann. Mit Geld war bei ihr gleichfalls nichts zu erreichen, gleichviel wie hohe Summen er ihr auch angeboten hätte. Zwar lebte sie in einer teuren Wohnung, die er für sie luxuriös eingerichtet hatte, doch führte sie daselbst ein sehr bescheidenes Leben und versuchte nicht einmal in den ganzen fünf Jahren, etwas beiseite zu schaffen. Da verfiel Tozkij auf ein sehr schlaues Mittel, um seine Ketten zu zerreißen: unmerklich und sehr geschickt versuchte er, sie mit den idealsten Mitteln zu verlocken; doch all die verkörperten Ideale in Gestalt von Fürsten, Husarenoffizieren, Gesandtschaftssekretären, Dichtern, Romanschriftstellern und sogar Sozialisten, die er ihr zuführte, machten alle nicht den geringsten Eindruck auf sie, ganz als hätte sie anstatt des Herzens einen Stein in der Brust gehabt, als wären alle ihre Gefühle eingetrocknet und für immer gestorben. Sie lebte eigentlich recht einsam, las, lernte sogar, liebte Musik. Bekannte, die sie besuchten, hatte sie nur sehr wenige, dabei durchaus keine vornehmen Leute: so verkehrte sie mit ein paar armen und lächerlichen Beamtenfrauen, kannte zwei sonst ganz unbekannte Schauspielerinnen, beide schon fast Greisinnen, liebte die zahlreiche Familie eines ehrsamen Lehrers, in dessen Hause auch sie gern gesehen war und sogar sehr geliebt wurde. Hin und wieder fanden sich bei ihr abends fünf bis sechs Bekannte ein, nicht mehr. Tozkij erschien sehr oft und pünktlich. In der letzten Zeit war es auch dem General Jepantschin gelungen (nicht ohne Mühe), Nastassja Filippownas Bekanntschaft zu machen. In derselben Zeit wurde auch ein junger Beamter, Ferdyschtschenko mit Namen, sehr schnell und ohne Mühe mit ihr bekannt. Es war das ein recht unanständiger und schmieriger Possenreißer, der dem Alkohol nicht abhold war und sich für einen geistreichen Humoristen hielt. Ferner war ein junger und recht eigentümlicher Mensch mit ihr bekannt, ein gewisser Ptizyn, ein bescheidener, stets pünktlicher und gesellschaftlich einigermaßen polierter Junge, der sich aus der größten Armut heraufgearbeitet hatte und jetzt Geld auf hohe Zinsen lieh. Schließlich wurde auch Gawrila Ardalionytsch Iwolgin mit ihr bekannt... Es endete damit, daß Nastassja Filippowna eine seltsame Berühmtheit erlangte: ein jeder sprach von ihrer Schönheit, aber das war auch alles, wovon man sprechen konnte: niemand konnte sich mit etwas rühmen oder das Recht dazu einem anderen nachsagen. Dieser Ruf, ihre Bildung, ihr Auftreten, ihr Scharfsinn, ihr Geist – alles das zusammen bewirkte, daß Tozkij sich endgültig zur Ausführung seines erwähnten Planes entschloß. Und hier nun beginnt der Augenblick, von dem ab der General Jepantschin selbst so regen Anteil an dieser Angelegenheit nahm.

Als Tozkij sich liebenswürdig und freundschaftlich in betreff einer seiner drei Töchter an den General wandte, legte er ihm in der ausführlichsten und edelsten Weise ein volles Bekenntnis ab. Doch teilte er ihm gleichzeitig mit, daß er vor keinem einzigen Mittel zurückschrecken würde, um nur endlich seine Freiheit wiederzuerlangen: daß es ihn auch nicht beruhigen würde, wenn Nastassja Filippowna ihm versprechen sollte, ihn hinfort mit nichts zu bedrohen, weil er sich auf Worte allein nicht verlassen könne und folglich die sichersten Garantien wünsche und verlange. Sie berieten hin und her, bis sie dann zunächst einmal zu der Einsicht kamen, daß gemeinschaftlich vorzugehen am besten sei. Auch wurde ferner noch beschlossen, es zunächst mit den sanftesten Mitteln zu versuchen, oder wie man zu sagen pflegt: nur die edlen Saiten des Herzens zu berühren. Sie machten sich also beide auf und fuhren zu Nastassja Filippowna, und Tozkij begann hier sofort und ohne alle Vorreden und Umschweife damit, daß er ihr das Unerträgliche seiner Lage schilderte; die Schuld an allem maß er sich selbst zu; sagte ganz offen, daß er aber doch für das Unrecht, das er ihr zugefügt, nicht nachträglich büßen wolle, denn er sei ein eingefleischter Lüstling und seiner nicht mächtig, daß er aber jetzt zu heiraten beabsichtige und das ganze Schicksal dieser höchst ehrenhaften und angenehmen Verbindung in ihrer Hand liege; mit einem Wort, er erwarte alles von ihrem edlen Herzen. Darauf ergriff der General das Wort, in seiner Eigenschaft als Vater, sprach sehr vernünftig, vermied alles Rührende, erwähnte nur, daß er ihr Recht, über Tozkijs Schicksal zu bestimmen, vollkommen anerkenne, hob geschickt seine eigene Ergebung hervor, sowie daß das Schicksal seiner ältesten Tochter, vielleicht aber auch noch dasjenige der beiden jüngeren, im Augenblick nur von ihr abhinge. Auf Nastassja Filippownas Frage, was sie denn eigentlich von ihr verlangten, gestand Tozkij mit derselben nackten Offenheit, sie habe ihm vor fünf Jahren einen solchen Schrecken eingejagt, daß er sich auch jetzt noch nicht sicher fühle, es sei denn, daß Nastassja Filippowna selbst heirate. Er fügte übrigens sofort eilig hinzu, daß diese Bitte natürlich unsinnig wäre, wenn er nicht Ursache hätte, sie doch für nicht unsinnig zu halten. Er hätte nämlich sehr wohl bemerkt und außerdem noch aus sicherer Quelle erfahren, daß ein junger Mann aus sehr guter Familie, der hier in Petersburg lebe, und zwar Gawrila Ardalionytsch Iwolgin, den sie auch selbst kenne und bei sich empfange, sie mit der ganzen Glut der Leidenschaft liebe und – versteht sich – die Hälfte seines Lebens hingeben würde für die bloße Zustimmung, ihre Zuneigung erringen zu dürfen. Dieses Geständnis hätte er, Tozkij, selbst von Gawrila Ardalionytschs Lippen gehört, und zwar schon vor langer Zeit als Freund des jungen Mannes, der ihm einmal sein ganzes Herz ausgeschüttet, und daß um diese Liebe auch Seine Exzellenz Iwan Fedorowitsch Jepantschin, der den jungen Mann protegiere, schon lange wisse. Ferner, wenn er, Tozkij, sich nicht täusche, sei ja auch ihr selbst die Liebe des jungen Mannes kein Geheimnis mehr, und wie ihm, Tozkij, scheine, verhielte sie sich zu derselben nicht abweisend. Natürlich sei es ihm, Tozkij, schwerer als jedem anderen, davon zu sprechen; doch wenn sie ihm, Tozkij, außer Egoismus und dem Wunsch, sein eigenes Leben zu verschönen, nur ein wenig auch den Wunsch, ihr Gutes zu erweisen, zutraue, so würde sie begreifen, wie unangenehm und schwer es ihm falle, ihre Einsamkeit zu sehen. Er könne hieraus nur eins schließen: daß sie an eine Erneuerung ihres Lebens – das doch in der Liebe und im Familienglück so herrlich neu erstehen und somit einen Inhalt finden könnte – nicht glaube oder nicht einmal glauben wolle. Dieses Leben aber, das sie jetzt führe, sei einfach ein Vergraben und Abtöten ihrer glänzenden Fähigkeiten, und das bewußte Gefallenfinden an ihrem Unglück, ja sogar die gewisse Romantik, die ihrem jetzigen Leben anhafte, sei sowohl ihres gesunden Verstandes wie ihres edlen Herzens unwürdig. Nachdem er dann noch einmal wiederholt hatte, daß es ihm schwerer falle als jedem anderen, mit ihr darüber zu reden, kam er auf den zweiten Teil seines Planes zu sprechen. Er sagte, er könne sich nicht die Hoffnung versagen, daß sie ihm nicht mit Verachtung antworten werde, wenn er sie seines aufrichtigen Wunsches, ihre Zukunft sicherzustellen, versicherte und ihr die Summe von fünfundsiebzigtausend Rubeln anböte. Er fügte sogleich hinzu, daß diese Summe sowieso für sie in seinem Testament bestimmt sei; mit einem Wort, es handle sich hier nicht etwa um eine Abfindung... und weshalb wolle sie denn den menschlichen Wunsch, wenigstens in irgendeiner Art sein Gewissen zu erleichtern, bei ihm nicht gelten lassen und entschuldigen usw. usw. – was in solchen Fällen gewöhnlich geredet wird. Tozkij sprach lange und beredt und flocht noch – gleichsam im Vorübergehen – die interessante Mitteilung ein, daß er von diesen fünfundsiebzigtausend Rubeln keinem Menschen ein Wort gesagt, daß selbst Iwan Fedorowitsch Jepantschin, der hier neben ihm sitze, bis jetzt nichts davon gewußt habe, kurzum – es wisse darum kein Mensch.

Die Antwort, die ihnen hierauf von Nastassja Filippowna zuteil wurde, setzte aber beide Freunde nicht wenig in Erstaunen: alles andere hätten sie eher erwartet!

Es war nicht nur keine Spur von ihrer früheren Spottlust und Feindseligkeit, ihrem früheren Haß und Lachen vorhanden, von diesem Lachen, bei dessen bloßer Vorstellung Tozkij ein Gruseln im Rücken fühlte, sondern es schien sie im Gegenteil sogar zu freuen, daß sie endlich offen und freundschaftlich mit jemand reden konnte. Sie gestand ohne weiteres, daß sie selbst schon lange um freundschaftlichen Rat habe bitten wollen, nur habe ihr Stolz sie davon abgehalten, daß jedoch jetzt, nachdem das Eis gebrochen, einer Aussprache nichts mehr im Wege stehe. Sie gestand anfangs mit einem traurigen Lächeln, bald aber ganz heiter und sogar lachend, daß vom früheren „Sturm im Wasserglase“ keine Rede mehr sein könne; daß sie Zeit genug gehabt habe, ihre Auffassung der Dinge zu ändern, und wenn sie in ihrem Herzen auch noch ganz dieselbe sei, so habe sie sich doch gezwungen gesehen, manches als vollendete Tatsache gelten zu lassen: was geschehen sei, sei geschehen, was vergangen, das sei vergangen, und es wundere sie nur, daß Afanassij Iwanowitsch immer noch fortfahre, so ängstlich zu sein und Befürchtungen zu hegen. Hierauf wandte sie sich an den General und versicherte ihm, daß sie die größte Hochachtung für seine Töchter empfände, von denen sie schon viel gehört habe, und es würde sie glücklich und stolz machen, wenn sie ihnen irgendwie einen Dienst erweisen könne. Es sei vollkommen wahr, daß sie sich bedrückt und einsam fühle, sehr einsam; Afanassij Iwanowitsch habe ihre Gedanken erraten: wie gern würde sie von ihrem jetzigen zu einem neuen Leben auferstehen wollen, wenn nicht durch die Liebe, so doch vielleicht in der Ehe, durch einen neuen Lebensinhalt. In bezug auf Gawrila Ardalionytsch jedoch könne sie noch nichts Bestimmtes sagen. Sie glaube allerdings auch bemerkt zu haben, daß er sie liebe, und glaube sogar, daß sie ihn mit der Zeit gleichfalls liebgewinnen würde, wenn sie nur an die Treue seiner Zuneigung glauben könne; doch wenn er auch aufrichtig wäre, so sei er doch noch sehr jung, und daher falle es ihr nicht leicht, einen Entschluß zu fassen. Was ihr übrigens am meisten an ihm gefiele, sei, daß er arbeite und ganz allein seine Mutter und seine Schwester ernähre. Sie habe gehört, daß er ein energischer, stolzer Mann sei, der sich durchkämpfen und Karriere machen wolle. Desgleichen habe sie gehört, daß Nina Alexandrowna Iwolgina, die Mutter Gawrila Ardalionytschs, eine vortreffliche und in jeder Beziehung schätzenswerte Dame sei; auch von seiner Schwester Warwara Ardalionowna habe ihr Ptizyn viel erzählt. Derselbe habe ihr auch erzählt, wie mutig sie ihr schweres Leben ertrügen. Sie würde gern ihre Bekanntschaft machen, nur frage es sich noch, ob sie auch umgekehrt sie gerne sehen und in ihre Familie aufnehmen würden. Kurzum, im allgemeinen würde sie gewiß nichts gegen die Möglichkeit dieser Verbindung sagen, doch wolle die Sache immerhin noch überlegt sein, und daher wünsche sie, daß man sie nicht zu einer übereilten Handlung dränge. Was jedoch die fünfundsiebzigtausend Rubel betreffe, so habe Afanassij Iwanowitsch ganz grundlose Befürchtungen gehegt. Sie kenne sehr wohl den Wert des Geldes und würde es natürlich annehmen. Sie danke ihm für sein Zartgefühl, daß er nicht nur Seiner Exzellenz, sondern auch Gawrila Ardalionytsch nichts davon gesagt, doch schließlich – weshalb sollte denn dieser es nicht im voraus erfahren? Sie habe doch gar keine Ursache, sich dieses Geldes zu schämen. Überdies werde sie sich vor keinem Menschen irgendwie schuldig fühlen, was man, das wünsche sie, sich merken solle. Jedenfalls würde sie den jungen Iwolgin nicht eher heiraten, als bis sie sich überzeugt habe, daß weder er noch seine Familie im geheimen irgendwie anders über sie dachten, als es den Anschein habe. Denn wie dem auch sei – sie fühle sich in keiner Beziehung schuldig, und es wäre doch besser, Iwolgin erführe sobald als möglich, in welchen Beziehungen zu Tozkij sie die vier Jahre in Otradnoje gestanden habe, ferner wie sie hier in Petersburg gelebt, und ob sie viel oder nichts erspart habe. Und wenn sie jetzt die fünfundsiebzigtausend Rubel annehme, so betrachte sie dieses Geld durchaus nicht etwa als Zahlung für ihre geraubte Mädchenehre, sondern einfach als Entschädigung für ihr zerbrochenes Leben.

Diese ganze Erklärung hatte sie – was übrigens nur natürlich war – in solche Erregung versetzt und so gereizt, daß der General sehr zufrieden war, als sie endete. Er hielt, als sie gegangen war, die Sache kurzum für erledigt. Tozkij jedoch, dem sie einmal so großen Schrecken eingejagt hatte, glaubte auch diesmal nicht bedingungslos und fürchtete immer noch, daß auch hier wieder die Schlange unter den Blumen liegen könnte. Trotzdem begannen alsbald die Unterhandlungen. Der heikle Punkt, um den herum sich die Manöver der beiden Freunde konzentrierten – in Nastassja Filippowna Liebe zu Iwolgin zu erwecken – schien allmählich erreicht zu werden, so daß selbst Tozkij bisweilen an die Möglichkeit eines Erfolges zu glauben wagte. Inzwischen sprach sich auch Nastassja Filippowna mit Iwolgin aus, d. h., es wurden nur sehr wenige Worte zwischen ihnen gewechselt, ganz als hätte ihr Schamgefühl darunter gelitten. Aber sie gestattete ihm doch, sie zu lieben, nur erklärte sie in sehr bestimmtem Tone, daß sie sich in keiner Beziehung binden wolle, sich vielmehr bis zur Stunde der Trauung – falls es so weit kommen sollte – das Recht, jederzeit „nein“ zu sagen, vorbehalte und ganz dasselbe Recht auch ihm zuspreche. Bald darauf erfuhr Gawrila Ardalionytsch zufällig, daß der Widerstand, den seine ganze Familie dieser Heirat entgegensetzte, und die Antipathie, die sie für Nastassja Filippowna empfand – und die sich bei ihm zu Hause oft genug in erregten Szenen kundtat – ihr bereits zum größten Teil und mit allen ihren Einzelheiten kein Geheimnis mehr war. Es wunderte ihn nur, daß sie niemals ein Wort darüber fallen ließ, was er eigentlich täglich erwartete. So ließen sich noch manche Geschichten, Zwischenfälle und näheren Umstände erzählen, die man während dieser Verabredungen und Unterredungen erlebte oder sich offenbaren sah; doch ich habe ohnehin schon zuviel im voraus gesagt, um so mehr, als manche dieser verzwickten Umstände nur in Gestalt von vagen Gerüchten auftraten. So hatte z. B. Tozkij irgendwoher erfahren, daß Nastassja Filippowna in gewisse unerklärliche, und vor allen anderen geheimgehaltene Beziehungen zu den Töchtern des Generals getreten sei – ein doch ganz unglaubliches Gerücht! Dafür aber mußte er an ein anderes allen Ernstes glauben, an eines, das er bis zum blassen Schrecken fürchtete: wie ihm von durchaus glaubwürdiger Seite versichert wurde, wußte Nastassja Filippowna ganz genau, daß Ganjä Iwolgin sie nur des Geldes wegen heiraten wolle, daß er eine schwarze, habgierige, unduldsame und neidische Seele habe, die unendlich, bis zur Unglaublichkeit, selbstsüchtig war; daß Ganjä einmal allerdings leidenschaftlich in sie verliebt gewesen, doch daß er, seitdem von den beiden Freunden beschlossen war, diese Leidenschaft zum eigenen Vorteil auszunutzen und Ganjä für die legitime Ehe mit Nastassja Filippowna zu kaufen, sie wie seinen Fluch zu hassen begonnen hatte. Man sagte Tozkij, sie wisse ganz genau, daß in Ganjä Iwolgins Seele Haß und Leidenschaft in sonderbarer Weise gepaart seien, und daß er, wenn er auch schließlich nach qualvollem Schwanken eingewilligt, das „ehrlose Weib“ zu heiraten, sich in der Seele doch geschworen habe, sie dafür später bitter büßen zu lassen und sie à la canaille2 zu behandeln, wie er sich selbst ausgedrückt hätte. Alles das wüßte Nastassja Filippowna und bereite im stillen etwas Besonderes vor. Tozkij geriet hierob in so große Angst, daß er sogar dem General seine Besorgnisse zu verschweigen begann. Dennoch gab es Augenblicke, in denen er als schwacher Mensch, der er nun einmal war, von neuem Mut schöpfte und wieder auflebte. Dasselbe tat er auch, als Nastassja Filippowna den beiden Freunden im Ernst versprach, am Abend ihres Geburtstages das entscheidende Wort zu sagen. Dafür aber erwies sich ein überaus unglaubliches Gerücht, das sogar den hochverehrten General betraf, mit jedem Tage – leider! – als immer begründeter und richtiger. Auf den ersten Blick schien das Ganze nur eine infame Lüge zu sein. Wie sollte man es auch glauben, daß der General Jepantschin in seinen alten Tagen, bei seinem Verstande, bei seiner Lebensklugheit usw. sich in Nastassja Filippowna verliebt habe, und zwar dermaßen, daß diese plötzliche Schrulle fast eine Leidenschaft genannt werden mußte! Welche Hoffnungen er sich machte, war schwer sich vorzustellen. Vielleicht rechnete er sogar auf den Beistand Ganjäs, ihres zukünftigen Mannes. Wenigstens vermutete Tozkij etwas von der Art, vermutete eine vielleicht wortlose Übereinkunft zwischen dem alten General und dem jungen Ganjä, wie sie gegenseitiges Durchschauen sehr wohl herbeigeführt haben konnte. Übrigens ist es ja bekannt, daß ein Mensch, der sich gar zu sehr von einer Leidenschaft hinreißen läßt, und namentlich noch, wenn er dabei schon ein – wie man zu sagen pflegt – gesetzteres Alter erreicht hat, alsbald vollkommen mit Blindheit geschlagen und alsdann fähig ist, Hoffnungen sogar dort zu sehen, wo gar keine sein können, ja daß er dann sogar trotz einer Stirnhöhe von fünf Zoll wie ein dummes Kind handeln kann. Ferner war es Tozkij bekannt, daß der General ihr zum Geburtstage wundervolle Perlen, die eine riesige Summe gekostet hatten, zu schenken beabsichtige und wahrscheinlich viel von diesem Geschenk erwarte, obschon er wußte, daß Nastassja Filippowna weder habsüchtig noch eigennützig war. Am Vorabend des Geburtstages war er wie im Fieber, verstand sich aber verhältnismäßig gut zu beherrschen.

Die Kunde von diesen Perlen nun war auch der Generalin, Lisaweta Prokofjewna, zu Ohren gekommen. Sie hatte zwar schon seit längerer Zeit die Flatterhaftigkeit ihres Gemahls empfunden und zum Teil sich auch schon an sie gewöhnt – aber das ging denn doch nicht an, daß man eine solche Gelegenheit ungenutzt vorübergehen ließ! Wie gesagt, die Perlen beschäftigten sie ungemein, und – das hatte der General natürlich gemerkt: sie hatte am vorhergehenden Abend ein paar entsprechende Anspielungen gemacht, weshalb er denn jetzt eine noch ihm bevorstehende, weit umfangreichere Aussprache erwartete und fürchtete. Dies war auch der Grund, warum er sich an jenem Tage eigentlich sehr ungern zum Frühstück begab. Vor dem Besuch des Fürsten hatte er sogar die Absicht gehabt, Arbeit vorzuschützen und das Wiedersehen zu umgehen (das bedeutete für ihn gewöhnlich fortgehen); denn es war ihm eigentlich nur darum zu tun, diesen einen Tag, und hauptsächlich diesen einen Abend, ohne Unannehmlichkeiten verbringen zu können. Da kam ihm der Fürst denn wie gerufen! „Wie von Gott gesandt!“ dachte der General, als er sich zu seiner Gemahlin begab.

V

Die Generalin war sehr stolz auf ihre Abstammung. Wie mußte ihr nun zumute sein, als ihr so offen und ohne Vorbereitungen mitgeteilt wurde, daß der letzte Träger ihres Namens nicht viel mehr als ein bedauernswerter Idiot, fast ganz mittellos sei und sogar Almosen annehme. Dem General war es um den denkbar größten Eindruck zu tun, um sogleich ihr Interesse zu erwecken, sie von anderen Gedanken abzulenken und hierdurch die Frage nach den Perlen in Vergessenheit zu bringen.

Die Generalin hatte die Angewohnheit, wenn etwas geschehen war, was ihr nicht behagte, mit weit offenen Augen und unbestimmtem Blick, den Oberkörper gewöhnlich etwas zurückgelegt, vor sich in die Luft zu starren und kein Wort zu sprechen. Sie war eine stattliche Frau, in gleichem Alter wie ihr Gatte, mit dunklem, schon stark graumeliertem, doch noch recht dichtem Haar, einer leicht gebogenen Nase, mit gelblichen, eingefallenen Wangen und dünnen Lippen. Ihre Stirn war hoch und schmal; ihre grauen, ziemlich großen Augen konnten bisweilen einen ganz unerwarteten Ausdruck annehmen. Sie hatte einmal die Schwäche gehabt, zu glauben, daß ihr Blick sehr ausdrucksvoll sei, und diese Überzeugung ließ sie sich auch jetzt noch nicht nehmen.

„Empfangen? Sie sagen, wir sollen ihn empfangen? Jetzt? Sogleich?“

Die Generalin sah ihren etwas unsicher geschäftigen Iwan Fedorowitsch mit besagten großen Augen an.

„Oh, was das betrifft, so braucht man bei dem nicht alle Etikettevorschriften und Zeremonien zu beobachten, vorausgesetzt, daß es dir, mein Freund“ (der General redete seine Gattin gewöhnlich mit „mein Freund“ an), „daß es dir nur zusagt, ihn zu empfangen,“ beeilte er sich erklärend hinzuzufügen. „Er ist ein vollständiges Kind und so ein armer Junge: hat da gewisse Anfälle, wie er sagt, von einer Krankheit wahrscheinlich; kommt soeben aus der Schweiz, direkt von der Bahn, ist etwas eigenartig gekleidet, so–o... nach deutscher Art gewissermaßen, und hat zum Überfluß keine Kopeke in der Tasche, tatsächlich; er weinte beinahe. Ich habe ihm fünfundzwanzig Rubel geschenkt und will ihm in einer Kanzlei eine kleine Schreiberstelle zu verschaffen suchen. Und euch, mesdames, bitte ich, ihn gefälligst zu bewirten; denn er wird, glaube ich, auch hungrig sein...“

„Ich verstehe Sie nicht,“ fuhr die Generalin im selben Ton und mit demselben Blick fort, „hungrig und hat Anfälle! Was für Anfälle?“

„Oh, die wiederholen sich nicht so oft, und dann – er ist ja fast noch ein großes Kind, übrigens nicht ungebildet. Und euch wollte ich bitten, mesdames,“ wandte er sich wieder an seine Töchter, „ihn ein wenig zu examinieren; denn es ist doch immer gut, wenn man weiß, was für Eigenschaften er hat.“

„Ex–a–mi–nie–ren?“ fragte die Generalin gedehnt und begann in größter Verwunderung bald ihre Töchter, bald wiederum ihren Gatten mit fragendem Blick anzusehen.

„Ach, mein Freund, das war natürlich nicht so gemeint, versteh mich nicht falsch... übrigens, wie du willst. Ich hatte die Absicht, ihn gut zu behandeln und in unser Haus einzuführen; denn das wäre doch ein gutes Werk.“

„In unser Haus einzuführen? Aus der Schweiz?“

„Die Schweiz ist eine Sache für sich... doch, übrigens, wie gesagt: ganz wie du willst. Ich meine ja nur, weil er doch auch ein Myschkin ist, und vielleicht sogar verwandt mit dir, und dann: er weiß nicht einmal, wo er sein Haupt hinlegen soll. Ich glaubte, daß es dich interessieren würde, ihn kennen zu lernen; denn er gehört doch gewissermaßen, nun ja, zur Familie.“

„Gewiß doch, maman, wenn man mit ihm nicht so zeremoniell zu sein braucht. Und nach der Reise wird er sicherlich Hunger haben, weshalb also soll man ihm nicht zu essen geben, wenn er hier sonst keine Menschenseele hat?“ sagte Alexandra, die älteste Tochter.

„Und dann ist er ja wie ein Kind, mit ihm kann man noch Blindekuh spielen.“

„Blindekuh spielen? Wie das?“

„Ach, maman, hören Sie doch auf, sich so zu verstellen, bitte!“ unterbrach Aglaja sie ärgerlich.

Die mittlere, Adelaida, konnte sich nicht bezwingen und brach in helles Lachen aus.

„Lassen Sie ihn nur herbitten, Papa, maman erlaubt es schon,“ entschied Aglaja.

Der General klingelte und ließ den Fürsten zur Generalin bitten.

„Aber nur unter der Bedingung, daß ihm eine Serviette um den Hals gebunden wird, sobald er sich an den Tisch setzt,“ sagte die Generalin. „Ruft Fedor – oder Mawra... sie soll hinter seinem Stuhl stehen, wenn er ißt. Ist er wenigstens ruhig, wenn er seine Anfälle hat? Macht er nicht wilde Gesten?“

„Im Gegenteil, er ist sogar sehr nett erzogen, er hat vorzügliche Manieren. Mitunter ist er vielleicht etwas gar zu treuherzig... Ah, da ist er ja selbst! Bitte, hier, stelle euch vor, meine Damen: Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin, der Letzte dieses Namens. Ein Namensvetter von dir, liebe Lisaweta Prokofjewna, und vielleicht sogar ein Verwandter. Bitte, sich seiner gefälligst anzunehmen. Sogleich wird das Frühstück aufgetragen, Sie erweisen uns doch die Ehre, Fürst... Nun, ich aber, Verzeihung, ich habe mich schon verspätet, ich muß eilen...“

„Wir wissen schon, wohin Sie eilen,“ sagte die Generalin bedeutsam.

„Ich eile, ich eile, mein Freund, habe mich nämlich schon verspätet! Gebt ihm übrigens eure Albums, mesdames, damit er euch irgend etwas einschreibt. Ihr ahnt gar nicht, was für ein Kalligraph er ist – einfach ein Phänomen! Angeborenes Talent! Dort bei mir hat er mit mittelalterlichen Buchstaben eine Unterschrift geschrieben: ‚In Demut unterzeichnet dieses Igumen Pafnutij‘ – großartig!... Nun, also auf Wiedersehen!“

„Pafnutij? Ein Abt? Warten Sie, aber so warten Sie doch, wohin gehen Sie denn, was ist das für ein Pafnutij?“ rief die Generalin mit ärgerlicher Gereiztheit und fast aufgebracht ihrem eilig sich entfernenden Gatten nach.

„Ja, ja, mein Freund, früher hat es einmal einen solchen Abt gegeben... ich muß zum Grafen, er erwartet mich, schon lange, und die Hauptsache: er hat mich selbst bestellt... Auf Wiedersehen, Fürst!“

Und Se. Exzellenz verschwand mit schnellen Schritten.

„Ich weiß schon, zu welchem Grafen er geht!“ bemerkte die Generalin scharf und wandte gereizt ihren Blick dem Fürsten zu. „Nun – was war’s doch?“ begann sie gereizt, indem sie sich ärgerlich des vorhergehenden Gespräches zu erinnern suchte. „Wovon sprachen wir? Ach, richtig! – nun, was war das für ein Abt?“

„Maman,“ wollte Alexandra sich einmischen, und Aglaja klappte hörbar mit der Fußspitze auf den Boden.

„Unterbrechen Sie mich nicht, Alexandra Iwanowna,“ wandte sich die Generalin eisig an ihre Älteste. „Ich will es wissen, was es mit diesem Abt für eine Bewandtnis hat. Setzen Sie sich hierher, Fürst, hier auf diesen Sessel mir gegenüber, nein, nein, hierher, mehr ins Licht, rücken Sie der Sonne näher, damit ich Sie besser sehen kann. Nun, was ist das für ein Abt?“

„Der Abt Pafnutij,“ antwortete der Fürst mit aufmerksamem und ernstem Gesicht.

„Pafnutij? Das ist interessant. Nun, und was ist’s mit ihm?“

Die Generalin stellte ihre Fragen ungeduldig, schnell, schroff, ohne den Blick vom Fürsten abzuwenden, und als dieser antwortete, nickte sie nach jedem Satz mit dem Kopfe.

„Igumen Pafnutij lebte im vierzehnten Jahrhundert,“ begann der Fürst, „und stand einem Kloster an der Wolga in unserem jetzigen Gouvernement Kostroma vor. Er war bekannt wegen seines gottesfürchtigen Lebens und seiner Reise ins Reich der Goldenen Horde6. Ferner half er, Ordnung und Ruhe in unseren damaligen Fürstentümern wiederherzustellen. Das Faksimile seiner Unterschrift auf einer Urkunde kam mir zufällig in die Hände. Seine Schrift gefiel mir, und ich versuchte sie nachzuahmen. Als Ihr Herr Gemahl nun sehen wollte, wie ich schreibe, um mir vielleicht eine Anstellung zu verschaffen, schrieb ich einige Sätze auf ein Blatt Papier, unter anderem auch ‚In Demut unterzeichnet dieses Igumen Pafnutij‘, genau so, wie der Abt selbst geschrieben hat. Diese Schriftprobe gefiel Seiner Exzellenz, und deshalb hat er sie auch erwähnt.“

„Aglaja,“ sagte die Generalin „merk dir: Pafnutij, oder notiere den Namen, denn sonst vergesse ich ihn. Ich glaubte, daß es interessanter wäre. Wo ist denn diese Schriftprobe?“

„Sie blieb, glaube ich, auf dem Tisch im Kabinett des Generals.“

„Schickt Fedor hin und laßt sie sofort herholen!“ wandte sich die Generalin an ihre Töchter.

„Aber ich kann es Ihnen ja nochmals aufschreiben, wenn Sie wollen.“ –

„Gewiß, maman,“ sagte Alexandra, „jetzt aber täten wir besser, zu frühstücken; wir sind hungrig.“

„Ja, das können wir,“ entschied die Generalin. „Gehen wir, Fürst! Bringen Sie auch einen großen Hunger mit?“

„Ja, im Augenblick ist er sogar recht groß. Ich danke Ihnen.“

„Das gefällt mir, daß Sie höflich sind, und ich merke, Sie sind durchaus nicht so ein... Sonderling, als den man Sie uns zu schildern beliebt hat. Nun, gehen wir... Setzen Sie sich dorthin, mir gegenüber,“ sagte sie, geschäftig dem Fürsten einen Stuhl anweisend, als sie ins Frühstückszimmer traten, „ich will Sie sehen. Alexandra, Adelaida, sorgt dafür, daß der Fürst alles Nötige bekommt. Nicht wahr, er ist doch gar nicht so... krank? Vielleicht ist’s auch gar nicht nötig, ihm die Serviette... Hat man Ihnen bei Tisch immer eine Serviette umgebunden, Fürst?“

„Früher, als ich etwa siebenjährig war, allerdings, wie ich mich zu erinnern glaube; jetzt jedoch lege ich die Serviette gewöhnlich auf die Knie, wenn ich esse.“

„So macht man’s auch. Aber Ihre Anfälle?“

„Anfälle?“ wunderte sich der Fürst ein wenig. „Im allgemeinen habe ich meine Anfälle jetzt ziemlich selten. Übrigens, ich weiß nicht: man sagt, das hiesige Klima würde mir schädlich sein.“

„Er spricht sehr gut,“ bemerkte die Generalin, sich an ihre Töchter wendend, nachdem sie wieder zu jedem Satz des Fürsten genickt hatte. „Ich hatte es gar nicht erwartet. Das ist wahrscheinlich alles nur Erfindung, wie gewöhnlich. Essen Sie, Fürst, und erzählen Sie, wo Sie geboren, wo Sie erzogen sind. Ich will alles wissen; Sie interessieren mich sehr.“

Der Fürst dankte und begann, während er mit großem Appetit aß, zwischendurch alles das zu erzählen, was er an diesem Morgen schon zweimal über seine Person berichtet hatte. Die Generalin blickte ihn mit wachsender Zufriedenheit an. Die jungen Mädchen hörten gleichfalls recht aufmerksam zu. Man kam auf die Verwandtschaft zu sprechen; es zeigte sich, daß der Fürst seinen Stammbaum kannte, aber wie sehr sie sich auch mühten, es ließ sich doch so gut wie gar keine Verwandtschaft zwischen ihnen herstellen. Ihre Großväter und Großmütter hätten sich vielleicht noch als entfernte Verwandte betrachten können. Dieses verhältnismäßig trockene Thema gefiel der Generalin ausnehmend gut, da sie sonst nie Gelegenheit hatte, von ihrem Stammbaum zu sprechen, und so war sie sehr guter Laune, als sie sich von der Frühstückstafel erhob.

„So, jetzt wollen wir in unser Versammlungszimmer gehen,“ sagte sie, „der Kaffee kann dort gereicht werden. Wir haben, müssen Sie wissen, ein bestimmtes Zimmer, in dem wir uns regelmäßig zu versammeln pflegen, wenn wir allein sind,“ erzählte sie dem Fürsten, während sie sich mit ihm dorthin begab. „Es ist im Grunde nichts anderes, als mein kleiner Salon, in dem sich dann eine jede damit beschäftigt, wozu sie gerade Lust hat. Alexandra, das ist diese hier, meine älteste Tochter, spielt Klavier, oder sie liest oder näht. Adelaida malt Landschaften und Porträts – kann aber leider nichts beenden. Und Aglaja sitzt und tut nichts. Mir selbst fällt jede Arbeit aus den Händen: was ich auch beginne, es kommt doch nichts dabei heraus. Nun, da sind wir. Setzen Sie sich, Fürst, hier, an den Kamin, und erzählen Sie. Ich will wissen, wie Sie eine Sache zu erzählen verstehen. Jetzt werde ich mich selbst überzeugen... Ich will Sie gut kennen lernen und wenn ich die alte Fürstin Bjelokonskaja wiedersehe, werde ich ihr von Ihnen erzählen. Ich will, daß Sie auch alle anderen interessieren. Nun, reden Sie jetzt.“

„Aber, maman, so auf Kommando zu erzählen, ist doch sehr schwer,“ bemerkte Adelaida, die inzwischen ihre Staffelei zurechtgerückt hatte, jetzt Pinsel und Palette zur Hand nahm und sich anschickte, an der längst begonnenen Kopie einer Landschaft zu malen.

Alexandra und Aglaja setzten sich beide auf ein kleines Sofa und schienen mit müßig im Schoß ruhenden Händen nichts als zuhören zu wollen. Dem Fürsten fiel es auf, daß von allen Seiten mit ganz besonderer, aufmerksamer Erwartung die Blicke auf ihn gerichtet waren.

„Ich würde nichts erzählen, wenn man mir befehlen wollte,“ sagte Aglaja.

„Warum nicht? Was ist denn dabei so verwunderlich? Warum sollte er nicht erzählen? Er ist doch nicht stumm. Ich will wissen, wie er zu erzählen versteht. Nun, bitte, gleichviel wovon. Erzählen Sie, wie Ihnen die Schweiz gefallen hat, wie war der erste Eindruck? Ihr werdet sehen, er wird sogleich beginnen und wird sogar vorzüglich beginnen.“

„Der Eindruck war groß...,“ begann der Fürst, wurde jedoch sofort von der Generalin unterbrochen.

„Seht! Was hab’ ich gesagt?“ wandte sie sich äußerst befriedigt an ihre Töchter, „da hat er doch begonnen!“

„Aber so lassen Sie ihn doch wenigstens weitererzählen, maman,“ versuchte Alexandra sie aufzuhalten. „Dieser Fürst ist vielleicht sogar sehr gerieben und nichts weniger als ein Idiot,“ raunte sie unbemerkt Aglaja zu.

„Zweifellos, das habe ich schon längst bemerkt,“ flüsterte Aglaja ebenso zurück. „Wie dumm von ihm, sich zu verstellen und eine solche Rolle zu spielen. Glaubt er etwa, dadurch zu gewinnen?“

„Der erste Eindruck war ungeheuer groß,“ wiederholte der Fürst. „Als man mich aus Rußland fortbrachte und wir durch verschiedene deutsche Städte fuhren, sah ich nur schweigend, was an uns vorüberzog, und ich weiß noch, ich stellte keine einzige Frage. Es war das nach einer ganzen Reihe von sehr starken und qualvollen Anfällen meiner Krankheit. Und nach einer solchen Zeit, wenn meine Krankheit so heftig aufgetreten war und die Anfälle sich mehreremal wiederholt hatten, verfiel ich regelmäßig in vollkommene geistige Stumpfheit, verlor ganz und gar mein Gedächtnis, und wenn der Verstand auch noch arbeitete, so wurde doch die logische Entwicklung meiner Gedanken gleichsam immer abgeschnitten. Mehr als zwei oder drei Gedanken vermochte ich nicht nacheinander zu denken. So scheint es mir wenigstens jetzt. Ließen dagegen die Anfälle nach, so wurde ich wieder gesund und kräftig, ganz so wie ich jetzt bin. Ja, ich entsinne mich noch; es war eine unerträgliche Traurigkeit in mir; ich hätte weinen mögen. Ich wunderte mich nur und war sehr unruhig. Doch am entsetzlichsten wirkte auf mich, daß alles um mich herum mir so fremd war; das begriff ich. Diese Fremdheit vernichtete mich förmlich. Aus diesem Zustande, aus dieser Dunkelheit, dessen entsinne ich mich noch deutlich, erwachte ich eines Abends – es war in Basel, als wir in der Schweiz angelangt waren – und was mich erweckte, war der Schrei eines Esels auf dem Marktplatz. Dieser Esel frappierte mich ungeheuer: er gefiel mir aus irgendeinem Grunde über alle Maßen. Und im selben Augenblick wurde es gleichsam hell in mir und die Dunkelheit verschwand.“

„Ein Esel? Das ist sonderbar,“ meinte die Generalin. „Aber übrigens; was soll denn Sonderbares dabei sein – manch eine verliebt sich in einen Esel,“ bemerkte sie mit zornigem Blick auf die lachenden Töchter. „Auch in der Mythologie gibt es etwas Ähnliches. Fahren Sie fort, Fürst.“

„Seit der Zeit habe ich die Esel sehr lieb. Ich empfinde geradezu Sympathie für sie. Ich erkundigte mich sofort nach ihnen – es waren meine ersten Worte seit langer Zeit. Ich wollte Näheres über sie hören, denn ich hatte ja noch nie welche gesehn; und so überzeugte ich mich bald selbst, daß sie überaus nutzbare Tiere sind: arbeitsam, stark, geduldig, billig, ausdauernd. Durch diesen Esel aber begann mir von Stund’ an die ganze Schweiz zu gefallen, und so verging meine frühere Traurigkeit.“

„Das ist alles sehr eigentümlich, aber ich denke, vom Esel brauchen Sie uns jetzt nichts mehr zu erzählen. Gehen wir auf ein anderes Thema über. Worüber lachst du die ganze Zeit, Aglaja? Und du, Alexandra? Der Fürst hat ganz vorzüglich vom Esel erzählt. Er hat ihn selbst gesehn, was aber hast du gesehn? Du bist noch nie im Auslande gewesen.“

„Ich habe aber doch schon einen Esel gesehn,“ sagte Adelaida.

„Und ich habe sogar einen gehört! Einen vierbeinigen!“ übertrumpfte sie Aglaja.

Da brachen sie alle drei in Lachen aus und der Fürst lachte mit.

„Das ist aber sehr häßlich von euch,“ bemerkte die Generalin, „Sie müssen sie schon entschuldigen, Fürst, sie sind im Grunde gute Mädchen. Ich muß sie ewig schelten, aber ich liebe sie doch. Sie sind flatterhaft, leichtsinnig und im Augenblick einfach unzurechnungsfähig.“

„Weshalb denn das?“ fragte der Fürst lachend. „Nur weil sie jetzt lachen? Oh, auch ich würde die Gelegenheit nicht versäumen. Doch trotzdem: ich habe den Esel in jeder Gestalt gern. Ein Esel ist immer ein guter und nützlicher Mensch.“

„Aber Sie selbst, Fürst, sind Sie gut? Ich frage aus Neugier,“ sagte die Generalin ganz harmlos.

Wieder brachen alle in Lachen aus.

„Ach, das war doch nicht so gemeint! Ihr habt wirklich nichts anderes als den Esel im Sinn!“ rief die Generalin unwillig aus. „Glauben Sie mir, Fürst, ich habe es nur so gesagt, ganz gedankenlos, ohne jede...“

„Anspielung? Oh, ich glaube es Ihnen, zweifellos!“

Und der Fürst konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen.

„Es ist nur gut, daß Sie lachen. Das gefällt mir sehr. Ich sehe, Sie sind ein guter Mensch,“ sagte die Generalin.

„Mitunter auch kein guter,“ antwortete der Fürst.

„Nun, ich bin immer gut,“ bemerkte die Generalin ganz unerwartet, „ich bin tatsächlich immer gut, und das ist mein einziger Fehler; denn man soll nicht immer gut sein. Ich ärgere mich sehr oft über diese drei hier, zum Beispiel, und über Iwan Fedorowitsch besonders, doch dumm ist nur, daß ich noch besonders gut bin, wenn ich mich ärgere. Vorhin, kurz bevor Sie kamen, ärgerte ich mich wieder und tat, als begriffe ich nichts, und als könnte ich auch nichts begreifen. Das kommt bei mir so vor, ganz als wäre ich ein Kind. Aglaja hat mir eine Lektion erteilt, hab’ Dank dafür, Aglaja. Übrigens, das ist ja doch alles Unsinn. Ich bin noch nicht so dumm, wie ich scheine und wie mich meine kleinen Töchter machen wollen. Ich habe Charakter und bin nicht zimperlich. Ich sage das jetzt nur so, nicht etwa, weil ich ihnen böse bin. Komm her, Aglaja, gib mir einen Kuß... Nun, genug der Zärtlichkeit,“ sagte sie, als Aglaja ihr nach einem Kuß auf den Mund auch noch zärtlich die Hand küßte. „Fahren Sie fort, Fürst. Vielleicht fällt Ihnen noch etwas Interessanteres ein als das vom Esel.“

„Ich begreife nicht, wie man so auf Kommando erzählen kann,“ wunderte sich Adelaida, „ich würde es wirklich nicht können.“

„Der Fürst aber kann es, wie du siehst. Das kommt natürlich daher, weil er intelligent ist und mindestens zehnmal klüger als du, vielleicht sogar zwölfmal. Ich hoffe, daß du es bald selbst einsiehst. Beweisen Sie es ihnen, Fürst. Fahren Sie fort. Den Esel kann man, denke ich, auch in dieser Geschichte beiseite lassen. Nun was haben Sie denn außer dem Esel im Auslande gesehn?“

„Aber auch das, was der Fürst vom Esel sagte, war interessant,“ bemerkte Alexandra. „Der Fürst hat wirklich fesselnd seinen krankhaften Zustand geschildert und wie ihm dann alles, durch einen äußeren Stoß gleichsam, mit völlig unerwarteter Plötzlichkeit in einem ganz anderen Lichte erschien. Es hat mich immer zu wissen interessiert, wie es wohl sein mag, wenn man den Verstand verliert und dann später wieder gesund wird. Besonders wenn es ganz plötzlich geschieht.“

„Nicht wahr? Nicht wahr?“ fragte die Generalin lebhaft. „Ich sehe, auch du kannst mitunter klug sein. Nun, genug jetzt gescherzt. Sie blieben, glaube ich, bei der Schweizer Landschaft stehen, Fürst, – nun?“

„Wir kamen nach Luzern und man brachte mich über den See. Ich fühlte seine Schönheit, aber es war mir dabei unsäglich schwer zumute,“ erzählte der Fürst.

„Warum?“ fragte Alexandra.

„Das weiß ich nicht. Beim ersten Anblick einer solchen Natur ist mir immer schwer zumute und eine gewisse Unruhe erfaßt mich; schön ist es und doch – beunruhigend. Aber das war ja alles noch während der Krankheit.“

„Oh, ich möchte gern einmal die Schweiz sehen!“ sagte Adelaida. „Wann werden wir endlich einmal ins Ausland reisen? Da sitze ich nun hier und kann seit zwei ganzen Jahren keinen Vorwurf zu einem Gemälde finden.

‚Was in Westen und Süden wir lieben,
Ist schon längst und vielfach beschrieben‘“

zitierte sie. „Suchen Sie mir ein Sujet, Fürst.“

„Ich verstehe davon nichts. Ich denke: man schaut und malt.“

„Ich verstehe aber nicht zu schauen...“

„Von was für Rätseln redet ihr? – das soll ein Mensch verstehen! Kein Wort begreife ich!“ unterbrach sie die Generalin. „Weshalb verstehst du denn nicht zu schauen? Du hast doch Augen, mach’ sie auf und sieh. Verstehst du es hier nicht, so wirst du’s auch dort im Auslande nicht lernen. Erzählen Sie lieber, was und wie Sie selbst geschaut haben, Fürst.“

„Ja, das wird besser sein,“ meinte auch Adelaida. „Sie haben ja doch im Auslande das Schauen gelernt.“

„Ich weiß nicht, ob ich es getan habe. Ich habe dort nur Heilung von meiner Krankheit gesucht. Ob ich aber zu schauen gelernt habe, das weiß ich wirklich nicht. Ich war die ganze Zeit dort sehr glücklich.“

„Glücklich! Sie verstehen es, glücklich zu sein?“ rief Aglaja aus. „Wie können Sie dann sagen, daß Sie nicht zu schauen gelernt hätten! Sie werden auch uns noch das Schauen lehren.“

„Ach, bitte, lehren Sie’s uns!“ bat Adelaida lachend.

„Ich kann nichts lehren,“ gab auch der Fürst lachend zurück. „Fast die ganze Zeit, die ich im Auslande gewesen bin, habe ich dort in jenem Schweizerdorf verbracht; nur selten unternahm ich eine kurze Reise. Was vermag ich da zu lehren? Anfangs konnte ich nur sagen, daß ich mich nicht langweilte, dann aber – meine Gesundheit besserte sich schnell – dann wurde mir jeder Tag teuer, und je länger ich da war, desto teurer, so daß es mir selbst auffiel. Ich war so zufrieden, wenn ich zu Bett ging, und wenn ich aufstand, war ich geradezu glücklich. Weshalb aber das alles so war, ist ziemlich schwer zu erklären.“

„So daß Sie sich nirgendwohin mehr fortsehnten, sich nirgendwohin mehr fortgerufen fühlten?“ fragte Alexandra.

„Anfangs, ja, ganz zu Anfang – da rief es mich fort und mich überkam dann eine große Unruhe. Ich dachte immerwährend daran, wie ich einst leben würde. Ich wollte mein Schicksal erforschen und in manchen Augenblicken wurde die Unruhe fast unerträglich. Wissen Sie, es gibt solche Augenblicke, namentlich in der Einsamkeit. Wir hatten dort einen Wasserfall, keinen sehr großen; der fiel von einem hohen Berge. Wie ein schmales, dünnes Band sah er aus, und er fiel fast senkrecht, – weiß, rauschend, mit spritzendem, zerstäubendem Gischt. Er stürzte von hoch oben herab und schien dabei doch gar nicht so hoch zu sein, er war vielleicht eine halbe Werst entfernt, und es schien, als seien nur fünfzig Schritt bis zu ihm. Wenn ich nachts nicht schlafen konnte, lauschte ich seinem Rauschen; in solchen Minuten wuchs dann meine Unruhe und wurde beklemmend. Auch mitten am Tage, wenn man so zuweilen irgendwohin in die Berge ging – da blieb man plötzlich stehen: ringsum nichts als Fichten, alte, große, harzige Stämme; über einem auf dem Felsen die Ruinen eines mittelalterlichen Schlosses; unser Dorf weit unten, kaum noch sichtbar; die Sonne so grell, der Himmel blau, unheimlich wurde die Stille. Da scheint es einem denn, daß man irgendwohin gerufen wird, und ich dachte oft, wenn man immer geradeaus und lange, lange ginge, bis dorthin zu jenem Strich, wo sich Himmel und Erde vereinen – daß dort des Rätsels Lösung sei und man dort sogleich ein neues Leben sehen würde, ein tausendmal stärkeres und geräuschvolleres als bei uns. So dachte ich mir immer eine große Stadt, wie etwa Neapel, in der nur Paläste sind und Geräusch, und Lärm, und Leben... Doch wer kann das alles erzählen, was man so zusammengedacht hat! Und dann schien mir wiederum, daß man auch im Gefängnis ein unermeßlich großes Leben finden kann.“

„Diesen löblichen Gedanken habe ich schon in meiner Chrestomathie gelesen, als ich noch zwölf Jahre alt war,“ sagte Aglaja.

„Das ist alles Philosophie,“ meinte Adelaida, „Sie sind ein Philosoph, Fürst, und sind hergekommen, um uns zu belehren.“

„Sie haben vielleicht recht,“ sagte der Fürst lächelnd, „ich bin... ja, ich bin tatsächlich ein Philosoph und habe vielleicht auch wirklich die Absicht, zu lehren... Das ist schon möglich... sogar sehr möglich.“

„Und Ihre Philosophie ist von genau derselben Art, wie die Jewlampia Nikolajewnas,“ griff wieder Aglaja auf. „Das ist eine Beamtenfrau – übrigens ist sie Witwe – sie besucht uns oft und sitzt dann stundenlang. Bei ihr liegt das ganze Lebensrätsel in der – Billigkeit. Nur wie man billiger leben könnte, nur von Kopeken spricht sie, und dabei nicht zu vergessen – sie hat Geld. Genau so ist auch Ihr großes Leben im Gefängnis, und vielleicht auch Ihr vierjähriges Glück im Dorf, für das Sie Ihre große Stadt Neapel verkauften und, wie mir scheint, noch mit Profit, wenn auch nur von Kopeken.“

„Was das Leben im Gefängnis betrifft, so kann man auch anderer Meinung sein,“ sagte der Fürst. „Ich habe einmal gehört, wie ein Mensch, der zwölf Jahre im Gefängnis verbracht hatte, von diesem Leben erzählte. Es war das einer von den Patienten meines Professors. Er hatte Anfälle, war bisweilen sehr unruhig, weinte und wollte sich einmal sogar das Leben nehmen. Sein Leben im Gefängnis war ein sehr trauriges gewesen, dessen kann ich Sie versichern, doch sicherlich nicht nur von Kopekenwert. Seine ganzen Erlebnisse beschränkten sich auf eine Spinne und einen kleinen Baum, der unter dem Fenster herangewachsen war... Doch ich werde Ihnen lieber von einem anderen Menschen erzählen, den ich im vorigen Jahre kennen lernte. Hier ist ein Umstand von besonderer Merkwürdigkeit – eben weil man einen solchen Menschen nur äußerst selten trifft: dieser Mensch war einmal zusammen mit anderen aufs Schafott geführt worden und hatte sein Todesurteil gehört: sie alle sollten wegen eines politischen Verbrechens erschossen werden. Nach etwa zwanzig Minuten wurde ihre Begnadigung verlesen, und sie wurden zu einer milderen Strafe verurteilt. Einstweilen aber, die Zeit zwischen den beiden Verlesungen, also etwa ganze zwanzig Minuten, hatte er natürlich in der festen Überzeugung verbracht, daß er nach wenigen Minuten jählings sterben würde. Ich wollte furchtbar gern einmal hören, wie er seine damaligen Eindrücke jetzt wohl wiedergeben mochte, und versuchte mehrmals, das Gespräch auf jenes Erlebnis zu bringen. Er entsann sich noch jeder Einzelheit ungewöhnlich deutlich und versicherte, daß er niemals auch nur das Geringste vergessen würde, was er in diesen Minuten gesehen oder gedacht. Zwanzig Schritte vom Schafott, das viel Volk und Soldaten umstanden, waren drei Pfähle eingerammt; denn der Verurteilten waren mehrere. Die ersten drei wurden zu den Pfählen geführt und angebunden; man zog ihnen das ‚Sterbekleid‘ an – lange weiße Kittel – und über die Augen wurden ihnen weiße Kapuzen gezogen, damit sie nicht sähen, wie auf sie gezielt wurde. Vor jedem Pfahl wurde ein Kommando Soldaten, bestehend aus einigen Mann, aufgestellt. Mein Bekannter war der Achte in der Reihe, folglich mußte er als einer der Letzten zu den Pfählen gehen. Der Geistliche trat an jeden heran und segnete ihn mit dem Kreuz. Es blieben ihm noch fünf Minuten auf Erden, nicht mehr. Doch diese fünf Minuten schienen ihm eine unendlich lange Frist, ein unschätzbarer Reichtum; es schien ihm, daß er in diesen fünf Minuten noch so viel Leben zu durchleben habe, daß er an den letzten Augenblick vorläufig noch gar nicht zu denken brauche, und er entwarf noch einen ganzen Plan für die Ausnutzung dieser kurzen Zeit: für den Abschied von den Kameraden bestimmte er zwei Minuten; weitere zwei Minuten bestimmte er dazu, um zum letztenmal noch einmal still für sich zu denken, und die letzte Minute, um noch einmal, zum letztenmal, rings um sich zu schauen. Er entsann sich dieser Zeiteinteilung noch bis auf jede Einzelheit, er wußte genau, welche Gedanken er gehabt, und daß er sich gerade diese Reihenfolge vorgenommen. Er war damals siebenundzwanzig Jahre alt, als er sterben sollte, gesund und kräftig. Als er von seinen Freunden Abschied nahm, stellte er, dessen entsann er sich noch deutlich, an einen von ihnen irgendeine nebensächliche Frage und vernahm sogar sehr interessiert dessen Antwort. Darauf, als er von ihnen Abschied genommen, begannen die zwei Minuten, die er dazu bestimmt hatte, um still für sich zu denken. Er wußte, worüber er nachdenken würde: er wollte es sich immer einmal vorstellen, möglichst schnell und klar und grell, wie denn das eigentlich sei: soeben lebt er noch, er ist, nach drei Minuten aber ist er nicht, nach drei Minuten wird er ein Irgend-etwas sein – aber was denn, wo denn? Und alles das glaubte er in diesen zwei Minuten entscheiden zu können. Nicht weit von jenem Platz, auf dem sie erschossen werden sollten, war eine Kirche, und das vergoldete Dach des Turmes glänzte im hellen Sonnenschein. Er wußte noch, daß er unverwandt, daß er fast starr auf diesen goldenen Turm und die Strahlen, die von ihm ausgingen, gesehen hatte; er vermochte sich nicht loszureißen von diesen Strahlen: es schien ihm, daß sie seine neue Natur seien, daß er nach drei Minuten irgendwie mit ihnen ineinanderfluten würde... Die Ungewißheit und der Ekel vor diesem Neuen, das unfehlbar sogleich eintreten mußte und dann ewig sein würde, waren für ihn auch in der Erinnerung noch grauenvoll. Doch trotzdem sei ihm in diesen Augenblicken nichts schwerer gewesen, erzählte er, als der unausgesetzte Gedanke: ‚Wie aber, wenn du nicht zu sterben brauchtest? Wenn man dir das Leben wiedergeben würde – welch eine Ewigkeit! Und all das gehörte dann mir! Oh, jede Minute würde ich in ein ganzes Jahrhundert verwandeln, nichts würde ich verlieren, jede Minute würde ich zählen, nichts, nichts würde ich verlieren, keinen Augenblick würde ich ungenützt vergeuden!‘ Er sagte, daß dieser Gedanke in ihm schließlich zu einem so brennenden Ingrimm geworden sei, daß er nur noch gewünscht habe, schneller erschossen zu werden.“

Der Fürst verstummte plötzlich. Alle erwarteten, daß er noch fortfahren und etwas Besonderes daraus folgern würde.

„Haben Sie beendet, was Sie erzählen wollten?“ fragte Aglaja.

„Was? Ach so – ja,“ sagte der Fürst, aus seiner Gedankenverlorenheit auffahrend.

„Wozu haben Sie uns denn das erzählt?“

„So... es fiel mir gerade ein... weil wir darauf zu sprechen kamen...“

„Sie scheinen gern so plötzlich abzubrechen,“ bemerkte Alexandra, „Sie wollten damit gewiß sagen, daß mitunter fünf Minuten wertvoller als ein Schatz sein können. Das ist ja alles recht schön und gut, aber, erlauben Sie mal, – was tat denn dieser Ihr Bekannter, der Ihnen diese Marter geschildert hat: er wurde doch begnadigt, folglich erhielt er diese ‚Ewigkeit‘ geschenkt. Nun, und was tat er denn später mit diesem Reichtum? Lebte er wirklich so, daß er keinen Augenblick mehr ‚ungenützt vergeudete‘?“

„O nein, er hat mir selbst gesagt – auch ich stellte diese Frage an ihn –, daß er längst nicht so gelebt und viele, viele Augenblicke vergeudet und verloren habe...“

„Nun, dann kann Ihnen ja dies sogleich als Beispiel dienen, und wie Sie daraus sehen, kann man doch nicht so leben, daß man keinen Augenblick ungenützt vergeudet. Aus irgendeinem Grunde ist es eben unmöglich.“

„Ja, aus irgendeinem Grunde ist es eben unmöglich,“ sprach der Fürst gedankenverloren nach, „mir selbst hat es auch so geschienen... Aber dennoch – man will es gleichsam nicht glauben...“

„Das heißt, Sie glauben klüger als alle anderen zu leben?“ fragte Aglaja.

„Ja, auch das habe ich mitunter geglaubt.“

„Und glauben es auch jetzt noch?“

„Und... glaube es auch jetzt noch,“ antwortete der Fürst, der mit demselben stillen und nachdenklichen Lächeln Aglaja ansah. Alsbald jedoch lachte er wieder und sah sie heiter an.

„Sehr bescheiden!“ Aglaja ärgerte sich fast.

„Aber wie mutig Sie sind, Sie lachen ganz harmlos, während mich das alles so heftig traf und erschütterte, daß es mir noch lange nachher im Traum erschien; gerade diese fünf Minuten habe ich oft im Traum durchlebt...“

Ernst und prüfend betrachtete er nochmals seine Zuhörerinnen.

„Sie ärgern sich doch nicht aus irgendeinem Grunde über mich?“ fragte er plötzlich, offenbar etwas verwirrt, doch blickte er dabei allen offen in die Augen.

„Weshalb?“ Alle drei Mädchen wunderten sich über seine plötzliche Frage.

„Nun, weil es doch so den Anschein hat, als wolle ich belehren...“

Da brachen sie von neuem in Lachen aus.

„Wenn Sie mir böse sind, so... tragen Sie es mir nicht nach,“ bat er. „Ich weiß es ja selbst, daß ich weniger als alle anderen gelebt habe und weniger als alle vom Leben verstehe. Ich spreche mitunter vielleicht sehr sonderbar...“

Und der Fürst verstummte, nun wirklich verwirrt.

„Wenn Sie sagen, daß Sie glücklich gewesen sind, so haben Sie nicht weniger, sondern mehr gelebt – weshalb verstellen Sie sich dann und entschuldigen sich?“ fragte Aglaja streng, fast händelsüchtig. „Und beunruhigen Sie sich nicht darüber, daß Sie uns belehren, hier kann von einem Triumph Ihrerseits gar nicht die Rede sein. Mit Ihrem Quietismus kann man auch ein Leben von hundert Jahren mit Glück ausfüllen. Ihnen kann man eine Hinrichtung zeigen oder einen kleinen Finger, Sie werden aus dem einen wie aus dem anderen einen gleich lobenswerten Schluß ziehen und überdies noch sehr zufrieden sein. So kann man schon leben.“

„Weshalb ärgerst du dich wieder – das versteh’ ich nicht!“ unterbrach sie die Generalin, die schon längere Zeit verwundert die Gesichter der Sprechenden betrachtet hatte, „und wovon ihr redet, kann ich überhaupt nicht begreifen. Was soll dieser kleine Finger? – Und dieser ganze Unsinn? Der Fürst spricht vorzüglich, nur ein wenig traurig. Weshalb entmutigst du ihn? Als er zu erzählen begann, lachte er noch, jetzt aber hast du ihn ganz verwirrt gemacht.“

„Tut nichts, maman. Schade, daß Sie keine Hinrichtung gesehen haben, Fürst, ich würde Sie sonst etwas gefragt haben.“

„Ich habe eine Hinrichtung gesehen,“ antwortete der Fürst.

„Ja??“ fragte Aglaja ganz überrascht. „Eigentlich hätte ich es mir denken können! Das ist nun das Letzte, das fehlte noch! Aber wenn Sie eine Hinrichtung gesehen haben, wie können Sie dann sagen, daß Sie die ganze Zeit glücklich gewesen sind? Nun, hab’ ich nicht recht?“

„Wurde denn auch in Ihrem Dorf hingerichtet?“ fragte Adelaida.

„Nein, ich habe in Lyon eine Hinrichtung gesehen. Ich war mit Professor Schneider hingefahren, er nahm mich mit. Als wir ankamen, gerieten wir gerade auf den Platz...“

„Nun, und es gefiel Ihnen sehr? Es enthielt wohl viel Erbauliches, Nützliches?“ fragte Aglaja.

„Es gefiel mir durchaus nicht und ich war nachher krank, aber ich muß gestehen, daß ich wie gebannt hinsah, ich konnte meinen Blick nicht losreißen.“

„Auch ich hätte meinen Blick nicht losreißen können,“ sagte Aglaja.

„Dort sieht man es sehr ungern, wenn Frauen einer Hinrichtung beiwohnen, sogar in den Zeitungen wird dann dagegen geschrieben.“

„Das heißt also, daß man es nicht für eine Frauensache hält, sondern nur für eine Männersache, und damit will man’s rechtfertigen. Ich gratuliere zu dieser Logik. Und Sie sind natürlich derselben Ansicht.“

„Erzählen Sie uns von jener Hinrichtung,“ unterbrach Adelaida die Schwester.

„Ich würde jetzt nichts weniger als gern davon erzählen...,“ sagte der Fürst sehr ernst, und er runzelte ein wenig die Stirn, während es wie ein Schatten über sein Gesicht zog.

„Das sieht ja ganz aus, als sei es hier nicht der Mühe wert,“ stichelte Aglaja.

„Nein, ich sagte es nur, weil ich von dieser Hinrichtung vorhin schon erzählt habe.“

„Wem haben Sie davon erzählt?“

„Ihrem Diener, als ich dort wartete...“

„Welchem Diener?“ ertönte es von allen Seiten.

„Nun, dem, der dort im Vorzimmer sitzt, mit dem graumelierten Haar und roten Gesicht. Ich wartete im Vorzimmer, bis Iwan Fedorowitsch mich empfing.“

„Das ist sonderbar,“ meinte die Generalin.

„Der Fürst ist ein Demokrat,“ warf Aglaja kurz hin. „Freilich, wenn Sie es unserem Alexei erzählt haben, können Sie es uns nicht mehr erzählen.“

„Ich will es aber unbedingt hören!“ bestand Adelaida auf ihrem Wunsch.

„Vorhin,“ wandte sich der Fürst wieder etwas ermutigter an Adelaida (wie es schien, faßte er sehr schnell Mut und war dann überhaupt sehr zutraulich), „vorhin hatte ich allerdings einen Gedanken, als Sie um ein Sujet für ein Bild baten: zeichnen Sie das Gesicht eines zum Tode Verurteilten, wenn er auf dem Schafott steht, kurz bevor er den Kopf auf den Block gelegt hat, eine Minute vor dem Niederfallen des Beiles.“

„Wie, das Gesicht? Nur das Gesicht?“ fragte Adelaida. „Das ist doch ein etwas eigentümliches Sujet, und was wäre denn das für ein Bild?“

„Ich weiß nicht... aber warum nicht?“ fragte der Fürst, der mit Eifer bei der Sache war. „Ich habe in Basel vor nicht langer Zeit ein ähnliches Bild gesehen. Ich würde es Ihnen gern beschreiben... nun, ein anderes Mal... Es hat sich mir unvergeßlich eingeprägt.“

„Oh, das Baseler Bild müssen Sie mir unbedingt einmal beschreiben; jetzt aber sagen Sie mir, wie Sie sich das Bild dieser Hinrichtung denken. Können Sie es so wiedergeben, wie Sie es sich selbst vorstellen? Wie soll ich denn das Gesicht malen? Nichts als ein Gesicht? Was muß denn das für ein Gesicht sein?“

„Das Gesicht eines zum Tode Verurteilten, eine Minute vor der Hinrichtung,“ begann der Fürst mit ersichtlicher Bereitwilligkeit. Es hatte den Anschein, als ließe er sich von der Erinnerung ganz gefangennehmen, und als hätte er alles übrige schon vollständig vergessen. „Das Gesicht in dem Augenblick, wenn er gerade die kleine Treppe emporgestiegen ist und sich nun plötzlich auf dem Schafott sieht... Er blickte zufällig in die Richtung, in der ich stand: ich sah sein Gesicht und begriff alles... Aber wie soll man das in Worten wiedergeben! Ich würde – ich weiß nicht was darum geben, wenn Sie oder sonst jemand dieses Gesicht zeichneten! Wenn Sie das könnten! Ich dachte schon damals, daß ein solches Bild von großem Nutzen sein würde. Wissen Sie, man müßte in diesem Gesicht alles wiedergeben, was vorhergegangen ist, alles, alles! Er hatte im Gefängnis gesessen und, wie ich später las, erst nach einer Woche die Hinrichtung erwartet. Er hatte auf Verzögerung gerechnet, darauf, daß die Papiere noch irgendwo eingereicht werden müßten und nicht vor einer Woche zurückkommen könnten. Und nun plötzlich hatten alle Formalitäten viel weniger Zeit in Anspruch genommen. Um fünf Uhr morgens schlief er noch. Es war Ende Oktober: da ist es um fünf Uhr kalt und dunkel. Der Gefängnisaufseher trat mit der Wache leise ein und berührte vorsichtig seine Schulter; jener erwachte, richtete sich auf, sah das Licht und die Wachen. ‚Was ist?‘ – ‚Um zehn Uhr findet die Hinrichtung statt.‘ Zuerst soll er es gar nicht geglaubt haben, es hieß, er habe sogar gestritten und behauptet, die Papiere könnten nicht vor einer Woche zurückkommen. Doch als er nach dem jähen Erwachen vollends zu sich kam, da hörte er auf zu widersprechen und verstummte – so wurde später erzählt. Darauf soll er noch gesagt haben: ‚Es ist doch schwer, so plötzlich...‘ worauf er wieder verstummte. Die ersten drei oder vier Stunden vergehen über den Vorbereitungen: da kommt der Geistliche, dann das Frühstück, zu dem er Wein, Kaffee und Rindfleisch erhält – ist das nicht ein wahrer Spott und Hohn? Wenn man nur bedenkt, wie grausam das alles ist! Und doch, bei Gott, diese unschuldigen Leute sind in ihrer Herzenseinfalt vollkommen überzeugt, daß es ein Werk der Nächstenliebe sei! Darauf folgt das Ankleiden des Verurteilten – Sie wissen doch, worin das besteht? – nun, und dann wird er durch die Stadt zum Schafott geführt... Ich glaube, auch hier muß es dem Betreffenden scheinen, daß noch ein unendlich langes Leben vor ihm liegt, während er hingeführt wird. Sicherlich denkt er unterwegs: ‚Oh, es ist ja noch weit, noch drei ganze Straßen weit habe ich zu leben; jetzt habe ich noch die erste vor mir, dann kommt erst die zweite und dann erst die dritte, wo rechts der Bäckerladen ist... oh, bis wir erst zum Bäckerladen kommen!‘ Ringsum drängt sich das Volk, ringsum Geschrei und Lärm, zehntausend Gesichter, zehntausend Augenpaare – alles das muß er ertragen, doch das Schrecklichste ist der Gedanke: ‚Da sind ihrer zehntausend, und von ihnen wird keiner hingerichtet, nur ich allein werde hingerichtet!‘ Und das ist alles erst der Anfang! Eine kleine Treppe führt zum Schafott hinauf; vor dieser Treppe brach er plötzlich in Tränen aus und war doch dabei ein starker Mensch mit männlichem Charakter und ein großer Missetäter, wie man erzählte. Der Geistliche wich keinen Augenblick von seiner Seite, er fuhr auch im Verbrecherkarren mit ihm zum Richtplatz und sprach die ganze Zeit auf ihn ein, doch wird dieser ihm wohl kaum zugehört haben, – und wenn er auch hingehört haben sollte, so wird er ihn nach dem dritten Wort doch nicht mehr verstanden haben. So hat es unbedingt sein müssen. Endlich begann er die Treppe emporzusteigen. Die Füße waren ihm ja gefesselt, und so bewegte er sich nur mit kleinen Schritten vorwärts. Der Geistliche muß ein verständiger Mann gewesen sein: er hörte auf zu reden und hielt ihm immer nur das Kreuz zum Küssen hin. Vor der Treppe war er sehr bleich, als er aber oben anlangte und auf dem Schafott stand, da wurde er plötzlich weiß, buchstäblich so weiß wie Papier, vollkommen wie ein Blatt weißes Schreibpapier. Zweifellos wurden seine Füße schwach und steif, und es quälte ihn eine gewisse Übelkeit – als wenn ihn etwas auf die Kehle drücke und dort gewissermaßen ein Kitzeln erzeuge –, haben Sie noch nie diese Empfindung gehabt, nach einem großen Schreck vielleicht oder im Augenblick entsetzlicher Angst, wenn die Vernunft zwar noch in Ordnung bleibt, jedoch gar keine Macht mehr besitzt? Ich glaube, daß, wenn man zum Beispiel unabwendbarem Untergang preisgegeben ist, wenn etwa ein Haus auf einen niederstürzt oder etwas Ähnliches geschieht, daß man dann am liebsten sich hinsetzen und die Augen schließen möchte: laß kommen, was da kommen mag!... Hier nun, als diese Schwäche bei ihm eintrat, hielt ihm der Geistliche mit einer schnellen Geste und ohne ein Wort zu sagen, das Kreuz zum Kuß hin, fast so nah, daß es die Lippen berührte – es war ein kleines silbernes Kreuz – und immer wieder hielt er es ihm hin, in jeder Minute. Und sobald nur das Kreuz seine Lippen berührte, öffnete der Verurteilte die Augen und belebte sich wieder für ein paar Sekunden... und die Füße gingen wieder. Gierig küßte er das Kreuz, ja, er beeilte sich geradezu, es zu küssen, ganz wie man sich beeilt, irgend etwas als Vorrat für alle Fälle mitzunehmen; doch ist es nicht anzunehmen, daß er dabei irgendeinen religiösen Gedanken hatte oder sich einer religiösen Handlung bewußt war. Und so ging er bis zum Block... Ist es nicht merkwürdig, daß in diesen letzten Sekunden so selten ein Verurteilter in Ohnmacht fällt? Im Gegenteil, das Gehirn scheint ungemein tätig zu sein, es arbeitet rastlos, unermüdlich, ohne Unterlaß, wie eine Maschine in vollem Gang. Ich denke mir, daß es sehr verschiedene Gedanken sind, die einem dann durch den Sinn jagen, die man alle nicht zu Ende denkt, und vielleicht sind es sogar sehr lächerliche und ganz nebensächliche Gedanken, wie zum Beispiel: ‚Dieser lange Mensch dort hat eine Warze auf der Stirn – hier der untere Knopf am Kittel des Scharfrichters ist verrostet...‘ Gleichzeitig aber kann er doch nichts vergessen, kann er nicht einmal in Ohnmacht fallen. Und um dieses eine Unvergeßliche dreht sich alles in seinem Hirn. Und das dauert bis zur letzten Viertelsekunde, wenn der Kopf bereits auf dem Block liegt und wartet und – weiß und dann plötzlich hört, wie das Eisen über ihm rutscht! Das muß man ja doch unbedingt noch hören! Ich würde, wenn mein Kopf auf dem Block läge, absichtlich hinhorchen und unfehlbar das Geräusch des Niederfallens hören. Es dauert das vielleicht nur ein Zehntel eines Augenblicks, aber man muß es doch unbedingt hören! Und denken Sie, bis jetzt noch streitet man darüber, ob nicht der Kopf, wenn er schon abgeschlagen ist, noch eine Sekunde lang weiß, daß er jetzt abgeschlagen ist und herunterfliegt – können Sie sich das vorstellen? Und wenn er es nun nicht nur eine Sekunde, sondern ganze fünf Sekunden lang weiß?... Zeichnen Sie das Schafott so, daß man nur die oberste Stufe ganz deutlich und möglichst nah sieht. In der Mitte steht der Verurteilte, sein Gesicht ist weiß, vollkommen weiß, der Priester hält ihm das Kreuz hin, das jener gierig mit seinen blauen Lippen küssen will – er streckt schon die Lippen vor und sieht und sieht und – weiß alles. Das Kreuz und der Kopf – das ist die Hauptsache, das Gesicht des Priesters, der Henker, dessen zwei Gehilfen, und dann noch unten ein paar Köpfe und Augen, – das kommt alles erst in dritter Linie, als Beiwerk... Das wäre das ganze Gemälde.“

Der Fürst verstummte und sah seine Zuhörerinnen an.

„Das sieht jedenfalls nicht nach Quietismus aus,“ sagte Alexandra halblaut vor sich hin.

„Nun, und jetzt erzählen Sie mal, wie Sie verliebt waren,“ bat Adelaida.

Der Fürst blickte sie verwundert an.

„Hören Sie,“ fuhr Adelaida schnell fort, als wolle sie sich mit der Begründung ihrer Bitte beeilen, „Sie sind mir noch die Beschreibung des Baseler Bildes schuldig, ich weiß, aber zuerst will ich hören, wie und wo und wann Sie verliebt gewesen sind. Leugnen Sie es nicht, Sie sind verliebt gewesen. Zudem hören Sie sogleich auf Philosoph zu sein, sobald Sie zu erzählen beginnen.“

„Wenn Sie etwas erzählt haben, scheinen Sie sich sogleich dessen zu schämen, was Sie erzählt haben. Weshalb das?“ fragte Aglaja.

„Pfui, das ist mir denn doch zu dumm!“ schnitt ihr die Generalin ungehalten das Wort ab.

„Ja, es ist nicht gerade klug,“ pflichtete ihr Alexandra bei.

„Achten Sie nicht auf sie, Fürst,“ wandte sich die Generalin an ihren Gast, „sie sagt es nur, um sich über Sie lustig zu machen. Sie ist gar nicht so schlecht erzogen. Denken Sie, bitte, nichts Schlechtes von ihnen, weil sie Ihnen so zusetzen; sie haben sich wohl wieder etwas in den Kopf gesetzt, aber ich sehe schon, daß sie Sie trotzdem liebhaben. Ich kenne ihre Gesichter.“

„Auch ich kenne ihre Gesichter,“ sagte der Fürst mit besonderem Nachdruck.

„Wie das?“ fragte Adelaida neugierig.

„Was wissen Sie von unseren Gesichtern?“ fragten wißbegierig auch die anderen.

Doch der Fürst schwieg und blieb ernst; alle warteten, was er wohl antworten würde.

„Ich werde es Ihnen später sagen,“ sagte er schließlich halblaut und mit ernstem Gesicht.

„Sie wollen ja durchaus unser Interesse erwecken,“ neckte Aglaja, „und dazu welche Feierlichkeit!“

„Nun gut,“ fiel wieder Adelaida in ihrer schnellen Redeweise lustig ein, „aber wenn Sie ein solcher Kenner der Menschengesichter sind, so sind Sie gewiß auch verliebt gewesen, folglich habe ich ganz richtig geraten. Erzählen Sie also!“

„Ich bin nicht verliebt gewesen,“ antwortete der Fürst ebenso leise und ernst, „ich bin anders glücklich gewesen.“

„Wie das? Auf welche Weise?“

„... Gut, ich werde es Ihnen erzählen,“ sagte der Fürst nach einer Weile, wie in Gedanken verloren.

VI

„Da sehen Sie mich nun alle mit solcher Neugier an,“ begann der Fürst, „daß Sie mir womöglich böse sein werden, wenn ich Sie nicht ganz zufriedenstelle. Doch – das sagte ich ja nur zum Scherz,“ fügte er schnell mit einem Lächeln hinzu.

„Dort... dort gab es viele Kinder, und ich habe meine ganze Zeit mit Kindern zugebracht, nur mit Kindern. Das waren die Dorfkinder, die die Schule besuchten, eine ganze Schar. Ich kann nicht sagen, daß ich sie gerade unterrichtet hätte, o nein; denn sie hatten ja einen Schulmeister, Jules Thibaut; ich aber, nun ja – wenn ich sie auch unterwies, so war ich eigentlich doch nur so mit ihnen zusammen, und in dieser Weise vergingen die ganzen vier Jahre. Ich wollte auch nichts anderes. Ich habe ihnen alles erzählt, nichts habe ich ihnen verheimlicht. Ihre Eltern und Verwandten waren nicht wenig ungehalten über mich, denn die Kinder konnten zu guter Letzt gar nicht mehr ohne mich auskommen und saßen den ganzen Tag bei mir. Der Schulmeister war bald mein erbittertster Feind. Überhaupt machte ich mir dort viele Feinde, und immer nur wegen der Kinder. Sogar Schneider machte mir Vorwürfe. Und weshalb nur, was befürchteten sie denn? Einem Kinde kann man doch alles sagen, alles! Es hat mich oft stutzig gemacht, wie schlecht Erwachsene Kinder verstehen, selbst Väter und Mütter ihre eigenen Kinder. Kindern sollte man nichts verheimlichen, wie man es gewöhnlich unter dem Vorwande tut, daß sie zu jung seien, und es für sie noch zu früh sei, etwas zu wissen. Was das doch für eine traurige und klägliche Auffassung ist! Und wie gut es die Kinder begreifen, daß die Eltern sie für zu klein und zu dumm zum Verstehen halten, während sie doch tatsächlich alles verstehen! Die Erwachsenen wissen nicht, daß ein Kind sogar in der schwierigsten Angelegenheit einen äußerst guten Rat zu geben vermag. Mein Gott! wenn so ein Kind mit seinen hellen Augen wie ein kleiner Vogel einen treuherzig und glücklich ansieht – da muß man sich doch schämen, es zu belügen! Ich nenne sie deshalb kleine Vögel, weil es etwas Reizenderes als kleine Vögel nicht gibt. Übrigens hatte mir ein ganz besonderer Fall die Feindschaft des Dorfes eingetragen... Thibaut übrigens war einfach neidisch. Anfangs schüttelte er nur den Kopf und wunderte sich, wie es zugehen mochte, daß die Kinder bei mir alles begriffen, bei ihm aber so gut wie überhaupt nichts. Und dann machte er sich über mich lustig, als ich ihm sagte, daß wir beide sie in nichts unterrichten könnten, daß im Gegenteil sie uns unterrichteten. Wie konnte er mich nur beneiden und verleumden, wenn er doch selbst unter Kindern lebte! Durch Umgang mit Kindern gesundet die Seele... Dort in der Anstalt war ein Kranker, den Professor Schneider behandelte, ein armer Unglücklicher. Sein Unglück war so groß, daß man es kaum für möglich zu halten vermag, wie ein Mensch so etwas ertragen kann. Er sollte dort vom Irrsinn geheilt werden, doch meiner Ansicht nach war er nicht irrsinnig, sondern litt nur unsäglich – Leiden war seine ganze Krankheit. Wenn Sie wüßten, was diesem Menschen schließlich unsere Kinder wurden!... Doch ich werde Ihnen lieber ein anderes Mal von diesem Kranken erzählen. Jetzt aber werde ich erzählen, wie das alles damals begann. Zu Anfang liebten mich die Kinder gar nicht. Ich war so lang und immer so unbeholfen; ich weiß, daß ich auch sonst häßlich bin... und dann war ich auch noch ein Ausländer. Zuerst lachten sie nur über mich und begannen sogar, mit Steinen nach mir zu werfen, nachdem sie gesehen hatten, wie ich Marie küßte. Ich habe sie aber im ganzen nur ein einziges Mal geküßt... Nein, lachen Sie nicht,“ unterbrach sich der Fürst, als er das Lächeln seiner Zuhörerinnen bemerkte, „ich küßte sie nicht, weil ich in sie etwa verliebt war. Wenn Sie wüßten, was für ein unglückliches Geschöpf sie war, Sie würden sie ebenso bemitleiden, wie ich es getan habe. Sie war ein Mädchen aus unserem Dorf. Ihre Mutter war eine alte, kranke Frau, die in ihrem kleinen, baufälligen Häuschen hinter dem einen der beiden kleinen Fenster mit Erlaubnis der Dorfobrigkeit einen Krämerladen eingerichtet hatte. Aus diesem Fenster verkaufte sie Stiefelschmiere, Garn, Tabak, Seife; lauter Kleinigkeiten, die wenig einbrachten, und von diesem kleinen Verdienst lebte sie. Sie war schon lange krank, ihre Füße waren geschwollen, so daß sie immer auf ein und demselben Fleck saß und sich nicht rühren konnte. Marie war ihre einzige Tochter, zwanzig Jahre alt, schwächlich und mager; sie war schon seit längerer Zeit schwindsüchtig, verrichtete aber trotzdem die schwerste Arbeit als Tagelöhnerin bei fremden Leuten: sie scheuerte die Fußböden, wusch Wäsche, fegte die Höfe rein, besorgte das Vieh. Nun geschah es, daß ein französischer Kommis auf der Durchreise ins Dorf kam, sie verführte und sie mit sich nahm. Er verließ sie jedoch schon nach einer Woche und fuhr heimlich davon. Sie machte sich zu Fuß auf den Heimweg, bettelte sich unterwegs das Notwendigste zusammen, bis sie dann endlich schmutzig und zerlumpt und mit zerrissenen Stiefeln wieder im Dorf ankam. Eine ganze Woche war sie gewandert; genächtigt hatte sie unter freiem Himmel und sich dabei natürlich erkältet. Ihre Füße und Hände waren wund und geschwollen. Sie war auch früher nicht hübsch gewesen, nur ihre Augen waren so still und gut und unschuldig. Auffallend an ihr war ihre Schweigsamkeit. Früher hatte sie einmal bei der Arbeit zu singen begonnen, und da hatten alle sie ganz erstaunt angesehen, bis sie in Lachen ausgebrochen waren: ‚Marie singt! Denkt doch, Marie singt!‘ Marie aber soll sehr verlegen gewesen sein, und seit dem Tage hat sie niemand mehr singen hören. Damals war man noch freundlich zu ihr gewesen; als sie nun aber krank und erschöpft zurückkehrte, da hatte kein einziger auch nur das geringste Mitleid für sie übrig! Wie grausam die Menschen doch sind! Was für enge Begriffe sie haben! Ihre Mutter war die erste, die sie mit bösen Worten und offener Verachtung empfing. ‚Du hast mich jetzt entehrt,‘ sagte sie. Und die Mutter gab sie auch als erste der Schande und den Schmähungen der anderen preis. Als man im Dorf erfuhr, daß Marie zurückgekehrt war, lief alles hin, um sie zu sehen: fast das ganze Dorf versammelte sich in der Hütte der Alten – Greise, Kinder, Weiber, Mädchen, alle eilten neugierig herbei. Marie kniete zu Füßen der Mutter, hungrig und zerlumpt, und schluchzte. Als nun die Menschen sich so in die Stube drängten, um die Sünderin zu betrachten, verbarg Marie ihr Gesicht im aufgelösten Haar und warf sich in ihrer Verzweiflung auf den Fußboden, wo sie schluchzend liegen blieb. Alle, die sie rings umstanden, blickten auf sie herab, als wäre sie irgendein Geschmeiß gewesen. Die Männer verurteilten sie schonungslos, die jüngeren lachten und machten sich über sie lustig, am meisten aber schalten die Weiber, die sie wie eine scheußliche Spinne oder etwas noch Ekelhafteres behandelten. Und die Mutter ließ das zu, saß dabei, nickte mit dem Kopf und fand es ganz in der Ordnung. Die Alte war damals von den Ärzten bereits aufgegeben. Nach zwei Monaten starb sie denn auch. Sie wußte, daß ihre Tage gezählt waren, aber sie söhnte sich nicht mit der Tochter aus, ließ sie im kalten Vorhaus schlafen und gab ihr kaum etwas zu essen. Die kranken Füße der Alten mußten alle paar Stunden in warmes Wasser gesetzt werden, was Marie denn auch pünktlich und sorgsam tat. Sie wusch ihr die Füße und pflegte sie überhaupt aufopfernd. Die Alte aber nahm alle Dienste der Tochter als etwas Selbstverständliches hin und sagte ihr nicht einmal ein freundliches Wort. Marie ertrug alles, und wie ich später bei näherer Bekanntschaft sah, empfand sie diese Behandlung von seiten der Mutter als vollkommen gerecht und hielt sich selbst für die Verworfenste aller Verworfenen. Als man dann die Alte in ihren letzten Wochen zu Bett hatte legen müssen, kamen die Dorfweiber abwechselnd zu ihr, um sie zu pflegen, wie es dort Sitte ist. Nun bekam Marie überhaupt nichts mehr zu essen; im ganzen Dorf wurde sie verfolgt, und man wollte ihr nicht einmal Arbeit geben wie früher. Alle spien hinter ihr her, und die Männer betrachteten sie wohl überhaupt nicht mehr als ein Weib – solche Schändlichkeiten sagten sie ihr. Nur sehr selten, wenn sie sich betranken, Sonntags gewöhnlich, warfen sie ihr in der Trunkenheit zum Spott ein Kupferstück hin, so – einfach auf die Erde, und Marie hob es schweigend auf. Sie hustete damals bereits sehr stark und begann Blut zu speien. Schließlich hingen ihre Kleider nur noch wie Lumpen an ihrem Körper, so daß sie sich schämte, sich im Dorf zu zeigen. War sie doch seit ihrer Rückkehr immer nur barfuß gegangen! Da begannen denn besonders die Kinder – es waren ihrer dort eine ganze Schar, mindestens vierzig Schulrangen – ja, besonders die Kinder begannen, sie zu necken und ihr mit Straßenschmutz nachzuwerfen. Sie bat den Hirten, daß er ihr erlauben möge, seine Kühe zu hüten, aber der Hirt jagte sie davon. Sie jedoch nahm eine Gelegenheit wahr und zog ohne seine Erlaubnis mit der Herde hinaus und blieb den ganzen Tag fort, worauf der Hirt einsah, daß sie ihm großen Nutzen bringen konnte, und sie nicht mehr fortjagte und ihr bisweilen sogar die Überreste seiner Mahlzeit gab, etwas Käse und Brot. Das hielt er natürlich für eine große Gnade. Als ihre Mutter endlich gestorben war und beerdigt wurde, schämte sich der Pastor nicht, sie öffentlich zu schmähen, und er tat das noch dazu in der Kirche. Marie stand in ihren Lumpen hinter dem Sarge und weinte. Viel Volks hatte sich versammelt, um zu sehen, wie sie weinen und hinter dem Sarge hergehen würde. Da hub der Pastor an – er war ein noch junger Mensch, der den Ehrgeiz hatte, ein großer Redner zu werden – wandte sich an alle Anwesenden und wies auf Marie. ‚Seht, dort steht sie, die die Schuld am Tode dieser alten Frau trägt,‘ begann er – es war gar nicht wahr, denn die Alte war doch ganze zwei Jahre lang krank gewesen – ‚seht, da steht sie nun vor euch und wagt nicht, den Blick zu erheben; denn der Zorn des Herrn ruht auf ihr! Da steht sie barfuß und in Lumpen – ein Beispiel aus der Schar jener, die den Pfad der Tugend verlassen! Und wer ist sie? Wer ist sie, die diese fromme Frau ins Grab gebracht? Sie ist ihre – Tochter!‘ – und so weiter, immer in demselben Ton. Und können Sie sich so etwas denken: diese Gemeinheit gefiel allen! Doch... da kam etwas anderes dazwischen: die Kinder traten für sie ein; denn damals waren sie bereits alle auf meiner Seite und hatten Marie gern. Das war folgendermaßen geschehen: Ich wollte etwas für Marie tun, man mußte ihr Geld verschaffen, denn sie hatte es sehr nötig. Ich besaß aber – dort, bei Schneider – nie Geld. Dafür hatte ich eine kleine Krawattennadel mit einem Brillanten, die verkaufte ich an einen Aufkäufer alter Sachen; es war dort gerade einer, der von Dorf zu Dorf fuhr und mit alten Kleidern handelte. Er gab mir acht Franken, während die Nadel wenigstens vierzig wert war. Darauf bemühte ich mich lange Zeit vergeblich, Marie einmal allein zu treffen. Endlich gelang es mir: wir begegneten uns hinter dem Dorf auf einem einsamen Fußsteig, der auf die Berge hinaufführte, gerade hinter einem Baum. Ich gab ihr die acht Franken und sagte ihr, daß sie sparsam mit ihnen umgehen müsse; denn mehr Geld hätte ich nicht, und dann küßte ich sie und sagte, sie solle nicht denken, daß ich irgendeine schlechte Absicht hätte, daß ich sie nicht deshalb geküßt, weil ich etwa in sie verliebt sei, sondern nur, weil sie mir sehr leid täte und ich sie niemals für schuldig, sondern nur für sehr unglücklich halten würde. Ich wollte sie gern noch etwas trösten und ihr klarmachen, daß sie sich doch nicht für so tief unter den anderen stehend zu halten brauche; aber ich sah es ihr an, daß sie mich nicht verstand, obschon sie kein Wort sagte, mit gesenktem Blick vor mir stand und sich entsetzlich schämte. Als ich geendet hatte, beugte sie sich plötzlich nieder und küßte mir die Hand, worauf ich sofort ihre Hand nahm, um sie gleichfalls zu küssen, doch sie zog sie erschrocken zurück. Da tauchten plötzlich die Kinder auf, eine ganze Schar. Wie ich später erfuhr, hatten sie mich beobachtet und waren mir sogar heimlich gefolgt. Kaum hatten sie uns erblickt, als sie auch schon in ein Hohngelächter ausbrachen, pfiffen, schrien und in die Hände klatschten. Marie lief natürlich fort, so schnell sie nur konnte. Ich wollte zu den Kindern reden, aber sie warfen mit Steinen nach mir. Noch am selben Abend wußte es das ganze Dorf, und Marie mußte dafür büßen: sie wurde noch mehr verfolgt und gehaßt. Wie ich hörte, wollte man sie sogar gerichtlich zu einer Strafe verurteilen lassen, doch zum Glück kam es nicht so weit. Dafür aber ließen die Kinder sie keinen Augenblick mehr in Ruhe: sie schalten sie mit häßlichen Worten, warfen ihr Schmutz nach, trieben sie fort, und sie mußte mit ihrer schwachen Brust laufen, keuchend, atemlos, die Kinder mit Geschrei hinter ihr her. Einmal trat ich der Schar entgegen und prügelte mich sogar mit den Jungen. Dann begann ich mit ihnen zu reden. Und so redete ich jeden Tag, wenn sich nur Gelegenheit dazu bot. Bisweilen blieben sie dann stehen und hörten zu, wenn sie auch das Schelten noch nicht ließen. Ich erzählte ihnen, wie unglücklich Marie sei, und bald hörten sie auf, sie zu verfolgen und gingen nur schweigend fort, wenn sie kam. Mit der Zeit begannen sie auch mit mir zu sprechen, und wir unterhielten uns; ich verheimlichte ihnen nichts, ich erzählte ihnen alles. Sie hörten mir sehr neugierig zu und bald empfanden auch sie Mitleid mit Marie. Einzelne von ihnen gingen sogar so weit, daß sie sie jetzt freundlich grüßten, wenn sie ihr begegneten. Es ist dort Sitte, daß einander Begegnende, gleichviel ob sie sich kennen oder nicht, ‚Grüß Gott‘ sagen. Ich kann mir denken, wie erstaunt Marie anfangs gewesen sein muß. Einmal hatten zwei kleine Mädchen sich irgendwoher Essen verschafft, und kamen dann zu mir, um es mir zu erzählen. Sie sagten, Marie habe angefangen zu weinen, und sie hätten sie jetzt sehr lieb. Es dauerte nicht lange, und sie wurde von allen geliebt, und durch sie gewannen die Kinder auch mich plötzlich lieb. Von der Zeit an kamen sie oft zu mir und baten mich, ihnen zu erzählen. Ich glaube, ich habe nicht schlecht erzählt, denn sie hörten mir sehr gern zu. Späterhin lernte und las ich nur zu dem Zweck, um ihnen dann das Gelesene erzählen zu können, und so habe ich ihnen ganze drei Jahre lang erzählt. Als mich dann später alle, selbst Schneider nicht ausgenommen, verurteilten, weil ich mit ihnen wie mit Erwachsenen redete und ihnen nichts verheimlichte, sagte ich, daß man sich schämen müßte, Kinder zu belügen, daß sie ja sowieso alles wüßten, wie sehr man es auch vor ihnen geheimhalten wollte. Wenn sie all das dann aber im Leben erfahren würden, dann würden sie es als etwas Schmutziges erfahren, von mir aber erführen sie es als etwas Reines. Es sollte, meinte ich, doch ein jeder nur daran denken, wie es gewesen war, als er selbst noch ein Kind war. Die Menschen waren aber anderer Meinung... Daß ich Marie geküßt hatte, war ungefähr zwei Wochen vor dem Tode ihrer Mutter gewesen, so daß die Kinder, als der Pastor die Beerdigungsrede hielt, schon alle auf meiner Seite waren. Ich erklärte ihnen unverzüglich die ganze Schändlichkeit dieser Rede, und sie wurden alle böse auf ihn, einige sogar in dem Maße, daß sie mit Steinen seine Fensterscheiben einwarfen. Ich verbot es ihnen natürlich, denn das ging doch nicht an; aber im Dorf hatte man schon den ganzen Zusammenhang erfahren, und alle beschuldigten mich, daß ich die Kinder verderbe. Gleichzeitig erfuhren sie auch den Grund: daß die Kinder Marie liebten – und sie erschraken unsäglich. Marie aber war glücklich. Den Kindern wurde strengstens verboten, mit ihr zusammenzukommen. Da liefen sie denn heimlich fort und stahlen sich auf Umwegen zur Herde, die sie hütete. Es war ziemlich weit – eine gute halbe Werst vom Dorf. Und sie brachten ihr Leckerbissen, die sie sich selbst abgespart, oder sie liefen auch nur so hin, um sie zu grüßen und zu streicheln und ihr zu sagen: ‚Ich hab dich lieb, Marie‘. Und dann liefen sie blitzschnell wieder nach Hause. Marie war wie von Sinnen vor Glück: es kam so plötzlich, daß sie gar nicht wußte, wohin damit! So etwas hatte sie ja nie im Traume für möglich gehalten. Sie schämte sich und war doch selig. Die Kinder aber, namentlich die Mädchen, liefen gern zu ihr hin, um ihr zu sagen, daß ich sie liebe und ihnen sehr viel von ihr erzähle. Sie erzählten ihr sogar, daß ich ihnen alles gesagt hätte, und daß sie sie jetzt liebten und bemitleideten, und daß es immer so bleiben würde. Und von ihr kamen sie dann eilig zu mir gelaufen, um mir mit freudigen Gesichtchen und geschäftigen Mienen höchst wichtig mitzuteilen, daß sie soeben Marie gesehen und gesprochen hätten, und daß sie mich grüßen lasse. Am Abend ging ich dann zum Wasserfall: dort war eine rings von Pappeln umstandene, einsame Stelle, die man vom Dorfe aus nicht sehen konnte, und dorthin kamen sie dann zu mir gelaufen, viele nur ganz heimlich. Das war unser Versammlungsort. Ich glaube, meine Zuneigung zu Marie war für sie von ungeheurem Reiz, und so habe ich ihnen denn nur in dieser einen Beziehung nicht die Wahrheit gesagt: ich ließ sie in dem Glauben, daß ich Marie tatsächlich liebe, das heißt, daß ich in sie verliebt sei, während sie mir doch nur leid tat; ich ersah aus allem, daß es ihnen so besser gefiel, wie sie es sich selbst zurechtgelegt hatten; und deshalb schwieg ich und tat, als hätten sie das Geheimnis erraten. Und wie zartfühlend und zärtlich diese kleinen Herzen waren! Unter anderem schien es ihnen ganz ungehörig, daß Marie, die von ihrem guten Lew geliebt wurde, so schlecht gekleidet war und sogar barfuß ging. Und können Sie sich denken: sie verschafften ihr Schuhe und Strümpfe und Wäsche und sogar ein Kleid – wie sie das fertigbrachten, begreife ich heute noch nicht! Jedenfalls wird sich die ganze Schar zusammengetan und mit vereinten Kräften am großen Werk gearbeitet haben. Als ich sie fragte, wie sie das angestellt hätten, lachten sie nur fröhlich, und die kleinen Mädchen klatschten in die Hände und kamen zu mir gelaufen und küßten mich. Auch ich ging bisweilen zu Marie, aber gleichfalls nur heimlich. Sie wurde immer schwächer und konnte bald kaum noch gehen. Aber trotzdem schleppte sie sich an jedem Morgen hinaus und ging mit der Herde mit und saß dort im Freien, den ganzen Tag: sie setzte sich etwas abseits an einen steilen, fast senkrechten Abhang auf einen kleinen Vorsprung, dort lag am äußersten Rande ein großer Stein, ganz verborgen hinter Felsvorsprüngen. Und dort saß sie fast regungslos, vom Morgen bis zum Abend, bis zu dem Augenblick, wenn die Herde heimkehren mußte. Sie war von der Schwindsucht so entkräftet, daß sie gewöhnlich mit geschlossenen Augen saß, den Kopf an den Fels gelehnt, schwer atmend, und so verträumte sie halb schlummernd den ganzen Tag. Ihr Gesicht war so mager geworden, daß man glauben konnte, ein Skelett vor sich zu haben, und auf der Stirn und an den Schläfen trat immer Schweiß hervor. So traf ich sie regelmäßig an, wenn ich sie aufsuchte. Ich blieb nicht lange bei ihr, denn ich wollte nicht, daß man mich mit ihr zusammen sehen sollte. Kaum näherte ich mich ihr, so zuckte sie auch schon zusammen, schlug die Augen auf, und dann stürzte sie mir entgegen, um meine Hände zu küssen. Das verbot ich ihr nicht, denn sie war glücklich, wenn sie es tun konnte. Die ganze Zeit, solange ich bei ihr saß, zitterte und weinte sie. Sie begann allerdings ein paarmal zu sprechen, aber es war schwer, sie zu verstehen. Sie war dann wie von Sinnen, doch weiß ich nicht, ob es nur krankhafte Erregung war oder inneres Entzücken. Bisweilen kamen auch die Kinder mit mir zu ihr. Dann stellten sie sich gewöhnlich nicht weit von uns auf und bewachten und beschützten uns vor weiß Gott was oder wem, und dann waren sie sehr froh. Wenn wir fortgingen, blieb Marie wieder allein zurück, und saß wieder regungslos mit geschlossenen Augen, den Kopf an die Felswand gelehnt; vielleicht träumte sie von irgend etwas. Eines Morgens aber konnte sie nicht mehr mit der Herde mitgehen und blieb in ihrem alten, leeren Häuschen. Das hatten die Kinder bald erfahren, und sie besuchten sie fast alle an diesem Tage. Sie lag mutterseelenallein in ihrem armseligen Bett. Die ersten zwei Tage wurde sie nur von den Kindern gepflegt, die abwechselnd zu ihr liefen, so daß die einen die anderen ablösten, dann jedoch, als man im Dorfe erfuhr, daß Marie im Sterben liege, gingen auch die alten Dorfweiber zu ihr, um sie nicht ganz allein zu lassen und um sie zu pflegen. Wahrscheinlich begann man jetzt im Dorf, sie zu bemitleiden wenigstens hielt man die Kinder nicht mehr zurück, wenn sie zu ihr laufen wollten. Marie lag die ganze Zeit über wie im Halbschlummer, doch hatte sie keinen ruhigen Schlaf: sie hustete entsetzlich. Die alten Weiber ließen aber die Kinder nicht mehr in ihre Stube, und so liefen die Kleinen immer unter ihr Fenster, um ihr von draußen ‚Guten Tag, liebe, gute Marie‘ zuzurufen. Marie aber war, sobald sie wieder ein Kleines hinter dem Fenster erblickte oder nur hörte, sogleich wie neu belebt und mühte sich mit Aufbietung ihrer letzten Kräfte, ohne auf die alten Weiber zu hören, sich im Bett etwas aufzurichten, sich auf den Ellbogen zu stützen, und dann nickte sie ihnen mit dem Kopf zu und dankte. Die Kinder brachten ihr nach wie vor ihre kleinen Leckerbissen, aber sie aß fast nichts mehr. Sie können mir glauben, daß sie durch die Liebe der Kinder mit Glück im Herzen starb. Die Liebe der Kinder ließ sie ihr trostloses Elend vergessen, sie empfing von ihnen gleichsam die Vergebung ihrer Sünden; denn sie hielt sich bis zum Tode für eine große Verbrecherin. Sie kamen wie kleine Vögel an ihr Fenster geflogen und riefen ihr an jedem Morgen einen Gruß zu und sagten: ‚Wir haben dich lieb, Marie!‘ Sie starb sehr bald. Ich dachte bis zuletzt, daß sie noch länger leben würde. Am Abend vor ihrem Tode, kurz vor Sonnenuntergang, besuchte ich sie. Ich glaube, sie erkannte mich, und ich drückte ihr zum letztenmal die Hand. Wie abgezehrt diese Hand war! Und plötzlich am nächsten Morgen kamen sie und sagten, daß Marie gestorben sei. Da konnte man die Kinder nicht mehr zurückhalten: sie schmückten den ganzen Sarg mit Blumen und setzten ihr einen Kranz aufs Haar. Der Pastor sagte kein schlechtes Wort über die Tote in seiner Leichenrede. Es waren nur sehr wenige zugegen, nur so – aus Neugier waren einige gekommen; doch als man den Sarg hinaustragen wollte, stürzten alle Kinder herbei, um ihn selbst zu tragen. Natürlich waren sie zu schwach dazu, sie konnten beim Tragen höchstens etwas helfen, aber dennoch liefen sie alle mit und alle weinten herzbrechend. Maries Grab wurde von ihnen unermüdlich mit Blumen geschmückt, und ringsum wurden von ihnen kleine Rosenstöcke gepflanzt... Seit dieser Beerdigung wurde ich vom ganzen Dorf der Kinder wegen verfolgt. Meine größten Feinde und die Hauptanstifter dieser Verfolgung waren der Pastor und der Schulmeister. Den Kindern wurde strengstens verboten, mit mir Umgang zu pflegen, und Schneider verpflichtete sich sogar, mich besser zu beaufsichtigen und Annäherungen zu verhindern. Aber wir kamen dennoch zusammen oder verständigten uns, wenn es nicht anders ging, von ferne durch verschiedene Zeichen, oder sie schickten mir heimlich ihre kleinen Briefe. Späterhin hörte das übrigens wieder auf, und wir brauchten nicht mehr heimlich zu verkehren. Aber es war doch hübsch so: ich trat ihnen gleichsam noch näher dadurch, daß ich verfolgt wurde. Im letzten Jahre kam es zwischen mir und meinen beiden Feinden, Thibaut und dem Pastor, sogar zu einer halben Aussöhnung. Schneider stritt oft mit mir über mein schädliches ‚System‘ zur Kindererziehung und redete viel darüber. Aber was hatte ich denn für ein System! Schließlich sagte er mir noch etwas sehr Sonderbares – einen Gedanken, den er über mich hatte... und das war kurz vor meiner Abreise. Er sagte mir, er habe sich überzeugt, daß ich selbst ein vollständiges Kind sei, ein wirkliches Kind, daß ich nur dem Alter und dem Äußern nach einem Erwachsenen ähnlich sähe, in jeder geistigen Beziehung dagegen, in der ganzen psychischen Entwicklung, als Charakter, als Seele – und vielleicht sogar meinen Verstand nicht ausgenommen – sei ich kein Erwachsener, und so würde ich bleiben, wenn ich auch sechzig Jahre alt würde. Ich lachte nicht wenig, als er mir das gesagt hatte, natürlich hat er nicht recht, denn – nicht wahr – was bin ich denn für ein Kind? Nur eines ist wahr: ich bin tatsächlich nicht gern mit Erwachsenen zusammen, mit großen Menschen, daß habe ich selbst bemerkt, – nicht gern, weil ich es nicht verstehe, mit ihnen zusammen zu sein. Was sie auch reden, und wie gut sie auch zu mir sein mögen, ich fühle mich doch nicht wohl in ihrer Gesellschaft, es ist mir aus irgendeinem Grunde schwer zumute, und ich bin sehr froh, wenn ich zu meinen kleinen Freunden gehen kann, und das sind von jeher Kinder gewesen – nicht, weil ich selbst ein Kind bin, sondern ich fühle mich eben immer zu ihnen hingezogen. Als ich noch zu Anfang meines Aufenthaltes dort im Dorf umherstrich und die einsamen Berge aufsuchte, um allein zu sein, begegnete mir bisweilen um die Mittagszeit die ganze Schar der Dorfkinder, die aus der Schule mit Täschchen und Schiefertafeln schreiend, lachend, spielend und streitend nach Hause eilte, und meine ganze Seele strebte dann zu ihnen hin. Ganz plötzlich kam es. Ich weiß nicht, was es war, aber mich ergriff jedesmal ein großes Glücksempfinden, wenn ich ihnen begegnete. Ich blieb stehen und lachte vor Glück, wenn ich diese kleinen Beinchen sah, die so flink und unermüdlich durcheinanderliefen, diese kleinen Buben und Mädel, die in bunter Schar nach Hause eilten, dazu ihr Lachen und ihre Tränen – denn viele hatten unterwegs Zeit genug, sich zu balgen und zu weinen, sich zu versöhnen und von neuem zu spielen – und vergaß dann mein Leid. Und die ganzen drei folgenden Jahre konnte ich deshalb auch nicht begreifen, warum die Menschen sich grämen. Ich wollte den Kindern mein ganzes Leben widmen. Ich hatte es mir ja nicht träumen lassen, daß ich jemals das Dorf verlassen und gar nach Rußland zurückkehren würde. Es schien mir, daß ich ewig dort bleiben sollte, aber dann sah ich selbst ein, daß Schneider mich doch nicht ewig unterhalten konnte, und hinzu kam gerade noch eine Angelegenheit von so großer Wichtigkeit, daß Schneider selbst mir zur unverzüglichen Abreise riet und mir auch das nötige Reisegeld vorstreckte. Ich will nun sehen, was es damit eigentlich für eine Bewandtnis hat. Ich werde mich wohl zuerst an einen Rechtsanwalt wenden müssen, damit er mir wenigstens einen Rat erteilt; denn ich selbst habe keine Ahnung, wie man solche Sachen anfassen muß. Es ist möglich, daß meine Verhältnisse sich sehr bald ändern werden... aber das ist ja nicht die Hauptsache! Wichtig ist vielmehr, daß sich mein ganzes Leben geändert hat. Ich habe viel dort zurückgelassen, gar zuviel. Alles Bekannte liegt jetzt weit zurück. Als ich im Waggon saß, dachte ich: ‚Jetzt gehe ich zu den erwachsenen Menschen; vielleicht weiß ich noch nichts von ihnen, vielleicht – jedenfalls beginnt jetzt ein neues Leben.‘ Ich beschloß, meine Aufgabe ehrlich und in Treue zu erfüllen. Ich werde es vielleicht schwer haben unter den Menschen und werde mich einsam fühlen. Ich will aber, so beschloß ich, gegen alle ehrlich und offen sein – mehr wird doch niemand von mir verlangen. Vielleicht wird man mich auch hier für ein Kind halten, – nun gut! Mich halten jetzt alle aus irgendeinem Grunde für einen Idioten... ich war allerdings einmal so krank, daß ich fast einem Idioten glich. Aber wie kann ich denn jetzt ein Idiot sein, wenn ich doch selbst sehr wohl begreife, daß man mich für einen Idioten hält? Wenn ich irgendwo eintrete, denke ich: ‚Da hält man mich nun für einen Idioten, aber ich bin ja doch bei vollem Verstande, und das errät man hier nicht einmal.‘ Diesen Gedanken habe ich sogar sehr oft. Als ich in Berlin die ersten kleinen Briefe meiner kleinen Freunde erhielt, begriff ich erst, wie sehr ich sie liebte. Es tut weh, wenn man einen ersten Brief erhält. Wie traurig sie waren, als wir Abschied nahmen! Schon einen ganzen Monat vor meiner Abreise fingen wir an, Abschied voneinander zu nehmen. ‚Léon geht fort, Léon geht für immer fort!‘ sagten sie tieftraurig. Wir versammelten uns jeden Abend am Wasserfall, wie wir es auch früher getan hatten, und sprachen nur davon, wie wir uns trennen würden. Mitunter ging es ebenso heiter her wie früher; nur wenn wir bei Anbruch der Nacht auseinandergingen, umarmten sie mich geradezu krampfhaft, was sie früher nicht getan hatten. Einige von ihnen kamen ganz allein und heimlich, so daß niemand sie sah, zu mir gelaufen, nur um mich unter vier Augen umarmen und küssen zu können. Sie waren zu verschämt, um es in Gegenwart anderer zu tun. Und als ich dann endlich fortfuhr, begleitete mich die ganze Schar bis zur Station. Die war etwa eine Werst weit von unserem Dorf. Sie bezwangen sich, um nicht zu weinen, doch viele konnten die Tränen nicht unterdrücken und weinten laut, besonders die kleinen Mädchen. Wir mußten schnell gehen, um uns nicht zu verspäten; doch plötzlich warf sich bald dieses, bald jenes mitten auf dem Wege mir entgegen, umklammerte mich mit seinen kleinen Ärmchen und küßte mich – und hielt uns alle dadurch auf – die anderen Kinder aber blieben, obschon wir eilen mußten, jedesmal gleichfalls stehen und warteten so lange, als unsere Umarmung dauerte. Und als ich schon im Waggon saß und der Zug sich in Bewegung setzte, riefen sie alle ‚Hurra!‘ und standen noch lange und sahen dem Zuge nach. Auch ich sah noch lange aus dem Fenster... Wissen Sie, als ich vorhin hier eintrat und Ihre lieben Gesichter erblickte, – ich betrachte jetzt immer sehr aufmerksam die Gesichter der Menschen – und als ich Ihre Worte hörte, da wurde mir zum erstenmal wieder leicht ums Herz. Ich war auch sogleich bereit, mich für ein Glückskind zu halten: ich weiß ja, daß man Menschen, die man auf den ersten Blick liebgewinnt, nicht so leicht findet, Sie aber sind die ersten, die ich hier, kaum daß ich angekommen bin, kennen gelernt habe. Ich weiß sehr wohl, daß die Menschen im allgemeinen sich schämen, von ihren Gefühlen zu reden, Ihnen aber erzähle ich von meinen Gefühlen und schäme mich nicht. Ich bin menschenscheu und werde vielleicht lange Zeit nicht zu Ihnen kommen. Nur fassen Sie das, bitte, nicht falsch auf: ich sage es nicht, weil ich Sie nicht schätze, und denken Sie auch nicht, daß ich Ihnen irgend etwas übelgenommen habe. Sie fragten mich, inwiefern ich Sie durch Ihre Gesichter kenne, was ich aus ihnen herauszulesen weiß, – jetzt werde ich es Ihnen gern sagen. Sie, Adelaida Iwanowna, Sie haben ein glückliches Gesicht, das sympathischste von allen dreien. Ganz abgesehen davon, daß Sie sehr hübsch sind, denkt man, wenn man Sie ansieht: ‚Sie hat das Gesicht einer guten Schwester.‘ Sie kommen einem einfach und heiter entgegen, doch verstehen Sie auch, das Innere der Menschen zu erraten. Das wäre es, was mir aus Ihrem Gesicht zu sprechen scheint. Sie, Alexandra Iwanowna, haben gleichfalls ein schönes und ein sehr liebes Gesicht, aber Sie haben vielleicht irgendeinen geheimen Kummer; Sie sind zweifellos ein herzensguter Mensch, aber Sie sind nicht eigentlich fröhlich. Sie haben einen gewissen... einen ganz besonderen Zug im Gesicht, ähnlich der Holbeinschen Madonna in Dresden. Nun, das wäre Ihr Gesicht. Habe ich das Richtige erraten? Sie sind ja doch der Meinung, daß ich es erraten könne. Und was nun Ihr Gesicht betrifft, Lisaweta Prokofjewna,“ wandte er sich plötzlich an die Generalin, „so scheint es mir nicht nur, sondern ich bin sogar fest überzeugt, daß Sie ein vollständiges Kind sind, in jedem, in jedem guten wie jedem schlechten Sinne, obschon Sie eine bejahrte Frau sind. Sie nehmen es mir doch nicht übel, daß ich so offen rede? Sie wissen doch, was ich für Kinder übrig habe, und wieviel ich von ihnen halte. Glauben Sie nicht, daß ich Ihnen alles das über Ihre Gesichter aus bloßer Einfalt so offen gesagt habe – o nein, durchaus nicht! Vielleicht habe auch ich meine Gedanken dabei gehabt.“

VII

Als der Fürst geendet hatte, blickten ihn alle mit heiteren Gesichtern an, selbst Aglaja nicht ausgenommen, doch vor allen Lisaweta Prokofjewna.

„Da habt ihr ihn jetzt examiniert!“ rief sie aus. „Nun, was, meine verehrten Damen, ihr dachtet wohl, daß ihr ihn noch protegieren würdet, so als armen Jungen – und dabei würdigt er euch nur gerade noch seiner Bekanntschaft, und auch das noch mit der Randbemerkung, daß er nur selten kommen werde. Wer sind jetzt die Dummen? Natürlich wir. Das freut mich. Aber am meisten ist’s doch Iwan Fedorowitsch. Bravo, Fürst, wir wurden vorhin beauftragt, Sie zu examinieren. Und was Sie da von meinem Gesicht sagten, ist vollkommen richtig: ich bin ein Kind, das weiß ich selbst. Das wußte ich schon vor Ihnen. Sie haben nur meinen Gedanken in einem einzigen Wort ausgedrückt. Ihren Charakter halte ich dem meinen für vollkommen ähnlich, und das freut mich sehr. Wie zwei Tropfen Wasser. Nur sind Sie ein Mann und ich bin eine Frau und bin nicht in der Schweiz gewesen; das ist der ganze Unterschied.“

„Warten Sie noch ein wenig, Mama,“ rief Aglaja, „der Fürst sagt ja doch, daß er bei jedem seiner Bekenntnisse einen besonderen Gedanken gehabt und nicht nur aus Einfalt so gesprochen habe.“

„Ja, ja!“ lachten die anderen.

„Bitte, sich über andere nicht lustig zu machen; er ist vielleicht noch viel schlauer, als ihr alle drei zusammen genommen. Das werdet ihr sehen. Aber warum haben Sie nichts von Aglaja gesagt, Fürst. Sie wartet und ich warte.“

„Augenblicklich kann ich nichts sagen; erst später.“

„Warum später? Ich dächte, sie sieht nicht danach aus, daß man sie übersehen könnte.“

„O nein, ganz im Gegenteil Sie sind eine außerordentliche Schönheit, Aglaja Iwanowna. Sie sind so schön, daß man fast Angst hat, Sie anzusehen.“

„Und das ist alles? Aber ihre Eigenschaften?“ wollte die Generalin wissen.

„Eine Schönheit ist schwer zu beurteilen. Ich habe mich nicht darauf vorbereitet. Schönheit ist ein Rätsel.“

„Das heißt also, daß Sie das Rätsel von Aglaja selbst lösen lassen wollen,“ sagte Adelaida. „Dann versuch’ es mal zu lösen, Aglaja. Aber ist sie nicht schön, Fürst, ist sie nicht schön?“

„Außerordentlich!“ antwortete der Fürst, der Aglaja begeistert betrachtete. „Fast so schön, wie Nastassja Filippowna, obschon das Gesicht ein ganz anderes ist!...“

Erstaunt blickten sich die Damen untereinander an.

„Wie we–e–er?“ fragte die Generalin, als traue sie ihren Ohren nicht. „Wie Nastassja Filippowna? Wo haben Sie denn Nastassja Filippowna gesehen? Welch eine Nastassja Filippowna?“

„Vorhin zeigte Herr Iwolgin Ihrem Herrn Gemahl die Photographie...“

„Was, er hat Iwan Fedorowitsch ihre Photographie gebracht?“

„Nein, nur gezeigt. Nastassja Filippowna hat heute Herrn Iwolgin ihr Bild geschenkt und Herr Iwolgin zeigte es vorhin Iwan Fedorowitsch.“

„Ich will es sehen!“ fuhr die Generalin auf. „Wo ist diese Photographie? Wenn sie sie ihm geschenkt hat, dann muß er sie noch bei sich haben und er ist gewiß noch im Arbeitszimmer. Mittwochs arbeitet er immer hier und geht dann niemals vor vier Uhr fort. Man muß ihn sofort herbitten lassen! Doch nein, ich brenne durchaus nicht so darauf, ihn selbst zu sehen. Ach, Fürst, seien Sie so gut, mein Lieber, gehen Sie ins Arbeitszimmer, erbitten Sie die Photographie von ihm und bringen Sie sie her! Sagen Sie ihm, ich wolle sie sehen! Bitte!“

„Nicht übel, aber doch ein wenig gar zu offen,“ sagte Adelaida, als der Fürst das Zimmer verlassen hatte.

„Ja, ein wenig gar zu sehr,“ pflichtete ihr Alexandra bei, „so daß es mitunter sogar ein wenig lächerlich wirkt.“

Es war aber, als hätten beide nicht alles ausgesprochen, was sie bei sich dachten.

„Er hat sich übrigens mit unseren Gesichtern gut aus der Affäre gezogen,“ sagte Aglaja, „er hat allen geschmeichelt, selbst Mama nicht ausgenommen.“

„Sei nicht so spitz, wenn ich bitten darf!“ verwies die Generalin ihre Jüngste. „Nicht er hat geschmeichelt, sondern ich fühle mich geschmeichelt.“

„Du glaubst, er habe sich auf diese Weise aus der Affäre ziehen wollen?“ fragte Adelaida.

„Ich glaube, daß er durchaus nicht so – einfach ist.“

„Ach geh!“ ärgerte sich die Generalin. „Ich aber finde, daß ihr drei noch viel lächerlicher seid als er. Meinetwegen, mag er einfältig sein, dafür hat er aber auch besondere Einfälle – im besten Sinn ‚besondere‘. Ganz wie ich.“

„Das ist natürlich dumm, daß ich von der Photographie etwas habe verlauten lassen,“ dachte der Fürst bei sich, während er sich ins Arbeitszimmer des Generals begab und so etwas wie leichte Gewissensbisse empfand. „Aber vielleicht ist es auch sehr gut, daß es nun so gekommen ist...“

Ihm war plötzlich ein sonderbarer Gedanke gekommen, doch war er ihm selbst noch nicht so ganz klar.

Gawrila Ardalionytsch Iwolgin saß noch im Arbeitszimmer und hatte sich ganz in den Inhalt der verschiedenen Papiere vertieft. Selbstverständlich wurde er nicht umsonst von der Aktiengesellschaft honoriert!

Er schien sehr verlegen zu werden, als der Fürst ihn um das Bild bat und zur Erklärung noch ehrlich mitteilte, auf welche Weise die Damen von der Existenz desselben erfahren hatten.

„Verdammt! Was plagte Sie denn, davon zu schwatzen!“ fuhr er geärgert auf. „Was wissen Sie überhaupt davon... Idiot!“ brummte er unwirsch vor sich hin.

„Verzeihen Sie mir. Ich habe es gesagt, ohne mir dabei etwas Schlimmes zu denken. Wir kamen zufällig auf die Schönheit zu sprechen. Ich sagte, daß Aglaja fast ebenso schön sei wie Nastassja Filippowna.“

Ganjä bat ihn, ausführlicher zu erzählen, worauf der Fürst das vorhergegangene Gespräch in kurzen Worten wiedergab, während Ganjä ihn wiederum spöttisch von der Seite betrachtete.

„Diese ewige Nastassja Filippowna! Von anderem hört man hier überhaupt nichts...,“ brummte er ärgerlich, brach jedoch plötzlich ab und wurde nachdenklich.

Er war sichtlich erregt. Der Fürst erinnerte ihn an das Bild.

„Hören Sie, Fürst,“ begann Ganjä plötzlich, als wäre ihm mit einemmal ein wichtiger Gedanke gekommen, „ich habe eine große Bitte an Sie... Nur weiß ich nicht, in der Tat...“

Er wurde wieder etwas verlegen und sprach seine Bitte nicht aus. Er schien innerlich zu kämpfen und sich nicht entschließen zu können. Der Fürst wartete schweigend. Ganjä sah ihn noch einmal mit forschendem, prüfendem Blick an.

„Fürst,“ begann er dann wieder, „dort ist man jetzt auf mich... infolge eines besonderen Umstandes... eines sehr lächerlichen Umstandes... und an dem ich nicht schuld bin... nun, mit einem Wort – doch das gehört nicht zur Sache... Ich glaube, man ist dort ein wenig ungehalten über mich, so daß ich eine Zeitlang nicht ungerufen hingehen will. Nur, sehen Sie, muß ich jetzt unbedingt mit Aglaja Iwanowna sprechen. Ich habe hier... ich habe hier für jeden Fall ein paar Worte geschrieben“ (in seiner Hand befand sich plötzlich ein kleiner Brief), „nur weiß ich nicht, wie ich ihr diesen Zettel zustellen soll. Würden nicht Sie, Fürst, so freundlich sein, ihn Aglaja Iwanowna gleich zu übergeben, aber nur Aglaja Iwanowna allein, das heißt so, daß niemand es sieht, Sie verstehen doch? Es ist nicht Gott weiß was für ein Geheimnis, es steht hierin nichts von der Art... aber... würden Sie ihn ihr übergeben?“

„Ihre Bitte ist mir nicht ganz angenehm,“ antwortete der Fürst.

„Ach, ich bitte Sie, Fürst, es ist wirklich von großer Wichtigkeit für mich,“ begann Ganjä beschwörend, „Sie wird mir vielleicht auch antworten... Sie können mir glauben, daß ich mich an Sie wende, nur weil es wirklich das Äußerste ist... Durch wen könnte ich ihr denn sonst den Brief schicken? Es ist unendlich wichtig für mich, von unendlicher Wichtigkeit...“

Ganjä hatte große Angst, daß der Fürst sich nicht dazu herablassen würde, und blickte ihm mit ängstlicher Bitte in die Augen.

„Nun gut, ich werde ihn übergeben.“

„Aber nur so, daß es niemand bemerkt,“ bat Ganjä erfreut, „und dann, Fürst – nicht wahr – ich kann mich doch auf Ihre Diskretion verlassen, nicht?“

„Ich werde ihn keinem zeigen,“ sagte der Fürst.

„Der Brief ist nicht geschlossen, aber...“ fuhr der erfreute Ganjä im Eifer fort, brach aber wieder plötzlich verwirrt ab.

„Oh, ich werde ihn nicht lesen,“ antwortete der Fürst ganz ruhig, nahm die Photographie und verließ das Kabinett.

Als Ganjä allein zurückblieb, griff er sich an den Kopf.

„Nur ein Wort von ihr und ich... und ich, wirklich, ich breche vielleicht mit allem!“

Er war zu erregt, um sich wieder an die Arbeit zu machen, und so begann er, in gespannter Erwartung ruhelos im Zimmer hin und her zu gehen.

Der Fürst kehrte nachdenklich zu den Damen zurück: der übernommene Auftrag war ihm peinlich, und der Gedanke an irgendwelche Beziehungen zwischen Aglaja und Ganjä war ihm direkt unangenehm. Plötzlich blieb er stehen, als wenn ihm etwas einfiele; er blickte sich im Zimmer um: zwischen ihm und dem kleinen Salon lagen noch zwei Zimmer. Da trat er schnell ans Fenster und begann Nastassja Filippownas Bild zu betrachten.

Es war, als hätte er ein gewisses Etwas erraten wollen, das sich in diesem Gesicht verbarg und ihn vorhin ganz betroffen gemacht hatte. Fast die ganze Zeit hatte er die Wirkung dieses Eindrucks empfunden, und so beeilte er sich jetzt, sich gewissermaßen nochmals von der Richtigkeit des ersten Eindrucks zu überzeugen. Da war es ihm plötzlich, als mache dieses in seiner Schönheit und noch aus einem anderen unbestimmbaren Grunde außergewöhnliche Gesicht einen noch weit fesselnderen Eindruck auf ihn. Grenzenloser Stolz, Verachtung und Haß sprachen aus diesem Gesicht, und doch lag in ihm gleichzeitig etwas Vertrauendes, etwas erstaunlich Gutherziges; und diese Kontraste erweckten sogar so etwas wie Mitleid, wenn man diese Züge betrachtete. Seine blendende Schönheit war unerträglich, diese Schönheit des bleichen Gesichts mit den fast eingefallenen Wangen und den brennenden Augen. Eine eigenartige Schönheit war es! Der Fürst konnte den Blick nicht losreißen vom Bilde. Plötzlich jedoch zuckte er zusammen, sah sich um, führte dann schnell das Bild an die Lippen und küßte es. Als er nach einer Minute in den großen Salon trat, war sein Gesicht vollkommen ruhig.

Gerade im Begriff, ins Eßzimmer zu treten, prallte er in der Tür beinahe mit Aglaja zusammen. Sie war allein. Im Salon der Mutter konnte man nichts hören – es lag noch ein Zimmer dazwischen – und so entschloß sich der Fürst schnell.

„Gawrila Ardalionytsch hat mich gebeten, Ihnen dieses zu übergeben,“ sagte er und überreichte ihr den Brief.

Aglaja blieb stehen, nahm den Brief entgegen und blickte den Fürsten etwas sonderbar an. Nicht die geringste Verwirrung lag in ihrem Blick, höchstens Verwunderung hätte man aus ihm herauslesen können, doch auch diese schien sich nur auf den Fürsten zu beziehen. Ihr Blick verlangte gleichsam Rechenschaft von ihm darüber, wie er dazu kam, in dieser Angelegenheit Helfershelfer zu sein: und er verlangte sie ruhig und hochmütig. Sie standen sich ein paar Augenblicke lang stumm gegenüber. Endlich zuckte es kaum merklich wie leiser Spott in ihrem Gesicht, und mit einem flüchtigen Lächeln ging sie an ihm vorüber.

Die Generalin betrachtete eine Zeitlang schweigend und mit einer gewissen Nuance von Geringschätzung das Bild Nastassja Filippownas, das sie effektvoll auf Armeslänge von den Augen entfernt hielt.

„Ja, sie ist schön,“ sagte sie endlich, „sogar sehr. Ich habe sie zweimal gesehen, aber nur von weitem. Also eine solche Schönheit schätzen Sie?“ wandte sie sich an den Fürsten.

„Ja... eine solche...“ antwortete der Fürst mit einiger Gezwungenheit.

„Das heißt also, gerade eine solche Schönheit?“

„Ja, gerade eine solche.“

„Weshalb?“

„In diesem Gesicht... ist viel Qual...,“ sagte der Fürst unwillkürlich, doch gleichsam als spräche er nur zu sich selbst, und als antworte er gar nicht auf eine Frage.

„Sie phantasieren vielleicht nur,“ meinte die Generalin anmaßend und warf das Bild mit einer schroffen Bewegung auf den Tisch.

Alexandra nahm es auf, Adelaida trat hinter ihren Stuhl, und beide betrachteten es schweigend. Im selben Augenblick kehrte Aglaja in den Salon zurück.

„Welch eine Macht!“ rief plötzlich Adelaida aus, die über die Schulter der Schwester ganz entzückt das Bild betrachtete.

„Wo? Was für eine Macht?“ fragte die Generalin scharf.

„Eine solche Schönheit ist eine große Macht,“ sagte Adelaida begeistert, „mit einer solchen Schönheit könnte man die ganze Welt umdrehen!“

Nachdenklich ging sie zu ihrer Staffelei zurück. Aglaja blickte nur flüchtig auf die Photographie, kniff die Augen zusammen, schob die Unterlippe etwas vor und setzte sich dann abseits nieder, die Hände müßig im Schoße faltend.

Die Generalin klingelte.

„Ich lasse Gawrila Ardalionytsch herbitten, er ist im Kabinett,“ sagte sie zu dem eingetretenen Diener.

„Mama!“ warf Alexandra in bedeutsamem Tone ein.

„Ich will nur zwei Worte mit ihm reden, beruhige dich,“ schnitt ihr die Mutter schnell das Wort ab, um jedem weiteren Einwand zuvorzukommen.

Sie war ersichtlich gereizt.

„Bei uns, müssen Sie wissen, Fürst, bei uns gibt es jetzt nur Geheimnisse. Nichts als Geheimnisse! Heimlichkeiten scheinen jetzt hier ganz allgemein zu sein – etwas Dümmeres kann man sich nicht leicht denken. Und das noch in einer Angelegenheit, in der Offenheit, Klarheit und Ehrlichkeit die ersten Bedingungen sein sollten. Es soll jetzt mit Gewalt geheiratet werden – nein, diese Heiraten gefallen mir nicht...“

„Mama, was soll das nur?“ beeilte sich wieder Alexandra, sie aufzuhalten.

„Was wünschst du, liebes Töchterchen? Gefallen sie denn dir? Und daß der Fürst es hört, das hat nichts zu sagen – wir sind Freunde. Wenigstens er und ich. Gott sucht Menschen, gute, versteht sich, böse und launische dagegen braucht er nicht, namentlich launische nicht, die heute so und morgen anders reden. Haben wir uns verstanden, Alexandra Iwanowna? Hier glauben sie alle, ich hätte nichts als Schrullen im Kopf; aber glauben Sie mir, Fürst, ich verstehe so manches sehr gut zu unterscheiden. Denn die Hauptsache ist und bleibt doch immer das Herz, das andere ist alles Unsinn. Verstand ist natürlich auch nötig... vielleicht ist sogar der Verstand gerade die Hauptsache. Bitte, nicht zu lächeln, Aglaja, ich widerspreche mir durchaus nicht. Ein Weib mit Herz und ohne Verstand ist eine ebenso unglückliche Törin, wie ein Weib mit Verstand und ohne Herz. Das ist eine alte Wahrheit. Ich bin eine Törin mit Herz und ohne Verstand, und du bist eine Törin mit Verstand und ohne Herz. Und so sind wir beide unglücklich und müssen beide leiden.“

„Inwiefern sind Sie denn so unglücklich, Mama?“ Adelaida konnte sich die etwas ungezogene Frage nicht verbeißen. Sie war die einzige, die von allen vier ihre gute Laune stets beibehielt.

„Erstens durch meine gelehrten Töchter,“ antwortete die Generalin schlagfertig, „und da das allein schon vollkommen genügt, so brauche ich mich wohl über das andere nicht erst weitläufig zu verbreiten. Doch es ist genug geredet worden. Wollen wir abwarten, wie ihr beide, von Aglaja rede ich vorläufig nicht, wie ihr beide mit eurem Verstande und eurer Redekunst euch herausziehen werdet, ob unsere verehrte Alexandra Iwanowna sehr glücklich sein wird mit ihrem verehrten Gemahl... Ah!“ rief sie plötzlich aus, als sie den eintretenden Ganjä erblickte. „Da kommt ja noch ein Heiratskandidat. Guten Tag,“ sagte sie auf Ganjäs Verbeugung und forderte ihn auf, Platz zu nehmen, „Sie werden heiraten?“

„Heiraten?... Wie?... Wieso heiraten?“ stotterte Ganjä, der aus den Wolken zu fallen schien.

Man sah es ihm deutlich an, wie verlegen und verwirrt er war.

„Werden Sie eine Ehe schließen, frage ich, wenn Ihnen diese Redewendung mehr zusagt?“

„N–ein... ich... n–ein,“ log Ganjä und heiße Schamröte stieg ihm ins Gesicht.

Er wagte es, flüchtig zu Aglaja hinüberzublicken, wandte jedoch den Blick sehr schnell von ihr ab. Aglaja betrachtete ihn kühl, ruhig, aufmerksam, ohne auch nur einen Blick von ihm abzuwenden, und beobachtete seine Verwirrung.

„Nein? Also nicht? Sie haben ‚Nein‘ gesagt?“ forschte Lisaweta Prokofjewna geradezu unerbittlich. „Nun gut, das werde ich mir merken. Denken Sie daran, daß Sie heute, am Mittwochvormittag, auf meine diesbezügliche Frage mit einem Nein geantwortet haben. Was haben wir heute? Mittwoch?“

„Ja, ich glaube, Mittwoch, Mama,“ antwortete Adelaida.

„Niemals wissen sie die Tage! – Welches Datum?“

„Den siebenundzwanzigsten,“ sagte Ganjä.

„Den siebenundzwanzigsten? Das ist nach einer gewissen Berechnung leicht zu behalten. Nun, auf Wiedersehen; Sie sind, glaube ich, sehr beschäftigt, und auch für mich ist es Zeit, mich anzuziehen und fortzufahren. Nehmen Sie Ihre Photographie. Grüßen Sie Ihre arme Mutter, Nina Alexandrowna, von mir. Auf Wiedersehen, Fürst. Sie können öfter herkommen. Ich fahre jetzt zur alten Fürstin Bjelokonskaja. Ich fahre absichtlich zu ihr, um ihr von Ihnen zu erzählen, mein Lieber. Und hören Sie, Fürst: ich glaube, daß Gott Sie direkt um meinetwillen aus der Schweiz hergeschickt hat. Vielleicht haben Sie auch noch andere Gründe vorzubringen, aber der Hauptgrund bin doch ich allein. Der liebe Gott hat es sicherlich mit Absicht so eingerichtet. Auf Wiedersehen, meine Lieben. Alexandra, mein Freund, komm mit mir in mein Zimmer.“

Die Generalin verließ den Salon.

Ganjä, der zuerst ganz sprachlos dagestanden, nahm plötzlich die Photographie vom Tisch und wandte sich mit einem verzerrten Lächeln, dem man sehr wohl seine Wut ansah, an den Fürsten.

„Fürst, ich gehe sogleich nach Hause. Wenn Sie Ihre Absicht, bei uns zu wohnen, nicht aufgegeben haben, so würde ich Sie heimbegleiten, Sie wissen ja noch nicht einmal die Adresse.“

„Noch einen Augenblick, Fürst,“ hielt ihn Aglaja auf und erhob sich schnell von ihrem Platz. „Sie müssen mir noch etwas ins Album schreiben. Papa sagte, Sie hätten eine schöne Handschrift. Ich werde es Ihnen sofort bringen.“

Sie verließ das Zimmer.

„Nun, auf Wiedersehen, Fürst, auch ich muß gehen,“ verabschiedete Adelaida sich von ihm.

Sie drückte dem Fürsten fest die Hand, lächelte ihm froh und freundlich zu und ging hinaus, ohne Ganjä zu beachten.

„Das haben Sie, natürlich Sie ausgeplaudert, daß ich heirate!“ fiel Ganjä, kaum daß sie allein zurückgeblieben waren, in wutbebendem Flüsterton über den Fürsten her. Sein Gesicht war bleich, und aus seinen Augen blickte Haß. „Ein schamloser Schwätzer sind Sie!“

„Ich versichere Sie, daß Sie sich irren,“ antwortete der Fürst ruhig und höflich. „Ich habe nicht einmal gewußt, daß Sie heiraten.“

„Wie denn nicht? Sie hörten doch vorhin, wie Iwan Fedorowitsch sagte, daß sich heute abend alles bei Nastassja Filippowna entscheiden würde, und das haben Sie hier erzählt! Sie lügen einfach! Woher hätte man es denn sonst erfahren? Wer, zum Teufel, hätte es ihnen denn erzählen können? Nur Sie! Haben Sie denn die Anspielungen der Alten nicht verstanden?“

„Das müssen Sie besser wissen als ich, wer es den Damen erzählt haben kann... wenn Sie glauben, daß es eine Anspielung war. Ich jedenfalls habe kein Wort davon gesagt.“

„Haben Sie den Brief übergeben?... Die Antwort?...“ unterbrach ihn Ganjä, zitternd vor Ungeduld.

Doch in dem Augenblick kehrte Aglaja zurück und der Fürst konnte nichts mehr antworten.

„Hier, Fürst,“ sagte Aglaja, indem sie ihr Album auf einem Tisch aufschlug. „Suchen Sie sich eine Seite aus, und schreiben Sie mir etwas hinein. Hier ist eine Feder und noch dazu eine neue. Tut es nichts, daß es eine Stahlfeder ist? Kalligraphen, hab’ ich gehört, sollen nie mit Stahlfedern schreiben.“

Sie sprach und tat, als bemerke sie überhaupt nicht, daß Ganjä noch anwesend war. Während nun der Fürst die Feder nahm, eine Seite aussuchte und sich zu schreiben anschickte, trat Ganjä an den Kamin, wo Aglaja rechts vom Fenster in dessen nächster Nähe stand, und flüsterte ihr mit bebender, vor Erregung stockender Stimme ins Ohr:

„Nur ein Wort, nur ein einziges Wort von Ihnen – und ich bin gerettet!“

Der Fürst wandte sich hastig um und sah beide an. Aus Ganjäs Gesicht sprach fast Verzweiflung. Allem Anschein nach hatte er diese Worte völlig unüberlegt, vielleicht sogar halb besinnungslos gesprochen. Aglaja dagegen maß ihn ein paar Sekunden lang mit demselben ruhigen Erstaunen, mit dem sie kurz vorher den Fürsten angeblickt hatte, und dieses ihr ruhiges Erstaunen, dieses vollkommene Nichtverstehenkönnen dessen, was zu ihr gesprochen wurde, war für Ganjä in jenem Augenblick noch schrecklicher, als es die größte Verachtung gewesen wäre.

„Was soll ich schreiben?“ fragte der Fürst.

„Das werde ich Ihnen sogleich diktieren,“ sagte Aglaja, sich zu ihm wendend. „Sind Sie bereit? Dann schreiben Sie: ‚Ich lasse mich in keinen Handel ein.‘ Jetzt schreiben Sie noch das Datum und den Monat. Zeigen Sie.“

Der Fürst reichte ihr das Album.

„Vorzüglich! Sie haben es ausgezeichnet geschrieben! Sie haben die schönste Handschrift, die ich je gesehen! Ich danke Ihnen. Auf Wiedersehen, Fürst... Warten Sie“ – ihr schien noch etwas einzufallen – „kommen Sie, ich will Ihnen etwas zum Andenken schenken.“

Der Fürst folgte ihr; im Speisezimmer blieb Aglaja plötzlich stehen.

„Lesen Sie dies,“ sagte sie, indem sie ihm Ganjäs Brief hinhielt.

Der Fürst nahm den Brief, blickte jedoch Aglaja verständnislos fragend an.

„Ich weiß es, daß Sie ihn nicht gelesen haben und auch nicht der Vertraute dieses Menschen sein können,“ sagte Aglaja. „Lesen Sie den Brief, ich will es, daß Sie ihn lesen.“

Der Brief war offenbar in aller Eile geschrieben:

„Heute wird sich mein Schicksal entscheiden. Sie wissen, auf welche Weise. Heute werde ich mein Wort geben müssen, und das soll unwiderruflich sein. Auf Ihr Mitleid habe ich kein Anrecht, und mir Hoffnungen zu machen, das wage ich nicht. Doch einmal haben Sie ein Wort fallen lassen, nur ein einziges Wort, und dieses Wort hat die ganze finstere Nacht meines Lebens erhellt und ist mir zur Leuchte geworden, die mir den richtigen Weg weist. Sagen Sie jetzt noch einmal ein solches Wort – und Sie werden mich erretten, mich vor dem Untergang bewahren. Sagen Sie mir nur: ‚Brich!‘ – und ich werde es heute noch tun, werde heute noch alles von mir werfen! Oh, was macht es Ihnen denn aus, dieses eine Wort zu sagen! Mit der Bitte um dieses eine Wort flehe ich Sie nur um ein Zeichen Ihrer Teilnahme, Ihres Mitleids an – nur, nur um Ihre Teilnahme! Und weiter nichts, nichts! Ich wage mich keinerlei Hoffnungen hinzugeben, denn ihrer Erfüllung wäre ich nicht wert. Doch sagen Sie nur das eine Wort, und ich werde von neuem meine Armut auf mich nehmen und freudig meine verzweifelte Lage ertragen. Ich werde den Kampf aufnehmen, werde mich freuen auf ihn und im Kampf mit neuen Kräften wiedergeboren werden! Senden Sie mir dieses eine Wort des Mitgefühls (nur des Mitgefühls, ich schwöre es Ihnen!) und tragen Sie diese Kühnheit dem Verzweifelten, dem Ertrinkenden nicht nach, der es wagt, eine letzte Anstrengung zu machen, um sich vor dem Untergang zu bewahren!

G. I.“

„Dieser Mensch versichert,“ sagte Aglaja scharf, als der Fürst den Brief zu Ende gelesen hatte, „daß das verlangte Wort, er solle mit allem brechen, mich nicht kompromittieren und auch zu nichts verpflichten würde, wofür er mir noch, wie Sie sehen, in diesem Brief eine schriftliche Garantie gibt. Bitte, beachten Sie doch nur, wie naiv er sich beeilt hat, einzelne Wörtchen zu unterstreichen, und wie plump dabei doch sein geheimer Gedanke überall hervorschaut. Im übrigen weiß er sehr gut, daß ich, wenn er mit allem brechen würde – aber aus eigenem Antriebe, von sich aus, ohne mein Wort zu erwarten oder überhaupt mir etwas davon zu sagen, ohne jede Hoffnung auf mich – daß ich dann anders über ihn denken und vielleicht sogar sein Freund werden würde. Das weiß er selbst ganz genau! Aber er hat eine schmutzige Seele: er weiß es, und dennoch entschließt er sich nicht, sondern bittet um Garantien. Er ist unfähig, auf sein eigenes Risiko hin sich zu entscheiden; er will, daß ich ihm, als Ersatz für die dort aushängenden Hunderttausend, auf mich zu hoffen erlaube. Und was das früher einmal von mir ausgesprochene Wort betrifft, von dem er im Brief spricht, und das sein ganzes Leben erhellt haben soll, so lügt er einfach unverschämt. Ich habe ihn nur einmal flüchtig bedauert, und das ist alles. Ihm aber ist in seiner Frechheit sogleich der Gedanke an die Möglichkeit einer Hoffnung gekommen. Das merkte ich sehr bald. Seit der Zeit sucht er mich nun in die Falle zu locken. Und das tut er auch jetzt. Doch genug davon. Behalten Sie diesen Brief und geben Sie ihn ihm zurück, sogleich, das heißt natürlich, sobald Sie unser Haus verlassen haben, nicht früher.“

„Und was soll ich ihm als Antwort sagen?“

„Nichts, versteht sich. Das ist die beste Antwort. Ach so, Sie wollen, glaube ich, bei ihm wohnen?“

„Iwan Fedorowitsch hat mir vorhin selbst diesen Rat gegeben,“ antwortete der Fürst.

„Dann seien Sie auf der Hut vor diesem Menschen, ich warne Sie, er wird es Ihnen nie verzeihen, daß Sie ihm diesen Brief zurückgeben.“

Aglaja drückte dem Fürsten leicht die Hand und ging hinaus. Ihr Gesicht war ernst und verriet ihren Unmut; sie lächelte nicht einmal, als sie dem Fürsten zum Abschied zunickte.

„Sofort, ich hole nur noch mein Bündel,“ sagte der Fürst zu Ganjä, „dann gehen wir.“

Ganjä stampfte vor Ungeduld mit dem Fuß auf. Sein Gesicht wurde ganz dunkel vor Wut. Endlich traten sie beide auf die Straße, der Fürst mit seinem Bündel in der Hand.

„Die Antwort, die Antwort?“ drängte Ganjä wieder in größter Spannung. „Was hat sie Ihnen gesagt? Haben Sie ihr den Brief gegeben?“

Der Fürst reichte ihm schweigend den Brief. Ganjä erstarrte.

„Wie! Mein Brief!“ schrie er. „Er hat ihn ihr überhaupt nicht gegeben! Haha, das hätte ich mir doch denken können! Oh, ver–r–rfl... Natürlich konnte sie dann nichts verstehen vorhin! Aber wie denn, wie konnten Sie ihr denn meinen Brief nicht übergeben, o ver–r–rrfluch...“

„Entschuldigen Sie, im Gegenteil: zufällig konnte ich ihr den Brief sogleich, nachdem ich ihn erhalten hatte, einhändigen, und zwar ganz so, wie Sie es wünschten. Ich bin nur jetzt wieder in seinen Besitz gekommen, weil Aglaja Iwanowna ihn mir zurückgegeben hat.“

„Wann? Wann?“

„Nachdem ich in ihr Album eingeschrieben hatte und auf ihre Bitte ihr ins andere Zimmer folgte – Sie waren doch zugegen? Wir kamen ins Speisezimmer, sie reichte mir den Brief, wünschte ausdrücklich, daß ich ihn lese und dann – Ihnen zurückgebe.“

„Daß Sie ihn l–e–esen?“ schrie Ganjä fast aus vollem Halse, „l–e–esen? Und Sie lasen ihn?“

Ganjä blieb wie zu Stein erstarrt mitten auf dem Trottoir stehen und war dermaßen erstaunt, daß er sogar den Mund zu schließen vergaß.

„Ja, ich las ihn.“

„Und sie selbst, sie selbst gab Ihnen den Brief zum Durchlesen? Sie selbst?“

„Ja, sie selbst, und Sie können mir glauben, daß ich ihn ohne ihre Aufforderung gewiß nicht gelesen hätte.“

Ganjä schwieg eine Weile in qualvoll angestrengtem Nachdenken, doch plötzlich packte ihn wieder die Wut:

„Das kann nicht sein! Sie hat Ihnen den Brief unmöglich zum Durchlesen geben können! Sie lügen! Sie haben ihn eigenmächtig gelesen!“

„Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt,“ sagte der Fürst in demselben ruhigen Ton, „und ich versichere Sie, es tut mir sehr leid, daß diese Nachricht einen so unangenehmen Eindruck auf Sie macht.“

„Aber, Sie Unglücksmensch, sie hat Ihnen bei der Gelegenheit doch wenigstens etwas gesagt! Irgend etwas muß sie doch geantwortet haben!“

„Ja gewiß...“

„Aber dann tun Sie doch den Mund auf, reden Sie doch, sprechen Sie, zum Teufel!...“

Und Ganjä stampfte vor Ungeduld und Wut mit dem rechten Fuß, der in der Galosche stak, zweimal aufs Trottoir.

„Als ich den Brief zu Ende gelesen hatte, sagte sie mir, daß Sie sie in eine Falle zu locken suchten; Sie möchten sie gern kompromittieren, um sich dann Hoffnungen, von denen sie nichts wissen wolle, hingeben zu können. Und auf Grund dieser Hoffnungen würden Sie dann ohne Verlust eine andere Hoffnung auf hunderttausend Rubel aufgeben. Ferner sagte sie, daß, wenn Sie dieses getan hätten, ohne mit ihr zu handeln – wenn Sie von sich aus mit dem Früheren gebrochen hätten, ohne von ihr im voraus Garantien für einen Ersatz zu erbitten – sie vielleicht Ihr Freund geworden wäre. Und das war alles, glaube ich. Richtig, noch eins: als ich sie dann fragte, welche Antwort ich Ihnen bringen solle, sagte sie, daß gar keine Antwort die beste Antwort sei – ich glaube, so war’s. Verzeihen Sie, daß ich den genauen Wortlaut vergessen habe und Ihnen nur den Sinn mit meinen Worten so wiedergebe, wie ich ihn verstanden habe.“

Ganjä erbleichte und seine ganze grenzenlose Wut schaffte sich in Worten Ausdruck.

„Ah! Also so!“ knirschte er. „Also meine Briefe werden einfach fortgeworfen! Ah! Sie läßt sich in keinen Handel ein! Schön, dann werde ich mich in einen Handel einlassen! Wollen wir doch sehen! Mir steht noch vieles... Wir werden schon sehen! Ich werde sie schon ins Bockshorn jagen!“

Er zitterte, erbleichte, schäumte vor Wut; er drohte sogar mit der Faust und machte wilde Bewegungen mit den Händen. So gingen sie ein paar Schritte. Der Fürst genierte ihn nicht im geringsten – ‚dieser Idiot‘! Er benahm sich, als wäre er ganz allein in seinem Zimmer gewesen. Doch plötzlich stutzte er und besann sich.

„Ja, aber wie denn,“ wandte er sich an den Fürsten, „wie kommt es, daß Sie“ (dieser Idiot! fügte er innerlich wieder hinzu) „daß Sie plötzlich dieses Vertrauen genießen, zwei Stunden nach der ersten Bekanntschaft? Wie ist das zu erklären?“

Zu all seinen Qualen kam jetzt noch der Neid hinzu – der hatte gerade noch gefehlt! Ganz plötzlich tauchte er auf und stach ihm ins Herz.

„Das vermag ich Ihnen freilich nicht zu erklären,“ antwortete der Fürst.

Ganjä sah ihn gehässig an.

„Sollte es nicht gar ihr Vertrauen sein, was sie Ihnen in dem anderen Zimmer schenken wollte? Sie sagte doch, bevor sie hinausging, daß sie Ihnen etwas schenken wolle!“

„Anders fasse ich es auch nicht auf, als gerade so.“

„Ja, aber wofür denn, zum Teufel noch eins! Was haben Sie denn dort so Großes vollbracht? Womit haben Sie ihr Vertrauen errungen? Hören Sie,“ unterbrach er sich plötzlich in seiner sich überstürzenden Weise – alles in ihm war in diesem Augenblick gleichsam kopflos durcheinandergeworfen und kochte in wirrer Unordnung, so daß von einem Überlegen oder auch nur einem Zusammenhalten der Gedanken gar keine Rede sein konnte. „Hören Sie, können Sie sich denn nicht irgendwie noch entsinnen oder sich in einigermaßen richtiger Reihenfolge dessen erinnern, was Sie dort gesprochen haben, alles, alles, jedes Wort, ganz von Anfang an? Haben Sie vielleicht irgend so eine Bemerkung fallen lassen – können Sie sich denn gar nicht mehr Ihres Gesprächs entsinnen?“

„Oh, gewiß kann ich das,“ antwortete der Fürst. „Ganz zu Anfang, nachdem das Erste überstanden war, sprachen wir von der Schweiz.“

„Nun, zum Teufel mit der Schweiz!“

„Dann sprachen wir von der Todesstrafe...“

„Von der Todesstrafe?“

„Ja; es kam die Rede darauf... Dann erzählte ich ihnen, wie ich die vier Jahre in der Schweiz verbracht habe, und ferner die Geschichte eines armen Dorfmädchens...“

„Ach, zum Teufel alle armen Dorfmädchen! Weiter!“ Ganjä raste innerlich vor Ungeduld.

„Darauf erzählte ich, wie Schneider mir seine Meinung über meinen Charakter gesagt und mich veranlaßte...“

„Der Satan hole Ihren Schneider und seine Meinungen! Weiter!“

„Weiter – kamen wir auf Gesichter zu sprechen, auf den Ausdruck der Gesichter, und bei der Gelegenheit sagte ich, daß Aglaja Iwanowna fast ebenso schön sei, wie Nastassja Filippowna. Und da mußte ich denn auch sagen, daß ich ihre Photographie gesehen hatte...“

„Aber Sie sagten doch nicht, Sie erzählten doch nicht, was Sie vorher im Kabinett gehört hatten? Nein? Nein?“

„Ich wiederhole es Ihnen – nein.“

„Ja, aber woher denn... Teufel... Ach, zum!... Aber hat Aglaja den Brief nicht der Alten gezeigt?“

„Nein, sie hat ihn ihr nicht gezeigt. Dessen kann ich Sie vollkommen versichern. Ich war die ganze Zeit nachher zugegen, so daß ich es unfehlbar gesehen hätte.“

„Aber vielleicht haben Sie selbst irgend etwas bemerkt... Oh, dieser ver-r-rdammte Idiot,“ knirschte er außer sich – diesmal ganz laut – „nicht einmal zu erzählen versteht er etwas!“

Ganjä, der einmal ins Schimpfen hineingekommen war, hatte allmählich, wie das oft mit solchen Menschen geschieht, jede Zurückhaltung verloren. Es fehlte vielleicht nicht mehr viel, und er hätte den Fürsten vor Wut angespien. Doch gerade diese Wut blendete ihn; denn sonst hätte er schon längst bemerkt, daß dieser „Idiot“, den er so beleidigend behandelte, sehr schnell und sehr feinfühlig alles begriff und es ungewöhnlich treffend wiederzugeben verstand. Doch da geschah mit einem Male etwas ganz Unerwartetes.

„Ich muß Ihnen sagen, Gawrila Ardalionytsch,“ sagte plötzlich der Fürst, „daß ich früher allerdings so krank war, daß man mich in der Tat fast als einen Idioten bezeichnen konnte. Jetzt aber bin ich schon lange geheilt, und daher ist es mir etwas unangenehm, wenn man mich so einfach, ins Gesicht, einen Idioten nennt. Zwar kann man Sie, in Anbetracht Ihrer Mißerfolge, noch entschuldigen, doch haben Sie mich in Ihrem Ärger zweimal beschimpft. Dem will ich mich nun in der Folge nicht mehr aussetzen; es ist mir, wie gesagt, sehr unangenehm, zumal es so bald geschehen ist, nachdem wir uns kaum kennen gelernt haben. Wäre es deshalb nicht besser – wir sind hier gerade an einer Straßenkreuzung – wenn wir jetzt auseinandergingen: Sie nach rechts, und ich nach links? Ich bin im Besitz von fünfundzwanzig Rubeln und werde sicher Unterkunft in irgendeinem Hôtel garni finden.“

Ganjä machte ein entsetzlich betretenes Gesicht und wurde dunkelrot vor Scham – die Zurechtweisung kam ihm gar zu unerwartet.

„Verzeihen Sie, Fürst,“ rief er glühend aus – sein soeben noch äußerst beleidigender Ton hatte sich schnell in einen äußerst höflichen verwandelt, „um Gottes willen, verzeihen Sie! Sie sehen, in welch einer Lage ich mich befinde! Und dabei wissen Sie noch nicht einmal alles; wenn Sie aber alles wüßten, würden Sie mich vielleicht ein wenig entschuldigen, obschon ich, versteht sich, nicht mehr zu entschuldigen bin...“

„Oh, so große Entschuldigungen verlange ich ja gar nicht,“ unterbrach ihn der Fürst, „ich verstehe ja nur zu gut, wie unangenehm Ihnen das alles sein muß, nur deshalb fluchen und schimpfen Sie so. Nun, gehen wir also zu Ihnen. Es wird mir ein Vergnügen sein...“

„Nein, so kann man ihn nicht fortgehen lassen,“ dachte Ganjä bei sich mit einem gehässigen Seitenblick auf den Fürsten. „Dieser Spitzbube hat als Idiot zuerst alles aus mir herausgeholt, um dann die Maske abzunehmen... Das hat etwas zu bedeuten. Nun, wir werden ja sehen, jetzt muß sich alles entscheiden, alles, alles! Und noch heute!“

Inzwischen waren sie an dem Hause, in dem Ganjä wohnte, angelangt.

VIII

Ganjäs Wohnung lag im dritten Stock, zu dem eine äußerst saubere, helle und breite Treppe hinaufführte. Sie bestand aus sechs oder sieben größeren und kleineren Zimmern, die, wenn sie sich auch durch nichts Besonderes auszeichneten, für eine Beamtenfamilie, in der nur ein einziger verdiente, doch sicherlich zu teuer war, mochte dieser eine sich auch auf zweitausend Rubel jährlich stehen. Es hatte jedoch einen besonderen Grund, weshalb Iwolgins vor zwei Monaten in diese große Wohnung gezogen waren: Ganjäs Mutter und Schwester – Nina Alexandrowna und Warwara Ardalionowna – hatten, um die Einkünfte wenigstens etwas zu vergrößern, schon vor längerer Zeit beschlossen, einige Zimmer mit Kost und Bedienung zu vermieten, was ihnen denn auch nach langen Kämpfen von seiten Ganjäs schließlich erlaubt worden war. Doch trotz seiner Einwilligung ärgerte sich Ganjä nicht wenig darüber und nannte „diese ganze Vermieterei“ einfach eine „Unanständigkeit“; er glaubte sich jetzt in der Gesellschaft, in der er bis dahin als junger, hoffnungsvoller Mann stets mit Selbstbewußtsein und als Gentleman aufgetreten war, seiner Familie geradezu schämen zu müssen. Jedenfalls hinterließen alle diese Dämpfer, die ihm das Schicksal zugedacht hatte, und die Erniedrigungen dieses „engen Lebens“ die tiefsten Wunden in seiner Seele. Seit einiger Zeit konnte er sich über jede Kleinigkeit bis zur Maßlosigkeit aufregen, und wenn er auch beschlossen hatte, vorläufig noch nachzugeben und das Vermieten zu dulden, so tat er es doch nur, weil er sich geschworen hatte, in kürzester Frist diesem ganzen Zustande ein Ende zu machen und eine neue Ordnung und neue Verhältnisse zu schaffen. Nur sollte es sich leider bald zeigen, daß das Mittel, das er zur Ermöglichung einer solchen Veränderung gewählt hatte, an sich noch viel unangenehmer und schwieriger war, als alles Vorhergegangene.

Die Wohnung wurde durch einen Korridor, der sogleich am Eingang begann, in zwei Hälften geteilt. Auf der einen Seite des Korridors lagen die drei Zimmer, die für die „besonders empfohlenen“ Mieter bestimmt waren, und dann noch ein viertes, kleines Zimmerchen neben der Küche, das dem Familienoberhaupt und verabschiedeten General, Ardalion Alexandrowitsch Iwolgin, zugewiesen war; er schlief dort auf einem breiten Diwan und mußte stets durch die Küche und über die Hintertreppe ein-und ausgehen. In demselben Zimmerchen lebte auch der fünfzehnjährige Bruder Gawrila Ardalionytschs, der Gymnasiast Koljä: der mußte sich gleichfalls hier aufhalten, auf einem anderen alten, schmalen und kurzen Diwan schlafen und vor allen Dingen „nach dem Vater sehen,“ was mit jedem Tage unerläßlicher wurde. Dem Fürsten wurde das mittlere von den drei Zimmern zugewiesen; im ersten Zimmer rechts wohnte Herr Ferdyschtschenko, und links das dritte, stand noch leer. Doch Ganjä führte den Fürsten zuerst in die Familienhälfte der Wohnung. Diese bestand aus einem „Salon“, der zur Essenszeit in ein Speisezimmer verwandelt wurde, aus einem „Empfangszimmer“, das aber nur tagsüber „Empfangszimmer“ war und am Abend sich in Ganjäs Arbeits-und Schlafzimmer verwandelte, und dann noch aus einem kleinen, engen, stets verschlossenen Stübchen, in dem Nina Alexandrowna und Warwara Ardalionowna schliefen. Mit einem Wort, die ganze Familie hatte sich so eng wie möglich eingerichtet, worüber Ganjä vor Empörung „innerlich knirschte“. Zwar bemühte er sich stets, ehrerbietig zu seiner Mutter zu sein, aber nichtsdestoweniger merkte man es doch sofort, daß er der große Despot in der Familie war.

Nina Alexandrowna und Warwara Ardalionowna saßen nicht allein im Empfangszimmer: sie unterhielten sich, beide mit irgendeiner Strickarbeit beschäftigt, mit ihrem Gast, Iwan Petrowitsch Ptizyn. Nina Alexandrowna mochte etwa fünfzig Jahre alt sein; sie hatte ein hageres, eingefallenes Gesicht und tiefe Schatten unter den Augen. Sie sah kränklich und vergrämt aus, doch machten ihr Gesicht und ihr Blick einen recht angenehmen Eindruck. Schon aus den ersten Worten sprach ein ernster, ehrbarer Charakter. Trotz ihres vergrämten Antlitzes sah man ihr sogleich ihre Festigkeit und sogar Entschlossenheit an. Gekleidet war sie sehr bescheiden, dunkel und altjüngferlich; doch ihre Bewegungen, ihre Sprechweise, ihr ganzes Auftreten verrieten die Dame, die sich einst in besserer Gesellschaft bewegt hatte.

Warwara Ardalionowna war ein Mädchen von dreiundzwanzig Jahren, mittelgroß, ziemlich hager und mit einem Gesicht, das nicht gerade sehr schön war, dafür aber das Geheimnis in sich barg, ohne Schönheit zu gefallen und bis zur Leidenschaft anzuziehen. Sie war der Mutter sehr ähnlich, sogar in ihrer Kleidung; denn ihr Sinn stand nicht danach, sich zu putzen. Ihre grauen Augen konnten mitunter sehr heiter und freundlich blicken, doch waren sie gewöhnlich ernst und nachdenklich, ja in der letzten Zeit waren sie es fast allzuoft. Auch aus ihrem Gesicht sprach Festigkeit und Entschlossenheit, doch fühlte man, daß diese Entschlossenheit noch energischer sein konnte als die der Mutter. Warwara Ardalionowna konnte sehr heftig werden, und ihr Bruder schien diese Heftigkeit fast ein wenig zu fürchten. Dasselbe tat auch der Gast, der gerade jetzt bei ihnen saß, Iwan Petrowitsch Ptizyn. Es war das ein noch junger Mann, von annähernd dreißig Jahren, nicht auffallend, doch gut gekleidet, mit sympathischem, wenn auch vielleicht ein wenig gar zu ehrbarem Wesen. Sein kurzgeschnittener, dunkelblonder Bart kennzeichnete ihn als einen, der nicht im Staatsdienst stand. Er konnte sich sehr verständig und angenehm unterhalten, war aber sonst nicht gesprächig und zog es gewöhnlich vor, ganz zu schweigen. Der allgemeine Eindruck, den er machte, war ein angenehmer. Warwara Ardalionowna war ihm offenbar nicht gleichgültig, was er übrigens auch gar nicht zu verbergen suchte. Warwara Ardalionowna dagegen verhielt sich zwar freundschaftlich zu ihm, zögerte aber immer noch mit der Antwort auf eine Frage, von der sie ihn eigentlich auch nur ungern sprechen hörte, was Ptizyn jedoch durchaus nicht entmutigte. Nina Alexandrowna war freundlich gegen ihn, und in der letzten Zeit hatte sie sogar großes Zutrauen zu ihm gefaßt. Übrigens war es allen bekannt, wie er sich sein Geld verdiente, – daß er gegen mehr oder weniger sichere Garantien Geld zu hohen Prozenten lieh. Mit Ganjä stand er sich sehr gut.

Als der Fürst und Gawrila Ardalionytsch eintraten, grüßte dieser nur seine Mutter in sehr trockenem Tone, übersah die Schwester vollkommen, und nachdem er den Fürsten vorgestellt hatte, wandte er sich sofort an Ptizyn, mit dem er gleich darauf das Zimmer verließ. Nina Alexandrowna sagte dem Fürsten ein paar freundliche Worte und befahl Koljä, dessen Kopf sich gerade durch die Türspalte schob, den Fürsten ins mittlere Zimmer zu führen. Koljä war ein munterer Knabe mit einem netten Gesicht und zutraulichem, offenherzigem Benehmen.

„Wo ist denn Ihr Gepäck?“ fragte er, als er den Fürsten in dessen Zimmer geführt hatte.

„Ich habe ein Bündel; es ist im Vorzimmer geblieben.“

„Ich werde es sofort herschaffen. Wir haben an Dienstboten nur die Köchin und Matrjona, so daß auch ich helfe. Warjä7 sieht nur nach allem nach und ärgert sich. Ganjä sagt, Sie seien soeben aus der Schweiz zurückgekehrt?“

„Ja.“

„Ist es schön in der Schweiz?“

„Sehr schön.“

„Alles Berge?“

„Ja.“

„Ich werde Ihnen sofort Ihre Bündel herbringen.“

Warwara Ardalionowna trat ins Zimmer.

„Matrjona wird Ihnen sogleich das Bett überziehen. Haben Sie einen Koffer?“

„Nein, nur ein Bündel. Ihr Bruder wollte es herbringen; es ist im Vorzimmer.“

„Dort ist überhaupt kein Bündel, außer diesem Bündelchen hier; wohin haben Sie es denn gelegt?“ fragte Koljä, der wieder zurückgekommen war.

„Ja, das ist auch alles, was ich habe,“ sagte der Fürst und nahm sein Bündel in Empfang.

„A–a!“ Koljä sperrte etwas erstaunt den Mund auf. „Und ich dachte schon, ob nicht Ferdyschtschenko es bereits expediert hat.“

„Schwatz nicht so dummes Zeug,“ verwies ihn Warjä streng, die auch mit dem Fürsten zwar nicht gerade unhöflich, doch sehr trocken sprach.

„Chére Bebette, mit mir kann man auch etwas zärtlicher umgehen, ich bin ja doch nicht Ptizyn.“

„Dich kann man noch durchhauen, Koljä, so dumm bist du trotz deiner fünfzehn Jahre. Wenn Sie sonst etwas brauchen, können Sie sich an Matrjona wenden. Um halb fünf speisen wir. Sie können gemeinschaftlich mit uns oder auch in Ihrem Zimmer essen, ganz wie Sie wünschen. Gehen wir, Koljä, du sollst nicht stören.“

„Gehen wir, Charaktermensch!“

In der Tür stießen sie auf Ganjä.

„Ist der Vater zu Hause?“ fragte er Koljä, und als dieser bejahte, flüsterte er ihm etwas zu.

Koljä nickte mit dem Kopf und folgte der Schwester.

„Nur auf ein Wort, Fürst – ich habe es über diesen... diesen Scherereien zu sagen vergessen. Ich will Sie um etwas bitten: seien Sie so gütig und sprechen Sie, wenn es Ihnen nicht gar so schwerfällt, weder hier davon, was ich mit Aglaja gehabt habe, noch dort davon, was Sie hier erleben; denn auch hier gibt es genug des Widerwärtigen. Zum Teufel, übrigens... Versuchen Sie wenigstens, sich heute zu bezwingen.“

„Ich versichere Sie, daß ich weit weniger gesagt habe, als Sie vermuten,“ sagte der Fürst einigermaßen gereizt.

Ihre Stellung zueinander wurde ersichtlich immer feindseliger.

„Nun, ich habe heute schon genug durch Sie auszuhalten gehabt. Also mit einem Wort, ich bitte Sie darum.“

„Gestatten Sie mir die Frage, Gawrila Ardalionytsch, inwiefern ich denn vorhin gebunden war, und weshalb ich mit keinem Wort der Photographie hätte Erwähnung tun dürfen? Sie hatten mich doch weder darum gebeten, noch mich in die Verhältnisse eingeweiht.“

„Pfui, was das für ein scheußliches Zimmer hier ist,“ lenkte Ganjä von diesem Gespräch ab, indem er sich mit angewiderter Miene im Zimmer umsah, „dunkel und die Fenster gehen auf den Hof. Sie sind in jeder Beziehung zur Unzeit zu uns gekommen... Nun, aber das ist nicht mehr meine Sache, nicht ich vermiete hier Zimmer.“

Ptizyn blickte zur Tür herein und rief Ganjä. Dieser verließ eilig den Fürsten und ging hinaus, obwohl er augenscheinlich noch etwas sagen wollte, doch schien er in der Verlegenheit nicht das richtige Wort finden zu können. Auch das Zimmer hatte er offenbar nur aus Verlegenheit kritisiert.

Der Fürst hatte sich kaum gewaschen und mit einiger Sorgfalt umgekleidet, als die Tür sich wieder öffnete und eine neue Gestalt erschien.

Es war das ein Herr von etwa dreißig Jahren, groß von Wuchs, breitschultrig und mit einem äußerst großen Kopf, der durch das rotblonde krause Haar noch größer erschien, als er an sich schon war. Sein Gesicht war fleischig und rosig, die Lippen dick, die Nase breit und platt und die kleinen Augen unter den dicken Lidern schienen fortwährend spöttisch zu blinzeln. Der Gesamteindruck war der eines ziemlich unverschämten Menschen. Seine Kleider ließen an Sauberkeit zu wünschen übrig.

Die Tür öffnete er anfangs nur so weit, daß er knapp den Kopf durchschieben konnte. Hierauf betrachtete der durchgeschobene Kopf das Zimmer etwa fünf Sekunden lang in unveränderter Stellung. Dann erst begann sich die Tür allmählich so weit aufzuschieben, daß man auch die Gestalt auf der Schwelle erblickte, doch trat der Herr immer noch nicht herein, sondern begann, von der Schwelle aus, blinzelnd den Fürsten zu betrachten. Endlich entschloß er sich zum ersten Schritt, schloß die Tür, trat näher, setzte sich auf einen Stuhl, faßte den Fürsten mit kräftigem Griff bei der Hand und drückte ihn schräg gegenüber auf das Sofa nieder.

„Ferdyschtschenko,“ stellte er sich vor und blickte aufmerksam und fragend dem Fürsten ins Gesicht.

„Nun, und?“ fragte der Fürst, der kaum noch ernst blieb.

„’n Mieter,“ antwortete Ferdyschtschenko, mit dem Daumen über die Achsel nach rückwärts weisend, und blickte den Fürsten unverändert mit demselben Ausdruck an.

„Sie wollen sich wohl mit mir bekannt machen?“

„O–oh!“ war die Antwort des Gastes, worauf er die Stirn in Längsfalten legte, während das Haar dabei gleichsam zu Berge stieg und er selbst in die entgegengesetzte Zimmerecke zu schauen begann. „Haben Sie Geld?“ fragte er plötzlich, sich wieder dem Fürsten zuwendend.

„Nicht viel.“

„Wieviel denn auf den Knopf?“

„Fünfundzwanzig Rubel.“

„Zeigen Sie mal.“

Der Fürst entnahm seiner Westentasche den Fünfundzwanzigrubelschein, den ihm der General Jepantschin gegeben hatte, und reichte ihn Ferdyschtschenko. Dieser faltete die Note auseinander, betrachtete sie zuerst von der einen, dann von der anderen Seite, drehte sie nochmals um und hielt sie dann gegen das Licht.

„Sonderbar,“ meinte er nachdenklich, „weshalb mögen sie nur so braun werden? Diese Fünfundzwanziger werden mitunter verteufelt braun, andere aber bleichen wiederum völlig aus. Nehmen Sie.“

Der Fürst nahm sein Geld zurück. Ferdyschtschenko erhob sich vom Stuhl.

„Ich bin gekommen, um Sie zu warnen: erstens, mir niemals Geld zu pumpen; denn ich werde Sie unfehlbar darum bitten.“

„Gut.“

„Haben Sie die Absicht, hier zu bezahlen?“

„Gewiß.“

„Ich nicht. Danke. Ich wohne hier rechts von Ihnen, die erste Tür – Sie wissen? Bemühen Sie sich, mich nicht allzuoft zu besuchen. Ich werde schon zu Ihnen kommen, seien Sie unbesorgt. Den General haben Sie schon gesehen?“

„Nein.“

„Und auch nicht gehört?“

„Nein.“

„Na, dann werden Sie ihn noch sehen und hören; der will ja sogar mich anpumpen! Avis au lecteur.3 Leben Sie wohl. Kann man denn leben mit dem Namen: Ferdyschtschenko? Hm?“

„Weshalb nicht?“

„Adieu.“

Und er ging zur Tür. Wie der Fürst später erfuhr, hatte es sich dieser Herr gewissermaßen zur Pflicht gemacht, einen jeden durch Originalität und Heiterkeit in Erstaunen zu setzen, doch wollte ihm das nie so recht gelingen. Auf manche Leute machte er sogar einen direkt unangenehmen Eindruck, was ihm selbst aufrichtigen Kummer bereitete. Trotzdem konnte er es nicht über sein Herz bringen, auf den einmal erwählten Lebensberuf zu verzichten. In der Tür hatte er Gelegenheit, den Eindruck, den er auf den Fürsten gemacht hatte, seiner Meinung nach noch zu verbessern: im Begriff hinauszugehen, stieß er nämlich mit einem älteren Herrn zusammen, der gerade eintreten wollte; er trat vor diesem neuen, dem Fürsten gleichfalls unbekannten Gast zur Seite, und nachdem jener an ihm vorübergegangen war, machte er hinter seinem Rücken verschiedene warnende Zeichen, worauf er sich mit einem gewissen Siegesbewußtsein schneidig entfernte.

Der neue Gast war groß von Wuchs, etwa fünfundfünfzig Jahre alt oder noch älter, ziemlich wohlbeleibt, mit einem leuchtendroten, fleischigen, aufgedunsenen Gesicht, das von einem dichten grauen Backenbart umrahmt wurde, mit einem Schnurrbart und großen, hervortretenden Augen. Die Erscheinung wäre ziemlich imposant gewesen, wenn ihr nicht etwas Heruntergekommenes, Schäbiges, geradezu Schmieriges angehaftet hätte. Er trug einen alten Überrock, dessen Ellenbogen fast durchgerieben waren, und auch die Wäsche war nicht gerade sauber. In seiner Nähe roch es ein wenig nach Branntwein. Nichtsdestoweniger war sein Auftreten sehr effektvoll, ein wenig einstudiert vielleicht und augenscheinlich von dem Wunsch beseelt, unter allen Umständen Eindruck zu machen. Der Herr näherte sich dem Fürsten mit freundlichem Lächeln, doch ohne sich zu beeilen, ergriff schweigend seine Hand, und indem er sie in der seinen behielt, blickte er ihm eine Zeitlang ins Gesicht, als wolle er bekannte Züge wiedererkennen.

„Er! Er!“ sagte er dann leise und feierlich. „Wie leibhaftig! Ich höre einen mir so bekannten und teuren Namen nennen und muß an die unwiederbringliche Vergangenheit denken... Fürst Myschkin?“

„Ja.“

„General Iwolgin, verabschiedet und unglücklich. Ihr Rufname und Patronym, wenn ich fragen darf?“

„Lew Nikolajewitsch.“

„Ja, ja, ganz recht! Der Sohn meines Freundes und, ich kann wohl sagen, Spielkameraden, Nikolai Petrowitsch!“

„Mein Vater hieß Nikolai Lwowitsch.“

„Lwowitsch,“ verbesserte sich der General, ohne sich zu beeilen, eben mit der vollkommenen Ruhe eines Menschen, der den Namen nicht im geringsten vergessen, sondern sich nur zufällig versprochen hat. Er setzte sich, und den Fürsten bei der Hand erfassend, zog er ihn neben sich auf das Sofa. „Ich habe Sie auf den Armen getragen.“

„Wirklich?“ fragte der Fürst überrascht. „Mein Vater ist schon vor zwanzig Jahren gestorben.“

„Ja; vor zwanzig Jahren; vor zwanzig Jahren und drei Monaten. Wir haben zusammen die Schule besucht; ich kam dann zum Militär...“

„Auch mein Vater war Offizier – Sekondeleutnant beim Wassilkoffskischen Regiment.“

„Beim Bjelomirskischen. Die Nachricht von seiner Versetzung ins Bjelomirskische traf kurz vor seinem Tode ein. Ich war zugegen und drückte ihm die Augen zu. Ihre Mutter...“

Der General hielt inne, wie um seine Ergriffenheit zu überwinden.

„Ja, auch sie starb nach einem halben Jahr an einer Erkältung,“ sagte der Fürst.

„Nicht an einer Erkältung! Nicht an einer Erkältung, glauben Sie einem alten Mann. Ich war zugegen, ich habe auch sie beerdigt. Sie starb aus Kummer um ihren verlorenen Gatten, nicht aber an einer Erkältung. Ja, unvergeßlich ist mir diese Fürstin! O Jugend! Ihretwegen wurden wir beide, der Fürst und ich, wir zwei Jugendfreunde, fast zu gegenseitigen Mördern.“

Der Fürst begann, etwas mißtrauischer zuzuhören.

„Ich hatte mich sterblich in Ihre Mutter verliebt, als sie noch Braut war – die Braut meines Freundes. Er aber merkte es! Kommt zu mir, frühmorgens um sieben Uhr, weckt mich. Ich – kleide mich ganz verwundert an... Schweigen beiderseits. Ich begriff alles. Er nimmt aus der Tasche zwei Pistolen. Amerikanisches Duell, versteht sich. Ohne Zeugen. Wozu Zeugen, wenn wir uns nach fünf Minuten beide in die Ewigkeit befördern? Wir luden, breiteten das Taschentuch aus, nahmen jeder seine Stellung ein, setzten die Pistolenmündung einander auf die Brust und schauten uns an. Plötzlich bricht ein Strom von Tränen aus unseren Augen, die Hände sinken herab – bei beiden, bei beiden gleichzeitig! Nun, dann natürlich Umarmungen, und jeder kämpft mit seiner Großmut. Der Fürst sagt: ‚Nimm du sie!‘ Mit einem Wort... mit einem Wort... Sie wollen bei uns wohnen... wirklich wohnen?“

„Ja, eine Zeitlang... vielleicht,“ sagte der Fürst, gleichsam etwas stockend.

„Fürst, Mama läßt Sie zu sich bitten,“ rief plötzlich Koljä, der in der Tür erschien.

Der Fürst erhob sich, doch der General legte ihm seine Rechte auf die Schulter und drückte ihn wieder aufs Sofa.

„Als aufrichtiger und treuer Freund Ihres Vaters will ich Sie warnen,“ sagte der General. „Ich selbst bin, wie Sie sehen, durch eine tragische Katastrophe ins Unglück geraten. Doch ohne vor die Schranken, ohne vor die Schranken gekommen zu sein! Nina Alexandrowna ist eine seltene Frau! Warwara Ardalionowna, meine Tochter, ist ein seltenes Mädchen! Die Verhältnisse zwingen uns, Zimmer zu vermieten – eine unerhörte Erniedrigung!... Und das mir, dem es bevorstand, Generalgouverneur zu werden!... Doch Sie sind uns zu jeder Zeit willkommen. Aber jetzt, gerade jetzt spielt sich in meinem Hause eine Tragödie ab!“

Der Fürst blickte ihn fragend und interessiert an.

„Ein Ehe soll geschlossen werden, eine seltsame Ehe! Ein zweideutiges Frauenzimmer soll einen jungen Mann heiraten, der, wenn er wollte, Kammerjunker sein könnte. Und dieses Frauenzimmer soll in mein Haus eingeführt werden, in dem meine Frau und meine Tochter leben! Doch so lange, wie ich noch lebe, wird ihr Fuß nicht mein Haus betreten! Ich werde mich auf die Schwelle hinwerfen, mag sie dann über mich hinwegtreten!... Mit Ganjä spreche ich jetzt fast überhaupt nicht mehr, vermeide es sogar, ihm zu begegnen. Ich warne Sie absichtlich. Wenn Sie bei uns leben werden, werden Sie ja ohnehin Zeuge sein... Aber Sie sind der Sohn meines Freundes, und ich kann doch wohl hoffen...“

„Verzeihung, Fürst. Bitte, seien Sie so freundlich und kommen Sie auf einen Augenblick zu mir ins Empfangszimmer,“ unterbrach ihn Nina Alexandrowna, die diesmal selbst gekommen war, um den Fürsten zu sich zu rufen.

„Denke dir nur, mein Schatz,“ rief ihr der General sofort zu, „es stellt sich heraus, daß ich den Fürsten als kleines Kind auf meinen Armen gewiegt habe!“

Nina Alexandrowna warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und sah dann forschend den Fürsten an, sagte aber kein Wort. Der Fürst folgte ihr. Doch kaum waren sie im anderen Zimmer angelangt, kaum hatte Nina Alexandrowna halblaut etwas offenbar Peinliches mitzuteilen begonnen, als auch der General plötzlich wieder in der Tür erschien. Seine Frau verstummte sofort und beugte sich ersichtlich ärgerlich über ihre Strickarbeit. Der General bemerkte ihren Ärger sehr wohl, ließ sich aber dadurch nicht im geringsten seine gute Laune nehmen.

„Der Sohn meines Freundes!“ rief er begeistert aus, sich an Nina Alexandrowna wendend. „Und so unerwartet! Wie hätte ich das noch gestern erhoffen können! Aber, mein Schatz, entsinnst du dich denn wirklich nicht mehr des seligen Nikolai Lwowitsch? Du trafst ihn doch noch... in Twerj?“

„Nein, ich entsinne mich Nikolai Lwowitschs nicht. Ist das Ihr Vater?“ fragte sie den Fürsten.

„Ja, aber er starb, glaube ich, nicht in Twerj, sondern in Jelissawetgrad,“ bemerkte der Fürst etwas verlegen. „Ich habe es von Pawlischtscheff gehört...“

„In Twerj starb er,“ behauptete der General. „Kurz vor seinem Tode wurde er nach Twerj versetzt, vor dem Ausbruch der Krankheit. Sie waren damals viel zu klein, um sich jetzt noch der Versetzung oder der Reise entsinnen zu können, und Pawlischtscheff kann sich geirrt haben – er war ja doch auch nicht mehr als ein Mensch, wenn er auch sonst ein seltener Mensch war.“

„Sie kannten auch Pawlischtscheff?“

„Ein seltener Mensch war er, aber ich war ja doch Augenzeuge, ich habe ihm die Augen zugedrückt...“

„Aber mein Vater starb doch, soviel ich weiß, als Untersuchungsgefangener,“ bemerkte wieder der Fürst, „obwohl ich niemals habe erfahren können, welches Vergehens er eigentlich beschuldigt worden ist. Er starb im Hospital.“

„Oh, das war doch die Geschichte mit dem Soldaten Kolpakoff – der Fürst wäre ganz zweifellos freigesprochen worden!“

„Ja? Sie wissen es genau?“ fragte der Fürst lebhaft interessiert.

„Das fehlte noch, daß ich’s nicht wüßte!“ rief der General fast entrüstet aus. „Das Kriegsgericht löste sich auf, ohne auch nur das geringste Urteil zu fällen. Ein ganz unmöglicher Fall! Man kann sogar sagen – geradezu mysteriös! Eines Tages stirbt der Hauptmann Larionoff, unser Kompagniechef; dem Fürsten werden zeitweilig die Pflichten desselben übertragen; schön. Der gemeine Soldat Kolpakoff begeht darauf einen Diebstahl – er stiehlt einem Kameraden die Stiefel und vertrinkt sie; schön. Der Fürst – und vergessen Sie nicht, es geschah in Gegenwart des Feldwebels und Korporals – wäscht dem Kolpakoff tüchtig den Kopf und droht ihm mit Prügelstrafe. Sehr schön. Kolpakoff geht in die Kaserne, legt sich auf die Pritsche und nach einer Viertelstunde ist er tot. Vortrefflich. Aber wie dem auch sein mag, jedenfalls bleibt die Sache unerklärlich, geradezu unmöglich. Nun gut, Kolpakoff wird beerdigt; der Fürst rapportiert und Kolpakoff wird aus den Listen gestrichen. Die Sache ist erledigt, nicht wahr? Was kann man noch verlangen? Doch siehe da, genau nach einem halben Jahre steht bei einer Brigadebesichtigung der Soldat Kolpakoff, als wäre er nie gestorben, in der dritten Rotte des zweiten Bataillons des Nowosemljanskischen Infanterie-Regiments, in derselben Brigade und derselben Division!“

„Was!“ Der Fürst fiel natürlich aus den Wolken.

„Es verhält sich nicht so, das ist ein Irrtum!“ wandte sich plötzlich Nina Alexandrowna an den Fürsten, und ihr Blick bat ihn um Verzeihung. „Mon mari se trompe,“4 fügte sie leise hinzu.

„Aber, mein Schatz, se trompe,5 das ist leicht gesagt, aber urteile du über diesen Fall! Alles war natürlich baff! Ich hätte ja gern als erster gesagt, qu’oun se trompe!6 Zum Unglück aber war ich Augenzeuge und selbst ein Mitglied der Untersuchungskommission. Sämtliche Konfrontationen ergaben immer nur das eine: daß es derselbe, vollkommen derselbe Kolpakoff war, den man vor einem halben Jahr unter Trommelwirbel begraben hatte. Der Fall war wirklich eine Seltenheit, etwas fast Unmögliches, das gebe ich vollkommen zu, aber...“

„Papa, das Essen für Sie ist schon aufgetragen,“ meldete Warwara Ardalionowna, ins Zimmer tretend.

„Ah, schön, schön! Ich habe auch schon Hunger... Aber der Fall war, man kann wohl sagen, sogar psy–cho–logisch...“

„Die Suppe wird wieder kalt werden!“ sagte Warjä ungeduldig.

„Ich geh’ ja schon,“ murmelte der General, der sich bereits gehorsam auf den Weg zu seiner Suppe machte, – „... doch trotz aller Untersuchungen,“ hörte man noch vom Korridor her.

„Sie werden Ardalion Alexandrowitsch vieles nachsehen müssen, wenn Sie bei uns bleiben,“ sagte Nina Alexandrowna zum Fürsten. „Übrigens wird er Sie nicht gar zu oft belästigen. Er speist auch allein. Sie werden zugeben, daß ein jeder seine Mängel hat und seine... besonderen Eigenschaften, der kleinen vielleicht noch mehr als der großen, auf die man gewöhnlich mit Fingern zeigt. Nur um eines wollte ich Sie sehr bitten: falls mein Mann sich einmal wegen des Kostgeldes an Sie wenden sollte, so sagen Sie, daß Sie es mir bereits bezahlt hätten. Selbstverständlich wird Ihnen auch das, was Sie eventuell Ardalion Alexandrowitsch geben, als Bezahlung der Pension angerechnet werden, ich bitte Sie aber nur um der Ordnung willen... Was ist das, Warjä?“

Warwara Ardalionowna, die den Vater hinausgeleitet hatte, war wieder zurückgekehrt und reichte der Mutter Nastassja Filippownas Photographie. Nina Alexandrowna zuckte zusammen und starrte, anfangs erschrocken, dann jedoch mit einem erdrückend bitteren Ausdruck auf das Bild der schönen Frau. Endlich blickte sie auf und sah fragend ihre Tochter an.

„Sie hat es ihm heute selbst geschenkt,“ sagte Warjä, „und am Abend wird sich alles entscheiden.“

„Heute abend!?“ stieß Nina Alexandrowna wie in hoffnungsloser Verzweiflung leise hervor. „Nun, dann kann hierüber kein Zweifel mehr bestehen, dann lohnt es sich auch gar nicht mehr, noch zu hoffen: mit dem Geschenk des Bildes hat sie alles gesagt... Hat er es dir selbst gezeigt?“ fragte sie gleich darauf ganz verwundert.

„Sie wissen doch, daß wir schon über einen Monat kein Wort miteinander sprechen. Ptizyn hat mir alles erzählt, das Bild aber lag dort neben dem Tisch auf dem Fußboden. Ich hob es auf.“

„Ich wollte Sie fragen, Fürst,“ wandte sich Nina Alexandrowna an ihn, „deshalb bat ich Sie auch her – ob Sie meinen Sohn schon lange kennen? Er sagte, wenn ich mich nicht irre, daß Sie heute erst irgendwoher angekommen seien.“

Der Fürst gab ihr in kurzen Worten die nötigen Erklärungen. Mutter und Tochter hörten ihn ruhig an.

„Glauben Sie nicht, daß ich Sie über Gawrila Ardalionytsch ausforschen will, wenn ich Sie einiges frage,“ sagte Nina Alexandrowna. „O nein, das müssen Sie nicht von mir denken. Wenn es etwas gibt, was er mir nicht selbst sagen kann, so will ich sicher nicht hinter seinem Rücken danach forschen. Ich meine nur... Ganjä sagte vorhin auf meine Frage, als Sie hinausgegangen waren: ‚Er weiß alles, vor ihm braucht man sich nicht zu genieren!‘ Was hat das nun zu bedeuten? Ich meine nur... ich möchte gern wissen, inwiefern...“

Ganjä und Ptizyn traten ins Zimmer. Nina Alexandrowna verstummte. Der Fürst blieb ruhig auf seinem Platz neben ihr sitzen, Warjä jedoch trat zur Seite. Nastassja Filippownas Bild lag, allen sichtbar, auf ihrem Nähtischchen. Ganjä bemerkte es sogleich, runzelte die Stirn, nahm es, ohne zu fragen, fort und warf es ärgerlich auf seinen Schreibtisch, der am anderen Ende des Zimmers stand.

„Was heute, Ganjä?“ fragte plötzlich Nina Alexandrowna.

„Was heute?“ fuhr Ganjä auf und zornig wandte er sich an den Fürsten. „Ah, ich verstehe, auch hier haben Sie!... Ja, zum Teufel, ist das bei Ihnen eine Krank–heit oder was sonst für eine Manie? Können Sie denn wirklich nicht den Mund halten? So begreifen Sie doch wenigstens endlich, Fürst...“

„Hier bin diesmal ich der Schuldige, Ganjä, und kein anderer,“ unterbrach ihn Ptizyn.

Ganjä sah ihn fragend an.

„Es ist schon besser so, Ganjä,“ fuhr Ptizyn fort, „um so mehr als es doch schon beschlossene Sache ist,“ brummte er halblaut, trat zur Seite, setzte sich am Tisch nieder und zog aus seiner Tasche ein mit Bleistift beschriebenes Blatt Papier hervor, das er aufmerksam zu studieren begann.

Ganjä blieb finster stehen und erwartete unruhig eine Familienszene. Sich beim Fürsten zu entschuldigen, fiel ihm gar nicht ein.

„Wenn alles beschlossen ist, so hat Iwan Petrowitsch natürlich recht,“ pflichtete Nina Alexandrowna Ptizyn bei. „Sei, bitte, nicht so böse und rege dich nicht auf, Ganjä, ich werde dich nicht danach fragen, wenn du es nicht selbst erzählen willst, und ich versichere dir, daß ich mich vollkommen ergeben habe. Also sei so gut und rege dich nicht mehr auf.“

Sie sagte es, ohne von der Arbeit aufzublicken, und war auch allem Anschein nach tatsächlich ruhig. Ganjä war etwas erstaunt, schwieg jedoch vorsichtshalber und wartete, was sie weiter sagen würde. Diese Familienszenen kamen seinen Nerven etwas teuer zu stehen. Nina Alexandrowna bemerkte diese Vorsicht, und so fügte sie mit bitterem Lächeln hinzu:

„Du zweifelst wohl immer noch und glaubst mir nicht. Ich versichere dir, es wird weder Tränen noch Bitten geben wie früher, wenigstens nicht meinerseits. Alles, was ich wünsche, ist ja nur, dich glücklich zu sehen; das weißt du doch. Ich habe mich dem Schicksal ergeben. Mein Herz wird immer bei dir sein, gleichviel ob wir beisammenbleiben oder auseinandergehn. Selbstverständlich rede ich nur von mir, und du kannst nicht verlangen, daß auch deine Schwester...“

„Ah, versteht sich! Wieder die Schwester!“ rief Ganjä spöttisch aus, mit haßerfülltem Blick auf Warjä. „Mama! Ich schwöre Ihnen nochmals, worauf ich Ihnen schon mein Wort gegeben habe: solange ich hier bin, solange ich lebe, wird niemand Ihnen seine Achtung versagen dürfen. Gleichviel, wer es sei: wer über unsere Schwelle hereintritt, ist Ihnen die größte Ehrerbietung schuldig...“

Ganjä war so erfreut, daß er fast zärtlich auf seine Mutter blickte.

„Für mich habe ich auch niemals etwas gefürchtet, Ganjä, ich habe mich nicht meinetwegen beunruhigt und gequält, das weißt du. Heute, sagt man, werde sich alles entscheiden – was wird sich denn entscheiden?“

„Sie hat versprochen, heute abend zu erklären, ob sie einverstanden ist oder nicht,“ antwortete Ganjä.

„Wir haben beinahe drei Wochen jedes Wort über diese Angelegenheit vermieden, und das war auch das Beste, was wir tun konnten. Jetzt, wo nichts mehr zu ändern ist, erlaube ich mir nur eines – dich zu fragen: wie hat sie denn deinen Antrag annehmen und dir sogar ihr Bild schenken können, wenn du sie doch nicht liebst? Hast du denn wirklich eine so... eine so...“

„Nun, eine so erfahrene, wie?“

„Ich wollte mich nicht so ausdrücken. Hast du ihr denn wirklich in solchem Maße... Sand in die Augen zu streuen vermocht?“

Eine ungewöhnliche Gereiztheit klang plötzlich aus dieser Frage. Ganjä stand, dachte eine Weile nach und sagte dann mit unverhohlenem Spott:

„Sie haben sich hinreißen lassen, Mama, haben sich doch nicht bemeistern können. So haben ja alle diese Gespräche bei uns begonnen. Sie sagten, es würde weder Fragen noch Vorwürfe geben, und da haben wir nun beides! Wozu von neuem anfangen? Lassen wir es doch lieber, es ist wirklich besser. Wenigstens haben Sie die Absicht gehabt... Ich werde meine Eltern und Geschwister niemals verlassen, unter keinen Umständen; ein anderer würde von einer solchen Schwester zum mindesten fortlaufen, – seht doch, wie sie mich fixiert! Doch beenden wir dieses Gespräch! Ich hatte mich schon so gefreut... Woher wissen Sie denn, daß ich Nastassja Filippowna betrüge? Und was Warjä betrifft, so – nun, wie sie selbst will. Doch genug!... Aber jetzt wirklich einmal Schluß damit!“

Ganjä wurde mit jedem Wort erregter und wanderte ziellos im Zimmer umher. Diese Gespräche waren der wunde Punkt der Familie.

„Ich habe gesagt, sobald sie hier eintritt, gehe ich von hier fort, und ich werde mein Wort halten,“ sagte Warjä.

„Aus Eigensinn! Natürlich!“ rief Ganjä wütend aus. „Aus Eigensinn will sie ja auch nicht heiraten! Was zuckst du mit der Schulter? Mir ist es wahrhaftig ganz egal, was Sie zu tun gedenken, gnädigste Warwara Ardalionowna! Ist es gefällig, dann – bitte: führen Sie Ihre Absicht ohne Aufschub aus. Weiß Gott, ich hab’ Sie mehr als satt. Wie! Sie entschließen sich also endlich doch, uns allein zu lassen, Fürst?“ wandte er sich an diesen, als er bemerkte, daß der Fürst sich erhob.

Ganjäs Stimme verriet bereits jenen Grad von Gereiztheit, in dem der Mensch sich fast über dieselbe freut und sich rückhaltlos und womöglich mit wachsender Freude von ihr hinreißen läßt, gleichviel wohin sie ihn führen kann. Der Fürst wandte sich in der Tür zurück, um etwas zu entgegnen, doch als er an dem krankhaft verzerrten Gesicht seines Beleidigers sah, daß nur noch ein Tropfen zum Überfließen fehlte, trat er schweigend aus dem Zimmer und zog die Tür hinter sich zu. Kaum war er ein paar Schritte gegangen, als die Stimmen im Empfangszimmer noch bedeutend lauter und heftiger wurden.

Er ging durch den sogenannten „Salon“ – richtiger die „gute Stube“ – ins Vorzimmer, um von dort durch den Korridor in sein Zimmer zu gelangen, doch im Vorübergehen an der Eingangstür bemerkte er, daß draußen auf dem Treppenflur sich jemand vergeblich bemühte, die Klingel zu ziehen. Am Klingelzuge mußte aber irgend etwas nicht ganz in Ordnung sein, denn die Glocke zitterte nur, doch ein Ton war nicht zu hören. Der Fürst trat näher, schloß auf, öffnete die Tür und – trat zusammenzuckend erschrocken einen Schritt zurück: vor ihm stand Nastassja Filippowna. Er erkannte sie sofort. Ihre Augen blitzten vor Unwillen. Sie trat schnell ins Vorzimmer, wobei sie ihn mit der Schulter berührte, da er ihr im Wege stand und sagte zornig, indem sie den Pelz abwarf:

„Wenn ein Diener zu faul ist, den Klingelzug in Ordnung zu bringen, so sollte er doch wenigstens im Flur sitzen, damit man nicht stundenlang vergeblich zu klopfen braucht. Da hat er noch den Pelz fallen lassen, Tölpel!“

Der Pelz lag tatsächlich auf dem Fußboden. Nastassja Filippowna hatte, an Bedienung gewöhnt, den Pelz einfach abgeworfen, ohne sich umzusehen oder zu warten, bis der Fürst ihn ihr abgenommen hätte. Dieser aber versäumte es, ihn aufzufangen.

„Dich müßte man wahrlich entlassen. Geh, melde mich.“

Der Fürst wollte zwar etwas sagen, war jedoch so verwirrt, daß er nichts hervorbrachte und mit dem Pelz, den er aufgehoben hatte, in das Empfangszimmer gehn wollte.

„Da! – er geht mitsamt dem Pelz! Wozu nimmst du denn den Pelz mit! Hahaha! Oder bist du total verrückt?“

Der Fürst kehrte zurück und starrte sie wie ein Götzenbild an. Erst nach ihrem Lachen kam etwas Leben in sein Gesicht: er lächelte, doch die Zunge konnte er immer noch nicht bewegen. Im ersten Augenblick, als er ihr die Tür geöffnet hatte, war er erbleicht, jetzt stieg plötzlich eine heiße Blutwelle in sein Gesicht.

„Ach, das ist ja ein Idiot!“ rief Nastassja Filippowna aus. „Nun, wohin gehst du denn? So wart’ doch! Nun, wen wirst du denn melden?“

„Nastassja Filippowna,“ murmelte der Fürst.

„Woher kennst du mich?“ fragte sie erstaunt. „Ich habe dich nie gesehen! Geh jetzt, melde mich! Was ist das für ein Geschrei?“

„Sie streiten dort,“ antwortete der Fürst und begab sich ins Empfangszimmer.

Er erschien dort in einem recht gefährlichen Augenblick: Nina Alexandrowna war bereits im Begriff, gänzlich zu vergessen, daß sie sich „vollkommen ergeben“ hatte. Ihre Tochter verteidigte sie. Ptizyn hatte sein mit Bleifeder beschriebenes Blatt Papier weggelegt und stand jetzt neben Warjä, die zwar selbst keine Angst hatte – doch wurden die Grobheiten ihres Bruders mit jedem Wort unerträglicher, und in solchen Fällen pflegte sie gewöhnlich zu verstummen und dann nur mit unsäglich spöttischem Blick den Bruder zu betrachten, ohne auch nur auf eine Sekunde die Augen von ihm abzuwenden. Dieses Verhalten aber konnte Ganjä, wie sie sehr wohl wußte, bis zum Äußersten bringen. In diesem Augenblick trat der Fürst ins Zimmer und meldete:

„Nastassja Filippowna.“

IX

Alles verstummte. Alle blickten den Fürsten an, als könnten oder wollten sie ihn nicht verstehen. Ganjä war vor Schreck wie zu Stein erstarrt.

Nastassja Filippownas Besuch war für alle – und namentlich noch in diesem Augenblick – eine wahrhaft erschreckende Überraschung. Es war ihr erster Besuch in diesem Hause! Bis dahin hatte sie sich dermaßen hochmütig zu ihnen verhalten, daß in den Gesprächen mit Ganjä nicht einmal der Wunsch, seine Familie kennen zu lernen, von ihr geäußert worden war. In der letzten Zeit hatte sie seine Verwandten überhaupt nicht mehr erwähnt, ganz als gäbe es gar keine. Zwar war es Ganjä einesteils auch ganz angenehm gewesen, daß dieses für ihn so unangenehme Gespräch hinausgeschoben wurde, doch im Herzen trug er diesen Hochmut sofort in ihr Schuldbuch ein. Jedenfalls aber hatte er von ihr eher spitze Bemerkungen über seine Familie erwartet als einen Besuch. Er wußte ganz genau, daß ihr alles bekannt war, was bei ihm zu Hause infolge seiner Werbung um ihre Hand vorging, und welcher Meinung seine Familie über sie war. Ihr Besuch jedoch gerade an diesem Tage und in diesem Augenblick, nachdem sie ihm ihr Bild geschenkt und am Abend desselben Tages das letzte entscheidende Wort zu sagen versprochen hatte – war das nicht ebensogut wie dieses Wort selbst?

Die starre Verständnislosigkeit, mit der alle den Fürsten ansahen, dauerte nicht lange: Nastassja Filippowna erschien selbst in der Tür und stieß beim Eintritt wiederum den Fürsten leicht zur Seite.

„Endlich ist es mir gelungen, einzutreten... Warum binden Sie denn die Glocke fest?“ sagte sie fröhlich, indem sie Ganjä, der ihr sofort entgegenstürzte, die Hand reichte. „Warum machen Sie ein so verdutztes Gesicht? Stellen Sie mich doch vor, bitte...“

Ganjä, der gänzlich den Kopf verloren hatte, stellte sie zuerst seiner Schwester vor, und beide Frauen maßen einander, bevor sie sich die Hand reichten, mit seltsamem Blick. Nastassja Filippowna lachte übrigens und markierte Fröhlichkeit, doch Warjä wollte sich nicht verstellen und sah sie finster und unverwandt an; nicht einmal der Schatten eines Lächelns erschien auf ihrem Gesicht. Ganjä erbleichte; sie bitten oder bereden war unmöglich, und so blickte er sie nur so drohend an, daß sie aus seinem Blick wohl begreifen mußte, was die Minute für sie bedeutete. Da entschloß sie sich denn, nachzugeben, und sie lächelte Nastassja Filippowna kaum merklich zu. Der schlechte Eindruck wurde etwas wieder gutgemacht durch Nina Alexandrowna, welcher Ganjä in seiner Verwirrung Nastassja Filippowna nach der Schwester vorstellte. Doch kaum begann Nina Alexandrowna etwas von ihrem „besonderen Vergnügen“ zu sprechen, als Nastassja Filippowna, ohne sie bis zu Ende anzuhören, sich schon an Ganjä wandte, den sie, sich unaufgefordert auf ein kleines Sofa in der Ecke am Fenster setzend, lachend fragte:

„Wo ist denn Ihr Bureau? Und... und wo sind denn die Pensionäre? Sie vermieten doch möblierte Zimmer mit Kost und Bedienung?“

Ganjä wurde feuerrot und wollte etwas erwidern, doch Nastassja Filippowna ließ ihn nicht zu Worte kommen:

„Aber wie können Sie denn hier Pensionäre halten? Sie haben ja nicht einmal ein Arbeitszimmer für sich! Bringt denn das auch viel ein?“ wandte sie sich an Nina Alexandrowna.

„Es macht ein wenig Mühe,“ antwortete diese, „aber selbstverständlich muß es doch etwas einbringen. Wir haben übrigens erst...“

Doch Nastassja Filippowna hörte ihr schon wieder nicht mehr zu: sie betrachtete Ganjä, lachte und fragte:

„Was machen Sie denn für ein Gesicht? Oh, mein Gott, sehen Sie doch nur, was für ein Gesicht er macht!“

Während sie noch lachte, ging in Ganjäs Gesicht eine große Veränderung vor sich: die Starrheit, die lächerliche, feige Fassungslosigkeit verließen ihn ganz plötzlich; er erbleichte unheimlich, seine Lippen verzogen sich wie in einem krampfartigen Zucken, und schweigend, unverwandt und ruhig sah er mit Böses verheißendem Blick seinem lachenden Gast in die Augen.

Es war aber noch ein Beobachter anwesend, dem, wenn er auch immer noch auf demselben Fleck an der Tür des Empfangszimmers stand, doch plötzlich die Blässe und die unheilverkündende Veränderung in Ganjäs Gesicht auffiel, und den sie erschrecken machte. Dieser Beobachter war der Fürst. Fast mechanisch trat er vor und näherte sich Ganjä:

„Trinken Sie Wasser... und sehen Sie nicht so...“ stieß er leise hervor.

Man sah es ihm an, daß er es ohne jede Überlegung oder gar Berechnung sagte, sondern daß einfach sein Instinkt aus ihm sprach. Doch seine Worte machten einen entsetzlichen Eindruck. Wie es schien, wandte sich Ganjäs ganze Wut plötzlich gegen den Fürsten: er packte ihn an der Schulter und blickte ihn mit unsäglichem Haß an, mit einem Haß, der ihn kein Wort hervorbringen ließ. Alle fuhren zusammen. Nina Alexandrowna schrie sogar leise auf. Ptizyn näherte sich schnell. Koljä und Ferdyschtschenko, die in der offenen Tür erschienen, blieben verwundert stehen. Nur Warjä blickte unverändert unter der Stirn hervor und beobachtete aufmerksam. Sie setzte sich absichtlich nicht, sondern stand, die Arme über der Brust gekreuzt, etwas abseits neben dem Stuhl der Mutter.

Im übrigen besann sich Ganjä sofort, fast schon im nächsten Augenblick. Dann lachte er nervös auf. Da war er bereits ganz zur Besinnung gekommen!

„Ja, sind Sie denn ein Arzt, Fürst?“ rief er aus, bemüht, möglichst heiter zu erscheinen. „Sie können einen ja wahrhaftig erschrecken! Nastassja Filippowna, gestatten Sie, Ihnen vorzustellen – ein kostbares Subjekt! Zwar kenne ich ihn selbst erst seit dem Morgen...“

Nastassja Filippowna blickte erstaunt den Fürsten an.

„Fürst? Er ist ein Fürst? Denken Sie sich, ich hielt ihn, als ich eintrat, dort im Vorzimmer für den Diener und schickte ihn her, um mich anzumelden! Hahaha!“

„Kein Malheur, kein Malheur!“ fiel Ferdyschtschenko sofort nähertretend ein, sichtlich erfreut darüber, daß man zu lachen begann: „Das hat nichts zu sagen: se non è vero...“

„Und ich habe Sie ja fast gescholten, Fürst. Verzeihen Sie, bitte. Aber wie kommen Sie denn, Ferdyschtschenko, zu dieser Tageszeit hierher? Haben Sie heute Feiertag? Ich glaubte, daß ich zum mindesten Sie hier nicht antreffen würde. Was? Wer? Was für ein Fürst? Myschkin?“ fragte sie Ganjä, der ihr inzwischen den Fürsten, den er immer noch an der Schulter hielt, vorgestellt hatte.

„Er wohnt bei uns,“ erläuterte Ganjä.

Augenscheinlich wurde der Fürst, (der als Retter aus der peinlichen Situation allen sehr gelegen kam) wie etwas Seltenes vorgestellt, ja, er wurde ihrer Aufmerksamkeit nahezu aufgedrängt. Der Fürst hörte sogar das Wort „Idiot“ hinter seinem Rücken flüstern, das wahrscheinlich Ferdyschtschenko Nastassja Filippowna zur Erklärung zuraunte.

„Sagen Sie doch, warum klärten Sie mich vorhin nicht auf, als ich mich so unverzeihlich... in Ihnen täuschte?“ fragte Nastassja Filippowna, die den Fürsten in der ungeniertesten Weise vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete.

Sie erwartete ungeduldig, was er sagen würde, ganz, als wäre sie von vornherein überzeugt gewesen, eine so dumme Antwort zu erhalten, daß alle in schallendes Gelächter ausbrechen müßten.

„Ich war zu überrascht, als ich Sie so plötzlich vor mir sah...“ begann der Fürst.

„Aber woher wußten Sie denn, wer ich bin? Wo haben Sie mich früher gesehen? Aber was ist das, wirklich, es scheint mir, daß ich Sie irgendwo gesehen habe... Und erlauben Sie, – warum erstarrten Sie denn plötzlich, nachdem Sie mir die Tür aufgemacht hatten? Was ist denn an mir, das so erstarren machen kann?“

„Nun! na! los doch!“ rief ihm Ferdyschtschenko Grimassen schneidend in aufmunternd sein sollendem Tone zu. „Na, schießen Sie doch los! Herrgott! was ich auf eine solche Frage reden würde! Aber so... na! Ach, bist du aber ein Tölpel, Fürst!“

„Oh, an Ihrer Stelle würde auch ich zu reden verstehen,“ wandte sich der Fürst lächelnd an Ferdyschtschenko. „Mich hat heute Ihre Photographie frappiert,“ fuhr er zu Nastassja Filippowna fort, „dann habe ich mit Jepantschins von Ihnen gesprochen... und früh am Morgen, noch bevor ich in Petersburg angekommen war, hat mir im Eisenbahnzuge Parfen Rogoshin viel von Ihnen erzählt. Und in jenem Augenblick, als ich Ihnen die Tür aufmachte, dachte ich auch wieder an Sie – und da standen Sie plötzlich vor mir.“

„Aber wie haben Sie mich denn erkannt?“

„Nach der Photographie und...“

„Und?“

„Und... weil ich Sie mir gerade so vorstellte... Ich glaube, Sie gleichfalls irgendwo gesehen zu haben.“

„Wo? Wo?“

„Ich glaube Ihre Augen irgendwo gesehen zu haben... aber das kann ja nicht sein! Das ist nur so... Ich bin nie hier gewesen. Vielleicht im Traum.“

„Eh–hee! Seht doch mal an!“ rief Ferdyschtschenko laut dazwischen. „Nein, ich nehme mein ‚se non è vero‘ zurück! Doch... doch übrigens – das hat er ja alles nur aus Unschuld gesagt!“ fügte er mitleidig bedauernd hinzu.

Der Fürst hatte die wenigen Sätze mit einer unruhigen Stimme gesprochen, dazwischen in der Erregung oft Atem geschöpft oder kurz abgebrochen, weshalb seine Rede denn auch geradezu abgehackt klang. Nastassja Filippowna sah ihn interessiert an, doch hatte sie aufgehört zu lachen. Da ertönte plötzlich eine neue laute Stimme hinter der Gruppe, die Nastassja Filippowna umstand. Der Neueingetretene brach sich majestätisch Bahn und – vor Nastassja Filippowna verneigte sich das Oberhaupt der Familie in eigener Person. General Iwolgin war im Frack und in sauberem Vorhemd. Sein Schnurrbart war starr aufgewichst.

Doch das war zuviel für Ganjä:

Dieser selbstgefällige, bis zur Hypochondrie ehrgeizige Mensch, der in den ganzen zwei Monaten vergeblich nach einem Piedestal gesucht, auf dem er höher dastehen und sich edler ausnehmen könnte, mußte nun fühlen, daß er noch ein Neuling auf dem erwählten Wege war und vielleicht nicht einmal bis zum Ende aushalten würde; dieser Mensch, der sich dann in der Verzweiflung zur größten Gemeinheit entschlossen hatte, was er bei sich zu Hause, wo er als richtiger Despot herrschte, auch vollkommen eingestand, Nastassja Filippowna gegenüber jedoch – die geradezu unbarmherzig das Übergewicht behielt, was sie ihn auch fühlen ließ – nie und nimmer einzugestehen gewagt hätte; dieser „ungeduldige Bettler“, wie sie ihn einmal genannt, was ihm bald darauf hinterbracht worden war, hatte sich mit allen Schwüren geschworen, sie in der Folge bitter dafür büßen zu lassen, während er gleichzeitig wie ein Kind davon träumen konnte, wie er alles gutmachen, alle Widersprüche vereinen und nichts als Glück schaffen würde; – dieser Mensch mußte jetzt den furchtbarsten Kelch leeren! Ihm war auch noch diese schreckliche, für einen ehrgeizigen Menschen allerschrecklichste Folter zugedacht: die Qual, für seine Angehörigen erröten zu müssen, und das dazu noch in seinem eigenen Hause!

„Aber ist denn schließlich der verheißene Lohn auch all dieser Qualen wert?“ fuhr es ihm jetzt plötzlich durch den Kopf.

Und in eben diesem Augenblick geschah das, was in den letzten zwei Monaten wie ein Alpdruck auf ihm gelastet, ihn vor Entsetzen frösteln und vor Scham erglühen gemacht hatte: Nastassja Filippowna lernte seinen Vater kennen. Wenn er sich bisweilen selbst gereizt und gequält hatte, dann hatte er sich wohl den Vater während der Zeremonie der kirchlichen Trauung vorzustellen versucht, doch nie war er fähig gewesen, das peinigende Bild sich bis zu Ende vorzustellen, sondern hatte es immer schnell wieder verscheucht. Vielleicht sah er das Unglück viel zu schwarz – aber das pflegt ja bei ehrgeizigen Menschen immer der Fall zu sein! In diesen zwei Monaten hatte er sich die Sache mehrfach überlegt und dann doch beschlossen und sich das Wort gegeben, seinen Vater irgendwie „unschädlich“ zu machen, ihn wenigstens für eine kurze Zeit, falls das möglich war, ganz aus Petersburg fortzuschaffen, gleichviel, ob seine Mutter es billigte oder nicht. Vor zehn Minuten, nach Nastassja Filippownas unerwartetem Erscheinen, war er so bestürzt, so betäubt gewesen, daß er an die Möglichkeit, sein Vater könne gleichfalls erscheinen, gar nicht gedacht hatte. Und nun stand der General hier vor allen feierlich und lächerlich in Frack und weißer Binde, und das in einem Augenblick, in dem Nastassja Filippowna „offenbar nur eine Gelegenheit suchte, ihn und seine Familie zu verspotten“ – davon war Ganjä überzeugt. Denn in der Tat: was konnte dieser ihr Besuch anders bedeuten? War sie gekommen, um die Freundschaft seiner Mutter und Schwester zu suchen, oder um sie in ihren vier Wänden zu beleidigen? Ein Blick genügte, um zu erkennen, wie sich die beiden Parteien zueinander stellten, und dieser Blick schloß jeden Zweifel aus: seine Mutter und Schwester saßen abseits, wie erniedrigt und verhöhnt, während Nastassja Filippowna ganz vergessen zu haben schien, daß sie mit ihnen in ein und demselben Zimmer saß... Wenn sie sich aber in dieser Weise aufführte, so mußte sie natürlich etwas Besonderes im Sinn haben.

Ferdyschtschenko sprang sofort herbei, um den General vorzustellen, doch dieser kam ihm zuvor.

„Ardalion Alexandrowitsch Iwolgin,“ sagte er pathetisch, sich verbeugend und lächelnd, „ein alter, unglücklicher Soldat und Vater einer Familie, die glücklich ist in der Hoffnung, in ihrem Schoß eine so bezaubernde...“

Er sprach nicht zu Ende: Ferdyschtschenko schob ihm von hinten ganz unverhofft einen Stuhl unter, und zwar tat er das so schwungvoll, daß der General, der nach dem Essen gewöhnlich etwas schwach auf den Füßen war, bei diesem plötzlichen Stoß in die Kniekehlen wie ein Sack auf den Sitz plumpste, was ihn im übrigen durchaus nicht aus dem Konzept brachte. So saß er denn jetzt Nastassja Filippowna gegenüber, zog mit süßem Lächeln ihre Hand an die Lippen und küßte sie langsam und effektvoll. Überhaupt war es ziemlich schwer, den General aus der Fassung zu bringen. Sein Äußeres war, abgesehen von einer gewissen Nachlässigkeit in der Kleidung, immer noch ganz anständig, was er selbst wohl wußte. Er hatte früher nur in guter Gesellschaft verkehrt, von der er erst seit zwei oder drei Jahren endgültig ausgeschlossen war. Seit dieser Zeit hatte er sich auch erst angewöhnt, etwas gar zu zügellos gewissen Schwächen nachzugeben, doch die einmal erworbenen Manieren hatte er deshalb nicht eingebüßt. Nastassja Filippowna schien höchst erfreut über das Erscheinen Ardalion Alexandrowitschs zu sein, von dem sie natürlich schon viel gehört hatte.

„Ich habe gehört, daß mein Sohn...“ begann Ardalion Alexandrowitsch.

„Ja, Ihr Sohn! Aber auch Sie sind mir mal einer! Warum sieht man Sie denn nie bei mir? Sie sind doch sein Vater? Verstecken Sie sich selbst oder werden Sie von Ihrem Sohn versteckt? Sie können doch wirklich zu mir kommen, ohne daß sich deshalb jemand kompromittiert zu glauben braucht.“

„Die Kinder des neunzehnten Jahrhunderts und deren Eltern...“ wollte wieder der General beginnen.

„Nastassja Filippowna! Entschuldigen Sie, bitte, Ardalion Alexandrowitsch auf einen Augenblick, es wird nach ihm verlangt,“ unterbrach ihn plötzlich Nina Alexandrowna laut.

„Verlangt? Aber ich bitte Sie, ich habe soviel von ihm gehört und ihn schon lange einmal sehen wollen! Und was hat er denn so Unaufschiebbares vor? Er ist doch verabschiedet? Nicht wahr, Sie werden mich nicht verlassen, Ardalion Alexandrowitsch, Sie werden doch nicht fortgehen?“

„Ich verspreche Ihnen, daß er Sie selbst aufsuchen wird, doch jetzt bedarf er dringend der Ruhe.“

„Ardalion Alexandrowitsch, Sie sollen der Ruhe bedürfen!“ rief Nastassja Filippowna mit einer pikierten kleinen Grimasse aus, ganz wie ein leichtfertiges, dummes Gänschen, dem man ein Spielzeug fortnimmt.

Der General aber war im besten Zuge, sich wieder lächerlich zu machen.

„Aber mein Schatz! Du siehst doch!“ sagte er, sich feierlich an seine Gattin wendend, in vorwurfsvollem Tone und die Hand aufs Herz gepreßt.

„Werden Sie nicht von hier fortgehen, Mama?“ fragte Warjä laut.

„Nein, Warjä, ich bleibe bis zu Ende.“

Nastassja Filippowna konnte unmöglich diese Frage und Antwort nicht hören, doch ihre Fröhlichkeit schien nur noch zuzunehmen. Sie überschüttete den General mit Fragen, und binnen fünf Minuten war dieser in der siegesbewußtesten Stimmung und redete äußerst schwungvoll.

Koljä zupfte den Fürsten am Rockschoß.

„So bringen Sie ihn doch irgendwohin fort! Das geht doch nicht! Bitte!“ Dem armen Jungen standen vor Unwillen Tränen in den Augen. „Oh, dieser verwünschte Ganjä!“ fügte er bei sich noch hinzu.

„Mit Iwan Fedorowitsch Jepantschin war ich einstmals allerdings eng befreundet,“ erzählte der General in bester Laune auf eine Frage Nastassja Filippownas. „Ich, er und der verstorbene Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin, dessen Sohn ich heute nach zwanzigjähriger Trennung in meine Arme geschlossen habe, – wir drei waren eine sozusagen unzertrennliche Kavalkade: Athos, Portos und Aramis. Aber ach, der eine liegt im Grabe, gefällt von Kugeln und Verleumdungen, der andere sitzt vor Ihnen und kämpft noch mit Verleumdungen und Kugeln...“

„Kugeln?“ fragte Nastassja Filippowna, scheinbar sehr erstaunt.

„Hier in meiner Brust, beim Sturm auf Kars erhalten, und wenn das Wetter umschlägt, fühle ich jede einzeln. In allen anderen Beziehungen lebe ich als Philosoph, gehe spazieren, mache in meinem Café ein Spielchen, wie ein vom Geschäft zurückgezogener Bourgeois, und lese die Zeitung. Doch mit unserem Portos Jepantschin habe ich nach jener vor drei Jahren im Eisenbahncoupé passierten Geschichte mit dem Bologneserhündchen ein für allemal die Freundschaft gebrochen.“

„Einem Bologneserhündchen? Was war denn das für eine Geschichte?“ fragte Nastassja Filippowna mit ganz besonderem Interesse. „Mit einem Bologneserhündchen sagen Sie? Erlauben Sie, und im Eisenbahncoupé...“ sie schien in ihrem Gedächtnisse irgend etwas zu suchen.

„Oh, nichts Besonderes, eine dumme Geschichte, die zu wiederholen sich gar nicht lohnt: die Schuld an allem trug die Gouvernante der Fürstin Bjelokonskaja, eine Mrs. Smith, doch... es lohnt sich nicht, sie zu erzählen.“

„Aber unbedingt müssen Sie sie uns erzählen!“ bestand Nastassja Filippowna fröhlich auf ihrem Wunsch. „Auch ich habe sie noch nie vernommen!“ bemerkte Ferdyschtschenko. „C’est du nouveau!“7

„Ardalion Alexandrowitsch!“ ertönte wieder beschwörend Nina Alexandrownas Stimme.

„Papa, jemand will Sie sprechen!“ rief Koljä.

„Eine ganz dumme Geschichte, nur zwei Worte,“ begann der General mit großer Selbstzufriedenheit. „Vor zwei Jahren, ja fast vor zwei Jahren – auf der neuen Eisenbahnlinie Petersburg–Warschau mußte ich in einer für mich äußerst wichtigen Angelegenheit, die mit meinem Austritt aus dem Dienst in Zusammenhang stand – ich trug bereits Zivil – eine Reise unternehmen. Ich löse also ein Billett erster Klasse, steige ein, setze mich, rauche. Oder vielmehr, fahre fort zu rauchen; denn ich hatte mir die Zigarre schon früher angesteckt. Bin ganz allein im Coupé. Das Rauchen ist nicht verboten, ist aber auch nicht gerade gestattet, sondern so–o... halb und halb, wie gewöhnlich, und natürlich – je nachdem. Das Fenster ist heruntergelassen. Plötzlich, kurz vor dem letzten Pfiff, steigen zwei Damen mit einem kleinen Bologneser ein und setzen sich mir vis-à-vis. Hatten sich etwas verspätet. Die eine pompös gekleidet, ganz in Hellblau; die andere etwas bescheidener in schwarzer Seide mit einer kleinen Pelerine. Beide, nicht gerade häßliche Frauenzimmer, scheinen nur im allgemeinen etwas sehr ‚von oben herab‘ zu sein, sprechen englisch. Ich natürlich verhalte mich ganz ruhig; rauche meine Zigarre. Das heißt, im ersten Augenblick dachte ich wohl so bei mir, aber schließlich – das Fenster war heruntergelassen, weshalb soll ich nicht zum Fenster hinausrauchen? Der kleine Bologneser ruht auf dem Schoß der Hellblauen so ’n kleines Tierchen, nicht größer als meine Faust, pechschwarz, weiße Pfötchen – eine Seltenheit zweifellos. Das Halsbändchen war aus Silber und mit einer Inschrift versehen. Nun, ich – merke nichts. Bemerke nur, daß die Damen sich über mich zu ärgern scheinen, natürlich wegen der Zigarre. Die eine betrachtet mich durchs Lorgnon – aus echtem Schildpatt, versteht sich. Ich jedoch – merke nichts. Weshalb sagen sie denn nichts? So sollen sie doch den Mund auftun! Hätten sie mich darauf aufmerksam gemacht, etwas gesagt, mich gebeten, sie waren doch nicht stumm! Aber so – wie soll ich’s denn wissen?... Plötzlich – und zwar ohne die geringste Vorbereitung, ich sage Ihnen, ohne die allergeringste, als wäre sie übergeschnappt – reißt mir die Hellblaue, schwaps! die Zigarre aus der Hand und wirft sie zum Fenster hinaus. Na, die war gewesen, den Zug hält man nicht auf. Ich mache ein dummes Gesicht, staune sie an: ein wildes Weib, ich sage Ihnen, ein vollkommen wildes Weib! Stattlich, groß, üppig, blond, rosig – vielleicht etwas zu rosig – und die Augen blitzen mich nur so an. Ich – ohne ein Wort zu verlieren, strecke mit der größten Höflichkeit, mit der feinsten Höflichkeit langsam meine Hand nach dem Bologneser aus, fasse ihn delikat mit zwei Fingern am Schopf und – wups! werfe ihn gleichfalls zum Fenster hinaus, dorthin, wo die Zigarre lag! Er quiekte nur einmal, zum Kläffen kam er gar nicht. Na, der Bologneser war auch gewesen! Den Zug hält man nicht auf, der geht.“

„Sie Ungeheuer!“ rief Nastassja Filippowna köstlich amüsiert aus, klatschte Beifall und lachte wie ein kleines Mädchen über den gelungenen Streich.

„Bravo, bravo!“ rief Ferdyschtschenko.

Auch Ptizyn lachte, obgleich ihm das Erscheinen des Generals nicht minder unangenehm war, und sogar Koljä lachte und rief seinem Vater ein Bravo zu.

„Und ich war doch im Recht, im Recht, doppelt und dreifach im Recht!“ fuhr der triumphierende General fort; „denn wenn im Coupé das Rauchen verboten ist, so sind es Hunde erst recht!“

„Bravo, Papa!“ rief Koljä begeistert aus, „das war großartig! Ich hätte es unbedingt ebenso gemacht!“

„Aber was tat denn die Dame?“ fragte in ungeduldiger Neugier Nastassja Filippowna.

„Sie? Ja, hier erst beginnt das Unangenehme an der ganzen Geschichte,“ fuhr der General stirnrunzelnd fort. „Ohne ein Wort zu sagen und ohne die geringste Vorbereitung, gab sie mir eine schallende Ohrfeige! Ein wildes Weib, ein vollkommen, ein selten wildes Weib, sage ich Ihnen.“

„Und Sie?“

Der General schlug die Augen nieder, zog die Brauen in die Höhe, preßte die Lippen zusammen, hob die Schultern, während er die Hände gleichsam entschuldigend auseinanderführte – es war eine Kunstpause – und sagte dann plötzlich nur kurz:

„Ließ mich hinreißen!“

„Oh! Und stark? Wirklich stark?“

„Bei Gott, durchaus nicht stark! Es kam zwar zu einem großen Skandal, aber ich hatte ja nur ein einziges Mal den Schlag zurückgegeben, eben nur – nun, um ihn zurückzugeben. Da kam aber der Teufel dazwischen und steckte seine Hand ins Spiel: die Hellblaue war, wie es sich herausstellte, die Gouvernante oder Engländerin oder gar Freundin der Fürstin Bjelokonskaja, die Dame in Schwarz aber war die älteste Tochter der Fürstin, ein älteres Mädchen von fünfunddreißig Jahren. Und wie die Generalin Jepantschin zum Hause Bjelokonskij steht, ist ja bekannt. Alle Damen fielen in Ohnmacht, Tränen, Trauer um den geliebten Schoßhund, Jammer und Geschrei aller sechs Töchter, und als siebente die Engländerin noch dazu – kurz, das Ende der Welt war nahe. Nun, versteht sich: ich wollte meine Entschuldigung machen, machte einen Besuch, um Verzeihung zu erbitten, schrieb sogar einen Brief, doch wurde weder ich, noch der Brief angenommen, und mit Jepantschin gab es Auseinandersetzungen, Kündigung der Freundschaft und darauf ewige Feindschaft!“

„Aber erlauben Sie, wie ist denn das?“ begann plötzlich Nastassja Filippowna, „vor fünf oder sechs Tagen habe ich in der Zeitung genau dieselbe Geschichte gelesen! Es war auf ein Haar dieselbe! Sie hatte sich am Rhein in einem Eisenbahncoupé zwischen einem Franzosen und einer Engländerin zugetragen: genau so hatte sie ihm die Zigarre aus der Hand gerissen, genau so hatte er ihr Hündchen aus dem Fenster geworfen, und genau so hatte es auch zwischen ihnen geendet. Sogar das hellblaue Kleid stimmt mit dem Bericht der Zeitung überein!“

Der General wurde über und über rot, und auch Koljä errötete und bedeckte vor Scham das Gesicht mit den Händen. Ptizyn wandte sich schnell ab. Nur Ferdyschtschenko lachte. Ganjä aber stand und ertrug stumm seine unerträgliche Qual.

„Ich... ich kann Sie versichern,“ stotterte der General, „daß auch mir genau dasselbe passiert ist...“

„Papa hatte wirklich einmal eine Unannehmlichkeit mit Mrs. Smith, der Gouvernante von Bjelokonskijs,“ rief Koljä dazwischen, „ich entsinne mich dessen noch sehr gut.“

„Wie! Ein und dieselbe Geschichte sollte an zwei verschiedenen Punkten Europas sich mit einer solchen Übereinstimmung aller Einzelheiten zutragen? Auch die Dame am Rhein hatte ein hellblaues Kleid!“ fuhr Nastassja Filippowna erbarmungslos fort. „Aber ich werde Ihnen doch die Zeitung – zuschicken!“

„Vergessen Sie nur nicht,“ bemerkte der General, „daß die Geschichte mir zwei Jahre früher passiert ist!“

„Ah, so, richtig, das wäre dann doch wenigstens ein Unterschied!“ Und Nastassja Filippowna lachte hellauf.

„Papa, ich bitte Sie, auf zwei Worte mit mir hinauszukommen,“ sagte jetzt mit zitternder, gequälter Stimme Ganjä, der den Vater mechanisch an der Schulter faßte.

In seinen Augen lag grenzenloser Haß.

Da ertönte plötzlich und jetzt erschreckend laut die Glocke im Vorzimmer. Ein Wunder, daß der Klingelzug nicht abgerissen wurde! Es mußte ein besonderer Besuch sein. Koljä eilte hinaus, um zu öffnen.

X

Im Vorzimmer wurde es sofort sehr geräuschvoll und lebendig; wie es den im Empfangszimmer Zurückgebliebenen schien, traten dort mehrere Menschen ein, denen noch andere auf der Treppe folgten. Mehrere Stimmen sprachen durcheinander, Ausrufe und Stimmen wurden auch im Treppenhaus laut, zu dem die Tür offenbar noch nicht wieder geschlossen worden war. Der Besuch mußte allerdings kein gewöhnlicher sein. Alle blicken einander fragend an. Ganjä besann sich als erster und eilte in den „Salon“, doch trat ihm dort schon eine ganze Schar Menschen entgegen.

„Ah, da ist ja der Judas!“ rief eine dem Fürsten bekannte Stimme aus. „Guten Tag, Ganjä, du Schuft!“

„Da, da ist er ja!“ ertönte eine andere Stimme.

Jetzt konnte der Fürst nicht mehr zweifeln: das waren Rogoshin und Lebedeff.

Ganjä stand wie betäubt in der Tür zum Salon und sah stumm, ohne zu protestieren zu, wie etwa zehn bis zwölf Menschen Parfen Rogoshin ins Zimmer folgten. Die ganze Rotte bestand aus recht verschiedenartigen Leuten, doch zeichneten sie sich nicht nur durch ihre Verschiedenartigkeit, sondern noch viel mehr durch ihre Unanständigkeit aus. Einige traten im Mantel oder im Pelz ins Zimmer. Wirklich Betrunkene freilich gab es unter ihnen nicht, doch waren sie alle zum mindesten in „stark gehobener“ Stimmung. Wie es schien, bedurfte ein jeder aller anderen, um einzutreten; denn als einzelner hatte niemand den Mut dazu, alle zusammen aber ermutigten sich gegenseitig und stießen und schoben sich durch die Tür. Selbst Rogoshin, der an der Spitze der Schar stand, trat nicht ganz sicher vor, doch sah man ihm an, daß er eine bestimmte Absicht hatte. Sein Gesicht war finster, gereizt und unruhig. Die anderen jedoch bildeten gewissermaßen nur den Chor, oder richtiger, eine Bande zu seiner Unterstützung. Außer Lebedeff befand sich unter ihnen noch der wie ein „Friseurgehilfe“ geschniegelte und gekräuselte Saljosheff, der seinen Pelz im Vorzimmer abgeworfen hatte und als Stutzer selbstbewußt und mit übertriebener Liebenswürdigkeit eintrat; ferner zwei, drei andere Herren von derselben Art, augenscheinlich junge Kaufleute, Kommis; irgendeiner steckte in einem Uniformmantel; ferner war ein kleiner und auffallend dicker Mann darunter, der beständig lachte; und dann ein Riese, der gleichfalls sehr dick war, dafür aber sehr finster und durchaus stumm schien, und der sich offenbar sehr auf seine Fäuste verließ. Außer diesen erschienen noch ein Student der Medizin und ein windiges, scharwenzelndes Polenkerlchen. Aus dem Treppenflur blickten noch zwei Damen ins Vorzimmer, doch wagten sie nicht recht, einzutreten. Koljä besann sich plötzlich, schlug ihnen die Tür vor der Nase zu und schob den Riegel vor.

„Guten Tag, Ganjä, du Schuft! Was, hast wohl Parfen Rogoshin nicht erwartet?“ fragte Rogoshin, der in der Tür des Empfangszimmers vor Ganjä stehen geblieben war.

Da erblickte er plötzlich sich gegenüber auf dem Sofa in der anderen Zimmerecke – Nastassja Filippowna. Sicherlich hatte er alles andere eher erwartet, als sie hier anzutreffen; denn der Schreck lähmte ihn geradezu: er erbleichte dermaßen, daß selbst seine Lippen weiß wurden.

„Dann... dann ist es also wahr!“ brachte er leise, halb wie zu sich selbst hervor, und der Blick seiner Augen war wie verloren. „Alles aus!... Nun... Wart’, das sollst du mir jetzt büßen!“ knirschte er plötzlich in unbändiger Wut, zu Ganjä gewandt. „Nun...“ stieß er wieder kurz und rauh hervor. „Oh,“ und seine Nägel preßten sich in die Handflächen.

Er schien nach Atem zu ringen, nur mit Mühe stieß er die Worte hervor. Mechanisch trat er näher, doch kaum hatte er einen Schritt getan, als er plötzlich Nina Alexandrowna und Warjä erblickte, und verwirrt blieb er stehen, trotz seiner ganzen, ungeheuren Erregung. Nach ihm trat sofort Lebedeff ins Zimmer; er folgte ihm wie sein Schatten und war wohl der am stärksten berauschte. Dann folgten der Student, der Riese mit den Fäusten, Saljosheff, der nach links und rechts seine Bücklinge machte, und schließlich preßte sich auch noch der kleine Dicke durch das Gedränge an der Tür und trat etwas vor. Die Anwesenheit von Damen hielt sie alle noch zurück, war ihnen sichtlich unangenehm, störte sie in ihrem Vorhaben. Doch selbstverständlich konnte das nur anfangs vorhalten, nur bis zur ersten Veranlassung, loszuschreien und zu – beginnen... Dann hätten sie wohl alle Damen der Welt nicht mehr aufzuhalten vermocht.

„Wie? Auch du bist hier, Fürst?“ sagte Rogoshin zerstreut, wenn auch offenbar verwundert über dieses Wiedersehen. „Und immer noch in diesen Gamaschen... a–ach!“ seufzte er gequält, indem er den Blick wieder Nastassja Filippowna zuwandte und sich immer näher zu ihr, die ihn wie ein Magnet anzog, vorbeugte.

Nastassja Filippowna betrachtete die Eingetretenen gleichfalls mit unruhiger Neugier.

Endlich kam Ganjä zur Besinnung.

„Aber erlauben Sie, was hat denn das zu bedeuten?“ begann er laut, sich vornehmlich an Rogoshin wendend, während er mit strengem Blick die Eingetretenen maß. „Ich dächte, Sie sind nicht in einen Stall eingetreten, hier sind meine Mutter und Schwester!“

„Das sehen wir, daß hier Mutter und Schwester sind,“ preßte Rogoshin durch die Zähne hervor.

„Das sehen wir doch, daß hier Mutter und Schwester sind!“ wiederholte wie ein Echo Lebedeff, um den Worten Rogoshins mehr Nachdruck zu verleihen.

Der Mann mit den Fäusten glaubte wahrscheinlich, daß der Augenblick gekommen sei, und brummte irgend etwas.

„Aber, was soll denn das?“ Ganz plötzlich erhob Ganjä die Stimme, wie aus der Pistole geschossen, und diese Plötzlichkeit machte einen unangenehmen Eindruck, wie etwas, das nicht am Platz ist. „Erstens bitte ich Sie, von hier fortzugehen und in den Salon einzutreten... Und dann bitte ich Sie, mich wissen zu lassen, mit wem...“

„Seht doch, er erkennt uns nicht!“ sagte Rogoshin mit boshaftem Spottlächeln, ohne sich von der Stelle zu rühren. „Hast du denn Rogoshin nicht erkannt?“

„Ich–ch, allerdings, ich glaube mit Ihnen irgendwo einmal zusammengekommen zu sein, aber...“

„Seht doch, irgendwo zusammengekommen zu sein! Ich habe an dich ja doch noch vor drei Monaten zweihundert Rubel von meines Vaters Geld verspielt, der Alte ist darüber gestorben, ohne was davon zu erfahren. Du hattest mich doch selbst hingeschleppt! Fix zog er mir dann das Fell über die Ohren mit seiner Falschspielerei! Erkennst mich nicht? Ptizyn war Zeuge! Ich brauch’ dir ja nur drei Rubel zu zeigen, hier aus der Tasche zu nehmen und dir zu zeigen, und du wirst auf allen vieren bis zum Wassiljewskij Prospekt ihnen nachkriechen, – sieh, so einer bist du! Wer deine Seele nicht kennt! Ich bin jetzt auch gekommen, um dich für Geld zu kaufen, Leib und Seele kaufe ich dir ab; du sieh nicht darauf, daß ich mit solchen Stiefeln hereingekommen bin, ich hab’ jetzt viel Geld, Bruder, kaufe dich mitsamt deinem ganzen Leben... wenn ich will, kauf’ ich euch alle! Kaufe alles!“ phantasierte Rogoshin, der plötzlich wie trunken erschien. „A–ach!“ seufzte er dann laut, „Nastassja Filippowna! Jagen Sie mich nicht fort, sagen Sie nur ein einziges Wort: lassen Sie sich mit ihm trauen oder nicht?“

Rogoshin stellte seine Frage wie in Verzweiflung, wie an eine Gottheit, gleichzeitig jedoch mit dem Stolz eines zum Tode Verurteilten, der nichts mehr zu verlieren hat. Und mit diesem Todesgefühl erwartete er die Antwort.

Nastassja Filippowna maß ihn mit einem spöttischen und hochmütigen Blick, doch dann blickte sie auf Warjä und Nina Alexandrowna, blickte auf Ganjä – und plötzlich veränderte sie ihren Ton.

„Durchaus nicht, wie kommen Sie darauf? Und wie kommen Sie dazu, diese Frage an mich zu stellen?“ fragte sie leise und ernst und scheinbar mit einer gewissen Verwunderung.

„Nein? Nein!!“ schrie Rogoshin fast rasend vor Freude. „Also doch nicht?! Und mir sagte man... Ach! Nu!... Nastassja Filippowna! Alle sagten, Sie hätten sich mit Ganjka verlobt! Mit dem da? Ist denn das überhaupt möglich? – Ich hab’s denen doch gleich gesagt! – Ich kaufe ihn ja doch mit Leib und Seele, so wie er da ist, für hundert Rubel! Gebe ihm tausend, nun, er wird noch am Tage vor der Hochzeit fortlaufen und die Braut mir überlassen. Was, hab’ ich nicht recht, Ganjka, Schuft? Würdest doch dreitausend mit Freuden nehmen! Hier sind sie, hier, sieh! Darum bin ich ja gekommen, um’s von dir schriftlich zu haben! Hab’ gesagt: ich kauf’ ihn, – ich kauf’ ihn mir!“

„Mach’, daß du fortkommst, hinaus! Besoffen bist du!“ schrie ihn Ganjä an, der abwechselnd bleich und rot wurde. Doch kaum war seine Stimme verhallt, als plötzlich durch die ganze Rotte Rogoshins eine Bewegung ging und mehrere Stimmen laut wurden. Lebedeff flüsterte eilig und eifrig Rogoshin etwas ins Ohr.

„Du hast recht, Alter!“ sagte Rogoshin auf sein Geflüster, „hast recht, betrunkene Seele! Ach, wer wagt, gewinnt! Nastassja Filippowna!“ rief er wie ein Halbwahnsinniger aus, offenbar mit Furcht im Herzen, doch plötzlich sich bis zur Frechheit erkühnend, „– hier sind achtzehn Tausend!“ Und er warf gleichzeitig ein in weißes Papier eingewickeltes und kreuzweise mit einer Schnur umbundenes Päckchen vor sie hin auf den Tisch. „Da! Und... und es wird noch mehr geben!“

Doch wagte er nicht auszusprechen, was er von ihr wollte...

„Nich-nich-nicht!“ flüsterte ihm erschrocken Lebedeff zu, mit wahrhaft entsetztem Gesicht.

Es war leicht zu erraten, daß ihn die Höhe der gebotenen Summe erschreckte und er zureden wollte, zu Anfang viel weniger zu bieten.

„Nein, davon verstehst du nichts, Bruder, darin bist du dumm, weißt nicht, mit wem du es zu tun hast... aber auch ich bin ebenso dumm wie du!“ besann sich Rogoshin plötzlich, unter Nastassja Filippownas aufblitzendem Blick zusammenzuckend. „Ach! Nein, ich hab’ nur gefaselt! – daß ich auf dich auch hören mußte!...“ fügte er in heißer Scham hinzu.

Als Nastassja Filippowna Rogoshins betretene Miene sah, lachte sie plötzlich auf.

„Achtzehntausend mir? Da zeigt sich doch gleich der Bauer!“ sagte sie plötzlich mit frecher Familiarität und erhob sich vom Sofa, als wollte sie fortgehen.

Ganjä verfolgte klopfenden Herzens die ganze Szene.

„Vierzigtausend, vierzig, vierzig, nicht achtzehn!“ rief Rogoshin zitternd. „Wanjkä Ptizyn und Biskup haben mir versprochen, bis sieben Uhr abends vierzigtausend zur Stelle zu schaffen. Vierzigtausend Rubel! Alle blank und bar auf den Tisch!“

Die Szene wurde immer gemeiner. Doch Nastassja Filippowna fuhr fort zu lachen und ging auch nicht weg, als hätte sie sie mit Absicht in die Länge ziehen wollen. Nina Alexandrowna und Warjä erhoben sich gleichfalls von ihren Plätzen und warteten erschrocken und stillschweigend in qualvoller Spannung, womit das endlich enden würde. Warjäs Augen glühten, doch Nina Alexandrowna zitterte und sah aus, als würde sie im nächsten Augenblick in Ohnmacht fallen.

„Ah, nu... wenn’s so ist, dann – hundert! Heute noch bringe ich hunderttausend Rubel! Ptizyn, hilf mir, kannst dir die Hände dabei wärmen!“

„Du bist wohl wahnsinnig!“ raunte ihm Ptizyn, der plötzlich neben ihm stand und ihn am Handgelenk packte, ungehalten zu. „Du bist betrunken, man wird nach der Polizei schicken. Besinn dich, weißt du auch, wo du bist!“

„Er phantasiert ja nur so in der Trunkenheit,“ sagte Nastassja Filippowna verächtlich. Wie es schien, wollte sie ihn damit nur aufstacheln.

„Aber nein doch! ich lüge nicht, ich bringe sie, bringe sie noch vor dem Abend!... Ptizyn, hilf, Prozentmensch, nimm, was du willst, mach Hunderttausend flüssig bis zum Abend! – Ich werde beweisen, daß ich Wort halte!“ rief bis zur Begeisterung hingerissen Rogoshin aus.

„Aber! Einstweilen! Was hat das zu bedeuten?“ mischte sich da ganz unerwartet Ardalion Alexandrowitsch in drohendem Tone ein und näherte sich Rogoshin.

Die Plötzlichkeit, mit der sich der bis dahin vollkommen vergessene, zurückgedrängte Alte einmischte, hatte etwas überaus Komisches. Aus der Rotte ertönte Gelächter.

„Was ist denn das noch für einer?“ fragte Rogoshin lachend. „Komm mit, Alter, wirst betrunken sein!“

„Das ist aber doch eine Gemeinheit!“ rief Koljä empört aus, fast weinend vor Ärger und Schande.

„Findet sich denn wirklich kein einziger unter euch, der diese Unverschämte hinausweist?“ rief plötzlich, zitternd vor Zorn, Warwara Ardalionowna.

„Wie, ich werde hier eine Unverschämte genannt!“ wehrte sich Nastassja Filippowna mit nachlässiger Heiterkeit gegen die Beleidigung. „Und ich bin wie ein Gänschen hergekommen, um sie zu heute abend zu mir einzuladen! Sehen Sie doch, wie Ihre liebe Schwester mich behandelt, Gawrila Ardalionytsch!“

Ganjä stand ein paar Sekunden nach dem Ausfall der Schwester wie vom Blitz getroffen. Als er aber dann plötzlich sah, daß Nastassja Filippowna tatsächlich fortgehen wollte, stürzte er wie ein Irrsinniger auf Warjä, deren Hand er in der Wut wie mit Klammern erfaßte.

„Was hast du getan?“ schrie er mit einem Blick, der sie auf der Stelle vernichten zu wollen schien.

Er hatte entschieden die Besinnung verloren.

„Was ich getan habe? Wohin zerrst du mich? Doch nicht zu jener, damit ich sie um Verzeihung bitte, weil sie deine Mutter beleidigt, und weil sie hergekommen ist, um dein Haus zu beschimpfen, du gemeiner Mensch!“ schrie Warjä, die den Bruder empört und herausfordernd ansah.

Eine Weile standen sie sich gegenüber. Ganjä hielt noch immer ihr Handgelenk umklammert. Warjä wollte sich losreißen, einmal, noch einmal aus aller Kraft, doch es gelang ihr nicht, und plötzlich, außer sich, spie sie den Bruder an.

„Das ist mir mal ein Mädchen!“ rief Nastassja Filippowna aus. „Bravo, Ptizyn, ich gratuliere!“

Ganjä wurde es schwarz vor den Augen, und er holte besinnungslos zu einem Schlage aus, der die Schwester mitten ins Gesicht getroffen hätte. Doch da wurde seine Hand von einer anderen Hand aufgehalten: zwischen ihm und der Schwester stand der Fürst.

„Lassen Sie, lassen Sie es gut sein!“ stieß er mit fester Stimme hervor, doch zitterte er am ganzen Körper.

„Wirst du mir denn ewig in den Weg treten?“ brüllte ihn Ganjä an, und Warjäs Hand fahren lassend, holte er in rasender Wut aus und schlug dem Fürsten ins Gesicht.

„Ach!“ schrie Koljä entsetzt auf. „Ach Gott!“

Von allen Seiten wurden Ausrufe laut.

Der Fürst erbleichte. Mit seltsamem, vorwurfsvollem Blick sah er Ganjä unverwandt in die Augen: seine Lippen zitterten und schienen sich vergeblich zu bemühen, etwas hervorzubringen – ein seltsames Lächeln, das gar nicht zur Situation paßte, zitterte auf ihnen.

„Nun, mag das... mir zufallen... aber sie... das lasse ich nicht zu!...“ sagte er endlich leise.

Doch plötzlich hielt er es doch nicht aus, wandte sich von ihm ab, bedeckte das Gesicht mit den Händen, ging in die nächste Ecke, stützte die Stirn an die Wand und brachte mit stockender Stimme hervor:

„Oh, wie werden Sie das bereuen!“

Ganjä stand allerdings wie vernichtet da. Koljä stürzte zum Fürsten, den er heiß umarmte und küßte; nach ihm drängten sich Rogoshin, Warjä, Ptizyn, Nina Alexandrowna, kurz – alle, sogar der alte Ardalion Alexandrowitsch, zum Fürsten, der sich ihnen nun wieder zuwandte und sie mit demselben rätselhaften Lächeln beruhigte:

„Nichts, nichts, es ist wirklich nichts!“

„Und er wird’s auch bereuen!“ rief Rogoshin ärgerlich. „Wirst dich schämen, Ganjka, daß du ein solches... Lamm (er konnte kein anderes Wort finden) beleidigt hast! Fürst, du meine Seele, laß sie laufen! Speie sie an – und gehen wir! Komm, sollst erfahren, wie Rogoshin liebt!“

Nastassja Filippowna war gleichfalls durch Ganjäs Tat und die Antwort des Fürsten erschüttert. Ihr stets bleiches Gesicht, das so wenig mit ihrem gezwungen heiteren Lachen übereinstimmte, war jetzt augenscheinlich durch ein neues Gefühl erregt; dennoch schien sie es nicht zeigen und sich zwingen zu wollen, das spöttische Lächeln beizubehalten.

„Nein, wirklich, irgendwo habe ich dieses Gesicht doch schon gesehen?“ wiederholte sie mit einemmal ganz ernst, sich wieder ihrer Frage entsinnend.

„Und Sie schämen sich nicht! Sind Sie denn so, wie Sie sich hier gezeigt haben? Ist denn das möglich!“ rief ihr plötzlich der Fürst mit erschütterndem Vorwurf zu.

Nastassja Filippowna stutzte, lächelte spöttisch – doch schien sie hinter diesem Lächeln etwas verbergen zu wollen, wenigstens sah man ihm ihre Verwirrung an – blickte sich dann nach Ganjä um und verließ das Zimmer. Doch noch war sie nicht bis ins Vorzimmer gekommen, als sie plötzlich zurückkehrte, eilig auf Nina Alexandrowna zutrat, ihre Hand ergriff und an die Lippen führte.

„Ich bin ja wirklich nicht so, er hat es erraten,“ flüsterte sie schnell und erregt, während ihr das Blut heiß ins Gesicht stieg, doch schon hatte sie sich abgewandt und verließ diesmal so schnell das Zimmer, daß niemand begriff, weshalb sie zurückgekommen war. Man hatte nur gesehen, daß sie Nina Alexandrowna etwas zugeflüstert und ihr die Hand geküßt hatte. Deren Blick folgte erstaunt Nastassja Filippowna.

Ganjä besann sich und eilte ihr nach, doch sie war bereits auf der Treppe.

„Begleiten Sie mich nicht!“ rief sie ihm zu. „Auf Wiedersehen am Abend! Kommen Sie unbedingt, hören Sie!“

Er kehrte verwirrt und nachdenklich zurück; ein schweres Rätsel lag ihm auf der Seele, ein noch schwereres als das frühere. Auch an den Fürsten dachte er flüchtig... Über seinen Gedanken vergaß er alles andere, so daß er es kaum bemerkte, wie die ganze Rogoshinsche Rotte sich an ihm vorüberwälzte und ihn in der Tür beiseite schob, um nur schneller die Wohnung zu verlassen. Alle sprachen laut und schienen über etwas zu streiten. Rogoshin selbst ging mit Ptizyn hinaus, auf den er in sehr bestimmtem Tone einredete. Offenbar handelte es sich für ihn um etwas äußerst Wichtiges und Unaufschiebbares.

„Hast verspielt, Ganjka!“ rief er diesem im Vorübergehen zu.

Erregt blickte ihm Ganjä nach.

XI

Der Fürst zog sich gleichfalls zurück und schloß sich in seinem Zimmer ein. Doch es dauerte nicht lange und Koljä klopfte an die Tür. Der arme Knabe konnte sich gar nicht mehr von ihm trennen und wollte ihn jetzt wenigstens trösten.

„Das war gut von Ihnen, daß Sie fortgingen,“ sagte er, „dort wird jetzt der Skandal noch heftiger losgehen als vorher. So geht es jetzt bei uns tagaus, tagein, und alles das hat uns nur diese Nastassja Filippowna eingebrockt!“

„Hier gibt es viel Krankes, das sich mit der Zeit aufgespeichert hat, Koljä,“ bemerkte der Fürst.

„Ja, viel Krankes. Aber von uns lohnt es sich gar nicht zu reden. Es ist unsere eigene Schuld. Ich habe einen kranken Freund, der ist noch viel unglücklicher. Wollen Sie, so werde ich Sie mit ihm bekannt machen?“

„Sehr gern. Es ist Ihr Schulkamerad?“

„Ja, so gut wie mein Schulkamerad. Ich werde Ihnen das später erzählen... Aber ist Nastassja Filippowna nicht schön, was meinen Sie? Ich hatte sie ja bis jetzt noch nie gesehen, obschon ich mich sehr darum bemühte. Sie war wie ein Glanz! Ich würde Ganjka alles verzeihen, wenn er es aus Liebe täte; aber weshalb nimmt er Geld, das ist das Unglück!“

„Ja, Ihr Bruder gefällt mir nicht sehr.“

„Nun, das fehlte noch, daß er Ihnen gefiele! Ihnen, nachdem er... Aber wissen Sie, ich kann alle diese verschiedenen Ansichten nicht ausstehen! Irgendein Verrückter oder Esel oder Räuber in verrücktem Zustande gibt eine Ohrfeige, und der Mensch ist dann für sein Leben lang entehrt und kann die Schmach nicht anders abwaschen als mit Blut, oder es sei denn, daß er kniend um Verzeihung gebeten wird. Meiner Meinung nach ist das einfach Unsinn! Darauf ist auch Lermontoffs Drama ‚Die Maskerade‘ aufgebaut, und deshalb ist es auch – dumm, meiner Meinung nach, vielmehr... ich will damit nur sagen – es ist nicht natürlich. Aber er hat es ja fast noch in seiner Kindheit geschrieben.“

„Ihre Schwester gefällt mir sehr.“

„Wie sie Ganjka anspie, was? Bravo, Warjka! Sie hätten nicht gespien, aber nicht etwa aus Mangel an Mut, davon bin ich überzeugt. Ah, da ist sie ja selbst, hat es nicht vergessen. Ich wußte, daß sie kommen würde: sie ist edelmütig, wenn sie auch sonst ihre Mängel hat.“

„Du hast hier nichts zu suchen, Koljä,“ wandte sich Warjä zuerst an ihn. „Geh zum Vater. Langweilt er Sie nicht, Fürst?“

„Durchaus nicht, im Gegenteil.“

„Da hörst du es, Warjä! Sehen Sie, das ist das Schändlichstes an ihr: daß sie mich behandelt, als ob ich ein Baby wäre! Übrigens – ich dachte, daß der Vater bestimmt mit Rogoshin weggehen würde. Bereut jetzt wahrscheinlich. Nein, wirklich, man muß doch sehen, was er jetzt tut,“ meinte Koljä und ging hinaus.

„Gott sei Dank, Mama hat sich hingelegt und es ist zu keiner neuen Szene gekommen. Ganjä ist verwirrt und scheint ganz nachdenklich geworden zu sein. Hat auch allen Grund dazu. Die Lehre war nicht schlecht!... Ich bin gekommen, um Ihnen zu danken, Fürst. Und dann wollte ich Sie noch eines fragen: Haben Sie Nastassja Filippowna bisher wirklich nicht gekannt?“

„Nein, ich habe sie nicht gekannt.“

„Wie kamen Sie dann darauf, ihr ins Gesicht zu sagen, daß sie nicht ‚so‘ sei? Und Sie haben auch, glaube ich, die Wahrheit erraten. Es zeigte sich, daß sie vielleicht wirklich nicht ‚so‘ ist. Übrigens werde ich aus ihr nicht klug. Natürlich hatte sie die Absicht, uns zu beleidigen, das ist klar! Ich habe auch früher schon viel Sonderbares von ihr gehört. Aber wenn sie wirklich gekommen war, uns einzuladen, wie konnte sie dann Mama so beleidigend behandeln? Ptizyn kennt sie sehr gut, auch er sagt, er habe vorhin nicht aus ihr klug werden können. Aber das mit Rogoshin? Wenn man sich selbst achtet, kann man so nicht reden im Hause seines... Mama beunruhigt sich Ihretwegen sehr.“

„Ach, nichts!“ Der Fürst winkte abwehrend mit der Hand.

„Aber wie sie Ihnen gehorchte...“

„Inwiefern gehorchte?“

„Sie sagten, sie solle sich schämen, und da war sie plötzlich ganz verändert. Sie haben einen Einfluß auf sie, Fürst,“ fügte Warjä mit kaum merklichem Lächeln hinzu.

Die Tür öffnete sich und ganz unerwartet erschien Ganjä.

Er trat nicht zurück, als er Warjä erblickte, stand eine Weile auf der Schwelle, und plötzlich näherte er sich entschlossen dem Fürsten.

„Fürst, ich habe schlecht gehandelt, verzeihen Sie es mir, lieber Mensch,“ sagte er mit tiefem Gefühl. Seine Züge drückten Schmerz aus. Der Fürst blickte ihn verwundert an und antwortete nicht sogleich.

„Nun, verzeihen Sie, nun, verzeihen Sie mir doch!“ drängte Ganjä ungeduldig. „Wenn Sie wollen, küsse ich Ihnen sofort die Hand!“

Der Fürst war ganz betroffen und traute seinen Ohren nicht. Doch besann er sich, und schweigend umarmte er ihn. Sie küßten sich herzlich.

„Ich hätte nie, nie gedacht, daß Sie dazu imstande wären,“ sagte endlich der Fürst erregt. „Ich glaubte, Sie wären unfähig...“

„Um Verzeihung zu bitten?... Wie ich vorhin nur darauf gekommen bin, Sie für einen Idioten zu halten! Sie bemerken Dinge, die andere nie bemerken. Mit Ihnen könnte man reden... doch lieber nicht!“

„Hier ist noch jemand, den Sie um Verzeihung bitten müssen,“ sagte der Fürst, auf Warjä weisend.

„Nein, die gehört zu meinen Feinden. Glauben Sie mir, Fürst, es hat der Versuche nachgerade genug gegeben. Hier wird nicht aufrichtig verziehen!“ stieß Ganjä heftig hervor und wandte sich von seiner Schwester ab.

„Doch! ich werde verzeihen!“ sagte Warjä plötzlich ganz unerwartet.

„Und wirst heute auch zu Nastassja Filippowna kommen?“

„Ich werde kommen, wenn du es befiehlst, nur – sage selbst: besteht denn jetzt auch nur noch irgendeine Möglichkeit, daß ich zu ihr gehe?“

„Sie ist ja doch nicht so! Du siehst doch, was für Rätsel sie aufgibt! Launen, weiter nichts!“

Und Ganjä lachte böse.

„Das weiß ich selbst, daß sie nicht ‚so‘ ist und Launen hat, aber was für Launen?! Und dann noch eins, Ganjä, sieh: wofür hält sie dich selbst? Gut, sie hat Mama die Hand geküßt, mag das auch wiederum eine Laune sein, aber sie hat sich doch über dich lustig gemacht! Das aber, bei Gott, wiegen die Fünfundsiebzigtausend nicht auf, Bruder! Du bist noch edler Gefühle fähig, das weiß ich, deshalb rede ich auch noch. Hör’ auf mich, fahr’ auch selbst nicht zu ihr! Sei vorsichtig, nimm dich in acht, Bruder! Das kann kein gutes Ende nehmen.“

Erregt wandte sich Warjä schnell von ihm ab und verließ das Zimmer.

„So sind sie alle!“ sagte Ganjä mit ironischem Lächeln. „Ich möchte bloß wissen, ob sie wirklich glauben, daß ich es nicht selbst weiß? Ich weiß es ja noch hundertmal besser als sie.“

Ganjä setzte sich auf das Sofa, augenscheinlich in der Absicht, seinen Besuch noch länger auszudehnen.

„Wenn Sie es selbst wissen,“ begann der Fürst etwas unsicher, „wie haben Sie dann eine solche Qual auf sich nehmen können? Dann müssen Sie doch auch wissen, daß die Fünfundsiebzigtausend diese Qual nicht aufwiegen?“

Ganjä wandte sich mit einer hastigen Bewegung zum Fürsten.

„Ich rede nicht davon,“ brummte Ganjä. „Doch übrigens, sagen Sie mir Ihre Meinung, ich will gerade Ihre Meinung wissen: wiegen fünfundsiebzigtausend Rubel diese Qual auf oder nicht?“

„Meiner Meinung nach – nicht.“

„Nun, das konnt’ ich mir denken. Und so zu heiraten, ist beschämend?“

„Sehr beschämend.“

„Nun, so hören Sie denn, daß ich sie heiraten werde, und zwar jetzt unbedingt. Vorhin war ich noch unschlüssig, jetzt aber bin ich’s nicht mehr! Sagen Sie nichts! Ich weiß, was Sie sagen wollen...“

„Ich werde nicht von dem sprechen, was Sie meinen, mich wundert nur Ihre feste Überzeugung...“

„Überzeugung? Was für eine Überzeugung?“

„Ihre Überzeugung, daß Nastassja Filippowna Ihren Antrag so unfehlbar annehmen wird, was Sie ja geradezu für bereits entschieden und unterschrieben zu halten scheinen. Und zweitens, daß Sie glauben, die fünfundsiebzigtausend Rubel, selbst wenn sie Sie heiraten sollte, würden dann in Ihren alleinigen Besitz gelangen, und Sie würden sich das Geld sofort in die Tasche stecken können... Im übrigen kenne ich die Verhältnisse nicht so genau...“

„Natürlich wissen Sie nicht alles,“ sagte er, „weshalb sollte ich mir denn wohl diese ganze Bürde aufladen?“

„Ich glaube, daß es bei solchen Heiraten immer auf eins hinauskommt: das Geld wird geheiratet, doch die Besitzerin des Geldes bleibt die Frau.“

„N–nein, bei uns wird es nicht so sein... Hier... hier gibt es besondere Umstände...“ brummte Ganjä, erregt seinen Gedanken nachhängend. „Und was ihre Antwort betrifft, so kann doch wohl darüber kein Zweifel mehr bestehen,“ fügte er schnell hinzu. „Oder woraus schließen Sie, daß Nastassja Filippowna mir einen Korb geben wird?“

„Oh, ich weiß nichts außer dem, was ich gesehen habe; aber auch Warwara Ardalionowna sagte ja...“

„Ach! Das sagen sie alle nur so, wissen selbst nicht, was sie reden. Und über Rogoshin hat sie sich einfach nur lustig gemacht, das können Sie mir glauben, ich habe sie durchschaut. Das war ja ganz klar! Vorhin bekam ich allerdings einen Schrecken, aber jetzt weiß ich, woran ich bin. Oder schließen Sie es etwa daraus, wie sie meine Mutter und meinen Vater und Warjä behandelt hat?“

„Und Sie?“

„Nun, auch mich. Doch das ist ja nur Weiberart. Sie ist ein entsetzlich reizbares, argwöhnisches und selbstgefälliges Weib. Wie ein bei der Beförderung übergangener Beamter. Sie wollte sich selbst zeigen und die ganze Geringschätzung äußern, die sie für meine Familie empfindet... nun, und, versteht sich auch für mich! Das ist wahr, ich will es nicht leugnen... Doch ganz abgesehen davon, – heiraten wird sie mich! Sie ahnen gar nicht, zu welchen Stückchen die menschliche Eigenliebe fähig ist: da hält sie mich nun für einen Schuft, weil ich sie, die Geliebte eines anderen, so offenkundig um des Geldes willen nehme, und sagt sich nicht einmal, daß ein anderer sie noch viel gemeiner betrügen würde, – ihr den Hof machen und verschiedenes, liberal-fortschrittliches Zeug vorschwatzen würde, sämtliche Frauenfragen aufrollen und in diesem gewissen Sinne beleuchten, bis er sie schließlich wie einen Faden durchs Nadelöhr zieht. Er würde der selbstgefälligen Närrin versichern – nichts leichter als das! – daß er sie einzig wegen ihres ‚edlen Herzens‘ und ‚Unglücks‘ nehme. In Wirklichkeit aber will er nur ihr Geld haben. Ich gefalle ihr nicht, weil ich nicht schmeicheln will – das wäre aber nötig. Und aus welchem Grunde heiratet sie mich? Ist das bei ihr nicht ganz dieselbe Sache? Also mit welchem Recht darf sie mich dann verachten? Und weshalb spielt sie alle diese Stückchen? Doch nur, weil ich mich nicht unterwerfe und meinen Stolz zeige. Nun, wir werden ja sehen!“

„Haben Sie sie wirklich einmal geliebt?“

„Anfangs, ja, da habe ich sie geliebt. Doch genug davon... Es gibt Weiber, die nur zu Geliebten taugen und zu nichts weiter. Ich will damit nicht sagen, daß sie meine Geliebte gewesen sei. Wenn sie vernünftig leben will, werde auch ich vernünftig leben. Fällt es ihr aber ein, rebellisch zu werden, so verlasse ich sie sofort und ziehe mit dem Gelde los. Ich will mich nicht lächerlich machen lassen – das vor allen Dingen nicht.“

„Es will mir immerhin scheinen,“ begann der Fürst vorsichtig, „daß Nastassja Filippowna klug ist. Weshalb sollte sie dann, wenn sie doch diese Qualen voraussieht, in die Falle gehen? Sie könnte ja ebensogut einen anderen heiraten. Das ist es, was mich wundert.“

„Aber da liegt doch gerade die Berechnung! Sie wissen nicht alles, Fürst... hier... und außerdem ist sie überzeugt, daß ich sie bis zum Wahnsinn liebe, das schwöre ich Ihnen, und wissen Sie, ich vermute stark, daß auch sie mich liebt, auf ihre Art, versteht sich, etwa nach dem Sprichwort: ‚Wen ich liebe, den schlage ich.‘ Sie wird mich ihr Leben lang für einen dummen Jungen halten – das ist ja aber vielleicht gerade das, was sie haben will! – und mich dabei doch auf ihre Art lieben; wenigstens bereitet sie sich dazu vor, das ist nun einmal ihr Charakter. Sie ist eine echt russische Frau, das können Sie mir glauben. Nun, ich aber habe auch schon meine Überraschung für sie in Bereitschaft. Diese Szene vorhin mit Warjä kam ganz unerwartet, doch kann sie für mich nur vorteilhaft sein: jetzt hat sie selbst gesehen und sich überzeugt, daß ich zu ihr halte und um ihretwillen mit allem zu brechen bereit bin. Ja, ja, auch wir sind nicht ganz so dumm, wie es vielleicht den Anschein hat, ich versichere Sie. Oder glauben Sie am Ende gar, daß ich nichts als ein leerer Schwätzer bin? Lieber Fürst, es ist vielleicht tatsächlich dumm von mir, daß ich mich Ihnen anvertraue. Ich tue es ja nur, weil Sie der erste edle Mensch sind, der mir begegnet ist, deshalb habe ich mich nun sofort auf Sie gestürzt... das heißt, das sollte keine Anspielung sein. Sie sind mir doch wegen des Vorgefallenen nicht mehr böse, wie? Ich spreche vielleicht jetzt nach zwei Jahren wieder zum erstenmal frei vom Herzen. Hier gibt es furchtbar wenig ehrliche Menschen; Ptizyn ist noch der ehrlichste unter ihnen. Wie, Sie lachen, scheint es, oder nicht? Schufte haben immer ehrliche Menschen gern – wußten Sie das noch nicht? Ich aber bin doch... Übrigens, inwiefern bin ich denn ein Schuft, sagen Sie mir das doch auf Ehre und Gewissen? Weshalb nennen mich alle, nachdem sie’s einmal getan hat, einen Schuft? Und wissen Sie, weil sie es gesagt hat und die anderen es nachschwätzen, nenne auch ich mich so! Sehen Sie, das ist gemein von mir, – das ist so scheußlich gemein!“

„Ich werde Sie jetzt nie mehr so beurteilen,“ sagte der Fürst. „Vorhin hielt ich Sie bereits für einen ausgesprochenen Verbrecher... Doch da kamen Sie und bereiteten mir diese Freude. Das war eine gute Lehre: Nicht urteilen, ohne geprüft zu haben. Jetzt sehe ich, daß man Sie nicht nur nicht für einen Verbrecher, sondern nicht einmal für einen allzu verdorbenen Menschen halten kann. Sie sind meiner Ansicht nach einfach der gewöhnlichste Mensch, den es nur geben kann, abgesehen höchstens von dem einen, daß Sie so ungemein schwach sind und so gar nicht originell.“

Ganjä lächelte spöttisch in sich hinein, schwieg aber. Als der Fürst sah, daß seine Äußerung ihre Wirkung verfehlt hatte, blickte er verwirrt zu Boden und schwieg gleichfalls.

„Hat mein Vater Sie schon um Geld gebeten?“ fragte plötzlich Ganjä.

„Nein.“

„Dann wird er Sie noch bitten, geben Sie ihm aber nichts. Und doch war er einmal ein anständiger Mensch, ich weiß, ich entsinne mich. Er verkehrte mit angesehenen Leuten. Wie schnell doch diese Leute alle verschwinden! Kaum hatten sich die Verhältnisse geändert, und aus war es mit ihnen, wie wenn Pulver verbrennt! Früher log er nicht so wie jetzt, ich versichere Sie. Früher war er nur ein begeisterungsfähiger Mensch, jetzt aber – Sie sehen, was aus ihm geworden ist. Natürlich hat auch der Wein seine Schuld daran. Wissen Sie schon, daß er eine Geliebte hier unterhält? O ja, er ist nicht nur so ein unschuldiger kleiner Lügner. Ich kann bloß die Langmut meiner Mutter nicht begreifen. Hat er Ihnen von der Belagerung der Festung Kars erzählt?“ Ganjä lachte. „Oder wie sein Schimmel das Maul auftat und sprach? Bisweilen kommt es sogar so weit!“ Und Ganjä hielt sich beinahe die Seiten vor Lachen.

„Weshalb sehen Sie mich so an?“ fragte er den Fürsten nach einer Weile verwundert.

„Ich wundere mich nur, daß Sie so aufrichtig lachen können. Sie haben ja noch ein ganz harmloses Kinderlachen. Als Sie mich um Verzeihung baten, sagten Sie: ‚Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen die Hand küssen‘ – ganz wie kleine Kinder sagen, wenn sie um Verzeihung bitten. So sind Sie also doch noch fähig zu solchen Worten und Regungen! Und dann plötzlich beginnen Sie einen ganzen Vortrag über die Finsternis in Ihrer Seele und jene fünfundsiebzigtausend Rubel – wirklich, alles das hat etwas so Ungereimtes an sich und Unmögliches, das kann ja gar nicht sein!“

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Ob Sie nicht doch gar zu leichtsinnig handeln, und es nicht besser wäre, wenn Sie sich die Sache vorher noch etwas überlegen würden? Warwara Ardalionowna hat vielleicht so unrecht nicht.“

„Ah, die Moral! Daß ich noch ein ganzer Knabe bin, weiß ich selbst,“ fiel Ganjä lebhaft ein, „und wenn auch nur deshalb, weil ich mit Ihnen ein solches Gespräch angeknüpft habe. Ich, sehen Sie, Fürst, ich trete nicht aus Berechnung in die Ehe,“ fuhr er fort, wie ein in seiner Eigenliebe verletzter junger Mann. „Wenn ich es aus Berechnung täte, würde ich mich unfehlbar verrechnet haben, denn ich bin vorläufig weder als Charakter noch als Mensch im allgemeinen genügend gefestigt. Ich tue es jedoch aus Leidenschaft, aus innerem Triebe, denn ich habe ein großes Ziel im Auge. Sie denken, daß ich, wenn ich die fünfundsiebzigtausend erhalte, mir dann sofort eine eigene Kutsche zulegen werde? Nein, lieber Fürst, dann werde ich meinen ältesten, vor drei Jahren getragenen Rock hervorholen und ihn so lange tragen, wie er nur noch hält, und mit meinen Klubbekanntschaften ist es dann aus. Bei uns gibt es nur wenige Leute, die durchzuhalten verstehen, wenn sie auch alle Wucherer sind, ich aber will durchhalten. Hier ist die Hauptsache, daß man durchführt, was man beginnt – das ist das ganze Problem! Ptizyn hat mit siebzehn Jahren auf der Straße geschlafen und mit Federmessern gehandelt: er hat mit Kopeken angefangen. Jetzt besitzt er sechzigtausend Rubel, aber bedenken Sie, nach welch einer... sagen wir Gymnastik! Nun, und ebendiese Gymnastik werde ich dann überspringen und gleich mit dem Kapital beginnen. Nach fünfzehn Jahren wird man sagen: ‚Sieh da, das ist Iwolgin, der Krösus!‘ Sie sagen mir, ich sei kein origineller Mensch. Merken Sie sich, lieber Fürst, daß es für einen Menschen unserer Zeit und unseres Volkes nichts Beleidigenderes gibt, als wenn man zu ihm sagt, daß er nicht originell, nicht talentvoll, kurzum ein Dutzendmensch sei. Sie haben mich nicht einmal für einen gutmütigen Schuft zu halten geruht und wissen Sie, dafür hätte ich Sie vorhin töten mögen! Sie haben mich noch mehr beleidigt als Jepantschin, der mich für fähig hält – und zwar ohne viel Gerede, ohne Versuche, einfach in seiner Herzenseinfalt, merken Sie sich das – ja, für fähig hält, ihm für Geld meine Frau zu verkaufen! Das bringt mich schon lange aus der Haut. Geld will ich haben, Geld! Wenn ich erst Geld habe, wissen Sie, werde ich sofort im höchsten Grade originell sein. Das ist ja das Gemeinste und Verächtlichste am Gelde, daß es sogar Talente schafft! Und es wird sie schaffen, wird Talente schaffen, solange die Welt steht! Sie werden vielleicht sagen, daß alles das kindisch von mir sei, poetisch-sentimental womöglich, – nun gut, was ficht’s mich an, mir soll’s um so amüsanter sein; denn die Sache wird gemacht, da seien Sie unbesorgt! Ich werde sie durchführen! Wer zuletzt lacht, lacht am besten! Weshalb beleidigt mich denn Jepantschin so in aller Harmlosigkeit? Aus Bosheit etwa? Nicht die Spur! Einfach, weil ich gesellschaftlich gar zu unbedeutend bin. Nun, dann aber... Doch genug davon, und es ist auch Zeit. Koljä hat schon zweimal seine Nase hereingesteckt. Das bedeutet, daß er Sie zum Essen rufen will. Ich gehe fort. Ich werde hin und wieder bei Ihnen vorsprechen. Sie werden es bei uns nicht schlecht haben – man wird Sie jetzt mit offenen Armen in die Familie aufnehmen. Nur sehen Sie sich vor, daß Sie nichts ausplaudern. Ich glaube, wir zwei werden entweder sehr gute Freunde oder – bittere Feinde werden. Aber was meinen Sie, Fürst, wenn ich Ihnen vorhin die Hand geküßt hätte – wäre ich deshalb nachher Ihr Feind geworden?“

„Zweifellos, nur nicht für immer, lange würden Sie es doch nicht ausgehalten haben, und dann hätten Sie verziehen,“ entschied der Fürst nach einer Weile und er lachte.

„Oho! Mit Ihnen muß man ja wahrhaftig vorsichtig sein. Weiß der Teufel, Sie haben auch hier Gift hineingeträufelt. Wer weiß, vielleicht sind Sie auch mein Feind? Übrigens, haha! – ich vergaß ganz zu fragen: habe ich recht gesehen, wenn mir scheint, daß Nastassja Filippowna auch Ihnen – gefällt, wie?“

„Ja... sie gefällt mir.“

„Verliebt?“

„N–nein.“

„Und dabei ist er feuerrot geworden und leidet! Nun tut nichts, tut nichts, ich werde nicht lachen, – auf Wiedersehen. Aber wissen Sie, sie ist ja doch ein tugendhaftes Weib – können Sie das glauben? Sie denken vielleicht, daß sie mit Tozkij lebt? Denkt nicht daran! Schon lange nicht mehr! Aber haben Sie bemerkt, daß sie selbst sehr leicht verlegen wird? Vorhin war sie in manchen Augenblicken ganz betreten! Nein wirklich. Gerade solche lieben dann das Herrschen. Nun, leben Sie wohl.“

Ganetschka verließ das Zimmer weit aufgeräumter, als er es betreten hatte. Er war sogar sehr guter Laune. Der Fürst blieb lange Zeit regungslos und in Gedanken versunken sitzen.

Koljä steckte wieder den Kopf durch die Türspalte.

„Ich will nicht essen, Koljä, ich habe bei Jepantschins gut gefrühstückt.“

Da trat Koljä ins Zimmer und reichte dem Fürsten einen zusammengefalteten versiegelten Zettel. Man sah es dem Gesicht des Knaben an, wie peinlich es ihm war, den Brief zu übergeben. Der Fürst las ihn, erhob sich und nahm seinen Hut.

„Es ist nur zwei Schritte von hier,“ sagte Koljä verwirrt. „Er sitzt jetzt bei der Flasche. Ich kann nur nicht begreifen, wie er sich dort Kredit verschafft hat! Aber lieber, guter Fürst, sagen Sie es dann nur nicht hier den anderen, daß ich Ihnen den Brief überbracht habe! Ich habe tausendmal geschworen, daß ich seine Briefe nicht mehr überbringen würde, aber er tut mir leid! Nur, wissen Sie, machen Sie keine Umstände mit ihm, geben Sie ihm irgendeine Kleinigkeit und damit abgemacht.“

„Ich hatte selbst die Absicht, ihn aufzusuchen, Koljä. Ich muß Ihren Vater sprechen... in einer gewissen Angelegenheit... also gehen wir.“

XII

Koljä führte den Fürsten nicht weit: nur bis zur Liteinaja, in ein Café-Billard, das zu ebener Erde lag und seinen besonderen Eingang von der Straße hatte. Hier hatte sich Ardalion Alexandrowitsch in der Ecke eines kleinen Raumes als alter Stammgast niedergelassen, vor sich auf dem Tisch eine Flasche und in der Hand seine Zeitung. Er erwartete den Fürsten. Kaum hatte er ihn erblickt, als er die Zeitung auch schon beiseite legte und eine wortreiche Erklärung begann, von der der Fürst so gut wie nichts begriff; denn der General befand sich bereits in „vorgerücktem Stadium“.

„Zehn Rubel habe ich nicht,“ unterbrach ihn der Fürst, „doch hier sind fünfundzwanzig. Wechseln Sie das Geld und geben Sie mir fünfzehn zurück; denn sonst bleibe ich selbst ohne eine Kopeke.“

„Oh, sofort, sofort, sofort! Seien Sie überzeugt, daß ich sogleich...“

„Ich bin mit einer Bitte zu Ihnen gekommen, General. Sind Sie niemals bei Nastassja Filippowna gewesen?“

„Ich? Ich nicht bei ihr gewesen? Fragen Sie das mich? Unzähligemal, unzähligemal, mein Lieber!“ rief der General wie in einem Anfall mit selbstzufriedener und stolzer Miene aus. „Doch habe ich schließlich selbst diese Beziehungen abgebrochen; denn ich will diese unanständige Verbindung nun einmal nicht zulassen. Sie haben doch selbst gesehen, Sie waren doch Zeuge heute: ich tat alles, was ein Vater tun konnte, und nicht wahr, ein guter und nachsichtiger Vater! Jetzt jedoch wird ein ganz anderer Vater auf die Szene treten, und dann – wollen wir sehen, ob dann der verdienstvolle alte Soldat die Intrige zerstören oder ob eine schamlose Kamelie in die vornehmste Familie eindringen wird!“

„Ich wollte Sie gerade bitten, ob Sie mich nicht, als Bekannter, bei Nastassja Filippowna heute abend einführen könnten? Es muß unbedingt noch heute geschehen, und ich weiß keine andere Möglichkeit, hinzugelangen. Ich wurde ihr heute zwar vorgestellt, doch hat sie mich nicht aufgefordert, und heute abend empfängt sie nur geladene Gäste. Ich würde sogar bereit sein, mich über gewisse gesellschaftliche Formen hinwegzusetzen, selbst wenn man sich auch über mich lustig machen sollte. Wenn ich nur nicht abgewiesen werde!“

„Ich habe genau, genau denselben Gedanken gehabt, mein junger Freund!“ rief der General begeistert aus. „Ich habe Sie nicht etwa dieses lumpigen Geldes wegen gerufen,“ fuhr er fort, indem er das Geld in die Tasche steckte, „sondern ich wollte Sie gerade zu diesem Gang zu Nastassja Filippowna auffordern, oder besser gesagt, zu diesem Feldzuge. General Iwolgin und Fürst Myschkin! Wie das klingt! Wird es ihr nicht imponieren? Und ich werde dann in aller Liebenswürdigkeit an ihrem Geburtsfest endlich meinen Willen aussprechen, – durch die Blume, versteht sich, nicht geradeaus... aber es wird doch ebensogut wie geradeaus sein. Mag dann Ganjä selbst entscheiden, zu wem er halten will: zum alten verdienstvollen Vater und... sozusagen... und so weiter, oder... Doch wir werden ja sehen. Ihr Einfall ist im höchsten Grade fruchtbar. Um neun Uhr brechen wir auf; bis dahin haben wir noch Zeit.“

„Wo wohnt sie?“

„Ziemlich weit von hier: neben dem Großen Theater, im Hause der Mytowzowa in der Beletage, gleich am Platz... Es werden nicht viele Gäste bei ihr sein, – obschon sie heute ihren Geburtstag feiert, – und auch die werden früh aufbrechen.“

Inzwischen wurde es Abend. Der Fürst saß immer noch, hörte zu und wartete, daß der General sich endlich erheben würde. Dieser jedoch war ins Erzählen hineingekommen und gab alle seine Geschichten zum besten, von denen er immer wieder eine neue begann, ohne die vorhergehende beendet zu haben. Als der Fürst gekommen war, hatte der General eine neue Flasche bestellt und im Verlauf einer Stunde ausgetrunken; dann bestellte er noch eine, die er gleichfalls allein leerte. Man hätte denken können, daß der General in dieser Zeit so ungefähr sein ganzes Leben erzählte. Endlich riß dem Fürsten die Geduld: er erhob sich und erklärte, daß er nicht länger warten könne. Der General trank noch den letzten Rest aus, erhob sich dann gleichfalls und schritt äußerst unsicher aus dem Zimmer. Der Fürst war der Verzweiflung nahe, als er ihn gehen sah. Er konnte es sich nicht verzeihen, daß er sich auf den alten Trinker verlassen und sich ihm anvertraut hatte. (Im Grunde vertraute er sich nie einem Menschen an.) Er bedurfte des Generals ja nur, um an diesem Abend zu Nastassja Filippowna gelangen zu können, wenn es auch einen kleinen Skandal kostete! Immerhin hatte er nicht mit einem so unvermeidlichen und so großen Skandal gerechnet. Was sollte er tun? Der General war vollkommen betrunken und von einer Redseligkeit, die ihn ohne Unterbrechung mit Gefühl und „Tränen in der Seele“ sprechen ließ. Es drehte sich zumeist darum, daß durch die schlechte Aufführung seiner Familie – er selbst war natürlich nicht darunter gemeint – alles zugrunde gehe, und daß er nun endlich eingreifen müsse.

Sie traten auf die Liteinaja hinaus. Das Tauwetter hielt noch immer an; ein wehmütiger, warmer, modriger Wind pfiff durch die Straßen, die Gummireifen der Equipagen klatschten im Straßenschmutz, und die Hufe der Traber und Droschkengäule klangen hier und da hell auf einem Pflasterstein auf. Die Fußgänger schoben sich in freudloser, durchnäßter Masse auf den Trottoirs durcheinander. Hin und wieder sah man einen Betrunkenen.

„Sehen Sie dort diese erleuchteten Beletagen,“ fuhr der General unermüdlich fort, „hier leben alle meine Freunde, ich aber, der ich dem Vaterlande am meisten gedient und für dasselbe gelitten habe, ich irre zu Fuß zum Großen Theater und begebe mich in die Wohnung eines zweideutigen Weibes! Ein Mensch, der dreizehn Kugeln in der Brust hat... Sie glauben mir nicht? Mein Herr, einzig meinetwegen hat Pirogoff8 nach Paris telegraphiert und das belagerte Sebastopol zeitweilig im Stich gelassen. Nélaton, dem Pariser Hofarzt, wirkte er im Namen der Wissenschaft freie Durchfahrt aus, worauf dieser persönlich im belagerten Sebastopol erschien, um mich zu untersuchen. Oh, selbst den höchsten Vorgesetzten war es bekannt. ‚Ah, das ist der Iwolgin mit den dreizehn Kugeln in der Brust!...‘ hieß es allgemein. Sehen Sie, Fürst, dort jenes Haus? Dort wohnt in der Beletage mein alter Freund General Ssokolowitsch, mit seiner edlen und zahlreichen Familie. Diese Familie hier, drei, die am Newskij wohnen, und zwei in der Großen Morskaja – das ist mein ganzer Verkehr; denn Nina Alexandrowna hat sich schon längst den Verhältnissen gefügt, während ich noch fortfahre, mich... sozusagen zu erholen im Kreise meiner früheren Bekannten, Freunde und Untergebenen, die auch jetzt noch nicht aufgehört haben, mich zu vergöttern. Dieser General Ssokolowitsch – eigentlich habe ich ihn lange nicht mehr besucht und auch Anna Fedorowna nicht gesehen... Wissen Sie, lieber Fürst, wenn man selbst nicht empfängt, so gibt man es ganz unwillkürlich auf, andere zu besuchen. Indes... hm!... Sie, scheint es, glauben mir nicht... Doch – da fällt mir eben ein! – weshalb soll ich nicht den Sohn meines besten Freundes und Jugendgespielen in diese bezaubernd liebenswürdige Familie einführen? General Iwolgin und Fürst Myschkin! Sie werden ein entzückendes, junges Mädchen kennen lernen, nein, nicht nur eines, sondern zwei, sogar drei! Eine schöner als die andere! Sie sind die Zierde der Residenz und der Gesellschaft. Schönheit, Bildung, Erziehung... Frauenfrage, Poesie – alles das hat sich in ihnen zu einem tadellosen Ganzen glücklich vereinigt, ganz abgesehen von den achtzigtausend Rubeln Mitgift, die eine jede erhält – was ja doch kein Fehler und niemals überflüssig ist, weder bei sozialen noch bei Frauenfragen... Mit einem Wort, ich muß Sie unbedingt, unbedingt dort einführen; es ist sogar meine Pflicht, Sie mit ihnen bekannt zu machen! General Iwolgin und Fürst Myschkin! Mit einem Wort... Tableau!“

„Wie, doch nicht jetzt? Heute? Sie vergessen...“ begann der Fürst.

„Nichts, nichts vergesse ich, gehen wir! Hier, diese prachtvolle Treppe geht’s hinauf. Ich wundere mich nur, daß der Schweizer9 nicht zu sehen ist... Richtig, es ist ja heut Feiertag, da kann auch er sich einmal fortbegeben haben. Er ist übrigens ein alter Trinker, den man eigentlich schon längst hätte vor die Tür setzen müssen. Dieser Ssokolowitsch verdankt sein ganzes Lebensglück und seine ganze Karriere einzig mir, mir allein und keinem anderen, aber... doch da sind wir ja schon.“

Der Fürst versuchte nichts mehr dagegen einzuwenden und folgte ergeben dem General, um ihn nicht zu reizen. Er war fest überzeugt, daß der General Ssokolowitsch mit seiner ganzen Familie alsbald wie eine Fata morgana verschwinden und sich als nie dagewesen erweisen werde, und daß ihnen somit nichts Schlimmes begegnen könne; und dann würden sie die Treppe wieder hinuntersteigen. Doch zu seinem Entsetzen mußte er diese Überzeugung bald aufgeben; denn der General stieg die Treppen mit einer Sicherheit hinauf, als habe er tatsächlich alte Bekannte in diesem Hause, und zwischendurch erzählte er noch die verschiedensten biographischen und topographischen Einzelheiten mit wahrhaft erdrückender, nahezu mathematischer Genauigkeit. Als sie dann schließlich im ersten Stock anlangten und der General bereits an der Tür einer hochvornehmen Wohnung die Hand nach dem Klingelzuge ausstreckte, beschloß der Fürst, sogleich zurückzugehen... doch da fiel ihm plötzlich etwas auf:

„Sie haben sich geirrt, General,“ sagte er schnell, „hier an der Tür steht Kulakoff, und Sie wollen doch zu Ssokolowitsch!“

„Kulakoff... Kulakoff beweist noch nichts. Die Wohnung hat Ssokolowitsch inne, und ich klingle bei Ssokolowitsch, zum Teufel mit Kulakoff... Da kommt man schon!“

Die Tür wurde von einem Diener geöffnet, der sie fragend ansah und dann meldete, daß die Herrschaft nicht zu Hause sei.

„Wie schade, oh, wie schade, das ist ja wie vorherbestimmt!“ wiederholte Ardalion Alexandrowitsch mehrmals mit tiefstem Bedauern. „Dann melden Sie, daß General Iwolgin und Fürst Myschkin ihre Aufwartung zu machen wünschten und unendlich, unendlich bedauerten...“

Durch die offene Zimmertür blickte plötzlich das Gesicht einer Haushälterin oder Gouvernante, eines etwa vierzigjährigen Frauenzimmers in einem dunklen Kleide. Neugierig und doch mißtrauisch näherte sie sich, als sie die Namen General Iwolgin und Fürst Myschkin hörte.

„Marja Alexandrowna ist nicht zu Hause,“ sagte sie mit kritischem Blick auf den General, „sie ist mit dem Fräulein, mit Alexandra Michailowna, zur Großmutter gefahren.“

„So ist auch Alexandra Michailowna nicht zu sprechen? O Gott, welches Pech! Und das passiert mir wirklich jedesmal! Haben Sie die Güte, meinen ergebensten Gruß zu bestellen, und Alexandra Michailowna sagen Sie, daß sie nicht vergessen soll... mit einem Wort, sagen Sie ihr, daß ich ihr von Herzen die Erfüllung dessen wünsche, was sie sich Donnerstag abend bei den Klängen der Chopinschen Ballade gewünscht hat. Sie wird es schon selbst wissen... Also meinen herzlichsten Gruß! General Iwolgin und Fürst Myschkin!“

„Schön, ich werde es ausrichten,“ sagte die Person, die etwas Zutrauen gefaßt hatte, mit einer leichten Verbeugung.

Als sie die Treppe hinunterstiegen, bedauerte der General noch aufs lebhafteste, daß sie die Familie nicht angetroffen und der Fürst nun die Bekanntschaft so entzückender Menschen nicht hatte machen können.

„Wissen Sie, mein Lieber, ich bin im Grunde dichterisch veranlagt, ist Ihnen das noch nicht aufgefallen? Doch übrigens... übrigens... übrigens sind wir, wie mir scheint, nicht ganz richtig gegangen,“ schloß er plötzlich selbst völlig überrascht. „Ssokolowitschs wohnen – jetzt fällt’s mir ein! – in einem ganz anderen Hause, ich glaube sogar in... Moskau. Ja, ich habe mich ein wenig versehen, doch... doch das hat nichts zu sagen.“

„Ich würde jetzt nur eines wissen wollen,“ bemerkte der Fürst resigniert, „ob ich mich überhaupt noch auf Sie verlassen kann, oder ob ich besser tue, wenn ich allein zu ihr gehe?“

„Allein? Zu ihr? Ohne mich? Aber weshalb denn das, wenn es doch für mich ein großes Unternehmen ist, von dem soviel für mich und meine ganze Familie abhängt? Nein, mein junger Freund, dann kennen Sie Iwolgin schlecht! Wer ‚Iwolgin‘ sagt, der sagt so viel wie ‚Mauer‘. ‚Verlaß dich auf Iwolgin wie auf eine Mauer!‘ – sehen Sie, so sagte man schon in der Schwadron, bei der ich einst meinen Dienst begann. Ich muß jetzt nur hier auf einen Augenblick in ein Haus eintreten, wo meine Seele von den Aufregungen und Schicksalsschlägen nun schon seit mehreren Jahren Erholung findet...“

„Wie, Sie wollen nach Hause gehen?“

„Nein! Ich will... zu Frau Terentjewa, der Witwe des Hauptmanns Terentjeff, meines ehemaligen Untergebenen... und sogar Freundes... Hier bei dieser Kapitanscha10 lebt meine Seele wieder auf, und hierher trage ich mein Lebens-und Familienunglück und lasse mich von meinem Kummer erlösen... Und da ich heute gerade soviel auf dem Herzen habe, will ich die große Last...“

„Ich sehe, daß ich eine ungeheure Dummheit begangen habe,“ brummte der Fürst, „als ich Sie vorhin mit meiner Bitte belästigte. Zudem sind Sie ja jetzt... Leben Sie wohl.“

„Aber ich kann, ich kann Sie nicht von mir fortlassen, mein junger Freund!“ rief der General beschwörend aus und hielt ihn krampfhaft fest. „Sie ist Witwe, Mutter einer Familie! Nur sie allein versteht, in ihrem Herzen jene Saiten anzuschlagen, die in dem meinen einen Widerhall finden. Der Besuch bei ihr wird nur fünf Minuten dauern. In diesem Hause kann ich ganz ohne Formalitäten ein-und ausgehen, ich lebe ja hier so gut wie ganz, wasche mich, kleide mich an... und dann fahren wir sofort zum Großen Theater. Glauben Sie mir, ich kann Sie den ganzen Abend nicht entbehren... Hier in diesem Hause... wir sind schon da... Ah, Koljä, du bist auch schon hier? Ist Marfa Borissowna zu Hause? Oder bist du selbst erst im Augenblick gekommen?“

„Oh, nein,“ sagte Koljä, der gleichzeitig mit ihnen an der Tür angelangt war. „Ich bin schon lange hier bei Hippolyt. Er fühlt sich schlecht, liegt seit dem Morgen zu Bett. Ich war soeben nur in den Krämerladen gegangen und habe ein Spiel Karten gekauft. Marfa Borissowna erwartet Sie, Papa. Nur... ach Gott, Papa, wie haben Sie sich...“ rief Koljä vorwurfsvoll und erschrocken aus, indem er prüfend die Haltung des Generals betrachtete. „Ach nun, gehen wir, gleichviel!“

Die Begegnung mit Koljä bewog den Fürsten, den General zu Marfa Borissowna zu begleiten, doch wollte er dort nur eine Minute bleiben. Er mußte mit Koljä sprechen. Den General beschloß er unbedingt zu verlassen. Er konnte es sich nicht verzeihen, daß er sich ihm überhaupt anvertraut hatte. Langsam stiegen sie auf der Hintertreppe bis zum vierten Stockwerk empor.

„Wollen Sie den Fürsten mit ihr bekannt machen?“ fragte Koljä.

„Jawohl, mein Freund, gewiß bekannt machen. General Iwolgin und Fürst Myschkin! Aber wie... was sagt... Marfa Borissowna?“

„Wissen Sie, Papa, es wäre besser, Sie gingen jetzt nicht zu ihr! Sie wird Sie zerreißen vor Wut! Sie haben sich drei Tage lang nicht gezeigt, sie aber wartet auf Geld. Weshalb haben Sie ihr denn wieder Geld versprochen? Das tun Sie immer wieder. Sehen Sie jetzt zu, wie Sie sich herausreden.“

Im vierten Stockwerk angelangt, machten sie vor einer niedrigen Tür halt. Dem General wurde ersichtlich bange, und er schob den Fürsten vor.

„Ich werde mich hier verstecken,“ flüsterte er, „um sie dann zu überraschen...“

Koljä trat als erster ins Vorzimmer. Eine stark geschminkte und gepuderte Dame von etwa vierzig Jahren, in Pantoffeln und einer alten Hausjacke, die Haare in dünne Zöpfchen geflochten, blickte aus dem Zimmer durch die Türspalte und – die Überraschung des Generals fiel ins Wasser. Kaum hatte sie ihn erblickt, als sie auch schon ein großes Geschrei erhob.

„Da ist er, da ist er, dieser niedrige, dieser gemeine Mensch, das ahnte mein Herz!“

„Treten wir ein, das ist nur so,“ flüsterte der General noch harmlos lächelnd dem Fürsten zu.

Doch er täuschte sich sehr. Die Hausfrau ließ ihnen kaum Zeit, durch das dunkle, niedrige Vorzimmer in die „bessere Stube“ einzutreten – ein schmales Zimmer, in dem ein halbes Dutzend Rohrstühle und zwei einfache Tische standen –, als sie auch schon von neuem mit ihrer gleichsam eingeübt weinerlichen und ordinär klingenden Stimme fortfuhr:

„Und du schämst dich nicht, du schämst dich gar nicht, du Barbar und Tyrann meiner Familie, du Barbar und Heide! Bestohlen hast du mich bis aufs Letzte, all meine Säfte hast du mir ausgesogen, und immer hast du noch nicht genug! Wie lange werde ich dich noch ertragen, du schamloser, du ehrloser Mensch?“

„Marfa Borissowna, Marfa Borissowna! Das... hier ist Fürst Myschkin. General Iwolgin und Fürst Myschkin...“ stotterte der zitternde und ganz kleinlaut gewordene General.

„Werden Sie es mir glauben,“ wandte sich die Kapitanscha sogleich an den Fürsten, „werden Sie es mir glauben, daß dieser schamlose Mensch nicht einmal meine verwaisten Kinderchen verschont hat? Alles hat er uns geraubt, alles hat er fortgeschleppt, alles hat er verkauft und verpfändet, nichts hat er uns gelassen! Was soll ich denn mit deinen Schuldverschreibungen anfangen, du schlauer, du gerissener Mensch? So antworte doch wenigstens, du Betrüger, antworte mir doch, du nimmersatter, gemeiner Mensch! Sag’ mir doch, womit soll ich, womit soll ich jetzt meine verwaisten Kinderchen ernähren? Da kommt er nun betrunken angetorkelt, kann kaum auf den Beinen stehen... Womit ich wohl den Zorn Gottes erregt haben mag, daß er mich so bitter straft! – So antworte, du schändlicher, du schamloser Mensch, so antworte doch wenigstens!“

Der General jedoch war nicht gerade aufgelegt zum Antworten, er hatte anderes im Sinn.

„Hier, Marfa Borissowna, hier sind fünfundzwanzig Rubel... alles, was ich dank der Großmut meines Freundes Ihnen geben kann. Fürst! Ich habe mich grausam geirrt! So... ist das Leben... Jetzt aber... Verzeihung, ich bin schwach,“ fuhr der General, der mitten im Zimmer stand, sich nach allen Seiten verbeugend, mit schwacher Stimme fort. „Ich... bin schwach, verzeiht! Lenotschka! ein Kissen... Kleine!“

Lenotschka, das achtjährige Töchterchen der Witwe, lief flink nach einem Kissen, das sie dann auf das harte, zerrissene Wachstuchsofa legte. Der General setzte sich darauf nieder, mit der Absicht, noch vieles zu sagen, doch kaum saß er, als sein Haupt auch schon aufs Kissen sank und er – einschlief.

Marfa Borissowna sah kummervoll den Fürsten an, deutete zeremoniell auf einen Stuhl am Tisch, setzte sich selbst ihm gegenüber, stützte das Kinn in die rechte Hand und begann den Gast, nur ab und zu aufseufzend, stumm zu betrachten. Ihre drei kleinen Kinder (zwei Mädchen und ein Knabe), von denen Lenotschka das ältere war, traten auch an den Tisch heran, legten alle drei die Händchen auf die Tischkante und begannen gleichfalls alle drei stumm und aufmerksam den Fürsten anzusehen. Da erschien Koljä in der Tür.

„Koljä! Es freut mich sehr, daß ich Sie hier angetroffen habe,“ wandte sich der Fürst an ihn, „vielleicht können Sie mir helfen. Ich muß unbedingt heute noch zu Nastassja Filippowna. Ich hatte Ardalion Alexandrowitsch gebeten, mich hinzuführen, und er wollte mir auch den Dienst erweisen, aber nun ist er mir, wie Sie sehen, eingeschlafen. Würden Sie mich hinbegleiten; denn ich kenne hier weder die Straßen, noch den Weg zu ihr. Zum Glück habe ich durch ihn wenigstens ihre Adresse erfahren: am Großen Theater, im Hause der Mytowzowa.“

„Nastassja Filippowna? Aber die hat doch nie im Leben dort gewohnt, und mein Vater ist niemals bei ihr gewesen, wenn Sie’s wissen wollen. Mich wundert nur, daß Sie ihm überhaupt ein Wort geglaubt haben. Nastassja Filippowna wohnt nicht weit von den ‚Fünf Ecken‘, in der Gegend der Wladimirskaja, das ist viel näher von hier. Wollen Sie jetzt gleich hin? Es ist halb zehn. Schön, ich werde Sie hinbegleiten.“

Der Fürst und Koljä machten sich sofort auf den Weg. Der Fürst hatte kein Geld mehr, um eine Droschke zu bezahlen. So mußten sie zu Fuß gehen.

„Ich wollte Sie gerade mit Hippolyt bekannt machen,“ sagte Koljä, als sie auf die Straße traten, „das ist der älteste Sohn dieser Kapitanscha mit den Rattenschwänzen auf dem Kopf. Er wohnt hinten, im anderen Zimmer. Heute hat er den ganzen Tag gelegen, er fühlte sich bedeutend schlechter. Er ist aber so sonderbar, ist entsetzlich empfindlich. Ich glaube, er würde sich vor Ihnen schämen, weil Sie in einem solchen Augenblick gekommen sind... Mir ist es doch immerhin weniger peinlich als ihm; denn bei mir ist es ja nur der Vater, bei ihm aber die Mutter, das ist doch noch ein Unterschied! Männern geht so etwas nicht gleich an die Ehre. Doch ist das vielleicht nur ein Vorurteil, das sich aus dem Vorrecht des männlichen Geschlechts entwickelt haben mag. Hippolyt ist ein famoser Junge, bloß in manchen Dingen ist er einfach Sklave seiner Vorurteile.“

„Sie sagten, er sei schwindsüchtig?“

„Ja, wahrscheinlich. Es wäre besser, er stürbe bald. Ich würde an seiner Stelle unbedingt sterben wollen. Ihm tun aber die kleinen Geschwister leid, die drei Gören, – Sie haben sie ja gesehen. Wenn es nur ginge, wenn wir nur das Geld dazu hätten, würden wir uns eine eigene Wohnung mieten und uns von unseren Verwandten einfach lossagen. Das ist unser Ideal! Aber wissen Sie, als ich ihm vorhin von Ihrer Szene erzählte, wurde er in seiner Reizbarkeit ganz wild und behauptete, daß jeder, der eine Ohrfeige erhält und seinen Beleidiger nicht fordert, einfach ein Lump sei. Er war aber in sehr gereizter Stimmung, daher wollte ich auch weiter nicht mit ihm streiten. Also Nastassja Filippowna hat Sie denn auch richtig gleich eingeladen zu sich?“

„Das ist es ja, daß sie mich nicht eingeladen hat.“

„Wie? Aber wie können Sie dann zu ihr gehen?“ fragte Koljä fast erschrocken und blieb vor Verwunderung mitten auf dem Trottoir stehen. „Und... und in diesem Anzuge? Dort ist doch geladener Besuch!“

„Bei Gott, ich weiß es selbst nicht, wie ich eintreten werde. Werde ich empfangen – gut, wenn nicht – dann nicht: dann ist eben nichts daraus geworden. Und was den Anzug betrifft – ja, was ist da zu machen?“

„Ah so, Sie haben wohl einen ernsten Grund, hinzugehen? Oder gehen Sie nur, pour passer le temps8 in ‚gute Gesellschaft‘?“

„Nein, im Grunde... ja, doch, ich habe... das läßt sich schwer erklären, Koljä...“

„Nun, gleichviel was das für ein Grund ist, das ist Ihre Sache. Ich meine nur, – Sie wollen sich doch nicht dieser Gesellschaft aufdrängen, den Kameliendamen, Generälen und Wucherern... Wenn das der Fall wäre – verzeihen Sie, Fürst – dann müßte ich Sie auslachen und verachten! Hier gibt es nur sehr wenige Menschen, die ehrenwert sind, wirklich, es gibt hier keinen, den man achten kann. Da blickt man unwillkürlich auf sie herab, wenn sie auch alle geachtet sein wollen. Warjä ist die erste, die’s tut. Und ist es Ihnen nicht aufgefallen, Fürst, daß in unserem Jahrhundert alle Abenteurer sind! Und namentlich noch bei uns in Rußland, in unserem lieben Vaterlande. Woher das nur alles kommen mag – wirklich, ich begreife es nicht. Man sollte meinen, daß alles fest stand – aber jetzt? Das sagen und schreiben alle Menschen. Bei uns wollen alle ‚alles entlarven‘! Die Eltern sind die ersten, die sich ihrer früheren ‚alten‘ Moral schämen. In Moskau zum Beispiel hat ein Vater seinen Sohn gelehrt, vor nichts zurückzuschrecken, wenn es sich um Gelderwerb handelt – tatsächlich! Es stand in der Zeitung. Und nehmen Sie doch zum Beispiel meinen General. Was ist aus ihm geworden? Aber wissen Sie was, ich glaube, daß mein General ein ehrlicher Mensch ist. Bei Gott, er ist es. Das ist ja alles nur die Unordnung und der Alkohol. Bei Gott! Er kann einem sogar leid tun. Ich will es nur nicht jedem sagen; denn sie würden mich ja alle auslachen. Aber er tut mir wirklich leid, glauben Sie mir. Und was ist denn schließlich an den anderen dran? – an diesen sogenannten Klugen? Alle sind sie Wucherer, alle, vom ersten bis zum letzten. Hippolyt verteidigt die Wucherer, er sagt, so müsse es sein, es wäre ökonomische Umwälzung, Ebbe und Flut, oder so etwas Gutes, hol’s der Teufel. Mich ärgert es scheußlich, daß er so etwas sagt. Aber was, er ist ja doch krank und verbittert. Stellen Sie sich vor, seine Mutter, die Kapitanscha, erhält von meinem Vater Geld, und dieses Geld borgt sie ihm dann gegen Wucherzinsen! Ist das nicht eine Gemeinheit? Aber wissen Sie, Mama, das heißt, meine Mama, Nina Alexandrowna, hilft Hippolyt mit Geld, Kleidern, Wäsche und was sonst noch nötig ist, und sogar den drei Kleinen hilft sie, durch Hippolyt; denn die Kapitanscha vernachlässigt sie ganz und gar. Auch Warjä hilft ihnen.“

„Nun sehen Sie, Sie sagen, es gäbe keine ehrenwerten und starken Menschen, alle seien Wucherer. Da haben Sie doch Ihre Mutter und Warjä. Ist denn das kein Beweis sittlicher Kraft, wenn sie hier unter solchen Umständen helfen?“

„Warjä tut es nur aus Eigenliebe, bei ihr ist es Prahlerei, sie will der Mutter nicht nachstehen. Aber Mama allerdings... ich muß sagen, da hat man alle Hochachtung. Jawohl, das achte ich an ihr und diese Achtung ist gerechtfertigt. Selbst Hippolyt fühlt es, aber er ist ja schon ganz verbittert. Anfangs lachte er darüber und nannte es von seiten meiner Mutter eine Gemeinheit. Aber jetzt fängt er schon an, zu fühlen, daß... Also Sie nennen so etwas Kraft? Das werde ich mir merken. Ganjä weiß nichts davon, sonst würde er es unnütze Verwöhnung nennen.“

„Ganjä weiß es nicht? Ich glaube, Ganjä weiß noch sehr vieles nicht,“ kam es dem nachdenklichen Fürsten unwillkürlich über die Lippen.

„Wissen Sie Fürst, Sie gefallen mir sehr. Ich kann es noch immer nicht vergessen, wie Sie sich da vorhin verhielten.“

„Auch Sie gefallen mir sehr, Koljä.“

„Hören Sie, wie beabsichtigen Sie hier zu leben? Ich werde mir irgendeine Beschäftigung suchen und Geld verdienen – wollen wir dann alle drei zusammen, Sie, Hippolyt und ich, eine Wohnung mieten?! – und der General kann uns dann besuchen!“

„Mit dem größten Vergnügen. Doch wir werden ja übrigens noch sehen... Ich bin sehr... sehr zerstreut. Was? Wir sind schon da? In diesem Hause?... Was für eine prächtige Vorfahrt! Der Schweizer öffnet schon... Nun, Koljä, ich weiß nicht, was daraus werden wird...“

Der Fürst stand wie verloren vor der Tür.

„Nun, morgen werden Sie mir alles erzählen! Lassen Sie den Mut nicht sinken. Gott gebe Ihnen guten Erfolg. Ich bin in allem ganz Ihrer Meinung. Leben Sie wohl. Ich kehre wieder dorthin zurück und werde Hippolyt alles erzählen. Daß Sie empfangen werden, ist bombensicher, eine Abweisung brauchen Sie bestimmt nicht zu fürchten! Sie ist unglaublich originell. Hier, diese Treppe geht’s hinauf, im ersten Stock, der Schweizer wird Ihnen schon Bescheid sagen.“

XIII

Der Fürst suchte, als er die Treppe hinaufstieg, mit aller Gewalt seiner Aufregung Herr zu werden. „Das Schlimmste, was mir begegnen kann,“ dachte er, „ist, daß man mich empfängt und etwas Schlechtes von mir denkt... oder schließlich empfängt man mich auch, um dann über mich zu lachen?... Ach, mögen sie doch!“ Was ihn aber am meisten schreckte, war der Gedanke oder die Frage, was er denn dort eigentlich zu tun beabsichtige, und weshalb er überhaupt hinging, – eine Frage, auf die er entschieden keine zufriedenstellende und beruhigende Antwort zu finden vermochte. Selbst wenn sich ihm dort die Gelegenheit böte, Nastassja Filippowna unbemerkt zu sagen: Heiraten Sie diesen Menschen nicht, stürzen Sie sich nicht ins Verderben, er liebt nicht Sie, sondern Ihr Geld, das hat er mir selbst gesagt, und auch Aglaja Jepantschina hat es mir gesagt, ich aber bin gekommen, um es Ihnen zu hinterbringen, – so war damit wohl kaum in jeder Beziehung das Richtige getan. Ferner gab es da noch eine andere schwierige Frage, und zwar eine von solcher Wichtigkeit, daß der Fürst nicht einmal an sie zu denken wagte, geschweige denn, sie bewußt als vorhandene Tatsache anerkannte; ja, er hätte sie kaum zu formulieren verstanden, und er errötete und zitterte, sobald seine Gedanken nur in diese Richtung kamen. Doch wie dem auch war, jedenfalls endete es damit, daß er trotz aller Zweifel und Befürchtungen die Glocke zog, eintrat und sich bei der Dame des Hauses anmelden ließ.

Nastassja Filippowna hatte eine nicht sehr große, doch luxuriös eingerichtete Wohnung inne. Zu Anfang dieser fünf Jahre, die sie nun schon in Petersburg lebte, hatte Afanassij Iwanowitsch Tozkij ganz besonders viel Geld für sie verschwendet. Damals hatte er noch auf ihre Liebe gerechnet und geglaubt, sie mit Luxus und Geld betören zu können, mit Dingen, die, wie er wußte, bald unentbehrlich werden, wenn man sich einmal an sie gewöhnt hat. Tozkij blieb eben seinen guten alten Anschauungen treu, ohne von ihnen auch nur das Geringste aufzugeben. So hoch schätzte er die „unbezwingliche Macht“ seiner sinnlichen Einwirkungen ein! Nastassja Filippowna wies die prunkvolle Ausstattung nicht zurück, ja, sie gefiel ihr sogar. Nichtsdestoweniger aber – und das war doch sehr sonderbar – ließ sie sich durch dieselbe nicht im geringsten bestechen. Es war, als hätte sie jeglichen Komfort mit Leichtigkeit entbehren können. Ja, sie äußerte sich sogar hin und wieder in diesem Sinne – was Afanassij Iwanowitsch Tozkij recht unangenehm überraschte. Übrigens gab es da noch so manches an ihr, das ihm im Laufe der Zeit peinliche Überraschungen bereitete. Ganz abgesehen von der (gelinde gesagt) Unvornehmheit der Menschensorte, mit der sie verkehrte – und das hieß doch so viel, daß sie sich zu den Betreffenden hingezogen fühlte – legte sie noch andere äußerst seltsame Neigungen an den Tag. Es war eine geradezu barbarische Mischung zweier Geschmacksrichtungen in ihr: sie war fähig, sich mit Dingen abzugeben und an Dingen Gefallen zu finden, deren bloßes Dasein ein feingebildeter, ästhetisch empfindender Mensch, wie man meinen sollte, überhaupt nicht für möglich halten konnte. Dagegen: hätte Nastassja Filippowna z. B. eine liebe kleine Unwissenheit verraten, wie etwa die, daß Bauernmädchen ebensolche Batistwäsche tragen wie sie, so hätte das Afanassij Iwanowitsch aus unbestimmten Gründen sehr angenehm berührt. Hätte doch nach Tozkijs Erziehungsprogramm Nastassja Filippownas wissenschaftlich-literarisch-ästhetische Bildung unfehlbar zu diesen Resultaten führen müssen – und er hielt sich für durchaus kompetent in solchen Fragen. Doch leider waren die Resultate, wie es sich in der Praxis erwies, ganz anderer und zum mindesten sehr seltsamer Art. Trotzdem aber war und blieb in Nastassja Filippowna ein „Etwas“, das sogar Tozkij durch seine ungewöhnliche und anziehende Originalität, durch seine gewisse Kraft stutzig machte und ihn auch jetzt noch mitunter bestrickte, obschon doch alle seine Hoffnungen auf Luftschlösser schon längst, längst eingestürzt waren.

Dem Fürsten öffnete eine Zofe die Tür (Nastassja Filippowna hatte grundsätzlich nur weibliche Bedienung), und diese vernahm zu seiner Verwunderung ohne das geringste Erstaunen die Bitte, ihn anzumelden. Weder seine schmutzigen Stiefel, noch sein breitrandiger Filzhut, weder sein ärmelloser Kapuzenmantel noch seine verwirrte Miene erregten Bedenken in ihr. Sie half ihm, sich des Mantels zu entledigen, bat ihn höflich, im Empfangssalon zu warten, und ging dann ohne weiteres, um ihrer Herrin den Besuch zu melden.

Die Gesellschaft, die Nastassja Filippowna eingeladen hatte, bestand nur aus ihren alten Bekannten. Es waren diesmal bedeutend weniger Gäste versammelt als an ihren früheren Geburtstagsfesten. In erster Reihe waren Afanassij Iwanowitsch Tozkij und Exzellenz Iwan Fedorowitsch Jepantschin anwesend; beide bemühten sich, liebenswürdig zu sein; doch sah man beiden an, daß die bevorstehende Entscheidung Nastassja Filippownas sie nicht wenig beunruhigte. Außer ihnen war natürlich auch Ganjä anwesend – finster, nachdenklich und, fast kann man sagen, das Gegenteil von liebenswürdig. Er stand etwas abseits und schwieg. Warjä mitzubringen, hatte er doch nicht für ratsam gehalten, aber Nastassja Filippowna fragte auch mit keinem Wort nach ihr. Dafür jedoch hatte sie ihn sogleich nach seiner Begrüßung an jenen Zwischenfall mit dem Fürsten erinnert. Der General, der noch nichts davon gehört, erkundigte sich interessiert, was denn vorgefallen sei, worauf Ganjä in knappen Worten sehr sachlich, doch vollkommen wahrheitsgetreu alles erzählte und auch ausdrücklich erwähnte, daß er den Fürsten bereits um Verzeihung gebeten habe. Zum Schluß äußerte er noch in etwas lebhafterem Tone seine Meinung: daß der Fürst seltsamerweise – Gott weiß weshalb – ein „Idiot“ genannt werde, daß er, Ganjä, sich aber vom vollkommenen Gegenteil überzeugt habe; denn „dieser Mensch hat sicher seinen Kopf für sich,“ wie er hinzufügte. Nastassja Filippowna hörte dieser Meinungsäußerung sehr aufmerksam zu und blickte Ganjä neugierig an; doch das Gespräch ging sogleich auf Rogoshin über, der ja bei Iwolgins eine so große Rolle gespielt hatte, und diesem Gespräch folgten Tozkij und Jepantschin mit größter Aufmerksamkeit. Ptizyn, der sich bis neun Uhr abends für Rogoshin in geschäftlichen Angelegenheiten gemüht hatte, wußte noch einzelne Neuigkeiten über ihn zu berichten. Wie er erzählte, setzte Rogoshin alle Hebel in Bewegung, um noch vor der Nacht hunderttausend Rubel in barem Gelde zusammenzubringen. „Allerdings scheint er betrunken zu sein,“ fügte Ptizyn hinzu, „doch wird er wahrscheinlich sein Wort halten; denn wenn es auch schwer ist, hunderttausend an einem Tag flüssig zu machen, so helfen ihm doch viele: Trepaloff, Kinder und Biskup... Nur weiß ich nicht, ob es ihnen gerade heute noch gelingen wird... Auf die Höhe der Prozente kommt es ihm gar nicht an, er zahlt alles – natürlich in der Trunkenheit, im ersten Rausch...“ schloß Ptizyn. Alle diese Mitteilungen wurden von den Anwesenden mit zum Teil finsterem Interesse vernommen. Nastassja Filippowna schwieg, wahrscheinlich mit einer besonderen Absicht. Ganjä schwieg gleichfalls. General Jepantschin beunruhigte sich innerlich vielleicht am meisten von allen: sein kostbares Geschenk war von ihr mit etwas gar zu kühler Freundlichkeit empfangen worden; ja, vielleicht täuschte er sich nicht einmal, wenn er sogar so etwas wie leisen Spott in ihrem Blick und Lächeln bemerkt zu haben glaubte. Nur Ferdyschtschenko befand sich als einziger von allen Gästen in gehobener, feiertäglicher Stimmung und lachte laut, ohne selbst zu wissen weshalb – vielleicht nur, weil er sich selbst die Rolle des Narren auferlegt hatte. Tozkij, den die Fama als eleganten und geistreichen Erzähler pries, und der an solchen Abenden gewöhnlich die ganze Unterhaltung beherrscht hatte, war diesmal offenbar nicht dazu aufgelegt. Man merkte ihm sogar eine gewisse, an ihm ganz fremde Betretenheit an. Die übrigen Gäste – ein armer, alter Lehrer, der Gott weiß weshalb eingeladen worden war, irgendein unbekannter und sehr junger Mann, der entsetzlich schüchtern zu sein schien und den Mund überhaupt nicht auftat, eine lebhafte ältere Dame von etwa vierzig Jahren, die einstmals Schauspielerin gewesen war, und dann noch eine auffallend hübsche, reich gekleidete junge Dame, die gleichfalls so gut wie gar nichts sprach – sie alle konnten das Gespräch nicht nur nicht beleben, sondern wußten mitunter nicht einmal, was sie antworten oder wovon sie überhaupt sprechen sollten.

So war es denn begreiflich, daß das Erscheinen des Fürsten allen Anwesenden sehr gelegen kam. Übrigens rief seine Anmeldung doch gewisses Erstaunen und auf manchen Gesichtern sogar ein gewisses Lächeln hervor, namentlich als man aus Nastassja Filippownas überraschter Miene erriet, daß sie gar nicht daran gedacht hatte, ihn einzuladen. Doch schon im nächsten Augenblick verriet ihr Gesicht so viel aufrichtige Freude über seinen Besuch, daß die Mehrzahl der Gäste sich sofort gleichfalls anschickte, den ungebetenen Gast mit Vergnügen zu empfangen.

„Nun ja, wenn das auch wieder nur ein Ausdruck seiner Unschuld ist,“ meinte General Jepantschin, „und solche – hm! – Neigungen zu begünstigen ziemlich gefährlich sein kann, so ist es doch im Augenblick nicht übel, daß er das Geburtstagskind mit seinem Besuch bedacht hat, zumal er es noch in einer so originellen Weise tut. Aller Voraussicht nach wird er uns sogar erheitern, wenigstens... soviel ich über ihn – urteilen kann.“

„Oh, das steht um so mehr zu erwarten, als er uneingeladen kommt!“ rief sofort Ferdyschtschenko aus.

„Sie meinen?“ fragte ihn der General trocken. Er konnte diesen Menschen nicht ertragen.

„Nun, ich meine, daß er für den Eintritt zahlen muß,“ erklärte jener.

„Mir scheint, daß ein Fürst Myschkin nicht gerade ein Ferdyschtschenko ist,“ konnte der General sich nicht enthalten zu bemerken. Es fiel ihm ehrlich schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß er, General Jepantschin, sich mit einem Ferdyschtschenko in ein und derselben Gesellschaft befand, ganz als wären sie gleichstehende Persönlichkeiten.

„Ei, Exzellenz, mit Ferdyschtschenko müssen Sie Nachsicht haben,“ antwortete jener lachend, „ich bin doch hier mit ganz besonderen Rechten ausgestattet!“

„Was sind denn das für Rechte, wenn man fragen darf?“

„Das auseinanderzusetzen hatte ich bereits das vorigemal die Ehre, doch für Eure Exzellenz will ich es nochmals wiederholen. Also, ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit, Exzellenz: alle Menschen sind geistreich, nur ich allein bin es nicht. Als Schadenersatz habe ich dafür die Erlaubnis erhalten, die Wahrheit zu sagen, da doch bekanntlich nur jene die Wahrheit sagen, die nicht gerade – nun, wie gesagt, geistreich sind. Zudem bin ich ein äußerst rachsüchtiger Mensch, und das natürlich gleichfalls nur aus Mangel an Geist. Ich nehme jede Beleidigung ruhig hin, doch – wohlgemerkt! – nur bis zum ersten Mißerfolge des Beleidigers. Bei seiner ersten Niederlage entsinne ich mich unverzüglich alles dessen, was er auf dem Kerbholz hat, und zahle es ihm prompt auf irgendeine Weise heim – schlage mit den Hinterbeinen aus, wie Iwan Petrowitsch Ptizyn es nennt, der, versteht sich, selbst niemals hinten ausschlägt. Kennen Eure Exzellenz vielleicht Kryloffs Fabel vom Löwen und vom Esel? Nun, sehen Sie, die ist wie auf uns gedichtet, tatsächlich, das sind Sie und ich.“

„Sie scheinen ja wieder mal in Ihr unleidliches Faseln hineingekommen zu sein, Ferdyschtschenko,“ entgegnete der General gereizt und grob.

„Aber was haben Sie denn dagegen einzuwenden, Exzellenz?“ griff Ferdyschtschenko schnell auf, ganz als hätte er nur auf diesen Einwand gewartet. „Beunruhigen Sie sich nicht, Exzellenz, ich kenne sehr wohl den Platz, der mir zukommt: der Löwe sind natürlich Sie, Exzellenz:

– Der grimme Leu, des Waldes Schrecken,
Ward mit den Jahren altersschwach –

Und ich, Exzellenz, bin selbstverständlich der Esel...“

„Mit letzterem bin ich vollkommen einverstanden,“ platzte der General unvorsichtig genug heraus.

Diese ganze Plänkelei wurde natürlich mit Absicht von Ferdyschtschenko in die Länge gezogen: obwohl er nicht geistreich zu sein verstand, wurde ihm doch vieles erlaubt, da er nun einmal offiziell den Narren spielte.

„Aber ich werde ja doch nur deshalb hier empfangen, damit ich gerade in diesem Genre zur allgemeinen Heiterkeit beitrage!“ hatte Ferdyschtschenko einmal lachend erklärt. „Wie wäre es denn sonst möglich, mich zu empfangen? – Das begreife ich doch selbst! Aber ja doch! Wie könnte man mich denn im Ernst, mich, Ferdyschtschenko, neben einen so ästhetisch-delikaten Gentleman wie Afanassij Iwanowitsch Tozkij setzen? Da bleibt einem doch nur die eine Erklärung übrig: eben weil es unmöglich ist, wird es getan!“

Ferdyschtschenko konnte in seinen Späßen sehr plump, bisweilen aber auch sehr bissig sein, und bisweilen sogar noch mehr als bissig. Das aber war es gerade, was Nastassja Filippowna zu gefallen schien. Daher mußte auch ein jeder, der mit ihr verkehren wollte, Ferdyschtschenkos Anwesenheit in den Kauf nehmen. Er traf vielleicht den Nagel auf den Kopf, wenn er sich sagte, daß er nur deshalb empfangen wurde, weil er gleich bei seinem ersten Besuch für Tozkij „unmöglich“ geworden war. Auch Ganjä mußte unendliche Qualen von ihm erdulden; und in der Beziehung kam Ferdyschtschenko Nastassja Filippowna sogar sehr zustatten.

„Der Fürst aber wird bei uns damit beginnen müssen, daß er eine moderne Arie zum besten gibt,“ schloß Ferdyschtschenko mit einem Seitenblick auf Nastassja Filippowna.

„Das glaube ich nicht, Ferdyschtschenko, und bitte, geben Sie sich keine Mühe, es wäre überflüssig,“ sagte diese kurz.

„A–ah! Nun, wenn er unter so besonderer Protektion steht, so werde natürlich auch ich mich danach richten.“

Doch Nastassja Filippowna hatte sich schon erhoben und ging, ohne ihn anzuhören, dem Fürsten entgegen.

„Es tut mir leid,“ sagte sie, als sie plötzlich vor ihm stand, „daß ich Sie vorhin in der Eile zu mir einzuladen vergaß. Um so mehr freut es mich, daß Sie mir jetzt selbst Gelegenheit geben, Ihnen zu danken und Sie zu versichern, daß ich Ihre Entschlossenheit und die Art, wie Sie eingriffen, bewundert habe.“

Bei diesen Worten blickte sie ihn forschend an, bemüht, wenn auch nur halbwegs eine Erklärung für sein seltsames Erscheinen zu finden.

Der Fürst war durch ihre Erscheinung so geblendet und erregt, daß er kein Wort hervorzubringen vermochte. Nastassja Filippowna bemerkte es und lächelte: es war ihr angenehm. Wie sie so in der kostbaren Abendtoilette vor ihm stand, war sie allerdings berückend schön. Und das sah sie auch an dem Eindruck, den sie auf ihn machte. Sie reichte ihm die Hand und führte ihn dann zu ihren Gästen. Doch dicht vor der Tür zum Salon blieb der Fürst plötzlich stehen und flüsterte ihr in ungewöhnlicher Erregung schnell, fast atemlos zu:

„An Ihnen ist alles vollendet... selbst das, daß Sie mager und bleich sind, ist schön... Man will Sie sich gar nicht anders denken... Ich wollte um jeden Preis zu Ihnen kommen... ich... verzeihen Sie...“

„Bitten Sie nicht um Verzeihung,“ unterbrach ihn Nastassja Filippowna lächelnd, „damit würden Sie die ganze Seltsamkeit und Originalität Ihres Erscheinens zerstören. Man hat wohl ganz recht, wenn man Sie einen sonderbaren Menschen nennt. Halten Sie mich also wirklich für vollendet, ja?“

„Ja.“

„Wenn Sie auch sonst ein Meister im Erraten sind, so täuschen Sie sich diesmal doch arg. Ich werde Sie heute noch daran erinnern...“

Sie stellte ihn darauf ihren Gästen vor, von denen jedoch die meisten ihn bereits kannten. Tozkij sagte ihm sogleich eine Liebenswürdigkeit. Alle schienen sich zu beleben, alle begannen plötzlich zu sprechen und zu lachen. Nastassja Filippowna ließ den Fürsten neben sich Platz nehmen.

„Aber was ist denn am Erscheinen des Fürsten so Erstaunliches?“ übertönte Ferdyschtschenkos Kraftorgan alle anderen Stimmen. „Die Sache liegt doch auf der Hand, sie spricht ja für sich selbst!“

„Ja, sie spricht nur zu deutlich für sich selbst,“ brach plötzlich Ganjä sein Schweigen. „Ich habe den Fürsten heute fast ununterbrochen beobachtet, von dem Augenblick an, als er am Vormittage zum erstenmal Nastassja Filippownas Bild erblickte auf dem Schreibtisch Iwan Fedorowitschs. Ich entsinne mich noch sehr gut, daß ich mir schon damals dasselbe dachte, wovon ich jetzt vollkommen überzeugt bin, und was mir der Fürst, nebenbei bemerkt, auch selbst gestanden hat.“

Ganjä hatte mit sehr ernster, fast sogar finsterer Miene ohne den geringsten Scherzton gesprochen, was eigentlich etwas sonderbar war.

„Ich habe Ihnen keine Geständnisse gemacht,“ entgegnete der Fürst, der bei Ganjäs Worten rot geworden war, „ich habe nur auf Ihre Frage geantwortet.“

„Bravo, bravo!“ schrie Ferdyschtschenko laut. „Das nenne ich wenigstens aufrichtig! Und zwar ist es ebenso aufrichtig wie schlau!“

Alles lachte.

„Schreien Sie doch nicht so, Ferdyschtschenko,“ sagte Ptizyn halblaut mit angewiderter Miene.

„Ich hätte solche Heldentaten gar nicht von Ihnen erwartet, Fürst,“ bemerkte Iwan Fedorowitsch Jepantschin. „Aber wissen Sie auch, wem das sehr zustatten kommt?... Und ich habe Sie für einen Philosophen gehalten! Ja, ja, die Bescheidenen!“

„Und danach zu urteilen, daß der Fürst bei diesem harmlosen Scherz wie ein unschuldiges, junges Mädchen errötet, muß er ja – wenigstens glaube ich, das annehmen zu dürfen – als edler Jüngling nur die edelsten Absichten in seinem Herzen hegen,“ sagte, oder richtiger, kaute mit seinem zahnlosen Munde der bis dahin stumme siebzigjährige kleine Lehrer, von dem ein jeder alles andere eher erwartet hätte, als daß er an diesem Abend überhaupt ein Wort hervorbringen würde.

Die Bemerkung des Greises rief noch größere Heiterkeit hervor, und er selbst begann in dem Glauben, daß sein Witz die Ursache des Gelächters sei, noch lauter als die anderen zu lachen – bis er einen so heftigen Hustenanfall bekam, daß Nastassja Filippowna, die für alte Originale, Greise und sogar Schwachsinnige eine besondere Vorliebe besaß, den Alten zu streicheln begann, ihn küßte und ihm Tee bringen ließ. Von der eintretenden Zofe ließ sie sich einen Schal bringen, in den sie sich dann fröstelnd einhüllte. Darauf mußte das Mädchen noch Holzscheite in den Kamin legen. Auf ihre Frage, wieviel Uhr es sei, antwortete das Mädchen, daß es schon halb elf geschlagen habe.

„Meine Herren, wollen Sie nicht Champagner trinken?“ fragte plötzlich Nastassja Filippowna. „Er ist bereits kalt gestellt. Vielleicht wird es dann lustiger werden. Also ganz ohne Zeremonien, wenn ich bitten darf.“

Diese Aufforderung, zu trinken, die noch dazu so naiv ausgesprochen wurde, erschien den Anwesenden sehr sonderbar von Nastassja Filippowna. Und überhaupt wurde der Abend diesmal noch ungezwungener, als es die Gäste sonst bei ihr gewöhnt waren. Doch gegen den Champagner hatte niemand etwas einzuwenden, wenigstens was den General, die lebhafte Dame, den alten Lehrer und Ferdyschtschenko betraf. Und ihrem Beispiel folgten auch die anderen. Tozkij nahm gleichfalls einen der Kelche und bemühte sich, dem neueingeführten Ton nach Möglichkeit den Charakter eines unbefangenen Scherzens zu geben. Nur Ganjä trank nicht. Nastassja Filippowna dagegen erklärte, daß sie mindestens drei Glas trinken würde. Es war sehr schwer, aus ihrem oft grundlosen, verlorenen Lachen, das bald ernster Nachdenklichkeit und finsterem Schweigen wich, um dann von neuem in nervöser Heiterkeit hervorzubrechen, klug zu werden oder gar aus ihm zu erraten, was sie für Absichten hegte. Es fiel mit der Zeit auf, daß sie gleichsam etwas erwartete, häufig nach der Uhr sah, immer ungeduldiger wurde und sehr zerstreut war.

„Bei Ihnen scheint ja eine richtige kleine Influenza im Anzuge zu sein, meine Liebe?“ fragte die lebhafte Dame.

„Oh, eine sehr große sogar, nicht nur eine kleine,“ entgegnete, den Schal fester um die Schultern ziehend, Nastassja Filippowna, die merklich bleicher wurde und zuweilen sich krampfhaft zusammenzunehmen schien, damit die anderen nicht merkten, wie der Schüttelfrost sie zittern machte.

Alle wurden unruhig und sahen einander fragend an; es ging eine Bewegung durch die ganze Versammlung.

„Oder sollten wir Nastassja Filippowna nicht Ruhe gönnen?“ fragte Tozkij mit einem Blick auf Jepantschin.

„Oh, nein, nein! auf keinen Fall! Ich bitte Sie alle, bei mir zu bleiben,“ rief sie lebhaft. „Ihre Anwesenheit ist mir heute unentbehrlich,“ fügte sie plötzlich noch eigensinniger und recht vielsagend hinzu.

Da nun fast alle Gäste wußten, daß an diesem Abend eine wichtige Entscheidung bevorstand, so fielen diese ihre Worte schwer ins Gewicht. Der General und Tozkij tauschten nochmals einen bedeutsamen Blick aus. Ganjä machte eine hastige Bewegung.

„Wie wär’s, wenn wir ein Petit-jeu9 spielten?“ schlug die lebhafte Dame vor.

„Ach, ich weiß ein famoses Petit-jeu!“ rief Ferdyschtschenko lebhaft aus. „Wenigstens ist es eines, das nur ein einziges Mal in der Welt gespielt worden ist, und selbst da gelang es nicht!“

„Was ist denn das für ein Spiel?“ fragte die lebhafte Dame.

„Na, es hatte sich mal von uns ’ne ganze Gesellschaft zusammengefunden, nun, es war getrunken worden, das läßt sich nicht leugnen, und da machte plötzlich jemand den Vorschlag, daß jeder von uns etwas aus seinem Leben erzählen solle, ganz einfach, so wie wir da alle um den Tisch herumsaßen, doch dieses Etwas – jetzt kommt der Haken! – mußte unbedingt gerade das sein, was der Erzähler auf Ehr’ und Gewissen für die schlechteste Tat hielt, die er je im Laufe seines ganzen Lebens begangen, und zwar nur unter dieser einen Bedingung, daß er nicht log, sondern aufrichtig, ganz aufrichtig, nur der Wahrheit gemäß die Sache – wiedergab.“

„Hm, ein etwas sonderbarer Einfall,“ meinte der General.

„Aber erlauben Sie, Exzellenz, Sonderbarkeit ist doch nur ein Vorzug!“

„Ich finde den Einfall lächerlich,“ äußerte Tozkij, „doch ist er im Grunde verständlich: Prahlerei besonderer Art.“

„Aber das war’s ja vielleicht gerade, was man wollte, Afanassij Iwanowitsch.“

„Ach, gehen Sie! Ein solches Petit-jeu bringt einen eher zum Weinen als zum Lachen!“ sagte die lebhafte Dame geringschätzig.

„Ich halte solche Spiele für reinen Unsinn. Und sie sind ja auch ganz unmöglich,“ meinte Ptizyn.

„Aber gelang es denn auch, Ferdyschtschenko?“ erkundigte sich Nastassja Filippowna.

„Das ist es ja eben, daß es nicht gelang, oder wenn Sie wollen, gelang es, aber es wurde gemein. Allerdings weigerte sich niemand, zu erzählen, viele erzählten auch wahrheitsgetreu – und denken Sie sich nur: es erzählte gar manch einer mit aufrichtigem Vergnügen und Wohlgefallen! Dann aber schämte sich doch ein jeder. Hielten’s nicht aus. Im allgemeinen aber war es übrigens durchaus erheiternd, – in seiner Art, versteht sich...“

„Vorzüglich! Das ist ja wie geschaffen für uns!“ fiel ihm Nastassja Filippowna ins Wort; sie war wie neu belebt. „Nein wirklich, das müssen wir doch versuchen, meine Herren! Es ist heute gar nicht lustig bei mir. Wenn nun ein jeder von uns bereit wäre, etwas zu erzählen... irgend etwas in dieser Art – nicht?... Natürlich nur, wenn er aus freien Stücken einwilligt – was meinen Sie? Vielleicht werden wir es aushalten? Wenigstens ist es furchtbar originell!“

„Oh, gewiß, es ist eine geniale Idee!“ begeisterte sich Ferdyschtschenko. „Die Damen brauchen übrigens nicht mitzuwirken, die Herren fangen an. Die Reihenfolge wird durch das Los bestimmt – so machten wir es auch damals. Unbedingt, unbedingt! Wer nun aber gar nicht will, der kann dann natürlich den Mund halten, nur ist es gerade keine Liebenswürdigkeit. Also, meine Herren, ein jeder gebe ein Pfand, irgendeinen x-beliebigen Gegenstand – hier... hier ist ein Hut – also hier hinein, meine Herren, der Fürst wird dann die Pfänder herausnehmen. Die ganze Aufgabe ist ja so einfach, wie man sie sich einfacher gar nicht denken kann: die häßlichste Tat von allen im Laufe des Lebens begangenen... wie gesagt: die Einfachheit selbst. Sie werden ja sehen, meine Herren. Und falls jemand sein schlechtes Gedächtnis vorschützen sollte, so werde ich dem schon nachzuhelfen wissen!“

Der Einfall war allerdings sehr eigenartig. Doch gefiel er keinem der Gäste. Einige waren verstimmt, andere lächelten verschmitzt, und wieder andere versuchten dies und jenes einzuwenden, doch taten sie es nur mit Vorsicht, so z. B. der General, der Nastassja Filippowna nie recht zu widersprechen wagte. Er hatte sogleich bemerkt, daß ihr dieser Einfall sehr zusagte – vielleicht nur weil er nichts weniger als alltäglich und eigentlich doch unerhört war. Nastassja Filippowna war aber in ihren Wünschen unberechenbar und rücksichtslos, wenn sie sie einmal offen zeigte, gleichviel, ob es auch die kindischsten und für sie selbst nutzlosesten Wünsche waren. Sie war jetzt wie im Fieber, konnte kaum ruhig sitzen. Das Lachen überkam sie wie ein Anfall, um dann ebenso plötzlich abzubrechen. Sie amüsierte sich köstlich über Tozkijs beleidigte und besorgte Miene. Ihre dunklen Augen glänzten. Auf ihren bleichen Wangen erschienen zwei rote Flecke. Der Schatten unbehaglichen Mißvergnügens in den Gesichtern einiger ihrer Gäste reizte noch mehr ihren Spott und ihre Heiterkeit. Vielleicht gefiel ihr am meisten an dem ganzen Einfall gerade der Zynismus und die Grausamkeit. Einzelne waren überzeugt, daß sie damit etwas ganz Besonderes bezweckte. Jedenfalls war man neugierig, wie es werden würde, und diese Neugier zog sogar sehr. Ferdyschtschenko war ganz Feuer und Flamme.

„Aber wenn es irgend etwas ist, das man nicht erzählen kann... in Gegenwart von Damen?“ fragte schüchtern der schweigsame Jüngling.

„Dann erzählt man es eben nicht,“ versetzte Ferdyschtschenko. „Als ob Sie nur eine einzige Schändlichkeit begangen hätten! Ach, Sie – Jüngling!“

„Und ich weiß nicht einmal, welches gerade die schlechteste Tat ist, die ich begangen habe,“ seufzte die lebhafte Dame.

„Die Damen sind nicht verpflichtet, zu erzählen,“ wiederholte Ferdyschtschenko, „aber auch nur das: nicht verpflichtet! Inspiration aus eigener Initiative wird mit Anerkennung zugelassen. Die Herren dagegen werden nur dann der Pflicht enthoben, wenn sie nun mal ganz und gar nicht wollen.“

„Aber, wie wird man denn wissen, ob ich nicht lüge?“ fragte Ganjä. „Wenn ich aber lüge, ist doch der ganze Sinn des Spieles verdorben. Und wer wird nicht lügen? Das ist doch selbstverständlich, daß bei einer solchen Gelegenheit ein jeder lügt.“

„Aber so ist doch schon allein das interessant, wie ein jeder lügt,“ versetzte Ferdyschtschenko. „Du aber Ganetschka, brauchst dir darob, daß du lügen könntest, keine besonderen Sorgen zu machen, da doch deine schmählichste Tat ohnehin schon allen bekannt ist. Bedenken Sie doch nur, meine Herrschaften,“ rief er plötzlich geradezu begeistert aus, „mit welchen Augen wir dann einander ansehen werden, morgen zum Beispiel, nach den Erzählungen, was?!“

„Wie, soll es denn wirklich?... Ist es denn wirklich Ihr Ernst, Nastassja Filippowna?“ fragte Tozkij würdevoll.

„Wer den Wolf fürchtet, soll nicht in den Wald gehen!“ war ihre spöttisch lächelnde Antwort.

„Aber erlauben Sie, Herr Ferdyschtschenko, ist denn das ein Gesellschaftsspiel?“ fuhr Tozkij, immer erregter, fort. „Ich versichere Sie, solche Späße gelingen nie. Sie sagten ja auch selbst, daß es bereits einmal nicht gelungen sei.“

„Wieso, wieso nicht gelungen? Habe ich nicht das vorigemal erzählt, wie ich einmal drei Rubel gestohlen habe? Da tat ich’s doch einfach und erzählte!“

„Nun ja. Aber es war doch von vornherein jede Möglichkeit ausgeschlossen, die Sache so zu erzählen, daß sie glaubhaft erschien. Und Gawrila Ardalionytsch hat ganz richtig bemerkt, daß das ganze Spiel sofort seine Pointe verliert, sobald man auch nur im geringsten von der Wahrheit abweicht. Die strikte Beobachtung der Wahrheit wäre in diesem Fall doch nur bei einer gewissen Prahlsucht schlechten Tones möglich, und dieser Ton ist hier doch ganz undenkbar, denke ich.“

„Herrgott, sind Sie mir mal ein delikater Mensch, Afanassij Iwanowitsch, Sie vernichten mich ja geradezu!“ lachte Ferdyschtschenko. „Mit dieser Bemerkung, meine Damen und Herren, hat ja Afanassij Iwanowitsch in der delikatesten Weise angedeutet, daß ich ganz unmöglich hätte stehlen können – was direkt zu sagen, wohl direkt unvornehm wäre – wenn er auch bei sich, versteht sich, vollkommen überzeugt ist, daß Ferdyschtschenko sehr wohl stehlen könnte! Doch zur Sache, meine Herren, die Lose sind vollzählig – und auch Sie, Afanassij Iwanowitsch, haben ja von sich einen Gegenstand in den Hut gelegt; folglich willigen Sie also ein, etwas zum besten zu geben. Bitte, Fürst, greifen Sie hinein.“

Der Fürst senkte schweigend die Hand in den Hut: der erste Gegenstand, den er hervorholte, war von Ferdyschtschenko hineingelegt worden, der zweite von Ptizyn, der dritte vom General, der vierte von Tozkij, der fünfte von ihm selbst, der sechste von Ganjä usw. Die Damen hatten es vorgezogen, sich nicht zu beteiligen.

„O Gott, welches Pech!“ jammerte Ferdyschtschenko. „Und ich glaubte, als erster würde der Fürst daran glauben müssen und als zweiter Seine Exzellenz! Doch zum Glück folgt Iwan Petrowitsch Ptizyn sogleich hinter mir, und das soll meine Entschädigung sein! Nun, dann – los, meine Herrschaften, ich muß mit gutem Beispiel vorangehen! Doch da tut es mir im Augenblick unsäglich leid, daß ich so gering bin und mich durch nichts auszeichne, nicht einmal durch einen Titel. Wie kann es da von Interesse sein, wie und wann und ob überhaupt ein Ferdyschtschenko mal was Gemeines begangen hat? Und schließlich: welches ist nun meine größte Schandtat? Hier gerät man ja förmlich in einen embarras de richesse!10 Es sei denn, daß ich wieder den Diebstahl der drei Rubel erzähle, um unseren verehrten Afanassij Iwanowitsch zu überzeugen, daß man sehr wohl stehlen kann, ohne dabei ein Dieb zu sein.“

„Sie überzeugen mich sogar davon, daß gewisse Leute tatsächlich ein Vergnügen bis zum Hochgenuß daran finden können, von ihren schmutzigen Taten zu erzählen, selbst dann, wenn niemand sie darum bittet.... Doch übrigens... Verzeihen Sie, Herr Ferdyschtschenko.“

„Fangen Sie an, Ferdyschtschenko, Sie schwatzen viel zu viel Überflüssiges und können nie zu einem Schluß kommen,“ sagte Nastassja Filippowna gereizt und ungeduldig in zurechtweisendem Tone.

Es fiel allen auf, daß sie nach ihren Lachanfällen plötzlich fast finster geworden war. Nichtsdestoweniger bestand sie eigensinnig und herrisch auf der Durchführung ihrer Laune. Tozkijs ästhetisches Empfinden litt unsäglich. Auch der General ärgerte ihn nicht wenig: der saß vor seinem Champagner, „als wäre nichts passiert“, und schien sogar die Absicht zu haben, gleichfalls etwas zum besten zu geben, wenn die Reihe an ihn kommen würde.

XIV

„Ich habe ja doch gesagt, Nastassja Filippowna: da mir jeder Geist fehlt, schwatze ich dummes Zeug!“ begann Ferdyschtschenko, der als erster erzählen mußte. „Hätte ich dagegen tant d’esprit11 wie zum Beispiel Afanassij Iwanowitsch oder so viel Scharfsinn wie Iwan Petrowitsch Ptizyn, so würde ich heute ganz wie Afanassij Iwanowitsch und Iwan Petrowitsch dasitzen und den Mund halten. Fürst, erlauben Sie, daß ich Sie eines frage: Was meinen Sie – es will mir immer scheinen, daß es in der Welt mehr Diebe gibt als Nichtdiebe, und daß es selbst unter den ehrlichsten Menschen keinen gibt, der nicht wenigstens einmal in seinem Leben gestohlen hat. Das ist so eine Privatanschauung von mir, aus der ich jedoch noch längst nicht schließe, daß alle ohne Ausnahme Diebe seien, obschon man, weiß Gott, mitunter verteufelt gern auch dieses daraus folgern möchte. Nun, was meinen Sie dazu, Fürst?“

„Pfui, wie dumm Sie erzählen,“ ärgerte sich die lebhafte Dame. „Und welch ein Unsinn: jeder Mensch soll etwas gestohlen haben! Ich habe noch nie etwas gestohlen.“

„Ich glaub’s Ihnen gern, Darja Alexejewna, daß Sie noch nie etwas gestohlen haben, aber hören wir doch zu, was der Fürst, der plötzlich sogar errötet ist, wie ich sehe, dazu sagen wird.“

„Ich glaube, daß Sie recht haben, nur übertreiben Sie sehr,“ sagte der Fürst, der tatsächlich errötet war.

„Und Sie selbst, Fürst, haben Sie nie etwas gestohlen?“

„Pfui, Sie machen sich ja lächerlich, kommen Sie doch zur Besinnung, Herr Ferdyschtschenko,“ unterbrach ihn der General.

„Ach, jetzt, wo es erzählen heißt, schämen Sie sich der Geschichte,“ warf Darja Alexejewna ein, „und deshalb wollen Sie die Aufmerksamkeit auf den Fürsten ablenken.“

„Ferdyschtschenko: entweder Sie erzählen oder Sie schweigen! Sie bringen einen ja um den letzten Rest Geduld!“ sagte Nastassja Filippowna ärgerlich.

„Im Augenblick, Nastassja Filippowna! Aber wenn schon der Fürst es gestanden hat – denn ich behaupte, daß er es so gut wie tatsächlich gestanden hat –: was würde dann noch irgendein anderer gestehen müssen – ich rede ganz objektiv, ohne dabei an einen der Anwesenden speziell zu denken –, wenn er es sich einmal einfallen ließe, die Wahrheit zu sagen? Was nun mich betrifft, meine Damen und Herren, so lohnt es sich weiter gar nicht, zu erzählen: ’s ist sehr einfach, sehr dumm und sehr häßlich. Aber ich versichere Ihnen, ich bin kein Dieb. Gestohlen habe ich, ohne selbst zu wissen, wie. Es war das vor etwa drei Jahren, auf der Datsche11 Ssemjon Iwanowitsch Ischtschenkos, an einem Sonntage. Es waren mehrere Gäste zu Tisch. Nach dem Essen blieben die Herren noch beim Wein sitzen. Da fiel es mir ein, Marja Ssemjonowna, die Tochter des Hausherrn, um einen musikalischen Genuß zu bitten, d. h. ich wollte sie bitten, uns etwas auf dem Flügel vorzuspielen. Wie ich nun gehe, um sie zu suchen, komme ich auch ins Eckzimmer, und da sehe ich: – auf dem Nähtischchen Marja Iwanownas liegt ein grünes Papier: ein Dreirubelschein. Sie hatte ihn kurz vorher herausgenommen, da sie das Geld in der Wirtschaft brauchte. Kein Mensch im Zimmer. Ich nahm den Schein und schob ihn in die Westentasche. Weshalb? – Das weiß ich selbst nicht. Ich begreife wirklich nicht, was mir in dem Augenblick einfiel. Nur drückte ich mich schleunigst und setzte mich wieder an den Tisch zu den Gästen. Ich saß und wartete die ganze Zeit in nicht geringer Erregung, schwatzte aber ohne Unterlaß, erzählte Anekdoten, lachte, ging dann zu den Damen hinüber, setzte mich zu ihnen. Nach einer halben Stunde ungefähr – bemerkte man den Diebstahl und begann die Dienstboten auszufragen. Der Verdacht fiel auf das Stubenmädchen Darja. Ich zeigte eine ungeheure Neugier und Teilnahme, und als Darja ganz konfus wurde, redete ich ihr zu, ihre Schuld doch einzugestehen, und bürgte mit meinem Kopf dafür, daß die gnädige Frau ihr verzeihen würde, und zwar redete ich laut, so daß alle es hörten! Alle sahen sie an, ich aber empfand ein ganz besonderes Vergnügen bei dem Gedanken, daß ich großartig Moral predigte, während der Schein in meiner Tasche steckte. Ich vertrank diese drei Rubel noch am selben Tag im Restaurant. Ich ging hinein und verlangte eine Flasche Lafitte. Niemals hatte ich so ohne Imbiß Wein verlangt und eine Flasche solo ausgetrunken, und noch dazu Lafitte. Ich wollte nur schnell das Geld loswerden. Besondere Gewissensbisse habe ich weder damals noch später empfunden. Ein zweites Mal würde ich’s bestimmt nicht tun. Das können Sie mir nun glauben oder nicht glauben, ganz wie es Ihnen beliebt, das interessiert mich nicht. Nun, das wäre also meine Geschichte.“

„Nur ist das selbstverständlich nicht Ihre schlechteste Tat,“ sagte Darja Alexejewna angewidert.

„Das ist ein psychologischer Fall, aber keine Tat,“ bemerkte Tozkij.

„Und das Mädchen?“ fragte Nastassja Filippowna, ohne ihren Ekel zu verbergen.

„Das Mädchen wurde am nächsten Tage fortgejagt. Es war ein strenges Haus.“

„Und Sie ließen das zu?“

„Na, hören Sie mal! Das wäre doch schön, wenn ich dann noch hingegangen wäre, um mich als Dieb vorzustellen?“ Und Ferdyschtschenko lachte, jedoch nicht allzu laut; denn er war doch etwas verdutzt über den so auffallend unangenehmen Eindruck, den seine Erzählung auf alle Anwesenden gemacht hatte.

„Wie schmutzig das ist!“ rief Nastassja Filippowna aus.

„Bah! Sie wollen von einem Menschen seine gemeinste Handlung hören und verlangen dabei eine glänzende Heldentat! Gemeine Handlungen sind immer schmutzig, Nastassja Filippowna, das werden wir ja auch sogleich von Iwan Petrowitsch Ptizyn hören. Und was erscheint nicht alles von außen glänzend und tugendhaft, bloß weil es in eigener Equipage fährt! Als ob wenige in eigenen Equipagen fahren! Wie aber diese...“

Kurzum, Ferdyschtschenko hielt es doch nicht aus und wurde plötzlich so wütend, daß er sich gänzlich vergaß. Selbst sein Gesicht verzerrte sich. Wie sonderbar es auch klingen mag, aber es war doch sehr möglich, daß er eine ganz andere Wirkung erwartet hatte. Solche „Fauxpas besonderer Art“ und diese „Prahlsucht schlechten Tones“, wie Tozkij es nannte, lagen ganz in seinem Charakter.

Nastassja Filippowna war bei seinem geschmacklosen Ausfall zusammengezuckt und sah ihn zornig mit durchbohrendem Blick an. Ferdyschtschenko erschrak und verstummte sofort. Es überlief ihn kalt. Er sah ein, daß er doch zu weit gegangen war.

„Sollte man das Spiel nicht lieber aufgeben?“ fragte Tozkij scheinbar harmlos.

„Die Reihe ist jetzt an mir, doch ich habe ja das Recht, nicht zu erzählen, wenn ich nicht will, und so werde ich von diesem Recht Gebrauch machen,“ sagte Ptizyn entschlossen.

„Sie wollen nicht erzählen?“

„Ich kann nicht, Nastassja Filippowna. Und überdies halte ich ein solches Gesellschaftsspiel für ganz unmöglich.“

„Exzellenz, dann ist jetzt die Reihe an Ihnen, glaube ich,“ wandte sich Nastassja Filippowna an diesen. „Wenn auch Sie nicht wollen, so wird nichts daraus, dann werden auch die anderen nicht wollen. Das würde mir aber leid tun; denn ich beabsichtigte, auch etwas aus meinem eigenen Leben zu erzählen. Doch nur nach Ihnen und Afanassij Iwanowitsch. Sie müssen mich erst noch dazu ermutigen,“ schloß sie lächelnd.

„Oh, wenn auch Sie etwas zu erzählen versprechen, so bin ich bereit, Ihnen mein ganzes Leben zu erzählen,“ beteuerte der General mit galantem Eifer. „Ich will aber gleich gestehen, daß ich mir meine Geschichte bereits zurechtgelegt habe...“

„Und schon aus der Miene Seiner Exzellenz kann man erraten, mit welch hohem literarischem Verständnis diese Geschichte bearbeitet sein wird,“ wagte Ferdyschtschenko ironisch lächelnd zu bemerken.

Nastassja Filippowna blickte flüchtig auf den General, und auch sie konnte nur mit Mühe ein Lächeln verbergen. Trotzdem sah man es ihr an, daß ihre Stimmung sich bedeutend verschlechtert hatte. Tozkij wurde bleich vor Schreck, als er von ihrer Absicht, gleichfalls etwas zu erzählen, hörte.

„Es ist mir, meine Damen und Herren, im Laufe meines Lebens, wie jedem Menschen, bisweilen passiert, daß ich etwas getan habe, was man nicht gerade schön nennen kann,“ hub der General seine Rede an. „Doch am seltsamsten ist bei alledem, daß ich eine ganz gewöhnliche und ganz kurze kleine Geschichte, die ich Ihnen sogleich erzählen werde, für die häßlichste, für die schändlichste je von mir verübte Tat halte. Es sind jetzt inzwischen fünfunddreißig Jahre darüber vergangen; doch dessenungeachtet empfinde ich noch jedesmal, wenn ich daran denke, so etwas wie ein nagendes Gefühl im Herzen. Die ganze Episode ist übrigens nichtssagend. Ich war damals erst Fähnrich und hatte schweren Dienst. Nun, man weiß ja, wie das ist: Fähnrich, heißes Blut, und der Beutel namentlich für den Haushalt klein. Mein Bursche, Nikifor mit Namen, war der treueste und ehrlichste Mensch: er sparte für mich, nähte, wusch, säuberte, ja, er stibitzte sogar, wo er etwas erwischen konnte, nur um unseren Besitz zu vermehren. Ich war natürlich streng, doch gerecht. Einmal lagen wir in einer kleinen Stadt in Quartier. Mir wurde in der Vorstadt bei einer alten Unteroffizierswitwe eine kleine Wohnung angewiesen. Sie war ein altes Mütterchen von achtzig Jahren oder so um die Achtzig herum. Ihr kleines Haus, natürlich nur ein Holzgebäude, war alt und nichts mehr wert, und dort lebte sie in ihrer Armut ganz allein, ohne Magd oder Aufwärterin. Sie hatte einst eine überaus zahlreiche Familie gehabt und eine ganze Schar von Verwandten; doch mit der Zeit waren die einen gestorben, die anderen in die Welt hinausgezogen, und die übrigen hatten sie vergessen. Ihren Mann hatte sie aber schon vor fünfundvierzig Jahren beerdigt. Ein paar Jahre lang hatte eine Nichte bei ihr gelebt, eine verwachsene alte Jungfer; die soll aber, wie man dort erzählte, eine richtige Hexe gewesen sein, ja einmal soll sie im Streit die Alte sogar in den Finger gebissen haben. Aber auch die war gestorben, und nun lebte die Alte schon seit drei Jahren wieder mutterseelenallein in ihrem Häuschen. Gott, ich hatte es langweilig bei ihr, und sie war auch solch ein leeres Frauenzimmer, nichts konnte man aus ihr herausbringen. Schließlich stahl sie mir einen Hahn. Die Sache hat sich bis heute noch nicht aufgeklärt, doch außer ihr hätte ihn niemand stehlen können. Wegen dieses Hahnes gerieten wir in Streit, und sogar in sehr heftigen. Und da wurde mir auch gerade – ich hatte schon früher darum gebeten – ein anderes Quartier angewiesen, am entgegengesetzten Ende des Städtchens, im Hause eines Kaufmanns. Dieser hatte eine zahlreiche Familie und einen riesengroßen Bart – ich sehe ihn noch wie leibhaftig vor mir. Ich zog also ohne weiteres mit meinem Nikifor hinüber – beide waren wir guter Laune –, meine Alte aber ließen wir höchst geärgert zurück. Es vergingen drei Tage, am dritten kehre ich mittags aus dem Dienst zurück, da sagt mir mein Nikifor, er wisse nicht, wie er mir eigentlich die Suppe auf den Tisch bringen solle, und es wäre doch gar nicht nötig gewesen, unsere Terrine bei der Alten zu lassen. Ich war natürlich ganz betroffen. ‚Wieso, weshalb ist denn unsere Terrine bei der Alten geblieben?‘ Nikifor wundert sich über mich und meldet gehorsamst, daß die Alte, als er meine Siebensachen einpackte, die Terrine nicht herausgegeben habe, und zwar aus dem Grunde nicht, weil ich ihren irdenen Topf zerschlagen und zum Ersatz für diesen meine Suppenterrine angeboten hätte. Eine solche Niedertracht ihrerseits brachte mich ganz aus dem Häuschen. Mein Fähnrichsblut brauste auf, ich nahm meine Mütze und fort ging’s. Bis ich bei ihr anlangte, hatte ich mich glücklich in die größte Wut hineingeredet. Wie ich eintrete, sehe ich, sie sitzt im Flur, in einer Ecke, wie vor der Sonne verkrochen und stützt den Kopf in die Hand. Ich, wissen Sie, fange ohne weiteres mit meinem Donnerwetter an und sage ihr so auf echt russisch die Wahrheit, aber gründlich! Nur fällt mir plötzlich etwas auf: sonderbar, sie sitzt, hat das Gesicht mir zugewandt, die Augen quellen hervor, sie spricht aber kein Wort, sie sieht mich nur eigentümlich an, so, wissen Sie, ich weiß selbst nicht wie, und der Oberkörper scheint zu schwanken. Ich – was sollt’ ich tun? – ich verstumme schließlich, rufe sie beim Namen – keine Antwort! Ich stand, stand: ich konnte mich zu nichts entschließen. Die Fliegen summten, die Sonne ging unter, es war so still. Ganz verwirrt ging ich schließlich fort. Noch bevor ich zu Hause ankam, holte mich eine Ordonnanz ein, die mich zum Major rief, von dort mußte ich mich noch zur Kompagnie begeben, so daß ich erst am Abend wieder zurückkehrte. Das erste, was ich von Nikifor höre, ist: ‚Wissen Euer Gnaden schon, daß unsere Alte gestorben ist?‘ – ‚Wann das?‘ – ‚Heute, vor etwa anderthalb Stunden.‘ Das hieß aber, daß sie dann gestorben war, als ich auf sie loswetterte. Glauben Sie mir, ich war so betroffen, daß ich anfangs gar nicht recht zur Besinnung kommen konnte. Und wissen Sie, der Gedanke an den Tod der Alten verfolgte mich geradezu, selbst in der Nacht hat mir von ihr geträumt. Ich bin natürlich ganz vorurteilsfrei, aber am dritten Tage ging ich doch in die Kirche zum Totenamt. Mit einem Wort: je mehr Zeit drüber verging, um so öfter mußte ich daran zurückdenken. Ich will nicht sagen, daß... aber wenn man es sich mitunter so vergegenwärtigt, kann einem wirklich unbehaglich zumute werden. Die Hauptsache ist natürlich, wie ich mir die Sache nachher selbst zurechtgelegt habe. Erstens, nun ja, es war eine alte Frau, sozusagen eben ein menschliches Wesen. Sie hatte gelebt, lange gelebt, bis sie dann endlich – starb. Sie hatte einst einen Mann, Kinder, eine Familie, Verwandte gehabt, um sie herum war, wie man sagt, volles Leben gewesen, hier ein Kind, dort ein Kind, lachende Gesichter. Und plötzlich – ist alles weg, wie vom Winde fortgeblasen, sie ist allein wie... irgendeine Fliege, die den Fluch der Zeit trägt. Und schließlich, eines schönen Tages ruft Gott der Herr sie zu sich. Bei Sonnenuntergang, an einem schönen stillen Sommerabend schwebt meine Alte zu ihm empor. Doch hier beginnt nun das erzieherische Prinzip: in dem Augenblick, in dem sie ihren Geist aufgibt, steht anstatt eines mitleidigen Menschen, der ihr eine Träne nachweint, ein junger grüner Fähnrich mit in die Seite gestemmten Armen vor ihr und begleitet ihr Hinscheiden mit den charakteristischsten russischen Schimpfwörtern, weil – weil sie seine Suppenterrine behalten hat! Natürlich bin ich als der Schuldige zu verurteilen! Aber wenn ich auch jetzt nach so langen Jahren und infolge der Veränderung, die seitdem mit mir vorgegangen ist, diese ganze Tat gewissermaßen als von einem fremden Menschen begangen betrachte, so reut sie mich doch nichtsdestoweniger tief... So tief, daß es mir sogar, ich wiederhole es, selbst seltsam erscheint, um so mehr als die Schuld doch schließlich nicht mich allein trifft: weshalb mußte sie denn ausgerechnet diesen Augenblick zum Sterben wählen? Selbstverständlich ist hier eine Rechtfertigung möglich: die Tat ist doch in ihrer Art psychologisch zu verstehen! Doch trotzdem konnte ich mich nicht eher darüber beruhigen, als bis ich – vor etwa fünfzehn Jahren – auf den Gedanken kam, in einem Armenhause zeit meines Lebens für zwei alte kranke Frauen den Unterhalt zu zahlen, um ihnen auf diese Weise ihre letzten Tage hier auf Erden etwas zu erleichtern. Jetzt beabsichtige ich, diesem Armenhause ein Kapital zu vermachen, dessen jährliche Zinsen auch weiterhin zum Unterhalt zweier Frauen ausreichen. Nun, und das wäre alles. Wie gesagt, vielleicht habe ich in meinem Leben noch sehr viel Schlechtes getan, doch halte ich – auf Ehrenwort! – diese Handlung für die schlechteste von allen, die ich auf dem Gewissen habe.“

„Und doch haben Euer Exzellenz statt der schlechtesten wahrscheinlich die beste erzählt und somit Ferdyschtschenko betrogen!“ sagte Ferdyschtschenko scheinbar ärgerlich.

„In der Tat, ich hätte nicht gedacht, daß Sie ein so gutes Herz haben; wirklich schade,“ sagte Nastassja Filippowna.

„Schade? Weshalb denn das?“ fragte der General mit liebenswürdigem Lachen im Gesicht und trank darauf nicht ohne Selbstzufriedenheit einen Schluck Champagner. Doch Nastassja Filippowna hatte sich schon von ihm abgewandt.

Jetzt kam die Reihe an Tozkij, der sich inzwischen gleichfalls seine Erzählung zurechtgelegt hatte. Alle fühlten bereits, daß er nicht wie Ptizyn Schweigen vorziehen würde, und aus gewissen Gründen sah man seiner Erzählung nicht ohne Spannung entgegen, während man gleichzeitig auch zu Nastassja Filippowna hinüberblickte. Und so begann denn Tozkij mit der gewohnten Selbstachtung, die seinem gepflegten Äußern vollkommen entsprach, und mit seiner nicht lauten, liebenswürdigen Stimme eine seiner beliebten Geschichten. Bei der Gelegenheit sei hier noch etwas über seine äußere Erscheinung gesagt: er war groß von Wuchs, ganz stattlich, kann man sagen, war ein wenig kahlköpfig, auch ein wenig grau schon – aber nur ein wenig –, ziemlich wohlgenährt, mit frischer Gesichtsfarbe, weichen, etwas hängenden Wangen und mit falschen Zähnen. Gekleidet war er stets sehr elegant, und namentlich seine Wäsche war von wunderbarer Feinheit. Seine Hände waren weiß und wohlgepflegt. Auf dem Zeigefinger der rechten Hand trug er einen kostbaren Brillantring.

Nastassja Filippowna betrachtete während der ganzen Zeit seiner Erzählung unverwandt das Spitzenmuster an ihrem rechten Ärmel, indem sie mit den Fingern der linken Hand die Spitze glatt strich und kein einziges Mal zu dem Erzähler aufschaute.

„Was mir meine Aufgabe vor allem sehr erleichtert,“ begann er langsam, „ist die strikte Vorschrift, unbedingt die häßlichste Tat meines ganzen Lebens wiederzugeben. In solchem Fall kann es, versteht sich, kein Schwanken geben: das Gewissen, das Gedächtnis und das Herz sagen einem von selbst das einzig Richtige. Ich muß zu meinen Kummer gestehen, daß es unter den vielleicht zahllosen leichtsinnigen und... leichtfertigen Handlungen meines Lebens eine gibt, deren Eindruck sich vielleicht sogar etwas allzu tief meinem Gedächtnisse eingeprägt hat. Es wird nun wohl so an die zwanzig Jahre her sein, als ich einmal zu Platon Ordynzeff fuhr, um ihn auf seinem Gut zu besuchen. Er war kurz zuvor einstimmig zum Adelsmarschall erwählt worden, worauf er sich mit seiner jungen Frau für einige Zeit auf sein Gut zurückzog, um daselbst die Weihnachtsfeiertage zu verbringen. In diese Zeit fiel nun auch das Geburtstagsfest Anfissa Alexejewnas – so hieß seine Frau – und es sollten zwei Bälle gegeben werden. Damals war gerade ‚La dame aux camélias‘12 in der höheren Gesellschaft sehr en vogue,13 dieses wundervolle Werk des ausgezeichneten Dumas fils,14 sein chef-d’oeuvre,15 das meiner Ansicht nach nie unmodern werden wird. In der Provinz waren alle Damen ganz begeistert für die Dame aux camélias, oder wenn auch, versteht sich, nicht alle, so doch wenigstens diejenigen, die das Drama gelesen hatten. Der abgerundete Stil der Sprache, die originelle Darstellung der Hauptperson, dieses ganze interessante Milieu, das mit unsäglicher Feinheit wiedergegeben ist, alle diese berückenden Einzelheiten, die man auf jeder Seite findet – wie zum Beispiel die Begründung, weshalb sie abwechselnd weiße und rosa Kamelien wählt – kurz, alle diese glänzenden Details und der Zusammenhang des Ganzen hatten einen nahezu erschütternden Eindruck auf die Damenwelt gemacht, und Kamelien waren die beliebtesten und gesuchtesten Blumen. Es war modern, nur Kamelien zu tragen. Nun frage ich Sie: wieviel Kamelien lassen sich wohl in der Provinz auftreiben, wenn alle Damen zu Bällen nichts anderes wünschen, als Kamelien und Kamelien, selbst wenn es auch nur wenige Bälle gibt? Petjä Worchowskoj, der Arme, hatte sich gerade sterblich in Anfissa Alexejewna verliebt. Wirklich, ich weiß es nicht, ob zwischen ihnen irgend etwas... das heißt, ich will nur sagen, daß ich nicht weiß, ob Petjä sich auch nur die geringsten ernsteren Hoffnungen machen durfte. Doch wie dem auch war, jedenfalls wollte sich der Arme schier zerreißen, um seiner Angebeteten zum Ball Kamelien zu verschaffen. Die Gräfin Ssozkaja, die aus Petersburg eingetroffen war und als Gast bei der Gouverneurin weilte, sowie Ssofja Bespalowa würden, wie verlautete, unfehlbar mit weißen Kamelien erscheinen. Deshalb wünschte nun Anfissa Alexejewna, um abzustechen, dunkelrote Kamelien. Der arme Platon wurde fast zu Tode gehetzt; versteht sich – er war Gatte. Er schwört unter allen Eiden, er werde ihr den gewünschten Strauß bestimmt verschaffen, doch was geschieht? Katherina Alexandrowna Mytischtschewa, die größte Konkurrentin und Feindin Anfissa Alexejewnas, kauft kurz vorher alle Blumen auf! Die Folge waren Weinkrämpfe und Ohnmachtsanfälle im Hause meines Platon. Er ist an allem schuld, ist verhaßt und verfemt! Versteht sich: hätte mein Petjä irgendwo einen Strauß auftreiben können, so wären seine Aussichten bedeutend gestiegen. Die Dankbarkeit einer Frau ist ja in solchen Fällen grenzenlos. Er jagt wie gehetzt von einem zum anderen, aber es war nichts zu wollen: Kamelien gab es nicht mehr. Da begegne ich ihm zufällig noch um elf Uhr abends – der Ball bei Maria Petrowna Subkowa, einer Gutsnachbarin Ordynzeffs, sollte am nächsten Tage stattfinden – und was sehe ich: mein Petjä strahlt! – ‚Was ist denn los?‘ frage ich. – ‚Heureka! Ich habe Kamelien gefunden!‘ – ‚Was du sagst! Wo?‘ – ‚In Jekschaisk (es war dort solch ein Städtchen, kaum zwanzig Werst entfernt, doch gehörte es nicht zu unserem Kreise) lebt ein gewisser Kaufmann Trepaloff, ein alter bärtiger, schwerreicher Mann, lebt ganz einsam mit seiner alten Frau, und da sie keine Kinder haben, haben sie sich Kanarienvögel und Blumen angelegt: der hat rote Kamelien.‘ – ‚Aber deshalb hast du sie doch noch nicht! Wenn er sie dir nun nicht geben will?‘ – ‚Dann werde ich vor ihm niederknien,‘ sagt Petjä, ‚und so lange knien, bis er sie mir gibt. Fahre einfach nicht früher fort.‘ – ‚Wann fährst du hin?‘ – ‚Morgen in aller Frühe um fünf Uhr.‘ – ‚Nun, dann glückliche Reise.‘ Und ich freute mich noch für ihn. Darauf kehre ich zu Ordynzeffs zurück; es ist mittlerweile schon zwei Uhr geworden, ich bin gerade im Begriff, zu Bett zu gehen, da plötzlich – ein großartiger Gedanke! Ich begebe mich unverzüglich nach der Küche, von dort in die Kutscherstube, wecke den Ssawelj – ‚Hier sind fünfzehn Rubel, in einer halben Stunde mußt du die Pferde angeschirrt haben!‘ Nach einer halben Stunde fährt also der Schlitten vor. Anfissa Alexejewna, höre ich, hat Migräne, Fieber, Schmerzen, deliriert! Ich fahre wie der Wind. Um fünf Uhr bin ich in Jekschaisk, warte im Gasthof, bis es tagt, aber auch nur so lange: um sieben bin ich bei Trepaloff. ‚So und so – haben Sie Kamelien?‘ frage ich, ‚Väterchen, dann helfen Sie, retten Sie, werde Ihnen die Hände küssen!‘ Der Alte, sehe ich, ist groß, grau, strenges Gesicht – unerbittlich! ‚Nein, auf keinen Fall,‘ sagt er, ‚ich tue es nicht.‘ Ich, plumps, falle vor ihm auf die Knie nieder. So wie ich stand, ohne weiteres. ‚Was tun Sie, was tun Sie?‘ rief er ganz erschrocken aus, ‚das geht doch nicht!‘ – ‚Aber es handelt sich doch um ein Menschenleben!‘ rufe ich. – ‚Aber so nehmen Sie sie, nehmen Sie sie in Gottes Namen!‘ Er war tatsächlich ganz erschrocken. Ich ließ es mir nicht zweimal sagen und schnitt mir alle Blüten ab. Wundervoll waren sie, eine ganze kleine Orangerie besaß er. Der Alte seufzte nur so. Da zog ich mein Portefeuille hervor und überreichte ihm einen Hundertrubelschein. ‚Nein, mein Bester, das geht nicht, Sie wollen mich doch damit nicht kränken,‘ sagte er. ‚Nun, dann bitte ich Sie, diese hundert Rubel dem hiesigen Hospital zur Verbesserung der Kost zu übergeben.‘ – ‚Ja das, Väterchen, ist eine andere Sache,‘ sagte er, ‚das ist eine gute und edle und Gott wohlgefällige Tat. Ich werde das Geld in Ihrem Namen übergeben.‘ Er gefiel mir sehr, dieser russische alte Mann, dieser autochthone Russe, de la vraie souche,16 wie man zu sagen pflegt. In der Freude über den gelungenen Streich machte ich mich unverzüglich auf den Rückweg, doch fuhren wir diesmal auf Umwegen, um Petjä nicht zu begegnen. Kaum war ich angelangt, da übersandte ich das Bukett auch schon Anfissa Alexejewna, damit sie es beim Erwachen vorfände. Nun, Sie können sich diese Überraschung, diese Freude, diese Dankbarkeit vorstellen! Platon, der tags zuvor noch ganz zerschlagene, verzweifelte, vernichtete Platon schluchzt an meiner Brust: Tja! So sind nun einmal alle Männer seit der Schöpfung... der Ehe. Ich wage nichts mehr hinzuzufügen... Der arme Petjä aber verlor nach dieser Episode seine letzten Aussichten. Ich befürchtete anfangs, daß er sich mit einem Messer auf mich stürzen würde, und ich traf bereits einige Maßregeln für den Fall, daß ich ihm begegnen sollte. Doch nein, es kam ganz anders – und diese Wendung der Dinge hatte ich nicht vorausgesehen und ich wollte es kaum glauben: er fiel in Ohnmacht! Am Abend phantasierte er bereits, am nächsten Morgen hatte er hohes Fieber, weinte wie ein kleines Kind, wand sich fast in Krämpfen. Nach einem Monat, kaum aus dem Bett, bat er um seine Versetzung nach dem Kaukasus – und die Sache endete damit, daß er schließlich in der Krim fiel. Sein Bruder, Stepan Worchowskoj, zeichnete sich damals im Krimkriege als Oberst ganz besonders aus. Offen gestanden, mich haben nachher oft genug Gewissensbisse gemartert: weshalb hatte ich ihm das angetan? Ich will nicht sagen, wenn ich selbst in sie verliebt gewesen wäre, aber so! Es sollte nur ein Scherz sein, pour faire la cour,17 und weiter nichts. Hätte ich dagegen nicht vor ihm die Kamelien dem Alten fortgenommen, so würde der Mensch noch heute leben, wäre glücklich, hätte es weit gebracht, und es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, sich türkischen Kugeln auszusetzen.“

Tozkij verstummte mit derselben soliden Würde, mit der er seine Erzählung begonnen hatte. Die Gäste bemerkten nur, daß Nastassja Filippownas Augen ganz besonders dunkel wurden und blitzten, und ihre Lippen sogar ein wenig zuckten, als Tozkij geendet hatte. Neugierig blickte man sie beide an.

„Nein, das ist wiederum Betrug! Sie haben gleichfalls Ferdyschtschenko betrogen! Ganz mordsmäßig haben Sie mich betrogen!“ beteuerte Ferdyschtschenko und spielte den Gekränkten; denn er fühlte, daß man doch etwas sagen mußte.

„Wer hat Sie geplagt, sich dem auszusetzen? Behalten Sie jetzt die Lehre, die Ihnen Klügere erteilt haben, und seien Sie ein anderes Mal selbst klüger,“ schnitt ihm fast triumphierend Darja Alexejewna das Wort ab. Sie hielt von jeher treu zu Tozkij, dem sie sehr zugetan war.

„Sie hatten recht, Afanassij Iwanowitsch, das Spiel ist sehr langweilig, wir wollen es abbrechen,“ sagte Nastassja Filippowna in wegwerfendem Tone. „Ich werde nur noch erzählen, was ich versprochen habe, und dann können wir gehen und Karten spielen...“

„Aber zuerst unbedingt das Versprochene!“ sagte der General galant.

„Fürst,“ wandte sich plötzlich und ganz unerwartet Nastassja Filippowna schroff an Myschkin, „meine beiden alten Freunde da, der General und Afanassij Iwanowitsch, wollen mich durchaus verheiraten. Sagen Sie mir nun, was Sie für richtiger halten: soll ich heiraten oder soll ich nicht heiraten? Was Sie sagen, das werde ich tun.“

Tozkij erbleichte und die Miene des Generals erstarrte. Alle rissen die Augen auf und hoben die Köpfe. Ganjä wurde es eiskalt.

„Wen... wen heiraten?“ fragte der Fürst mit stockender Stimme.

„Gawrila Ardalionytsch Iwolgin,“ antwortete Nastassja Filippowna schroff und fest – jede Silbe war deutlich zu vernehmen.

Alles schwieg. Der Fürst schien wie unter einer erdrückenden Last nach Worten zu ringen.

„N–nein!... heiraten Sie nicht!“ stieß er endlich mit Mühe leise hervor, und er atmete tief.

„Schön, dabei bleibt es jetzt! Gawrila Ardalionytsch!“ wandte sie sich herrisch und gleichsam erhaben an Ganjä. „Sie haben die Entscheidung des Fürsten gehört? Nun, damit haben Sie auch meine Antwort. Und, bitte, jetzt die Angelegenheit ein für allemal als abgetan zu betrachten!“

„Nastassja Filippowna!“ stieß Tozkij mit zitternder Stimme hervor.

„Nastassja Filippowna!“ sagte in beschwörendem, doch erregtem Tone der General.

Alles geriet in Aufregung und eine unruhige Bewegung ging durch die ganze Gesellschaft.

„Aber was wollen Sie denn, meine Herrschaften?“ wunderte sie sich gleichsam, mit fragendem Blick die Anwesenden messend. „Weshalb regen Sie sich denn so auf? Und was für Gesichter Sie machen!“

„Aber... bedenken Sie doch, Nastassja Filippowna,“ stotterte Tozkij, „Sie vergessen, daß Sie uns versprochen haben... und zwar ganz freiwillig, und... Sie müssen doch auch etwas Rücksicht nehmen... Ich... ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll... ich bin ganz verwirrt, aber... Kurzum, heute abend, in einem solchen Augenblick und... und in Gegenwart fremder Menschen... und mit einem solchen Petit-jeu eine so ernste Sache zu erledigen, eine Ehren-und Herzenssache... von der so viel abhängt...“

„Ich verstehe Sie nicht, Afanassij Iwanowitsch, Sie scheinen allerdings ganz verwirrt zu sein. Was wollen Sie damit sagen ‚in Gegenwart fremder Menschen‘? Befinden wir uns denn nicht in bester, intimer Gesellschaft? Und was haben Sie an dem ‚Petit-jeu‘ auszusetzen? Ich wollte doch gleichfalls etwas zum besten geben – ist es mir denn nicht erlaubt? Und warum sagen Sie, daß es nicht ernst sei? Ist denn das kein Ernst? Sie haben doch gehört, wie ich zum Fürsten sagte: ‚Was Sie sagen, das werde ich tun‘. Hätte er ja gesagt, so würde ich sofort dieselbe Antwort auch Gawrila Ardalionytsch gegeben haben; er aber sagte nein, und folglich sagte ich ab. Ist denn das kein Ernst? Hier hing doch mein ganzes Leben an einem Haar, was kann es denn noch Ernsteres geben?“

„Aber der Fürst! – was hat denn der Fürst damit zu tun? Und was ist denn schließlich dieser Fürst?“ fiel der General ärgerlich ein, fast schon außerstande, seinen Unwillen über diese ihn kränkende plötzliche Autorität des Fürsten zu verbergen.

„Der Fürst? Er ist der erste mir wirklich zugetane Mensch, dem ich in meinem Leben begegnet bin. Er hat auf den ersten Blick an mich geglaubt, und so glaube ich auch an ihn.“

„Ich habe dann nur noch Nastassja Filippowna meinen Dank auszusprechen, für das außerordentliche Zartgefühl, mit dem sie... mich behandelt hat,“ sagte endlich mit unsicherer Stimme und verzerrt lächelnden Lippen Ganjä, der wächsern bleich war. „Das hat selbstverständlich alles so kommen müssen, es ist ja nicht mehr wie recht und billig... Doch... der Fürst... ist in dieser Angelegenheit...“

„Nicht ganz unparteiisch und hat es wohl auf die Fünfundsiebzigtausend abgesehen, wie?“ unterbrach ihn Nastassja Filippowna. „Das war’s doch wohl, was Sie sagen wollten? Leugnen Sie es nicht, ich weiß, daß Sie gerade das anzudeuten beabsichtigen, Afanassij Iwanowitsch! Ich habe ganz vergessen, Ihnen noch eines zu sagen: diese fünfundsiebzigtausend Rubel behalten Sie in aller Ruhe und vernehmen Sie, daß ich Sie unentgeltlich freigebe. So, und jetzt Schluß damit! Auch Sie muß man doch einmal aufatmen lassen! Neun Jahre und drei Monate! Morgen – beginnt mein neues Leben, heute aber bin ich noch das Geburtstagskind und gehöre mir selbst – zum erstenmal in meinem Leben! Iwan Fedorowitsch!“ wandte sie sich an den General, „auch Sie, nehmen Sie Ihre Perlen zurück, schenken Sie sie Ihrer Frau Gemahlin. Und morgen ziehe ich aus, ich verlasse diese Wohnung. Abendversammlungen wird es nicht mehr bei mir geben, meine Herren!“

Und sie erhob sich plötzlich, als wollte sie fortgehen.

„Nastassja Filippowna! Nastassja Filippowna!“ ertönte es von allen Seiten.

Alle erhoben sich von ihren Plätzen und umdrängten sie erschrocken durch ihre erregten, nervösen, wie im Fieber wirr phantasierten Worte. Ein jeder empfand, daß etwas nicht ganz in Ordnung war, und doch vermochte niemand zu verstehen, was diese ihre Stimmung zu bedeuten hatte.

Da ertönte plötzlich schrill und laut die Glocke im Vorzimmer. Es mußte mit aller Kraft am Klingelzuge gezogen worden sein.

„A–a–ah! Da ist die Lösung! Endlich! Halb zwölf!“ rief Nastassja Filippowna. „Ich bitte Sie, Platz zu nehmen, meine Herren, jetzt kommt die Lösung!“

Sie kehrte zu ihrem Platz zurück und setzte sich selbst als erste. Ein eigentümliches Lächeln zitterte auf ihren Lippen. In fieberhafter Erregung saß sie regungslos und sah auf den zugezogenen Vorhang der Tür.

„Rogoshin mit den Hunderttausend, zweifellos,“ brummte Ptizyn.

XV

Ganz erschrocken trat die Zofe ins Zimmer.

„Dort sind weiß Gott wer, Nastassja Filippowna, eine ganze Bande ist eingedrungen, und alle sind betrunken, und sie wollen hierher kommen! Sie sagen, es sei Rogoshin, und Sie wüßten schon selbst...“

„Ich weiß, Katjä, laß sie sogleich alle herein.“

„Aber... wie, alle, Nastassja Filippowna? Sie sind doch so unanständig! Ganz schrecklich!“

„Ja, laß alle herein, Katjä, du brauchst dich nicht zu fürchten, alle ohne Ausnahme, sonst werden sie auch ohne dich eintreten. Da, wie sie schon lärmen, ganz wie vorhin! Meine Herren, wird es Sie nicht kränken, daß ich diese ganze Schar in Ihrer Gegenwart empfange? Das täte mir sehr leid. Ich bitte Sie um Entschuldigung, aber es muß sein, und ich würde es sehr gern sehen, wenn Sie einwilligten, Zeugen dieses entscheidenden Augenblicks zu sein... Doch übrigens, ganz wie Sie wollen...“

Die Gäste wußten vor Überraschung nicht, was sie tun sollten: sie sahen sich gegenseitig fragend an, wunderten sich, hier und da wurden wohl auch schnell und besorgt ein paar Worte geflüstert, – doch klar war nur eines: daß Nastassja Filippowna diesen Besuch vorausgesehen hatte, und daß, von Sinnen wie sie war, niemand sie mehr von der Ausführung ihres Vorhabens ablenken konnte. Hinzu kam, daß alle von unsäglicher Neugier erfaßt wurden. Und schließlich war ja nicht viel zu befürchten. Von Damen befanden sich nur zwei unter den Gästen: die lebhafte Darja Alexejewna, die als Schauspielerin schon so manches erlebt hatte und deshalb auch schwer einzuschüchtern war; und dann die schöne, doch schweigsame Unbekannte – diese begriff jedoch kaum etwas von dem, was um sie herum vorging: sie war eine zugereiste Deutsche und verstand kein Wort Russisch. Außerdem war sie allem Anscheine nach ebenso dumm wie hübsch. Es war nun einmal zur Gewohnheit geworden, sie als Dekorationsstück einzuladen. Was aber die Herren betraf, so war Ptizyn z. B. ein guter Bekannter von Rogoshin, und Ferdyschtschenko gar, der fühlte sich in dieser Gesellschaft wie ein Fisch im Wasser. Ganetschka war immer noch wie betäubt, empfand aber, wenn auch halb unbewußt, so doch um so unbezwingbarer das heiße Verlangen, bis zum Ende an seinem Pranger stehen zu bleiben. Der alte Lehrer, der ebenfalls begriff, um was es sich handelte, war dem Weinen nahe und zitterte buchstäblich vor Angst, da ihn die allgemeine Erregung und der ungewohnte Zustand Nastassja Filippownas, die er wie seine Enkeltochter vergötterte, aufrichtig erschreckte. Nein, der wäre eher gestorben, als daß er sie in einem solchen Augenblick verlassen hätte. Tozkij dagegen hätte sich sonst nie und nimmer so kompromittiert, daß er mit dieser „Kohorte“ unter einem Dach verweilte, nur war er leider gar zu sehr bei der Sache interessiert: Nastassja Filippowna hatte da einige Worte fallen lassen, nach denen er unmöglich so einfach wegfahren konnte, ohne sich vorher in der ganzen Sache Klarheit verschafft zu haben. Er beschloß also, gleichfalls bis zum Ende auszuharren, wenn auch, wie er sich vornahm, nur als völlig stummer Beobachter, was er der Wahrung seiner Würde durchaus schuldig zu sein glaubte. Nur Jepantschin, den Nastassja Filippowna noch vor einem Augenblick durch die so unzeremonielle und lächerliche Rückgabe seines Geschenks beleidigt hatte, fühlte sich durch diese neue Exzentrizität, den Empfang Rogoshins, gar zu sehr gekränkt. Überdies hatte er sich für sein Empfinden ja ohnehin schon dadurch unglaublich erniedrigt, daß er neben einem Ptizyn und einem Ferdyschtschenko gesessen. Doch was die Macht der Leidenschaft verschuldet hatte, das mußte jetzt schleunigst das Pflichtgefühl, wollte er sich seines Ranges und seiner gesellschaftlichen Stellung nicht unwürdig zeigen, gutmachen; denn sonst hätte er seine ganze Selbstachtung eingebüßt. Nein, Rogoshin und dessen Kohorte waren mit der Anwesenheit Seiner Exzellenz unvereinbar!

„Ach, Exzellenz,“ besann sich auch sogleich Nastassja Filippowna, kaum daß er einen Schritt auf sie zugetreten war, „verzeihen Sie meine Vergeßlichkeit! Sie können mir glauben, daß ich es nicht anders erwartet habe. Wenn es Ihnen so entwürdigend erscheint, so werde ich Sie nicht zurückhalten, obschon ich gerade Sie jetzt sehr gern bei mir sehen würde. Nun, jedenfalls danke ich Ihnen sehr für Ihre freundlichen Besuche und die schmeichelhafte Aufmerksamkeit... doch wenn Sie fürchten...“

„Erlauben Sie, Nastassja Filippowna,“ unterbrach sie der General mit galanten Eifer in einem Anfall ritterlicher Großmut, „zu wem sagen Sie das? Ich werde jetzt unbedingt bei Ihnen bleiben, schon allein zum Beweis meiner Ergebenheit, und zudem, falls Ihnen eine Gefahr drohen sollte... Ich bin sogar außerordentlich gespannt... Im Gegenteil, ich meinte nur, ich wollte Sie nur darauf aufmerksam machen, daß diese Leute doch nur die Teppiche ruinieren und dies oder jenes zerschlagen könnten... Wirklich, Nastassja Filippowna, tun Sie es lieber nicht, empfangen Sie sie lieber nicht – ich rate Ihnen gut! Wozu auch?“

„Da! Rogoshin selbst!“ rief Ferdyschtschenko.

„Was meinen Sie, Afanassij Iwanowitsch,“ flüsterte der General noch schnell seinem Freunde Tozkij zu, „sollte sie nicht irrsinnig geworden sein? ich meine es ohne jede Symbolik – ganz realiter irrsinnig? was meinen Sie?“

„Ich habe Ihnen doch gesagt, daß sie von jeher dazu disponiert gewesen ist,“ flüsterte Tozkij ironisch zurück.

„Und jetzt noch die Influenza...“

Rogoshins Rotte bestand fast aus denselben zweifelhaften Individuen, mit denen er schon bei Ganjä eingedrungen war. Hinzugekommen waren nur noch zwei: ein heruntergekommener Alter, der seinerzeit Redakteur gewesen war – Herausgeber irgendeines kleinen skandalösen Lokalblattes, das ausschließlich polemische Artikel brachte – und von dem man sich erzählte, daß er seine ganze Habe und sogar sein falsches Gebiß vertrunken habe; und dann noch irgendein verabschiedeter Unterleutnant, der in jeder Beziehung, sowohl dem Gewerbe, wie der Bestimmung nach, ein Gegner und Konkurrent des Riesen mit den Fäusten zu sein schien, und den kein einziger der Rogoshinschen Rotte kannte. Er hatte sich ihnen auf dem Newskij angeschlossen, wo er täglich auf der Sonnenseite die Vorübergehenden in hochtrabenden Reden um eine „Unterstützung“ anging, und zwar gewöhnlich mit der Begründung, daß er einst selbst Bettlern „an die fünfzehn Rubel“ gegeben habe. Beide Konkurrenten verhielten sich sofort feindlich zueinander, ja, der Herr mit den Fäusten fühlte sich durch die Aufnahme des „Bettlers“ in die „Kompagnie“ direkt beleidigt, und da er von Geburt schweigsam war, brummte er nur wie ein Bär und blickte mit tiefster Verachtung auf die Einschmeichelungsversuche des andern herab, der ziemlich weltgewandt und diplomatisch veranlagt zu sein schien. Dem Äußern nach zu urteilen, hätte der Unterleutnant, wenn es zu einem Kampf zwischen ihnen gekommen wäre, es mehr mit Gewandtheit und Geschick als mit Kraft versuchen müssen, so viel kleiner als der Faustmensch war er von Wuchs. Vorsichtig, ohne sich in offenen Streit einzulassen, und dabei doch unendlich selbstbewußt, hatte er schon ein paarmal die Vorzüge des englischen Faustkampfes angedeutet, und daß er selbst ein Meister in der „Boxkunst“ sei. Kurzum, er schien sich als waschechten Westeuropäer aufspielen zu wollen. Der Faustmensch dagegen hatte bei dem Worte „Boxkunst“ nur ein verächtliches Lächeln für den Gegner übrig gehabt und seinerseits, gleichfalls offenen Widerspruch vermeidend, schweigend und halb wie aus Versehen ein äußerst nationales Attribut – eine riesige, sehnige, förmlich verknotete und mit rötlichem Flaum bedeckte Faust – hin und wieder vorgeschoben. Allen ward es denn auch ohne weiteres klar, daß, wenn diese ultranationale Keule gutgezielt auf einen Gegenstand herabsauste, nur noch ein nasser Fleck von diesem übrigbleiben würde.

„Fertige“, in des Wortes buchstäblicher Bedeutung, gab es wiederum keinen einzigen unter ihnen; denn Rogoshin hatte selbst die ganze Zeit über streng darauf achtgegeben, daß sie sich nicht betranken. Mußte er doch, was es auch kosten mochte, noch vor Mitternacht mit hunderttausend Rubeln bei Nastassja Filippowna erscheinen! Er selbst war inzwischen vollkommen nüchtern geworden, doch dafür war er jetzt wie betäubt von all den Aufregungen dieses Tages, dem an Wildheit kein einziger seines früheren Lebens gleichkam. Nur ein einziger Gedanke lebte in seinem glühenden Hirn, seinem klopfenden Herzen, seinem ganzen rasenden Wesen, und der verließ ihn keine Minute, keinen Augenblick. Nur für dieses eine quälte er sich, sprach, dachte, arbeitete er rastlos von fünf Uhr nachmittags bis elf Uhr nachts in verzehrendem Verlangen und zitternder Aufregung, während er mit Biskup und Konsorten, die sich im Eifer für ihn fast zerrissen, das Geld zusammenscharrte. Und er hatte seinen Willen durchgesetzt: noch vor elf Uhr nachts hatte er hunderttausend Rubel in barem Gelde aufgetrieben – für Prozente, von deren Höhe selbst Biskup aus Schamgefühl nur flüsternd mit seinen Genossen sprach.

Wieder war es Rogoshin, der als erster eintrat, und dem sich dann die anderen nachschoben, was sie trotz des vollen Bewußtseins ihrer Macht doch etwas schüchtern taten. Am meisten fürchteten sie sich vor Nastassja Filippowna. Viele waren sogar fest überzeugt, daß sie allesamt die Treppe hinunterbefördert werden würden. Dieser Meinung war unter anderen auch der Stutzer und Herzensbesieger Saljosheff. Die anderen jedoch, und zu denen gehörte vor allen der Faustmensch, empfanden, wenn sie es auch nicht in ihren Worten äußerten, in ihrem Herzen nur tiefste Verachtung und sogar Haß für Nastassja Filippowna und gingen zu ihr, wie man zu einem Werk der Zerstörung zieht. Doch siehe, die kostbare Ausstattung der ersten zwei Zimmer, die vielen nie gesehenen, ihnen ganz märchenhaft erscheinenden Dinge, die Gemälde an den Wänden, die Portieren, die weiße Mamorstatue der Venus von Milo – alles das machte einen niederdrückenden Eindruck auf die Schar und flößte ihnen beinahe Furcht ein. Aber das hinderte sie natürlich nicht, sich allmählich immer weiterzuschieben und trotz aller Furchtsamkeit mit frecher Neugier sich hinter Rogoshin auch in den Salon hineinzudrängen. Als sie jedoch plötzlich unter den Gästen den General erblickten, durchfuhr sie wiederum ein unbehagliches Gefühl, und einige von ihnen, voran der Faustmensch und der Boxkünstler, begannen eingeschüchtert ins andere Zimmer zurückzudrängen. Nur Lebedeff, der am meisten seiner Stimmung „nachgeholfen“ hatte, hielt sich dicht neben Rogoshin; denn er wußte, was es heißt, ein Kapital von einer Million vierhunderttausend Rubeln zu besitzen und hunderttausend bar in der Hand zu halten. Übrigens waren sie alle – selbst der Kenner Lebedeff nicht ausgeschlossen – etwas unsicher in der Beurteilung ihrer Macht: und ob ihnen denn jetzt auch wirklich alles oder nur manches erlaubt war? Lebedeff war in manchem Augenblick zum heiligsten Schwur bereit, daß ihnen alles, entschieden alles erlaubt sei; doch empfand er in anderen Augenblicken wiederum das beunruhigende Bedürfnis, sich auf alle Fälle einzelne vornehmlich beruhigende Paragraphen des Zivilgesetzes zu vergegenwärtigen.

Auf Rogoshin selbst machte die kostbare Einrichtung der Wohnung Nastassja Filippownas einen ganz anderen Eindruck als auf seine Begleiter: sie bewirkte bei ihm gerade das Gegenteil. Kaum hatte er die Portieren zurückgeschlagen und Nastassja Filippowna erblickt, als alles andere für ihn zu existieren aufhörte, ganz wie auch schon vorher in der Wohnung Ganjäs, nur daß es diesmal noch erschütternder geschah. Er erbleichte und blieb stehen, und man erriet, daß sein Herz unerträglich schlug. Scheu und wie geistesabwesend sah er Nastassja Filippowna ein paar Sekunden lang an, ohne den Blick von ihr loszureißen. Plötzlich – es war, als hätte er die Besinnung verloren – schritt er fast wankend näher zum Tisch... unterwegs stieß er an Ptizyns Stuhl und trat der hübschen Deutschen mit seinen schmutzigen, derben Stiefeln auf die spitzenbesetzte Schleppe ihrer kostbaren, hellblauen Abendtoilette... weder entschuldigte er sich, noch schien er es bemerkt zu haben. Vor dem Tisch blieb er stehen und legte einen Gegenstand auf ihn hin, den er schon beim Eintritt in den Händen gehalten hatte – vor sich in beiden Händen. Es war ein Paket von etwa drei Zoll Höhe und vier Zoll Länge, in ein Blatt der Börsenzeitung fest eingewickelt und mehrmals kreuzweise mit einer Schnur fest umbunden, einer Schnur, von der Art, wie sie um Zuckerhüte gebunden zu sein pflegt. Und nachdem er das Paket hingelegt hatte, trat er mechanisch wieder einen Schritt zurück, seine Hände sanken herab und stumm blieb er stehen, als erwarte er sein Urteil. Er war in denselben Kleidern wie vorhin, nur um den Hals hatte er ein ganz neues seidenes Halstuch – grün mit Rot – das vorn mit einer großen Brillantnadel, die einen Käfer darstellte, festgesteckt war; und an dem schmutzigen Finger seiner rechten Hand trug er einen massiv goldenen Ring, gleichfalls mit einem großen Brillanten. Lebedeff war drei Schritte vom Tisch stehen geblieben. Von den übrigen hatten sich nur wenige in den Salon gewagt. Katjä und Pascha, Nastassja Filippownas Zofen, sahen erschrocken und erstaunt hinter der Portiere einer anderen Tür hervor.

„Was ist das?“ fragte Nastassja Filippowna, nachdem sie aufmerksam und lebhaft Rogoshin betrachtet hatte, mit dem Blick auf das Paket in Zeitungspapier weisend.

„Hunderttausend!“ antwortete jener fast flüsternd.

„Ah, er hat sein Wort gehalten, nicht übel! Bitte, – nehmen Sie Platz, dort auf jenem Stuhl. Ich werde Ihnen später etwas sagen. Wer ist dort noch? Die ganze Gesellschaft vom Nachmittag? Nun, mögen sie hereinkommen und sich setzen. Dort auf dem Sofa ist noch Platz, und auch dort auf jener Chaiselongue. Dort sind noch zwei Sessel... wie, Sie wollen nicht?“

In der Tat waren einige der Menschen verlegen geworden und zogen sich immer mehr ins andere Zimmer zurück, um dort den Verlauf der Dinge abzuwarten. Andere jedoch blieben im Salon und nahmen nach der Aufforderung auch wirklich Platz, nur taten sie es möglichst fern vom Tisch und bevorzugten namentlich die dunkleren Ecken. Einige hätten sich immer noch lieber gedrückt. Einzelne wiederum gewannen erstaunlich schnell ihren Mut zurück, der dann zusehends wuchs. Rogoshin hatte sich gleichfalls auf dem ihm angewiesenen Stuhle niedergelassen; doch erhob er sich bald wieder, um sich dann nicht mehr zu setzen. Allmählich begann er auch die Gäste, gleichsam jetzt erst, zu bemerken. Als er Ganjä erblickte, lächelte er höhnisch und sagte nur halblaut ein spöttisches „Seht doch!“ Den General und Tozkij sah er ohne jede Verwirrung und sogar ohne jedes besondere Interesse an. Als er jedoch neben Nastassja Filippowna den Fürsten erblickte, konnte er vor Erstaunen lange den Blick nicht von ihm abwenden, ganz als wäre er nicht imstande gewesen, sich über diese Begegnung Rechenschaft abzulegen. Man konnte glauben, daß er, wenigstens in manchen Augenblicken, ganz benommen war, wie ein wachend Träumender; denn abgesehen von allen Erschütterungen dieses Tages, hatte er die letzte Nacht auf der Reise zugebracht und nun wohl schon zwei Nächte nicht geschlafen.

„Das hier, meine Herren, sind hunderttausend Rubel,“ sagte Nastassja Filippowna, sich mit einer geradezu fieberhaft ungeduldigen Herausforderung an die Anwesenden wendend, „hier in diesem schmutzigen Zeitungspapier. Vorhin bei Ganetschka rief er plötzlich wie ein Irrsinniger aus, daß er mir noch heute abend hunderttausend Rubel bringen werde, und ich habe ihn hier die ganze Zeit erwartet. Er wollte mich nämlich kaufen: zuerst bot er mir achtzehntausend, dann sprang er plötzlich auf vierzig, und dann – auf die hundert hier. Er hat also sein Wort gehalten! Pfui, wie bleich er geworden ist!... Das geschah vorhin bei Ganetschka: ich war zu ihm hingefahren, um seiner Mutter einen Besuch zu machen und meine zukünftigen Verwandten kennen zu lernen; doch seine Schwester schrie mir ins Gesicht: ‚Ist denn niemand hier, der diese Unverschämte hinausweist!‘ worauf sie ihrem Brüderchen Ganetschka ins Gesicht spie. Ja, ein charaktervolles Mädchen ist sie, das muß man ihr lassen!“

„Nastassja Filippowna!“ sagte der General vorwurfsvoll. Er begann zu begreifen, was hier vor sich ging – allerdings nur auf seine Art.

„Wie beliebt? Unanständig, was? Ach, Exzellenz, lassen wir doch die Maske fallen! Daß ich im französischen Theater wie eine unnahbare Beletagentugend saß und alle, die sich fünf Jahre lang um mich bewarben, wie eine Wilde floh und dabei die Miene einer stolzen Unschuld aufsetzte, – das waren ja doch alles nur Albernheiten! Da, da steht jetzt vor Ihnen einer, der hunderttausend auf den Tisch geworfen hat, nach fünf Jahren Unschuld! – und sicher hat er schon seine Troiken bereit, die nur auf mich warten. Auf hunderttausend hat er mich geschätzt! Ganetschka, ich sehe, du bist mir immer noch böse? Ja, wolltest du mich denn wirklich in deine Familie einführen? Mich, die so eine für einen Rogoshin ist!? Was sagte doch der Fürst vorhin?“

„Ich habe nicht gesagt, daß Sie... so eine seien, denn Sie sind es nicht!“ sagte der Fürst mit bebender Stimme.

„Nastassja Filippowna, laß gut sein, Täubchen, hör’, was ich sage, Täubchen,“ mischte sich plötzlich Darja Alexejewna ein, die sich nicht mehr bezwingen konnte, „wenn sie dich so ärgern, wozu läßt du sie dann hier sitzen? Willst du denn wirklich mit solch einem gehen, und wenn auch für hunderttausend! Nun ja, hunderttausend – sieh mal an! Ach was! – nimm die hunderttausend und ihn setz’ vor die Tür! Siehst du, so springt man mit solchen Leuten um! Weiß Gott, ich an deiner Stelle würde sie alle... nein wirklich, was soll denn das!“

Darja Alexejewna ärgerte sich aufrichtig. Sie war eine gute und eindrucksfähige Seele.

„Aber so ärgere dich doch nicht, Darja Alexejewna,“ beruhigte Nastassja Filippowna sie lächelnd. „Ich habe ihm damit doch nichts Böses sagen wollen. Habe ich ihm denn Vorwürfe gemacht? Ich kann wirklich nicht verstehen, wie ich auf diesen albernen Einfall gekommen bin, in eine anständige Familie einzudringen. Ich habe auch seine Mutter gesehen und ihr die Hand geküßt. Daß ich mich aber so bei dir aufführte, Ganetschka, das tat ich ja nur, um einmal zu sehen, wozu du fähig bist. Nun, du hast mich in Erstaunen gesetzt, das muß ich sagen! Auf vieles war ich gefaßt, auf das aber doch nicht! Hättest du mich denn wirklich genommen, nachdem du gesehen, daß der General mir ein so kostbares Geschenk macht und ich es fast am Tage vor der Trauung mit dir annehme? Und dann noch Rogoshin! Der hat doch in deinem Hause in Gegenwart deiner Mutter und Schwester mich zu kaufen versucht, du aber bist trotzdem als Bewerber gekommen und hast beinahe noch deine Schwester mitgebracht! Ist es denn wirklich wahr, was Rogoshin von dir sagt, daß du für drei Rubel auf allen vieren bis zum Wassiljewskij Prospekt kriechst?“

„Sicher!“ sagte plötzlich Rogoshin halblaut vor sich hin, doch in einem Tone, aus dem felsenfeste Überzeugung sprach.

„Ich würde nichts sagen, wenn du dem Hungertode nahe wärst, aber du bekommst doch, soviel ich weiß, ein gutes Gehalt! Und obendrein, außer der Schande, hättest du ja dann eine verhaßte Frau in dein Haus einführen müssen! – denn du haßt mich doch, das weiß ich. Nein, jetzt glaube ich es, daß so einer wie du für Geld Menschen erdrosselt! Hat sie doch heutzutage alle eine solche Geldgier ergriffen, daß sie förmlich von Sinnen zu sein scheinen – so werden sie von der Habsucht beherrscht. Unreife Jungen wollen Wucherer sein! Oder sie umwickeln die Rasiermesserachse mit einem dicken Seidenfaden, damit das Messer feststeht, und schleichen dann hinterrücks an den Freund heran und schlachten ihn wie einen Hammel, wie ich vor kurzem noch gelesen habe. Ein Schamloser bist du, Ganjä! Auch ich bin eine Schamlose, du aber bist es noch hundertmal mehr. Von diesem Blumenbesorger da will ich schon gar nicht reden...“

„Sind Sie das, Nastassja Filippowna, sind denn Sie das!“ rief der General aus, in aufrichtigem Staunen die Hände erhebend. „Sie, die Sie so zartfühlend sind, so vornehm denken, – und nun! Welch eine Sprache! Was für Worte!“

„Ich bin jetzt im Rausch, Exzellenz!“ lachte plötzlich Nastassja Filippowna auf, „ich will durchgehen! Heute ist mein Tag, mein Jahrestag, mein Schaltjahr! Ich habe lange genug darauf gewartet! Darja Alexejewna, siehst du den Bukettherrn dort, jenen Monsieur aux camélias,18 da sitzt er und lacht über uns...“

„Ich lache nicht, Nastassja Filippowna, ich höre nur mit größter Aufmerksamkeit zu,“ versetzte Tozkij würdevoll.

„Nun, sag’ doch, wozu habe ich ihn wohl ganze fünf Jahre lang gequält und nicht von mir fortgelassen? War er denn das wert? Er ist doch nur so, wie er sein muß... Er kann ja schließlich noch schuldige Dankbarkeit von mir verlangen: er hat mich doch erziehen lassen, hat mich wie eine Gräfin ausgestattet und Geld, – Gott! – wieviel Geld er für mich ausgegeben hat! Schon dort hat er für mich einen ehrenwerten Mann gesucht und hier schließlich Ganetschka gefunden. Und was glaubst du wohl: ich habe in diesen fünf Jahren nicht mit ihm gelebt und dabei doch Geld von ihm angenommen und noch obendrein geglaubt, ich hätte ein Recht dazu! Ich hatte mich ja selbst ganz irre gemacht. Du sagst, nimm die hunderttausend und jage ihn fort, wenn es dich anekelt. Es ist wahr, es ekelt mich an... Ich hätte ja schon längst heiraten können, und noch ganz andere als Ganetschka, aber es war doch zu ekelhaft. Und wozu habe ich nun meine fünf Jahre verloren! Aber wirst du’s mir glauben, vor etwa vier Jahren dachte ich eine Zeitlang daran, ob ich nicht schließlich wirklich noch meinen Afanassij Iwanowitsch heiraten sollte! Aus Haß dachte ich daran – als ob ich wenig Einfälle gehabt hätte! Und glaub’ mir, ich hätte es auch durchgesetzt! Er hat sich mir ja selbst angetragen, kannst du dir das vorstellen? Freilich tat er es nicht aus Liebe, aber er war doch gar zu erpicht, konnte es nicht aushalten. Da überlegte ich es mir aber noch zum Glück und dachte: Ist er denn solcher Bosheit überhaupt wert, lohnt es sich denn? Und da wurde er mir plötzlich so ekelhaft, daß ich ihn, selbst wenn er allen Ernstes um mich angehalten hätte, für keinen Preis genommen haben würde. Und so habe ich es die ganzen fünf Jahre getrieben! Nein, lieber auf die Straße, wohin ich ja doch sowieso gehöre! Entweder mit Rogoshin in Saus und Braus, oder ich werde morgen noch Wäscherin! Denn ich habe ja doch nichts, mir gehört ja nichts! Wenn ich fortgehe, werfe ich ihm alles hin, alles, alles, auch den letzten Lappen; ohne alles aber wird mich ja doch niemand nehmen, frag mal Ganjä! Nicht einmal Ferdyschtschenko würde mich nehmen!“

„Ferdyschtschenko würde Sie vielleicht auch nicht nehmen, Nastassja Filippowna, ich bin ein aufrichtiger Mensch,“ unterbrach sie Ferdyschtschenko, „dafür aber würde der Fürst Sie nehmen! Da sitzen Sie und klagen, aber schauen Sie doch nur auf den Fürsten! Ich beobachte ihn schon lange...“

Nastassja Filippowna wandte sich neugierig brüsk zum Fürsten und sah ihn an.

„Ist das wahr?“ fragte sie.

„Ja,“ sagte der Fürst.

„Sie würden mich so nehmen, wie ich bin, ohne alles?“

„Ich würde Sie so nehmen, Nastassja Filippowna...“

„Da haben wir die Geschichte!“ stieß der General hervor. „Doch... das war vorauszusehen!“

Der Fürst, den Nastassja Filippowna immer noch betrachtete, sah sie mit strengem und durchdringendem Blick an, in dem aber unsäglich viel Leid lag.

„Da hat sich noch einer gefunden!“ sagte Nastassja Filippowna, sich wieder Darja Alexejewna zuwendend. „Und doch wirklich nur aus gutem Herzen, ich kenne ihn. Da habe ich jetzt einen Wohltäter! Übrigens – vielleicht ist es wahr, was man von ihm sagt, daß er... nun, jenes... Wovon wirst du denn leben, wenn du schon so verliebt bist, daß du eine Rogoshinsche nimmst, du, Fürst Myschkin?...“

„Ich nehme Sie als ehrbares Weib, Nastassja Filippowna, und nicht als was Sie sich da bezeichnen,“ sagte der Fürst.

„Was, ich soll ein ehrbares Weib sein?“

„Ja, Sie.“

„Nun, das ist... Romanphantasie. Das sind alte Ammenmärchen, lieber Fürst, heutzutage ist man klüger und beurteilt so etwas auch ganz richtig als Faselei. Und wie kannst du denn heiraten, du brauchst ja selbst noch eine Wärterin!“

Da erhob sich der Fürst und begann mit scheuer, unsicherer Stimme, doch mit der Miene eines tief überzeugten Menschen:

„Ich weiß nichts, Nastassja Filippowna, ich habe nichts gesehen, Sie haben recht, aber ich... ich fasse es so auf, daß Sie mir eine Ehre erweisen würden, nicht ich Ihnen. Ich bin nichts, Sie aber haben gelitten und sind aus dieser Hölle rein hervorgegangen, das aber ist viel. Weshalb schämen Sie sich und weshalb wollen Sie zu Rogoshin gehen? Das ist ja alles nur Fieber... Sie haben Herrn Tozkij die Fünfundsiebzigtausend zurückgegeben und sagen, daß Sie alles, was hier ist, ihm gleichfalls zurückgeben; das aber würde keiner tun, keiner von allen, die hier sind. Ich habe Sie... Nastassja Filippowna... lieb. Ich liebe Sie, ich werde für Sie sterben, Nastassja Filippowna. Ich werde niemandem erlauben, ein schlechtes Wort über Sie zu sagen, Nastassja Filippowna. Wenn wir arm sind, werde ich arbeiten, Nastassja Filippowna...“

Bei diesen Worten hörte man ein leises Kichern von Ferdyschtschenko und Lebedeff, und selbst der General krächzte einmal ganz absonderlich, was er sogleich mit einem ernsten Räuspern zu verdecken suchte. Ptizyn und Tozkij konnten nur mit Mühe ein Lächeln verbergen. Die übrigen begriffen vor Erstaunen vorläufig überhaupt noch nichts.

„... Doch vielleicht werden wir nicht arm sein, sondern sogar sehr reich, Nastassja Filippowna,“ fuhr der Fürst mit derselben scheuen Stimme fort. „Ich weiß es nicht genau und ich bedauere es, daß ich heute den ganzen Tag noch nichts Bestimmtes darüber habe erfahren können: ich habe, als ich noch in der Schweiz war, von einem gewissen Herrn Ssalaskin aus Moskau einen Brief erhalten, in dem er mir mitteilt, daß mir eine sehr große Erbschaft zufallen solle. Ich habe ihn bei mir, den Brief, hier ist er...“

Und der Fürst zog tatsächlich aus der Brusttasche seines Rockes einen Brief hervor.

„Sollte er nicht schon verrückt sein?“ fragte sich der General. „Das ist ja hier die reine Irrenanstalt!“

Für einen Augenblick trat allgemeines Schweigen ein.

„Sie sagten, Fürst, wenn ich mich nicht täusche, daß Sie den Brief von einem gewissen Ssalaskin erhalten hätten?“ fragte Ptizyn. „Ssalaskin ist in seiner Sphäre eine sehr bekannte Persönlichkeit, und wenn er Sie von einer Ihnen zugefallenen Erbschaft benachrichtigt, so können Sie ihm aufs Wort glauben. Ich kenne zufällig seine Handschrift, ich habe vor einiger Zeit geschäftlich mit ihm zu tun gehabt – wenn Sie mir den Brief zeigen wollten, könnte ich Ihnen wenigstens sagen, ob es derselbe Ssalaskin ist.“

„Wa–as? Was soll denn das bedeuten?“ fuhr nun der General auf, indem er verständnislos von einem zum andern sah. „Doch nicht tatsächlich eine Erbschaft?“

Alles blickte auf Ptizyn, der den Brief las. Die allgemeine Neugier hatte auf einmal eine neue Richtung bekommen. Ferdyschtschenko konnte nicht mehr stillsitzen: er sprang auf. Rogoshin schaute maßlos bestürzt bald auf den Fürsten, bald auf Ptizyn. Darja Alexejewna saß in der Erwartung wie auf Nadeln. Auch Lebedeff hielt es nicht aus und schlüpfte, gleichsam krumm und lahm geschlagen, herbei, um über Ptizyns Schulter wenigstens einen Blick auf den Brief werfen zu können, sah aber dabei ganz so aus, wie ein Mensch, der in jedem Augenblick einen Rippenstoß oder einen Schlag auf den Kopf erwartet.

XVI

„Die Sache hat ihre Richtigkeit,“ erklärte endlich Ptizyn, indem er den Brief zusammenfaltete und dem Fürsten zurückgab. „Sie bekommen ohne alle Scherereien nach dem unantastbaren Testament Ihrer Tante ein sehr großes Vermögen.“

„Nicht möglich!“ rief der General wie aus der Pistole geschossen aus.

Die meisten vergaßen den Mund zu schließen.

Hierauf erzählte Ptizyn, sich vornehmlich an den General wendend, was Ssalaskin dem Fürsten im Brief mitgeteilt hatte. Der Inhalt war kurz folgender:

„Vor fünf Monaten war die Tante des Fürsten Lew Nikolajewitsch Myschkin, die ältere Schwester seiner Mutter gestorben. Sie war die Tochter des Moskauer Kaufmanns dritter Gilde, Papuschin, der nach einem Bankerott, wie es hieß, in Armut gestorben war. (Der Fürst hatte beide nie gekannt.) Doch der ältere leibliche Bruder dieses Papuschin war ein bekannter, sehr reicher Kaufmann. Vor etwa einem Jahre hatte er ganz plötzlich – in ein und demselben Monat – seine beiden Söhne verloren, worauf der Alte aus Gram ebenfalls erkrankt und gestorben war. Seine einzige noch lebende Verwandte und Erbin, jene Tochter seines armen Bruders, die zu der Zeit auch schon von den Ärzten aufgegeben war (sie starb bald darauf an der Wassersucht), hatte sogleich nach dem Fürsten zu forschen begonnen, hatte ihr Testament gemacht und Ssalaskin die Erledigung der Angelegenheit übertragen. Nach dem Empfang dieses Briefes von Ssalaskin hatte sich der Fürst dann entschlossen, selbst nach Rußland zurückzukehren...“

„Ich kann Ihnen einstweilen nur sagen,“ schloß Ptizyn, sich an den Fürsten wendend, „daß Sie alles, was Ssalaskin Ihnen von der Unantastbarkeit Ihrer Erbschaft schreibt, ohne weiteres als bare Münze annehmen können. Dieser Brief ist ebensogut wie bares Geld in der Tasche. Ich gratuliere, Fürst! Vielleicht erben Sie auch so an anderthalb Millionen, vielleicht aber auch noch mehr. Papuschin war ein sehr reicher Kaufmann.“

„Teufel noch eins! Na, er lebe hoch, der letzte Fürst aus dem Geschlecht der Myschkin!“ gröhlte Ferdyschtschenko, der als erster die Fassung wiedergewann.

„Hurra!“ brüllte mit lauter Stimme Lebedeff – er hatte am meisten getrunken.

„Und ich habe dem armen Jungen noch mit fünfundzwanzig Rubel unter die Arme gegriffen, hahaha! Wie nennt man das! Umgekehrte Welt!“ rief der noch ganz erstarrte General lachend aus. „Nun, mein Lieber, ich gratuliere, ich gratuliere!“

Und sich vom Platz erhebend, ging er auf den Fürsten zu und umarmte ihn. Nach ihm erhoben sich auch die anderen, um dem Erben Glück zu wünschen. Selbst die Zaghafteren, die sich zuvor in das andere Zimmer zurückgezogen hatten, begannen im Salon zu erscheinen. Alles sprach durcheinander, es war kein Wort zu verstehen, Ausrufe wurden laut, man verlangte Champagner – alles geriet in Bewegung. Ja, im ersten Augenblick vergaß man sogar Nastassja Filippowna und daß sie doch immerhin die Dame des Hauses war. Allmählich aber erinnerte man sich ihrer wieder, erinnerte sich ebenfalls, daß der Fürst ihr doch kurz zuvor einen Heiratsantrag gemacht hatte, was die ganze Situation jetzt noch dreimal unerhörter machte. Tozkij konnte vor Verwunderung nur noch die Schultern hochziehen. Von den Herren war er der einzige, der noch saß, während die anderen alle sich in einem dichten Haufen um den Tisch drängten. Später wurde von den meisten behauptet, daß erst in diesem Augenblick Nastassja Filippowna den Verstand verloren hätte. Sie saß immer noch auf ihrem Platz und betrachtete eine Weile alle mit einem seltsamen, gewissermaßen erstaunten Blick, als begriffe sie gar nicht, was hier vorging, und als strenge sie sich an, etwas Unverständliches zu erfassen. Dann wandte sie sich plötzlich dem Fürsten zu und sah ihn, die Brauen drohend zusammengezogen, scharf und feindselig an – doch das dauerte nur einen Augenblick. Vielleicht schien es ihr, daß es nur ein Scherz sein könne, daß er sich über sie lustig mache. Doch der Blick des Fürsten schloß jeden Zweifel aus. Sie sann einen Augenblick nach und dann lächelte sie – es war ein Lächeln, das sie selbst nicht zu bemerken schien...

„Also wirklich Fürstin!“ murmelte sie gleichsam etwas spöttisch vor sich hin, und als ihr Blick zufällig auf Darja Alexejewna fiel, lachte sie hellauf. „Eine etwas unverhoffte Lösung... ich... ich... hatte das nicht erwartet... Aber, meine Herren, was stehen Sie denn, bitte, setzen Sie sich doch und gratulieren Sie uns! Jemand hat, glaube ich, Champagner verlangt – Ferdyschtschenko, gehen Sie, bitte, bestellen Sie. Katjä, Pascha!“ – sie erblickte plötzlich ihre Mädchen in der Tür – „kommt her, ich heirate, habt ihr es schon gehört? Den Fürsten dort, er hat anderthalb Millionen, ist ein Fürst Myschkin und nimmt mich!“

„Mit Gott, Mütterchen, es ist auch Zeit! Sonst verscherzt du sie ja alle!“ warf Darja Alexejewna ein, die durch das Erlebte geradezu erschüttert war.

„Aber so setzen Sie sich doch her zu mir, Fürst,“ fuhr Nastassja Filippowna lebhaft fort, „so, und dort kommt ja auch schon der Champagner, also, bitte, zu gratulieren, meine Herren!“

„Hurra!“ ertönte es von mehreren Seiten.

„Hoch! Hurra! Wir gratulieren!“

Viele drängten zum Champagnerkübel, darunter fast alle Begleiter Rogoshins. Aber wenn auch vornehmlich sie es gewesen waren, die das Hoch ausbrachten, so waren doch viele von ihnen noch immer schüchtern und erwarteten mißtrauisch die weitere Entwicklung der Dinge. Sie fühlten, daß die Sache eine andere Wendung genommen hatte. Viele wieder flüsterten miteinander, daß es ja doch nichts Außergewöhnliches sei, daß doch so manche Fürsten noch ganz andere Weiber geheiratet hätten, sogar Zigeunerinnen aus dem Steppenlager!

Rogoshin selbst stand und blickte mit einem starren, verständnislosen Lächeln drein.

„Fürst, lieber Junge, besinn’ dich!“ flüsterte der General ganz entsetzt dem Fürsten zu, indem er ihn, leise an ihn herantretend, am Ärmel zupfte.

Nastassja Filippowna hörte es und lachte hellauf.

„Nein, Exzellenz! Jetzt bin auch ich Fürstin, und Sie haben doch gehört, daß der Fürst mich nicht beleidigen lassen wird! Afanassij Iwanowitsch, so wünschen Sie mir doch Glück! Ich werde ja jetzt neben Ihrer Frau Gemahlin sitzen. Was meinen Sie, ist es nicht vorteilhaft, einen solchen Mann zu haben? Anderthalb Millionen und dazu noch Fürst, und dann noch, wie man sagt, ein Idiot, was will man mehr? Jetzt erst beginnt das wirkliche Leben! Rogoshin, du bist zu spät gekommen! Nimm dein schmutziges Geldpaket, ich heirate einen Fürsten und bin jetzt selbst reicher als du!“

Da begriff Rogoshin endlich, was geschehen war. Sein Gesicht verzerrte sich in unsäglichem Schmerz. Er hob die Arme und ein Stöhnen entrang sich seiner Brust.

„Tritt zurück!“ schrie er dem Fürsten zu.

Ringsum erscholl Gelächter.

„Damit du an seine Stelle treten kannst?“ fiel Darja Alexejewna siegesstolz ein. „Pfui so einer! Wie er das Geld auf den Tisch wirft, da sieht man gleich den Bauer. Der Fürst heiratet sie, du aber willst sie nur zur Schande haben!“

„Auch ich heirate sie! Auf der Stelle heirate ich sie, sogleich! Alles gebe ich hin!...“

„Hört doch! Du bist ja wie ein Betrunkener in der Schenke. Vor die Tür setzen sollte man dich!“ sagte Darja Alexejewna unwillig.

Das Gelächter wurde noch lauter.

„Hörst du es, Fürst,“ wandte sich Nastassja Filippowna an ihn, „wie ein Bauer deine Braut kaufen will?“

„Er ist betrunken,“ sagte der Fürst, „er liebt Sie sehr.“

„Aber wirst du dich später nicht dessen schämen, daß deine Braut beinahe mit einem Rogoshin davongefahren wäre?“

„Das wollten Sie nur im Fieber, Sie sind auch jetzt noch im Fieber.“

„Und du wirst dich auch nicht schämen, wenn man dir später sagt, daß deine Frau Tozkijs Mätresse gewesen ist?“

„Nein, ich werde mich nicht schämen. Sie waren nicht aus freiem Willen bei Tozkij.“

„Und wirst es mir nie vorwerfen?“

„Nein, niemals.“

„Nun, sieh dich vor, versprich nicht fürs ganze Leben!“

„Nastassja Filippowna,“ sagte der Fürst leise und wie voll tiefen Mitleids, „ich sagte Ihnen vorhin, daß ich Ihre Einwilligung als Ehre auffassen werde, daß Sie mir eine Ehre erweisen, und nicht ich Ihnen. Sie lächelten über diese Worte und ringsum, das sah ich, wurde gleichfalls gelächelt. Ich habe mich vielleicht sehr lächerlich ausgedrückt und bin vielleicht auch selbst lächerlich gewesen, aber es will mir immer scheinen, daß ich... sehr wohl begreife, was Ehre ist – und ich bin überzeugt, daß ich die Wahrheit gesagt habe. Sie wollten sich soeben ins Verderben stürzen, unwiderruflich, für immer, denn Sie hätten sich das nie verziehen. Aber Sie sind ja doch völlig unschuldig. Es kann doch nicht sein, daß Ihr Leben schon zugrunde gerichtet sei! Was will denn das sagen, daß Rogoshin zu Ihnen gekommen ist und Gawrila Ardalionytsch Sie betrügen wollte? Weshalb kommen Sie immer wieder gerade darauf zurück? Das, was Sie getan haben – dazu wären nur wenige fähig, das sage ich Ihnen. Daß Sie aber mit Rogoshin fortfahren wollten, das wollten Sie ja nur im Augenblick eines krankhaften Anfalls. Sie sind auch jetzt noch krank, solche Anfälle gehen nicht so schnell vorüber. Es wäre besser, Sie gingen zu Bett. Sie würden morgen Wäscherin geworden sein, denn bei Rogoshin wären Sie ja doch nicht geblieben. Sie sind stolz, Nastassja Filippowna; vielleicht aber sind Sie schon dermaßen unglücklich, daß Sie sich selbst tatsächlich für schuldig halten. Sie müssen behutsam gepflegt werden, Nastassja Filippowna. Ich werde Sie pflegen. Als ich heute Ihr Bild erblickte, war es mir, als hätte ich ein bekanntes Gesicht wiedererkannt. Und es schien mir sogleich, als riefen Sie mich!... Ich... ich werde Sie mein ganzes Leben lang hochachten, Nastassja Filippowna...“ brach plötzlich der Fürst kurz ab und er errötete. Es war ihm mit einemmal zum Bewußtsein gekommen, vor welchen Menschen er redete.

Ptizyn senkte vor lauter Schamgefühl den Kopf und blickte zu Boden. Tozkij dachte bei sich: „Zwar ein Idiot, weiß aber doch, daß man mit Schmeichelei am besten fängt. Instinkt.“ Der Fürst fühlte und sah auch Ganjäs brennenden Blick auf sich ruhen, mit dem jener ihn gleichsam versengen zu wollen schien. Ganjä stand in der entferntesten Ecke.

„Endlich sieht man einmal einen guten Menschen!“ sagte Darja Alexejewna ganz gerührt.

„Ein gebildeter Mensch, doch ein verlorener!“ brummte der General für sich.

Tozkij schickte sich an, aufzustehen. Er sah sich nur noch nach dem General um und verständigte sich mit ihm durch einen Blick: sie wollten sich beide entfernen.

„Ich danke Ihnen, Fürst. Bis jetzt hat noch niemand so zu mir gesprochen,“ sagte Nastassja Filippowna. „Man hat mich immer nur kaufen wollen, doch heiraten wollte mich noch kein einziger Ehrenmann. Haben Sie gehört, Afanassij Iwanowitsch? Wie gefiel Ihnen das, was der Fürst sagte? Es war ja doch beinahe unschicklich... Rogoshin!“ unterbrach sie sich, „du, wart’ mal noch mit dem Fortgehen. Aber du gehst ja auch noch gar nicht fort, wie ich sehe. Vielleicht werde ich noch mit dir gehen. Wohin wolltest du mich bringen?“

„Nach Jekateringoff!“ berichtete sofort Lebedeff, Rogoshin aber zuckte nur zusammen und starrte sie an, als könnte er nicht glauben, was er gehört hatte. Er schien völlig stumpf geworden zu sein, wie von einem entsetzlichen Schlage auf den Kopf.

„Was, was redest du, was fällt dir ein, Täubchen? Laß das doch jetzt, diese Albernheiten! Bist du denn ganz von Sinnen?“ fuhr die erschrockene Darja Alexejewna auf.

„Ja, hast du denn im Ernst daran geglaubt?“ Nastassja Filippowna sprang lachend auf. „Diesen jungen Knaben da sollte ich zugrunde richten? Das wäre ja ganz nach Afanassij Iwanowitschs Geschmack, der liebt ja namentlich halbwüchsige Kinder! Fahren wir, Rogoshin! Halte dein Geldpaket bereit! Das hat nichts zu sagen, daß du mich heiraten willst, das Geld mußt du mir trotzdem geben. Ich nehme dich vielleicht noch gar nicht. Du glaubst wohl, wenn du mich heiratest, behältst du das Geld? Unsinn! Ich bin selbst eine Schamlose! Ich bin doch Tozkijs Geliebte gewesen... Fürst! Du brauchst jetzt Aglaja Jepantschina, aber nicht mich, denn sonst – Ferdyschtschenko würde doch mit dem Finger auf mich zeigen. Du fürchtest dich nicht, ich aber würde mich fürchten, daß ich dich zugrunde gerichtet habe und du es mir später vorwerfen wirst! Und was du da redest, daß ich dir eine Ehre erweise, nun, so weiß doch Tozkij, wie es sich damit verhält. Du aber, Ganetschka, hast Aglaja Jepantschina schon verspielt – weißt du das auch? Hättest du nicht mit ihr geschachert, so würde sie dich ja unbedingt genommen haben! Aber so seid ihr ja alle: entweder mit entehrten oder mit ehrbaren Frauen leben – das ist die Wahl! Denn sonst verwirrt man sich unfehlbar... Da sieht mich der General an und kann den Mund nicht mehr schließen...“

„D–D–Das ist ja Sodom! Sodom!!“ stieß der General hervor, die Schultern vor Entrüstung in die Höhe ziehend, und erhob sich schleunigst. Alles war wieder auf den Beinen. Nastassja Filippowna gebärdete sich wie eine Rasende.

„Ist es denn möglich!“ stöhnte der Fürst, und seine Hände krampften sich zusammen.

„Du glaubst wohl – nicht? Ich bin vielleicht noch stolzer, als ihr glaubt, und wenn ich auch tausendmal eine Verworfene bin! Du sagtest vorhin, an mir sei alles vollendet – eine schöne Vollendung das, wenn sie einzig dazu dient, um nachher damit prahlen zu können, daß ich eine Million und die Fürstenkrone unter die Füße getreten und in die Spelunke gehe! Was bin ich denn für eine Frau für dich? Afanassij Iwanowitsch, hören Sie! Ich habe doch tatsächlich eine Million zum Fenster hinausgeworfen! Und Sie glaubten wohl, ich würde es für ein Glück ansehen, wenn ich mit Ihren Fünfundsiebzigtausend Ihren Ganetschka bekäme? Die Fünfundsiebzigtausend kannst du behalten, Afanassij Iwanowitsch – nicht einmal bis zu Hundert hat er sich emporgeschwungen, da ist doch Rogoshin nobler als er! – Ganetschka aber werde ich selbst trösten, ich habe schon einen Gedanken. Jetzt aber will ich leben! leben! leben! wild und wüst! ich bin ja doch eine Straßendirne! Zehn Jahre lang hab’ ich im Gefängnis gesessen, jetzt kommt mein Glück! Was stehst du, Rogoshin? Komm, fahren wir!“

„Fahren wir!“ jubelte Rogoshin, ganz außer sich vor Entzücken. „He, ihr alle!... kommt! Wein her! Wein!“

„Sorge nur für Wein, ich werde trinken. Wird dort auch Musik sein?“

„Alles, alles wird sein! – Komm nicht zu nah!“ schrie Rogoshin in seiner Raserei, als er sah, daß Darja Alexejewna sich Nastassja Filippowna nähern wollte. „Sie gehört mir! Alles gehört mir! Königin! Nun komme, was will!“

Der Atem stockte ihm vor Herzklopfen; er ging immer nur um Nastassja Filippowna herum und schrie jedem zu: „Komm nicht zu nah!“ Inzwischen hatten sich schon alle seine Begleiter im Salon versammelt, selbst die schüchternsten hatten sich hervorgewagt. Die einen tranken, die anderen schrien und lachten, alle waren sie in der lebhaftesten und ungezwungensten Stimmung. Ferdyschtschenko versuchte bereits, sich freundschaftlich ihnen anzuschließen, um dann gleichfalls mit nach Jekateringoff fahren zu können. Der General und Tozkij machten wieder eine Bewegung zur Tür hin, um schnell zu verschwinden. Ganjä hatte gleichfalls schon seinen Hut in der Hand; doch schien er sich von dem Bilde, das sich hier vor seinen Augen aufrollte, noch nicht losreißen zu können.

„Komm nicht zu nah!“ schrie wieder Rogoshin.

„Was gröhlst du denn so!“ lachte ihn Nastassja Filippowna aus. „Ich bin doch hier noch die Herrin im Hause, wenn ich will, lasse ich dich hinauswerfen. Ich habe von dir noch kein Geld genommen, da liegt es ja noch auf dem Tisch! Gib es her, das ganze Paket! Und hier in diesem Paket sind hunderttausend Rubel? Pfui, welch eine Abscheulichkeit! Was hast du nur, Darja Alexejewna? Soll ich ihn denn wirklich zugrunde richten?“ (Sie wies auf den Fürsten.) „Wo kann er denn ans Heiraten denken, er braucht ja selbst noch eine Wärterin! Da, der General, der wird seine Wärterin sein – seht doch, wie er um ihn scharwenzelt. Sieh, Fürst, deine Braut hat das Geld hier genommen, denn sie ist ja doch eine Dirne – und du wolltest sie heiraten! Aber warum weinst du denn? Bitter ist das, was? Du lach’ doch, ich finde, du hast Grund, froh zu sein,“ fuhr Nastassja Filippowna fort, in deren eigenen Augen große Tränen standen. „Vertraue der Zeit – alles wird vergehen! Es ist besser, sich jetzt zu besinnen, als nachher, wenn’s zu spät ist... Aber warum weint ihr denn alle – da, auch Katjä weint! Katjä, was hast du, mein liebes Ding? Ich hinterlasse dir und Pascha viele Sachen, es ist schon alles vorgesehen... Jetzt aber lebt wohl! Ich habe dich, ein ehrsames Mädchen, mich Dirne bedienen lassen... Es ist besser so, Fürst, wirklich besser, du würdest mich später doch verachten und wir wären beide unglücklich. Schwöre nicht, ich glaube ja doch nicht! Und es wäre ja auch so dumm!... Nein, glaub’ mir, es ist besser so, wir scheiden als Freunde. Auch ich bin ja eine Schwärmerin, was käme dabei heraus? Habe ich denn nicht selbst schon von dir geträumt? Du hast recht, schon lange habe ich von dir geträumt, schon dort in Otradnoje, wo er mich fünf Jahre in der Einsamkeit sitzen ließ! Da denkt man denn bisweilen und denkt und spinnt Träume und Träume – da habe ich mir denn immer solch einen wie du vorgestellt, einen wahren und ehrlichen und guten und mutigen Menschen, und der auch ebenso dumm ist wie du, so dumm, daß er plötzlich zu mir kommt und sagt: ‚Sie sind unschuldig, Nastassja Filippowna, und ich vergöttere Sie!‘ Und so spinnt man die Träume weiter und weiter, bis man wahnsinnig zu werden meint... Und dann kommt wieder jener da angefahren: weilt zwei Monate im Jahr, entehrt, beschmutzt, entfacht, verdirbt und fährt fort, – oh, tausendmal schon wollte ich mich im Teich ertränken, war aber zu feig dazu, der Mut langte nicht! – nun, und jetzt... Rogoshin, bist du bereit?“

„Fahren wir! Komm nicht zu nah!“

„Fahren wir!“ ertönten mehrere Stimmen.

„Die Troiken warten! Mit Schellen am Kummetholz!“

Nastassja Filippowna ergriff das Geldpaket.

„Ganjä, ich habe einen guten Einfall: ich will dich entschädigen, denn warum sollst du alles verlieren? Rogoshin, wird er für drei Rubel bis auf den Wassiljewskij kriechen?“

„Sicher!“

„Nun, dann höre mich, Ganjä, ich will deine Seele zum letztenmal bewundern: du hast mich selbst drei Monate lang gequält, jetzt ist die Reihe an mir. Siehst du hier dieses Paket in Zeitungspapier: das sind hunderttausend Rubel. Nun sieh, ich werde es sogleich in den Kamin werfen, ins Feuer, hier in Gegenwart aller Anwesenden, alle sind Zeugen! Sobald dann das Feuer das Papier erfaßt hat – kriech’ in den Kamin, aber ohne Handschuhe, mit bloßen Händen, nur die Ärmel kannst du aufkrempeln, – und hol’ das Paket aus dem Feuer! Holst du es heraus – so gehört es dir, die ganzen Hunderttausend gehören dir! Wirst dir höchstens die zarten Fingerchen ein bißchen verbrennen, aber dafür sind es doch Hunderttausend, bedenk bloß! Wie lange zieht man sie denn aus dem Feuer! Es ist ja nur ein Augenblick! Ich aber will mich an deiner Seele ergötzen, ich habe meine Freude dran, daß du nach meinem Gelde ins Feuer kriechst! Hier sind alle Zeugen: das ganze Paket gehört dir! Ziehst du es nicht heraus, so verbrennt es, ich werde es keinen anderen herausnehmen lassen. Fort da vom Kamin! Alle fort! Das Geld gehört mir! Ich hab’s für eine Nacht von Rogoshin bekommen. Ist’s mein Geld, Rogoshin?“

„Deines, meine Freude! Deines, Königin!“

„Nun, dann alle fort von dort! was ich will, das tue ich! Seht! Ruhe! Mischt euch nicht ein! Ferdyschtschenko, schüren Sie das Feuer!“

„Nastassja Filippowna, die Hände gehorchen mir nicht!“ stammelte Ferdyschtschenko wie betäubt.

„A–ach!“ rief Nastassja Filippowna unwillig, ergriff selbst die Feuerzange, schob die zwei glimmenden Holzscheite zurecht, und wie das Feuer aufschlug, warf sie das Geldpaket darauf.

Ein Schrei entfuhr den Anwesenden. Viele bekreuzigten sich unwillkürlich.

„Sie ist verrückt geworden! Sie ist wahnsinnig!“

„Soll... soll... soll man sie nicht binden?“ flüsterte der General Ptizyn zu; „oder... oder nach dem Arzt schicken... Sie ist ja doch wahnsinnig, wahnsinnig, das ist sie doch!“

„N–nein, das ist vielleicht doch nicht gerade Wahnsinn,“ murmelte Ptizyn. Er war erbleicht und zitterte und vermochte seinen Blick von dem bereits glimmenden Zeitungspapier nicht abzuwenden.

„Sie ist doch wahnsinnig, absolut wahnsinnig, sehen Sie denn das nicht?“ wandte sich der General an Tozkij.

„Ich habe Ihnen ja gesagt, daß sie ein Weib mit Kolorit ist,“ flüsterte der gleichfalls etwas erbleichte Tozkij zurück.

„Aber, ich bitte Sie! – es sind doch Hun–dert–tau–send!“...

„Großer Gott, großer Gott, heiliger Vater im Himmel!“ ertönte es ringsum. Alles drängte zum Kamin, alle wollten sehen, wie das Geld brannte, alles rief und schrie durcheinander... Einige sprangen sogar auf die Stühle, um über die Köpfe der anderen hinweg zu sehen. Darja Alexejewna eilte in höchster Angst zur Tür und tuschelte dort entsetzt mit Katjä und Pascha. Die schöne Deutsche lief fort.

„Mütterchen! Königin! Allmächtige!“ schrie Lebedeff, der vor Nastassja Filippowna auf den Knien umherrutschte und immer wieder verzweifelt mit beiden Armen auf den Kamin wies. „Hunderttausend! Hunderttausend! Habe ich selbst gesehen, vor meinen Augen wurden sie eingepackt! Mütterchen! Barmherzige! Laß mich in den Kamin kriechen! Ich krieche dir mit allen vieren hinein, den ganzen grauen Kopf steck’ ich ins Feuer!... Eine kranke Frau ohne Beine, dreizehn Stück Kinder – alles Waisen, der Vater vor einer Woche beerdigt, sie haben nichts zu beißen und zu nagen! Erbarmen, Erbarmen, Nastassja Filippowna!“

Und noch mit dem letzten Schrei auf den Lippen, kroch er schon zum Kamin.

„Fort! Nicht! Weg da!“ schrie ihn Nastassja Filippowna an und stieß ihn fort. „Tretet zur Seite, alle, alle! Ganjä, was stehst du denn da? Schäm’ dich doch nicht! Kriech los! Dein Glück ist’s!“

Doch Ganjä hatte an diesem Tage und Abend schon gar zuviel ausgehalten. Auf diese letzte, unerwartete Folter war er nicht vorbereitet. Das Gedränge teilte sich vor ihm in zwei Hälften, es bildete sich eine Gasse zwischen ihnen, und Ganjä stand drei Schritte von Nastassja Filippowna, Auge in Auge ihr gegenüber. Sie stand am Kamin und wartete und sah ihn mit flammendem, unverwandtem Blick an. Ganjä stand schweigend mit gekreuzten Armen, im Frack, den Hut und die Handschuhe in der Hand, vor ihr, ohne sich zu rühren, und sah starr ins Feuer. Ein sinnloses, irres Lächeln huschte über sein Gesicht, das so bleich war wie eine weißgetünchte Wand. Zwar konnte er den Blick nicht losreißen von dem glimmenden Päckchen, doch schien sich plötzlich etwas Neues in seiner Seele erhoben zu haben: es war, als hätte er sich geschworen, die Folter auszuhalten. Er rührte sich nicht: nach ein paar Augenblicken wurde es allen klar, daß er nicht nach dem Geldpaket greifen würde, daß er es nicht wollte!!!

„Ei, sie verbrennen, die Hunderttausend!“ schrie ihm Nastassja Filippowna zu. „Du wirst dich ja später erhängen, wenn du sie nicht nimmst! Ich scherze nicht!“

Das Feuer war zuerst zwischen den zwei glimmenden Holzscheiten fast erloschen, als das Geldpaket darauf niedergefallen war. Nur ein kleines blaues Flämmchen züngelte noch am unteren Rande des einen Holzscheits. Allmählich kroch es weiter, bis es die eine Ecke des Päckchens zu belecken begann; das Feuer blieb haften und schlängelte sich dann als schmale, dünne Zunge von der Ecke hinauf, lief von der oberen Ecke wieder am Rande weiter und plötzlich umschlang es das ganze Paket, und eine helle Flamme schlug flackernd nach oben, zugleich einen Feuerschein ins Zimmer werfend.

„Mütterchen!“ schrie Lebedeff und wieder wollte er auf den Knien zum Kamin kriechen, doch da zog ihn Rogoshin fort und stieß ihn zur Seite. Rogoshin selbst war nichts als ein einziges glühendes Augenpaar, sein ganzes Ich lag in seinem Blick, der wie gebannt immer wieder zu Nastassja Filippowna zurückkehrte, – er war berauscht, war trunken, war über der Erde!

„Das, ja, das ist eine Königin!“ rief er begeistert aus, sich an alle und an jeden wendend, gleichviel an wen. „Das, das ist nach unserer Art!“ stieß er wie besinnungslos hervor. „Nun, wer von euch, ihr Gauner allesamt, brächte so was fertig! was?!“

Der Fürst war der einzige, der schweigend beobachtete. Sein Gesicht war ernst und in seinen Augen lag Trauer.

„Ich zieh’ es mit den Zähnen heraus, auch nur für einen einzigen grauen Lappen!“ erbot sich Ferdyschtschenko.

„Ich auch!“ knirschte im Hintergrunde der Faustmensch, wahrscheinlich in einem Anfall entschiedener Verzweiflung. „T–teufel noch eins! Es brennt, alles brennt!“ schrie er laut auf, als er die Flamme emporschlagen sah.

„Es brennt, es brennt!“ schrien alle wie aus einem Munde, und ein wildes Drängen zum Kamin hub an.

„Ganjä, zier’ dich nicht, ich sage es zum letztenmal!“

„So geh doch, geh!“ brüllte Ferdyschtschenko außer sich und er stürzte sich auf Ganjä, um ihn am Ärmel mit Gewalt zum Kamin zu zerren. „So kriech doch in den Kamin, du Prahlhans! Es verbrennt! Oh, verrr–dammter!“

Doch Ganjä stieß plötzlich mit aller Kraft Ferdyschtschenko zurück, wandte sich um und ging zur Tür. Er hatte aber noch keine zwei Schritte gemacht, als er plötzlich wankte und krachend zu Boden schlug.

„Ohnmacht! Eine Ohnmacht!“ schrien mehrere Stimmen.

„Mütterchen! Allbarmherzige! Sie verbrennen!“ schrie Lebedeff.

„Sie verbrennen umsonst!“ brüllte es von allen Seiten.

„Katjä, Pascha, bringt ihm Wasser, Essig, Essenz!“ rief Nastassja Filippowna erregt ihren Mägden zu, ergriff dann selbst die Feuerzange und zog das Paket aus den Flammen hervor.

Die ganze Umhüllung war schon verbrannt und fiel in verkohlenden Blätterschichten ab, doch sah man sofort, daß der Inhalt unversehrt war. Rogoshin hatte das Geld in dreifaches Zeitungspapier eingepackt. Alles atmete erleichtert auf.

„Nur ein einziges kleines Tausendchen ist angebrannt, die anderen sind alle ganz!“ berichtete Lebedeff mit noch zitternder Stimme. Er weinte fast vor Rührung.

„Alle gehören ihm! Das ganze Paket gehört ihm! Sie hören es, meine Herren!“ rief Nastassja Filippowna laut und sie legte das Geldpaket neben den ohnmächtigen Ganjä hin. „Er ist doch nicht gegangen, hat es doch ausgehalten! Seine Eigenliebe ist doch noch größer als seine Geldgier! Tut nichts, er wird zu sich kommen! Er hätte womöglich ermordet... Da, er kommt schon zu sich! General, Ptizyn, Darja Alexejewna, Katjä, Pascha, Rogoshin, habt ihr’s gehört? Das ganze Geld gehört Ganjä! Ich gebe es ihm als sein Eigentum, als Entschädigung, als Belohnung... nun, da, gleichviel wofür! Sagt es ihm. Mag es hier neben ihm liegen. Rogoshin, marsch! Leb’ wohl, Fürst, ich habe zum erstenmal einen Menschen gesehen! Leben Sie wohl, Afanassij Iwanowitsch, merci!“

Die ganze Rotte Rogoshins drängte mit Geräusch und Geschrei dem Ausgang zu, wohin Nastassja Filippowna und Rogoshin bereits vorausgegangen waren. Im Saal brachten ihr die Mädchen den Pelz. Auch die Köchin Marfa kam aus der Küche herbeigelaufen. Nastassja Filippowna küßte sie alle zum Abschied.

„Mütterchen, ist es denn wirklich wahr, daß Sie uns für immer verlassen? Wohin wollen Sie denn gehen? Und noch dazu am Geburtstage, an einem solchen Fest!“ jammerten die weinenden Mädchen, die ihr die Hände küßten.

„Auf die Straße gehe ich jetzt, Katjä, du hast es doch schon gehört, dort ist mein Platz, oder am Waschtroge! Genug von Afanassij Iwanowitsch! Grüßt ihn mir und gedenkt meiner nicht im Bösen...“

Der Fürst eilte, so schnell er konnte, zur Auffahrt, wo sich die ganze Gesellschaft bereits in die vier Troiken gesetzt hatte. Der General holte ihn nur noch mit Mühe auf der Treppe ein.

„Fürst Lew Nikolajewitsch, komm zur Besinnung!“ rief er, ihn am Arm packend, um ihn zurückzuhalten. „Laß sie doch! Du siehst doch, was für eine sie ist! Wie ein Vater rate ich dir...“

Der Fürst sah ihn an, doch ohne ein Wort zu sagen, riß er sich los und eilte hinaus.

Als der General auf die Straße trat, waren die Troiken schon fort und er sah nur noch, wie der Fürst dem nächsten Droschkenkutscher zurief: „Nach Jekateringoff, hinter den Troiken her!“

Der Schweißfuchs des Generals fuhr vor und brachte seinen Herrn in schlankem Trabe heim, mit neuen Hoffnungen und Berechnungen und auch mit den kostbaren Perlen, die Seine Exzellenz schließlich doch nicht vergessen hatte, mitzunehmen. Und zwischen den Gedanken und Hoffnungen des Generals tauchte auch wieder Nastassja Filippownas Bild vor ihm auf in seiner ganzen verführerischen Schönheit. Der General seufzte:

„Schade! Wirklich schade! Ein verlorenes Weib! Ein verrücktes Weib!... Nun, aber der Fürst braucht jetzt etwas anderes als eine Nastassja Filippowna. Schließlich ist es noch ganz gut, daß es so gekommen ist...“

Fast in derselben Art wurden auch noch von zwei anderen Gästen Nastassja Filippownas, die ein Stück Weges zu Fuß zu gehen beschlossen hatten, einige lehrreiche Ansichten ausgetauscht.

„Wissen Sie, Afanassij Iwanowitsch, das ist ungefähr ebenso wie bei den Japanern,“ sagte Iwan Petrowitsch Ptizyn zu Tozkij. „Der Beleidigte geht dort zu seinem Beleidiger und sagt: ‚Du hast mich beleidigt, und dafür schlitze ich mir vor deinen Augen den Bauch auf‘, und bei diesen Worten schlitzt er sich auch in der Tat den Bauch auf und fühlt dabei wahrscheinlich eine außerordentliche Genugtuung, ganz als hätte er sich nun wirklich an jenem gerächt. Es gibt sehr seltsame Charaktere in der Welt, Afanassij Iwanowitsch!“

„Sie meinen, daß auch hier etwas Ähnliches getan worden sei?“ fragte Tozkij mit einem Lächeln. „Hm! Nicht übel... Sie haben einen sehr scharfsinnigen Vergleich angeführt. Aber Sie haben doch selbst gesehen, mein bester Iwan Petrowitsch, daß ich alles getan habe, was ich nur tun konnte: mehr als das kann ein Mensch nicht, das müssen Sie mir doch selbst zugeben? Und andererseits, wenn man bedenkt – es läßt sich doch nicht leugnen, daß diese Frau kolossale Vorzüge hat... wirklich glänzende Gaben! Ich wollte ihr vorhin schon zurufen – wenn ich mir das in diesem Sodom hätte gestatten können – daß sie selbst meine beste Rechtfertigung gegen alle ihre Beschuldigungen ist. Nun, sagen Sie doch selbst, wer hätte sich nicht an diesem Weibe berauscht, bis zum Vergessen alles... anderen? Sie sehen, dieser Bauer, dieser Rogoshin – er hat doch hunderttausend Rubel für sie herangeschleppt! Mag auch alles, was dort geschehen ist, sagen wir grotesk, romantisch, unschicklich sein, so hat es dafür doch Kolorit, es ist originell! – das müssen Sie mir zugeben! Gott, was könnte sie nicht sein: bei diesem Charakter und dieser Schönheit! Aber trotz aller Bemühungen, trotz aller Mittel, selbst ungeachtet ihrer Erziehung und Ausbildung – ist doch alles verloren! Ein ungeschliffener Diamant – das habe ich schon mehr als einmal gesagt...“

Und Afanassij Iwanowitsch seufzte tief.

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