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Anna Karenina, 1. Band

by Leo Tolstoy

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Vierter Teil

1

Die Karenin, Gatte und Gattin, fuhren fort in einem Hause zusammen zu leben; sie sahen sich wohl alltäglich, waren aber einander vollständig entfremdet.

Aleksey Aleksandrowitsch hatte es sich zum Gesetz gemacht, sein Weib alltäglich nur deshalb zu sehen, daß die Dienerschaft kein Recht haben möchte, Vermutungen zu hegen. Die Mittagstafel daheim mied er jedoch. Wronskiy war nie im Hause Aleksey Aleksandrowitschs erschienen, Anna sah ihn aber außerhalb desselben und ihr Gatte wußte dies.

Die Lage war für alle drei peinvoll; und niemand von ihnen würde die Kraft besessen haben, auch nur einen einzigen Tag in derselben auszuhalten, wäre nicht die Erwartung dagewesen, daß sie sich ändern werde, daß alles dies nur eine zeitweilige, bittere und schwere Lage sei, welche vorübergehen würde. Aleksey Aleksandrowitsch wartete, daß diese Leidenschaft vergehen sollte, wie ja alles vergeht, daß alle die Sache vergessen möchten und sein Name nicht geschändet würde. Anna, von welcher diese ganze Situation abhing, und für die dieselbe peinlicher war, als für alle sonst, ertrug sie, weil sie nicht nur wartete, sondern fest überzeugt war, daß alles dies sehr bald zur Entwickelung und Klärung gelangen müsse. Sie wußte freilich nicht im geringsten, was denn eigentlich die Schwierigkeit lösen solle, aber sie besaß die Überzeugung, daß etwas jetzt und sehr schnell eintreten müsse.

Auch Wronskiy, der sich ihr unwillkürlich fügte, erwartete etwas, das von ihm unabhängig, alle Schwierigkeiten klären müsse.

Inmitten des Winters hatte Wronskiy eine sehr langweilige Woche durchlebt. Er war einem ausländischen, in Petersburg zugereisten Prinzen zubeordert worden, und hatte die Aufgabe, diesem die Sehenswürdigkeiten Petersburgs zu zeigen. Gerade Wronskiy war es, welcher vorgestellt wurde, denn abgesehen davon, daß dieser die Kunst, sich mit Würde und zugleich Ehrerbietung zu benehmen, besaß, war er es auch gewohnt, mit Männern ähnlichen Ranges umzugehen; allein diese Pflicht wurde ihm zu einer sehr schweren. Der Prinz wünschte nichts zu übergehen, bezüglich dessen er in der Heimat gefragt werden konnte, ob er es in Rußland gesehen, ja, er wünschte auch selbst, soviel es möglich war, russischen Vergnügungen beizuwohnen. Wronskiy war nun verpflichtet, ihn hier und dorthin zu führen, und des Vormittags fuhren sie nun, um die Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen, des Abends, um an nationalen Vergnügungen teilzunehmen. Der Prinz erfreute sich einer selbst unter Prinzen ungewöhnlichen Gesundheit; sowohl durch leibliche Übungen wie durch gute Pflege seines Körpers hatte er eine solche Kraft erworben, daß er trotz des Übermaßes, mit welchem er sich den Zerstreuungen hingab, frisch aussah wie eine mächtige, grüne holländische Gurke. Der Prinz war viel gereist und hatte gefunden, daß einer der vorzüglichsten Vorteile der modernen Verkehrsbequemlichkeiten die Möglichkeit, nationalen Vergnügungen beiwohnen zu können, bilde.

Er war in Spanien gewesen und hatte dort Serenaden veranstaltet und sich einer Spanierin genähert, welche Mandoline spielte. In der Schweiz hatte er Gemsen gejagt. In England im roten Frack unter Wetten zweihundert Fasanen erlegt. In der Türkei war er in einem Harem gewesen, in Indien hatte er auf Elefanten geritten und in Rußland jetzt wollte er alle echtrussischen Vergnügungen kennen lernen.

Wronskiy, der bei ihm eine Art erster Ceremonienmeister war, kostete es große Mühe, alle die Zerstreuungen, die dem Prinzen von verschiedenen Seiten vorgeschlagen wurden, zu sichten. Da waren die russischen Trabrennen, und die Bärenjagden, die Troiken und die Zigeuner, wie das Topfschlagen. Der Prinz accomodierte sich dem russischen Geiste mit außerordentlicher Leichtigkeit; er beteiligte sich am Topfschlagen, setzte sich eine Zigeunerin auf das Knie und frug, wie es schien, ob dies alles sei, ob nur darin der ganze russische Geist bestehe.

Am meisten von allen diesen russischen Vergnügungen gefielen allerdings dem Prinzen die französischen Schauspielerinnen, eine Balleteuse und der weißgesiegelte Champagner.

Wronskiy hatte Übung im Umgang mit Prinzen, aber — kam es davon, daß er selbst sich in letzter Zeit verändert hatte, oder von der allzu großen Nähe, in welcher er sich zu dem Prinzen befand — diese Woche erschien ihm als eine furchtbar schwere.

Die ganze Woche hindurch hatte er ohne Unterbrechung ein Gefühl empfunden, ähnlich dem eines Menschen, der zu einem gefährlichen Wahnsinnigen gesteckt wird, um zu erproben, ob er diesen wohl fürchtet und infolge der Nähe bei ihm, auch für seinen Verstand fürchten müsse.

Wronskiy empfand beständig den Zwang, nicht eine Sekunde den Ton strenger offizieller Ehrerbietung sinken lassen zu dürfen, damit er keine Schlappe erleide. Die Umgangsweise des Prinzen gerade mit denjenigen, welche zur Verwunderung Wronskiys darüber aus der Haut fuhren, daß man ihm russische Vergnügungen biete, war eine souveräne. Sein Urteil über die russischen Frauen, die er kennen zu lernen gewünscht hatte, ließen Wronskiy mehr als einmal vor Unwillen erröten, aber der Hauptgrund, weshalb der Prinz für Wronskiy außerordentlich lästig war, war der, daß er in dem Prinzen unwillkürlich sich selbst wieder erkannte, und daß das, was er in diesem Spiegel erkannte, seiner Eigenliebe nicht eben schmeichelte. Der Prinz war ein sehr beschränkter, sehr eingebildeter, sehr gesunder und an sich sehr eigener Mensch, weiter aber nichts. Er war Gentleman, das war er in Wahrheit, und Wronskiy konnte das nicht in Abrede stellen. Er war gleichmütig und nicht kriechend vor Höheren, ungezwungen und einfach im Verkehr mit Gleichstehenden und gutmütig herablassend gegenüber den unter ihm Stehenden. Ganz genau so war aber auch Wronskiy, der das für einen großen Vorzug hielt; in der Umgebung des Prinzen war er doch der tiefer Stehende und die herablassend gutmütige Behandlungsweise ihm gegenüber regte ihn auf.

„Das ist ein dummer Stier; bin ich das auch?“ dachte er bei sich.

Wie dem nun sein mochte, als er sich am siebenten Tage von ihm verabschiedete, vor der Abreise des Prinzen nach Moskau, und dessen Dank entgegennahm, war er glücklich, aus dieser peinlichen Lage und von diesem unangenehmen Spiegel erlöst zu sein.

Er verabschiedete sich von ihm auf der Station, bei der Rückkehr von der Bärenjagd, an welcher während einer ganzen Nacht russische Bravour eine Galavorstellung gegeben hatte.

2

Heimgekommen, fand Wronskiy ein Billet Annas vor.

Sie schrieb: „Ich bin krank und unglücklich. Ich kann nicht ausfahren, kann aber auch nicht länger ohne Euren Anblick sein. Kommt am Abend zu mir. Um sieben Uhr wird Aleksey Aleksandrowitsch zum Rat fahren und bis zehn Uhr dort bleiben.“

Nachdem er eine Minute lang über den seltsamen Umstand, daß sie ihn so direkt zu sich berufe, ungeachtet der Forderung ihres Gatten, daß sie ihn nicht empfangen dürfe, nachgedacht hatte, entschloß er sich, der Einladung zu folgen.

Wronskiy war im Lauf dieses Winters Oberst geworden, aus dem Regiment ausgetreten und lebte jetzt frei. Nachdem er gefrühstückt hatte, warf er sich sogleich auf den Diwan und in fünf Minuten vermischten sich die Erinnerungen der unangenehmen Scenen, wie er sie in den letzten Tagen gesehen hatte, und verbanden sich mit dem Gedanken an Anna und an die Bärenjagd, und er schlief ein. Erst in der Dunkelheit erwachte er wieder, bebend vor Entsetzen. Sofort zündete er eine Kerze an. „Was war das? Wie? Was habe ich Furchtbares im Traume gesehen? Der eine Bauer auf der Bärenjagd, klein, schmutzig, mit wirrem Barte, hatte gearbeitet, indem er sich niederbeugte, und dann plötzlich einige seltsame Worte auf französisch gesprochen. Nun, weiter war es nichts mit dem Traume,“ sprach er zu sich selbst. „Aber weshalb war dies nur so furchtbar gewesen?“ Lebhaft stellte er sich wiederum den Bauern vor und jene seltsamen französischen Worte, die derselbe gesprochen hatte — und Entsetzen überlief kalt seinen Rücken.

„Welcher Unsinn!“ dachte er und schaute nach der Uhr.

Es war bereits halb neun. Er schellte seinem Diener, kleidete sich hastig an und begab sich zur Treppe hinab, seinen Traum völlig vergessend und nur noch von der Besorgnis gequält, sich zu verspäten.

Als er vor der Freitreppe der Karenin anlangte, schaute er wieder nach der Uhr und sah, daß es zehn Minuten vor neun war. Ein hoher, schmaler Wagen mit einem Paar grauer Pferde bespannt, stand unter der Einfahrt; er erkannte das Geschirr Annas. „Sie fährt zu mir,“ dachte Wronskiy, „und das wäre auch besser gewesen; denn es ist mir unangenehm, dieses Haus zu betreten. Doch gleichviel, ich kann mich nicht verstecken,“ und mit jenen ihm von Kindheit an eigenen Manieren eines Menschen, der sich vor nichts scheut, stieg Wronskiy aus dem Schlitten und schritt zur Thür hin.

Die Thür öffnete sich und der Portier, ein Plaid auf dem Arme, rief den Wagen heran. Wronskiy, nicht gewohnt, Kleinigkeiten zu bemerken, gewahrte gleichwohl jetzt den verwunderten Gesichtsausdruck, mit welchem ihn der Portier anblickte.

In der Thür selbst wäre Wronskiy fast mit Aleksey Aleksandrowitsch zusammengestoßen. Die Gasflamme beleuchtete das blutlose, eingefallene Gesicht unter dem schwarzen Hute und die weiße Halsbinde, die aus dem Biberpelz des Überrocks herausschimmerte. Die unbeweglichen, dunklen Augen Karenins richteten sich auf das Gesicht Wronskiys. Dieser verneigte sich und Aleksey Aleksandrowitsch, den Mund ein wenig bewegend, hob die Hand an den Hut und ging vorüber. Wronskiy sah, wie er, ohne aufzublicken, sich in den Wagen setzte, das Plaid und Augenglas durch das Wagenfenster nahm, und sich zudeckte.

Wronskiy betrat das Vorzimmer; seine Brauen waren zusammengezogen und seine Augen erglänzten in bösem und stolzem Glanze.

„Ist das eine Situation!“ dachte er, „wenn er kämpfte, seine Ehre wahrte, dann könnte ich handeln, meine Empfindungen äußern; aber diese Schwäche oder vielmehr Erbärmlichkeit — er versetzt mich in die Lage eines Betrügers, während ich dies doch nicht sein wollte und auch nicht sein will!“

Seit der Zeit seiner Aussprache mit Anna im Park der Wrede hatten sich die Ansichten Wronskiys geändert. Sich unwillkürlich den Schwächen Annas unterwerfend, die sich ihm ganz gegeben hatte und nur noch von ihm die Entscheidung über ihr Geschick erwartete, indem sie sich von vornherein allem unterwarf, hatte er längst aufgehört, zu glauben, daß dieses Verhältnis so enden könne, wie er damals dachte. Seine Träume voll Ehrgeiz waren wieder in den Hintergrund getreten, und er ergab sich, aus dem Kreise einer Wirksamkeit tretend, in welchem alles begrenzt war, ganz seiner Empfindung; diese Empfindung aber fesselte ihn fester und fester an sie.

Schon vom Vorzimmer aus vernahm er sich entfernende Schritte. Er erkannte, daß sie ihn erwartet hatte, gelauscht hatte und jetzt in den Salon zurückkehrte.

„Nein!“ rief sie aus, als sie seiner ansichtig wurde, und beim ersten Tone ihrer Stimme traten ihr die Thränen in die Augen, „wenn das so fortgehen soll, so wird das Unglück noch viel, viel früher eintreten!“

„Was denn, mein Kind?“

„Was? Ich warte und martere mich, eine Stunde, zwei, — aber nein, ich will, ich kann nicht mit dir hadern. Du konntest wahrscheinlich nicht früher. Nein, ich will es nicht thun!“

Sie legte beide Hände auf seine Schultern und blickte ihn lange mit tiefem, verzücktem und zugleich forschendem Blicke an. Sie prüfte sein Gesicht nach der Zeit, seit welcher sie ihn nicht gesehen hatte. Wie bei jedem Wiedersehen, so verglich sie wieder ihr innerliches Bild von ihm — das unvergleichlich besser, und in der Wirklichkeit unmöglich war — mit ihm, wie er wirklich aussah.

3

„Bist du ihm begegnet?“ frug sie, als beide am Tische hinter der Lampe Platz genommen hatten. „Da hast du ja deine Strafe dafür, daß du dich verspätet hast.“

„Ja, aber wie ist das? Er müßte doch im Rate sein?“

„Er war dort und kam zurück, worauf er wieder fortgefahren ist. Doch das thut nichts; sprich nicht davon. Wo bist du gewesen? Stets mit dem Prinzen?“

Sie kannte alle Einzelheiten seines Lebens. Er hatte ihr sagen wollen, daß er die ganze Nacht nicht geschlafen habe und eingeschlafen sei, als er aber ihr aufgeregtes und glückliches Antlitz sah, fühlte er Gewissensbisse, und er teilte ihr mit, daß er hätte Rapport erstatten müssen über die Abreise des Prinzen.

„Jetzt aber ist alles vorüber und er ist fort?“

„Gott sei Dank, es ist vorbei. Du kannst nicht glauben, wie unerträglich mir das gewesen ist.“

„Weshalb denn? Dies ist doch das gewöhnliche Leben von euch jungen Männern allen?“ sagte sie, die Brauen ziehend, und nach einer Häkelei, die auf dem Tische lag greifend, ohne Wronskiy anzublicken.

„Ich habe dieses Leben schon lange aufgegeben,“ sagte er, verwundert über die Veränderung im Ausdruck ihres Gesichts und sich bemühend, die Bedeutung derselben zu erforschen. „Ich gestehe,“ fuhr er fort, lächelnd seine engstehenden weißen Zähne zeigend, „daß ich in dieser Woche mich wie in einem Spiegel gesehen habe, indem ich dieses Leben schaute, und es ist mir unangenehm geworden.“

Sie hielt ihre Arbeit in den Händen, häkelte aber nicht, sondern schaute ihn mit seltsamem, glänzendem und freundlichem Blick an.

„Heute morgen ist Lisa bei mir auf Besuch gewesen — man scheut sich noch nicht, mich zu besuchen, trotz der Gräfin Lydia Iwanowna,“ begann sie, „und sie erzählte mir von Eurem athenischen Abend. Welche Abgeschmacktheit das doch war!“

„Ich wollte nur erzählen, daß“ —

Sie unterbrach ihn.

„War es nicht Therese, die du früher gekannt hast?“

„Ich wollte erzählen“ —

„Wie ihr Männer doch häßlich seid! Wie könnt ihr euch denken, daß ein Weib dies je vergäße,“ sprach sie, mehr und mehr in Erregung geratend, und ihm damit die Ursache ihrer Aufregung zeigend, „und besonders das Weib, welches dein Leben nicht kennen kann. Was weiß ich davon? Was habe ich davon gewußt?“ sagte sie, „nur das, was du mir selbst davon erzählst. Aber woher könnte ich wissen, ob du mir die Wahrheit damit gesagt hast?“

„Anna! Du kränkst mich. Glaubst du mir denn nicht? Habe ich dir denn nicht gesagt, daß ich keinen einzigen Gedanken hege, den ich dir nicht entdeckte?“

„Ja, ja,“ antwortete sie, offenbar im Bemühen, die Regungen der Eifersucht von sich zu weisen, „aber hättest du gewußt, wie schwer mir zu Mute ist. Ich glaube, ich glaube dir ja — doch was sagtest du?“

Er war nicht imstande, sich sofort dessen zu entsinnen, was er hatte sagen wollen. Diese Anfälle von Eifersucht, die sie in der letzten Zeit immer häufiger und häufiger überkamen, erschreckten ihn, und so sehr er sich auch mühte, es zu verbergen, stimmten ihn kühler gegen sie, obwohl er recht gut wußte, daß die Ursache dieser Eifersucht ihre Liebe zu ihm war. Wie vielmal schon hatte er sich gesagt, daß ihre Liebe für ihn ein Glück sei; und nun, da sie ihn liebte, wie ein Weib nur lieben kann, für welche alle Güter im Leben von der Liebe überwogen werden — fühlte er sich bei weitem ferner von jener Glückseligkeit, als damals, da er ihr von Moskau aus nachgereist war.

Damals hatte er sich für unglücklich gehalten, aber das Glück kam noch; jetzt fühlte er hingegen, daß das höchste Glück bereits dahinten liege. Sie war durchaus nicht mehr die Nämliche, als welche er sie in der ersten Zeit gesehen hatte; innerlich und äußerlich hatte sie sich zu ihren Ungunsten verändert. Sie war dicker geworden, und als sie von der Schauspielerin sprach, lag ein schlimmer, verderbenschwangerer Ausdruck auf ihren Zügen, der sie entstellte.

Er blickte sie an, wie ein Mensch auf eine durch ihn selbst abgerissene und nun welk gewordene Blüte schauen mag, an welcher er nur mit Mühe noch die Schönheit wiedererkennt, wegen deren er sie brach und dem Untergange weihte.

Außerdem aber fühlte er auch, daß er seine Liebe damals, als sie noch stärker war, wenn er ernstlich gewollt hätte, aus seinem Herzen zu reißen vermocht haben würde. Jetzt aber, da ihm, wie in dem gegenwärtigen Augenblick, schien, als ob er gar keine Liebe zu ihr empfinde, jetzt erkannte er, daß sein Bund mit ihr nicht mehr gelöst werden könne.

„Ah, du wolltest mir doch wohl vom Prinzen erzählen? Ich habe den Satan verjagt, ich habe ihn verjagt,“ fügte sie hinzu. Satan nannten sie beide unter sich die Eifersucht. „Also was begannst du denn vom Prinzen zu erzählen? Weshalb ist es dir bei ihm so lästig geworden?“

„O, unerträglich!“ sagte er, sich bemühend, den Faden zu dem ihm entfallenen Gedanken wieder zu erfassen. „Er gewinnt nicht im näheren Umgang, und soll man ihn näher bezeichnen, so ist er ein vorzüglich gepflegtes Tier, für das man auf den Ausstellungen die Preismedaillen zu erhalten pflegt, weiter nichts,“ sagte er mit einem Verdruß, der bei ihr Interesse hervorrief.

„Wie, in der That?“ fiel sie ein. „Er hat aber doch so viel gesehen, ist so gebildet?“

„Es ist eine grundverschiedene Bildung — die Bildung solcher Leute. Er ist offenbar nur deswegen gebildet worden, damit er ein Recht besitzen möchte, die Bildung von oben herab anzusehen, wie sie überhaupt alles verachten — mit Ausnahme der Gegenstände ihres Vergnügens.“

„Ihr liebt aber doch auch diese Gegenstände des Vergnügens!“ sagte sie, und er bemerkte wiederum jenen düstern Blick, der ihn mied.

„Warum nimmst du ihn in Schutz,“ frug er lächelnd.

„Ich verteidige ihn nicht; es ist mir alles vollkommen gleichgültig; aber ich glaube, daß du, wenn du selbst diese Zerstreuungen nicht liebtest, wohl hättest absagen können. Dir aber machte es Vergnügen, Therese zu sehen im Kostüme der Eva.“

„Wieder und wieder der Diabolus,“ erwiderte Wronskiy, die Hand ergreifend, welche sie auf den Tisch gelegt hatte, und sie küssend.

„Ja wohl, aber ich kann nicht anders! Du weißt nicht, wie ich mich gemartert habe, indem ich deiner harrte. Ich denke wohl, daß ich nicht eifersüchtig bin; ich bin nicht eifersüchtig und glaube dir, wenn du hier bei mir bist; aber sobald du anderswo allein dein Leben, das mir unverständlich ist, führst“ — Sie wandte sich ab von ihm, sich wieder mit ihrem Häkelzeug beschäftigend, und begann mit Hilfe des Zeigefingers eine Masche der im Schein der Lampe hellschimmernden weißen Wolle nach der anderen aufzunehmen, wobei sich die zarte Hand mit nervöser Hast in dem Ärmel umwendete. „Aber, wo trafst du denn mit Aleksey Aleksandrowitsch zusammen?“ erklang plötzlich ihre Stimme in fast unnatürlichem Tone.

„Wir trafen an der Thür zusammen.“

„Grüßte er dich?“

Sie zog das Gesicht in die Länge, schloß die Augen halb, schnell den Ausdruck ihrer Züge verändernd und die Hände ineinander legend. Wronskiy gewahrte auf ihrem schönen Antlitz plötzlich den nämlichen Ausdruck, mit welchem ihn Aleksey Aleksandrowitsch gegrüßt hatte.

Er lächelte, sie aber lachte heiter auf mit jenem lieben, herzlichen Lachen, welches einen ihrer Hauptreize ausmachte.

„Ich begreife ihn entschieden nicht,“ antwortete Wronskiy. „Wenn er noch nach deiner Erklärung auf der Villa mit dir gebrochen und mich zum Duell gefordert hätte — aber dies verstehe ich nicht. Wie vermag er eine solche Lage zu ertragen? Er leidet ja; das ist offenbar.“

„Er?“ sagte sie lächelnd, „er ist vollkommen zufrieden.“

„Weshalb aber martern wir uns dann alle, wenn alles ganz gut werden könnte?“

„Nur er martert sich nicht. Soll ich sie etwa nicht kennen, diese große Lüge, in welcher er großgezogen ist? Ist es möglich, — wenn man nur ein wenig fühlt, — so zu leben, wie er mit mir lebt? Er versteht nicht und fühlt nicht. Kann denn ein Mensch, welcher nur einigermaßen fühlt, mit seiner verbrecherischen Frau in einem Hause leben? Kann er mit einer solchen sprechen? Sie mit ‚du‘ anreden?“ Unwillkürlich stellte sie sich sein, „du, ma chère, Anna,“ vor. „Er ist kein Mann und kein Mensch, er ist eine Puppe! Niemand weiß das, als ich. O, wäre ich an seiner Stelle, ich hätte längst gemordet, ich hätte in Stücke zerrissen dieses Weib, das so handeln konnte, wie ich, — aber ich hätte nicht gesagt ‚ma chère, Anna!‘ Das ist kein Mensch, sondern eine Maschine des Ministeriums. Er begreift nicht, daß ich dein Weib bin, daß er mir ein Fremder ist, ein Überflüssiger. Aber wir wollen nie mehr miteinander davon sprechen!“ —

„Du bist im Unrecht, ganz im Unrecht, meine Liebe,“ sagte Wronskiy, sich bemühend, sie ruhiger zu stimmen. „Aber immerhin sprechen wir nicht mehr von ihm. Erzähle mir lieber, was du bisher gethan hast? Wie geht es dir selbst? Wie steht es mit deiner Gesundheit und was hat der Arzt gesagt?“

Sie blickte ihn spöttisch und voll Freude zugleich an. Offenbar hatte sie lächerliche oder ungeheuerliche Seiten in diesem Manne da vor ihr entdeckt, und wartete nun nur auf den Augenblick, da sie dies mitteilen konnte.

Er aber fuhr fort: „Ich vermute, es ist kein eigentliches Leiden, sondern nur deine Situation, welche dich krank macht. Wann wird dann die Krisis eintreten?“

Der spöttische Glanz ihrer Augen erlosch, aber ein anderes Lächeln, das Kennzeichen eines ihm unbekannten, verborgenen Schmerzes, löste den früheren Ausdruck ab.

„Bald, bald. Du sagtest, daß unsere Lage peinlich sei, daß wir ihr ein Ende machen müßten. Wüßtest du doch, wie mir dies schwer wird, was ich darum geben möchte, dich frei und kühn lieben zu dürfen. Dann würde ich weder mich noch dich mit meiner Eifersucht quälen. Jene Krisis wird bald eintreten, aber nicht so, wie wir denken.“ Bei dem Gedanken daran, wie es kommen würde, erschien sie sich selbst so beklagenswert, daß ihr die Thränen in die Augen traten und sie nicht weiter zu sprechen vermochte. Sie zog ihre in der Lampe weißschimmernde beringte Hand in den Ärmel zurück. „Sie wird nicht so eintreten, wie wir denken. Ich wollte es dir nicht sagen, aber du veranlaßtest mich dazu. Bald, bald wird sich alles lösen und wir alle, alle werden ruhig werden und uns nicht mehr quälen.“

„Ich verstehe nicht,“ sagte Wronskiy, sie recht wohl verstehend.

„Du frugest mich, wenn die Krisis käme? Nun bald! Ich selbst werde sie nicht überleben. Unterbrich mich nicht.“ Sie fuhr hastig fort zu sprechen, „ich weiß das, ich weiß es gewiß! Ich werde sterben, und bin sehr froh, daß ich sterben und mich und euch erlösen werde.“ Thränen rannen ihr aus den Augen; er aber beugte sich auf ihre Hand herab und küßte sie, um seine Bewegung zu verbergen, die — er wußte es — zwar keinerlei Grund hatte, aber gleichwohl nicht zu beschwichtigen war. „So wird es kommen, und so wird es am besten sein,“ sagte sie, seine Hand mit heftiger Bewegung pressend; „das ist das Einzige, was uns geblieben ist.“

Er kam zu sich und hob das Haupt.

„Welch eine Thorheit! Welch sinnlose Thorheit du da sprichst!“

„Nein, nur Wahrheit.“

„Was, was für eine Wahrheit?“

„Daß ich sterben werde. Ich habe einen Traum gehabt.“

„Einen Traum?“ Wronskiy fiel sofort der Bauer in seinem eigenen Traume ein.

„Ja, einen Traum,“ sagte sie. „Schon vor Langem habe ich ihn einmal gehabt diesen Traum. Ich träumte, daß ich in mein Schlafzimmer eilte, weil ich dort etwas holen, nach etwas sehen wollte — du weißt ja, wie das im Traume ist,“ sagte sie, vor Schrecken die Augen weit aufreißend, „im Schlafzimmer aber stand etwas“ —

„Thorheiten, wie kann man glauben“ —

Doch sie ließ sich nicht unterbrechen; das, was sie erzählte, war viel zu wichtig für sie.

— „und dies Etwas bewegte sich. Ich sah, daß es ein Bauer war, mit wirrem Bart, klein und furchterweckend von Aussehen. Ich wollte davon laufen aber er beugte sich über einen Sack und wühlte mit den Händen darin.“ Sie vergegenwärtigte sich, wie die Erscheinung in dem Sacke gewühlt hatte, und Entsetzen spiegelte sich in ihren Zügen. Wronskiy empfand in der Erinnerung an seinen eigenen Traum einen gleichen Schrecken, der ihm die Seele erfüllte. „Er wühlte und hatte französisch gesagt ‚il faut le battre le fer, le broyer, le pétrir!‘ Ich wollte voll Entsetzen erwachen und erwachte — aber ich war nur im Traume erwacht. Ich frug mich nun, was das zu bedeuten habe. Korney sagte mir ‚das bedeutet, daß Ihr an einer Geburt sterben werdet, Matuschka, an einer Geburt.‘ — Dann erwachte ich wirklich.“ —

„Thorheiten, was für Thorheiten!“ sagte Wronskiy, fühlte aber selbst, daß nichts Überzeugendes in seinen Worten lag.

„Doch lassen wir das. Klingle, ich will Thee geben lassen. Oder warte noch, ich habe noch nicht lange erst“ — plötzlich hielt sie inne. Der Ausdruck ihres Gesichts veränderte sich momentan; Schrecken und Aufregung wechselte mit dem Ausdruck einer stillen, ernsten und verzückten Aufmerksamkeit. Er war nicht imstande, die Bedeutung dieser Verwandlungen zu begreifen. Sie hatte in sich die Bewegung eines neuen Lebens wahrgenommen.

4

Aleksey Aleksandrowitsch fuhr nach seiner Begegnung mit Wronskiy auf der Freitreppe, wie er beabsichtigt hatte, nach der italienischen Oper. Er wohnte dieser zwei Akte hindurch bei und begrüßte alle die, welche er sehen mußte. Nach Hause zurückgekehrt, besichtigte er aufmerksam den Kleiderhalter, und begab sich, nachdem er wahrgenommen hatte, daß ein Uniformrock nicht mit dahing, wie er zu thun pflegte, in seine Gemächer. Entgegen seiner Gewohnheit aber legte er sich nicht zur Ruhe nieder, sondern ging in seinem Kabinett auf und ab, bis drei Uhr nachts.

Das Gefühl des Zornes über das Weib, welches den Anstand nicht wahren, und die einzige ihr gestellte Bedingung, die, ihren Liebhaber nicht bei sich selbst zu sehen, nicht erfüllen wollte, ließ ihm keine Ruhe. Sie hatte seine Forderung nicht erfüllt und er mußte sie nun bestrafen, seine Drohung zur Ausführung bringen — die Trennung fordern und ihr das Kind nehmen. Er kannte alle Schwierigkeiten, die mit dieser Aufgabe verbunden waren, aber er hatte einmal gesagt, daß er dies thun werde, und jetzt mußte er seine Drohung ausführen.

Die Gräfin Lydia Iwanowna hatte ihm zu verstehen gegeben, daß dies der beste Ausweg aus seiner Lage sein werde und in der jüngsten Zeit hatte man auch die Praxis der Ehescheidungen zu solcher Vervollkommnung gebracht, daß Aleksey Aleksandrowitsch die Möglichkeit erkannte, die formellen Schwierigkeiten überwinden zu können. Hierzu kam indessen, wie ja ein Unglück nie allein kommt, daß auch die Angelegenheiten bezüglich der Lage der Ausländer und der Bewässerung der Fluren im Gouvernement Zaraisk für ihn so viele dienstliche Unannehmlichkeiten im Gefolge hatten, daß er sich in letzter Zeit stets in einem Zustande äußerster Gereiztheit befand. Er konnte die ganze Nacht kein Auge zuthun, und sein Groll, in einer Art ungeheurer Progression anwachsend, hatte bis zum Morgen die äußerste Grenze erreicht.

Hastig kleidete er sich an, und eilte, gleichsam eine Schale voll Wut tragend und befürchtend, von ihrem Inhalt zu verschütten, und zugleich damit an Energie einzubüßen, deren er zur Auseinandersetzung mit seinem Weibe bedurfte — zu ihr, sobald er gehört hatte, daß sie sich erhoben habe.

Anna, welche stets geglaubt hatte, ihren Mann so genau zu kennen, geriet in Bestürzung bei seinem Anblick, als er zu ihr ins Gemach trat. Seine Stirn war finster gerunzelt, seine Augen blickten düster, gerade aus, ihren Anblick meidend; sein Mund war fest und mit verächtlichem Ausdruck zusammengekniffen. Im Gang, in seinen Bewegungen, dem Ton seiner Stimme lag eine Entschlossenheit und Festigkeit, die sein Weib noch nie an ihm wahrgenommen hatte.

Er trat ins Zimmer und schritt, ohne ihr einen Morgengruß zu bieten, geradenwegs auf ihren Schreibtisch zu, ergriff die Schlüssel und öffnete das Schubfach.

„Was wollt Ihr!“ rief Anna Karenina.

„Die Briefe Eures Liebhabers!“ antwortete er.

„Hier giebt es keine,“ versetzte sie, den Kasten schließend, doch er erkannte an dieser Handlung, daß er richtig vermutet habe und riß, ihren Arm rauh wegstoßend, schnell eine Brieftasche an sich; in welche sie, wie er wußte, ihre notwendigsten Papiere zu legen pflegte. Sie wollte ihm die Brieftasche entreißen, allein er stieß sie von sich.

„Setzt Euch! Ich habe mit Euch zu reden,“ sagte er, die Brieftasche unter den Arm nehmend und sie so heftig mit seinem Ellbogen klemmend, daß sich seine Schulter hob.

Erstaunt und scheu blickte sie wortlos auf ihn.

„Ich habe Euch gesagt, daß ich Euch nicht gestatten könne, Euren Liebhaber bei Euch selbst zu sehen.“

„Ich mußte ihn sprechen, um“ —

Sie hielt inne, da sie keinen Vorwand fand.

„Ich werde mich nicht auf Einzelheiten darüber einlassen, wozu ein verheiratetes Weib ihren Liebhaber bei sich sehen muß.“

„Ich wollte, ich war nur“ — sagte sie, in aufsteigender Gereiztheit. Diese Rohheit erzürnte sie und gab ihr Mut, „solltet Ihr nicht fühlen, wie leicht es Euch fallen muß, mich zu beleidigen?“ sagte sie.

„Beleidigen kann man nur einen Mann von Ehre oder ein ehrenhaftes Weib, aber einem Diebe sagen, daß er ein Dieb sei, ist nur die constatation d’un fait!“

„Diesen neuen Zug von Härte hatte ich noch nicht in Euch gekannt.“

„Ihr nennt es Härte, wenn ein Mann seinem Weibe die Freiheit giebt, ihr den Schutz ihres ehrlichen Namens nur unter der Bedingung lassend, daß sie den Anstand beobachtet? Das nennt Ihr Härte?“

„Das ist schmählicher als Härte: das ist Niedrigkeit, wenn Ihr es denn wissen wollt!“ rief Anna in einem Ausbruch der Wut und wollte aufstehend das Zimmer verlassen.

„Nein!“ rief er mit seiner dünnen Stimme, welche jetzt noch eine Note höher klang, als gewöhnlich; er ergriff sie mit seinen langen Fingern am Arm, so hart, daß rote Spuren von ihrem Armband darauf blieben, welches er mit gepreßt hatte, und setzte sie gewaltsam wieder auf den Stuhl. „Eine Niedrigkeit? Wenn Ihr das Wort einmal brauchen wollt, so ist es Niedrigkeit, daß man einen Gatten verläßt und einen Sohn, für einen Liebhaber, und dabei das Brot des Gatten ißt!“

Sie senkte den Kopf. Sie sagte nicht nur nicht, was sie gestern dem Geliebten gesagt hatte, nämlich daß jener ihr Gatte, dieser hier aber ein Überflüssiger sei — sie dachte gar nicht daran, denn sie empfand die ganze Wahrheit seiner Worte, und so antwortete sie nur leise:

„Ihr könnt meine Lage nicht schlimmer darstellen, als wie ich selbst sie kenne; aber weshalb sagt Ihr das alles?“

„Weshalb ich das sage? Weshalb?“ fuhr er fort, noch ebenso wutentbrannt. „Damit Ihr wüßtet, daß ich, da Ihr meinen Willen bezüglich der Beobachtung der Regeln des Anstandes nicht erfüllt habt, Maßregeln ergreifen werde, um diese Situation zum Abschluß zu bringen!“

„Bald, bald wird sie ihr Ende auch so erreicht haben,“ antwortete sie und wiederum traten ihr die Thränen bei dem Gedanken an den nahen, jetzt erwünschten Tod in die Augen.

„Es wird schneller vorbei sein, als Ihr mit Eurem Liebhaber gedacht haben mögt! Ihr bedürft der Befriedigung einer materiellen Leidenschaft.“ —

„Aleksey Aleksandrowitsch! Ich will nicht sagen, daß es nur wenig großmütig wäre, es ist nicht einmal in der Ordnung, einen Gefallenen noch zu schlagen!“

„Ihr denkt eben nur an Euch! Aber die Leiden eines Menschen, der Euer Gatte war, interessieren Euch nicht. Es ist Euch ganz gleichgültig, daß das ganze Dasein desselben vernichtet ist, daß er unsagbar gesi — — gesitten!“ — — Aleksey Aleksandrowitsch sprach so überstürzt, daß er sich verwickelte und nicht imstande war, das Wort „gelitten“ herauszubringen. Dies erschien ihm komisch, ja selbst beschämend, weil es ihr in diesem Augenblick lächerlich erscheinen konnte.

Zum erstenmal empfand sie für eine Sekunde etwas für ihn, sie versetzte sich in ihn und er that ihr leid. Aber was konnte sie sagen oder thun? Sie senkte das Haupt und schwieg. Er schwieg gleichfalls einige Zeit, und sprach dann mit weniger pfeifender, kalter Stimme weiter, einige willkürlich gewählte Worte sprechend, ohne daß sie eine besondere Wichtigkeit besessen hätten.

„Ich bin gekommen, Euch zu sagen,“ — begann er.

Sie schaute ihn an. „Nein,“ dachte sie, sich den Ausdruck seines Gesichts vergegenwärtigend, wie er sich verwickelt und nicht richtig zu sprechen vermocht hatte, „nein, es schien mir wohl nur so; sollte dieser Mann mit den matten Augen, mit dieser selbstzufriedenen Ruhe, etwas fühlen können?“

„Ich vermag nichts zu ändern,“ flüsterte sie.

„Ich bin gekommen, Euch zu sagen, daß ich morgen nach Moskau reisen und nicht mehr in dieses Haus zurückkommen werde. Ihr werdet Nachricht über meine Entscheidungen durch meinen Rechtsanwalt erhalten, dem ich die Führung des Ehescheidungsprozesses übergeben will. Mein Sohn wird zu meiner Schwester übersiedeln,“ sprach Aleksey Aleksandrowitsch, mit Anstrengung sich ins Gedächtnis zurückrufend, was er betreffs des Sohnes hatte verfügen wollen.

„Ihr braucht Sergey, um mir ein Weh zuzufügen,“ sprach sie, ihn von unten herauf anblickend. „Ihr liebt ihn nicht! Laßt mir daher Sergey!“ —

„Ja, selbst die Liebe zum Sohne habe ich verloren, weil mit ihm sich mein Ekel vor Euch verbindet. Aber gleichwohl will ich ihn nehmen. Lebt wohl!“ —

Er wollte gehen, doch jetzt hielt sie ihn zurück.

„Aleksey Aleksandrowitsch, laßt mir Sergey!“ sprach sie noch einmal leise. „Nichts weiter habe ich Euch zu sagen. Laßt mir Sergey bis zu meiner — ich werde bald niederkommen — laßt ihn mir!“ —

Aleksey Aleksandrowitsch fuhr auf, riß seine Hand aus der ihren und verließ stumm das Gemach.

5

Das Empfangszimmer des berühmten Petersburger Rechtsanwaltes war gefüllt, als Aleksey Aleksandrowitsch dort eintrat.

Es befanden sich darin drei Damen; eine alte, eine junge, und eine Kaufmannsfrau; ferner drei Herren, ein deutscher Bankier, mit einem Ring am Finger, ein anderer, ein Kaufmann mit einem Barte, und der dritte war ein grimmiger Beamter in Uniform mit einem Stern am Halse. Alle schienen offenbar schon lange zu warten. Zwei Diätisten schrieben am Tische, mit den Federn schnarrend. Die Schreibutensilien, für welche Aleksey Aleksandrowitsch eine gewisse Vorliebe besaß, waren ungewöhnlich gut, er konnte nicht umhin, diese Wahrnehmung zu machen. Einer der Diätisten wandte sich, ohne aufzustehen, mit den Augen blinzelnd schroff an ihn:

„Was wünschen Sie?“

„Ich habe mit dem Rechtsanwalt zu thun.“

„Der ist jetzt beschäftigt,“ antwortete der Diätist schroff, mit der Feder nach den Wartenden weisend, und fuhr dann fort zu schreiben.

„Kann er nicht etwas Zeit für mich finden?“ frug Aleksey Aleksandrowitsch.

„Er hat keine freie Zeit, er ist stets in Anspruch genommen. Wollt doch gefälligst warten.“

„Dann macht Ihr wohl keine Schwierigkeiten, ihm meine Karte zu bringen,“ fuhr Aleksey Aleksandrowitsch würdevoll fort, die Notwendigkeit erkennend, daß er sein Inkognito fallen lassen müsse.

Der Schreiber nahm die Karte und ging, offenbar dem Inhalt derselben nicht trauend, zu einer Thür hinein.

Aleksey Aleksandrowitsch befand sich im Princip im Einverständnis mit der mündlichen Rechtskonsultation, doch in einigen Einzelheiten ihrer russischen Adoptation fühlte er sich nicht vollkommen in Übereinstimmung, zufolge der ihm bekannten höchsten Dienstverhältnisse, und er verwarf diese Einzelheiten, soweit er eine Institution von oben überhaupt verwerfen konnte. Sein ganzes Leben war in der administrativen Thätigkeit verflossen, aber seine Unzufriedenheit, wenn er mit etwas nicht übereinzustimmen vermochte, wurde daher durch die Anerkennung der Unvermeidbarkeit von Irrtümern herabgestimmt in der Erkenntnis der Möglichkeit von Verbesserungen bei jeglicher Sache. In den neuen Rechtsinstitutionen mißbilligte er die Grundsätze, auf denen die Advokatur beruhte, aber bisher hatte er noch nicht mit dieser zu thun gehabt, und sie daher nur in der Theorie verworfen — jetzt aber verstärkte sich seine ablehnende Haltung noch durch den unangenehmen Eindruck, den er in dem Empfangszimmer des Advokaten erhalten hatte.

„Man wird sogleich erscheinen,“ sagte der Diätist, und in der That zeigte sich nach Verlauf von zwei Minuten in der Thür die schmächtige Figur eines bejahrten Klienten, der sich mit dem Rechtsanwalt beriet und die Erscheinung des letzteren selbst.

Dieser war nicht groß von Gestalt, untersetzt und kahlköpfig, mit schwärzlich rotem Bart, blonden langen Brauen und übertretender Stirn.

Er war wie ein Bräutigam gekleidet, von der Halsbinde an und der doppelten Uhrkette bis zu den Lackstiefelchen. Sein Gesicht sah klug und grob aus, die Kleidung war geckenhaft und geschmacklos.

„Ist es gefällig,“ sagte der Rechtsanwalt zu Aleksey Aleksandrowitsch gewendet, und ließ diesen mit ernstem Gesicht an sich vorüber eintreten, worauf er die Thür schloß. „Ist es gefällig?“ Er wies auf einen Sessel am Schreibtisch, der mit Schriftstücken bedeckt war, und ließ sich selbst auf seinem Konsulentenplatz nieder, die kleinen Hände mit den kurzen, von weißen Härchen bestandenen Fingern reibend und den Kopf auf die Seite neigend. Kaum war er indessen in seiner Pose zur Ruhe gekommen, als über dem Tische eine Motte aufflog. Der Rechtsanwalt riß mit einer Schnelligkeit, die man von ihm nicht hätte erwarten sollen, die Hände auseinander, fing die Motte und nahm dann seine frühere Lage wieder ein.

„Bevor ich von meiner Angelegenheit zu sprechen beginne,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch, der mit verwunderten Blicken den Bewegungen des Rechtskonsulenten gefolgt war, „muß ich bemerken, daß die Angelegenheit, in welcher ich mit Euch zu reden habe, ein Geheimnis bleiben muß.“

Ein kaum bemerkbares Lächeln bewegte die roten, hängenden Schnurrbartspitzen des Advokaten voneinander.

„Ich müßte kein Advokat sein, wenn ich die Geheimnisse nicht zu bewahren wüßte, die mir anvertraut werden. Aber wenn ich Euch versichern darf“ —

Aleksey Aleksandrowitsch blickte auf sein Gesicht und gewahrte, daß die grauen klugen Augen lachten, als ob sie schon alles wüßten.

„Ihr kennt meine Familie?“ fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.

„Ich kenne Euch und Eure verdienstvolle“ — er fing abermals eine Motte — „Wirksamkeit so, wie jeder russische Unterthan,“ sagte der Advokat mit einer Verbeugung.

Aleksey Aleksandrowitsch seufzte und faßte sich; da er sich einmal entschlossen hatte, so fuhr er fort mit seiner pfeifenden Stimme, ohne in Verlegenheit zu kommen oder stecken zu bleiben, und gewisse Worte besonders hervorhebend.

„Ich habe das Unglück,“ begann Aleksey Aleksandrowitsch, „ein betrogener Ehegatte zu sein und wünsche auf dem Wege des Gesetzes die Beziehungen zu meinem Weibe abzubrechen, das heißt mich von ihr scheiden zu lassen; jedoch in der Weise, daß mein Sohn nicht bei der Mutter verbleibt.“

Die grauen Augen des Advokaten bemühten sich, nicht zu lachen, aber sie hüpften förmlich in nicht zu verhaltender Freude, und Aleksey Aleksandrowitsch sah, daß es sich hier nicht allein um die Freude eines Menschen handelte, welcher einen guten Auftrag erhalten hatte, sondern daß hier ein Triumph, ein Entzücken, ein Glanz wahrnehmbar wurde, der jenem bösartigen Feuer ähnlich war, wie er es in den Augen seines Weibes gesehen hatte.

„Ihr wünscht nun meine Mitwirkung für die Vollziehung der Ehescheidung?“

„Allerdings, doch ich muß Euch zuvor darauf hinweisen, daß ich mir erlaube, Eure Aufmerksamkeit zu mißbrauchen. Ich bin zunächst nur gekommen, um mich vorläufig mit Euch zu beraten. Ich wünsche die Trennung, aber für mich sind die Formen wichtig, unter denen sie zu ermöglichen ist. Es könnte leicht der Fall sein, daß ich, wenn die Formen mit meinen Forderungen nicht zusammenfallen, von einer gesetzlichen Ehescheidung absehen würde.“

„O, das bliebe ja immer in Euer Ermessen gestellt,“ antwortete der Rechtsanwalt, und senkte dabei die Augen nach den Füßen Aleksey Aleksandrowitschs in dem Gefühl, daß er mit dem Ausdruck seiner unbezähmbaren Freude den Klienten verletzen könnte; dann schaute er nach einer Motte, die vor seiner Nase tanzte und machte eine Armbewegung, fing sie aber nicht, aus Achtung vor der Lage Aleksey Aleksandrowitschs.

„Obgleich mir in allgemeinen Umrissen unsere gesetzlichen Bestimmungen über diesen Gegenstand bekannt sind,“ fuhr dieser fort, „so würde ich doch im allgemeinen diejenigen Formalitäten zu erfahren wünschen, nach welchen in der Praxis Angelegenheiten ähnlicher Art zur Erledigung gelangen.“

„Ihr wünscht,“ antwortete der Rechtsanwalt, ohne die Augen zu erheben, und nicht ohne Vergnügen auf den Ton der Rede seines Klienten eingehend, „daß ich Euch die verschiedenen Verfahren nach denen eine Erfüllung Eurer Absicht möglich wird, angebe.“ Auf das bestätigende Kopfnicken Aleksey Aleksandrowitschs fuhr er fort, nur bisweilen verstohlen auf das mit roten Flecken sich bedeckende Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs schauend —: „Die Ehescheidung nach unseren Gesetzen,“ — er sprach mit einem leichten Anflug von Mißbilligung der russischen Gesetze — „ist möglich, wie Euch bekannt, in folgenden Fällen“:

— „Warten!“ — wandte er sich zu dem in der Thür erscheinenden Diätisten, stand aber gleichwohl auf, sprach einige Worte und ließ sich erst dann wieder nieder; —

„In folgenden Fällen: Dem der physischen Unfähigkeit der Gatten; in dem einer fünfzigjährigen Verschollenheit des einen Teils;“ er sagte dies, den einen kurzen mit Haaren bewachsenen Finger ausstreckend, „ferner bei Ehebruch;“ er hob dieses Wort mit sichtlichem Vergnügen hervor, „die folgenden Unterabteilungen,“ er fuhr fort, seine dicken Finger auszustrecken, obwohl sich die drei Hauptfälle und die Unterabteilungen offenbar nicht fortlaufend mit Ziffern bezeichnen ließen, „physische Unfähigkeit des Mannes oder des Weibes; ferner Ehebruch seitens des Mannes oder des Weibes,“ als alle Finger ausgestreckt waren, spreizte er sie auseinander und fuhr fort: „Dies ist die theoretische Anschauung, doch glaube ich, Ihr gebt mir die Ehre, nochmals zu mir zu kommen, damit ich die thatsächliche Lage kennen lernen kann. Dann muß ich, an der Hand der Antecedenzfälle, Euch noch mitteilen, daß die Ehescheidungsfälle alle von den letzteren abhängen. Physische Unfähigkeit ist nicht vorhanden, wie ich annehmen darf? Auch nicht Verschollenheit.“ —

Aleksey Aleksandrowitsch nickte bestätigend mit dem Kopfe.

„Es handelt sich also um den dritten Punkt, den Ehebruch des einen der beiden Gatten und die Überführung des verbrecherischen Teils unter gegenseitiger Einräumung, oder auch in Ermangelung einer solchen Einräumung — die zwangsweise erreichte Überführung. Der letztere Fall, muß ich bemerken, findet sich in der Praxis allerdings selten,“ sagte der Rechtsanwalt und schwieg dann, verstohlen auf Aleksey Aleksandrowitsch blickend, wie ein Pistolenverkäufer, der die Güte dieser oder jener Waffe beschrieben hat und die Wahl des Käufers nun erwartet.

Aber Aleksey Aleksandrowitsch schwieg und der Anwalt fuhr daher fort, „das gewöhnlichste, einfachste und verständigste ist, meine ich, die Ehebruchsklage unter gegenseitigem Einverständnis. Ich würde mir nicht gestatten, mich einem Ungebildeten gegenüber so auszudrücken,“ sagte der Anwalt, „glaube aber, daß dies für Euch verständlich ist.“

Aleksey Aleksandrowitsch war indessen so zerstreut, daß er nicht sofort den Begriff Ehebruch mit beiderseitigem Einverständnis erfaßt hatte, und dieses Unvermögen in seinem Blicke zeigte; der Anwalt kam ihm daher sogleich zu Hilfe.

„Es können zwei nicht mehr miteinander leben — das ist das Faktum. Und wenn beide darin einverstanden sind, dann werden die Einzelheiten und die Formalitäten die nämlichen. Dies ist das einfachste und sicherste Mittel.“

Aleksey Aleksandrowitsch hatte jetzt vollständig begriffen. Aber er stand unter dem Einflusse religiöser Grundsätze, welche ihn an der Gestattung dieser Maßregel verhinderten.

„Das steht außerhalb der Frage im gegenwärtigen Falle,“ sagte er. „Hier ist nur ein Fall möglich, die zwangsweise Überführung, gestützt auf Briefwechsel, den ich besitze.“

Bei der Erwähnung von Briefen kniff der Advokat die Lippen ein und ließ einen feinen, Kondolenz und Indignation ausdrückenden Ton hören.

„Da müßte ich Euch darauf hinweisen,“ begann er, „daß Angelegenheiten dieser Art, wie Euch bekannt sein wird, von dem geistlichen Ressort entschieden werden. Die Herren Protopopen aber sind in derartigen Sachen große Liebhaber der kleinsten Einzelheiten,“ sagte der Rechtsanwalt mit einem Lächeln, welches seine Übereinstimmung hierin mit dem Geschmack der Protopopen dokumentierte. „Die Briefe können unzweifelhaft die Thatsache teilweise bestätigen, aber die Beweisgründe müssen auf direktem Wege erlangt werden, das heißt durch Augenzeugen. Wenn Ihr mir indessen im allgemeinen die Ehre erweisen wollt, mich mit Eurem Vertrauen zu bedenken, so überlaßt mir die Auswahl derjenigen Maßregeln, die erforderlich sein würden. Wer Resultate wünscht, muß sich auch zur Anwendung von Mitteln verstehen.“

„Wenn es so steht,“ — begann Aleksey Aleksandrowitsch, plötzlich erbleichend; doch im nämlichen Moment erhob sich der Rechtsanwalt und ging abermals zu seinem in der Thür erscheinenden Schreiber.

„Saget der Dame, daß wir nicht in billigen Sachen machen,“ rief er diesem dann zu, und kehrte zu Aleksey Aleksandrowitsch zurück.

Auf seinem Platze wieder angelangt, fing er ganz unmerklich noch eine Motte, „da wird mein Rips gut werden für den Sommer,“ dachte er dabei ärgerlich.

„Ihr wolltet vorhin sagen.“ — wandte er sich an Aleksey Aleksandrowitsch.

„Ich werde Euch meinen Entschluß brieflich mitteilen,“ antwortete dieser, und stand auf, sich am Tische festhaltend. Nachdem er eine Weile schweigend so gestanden hatte, hub er an: „Aus Euren Worten kann ich schließen, daß eine Ehescheidung folglich möglich ist. Ich würde Euch nun bitten, mir auch mitzuteilen, wie Eure Bedingungen hierfür lauten.“

„Möglich ist alles, sobald Ihr mir Vollmacht zu handeln gebt,“ antwortete der Anwalt, ohne auf die Frage zu antworten. „Wann kann ich darauf rechnen, Nachricht von Euch zu empfangen?“ frug er weiter, sich nach der Thür wendend, während seine Augen und seine Lackstiefeln dabei glänzten.

„In acht Tagen. Eure Antwort, ob Ihr die Vermittelung der Angelegenheit auf Euch nehmt und zu welchen Bedingungen, seid Ihr wohl so gütig, mir mitzuteilen?“

„Sehr wohl.“

Der Rechtsanwalt verneigte sich voll Ehrerbietung, ließ seinen Klienten aus der Thür hinaustreten und gab sich dann, allein geblieben, seinen angenehmen Empfindungen hin. Er war so zufrieden mit sich, daß er gegen seine Grundsätze der Kaufmannsfrau einen Nachlaß in den Kosten bewilligte und aufhörte Motten zu fangen, da er sich nunmehr fest entschlossen hatte, im nächsten Winter sein Meublement mit Sammet zu beziehen, wie es bei Sugonin war.

6

Aleksey Aleksandrowitsch erlangte einen glänzenden Sieg in der Kommissionssitzung vom siebzehnten August, aber die Folgen dieses Sieges untergruben seine Stellung. Eine neue Kommission zur allseitigen Untersuchung der Lage der Ausländer wurde eingesetzt und ging mit einem ungewöhnlichen, von Aleksey Aleksandrowitsch erweckten Eifer schnell nach den Örtlichkeiten ab. Binnen drei Monaten wurde der Bericht vorgelegt. Die Lage der Fremden war nach der politischen, administrativen, ökonomischen, ethnographischen, materiellen und religiösen Seite hin untersucht, und auf alle Fragen waren wohlgesetzte Antworten gegeben, Antworten, die keinen Zweifel mehr zuließen, da sie nicht das Ergebnis einer stets dem Irrtum ausgesetzten menschlichen Gedankenarbeit, sondern sämtlich das Resultat amtlicher Pflichterfüllung waren.

Die Bescheide waren sämtlich das Resultat offizieller Daten, von Gouverneuren und Bischöfen, die sich ihrerseits stützten auf die Darlegungen der Kreisoberhäupter und Inspektoren, die auch wieder erst auf den Berichten der Bezirksleitungen und Pfarroberhäupter beruhten, erstattet und infolge dessen keine Anzweiflung duldend. Alle diese Fragen, zum Beispiel die, weshalb Mißernten eintreten, weshalb die Bewohner an ihrem Glauben festhalten &c., Fragen, welche nicht ohne einen glatten Gang der Maschine der amtlichen Thätigkeit zu lösen sind, und in Jahrhunderten nicht gelöst werden können, erhielten eine deutliche unanfechtbare Klarstellung. Diese Klarstellung aber lag zu Gunsten der Meinung Aleksey Aleksandrowitschs. Stremoff indessen, der sich in der letzten Sitzung bei seiner schwachen Seite getroffen gefühlt hatte, wendete bei dem Eingang der Darlegungen der Kommision eine für Aleksey Aleksandrowitsch unerwartete Taktik an.

Stremoff, seinerseits gestützt auf einen Anhang von mehreren Mitgliedern, trat plötzlich zu der Richtung Aleksey Aleksandrowitschs über und verteidigte nicht nur die Einführung der von Karenin vorgetragenen Maßregeln, sondern er schlug sogar noch weitgehendere in dem nämlichen Sinne vor. Diese Maßregeln, welche im Gegensatz zu der Grundidee Alekseys noch stärker waren, wurden angenommen und nun zeigte sich die Taktik Stremoffs, denn bis aufs Äußerste gespannt, erwiesen sie sich plötzlich als so thöricht, daß zu gleicher Zeit die Beamten, wie die öffentliche Meinung, die klugen Damen und die Zeitungen alle über sie herfielen, ihren Unwillen darüber ausdrückten und gegen die Maßnahmen selbst und den anerkannten Urheber derselben, Aleksey Aleksandrowitsch, zu Felde zogen, während Stremoff auf die Seite trat und sich den Anschein gab, als ob er nur dem Plane Karenins blind gefolgt, jetzt aber verwundert und bestürzt sei über das, was angerichtet worden wäre.

Dies untergrub Karenins Stellung; aber trotz seiner sich mehr und mehr verschlechternden Gesundheit, und der traurigen Verhältnisse in der Familie, ergab er sich nicht. In der Kommission entstand eine Spaltung. Einige Mitglieder derselben, Stremoff an der Spitze, entschuldigten ihren Irrtum damit, daß sie der von Aleksey Aleksandrowitsch geleiteten Revisionskommission, welche den Vortrag vorgelegt habe, vertraut hätten, und sagten, daß der Bericht dieser Kommission Unsinn sei und nur unnütz Papier vollgeschrieben worden wäre.

Karenin mit der Partei derjenigen, welche die Gefahr einer solchen revolutionären Stellungnahme zum Aktenwesen erkannten, fuhr fort, die von der Revisionskommission ausgearbeiteten Daten aufrecht zu erhalten, und infolge dessen geriet in den höchsten Kreisen wie in der Gesellschaft alles in Verwirrung. Obwohl jedermann im höchsten Maße von der Frage interessiert war, vermochte niemand mehr zu erkennen, ob die Fremden denn in der That Not litten und untergingen, oder ob sie sich in günstigen Verhältnissen befänden. Die Stellung Karenins wurde infolge hiervon und teilweise auch infolge der durch die Ehrvergessenheit seines Weibes auf ihn fallende Geringschätzung, eine sehr erschütterte. In dieser Lage aber faßte er einen wichtigen Entschluß. Zur Verwunderung der Kommission erklärte er, daß er persönlich sich Urlaub erbitten werde, um nach Ort und Stelle zur Verfolgung der Angelegenheit abzureisen. In der That reiste er nach erlangtem Dispens nach den fernen Gouvernements ab.

Die Abreise Karenins verursachte viel Aufsehen, umsomehr, als er bei dieser selbst offiziell die Vorspanngelder, die ihm für zwölf Pferde bis an den Ort seiner Bestimmung ausgesetzt worden waren, zurücklieferte.

„Ich finde das sehr vornehm,“ sagte hierüber Bezzy zur Fürstin Mjachkaja; „wozu Vorspanngelder geben, da doch jedermann weiß, daß es jetzt überall Eisenbahnen giebt?“

Die Fürstin Mjagkaja jedoch war hiermit nicht einverstanden, ja die Meinung der Twerskaja erzürnte sie sogar.

„Ihr habt gut reden,“ antwortete sie, „da Ihr Millionen besitzt, ich weiß nicht einmal wie viele; ich aber habe es sehr gern, wenn mein Mann im Sommer auf Revision reist. Er befindet sich dabei sehr wohl und es reist sich angenehm. Bei mir ist es so eingerichtet, daß von diesem Gelde die Equipage und der Kutscher bestritten wird.“

Auf der Reise in jene entfernten Gouvernements blieb Karenin drei Tage in Moskau. Am zweiten Tage nach seiner Ankunft begab er sich zur Visite zum Generalgouverneur. An einem Straßenübergang, an dem sich stets Equipagen und Mietkutschen drängten, hörte Aleksey Aleksandrowitsch plötzlich seinen Namen mit so lauter und heiterer Stimme rufen, daß er nicht umhin konnte, sich umzuwenden. An der Ecke des Trottoirs, im kurzen modernen Überrock mit ebensolchem Krempenhut stand mit feinem Lächeln und den schimmernden weißen Zähnen zwischen den roten Lippen, heiter, jugendlich, strahlend, Stefan Arkadjewitsch, energisch und beharrlich rufend und zum Stehenbleiben auffordernd.

Er hielt sich mit der einen Hand an eine an der Ecke stehende Kutsche an, aus welcher ein weiblicher Kopf im Samthut mit zwei Kinderköpfchen erschien; er lächelte und winkte dem Schwager mit der Hand. Die Dame lächelte gleichfalls freundlich und winkte ebenfalls Aleksey Aleksandrowitsch; es war Dolly mit ihren Kindern.

Karenin hatte niemand in Moskau besuchen wollen, am allerwenigsten den Bruder seines Weibes. Er lüftete den Hut und wollte weiter fahren, allein Stefan Arkadjewitsch befahl seinem Kutscher zu halten und lief selbst zu Karenin durch den Schnee hin.

„Aber welches Verbrechen, Euch nicht einmal anzumelden! Schon lange da? War ich da gestern bei Dussot und sehe wohl am Brett ‚Karenin‘; daß du das aber wärest, habe ich nicht vermutet“ — sagte Stefan Arkadjewitsch, den Kopf in das Wagenfenster hineinsteckend. „Sonst wäre ich ja zu dir gekommen. Wie ich mich freue, dich zu sehen,“ sagte er, mit den Füßen aneinanderklappend, um den Schnee von ihnen zu entfernen, „aber welch ein Verbrechen, mich nichts wissen zu lassen!“ wiederholte er dann.

„Ich hatte gar keine Zeit übrig und bin sehr in Anspruch genommen,“ versetzte Aleksey Aleksandrowitsch mürrisch.

„Aber komm doch einmal mit zu meiner Frau; sie möchte dich so gern einmal sehen.“

Karenin schlug sein Plaid zurück, unter dem seine kalten Füße eingewickelt waren und begab sich, den Wagen verlassend, durch den Schnee zu Darja Aleksandrowna.

„Was ist das, Aleksey Aleksandrowitsch, warum umgeht Ihr uns so?“ frug ihn Dolly lächelnd.

„Ich bin sehr beschäftigt gewesen; freue mich aber sehr, Euch wiederzusehen,“ antwortete er in einem Tone, der deutlich verriet, daß er über das Zusammentreffen mißgelaunt war. „Wie befindet Ihr Euch?“

„Nun; was macht meine liebe Anna?“

Karenin murmelte einige Worte und wollte dann gehen, doch Stefan Arkadjewitsch hielt ihn zurück.

„Was machen wir morgen? Dolly, bitte Karenin doch zum Essen! Wir wollen Koznyscheff und Peszoff noch einladen, damit wir ihn mit Moskauischer Intelligenz bewirten können.“

„Also kommt, bitte,“ sagte Dolly, „wir werden Euch für fünf Uhr oder sechs Uhr erwarten, wenn Ihr wollt. Aber was macht denn meine gute Anna? Wie lange“ —

„Sie befindet sich wohl,“ murmelte Aleksey Aleksandrowitsch verbittert. „Sehr angenehm gewesen!“ Mit diesen Worten wandte er sich nach seinem Wagen um.

„Kommt Ihr denn?“ rief Dolly noch nach.

Aleksey Aleksandrowitsch sagte etwas, was Dolly im Lärm der rollenden Equipagen nicht verstehen konnte.

„Morgen werde ich dich besuchen!“ rief Stefan Arkadjewitsch.

Karenin ließ sich in seinem Wagen nieder und beugte sich tief in ihm herab, um niemand zu sehen und von niemand gesehen zu werden.

„Ein seltsamer Kauz,“ sagte Stefan Arkadjewitsch zu seiner Frau, und nachdem er nach der Uhr geschaut, machte vor seinem Gesicht eine Handbewegung, welche seiner Frau und den Kindern gelten und sie grüßen sollte und schritt elastisch auf dem Trottoir hinweg.

„Stefan, Stefan!“ rief Dolly errötend.

Er wandte sich um.

„Ich brauche aber doch neue Paletots für Grischa und Tanja. Gieb mir Geld!“

„Nicht nötig, daß ich dir Geld gebe. Du brauchst nur zu sagen, daß ich zahle!“ Er ging hinweg, einem vorüberfahrenden Bekannten mit dem Kopfe zunickend.

7

Am nächsten Tage war Sonntag. Stefan Arkadjewitsch fuhr in das Große Theater zur Wiederholung des Balletts und schenkte Mascha Tschibisowa, einer sehr hübschen, durch seine Protektion neu angetretenen Tänzerin die am Abend vorher versprochenen Korallen: hinter der Coulisse, im Halbdunkel des Theaterbodens, küßte er das hübsche, über das Geschenk freudig errötete Gesichtchen. Außer der Überreichung der Korallen hatte er aber auch noch ein Tete-a-tete nach dem Ballett mit ihr zu verabreden. Da er ihr erklärt hatte, daß er im Anfang der Vorstellung nicht anwesend sein könne, hatte er ihr versprochen, im letzten Akte kommen zu wollen, um sie dann zum Souper mit sich zu nehmen. Vom Theater fuhr er hierauf nach dem Wildmarkt, wo er selbst Fisch und Spargel zu dem Essen einkaufte, und um zwölf Uhr war er bei Dussot, wo er sich mit drei Bekannten treffen wollte, die wie zu seinem Glück in dem nämlichen Hotel wohnten — mit Lewin, welcher hier abgestiegen und erst unlängst aus dem Ausland wieder angekommen war, ferner mit seinem neuen Vorgesetzten, der erst vor kurzem auf seinen hohen Posten gekommen, Moskau revidierte und seinem Schwager Karenin, den er auf jeden Fall zum Essen mit heim nehmen wollte.

Stefan Arkadjewitsch liebte das Essen, noch mehr liebte er es aber, ein Essen zu geben, ein kleines, aber feines, sowohl nach dem Menü, als nach der Wahl der Gäste. Das Programm des heutigen Essens gefiel ihm sehr, es gab Barsche, Spargel, und als pièce de résistance ein wundervolles Roastbeef und verschiedene Weinsorten; soviel vom Essen und Trinken. Was die Gäste anbetraf, so sollten unter diesen Kity und Lewin sein, und damit der Anschein der Unbefangenheit dabei gewahrt bliebe, noch eine junge Cousine und der junge Schtscherbazkiy, und hier ebenfalls als pièce de résistance unter den Gästen, Koznyscheff, Sergey und Aleksey Aleksandrowitsch.

Sergey Iwanowitsch war ein echter Moskoviter und Philosoph, Aleksey Aleksandrowitsch, ein echter Petersburger und Praktikus, dann aber wollte er auch noch den bekannten Sonderling und Enthusiasten Peszoff, einen liberaldenkenden redseligen Menschen, welcher Musiker, Historiker und ein liebenswürdiger, fünfzigjähriger Jüngling war, und zu Koznyscheff und Karenin die Sauce oder Garnierung bilden sollte.

Das Geld für den losgeschlagenen Wald war in der ersten Rate vom Kaufmann erhalten und noch nicht aufgebraucht worden. Dolly zeigte sich jetzt sehr gut und freundlich, und die Idee, welche dem Essen zu Grunde lag, verursachte Stefan Arkadjewitsch in jeder Beziehung Freude. Derselbe befand sich in der heitersten Stimmung, zwei Umstände waren allerdings etwas unangenehm, doch diese versanken in dem Meere der vergnügten Laune, von welcher die Seele Stefan Arkadjewitschs erfüllt war. Diese beiden Umstände waren, erstens, daß er gestern bei dem Zusammentreffen auf der Straße mit Aleksey Aleksandrowitsch bemerkt hatte, daß dieser nüchtern und ernst gegen ihn gewesen war, und indem er nun diesen Ausdruck Karenins sowie, daß derselbe nicht zu ihm gekommen war und ihm auch keine Nachricht von seiner Ankunft hatte zugehen lassen, mit den Gerüchten zusammenhielt, welche er über Anna und Wronskiy gehört hatte, vermutete er, daß hier etwas zwischen Mann und Frau nicht richtig sei.

Dies war die eine Unannehmlichkeit; die andere war, daß der neue Vorgesetzte, wie alle neuen Vorgesetzten, schon den Ruf eines furchtbaren Beamten besaß, der um sechs Uhr früh aufstehe, wie ein Pferd arbeite, und die gleiche Arbeitsleistung auch von seinen Untergebenen verlange. Außerdem aber stand der neue Vorgesetzte auch noch im Rufe, er sei ein Bär im Umgang und den Gerüchten zufolge ein Mensch von ganz anderer Richtung, als wie sie der frühere Vorgesetzte befolgt hatte, und wie sie Stefan Arkadjewitsch selbst befolgte.

Gestern nun war letzterer in Uniform im Dienst erschienen und der neue Vorgesetzte hatte sich äußerst liebenswürdig gegen ihn gezeigt, sich auch mit ihm unterhalten, als wäre Oblonskiy ein Bekannter von ihm.

Stefan Arkadjewitsch hielt es infolge dessen für seine Pflicht, ihm einen kurzen Besuch zu machen, und der Gedanke, daß der neue Vorgesetzte ihn nun nicht freundlich aufnehmen könnte, bildete den zweiten unangenehmen Umstand.

Er fühlte indessen, daß sich alles „schon machen“ werde. „Sie sind alle Menschen, und haben ihre Fehler wie wir; weshalb also soll es Mißgunst und Hader geben?“ dachte er, als er das Hotel betrat.

„Wie geht’s, Wasiliy,“ sagte er, im Kremphut durch den Korridor schreitend und sich an den ihm bekannten Lakaien wendend, „hast dir ja den Backenbart stehen lassen? Lewin wohnt in Nummer sieben, nicht wahr? Führe mich doch dahin! Empfängt denn Graf Anitschkin?“ — so hieß der neue Vorgesetzte. —

„Zu Diensten,“ antwortete Wasiliy lächelnd, „der Herr haben uns lange nicht beehrt.“

„War erst gestern hier, nur durch die andere Einfahrt gekommen. Das ist Nummer sieben?“

Lewin stand mit einem twerskischen Bauer in der Mitte seines Zimmers und maß gerade mit einem Ellenmaß eine frische Bärenhaut, als Stefan Arkadjewitsch eintrat.

„Ah, habt Ihr den geschossen?“ rief dieser, „ein vorzügliches Stückchen; eine Bärin, nicht wahr? Guten Tag Archip!“

Er reichte dem Bauern die Hand und setzte sich auf einen Stuhl, ohne Überrock und Hut abzulegen.

„Lege doch ab und bleibe ein wenig da!“ sagte Lewin, ihm den Hut abnehmend.

„Nein, ich habe keine Zeit und komme nur auf eine Sekunde,“ antwortete Stefan Arkadjewitsch; er öffnete nur seinen Überrock, legte ihn dann aber doch noch ab und blieb eine ganze Stunde im Geplauder mit Lewin über die Jagd und sonstige Steckenpferde sitzen. „Aber sage mir nur, was du eigentlich im Ausland gemacht hast?“ frug er, als der Bauer gegangen war.

„Ich war in Deutschland; in Preußen, Frankreich und England, doch nicht in den Residenzen, sondern in den Fabrikstädten, und habe dort viel Neues gesehen. Und ich freue mich, dort gewesen zu sein.“

„Ich kenne deine Ideen über die Arbeiterfrage.“

„Weit gefehlt. In Rußland kann es keine Arbeiterfrage geben. In Rußland heißt diese Frage nur das Verhältnis des arbeitenden Volkes zu seinem Boden. Man hat sie auch drüben, aber dort ist sie nur ein Flicken auf einem Lumpen. Bei uns“ —

Stefan Arkadjewitsch hatte Lewin aufmerksam zugehört.

„Ja, ja,“ begann er darauf, „es ist sehr wohl möglich, daß du recht hast, aber ich bin nur froh, daß du wieder mutigeren Sinnes geworden bist; du jagst jetzt Bären, arbeitest und zerstreust dich: mir hatte ja Schtscherbazkiy erzählt, — er ist dir wohl begegnet — daß du dich in einer gewissen Niedergeschlagenheit befunden und immer nur vom Tode gesprochen hättest.“

„Was soll das? Ich höre nicht auf, an den Tod zu denken,“ sagte Lewin. „Und es ist wahr, es wird auch Zeit zum Sterben. Alles ist eitel. Ich sage dir und glaube das, ich halte in meinen Gedanken die Arbeit sehr hoch, aber in Wirklichkeit — denke nur einmal nach — ist diese unsere ganze Welt doch nur ein kleiner Schimmel, der auf einem winzigen Planeten gewachsen ist. Wir aber meinen immer, es könne bei uns etwas Erhabenes existieren, im Geiste oder in der That, während alles nur eitel Staub ist!“

„Ja Bruderherz, das ist aber eine Geschichte, so alt wie die Welt!“

„Gewiß, aber weißt du, wenn du dies klar erfassest, dann ist alles nichtig. Wenn du erkennst, daß du heute oder morgen sterben kannst, und nichts mehr von dir bleibt, dann ist eben alles nichts! Ich halte meinen Gedanken für sehr bedeutend, aber er erscheint ebenso nichtig, sobald ich ihn zur Ausführung bringen will — wie etwa wenn ich dieses Bärenfell erjage. So verbringst auch du dein Leben, dich an Jagd und Arbeit zerstreuend, nur um nicht des Todes gedenken zu müssen.“

Stefan Arkadjewitsch lächelte fein und freundlich bei den Worten Lewins.

„Natürlich kommst du nur zu mir um mich zu tadeln, daß ich im Leben Zerstreuungen suche? Sei nicht zu streng, o Moralist.“

„Nein, nein; doch im Leben ist ganz gut“ — Lewin hatte sich jetzt plötzlich verwickelt, „ich weiß nicht, ich weiß nur, daß wir bald sterben werden.“

„Warum denn bald?“

„Es giebt im Leben weniger Reize, wenn man des Todes gedenken muß, aber man wird dabei ruhiger.“

„Im Gegenteil, immer lustiger! — Doch meine Zeit ist jetzt gekommen;“ Stefan Arkadjewitsch stand zum zehntenmale vom Platze auf.

„Ach bleib doch noch ein wenig sitzen,“ sagte Lewin, ihn haltend. „Wann werden wir uns wiedersehen? Ich fahre morgen.“

„Deshalb bin ich hergekommen. Du kommst doch sicher heute zu mir, zu einem Essen. Dein Bruder wird mit da sein, und Karenin, mein Schwager.“

„Ist er denn hier?“ frug Lewin und wollte nach Kity fragen. Er hörte, daß sie im Beginn des Winters in Petersburg bei ihrer Schwester gewesen sei, der Frau eines Diplomaten, und wußte nicht, ob sie wieder zurückgekehrt war oder nicht; doch gab er es auf, zu fragen. Mochte sie da sein oder nicht, es war ihm gleich.

„Also du kommst?“

„Gewiß.“

„Um fünf Uhr!“

Stefan Arkadjewitsch erhob sich und ging hinunter nach dem Zimmer seines neuen Vorgesetzten. Sein Instinkt hatte ihn nicht betrogen; der neue, so gefürchtete Beamte zeigte sich als ein höchst umgänglicher Mensch und Stefan Arkadjewitsch frühstückte mit ihm und blieb lange mit ihm zusammen, so daß er erst um vier Uhr zu Aleksey Aleksandrowitsch kam.

8

Aleksey Aleksandrowitsch verbrachte, aus der Messe zurückgekommen, den ganzen Morgen im Hause. Es lagen ihm zwei Geschäfte ob, deren erstes im Empfang und in der Dirigierung einer nach Petersburg abgehenden, gegenwärtig noch in Moskau befindlichen Deputation der Ausländer bestand, während das zweite die Aufsetzung des dem Rechtsanwalt zugesagten Briefes betraf.

Die Deputation, wenngleich durch die Initiative Aleksey Aleksandrowitschs zu Stande gebracht, konnte viele Unannehmlichkeiten und selbst Gefahren im Gefolge haben, und Aleksey Aleksandrowitsch war daher sehr froh, daß er sie in Moskau vorher antraf.

Die Mitglieder derselben besaßen nicht den geringsten Begriff von ihrer Rolle und ihren Obliegenheiten. Sie waren aufrichtig überzeugt, daß ihre Aufgabe darin bestehe, ihre Bedürfnisse und den thatsächlichen Stand der Dinge darzulegen und um die Hilfe der Regierung zu bitten, wußten aber durchaus nicht, daß mehrfache Erklärungen und Forderungen ihrerseits nur die feindliche Partei unterstützen mußten und daher die ganze Angelegenheit zu nichte machen konnten.

Aleksey Aleksandrowitsch beschäftigte sich lange Zeit mit ihnen, setzte ihnen ein Programm auf, außerhalb dessen sie sich nicht bewegen möchten und schrieb Briefe im Interesse der Dirigierung der Deputation nach Petersburg.

Die hauptsächlichste Helferin in dieser Angelegenheit sollte die Gräfin Lydia Iwanowna sein. Sie war Spezialistin im Deputationswesen und niemand verstand es so wie sie, den Deputationen eine präcise Richtung zu geben.

Als Aleksey Aleksandrowitsch mit der Deputation fertig war, schrieb er den Brief an den Rechtsanwalt, und gab demselben ohne Besinnen den Bescheid, nach seinem Ermessen handeln zu wollen. Dem Schreiben legte er noch drei Briefe Wronskiys an Anna bei, die sich in der konfiscierten Brieftasche befunden hatten.

Seit Aleksey Aleksandrowitsch sein Haus verlassen hatte, mit dem Vorsatz nicht wieder zur Familie zurückzukehren, seit er bei dem Rechtsanwalt gewesen war und nun wenigstens einem Menschen von seinen Absichten Mitteilung gemacht hatte, seit der Zeit besonders, seit welcher er jenes Ereignis in seinem Leben zu einer Sache der Akten gemacht hatte, hatte er sich mehr und mehr an seinen Entschluß gewöhnt, und er sah jetzt auch die Möglichkeit, ihn auszuführen.

Er siegelte soeben das Couvert an den Rechtsanwalt, als der laute Klang der Stimme Stefan Arkadjewitschs vernehmbar wurde. Dieser stritt mit dem Diener Aleksey Aleksandrowitschs und bestand darauf, gemeldet zu werden.

„Gleichviel,“ dachte Aleksey Aleksandrowitsch, „um so besser, ich werde sofort Aufklärungen über meine Lage in Bezug auf seine Schwester geben und auseinandersetzen, weshalb ich nicht bei ihm speisen kann.“

„Laß eintreten,“ sprach er laut, seine Papiere zusammennehmend und sie in eine Mappe steckend.

„Nun siehst du doch, daß du gelogen hast; er ist ja zu Haus?“ antwortete die Stimme Stefan Arkadjewitschs dem Diener, der ihn nicht hatte einlassen wollen, und im Gehen den Überzieher abnehmend, trat Oblonskiy in das Zimmer.

„Ich bin sehr erfreut, daß ich dich angetroffen habe; so darf ich also wohl hoffen,“ begann Stefan Arkadjewitsch heiter.

„Ich kann nicht kommen,“ versetzte Aleksey Aleksandrowitsch kalt, stehend, und ohne den Besuch zum Niedersetzen einzuladen. Er gedachte sogleich in jene kühlen Beziehungen zu treten, die er dem Bruder des Weibes gegenüber zu beobachten hatte, gegen welches er den Ehescheidungsprozeß angestrengt hatte; allein er hatte nicht mit jenem Ocean von Gutherzigkeit gerechnet, der in der Seele Stefan Arkadjewitschs über die Ufer trat.

Dieser riß seine glänzenden, hellen Augen weit auf.

„Weshalb kannst du denn nicht? Was willst du damit sagen?“ frug er schwankend auf französisch. „Nein; du hattest es doch schon versprochen. Wir alle rechnen ja auf dich!“

„Ich will damit sagen, daß ich deshalb nicht bei Euch sein kann, weil die verwandtschaftlichen Beziehungen, welche zwischen uns bestanden haben, abgebrochen werden müssen.“

„Wie? Gewiß? Warum denn?“ fuhr Stefan Arkadjewitsch lächelnd fort.

„Weil ich den Ehescheidungsprozeß gegen Eure Schwester, mein Weib, anstrenge. Ich war gezwungen“ —

Aleksey Aleksandrowitsch hatte seine Rede noch nicht geendet, als Stefan Arkadjewitsch bereits ganz anders gehandelt hatte, als er erwartete. Oblonskiy hatte sich ächzend in einen Lehnstuhl fallen lassen.

„O nein, Aleksey Aleksandrowitsch, was sagst du da?“ rief Oblonskiy und Schmerz malte sich auf seinen Zügen.

„So ist es.“

„Entschuldige, aber ich kann und kann es nicht glauben“ —

Aleksey Aleksandrowitsch setzte sich, in der Empfindung, daß seine Worte nicht die Wirkung gehabt hatten, welche er erwartete, und daß es unumgänglich nötig sein würde, sich zu erklären, daß aber auch, mochten seine Erklärungen lauten wie sie wollten, die Beziehungen zwischen ihm und dem Schwager die nämlichen bleiben würden.

„Ja; ich bin in die drückende Notwendigkeit versetzt worden, die Scheidung zu fordern,“ sagte er.

„Ich kann nur Eines darauf sagen, Aleksey Aleksandrowitsch; ich kenne dich als einen Menschen von ausgezeichneter Gerechtigkeit; ich kenne Anna, — entschuldige mich, ich kann meine Meinung über sie nicht ändern — als herrliches, ausgezeichnetes Weib und infolge dessen — nimm mir es nicht übel — kann ich dies nicht glauben. Hier liegt ein Mißverständnis vor,“ — sagte er.

„Ja; wäre es nur ein Mißverständnis“ —

— „Entschuldige; ich verstehe“ — unterbrach ihn Stefan Arkadjewitsch, „aber natürlich — doch Eines muß man im Auge behalten — man soll sich nicht übereilen. Es ist nicht nötig, durchaus nicht nötig, sich zu übereilen!“

„Ich habe mich nicht übereilt,“ antwortete Aleksey Aleksandrowitsch kühl, „und konnte mich auch in einer solchen Angelegenheit mit niemandem beraten. Ich bin fest entschlossen.“

„Das ist ja entsetzlich!“ erwiderte Stefan Arkadjewitsch schwer seufzend. „Ich würde Eines gethan haben, Aleksey Aleksandrowitsch, und ich beschwöre dich, thue das!“ sagte er, „der Prozeß ist noch nicht begonnen, so weit ich verstanden habe. Sprich doch, bevor du denselben eröffnest, einmal mit meiner Frau, sprich mit ihr. Sie liebt Anna wie ihre Schwester, sie liebt auch dich, und sie ist ein bewundernswürdiges Weib. Um Gott, sprich mit ihr! Erweise mir diesen Freundschaftsdienst, ich beschwöre dich!“

Aleksey Aleksandrowitsch begann nachzudenken und Stefan Arkadjewitsch schaute mit Teilnahme auf ihn, ohne sein Schweigen zu unterbrechen.

„Wirst du dich zu ihr begeben?“

„Ich weiß nicht; eben deshalb bin ich ja nicht zu Euch gekommen. Ich glaube, unsere Beziehungen werden sich verändern müssen.“

„Weshalb? Das sehe ich nicht ein. Laß mich der Meinung bleiben, daß du, abgesehen von unseren verwandtschaftlichen Beziehungen, mir gegenüber wenigstens zum Teil dieselben freundschaftlichen Empfindungen hegst, die ich stets für dich empfunden habe. Meine aufrichtige Hochachtung,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, ihm die Hand drückend. „Selbst für den Fall, daß deine schlimmsten Annahmen gerechtfertigt wären, werde ich mir nie erlauben, werde ich es nie auf mich nehmen, die eine oder die andere Partei zu richten, und ich sehe daher keinen Grund, weshalb unsere Beziehungen eine Änderung erleiden sollten. Jetzt aber erweise mir diesen Dienst; fahre mit zu meiner Frau.“

„Wir betrachten eben von verschiedenen Standpunkten aus diese Angelegenheit,“ versetzte Aleksey Aleksandrowitsch kalt, „doch sprechen wir nicht mehr davon.“

„Aber warum könntest du nicht kommen? Wenigstens heute mit uns essen? Meine Frau erwartet dich; bitte komm mit. Und was die Hauptsache ist, sprich mit ihr! Sie ist ein bewundernswürdiges Weib. Um Gottes willen und auf meinen Knieen beschwöre ich dich!“

„Wenn Ihr es denn so sehr wünscht — will ich mitkommen,“ antwortete Aleksey Aleksandrowitsch seufzend.

Um das Thema zu ändern, frug er nach etwas, was sie beide interessierte — über den neuen Vorgesetzten Stefan Arkadjewitschs, einen noch jungen Mann, welcher plötzlich zu einer so hohen Stellung gelangt war.

Aleksey Aleksandrowitsch hatte schon früher den Grafen Anitschkin nicht geliebt und war stets in Meinungsverschiedenheit mit jenem gewesen, jetzt aber konnte er sich eines für Beamte verständlichen Hasses nicht erwehren, wie ihn ein Mann, der im Dienst eine Schlappe erlitt, gegen einen anderen empfindet, welcher eine Beförderung erhalten hat.

„Hast du ihn denn schon gesehen?“ frug Aleksey Aleksandrowitsch mit boshaftem Lächeln.

„Gewiß; er war gestern bei uns im Gericht. Es scheint, als ob er die Geschäfte ausgezeichnet verstände und sehr thätig wäre.“

„Allerdings, doch worauf richtet sich seine Thätigkeit?“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch, „darauf etwa, etwas auszuführen, oder darauf, das noch einmal zu thun, was schon ausgeführt ist? Das Unglück unseres Staates ist dessen Aktenwirtschaft in der Verwaltung, deren würdiger Repräsentant er ist.“

„Nein, wahrhaftig, ich wüßte nicht, was ich an ihm zu verurteilen hätte. Seine Richtung kenne ich nicht, nur Eines weiß ich, daß er ein vorzüglicher Mensch ist,“ antwortete Stefan Arkadjewitsch. „Wir haben zusammen gefrühstückt und ich habe ihm dabei gezeigt, weißt du, wie man jenes Getränk, Wein mit Apfelsine bereitet. Es erfrischt außerordentlich und ich wunderte mich nur, daß er es noch nicht kannte, es gefiel ihm sehr. Nein, es ist wahr, er ist ein ganz vortrefflicher Mensch.“ Stefan Arkadjewitsch schaute nach der Uhr. „Herr Gott, schon fünf, und ich muß noch zu Dolgowuschin! Also bitte komm doch zum Essen; du kannst dir nicht vorstellen, wie du meine Frau und mich kränken würdest“ —

Aleksey Aleksandrowitsch begleitete seinen Schwager schon nicht mehr ganz in derselben Stimmung hinaus, in der er denselben begrüßt hatte.

„Ich habe es versprochen und werde kommen,“ antwortete er düster.

„Sei überzeugt, daß ich dies zu schätzen weiß und, daß ich hoffe, du wirst es nicht bereuen,“ versetzte Stefan Arkadjewitsch lächelnd. Im Gehen seinen Paletot anziehend, tippte er den Diener mit der Hand auf den Kopf, lachte und ging hinaus.

„Um fünf Uhr also, bitte!“ rief er noch einmal, sich an der Thür zurückwendend.

9

Es war bereits sechs Uhr und mehrere Gäste waren schon eingetroffen, als der Hausherr selbst erst anlangte. Er trat zusammen mit Sergey Iwanowitsch Koznyscheff und Peszoff ein, die mit ihm zu gleicher Zeit an der Einfahrt zusammengetroffen waren. Diese waren die zwei Hauptrepräsentanten der Moskauischen Intelligenz, wie sie Oblonskiy nannte. Beide, nach Charakter und Geist angesehene Männer, achteten sich auch gegenseitig, hegten aber fast in allem eine unversöhnliche Meinungsverschiedenheit, nicht deshalb, weil sie entgegengesetzten Richtungen gehuldigt hätten, sondern gerade deshalb, weil sie einem gemeinsamen Lager angehörten — ihre Feinde identifizierten sie — in diesem Lager aber ein jeder von ihnen seine eigene Schattierung besaß. Da nun indes nichts für eine gegenseitige Übereinstimmung weniger förderlich ist, als die Meinungsverschiedenheit in den fernerliegenden Dingen, so kamen sie in ihren Meinungen nicht nur niemals überein, sondern waren schon längst daran gewöhnt, ohne sich zu ereifern, über ihren unverbesserlichen Irrtum sich gegenseitig lustig zu machen.

Sie traten gerade durch die Thür, im Gespräch über das Wetter, als Stefan Arkadjewitsch sie einholte. Im Salon saß bereits der Fürst Aleksander Dmitrijewitsch Schtscherbazkiy, der junge Schtscherbazkiy, Turowzyn, Kity und Karenin.

Stefan Arkadjewitsch nahm sofort wahr, daß ohne ihn die Unterhaltung im Salon nicht in Fluß kam; Darja Aleksandrowna in einer grauseidenen Salonrobe, befand sich augenscheinlich in Sorge um ihre Kinder, welche in der Kinderstube allein speisen mußten, und um ihren Gatten, der noch nicht anwesend war. Sie verstand nicht recht, ohne dessen Hilfe diese ganze Gesellschaft in Fluß zu bringen.

Alle saßen wie „Popentöchter auf Besuch“, um mit den Worten des alten Fürsten zu reden, augenscheinlich in Unklarheit darüber, weshalb sie eigentlich hierher gekommen waren, und Worte machend, um nur nicht zu schweigen.

Der gutmütige Turowzyn fühlte sich offenbar nicht in seiner Sphäre, und das Lächeln seiner wulstigen Lippen, mit welchem er Stefan Arkadjewitsch begrüßte, schien zu sagen: „Da Bruderherz, du hast mich mit so verständigen Leuten zusammengesetzt! Laß uns lieber zechen, Château des fleurs, das ist etwas für mich!“ —

Der alte Fürst saß schweigsam, mit seinen blitzenden Augen Karenin von der Seite anblickend, und Stefan Arkadjewitsch erkannte, daß jener bereits ein Bonmot ersonnen hatte über diesen Amtsmenschen, der stumm wie ein Fisch zu Besuch war.

Kity blickte nach der Thür, ihre Kräfte zusammennehmend, um nicht zu erröten bei dem Eintritt Konstantin Lewins. Der junge Schtscherbazkiy, mit welchem man Karenin nicht bekannt gemacht hatte, bemühte sich zu zeigen, daß ihn dies durchaus nicht beengte; Karenin selbst, war nach seiner Petersburger Gepflogenheit zum Essen mit Damen im Frack und weißer Halsbinde erschienen. Stefan Arkadjewitsch erkannte an seinen Mienen, daß er nur gekommen war, das gegebene Wort zu erfüllen und durch seine Gegenwart in dieser Gesellschaft eine schwere Pflicht erfüllte. Er bildete die eigentliche Ursache der herrschenden Steifheit, vor welcher alle Gäste bis zur Ankunft Stefan Arkadjewitschs gefröstelt hatten.

Nachdem dieser in den Salon eingetreten war, entschuldigte er sich, teilte zur Aufklärung mit, daß er von jenem Fürsten zurückgehalten worden sei, der für ihn den Sündenbock für alle Verspätungen und jedes Ausbleiben abgeben mußte und in einem Augenblick hatte er alles miteinander bekannt gemacht. Aleksey Aleksandrowitsch mit Sergey Koznyscheff zusammenbringend, gab er diesen ein Thema über die Russifizierung Polens, in welches sie sich sogleich mit Peszoff vertieften. Turowzyn auf die Schulter klopfend, flüsterte er etwas Schelmisches dazu und setzte ihn zu seiner Frau und dem alten Fürsten. Darauf sagte er Kity, sie sehe heute so hübsch aus und machte Schtscherbazkiy mit Karenin bekannt. In einer Minute hatte er diesen gesellschaftlichen Teig so durchgeknetet, daß der Salon voller Leben war und das Stimmgewirr lebhaft durcheinandertönte.

Nur Konstantin Lewin war noch nicht anwesend. Stefan Arkadjewitsch hatte indessen, in das Speisezimmer tretend, zu seinem Schrecken bemerkt, daß der Portwein und Xeres von Depres und nicht von Löwe geliefert war und befohlen, den Kutscher so schnell als möglich zu Löwe zu schicken. Als er hierauf in den Salon zurückkehrte, traf er im Speisezimmer mit Konstantin Lewin zusammen.

„Ich habe mich doch nicht verspätet?“

„Könntest du nicht auch einmal zu spät kommen?“ antwortete Stefan Arkadjewitsch, ihn unter dem Arme nehmend.

„Du hast viel Besuch? Wer ist denn alles da?“ frug Lewin, unwillkürlich errötend und mit dem Handschuh den Schnee vom Hute entfernend.

„Alles Verwandte. Kity ist auch da. Komm, ich will dich mit Karenin bekannt machen.“

Stefan Arkadjewitsch wußte, daß ihm ungeachtet seiner freisinnigen Anschauungen, seine Bekanntschaft mit Karenin nur zur Ehre gereichen könnte und er regalierte daher seine besten Freunde mit derselben. Aber im gegenwärtigen Moment war Konstantin Lewin nicht imstande, die ganze Wonne über diese Bekanntschaft vollständig zu empfinden.

Er hatte Kity seit jenem denkwürdigen Abend, an welchem er Wronskiy begegnete, nicht wiedergesehen, wenn er nicht etwa jene Minute rechnen wollte, in der er sie auf der Landstraße erblickt hatte. Auf dem Grunde seiner Seele hatte er sich ja gesagt, daß er sie heute hier wiedersehen werde. Aber das freie Walten seiner Gedanken unterdrückend, bemühte er sich, sich selbst zu versichern, daß er es doch gar nicht wisse. Jetzt aber, nachdem er vernommen hatte, sie sei anwesend, fühlte er plötzlich eine so mächtige Freude und zugleich ein solches Erschrecken, daß ihm der Atem stockte und er nicht auszusprechen vermochte, was er sagen wollte.

„Wie mag sie aussehen? Ist sie noch so, wie sie früher war, oder so, wie sie im Wagen erschien? Wie, wenn Darja Aleksandrowna die Wahrheit gesagt hätte? Und weshalb sollte sie dies nicht gethan haben?“ dachte er.

„Bitte, mache mich mit Karenin bekannt,“ brachte er mit Anstrengung heraus und betrat dann mit verzweifelt entschlossenem Schritt den Salon, wo er ihrer ansichtig wurde.

Sie war nicht mehr die nämliche, als die sie ihm früher erschienen, auch nicht die mehr, welche er in der Kutsche gesehen — sie war eine vollständig andere geworden. —

Sie war erschreckt, verschüchtert, verwirrt, aber deswegen nur um so reizender. Sie hatte ihn sofort wahrgenommen, als er in den Salon trat; hatte seiner geharrt. Ein freudiges Gefühl überkam sie und ihre Verwirrung in dieser Freude ging soweit, daß es einen Moment, — als er zur Dame des Hauses schritt und sie nochmals anblickte, — sowohl ihr selbst, als Dolly die alles gesehen hatte, schien, als könne sie diese Freude nicht ertragen und müsse in Thränen ausbrechen. Kity errötete und erbleichte, errötete wieder und saß dann wie erstarrt, mit leise bebenden Lippen, ihn erwartend.

Er trat zu ihr, verbeugte sich und reichte ihr schweigend die Hand.

Wäre nicht das leichte Beben der Lippen, und die Feuchtigkeit, die ihr Auge überdeckte und es schimmern machte, gewesen, so würde das Lächeln fast ruhig gewesen sein, mit welchem sie sagte:

„Wie lange haben wir uns doch nicht gesehen!“ Mit verzweifelter Entschlossenheit drückte sie seine Hand mit ihrer kalten Rechten.

„Ihr habt mich nicht wieder gesehen, ich aber habe Euch nochmals gesehen,“ antwortete Lewin, von einem Lächeln des Glückes strahlend, „ich sah Euch, als Ihr von der Eisenbahn nach Jerguschowo fuhret.“

„Wann denn,“ frug sie erstaunt.

„Ihr fuhret nach Jerguschowo,“ sprach Lewin, welcher fühlte, daß er sich vor der Seligkeit verschluckte, die sein Inneres durchströmte. „Wie verwegen war es von mir, mit diesem rührenden Geschöpf etwas in Verbindung zu bringen, was nicht unschuldig hieße. Es scheint allerdings, als wäre wahr, was Darja Aleksandrowna gesagt hat,“ dachte er.

Stefan Arkadjewitsch nahm ihn am Arme und führte ihn zu Karenin.

„Gestattet mir, vorzustellen“ — er nannte beider Namen.

„Sehr angenehm, Euch wiederum zu begegnen,“ erwiderte Aleksey Aleksandrowitsch kühl, Lewin die Hand drückend.

„Ihr kennt Euch?“ frug Stefan Arkadjewitsch verwundert.

„Wir haben drei Stunden vereint im Waggon verlebt,“ lächelte Lewin, „und trennten uns dann wieder, nachdem wir, wie bei einer Maskerade, einander einen Streich gespielt hatten — wenigstens ging mir es so.“

„So, so! Darf ich denn nun bitten?“ fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, in der Richtung nach dem Speisezimmer zeigend.

Die Herren betraten dasselbe und begaben sich zu dem Tisch mit einem Imbiß, der aus sechs Sorten Liqueuren, ebensoviel Sorten Käse, mit silbernen Löffelchen, Kaviar, Hering, verschiedenen Konserven bestand und Tellern voll Scheiben französischen Weißbrotes. Die Herren standen bei den duftenden Liqueuren und dem Imbiß, und die Unterhaltung über die Russifizierung Polens zwischen Sergey Iwanowitsch Koznyscheff, Karenin und Peszoff verstummte in der Erwartung der Tafel.

Sergey Iwanowitsch, der es wie keiner verstand, im Interesse der Beendigung eines ernsten Streitgesprächs ganz unvorhergesehenerweise ein wenig attisches Salz zu streuen und damit die Stimmung der Parteien zu ändern, that dies auch jetzt.

Aleksey Aleksandrowitsch hatte dargelegt, daß eine Russifizierung Polens nur auf Grund edelster Prinzipien zur Durchführung zu bringen sei, die von der russischen Verwaltung einzuführen wären.

Peszoff behauptete, ein Volk könne sich einem anderen nur dann assimilieren, wenn es dichter mit Kolonisten desselben durchsetzt würde.

Koznyscheff erkannte beides an, aber mit Beschränkungen. Als man den Salon verließ, sagte er, um das Gespräch zu schließen, lächelnd:

„Es giebt demnach für die Russifizierung der Ausländer nur ein Mittel — so viel als möglich Kinder dorthin zu exportieren. Auf diese Weise gehen wir mit unsern eigenen Leuten am wenigsten human um. Ihr aber als verheiratete Leute, ihr Herren, besonders Ihr, Stefan Arkadjewitsch, würdet so völlig patriotisch handeln. Wieviel Kinder habt Ihr?“ wandte er sich freundlich lächelnd an den Hausherrn, diesem ein kleines Gläschen hinreichend.

Alle lachten, am lustigsten Stefan Arkadjewitsch selbst.

„Ja, das ist das allerbeste Mittel!“ sagte er, Käse kauend und eine ganz besondere Sorte Liqueur in das dargebotene Gläschen gießend. Das Gespräch hatte in der That mit dem scherzhaften Einfall sein Ende erreicht. „Der Käse ist nicht übel. Befehlt Ihr?“ frug der Hausherr. „Hast du nicht wieder geturnt?“ wandte er sich dann an Lewin, mit der Linken dessen Armmuskel befühlend. Lewin lächelte, er spannte den Armmuskel und in den Fingern Stefan Arkadjewitschs hob sich wie ein runder Käse ein stahlharter Hügel unter dem dünnen Stoff des Überrockes. „Das ist der Biceps! Der reine Simson! Ich glaube, man muß viel Kraft haben für die Bärenjagd,“ fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, der nur sehr dunkle Vorstellungen von der Jagd hatte, und strich sich Käse, eine Scheibe Brot, so dünn wie ein Spinnengewebe, brechend.

Lewin lächelte.

„Gar keine, im Gegenteil, ein Kind kann einen Bären töten,“ sagte er, mit leichter Verbeugung vor den Damen zur Seite tretend, welche mit der Dame des Hauses zu dem Büffet gingen.

„Ihr habt einen Bären erlegt, sagte man mir?“ frug Kity, sich aufmerksam bemühend, mit der Gabel einen widerspenstigen, beiseite schlüpfenden Pilz aufzuspießen, wobei sie die Spitzen schüttelte, aus welchen ihre weiße Hand hervorschimmerte. „Giebt es denn bei Euch Bären?“ fügte sie hinzu, halb abgewendet ihr reizendes Köpfchen nach ihm hin drehend und lächelnd.

Es schien nichts Ungewöhnliches in dem zu liegen, was sie gesagt hatte, aber eine gewisse für ihn mit Worten nicht auszudrückende Bedeutsamkeit, lag in jedem Ton, in jeder Bewegung ihrer Lippen, ihrer Augen und Hände, als sie dies sagte. Es lag selbst eine Bitte um Vergebung, ein Zutrauen zu ihm darin, eine Zärtlichkeit, eine weiche, schüchterne Zärtlichkeit und eine Verheißung, eine Hoffnungsseligkeit und Liebe zu ihm, an die er glauben mußte, und die ihn mit Glückseligkeit fast erdrückte.

„Nein, wir waren in das Gouvernement Twersk gefahren. Auf der Rückkehr von dort traf ich im Waggon mit Eurem Beau-frère, oder dem Schwager Eures Beau-frère zusammen,“ sagte er lächelnd. „Es war ein komisches Zusammentreffen.“

Heiter scherzend erzählte er nun, wie er, nachdem er eine ganze Nacht hindurch nicht geschlafen hatte, im Halbpelz, in das Coupé Aleksey Aleksandrowitschs geraten sei.

„Der Schaffner wollte mich meiner Garderobe halber wieder herausbringen, aber da begann ich, mich in der höheren Sprechweise auszudrücken, — und Ihr desgleichen,“ — wandte er sich an Karenin, dessen Namen er vergessen hatte, „man wollte mich anfangs des Halbpelzes halber herausbringen, aber dann tratet Ihr für mich ein, wofür ich Euch sehr dankbar bin.“

„Im allgemeinen sind die Rechte der Passagiere für die Auswahl der Plätze sehr unbestimmt,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich mit dem Taschentuch die Fingerspitzen abwischend.

„Ich hatte gesehen, daß Ihr über meine Persönlichkeit in Ungewißheit waret,“ fuhr Lewin mit gutmütigem Lächeln fort, „aber ich beeilte mich, eine verständige Unterhaltung anzuspinnen, um den Eindruck meines Halbpelzes zu verwischen.“

Sergey Iwanowitsch, welcher ein Gespräch mit der Dame des Hauses führte, und dabei mit dem einen Ohr nach dem Bruder hinhörte, schielte diesen von seitwärts an. „Was hat er nur heute, er sieht so triumphierend aus,“ dachte er. Er wußte nicht, daß Lewin fühlte, wie ihm die Flügel gewachsen waren. Lewin wußte, daß sie seine Worte hörte und daß ihr es angenehm war, ihn zu hören; dies allein beschäftigte ihn. Nicht nur in diesem Zimmer, in der ganzen Welt waren für ihn nur er selbst, der jetzt für sich eine außerordentliche Bedeutung und Wichtigkeit gewonnen hatte, und sie vorhanden. Er fühlte sich auf einer Höhe, vor der ihm der Kopf wirbelte und ganz drunten, weit entfernt, befanden sich alle diese guten Leute da, die Karenin, Oblonskiy und die ganze Welt.

Ganz ohne Aufsehen, ohne einen Blick auf die beiden zu werfen, als ob eben eine andere Anordnung nicht möglich wäre, setzte Stefan Arkadjewitsch Lewin und Kity neben einander.

„Ach, du setzest dich doch hierher,“ wandte er sich an Lewin.

Das Essen war ebenso vorzüglich, wie das Geschirr, von welchem Stefan Arkadjewitsch großer Liebhaber war. Die Suppe à la Marie-Luise war ausgezeichnet gelungen, die Pasteten, welche im Munde zergingen, waren tadellos. Zwei Diener und Matwey in weißen Halsbinden erfüllten ihre Obliegenheiten mit den Speisen und dem Wein unmerklich, leise und flink.

Nach der materiellen Seite hin war das Essen gelungen, aber nicht weniger auch nach der nicht materiellen.

Die Unterhaltung, bald allgemein bald im Einzelgespräch sich bewegend, verstummte nicht und bei der Aufhebung der Tafel war die Stimmung so belebt geworden, daß sich die Herren vom Tische erhoben, ohne das Gespräch abzubrechen und selbst Aleksey Aleksandrowitsch animiert worden war.

10

Peszoff liebte es, bis aufs Äußerste zu diskutieren und wurde nicht von den Worten Sergey Iwanowitschs befriedigt, umsoweniger, als er das Unrichtige in seiner eigenen Meinung fühlte.

„Ich habe durchaus nicht,“ sagte er bei der Suppe, zu Aleksey Aleksandrowitsch gewendet, „die Dichte der Bevölkerung allein gemeint, sondern diese in Verbindung mit gewissen Grundlagen, nicht mit Prinzipien.“

„Mir scheint,“ antwortete Aleksey Aleksandrowitsch langsam und nachlässig, „daß dies ein und dasselbe wäre. Nach meiner Meinung kann auf ein anderes Volk nur der einwirken, welcher den höheren Bildungsgrad besitzt, welcher“ —

„Und hierum dreht sich eben die Frage,“ fiel mit tiefem Baß Peszoff ein, der fortwährend ungeduldig zu Worte zu kommen gesucht hatte, und wie es schien, stets seine ganze Seele in das legte, worüber er sprach — „wo liegt die höchste Bildung? Die Engländer, Franzosen, Deutschen, wer von ihnen befindet sich auf dem höchsten Grade der Bildung? Wer soll den andern nationalisieren? Wir sehen, daß der Rhein sich gallisiert hat und die Deutschen stehen deshalb doch nicht weniger in Wert!“ rief er, „hier handelt es sich um ein anderes Gesetz!“

„Mir scheint, als ob der Einfluß stets auf seiten der wahren Bildung läge,“ bemerkte Aleksey Aleksandrowitsch, leicht die Brauen in die Höhe ziehend.

„Aber worin sollen wir die Kennzeichen wahrer Bildung suchen?“ frug Peszoff.

„Ich glaube, daß diese Kennzeichen bekannt sind,“ antwortete Aleksey Aleksandrowitsch.

„Sind sie vollständig bekannt?“ warf mit feinem Lächeln Sergey Iwanowitsch ein. „Es ist jetzt anerkannt, daß die echte Bildung nur die rein klassische sein kann, und doch sehen wir das verstockte Streiten von dieser und von jener Seite, und es läßt sich nicht leugnen, daß auch das gegnerische Lager starke Argumente zu seinen Gunsten aufführen kann.“

„Ihr seid Anhänger der klassischen Bildung, Sergey Iwanowitsch, — wollt Ihr Rotwein?“ sagte Stefan Arkadjewitsch.

„Ich spreche meine Meinung weder über diese noch über jene Bildung aus,“ antwortete Sergey Iwanowitsch mit einem Lächeln der Herablassung, wie man es einem Kinde gegenüber hat, und schob sein Glas hin, „ich sage nur, daß beide Richtungen gewichtige Argumente für sich haben,“ fuhr er dann fort, sich zu Aleksey Aleksandrowitsch wendend, „ich bin Anhänger der klassischen Bildung infolge meiner Erziehung, aber in diesem Streit über die Frage vermag ich persönlich keine Stellung für mich zu finden. Ich sehe keine klaren Beweise, weshalb der klassischen Bildung der Vorzug vor der realen gegeben wird.“

„Die Naturwissenschaften haben ebensoviel pädagogisch bildenden Einfluß!“ behauptete Peszoff. „Nehmt nur die Astronomie, nehmt die Botanik, die Zoologie mit ihrem System allgemeiner Gesetze!“

„Ich kann nicht völlig hiermit übereinstimmen,“ erwiderte Aleksey Aleksandrowitsch; „mir scheint, man muß unbedingt zugeben, daß schon der Prozeß der Erlernung der Sprachformen selbst besonders günstig auf die geistige Entwickelung einwirkt. Außerdem aber läßt sich auch nicht leugnen, daß der Einfluß der klassischen Schriftsteller ein im höchsten Grade ethischer ist, während sich leider mit dem Unterricht in den Naturwissenschaften jene schädlichen und irrigen Lehrmeinungen, die einen Krebsschaden unserer Zeit darstellen, verbinden.“

Sergey Iwanowitsch wollte etwas erwidern, allein Peszoff unterbrach ihn mit seinem tiefen Basse, und begann eifrig die Unrichtigkeit dieser Meinung nachzuweisen. Sergey Iwanowitsch wartete ruhig ab, bis er zu Worte kommen konnte, die siegreiche Entgegnung augenscheinlich schon in Bereitschaft haltend.

„Aber,“ begann er, sich mit feinem Lächeln an Karenin wendend, „man muß doch sicherlich damit einverstanden sein, daß es schwierig ist, alle Vorteile und Nachteile dieser und der anderen Wissenschaften abzuwägen, und daß die Frage, welche vorzuziehen sei, nicht so schnell und endgültig entschieden wäre, wenn nicht auf seiten der klassischen Bildung jener Vorzug bestände, den Ihr soeben genannt habt, der ethische oder — disons le mot — der antinihilistische Einfluß.“

„Ohne Zweifel.“

„Befände sich nicht dieser Vorzug des antinihilistischen Einflusses auf seiten der klassischen Wissenschaften, so müßten wir eher nachdenken, müßten die Argumente für beide Richtungen abwägen,“ sagte Sergey Iwanowitsch fein lächelnd, „und würden dieser und der anderen Richtung Spielraum lassen müssen. Nun aber wissen wir, daß in diesen Pillen der klassischen Bildung die Heilkraft des Antinihilismus liegt, und werden diese daher kühnlich unseren Patienten verschreiben. Und warum sollten sie eine Heilwirkung nicht besitzen?“ schloß er, sein attisches Salz streuend.

Bei der Erwähnung der Pillen Sergey Iwanowitschs lachte alles, und ausnehmend laut und lustig Turowzin, der nur auf den witzigen Punkt gewartet hatte, während er dem Gespräch zuhörte.

Stefan Arkadjewitsch hatte sich nicht verrechnet, als er Peszoff mit einlud. Wo dieser war, konnte die geistreiche Unterhaltung nicht für eine Minute verstummen und kaum hatte Sergey Iwanowitsch mit seinem Scherz das Thema erschöpft, als Peszoff schon sogleich ein neues aufstellte.

„Man kann aber auch nicht damit einverstanden sein,“ sagte er, „daß etwa die Regierung dieses Ziel verfolgen möchte. Die Regierung wird augenscheinlich von allgemeinen Erwägungen geleitet, und bleibt den Einflüssen gegenüber indifferent, welche die ergriffenen Maßregeln im Gefolge haben können. Zum Beispiel die Frage der Frauenemancipation müßte für höchst gefahrdrohend gehalten werden, und doch öffnet die Regierung die Studienkurse und Universitäten für das weibliche Geschlecht.“

Die Unterhaltung war nun sofort auf das neue Thema der Frauenemancipation übergesprungen.

Aleksey Aleksandrowitsch gab dem Gedanken Ausdruck, daß die Bildung des weiblichen Geschlechts gewöhnlich mit der Frage der Frauenemancipation vermengt würde und nur deshalb für schädlich erachtet werden könne.

„Ich glaube im Gegenteil, daß diese beiden Fragen untrennbar miteinander verbunden sind,“ bemerkte Peszoff, „hier liegt ein Trugschluß vor. Das Weib ist der Rechte beraubt wegen seines Mangels an Bildung, der Mangel an Bildung aber rührt her von seiner Rechtlosigkeit. Man darf es nicht vergessen, daß die Sklaverei des Weibes so mächtig und alt ist, daß wir oft nicht einmal den Abgrund erkennen wollen, der die Weiber von uns trennt.“

„Ihr habt da von Rechten gesprochen,“ meinte Sergey Iwanowitsch, welcher gewartet hatte, bis Peszoff schwieg, „wohl von den Rechten auf Arbeit in den Ämtern der Geschworenen, Polizeidirektoren, der Beamten, Parlamentsmitglieder“ —

„Ohne Zweifel.“

„Aber wenn die Frauen, in einem seltenen Ausnahmefall, auch diese Ämter erlangen sollten, so scheint mir dann immer noch, als hättet Ihr da den Ausdruck ‚Rechte‘ nicht richtig angewendet. Richtiger wäre dann, zu sagen ‚Pflicht‘. Jedermann wird zugeben, daß wir in der Ausübung irgend eines Amtes als Geschworene oder Telegraphenbeamte, empfinden, daß wir damit einer Pflicht Genüge leisten, und demnach ist es richtiger, sich dahin auszudrücken, daß die Frauen die Übernahme von Pflichten anstreben, und zwar auf vollständig gesetzmäßige Weise. Man kann sich zu diesem ihrem Wunsche, an der allgemeinen Wirksamkeit des Mannes mit hilfreich zu werden, nur zustimmend verhalten.“

„Vollständig richtig,“ bestätigte Aleksey Aleksandrowitsch, „die Frage ist, glaube ich, nur die, ob sie zur Erfüllung dieser Pflichten auch die Fähigkeit besitzen!“

„Wahrscheinlich werden sie sehr wohl fähig sein,“ behauptete Stefan Arkadjewitsch, „sobald einmal die Bildung unter ihnen verbreitet sein wird. Wir sahen dies“ —

„Ist mir’s gestattet — ein Sprichwort?“ — frug jetzt der Fürst mit seinen kleinen schelmischen Augen blinzelnd, welcher schon lange dem Gespräch zugehört hatte; „in der Gegenwart meiner Töchter darf ich schon so sprechen: „Lange Haare“ —

„Ganz so hat man auch über die Neger gedacht, bevor sie befreit waren,“ rief Peszoff hitzig.

„Ich finde es nur seltsam, daß die Weiber neue Pflichten suchen,“ sagte Sergey Iwanowitsch, „da wir doch leider sehen, daß die Männer gewöhnlich den ihren aus dem Wege gehen.“

„Die Pflichten sind eben verknüpft mit Rechten: Macht, Reichtum und Würden — das suchen die Weiber,“ sagte Peszoff.

„So käme es also auf dasselbe heraus, daß ich das Recht beanspruchte, auch Amme zu sein und mich gekränkt fühlen könnte, daß man die Weiber dafür bezahlt und mich nicht,“ sagte der alte Fürst.

Turowzin schüttelte sich unter lautem Gelächter, und Sergey Iwanowitsch bedauerte, daß nicht er das gesagt hatte. Selbst Aleksey Aleksandrowitsch lächelte.

„Ja, aber der Mann kann doch nicht ein Kind nähren,“ bemerkte Peszoff, „sondern nur das Weib“ —

„O nein; ein Engländer hat einmal auf dem Schiffe sein Kind gesäugt,“ sagte der alte Fürst, welcher sich diese Ungezwungenheit in der Unterhaltung vor seinen Töchtern gestattete.

„So viele solcher Engländer es geben mag, so viele Beamte wird es wohl auch nur unter den Weibern geben,“ antwortete Sergey Iwanowitsch.

„Ja. Aber was soll ein Mädchen thun, welches nicht Familie hat,“ frug jetzt Stefan Arkadjewitsch, der an die Tschibisowa dachte, welche er die ganze Zeit über dabei im Auge gehabt hatte, und mit Peszoff übereinstimmte, so daß er diesem beistand.

„Wenn Ihr die Geschichte eines solchen Mädchens näher prüft, so werdet Ihr finden, daß dasselbe entweder seine Familie oder eine Schwester verließ, wo sie einen weiblichen Beruf hätte haben können!“ mischte sich hier plötzlich Darja Alexandrowna voll Erbitterung ins Gespräch; wahrscheinlich hatte sie erraten, welches Mädchen Stefan Arkadjewitsch im Sinn gehabt hatte.

„Aber wir treten doch für Grundsätze, für Ideale ein,“ rief mit tönendem Baß Peszoff, „das Weib hingegen will nur ein Recht auf Unabhängigkeit, das Recht auf Bildung haben, und es fühlt sich beengt, bedrückt durch das Bewußtsein der Unmöglichkeit einer Erfüllung dieses Wunsches.“

„Ich bin nur davon beengt und bedrückt, daß man mich nicht in die Kinderbewahranstalt als Amme aufnimmt,“ sagte der alte Fürst noch, zum großen Ergötzen Turowzins, der lachend einen Spargel mit dem dicken Ende in die Sauce fallen ließ.

11

Jedermann hatte an der allgemeinen Unterhaltung teil genommen, mit Ausnahme von Kity und Lewin. Als man anfangs von dem Einfluß sprach, den ein Volk auf das andere habe, kam Lewin unwillkürlich das in den Kopf, was er über den Gegenstand zu sagen hatte; aber, diese Ideen, welche für ihn früher so wichtig gewesen waren, schimmerten jetzt nur noch wie Traumbilder in seinem Kopf und hatten auch nicht das geringste Interesse mehr für ihn. Es schien ihm sogar seltsam, weshalb die Leute hier sich so emsig mühten, über etwas zu reden, was niemand nützen konnte. Für Kity hätte doch ganz ebenso, wie es schien, das was man über die Rechte und die Bildung der Frauen sprach, von Interesse sein müssen; wie oft hatte sie darüber nachgesonnen, wenn sie ihrer Freundin Warenka im Ausland gedachte, und an deren drückende Abhängigkeit; wie oft hatte sie selbst daran gedacht, was mit ihr geschehen würde, wenn sie nicht heiratete und wie oft hatte sie hierüber mit der Schwester gestritten. Jetzt aber interessierte sie dies nicht im geringsten mehr. Sie hatte ihre eigene Unterhaltung mit Lewin, nicht eine eigentliche Unterhaltung, sondern eine gewisse geheime Korrespondenz, die beide mit jeder Minute mehr näherte und in ihnen die Empfindung eines süßen Erschreckens vor dem noch Unbekannten, in das sie eintraten, erzeugte.

Lewin erzählte zuerst auf die Frage Kitys, wie er sie im vergangenen Jahre hätte im Wagen sehen können, da er von der Heuernte gekommen und ihr auf der Landstraße begegnet sei.

„Es war früh, sehr früh am Morgen und Ihr waret wohl so eben erwacht. Maman schlief noch in ihrer Ecke. Es war ein wundervoller Morgen. Ich ging und dachte, wer mag denn das sein, dort im Wagen. Eine herrliche Tschetwjorka mit Schellen; — in einem Augenblick kamet Ihr vorüber; ich sah durch das Fenster — da saßet Ihr, mit beiden Händen die Bänder des Häubchens haltend und schienet über irgend Etwas in tiefem Nachdenken zu sein,“ erzählte er lächelnd. „Wie gern wüßte ich, woran Ihr damals gedacht habt. An etwas Wichtiges?“

„Sollte ich nicht sehr unordentlich ausgesehen haben?“ dachte Kity; als sie indessen das entzückte Lächeln gewahrte, welches die Erinnerung an diese Einzelheiten auf seinen Zügen hervorrief, da empfand sie, daß im Gegenteil der Eindruck, den sie hervorgebracht, nur ein sehr guter gewesen sei. Sie errötete und lächelte freudig.

„Ich entsinne mich wirklich nicht mehr.“

„Wie herzlich lacht doch dieser Turowzin!“ sagte Lewin, freundlich dessen feuchtschimmernde Augen und den sich schüttelnden Körper betrachtend.

„Ihr kennt ihn seit langem?“ frug Kity.

„Wer sollte ihn nicht kennen?“

„Ich sehe, daß Ihr glaubt, er sei ein garstiger Mensch.“

„Nicht schlecht; aber unbedeutend.“

„Das ist nicht wahr! Und Ihr dürft fortan nicht mehr so über ihn denken;“ sagte Kity, „ich selbst hegte nur eine sehr geringe Meinung von ihm, aber er ist ein äußerst lieber und wunderbar gutmütiger Mensch. Sein Herz ist — wie Gold.“ —

„Wie habt Ihr denn sein Herz erkennen können?“

„Ich bin mit ihm sehr befreundet und kenne ihn recht gut. Im vergangenen Sommer, bald darnach, als Ihr bei uns gewesen waret,“ sagte sie mit schuldbewußtem und zugleich treuherzigem Lächeln, „lagen bei Dolly sämtliche Kinder am Scharlach darnieder und da hat er sie doch besucht. Und stellt Euch vor,“ sprach sie flüsternd, „so sehr hat sie ihm leid gethan, daß er dort geblieben ist und ihr in der Pflege der Kinder beigestanden hat! Ja; drei Wochen hat er so bei uns verlebt und ist wie eine gute Wärterin mit den Kindern gewesen. — Ich erzähle Konstantin Dmitritsch von Turowzin beim Scharlachfieber,“ sagte sie, sich nach ihrer Schwester hinbeugend.

„Ja; das war wunderbar, reizend!“ versetzte Dolly, nach Turowzin schauend und diesem freundlich zulächelnd, welcher merkte, daß man von ihm sprach. Lewin blickte noch einmal nach Turowzin und geriet in Erstaunen, daß er vorher nicht all den Reiz dieses Mannes wahrgenommen hatte.

„Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, aber ich werde niemals wieder übel über die Menschen denken,“ sagte er alsdann heiter, und sprach dabei aufrichtig aus, was er jetzt fühlte.

12

In dem angeregten Gespräch über die Frauenrechte tauchten auch Fragen über die Ungleichheit der Rechte in der Ehe auf, welche in Gegenwart der Damen heikler Natur waren. Peszoff hatte im Verlauf des Essens diese Fragen mehrmals gestreift, aber Sergey Iwanowitsch und Stefan Arkadjewitsch wichen demselben vorsichtig aus.

Als man sich vom Tische erhob und die Damen hinausgegangen waren, wandte sich Peszoff, der ihnen nicht folgte, an Aleksey Aleksandrowitsch und begann, diesem die wichtigste Ursache dieser Ungleichheit darzulegen. Die Ungleichheit unter Gatten bestand nach seiner Meinung darin, daß die Untreue des Weibes und die des Mannes von dem Gesetz und von der gesellschaftlichen Meinung nicht in gleichem Maße bestraft würden.

Stefan Arkadjewitsch trat schnell zu Aleksey Aleksandrowitsch, und lud ihn zum Rauchen ein.

„Danke, ich rauche nicht,“ antwortete Aleksey Aleksandrowitsch ruhig und wandte sich, als ob er absichtlich zu zeigen wünschte, daß er dieses Thema nicht fürchte, mit kühlem Lächeln wieder an Peszoff.

„Ich glaube, daß die Gründe für diese Anschauung in der natürlichen Beschaffenheit der Dinge selbst liegen,“ sagte er und wollte sich in den Salon begeben, aber da sprach ihn plötzlich Turowzin an, der sich zu ihm wandte.

„Habt Ihr denn von Prjatschnikoff gehört?“ frug Turowzin, lebhaft geworden von dem genossenen Champagner und schon lange auf die Gelegenheit wartend, das ihn beengende Schweigen brechen zu können, „Wasja Prjatschnikoff,“ fuhr er mit seinem gutmütigen Lächeln auf den feuchten roten Lippen, sich vorzugsweise an den bedeutendsten der Gäste, Aleksey Aleksandrowitsch wendend fort, „man hat mir erzählt, daß er sich in Twer mit Kwytskiy geschlagen und diesen getötet hat.“

Wie es stets scheinen will, als ob man gerade an eine wunde Stelle nur gleichsam absichtlich stoße, so fühlte Stefan Arkadjewitsch, daß die Unterhaltung jetzt unglücklicherweise jeden Augenblick eine wunde Stelle in Aleksey Aleksandrowitsch berührte. Er wollte den Schwager deshalb abermals wegführen, allein Aleksey Aleksandrowitsch frug selbst voll Neugier weiter.

„Weshalb hat sich Prjatschnikoff geschlagen?“

„Wegen seines Weibes. Er hat mannhaft gehandelt, jenen gefordert, und ihn ins Jenseits befördert!“

„Ah,“ machte Aleksey Aleksandrowitsch gleichmütig und begab sich alsdann, die Brauen in die Höhe ziehend, in den Salon.

„Wie freue ich mich, daß Ihr gekommen seid,“ sagte Dolly zu ihm mit ängstlichem Lächeln, indem sie ihm in dem Zwischensalon entgegentrat, „ich habe etwas mit Euch zu sprechen, nehmen wir hier ein wenig Platz.“

Aleksey Aleksandrowitsch ließ sich mit dem nämlichen Ausdruck von Gleichgültigkeit, welchen ihm die emporgezogenen Brauen verliehen, neben Darja Aleksandrowna nieder und lächelte gezwungen.

„Um so angenehmer,“ — sagte er, „als auch ich Euch um Entschuldigung bitten und mich zugleich verabschieden wollte. Ich muß morgen früh reisen.“

Darja Aleksandrowna war fest überzeugt von der Unschuld Annas und sie fühlte, wie sie bleich wurde und ihr die Lippen vor Zorn über diesen kalten gefühllosen Menschen zu beben begannen, der so ruhig entschlossen war, ihre unschuldige Freundin dem Verderben zu übergeben.

„Aleksey Aleksandrowitsch,“ sagte sie, mit verzweifelter Entschlossenheit ihm ins Auge blickend, „ich habe Euch nach Anna gefragt und Ihr habt mir nicht geantwortet. Wie befindet sie sich?“

„Sie scheint sich wohl zu befinden, Darja Aleksandrowna,“ antwortete Aleksey Aleksandrowitsch, ohne sie anzublicken.

„Aleksey Aleksandrowitsch, verzeiht mir, ich habe nicht das Recht — aber ich liebe und achte Anna wie eine Schwester; ich bitte und beschwöre Euch, mir zu sagen, was zwischen Euch beiden vorgefallen ist? Wessen beschuldigt Ihr sie?“

Aleksey Aleksandrowitsch runzelte die Stirn und senkte den Kopf, das Auge fest geschlossen.

„Ich glaube, Euer Gatte hat Euch die Ursachen mitgeteilt, wegen deren ich es für erforderlich erachte, meine bisherigen Beziehungen zu Anna Arkadjewna zu ändern,“ sagte er, ohne ihr ins Auge zu blicken und mürrisch nach dem durch den Salon schreitenden Schtscherbazkiy schauend.

„Ich glaube es nicht; glaube es nicht und kann es nicht glauben!“ fuhr Dolly mit energischer Gebärde, ihre knöchernen Finger vor sich hin ringend, dann erhob sie sich schnell und legte ihre Hand auf den Ärmel Aleksey Aleksandrowitschs. „Man stört uns hier. Kommt doch gefälligst mit hierher!“

Die Erregung Dollys wirkte auch auf Aleksey Aleksandrowitsch ein. Dieser stand auf und folgte ihr gehorsam in das Unterrichtszimmer. Hier ließen sie sich an einem Tische nieder, dessen Wachstuchüberzug von Federmessern zerschnitten war.

„Ich glaube es nicht, glaube es nicht!“ fuhr Dolly fort, indem sie sich bemühte, seinen Blick, der sie mied, aufzufangen.

„Es ist unmöglich, an Thatsachen nicht zu glauben, Darja Aleksandrowna,“ antwortete er, das Wort Thatsachen betonend.

„Aber was hat sie denn gethan?“ frug Dolly, „was hat sie denn eigentlich gethan?“

„Sie hat ihre Pflicht vernachlässigt und ihren Gatten verraten. Das hat sie gethan,“ sagte er.

„Nein, nein, das kann nicht sein! Nein, bei Gott, Ihr irrt,“ fuhr Dolly fort, mit den Händen an ihre Schläfen fühlend und die Augen schließend.

Aleksey Aleksandrowitsch lächelte kalt, nur mit den Lippen, mit der Absicht, ihr und sich selbst damit die Festigkeit seiner Überzeugung zu beweisen; diese glühende Verteidigung öffnete die Wunde in ihm nur weiter, ohne daß sie ihn irre zu machen vermochte. Er begann mit großer Lebhaftigkeit:

„Es ist sehr schwierig, sich zu irren, wenn ein Weib selbst ihrem Manne die Mitteilung davon macht; wenn sie erklärt, daß acht Jahre ihres Lebens und ein Sohn — daß alles das ein Irrtum gewesen sei, und daß sie von neuem zu leben beginnen will,“ sagte er erbittert, durch die Nase schluchzend.

„Anna und das Laster, — das kann ich nicht vereinen, das vermag ich nicht zu glauben!“

„Darja Aleksandrowna,“ fuhr er fort, jetzt voll in ihr erregtes, gutes Antlitz blickend, und fühlend, daß ihm die Zunge unwillkürlich freier wurde, „gar viel hätte ich darum gegeben, einen Zweifel noch möglich bleiben zu lassen. So lange ich noch zweifelte, da war es mir zwar schwer ums Herz, aber doch leichter, als jetzt. Als ich noch zweifelte, hatte ich noch die Hoffnung, jetzt aber giebt es keine Hoffnung mehr, und doch zweifle ich noch an allem. Ich zweifle so an allem, daß ich meinen Sohn hasse und bisweilen nicht glaube, er sei mein Kind. Ich bin sehr unglücklich.“

Er hätte dies nicht noch zu sagen brauchen. Darja Aleksandrowna erkannte es, sobald sie ihm ins Gesicht geblickt hatte und er begann ihr leid zu thun. Ihr Glaube an die Unschuld ihrer Freundin war erschüttert.

„Ach, das ist schrecklich, schrecklich! Aber solltet Ihr Euch wirklich zur Ehescheidung entschlossen haben?“

„Ich bin zum letzten Schritt entschlossen, mir bleibt weiter nichts übrig.“

„Weiter nichts übrig, nichts übrig,“ wiederholte sie mit Thränen in den Augen. „Nein, o nein,“ sagte sie.

„Es ist furchtbar gerade bei dieser Art von Leid, daß man hier nicht, wie bei jedem anderen, bei einem Verlust oder Todesfall, sein Kreuz tragen kann, sondern handeln muß,“ sagte er, gleichsam ihre Gedanken erratend. „Man muß sich aus dieser erniedrigenden Lage losmachen, in die man versetzt worden ist, denn es geht nicht an, zu Dreien zu leben.“

„Ich verstehe, ich verstehe recht wohl,“ sagte Dolly und senkte das Haupt. Sie schwieg und dachte an sich selbst, an ihre unglückliche Ehe; dann erhob sie plötzlich wieder den Kopf mit energischer Gebärde und faltete beschwörend die Hände „aber wartet noch; Ihr seid doch ein Christ, denkt an sie selbst, was soll aus ihr werden, wenn Ihr sie verlaßt?“

„Ich habe schon gedacht, Darja Aleksandrowna; ich habe viel gedacht,“ antwortete Aleksey Aleksandrowitsch. Auf seinem Gesicht waren rote Flecken erschienen und die trüben Augen richteten sich voll auf sie. Darja Aleksandrowna empfand jetzt aus voller Seele Mitleid mit ihm. „Ich habe es gethan, nachdem mir durch sie selbst meine Schande offenbart worden war — ich hatte noch alles beim Alten gelassen. — Ich hatte ihr die Möglichkeit zur Besserung gegeben und bemühte mich, sie zu retten. Aber was geschah? Nicht einmal die leichteste Bedingung hat sie erfüllt — die Beobachtung des Anstandes“ — sagte er voll Erbitterung. „Man kann aber nur einen Menschen retten, welcher nicht untergehen will; ist nun die ganze Natur so verderbt, so ausschweifend, daß der Untergang selbst ihr noch als Rettung erscheint, — was ist dann noch zu thun?“ —

„Alles; aber nicht die Scheidung!“ antwortete Darja Aleksandrowna.

„Was denn dann — Alles?“

„Nein! Das wäre zu entsetzlich! Sie würde ein verlorenes Weib sein und untergehen.“

„Aber was kann ich thun?“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch, die Schultern und die Brauen hochziehend. Die Erinnerung an den letzten Fehltritt seines Weibes hatte ihn so aufgebracht, daß er wieder kalt wurde, wie er es im Anfang des Gesprächs gewesen war. „Ich danke Euch sehr für Eure Teilnahme, allein es wird Zeit für mich“ — er erhob sich bei diesen Worten.

„Ach, bleibt doch noch! Ihr dürft sie nicht verderben! Wartet noch, ich will Euch von mir erzählen. Ich habe geheiratet und mein Mann hat mich betrogen; in Zorn und Eifersucht wollte ich alles verlassen, und wollte selbst — — aber ich bin zur Besinnung gekommen. Und wer hatte dies erreicht? Anna hat mich gerettet. Meine Kinder gedeihen nun, mein Mann ist seiner Familie zurückgegeben und fühlt sein Unrecht, er wird sittenreiner, besser und ich lebe. — Ich habe ihm vergeben, und auch Ihr müßt vergeben!“

Aleksey Aleksandrowitsch hörte ihr wohl zu, aber ihre Worte wirkten nicht mehr auf ihn. In seiner Seele hatte sich wiederum der ganze Groll von jenem Tage geregt, an welchem er sich zur Scheidung entschlossen. Er schüttelte sich und begann mit durchdringender lauter Stimme:

„Vergeben kann ich nicht — will ich auch nicht — denn ich halte es für widerrechtlich. Alles habe ich für dieses Weib gethan, und alles hat es in den Kot getreten, der ihr nicht fremd ist. Ich bin kein böser Mensch, ich habe nie jemand gehaßt, sie aber hasse ich mit aller Kraft meiner Seele und ich kann ihr schon deshalb nicht vergeben, weil ich sie zu sehr hasse wegen all des Bösen, das sie mir gethan!“ Thränen der Wut lagen in seiner Stimme, als er dies sagte.

„Liebet, die Euch hassen,“ flüsterte Darja Aleksandrowna. Aleksey Aleksandrowitsch lächelte verächtlich. Er hatte das längst gewußt, aber es konnte auf seinen Fall nicht angewendet werden.

„Liebet, die Euch hassen, — aber diejenigen, die man selbst haßt, kann man doch nicht lieben! Verzeiht, wenn ich Euch verstimmt haben sollte, wir haben ja ein jeder genug des Leides!“

Wieder in Besitz seiner Selbstbeherrschung gelangt, verabschiedete sich Aleksey Aleksandrowitsch ruhig und ging.

13

Als man sich von der Tafel erhoben hatte, wollte Lewin Kity in den Salon folgen, doch fürchtete er, ihr könne dies nicht angenehm sein als eine allzugroße Offenheit in seinen Aufmerksamkeiten für sie. Er blieb also im Kreise der Männer zurück, an dem allgemeinen Gespräch teilnehmend. Gleichwohl aber fühlte er, ohne Kity zu sehen, ihre Bewegungen, ihre Blicke und den Platz, an welchem sie sich im Salon befinden mochte.

Sofort und ohne die geringste Selbstüberwindung erfüllte er das Versprechen, welches er ihr gegeben hatte, stets gut über alle Menschen denken und alle lieben zu wollen.

Das Gespräch drehte sich um das Gemeingutwesen, in welchem Peszoff eine gewisse besondere Basis erblickte. Lewin war weder mit Peszoff, noch mit seinem Bruder im Einverständnis, welcher letztere wieder nach seiner Weise die Bedeutung der russischen Obschtschina zugleich anerkannte wie verwarf, allein er sprach mit, um sie zu versöhnen und ihre gegenseitigen Einwände zu mildern. Er interessierte sich ganz und gar nicht für das, was er selbst sprach, und noch weniger für das, was jene äußerten, er wünschte nur das Eine — daß es ihnen und Allen überhaupt wohl und angenehm sein möchte. Er wußte jetzt, was allein für ihn von Bedeutung war, und dieses Eine war anfangs dort drüben im Salon gewesen, hatte sich aber dann genähert und war in der Thür stehen geblieben. Ohne sich umzuwenden, fühlte er den auf sich gerichteten Blick und ein Lächeln, und nun mußte er sich umwenden. Sie stand in der Thür mit Schtscherbazkiy und blickte ihn an.

„Ich dachte, Ihr wolltet zum Klavier gehen?“ sagte er, zu ihr hintretend. „Das fehlt mir freilich auf dem Lande, die Musik.“

„Ach nein; wir kamen nur mit der Absicht, Euch zu rufen, und ich danke Euch,“ sagte sie, ihn mit einem Lächeln, als wäre dies ein Geschenk, belohnend, „daß Ihr gekommen seid. Was ist es doch für ein Vergnügen, zu debattieren? Es überzeugt doch einmal keiner den andern!“

„Es ist wahr,“ versetzte Lewin, „pflegt es doch meistenteils so zu sein, daß man gerade über das am heftigsten streitet, was man nicht zu begreifen vermag, und was doch gerade unser Gegner beweisen will.“

Lewin hatte auch bei Debatten zwischen den klügsten Geistern häufig bemerkt, daß nach außerordentlichen Anstrengungen, einem mächtigen Aufwand von logischen Feinheiten und Worten, die Streitenden schließlich zu der Einsicht gekommen waren, daß das, was sie lange einander zu beweisen gestrebt hatten, ihnen längst schon, bereits von Anfang der Diskussion an, bekannt gewesen war, daß sie aber den Unterschied liebten und deswegen nicht nennen wollten, was sie vertraten, um eben nicht niederdebattiert zu werden. Er hatte oft die Erfahrung gemacht, daß man im Lauf einer Debatte das erfaßt, was der Gegner vertritt, und dieses selbst ebenfalls vertritt; man räumt dann ein und alle Argumente werden, als unnütz, hinfällig; er hatte aber auch bisweilen umgekehrt erfahren, daß man schließlich ausspricht, was man selbst vertritt und für das man auf Argumente sann. Wenn dieser Fall eintrat, und man sich gut und offen ausdrückte, da gab plötzlich der Gegner nach und stand von der weiteren Debatte ab. Dies eben wollte er sagen.

Sie legte die Stirn in Falten und bemühte sich, ihn zu verstehen, doch kaum hatte er begonnen, zu erklären, da hatte sie ihn schon begriffen.

„Ich verstehe; man muß erkannt haben, wofür man streitet, was man vertritt; dann erst ist es möglich“ —

Sie hatte seinen schlecht ausgedrückten Gedanken vollständig erfaßt. Lewin lächelte freudig; dieser Übergang aus dem verwickelten wortreichen Kampfe mit Peszoff und seinem Bruder zu dieser lakonischen und klaren, fast ohne Worte gegebenen Mitteilung der kompliziertesten Ideen war ihm überraschend.

Schtscherbazkiy verließ die beiden und Kity ging zu einem aufgestellten Spieltisch, ließ sich hier nieder, nahm ein Stück Kreide zur Hand und begann damit auf dem neuen grünen Tuch Kreise zu zeichnen.

Man hatte die bei Tisch gepflogene Unterhaltung über die Freiheit und die Arbeit der Frauen wieder aufgenommen. Lewin war der Meinung Darja Aleksandrownas, daß ein Mädchen, welches nicht heiratete, für sich einen weiblichen Wirkungskreis in der Familie finde. Er stützte dies damit, daß keine einzige Familie der Dienste einer Helferin entraten könne, daß in jeder unbemittelten oder bemittelten Familie Ammen wären und auch sein müßten, gleichviel ob sie gemietet ist, oder der Familie angehört.

„Nun,“ antwortete Kity, errötend, aber nur um so freier mit ihren treuherzigen Augen auf ihn blickend, „das Mädchen kann doch auch so gestellt sein, daß sie nicht ohne Erniedrigung in eine Familie geht; ich selbst“ —

Er verstand ihren Wink.

„Ja, ja,“ erwiderte er, „ja, ja, Ihr habt recht, Ihr habt recht!“

Und er hatte jetzt alles verstanden, was Peszoff bei Tische über die Freiheit der Frauen auseinandergesetzt hatte, allein dadurch, daß er in dem Herzen Kitys noch die Furcht vor dem Mägdedienst und der Erniedrigung sah und in seiner Liebe zu ihr diese Furcht vor der Erniedrigung mit empfand und so mit einem Schlage von seinen Einwürfen Abstand nahm.

Eine Pause trat ein; Kity zeichnete noch immer mit der Kreide auf dem Tische. Ihre Augen schimmerten in stillem Glanze, und indem er ihre Stimmung zu teilen suchte, empfand er in seinem ganzen Wesen eine mehr und mehr wachsende, beglückende Aufregung.

„Ah, da habe ich den ganzen Tisch vollgemalt!“ sagte Kity und machte, die Kreide niederlegend, eine Bewegung, als wollte sie aufstehen.

„Wie, soll ich jetzt allein hier bleiben ohne sie?“ dachte er mit Schrecken und ergriff nun seinerseits die Kreide; „bleibt doch,“ sagte er, sich an den Tisch setzend. „Schon lange habe ich Euch nach etwas fragen wollen!“

Er blickte ihr offen in die freundlichen, wenn auch erschreckten Augen.

„Bitte schön, fragt.“

„Nun,“ begann er, und schrieb mit Kreide eine Anzahl Anfangsbuchstaben auf den Tisch: „A. I. M. A. E. K. N. S. H. D. O. D.“ — Diese Buchstaben bedeuteten: „Als Ihr mir antwortetet ‚es kann nicht sein‘, so hieß das, ‚niemals‘ oder nur ‚damals‘?“ —

Es war höchst unwahrscheinlich, daß sie diesen verwickelten Satz hätte verstehen können, aber er schaute sie mit einem Ausdruck an, der bewies, daß sein Leben davon abhinge, ob sie diese Worte verstehe oder nicht.

Sie blickte ihn ernst an; dann stemmte sie die gerunzelte Stirn auf die Hand und begann zu lesen. Bisweilen blickte sie auf ihn, ihn mit ihrem Blick befragend „ist es das, was ich mir denke?“

„Ich habe verstanden,“ sagte sie errötend.

„Was ist dies für ein Wort?“ frug er, auf das N weisend, mit welchem er das Wort „niemals“ bezeichnet hatte.

„Dieses Wort bedeutet ‚niemals‘,“ sagte sie — „aber das ist nicht wahr!“

Schnell wischte er das Geschriebene hinweg, reichte ihr die Kreide und stand auf. Sie schrieb: „I. K. D. N. A. A.“ —

Dolly hatte sich völlig über den Schmerz, der ihr durch das Gespräch mit Aleksey Aleksandrowitsch verursacht worden war, getröstet, als sie die beiden da bemerkte; Kity, die Kreide in der Hand mit schämigem, glücklichem Lächeln zu Lewin aufblickend und zu dessen schöner Gestalt, wie er über den Tisch gebeugt stand, seinen flammenden Blick bald auf den Tisch, bald auf sie richtend. Plötzlich erhellten sich seine Züge; er hatte verstanden; das Geschriebene bedeutete: „Ich konnte damals nicht anders antworten.“

Er blickte sie scheu und fragend an.

„Nur damals?“

„Ja,“ antwortete ihm ihr Lächeln.

„Und — jetzt?“ frug er.

„Lest hier. Ich werde sagen, was ich wünsche; sehr wünsche!“

Sie schrieb die Anfangsbuchstaben: „D. W. D. V. U. V. K. W. G. I.“, das sollte bedeuten: „Daß wir doch vergeben und vergessen könnten, was gewesen ist!“

Er nahm die Kreide mit zitternden Fingern, zerbrach sie und schrieb die Anfangsbuchstaben des folgenden: „Ich habe weder zu vergessen, noch zu vergeben; ich habe nie aufgehört, Euch zu lieben!“

Sie blickte ihn an mit unverändertem Lächeln.

„Ich habe verstanden,“ antwortete sie flüsternd.

Er setzte sich nieder und schrieb einen langen Satz. Sie verstand alles und frug ihn nicht, ob sie richtig verstanden habe; sie nahm die Kreide und antwortete sogleich.

Lange Zeit vermochte er nicht zu erkennen, was sie geschrieben hatte, und er blickte ihr häufig in die Augen. Es wurde ihm dunkel vor Glück. Es gelang ihm nicht, die Worte zu interpretieren, die sie meinte, aber in ihren wunderschönen, von Seligkeit schimmernden Augen erkannte er alles, was ihm zu wissen nötig war, und er schrieb drei Buchstaben, war aber noch nicht fertig damit, als sie schon seiner Hand nachgelesen hatte und selbst vollendete, indem sie als Antwort ein „Ja“ niederschrieb.

„Spielt Ihr da ‚Sekretär‘?“ frug jetzt herantretend der alte Fürst. „Wir müssen nun fort, wenn du rechtzeitig ins Theater willst.“

Lewin erhob sich und begleitete Kity bis zur Thür.

In ihrer Unterhaltung war alles gesagt worden; es war nun ausgesprochen, daß sie ihn liebte, und ihren Eltern mitteilen wolle, daß er morgen früh zu ihnen kommen würde.

14

Als Kity weggefahren und Lewin allein geblieben war, empfand dieser eine solche Unruhe in ihrer Abwesenheit, eine so unerträgliche Sehnsucht, so schnell als möglich die Zeit bis zum Morgen des anderen Tages hinzubringen, wo er sie wiedersehen sollte um sich für immer mit ihr zu vereinen, daß er vor den noch verbleibenden vierzehn Stunden, die ihm noch ohne sie bevorstanden, wie vor dem Tode erschrak. Er mußte um jeden Preis mit jemand sprechen, und um nicht einsam zu sein, um sich über die Zeit hinwegzutäuschen, wäre Stefan Arkadjewitsch für ihn der willkommenste Partner gewesen; aber dieser fuhr, wie er sagte, zu einem Abend, in Wirklichkeit jedoch nach dem Ballett. Lewin hatte ihm nur sagen können, daß er glücklich sei und ihn liebe und nie, nie vergessen werde, was er für ihn gethan. Der Blick und das Lächeln Stefan Arkadjewitschs bewiesen Lewin, daß jener dieses Gefühl verstehe, wie er es zu verstehen hatte.

„Nun, wäre es jetzt nicht Zeit zum Sterben?“ antwortete Stefan Arkadjewitsch, Lewin gerührt die Hand drückend.

„Nie!“ antwortete dieser.

Darja Aleksandrowna hatte ihn gleichfalls beim Abschied förmlich beglückwünscht, und gesagt: „Wie freue ich mich, daß Ihr wieder mit Kity zusammengetroffen seid; man muß eben alte Freundschaften hochhalten!“

Lewin waren diese Worte Darjas unangenehm gewesen. Sie konnte ja doch nicht verstehen, wie erhaben dies alles, wie unzugänglich es für sie war, und sie durfte daher nicht wagen, es zu erwähnen. Lewin verabschiedete sich, gesellte sich aber, um nicht allein sein zu müssen, zu seinem Bruder.

„Wohin fährst du?“

„In eine Sitzung.“

„Ich begleite dich — geht es?“

„Warum nicht? Komm mit,“ antwortete Sergey Iwanowitsch lächelnd, „was ist denn eigentlich heute mit dir?“

„Mit mir? Mit mir ist das Glück,“ antwortete Lewin, das Fenster des Wagens herablassend in welchem sie fuhren. „Fühlst du dich hier wohl? Es ist schwül. Mit mir ist das Glück. Weshalb hast du nie geheiratet?“ —

Sergey Iwanowitsch lächelte.

„Das freut mich sehr; sie scheint ein reizendes Mädchen“ — begann er.

— „Sprich nicht so, nicht so, nicht so,“ rief Lewin, ihn mit beiden Händen am Kragen seines Pelzes fassend. — „Ein reizendes Mädchen!“ — Das waren so einfache, prosaische Worte, so wenig seiner Empfindung entsprechend.

Sergey Iwanowitsch begann heiter zu lachen, was bei ihm selten der Fall war.

„Nun, aber ich darf doch sagen, daß ich mich sehr darüber freue.“

„Das darf man erst morgen, morgen; jetzt weiter nichts! Nichts, gar nichts; schweig also,“ versetzte Lewin, und fügte dann hinzu, „ich liebe dich sehr; werde ich denn der Sitzung mit beiwohnen können?“

„Versteht sich, kannst du.“

„Wovon ist denn heute die Rede?“ frug Lewin, der fortwährend lächelte.

Sie langten in der Sitzung an. Lewin hörte zu, als der Sekretär mit stockender Stimme das Protokoll verlas, welches er augenscheinlich selbst nicht verstand; doch bemerkte Lewin an den Zügen dieses Sekretärs, welch ein lieber, guter und prächtiger Mensch er war. Augenscheinlich wurde ihm das an der Weise, wie er, das Protokoll verlesend, aus dem Kontext kam und in Verwirrung geriet. Es begannen hierauf die Verhandlungen. Man debattierte über gewisse Summen und über die Aufführung einiger Essen. Sergey Iwanowitsch kritisierte beißend zwei Mitglieder der Sitzung und sprach lange und erfolgreich; ein anderes Mitglied, welches sich Notizen auf einem Papier gemacht hatte, geriet anfangs ins Schwanken, replizierte ihm aber dann sehr boshaft und gleichwohl freundlich.

Darauf sprach auch Swijashskiy — der gleichfalls hier war — gut und gediegen. Lewin hörte ihnen zu und erkannte klar, daß weder die besprochenen Summen und die Essen da wären, noch, daß die Sprecher wirklich in Erregung geraten wären, sondern alle so gut seien, so vorzügliche Menschen, und alles so gut und friedlich unter ihnen vor sich ginge. Sie selbst störten niemand und alle befanden sich wohl. Bemerkenswert erschien es Lewin, daß sie ihm alle jetzt durch und durch erkennbar waren; er erkannte an kleinen, früher unbemerkbar gewesenen Anzeichen den Geist eines jeden Einzelnen, und sah klar, daß sie alle gut waren. Insbesondere liebte heute jedermann Lewin ganz außerordentlich. Er nahm dies an der Art und Weise wahr, wie man mit ihm sprach, wie freundlich und liebevoll selbst die Unbekannten alle nach ihm blickten.

„Nun, was sagst du, bist du zufrieden?“ frug ihn Sergey Iwanowitsch.

„Sehr. Ich hätte nie gedacht, daß dies so interessant sein würde! Herrlich; sehr gut!“

Swijashskiy erschien jetzt bei Lewin und lud ihn zum Thee zu sich ein. Lewin vermochte nicht mehr zu begreifen, noch sich zu entsinnen, worüber er mit Swijashskiy unzufrieden gewesen war, und was er in demselben gesucht hatte. Er war doch ein ganz verständiger und wunderbar guter Mensch.

„Sehr erfreut,“ versetzte er und frug nach Gattin und Schwägerin. Durch einen seltsamen Gedankengang, indem nämlich in seiner Vorstellungskraft der Gedanke an die junge Schwägerin Swijashskiys sich mit dem an einen Ehebund verknüpfte, kam es ihm bei, daß er niemand besser von seinem Glück erzählen könne, als der Frau und der Schwägerin Swijashskiys, und so freute er sich darauf, zu diesen fahren zu können.

Swijashskiy erkundigte sich bei ihm über den Gang der Dinge auf dem Dorfe, wie stets so auch jetzt nicht die geringste Möglichkeit annehmend, daß man etwas erfinden könne, was in Europa noch nicht erfunden sei; aber dies war Lewin jetzt durchaus nicht unangenehm. Im Gegenteil empfand er, daß Swijashskiy recht habe, daß sein ganzes Unternehmen eitel sei, und erkannte die bewundernswerte Weichheit und Zartheit, mit welcher Swijashskiy die weitere Ausführung darüber, daß er eine richtige Anschauung vertrat, mied. Die Damen Swijashskiys waren ausnehmend liebenswürdig. Lewin schien es, als ob sie schon alles wüßten, und mit ihm empfänden, und nur aus Zartgefühl nicht davon sprächen. Er verblieb eine Stunde, zwei, drei bei ihnen, im Gespräch über verschiedene Dinge, und doch hatte er dabei immer das im Sinne, was ihm die Seele erfüllte, und er merkte nicht, daß er seine Umgebung entsetzlich langweilte und es längst die Zeit war, wo man sich zur Ruhe begab.

Swijashskiy begleitete ihn bis in das Vorzimmer, gähnend und verwundert über die seltsame Stimmung des Freundes. Es war zwei Uhr.

Lewin kehrte in das Hotel zurück und erschrak bei dem Gedanken daran, daß er jetzt allein mit seiner Ungeduld die ihm noch verbleibenden zehn Stunden werde ausfüllen müssen.

Der jourhabende Diener zündete ihm eine Kerze an und wollte gehen, aber Lewin hielt ihn zurück. Dieser Lakai, von dem Lewin früher nicht Notiz genommen hatte, er hieß Jegor, zeigte sich als ein sehr verständiger und angenehmer, und, was die Hauptsache war, guter Mensch.

„Es ist schwer, Jegor, wenn man nicht schlafen darf, he?“ —

„Was ist zu thun! Das ist einmal unsere Pflicht. Die Herren haben ja ein ruhigeres Leben; aber wir müssen rechnen.“

Es zeigte sich, daß Jegor Familie hatte; drei Knaben und eine Tochter, welche Nähterin war und die er an einen Commis in einem Kürschnergeschäft verheiraten wollte.

Lewin setzte hierbei Jegor seine Ansicht darüber auseinander, daß in einem Ehebund die Hauptsache die Liebe sei und man mit dieser stets glücklich sein werde, weil das Glück nur in sich selbst bestehe.

Jegor hörte aufmerksam zu; er verstand offenbar die Idee Lewins vollkommen, aber zu ihrer Bekräftigung machte er eine für Lewin unerwartet kommende Bemerkung, daß er, wenn er bei guten Herren gedient habe, stets mit seinen Herren zufrieden gewesen sei, und daß er auch jetzt mit seinem Herrn völlig zufrieden sei, obwohl derselbe ein Franzose wäre.

„Ein erstaunlich guter Mensch,“ dachte Lewin.

„Nun, und als du heiratetest, Jegor, hast du da dein Weib geliebt?“

„Wie hätte ich sie nicht lieben sollen?“ versetzte Jegor.

Lewin erkannte, daß Jegor sich ebenfalls in einem Zustande der Aufregung befand, und Lust hatte, ihm alle seine innersten Empfindungen mitzuteilen.

„Mein Leben ist gleichfalls wunderbar gewesen. Von Jugend auf,“ begann er mit glänzenden Augen und offenbar von der Aufgeregtheit Lewins angesteckt, so wie ja die Leute auch vom Gähnen angesteckt werden.

In dem nämlichen Moment ertönte indessen die Glocke; Jegor ging und Lewin blieb allein zurück. Er hatte fast nichts zu sich genommen bei dem Essen, den Thee und das Abendessen bei Swijashskiy zurückgewiesen, und mochte doch nicht an ein Abendbrot denken. Er hatte die ganze vorige Nacht nicht geschlafen, und mochte doch nicht an Schlaf denken. In dem Zimmer war es kühl, und doch war es ihm drückend heiß. Er öffnete beide Fenster und setzte sich auf den Tisch, den Fenstern gegenüber. Über einem mit Schnee bedeckten Dache war ein durchbrochenes Kreuz mit Ketten sichtbar und über demselben sich erhebend das Sternbild des Fuhrmanns mit der gelben, hellschimmernden Kapella. Er blickte bald nach dem Kreuz, bald nach dem Sternbild, sog die frische kalte Winterluft in sich ein, die gleichmäßig ins Zimmer hereinströmte, und hing wie im Traume den in seiner Vorstellungskraft aufsteigenden Bildern und Erinnerungen nach. Um vier Uhr vernahm er Schritte auf dem Korridor und schaute nach der Thür; ein ihm bekannter Spieler, Mjaskin, kam aus seinem Klub heim. Mißgestimmt, griesgrämig und hustend ging er vorüber.

„Armer Unglücklicher,“ dachte Lewin und Thränen traten ihm in die Augen in der Liebe und dem Mitleid mit diesem Menschen. Er wollte mit ihm sprechen, ihn trösten, aber indem er sich besann, daß er nur mit dem Hemd bekleidet sei, sah er davon ab und setzte sich wieder an das Fenster, um sich in der kalten Luft zu baden, und nach jenem seltsam geformten, schweigsamen, und für ihn doch so bedeutungsvollen Kreuz, sowie dem sich erhebenden, hellschimmernden Gestirn zu schauen.

Um sieben Uhr wurde das Geräusch der Fußbodenfeger vernehmbar, man schellte nach einer Dienstleistung; Lewin fühlte, daß es ihn zu frieren begann. Er schloß das Fenster, wusch sich, kleidete sich an und ging zur Straße hinab.

15

Auf der Straße war alles noch öde. Lewin begab sich nach dem Hause der Schtscherbazkiy. Die Hauptpforten waren geschlossen, alles schlief noch. Er kehrte um, ging wieder nach seinem Zimmer und bestellte Kaffee. Der jourhabende Lakai, nicht mehr Jegor, brachte ihm denselben. Lewin wollte ein Gespräch mit ihm anknüpfen, aber man schellte nach dem Diener und dieser ging. Er versuchte es nun, den Kaffee zu sich zu nehmen und Semmel in den Mund zu stecken, allein sein Mund wußte durchaus nicht, was er mit der Semmel beginnen sollte. Lewin spie sie wieder aus, legte seinen Paletot an und ging wieder fort. Es war zehn Uhr geworden, als er zum zweitenmal an der Freitreppe der Schtscherbazkiy ankam. Man war im Hause soeben wach geworden und der Koch ging gerade nach dem Küchenbedarf; es hieß also mindestens noch zwei Stunden warten.

Die ganze Nacht und den Morgen hatte Lewin vollständig ohne Bewußtsein verlebt und er fühlte sich auch gänzlich den Verhältnissen des materiellen Lebens entrückt. Den ganzen Tag hindurch hatte er nichts zu sich genommen, zwei Nächte nicht geschlafen, mehrere Stunden ausgekleidet in der Kälte zugebracht — und fühlte sich dennoch nicht nur frisch und gesund wie noch nie, — er fühlte sich gleichsam unabhängig von seinem Körper. Er bewegte sich ohne Anstrengung der Muskeln und empfand, daß er alles unternehmen könnte. Er war überzeugt, daß er in die Luft fliegen oder die Ecke eines Hauses vom Platze bewegen könnte, wenn es nötig gewesen wäre.

Während der ihm noch verbleibenden Zeit strich er in den Straßen umher, unaufhörlich nach der Uhr blickend und nach allen Seiten schauend.

Was er dabei sah, das hat er in der Folge nie wieder gesehen. Kinder, welche zur Schule gingen, blaue Tauben, welche von den Dächern auf den Trottoir herabgeflogen kamen, und Semmeln die mit Mehl bestreut, eine unsichtbare Hand auslegte, zogen ihn an.

Diese Semmeln, die Tauben und zwei Knaben waren für ihn überirdische Geschöpfe. Alles kam zu gleicher Zeit; ein Knabe lief nach einer Taube und blickte Lewin lächelnd an, die Taube schlug mit den Flügeln und flatterte davon, in der Sonne schimmernd und in den die Luft erfüllenden Schneekrystallen, und aus einem kleinen Fensterchen duftete es nach frischgebackenem Brot und hier wurden die Semmeln ausgelegt.

Alles das zusammengenommen war so außergewöhnlich lieblich, daß Lewin vor Freude lachen und weinen mußte. Nachdem er einen großen Bogen um den Gazetnyj-Pereulok und die Kislowka gemacht hatte, kam er endlich wiederum in seinem Hotel an und setzte sich nun, die Uhr vor sich hinlegend, nieder, um die zwölfte Stunde zu erwarten.

In dem Nebenzimmer sprach man über Maschinen und Schwindel, wobei Morgenhusten erschallte. Die da drüben wußten wohl noch gar nicht, daß der Zeiger bereits nach der Zwölf rückte. Der Zeiger war herangerückt und Lewin ging auf die Freitreppe hinaus. Die Kutscher wußten augenscheinlich alles; mit glücklichen Gesichtern umringten sie Lewin, ihm ihre Dienste um die Wette anbietend. Lewin wählte einen, versprach den übrigen, um ihnen nicht zu nahe zu treten, daß er sie ein andermal benutzen werde, und ließ sich zu den Schtscherbazkiy fahren. Der Kutscher sah vorzüglich aus in seinem weißen, aus dem Kaftan hervorstehenden, knapp am roten starken Halse anliegenden Hemdkragen. Der Schlitten dieses Kutschers war hoch, schlank; ein Schlitten wie ihn Lewin später nie wieder fuhr und auch das Pferd war gut und willig — kam aber nicht von der Stelle. —

Der Kutscher kannte das Haus der Schtscherbazkiy und nachdem er sich außerordentlich respektvoll zu dem Fahrgast gewendet und „tprru“ gemacht hatte, hielt er vor der Einfahrt still.

Der Portier der Schtscherbazkiy wußte augenscheinlich auch schon alles. Das war ersichtlich an dem Lächeln seiner Augen und an dem Tone, wie er sagte: „Recht lange nicht dagewesen, Konstantin Dmitritsch!“ Der wußte nicht nur alles, o nein, der triumphierte sogar schon augenscheinlich und bemühte sich nur, seine Freude zu verbergen. Als Lewin ihm in die alten guten Augen blickte, gewahrte er noch etwas ganz Neues in seinem Glück.

„Ist man schon aufgestanden?“

„Bitte, bitte! Bleibt nur hier!“ sagte er lächelnd, als Lewin umkehren wollte, um seinen Hut zu holen. Das hatte etwas zu bedeuten.

„Wem soll ich Euch melden?“ frug ein Diener.

Der Diener, obgleich noch jung und einer von den neuen Bediensteten und ein Fant, war dennoch ein sehr guter und ganz hübscher Mensch, und wußte jedenfalls auch schon alles.

„Der Fürstin, dem Fürsten, der jungen Fürstin,“ sagte Lewin.

Die erste Person, welche er erblickte, war Mademoiselle Linon. Sie schritt soeben durch den Saal und ihre Locken und ihr Gesicht glänzten. Er hatte kaum mit ihr zu sprechen begonnen, als plötzlich hinter der Thür das Rauschen eines Kleides ertönte und Mademoiselle Linon den Augen Lewins entschwand, während diesen selbst ein freudiger Schrecken über die Nähe seines Glückes überkam.

Mademoiselle Linon war fortgeeilt und hatte sich, ihn allein lassend, nach einer zweiten Thür begeben. Kaum war sie verschwunden, da ertönten schnell geflügelte Schritte auf dem Parkett, und sein Glück, sein Leben — er selbst — das Bessere seiner selbst, das, was er so lange gesucht und ersehnt hatte — schnell, schnell nahte es ihm. Sie kam nicht selbst, sondern mit unsichtbarer Macht ward sie zu ihm gezogen.

Er sah nun ihre klaren, treuen Augen, erschreckt von der nämlichen Freude der Liebe, die auch ihn und sein eignes Herz erfüllte. Diese Augen leuchteten näher und näher, sie blendeten ihn mit ihrem Liebesglanz. Dicht neben ihm blieb sie stehen, ihn berührend; ihre Arme hoben sich und schlangen sich um seine Schultern.

Sie hatte alles gethan, was sie thun konnte; sie war zu ihm geeilt und hatte sich ihm ganz gegeben, schämig, wonnevoll. Er umfing sie und preßte seine Lippen auf ihren Mund, der seinen Kuß suchte.

Auch sie hatte die ganze Nacht hindurch nicht geschlafen, und seiner den ganzen Morgen lang geharrt.

Vater und Mutter waren ohne Widerspruch einverstanden gewesen, glücklich in ihres Kindes Glück. Nun erwartete sie ihn; sie wollte als die Erste ihm ihr beiderseitiges Glück verkünden, und so hatte sie sich vorbereitet, ihn zu empfangen, und sich ihres Gedankens gefreut, obwohl sie schüchtern und verschämt werdend, selbst nicht recht wußte, was sie eigentlich thun sollte. Da hörte sie seine Schritte und seine Stimme, und wartete hinter der Thür, bis Mademoiselle Linon hinausgegangen sein würde, — und diese ging. Sie selbst aber, ohne sich zu bedenken oder sich selbst zu fragen nach dem Wie oder Was, eilte zu ihm und that was sie nun gethan hatte.

„Wir wollen zu Mama gehen!“ sagte sie, ihn am Arme nehmend.

Lange vermochte er nichts zu sagen; weniger deswegen, weil er fürchtete, mit einem Worte die Erhabenheit seiner Empfindung zu beeinträchtigen, als deshalb, weil er, sobald er etwas sagen wollte, statt der Worte Thränen der Glückseligkeit sich hervordrängen fühlte. Er ergriff ihre Hand und küßte dieselbe.

„Ist es denn wahr?“ sprach er endlich mit leiser Stimme, „ich kann es nicht glauben, daß du mich liebst.“

Sie lächelte bei diesem „du“, und über die Schüchternheit, mit welcher er sie anschaute.

„Ja,“ sagte sie dann, bedeutungsvoll und langsam; „ich bin so glücklich.“

Ohne seinen Arm loszulassen, trat sie in den Salon. Die Fürstin atmete bei dem Anblick der beiden schnell auf und brach sogleich in Thränen aus; sogleich aber begann sie auch zu lächeln, und trat ihnen mit so energischen Schritten, wie sie Lewin nicht erwartet hätte, entgegen, den Kopf Lewins umfangend, ihn küssend, und seine Wange mit ihren Thränen netzend.

„So ist denn alles gut! Wie freue ich mich! Liebe sie! Ich bin sehr glücklich — Kity!“

„Das hat sich ja recht schnell gemacht!“ sagte der alte Fürst, sich bemühend, unbewegt zu erscheinen, aber Lewin bemerkte doch, daß seine Augen feucht waren, als er sich zu ihm wandte. „Lange, immer habe ich dies gewünscht!“ sagte der Fürst, Lewin bei der Hand nehmend und ihn an sich ziehend, „schon damals, als jener Windbeutel dachte“ —

— „Papa!“ rief Kity, ihm den Mund mit der Hand verschließend.

„Nun, ich werde nicht plaudern,“ fuhr er fort: „ich bin sehr, sehr gl— ei, ei, was ich doch für ein Dummkopf bin“ —

Er umarmte Kity, küßte ihr Antlitz und ihre Hand, dann wiederum das Gesicht und segnete sie.

Lewin erfaßte ein neues Gefühl von Liebe zu dem Manne, der ihm fremd gewesen war — dem greisen Fürsten — als er gewahrte, wie Kity lange und innig seine fleischige Hand küßte.

16

Die Fürstin saß im Lehnstuhl, schweigend und lächelnd, der Fürst neben ihr. Kity stand an dem Sessel des Vaters, noch immer seine Hand nicht freigebend. Alle schwiegen.

Die Fürstin verlieh dieser Stimmung zuerst Worte und setzte alle Gedanken und Empfindungen in Lebensfragen um. Gleichwohl aber erschien dies ihnen allen seltsam und sogar unangenehm im ersten Augenblick.

„Wann wird es denn nun geschehen? Wir müssen die Verlobung feiern und bekannt machen. Und wann soll die Hochzeit sein? Wie denkst du, Alexander?“

„Hier ist er,“ antwortete der alte Fürst, auf Lewin zeigend, „die Hauptperson in dieser Frage.“

„Wann?“ frug Lewin, errötend. „Morgen. Wenn Ihr mich fragt, so könnten wir nach meiner Meinung heute einsegnen und morgen Hochzeit machen.“

„Genug, mon cher, das sind Dummheiten.“

„Also denn in acht Tagen?“

„Er ist ja wie verrückt.“

„Nun, weshalb denn?“

„Aber ich bitte Euch!“ fiel die Mutter ein, heiter lächelnd über diese Eilfertigkeit, „und die Aussteuer?“

„Muß da wirklich erst eine Aussteuer und anderes noch dabei sein?“ dachte Lewin voll Schrecken. „Indessen kann die Aussteuer oder die Einsegnung und alles übrige — etwa mein Glück zerstören? Nichts kann es zerstören!“ Er blickte Kity an und bemerkte, daß diese von dem Gedanken an die Aussteuer nicht im geringsten verletzt war; „wahrscheinlich muß es also so sein,“ dachte er nun.

„Ich verstehe allerdings gar nichts von solchen Dingen, und äußerte nur meinen Wunsch.“ sagte er, sich entschuldigend.

„So wollen wir also überlegen. Jetzt können wir die Einsegnung und die öffentliche Anzeige vornehmen.“

Die Fürstin trat zu ihrem Gatten, küßte ihn und wollte gehen, er aber hielt sie zurück, umfing sie, und küßte sie mehrmals zärtlich und lächelnd wie ein jugendlich Verliebter. Die beiden Alten gerieten offenbar einen Augenblick in Verwirrung und wußten nicht recht, ob sie wieder ineinander verliebt waren, oder ob nur ihre Tochter liebte. Als der Fürst und die Fürstin gegangen waren, trat Lewin zu seiner Braut, und ergriff sie bei der Hand. Er hatte jetzt seine Selbstbeherrschung wiedergefunden und konnte nun sprechen; er hatte ihr soviel zu sagen. Aber doch sagte er durchaus nicht das, was er hätte sagen sollen.

„Wie hätte ich ahnen können, daß es doch noch in Erfüllung gehen würde! Nimmermehr habe ich dies gehofft, aber in meiner Seele war ich stets davon überzeugt,“ sprach er, „und ich glaube, daß dies schon vorher bestimmt gewesen ist.“

„Und ich?“ versetzte sie, „selbst damals“ — sie stockte, fuhr aber dann fort, ihn mit ihren treuen Augen fest anblickend, „selbst damals, als ich mein Glück von mir wies, habe ich stets Euch allein geliebt, doch ich war verleitet. Ich muß es aussprechen — — könnt Ihr vergessen?“

„Vielleicht ist es zum Glück gewesen. Ihr müßt mir viel vergeben. Ich muß Euch gestehen“ — er wollte das Eine von dem mitteilen, was er ihr mitzuteilen beschlossen hatte, und er hatte beschlossen, ihr von dem ersten Tage ab zweierlei mitzuteilen, das Eine, daß er nicht mehr so rein sei, wie sie; das Andere, daß er keinen Glauben habe. Es war dies peinlich, aber er hielt sich für verpflichtet, ihr dies und das andere zu sagen. „Doch nein; nicht jetzt, später!“ sagte er.

„Gut; also später; aber Ihr werdet es mir sicher sagen. Ich fürchte nichts. Ich muß alles wissen. Jetzt ist alles gut!“

„Gut geworden ist das, daß Ihr mich nehmt, wie ich auch sein mag, daß Ihr mich nicht von Euch weist; nicht wahr?“ ergänzte er.

„Jawohl!“ —

Das Gespräch wurde durch den Eintritt der Mademoiselle Linon unterbrochen, welche, obwohl verschmitzt, so doch zärtlich lächelnd kam, ihren geliebten Zögling zu beglückwünschen. Sie war noch nicht wieder hinaus, da kam schon die Dienerschaft zur Beglückwünschung. Dann erschienen die Verwandten und nun begann jener selige Taumel, aus dem Lewin nun bis zum nächsten Tage nach seiner Hochzeit nicht mehr herauskam. Ihm selbst war es dabei beständig unbehaglich, langweilig zu Mut, allein die Aufregung über sein Glück wuchs mehr und mehr. Er fühlte beständig, daß von ihm jetzt vieles gefordert würde, was er noch nicht kenne — er that alles, was man ihm sagte und dies alles verusachte ihm ein Gefühl des Glückes.

Er glaubte, daß sein Brautstand nichts Ähnliches mit demjenigen anderer haben würde, und die demselben sonst eigenen Umstände sein ganz besonderes Glück stören möchten; aber es kam so, daß er eben nur das Nämliche that, was alle anderen thun, und sein Glück wurde dadurch nur erhöht und gestaltete sich mehr und mehr zu einem ganz besonderen, das nichts Ähnliches je gehabt haben oder noch haben mochte.

„Nun wollen wir aber Konfekt essen,“ meinte Mademoiselle Linon und Lewin fuhr sogleich fort, um Konfekt einzukaufen.

„Ah, sehr erfreut über Euer Glück,“ sagte Swijashskiy, „ich rate Euch, die Bouquets bei Thomin zu holen.“

„Muß ich?“ und er fuhr zu Thomin.

Sein Bruder sagte ihm, daß er Geld werde aufnehmen müssen, da viel Ausgaben, Geschenke, nötig werden würden. „Geschenke sind erforderlich?“ frug er und eilte zu Fuld.

Und bei dem Konditor, wie bei Thomin und bei Fuld gewahrte er, daß man ihn erwartet habe, sich über ihn freue und über sein Glück frohlocke, wie es alle thaten, mit denen er in diesen Tagen zu thun hatte. Außergewöhnlich erschien ihm, daß jedermann ihn nicht nur liebte, sondern auch alle, die ihm früher nicht sympathisch gewesen waren, kühle und gleichgültige Menschen, von ihm entzückt waren, sich ihm in allem fügten, mit seinen Empfindungen zart und taktvoll umgingen und seine Überzeugung teilten, daß er der glücklichste Mensch auf Erden wäre, weil seine Braut noch mehr als die Vollkommenheit selbst sei.

Ganz das Nämliche empfand auch Kity. Als die Gräfin Nordstone sich erlaubte, Andeutungen zu machen, daß sie eigentlich etwas Besseres gewünscht hätte, geriet Kity in Zorn und legte ihr so eifrig, so überzeugt dar, daß es etwas Besseres als Lewin in der Welt nicht geben könne, daß die Gräfin Nordstone dies anerkennen mußte und in Gegenwart Kitys Lewin nicht mehr ohne ein Lächeln des Entzückens begegnete.

Die Erklärung, welche von ihm in Aussicht gestellt worden war, bildete das einzige Ereignis von Bedeutung in dieser Zeit. Lewin beriet sich mit dem alten Fürsten und übergab, nachdem er dessen Urteil gehört hatte, Kity sein Tagebuch, in welchem alles aufgezeichnet stand, was ihn bedrückte. Er hatte dieses Tagebuch eigens im Hinblick auf eine künftige Braut geschrieben. Zweierlei eben bedrückte seine Seele; er war nicht mehr unschuldig, und er glaubte nicht. Das Geständnis seines Unglaubens ging ungerügt vorüber. Kity war religiös, hatte nie an den Wahrheiten der Religion gezweifelt, aber sein äußerer Unglaube berührte sie dennoch nicht im geringsten. Sie kannte durch ihre Liebe seine ganze Seele, und in seiner Seele sah sie, was sie sehen wollte; daß aber sein seelischer Zustand noch ungläubig sein heißen könnte, war ihr gleichgültig. Das zweite Geständnis hingegen ließ sie in bittere Thränen ausbrechen.

Nicht ohne inneren Kampf hatte ihr Lewin sein Tagebuch übergeben. Er wußte, daß zwischen ihm und ihr kein Geheimnis bestehen könne und dürfe, und deshalb hatte er beschlossen, daß es auch so sein müsse. Doch gab er dabei sich selbst nicht Rechenschaft darüber, wie seine Handlungsweise auf sie wirken könne; er versetzte sich nicht in sie selbst. Als er indessen an diesem Abend vor dem Theater zu der Familie kam, in ihr Zimmer trat und das verweinte, durch das von ihm verursachte und nicht mehr gut zu machende Leid verzweifelnde, klägliche, liebe Gesicht erblickte, da erkannte er den Abgrund, der seine befleckte Vergangenheit von ihrer Taubenunschuld trennte, und er erschrak über das, was er gethan hatte.

„Nehmt sie, nehmt diese furchtbaren Bücher weg!“ sagte sie, die vor ihr auf dem Tische liegenden Hefte wegstoßend. „Weshalb habt Ihr sie mir gegeben? Aber nein; es ist besser so,“ fügte sie hinzu, Mitleid mit seiner verzweiflungsvollen Miene empfindend; „und doch ist es furchtbar, furchtbar!“ —

Er ließ den Kopf hängen und blieb stumm; er vermochte nichts zu sagen.

„Ihr verzeiht mir nicht,“ flüsterte er.

„Doch, ich habe vergeben — aber es ist furchtbar.“

Sein Glück war so groß, daß dieses Geständnis es nicht zerstörte, sondern ihm vielmehr nur eine neue Färbung verlieh. Sie hatte ihm vergeben, aber seitdem erachtete er sich ihrer noch viel weniger würdig, neigte er sich moralisch noch viel tiefer vor ihr, schätzte er sein unverdientes Glück noch viel höher.

17

Unwillkürlich in seiner Vorstellungskraft noch einmal die Eindrücke musternd, die er in den Gesprächen während des Essens und nach demselben erhalten hatte, kehrte Aleksey Aleksandrowitsch nach seinem einsamen Zimmer zurück.

Die Worte Darja Aleksandrownas über die Verzeihung hatten in ihm nur Verdruß verursacht. Die Anwendbarkeit oder Nichtanwendbarkeit jenes christlichen Gebotes auf seinen Fall war eine viel zu schwierige Frage, über welche sich nicht leichthin sprechen ließ; und diese Frage war von Aleksey Aleksandrowitsch bereits längst in verneinendem Sinne entschieden worden. Aus alledem was heute gesagt worden war, fielen ihm vor allem die Worte des einfältigen, guten Turowzyn wieder ein „er hat mannhaft gehandelt, gefordert und seinen Gegner ins Jenseits befördert“. Jedermann stimmte dem offenbar bei, wenn man es auch wohl aus Höflichkeit, nicht aussprach.

„Übrigens, die Sache ist in Ordnung, es giebt nichts mehr darüber nachzudenken,“ sprach er zu sich selbst, und indem er nun nur noch an seine bevorstehende Abreise und die Revisionsangelegenheit dachte, begab er sich auf sein Zimmer und frug den ihn begleitenden Portier, wo sein Diener sei. Der Portier berichtete, daß der Diener soeben erst fortgegangen wäre. Aleksey Aleksandrowitsch befahl Thee, setzte sich an den Tisch, und begann die Reiseroute zu kombinieren.

„Zwei Telegramme,“ sagte der Diener, welcher wieder zurückkam und in das Zimmer trat. „Entschuldigung, Excellenz, ich war soeben erst fortgegangen.“

Aleksey Aleksandrowitsch ergriff die Telegramme und öffnete sie. Das erste enthielt die Nachricht von der Ernennung Stremoffs für den nämlichen Posten, den Karenin angestrebt hatte. Er warf die Depesche fort, erhob sich, rot geworden, und begann im Zimmer auf und abzuschreiten. „Quos vult perdere dementat,“ sprach er vor sich hin, unter dem „quos“jene Männer verstehend, die für diese Ernennung gewirkt hatten.

Nicht das war ihm ärgerlich, daß er jenes Amt nicht erhalten, daß man ihn offenbar übergangen hatte — es war ihm unverständlich, wunderbar, daß man nicht erkannte, daß jener Schwätzer und Phrasenheld, Stremoff, weniger als jeder andere befähigt dazu sei. Wie konnte man übersehen, daß man sich und das „Prestige“ mit dieser Ernennung stürzte.

„Wohl noch etwas Weiteres der Art,“ sprach er gallig vor sich hin, die zweite Depesche öffnend. Das Telegramm kam von seiner Frau. Die Unterschrift mit dem blauen Stift, „Anna“, fiel ihm zuerst ins Auge: „Ich sterbe; ich bitte und beschwöre dich, zu mir zu kommen; mit deiner Vergebung werde ich ruhiger sterben,“ las er.

Mit verächtlichem Lächeln warf er das Telegramm beiseite. Daß hier eine Täuschung, eine Falle vorlag, wie es ihm in der ersten Minute erschien, konnte nicht dem geringsten Zweifel unterliegen.

„Es giebt keine Täuschung, vor der sie zurückschreckte! Sie muß niederkommen, wahrscheinlich liegt sie krank an den Wehen. Aber welche Absicht haben sie? Nun, ihr Kind legitim machen zu lassen, mich zu kompromittieren und die Ehescheidung zu hintertreiben!“ dachte er. „Aber es ist doch da gesagt, ‚ich sterbe‘“ — er las nochmals das Telegramm durch und jäh durchzuckte ihn der richtige Sinn dessen, was in demselben gesagt war: „wie, wenn es wahr wäre,“ sagte er zu sich selbst, „wenn es wahr wäre, daß sie in der Minute des Leidens und der Nähe des Todes aufrichtig bereute, und ich, es dennoch für eine Täuschung haltend, die Rückkehr abschlüge? Das würde nicht nur hartherzig sein, es würde mich nicht nur jedermann verurteilen — nein, sogar eine Thorheit meinerseits wäre es!“

„Peter, den Wagen! Ich will nach Petersburg,“ befahl er dem Diener.

Aleksey Aleksandrowitsch hatte beschlossen, nach Petersburg zurückzufahren und sein Weib zu sehen. War ihre Krankheit ein Betrug, so wollte er schweigend wieder von dannen gehen, war sie wirklich dem Tode nahe, wünschte sie ihn vor demselben nochmals zu sehen, so wollte er ihr vergeben falls er sie noch unter den Lebenden träfe, oder ihr die letzte Pflicht erweisen, falls er zu spät käme.

So lange er sich unterwegs befand, dachte er nicht weiter an das, was er zu thun habe. Mit einem Gefühl von Ermüdung und körperlicher Unbehaglichkeit, welches von der im Waggon verbrachten Nacht herrührte, fuhr Aleksey Aleksandrowitsch im Morgennebel Petersburgs den verödeten Newskiyprospekt hinab und starrte vor sich hin, ohne an das zu denken, was ihn erwartete. Er vermochte nicht, daran zu denken, weil er bei der Vorstellung dessen, was da kommen sollte, die Annahme nicht von sich weisen konnte, daß ihr Tod mit einem Schlage die ganze Schwierigkeit seiner Lage lösen würde.

Die Bäcker, die noch geschlossenen Läden, die Nachtdroschken, die Dvorniks, welche die Trottoire kehrten, — alles das huschte an seinen Augen vorüber und er beobachtete alles, in dem Bestreben, den Gedanken an das zu ersticken, was ihn erwarte, was er nicht zu wünschen wagte und doch wünschte.

Er fuhr an der Freitreppe vor. Ein Mietkutscher und ein Wagen mit einem schlafenden Kutscher standen vor der Einfahrt. Als Aleksey Aleksandrowitsch den Treppensaal betrat, faßte er, gleichsam wie aus einem versteckten Winkel seines Hirns heraus einen letzten Entschluß und rüstete sich mit diesem; er lautete: Wenn eine Täuschung vorliegt, — ruhige Verachtung und Abreise; wenn Wahrheit — den Takt wahren.“

Der Portier öffnete die Thür, noch bevor Aleksey Aleksandrowitsch geläutet hatte. Petroff, sonst auch Kapitonitsch gerufen, bot einen seltsamen Anblick in seinem alten Überrock ohne Krawatte und in Pantoffeln.

„Was macht deine Herrin?“

„Es hat sich gestern glücklich entschieden.“

Aleksey Aleksandrowitsch blieb stehen und erblich. Er erkannte jetzt klar, mit welcher Innigkeit er ihren Tod gewünscht hatte.

„Und ihr Befinden?“

Karney in der Morgenschürze kam zur Treppe herab.

„Es geht sehr schlecht,“ antwortete er, „gestern war Ärzterat; auch jetzt ist ein Arzt da.“

„Nimm das Gepäck,“ befahl Aleksey Aleksandrowitsch und trat in das Vorzimmer, mit einer gewissen Erleichterung infolge der Nachricht, daß doch noch immer eine Hoffnung auf ihren Tod vorhanden sei.

An den Kleiderhaken hing ein Uniformrock. Aleksey Aleksandrowitsch bemerkte dies und frug.

„Wer ist da?“

„Der Arzt, — die Hebamme und Graf Wronskiy.“

Aleksey Aleksandrowitsch betrat die inneren Gemächer. Im Salon befand sich niemand; aus ihrem Kabinett erschien auf den Schall seiner Schritte hin die Wehfrau in einem Häubchen mit lila Bändern.

Sie trat zu Aleksey Aleksandrowitsch und nahm ihn mit der Vertraulichkeit, welche bei der Nähe des Todes stets erscheint, am Arme, um ihn ins Schlafzimmer zu führen.

„Gott sei Dank, daß Ihr gekommen seid. Nur von Euch und immer wieder von Euch spricht sie,“ sagte sie.

„Schnell Eis!“ ertönte aus dem Schlafzimmer befehlerisch die Stimme des Arztes.

Aleksey Aleksandrowitsch trat in ihr Kabinett. An ihrem Tische saß, seitwärts gegen die Rücklehne, Wronskiy auf einem niedrigen Stuhl und weinte, das Gesicht mit den Händen bedeckend. Er war emporgesprungen bei dem Klang der Stimme des Arztes, nahm die Hände vom Gesicht und gewahrte Aleksey Aleksandrowitsch. Als er des Gatten ansichtig wurde, geriet er in so mächtige Verwirrung, daß er sich wieder niederließ, und den Kopf zwischen die Schultern zog, als wünsche er zu verschwinden; doch machte er eine Anstrengung über sich selbst, erhob sich wieder und sagte:

„Sie stirbt. Die Ärzte haben gesagt, es sei keine Hoffnung. Ich stehe ganz in Eurer Gewalt, aber gestattet mir, hier zu bleiben — ich bin wie gesagt, Euch ganz zu Willen, ich“ —

Als Aleksey Aleksandrowitsch die Thränen Wronskiys erblickte, fühlte er eine Anwandlung von jener inneren Fassungslosigkeit, welche der Anblick fremder Leiden stets in ihm hervorrief, und er schritt, sein Gesicht abwendend und ohne zu Ende zu hören, hastig nach der Thür. Aus dem Schlafgemach wurde die Stimme Annas vernehmbar, welche etwas sprach. Ihre Stimme klang heiter und lebhaft und zeigte außerordentlich ausgeprägte Artikulierung. Aleksey Aleksandrowitsch ging ins Schlafzimmer und näherte sich dem Bett. Sie lag mit dem Gesicht ihm zugewandt. Die Wangen brannten von Röte, die Augen glänzten und die kleinen weißen Hände ragten aus den Manschetten der Nachtjacke hervor und spielten mit dem Zipfel des Deckbettes. Es schien, als sei sie nicht nur gesund und munter, sondern auch bei bester Stimmung. Sie sprach schnell, klangvoll und mit auffallend strenger und empfundener Betonung.

„Weil Aleksey, — ich spreche von Aleksey Aleksandrowitsch — welch ein seltsames, furchtbares Geschick, daß sie beide Aleksey heißen, nicht wahr? — Aleksey mir es nicht verweigert hätte. Wenn ich vergäße, würde er vergeben. Aber weshalb kommt er nicht? Er ist gut, er weiß es selbst nicht, wie gut er ist. O, mein Gott, welch eine Sehnsucht ich habe! Gebt mir schnell Wasser! Ach; das wird ihr, meinem Töchterchen schädlich sein! Nun gut: gebt ihm nur eine Amme! Ich bin ja damit einverstanden; es ist sogar besser. Er wird kommen und Schmerz empfinden, wenn er sie sieht. Gebt sie mir!“ —

„Anna Arkadjewna, er ist da. Hier ist er!“ sprach die Wehfrau, ihre Aufmerksamkeit auf Aleksey Aleksandrowitsch zu lenken suchend.

„O, welche Thorheit!“ fuhr Anna fort, ohne ihren Mann wahrzunehmen. „Aber so gebt mir doch das Mädchen, gebt mir es doch! Er ist noch nicht gekommen. Ihr sagt nur, daß er mir nicht verzeiht, weil Ihr ihn nicht kennt. Niemand hat ihn gekannt; nur ich, und selbst mir ist dies schwer geworden. Sein Auge, müßt Ihr wissen, — Sergey hat es gerade so; aber ich kann es nicht sehen, deshalb. Habt Ihr Sergey zu essen gegeben? Ich weiß schon, sie werden ihn alle vergessen! Er freilich würde ihn nicht vergessen. Sergey muß in das Eckzimmer gebracht werden und bittet Mariette, bei ihm zu schlafen.“

Plötzlich krümmte sie sich zusammen, verstummte und hob die Hände vor das Gesicht, als erwarte sie voll Schrecken einen Schlag — sie hatte ihren Gatten erblickt.

„Nein, nein,“ begann sie wieder, „ich fürchte ihn nicht, ich fürchte den Tod. Aleksey, komme hierher! Ich habe dich so ersehnt, weil ich keine Zeit mehr habe; mir ist nicht viel Zeit zum Leben mehr übrig, bald wird das Fieber wieder beginnen und ich kann dann nichts mehr verstehen. Jetzt aber verstehe ich noch alles, alles, und sehe alles.“

Das finster gerunzelte Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs nahm einen Ausdruck von Leiden an; er ergriff ihre Hand und wollte etwas antworten, er brachte aber nichts hervor; seine Unterlippe zitterte, doch noch immer kämpfte er mit seiner Bewegung, nur bisweilen schaute er sie an. Aber jedesmal, wenn er sie anblickte, sah er ihre Augen, die auf ihn gerichtet waren mit so friedsamer, verzückter Milde, wie er sie noch nie in ihnen wahrgenommen hatte.

„Warte, du weißt nicht — wartet, wartet“ — sie hielt inne, als wenn sie ihre Gedanken sammeln wollte. „Ja,“ begann sie dann, „ja, ja, ja, das wollte ich sagen. Wundere dich nicht über mich! Ich bin noch immer dieselbe — aber in mir ist noch eine andere, die fürchte ich; sie hat sich in jenen Mann verliebt und ich wollte dich hassen, konnte aber die nicht vergessen, die ich gewesen bin. Ich bin jetzt nicht mehr diese; ich bin jetzt die eigentliche, ganz so wie ich bin. Ich sterbe jetzt, und weiß, daß ich sterben muß; frage nur den dort. Ich fühle das jetzt, dort sind sie, mit Centnern an den Händen, an den Füßen, den Fingern; Fingern — hu, wie groß! Aber es wird bald alles vorbei sein. Nur Eins brauche ich noch: verzeihe du mir, verzeihe nur ganz! Ich bin ein furchtbares Weib, aber mir hat meine Amme erzählt, es wäre einst eine heilige Märtyrerin gewesen — wie nannte man sie doch — die war noch schlechter! Ich werde auch nach Rom gehen, dort ist eine große Einöde, da werde ich niemand mehr stören, nur meinen Sergey will ich mit mir nehmen und mein Töchterchen. Doch nein, du kannst mir nicht vergeben, ich weiß, das läßt sich nicht vergeben. Nein, nein, geh von mir, du bist zu gut für mich!“ Sie hielt mit der einen ihrer glühenden Hände seine Rechte, mit der anderen stieß sie ihn von sich.

Die innere Ratlosigkeit Aleksey Aleksandrowitschs war mehr und mehr gewachsen und jetzt bis zu einem solchen Grade gestiegen, daß er schon aufhörte, sie noch zu bekämpfen, er fühlte plötzlich, daß das, was er für seelische Fassungslosigkeit hielt, im Gegenteil eine edle seelische Stimmung war, die ihm plötzlich ein neues, noch nie von ihm empfundenes Glück verlieh. Er dachte nicht daran, daß ihm jenes Gesetz des Christen, dem er sein ganzes Leben hindurch folgen wollte, vorschrieb, daß er vergeben und seine Feinde lieben solle, sondern ein erhebendes Gefühl von Liebe und Vergebung für seine Feinde erfüllte ihm die Seele. Er fiel auf die Kniee nieder, und seinen Kopf auf ihr Handgelenk legend, das ihn wie Feuer durch das Kamisol sengte, schluchzte er auf wie ein Kind. Sie umfing seinen kahlen Kopf, näherte sich ihm und richtete ihre Augen mit herausforderndem Stolz empor.

„So ist er, ich habe es gewußt! Jetzt vergebt mir alle, vergebt! Sie sind wiedergekommen, weshalb gehen sie nicht? Nehmt mir doch diese Pelze ab!“

Der Arzt nahm ihr die Hände weg, legte sie sorglich auf die Kissen, und deckte sie bis an die Schultern zu. Gehorsam legte sie sich und schaute mit glänzendem Blick vor sich hin.

„Merke dir das Eine; ich brauchte nur Verzeihung und weiter will ich nichts. Aber weshalb kommt Er denn nicht?“ fuhr sie fort, sich nach der Thür zu Wronskiy wendend, „komm doch her, komm! Gieb ihm die Hand.“

Wronskiy trat an den Rand des Bettes und bedeckte, nachdem er Anna wieder gesehen, das Gesicht von neuem mit den Händen.

„Befreie dein Gesicht und blicke ihn an. Er ist ein Heiliger,“ sagte sie. „Ja, befreie, befreie dein Gesicht!“ gebot sie heftig, „Aleksey Aleksandrowitsch, mach ihm das Gesicht frei. Ich will es sehen!“

Aleksey Aleksandrowitsch nahm die Hände Wronskiys und entfernte sie von dessen Gesicht, welches erschreckend erschien mit seinem Ausdruck von Schmerz und Scham, der auf ihm lag.

„Gieb ihm die Hand. Verzeihe ihm!“

Aleksey Aleksandrowitsch reichte ihm seine Hand, ohne die Thränen zurückhalten zu können, die ihm aus den Augen strömten.

„Gott sei gedankt, Gott sei gedankt!“ begann sie wieder, „jetzt ist alles bereit. Die Füße nur noch ein klein wenig mehr strecken. So, so ist es schön. Wie diese Blumen doch geschmacklos gemacht sind, so ganz unähnlich dem Veilchen,“ sagte sie, auf die Tapete weisend. „Mein Gott, mein Gott, wann wird es vorüber sein. Gebt mir Morphium. Doktor, Morphium! Mein Gott. Mein Gott!“ —


Der Arzt und seine Kollegen hatten gesagt, es sei ein Wochenbettfieber, in welchem unter hundert Fällen neunundneunzig mit dem Tode enden. Den ganzen Tag hindurch hatte Fieber, Delirium und Bewußtlosigkeit geherrscht und um Mitternacht lag die Kranke ohne Empfindung und fast ohne Puls. Man erwartete jede Minute das Ende.

Wronskiy war nach Haus gefahren, erschien aber am Morgen wieder, um sich zu erkundigen, und Aleksey Aleksandrowitsch, ihm im Vorzimmer entgegentretend, sagte: „Bleibt hier, es könnte sein, daß sie nach Euch früge,“ worauf er ihn selbst in das Kabinett seiner Frau geleitete. Am Morgen war wiederum jene Aufregung, Lebhaftigkeit und Hast in Denken und Sprechen eingetreten, und hatte abermals mit Bewußtlosigkeit geendet. Am dritten Tage war es ebenso und die Ärzte äußerten, daß nunmehr Hoffnung sei.

An diesem Tage trat Aleksey Aleksandrowitsch in das Kabinett, in welchem Wronskiy saß und ließ sich, die Thüre abschließend, diesem gegenüber nieder.

„Aleksey Aleksandrowitsch,“ begann Wronskiy in dem Gefühl, daß jetzt die Erklärung nahe, „ich kann weder etwas sprechen, noch etwas verstehen. Schont mich. So schwer Euch zu Mute sein mag; glaubt mir, mir ist es noch furchtbarer.“

Er wollte sich erheben, doch Aleksey Aleksandrowitsch ergriff seine Hand und sagte:

„Ich ersuche Euch, mich anzuhören; dies ist unbedingt notwendig. Ich muß Euch meine Empfindungen offenbaren, die nämlich, welche mich geleitet haben und leiten werden, damit Ihr Euch in mir nicht irrt. Ihr wißt, daß ich zur Ehescheidung entschlossen bin und sogar schon den Anfang mit derselben gemacht habe. Ich verhehle vor Euch nicht, daß ich im Beginn unentschlossen war und Qualen empfunden habe, ich gestehe Euch, daß mich der Wunsch, an Euch wie an Ihr Rache zu nehmen, verfolgt hat. Als ich jenes Telegramm erhielt, kam ich hierher mit ganz den nämlichen Empfindungen, — sage ich lieber — mit dem Wunsche, daß sie sterben möge. Aber“ — er verstummte, im Zweifel ob er jenem sein Gefühl enthüllen solle oder nicht — „aber ich habe sie wiedergesehen und ihr vergeben. Das Glück der Verzeihung aber hat mir auch meine Pflicht gewiesen. Ich habe vollständig vergeben. Ich will auch die andere Wange noch darbieten, das Hemd noch hingeben, da man mir den Rock genommen. Ich bitte Gott nur darum, daß er mir nicht die schöne Empfindung rauben möge, die das Vergeben gewährt.“

Die Thränen standen ihm in den Augen, deren heller ruhiger Blick Wronskiy in Verwirrung brachte.

„Das ist mein Standpunkt. Ihr könnt mich nun in den Kot treten, mich zum Gegenstand des Gelächters vor der Welt machen, ich werde sie nicht verlassen, und Euch nie ein Wort des Vorwurfes sagen,“ fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort. „Meine Pflicht ist mir klar vorgezeichnet; ich muß mit ihr weiter leben und werde es thun! Sollte sie wünschen, Euch zu sehen, so werde ich es Euch zu wissen thun, jetzt aber, glaube ich, ist es besser, Ihr entfernt Euch.“ —

Er erhob sich und Schluchzen unterbrach seine Worte. Auch Wronskiy war aufgestanden und blickte ihn, gebrochen und zusammengesunken von unten herauf an. Er verstand die Gefühle Aleksey Aleksandrowitschs nicht, fühlte aber, daß sie etwas Erhabenes hatten, ja etwas für seine Lebensanschauung Unerreichbares.

18

Nach seinem Gespräch mit Aleksey Aleksandrowitsch ging Wronskiy zur Freitreppe des Hauses Karenin hinaus und blieb dann stehen, sich nur mühsam besinnend, wo er war, und wohin er gehen oder fahren solle. Er fühlte sich beschämt, erniedrigt, schuldbeladen und der Möglichkeit beraubt, sich von dieser Schmach reinwaschen zu können. Er fühlte sich herausgeschleudert aus der Bahn, welche er bisher so stolz und so frei verfolgt hatte. Alle seine ihm so fest erschienenen Gepflogenheiten und Lebensgesetze hatten sich plötzlich als trügerisch und unbrauchbar erwiesen. Der hintergangene Ehemann, der bisher nur das bemitleidenswerte Geschöpf repräsentiert hatte, der zufällig vorhandene, etwas komische Stein des Anstoßes für sein Glück, war plötzlich, durch sie selbst herbeigerufen, auf eine Höhe erhoben worden, wie sie nur eine Leidenschaft einzugeben vermochte, die ebenso tief war, wie die für ihn — und dieser Mann zeigte sich auf seiner Höhe nicht bös, nicht tückisch, nicht lächerlich geworden, sondern gut, offen und erhaben. Dies vermochte Wronskiy allerdings nicht nachzuempfinden. Die Rollen aber waren plötzlich vertauscht. Wronskiy fühlte Jenes Höhe und die eigene Erniedrigung, Jenes Gerechtigkeit und seine Falschheit. Er fühlte, daß jener Mann großmütig war selbst in seinem Schmerz, er aber niedrig und kleinlich in seinem Betrug. Diese Erkenntnis seiner Niedrigkeit jedoch vor dem Manne, den er mit Unrecht verachtete, bildete nur einen kleinen Teil seines Kummers. Er fühlte sich jetzt vielmehr unsagbar unglücklich darüber, daß seine Leidenschaft zu Anna, die wie ihm geschienen hatte, in der letzten Zeit kühler geworden war, jetzt da er wußte daß er sie auf ewig verloren hatte, mächtiger wurde, als sie je gewesen. Er hatte Anna ganz erkannt in der Zeit ihrer Krankheit, ihre Seele kennen gelernt, und es schien ihm nun, als ob er sie überhaupt bis dahin noch gar nicht geliebt habe. Jetzt, da er sie erkannt hatte, begann er erst sie zu lieben, wie man sie lieben muß; er war vor ihr erniedrigt worden und hatte sie für immer verloren, in ihr nichts zurücklassend, als eine schmähliche Erinnerung an ihn. Am entsetzlichsten aber von allem war ihm jene lächerliche, entwürdigende Situation gewesen, als Aleksey Aleksandrowitsch ihm die Hände von dem schambedeckten Gesicht gezogen hatte. Nun stand er auf der Freitreppe des Hauses der Karenin wie ein Verlorener, und wußte nicht, was er beginnen sollte.

„Wünscht Ihr einen Mietkutscher?“ frug ihn der Portier.

„Ja, einen Kutscher!“

Als er nach Haus gekommen war, nach drei schlaflosen Nächten, warf sich Wronskiy, ohne sich auszukleiden, das Gesicht nach unten, auf das Sofa, und legte die Arme übereinander und seinen Kopf darauf. Sein Kopf war schwer: Bilder und Erinnerungen, die seltsamsten Gedanken wechselten in ihm mit außerordentlicher Schnelle und Schärfe ab, bald war es die Arznei, die er der Kranken eingoß, oder auf den Löffel schüttete, bald waren es die weißen Hände der Wehfrau, oder die seltsame Stellung Aleksey Aleksandrowitschs auf dem Boden vor dem Bett.

„Schlafen und Vergessen!“ sprach er zu sich mit der ruhigen Zuversicht eines gesunden Menschen, daß er, wenn er ermüdet wäre, und schlafen wolle, auch sofort den Schlaf finden werde. Und in der That, im nämlichen Augenblick verwirrten sich auch schon seine Gedanken und er versank in den Abgrund des Vergessens. Die Wogen des Meeres dieses Traumlebens waren schon über seinem Haupte zusammengeschlagen, als plötzlich, gleichsam eine mächtige Ladung von Elektricität gegen ihn frei wurde. Er erschrak derartig zusammen, daß er mit dem ganzen Körper auf den Sprungfedern des Diwans emporschnellte und, sich auf die Hände stützend, voll Schrecken auf die Kniee sprang. Seine Augen waren weit geöffnet, als ob er nie geschlafen hätte. Die Schwere seines Kopfes wie die Mattigkeit seiner Glieder, die er noch eine Minute vorher empfunden hatte, war plötzlich verschwunden.

„Ihr könnt mich in den Kot treten,“ hörte er die Worte Alekseys Aleksandrowitschs und er sah diesen vor sich stehen, sah das Antlitz Annas in Fieberröte und mit den funkelnden Augen, voll Zärtlichkeit und Liebe nicht auf ihn schauend, sondern auf Aleksey Aleksandrowitsch. Er sah auch seine eigene wie ihm schien einfältige und lächerliche Erscheinung, als Aleksey Aleksandrowitsch ihm die Hände vom Gesicht wegnahm. Von neuem streckte er die Füße aus; er warf sich auf den Diwan in der früheren Lage und schloß die Augen.

„Schlafen, schlafen,“ wiederholte er für sich selbst. Aber mit geschlossenen Augen sah er das Gesicht Annas nur noch deutlicher, so, wie es ihm an jenem denkwürdigen Tage vor dem Rennen erschienen war.

„Es ist nicht und soll nicht sein, und sie wünscht es aus ihrer Erinnerung zu tilgen. Ich aber vermag nicht zu leben ohne sie. Wie könnten wir uns aussöhnen — wie könnten wir uns aussöhnen?“ sprach er laut zu sich selbst und wiederholte diese Worte unbewußt. Ihre Wiederholung hielt das Auftauchen neuer Bilder und Erinnerungen fern, welche, er fühlte es, sich in seinem Kopfe drängten; sie hielt indessen seine Phantasie nicht lange in Schranken. Wiederum begannen, einer nach dem anderen in außerordentlicher Schnelligkeit seine seligsten Augenblicke an ihm vorüberzugleiten, und mit ihnen zusammen die soeben stattgehabte Erniedrigung. „Nimm ihm die Hände weg,“ sagte die Stimme Annas. Er nahm sie ihm herunter und er selbst empfand noch den Ausdruck von Schmach und Blödheit auf seinem Gesicht.

Er lag noch immer, zu schlafen versuchend, obwohl er fühlte, daß nicht die geringste Hoffnung dafür vorhanden war, und wiederholte sich flüsternd zufällige Worte irgend eines Gedankens, um dadurch das Auftauchen neuer Bilder abzuwehren. Er lauschte aufmerksam hin, da vernahm er in seltsamem, wahnsinnigem Geflüster die Wiederholung der Worte: „Ich verstand sie nicht zu würdigen, ich verstand sie nicht zu benutzen, ich verstand sie nicht zu würdigen, ich verstand sie nicht zu benutzen.“ —

„Was ist das? Bin ich von Sinnen?“ frug er sich selbst; „vielleicht gar. Wovon kommt man denn um den Verstand, weshalb erschießt man sich?“ so antwortete er sich und erblickte, die Augen öffnend, voll Verwunderung neben seinem Kopfe ein Kissen, welches von Warja, der Frau seines Bruders gestickt worden war. Er berührte die Quaste desselben und versuchte an Warja zu denken, wie er sie das letzte Mal gesehen hatte, aber an etwas Abliegendes zu denken, wurde ihm peinlich.

„Nein, ich muß schlafen!“ Er zog das Kissen heran und drückte seinen Kopf in dasselbe, aber er mußte schon eine Anstrengung machen, um die Augen geschlossen zu halten. Er sprang auf und setzte sich aufrecht. „Die Sache ist vorüber für mich,“ sprach er zu sich, „jetzt heißt es nachdenken was zu thun ist. Was bleibt mir?“ Sein Gedächtnis durchflog schnell sein Leben, wie es sich ohne die Liebe zu Anna zeigte.

„Ehrgeiz? Wie Serpuchowskoy? Die hohe Welt? Der Hof?“ Bei keinem der Gedanken vermochte er zu verweilen. Alles das hatte früher Bedeutung für ihn gehabt, jetzt aber war nichts mehr davon da. Er erhob sich von dem Sofa, legte seinen Überrock ab, schnallte den Säbelgurt auf, entblößte die rauche Brust, um freier atmen zu können und schritt durchs Zimmer hin. „So verliert man den Verstand,“ wiederholte er, „und so erschießt man sich — damit man sich nicht zu schämen braucht,“ — fügte er langsam hinzu.

Er ging zur Thür und verschloß dieselbe; dann begab er sich mit starrem Blick und fest zusammengebissenen Zähnen zum Tisch, ergriff einen Revolver, musterte ihn, drehte ihn auf den geladenen Lauf, und versank in Nachdenken. Zwei Minuten später senkte er das Haupt mit dem Ausdruck einer geistigen Kraftanstrengung; er stand, den Revolver in der Hand unbeweglich und sann. „Natürlich,“ sprach er zu sich selbst, als hätte ihn ein logischer, fortlaufender, klarer Gedankengang zu einem nicht mehr anzuzweifelnden Schluß geführt. Und in der That war dieses überzeugungsvolle „natürlich“ für ihn nur eine letzte Wiederholung genau des nämlichen Kreises von Erinnerungen und Vorstellungen, den er schon zum zehntenmale wohl in dieser einen Zeitstunde durchlaufen hatte.

Die nämlichen Erinnerungen an ein auf immer verlorenes Glück war es, die nämliche Vorstellung der Zwecklosigkeit dessen, was ihm noch alles im Leben bevorstand, immer die nämliche Erkenntnis seiner Entwürdigung. Immer gleich lautete daher auch die logische Folgerung aus diesen Vorstellungen und Empfindungen.

„Natürlich,“ fuhr er fort, als ihn sein Geist zum drittenmale durch den nämlichen Trugkreis von Erinnerungen und Gedanken hindurchgeführt hatte. Er legte den Revolver auf der linken Seite der Brust an und eine heftige Bewegung mit der ganzen Hand machend, als wollte er sie plötzlich zur Faust zusammenballen, drückte er am Hahn.

Er vernahm nicht den Knall des Schusses; nur ein mächtiger Schlag vor die Brust warf ihn um. Er wollte sich an dem Tischrand halten, ließ den Revolver fallen, begann zu schwanken und fand sich auf dem Boden sitzend, erstaunt um sich schauend. Er erkannte sein Zimmer nicht, schaute von unten her auf die gekrümmten Füße des Tisches, auf den Papierkorb und das Tigerfell. Die eiligen knarrenden Tritte des Dieners, der nach dem Salon eilte, brachten ihn zur Besinnung. Er machte eine Anstrengung zu denken und erkannte, daß er sich auf dem Fußboden befinde, erkannte, indem er das Blut auf dem Tigerfell und auf seiner Hand gewahrte, daß er sich geschossen habe.

„Dumm; nicht tot,“ sprach er, mit der Hand nach dem Revolver tastend. Der Revolver lag neben ihm — er suchte weiter weg. Während dieses Suchens wandte er sich auf die andere Seite, brach aber, nicht mehr bei Kräften das Gleichgewicht halten zu können, im Blute schwimmend zusammen.

Der elegante Lakai im Backenbart, der sich so oft schon seinen Bekannten gegenüber über die Schwäche seiner Nerven beklagt hatte, war so erschrocken, als er seinen Herrn am Boden liegend erblickte, daß er denselben verblutend liegen ließ und nach Beistand forteilte. Nach Verlauf einer Stunde kam Warja, die Frau des Bruders und mit Hilfe von drei Ärzten, nach welchen sie nach allen Seiten gesandt hatte, und die gleichzeitig angekommen waren, brachte diese den Verwundeten ins Bett und blieb zur Pflege bei ihm.

19

Der Irrtum, welcher von Aleksey Aleksandrowitsch dadurch begangen worden war, daß er, indem er sich auf das Wiedersehen mit seinem Weibe vorbereitete, nicht an die Möglichkeit gedacht hatte, ihre Reue könne eine aufrichtige sein, und er könne ihr dann vergeben, sie aber stürbe nicht — dieser Irrtum zeigte sich ihm nach Verlauf zweier Monate nach seiner Rückkehr von Moskau in seiner ganzen Stärke. Der Irrtum aber, der von ihm begangen worden, rührte nicht nur davon her, daß er jene Möglichkeit nicht mit erwogen hätte, sondern auch davon, daß er bis zu jenem Tage des Wiedersehens mit der sterbenden Gattin sein Herz noch gar nicht gekannt hatte. Am Bett des kranken Weibes erst überließ er sich zum erstenmal in seinem Leben jener Empfindung tiefen Mitleides, das in ihm die Leiden anderer hervorriefen, und dessen er sich vordem geschämt hatte als sei es eine verderbliche Schwäche, und das Mitleid mit ihr, die Reue darüber, daß er ihren Tod gewünscht hatte, und namentlich, die Freude über die gewährte Verzeihung, vollbrachten, was er plötzlich nicht nur als eine Linderung seiner Leiden empfand, sondern auch als eine seelische Beruhigung, die er vordem noch nie an sich kennen gelernt hatte. Plötzlich war er dessen inne geworden, daß eben das, was den Quell seines Schmerzes bildete auch der Quell seiner Seelenfreude wurde; das, was ihm unlösbar erschienen war, so lange er gerichtet, getadelt und gehaßt hatte, das war jetzt offen und klar geworden, nachdem er verziehen hatte und liebte.

Er hatte seinem Weibe verziehen und beklagte es wegen seiner Leiden und seiner Reue. Er hatte Wronskiy verziehen und beklagte denselben, besonders, nachdem die Nachricht von dessen verzweifelter Handlung zu ihm gedrungen war. Er hatte Mitleid auch mit seinem Söhnchen, mehr als früher, und machte sich jetzt Vorwürfe darüber, daß er sich allzuwenig mit ihm beschäftigt hatte. Für das neugeborene kleine Mädchen aber empfand er ein gewisses besonderes Gefühl, nicht nur des Mitleids, sondern selbst der Zärtlichkeit. Anfangs befaßte er sich lediglich aus Mitleid mit dem neugeborenen schwächlichen Kind, das gar nicht seine Tochter war und während der Zeit der Krankheit der Mutter ganz verlassen lag und wahrscheinlich gestorben wäre, hätte er nicht dafür Sorge getragen; — er hatte selbst nicht gewahrt, daß er das Kind liebgewonnen. Mehrmals des Tages begab er sich nach dem Kinderzimmer und saß lange dort, sodaß die Kindfrau und die Amme, anfangs verschüchtert vor ihm, sich an ihn gewöhnten. Bisweilen blickte er halbe Stunden lang auf das saffranrote, dicke, runzelige Gesichtchen des Säuglings, und beobachtete die Bewegungen der faltigen Stirn und der dicken Händchen mit den gespreizten kleinen Fingern, welche mit der Rückseite der Handflächen sich die Äuglein und das Oberteil der Nase rieben. In solchen Momenten besonders fühlte sich Aleksey Aleksandrowitsch sehr ruhig und mit sich selbst zufrieden, und sah in seiner Lage nichts Außergewöhnliches, nichts, was hätte geändert werden müssen.

Je mehr Zeit indessen verstrich, um so klarer erkannte er, daß man ihm, so natürlich ihm auch seine jetzige Lage erscheinen mochte, nicht gestatten würde, in derselben zu verbleiben. Er fühlte wohl, daß außer jener edlen seelischen Macht, die seinen Geist leitete, noch eine andere bestand, eine rohe, die ebensoviel oder noch mehr galt, die sein Leben leitete, und daß diese Macht ihm nicht jene friedsame Ruhe gönnen würde, die er wünschte. Er empfand, daß alle ihn mit fragendem Erstaunen betrachteten, daß man ihn nicht begriff, und von ihm etwas erwartete. Insbesondere fühlte er die Unzulänglichkeit und Unnatürlichkeit seiner Beziehungen zu seinem Weibe.

Nachdem jene weiche Stimmung verflogen war, die die Nähe des Todes in ihr erzeugt hatte, begann Aleksey Aleksandrowitsch zu bemerken, daß Anna ihn fürchte, sich von ihm belästigt fühlte und ihm nicht offen ins Auge zu blicken vermochte. Sie schien etwas auf dem Herzen zu haben, und doch nicht den Entschluß finden zu können, es ihm auszusprechen, und schien auch ihrerseits wie in einem Vorgefühl, daß die beiderseitigen Beziehungen auf die Dauer nicht haltbar seien, etwas von ihm zu erwarten.

Gegen Ende des Februar ereignete es sich, daß die neugeborene Tochter Annas, ebenfalls Anna genannt, erkrankte. Aleksey Aleksandrowitsch war früh morgens im Kinderzimmer und begab sich, nachdem er befohlen hatte, einen Arzt zu rufen, ins Ministerium. Nach Erledigung seiner Geschäfte kehrte er um vier Uhr nach Hause zurück. Als er ins Kinderzimmer ging, gewahrte er einen schmucken Lakaien in Galons mit Bärenfellpelerine und weißer Rotonde von amerikanischem Hund.

„Wer ist hier?“ frug er.

„Die Fürstin Jelisabeta Fjodorowna Twerskaja,“ versetzte der Lakai, wie es Aleksey Aleksandrowitsch schien, lächelnd.

In dieser schweren Zeit bemerkte Aleksey Aleksandrowitsch, daß seine Bekannten aus der großen Welt, besonders die Damen, viel Teilnahme für ihn und seine Frau an den Tag legten. Er nahm bei all diesen Bekannten eine mit Mühe unterdrückte Freude über etwas Unbekanntes wahr, dieselbe Freude, die er in den Augen des Rechtsanwalts erblickt hatte, und jetzt in den Augen des Lakaien sah. Alle schienen gewissermaßen in Entzücken zu sein, als wollten sie jemand verheiraten. Wenn man ihm begegnete, frug man mit schlecht verhehlter Schadenfreude nach seinem Befinden.

Die Anwesenheit der Fürstin Twerskaja war Aleksey Aleksandrowitsch sowohl wegen der Reminiscenzen, die mit diesem Namen verknüpft waren, als auch deshalb, weil er sie überhaupt nicht liebte, unangenehm und er ging geradenwegs nach dem Kinderzimmer. In dem ersten Gemach befand sich der kleine Sergey, mit der Brust über den Tisch liegend und die Füße auf dem Stuhl, mit Zeichnen beschäftigt und in heiterem Geplauder. Die Engländerin, welche während der Zeit der Krankheit Annas die Französin abgelöst hatte, und mit einer Stickerei von Mignardisen beschäftigt neben dem Knaben saß, erhob sich hastig und setzte Sergey zurecht. Aleksey Aleksandrowitsch strich glättend mit der Hand über das Haar des Knaben, antwortete auf die Frage der Gouvernante nach dem Befinden seiner Gemahlin und frug, was der Arzt bezüglich des Baby gesagt hätte.

„Der Arzt sagte, es sei keine Gefahr und hat Wannenbäder verschrieben, Herr.“

„Aber das Kind leidet doch noch,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch, aufmerksam auf das Geschrei des Kindes im Nebenzimmer horchend.

„Ich glaube, die Amme ist nichts wert, Herr,“ antwortete die Engländerin fest.

„Weshalb vermutet Ihr das?“ frug er, stehen bleibend.

„Es war ebenso bei der Gräfin Polj, Herr. Man kurierte an einem Kinde herum und es zeigte sich, daß dasselbe einfach hungrig war; die Amme hatte keine Milch, Herr.“

Aleksey Aleksandrowitsch dachte nach und begab sich, nachdem er noch einige Sekunden verharrt hatte, nach der zweiten Thür. Das kleine Kind lag mit zurückgeworfenem Köpfchen, sich auf den Armen der Amme krümmend, und wollte weder die ihm dargebotene schwellende Brust nehmen, noch sich beruhigen lassen, obwohl die Amme und Kinderfrau über den Säugling gebeugt, ihre Besänftigungsversuche vereinten.

„Noch immer nicht besser?“ frug Aleksey Aleksandrowitsch.

„Sehr unruhig,“ antwortete flüsternd die Kinderfrau.

„Miß Edward meint, daß möglicherweise die Amme keine Milch hat,“ fuhr er fort.

„Das glaube ich auch, Aleksey Aleksandrowitsch.“

„Aber weshalb sagt Ihr das nicht?“

„Wem sollte man es sagen? Anna Arkadjewna sind noch immer krank,“ versetzte die Kinderfrau mürrisch.

Die Kinderfrau war eine alte Dienerin im Hause, und in diesen einfachen Worten schien Aleksey Aleksandrowitsch ein Hinweis auf seine Situation zu liegen.

Das Kind schrie noch stärker, es zappelte und war schon heißer. Die Kinderfrau winkte mit der Hand, ging zu dem Kinde, nahm es von den Armen der Amme und begann es im Gehen zu wiegen.

„Es wird nötig sein, daß der Arzt die Amme untersucht,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch.

Die dem Augenschein nach gesunde, schmucke Amme brummte in der Besorgnis gekündigt zu bekommen, etwas in den Bart, und barg, verächtlich über den Zweifel an ihrem Milchreichtum lächelnd, den mächtigen Busen. In diesem Lächeln fand Aleksey Aleksandrowitsch wiederum nur einen Hohn über seine Lage.

„Armes Kind,“ sagte die Kinderfrau, dem Säugling zuzischelnd, und setzte ihren Weg auf und nieder fort.

Aleksey Aleksandrowitsch ließ sich auf einem Stuhl nieder und schaute mit leidendem kummervollem Ausdruck auf die hin und her gehende Kinderfrau.

Als man das endlich ruhig gewordene Kind in ein tiefes Bettchen gelegt hatte und die Kinderfrau das Kissen geordnet und es verlassen hatte, erhob sich Aleksey Aleksandrowitsch und schritt, mühsam auf den Fußspitzen gehend, zu dem Kinde. Eine Minute hindurch schwieg er und blickte mit dem nämlichen kummervollen Antlitz auf das Kind; plötzlich aber erschien ein Lächeln, welches ihm Haar und Stirnhaut bewegte, auf seinen Zügen und ebenso leise verließ er das Zimmer.

Im Speisezimmer schellte er und befahl dem eintretenden Diener, nochmals nach dem Arzte zu schicken. Es verursachte ihm Verdruß, daß sich sein Weib nicht um dieses reizende kleine Wesen kümmerte, und in diesem Verdruß über sie verspürte er keine Neigung, sich zu ihr zu begeben, wollte er auch nicht die Fürstin Betsy sehen, aber sein Weib hätte befremdet sein können, wenn er, gegen seine Gewohnheit, nicht zu ihr kam, und so begab er sich denn, allerdings nur mit Selbstüberwindung, nach ihrem Schlafgemach. Als er über den weichen Teppich zu der Thür ging, hörte er unwillkürlich ein Gespräch, welches er nicht hören wollte.

— „Wenn er nicht abreiste, so würde ich Eure Weigerung verstehen, ebenso wie die seinige. Aber Euer Mann dürfte doch hierüber erhaben sein,“ sagte Betsy.

„Nicht meines Mannes halber, sondern meinetwegen will ich es nicht. Sprecht nicht so“ — antwortete erregt die Stimme Annas.

„Ja, aber Ihr müßt doch unbedingt wünschen, von einem Manne Abschied zu nehmen, der sich Euretwegen erschießen wollte“ —

„Eben deswegen will ich es ja nicht.“

Aleksey Aleksandrowitsch blieb mit erschrecktem und schuldbewußtem Ausdruck stehen und wollte leise wieder umkehren, allein er kam zu der Ansicht, daß dies seiner unwürdig sei und kehrte wieder um, hustete, und schritt nach dem Schlafzimmer. Die Stimmen verstummten und er trat ein.

Anna saß in einem grauen Hauskleid, mit kurz frisiertem, dicht emporstehenden schwarzen Haar auf dem runden Kopfe, auf einer Couchette. Wie stets, verschwand bei dem Anblick ihres Gatten plötzlich alles Leben von ihren Zügen; sie senkte das Haupt, und blickte unruhig nach Betsy. Diese, nach der nagelneuesten Mode gekleidet, in einem Hute der auf ihrem Haupte schwebte, wie der Schirm über einer Lampe, und in einer taubenblauen Robe mit scharfhervortretenden, schrägen Streifen, die auf der Taille nach der einen Seite hin, auf dem Rock nach der entgegengesetzten liefen, saß neben Anna, ihre plattaufragende Büste steif haltend, und begrüßte, den Kopf senkend, Aleksey Aleksandrowitsch mit satirischem Lächeln.

„Ah,“ machte sie, wie verwundert, „das freut mich ja außerordentlich, daß Ihr zu Haus seid. Ihr zeigt Euch ja gar nicht und ich habe Euch nicht gesehen seit der Krankheit Annas! Freilich habe ich gehört — Eure großen Sorgen! — Ja, Ihr seid ein bewundernswürdiger Mann!“ sagte sie mit bedeutungsvoller und höflicher Miene, gleich als wollte sie ihn mit einem Orden der Großmut für seine Handlungsweise an der Gattin belohnen.

Aleksey Aleksandrowitsch verbeugte sich kalt, küßte seiner Frau die Hand und erkundigte sich nach ihrem Befinden.

„Es scheint, als ob mir besser wäre,“ sagte diese, seinem Blicke ausweichend.

„Aber Ihr habt noch etwas wie Fieberröte im Gesicht,“ fuhr er fort, das Wort „Fieber“ besonders hervorhebend.

„Ich habe gewiß zu viel mit ihr gesprochen,“ bemerkte Betsy; „und fühle, daß dies ein Egoismus meinerseits gewesen ist. Ich werde sogleich aufbrechen.“

Sie erhob sich, doch Anna, plötzlich errötend, ergriff schnell ihre Hand.

„Nein, bleibt noch, bitte. Ich muß Euch sagen — nein, Euch,“ wandte sie sich an Aleksey Aleksandrowitsch und die Röte überzog ihr Hals und Stirn — „ich will und kann vor Euch kein Geheimnis haben,“ fügte sie hinzu.

Aleksey Aleksandrowitsch knackte mit den Fingern und ließ den Kopf sinken.

„Betsy hat mir mitgeteilt, daß Graf Wronskiy zu uns zu kommen wünscht, um sich von uns vor seiner Abreise nach Taschkent zu verabschieden.“ Sie blickte ihren Gatten nicht an und hastete augenscheinlich, alles herauszusagen, so schwer es ihr auch werden mochte, „ich habe geantwortet, daß ich ihn nicht empfangen könne.“

„Ihr habt gesagt, liebste Freundin, daß dies von Aleksey Aleksandrowitsch abhängen würde,“ verbesserte Betsy.

„O nein; ich vermag ihn nicht zu empfangen und dies führte auch zu nichts“ — sie hielt plötzlich inne und schaute fragend auf ihren Gatten, der sie nicht anblickte. „Mit einem Worte, ich will nicht“ — —

Aleksey Aleksandrowitsch rückte näher und wollte ihre Hand ergreifen. Bei der ersten Bewegung zog sie jedoch ihre Hand von der seinen zurück, die, feucht und mit den großen, hervortretenden Adern, sie suchte, drückte sie ihm aber dann, augenscheinlich voll Selbstüberwindung.

„Ich danke Euch sehr für Euer Vertrauen, doch“ — antwortete er, mit Verwirrung und Verdruß empfindend, daß er das, was er so leicht und klar vor sich selbst entscheiden konnte, in Gegenwart der Fürstin Twerskaja nicht zu bestimmen vermochte, da diese für ihn eine Personifizierung jener rohen Macht war, die in den Augen der Welt sein Leben beherrschte und ihn verhinderte, sich seiner Empfindung der Liebe und Vergebung ganz zu weihen. Er stockte und schaute die Fürstin Twerskaja an.

„Nun, lebt wohl dann, Liebste,“ sagte Betsy, sich erhebend. Sie küßte Anna und ging, Aleksey Aleksandrowitsch begleitete sie.

„Aleksey Aleksandrowitsch! Ich kenne Euch als einen wahrhaft edelsinnigen Mann,“ sagte Betsy, in dem kleinen Salon stehen bleibend und ihm nochmals auffallend stark die Hand drückend. „Ich bin nur eine fremde Person hier, aber ich liebe Anna und achte Euch so sehr, daß ich mir einen Rat erlauben möchte. Empfangt ihn doch. Aleksey Wronskiy ist die personifizierte Ehrenhaftigkeit; er wird nach Taschkent gehen.“

„Ich danke Euch, Fürstin, für Eure Teilnahme und Ratschläge. Aber die Frage, ob meine Frau jemand empfangen kann oder nicht, muß diese selbst entscheiden.“

Er sprach dies, nach seiner Gewohnheit die Brauen mit Würde emporziehend, dachte aber sofort daran, daß es, wie auch seine Worte lauten mochten, eine Würde in seiner Lage nicht mehr geben könne. Und dies erkannte er auch an dem verhaltenen, bösen und sarkastischen Lächeln, mit welchem Betsy ihn nach diesen Worten anblickte.

20

Aleksey Aleksandrowitsch entließ Betsy mit einer Verbeugung im Salon und ging wieder zu seinem Weibe. Anna hatte gelegen, als sie jedoch seine Schritte vernahm, die sitzende Stellung wie vorher eingenommen und blickte ihn nun erschreckt an. Er sah, daß sie geweint hatte.

„Ich danke dir sehr für dein Vertrauen zu mir,“ wiederholte er in russischer Sprache sanft die auf französisch in Gegenwart Betsys geäußerten Worte, und ließ sich neben ihr nieder. Als er russisch sprach und sie dabei mit „du“ anredete, versetzte Anna dieses „du“, in unbezwingbare Erregung. „Ich bin dir sehr dankbar für deinen Entschluß; auch ich glaube, daß, da er abreist, nicht mehr das geringste Bedürfnis für den Grafen Wronskiy vorhanden ist, hierher zu kommen. Übrigens“ —

„Das habe ich ja schon gesagt — wozu es noch einmal wiederholen?“ unterbrach ihn Anna plötzlich, mit einer Gereiztheit, die sie nicht imstande war, zu unterdrücken. „Nicht das geringste Bedürfnis,“ dachte sie, „soll für einen Menschen vorhanden sein, zu kommen, um Abschied zu nehmen von dem Weibe, welches er liebt, für welches er untergehen wollte und sich vernichtet hat, und das nicht ohne ihn zu leben vermag. Nicht die geringste Notwendigkeit!“ Sie preßte die Lippen aufeinander und senkte die blitzenden Augen nieder auf seine Hände mit den aufgetretenen Adern, die sich langsam aufeinander rieben. „Wir wollen nie mehr davon reden,“ fügte sie, ruhiger geworden, hinzu.

„Ich habe es dir freigestellt, die Frage zu entscheiden, und freue mich sehr, zu sehen“ — begann Aleksey Aleksandrowitsch.

— „Daß mein Wunsch mit dem Euren übereinstimmt,“ vollendete Anna schnell, erbittert, daß er so langsam sprach, während sie doch schon im voraus alles wußte, was er sagen würde.

„Ja,“ bestätigte er, „und die Fürstin Twerskaja mischt sich völlig unberufen in die schwierigsten Familienangelegenheiten. Im Besonderen“ —

„Ich glaube an nichts von alledem, was man über sie spricht,“ sagte Anna schnell, „ich weiß nur, daß sie mich aufrichtig liebt.“

Aleksey Aleksandrowitsch seufzte und schwieg. Sie spielte mit den Quasten ihres Hauskleides, den Blick auf ihn gerichtet voll des quälenden Gefühls jenes physischen Ekels vor ihm, wegen dessen sie sich selbst Vorwürfe machte, und den sie doch nicht zu überwinden vermochte. Jetzt wünschte sie nur noch Eins — erlöst zu sein von seiner erkältenden Gegenwart.

„Ich habe soeben nach dem Arzte geschickt,“ hub Aleksey Aleksandrowitsch wieder an.

„Ich bin gesund; wozu einen Arzt für mich?“

„Nicht so; die Kleine schreit; die Amme soll zu wenig Milch haben.“

„Weshalb hast du denn mir nicht erlaubt, das Kind zu nähren, obwohl ich dich darum anflehte? Es bleibt sich gleich,“ — Aleksey Aleksandrowitsch verstand, was das „Gleich“ bedeutete — „es ist ein kleines Kind und man läßt es verhungern.“ Sie schellte und befahl, das Kind zu bringen, „ich habe darum gebeten, es nähren zu dürfen; man hat es mir nicht gestattet, und macht mir jetzt doch Vorwürfe.“

„Ich mache keinen Vorwurf“ —

„Nein, Ihr nicht! Mein Gott! Warum bin ich nicht gestorben?“ Sie brach in Schluchzen aus. „Vergieb mir, ich war gereizt, ich bin ungerecht“ — sagte sie, zur Besinnung kommend; „aber geh“ —

„Nein! Das kann nicht so bleiben,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch entschlossen zu sich selbst, als er seine Frau verließ. Noch nie war ihm die Unmöglichkeit seiner Lage in den Augen der Welt und die Abneigung seines Weibes vor ihm, sowie überhaupt die Macht jener rohen, geheimnisvollen Kraft, welche im Widerspruch mit seiner seelischen Stimmung, sein Leben leitete und die Ausführung ihres Willens, die Veränderung seiner Beziehungen zu seinem Weibe forderte — mit solcher Deutlichkeit vor Augen getreten, als heute. Er erkannte klar, daß die gesamte Gesellschaft und sein Weib nicht minder, von ihm etwas heischten, was aber — er konnte es nicht erfassen. — Er fühlte nur, daß sich hierüber in seiner Seele ein Gefühl des Zornes regte, welches seine Ruhe vernichtete und das ganze Verdienst seiner heroischen Handlungsweise. Er hatte gemeint, daß es für Anna am besten war, wenn sie die Beziehungen zu Wronskiy abbrach, aber, wenn jedermann fand, daß dies unmöglich sein würde, so war er bereit, dieses Verhältnis sogar aufs neue zu gestatten, sobald es nur nicht durch sichtbare Folgen geschändet würde; er wollte die beiden nicht voneinander trennen und doch auch seine eigene Situation nicht ändern. So übel diese auch erscheinen mochte, sie war doch noch besser, als ein Bruch, bei welchem er in eine unentwirrbare, schmähliche Stellung geriet und sich selbst alles dessen beraubte, was er liebte. Er fühlte sich ohnmächtig; er wußte im voraus, daß alle gegen ihn sein würden und man ihm nicht gestatten würde, zu thun, was ihm jetzt so naturgemäß und gut erschien, sondern ihn zwinge, auszuführen, was schlecht war, ihnen aber als pflichtgemäß erschien.

21

Betsy hatte den Saal noch nicht verlassen, als ihr Stefan Arkadjewitsch, soeben von Jelisejeff kommend, wo es frische Austern gegeben hatte, in der Thür begegnete.

„Ah, Fürstin! Welch angenehmes Zusammentreffen!“ rief er aus. „Ich war bei Euch!“

„Leider nur für eine Minute, da ich soeben wegfahre,“ erwiderte Betsy lächelnd, ihren Handschuh anziehend.

„Verzieht, Fürstin, mit dem Anziehen des Handschuhs — laßt mich Eure schöne Hand küssen. Für nichts bin ich der Rückkehr zu den alten Sitten so dankbar, als für den Handkuß.“ Er küßte Betsys Hand, „wann werden wir uns wiedersehen?“

„Leichtfuß!“ antwortete Betsy lächelnd.

„O; ich bin sehr viel wert, denn ich bin ein Mensch von Bedeutung geworden, da ich nicht nur meine eigenen, sondern auch fremde Familienangelegenheiten in Ordnung bringe,“ sagte er mit wichtiger Miene.

„Ah, das freut mich sehr,“ versetzte Betsy, die sogleich verstand, daß er von Anna sprach, und in den Saal zurückkehrend, traten sie in eine Ecke. „Er wird sie umbringen,“ raunte ihm Betsy bedeutungsvoll zu, „das ist doch unmöglich, unmöglich!“ —

„Es freut mich sehr, daß Ihr so denkt,“ antwortete Stefan Arkadjewitsch kopfschüttelnd und mit ernsthaftem, wehmütigem und mitleidigem Ausdruck, „ich bin deswegen von Petersburg hergekommen.“

„Die ganze Stadt spricht davon,“ sagte sie, „es ist eine unmögliche Situation, Anna schwindet mehr und mehr dahin, und begreift nicht, daß sie eine von jenen Frauen ist, welche mit ihren Empfindungen nicht tändeln dürfen. Es ist hier nur Eines von zwei Dingen möglich: Entweder man nimmt sie mit fort und handelt energisch, oder — Ehescheidung. — Diese Lage aber erdrückt sie.“

„Ja, ja wohl — so ist es,“ — sagte Oblonskiy seufzend, „deswegen bin ich eben hergekommen — das heißt, nicht eigentlich deswegen — ich bin Kammerherr geworden — nun, — und da muß man Dankvisiten abstatten. Aber die Hauptsache ist doch die Ordnung dieser Angelegenheit.“

„Gott helfe Euch dabei,“ antwortete Betsy.

Nachdem Stefan Arkadjewitsch die Fürstin Betsy bis auf den Flur hinaus begleitet und ihr nochmals die Hand oberhalb des Handschuhs, wo der Puls schlägt geküßt, ihr auch nochmals eine solche Menge schlüpfriger Albernheiten vorgelogen hatte, daß sie nicht mehr wußte, ob sie böse werden oder lachen sollte, begab sich Stefan Arkadjewitsch zu seiner Schwester. Er fand diese in Thränen.

Ungeachtet der von Heiterkeit übersprudelnden Stimmung, in welcher sich Stefan Arkadjewitsch befand, ging dieser doch natürlich sogleich zu jenem gefühlvollen, poetisch verzückten Ton über, der zu ihrer Gemütsverfassung paßte. Er frug sie nach ihrem Befinden und wie sie den Morgen verbracht habe.

„Sehr, sehr schlecht; es ist Tag und Nacht so und stets so gewesen, wird auch so bleiben,“ antwortete sie.

„Mir scheint, du giebst dich dem Trübsinn hin; das muß man abschütteln, man muß dem Leben ins Gesicht schauen. Ich weiß wohl, daß das schwer ist, allein“ —

„Ich habe gehört, daß die Frauen die Männer selbst wegen ihrer Laster lieben,“ begann Anna plötzlich, „aber ich hasse ihn wegen seiner Tugend. Ich vermag nicht mit ihm zu leben; verstehe mich, sein Anblick wirkt physisch auf mich und ich gerate außer mir. Ich kann nicht, ich kann nicht mit ihm leben! Was soll ich nun thun? Ich war unglücklich und dachte, ich könne nicht noch unglücklicher werden, aber diesen entsetzlichen Zustand, welchen ich jetzt durchlebe, habe ich mir nicht vorstellen können. Wirst du es glauben, daß ich ihn, wohl wissend, daß er ein guter, ausgezeichneter Mensch ist, und ich nicht den Fingernagel von ihm wert bin — dennoch hasse? Ich hasse ihn ob seines Edelmuts. Mir aber bleibt nichts übrig, als“ —

Sie wollte sagen „der Tod“, doch Stefan Arkadjewitsch ließ sie nicht ausreden.

„Du bist krank und aufgeregt,“ sagte er, „glaube mir, du übertreibst ungeheuer. Es ist durchaus nichts so Furchtbares bei der Sache.“

Stefan Arkadjewitsch lächelte. Niemand an Stefan Arkadjewitschs Stelle, würde sich, mit einer so verzweifelten Aufgabe betraut, ein Lächeln erlaubt haben — ein Lächeln wäre roh erschienen — aber in seinem Lächeln lag soviel Gutmütigkeit und fast weibliche Zärtlichkeit, daß dasselbe nicht verletzte, sondern weich stimmte und besänftigte. Seine halblaute, beruhigende Rede und sein Lächeln wirkte mildernd und stillend wie Mandelöl. Auch Anna empfand dies bald.

„Nein, Stefan,“ sagte sie, „ich bin verloren, verloren! Schlimmer noch als verloren. Ich bin noch nicht verloren, ich kann nicht sagen, daß alles zu Ende sei — im Gegenteil, ich fühle, daß es noch nicht vorbei ist. Ich bin einer gespannten Saite gleich, die springen muß. Aber noch ist es nicht vorbei — es wird entsetzlich enden.“

„Nicht doch; man kann die Saite behutsam nachlassen. Es giebt keine Situation aus der sich nicht ein Ausweg fände.“

„Ich habe gedacht und gedacht, aber nur einen gefunden“ —

Er erkannte wiederum an ihrem schreckenvollen Blick, daß dieser einzige Ausweg, nach ihrer Meinung, der Tod sei, und ließ sie abermals nicht ausreden.

„Keineswegs,“ sagte er, „gestatte. Du kannst deine Lage nicht so erkennen, wie ich. Laß mich dir aufrichtig meine Meinung äußern.“ Er lächelte abermals vorsichtig in seiner süßen Art. „Ich will zunächst damit beginnen: Du hast einen Mann geheiratet, der zwanzig Jahre älter ist als du. Du hast diesen Mann ohne Liebe geheiratet oder vielmehr, ohne die Liebe kennen gelernt zu haben. Dies war ein Fehler, wollen wir sagen.“

„Ein furchtbarer Fehler,“ sagte Anna.

„Doch ich wiederhole: Derselbe ist eine vollendete Thatsache; du hattest darauf — ich will sagen — das Unglück, deinen Mann nicht zu lieben. Dies ist ein Unglück, auch das ist eine vollendete Thatsache. Dein Mann hat das anerkannt und dir verziehen.“ Er hielt nach jedem Satze inne, eine Erwiderung erwartend, doch sie entgegnete nichts. „So steht es, jetzt aber ist die Frage, kannst du fortfahren, mit deinem Manne zusammenzuleben? Wünschest du das? Wünscht er das?“

„Ich weiß nichts, nichts.“

„Aber du selbst hast doch gesagt, daß du ihn nicht ausstehen kannst.“

„Nein, das habe ich nicht gesagt. Ich stelle das in Abrede; ich weiß nichts und begreife nichts.“

„Aber erlaube doch“ —

„Du kannst das nicht verstehen. Ich fühle, daß ich mit dem Kopfe zuerst in einen Abgrund hinabstürze und mich nicht retten darf; es auch nicht kann.“

„O doch, wir wollen dir ein Falltuch unterbreiten und dich auffangen. Ich begreife dich, begreife, du kannst es nicht auf dich nehmen, deinen Wünschen, deinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.“

„Ich wünsche nichts, gar nichts — nur das Eine, es möchte bald vorbei sein.“

„Aber er sieht und weiß das ja. Denkst du denn, er litte etwa weniger als du? Du marterst dich und er martert sich, und was soll daraus hervorgehen? Da eine Trennung alles löst“ — Stefan Arkadjewitsch brachte diesen wichtigen Gedanken nicht ohne Überwindung heraus und blickte sie jetzt bedeutungsvoll an.

Sie antwortete nicht und schüttelte nur verneinend ihr frisiertes Haupt, aber an dem Ausdruck des plötzlich in der alten Schönheit wieder aufglänzenden Gesichts erkannte er, daß sie die Scheidung nur deshalb nicht wünschte, weil sie ein solches Glück für unmöglich hielt.

„Ihr thut mir unsäglich leid, und wie glücklich würde ich sein, könnte ich die Sache in Ordnung bringen,“ fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, schon kühner lächelnd. „Sprich nicht, sprich gar nichts! Wenn mir doch Gott die Gabe verliehen hätte, so zu reden, wie ich fühle. Ich werde zu deinem Manne gehen.“

Anna blickte ihn mit sinnenden, glänzenden Augen an, ohne etwas zu erwidern.

22

Stefan Arkadjewitsch trat mit dem nämlichen, etwas feierlichen Gesicht, mit welchem er sich sonst in seinem Vorsitzsessel im Gericht niederließ, in das Kabinett Aleksey Aleksandrowitschs. Dieser ging, die Hände auf den Rücken gelegt, im Gemach auf und ab und sann nach, was wohl Stefan Arkadjewitsch mit seiner Frau gesprochen habe.

„Ich störe dich doch nicht?“ frug Stefan Arkadjewitsch, bei dem Anblick des Schwagers plötzlich ein ihm ungewohntes Gefühl von Verlegenheit verspürend. Um diese Verlegenheit zu verbergen, zog er ein soeben erst gekauftes, mit einer neuen Mechanik zum Öffnen versehenes Cigarettenetui hervor und nahm sich eine Cigarette.

„Nein. Du wünschest etwas von mir?“ frug Aleksey Aleksandrowitsch mißlaunig.

„Ja wohl. Ich möchte — ich muß — ja, ich muß mit dir einmal reden,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, voll Verwunderung über seine ungewohnte Verlegenheit. Dieses Gefühl kam ihm so unerwartet und seltsam vor, daß Stefan Arkadjewitsch nicht glaubte, es könne die Stimme des Gewissens sein, die ihm sagte, daß das schlecht sei, was er zu thun beabsichtigte. Stefan Arkadjewitsch raffte sich auf und besiegte die ihn beherrschende Zaghaftigkeit.

„Ich hoffe, daß du an meine Liebe zu meiner Schwester, sowie an meine aufrichtige Ergebenheit und Hochachtung für dich glaubst,“ sagte er errötend.

Aleksey Aleksandrowitsch blieb stehen, ohne etwas zu antworten, aber sein Gesicht machte Stefan Arkadjewitsch betroffen durch einen Ausdruck, der dem eines willenlosen Schlachtopfers glich.

„Ich beabsichtigte — ich wollte über meine Schwester und über Eure gegenseitige Stellung Rücksprache nehmen,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, noch immer mit seiner Befangenheit kämpfend.

Aleksey Aleksandrowitsch lächelte traurig, blickte seinen Schwager an und trat, ohne zu antworten, an den Tisch, nahm einen angefangenen Brief von demselben und reichte ihn dem Schwager.

„Ich denke fortwährend darüber nach. Hier habe ich einen Brief angefangen, da ich glaube, es ist besser wenn ich mich schriftlich ausspreche, weil meine Gegenwart sie reizt,“ sagte er, ihm das Schreiben reichend.

Stefan Arkadjewitsch nahm den Brief, schaute mit zweifelnder Verwunderung in die trübeblickenden Augen, die unbeweglich auf ihm ruhten, und begann dann zu lesen:

„Ich sehe, daß meine Gegenwart Euch lästig ist. So schwer es mir auch fällt, mich hiervon überzeugen zu müssen, so sehe ich doch, daß dem so ist und es nicht anders sein kann. Ich schuldige Euch nicht an und Gott ist mein Zeuge, daß ich, als ich Euch in Eurer Krankheit wiedersah, mit ganzer Seele entschlossen war, alles zu vergessen, was zwischen uns stand und ein neues Leben zu beginnen. Ich bereue das nicht und werde auch niemals bereuen, was ich gethan habe, aber Eines hatte ich gewollt — Euer Glück — das Glück Eurer Seele; und jetzt sehe ich, daß ich dies doch nicht erreicht habe. Sagt mir selbst, was Euch ein wahres Glück und Eurer Seele Ruhe verleihen kann und ich ergebe mich ganz in Euren Willen und Euer Gerechtigkeitsgefühl.“ —

Stefan Arkadjewitsch gab den Brief zurück und blickte noch immer, mit der nämlichen Befangenheit seinen Schwager an, ohne zu wissen, was er sagen sollte. Dieses Schweigen war beiden so peinlich, daß auf den Lippen Stefan Arkadjewitschs, der kein Auge vom Gesicht Karenins verwandte, während desselben ein schmerzliches Zucken erschien.

„Dies hier wollte ich ihr mitteilen,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich abwendend.

„Ja, ja,“ versetzte Stefan Arkadjewitsch, ohne die Kraft zu antworten, da ihm die aufsteigenden Thränen die Kehle zuschnürten. „Ja, ja. Ich verstehe Euch“ — brachte er endlich hervor.

„Ich wünsche zu wissen, was sie will,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch.

„Ich fürchte, daß sie selbst ihre Lage nicht erkennt. Sie ist kein guter Richter,“ verbesserte sich Stefan Arkadjewitsch, „sie ist erdrückt von deiner Großmut. Wenn sie dieses Schreiben gelesen haben wird, wird sie nicht die Kraft haben, etwas zu sagen, sie wird den Kopf nur noch tiefer senken.“

„Ja, aber was soll man thun in diesem Falle? Wie soll man Klarheit schaffen, ihre Wünsche in Erfahrung bringen?“

„Wenn du mir gestatten willst, meine Meinung zu äußern, so denke ich, daß es von dir abhängt, direkt diejenigen Maßregeln anzuordnen, die du für nötig hältst, um dieser Situation ein Ende zu machen.“

„Du erachtest es also für erforderlich, daß ihr ein Ende gemacht werde?“ unterbrach ihn Aleksey Aleksandrowitsch, „aber wie?“ fügte er hinzu, mit der Hand eine ungewöhnliche Bewegung vor seinen Augen machend, „ich sehe nicht die Möglichkeit eines Ausweges.“

„Es giebt für jede Lage einen Ausweg,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, aufstehend und lebhaft werdend, „es gab doch einmal eine Zeit, wo du die Trennung wünschtest — wenn du jetzt überzeugt bist, daß Ihr ein gegenseitiges Glück nicht begründen könnt“ —

— „Der Begriff ‚Glück‘ kann in verschiedener Weise aufgefaßt werden. Aber nehmen wir an, daß ich mit allem einverstanden wäre, und nichts mehr wünschte. Welchen Ausweg gäbe es da aus unserer Lage?“

„Wenn du meine Meinung wissen willst,“ fuhr Stefan Arkadjewitsch, mit dem nämlichen weichen, süßen Lächeln, mit welchem er zu Anna gesprochen hatte, fort. Dieses gutmütige Lächeln war so überzeugend, daß Aleksey Aleksandrowitsch im Gefühl seiner Schwäche und sich ihr fügend, unwillkürlich bereit war, zu glauben, was Stefan Arkadjewitsch sagen würde — „sie wird es niemals aussprechen! Aber eine Möglichkeit ist vorhanden. Eines kann sie wünschen,“ fuhr er fort, „und dies ist die Aufgabe ihrer jetzigen Beziehungen und aller Erinnerungen die sich mit denselben verknüpfen. Nach meiner Ansicht ist in Eurer Lage eine Auseinandersetzung über neue wechselseitige Beziehungen unumgänglich nötig. Und diese Beziehungen können nur auf der Befreiung beider Parteien beruhen.“

„Eine Ehescheidung,“ unterbrach ihn voll Abscheu Aleksey Aleksandrowitsch.

„Ja; ich glaube, eine Trennung, ja eine Trennung,“ wiederholte Stefan Arkadjewitsch errötend. „Dies ist in jeder Beziehung der vernünftigste Ausweg für Gatten, die sich in solchen Verhältnissen befinden, wie Ihr. Was ist zu thun, wenn Gatten gefunden haben, daß ihr Zusammenleben unmöglich ist? Dies kann sich immer ereignen.“

Aleksey Aleksandrowitsch seufzte schwer und schloß die Augen.

„Hier giebt es nur eine Erwägung: Wünscht einer der Gatten einen anderen Ehebund einzugehen? Wenn nicht, so ist die Sache sehr einfach,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, sich mehr und mehr von seiner Befangenheit freimachend.

Aleksey Aleksandrowitsch sprach, die Stirn runzelnd, vor Aufregung mit sich selbst und antwortete nichts. Alles, was Stefan Arkadjewitsch so sehr einfach erschien, hatte Aleksey Aleksandrowitsch tausend und abertausendmal überdacht. Und alles das erschien ihm nicht nur nicht sehr einfach, sondern vollständig unmöglich. Eine Ehescheidung, deren formelle Einzelheiten er schon kannte, erschien ihm jetzt deshalb unmöglich, weil ihm das Gefühl der eigenen Würde, und die Achtung vor der Religion nicht gestattete, die Schuld eines fiktiven Ehebruchs auf sich zu nehmen, und noch weniger zuzulassen, daß seine Frau, der er vergeben hatte und die er liebte, überführt und mit Schmach bedeckt werde. Die Ehescheidung erschien ihm auch aus noch anderen und noch viel wichtigeren Gründen unmöglich.

Was sollte aus seinem Sohne werden im Falle einer solchen? Ihn bei der Mutter zu belassen, ging nicht an. Die geschiedene Frau würde ihre eigene, illegitime Familie haben, in welcher die Lage des Stiefsohnes und seine Erziehung aller Wahrscheinlichkeit nach, eine üble werden würde. Ihn bei sich behalten? Er wußte, daß dies ein Racheakt seinerseits gewesen wäre und diesen wollte er nicht. Am unmöglichsten indessen, außer alledem, erschien Aleksey Aleksandrowitsch die Ehescheidung deshalb, weil er selbst dann durch seine Einwilligung in dieselbe Anna vernichtete.

Das Wort Darja Aleksandrownas in Moskau fiel ihm wieder ein, daß er mit seinem Entschluß zur Trennung nur an sich selbst denken würde, aber nicht bedenke, daß er Anna damit unrettbar verderbe. Indem er diese Worte nun mit seiner Vergebung, seiner Liebe zu den Kindern, in Verbindung brachte, faßte er sie jetzt nach seiner Weise auf. In eine Ehescheidung willigen und ihr die Freiheit geben, bedeutete nach seiner Auffassung, sich selbst des letzten Bandes, das ihn mit dem Leben, den Kindern die er liebte, sie aber der letzten Stütze für einen Weg zur Besserung berauben und sie in das Verderben stürzen.

Wenn sie erst geschiedene Frau war, würde sie sich, das wußte er, mit Wronskiy vereinen, und dieser Bund war alsdann ein gesetzwidriger und verbrecherischer, weil das Weib nach dem Sinne der Vorschriften der Kirche keinen weiteren Ehebund eingehen kann, so lange ihr Gatte am Leben ist. „Sie wird sich mit ihm vereinen und nach Verlauf eines Jahres oder zweier wird er sie verlassen, oder sie selbst ein neues Verhältnis eingehen,“ dachte Aleksey Aleksandrowitsch; „und ich, mit meiner Einwilligung in eine nicht gesetzliche Trennung werde der Urheber ihres Verderbens sein.“

Er überdachte alles dies wohl hundertmal und war überzeugt, daß die Ehescheidung nicht nur nicht sehr einfach sei, wie sein Schwager doch sagte, sondern vollkommen unmöglich. Er glaubte nicht ein einziges Wort von dem, was Stefan Arkadjewitsch gesagt hatte, auf jedes Wort desselben hatte er tausend Einwände; aber er hörte ihn an, im Gefühl, daß in seinen Worten jene mächtige, rohe Kraft zum Ausdruck komme, welche sein Leben leitete und der er sich unterordnen mußte.

„Die Frage ist nur die, wie und unter welchen Bedingungen du einwilligen willst, die Ehescheidung auszuführen. Sie will nichts, sie wagt es nicht, dich zu bitten und stellt alles deinem Edelmut anheim.“

„Mein Gott! Mein Gott! Aber warum das?“ dachte Aleksey Aleksandrowitsch, sich die Einzelheiten eines Ehescheidungsprozesses vergegenwärtigend, bei welchem der Gatte die Schuld auf sich nahm, und bedeckte sich mit der nämlichen Gebärde, mit welcher Wronskiy dies gethan hatte, vor Scham mit den Händen das Gesicht.

„Du bist aufgeregt, ich begreife das. Aber wenn du dir überlegst“ —

„Und wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem biete auch die linke dar, und wer dir den Rock genommen, dem gieb noch das Hemd,“ dachte Aleksey Aleksandrowitsch. „Ja, ja,“ rief er dann mit dünner Stimme, „ich werde die Schande auf mich nehmen, selbst den Lohn will ich ihr geben, aber — ist es nicht besser, alles zu lassen wie es ist? Doch, mache was du willst“ — und sich abwendend von seinem Schwager, so daß dieser ihn nicht sehen konnte, ließ er sich auf einem Stuhl am Fenster nieder. Es war ihm bitter weh zu Mut, er empfand seine Schmach, aber zugleich mit diesem Leid und dieser Schmach fühlte er auch Freude und Beruhigung über die Erhabenheit seines Sieges über sich selbst.

Stefan Arkadjewitsch war gerührt. Er schwieg.

„Aleksey Aleksandrowitsch! glaube mir, sie schätzt deine Großmut,“ sagte er dann. „Aber offenbar war es doch Gottes Wille,“ so fügte er hinzu, empfand jedoch, als er dies sagte, daß es dumm war, und unterdrückte nur mit Mühe ein Lächeln über seine Thorheit.

Aleksey Aleksandrowitsch wollte etwas erwidern, doch die Thränen verhinderten ihn daran.

„Es ist eine unglückliche Fügung des Schicksals und man muß sich ihr unterordnen. Ich betrachte dieses Unglück als eine vollendete Thatsache und bemühe mich nur, dir und ihr beizustehen,“ fuhr Stefan Arkadjewitsch fort.

Als dieser das Gemach seines Schwagers verlassen hatte, war er gerührt, aber das hinderte ihn nicht, damit zufrieden zu sein, daß er diese Angelegenheit erfolgreich erledigt hatte, da er überzeugt war, daß Aleksey Aleksandrowitsch seine Worte nicht wiederrufen würde. Zu dieser Zufriedenheit gesellte sich der Umstand, daß ihm ein Gedanke gekommen war, wie er, sobald die Sache erledigt sein würde, seinen intimsten Bekannten die Frage vorlegen wollte, „welcher Unterschied nun noch zwischen ihm und einem Feldmarschall bestehe? Nun, der Feldmarschall macht QuartierB und niemandem wird es wohler davon, ich habe eine Trennung bewirkt — und drei Menschen wird es dabei besser sein? Oder, welche Ähnlichkeit aber habe ich denn mit einem Feldmarschall? Nun, das will ich mir lieber noch überlegen,“ sagte er lächelnd zu sich selbst.

23

Die Wunde Wronskiys war gefährlich, obwohl sie das Herz nicht getroffen hatte. Einige Tage schwebte Wronskiy zwischen Leben und Tod. Als er zum erstenmal wieder imstande war zu sprechen, befand sich nur Warja, die Gattin seines Bruders, in seinem Zimmer.

„Warja,“ sagte er, sie streng anblickend, „ich habe mich durch Zufall geschossen; sprich, bitte niemals von der Sache, und erzähle jedermann nur so. O, es war doch zu thöricht!“

Ohne auf seine Worte zu antworten, beugte sich Warja über ihn und schaute ihm mit freudigem Lächeln ins Gesicht. Seine Blicke waren klar, nicht mehr fieberhaft, aber ihr Ausdruck war ernst.

„O, Gott sei Dank!“ sagte sie, „hast du nicht Schmerzen?“

„Ein wenig, hier!“ Er wies auf die Brust.

„Laß mich dich verbinden.“

Schweigend seine starken Kinnbacken zusammenbeißend, blickte er sie an, während sie ihn verband. Als sie damit fertig war, sagte er:

„Ich bin nicht im Fieber; also bitte, sieh zu, daß es kein Gerede giebt, als hätte ich mich mit Absicht geschossen.“

„Kein Mensch spricht davon. Ich hoffe nur, daß du dich nicht wieder aus Versehen schießt,“ sagte sie mit fragendem Lächeln.

„Ich werde wohl nicht, aber besser wäre es doch gewesen.“ — Er lächelte düster.

Trotz dieser Worte und dieses Lächelns, welches Warja so erschreckte, hatte er, als das Wundfieber vorüber war und sein Zustand sich besserte, gefühlt, daß er von einem Teile seines Grames vollständig befreit war. Mit dieser That hatte er gleichsam die Schande und Entwürdigung von sich abgewaschen, die er vorher empfunden hatte. Jetzt vermochte er ruhig an Aleksey Aleksandrowitsch zu denken. Er erkannte den ganzen Edelmut desselben an, fühlte sich aber selbst nicht mehr erniedrigt, und kam wieder in das alte Geleis zurück. Er sah wieder die Möglichkeit, den Menschen ohne Scham ins Antlitz blicken zu können und konnte wieder leben, im Gängelband seiner Gewohnheiten. Eins aber gab es, was er nicht aus seinem Herzen zu reißen vermochte, obwohl er ununterbrochen dagegen ankämpfte, — das war ein bis zur Verzweiflung gesteigertes Leid darüber, daß er sie nun auf immer verloren hatte. Daß er, nachdem er vor dem Gatten sein Vergehen gebüßt, ihr entsagen mußte und fortan nicht mehr zwischen sie mit ihrer Reue, und ihn, ihren Gatten, treten durfte, das stand fest in seinem Herzen, aber er vermochte nicht, den Schmerz über diesen Verlust seiner Liebe aus demselben herauszureißen, er vermochte nicht jene Minuten der Seligkeit aus seiner Erinnerung zu verwischen, die er mit ihr kennen gelernt, die von ihm damals so wenig gewürdigt worden waren, ihn jetzt aber mit all ihrem Reiz verfolgten.

Serpuchowskiy hatte für ihn eine Ordre nach Taschkent ausgedacht, und ohne das geringste Schwanken stimmte Wronskiy diesem Vorschlag bei. Aber je näher die Zeit der Abreise kam, um so schwerer wurde ihm das Opfer, welches er für das brachte, was er als seine Pflicht erachtete.

Seine Wunde war geheilt und er fuhr schon aus, um Vorbereitungen für seine Abreise nach Taschkent zu treffen.

„Nur ein einziges Mal noch sie wiedersehen und dann sich vergraben, sterben,“ dachte er, und äußerte diesen Gedanken bei seinen Abschiedsvisiten gegen Betsy. Mit dieser Mission war Betsy zu Anna gefahren und hatte ihm die abschlägliche Antwort überbracht.

„Um so besser,“ dachte Wronskiy, nachdem er diese Nachricht erhalten. „Es war eine Schwäche, die meine letzte Kraft noch aufgerieben hätte.“

Am andern Tage kam Betsy frühmorgens selbst zu ihm und teilte ihm mit, daß sie durch Oblonskiy den sichern Bescheid erhalten habe, Aleksey Aleksandrowitsch reiche die Scheidung ein, und Wronskiy daher Anna sprechen könne.

Ohne sich darum zu kümmern, daß er Betsy wieder hätte hinausbegleiten müssen, fuhr Wronskiy, alle seine Vorsätze vergessend, und ohne zu fragen, wann er sie sehen könnte, oder wo ihr Mann sei, sofort zu den Karenin.

Er eilte die Treppe hinauf, ohne zu hören oder zu sehen und lief schnellen Schrittes, sich kaum soweit mäßigend, daß er nicht rannte, in ihr Zimmer. Ohne daran zu denken oder zu bemerken, ob jemand im Zimmer sei oder nicht, umarmte er sie und bedeckte ihr Gesicht, Hals und Arme mit Küssen.

Anna war auf dieses Wiedersehen vorbereitet und hatte darüber nachgedacht, was sie ihm mitteilen wollte, aber es gelang ihr nicht, auch nur etwas hiervon herauszubringen; seine Leidenschaftlichkeit hatte auch sie erfaßt. Sie wollte ihn und sich beruhigen, aber es war schon zu spät, seine Empfindungen hatten sich ihr mitgeteilt. Ihre Lippen bebten so stark, daß sie lange Zeit nicht zu reden vermochte.

„Ja du hast mich übermannt und ich bin die Deine,“ sagte sie endlich, seine Hände an ihren Busen pressend.

„So mußte es sein!“ sagte er, „so lange wir leben, soll es so sein. Ich weiß dies jetzt!“

„Es ist wahr,“ antwortete sie, mehr und mehr erbleichend und seinen Kopf umfangend.

„Alles wird vorübergehen, alles, und wir werden glücklich sein! Unsere Liebe, wenn sie noch stärker werden könnte, würde wachsen dadurch, daß in ihr etwas Furchtbares liegt,“ fuhr er fort, den Kopf hebend und lächelnd seine festen Zähne zeigend.

Sie mußte diesem Lächeln antworten — nicht seinen Worten, wohl aber seinen liebevollen Blicken. Sie ergriff seine Hand und strich sich selbst damit über ihre kaltgewordenen Wangen und das kurzfrisierte Haar.

„Ich erkenne dich nicht wieder mit diesen kurzen Haaren. Du bist so hübscher geworden, mein Kleiner, aber wie bist du bleich!“

„Ja, ich bin sehr schwach,“ sagte sie lächelnd, und ihre Lippen bebten.

„Wir werden nach Italien gehen und du wirst dich da erholen,“ antwortete er.

„Sollte es möglich sein, daß wir Mann und Frau würden, wir allein, eine Familie mit dir?“ sagte sie, ihm nahe in die Augen schauend.

„Mich setzte nur in Erstaunen, wie dies einmal anders sein konnte.“

„Stefan sagt, daß mein Mann mit allem einverstanden sei, aber ich vermag seine Großmut nicht anzunehmen,“ sagte sie, nachdenklich an dem Gesicht Wronskiys vorbeischauend. „Ich will die Scheidung nicht, mir ist jetzt alles gleichgültig. Nur weiß ich nicht, was er über Sergey beschließen wird.“

Er vermochte nicht zu begreifen, wie sie in diesem Augenblick des Wiedersehens an ihren Sohn und die Ehescheidung denken konnte. War ihr denn nicht alles gleichgültig?

„Sprich nicht davon, denke nicht,“ versetzte er, ihre Hand in der seinen wendend und sich bemühend, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, doch sie schaute ihn noch immer nicht an.

„Ach, warum bin ich nicht gestorben; es wäre besser gewesen!“ sprach sie und ohne daß sie schluchzte, liefen ihr die Thränen über beide Wangen; doch sie bemühte sich, zu lächeln, um ihn nicht zu verstimmen.

Die ehrende und gefährliche Ordre nach Taschkent abzulehnen, war nach den früheren Begriffen Wronskiys schmachvoll und unmöglich gewesen. Jetzt aber schlug er dieselbe, ohne sich eine Minute zu besinnen, aus und ging, die Mißbilligung seiner Handlungsweise seitens seiner Vorgesetzten bemerkend, auf Urlaub.

Nach Verlauf eines Monats war Aleksey Aleksandrowitsch allein mit seinem Söhnchen in seinem Hause. Anna und Wronskiy waren in das Ausland gereist, ohne die Ehescheidung erlangt zu haben, und hatten sich definitiv von ihm losgesagt.

Fußnote

B Ein unübersetzbares Wortspiel, welches darauf beruht, daß im Russischen „Quartier“ und „Ehescheidung“ „rasvód“heißt.

Ende des ersten Bandes.

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