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Anna Karenina, 1. Band

by Leo Tolstoy

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Dritter Teil

1

Sergey Iwanowitsch Kosnyscheff wollte sich von der geistigen Arbeit erholen und ging — anstatt wie üblich ins Ausland — Ende Mai auf das Land zu seinem Bruder.

Seiner Überzeugung nach war das schönste Leben das Landleben, und er kam jetzt zu seinem Bruder, um dieses Leben zu genießen.

Konstantin Lewin war hocherfreut, umsomehr, als er den Bruder Nikolay für dieses Jahr nicht mehr erwartete, aber ungeachtet aller Liebe und Achtung, für Sergey Iwanowitsch, war es ihm nicht recht behaglich in Gesellschaft des Bruders auf dem Lande. Es war ihm peinlich, sogar unangenehm, die Auffassung seines Bruders vom Landleben zu beobachten. Für Konstantin Lewin war das Dorf der Ort seines Lebens, das heißt seiner Freuden und Leiden und seiner Mühen; für Sergey Iwanowitsch war das Dorf einerseits ein Erholungsort von der Arbeit, andererseits ein nützliches Gegengift für die Verderbnis, welches er mit Vergnügen und dem Bewußtsein seiner Nützlichkeit einnahm.

Konstantin Lewin war das Dorf deshalb lieb und wert, weil es für ihn die Laufbahn einer zweifellos nutzbringenden Wirksamkeit bildete, Sergey Iwanowitsch besonders deshalb, weil man sich daselbst dem süßen Nichtsthun überlassen konnte, ja mußte. Außerdem aber war Konstantin auch auf die Stellung Sergey Iwanowitschs dem Volke gegenüber nicht gut zu sprechen. Sergey Iwanowitsch sagte, er liebe und kenne das Volk, und unterhielt sich häufig mit den Bauern, was er gut zu thun verstand, ohne sich zu verstellen oder mit einer Miene dabei zu zucken. Aus jeder solchen Unterhaltung deduzierte er sich allgemeine Thatsachen, die zu Gunsten des Volkes sprachen und den Beweis liefern sollten, daß er dieses Volk verstehe.

Dieser Standpunkt dem Volke gegenüber gefiel Konstantin Lewin nicht. Für ihn war das Volk nur der Hauptteilhaber an der gemeinsamen Arbeitspflicht und ungeachtet aller seiner Achtung, selbst einer gewissen angeborenen Liebe zum Bauernstande, die er wohl mit der Ammenmilch wie er selbst sagte, eingesogen hatte, geriet er als Teilhaber neben demselben an der gemeinsamen Arbeit, zwar bisweilen in Entzücken über die Kraft, die Güte und das Rechtsgefühl dieser Menschen, sehr oft aber auch, wenn es sich bei dieser gemeinsamen Arbeit um andere Eigenschaften handelte, in Zorn über deren Sorglosigkeit, Unachtsamkeit, Trunksucht und Verlogenheit.

Konstantin Lewin würde, wenn er gefragt worden wäre, ob er das Volk liebe, jedenfalls nicht gewußt haben, wie er hierauf antworten solle. Er liebte das Volk und liebte es auch nicht, genau so wie überhaupt die Menschen. Natürlich liebte er, als guter Mensch, die Menschen mehr, als daß er sie nicht geliebt hätte, und demzufolge liebte er auch das Volk. Aber das Volk lieben oder nicht lieben — als etwas Besonderes — das konnte er nicht, weil er nicht nur im Volke selbst lebte, nicht nur alle seine Interessen mit demselben verknüpft waren, sondern, weil er sich auch selbst für ein Teil aus dem Volke hielt und weder in sich selbst, noch in diesem Volke etwa besondere Vorzüge oder Mängel erkannte, und sich auch demselben nicht gegenüberzustellen vermochte.

Obwohl er ferner lange Zeit in den engsten Beziehungen mit dem Bauernstande als Gutsherr und Schiedsrichter gelebt hatte, hauptsächlich auch als Ratgeber — die Bauern vertrauten ihm und kamen bis zu vierzig Werst weit her, um sich bei ihm Rats zu erholen — so hatte er doch nicht das geringste bestimmte Urteil über das Volk; und auf die Frage, ob er es kenne, würde er sich in der nämlichen Ratlosigkeit befunden haben, wie bezüglich der Frage, ob er es liebe.

Zu sagen, er kenne das Volk, wäre für ihn das Nämliche gewesen, wie die Behauptung, er kenne die Menschen überhaupt. Er hatte wohl die Menschen beständig beobachtet und jede Art derselben kennen gelernt, aber in der Zahl jener Bauern, die er für gute und interessante Menschen gehalten hatte, nahm er unaufhörlich neue Charakterzüge wahr, änderte daher seine früher gewonnenen Urteile über dieselben und bildete sich neue.

Sergey Iwanowitsch verfuhr im Gegenteil. Ganz ebenso, wie er das Landleben liebte und pries als Gegensatz zu dem Leben, welches er nicht liebte — ganz ebenso liebte er das Volk im Gegensatz zu jener Art von Menschen, die er nicht liebte, ganz ebenso erkannte er das Volk als etwas, was den Menschen insgemein entgegengesetzt war. In seinem logischen Verstande hatten sich bestimmte Formen des Volkslebens klar abgesetzt, zum Teil aus diesem selbst hergeleitet, in der Hauptsache aber vorzugsweise nur aus dem Gegensätzlichen. Er änderte daher niemals seine Meinung über das Volk und das Verhältnis, in welchem er sich zu demselben fühlte.

Bei diesen unter den beiden Brüdern obwaltenden Meinungsverschiedenheiten über das Volk, suchte Sergey Iwanowitsch stets seinen Bruder vor allem dadurch zu überzeugen, daß er selbst bestimmte Begriffe von dem Volke besitze, von seinem Charakter, seinen Eigenschaften und seinem Geschmack. Konstantin Lewin hingegen besaß keinerlei bestimmte oder unwandelbare Vorstellungen und die Folge war, daß er bei derartigen Debatten des Widerspruches mit sich selbst überführt wurde.

Für Sergey Iwanowitsch selbst war der jüngere Bruder ein guter Mensch, von Gefühl, bien établi wie er sich französisch ausdrückte, aber mit einer, wenn auch ziemlich beweglichen, so doch gleichwohl den Eindrücken des Augenblicks unterworfenen und daher an Widersprüchen reichen Geistesrichtung. Mit jener Herablassung des älteren Bruders erklärte er ihm daher bisweilen die Bedeutung der Dinge, fand aber keinen Genuß darin, mit ihm zu debattieren, da er ihn zu leicht schlug.

Konstantin Lewin blickte auf seinen Bruder, wie auf einen Menschen von hohem Geist und großer Bildung, edel in des Wortes höchstem Sinne und begabt mit der Fähigkeit, für das allgemeine Wohl zu wirken. Auf dem Grund seiner Seele aber begann er, je älter er wurde und je mehr er den Bruder erkannte, inne zu werden, daß diese Befähigung, zum allgemeinen Wohle wirken zu können, deren er sich so völlig bar wußte, vielleicht gar kein Vorzug sei, sondern vielmehr ein Mangel; nicht gerade ein Mangel an guten, ehrenhaften und löblichen Wünschen und Ansichten, aber doch ein Mangel an Lebenskraft, an dem, was man Herzensfrische nennt, an jenem Streben, welches den Menschen veranlaßt, aus all den unzählig sich bietenden Lebenswegen einen auszuwählen und diesen einen zu erstreben.

Je mehr er den Bruder erkannte, umsomehr bemerkte er, daß auch Sergey Iwanowitsch, wie viele andere Propheten des allgemeinen Wohls, nicht vom Herzen zu dieser seiner Liebe für dasselbe geleitet wurde, sondern nur nach dem Verstande urteilte, es sei gut, wenn man sich mit Derartigem befasse, und daß er sich eben aus diesem Grunde nur damit befaßte. In dieser Annahme bestärkte Lewin auch weiter noch die Bemerkung, daß sich sein Bruder die Frage, welche die sociale Wohlfahrt oder die Unsterblichkeit der Seele betrafen, nicht anders zu Herzen nahm, als wie wenn es sich um eine Partie Schach oder die scharfsinnige Konstruktion einer neuen Maschine handelte.

Ferner aber war es Lewin auch deshalb noch peinlich, mit seinem Bruder das Landleben zu teilen, weil er, besonders im Sommer, beständig mit der Ökonomie beschäftigt war, so daß ihm selbst der lange Sommertag noch nicht hinreichte alles zu erledigen, was erledigt werden mußte, während Sergey Iwanowitsch der Ruhe pflegte. Wenngleich indessen dieser jetzt auch ausruhte, das heißt, nicht an seinem Werke arbeitete, so war er doch so an geistige Thätigkeit gewöhnt, daß er es liebte, die Ideen welche ihm gekommen waren, in schöner, präciser Form zu äußern, und er liebte es, daß ihm jemand hierbei zuhörte. Der gewöhnliche und natürliche Zuhörer war nun sein Bruder, und es wurde diesem daher ungeachtet aller freundschaftlichen Offenheit in den beiderseitigen Beziehungen peinlich, den Bruder allein lassen zu sollen. Sergey Iwanowitsch liebte es, im Sonnenschein im Grase zu liegen, sich rösten zu lassen und träge dabei zu plaudern.

„Du glaubst nicht,“ wandte er sich an seinen Bruder, „welchen Reiz für mich diese faulenzende Sommerfrische hat. Kein Gedanke ist im Kopf, und rollte man ihn wie eine Kugel.“

Konstantin Lewin war es indessen langweilig, so zu sitzen und jenem zuzuhören, schon deshalb, weil er wußte, daß man ohne seine persönliche Aufsicht den Dünger auf ein falsches Feld fahren und wer weiß wie schlecht auswerfen werde. Man würde die Pflugscharen an den Pflügen nicht festschrauben und dann sagen, der Pflug sei eine unnütze Erfindung.

„Nun genug endlich mit diesem Laufen in der Hitze!“ sagte zu ihm sein Bruder.

„Ach, nur noch einmal nach dem Kontor muß ich sehen,“ antwortete Lewin und eilte auf das Feld hinaus.

2

In den ersten Tagen des Juni ereignete es sich, daß die Amme und Wirtschafterin Agathe Michailowna ein Gefäß mit soeben von ihr eingesalzenen Pilzen in den Keller tragen wollte, ausglitt, zu Falle kam und sich den Handknöchel verstauchte. Der Landarzt kam, ein zungengewandter junger Mann, welcher kaum erst die Universitätsstudien hinter sich hatte; er besichtigte die Hand, sagte, daß sie nicht aus dem Gelenk gefallen sei und vergnügte sich dann in einem Gespräch mit dem berühmten Sergey Iwanowitsch Koznyscheff, indem er demselben, um ihm seine aufgeklärten Ansichten zu zeigen, allen Klatsch aus dem ganzen Landkreis berichtete und dabei die üble Lage der ländlichen Angelegenheiten beklagte.

Sergey Iwanowitsch hörte aufmerksam zu, erkundigte sich, äußerte, angeregt von seinem neuen Zuhörer, einige treffende und bedeutungsvolle Bemerkungen, die von dem jungen Arzte respektvoll aufgenommen wurden, und geriet dann in seine gewöhnliche, dem Bruder schon bekannte lebhafte Stimmung, in welche er gewöhnlich nach einer glänzenden, geistreichen Unterhaltung geriet.

Nach der Abfahrt des Arztes empfand er den Wunsch, eine Angelpartie an den Fluß zu machen. Er liebte das Angeln und war fast stolz darauf, daß er eine so einfältige Beschäftigung lieben konnte.

Konstantin Lewin, welcher nach dem Ackerfelde und den Wiesen sehen mußte, erbot sich, den Bruder im Kabriolett hinauszufahren.

Es war in der Jahreszeit, in welcher die Natur auf ihrem Höhepunkt steht, in welcher der Getreideschnitt bereits bestimmt ist und die Sorge für die Saat des künftigen Jahres beginnt, wo die Krummeternte naht, wenn der Roggen in graugrüner Färbung noch mit beweglicher Ähre im Winde wogt und der grüne Hafer, von den Büscheln gelbgewordenen Grases durchsetzt, ungleichmäßig aus der Wintersaat emporkommt, wenn der frühzeitige Buchweizen schon die Erde bedeckt, während die von dem weidenden Vieh hartgetretenen Brachfelder mit den darin freigelassenen Fußsteigen die der Pflug nicht berührt, halb gepflügt liegen, die herausgebrachten vertrockneten Düngerhaufen im Abendrot mit dem duftenden Grase zusammen ihren Geruch verbreiten und in den Niederungen, der Sense harrend in dichtem Wuchs die Wiesen stehen, mit den dunkeln Massen der Sauerampfer auf den saftigen Stengeln.

Es war jene Zeit, in welcher in der Arbeit des Landlebens eine kurze Ruhepause eintritt vor dem Beginn der sich alljährlich wiederholenden, alljährlich von neuem alle Kräfte des Volkes wieder herausfordernden Ernte. Dieselbe fiel glänzend aus, und schöne helle Sommertage mit thaufrischen kurzen Nächten folgten ihr.

Die beiden Brüder mußten durch den Wald fahren, um zu den Wiesen zu gelangen. Sergey Iwanowitsch freute sich über die Schönheit des sich entlaubenden Waldes und wies dem Bruder bald eine dunkle, alte Linde von der Schattenseite her, die buntdurchsetzt von den gelben Samentroddeln sich zur Blüte vorbereitet, bald die schimmernden jungen Triebe der Bäume, aus dem heurigen Jahr.

Konstantin Lewin liebte es nicht, von der Schönheit der Natur zu sprechen oder Gespräche darüber anzuhören. Worte nahmen für ihn nur die Schönheit von dem, was er sah. Er nickte dem Bruder nur zu, begann aber unwillkürlich über etwas anderes nachzudenken. Als sie durch den Wald gelangt waren, wurde seine Aufmerksamkeit ganz von dem Anblick des Brachfeldes auf dem Hügel gefesselt, auf welchem das Gras trocknete, in Schwaden gemäht, in Haufen zerstreut, und wo frisch gepflügt war. Über das Feld bewegte sich ein langer Zug von Wagen. Lewin zählte die Wagen und war befriedigt, daß alles, was nötig war, von ihnen fortgebracht wurde, und seine Gedanken schweiften nun bei dem Anblick der Wiesen zu der Heuernte. Er empfand stets etwas ihn eigentümlich Anmutendes bei der Heuernte. Nachdem Lewin zur Wiese gekommen, hielt er das Pferd an.

Der Morgenthau lag noch unten in dem dichten Grase, und Sergey Iwanowitsch bat ihn, im Kabriolett über die Wiese zu fahren — damit er sich nicht die Füße naß machte — bis zu dem Weidengebüsch hin, bei welchem man die Barsche fing. So schwer es Lewin wurde, sein Gras zerfahren zu müssen, er fuhr dennoch in die Wiese. Das hohe Gras wogte geschmeidig um die Räder und die Hufe des Pferdes, seine Samenkörner an den nassen Speichen und Naben sitzen lassend.

Der Bruder ließ sich unter dem Gebüsch nieder und untersuchte die Angel, während Lewin das Pferd wegführte und anband, worauf er in das graugrüne, von keinem Lufthauch bewegte ungeheure Grasmeer der Wiese hineinschritt. Das wie Seide glänzende Gras mit den reifen Spitzen auf dem nassen Boden, ging ihm fast bis an den Gürtel.

Nachdem Lewin die Wiese durchkreuzt hatte, gelangte er auf den Weg heraus. Da begegnete er einem alten Manne mit einem geschwollenen Auge, der einen Bienenkorb trug, in welchem Bienen waren.

„Nun, Thomitsch, hast du etwas gefangen?“ frug er diesen.

„Was soll ich fangen? Wenn man nur seine eigenen Bienen behalten kann! Mir war nun schon der zweite Schwarm hier davongegangen. Aber die Kinder haben ihn noch eingeholt. Bei Euch wird gepflügt — sie hatten das Pferd ausgespannt,“ —

„Was meinst du Thomitsch, soll man schneiden oder noch warten.“

„Nun, nach meiner Meinung müßte man bis zu St. Peter warten, doch Ihr schneidet stets früher. Nun, Gott wird es schon geben, daß das Gras gut ist und das Vieh Futter haben wird im Überfluß.“

„Und was meinst du zum Wetter?“

„Steht bei Gott! Vielleicht wird auch das Wetter gut.“

Lewin kehrte zu seinem Bruder zurück.

Derselbe hatte nichts gefangen, aber Sergey Iwanowitsch langweilte sich gleichwohl nicht und schien in der heitersten Stimmung zu sein. Lewin bemerkte, daß ihn das Gespräch mit dem Arzte angeregt hatte, und er Lust empfand, weiter zu sprechen. Er selbst aber wollte so bald als möglich nach Hause, um über die Wahl der Schnitter, während des Frühstücks, Verfügungen zu treffen und der Ungewißheit, in der er selbst sich wegen der Heuernte, die ihn stark in Anspruch nahm, befand, ein Ende zu machen.

„Wollen wir nicht aufbrechen?“ begann Lewin.

„Warum denn so eilen? Bleiben wir noch ein wenig sitzen! Wie bist du aber doch naß geworden! Wenn man auch nichts fängt, so ist es doch ganz hübsch. Alle Jagd ist deshalb angenehm, weil man durch sie mit der Natur in Berührung kommt. Welcher Reiz liegt im Anblick dieses stahlfarbenen Gewässers,“ sprach Sergey Iwanowitsch. „Diese Wiesenufer,“ fuhr er fort, „stets geben sie nur ein Rätsel auf — verstehst du? Das Gras spricht etwas zum Wasser.“

„Ich verstehe das Rätsel nicht,“ versetzte Lewin mißmutig.

3

„Weißt du, daß ich an dich gedacht habe,“ sagte Sergey Iwanowitsch. „Das ist ja ohnegleichen, wie es bei Euch hier im Kreise zugeht, nach dem was mir dieser Arzt erzählt hat. Er ist durchaus kein Dummkopf. Auch ich habe dir ja schon gesagt, und sage es noch, es ist nicht gut, daß du nicht zur Sobranje fährst und dich überhaupt von den Angelegenheiten des Semstwo zurückgezogen hast. Wenn sich die tüchtigen Männer fernhalten, dann muß alles freilich Gott weiß wohin kommen. Wir zahlen unser Geld, aber es wird zu Belohnungen verwendet und keine Schule, kein Arzt, keine geprüften Hebammen, keine Apotheken, nichts haben wir davon.“

„Ich habe ja doch alles versucht,“ versetzte Lewin halblaut und ungern, „aber ich kann nicht durchdringen! Was bleibt da somit noch zu thun?“

„Warum vermagst du nicht? Das verstehe ich nicht, offen gestanden! Gleichgültigkeit oder Unverständnis räume ich bei dir nicht ein; ist es etwa einfach die Faulheit?“

„Weder dies, noch jenes oder ein drittes. Ich habe versucht und sehe, daß ich nichts thun kann,“ sagte Lewin.

Er hatte sich wenig um das gekümmert was sein Bruder soeben gesprochen, sondern schaute über den Fluß hinüber nach dem Ackerfelde. Er hatte dort etwas Schwarzes wahrgenommen, konnte es aber nicht erkennen. War es ein Pferd oder sein Inspektor zu Pferde?

„Weshalb kannst du gar nichts thun? Du hast einen Versuch gemacht, und derselbe ist nach deiner Meinung nicht geglückt; damit begnügst du dich nun. Wie kann man so wenig Eigenliebe haben?“

„Eigenliebe,“ antwortete Lewin, bei seiner schwachen Seite getroffen von diesen Worten des Bruders, „kenne ich nicht! Hätte man mir auf der Universität gesagt, daß die anderen die Integralrechnung verständen und ich nicht, so wäre das Eigenliebe gewesen. Hierbei aber muß man aber doch schon von vornherein überzeugt sein, daß man zu derartigen Dingen eine gewisse Befähigung braucht; und die Hauptsache ist die, daß alle diese Arbeiten sehr wichtig sind.“

„Nun, und das, wovon ich spreche, wäre nicht von Bedeutung?“ frug Sergey Iwanowitsch, seinerseits empfindlich geworden, weil sein Bruder das nicht bedeutungsvoll fand, was ihn beschäftigte, und namentlich, weil derselbe ihm offenbar fast gar nicht zugehört hatte.

„Mir erscheint es nicht wichtig; es beschäftigt mich nicht; was willst du eigentlich?“ antwortete Lewin, der jetzt erkannt hatte, daß das, was er erblickte, sein Verwalter war, und daß der Verwalter die Leute vom Pflügen abkommandierte, denn dieselben wendeten die Pflüge. „Sollten sie schon fertig sein mit Pflügen?“ dachte er.

„O, höre nur noch,“ sagte der ältere Bruder, sein hübsches, geistreiches Gesicht in Falten legend, „alles hat seine Grenzen. Es ist ja ganz löblich, ein Sonderling zu sein und ein aufrichtiger Mensch der kein Falsch liebt — ich weiß das alles recht wohl — aber das, was du da sagst, hat entweder keinen Sinn, oder einen sehr mißlichen. Wie kannst du es unwichtig finden, daß dasselbe Volk, welches du liebst, wie du versicherst“ —

— „Das habe ich niemals versichert“ — dachte Konstantin Lewin bei sich.

— „Hilflos abstirbt? Rohe Weiber lassen ihre Kinder verhungern, das Volk verstockt in Unwissenheit und steht unter der Machtbefugnis eines jeden Schreibers, und dabei ist dir das Mittel in die Hände gegeben, dem Abhilfe zu schaffen. Du aber hilfst nicht, weil dies nach deiner Ansicht nicht von Bedeutung ist!“ Mit diesen Worten stellte ihm Sergey Iwanowitsch die Alternative, „entweder du bist nicht so weit geistig entwickelt alles wahrzunehmen, was sich thun ließe, oder du willst in deiner Behäbigkeit, deiner Eigenliebe — ich weiß nicht weshalb — überhaupt nicht zugeben, daß dies geschehe.“

Konstantin Lewin empfand, daß er sich nur noch unterwerfen könne oder seinen Mangel an der Liebe zur socialen Frage eingestehen müsse. Dies aber kränkte und erbitterte ihn.

„So oder so,“ sagte er entschiedenen Tones, „ich sehe nicht ein, daß es möglich wäre“ —

„Wie? Es soll bei einer vernünftigen Anlage des Kapitals unmöglich sein, ärztliche Hilfe einzuführen?“ —

„Unmöglich, wie mir scheint. Auf die viertausend Werst unseres Kreises, mit seinen Schneewasserbächen, Schneestürmen, seiner Arbeitszeit sehe ich keine Möglichkeit, nach allen Seiten hin ärztliche Hilfe zu leisten. Ich glaube überhaupt nicht recht an die Medizin.“

„Ach erlaube, das ist ungerecht; ich kann dir hundert Beispiele aufzählen. — Wie denkst du denn über das Schulwesen?“ —

„Wozu brauchen wir Schulen?“

„Was sagst du da? Kann etwa ein Zweifel über den Nutzen der Bildung bestehen? So gut wie sie dir nützlich ist, wird sie es jedermann.“

Konstantin Lewin fand sich moralisch an die Wand gedrückt und geriet infolge dessen in Zorn, weshalb er unwillkürlich den hauptsächlichsten Grund seiner Gleichgültigkeit der socialen Frage gegenüber äußerte.

„Mag sein, daß alles das ganz gut ist; weshalb aber soll ich mich um die Anlage ärztlicher Stationen kümmern, von denen ich selbst nie einen Nutzen habe, oder mich um Schulen kümmern, in die ich meine Kinder gar nicht senden werde, ja, in welche selbst die Bauern ihre Kinder nicht schicken wollen. Ich bin auch gar nicht fest überzeugt, daß sie ihre Kinder in die Schule schicken müßten.“

Sergey Iwanowitsch war eine Minute lang erstaunt über diese unerwartete Anschauung von der Sache, hatte aber sogleich einen neuen Angriffsplan entworfen.

Er schwieg, langte eine der Angelruten aus dem Wasser, warf wieder aus, lächelte dann und wandte sich an seinen Bruder.

„Gestatte. Zuerst ist wohl die medizinische Station unerläßlich nötig. So haben wir doch der Agathe Michailowna wegen nach dem Arzte des Semstwo schicken müssen?“

„Ich denke, die Hand wird krumm bleiben.“

„Das ist noch die Frage. Ferner ist dir also ein Bauer, ein Arbeiter, welcher lesen und schreiben kann, doch nötiger und nützlicher.“

„Nein. Frage, wen du willst,“ versetzte Konstantin Lewin in entschiedenem Tone, „ein Arbeiter der schreiben und lesen kann, ist bei weitem weniger wert. Die Wege lassen sich auch nicht ausbessern, denn sobald man Brücken baut, stehlen sie dieselben.“

„Darum handelt sichs jetzt gar nicht,“ antwortete Sergey Iwanowitsch finster, da er Widersprüche nicht liebte, und am wenigsten solche, die beständig von dem Einen auf das Andere übersprangen, und ohne inneren Zusammenhang neue Beweisgründe beibrachten, so daß man nicht mehr erkennen konnte, worauf man antworten solle. „Gestatte,“ sagte er, „erkennst du an, daß die Bildung ein Segen für das Volk ist?“

„Das erkenne ich an,“ antwortete Lewin arglos, dachte aber gleich darnach, daß er nicht ausgesprochen habe, was er denke. Er fühlte, daß ihm, wenn er dies zugebe, bewiesen werden könne, er habe ungereimte Sachen geäußert, die keinen Sinn besäßen. Wie ihm dies bewiesen werden sollte, wußte er zwar noch nicht, aber er wußte, daß es logisch unzweifelhaft der Fall sein werde, und wartete nun auf diesen Beweis.

Es kam bei weitem einfacher, als Konstantin Lewin vermutet hatte.

„Wenn du sie als einen Segen anerkennst,“ fuhr Sergey Iwanowitsch fort, „so kannst du als ehrenhafter Mensch nicht umhin, einer solchen Sache dein Interesse zu wahren und ihr zuzustimmen und mußt daher für sie zu arbeiten wünschen.“

„Aber ich habe ja die Sache selbst noch gar nicht als gut anerkannt,“ meinte Konstantin Lewin, errötend.

„Wie? Soeben sagtest du doch“ —

„Das heißt, ich halte sie nicht für gut und nicht für möglich“ —

„Das kannst du nicht wissen, ohne für sie gewirkt zu haben.“

„Nun, gesetzt, es wäre so,“ sagte Lewin, obwohl er durchaus nicht daran glaubte, „so würde ich noch immer nicht einsehen, weshalb man sich so sehr darum sorgen soll.“

„Inwiefern?“

„Nun; da wir einmal auf das Thema gekommen sind, so erkläre mir sie doch vom philosophischen Standpunkte aus,“ fuhr Lewin fort.

„Ich verstehe nicht, was hier die Philosophie soll,“ antwortete Sergey Iwanowitsch, wie es Lewin schien, in einem Tone, als erkenne er diesem das Recht nicht zu, über Philosophie zu urteilen, was in Lewin Erbitterung hervorrief.

„Nun, so höre,“ antwortete er erhitzt, „ich bin der Meinung, daß die bewegende Ursache in allen unseren Handlungen immer das persönliche Wohlergehen ist. In den Institutionen unseres Kreises sehe ich als Edelmann nichts, was für mein eigenes Wohlergehen etwas beitragen könnte. Die Verkehrswege sind nicht besser geworden und können nicht besser werden, meine Pferde tragen mich auch über die schlechten, und einen Arzt brauche ich nicht. Ein Friedensrichter ist für mich nicht erforderlich, ich wende mich niemals an ihn und werde es auch nicht thun; Schulen brauche ich nicht nur nicht, nein sie schaden mir sogar, wie ich dir gesagt habe. Für mich haben die Institutionen des Semstwo eigentlich nur die Verbindlichkeit im Gefolge, für jede Desjatine meines Areals achtzehn Kopeken Steuern zu zahlen, nach der Stadt zu fahren, dort in Gesellschaft von Ungeziefer über Nacht zu bleiben und allen möglichen Unsinn, alle Abgeschmacktheiten mit anzuhören, ein persönliches Interesse leitet mich jedoch hierbei nicht.“

„Erlaube,“ fiel ihm hier Sergey Iwanowitsch lächelnd ins Wort, „das persönliche Interesse ist es auch nicht, welches uns zur Arbeit für die Befreiung des Bauernstandes angeregt hat — wir haben aber doch gearbeitet!“

„O nein,“ rief Konstantin Lewin, immer mehr in Eifer geratend, „die Befreiung der Bauern war eine andere Aufgabe; hier handelte es sich um ein persönliches Interesse. Man wollte jenes Joch von sich abschütteln, welches uns drückte, wie überhaupt alle guten Menschen. Aber hier soll ich mich dazu verstehen, darüber mein Gutachten abgeben, wie viele Goldschmiede eine Stadt nur haben dürfe und in welcher Weise in ihr Dampfessen zu bauen seien, in ihr, in welcher ich gar nicht wohne, oder an einer Verhandlung gegen einen Bauern teilnehmen, der einen unbedeutenden Gegenstand gestohlen hat, und dabei sechs Stunden lang all den Unsinn anhören, den die Verteidiger zusammenschwatzen, wenn der Vorsitzende meinen alten dummen Aljoscha frägt, ‚geben Sie, Herr Angeklagter, die Thatsache der Entwendung des Objekts zu?‘“

Konstantin Lewin war ganz hingerissen, indem er sich Untersuchungsrichter und den alten dummen Aljoscha vorstellte; ihm schien, als gehöre auch dies mit zur Sache.

Sergey Iwanowitsch aber zuckte die Schultern.

„Was willst du denn eigentlich sagen?“

„Ich will nur sagen, daß ich diejenigen Rechte, welche mich, mein eigenes Interesse berühren, stets verteidigen werde mit allen Kräften. Wenn bei uns während der Universitätszeit Haussuchungen vorgenommen wurden und die Polizei unsere Briefe las, da war ich bereit, mit allen Kräften diese Rechte zu vertreten, meine Rechte auf die Bildung und geistige Freiheit. Ich verstehe die allgemeine Wehrpflicht, die das Geschick meiner Kinder angeht, meiner Brüder wie mein eigenes, ich bin bereit, das zu beurteilen, was mich selbst betrifft, aber darüber zu urteilen, wie vierzigtausend Rubel Kreisgelder zur Verwendung kommen, oder ob der alte Dummkopf Aljoscha zu verurteilen sei, das verstehe ich nicht, das kann ich nicht. “

Konstantin Lewin sprach, daß die Worte sich wie im Schwall aus seinem Munde ergossen. Sergey Iwanowitsch lächelte.

„Wenn du nun morgen verurteilt würdest — sollte es dir lieber sein, wenn man dich in einem unserer hochnotpeinlichen Kriminalgerichte nach altem Stil verurteilte?“

„Ich werde nicht verurteilt. Ich werde niemand ermorden und brauche dies nicht. Und was willst du!“ — rief er plötzlich, wiederum zu einem völlig der Sache ganz fernliegenden Thema überspringend, „unsere Kreisinstitutionen und alles Verwandte sind ähnlich jenen Birken, die wir zu Pfingsten aufstellen, zum Zwecke, sie als Bilder des Waldes vor uns zu sehen, welcher in Europa schon längst in Blüte steht — ich vermag nicht, mich selbst zu täuschen und an diese Birken zu glauben.“

Sergey Iwanowitsch zuckte nur die Schultern, damit seiner Verwunderung Ausdruck verleihend, woher jetzt mit einem Male in der Auseinandersetzung diese Birken hatten erscheinen können — obwohl er sofort verstand, was sein Bruder damit andeuten wollte.

„Gestatte, so kann man doch nicht urteilen,“ bemerkte er; allein Konstantin Lewin wollte sich rechtfertigen von dem Mangel, den er selbst in sich empfand, von dem Vorwurf der Gleichgültigkeit gegenüber dem allgemeinen Wohl, und er fuhr fort:

„Ich denke, daß keine Art von Wirksamkeit erfolgreich sein kann, die nicht ihre Begründung im persönlichen Interesse findet. Dies ist eine allgemeine Wahrheit, eine philosophische,“ sagte er, das Wort entschiedenen Tones wiederholend, als wünschte er zu zeigen, daß auch er das Recht besitze, wie jeder andere von Philosophie zu reden.

Sergey Iwanowitsch lächelte wieder; auch sein Bruder hatte also eine gewisse eigene Philosophie im Dienste seiner Neigungen, dachte er bei sich.

„Nun, die Philosophie möchtest du beiseite lassen,“ sagte er, „die Hauptaufgabe der Philosophie aller Zeiten besteht namentlich darin, jenes unumgänglich nötige Band zu finden, welches zwischen dem persönlichen und dem allgemeinen Interesse existiert. Indessen das gehört nicht zur Sache, es handelt sich hier für mich nur darum, deinen Vergleich zu berichtigen. Die Birken werden nicht aufgestellt, sondern, teils gepflanzt, teils gesät und man muß mit ihnen ziemlich vorsichtig umgehen. Nur diejenigen Völker besitzen eine Zukunft, können sich historisch nennen, welche ein Gefühl für das haben, was in ihren Institutionen wichtig und bedeutungsvoll ist und diese hochhalten.“ Sergey Iwanowitsch übertrug jetzt die Frage auf das Gebiet des philosophisch Historischen, welches Konstantin Lewin unzugänglich war und zeigte ihm da den ganzen Irrtum in seiner Anschauung. „Was aber dies anbetrifft, daß dir die Sache nicht gefällt, so verzeihe mir; es handelt sich hier eben um unsere russische Trägheit und das Junkertum. Ich aber bin überzeugt, daß es sich bei dir um einen zeitweiligen Irrtum handelt, der vorübergehen wird.“

Konstantin schwieg. Er empfand, daß er auf allen Punkten geschlagen sei, fühlte aber auch zugleich, daß das, was er hatte sagen wollen, von seinem Bruder mißverstanden worden war. Er wußte nur nicht, warum; ob deshalb, weil er nicht so klar auszudrücken verstand, was er sagen wollte, oder deshalb, weil der Bruder ihn nicht verstehen wollte, oder nicht verstehen konnte?

Er machte sich indessen nicht Gedanken hierüber, sondern dachte nun über eine neue, ihn persönlich betreffende Angelegenheit nach, ohne dem Bruder zu antworten.

Sergey Iwanowitsch wickelte die letzte Angel zusammen, band das Pferd los und beide fuhren heim.

4

Die persönliche Angelegenheit, welche Lewin während seines Gespräches mit dem Bruder beschäftigt hatte, war folgende:

Im vergangenen Jahre hatte Lewin einmal, als er auf die Wiesen hinausgekommen war und sich über den Inspektor geärgert hatte, zu seinem gewöhnlichen Beruhigungsmittel gegriffen — die Sense eines Bauern genommen und selbst angefangen zu mähen.

Diese Beschäftigung hatte ihm so gefallen, daß er sich in der Folge öfters damit befaßte, zu mähen, und so hatte er eine ganze Wiese vor seinem Hause abgemäht und sich seit dem Frühling im laufenden Jahre den Plan entworfen, ganze Tage hindurch mit den Feldarbeitern zusammen zu mähen. Seit der Ankunft des Bruders befand er sich nun in Zweifel, ob er mit mähen solle, oder nicht. Er mochte den Bruder nicht gern ganze Tage sich allein überlassen und fürchtete auch, dieser möchte ihn auslachen. Als er aber über die Wiese schritt, und sich die Eindrücke die ihm das Mähen verursacht hatten, ins Gedächtnis zurückrief, war er schon fast entschlossen, mit zu mähen. Nach dem ärgerlichen Gespräch mit seinem Bruder, entsann er sich wiederum seiner Absicht.

Körperliche Bewegung muß ich haben, oder mein Geist wird zweifellos zu Grunde gehen, dachte er, und beschloß, mit zu mähen, wie unpassend ihm dies auch vor seinem Bruder und seinen Leuten erscheinen mochte.

Gegen Abend begab sich Konstantin Lewin ins Kontor, traf Anordnungen für die Arbeiten und schickte nach den Dörfern, um für den folgenden Tag die Schnitter aufbieten zu lassen, da er zuerst die kalinische Wiese, die größte und beste, schneiden lassen wollte.

„Schickt auch meine Sense mit zu Tit, damit er sie ausklopfe und morgen mitbringe; wahrscheinlich werde ich selbst mit mähen,“ sagte er, sich bemühend, nicht in Verlegenheit zu geraten.

Der Verwalter lächelte und sagte:

„Zu Diensten!“

Am Abend beim Thee sagte Lewin auch dem Bruder davon.

„Es scheint, als ob das Wetter aushalten werde,“ sprach er, „ich will morgen mit der Heuernte beginnen.“

„Diese Arbeit liebe ich sehr,“ versetzte Sergey Iwanowitsch.

„Ich liebe sie ganz außerordentlich; ich habe sogar selbst schon bisweilen mit den Bauern zusammen gemäht und morgen will ich den ganzen Tag mit arbeiten.“

Sergey Iwanowitsch hob den Kopf und blickte seinen Bruder gespannt an.

„Was heißt das? Mit den Bauern zusammen, — den ganzen Tag?“ —

„Ja. Das ist sehr hübsch,“ antwortete Lewin.

„Es ist ausgezeichnet als körperliche Übung, aber das kannst du doch kaum aushalten?“ frug Sergey ohne jeden Spott.

„Ich habe es versucht. Anfangs wurde mir es schwer, doch dann gewöhnt man sich daran. Ich denke, daß ich es nicht aufgeben werde.“

„Sieh einmal an! Aber sage mir doch, wie die Bauern dies aufnehmen? Sie müssen doch jedenfalls ihren Spott darüber treiben, daß der Herr ein Sonderling ist.“

„Nein, das glaube ich nicht, aber es ist dies eine so lustige und zugleich so schwere Arbeit, wie man gar nicht glauben sollte.“

„Dann willst du auch mit ihnen zusammen essen? Läßt dir etwa Lafitte hinbringen und einen gebratenen Kapaun; nicht übel.“

„Nein; aber sobald sie ihre Arbeitspause haben, fahre ich nach Hause.“

Am andern Morgen erhob sich Konstantin Lewin frühzeitiger als sonst, aber häusliche Anordnungen hielten ihn noch auf, und als er zu der Heuernte kam, waren die Mäher bereits bei der zweiten Reihe.

Schon vom Berge herab gewahrte er unten am Fuße desselben den dunkleren bereits gemähten Teil der Wiese und die grauen Schwaden, und schwarzen Haufen der Röcke, welche von den Mähern dort, von wo sie die erste Reihe begonnen hatten, abgelegt worden waren.

Je näher er kam, um so deutlicher traten die Gestalten der hintereinander in langer Reihe getrennt schreitenden, sensenschwingenden Bauern hervor; einer im Rock, der andere nur im Hemd; er zählte ihrer zweiundvierzig. Langsam bewegten sie sich vorwärts auf dem unebenen Grund der Wiese, auf dem ein alter Damm hinlief; einzelne seiner eigenen Leute erkannten Lewin; dort sah er den alten Jermil in einem sehr langen weißen Überhemd, gebückt seine Sense schwingend, hier den jungen tüchtigen Waska, der Lewins Kutscher war, jede Reihe mit einem Strich niederlegte, dann Tit, ein kleines hageres Männchen, Lewins Lehrmeister im Mähen. Ohne sich zu bücken, schritt derselbe voran, wie spielend mit seiner Sense breite Reihen schneidend.

Lewin stieg vom Pferde, band es beim Wege an und begab sich zu Tit, welcher eine zweite Sense aus einem Busche hervorholte und sie ihm reichte.

„Die ist brauchbar,“ sagte Tit, „sie rasiert förmlich, und schneidet wie von selbst,“ bemerkte er, lächelnd die Mütze lüftend und Lewin die Sense hinreichend.

Lewin ergriff sie und probierte. Mit ihren Reihen zu Ende kommend, traten die Mäher einer nach dem anderen, schweißtriefend aber heitergestimmt auf den Weg heraus, und begrüßten lachend ihren Herrn. Alle blickten ihn an, keiner aber sprach ein Wort, bevor nicht der hochgewachsene Alte, mit seinem runzligen, bartlosen Gesicht, in der Jacke von Schafwolle, auf dem Wege angelangt war und sich an ihn gewandt hatte.

„Sieh Herr, du läßt es dir angelegen sein; nur nicht aufhören!“ begann der Alte, und Lewin vernahm verhaltenes Lachen unter den Mähern.

„Nun, ich will mir schon Mühe geben nicht aufzuhören,“ antwortete er, hinter Tit tretend und das Zeichen des Anfangs erwartend.

„Wir wollen sehen,“ sagte der Alte.

Tit machte einen Platz frei und Lewin trat nach ihm ein. Das Gras stand niedrig vorn am Wege, und Lewin, der lange Zeit nicht gemäht hatte, mähte in den ersten Minuten, von den auf ihn gerichteten Blicken in Verlegenheit gesetzt, schlecht, wenn er auch die Sense kräftig schwang. Er vernahm hinter sich Stimmen:

„Schlecht aufgesetzt, Handgriff zu hoch; da, wie er sich noch bückt!“ sagte einer.

„Mit der Hacke muß er sich mehr stemmen,“ bemerkte ein anderer.

„Nein, ganz gut so;“ sagte ein Dritter. „Siehst du, es geht. Man muß den Strich weit nehmen, sonst ermüdet man. Aber das geht doch nicht; — der Herr — er arbeitet ja für sich selbst! Und da dingt man Leute! Unser Einem würde dies übel bekommen!“

Das Gras wurde nun weicher und Lewin, welcher alles hörte, aber nicht antwortete, bemühte sich zu mähen so gut er konnte, indem er hinter Tit herging. So war man hundert Schritte vorwärts gekommen. Tit ging immer noch, ohne innezuhalten; er zeigte nicht die geringste Ermüdung, aber Lewin wurde es schon ängstlich zu Mut, daß er die Arbeit nicht würde aushalten können, so ermüdet war er.

Er fühlte, daß er mit den letzten Kräften die Sense schwang und beschloß, Tit zu bitten, daß er einhielte. Aber im nämlichen Moment blieb dieser selbst stehen, raufte, sich niederbeugend, etwas Gras auf, wischte seine Sense ab und begann sie zu dengeln.

Lewin richtete sich empor, atmete tief auf und schaute um sich. Hinter ihm kam ein Arbeiter, augenscheinlich gleichfalls ermattet, da er sogleich, ohne bis an Lewin heranzukommen, Halt machte und ebenfalls zu schärfen begann. Tit dengelte seine und Lewins Sense und weiter ging es nun.

Dies wiederholte sich auch beim zweitenmal. Tit ging Schritt um Schritt, ohne Halt zu machen oder auszuruhen. Lewin folgte ihm, sich bemühend, ebenfalls auszuhalten; aber es wurde ihm dies schwieriger und schwieriger und der Augenblick kam, in dem er empfand, daß seine Kräfte erschöpft waren. Aber im nämlichen Moment hielt Tit wiederum inne und begann zu dengeln.

So ging es die erste Reihe hinunter, und sie schien Lewin ganz besonders sauer bei ihrer Länge, aber nichtsdestoweniger war es diesem, — als die Reihe beendet war und Tit, die Sense über die Schulter werfend, langsamen Schrittes in den Spuren zurückging, die von seinen Absätzen in der gemähten Wiese geblieben waren, er selbst aber in seiner Reihe das Nämliche that, obwohl der Schweiß ihm in Strömen über das Gesicht lief, von seiner Nase tropfte und sein Rücken ganz naß war, als sei er mit Wasser begossen worden — außerordentlich wohl zu Mute, und namentlich freute es ihn, daß er jetzt wußte, er könne die Arbeit aushalten.

Seine Freude wurde nur dadurch getrübt, daß seine Reihe nicht schön aussah. „Ich werde weniger mit der Hand ausgreifen müssen, als mit dem ganzen Oberkörper,“ dachte er, den von Tit gelegten Schwaden mit seinem vergleichend, der zerstreut und ungleichmäßig lag.

Die erste Reihe hatte Tit, wie Lewin gemerkt hatte, besonders schnell zurückgelegt, wahrscheinlich weil er wünschte, den Herrn auf die Probe zu stellen, und die Schwaden lagen daher gestreckt. Die folgenden waren schon leichter gewesen, obwohl Lewin dabei immer noch alle seine Kräfte anstrengen mußte, um nicht hinter den Bauern zurückzubleiben.

Er dachte und wünschte nichts, als nur nicht hinter den Bauern zu bleiben, und so gut wie möglich zu arbeiten. Er hörte nur das Rauschen der Sensen und sah dicht vor sich die straffe Gestalt Tits weitergehen, den Halbkreis in der Wiese, die langsam um die Schärfe seiner Sense hin-und herwogenden Halme und Samentroddeln, und weiter vorn das Ende der Reihe, bei welchem Erholung winkte.

Ohne zu wissen, wie es kam, empfand er plötzlich inmitten seiner Arbeit ein angenehmes Gefühl von Kühle auf den erhitzten, schweißtriefenden Schultern. Er blickte zum Himmel empor, während die Sense geschärft wurde; eine niedrig hängende, schwere Wetterwolke war heraufgekommen und ein feiner Regen fiel nieder. Einige der Arbeiter liefen zu ihren Röcken und zogen dieselben über, andere — und ebenso that Lewin — zuckten nur frohgelaunt die Schultern unter der angenehmen Erfrischung.

Reihe auf Reihe wurde zurückgelegt, und man schnitt lange und kurze Reihen, mit gutem und schlechtem Gras ab. Lewin hatte jegliches Zeitgefühl verloren und wußte schlechterdings nicht zu sagen, ob es jetzt früh oder spät sei. In seiner Thätigkeit begann jetzt eine Veränderung vor sich zu gehen, die ihm außerordentliches Vergnügen gewährte.

Mitten in der Arbeit überkamen ihn Minuten, in denen er vergaß, womit er beschäftigt war; es wurde ihm frei ums Herz und in diesen Augenblicken fielen seine Schwaden fast ebenso gleichmäßig und schön, wie bei Tit. Kaum aber hatte er sich wieder vergegenwärtigt, was er thue, und angefangen, recht gut arbeiten zu wollen, so erfuhr er an sich wieder die ganze Schwierigkeit der Arbeit, und seine Schwaden fielen schlecht.

Als er eine weitere Reihe beendet hatte, und wiederum umkehren wollte, blieb Tit stehen und raunte dem Alten, indem er zu ihm hintrat, leise etwas zu. Beide blickten nach der Sonne.

„Wovon mögen sie sprechen, und weshalb fangen sie keine Reihe mehr an?“ dachte Lewin, der gar nicht daran gedacht hatte, daß die Bauern ohne Unterbrechung jetzt schon nicht weniger als vier Stunden gemäht hatten und nun frühstücken mußten.

„Frühstücken, Herr,“ sagte der Alte zu ihm.

„Schon Zeit? Gut, frühstücken wir!“

Lewin gab Tit seine Sense und schritt zusammen mit den Arbeitern die nach dem Frühstücksbrot zu ihren Röcken gingen, durch die leicht vom Regen besprühten Schwaden auf der abgemähten Fläche nach seinem Pferde. Hier erst fiel ihm ein, daß er gar nicht an das Wetter gedacht und der Regen ihm das Heu naß gemacht habe.

„Er wird es verderben,“ sagte er.

„O, nein, Herr,“ antwortete ihm der Alte und fügte in der russischen Bauernregel hinzu: „W doždj kosi, w pogodu grebi!“

Lewin band sein Pferd los, und ritt heim, um Kaffee zu trinken.

Sergey Iwanowitsch war soeben erst aufgestanden. Nachdem Lewin den Kaffee zu sich genommen, ritt er wieder hinaus zur Heuernte, bevor noch Sergey Iwanowitsch sich angekleidet hatte und im Speisezimmer erschienen war.

5

Nach dem Frühstück kam Lewin nicht wieder an seinen früheren Platz in der Reihe, sondern zwischen einen launigen Alten, der ihn in seine Nachbarschaft gebeten hatte, und einen jungen Bauern, der erst seit dem Herbst verheiratet und das erste Jahr mit Heumähen gegangen war.

Der Alte ging in aufrechter Haltung voran, gleichmäßig die gespreizten Beine vorwärts setzend und in ruhiger Bewegung, die bei ihm offenbar nicht mehr Arbeit war, als vielmehr eine Bewegung mit den Armen im Gehen, — wie spielend ganz allein eine hochgewachsene Reihe niederstreckend, als ob nicht er, sondern nur seine haarscharfe Sense in das saftige Gras schnitte.

Hinter Lewin schritt der junge Mischka. Das freundliche, jugendliche Gesicht desselben, mit den von frischem Gras umwundenen Haaren, arbeitete selbst mit vor Anstrengung, aber sobald ihn einer anblickte, lächelte er. Offenbar war er bereit, lieber zu sterben, als einzugestehen, daß es ihm sauer werde.

Lewin ging zwischen den beiden; gerade in der höchsten Hitze erschien ihm das Mähen nicht so anstrengend. Der Schweiß, welcher ihn überströmte, kühlte ihn, die Sonne, welche auf seinen Rücken, seinen Kopf und den bis zum Ellbogen entblößten Arm brannte, verlieh ihm Kraft und Ausdauer in der Arbeit; öfter und öfter kamen jene Minuten des Zustandes der Selbstvergessenheit, in denen man nicht an das zu denken braucht, was man thut.

Die Sense schnitt wie von selbst. Dies waren ihm glückselige Augenblicke. Noch glückseliger aber waren die, wenn der Alte, an den Fluß gelangend, an welchem die Reihen aufhörten, mit dem dichten nassen Grase seine Sense abrieb und ihren Stahl in dem frischen Wasser des Flusses badete, alsdann Wasser zu seinem Preißelbeerschnaps mischte und Lewin damit regalierte.

„Das ist Kwas von mir,“ sagte er, „er ist wohl gut?“ sagte er und seine Augen zwinkerten dabei.

Und in der That hatte Lewin noch niemals ein solches Getränk gekostet, wie dieses laue Wasser mit dem darauf schwimmenden Grün und seinem rostigen Blechgeschmack von den Preißelsbeeren.

Gleich darauf begann wiederum der langsame Gang, die Hand an der Sense, während dessen man den strömenden Schweiß abwischen konnte, mit voller Brust aufatmete und die weithin sich dehnende ganze Reihe der Schnitter überschaute, wie alles, was sich ringsum, im Walde und auf der Haide, ereignete. Je länger Lewin mähte, um so häufiger wurden die Momente der Selbstvergessenheit, in welcher die Hände schon nicht mehr die Sense schwangen, sondern diese selbst die Hand bewegte, als sei sie ein Ding mit Bewußtsein, ein lebensvoller Körper, und wie durch Zauberei ohne sein eigenes Zuthun, wurde die Arbeit durch sich selbst recht und sorgsam. Dies waren für ihn die schönsten Augenblicke.

Schwierig aber wurde die Sache dann, wenn man diese unbewußt gewordene Bewegung zu regeln hatte und denken mußte, wenn es galt, über einen Maulwurfshügel oder einen Fleck mit nichtgejätetem Sauerampfer zu mähen.

Der Alte vollbrachte dies mit Leichtigkeit. Kam ein solcher Erdhaufen, so veränderte er seine Bewegung und wo sein Absatz war, mit dem Ende der Sense, da umschnitt er denselben von beiden Seiten mit kleinen kurzen Streichen. Indem er dies aber that, schaute er vorsichtig auf und beobachtete alles, was sich vor ihm im Grase zeigte. Bald nahm er einen kleinen Pilz auf und verspeiste ihn, oder gab ihn Lewin zu essen, bald beseitigte er mit der Spitze der Sense ein Gestrüpp, bald erblickte er ein Wachtelnest, von welchem erst dicht vor der Schneide die Mutter aufflog, bald fing er eine Schlange, die ihm über den Weg kam und hob sie wie auf eine Gabel gespießt auf der Sense empor, sie Lewin zeigend und dann beiseite schleudernd. Für diesen und den jungen Bauern dahinter, waren diese Bewegungen schwierig. Beide, die nur das Augenmerk auf ihre Bewegungen richten mußten, befanden sich unter dem Zwange der Arbeit und besaßen nicht die Kraft, ihre Bewegungen zu ändern, und zu gleicher Zeit auch zu beobachten, was um sie her vor sich ging.

Lewin merkte gar nicht, wie die Zeit verging. Hätte man ihn gefragt, wie lange er schon gemäht habe, so würde er geantwortet haben, eine halbe Stunde — und doch war es schon Mittag geworden. Bei dem Anfang einer Reihe lenkte der Alte Lewins Aufmerksamkeit auf einige kleine Mädchen und Knaben, welche von verschiedenen Gegenden, kaum sichtbar, im hohen Grase und auf dem Wege daher auf die Schnitter zukamen. Sie trugen kleine Päckchen in den Händen mit Brot, und mit Tüchern oben zugebundene Schüsseln voll Kwas.

„Da kommen unsere Käferchen herangekrochen!“ sagte er, auf die kleinen weisend und unter der hochgehaltenen Hand nach der Sonne hinaufblickend. Noch zwei Reihen wurden zurückgelegt, dann hielt der Alte inne.

„Nun, Herr, wollen wir essen!“ sagte er kurz. Er ging zum Flusse, die Schnitter kamen durch die Schwaden zu ihren Röcken, bei denen die Kinder, welche die Mittagsmahlzeit gebracht hatten, ihrer harrend, saßen. Die Landleute sammelten sich — die weiter ab Arbeitenden unter die Wagen, die näher Befindlichen unter einem Gebüsch, welches mit Gras gedeckt worden war.

Lewin setzte sich zu ihnen; er verspürte keine Lust, heimzufahren.

Alle Befangenheit vor dem anwesenden Herrn war längst verschwunden, die Bauern rüsteten sich zu ihrer Mahlzeit. Die einen wuschen sich, die Kleinen badeten im Flusse, andere suchten einen Ort zur Ruhe, lösten die Beutel mit dem Brot und öffneten die Kwasschüsseln.

Der Alte brockte Brot in seine Schüssel, stampfte es mit dem Löffelstiel, goß Preißelsbeersaft darüber, schnitt noch mehr Brot, salzte es und begann hierauf, nach Osten gewendet sein Gebet zu verrichten.

„Nun, Herr, wollt Ihr von meiner Tjurka?“ frug er dann, sich auf die Kniee vor seiner Schüssel niederhockend. Die Tjurka war so schmackhaft, daß Lewin es aufgab, heimzureiten um Mittag zu essen. Er speiste mit dem Alten und unterhielt sich mit demselben über dessen häusliche Verhältnisse, an denen er lebendiges Interesse bekundete. Er teilte ihm selbst alle seine eigenen Geschäfte mit, alle Umstände, welche den Alten zu interessieren vermochten. Er fühlte sich diesem viel näher, als seinem Bruder, und lächelte unwillkürlich über die herzliche Neigung, die er zu diesem Greise fühlte. Als dieser sich wieder erhob und abermals gebetet hatte, streckte er sich unter das Gebüsch, sich Gras unter sein Kopfkissen legend; Lewin that das Nämliche und schlief sogleich ein, ungeachtet der klebrigen, zudringlich in der Sonne schwärmenden Fliegen und Käfer, welche sein schweißbedecktes Gesicht und den Körper umschwirrten, um erst wieder aufzuwachen, als die Sonne schon auf der anderen Seite des Strauches stand und ihn stach. Der Alte schlief schon lange nicht mehr; er saß und flocht den Kindern die Zöpfe.

Lewin schaute im Kreise um sich; er erkannte den Ort nicht wieder, so hatte sich alles verändert. Die Wiese in ihrer weiten Ausdehnung war gemäht und glänzte jetzt von einem eigenartigen, neuen Schimmer in ihren schon duftenden Schwaden unter den abendlich schrägfallenden Strahlen der Sonne. Auch um das Gebüsch und am Flusse war gemäht, und dieser selbst, der vorher nicht sichtbar gewesen war, glänzte jetzt wie Stahl mit seinen Windungen; er sah das sich regende, sich erhebende Volk der Mäher, die steile Wand des noch nicht geschnittenen Grasbestandes der Wiese, die Habichte, die sich über der entblößten Fläche tummelten — und alles das war ihm neu.

Als er zu sich gekommen war, begann er zu berechnen, wie viel bereits geschnitten war, und wie viel noch am heutigen Tage gearbeitet werden konnte.

Es war für die Zahl von zweiundvierzig Arbeitern ungewöhnlich viel geleistet worden. Eine ganze große Wiese, die sonst wohl von dreißig Sensen in zwei Tagen gemäht wurde, war jetzt schon fertig, und noch nicht geschnitten waren nur die Ecken mit ihren kurzen Reihen. Aber Lewin wünschte heute soviel als möglich zu mähen und war auf die Sonne ungehalten, die sobald schon hinunterging. Er fühlte keine Ermüdung; er wollte nur soviel als möglich und so schnell als möglich arbeiten.

„Nun, wie denkst du, können wir noch den ‚Maschkin Werch‘ mähen?“ frug er den Alten.

„Wie Gott will; die Sonne steht allerdings nicht mehr hoch. Ein Schnaps wird den wackeren Burschen recht sein.“

Während des Vesperbrotes, als man sich wiederum niedersetzte und einige rauchten, teilte der Alte den Burschen mit, daß noch der „Maschkin Werch“ gemäht werden müsse und es Branntwein geben werde.

„Ha, auf das Mähen kommt es uns nicht an! Ans Zeug, Tit! Wir wollen schon schwingen.“

„Wir können zum Abend essen. Also ans Werk!“ vernahm man mehrere Stimmen und den letzten Bissen kauend, gingen die Mäher wieder an die Arbeit.

„Haltet euch dazu, Jungen!“ rief der alte Tit, fast im Trabe den übrigen vorangehend.

„Geh zu, geh zu!“ rief der Alte, ihm folgend und ihn leicht antreibend, „oder ich schneide zu — hüte dich!“ —

Die Jungen und die Alten mähten nun gleichsam um die Wette, aber so sehr sie sich auch sputeten, sie verdarben keine Reihe und die Schwaden fielen glatt und sorgfältig. Ein Winkel in der Ecke war in fünf Minuten fertig; und die hinteren Mäher gingen noch in den Reihen, als die vorderen bereits ihre Röcke über die Schultern warfen und über den Weg hinweg nach dem „Maschkin Werch“ gingen.

Die Sonne senkte sich bereits über die Dörfer, als sie an die Waldschlucht, welche „Maschkin Werch“ hieß, gelangten. Das Gras in der Mitte des Hohlweges stand bis an den Gürtel hoch, es war zart, weich und saftig, hier und da von Vergißmeinnicht durchsetzt.

Nach einer kurzen Beratung, ob man längs oder quer mähen solle, ging Prochor Jermilin, ebenfalls ein berühmter Mäher, ein außerordentlich großer, schwarzer Mann voran. Er ging einen Schwaden ab und begann zu mähen. Die übrigen thaten es ihm nach; die einen nach dem Berge hin in der Schlucht schreitend, die anderen auf den Abhang hinauf bis dicht an den Wald.

Die Sonne sank hinter dem Walde, der Thau begann schon zu fallen, und nur auf der Anhöhe waren die Mäher noch in der Sonne, unten aber, wo sich der Nebel erhob und jenseits gingen die Schnitter im frischen duftigen Schatten; die Arbeit war in vollstem Zuge.

Das unter sausendem Geräusch niedergestreckte Gras sank duftend in hohen Reihen und die Schnitter, von allen Seiten sich zu kurzen Zügen zusammendrängend, bald mit den Wetzsteinen klappernd, bald mit den Sensen klirrend, trieben sich unter lustigen Zurufen.

Lewin schritt noch immer zwischen dem jungen Arbeiter und dem Alten. Der letztere, welcher jetzt seine Schafwolljacke angezogen hatte, befand sich ebenfalls in lustiger aufgeräumtester Stimmung und bewegte sich mit voller Lebendigkeit. Im Walde fand man von den Sensen getroffene dicke Birkenschwämme im saftigen Grase. Der Alte bückte sich bei jedem derselben, hob ihn auf, prüfte, und steckte ihn dann in den Brustlatz. „Das ist etwas für meine Alte,“ sagte er dabei.

So leicht es auch war, das nasse, dünne Gras mit der Sense zu schneiden, so schwierig war es, an den steilen Abhängen der Schlucht auf und abzusteigen beim Mähen. Aber den Alten verdroß dies nicht; die Sense stetig schwingend, ging er mit seinen kleinen, festen Schritten, die Füße in den mächtigen Bastschuhen, langsam die Anhöhen hinan und obwohl er dabei vor Anstrengung am ganzen Körper zitterte und die Beinkleider ihm tief herabgerutscht waren, ließ er doch kein einziges Hälmchen, keinen Pilz auf seinem Wege stehen und scherzte dabei mit den Arbeitern und mit Lewin ruhig weiter.

Dieser folgte ihm und dachte oft, er würde sicher stürzen, indem er mit der Sense an einem steilen Hügel hinanstieg, an welchem es schon ohne solche schwierig war, hinaufzukommen. Aber er stieg und that seine Pflicht, und empfand dabei, daß gleichsam eine gewisse äußere Macht mit ihm wirkte.

6

Man hatte den „Maschkin Werch“ abgemäht und legte die letzten Schwaden nieder; die Röcke wurden angezogen und alles kehrte in fröhlicher Stimmung heim.

Lewin setzte sich auf sein Pferd, und ritt, sich nur ungern von seinen Bauern verabschiedend, heim. Oben von dem Berge herab blickte er um sich; er gewahrte nichts mehr von den Leuten in dem aus der Niederung aufsteigenden Nebel, nur ihre Stimmen waren noch vernehmbar, lustige rauhe Stimmen, Lachen und die Töne der aneinanderklirrenden Sensen.

Sergey Iwanowitsch hatte die Abendmahlzeit schon längst beendet und nahm Limonade mit Wasser und Eis in seinem Zimmer zu sich. Er durchflog dabei die soeben von der Post eingetroffenen Zeitungen und Journale, als Lewin mit schweißdurchnäßten und wirr an der Stirn klebenden Haaren, Rücken und Brust von der Feuchtigkeit dunkel gefärbt, mit heiterem Gespräch ins Zimmer zu ihm hereintrat.

„Die ganze Wiese haben wir abgemäht, ah, und wie schön, es ist staunenswert! Was hast du denn den Tag hindurch gemacht?“ frug Lewin, der das unerbauliche Gespräch von gestern völlig vergessen hatte.

„Bei allen Heiligen! Wie siehst du denn aus?“ rief Sergey Iwanowitsch, in der ersten Minute seinen Bruder mit mißbilligendem Blicke musternd. „Aber so schließ doch die Thür, sicherlich hast du ein ganzes Dutzend Mücken hereingelassen!“ rief er dann.

Sergey Iwanowitsch konnte die Fliegen nicht ausstehen und öffnete in seinem Zimmer nur des Nachts die Fenster, die Thür aber hielt er sorgfältig verschlossen.

„Mein Gott, es ist ja keine einzige da, und wenn ich welche hereinließ, dann will ich sie fangen! Du kannst nicht glauben, welches Vergnügen ich gehabt habe. Wie hast du denn den Tag verbracht?“

„Ich habe mich ganz gut unterhalten; aber hast du wirklich den ganzen Tag gemäht? Ich glaube, du mußt hungrig sein wie ein Wolf. Kusma hatte alles für dich fertig gemacht.“

„Nein, ich mag nicht essen, ich habe schon draußen gegessen, aber jetzt will ich gehen und mich waschen.“

„Nun, geh, ich komme dann sogleich zu dir,“ antwortete Sergey Iwanowitsch, kopfschüttelnd seinen Bruder betrachtend. „Geh nun, geh nur schnell,“ fügte er hinzu, lächelte und schickte sich, seine Bücher zusammennehmend, gleichfalls zu gehen an. Er fühlte sich plötzlich bei guter Laune und verspürte keine Neigung, sich von seinem Bruder zu trennen.

„Wo warst du denn, als es regnete?“

„Regnete? Es hat ja kaum getropft! Ich werde aber sogleich wiederkommen. Du hast dich also den ganzen Tag über wohl befunden? Das ist ja hübsch.“ Lewin ging, um sich anzukleiden.

Nach Verlauf von fünf Minuten kamen die Brüder im Speisezimmer wieder zusammen. Obwohl es Lewin geschienen, als verspüre er gar keinen Hunger, setzte er sich doch zum Essen an den Tisch, um Kusma nicht zu beleidigen, als er indessen erst zu essen begonnen hatte, da zeigte sich ihm die Mahlzeit als äußerst schmackhaft. Sergey Iwanowitsch blickte ihn lächelnd an.

„Ach ja, es ist auch ein Brief für dich angekommen!“ fügte er hierauf hinzu, „Kusma, bringe ihn doch gefälligst herunter; doch sieh zu, daß die Thür wieder geschlossen wird!“

Das Schreiben war von Oblonskiy; Lewin las es laut vor. Oblonskiy schrieb von Petersburg aus: „Ich habe einen Brief von Dolly erhalten; sie befindet sich in Jerguschowo, aber es geht ihr nicht nach Wunsch. Begieb dich doch, wenn ich dich bitten dürfte, einmal zu ihr und stehe ihr mit deinem Rate bei; du kennst ja alles. Sie wird sich gewiß recht freuen, dich zu sehen. Ist sie doch ganz verlassen, die Arme, denn meine Schwiegermutter ist mit der ganzen Familie noch im Ausland.“

„Das ist ja ausgezeichnet! Ich werde ohne Zweifel zu ihnen fahren!“ rief Lewin, „wir könnten da eigentlich beide zusammen fahren! Sie ist ein so braves Weib; nicht wahr?“

„Ist es nicht zu weit?“

„Dreißig Werst, vielleicht auch vierzig. Doch der Weg ist vorzüglich; wir werden zusammen fahren.“

„Sehr angenehm,“ antwortete Sergey Iwanowitsch noch immer lächelnd. Der Anblick seines jüngeren Bruders versetzte ihn geradezu in Heiterkeit. „Guten Appetit hast du!“ sagte er, auf das über den Teller gebeugte, von der Sonne rotbraun gebrannte Gesicht und den Hals Lewins schauend.

„Außerordentlich! Du glaubst nicht, wie nützlich eine solche Methode für Thorheiten aller Art ist. Ich will die Medizin mit einem neuen deutschen Ausdruck ‚Arbeitskur‘, bereichern.“

„Die scheint aber dir doch nicht nötig zu sein.“

„Nein; nur manchen Nervenleidenden.“

„Man müßte sie versuchen. Ich hatte allerdings große Lust, zur Heuernte zu kommen, um dich zu sehen, aber die Hitze war so unerträglich, daß ich nicht weiter kam, als bis zum Walde. Da habe ich mich niedergesetzt und bin dann nach dem Dorfe hin gegangen. Ich traf auch dabei deine Amme, die ich bezüglich der Ansichten der Bauern über dich ausfrug. So weit ich verstand, billigen sie dein Vorgehen nicht, und sie sagte, das Mähen sei nicht Sache eines vornehmen Herrn. Mir scheint im allgemeinen, als ob sich in den Begriffen des Volkes die Ansichten über eine konventionell herrschaftliche Thätigkeit, wie man es nennen könnte, sehr scharf bestimmt wären; diese Bauern lassen es nicht zu, daß die Herren aus den nach ihrer Auffassung bestimmten Grenzen heraustreten.“

„Mag sein, aber es ist dies doch solch ein Vergnügen, wie ich es in meinem Leben noch nicht gehabt habe. Etwas Böses ist ja auch nicht dabei. Nicht wahr?“ antwortete Lewin. „Was ist nun zu thun, wenn es ihnen nicht gefällt? Ich denke übrigens, dies hat auch nichts auf sich. Wie?“

„Im allgemeinen,“ fuhr Sergey Iwanowitsch fort, „bist du, wie ich sehe, mit deinem Tag zufrieden.“

„Sehr zufrieden; wir haben eine ganze Wiese gemäht, und mit was für einem Alten habe ich dort Freundschaft geschlossen! Du kannst dir das nicht vorstellen, — eine Pracht!“

„Du bist also zufrieden mit deinem Tag. Ich bin es auch. Zunächst habe ich zwei Schachaufgaben gelöst, eine davon ist sehr hübsch, sie wird durch einen Bauer eröffnet und ich werde sie dir zeigen. Dann aber habe ich über unsere gestrige Unterredung nachgedacht.“

„Wie? Über unsere gestrige Unterredung?“ frug Lewin, zufrieden mit den Augen blinkernd und tief aufschnaufend nach der Beendigung der Mahlzeit. Er hatte durchaus nicht die Fähigkeit mehr, sich wieder zu vergegenwärtigen, welcher Art die gestrige Unterredung gewesen war.

„Ich finde, daß du zum Teil recht hattest. Unsere Meinungsverschiedenheit beruht darin, daß du als das treibende Moment das persönliche Interesse hinstelltest, während ich glaube, daß ein Interesse für das allgemeine Wohl bei jedem Menschen vorhanden sein muß, welcher auf einer gewissen Bildungsstufe steht. Mag sein, daß du auch damit recht hast, die materiell interessierte Thätigkeit sei die wünschenswertere. Im allgemeinen bist du eine Natur, die, wie die Franzosen sagen, allzuviel primesautière ist; du willst eine leidenschaftliche, energische Thätigkeit, oder gar keine.“

Lewin hörte dem Bruder zu, er verstand aber durchaus nichts von dessen Worten und wollte auch nichts verstehen. Er fürchtete lediglich, der Bruder möchte ihm eine Frage stellen, bei der es sich zeigen würde, daß er gar nicht zugehört habe.

„So steht es also, Freundchen!“ sagte Sergey Iwanowitsch, ihn an der Schulter fassend.

„Ja wohl, versteht sich. Aber was ist — ich beharre ja gar nicht auf meiner Meinung,“ antwortete Lewin mit kindlichem, schuldbewußten Lächeln. — „Worin habe ich denn gestritten?“ dachte er bei sich. „Freilich ich habe recht und er hat recht, und so ist alles gut. Aber jetzt nur noch ins Kontor und Anordnungen treffen.“ Er erhob sich, dehnte sich und lächelte.

Sergey Iwanowitsch lächelte gleichfalls.

„Du willst mir aus dem Wege gehen; gehen wir zusammen,“ sagte er, im Wunsche, sich nicht von dem Bruder zu trennen, von dem es ihn mit Frische und strotzender Kraft anmutete, „komm, laß uns zusammen nach dem Kontor gehen, wenn du dorthin mußt.“

„Alle Heiligen!“ rief Lewin aus, so laut, daß Sergey Iwanowitsch erschrak.

„Was; was hast du?“

„Was macht die Hand der Agathe Michailowna?“ frug Lewin, sich vor den Kopf schlagend. „Die habe ich ja ganz vergessen!“

„Sie ist weit besser geworden.“

„Nun, gleichwohl muß ich doch einmal zu ihr laufen. Bevor du den Hut aufgesetzt hast, werde ich wieder zurückgekehrt sein.“

Wie eine Dreschmaschine mit den Absätzen polternd, eilte er zur Treppe hinab.

7

Während Stefan Arkadjewitsch nach Petersburg fuhr, um der Erfüllung jener, allen Beamten naturgemäßesten und vertrautesten — wenn auch den Laien unverständlichen — Hauptpflichten zu genügen, ohne welche es nicht möglich ist, Beamter zu sein, der nämlich, seine werte Persönlichkeit dem Ministerium in Erinnerung zu bringen, und hierbei, in der Erfüllung dieser Obliegenheit, fast alles Barvermögen des Hauses bei sich führend, die Zeit heiter und vergnügt auf der Schlittschuhbahn oder auf den Villen verbrachte — war Dolly mit den Kindern auf das Land übergesiedelt, um die Ausgaben soviel wie möglich zu beschränken. Sie hatte sich nach ihrem Mitgiftgute Jerguschowo begeben, demselben, von welchem der Wald im Frühling veräußert worden war, und welches einige fünfzig Werst von Lewins Dorfe Pokrowskoje lag.

In Jerguschowo war das große alte Herrenhaus schon lange abgebrochen; doch war vom Fürsten her noch ein Flügel davon abgeteilt und erhöht worden — vor zwanzig Jahren zur Zeit, als Dolly noch ein Kind war, — geräumig und bequem zwar, stand er freilich, wie alle Flügel, seitwärts von der Ausfahrtallee und nach Süden. Jetzt aber war dieser Flügel alt und baufällig geworden.

Als Stefan Arkadjewitsch im Frühjahr zum Waldverkauf gefahren war, hatte Dolly ihn gebeten, das Haus zu besichtigen und die Renovierung anzuordnen, soweit sie nötig sein würde.

Stefan Arkadjewitsch, wie alle schuldbewußten Ehemänner, höchst besorgt um die Bequemlichkeit seiner Frau, besichtigte persönlich das Haus und traf bezüglich alles dessen, was nach seiner Auffassung erforderlich war, Verfügungen.

Nach seiner Auffassung war es nötig, das gesamte Meublement mit Cretonüberzügen neu zu überziehen, Gardinen aufzustecken, den Garten zu säubern, eine kleine Brücke am Teich zu bauen und Blumen zu pflanzen, dabei aber hatte er viele andere notwendige Dinge vergessen, deren Mangel später für Darja Alexandrowna peinlich wurde.

So sehr sich Stefan Arkadjewitsch auch bemühte, ein sorglicher Vater und Ehemann zu sein, konnte er sich doch in keiner Weise vergegenwärtigen, daß er Weib und Kinder besitze.

Er hatte noch völlig den Hagestolzengeschmack und nach diesem allein erwog er sich alles. Nach Moskau zurückgekehrt, erklärte er seiner Frau voll Selbstgefühl, daß alles vorbereitet wäre, daß das Haus wie ein Kinderspielzeug sein werde und er ihr nunmehr sehr empfehle, zu fahren.

Für Stefan Arkadjewitsch war die Abreise der Gattin in jeder Hinsicht sehr willkommen; für die Kinder war sie der Gesundheit zuträglich, die Ausgaben wurden vermindert und er selbst erhielt mehr Freiheit. Darja Alexandrowna aber hielt ihre Übersiedelung nach dem Dorfe für den Sommer ebenfalls für unumgänglich, wegen der Kinder, besonders ihres Töchterchens, welches nach dem Scharlachfieber noch nicht wieder recht zu Kräften kommen konnte, und dann endlich, weil sie sich damit von den vielen kleinen Erniedrigungen, den kleinen Schulden, die sie an die Holzlieferanten, Fischer und Schuhmacher hatte, und welche sie quälten, befreien konnte.

Außerdem war ihr aber die Übersiedelung auch noch wünschenswert, weil sie glaubte, auch ihre Schwester Kity mit auf das Dorf nehmen zu können, welche in der Mitte des Sommers aus dem Auslande heimkehren mußte, und der Bäder verschrieben worden waren.

Kity hatte ihr aus dem Badeort geschrieben, daß ihr nichts so angenehm dünke, als den Sommer mit Dolly in Jerguschowo zubringen zu können, welches ja so reich an Jugenderinnerungen für sie beide sei.

Die erste Zeit des Aufenthaltes auf dem Lande war für Dolly sehr beschwerlich. Sie hatte in ihrer Kindheit auf dem Lande gelebt und es war der Eindruck in ihr zurückgeblieben, daß das Dorf ein Zufluchtsort vor all den Unannehmlichkeiten der Stadt sei, daß das Leben hier, wenngleich nicht schön — hierin hätte sich Dolly leicht zufrieden gegeben — doch billig und bequem sei; man konnte hier alles haben und billig haben, was zu bekommen war, und die Kinder befanden sich wohl dabei. Als sie jetzt aber in ihrer Eigenschaft als Hausherrin auf das Dorf gekommen war, wurde sie inne, daß die Sache doch gar nicht so war, als sie gedacht hatte.

Am Tage nach ihrer Ankunft kam ein Platzregen und abends floß der Korridor und die Kinderstube von Wasser, so daß man die Kinderbetten in das Gastzimmer bringen mußte. Eine Köchin für das Gesinde war nicht vorhanden, und von den neun Kühen kalbten nach den Worten der Viehmagd einige, andere hatten das erste Kalb, oder waren schon zu alt und gaben keine Milch; weder Butter noch Milch war ausreichend selbst für die Kinder vorhanden; Eier gab es gar nicht und eine Henne war nicht zu erlangen. Man briet oder kochte nur alte, sehnige Hähne. Selbst Weiber, die die Zimmer scheuerten, konnte man nicht haben, sie waren alle auf dem Kartoffelfeld. Auszufahren erwies sich als unmöglich, weil das einzige Pferd störrig war und in die Deichsel riß, auch baden konnte man nicht, denn das ganze Flußufer war vom Vieh ausgetreten und lag vom Wege aus frei sichtbar da, ja selbst ein Spaziergang ließ sich nicht unternehmen, da das Vieh durch den zerbrochenen Gartenzaun in den Garten kam, und es einen bösartigen Stier hier gab, welcher brüllte und daher wohl mit den Hörnern stoßen konnte. Schränke für die Garderobe mangelten auch, und die, welche vorhanden waren, ließen sich nicht verschließen, sondern gingen von selbst auf, sobald man an ihnen vorüberschritt. Küchengerät und Äsche fehlten gleichfalls, ein Waschkessel, selbst ein Plättbrett war nicht da.

Anfangs war daher Darja Aleksandrowna, anstatt Ruhe und Erholung zu finden, in Verzweiflung, als sie in diesen von ihrem Gesichtspunkt aus furchtbaren Notstand geraten war; sie sorgte mit allen Kräften, sie empfand den Zwang ihrer Lage und mußte alle Augenblicke die Thränen zurückdrängen, die ihr in die Augen traten. Der Hausverwalter, ein früherer Wachtmeister, der bei Stefan Arkadjewitsch in Gunst stand, und von diesem seiner einnehmenden und respektablen Erscheinung halber zum Portier erhoben worden war, widmete der bedrängten Lage seiner Herrin nicht die geringste Teilnahme; er äußerte nur ehrerbietig: „Es ist unmöglich etwas zu thun; das Volk hier ist zu elend,“ und leistete sonst keinerlei Beistand.

Die Lage erschien trostlos. Aber im Hause der Oblonskiy gab es, wie das in allen guten Häusern ist — eine zwar nicht hervortretende, dafür aber äußerst wichtige und nützliche Person — das war Marja Philimonowna.

Diese beruhigte die Herrin, versicherte derselben, daß sich „schon alles machen werde“ — ihr gewöhnliches Wort, welches von ihr erst Matwey angenommen hatte, — und wirkte nun ohne Hast und Unruhe.

Sie war sogleich mit der Wirtschafterin in Verbindung getreten, hatte schon am ersten Tage nach der Ankunft mit dieser und dem Verwalter Thee zusammen unter den Akazien getrunken, und dabei alle Angelegenheiten beraten. Schnell hatte sich unter den Akazien ein Klub Marja Philimonownas gebildet, und durch diesen Klub, welcher aus der Wirtschafterin, dem Starosten und dem Kontorschreiber bestand, begannen sich die Übelstände des Lebens einigermaßen zu bessern, so daß nach Verlauf einer Woche sich in der That „alles schon machte“. Man hatte das Dach ausgebessert, eine Köchin gefunden — eine Base des Starosten, — Hühner angekauft; die Kühe begannen Milch zu geben, der Garten wurde mit dünnen, langen Stangen umzäunt, der Zimmermann hatte eine Wäschmangel gebaut und zu den Schränken waren Schlüssel geschafft worden, so daß sie sich nicht mehr von selbst öffneten; ein Plättbrett, mit Uniformtuch überzogen, lag von der Armsessellehne bis zur Kommode und in der Mädchenstube roch es nach dem heißen Plättstahl.

„Da haben wirs ja und doch war man schon in Verzweiflung,“ sagte Marja Philimonowna, auf das Brett weisend.

Selbst ein Badehäuschen war aus Strohschirmen gebaut. Lily begann zu baden und für Darja Aleksandrowna gingen so wenigstens die Erwartungen, die sie sich von einem wenn auch nicht ruhigen, so doch bequemen Landleben gemacht hatte, in Erfüllung. Mit sechs Kindern konnte Darja Aleksandrowna nicht ruhig leben; das eine war krank, das andere konnte krank werden, dem dritten fehlte etwas, das vierte zeigte Anlagen zu schlechtem Charakter — und so ging es fort. Selten, höchst selten gab es kurze Ruhepausen, und doch waren diese Sorgen und Unruhen für Darja Aleksandrowna das einzig mögliche Glück. Wäre es nicht vorhanden gewesen, so war sie sich selbst überlassen mit ihren Gedanken über ihren Mann, der sie nicht liebte.

Aber so drückend auch der Mutter die Angst vor der Krankheit, und die Krankheit der Kinder selbst sein mochte, und der Schmerz, welchen sie angesichts der Anzeichen zu schlechten Neigungen bei ihren Kindern empfand — die Kinder selbst vergalten ihr schon jetzt mit kleinen Freuden ihren Schmerz. Diese Freuden waren freilich so klein, daß sie unbemerkbar erschienen, wie Gold im Sande, und in trüben Augenblicken sah sie auch nur den Kummer, — nur den Sand; — allein es gab doch auch schöne Augenblicke, in denen sie nur Freude fand — nur Gold. —

Jetzt in der Einsamkeit des Landlebens begann sie dieser Freuden mehr und mehr inne zu werden. Oft bemühte sie sich im Hinblicke auf sie in jeder Weise die Überzeugung zu gewinnen, sie irre sich, sie sei als Mutter nur eingenommen für ihre Kinder, aber dennoch mußte sie sich selbst sagen, daß sie reizende Kinder habe, alle sechs, alle in verschiedener Art, und doch so, wie man selten welche findet — und sie fühlte sich glücklich in ihnen und war stolz auf dieselben.

8

Zu Ende des Mai, nachdem alles schon mehr oder weniger in Ordnung gebracht war, erhielt sie eine Antwort ihres Mannes auf ihre Klagen über die Unordnung auf dem Dorfe. Er schrieb ihr, und bat um Verzeihung, daß er nicht an alles gedacht hätte, und versprach, sobald, als es möglich sein würde, zu kommen.

Diese Möglichkeit aber hatte sich nicht gezeigt und bis Anfang Juni lebte Darja Aleksandrowna allein auf ihrem Dorfe. Während den Petersfasten, eines Sonntags, fuhr Darja Aleksandrowna mit allen ihren Kindern zur Messe, um ihnen das Abendmahl reichen zu lassen.

In ihren religiösen, philosophierenden Gesprächen mit Schwester und Mutter und mit den Bekannten hatte sie diese sehr oft durch ihre Gedankenfülle bezüglich der Religion in Erstaunen gesetzt. Sie hatte ihre eigene seltsame Anschauung der Metamorphose, an die sie fest glaubte, ohne sich viel um die Dogmen der Kirche zu kümmern. In der Familie aber erfüllte sie — nicht nur zum Zwecke, ein Beispiel zu geben, sondern mit ganzer Seele — streng alle Anforderungen der Kirche, und der Umstand, daß ihre Kinder schon seit etwa einem Jahre nicht zum Abendmahl gegangen waren, beunruhigte sie sehr, so daß sie sich mit der vollen Billigung und Beistimmung Marja Philimonownas entschloß, dies jetzt, im Sommer, zur Ausführung zu bringen.

Darja Aleksandrowna hatte schon einige Tage zuvor überlegt, wie sie alle ihre Kinder dazu kleiden sollte, und da wurden nun Kleider genäht, umgeändert und gewaschen, Umschläge und Borten angebracht, Knöpfe aufgesetzt und Bandschleifen zurechtgemacht. Nur das Kleid Tanjas, mit dessen Herstellung sich die Engländerin befaßt hatte, machte bei Darja Aleksandrowna viel böses Blut. Die Engländerin hatte bei der Änderung die Besätze nicht an der richtigen Stelle angebracht, die Ärmel zu weit ausgeschnitten und das Kleid war ganz verdorben. Tanja mußte darin die Schultern so hoch ziehen, daß der Anblick Bedauern erregte. Doch Darja Aleksandrowna meinte, man müsse einsetzen, und eine Pelerine anbringen. So ging die Sache, doch gab es beinahe mit der Engländerin dabei einen Streit. Am Morgen indessen war alles in Ordnung, und um zehn Uhr, der Zeit, bis zu welcher man den Geistlichen gebeten hatte, mit der Messe zu warten, standen die Kinder freudestrahlend, angeputzt auf der Freitreppe vor dem Wagen und harrten der Mutter.

In den Wagen war anstatt der alten störrischen Mähre infolge der Fürsprache Marja Philimonownas der Braune des Verwalters eingespannt worden, und Darja Aleksandrowna, die von der Sorge um die eigene Toilette noch zurückgehalten worden war, erschien endlich, in einem weißen Kleide von Nesseltuch, um sich mit in den Wagen zu setzen.

Darja Aleksandrowna hatte sich voll Sorge und Unruhe frisiert und angekleidet. Früher that sie dies für sich selbst, um schön zu sein und zu gefallen, später aber war ihr das Ankleiden um so unerfreulicher geworden, je älter sie wurde; sah sie doch, wie sehr sie verloren hatte.

Heute jedoch hatte sie mit Vergnügen und Aufregung Toilette gemacht, sie that es ja nicht der eigenen Schönheit halber, sondern um als Mutter ihrer herrlichen Kinder den Gesamteindruck nicht zu beeinträchtigen.

Nachdem sie noch ein letztes Mal in den Spiegel geblickt, war sie von sich selbst befriedigt; sie sah gut aus; nicht ebensogut, wie sie dermaleinst wohl für den Ball hatte auszusehen gewünscht, aber gut genug für den Zweck, den sie jetzt im Auge hatte.

In der Kirche war niemand außer den Bauern und den Hausleuten mit ihren Weibern, aber Darja Aleksandrowna sah das Entzücken oder glaubte es zu sehen, welches durch ihre Kinder und wohl auch über sie selbst hervorgerufen wurde. Ihre Kinder waren nicht nur an sich hübsch in ihren sauberen Kleidchen, sie waren auch artig, so wie sie sich aufführten. Aljoscha stand allerdings heute nicht besonders gut; er drehte sich fortwährend um, und wollte seine Kutte durchaus von hinten besehen; aber dennoch war auch er außergewöhnlich artig. Tanja stand wie eine Alte und überwachte die kleinen Geschwister, und die kleine Lily war reizend mit ihrer naiven Verwunderung über alles, so daß es schwer war, nicht zu lächeln, als sie bei der Erteilung des Abendmahls sagte, „please, some more.“

Nach Hause zurückgekehrt, hatten die Kinder das Gefühl, als ob sich etwas Feierliches vollzogen habe, und sie verhielten sich sehr ruhig.

Alles ging gut daheim, aber beim Frühstück fing Grischa an zu pfeifen, und was das Schlimmste war, er wollte nicht auf die englische Erzieherin hören, so daß er keine süße Pastete erhielt. Darja Aleksandrowna würde an diesem Tage keine Bestrafung geduldet haben, wäre sie selbst zugegen gewesen, aber so mußte der Strafverfügung der Engländerin Folge geleistet werden und dieselbe hielt fest an der Bestimmung, daß Grischa keine süße Pastete erhalte, was freilich die allgemeine Freude einigermaßen verdarb.

Grischa weinte und sagte, Nikolay habe auch gepfiffen und den bestrafe man nicht; er weine auch gar nicht etwa wegen der Pastete — die sei ihm ganz egal — sondern, weil man ungerecht gegen ihn sei. Das war doch allzu schmerzlich, und so entschied Darja Aleksandrowna, daß man, nach Rücksprache mit der Erzieherin, Grischa verzeihen könnte, und ging zu dieser. Als sie indessen den Saal durchschritt, gewahrte sie eine Scene, die ihr Herz mit so hoher Freude erfüllte, daß ihr die Thränen in die Augen traten und sie selbst sogleich dem Sünder verzieh.

Dieser saß im Salon an dem Eckfenster und neben ihm stand Tanja mit einem Teller. Unter dem Vorgeben des Wunsches, ihren Puppen ein Mittagsmahl zu verabreichen, hatte sie die Engländerin um die Erlaubnis gebeten, ihre Portion Pastete in die Kinderstube tragen zu dürfen, anstatt dessen aber sie dem Bruder gebracht; der Kleine verspeiste nun unter fließenden Thränen über die Ungerechtigkeit seiner Bestrafung die ihm überbrachte Pastete, dabei immer durch sein Schluchzen hindurch sprechend: „Iß du nur auch mit, laß uns zusammen essen, zusammen“ —

Auf Tanja hatte anfangs nur das Mitleid mit Grischa gewirkt, dann aber auch die Erkenntnis der Güte ihrer Handlung, und nun standen ihr die Thränen ebenfalls in den Augen; doch verspeiste sie ganz gern auch ihren Anteil mit.

Als die Kinder der Mutter ansichtig wurden, erschraken sie, nachdem sie aber einen Blick in deren Gesicht geworfen und erkannt hatten, daß sie ja nichts Übles thäten, begannen sie zu lächeln und mit den Händen die lachenden Lippen, mit vollen Mündern kauend, abzuwischen, wobei sie die strahlenden Gesichterchen ganz mit Thränen und Backwerk beschmierten.

„Alle Heiligen, das neue weiße Kleid! Tanja, Grischa!“ sprach die Mutter und bemühte sich, das Kleid zu retten, aber mit Thränen in den Augen, lächelnd voll Seligkeit und Entzücken.

Man zog den Kindern die neuen Kleider aus und ließ die Mädchen Blusen, die Knaben ihre alten Kutten anziehen. Hierauf sollte zum Ärger des Verwalters, der Braune wiederum mit eingespannt werden, da es zum Pilze suchen und nach dem Bade gehen sollte. Ein Sturm von Freudenschreien erhob sich in dem Kinderzimmer und verstummte erst bei der Abfahrt nach dem Bade.

Die Kinder sammelten einen ganzen Korb voll Pilze, selbst die kleine Lily fand einen Birkenpilz. Früher war es so, daß Miß Goul sie fand und ihr zeigte, jetzt aber fand sie schon selbst einen großen Pilz und ein allgemeiner Freudenschrei ertönte „Lily hat einen Pilz gefunden!“

Hierauf fuhren sie an den Fluß. Die Pferde wurden unter die Birken gestellt und die Kinder begaben sich ins Bad. Der Kutscher Terentij band die Pferde, welche die Bremsen von sich abwedelten, an einem Baume fest, und legte sich alsdann auf das Gras, im Schatten der Birken seine Pfeife schmauchend, während aus dem Bade das lustige Geschrei der Kinder zu ihm herüberdrang.

Obwohl es eine schwierige Aufgabe war, alle die Kinder zu beaufsichtigen und ihren Mutwillen zu dämpfen, obwohl es eine Aufgabe war, die sämtlichen kleinen Strümpfchen zu merken und nicht durcheinander zu wirren, die Höschen und Schuhe von verschiedenen Größen, sie auszuziehen, die Schlingen und die Knöpfe aufzuknöpfen, so hatte doch Darja Aleksandrowna, die selbst das Baden stets geliebt hatte, es als zuträglich für die Kinder haltend, an nichts soviel Vergnügen, als an diesem Baden mit allen ihren Kindern. Alle diese kleinen runden Beinchen durchzumustern, ihnen die Strümpfe anzuziehen, die nackten kleinen Leiber auf die Arme zu nehmen und zu waschen und die lustigen Aufschreie oder das erschreckte Wimmern der Kinder zu hören und die halb atemlosen Gesichterchen ihrer plätschernden Cherubim mit den weitgeöffneten erschreckten oder lachenden Augen zu sehen — das war ihr ein hoher Genuß.

Nachdem schon die Hälfte der Kinder ausgekleidet war, kamen einige Weiber heran ans Bad. Marja Philimonowna rief eines derselben, um ihr ein in das Wasser gefallenes Badetuch und ein Hemd zum trocknen zu geben, und Darja Aleksandrowna sprach die anderen Weiber an. Diese lachten sich anfangs verlegen ins Fäustchen und verstanden nicht, wonach sie gefragt wurden, doch bald wurden sie kühner und begannen zu reden, und nahmen nun Darja Aleksandrowna durch ihre aufrichtige Verwunderung, die sie über die Kinderchen zeigten, für sich ein.

„Ach, welche Schönheit, weiß wie Zucker,“ sagte das eine der Weiber, Tanja wohlgefällig beschauend und den Kopf schüttelnd, „aber ein wenig mager“ —

„Ja, sie ist krank gewesen.“

„Wird denn das da auch gebadet?“ sagte ein anderes Weib, auf das kleine Brustkind weisend.

„Nein; das ist erst drei Monate alt,“ versetzte Darja Aleksandrowna mit Stolz.

„Seht einmal an.“

„Hast du denn auch Kinder?“

„Ich hatte vier; zwei sind mir geblieben, ein Knabe und ein Mädchen. Erst in den letzten Fasten habe ich abgestillt.“

„Wie alt ist denn das Mädchen?

„Es geht ins zweite Jahr.“

„So lange hast du es genährt?“

„Das ist gewöhnlich so bei unsersgleichen, die Fasten lang“ —

Die Unterhaltung wurde jetzt erst wirklich interessant für Darja Aleksandrowna, und diese frug nun, wie es mit der Geburt gewesen, was für Krankheiten das Kind gehabt, wo ihr Mann sei und anderes.

Darja Aleksandrowna wollte die Weiber gar nicht wieder verlassen, so interessant war ihr Gespräch mit denselben, so eng deckten sich deren Interessen mit den ihren. Am angenehmsten von allem aber war Darja Aleksandrowna, daß sie klar erkannte, wie alle diese Weiber am meisten davon interessiert waren, wie viele Kinder sie hatte und wie diese so hübsch seien. Die Weiber belustigten Darja und beleidigten die Engländerin, weil diese die Ursache des ihr unerklärlichen Lächelns bildete. Eines der jüngeren Weiber hatte nach der Erzieherin geblickt, die sich später als die übrigen ankleidete, und, als jene die dritte Unterjacke angelegt hatte, sich der Bemerkung nicht enthalten können, wie sich die da drall einschnüre, worauf alles in Lachen ausbrach.

9

Umgeben von allen ihren Kindern, die gebadet waren, und nasse Köpfe hatten, fuhr Darja Aleksandrowna, ein Tuch um den Kopf, am Hause vor, als der Kutscher meldete, es komme soeben ein Herr daher, wie es scheine, von Pokrowskoje.

Darja Aleksandrowna blickte auf und geriet in freudige Erregung, als sie unter dem grauen Hut und dem grauen Paletot die wohlbekannte Gestalt Lewins erblickte, der ihnen entgegenkam.

Sie war stets erfreut, wenn sie ihn sah, jetzt aber empfand sie dies besonders, weil er sie nun in all ihrem mütterlichen Glanze sehen konnte. Niemand als Lewin verstand besser, den Stolz Darjas Aleksandrownas zu würdigen.

Als derselbe sie erblickte, befand er sich vor einem jener Bilder, wie er sie sich selbst schon von einem künftigen Familienleben entworfen hatte.

„Gleich einer Bruthenne, Darja Aleksandrowna!“

„O, wie ich mich freue,“ sagte sie, ihm die Hand reichend.

„Ihr freut Euch und doch ließt Ihr mir keine Nachricht zugehen. Mein Bruder ist jetzt bei mir und ich habe erst von Stefan eine Mitteilung empfangen, daß Ihr hier wäret.“

„Von Stefan?“ frug Darja Aleksandrowna voll Verwunderung.

„Ja; er schreibt, daß Ihr nach hier übergesiedelt wäret und denkt, Ihr würdet mir erlauben, Euch irgendwie behilflich zu sein,“ sagte Lewin, plötzlich in Verwirrung geratend bei diesen Worten und stecken bleibend. Schweigend schritt er neben dem Wagen dahin, junge Lindenzweige abbrechend und anbeißend.

Er war in Verwirrung geraten, weil er vermutete, daß Darja Aleksandrowna die Hilfsbereitschaft, die ihr seitens eines Fremden angeboten worden war, unangenehm sein könnte, in einer Angelegenheit, die doch von ihrem Gatten zu erledigen gewesen wäre.

In der That hatte auch das Verfahren Stefan Arkadjewitschs, die eigenen Familienangelegenheiten zum Gegenstand des Interesses anderer zu machen, Darja Aleksandrowna nicht gefallen. Sie empfand indessen sogleich, daß Lewin dies alles verstehe und eben dieser Zartheit im Verständnis halber, dieser Feinfühligkeit wegen schätzte sie Lewin hoch.

„Ich habe verstanden,“ sagte Lewin, „daß dies nur soviel bedeutet, als ob Ihr mich zu sehen wünschtet, und ich freue mich hierüber sehr. Natürlich kann ich mir denken, daß es Euch, der Dame aus der Stadt, hier seltsam vorkommen wird; aber wenn Euch irgend etwas nötig sein sollte, so werde ich ganz zu Euren Diensten sein.“

„O nein!“ sagte Dolly. „In der ersten Zeit wohl war es mir unbequem, jetzt aber ist alles ganz hübsch eingerichtet. Dank meiner alten Amme,“ fuhr sie fort, auf Marja Philimonowna weisend, welche verstand, daß man von ihr spreche und daher heiter und freundlich auf Lewin blickte. Sie kannte diesen, und wußte, daß er ein guter Bräutigam für die junge Herrin gewesen wäre und hatte gewünscht, die Sache möchte in Erfüllung gegangen sein.

„Nehmt doch gefälligst Platz, wir wollen ein wenig zusammenrücken,“ sagte sie zu ihm.

„Nein; ich werde weiter gehen. Kinder, wer will von euch mit mir und den Pferden um die Wette laufen?“

Die Kinder kannten Lewin sehr wenig. Sie wußten nicht mehr, wann sie ihn gesehen hatten, zeigten aber ihm gegenüber nicht jenes seltsame Gefühl der Befangenheit und des Widerwillens, wie es Kinder so häufig vor Erwachsenen, die sich verstellen, empfinden, und das ihnen häufig so übel bekommt.

Die Heuchelei kann in irgend etwas wohl auch den klügsten, scharfsinnigsten Menschen täuschen; aber selbst das allerbeschränkteste Kind wird sie erkennen und sich von ihr abwenden, mag sie auch noch so geschickt verborgen sein. Was für Mängel Lewin auch immer haben mochte, von Heuchelei war in ihm nichts zu entdecken, und daher bewiesen ihm die Kinder ihre freundschaftliche Zuneigung im nämlichen Maße, wie sie sie auf den Zügen der Mutter zu ihm entdeckten.

Auf seine Einladung sprangen die beiden Ältesten sogleich herab und liefen mit ihm, wie sie mit ihrer Amme, mit Miß Goul oder der Mutter gelaufen wären. Selbst Lily bat, zu ihm zu dürfen und die Mutter übergab sie ihm. Er setzte sie auf seine Schulter und lief mit ihr davon.

„Habt keine Angst, keine Angst, Darja Aleksandrowna!“ sagte er mit heiterem Lächeln zu der Mutter, „es ist unmöglich, daß ich mich versehe oder sie fallen lasse.“

Die Mutter beruhigte sich auch mit einem Blick auf die leichten, kräftigen, aber vorsorglichen und nur zu umsichtigen Bewegungen Lewins, und lächelte, heiter und zustimmend ihn anschauend.

Hier auf dem Lande, im Verkehr mit den Kindern und der ihm so sympathischen Darja Aleksandrowna, geriet Lewin in jene, ihn so häufig überkommende Stimmung kindlich heiteren Frohsinns, den Darja besonders an ihm liebte. Indem er mit den Kindern lief, und ihnen Turnkünste wies, machte er Miß Goul mit seiner schlechten englischen Aussprache lachen und erzählte Darja Aleksandrowna von seinen Arbeiten auf dem Dorfe.

Nach Tische kam diese, im Salon allein mit ihm zusammensitzend, auch auf Kity zu sprechen.

„Wißt Ihr schon? Kity wird hierher kommen, und den Sommer bei mir zubringen.“

„In der That?“ sagte er, in Aufregung geratend, fuhr aber dann, um das Thema zu wechseln sogleich fort: „Soll ich Euch also die beiden Kühe senden? Wenn Ihr rechnen wollt, so zahlt Ihr mir sie mit fünf Rubel monatlich ab, sofern Euch das nicht unangenehm ist.“

„Ach nein, ich danke Euch bestens, es befindet sich jetzt alles bei uns in Ordnung.“

„Dann muß ich schon einmal Eure Kühe besichtigen und wenn Ihr gestattet, anordnen, wie sie gefüttert werden sollen. Die Hauptsache liegt in der Fütterung.“

Um nur das angeregte Thema wechseln zu können, setzte er nun Darja Aleksandrowna die Theorie der Milchwirtschaft auseinander, welche darin bestand, daß die Kuh nur die Maschine sei, welche die Fütterung in Milch umzusetzen habe.

Er setzte dies auseinander und wünschte dabei sehnlichst, noch Näheres über Kity zu vernehmen; gleichwohl aber fürchtete er dies auch wieder. Es war ihm bange darum, daß seine so mühsam von ihm errungene Ruhe wiederum zu nichte gemacht werde.

„Aber wenn nach alledem, was Ihr mir da ausführt, verfahren werden soll? Wer wird denn das thun?“ antwortete Darja Aleksandrowna mit Widerstreben.

Sie hatte ihr Wirtschaftswesen jetzt mit Hilfe Marja Philimonownas so verbessert, daß sie gar keine Lust hatte, noch etwas an demselben zu verändern, und dann glaubte sie auch gar nicht an Lewins Kenntnisse im Ökonomiewesen. So erschienen ihr seine Urteile, daß die Kuh eine Maschine für die Milchfabrikation sei, bedenkenerregend, und sie meinte, daß solche Auffassungen der Ökonomie nur im Wege stehen könnten. Ihr dünkte dies alles bei weitem einfacher; es war eben nur erforderlich, wie schon Marja Philimonowna auseinandergesetzt hatte, der Bunten und der Weißen mehr Futter zu geben und zu vermeiden, daß der Koch aus der Küche das Spülichtwasser in den Kuhstall trug. Das lag offen zu Tage, auch die Ausführungen über Kraft-und Grünfütterung waren bedenklich und unklar. Ihr selbst hatte vorzugsweise überhaupt daran gelegen, von Kity zu sprechen.

10

„Kity schreibt mir, daß sie nichts so sehr ersehne, als Einsamkeit und Ruhe,“ sagte Dolly, nach einer eingetretenen Pause.

„Wie steht es denn mit ihrer Gesundheit, ist sie besser?“ frug Lewin in Erregung.

„Gott sei Dank, sie ist vollkommen wiederhergestellt; ich habe überhaupt nie geglaubt, daß sie ein Brustleiden gehabt hätte.“

„Ach, das freut mich außerordentlich,“ antwortete Lewin, und Dolly schien etwas Rührung Erweckendes, Hilfloses in seinen Zügen hervortreten zu sehen, als er dies gesagt hatte und sie nun schweigend anblickte.

„Hört doch einmal, Konstantin Dmitritsch,“ begann Darja Aleksandrowna mit ihrem gutmütigen, ein wenig schelmischen Lächeln, „weshalb seid Ihr denn eigentlich auf Kity bös!“

„Ich? Ich zürne ihr nicht,“ antwortete Lewin.

„Nein, Ihr zürnt ihr nicht? Weshalb seid Ihr denn dann weder zu uns, noch zu Kitys Eltern gekommen, als Ihr in Petersburg waret?“

„Darja Aleksandrowna,“ begann Lewin, bis in die Haarwurzeln errötend, „ich bin eigentlich in Verwunderung darüber, daß Ihr, mit Eurer Herzensgüte, dies nicht fühlt. Wie kommt es, daß Ihr nicht geradezu Mitleid mit mir empfindet, da Ihr doch wißt“ —

„Was soll ich wissen?“

„Nun, daß ich ihr einen Antrag gemacht habe und eine Absage erhielt,“ fuhr Lewin fort, und all die zarte Neigung, die er noch eine Minute zuvor für Kity empfunden hatte, verwandelte sich in seiner Seele zu einem Gefühl von Zorn über jene Kränkung.

„Woraus schließt Ihr, daß ich dies wissen müsse?“

„Daraus, weil es alle wissen.“

„Aber darin irrt Ihr; ich habe es nicht gewußt, wenngleich ich es vermutete.“

„Nun, so wißt Ihr es doch jetzt.“

„Ich wußte bisher nur das Eine, daß Etwas vorhanden war, was Kity entsetzlich quälte und daß diese mich bat, niemals hiervon zu sprechen. Wenn sie aber mit mir über die Sache selbst nicht gesprochen hat, so hat sie noch mit niemand darüber gesprochen. Doch was hattet Ihr? sagt mir’s doch!“

„Ich habe Euch gesagt, was geschehen ist.“

„Wann geschah denn das Unglück?“

„Als ich das letzte Mal bei Euch war.“

„Wisset, ich muß Euch etwas sagen,“ fuhr Darja Aleksandrowna fort, „Kity thut mir ganz außerordentlich leid! Ihr leidet nur aus Stolz“ —

„Mag sein,“ sagte Lewin, „doch“ —

Sie schnitt ihm das Wort ab.

— „Doch die Arme thut mir ganz ungeheuer leid. Jetzt weiß ich alles.“

„Nun, Darja Aleksandrowna, Ihr entschuldigt mich wohl,“ sagte Lewin, sich erhebend, „verzeiht, und — auf Wiedersehen.“

„Nein, nein, bleibt noch,“ antwortete sie, ihn am Rockärmel fassend. „Bleibet und setzt Euch!“

„Aber ich bitte tausendmal, daß wir dann nicht mehr von jenem Thema sprechen,“ bat er, sich setzend mit einer Empfindung, als rege sich und lebe in seinem Herzen eine Hoffnung wieder auf, die ihm längst begraben geschienen.

„Wenn ich Euch nicht lieb hätte,“ fuhr Darja Aleksandrowna fort und die Thränen traten ihr dabei in die Augen, „und wenn ich Euch nicht kennte, wie ich Euch kenne,“ —

Das scheinbar erstorben gewesene Gefühl regte sich mehr und mehr wieder in ihm, es wallte empor und nahm von dem Herzen Lewins Besitz.

„Ja, jetzt verstehe ich alles,“ fuhr Darja Aleksandrowna fort, „Ihr freilich könnt es nicht begreifen; ihr Männer, die ihr frei seid und wählt, seid stets im klaren, wen ihr liebt. Aber das Mädchen in seiner Stellung als Erwartende, mit seinem weiblichen, mädchenhaften Schamgefühl, das Mädchen, welches euch, die Männerwelt nur aus der Ferne sieht, nimmt alles auf Treu und Glauben hin. Das Mädchen besitzt vielleicht sogar das Gefühl, daß sie nicht weiß was sie sagen soll.“

„Wenn das Herz nicht spricht, allerdings“ —

„O, das Herz spricht wohl, aber bedenkt doch: Ihr Männer habt das Anschauen der Mädchen, ihr kommt in deren Familien, ihr nähert euch ihnen, durchschaut sie, und prüft sie, ob ihr in ihnen das findet, was ihr liebt und dann, nachdem ihr euch überzeugt habt, daß ihr liebt, macht ihr eine Erklärung“ —

„Nun; ganz so ist es denn doch nicht.“

„Gleichviel; ihr kommt mit eurem Antrag, sobald eure Liebe reif geworden ist, oder wenn sich zwischen zwei Auserwählten ein Übergewicht eingestellt hat. Das Mädchen aber frägt man nicht. Man verlangt, daß es selbst wähle, aber es kann gar nicht wählen, sondern nur antworten, — ja oder nein.“

„So war es mit der Wahl zwischen mir und Wronskiy,“ dachte Lewin und jener totgeglaubte Gedanke in ihm, der wieder aufgelebt war, erstarb von neuem und preßte ihm nur noch qualvoll das Herz.

„Darja Aleksandrowna,“ begann er, „so wählt man wohl ein Kleid, oder ich weiß nicht was sonst für ein Kaufstück, aber nicht unsere Liebe. Ist hier die Wahl einmal geschehen, so ist es um so besser, eine Wiederholung giebt es nicht.“

„O, Stolz über Stolz,“ sagte Darja Aleksandrowna, Lewin fast geringschätzend ob der Niedrigkeit seines Gefühls, im Vergleich mit demjenigen wie es nur die Frauen kennen. „Zur nämlichen Zeit, als Ihr Kity Eure Erklärung machtet, befand sie sich in jener Lage, in welcher sie keine Antwort erteilen konnte. Sie befand sich im Zustande der Unentschiedenheit, sollte sie sich für Euch oder für Wronskiy entscheiden. Ihn hatte sie täglich gesehen, Euch lange Zeit nicht. Gesetzt nun, sie wäre älter gewesen, hätte für mich an ihrer Stelle zum Beispiel kein Zweifel obwalten können. Jener Wronskiy ist mir stets zuwider gewesen, und demgemäß ist es auch gekommen.“

Lewin vergegenwärtigte sich die Antwort Kitys. Sie hatte gesagt: „nein, es kann nicht sein.“

„Darja Aleksandrowna,“ begann er trockenen Tones, „ich schätze Euer Vertrauen zu mir, aber ich glaube, Ihr irrt. Mag ich indessen recht oder unrecht haben, dieser Stolz, den Ihr so an mir verachtet, bringt es mit sich, daß in mir jeder Gedanke an Katharina Aleksandrowna unmöglich geworden ist, Ihr versteht gewiß, vollständig unmöglich.“

„Ich will hierauf nur das Eine noch bemerken. Ihr versteht wohl, daß ich von meiner Schwester spreche die ich liebe, wie meine eigenen Kinder. Ich sage nicht, daß sie Euch geliebt hätte, ich wollte nur andeuten, daß ihre Abweisung damals gar nichts beweist.“

„Ich weiß das nicht,“ antwortete Lewin aufspringend, „aber wüßtet Ihr nur, wie weh Ihr mir thut! Die Sache ist ebenso, wie wenn Euch ein Kind gestorben wäre, und man zu Euch spräche, so ist es nun dahin, es war so schön, und hätte leben können und Ihr hättet Freude an ihm gehabt — aber es ist tot — tot — tot“ —

„Wie seid Ihr doch seltsam,“ antwortete Darja Aleksandrowna, mit trübem Spott auf Lewins Bewegung blickend. „Ich verstehe jetzt immer mehr und mehr,“ fuhr sie in Gedanken versunken fort. „Ihr kommt also wohl nicht zu uns, wenn Kity hier sein wird?“

„Nein. Ich werde nicht kommen. Natürlich kann ich Katharina Aleksandrowna nicht aus dem Wege gehen, aber, wo ich kann, werde ich mich bemühen, sie von dem Unangenehmen meiner Gegenwart zu entheben.“

„Ihr seid sehr, sehr seltsam,“ wiederholte Darja Aleksandrowna, ihm voll Herzlichkeit ins Gesicht schauend. „Nun gut; thun wir also, als hätten wir nicht hiervon gesprochen. — Weshalb kommst du denn zu mir, Tanja?“ frug Darja Aleksandrowna auf französisch ihr eintretendes Töchterchen.

„Wo ist meine Schaufel, Mama?“ frug dasselbe russisch.

„Ich spreche französisch, also sprich du auch so!“

Das Kind hatte wohl französisch sprechen wollen, aber vergessen, wie Schaufel französisch heiße. Die Mutter half ihr ein und sagte ihr dann in französischer Sprache, wo sie die Schaufel suchen könne.

Auch dies erschien Lewin unangenehm. Alles überhaupt erschien ihm jetzt im Hause Darja Aleksandrownas nicht mehr so freundlich, als vorher.

„Zu welchem Zwecke spricht sie mit den Kindern französisch?“ dachte er bei sich, „wie unnatürlich und falsch ist das.“ Sogar die Kinder fühlen es; sie erlernen das Französische und verlernen die Wahrheit,“ so dachte er bei sich, ohne zu ahnen, daß Darja Aleksandrowna ganz das Nämliche wohl schon zwanzigmal gedacht, aber es gleichwohl, wenn auch der Wahrheit zum Schaden, für unbedingt nötig befunden hatte, ihre Kinder auf diese Weise zu erziehen.

„Aber wo wollt Ihr schon hin? Bleibt doch noch ein wenig.“

Lewin blieb noch bis zum Thee, aber seine heitere Stimmung war ganz dahin und es wurde ihm unbehaglich. Nach dem Thee begab er sich in das Vorzimmer, um Befehl zum Vorfahren zu geben; als er zurückkehrte, fand er Darja Aleksandrowna in hoher Erregung, mit verzweifelten Mienen, und Thränen in den Augen. Während er aus dem Salon gegangen war, hatte sich etwas ereignet, was plötzlich all ihre Glückseligkeit vom heutigen Tage, all ihren Stolz über ihre Kinder zu nichte machte — Grischa und Tanja hatten eine Rauferei miteinander gehabt.

Darja Aleksandrowna, das Geschrei in der Kinderstube vernehmend, lief hinaus und traf beide in einer entsetzlichen Verfassung.

Tanja hatte Grischa an den Haaren gepackt, während dieser mit wutverzerrtem Gesichte jene mit den Fäusten schlug, wohin er traf. Es schnitt Darja Aleksandrowna durchs Herz, als sie diese Scene gewahrte, gleichsam eine finstere Macht schien sich über ihr Leben zu bewegen. Sie erkannte, daß dieselben Kinder, auf die sie so stolz gewesen, nicht nur die allergewöhnlichsten waren, sondern sogar schlechte, übelerzogene Kinder mit rohen, brutalen Anlagen — ungezogene Rangen. —

Sie vermochte jetzt von nichts weiter mehr zu reden, an nichts mehr zu denken, konnte auch Lewin nicht ihr Unglück erzählen.

Lewin gewahrte, daß sie unglücklich war und bemühte sich, sie zu trösten, indem er sagte, daß ein solcher Vorfall noch nichts Schlechtes bedeute und alle Kinder doch miteinander rauften. Bei sich selbst aber dachte er, „ich würde niemals mit meinen Kindern französisch sprechen und dürfte auch derartige Kinder gar nicht haben. Die Kinder dürfen nur nicht mit Geflissentlichkeit verdorben und verbildet werden, dann bleiben sie vorzüglich. Und ich werde solche verbildete Kinder nie haben.“

Er verabschiedete sich und fuhr davon; sie hielt ihn jetzt nicht mehr zurück.

11

In der Mitte des Juli erschien bei Lewin der Starost eines Gutes seiner Schwester, welches einige zwanzig Werst von Pokrowskoje entfernt lag, mit einem Geschäftsbericht und Erntebericht. Der Hauptteil der Einkünfte aus diesem Gute floß aus den trainierten Wiesen. In den früheren Jahren waren diese den Bauern um zwanzig Rubel die Desjatine abgegeben worden, als aber Lewin die Ökonomie in seine Verwaltung genommen hatte, fand er nach der Besichtigung der Wiesen, daß diese mehr wert seien und setzte ihren Preis jetzt auf fünfundzwanzig Rubel die Desjatine fest.

Die Bauern zahlten indessen diesen Preis nicht, und vertrieben sogar, wie Lewin schon geargwohnt hatte, andere Aufkäufer. Nun fuhr Lewin selbst nach dem Orte und traf hier die Bestimmung, daß die Wiesen zu einem Teil in Pacht, zum andern Teil im Einzelnen vergeben werden sollten.

Seine Bauern suchten diese Neuerung mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln zu verhindern, aber sie wurde durchgeführt und im ersten Jahre schon ergab sich ein Ertrag von fast doppelter Höhe. Im vorletzten und dem vergangenen Jahre hatte sich der nämliche Widerstand der Bauern gezeigt und die Abernte ging in derselben Weise vor sich. Im laufenden Jahre hatten die Bauern nur den dritten Teil der Wiesen erhalten und der Starost war nun erschienen um zu berichten, daß die Wiesen gemäht seien und er, Regen fürchtend, den Kontoristen gebeten habe, zu ihm zu kommen. In dessen Gegenwart hätte er hierauf schon elf herrschaftliche Heufeime abgeteilt und aufgebaut.

An den unbestimmten Antworten, welche Lewin auf seine Fragen, wie viel Heu auf der größten Wiese gewesen sei, erhielt, und der Hast, mit welcher der Starost das Heu geteilt hatte, ohne vorher anzufragen, sowie an dem Tone des Bauern merkte er, daß hier etwas nicht richtig sei, und beschloß, sich selbst in der Angelegenheit Gewißheit zu holen.

Als Lewin zu Mittag im Dorfe angekommen war, stellte er sein Pferd bei einen ihm bekannten alten Bauern ein, dem Manne der Amme seines Bruders und begab sich zu dem Alten in den Bienengarten, um von ihm genauere Einzelheiten über die Heuernte zu erfahren.

Der redselige und wohlgebildete Alte Parmenitsch empfing Lewin erfreut, er zeigte ihm seine ganze Wirtschaft, erzählte ihm ausführlich von seinen Bienen und dem Schwärmen im laufenden Jahre, doch zu den Fragen betreffs der Heuernte äußerte er sich unbestimmt und ungern.

Dies bestärkte Lewin nun noch mehr in seinen Vermutungen: er begab sich zu den Wiesen hinaus und besichtigte die Schober. Dieselben konnten durchaus nicht je fünfzig Lasten Heu enthalten, und Lewin ließ daher, um die Bauern zu überführen, sogleich die Gespanne, welche das Heu gefahren hatten, aufbieten, einen Schober aufladen und ihn nach der Scheune bringen. Der Schober ergab nur zweiunddreißig Lasten.

Ungeachtet der Versicherungen des Starosten nun, daß das Heu gequollen gewesen und es nun in den Schobern eingefallen sei, ungeachtet seines Schwures, daß alles mit rechten Dingen zugegangen sei, bestand Lewin auf seiner Überzeugung, daß man das Heu ohne seine Anweisung geteilt habe, und er es daher nicht für fünfzig Lasten den Schober annehmen könne. Nach langem Streiten wurde die Sache dahin entschieden, daß die Bauern selbst die elf Schober zu je fünfzig Lasten berechnet annehmen mußten. Die Verhandlungen und die Verteilung hatten sich bis zur Vesperzeit hingezogen, und als das letzte Heu verteilt war, setzte sich Lewin, die weitere Beaufsichtigung dem Kontoristen überlassend, auf einem Heuhaufen, der durch eine Rute gezeichnet war, nieder und blickte in zufriedener Stimmung auf die von dem Volke belebte Wiese.

Vor ihm, in der Niederung des Flusses hinter einer kleinen sumpfigen Fläche bewegte sich eine bunte Reihe von Weibern, und aus dem zerstreut herumliegenden Heu bildeten sich schnell auf dem hellgrünen Grummet graue gewundene Wälle. Nach den Weibern kamen Bauern mit Heugabeln, und aus den Wällen erwuchsen breite, hohe und schwellende Feime. Links, auf der gemähten Seite der Wiese, knarrten die Wagen, ein Schober nach dem andern verschwand, mit den großen Gabeln in mächtigen Bündeln hinaufgereicht; über ihren Platz schwankten nun die schweren Fuhrwerke mit ihrer duftenden Last, die bis auf die Hinterteile der Pferde herniederhing.

„Das war das rechte Wetterchen zur Ernte, das Heu wird gut,“ sagte der Alte, welcher sich neben Lewin gesetzt hatte. „Na, das nenne ich Heumachen. Gerade als wenn man jungen Enten Körner streut, so laden die auf!“ er wies auf die Feime hinüber, die aufgegabelt wurden. „Seit Mittag haben sie schon die gute Hälfte fortgebracht. — Ist das die letzte?“ rief er einem jungen Manne zu, welcher auf dem Vorderteil des Wagenkastens stand und die hanfenen Zügel schüttelnd, vorüberfuhr.

„Die letzte, Väterchen!“ schrie der Bursche, das Pferd anhaltend und lächelnd auf ein heiteres gleichfalls lachendes, rotbäckiges Weib, welches in der Wagenkelle saß, blickend, und fuhr dann weiter.

„Wer ist das, dein Sohn?“ frug Lewin.

„Mein jüngster,“ antwortete der Alte mit wohlgefälligem Lächeln.

„Ein tüchtiger Bursch.“

„O, nicht doch.“

„Schon verheiratet?“

„Seit drei Jahren, mit einer von den Philippoff.“

„Kinder da?“

„Was, Kinder! Ein ganzes Jahr hat er gar nichts verstanden, wir haben ihn aber beschämt;“ antwortete der Alte. „Doch wie gesagt, das Heu ist vortrefflich,“ wiederholte er, im Wunsche, das Thema zu wechseln.

Lewin betrachtete aufmerksamer Wanka Parmenoff und sein Weib. Sie luden jetzt unweit von ihm einen Haufen auf. Iwan Parmenoff stand auf dem Wagen und nahm die mächtigen Heubündel entgegen, welche ihm sein junges hübsches Weib anfangs mit den Armen fassend, später mit der Gabel gewandt reichte, breitete sie gleichmäßig aus und trat sie fest.

Das junge Weib arbeitete leicht, lustig und flink. Das kurze, umherliegende Heu ließ sich nicht mit einemmale auf die Zinken aufnehmen, sie arbeitete es daher erst zurecht, stemmte dann die Gabel hinein, legte sich mit elastischer und hurtiger Bewegung mit der ganzen Schwere ihres Körpers darauf, und richtete sich dann, den mit dem roten Gürtel umspannten Rücken wieder gerade biegend auf, den üppigen Busen dabei unter dem weißen Vorhemd hervortreten lassend, und warf es, in gewandtem Griffe mit den Händen die Gabel umfassend, hoch hinauf auf den Wagen. Iwan, augenscheinlich bemüht, sie von jeder Minute überflüssiger Arbeit zu erlösen, fing jedes Bündel, die Arme weit ausbreitend auf und legte es auf dem Wagen zurecht. Nachdem das junge Weib das letzte Heu mit dem Rechen hinaufgegeben hatte, schüttelte es den Heusamen ab, der ihr auf dem Halse lag, ordnete das verschobene rote Tuch um die weiße, nicht von der Sonne verbrannte Stirn und kroch dann unter den Wagen, um die Ladung zu binden. Iwan wies ihr, wie gekettet werden müsse und lachte dann laut über etwas, was ihm von ihr dabei gesagt worden war. Im Ausdruck der beiden Gesichter war die starke, junge, erst unlängst erwachte Liebe sichtbar.

12

Die Ladung war gebunden. Iwan sprang vom Wagen herab und führte das hübsche, wohlgefütterte Pferd am Zügel. Sein Weib warf den Rechen auf den Wagen und begab sich munteren Schrittes, mit den Armen winkend, zu den anderen Weibern, die sich zu einem Trupp gesammelt hatten. Iwan, auf den Weg fahrend, schloß sich dem Transport mit den übrigen Fuhrwerken an. Die Weiber, die Rechen auf den Schultern, in grellfarbigen Blumen prangend, folgten unter schallendem heiteren Geschwätz den Wagen nach. Eine rauhe, wildklingende Weiberstimme begann ein Lied und sang dasselbe bis zum Refrain; dann plötzlich nahmen ein halbes hundert verschiedener, rauher, zarter und kräftiger Stimmen den nämlichen Gesang von vorn an wieder auf.

Die singenden Weiber näherten sich Lewin und diesem schien es, als nähere sich eine Wolke mit dem Donner der Lust. Die Wolke kam heran, sie umfing ihn, den Heuhaufen auf dem er lag und die anderen Heuhaufen, die Wagen, die Wiese mit dem Felde in der Ferne, alles bewegte sich und lebte unter dem Takte dieses ungebundenen Gesanges mit seinen Schreien, Pfiffen und Rufen. Lewin beneidete diese Leute um ihre gesunde Fröhlichkeit, er wünschte teilzunehmen an dieser Äußerung von Lebensfreude, aber er vermochte nichts zu thun, sondern mußte ruhig liegen bleiben, hatte nur zu sehen und zu hören.

Nachdem sich das Landvolk aus seiner Seh-und Hörweite verloren hatte, ergriff ihn ein schweres Gefühl der Trauer über seine Einsamkeit, seinen körperlichen Müßiggang, seine Feindschaft gegenüber der Welt.

Gerade einige derjenigen Bauern, welche vor allen mit ihm über das Heu gestritten hatten, die er verletzt hatte, oder die ihn hatten betrügen wollen, gerade diese Bauern hatten ihn freundlich gegrüßt; sie hegten augenscheinlich nicht den geringsten Groll mehr gegen ihn und mochten wohl auch keinen mehr hegen, ebensowenig wie Reue oder die Erinnerung daran, daß sie beabsichtigt hatten, ihn zu hintergehen.

Alles das war jetzt untergegangen in dem Meere der Lust an gemeinsamer Arbeit. Gott gab ihnen den Tag, er gab ihnen die Kraft. Der Tag und die Kraft war bei ihnen der Arbeit geweiht und in dieser fanden sie ihre Belohnung. Doch für wen war ihre Mühe? Welche Früchte ihrer Thätigkeit genossen sie? — Nun, das waren ihnen überflüssige und wertlose Grübeleien.

Lewin hatte oft schon dieses Leben angenehm gefunden, oft ein Gefühl des Neides gehabt gegen die Menschen, die dasselbe lebten, heute aber kam Lewin zum erstenmal und besonders unter dem Eindruck dessen, was er in dem Verhältnis Iwan Parmenoffs zu dessen junger Frau gesehen hatte, klar der Gedanke, daß es doch ganz von ihm abhänge, dieses so lästige, müßige, gekünstelte Einzeldasein das er lebte — in ein ebenso arbeitsvolles, reines, umgängliches und anziehendes Leben zu verwandeln.

Der Alte, der neben ihm gesessen hatte, war schon längst heimgegangen; das Landvolk hatte sich zerteilt. Die in der Nähe gewesenen waren heimgekehrt, die in der Ferne befindlichen hatten sich zum Abendbrot und Nachtlager auf der Wiese zusammengefunden.

Lewin, der von niemand bemerkt wurde, blieb auf seinem Heuhaufen liegen; er schaute und lauschte und sann. Das Landvolk, welches zu übernachten in der Flur verblieb, schlief fast gar nicht die kurze Sommernacht hindurch. Anfangs vernahm man das heitere Gespräch und Lachen aller beim Essen, dann wieder Lieder und Scherzen. Dieser ganze lange Tag voller Plage hatte in ihnen keine andere Spur zurückgelassen, als Frohsinn. Beim Aufdämmern des Morgenrots war alles still geworden. Man vernahm nur noch die Nachtmusik der unermüdlichen Frösche im Sumpfe und die Pferde, die in dem Nebel der sich vor dem tagenden Morgen erhob, auf den Wiesen schnaubten.

Zum Bewußtsein kommend, erhob sich Lewin von dem Heuhaufen; er schaute nach den Sternen und erkannte, daß die Nacht vorüber sei.

„Aber was soll ich thun, und wie soll ich handeln?“ frug er sich selbst und versuchte, für sich selbst alles das zum Ausdruck zu gestalten, was er erwogen, was er durchempfunden hatte in dieser kurzen Nacht. Alles was er erwogen und durchdacht hatte, gruppierte sich in drei Gedankenreihen, die voneinander gesondert waren.

Die eine war die Entsagung die er seinem früheren Leben zu teil werden lassen wollte, seiner Bildung, die ihm nichts nützte. Diese Entsagung gewährte ihm eine Befriedigung und erschien ihm leicht und einfach. Die zweite Art seiner Ideen und Vorstellungen betraf jenes Leben, welches er jetzt zu leben wünschte. Die Einfachheit, Reinheit, Regelmäßigkeit dieses Lebens fühlte er klar in sich, und er war überzeugt, daß er darin jene Genugthuung finden werde, jene Ruhe und Würde, deren Mangel er so schmerzlich empfand.

Die dritte Reihe seiner Gedanken aber drehte sich um die Frage, wie er diesen Übergang aus dem alten Leben zu dem neuen bewerkstelligen wollte. Hier zeigte sich ihm kein klarer Weg. Sollte er sich ein Weib nehmen? Arbeiten übernehmen, eine bestimmte Verpflichtung zur Arbeit? Pokrowskoje verlassen? Land ankaufen? Vielleicht eine Bäuerin heiraten? Wie sollte er das thun, frug er sich wiederum, ohne eine Antwort zu finden.

„Doch ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen und kann mir keine klare Rechenschaft geben,“ sprach er zu sich, „ich werde es aber später schon klar stellen. Eines ist sicher, daß diese Nacht entschieden hat über mein Geschick. Alle meine früheren Ideen über Familienleben waren thöricht, es ist alles bei weitem einfacher und besser,“ sagte er zu sich. „Wie herrlich,“ dachte er, eine seltsame, über seinem Haupte stehende, fast perlmutterartig schimmernde Muschel aus weißen Schafwölkchen erblickend gerade inmitten des Himmels. „Wie ist doch alles so herrlich in dieser herrlichen Nacht; und wann hat sich diese Wolke doch gebildet? Kurz zuvor blickte ich erst zum Himmel hinauf und nichts war an ihm zu erblicken — als zwei weiße Streifen. Ja, ganz ebenso unmerklich haben sich auch meine Anschauungen vom Leben gewandelt.“

Er verließ die Wiese und begab sich auf der Landstraße hin dem Dorfe zu. Ein leichter Wind hatte sich erhoben, die Luft wurde grau und trübe; eine trübe Minute, wie sie gewöhnlich der Morgendämmerung vorausgeht, bis sich das Licht von der Finsternis scheidet, war heraufgekommen. Vor Kälte schauernd, schritt Lewin rüstig aus, den Blick zu Boden gerichtet.

„Was war das? Da fährt jemand?“ dachte er, als Schellengeläute an sein Ohr drang. Er erhob den Kopf. Vierzig Schritt vor ihm auf der Landstraße, auf welcher er dahinging, kam ihm eine vierspännige Kutsche entgegen. Die Deichselpferde drängten von dem Geleis ab auf die Deichsel, aber der gewandte Jamschtschik, seitwärts auf seinem Bocke sitzend, hielt die Deichsel auf dem Geleis, so daß die Räder auf ebenem Boden rollten.

Lewin hatte den Wagen kaum bemerkt; er schaute, ohne daran zu denken, wer wohl in ihm fahren könnte, zerstreuten Blickes nach demselben hin.

In dem Wagen saß in die Ecke gedrückt, träumend eine ältere Frau, und an dem Fenster, offenbar soeben aus einem Schlummer erwacht, ein junges Mädchen, welches mit beiden Händen die Bänder ihres weißen Häubchens festhielt. Klar aber gedankenvoll, ganz erfüllt von jenem herrlichen, Lewin fremden, tiefen inneren Seelenleben, blickte sie über ihn hinweg auf das Morgenrot der kommenden Sonne.

Im Augenblick, da die Erscheinung schon entschwand, hatten ihre offenen Augen ihn gesehen. Sie erkannte ihn und Staunen und Freude erleuchteten ihre Züge.

Er konnte sich nicht irren. Es gab nur ein einziges solches Augenpaar in der Welt. Es gab nur ein einziges Wesen auf der Welt, welches fähig war, die ganze Welt und den Gedanken des Daseins für ihn in sich zu vereinigen — und das war sie — es war Kity. Er erkannte, daß sie nach Jerguschowo fuhr, von der Eisenbahnstation kommend.

Alles das, was in dieser schlaflosen Nacht Lewins Seele bewegt hatte, alle jene Entschlüsse, die von ihm gefaßt worden waren, verschwanden im Nu. Mit Ekel dachte er an seinen Plan, eine Bäuerin zu heiraten. Dort allein, dort in jenem sich schnell entfernenden, auf die andere Seite des Weges hinüberbiegenden Wagen barg sich eine Möglichkeit für die Entscheidung des Rätsels, welches in der letzten Zeit sein Leben so qualvoll belastet hatte.

Sie blickte nicht mehr aus dem Wagen. Das Geräusch der Wagenfedern war verklungen, kaum die Schellen waren noch hörbar. Das Gebell von Hunden zeigte an, daß der Wagen durch das Dorf fuhr, rings um ihn blieb nur die öde Flur, das Dorf vor ihm, und er selbst einsam und allem entfremdet, einsam dahinschreitend auf der verlassenen Landstraße.

Er blickte zum Himmel empor in der Hoffnung, dort noch jene Muschelwolke zu entdecken, die er so schön gefunden, die für ihn ein Bild des ganzen Ganges seiner Gedanken und Gefühle in dieser Nacht gewesen war. An dem Himmel gewahrte er nichts mehr, was jener Muschelwolke ähnlich gewesen wäre, dort, in unerreichbarer Höhe, hatte sich bereits eine geheimnisvolle Wandlung vollzogen. Es war keine Spur der Wolke mehr vorhanden, sondern ein gleichmäßiger sich über eine ganze Hälfte des Himmels ausbreitender Teppich von flockigen Wölkchen, die sich mehr und mehr verkleinerten.

Der Himmel begann sich zu bläuen und zu schimmern; er schien mit Zärtlichkeit und doch auch voll Unerreichbarkeit seinem fragenden Blicke zu antworten.

„Nein,“ sprach Lewin zu sich selbst, „so schön dieses einfache Arbeitsleben auch wäre, ich kann mich ihm nicht ergeben. Ich liebe ja sie.“

13

Niemand als nur diejenigen Personen, welche Aleksey Aleksandrowitsch am nächsten standen, wußte, daß dieser, dem Anscheine nach so kalte, nüchtern denkende Mensch eine Schwäche besaß, die seiner gesamten Charakteranlage widersprach. Aleksey Aleksandrowitsch konnte nicht gleichgültig Weiber oder Kinder weinen sehen und hören. Der Anblick von Thränen versetzte ihn in einen Zustand von Ratlosigkeit, in welchem er die Fähigkeit zu überlegen, vollkommen verlor.

Sein Kanzleivorsteher und der Geschäftsführer wußten dies und instruierten stets im voraus die Bittstellerinnen, sie möchten bei Leibe nicht weinen, wenn sie nicht alles verderben wollten.

„Er wird dann ärgerlich und hört Euch nicht mehr an,“ sprachen sie. Und in der That kam jene seelische Erregung bei derartigen Fällen, die durch die Thränen bei Aleksey Aleksandrowitsch hervorgerufen wurde, durch einen ungeduldigen Zorn zum Ausdruck. „Ich kann nichts thun; bitte geht hinaus!“ pflegte er in solchen Fällen gewöhnlich zu rufen.

Als Anna bei der Rückkehr von den Rennen ihm Mitteilung über ihre Beziehungen zu Wronskiy gemacht hatte, und ihr Gesicht dann sofort mit den Händen bedeckend, in Thränen ausbrach, fühlte Aleksey Aleksandrowitsch, ungeachtet der in ihm wachgerufenen Erbitterung gegen sie, gleichzeitig eine Anwandlung jener inneren Ratlosigkeit, wie sie eben stets Thränen bei ihm hervorriefen. Da er dies fühlte, und wußte, daß der Ausdruck seiner Empfindungen im gegenwärtigen Augenblick der herrschenden Situation nicht entsprochen haben würde, bemühte er sich, jede Äußerung von Leben in sich zu unterdrücken, und infolge dessen rührte er sich weder, noch blickte er sein Weib an.

Hierdurch eben erschien auf seinen Zügen jener seltsame Ausdruck des Totenhaften, der Anna so betroffen machte.

Nachdem sie am Hause angelangt waren, hob er sie aus dem Wagen und reichte ihr, sich selbst bezwingend, in seiner gewöhnlichen Höflichkeit die Hand zum Abschied, dabei einige Worte sprechend, welche ihn selbst zu nichts verpflichteten; er sagte nur, er würde ihr am nächsten Tage seinen Entschluß mitteilen.

Die Worte seiner Gattin, die seine eigenen schlimmen Vermutungen bestätigt hatten, erweckten einen heftigen Schmerz in der Brust Aleksey Aleksandrowitschs und dieser Schmerz wurde noch erhöht durch jenes seltsame Gefühl von physischem Mitleid mit ihr, wie es durch ihre Thränen in ihm hervorgerufen worden war.

Als er indessen allein in dem Coupé saß, fühlte er plötzlich zu seiner Verwunderung und seiner Freude eine völlige Erlösung sowohl von jener Empfindung von Mitleid, als von jenen Zweifeln und Leiden der Eifersucht, die ihn in letzter Zeit gefoltert hatten.

Er hatte jetzt die Empfindung eines Menschen, der einen seit langem schmerzenden Zahn hat ausreißen lassen. Nach einem furchtbaren Schmerz, nach der Empfindung eines ungeheuren Etwas, das, größer als der Kopf selbst, aus dem Kiefer herausgezogen wird, fühlt der Kranke plötzlich, seinem Glücke noch nicht trauend, daß nun das nicht mehr vorhanden ist, was ihm so lange das Leben verbittert hat, was all seine Denkkraft an sich schmiedete, und daß er nun wieder leben kann, wieder denken und nicht von seinem Zahn ausschließlich in Anspruch genommen sein wird.

Dieses Gefühl hatte Aleksey Aleksandrowitsch. Der Schmerz war seltsam und furchtbar, aber jetzt war er vorbei; er fühlte, daß er wieder leben könne, und nicht nur mehr allein an seine Frau zu denken brauche.

„Ohne Ehre, ohne Herz, ohne Religion, ein verdorbenes Weib! Ich habe dies stets gewußt und stets gesehen, obwohl ich mich bemühte, mich im Mitleid mit ihr darüber selbst zu täuschen,“ sprach er zu sich, und in der That dünkte es ihm jetzt, als ob er dies stets schon gesehen hätte. Er vergegenwärtigte sich manche Einzelheiten ihres früheren Zusammenlebens, die ihm ehedem in keiner Beziehung als schlecht erschienen waren. Jetzt zeigten sie ihm klar, daß Anna stets eine Verworfene gewesen sei. „Ich habe einen Fehler damit gemacht, mein Leben an das ihre zu fesseln, aber in meinem Irrtum liegt nichts Böses. Ich kann daher auch nicht unglücklich sein. Ich trage die Schuld nicht,“ sagte er zu sich, „nur sie. Aber mit ihr habe ich nichts mehr zu thun; sie existiert für mich nicht mehr.“

Alles, was sie und ihr Kind anging, für welches sich seine Empfindungen im gleichen Maße verändert hatten, wie für sie selbst, hatte aufgehört, ihn zu interessieren.

Nur Eines war es, was ihn jetzt noch beschäftigte; das war die Frage darnach, wie er sich auf die beste, taktvollste und ihm selbst vorteilhafteste — infolge dessen also auch richtigste — Weise von diesem Unrat losmachen, mit dem sie ihn besudelt hatte durch ihren Fall, und dann die Laufbahn seines rastlos fleißigen, ehrenhaften und nutzbringenden Lebens fortsetzen könne.

„Ich kann dadurch nicht unglücklich werden, daß ein der Verachtung würdiges Weib ein Verbrechen beging, ich habe nur den besten Ausweg aus der schwierigen Lage zu finden, in welche sie mich gebracht hat. Und ich werde diesen Ausweg finden,“ sagte er zu sich selbst, sich mehr und mehr verfinsternd. „Ich bin weder der Erste noch der Letzte, dem es so geht.“ Und abgesehen von den Beispielen aus der Geschichte, angefangen von der erst unlängst im Theater wieder in aller Gedächtnis aufgefrischten „schönen Helena“, tauchte eine ganze Reihe zeitgenössischer Fälle von Untreue der Frauen gegen ihre Männer aus den höchsten Kreisen in seiner Erinnerung auf: „Darjeloff, Poltawskiy, der Fürst Karibanoff, Graf Paskudin, Dram — ja Dram, — ein so ehrenhafter, fleißiger Mensch; ferner Semjonoff, Tschagin, Sigonin,“ zählte Aleksey Aleksandrowitsch weiter auf. „Zugegeben auch, daß durch Unverstand ein Schein von Lächerlichkeit auf diese Männer fallen kann, so habe ich selbst doch darin nie etwas anderes als ein Unglück gesehen, und stets ein Mitgefühl dafür gehabt,“ sprach Aleksey Aleksandrowitsch zu sich selbst, obwohl auch das nicht ganz richtig war, da er niemals Sympathie für derartige Unglücksfälle gefühlt, sondern sich vielmehr um so höher geschätzt hatte, je zahlreicher die Fälle der Untreue von Frauen, die ihre Männer verrieten, wurden. „Das ist ein Unglück, welches jedermann heimsuchen kann, und auch mich hat es heimgesucht. Es handelt sich nun nur darum, wie man auf die beste Art diese Situation erträgt.“

Er ließ nun alle Einzelheiten der Handlungsweise Revue passieren, welche seine Leidensgefährten in der gleichen Lage gewählt hatten.

„Darjaloff hatte sich geschlagen“ — —

Das Duell hatte besonders in der Jugendzeit Aleksey Aleksandrowitsch viel beschäftigt; hauptsächlich deshalb, weil er ein physisch schwächlicher Mensch war und dies recht wohl wußte. Aleksey Aleksandrowitsch vermochte nicht ohne Schrecken an ein Pistol zu denken, welches auf ihn gerichtet sein könnte und er hatte noch nie in seinem Leben eine Flinte gebraucht. Diese Furcht hatte ihn von Jugend auf häufig an das Duell denken und Verhütungsmaßregeln für jede Eventualität treffen lassen, in welcher es erforderlich werden könnte, daß er sein Leben einer Gefahr aussetzte.

Nachdem er Erfolg und eine gesicherte Stellung im Leben erlangt, vergaß er diese Furcht, aber die Gewohnheit, sie zu hegen, machte ihre Rechte geltend, und die Besorgnis vor seiner Schwäche zeigte sich auch jetzt so mächtig, daß Aleksey Aleksandrowitsch lange und vielseitig erwog, und in Gedanken mit der Duellfrage kokettierte, obwohl er von vornherein wußte, daß er sich in keinem Falle schlagen würde.

Ohne Zweifel ist unsere gute Gesellschaft noch so uncivilisiert — nicht so wie in England — daß sehr viele, und in der Zahl dieser Vielen befanden sich auch Leute, deren Meinung Aleksey Aleksandrowitsch besonders hoch schätzte, das Duell von der günstigen Seite betrachten. Aber welches Resultat wird dabei erreicht? „Gesetzt, ich forderte jemand zum Zweikampf,“ fuhr Aleksey Aleksandrowitsch für sich selbst fort, und erschrak, sich im Geiste die Nacht vorstellend, welche er nach einer Forderung verbringen würde, sowie das auf ihn gerichtete Pistol. Er sah ein, daß er dies nie thun würde. „Gesetzt, ich forderte ihn zum Zweikampf; man instruiert mich,“ fuhr er fort, sich auszumalen, „man postiert mich, ich drücke ab,“ sprach er zu sich und drückte dabei die Augen zu, „und es zeigt sich, daß ich ihn erschossen habe“ — er schüttelte den Kopf, um diese ungereimten Ideen von sich zu weisen — „was für Sinn hat doch der Mord eines Menschen, zu dem Zwecke begangen, meine Beziehungen zu einem verbrecherischen Weibe und dessen Kinde zu bestimmen? Muß ich nicht ganz ebenso einen Entschluß fassen über das, was ich mit ihr zu beginnen habe? Aber was noch wahrscheinlicher, ja, unzweifelhaft sicherer ist, — ich selbst sollte getötet oder verwundet werden? Ich, der Unschuldige, bin das Opfer — verwundet oder tot! Das hätte noch weniger Sinn! Und nicht genug hiermit; die Herausforderung zum Zweikampf meinerseits würde nicht als ehrenhafte That erscheinen. Weiß ich nicht im voraus schon, daß meine Freunde mich niemals ein Duell eingehen lassen würden? Sie werden nimmermehr zulassen, daß das Leben eines Staatsbeamten, den Rußland braucht, einer Gefährdung ausgesetzt wird. Was aber folgt daraus? Es wird sich ergeben, als hätte ich mir, vorauswissend, daß die Sache nie eine ernste Wendung für mich nehmen könne, mit dieser Forderung nur einen falschen Nimbus verleihen wollen. Dies wäre unehrenhaft und falsch, ein Betrug Dritter, wie meiner selbst. Ein Duell erscheint demnach undenkbar, und niemand erwartet ein solches von mir. Meine Aufgabe kann somit nur darin bestehen, auf meinen Ruf bedacht zu sein, der mir für die ungehinderte Fortsetzung meiner Wirksamkeit nötig ist.“

Die dienstliche Thätigkeit die schon früher in den Augen Aleksey Aleksandrowitschs große Bedeutung besessen hatte, erschien ihm jetzt von ganz besonderer Wichtigkeit.

Nach dieser Verurteilung und Verwerfung des Duells wandte sich Aleksey Aleksandrowitsch zur Ehescheidung, dem zweiten Ausweg, der von einigen jener Männer, deren er sich erinnert hatte, gewählt worden war. Obwohl er in seiner Erinnerung alle bekannten Fälle von Ehescheidung — es gab deren eine sehr große Zahl in der allerhöchsten, ihm wohlbekannten Gesellschaft — an sich vorüberziehen ließ, fand Aleksey Aleksandrowitsch doch keinen einzigen, in welchem das Ergebnis der Scheidungsklage das gleiche gewesen wäre, welches er im Auge hatte.

In allen jenen Fällen war der Gatte zurückgetreten oder hatte die untreue Frau aufgegeben und diejenige Partei, welche wegen ihrer Schuld nicht das Recht besaß, einen neuen Ehebund zu schließen, war dann in nur scheinbare, vermeintlich gesetzliche Beziehungen mit dem vermeintlichen Gatten getreten. In seinem Falle jedoch sah Aleksey Aleksandrowitsch, daß die Erlangung einer gesetzlichen, das heißt derartigen Scheidung, daß die schuldige Frau getrennt wurde, unmöglich sein werde.

Er sah recht wohl, daß die schwierige Lebensstellung, in welcher er sich befand, nicht die Möglichkeit jener rücksichtslos rohen Beweisführungen, die das Gesetz für die Überführung des Verbrechens dem Weibe gegenüber verlangte, zuließ; er sah recht wohl, daß der bekannte feine Geschmack seiner Kreise nicht einmal die Abwägung dieser Beweise, für den Fall überhaupt, daß sie vorhanden gewesen wären, gestattet hätte, daß die Vergleichung solcher Beweise ihn selbst in der Meinung der Gesellschaft mehr herabgesetzt haben würde, als sie.

Ein Versuch zur Ehescheidung konnte somit nur zu einem Skandalprozeß führen, der seinen Feinden wie gefunden gekommen wäre, nur zur Verleumdung und zur Erniedrigung seiner hohen Stellung in der Welt. Sein hauptsächlichstes Bestreben, ein Arrangement in seiner Situation unter möglichst geringen Blößen, ließ sich überhaupt durch die Ehescheidung nicht zur Ausführung bringen. Wurde es doch überdies bei einer solchen, selbst schon bei einem Versuch dazu, augenscheinlich, daß sein Weib alle Beziehungen zu dem Ehegatten abbrechen und sich mit ihrem Galan vereinigen würde.

In der Seele Aleksey Aleksandrowitschs blieb aber, ungeachtet der, wie ihm schien, jetzt vollständig gewordenen Verachtung und Gleichgültigkeit seiner Frau gegenüber, doch ein Gefühl zu ihr rege — das des Wunsches, sie möchte nicht ungehindert zu der Vereinigung mit Wronskiy gelangen, damit ihr Verbrechen ihr keinen Gewinn brächte.

Allein schon der Gedanke an diese Möglichkeit brachte Aleksey Aleksandrowitsch derartig in Erbitterung, daß er bei der bloßen Vorstellung, von einem innerlichen Schmerz gepeinigt, stöhnte, sich erhob, und seinen Platz im Wagen änderte, und erst lange darauf seine kalt gewordenen, hageren Füße finsteren Angesichts wieder in das Plaid wickelte.

„Abgesehen aber von der formalen Trennung, konnte man auch handeln, wie Karibanoff gehandelt hatte, Paskudin und der brave Dram, das heißt, sich einfach von seinem Weibe trennen;“ spann er seine Gedanken weiter und beruhigte sich dabei; allein auch dieses Verfahren zeigte die nämlichen Unzulänglichkeiten wegen der drohenden Schande, wie eine Scheidung, und, was die Hauptsache war, er trieb damit sein Weib ganz ebenso wie bei einer solchen, geradezu in die Arme Wronskiys.

„Nein, dies ist unmöglich, unmöglich,“ sprach er laut zu sich, von neuem sich mit seinem Plaid beschäftigend, um sich hineinzuwickeln, „ich kann nicht unglücklich sein, aber sie und er, sie sollen auch nicht glücklich werden!“

Das Gefühl der Eifersucht, welches ihn schon zur Zeit, in welcher er noch in Ungewißheit geschwebt, gepeinigt hatte, war verschwunden im Moment, als ihm der schmerzende Zahn durch die Worte seiner Frau ausgezogen worden war, aber dieses Gefühl hatte einem anderen Platz gemacht, dem Wunsche, daß sie nicht nur nicht triumphieren, sondern auch die Ahndung ihres Verbrechens erfahren sollte. Er wurde sich über diese Empfindung nicht klar, aber auf dem Grunde seines Herzens ersehnte er, daß sie für die Vernichtung seiner Ruhe und Ehre leide, und als er dann von neuem die Maßregeln des Duells, der Ehescheidung, der Trennung musterte, und sie wiederum alle von sich gewiesen hatte, überzeugte er sich, daß es nur noch einen einzigen Ausweg gebe, den, sie bei sich zu behalten, das Vorgefallene vor der Welt zu verbergen und alles zu thun, um jenes Verhältnis abzubrechen, und sie ganz besonders, wenn er sich dies auch nicht zugestand, zu bestrafen.

„Ich muß meinen Entschluß mitteilen, dahingehend, daß ich alle anderen Auswege, nachdem ich die schwierige Lage überdacht habe, in welche sie die Familie versetzt hat, für beide Teile als schlimmer befinde, wie einen äußerlich festgehaltenen status quo, und daß ich einen solchen zu beobachten einverstanden bin, aber nur unter der strengen Voraussetzung, daß sie ihrerseits sich meinem Willen fügt, das heißt dem Abbruch ihrer Beziehungen zu dem Liebhaber.

Zur weiteren Befestigung dieses Entschlusses, auch nachdem derselbe schon endgültig geworden war, trat für Aleksey Aleksandrowitsch noch eine weitere wichtige Erwägung.

„Nur mit einem solchen Entschluß handle ich auch im Einverständnis mit der Religion,“ sagte er sich, „nur mit ihm stoße ich das verbrecherische Weib nicht von mir, sondern gebe ihr die Möglichkeit, sich zu bessern; ja, so schwer es mir auch werden würde, sogar einen Teil meiner Kräfte will ich opfern zu ihrer Besserung und Rettung.“

Obwohl Aleksey Aleksandrowitsch nun wußte, daß er auf sein Weib keinen sittlichen Einfluß zu üben vermöge, daß aus diesem ganzen Besserungsversuch nichts hervorgehen werde als Lüge, — obwohl er in diesen schweren Augenblicken nicht ein einziges Mal daran gedacht hatte, ein Hilfsmittel in der Religion selbst zu suchen, so verlieh ihm jetzt, da sein Entschluß mit den Forderungen derselben sogar zusammenfiel, wie ihm schien, diese religiöse Sanktionierung seines Entschlusses eine vollständige Befriedigung und teilweise Beruhigung. Es machte ihm Freude zu denken, daß auch bei einer so wichtigen Handlung im Leben nunmehr niemand imstande sei, ihm zu sagen, daß er nicht im Einklang mit den Vorschriften der Religion gehandelt hätte, deren Banner er stets hoch gehalten inmitten der allgemeinen Kälte und Gleichgültigkeit vor ihr, und als er die weiteren Einzelheiten erwog, wollte er nicht einmal mehr einsehen, warum seine Beziehungen zu seiner Gattin nicht fast die nämlichen mehr bleiben könnten, wie früher.

Zweifellos freilich würde er ja niemals imstande sein, ihr seine Achtung wieder zu schenken, aber es gab doch keinerlei Grund, und es konnte auch keinen geben, weshalb er sich sein Dasein zu nichte machen und deswegen leiden sollte, weil sie ein schlechtes und treuloses Weib gewesen war.

„Nun; die Zeit vergeht ja; die Zeit die alles heilt, und die alten Verhältnisse werden sich wieder einstellen,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch zu sich, das heißt nur so weit wieder einstellen, daß ich wenigstens keine Störung im Lauf meines Lebens mehr empfinde. Sie muß unglücklich bleiben, während ich keine Schuld trage und daher nicht unglücklich werden kann.“

14

Als Aleksey Aleksandrowitsch nach Petersburg kam, stand er nicht nur vollständig bei dem gefaßten Entschluß fest, er hatte im Kopfe sogar einen Brief entworfen, welchen er an sein Weib schreiben wollte.

Bei seinem Eintritt in die Portierloge, warf er einen Blick auf die Briefe und Aktenstücke, die aus dem Ministerium gebracht worden waren und befahl, ihm dieselben in sein Kabinett nachzutragen.

„Niemand vorzulassen,“ antwortete er auf die Frage seines Portiers, mit einer gewissen Selbstzufriedenheit, die als Zeichen seiner guten Laune galt, indem er das Wort „niemand“betonte.

In seinem Kabinett ging Aleksey Aleksandrowitsch zweimal auf und ab; dann blieb er bei dem mächtigen Schreibtisch stehen, auf dem von dem Kammerdiener, welcher vorher schon hereingekommen war, sechs Kerzen angezündet worden waren, knackte mit den Fingern und setzte sich dann, seine schriftlichen Obliegenheiten überdenkend. Er stemmte die Ellbogen auf den Tisch, neigte den Kopf seitwärts, sann eine Minute nach und begann dann zu schreiben, ohne eine Sekunde innezuhalten. Er schrieb an sie ohne Anrede und auf Französisch, das Fürwort „vous“anwendend, welches nicht den kalten Charakter besitzt, wie das „Ihr“, der russischen Sprache.

„Bei unserem letzten Gespräch drückte ich Euch die Absicht aus, Euch meinen Entschluß bezüglich des Gegenstandes unserer Unterredung mitzuteilen. Nachdem ich alles sorglich erwogen habe, schreibe ich jetzt mit der Absicht, meinem Versprechen nachzukommen.

Mein Entschluß ist folgender: Mögen Eure Handlungen sein wie sie wollen, so messe ich mir doch nicht das Recht bei, die Bande zu zerreißen, mit welchen wir vereint worden sind durch eine höhere Macht. Eine Familie kann nicht allein infolge einer Laune vernichtet werden, nach freiem Willen, oder gar durch Verbrechen des einen der beiden Gatten und unser Leben muß seinen Fortgang nehmen, wie dies bisher der Fall gewesen ist. Dies ist unerläßlich notwendig für mich, für Euch, wie für unseren Sohn.

Ich bin vollständig überzeugt, daß Ihr schon bereut habt, daß Ihr bereut, was den Anlaß zu vorliegendem Schreiben gegeben hat, überzeugt, daß Ihr ferner mit mir zusammen wirken werdet in der Aufgabe, mit der Wurzel die Ursache unserer Entzweiung auszurotten und die Vergangenheit zu vergessen. Im Falle des Gegenteils werdet Ihr Euch selbst vorstellen können, was Eurer und Eures Sohnes harrt. Über all das hoffe ich indessen eingehender bei dem persönlichen Wiedersehen sprechen zu können. Da die Saison des Landaufenthalts zu Ende geht, möchte ich Euch ersuchen, so bald als möglich nach Petersburg zu kommen, und zwar nicht später, als bis Dienstag. Alle Verfügungen, die zu Eurer Übersiedelung nötig sind, werden getroffen werden.

Ich bitte Euch, im Auge zu behalten, daß ich der Erfüllung dieser meiner Bitte eine ganz besondere Bedeutung beilegen muß.
A. Karenin.

P. S. Beifolgend noch Geld, das für Eure Ausgaben erforderlich sein könnte.“ —

Er durchlas den Brief nochmals und war zufrieden mit ihm, namentlich damit, daß er daran gedacht hatte, Geld beizulegen. Kein hartes Wort, kein Vorwurf, aber auch nichts von Nachsicht seinerseits stand darin. Es hatte sich ihm um die Hauptsache gehandelt — um die goldene Brücke des Rückzuges. —

Nachdem er den Brief zusammengefaltet, mit seinem großen massiven Elfenbeinmesser geglättet und ihn mit dem Gelde in ein Couvert gesteckt hatte, schellte er, in jener selbstzufriedenen Stimmung, die stets bei ihm zu erscheinen pflegte, wenn er sich mit seinen gutgeordneten Korrespondenzangelegenheiten beschäftigte.

„Dem Kurier geben, damit es morgen auf die Villa zu Anna Arkadjewna gelangt,“ sprach er und stand auf.

„Zu Diensten, Excellenz — befehlen den Thee in das Kabinett?“ —

Aleksey Aleksandrowitsch ließ den Thee ins Kabinett bringen und trat, mit seinem Elfenbeinmesser spielend, an den Lehnstuhl, vor welchem die Lampe bereit stand und ein angefangenes französisches Buch über die eugubinischen Inschriften. Über dem Lehnstuhl hing das ovale, von einem namhaften Künstler schön ausgeführte Bild Annas in Goldrahmen. Aleksey Aleksandrowitsch schaute es an; die unergründlichen Augen blickten frivol und frei auf ihn herab, gerade wie an jenem letzten Abend ihrer Auseinandersetzung. Unerträglich frivol und herausfordernd wirkte der Andruck der von dem Künstler vorzüglich ausgeführten schwarzen Spitzen auf dem Haupte auf ihn, der dunklen Haare und der schönen weißen Hand mit den kaum hervortretenden Fingern die von Ringen bedeckt waren.

Nachdem er eine Weile auf das Porträt geblickt hatte, erschrak er plötzlich so, daß seine Lippen bebten und sich der Ausdruck „brr“ denselben entrang, worauf er sich abwandte. Dann setzte er sich hastig in seinen Lehnstuhl und nahm sein Buch auf. Er versuchte zu lesen, vermochte aber nicht das hohe Interesse, welches ihn vorher an die eugubinischen Tafeln gefesselt hatte, wach zu erhalten. Er starrte auf das Buch und dachte über etwas ganz Anderes nach. Er dachte nicht an sein Weib, sondern an eine in jüngster Zeit in seiner Amtsthätigkeit entstandene Verwickelung, die gegenwärtig vornehmlich sein dienstliches Interesse in Anspruch nahm.

Er fühlte, daß er jetzt tiefer, als je in diese Verwickelung eingedrungen und in seinem Kopfe — er konnte dies ohne Selbstüberhebung sagen — ein kapitaler Gedanke erstanden sei, der die ganze Frage lösen, und ihn in seiner dienstlichen Carriere weiter erhöhen, seine Feinde aber fallen lassen und der Regierung infolge dessen den größten Nutzen gewähren werde.

Kaum hatte der Diener, welcher ihm den Thee servierte, das Zimmer wieder verlassen, als Aleksey Aleksandrowitsch aufstand und an seinen Schreibtisch trat. Er zog das Portefeuille mit den laufenden Geschäften halb zu sich heran und nahm mit einem kaum merklichen Lächeln der Zufriedenheit einen Bleistift zur Hand, worauf er sich in das Studium der von ihm geforderten schwierigen Aufgabe vertiefte, die ihm in der vorliegenden Verwickelung oblag.

Diese Verwickelung war folgende: Die Eigenheit Aleksey Aleksandrowitschs als Regierungsbeamten, jener charakteristische Zug, den ein jeder strebende Beamte besitzt, derselbe, welcher vereint mit seinem Ehrgeiz, seiner strengen Haltung, Ehrenhaftigkeit und seinem Selbstvertrauen ihm seine Carriere begründet hatte, bestand in der Verachtung aller offiziellen Briefschreiberei, in der möglichsten Abkürzung der Vielschreiberei, und, soweit dies möglich war, in der direkten Anpassung der Sache selbst sowie sie lag, dann aber auch in der Sparsamkeit. Nun hatte es sich ereignet, daß in einer wichtigen Kommissionssitzung vom zweiten Juni, die Frage der Bewässerung von Feldern im Gouvernement Zaraisk aufgeworfen wurde; die Sache befand sich in dem Ministerium Aleksey Aleksandrowitschs und enthielt ein schlagendes Beispiel für die Zwecklosigkeit mancher großer Ausgaben und des Briefwechsels der in derselben gepflogen worden war.

Aleksey Aleksandrowitsch wußte, daß dies richtig war; die Ausführung der Bewässerung der fraglichen Felder in dem Gouvernement Zaraisk war von dem Vorgänger des Vorgängers Aleksey Aleksandrowitschs unternommen worden, und thatsächlich war auf dieselbe bis jetzt sehr viel Kapital völlig unnütz verwendet worden, während die Unternehmung offenbar zu nichts führen konnte.

Aleksey Aleksandrowitsch hatte dies bei seinem Antritt im Amte sogleich erkannt, und wollte schon selbst Hand an die Sache legen, allein in der ersten Zeit, als er sich noch nicht sicher genug in den Geschäften fühlte, erkannte er, daß sie allzuviele Interessen berühre und auch eine undankbare sei; später jedoch, hatte er sie unter der Beschäftigung mit anderem völlig vergessen, und sie war, wie alles, einfach für sich dem Gesetz der Trägheit weiter gefolgt. Viele bezogen aus diesem Unternehmen ihren Unterhalt, insonderheit eine sehr anständige und sehr musikalische Familie — die Töchter spielten sämtlich Saiteninstrumente.

Aleksey Aleksandrowitsch kannte diese Familie, er war vom Vater derselben als Vormund einer der älteren Töchter bestellt worden. Die Aufnahme der Angelegenheit nun seitens eines gegnerisch gesinnten Ministeriums war nach seiner Meinung nicht ehrlich, da in jedem Ministerium ja sich derartige Angelegenheiten befanden, welche niemand, dem üblichen Beamtentakt folgend, aufstach. Jetzt, wenn man ihm schon diesen Handschuh hingeworfen hatte, nahm er ihn mutig auf und forderte die Einsetzung einer besonderen Kommission zur Untersuchung und Begutachtung der Arbeiten derjenigen Kommission, welcher die Bewässerung der Fluren im Gouvernement Zaraisk anvertraut worden war; aber ohne daß er jenen Herren dafür eine Frist gelassen hätte. Er forderte auch die Einsetzung noch einer besonderen Kommission für die Frage bezüglich der Verhältnisse der Ausländer. Diese letztere Angelegenheit war zufällig in der Komiteesitzung vom zweiten Juni aufgeworfen und von Aleksey Aleksandrowitsch energisch vertreten worden, als eine solche die angesichts der bedauernswerten Lage der Fremden keinerlei Aufschub dulde. In dem Komitee hatte dies zum Anlaß für die Erhebung von Widersprüchen seitens mehrerer Ministerien gedient. Dasjenige, welches Aleksey Aleksandrowitsch gegnerisch gesinnt war, legte dar, daß die Lage der Ausländer eine sehr günstige sei, und daß die vorgeschlagene Reorganisation den blühenden Wohlstand nur vernichten könne; sei aber etwas Übles gleichwohl vorhanden, so rühre dies nur von der Nichtausführung der vom Gesetz vorgeschriebenen Maßregeln her, welche seitens des Ministeriums Aleksey Aleksandrowitsch zu treffen gewesen wären.

Nun entschloß sich Aleksey Aleksandrowitsch, zu fordern: Erstens: Es solle eine neue Kommission gewählt werden, die an Ort und Stelle die Lage der Fremden zu prüfen hätte. Zweitens: Wenn sich zeige, daß die Lage der Fremden thatsächlich eine derartige sei, wie sie sich aus den offiziellen Fakten, welche das Komitee in Händen habe, ergäbe, sollte eine zweite, wissenschaftliche Kommission eingesetzt werden, zum Zweck der Erforschung der Ursachen jener unerfreulichen Lage der Fremden von folgenden Gesichtspunkten aus: a) vom politischen, b) vom administrativen, c) vom ökonomischen, d) vom ethnographischen, e) vom materiellen und f) vom religiösen.

Drittens: Es müssten von dem gegnerischen Ministerium Erklärungen über diejenigen Maßregeln verlangt werden, welche innerhalb der letzten zehn Jahre von demselben angebahnt seien zur Verhütung jener unerquicklichen Verhältnisse, in denen sich gegenwärtig die Fremden befänden; und viertens endlich, es müsse von dem Ministerium eine Erklärung darüber eingefordert werden, weshalb es, wie aus den dem Komitee unter No. 17,015 und 18,308 eingelieferten Mitteilungen vom 5. Dezember 1863 und vom 7. Juni 1864 hervorgehe, geradezu im Widerspruch mit dem Sinne des Gesetzes gehandelt habe.

Die Röte der Erregung bedeckte das Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs, als er den Wortlaut dieser Ideen schnell in das Konzept schrieb. Nachdem er das Blatt vollgeschrieben hatte, erhob er sich, schellte und gab das Schreiben für den Kanzleidirektor ab zur Ausführung der erforderlichen Korrekturen. Hierauf schritt er in dem Zimmer auf und ab, wiederum nach dem Bildnis seiner Gattin schauend und bald sich verfinsternd, bald verächtlich lächelnd. Nachdem er noch das Buch von den eugubinischen Tafeln gelesen hatte und sein Interesse für dasselbe wieder belebt worden war, begab er sich um elf Uhr nachts zur Ruhe. Ihm erschien, als er dann im Bett lag und sich des Auftritts mit seinem Weibe erinnerte, letzterer schon nicht mehr in dem nämlichen finsteren Lichte.

15

Obwohl Anna beharrlich und erbittert Wronskiy widersprochen hatte, als dieser ihr sagte, daß ihre Situation eine unmögliche sei, hielt sie diese doch selbst auf dem Grunde ihrer Seele für ehrlos, und wünschte, aus vollem Herzen, sie verändern zu können.

Als sie mit ihrem Gatten von den Rennen zurückkam, hatte sie diesem in der Erregung des Augenblicks alles enthüllt und sie war froh hierüber, ungeachtet des Schmerzes, den sie dabei empfand.

Nachdem ihr Gatte sie verlassen hatte, sagte sie sich selbst, sie freue sich, daß jetzt alles seine Bestimmung erfahren habe, und nun wenigstens keine Lüge und kein Betrug mehr notwendig sei. Es erschien ihr zweifellos, daß nunmehr ihre Lage ein für allemal bestimmt sei. Sie konnte übel werden, diese neue Lage, aber sie mußte doch eine abgeklärte sein, in welcher es keine Unklarheit, keine Lüge mehr gab. Der Schmerz, den sie sich und ihrem Manne zugefügt hatte, indem sie jene Worte zu ihm sprach, war jetzt aufgewogen dadurch, daß nun alles klar war, wie sie dachte.

An diesem Abend traf sie sich mit Wronskiy, erzählte ihm aber nichts von dem, was zwischen ihr und ihrem Manne vorgefallen war, obwohl dies doch zum Zweck, daß ihre Situation ins klare komme, notwendig gewesen wäre.

Als sie am anderen Morgen erwachte, war das Erste, was vor ihr auftauchte, die Erklärung, die sie ihrem Gatten gegeben hatte, und dieselbe erschien ihr so furchtbar, daß sie jetzt nicht mehr begreifen konnte, wie sie sich hatte entschließen können, diese seltsam herben Worte auszusprechen; sie vermochte sich auch nicht vorzustellen, was daraus erfolgen werde.

Aber die Worte waren gesprochen, und Aleksey Aleksandrowitsch war fortgefahren, ohne ein Wort gesprochen zu haben.

„Ich habe Wronskiy gesehen und ihm nichts davon gesagt. Noch in dem Augenblick, als er ging, wollte ich ihn zurückrufen und ihm erzählen, allein ich sah davon ab, weil es seltsam erschien, daß ich es ihm nicht gleich im ersten Augenblick gesagt hatte. Weshalb habe ich es ihm aber sagen wollen und doch nicht gesagt?“

Als Antwort auf diese Frage ergoß sich eine glühende Röte der Scham über ihr Antlitz. Sie erkannte, was sie daran gehindert hatte; sie begriff, daß es die Scham gewesen. Ihre Lage, die ihr gestern Abend so abgeklärt erschienen war, zeigte sich ihr jetzt plötzlich nicht nur nicht abgeklärt, sondern vielmehr unentwirrbar.

Jetzt empfand sie ein Entsetzen vor der Schande, an welche sie vorher gar nicht gedacht hatte. Sobald sie nur daran dachte, was ihr Gatte nun thun werde, kamen ihr die furchtbarsten Ideen. Ihr kam in den Kopf, es könne jeden Augenblick ein Beamter erscheinen, der sie aus dem Hause hinwegzutreiben hätte, so daß ihre Schmach vor der ganzen Welt offenkundig würde. Sie frug sich selbst, wohin sie sich begeben solle, wenn man sie aus dem Hause treibe, und sie fand keine Antwort darauf.

Als sie an Wronskiy dachte, schien es ihr, als ob er sie nicht liebe, als ob er ihrer bereits überdrüssig würde, als ob sie sich ihm nicht anvertrauen dürfe, und sie empfand Erbitterung gegen ihn deshalb.

Ihr schien, als ob sie jene Worte, die sie zu ihrem Gatten gesagt, und welche sie unaufhörlich in ihrer Phantasie wiederholte, zu jedermann gesagt, und als ob jedermann sie gehört hätte. Sie gewann es nicht über sich, denen ins Auge zu blicken, mit denen sie zusammen lebte. Sie wagte es nicht mehr, ihre Zofe zu rufen, und noch weniger, hinabzugehen, und ihren Sohn und die Erzieherin zu sehen.

Die Zofe, welche schon geraume Zeit an ihrer Thür gelauscht hatte, trat endlich selbst bei ihr ein. Anna blickte ihr fragend ins Auge und errötete erschreckt. Die Zofe entschuldigte sich, daß sie eingetreten sei, und sagte, ihr hätte es geschienen, als habe man geschellt. Sie brachte das Morgenkleid und einen Brief von Bezzy, welche sie daran erinnerte, daß am heutigen Morgen Lisa Merkalowa und die Baronesse Stolz, beide mit ihren Verehrern, Kaluschskiy und dem alten Stremoff, zu einer Partie Croquet kämen.

„Kommt, wenigstens um zu sehen, wie es mit dem Studium der Moral steht, ich erwarte Euch,“ endete Bezzy.

Anna las das Billet und seufzte schwer.

„Nichts; ich brauche nichts,“ sprach sie zu Annuschka, die ihr die Flacons und Bürsten auf dem Toilettetisch ordnete; „geh, ich will mich sogleich ankleiden und ausgehen. Ich brauche nichts, gar nichts.“

Annuschka ging, Anna aber begann nicht, sich anzukleiden, sondern verharrte in der nämlichen Stellung, gesenkten Hauptes, mit herabhängenden Armen; erbebte bisweilen am ganzen Körper, wie im Wunsche, eine Bewegung zu machen, etwas zu sagen, dann aber wieder in sich zusammensinkend.

Sie wiederholte unaufhörlich: „Mein Gott, mein Gott,“ aber weder das erste noch das zweite dieser Worte hatte für sie irgend eine Bedeutung.

Der Gedanke, in der Religion für ihre Lage Hilfe zu suchen, war für sie, obwohl sie nie an der Religion gezweifelt hatte, in welcher sie auferzogen worden war, so befremdlich, als wenn sie bei Aleksey Aleksandrowitsch selbst hätte Hilfe suchen sollen.

Sie wußte im voraus, daß die Hilfe der Religion nur unter der Bedingung, daß sie dem entsagte, was für sie den ganzen Begriff Leben bildete, möglich sei.

Es war ihr nicht nur schwer ums Herz, sondern sie begann auch, Bangnis vor einem ihr noch neuen nie empfundenen Seelenzustand zu empfinden. Sie fühlte, daß in ihrer Seele sich alles spalte, wie bisweilen vor müden Augen die Gegenstände sich verdoppeln.

Bisweilen wußte sie nicht, was sie eigentlich fürchte, und was sie eigentlich wünsche. Fürchtete oder wünschte sie das, was jetzt bestand, oder das, was kommen würde und was sie eigentlich wünschte — sie wußte es nicht.

„O, was thue ich!“ sagte sie zu sich selbst, plötzlich einen Schmerz in beiden Seiten des Kopfes empfindend. Nachdem sie zu ruhiger Überlegung gekommen war, gewahrte sie, daß sie mit beiden Händen ihre Locken an den Schläfen gepackt hielt und preßte. Sie sprang auf und begann umherzuwandeln.

„Der Kaffee ist fertig und Mamsell wartet mit dem kleinen Sergey,“ sprach Annuschka, die jetzt wieder zurückkam und Anna noch in der nämlichen Lage antraf.

„Sergey? Was ist mit Sergey?“ frug Anna, plötzlich Leben erhaltend. Zum erstenmal an diesem ganzen Morgen erinnerte sie sich der Existenz ihres Sohnes.

„Er hat etwas verbrochen, glaube ich,“ fuhr Annuschka lächelnd fort.

„Was hat er denn verbrochen?“

„Es lagen Pfirsiche bei Euch im Eckzimmer und da hat der junge Herr wohl eine derselben heimlich verspeist.“

Die Gemahnung an ihr Kind hatte Anna plötzlich aus jener ratlosen Stimmung gerissen, in der sie sich befunden. Sie erinnerte sie wieder an ihre zeitweilig mit so viel Aufrichtigkeit, wenn auch übertrieben gespielte Rolle als Mutter, die nur für ihr Kind lebt, wie sie sie in den letzten Jahren angenommen hatte, und mit Freuden empfand sie, daß ihr in dem Zustande, in welchem sie sich befand, noch eine Stütze, unabhängig von dem Verhältnis, in das sie zu ihrem Gatten und zu Wronskiy treten würde, geblieben sei.

Diese Stütze — war ihr Söhnchen. —

Mochte die Lage sein, wie sie wollte, in die sie geriet, ihren Sohn konnte sie nicht verlassen. Mochte ihr Gatte sie mit Schmach überhäufen und von sich treiben, mochte Wronskiy kalt gegen sie werden und sein unabhängiges Leben fortsetzen — wiederum dachte sie voll Erbitterung und mit Selbstvorwürfen an ihn — sie konnte den Sohn nicht verlassen. Sie besaß so eine Lebensaufgabe und mußte handeln, wirken, um dieses Verhältnis zu ihrem Sohne zu wahren, damit man ihr diesen nicht raubte. Und schnell sogar war zu handeln, so schnell als möglich, bevor man ihn ihr wegnahm; man mußte das Kind nehmen und entfliehen. Dies war das Einzige, was sie jetzt zu thun hatte. Doch sie mußte ruhiger werden, und diese qualvolle Stimmung verscheuchen. Der Gedanke an die Aufgabe, die ihr Kind betraf, daß sie sogleich mit diesem abreisen müsse, verlieh ihr auch diese Ruhe.

Hastig kleidete sie sich an, begab sich hinunter und trat mit energischen Schritten in den Salon, wo sie, wie gewöhnlich, der Kaffee nebst Sergey mit der Gouvernante erwartete.

Der kleine Sergey, ganz in weiß gekleidet, stand am Tische unter dem Spiegel und machte sich, Rücken und Köpfchen gebeugt, mit dem Ausdruck gespannter Aufmerksamkeit, den sie an ihm kannte und durch welchen er seinem Vater ähnlich wurde, an den Blumen zu schaffen, die er mitgebracht hatte.

Die Gouvernante zeigte ein ausnehmend strenges Aussehen. Sergey rief durchdringend, wie dies öfter bei ihm der Fall war „A Mama!“ und verharrte dann in Unentschiedenheit, ob er gehen und die Mutter begrüßen müsse, die Blumen beiseite lassend, oder ob er den Kranz fertig winden und mit den Blumen zu ihr gehen sollte.

Die Erzieherin begann nach der Begrüßung lang und ausführlich das Verbrechen zu berichten, welches der kleine Sergey begangen hatte, aber Anna hörte nicht auf sie. Sie dachte nur daran, ob sie die Erzieherin mit sich nehmen sollte; „nein, ich nehme sie nicht mit,“ beschloß sie, „ich werde allein fahren mit meinem Kinde.“

„Aber das ist ja sehr häßlich,“ sagte sie hierauf laut, und ergriff Sergey an der Schulter, ihn nicht mit strengem, sondern mit sanftem Blick, der den Knaben mit Verwirrung und Freude erfüllte, anschauend und küssend. „Laßt ihn mit mir allein,“ sprach sie hierauf zu der verwunderten Erzieherin und ließ sich dann, ohne die Hand ihres Söhnchens freizugeben, an dem bereitstehenden Kaffeetisch nieder.

„Mama — ich — ich — ich — will nicht,“ — begann das Kind, sich bemühend, an dem Gesichtsausdruck der Mutter zu erkennen, was seiner harre wegen des Pfirsichs.

„Mein Sergey,“ sagte Anna, sobald die Gouvernante das Zimmer verlassen hatte, „das war nicht schön von dir, aber du wirst es nicht wieder thun? Hast du mich lieb?“ Sie fühlte, daß ihr die Thränen in die Augen traten. „Kann ich ihn denn nicht lieben?“ sprach sie zu sich selbst, sich in seinen erschreckten und zugleich frohen Blick versenkend. „Sollte er mit seinem Vater übereinstimmen, mich zu verurteilen? Sollte er mich nicht vielmehr bemitleiden?“

Die Thränen rannen ihr schon über das Gesicht, und um sie zu verbergen, erhob sie sich hastig und lief mehr als sie ging nach der Terrasse hinaus.

Nach den Gewitterregen der letzten Tage war kaltes, helles Wetter eingetreten. Trotz der hellscheinenden Sonne, welche durch das frischgewaschene Laub drang, war es kalt an der Luft.

Sie schauerte zusammen, sowohl vor Kälte, wie vor einem inneren Entsetzen, welches sie in der frischen Luft mit neuer Macht ergriff.

„Geh hinein, geh zu Mariette,“ sagte Anna zu ihrem Söhnchen, welches ihr gefolgt war, und schritt auf dem Strohteppich der Terrasse auf und ab. „Sollte man mir wirklich nicht verzeihen können, nicht begreifen, daß dies alles gar nicht anders kommen konnte?“ sprach sie zu sich selbst. Sie blieb stehen und blickte nach den im Winde schwankenden Gipfeln der Espen mit dem frischen, hell in der kalten Sonne schimmernden Laube und sah ein, daß man ihr nicht verzeihen werde, daß alles und jedermann ohne Mitleid gegen sie sein werde, wie dieser Himmel da, wie dieses Grün. Und wiederum fühlte sie, daß sich in ihrer Seele eine Spaltung vollzog, „ich brauche nicht zu grübeln, brauche es nicht,“ sagte sie zu sich selbst. „Aber ich muß mich fertig machen; wohin? Wann reise ich? Wen soll ich mitnehmen? Nach Moskau mit dem Abendzug. Annuschka und Sergey und nur die allernötigsten Sachen! Doch vorher gilt es noch, an sie beide zu schreiben!“

Schnell trat sie wieder in das Haus, ging in ihr Kabinett, setzte sich an den Schreibtisch und schrieb an ihren Gatten:

„Nach dem Vorgefallenen vermag ich nicht mehr in Eurem Hause zu bleiben. Ich reise ab und nehme meinen Sohn mit mir. Ich kenne die Gesetze nicht und weiß infolge dessen auch nicht, wem von den Eltern das Kind gehört, aber ich nehme es mit mir, weil ich ohne dasselbe nicht leben kann. Seid großmütig und laßt es mir.“ —

Bis hierher hatte Anna Karenina flüchtig und natürlich geschrieben, dieser Appell an seine Großmut aber, die sie in ihm nicht anerkannte, sowie die Notwendigkeit, den Brief mit einer rührenden Phrase zu schließen, ließen sie innehalten.

„Von meiner Schuld und meiner Reue sprechen kann ich nicht, weil“ — Wiederum hielt sie inne, weil sie keine Verbindung ihrer Gedanken fand; „nein,“ sprach sie zu sich, „gar nicht nötig,“ und das Schreiben zerreißend, schrieb sie ein anderes, welches den Appell an seine Großmut ausschloß, und siegelte es zu.

Ein zweites Schreiben war an Wronskiy zu richten.

„Ich habe meinem Gatten eine Erklärung gegeben,“ schrieb sie, lange sitzend, ohne die Kräfte zu haben, weiter zu schreiben; ihr Beginnen erschien ihr so unzart, so unweiblich. Was soll ich ihm denn nun noch schreiben? frug sie sich selbst. Wiederum bedeckte die Röte der Scham ihr Gesicht; sie vergegenwärtigte sich seine Ruhe und ein Gefühl des Verdrusses über ihn ließ sie das Blatt mit dem geschriebenen Satz in kleine Stücke zerreißen.

„Nicht nötig,“ sprach sie, schloß die Briefmappe und ging hinauf; sie teilte der Erzieherin und den Leuten mit, daß sie heute nach Moskau reisen werde und begann sogleich mit dem Packen der Sachen.

16

In allen Zimmern der Villa liefen nun die Hausleute, die Gärtner und Lakaien, Sachen schleppend hin und wieder. Schränke und Kommoden wurden geöffnet, zweimal wurde in die Kaufläden geschickt; auf dem Boden türmte sich Zeitungspapier.

Zwei Koffer, Reisesäcke und zusammengeschnürte Plaids wurden ins Vorzimmer gebracht. Die Equipage und zwei Mietkutscher hielten vor der Treppe.

Anna, welche bei der Arbeit des Einpackens ihre innere Unruhe vergessen hatte, packte, in ihrem Kabinett am Tische stehend, ihren Reisesack, als Annuschka ihre Aufmerksamkeit auf das Geräusch einer heranrollenden Equipage lenkte.

Anna blickte durchs Fenster und sah an der Freitreppe den Kurier Aleksey Aleksandrowitschs, welcher an dem Eingangsthor läutete.

„Geh und erkundige dich, was es giebt,“ sagte sie und legte, ruhig und auf alles gefaßt, die Hände gefaltet, auf die Kniee, nachdem sie sich in einen Sessel niedergelassen hatte.

Der Diener brachte ihr ein starkes Couvert, welches von der Hand ihres Gatten adressiert war.

„Der Kurier ist beordert, Antwort zu bringen,“ meldete er.

„Gut,“ versetzte Anna, und riß mit bebenden Fingern, sobald der Diener das Zimmer verlassen hatte, das Schreiben auf. Ein Paket in Bänder eingeklebten glattliegenden Papiergeldes fiel heraus. Sie machte das Schreiben frei und begann es vom Ende her zu lesen.

„Ich habe die Vorbereitungen zur Übersiedelung getroffen und messe der Erfüllung meiner Bitte alles Gewicht bei,“ las sie. Sie las weiter, rückwärts, las alles, und dann den ganzen Brief nochmals von Anfang an. Nachdem sie geendet hatte, fühlte sie, daß es ihr kalt war und daß über ihr ein Unglück hereingebrochen sei, so furchtbar, wie sie es nimmermehr erwartet hatte.

Sie hatte am Morgen Reue darüber empfunden, daß sie ihrem Manne alles gestanden hatte und nur das Eine gewünscht, diese Worte möchten nie gesprochen worden sein. Das Schreiben da erkannte nun ihre Worte als nicht gesprochen an und gab ihr, was sie wünschte. Jetzt aber erschien ihr dasselbe furchtbarer, als alles, was sie sich nur denken konnte.

„Er hat recht, hat recht,“ sprach sie, „natürlich, er hat stets recht, er ist ein Christ, er ist großmütig. Ha, ein niedriger, abscheulicher Mensch ist er! Und dies kennt niemand weiter, als ich, niemand erkennt das und wird es je erkennen! Ich selbst vermag das nicht ganz zu erklären. Man sagt, er sei religiös, moralisch, ein ehrenhafter und kluger Mensch, aber man sieht dabei nicht, was ich gesehen habe. Man weiß nicht, wie er acht Jahre hindurch mein Leben erstickt hat, alles erstickt hat, was in mir lebendig gewesen ist, — daß er auch nicht ein einziges Mal daran gedacht hat, daß ich ein lebendiges Weib bin, das Liebe braucht. Man weiß nicht, daß er mich auf jedem Schritte gekränkt hat und mit sich selbst zufrieden dabei war. Habe ich mich nicht bemüht, mit allen Kräften bemüht, eine Rechtfertigung für mein Dasein zu finden? Habe ich es nicht versucht, ihn zu lieben, seinen Sohn zu lieben, als er selbst schon der Liebe nicht mehr teilhaft werden konnte? Aber die Zeit ist gekommen und ich habe erkannt, daß ich mich nicht länger täuschen kann, daß ich lebe, daß ich nicht schuldig bin, weil Gott mich so geschaffen hat, daß ich lieben und leben muß. Und was ist jetzt? Hätte er mich — und ihn getötet — alles würde ich ertragen, alles verziehen haben, aber mit nichten — er! — Wie konnte ich nur nicht im voraus erraten, was er thun würde? Er thut doch nur, was seinem niederen Charakter eigen ist! Er wird recht behalten, und mich, die Verlorene, mich wird er in noch verhängnisvollerer Weise, noch tiefer stürzen — — „Ihr selbst könnt Euch vorstellen, was Eurer und Eures Sohnes harrt,“ rief sie sich aus dem Briefe ins Gedächtnis zurück. „Dies ist die Drohung, daß er mir den Sohn nehmen will — und nach ihren thörichten Gesetzen wird das wohl auch möglich sein! Aber weiß ich etwa nicht, weshalb er das sagt? Er glaubt einfach nicht an meine Liebe zu meinem Kinde; oder er verachtet dieses Gefühl in mir — wie er ja stets nur gehöhnt hat, — und dennoch weiß er, daß ich mein Kind nicht aufgebe, nicht aufgeben kann, daß es ohne mein Kind für mich kein Leben giebt, selbst nicht mit demjenigen, den ich liebe, daß ich, sollte ich den Sohn verlassen und von ihm gehen, handeln würde wie das niedrigste abscheulichste Weib. Dies weiß er, aber er weiß auch, daß ich nicht die Kraft habe, das zu vollbringen. „Unser Leben soll sein wie es früher war,“ rief sie sich weiter aus seinem Briefe ins Gedächtnis zurück. „Dieses Leben war ein peinvolles schon früher, es war ein entsetzliches in letzter Zeit. Was soll es da jetzt erst werden? Und er weiß doch das alles, weiß, daß ich nicht Reue darüber empfinden kann, zu atmen und zu lieben; er weiß, daß außer Lüge und Trug nichts aus diesem Leben hervorgehen wird, und dennoch muß er mich weiter foltern. Ich kenne ihn und weiß, daß er sich, so wie der Fisch im Wasser umherschwimmt, an der Lüge ergötzt. Aber nein, ich werde ihm diesen Genuß nicht gewähren, und werde dieses sein Spinnennetz von Heuchelei zerreißen, in welches er mich verstricken will; mag kommen, was da kommen will; alles ist besser, als Lüge und Trug! Aber wie, mein Gott, mein Gott, ist denn je auf Erden ein Weib so unglücklich gewesen, wie ich? Nein; ich werde es zerreißen!“ schrie sie auf, emporspringend und ihre Thränen zurückdrängend.

Sie trat an ihren Schreibtisch, um ihm einen anderen Brief zu schreiben, aber auf dem Grunde ihres Herzens fühlte sie schon, daß sie nicht die Kraft haben würde, etwas zu zerreißen, nicht die Kraft habe, aus den alten Verhältnissen sich loszuwinden, so erheuchelt und entehrend sie auch waren.

Sie ließ sich an dem Schreibtisch nieder, aber anstatt zu schreiben, faltete sie die Hände auf demselben, legte das Haupt auf sie und brach in Thränen aus, und ihre Brust zuckte und bebte; sie weinte, wie Kinder weinen.

Sie weinte darüber, daß ihr Wahn von einer Abklärung und Bestimmung ihrer Lage auf immer vernichtet war. Sie wußte im voraus, daß nun alles beim alten bleiben würde und noch bei weitem schlimmer werden müsse, als früher. Sie fühlte, daß die Stellung in der Welt, welche sie einnahm, und die ihr heute morgen so nichtig erschienen war, daß ihr diese Stellung wertvoll sei, daß sie nicht die Macht besitze, sie zu verwandeln in die schmachvolle Stellung eines Weibes, welches Mann und Kind verlassen, und sich mit dem Liebhaber verbunden hat, daß sie, soviel sie sich auch anstrengen mochte, nicht mehr Kräfte besaß, als sie eben hatte.

Nie sollte sie die Freiheit der Liebe kennen lernen, sondern für immer ein verbrecherisches Weib bleiben, einer jeden Augenblick drohenden Überführung unterworfen, da sie ihren Gatten hinterging, um ein sündhaftes Verhältnis mit einem unabhängigen Fremden zu unterhalten, mit welchem sie nicht ein geeintes Leben führen darf.

Sie wußte, daß es so kommen würde und dabei wurde es ihr furchtbar zu Mut, daß sie sich nicht vorzustellen vermochte, wie das alles enden sollte. Sie weinte, ohne sich halten zu können; sie weinte, wie gestrafte Kinder weinen.

Schritte des Dieners, welche hörbar wurden, ließen sie zur Besinnung kommen. Indem sie ihr Gesicht bergend zur Seite vor ihm wandte, stellte sie sich als ob sie schriebe.

„Der Kurier bittet um Antwort,“ meldete der Diener.

„Antwort? Ja“ — sagte Anna Karenina, „er soll warten, ich werde schellen.“ —

„Was kann ich schreiben?“ sann sie, „was soll ich ganz allein entscheiden? Was weiß ich? Was möchte ich? Was liebe ich?“

Wiederum empfand sie, wie ihre Seele sich zu spalten begann. Sie erschrak von neuem über dieses Gefühl und klammerte sich an den ersten besten Vorwand, nur etwas zu thun, welcher sie von den Gedanken über sie selbst abziehen könnte.

„Ich muß Aleksey sehen,“ — so nannte sie Wronskiy in Gedanken, — „er allein kann mir sagen, was ich zu thun habe. Ich will zu Bezzy fahren, vielleicht sehe ich ihn dort,“ sagte sie zu sich selbst, vollständig übersehend, daß ihr Wronskiy erst gestern, als sie ihm sagte, sie würde nicht zur Fürstin Twerskaja fahren, geantwortet hatte, dann würde er auch nicht hinkommen.

Sie trat an den Tisch und schrieb an ihren Mann: „Ich habe Euer Schreiben erhalten. A.“ — Hierauf schellte sie und übergab den Brief dem Diener.

„Wir werden nicht reisen,“ sagte sie der eintretenden Annuschka.

„Gar nicht?“

„Nein, doch packt bis morgen nicht aus und auch der Wagen bleibt. Ich will zur Fürstin!“ —

„Welches Kleid befehlen Sie?“ —

17

Die Croquetgesellschaft, zu welcher die Fürstin Twerskaja Anna geladen hatte, konnte nur aus zwei Damen und deren Rittern bestehen. Die beiden Damen waren die hervorragendsten Repräsentantinnen eines auserwählten neuen Petersburger Cirkels, der sich in der Nachahmung einer gewissen Nachahmung „Les sept merveilles du monde“nannte.

Diese Damen gehörten allerdings zu dem höchsten Cirkel, aber auch zugleich zu einem, welcher dem von Anna besuchten durchaus feindlich gegenüberstand. Überdies hatte der alte Stremoff, einer der einflußreichsten Männer Petersburgs und gleichzeitiger Verehrer von Lisa Merkalowa, amtlich den Aleksey Aleksandrowitsch zu seinem Gegner. In Erwägung alles dessen, hatte Anna nicht kommen wollen und auf ihre Absage bezogen sich Winke in dem Billet der Fürstin Twerskaja. Nun wünschte Anna, in der Hoffnung, Wronskiy zu treffen, hinzufahren.

Sie kam bei derselben früher an, als die übrigen Gäste. Zur nämlichen Zeit, als sie eintrat, kam auch der Diener Wronskiys, mit frisiertem Backenbart, wie ein Kammerjunker aussehend. Er blieb an der Thür stehen und ließ sie, die Mütze ziehend, vorüberschreiten. Anna erkannte ihn und entsann sich nun erst, daß Wronskiy gestern gesagt hatte, er werde nicht kommen. Wahrscheinlich sandte er daraufhin das Billet.

Sie hörte, indem sie das Oberkleid im Vorzimmer ablegte, wie der Lakai, selbst das r wie ein Kammerjunker aussprechend, sagte: „Vom Grafen an die Fürstin,“ und den Brief übergab.

Sie wollte fragen, wo sein Herr sei; sie wollte wieder umkehren und ihm eine Zuschrift senden, zu ihr zu kommen, oder daß sie zu ihm kommen wolle, that aber weder dies noch jenes, noch ließ sich das Dritte thun. Schon vorher hatte sie die Glocke, welche ihre Ankunft meldete, gehört, und der Diener der Fürstin Twerskaja war bereits in die Zwischenthür hinter dem geöffneten Thor getreten, ihr Eintreten in die inneren Räume erwartend.

„Die Fürstin befindet sich im Garten, sofort wird gemeldet werden. Ist es nicht genehm, nach dem Garten?“ meldete ein anderer Diener im Nebenzimmer.

Ihre Lage der Unentschiedenheit und Unklarheit war hier noch ganz die nämliche, wie daheim, ja noch schlimmer geworden, weil sich hier gar nichts unternehmen ließ, weil sie Wronskiy hier nicht sehen konnte. Und doch mußte sie jetzt hier bleiben, in einer fremden, ihrer Stimmung so unsympathischen Gesellschaft. Aber sie befand sich in einer Toilette, welche, wie sie wußte, ihr zu Gesicht stand, sie war daher nicht vereinsamt, rings um sie her hatte sie die gewohnte Umgebung des feiernden Müßiggangs und es wurde ihr nun leichter ums Herz als zu Haus. Sie brauchte nur nicht darüber nachzudenken, was sie zu thun habe, alles machte sich schon von selbst.

Als Anna Bezzy in einer weißen, sie durch ihre Eleganz frappierenden Toilette sich entgegenkommen sah, lächelte sie derselben zu wie stets.

Die Fürstin Twerskaja kam mit Tuschkewitsch und einer jungen Verwandten, die zur hohen Freude ihrer provinzialen Eltern einen Sommer bei der gerühmten Fürstin verleben durfte.

Es mochte wohl etwas Besonderes an Anna auffallen, denn die Fürstin bemerkte es sogleich.

„Ich habe schlecht geschlafen,“ antwortete Anna, nach dem Diener blickend, welcher ihnen entgegentrat und nach ihrer Ansicht ein Billet Wronskiys brachte.

„Wie freue ich mich, daß Ihr gekommen seid,“ sprach Bezzy, „ich bin etwas ermüdet und wollte soeben eine Schale Thee zu mir nehmen, bis man kommen würde. Ihr möchtet vielleicht gehen,“ wandte sie sich an Tuschkewitsch, „um mit Mascha den ‚Croquet-ground‘ zu probieren, dort, wo man rasiert hat. Wir aber wollen uns gleich einmal beim Thee nach Herzenslust ausplaudern, ‚we’ll have a cosy chat‘, nicht wahr so?“ wandte sie sich hierauf an Anna, mit einem Lächeln ihr die Hand drückend, welche den Sonnenschirm hielt.

„Um so angenehmer, als ich mich nicht lange bei Euch aufhalten kann, ich muß unbedingt noch zur alten Wrede, der ich bereits seit Menschengedenken versprochen habe zu kommen,“ versetzte Anna, welcher die Lüge, die ihrer Natur sonst so fremd war, in der Gesellschaft nicht nur als etwas ganz Einfaches und Natürliches erschien, sondern sogar Vergnügen machte. Weshalb sie dies sagte, woran sie vor einem Augenblick noch nicht gedacht hatte, würde sie sich selbst nie haben erklären können. Sie hatte es nur in der Erwägung geäußert, daß sie, weil Wronskiy nicht zugegen war, auf ihre Freiheit Bedacht nehmen und versuchen müsse, ihn auf alle Fälle zu sehen.

Weshalb sie aber gerade von dem alten Fräulein Wrede sprach, welcher sie einen Besuch abstatten müsse, wie so vielen anderen, hätte sie gleichfalls nicht zu erklären vermocht. Und doch hätte sie dabei, wie sich später erwies, bei dem Ausfindigmachen der schlauesten Mittel und Wege zur Ermöglichung eines Rendezvous mit Wronskiy auf nichts Besseres verfallen können.

„O, ich werde Euch um keinen Preis fortlassen,“ antwortete Bezzy, aufmerksam die Züge Annas musternd. „Ich würde mich gekränkt fühlen, wenn ich Euch nicht so lieb hätte. Ihr scheint ja geradezu zu fürchten, daß meine Gesellschaft Euch kompromittieren könnte. — Den Thee für uns in den kleinen Salon!“ sprach sie, wie gewöhnlich im Verkehr mit den Dienern, mit den Augen zwinkernd. Sie nahm das Billet aus den Händen des Dieners und las es. „Aleksey hat uns einen falschen Coup ausgeführt,“ fuhr sie französisch fort, „er schreibt, daß er nicht kommen kann,“ sagte sie mit so natürlichem, einfachem Tone, als käme es ihr gar nicht in den Kopf, daß Wronskiy eine andere Bedeutung für Anna habe, als die für eine Partie Croquet.

Anna wußte, daß Bezzy alles bekannt sei, aber wenn sie so hörte, wie diese in ihrer Gegenwart von Wronskiy sprach, überzeugte sie sich stets für eine Minute, daß Bezzy nichts wisse.

„Ah,“ antwortete sie daher gleichmütig, als ob sie wenig davon interessiert wäre und fuhr dann lächelnd fort: „Wie könnte Eure Gesellschaft jemand kompromittieren?“ Dieses Spiel mit Worten, dieses Verbergen der Gedanken, hatte für Anna, — wie überhaupt für alle Frauen, — einen großen Reiz. Nicht aber der Zwang zu verhehlen, nicht die Absicht, wegen der etwas bemäntelt wird, zog sie an, sondern nur die Art und Weise des Verbergens selbst. „Ich kann nicht katholischer sein als der Papst,“ sagte sie; „Stremoff und Lisa Merkalowa sind die Creme der Creme der Gesellschaft. Da sie infolge dessen überall eingeführt sind, so kann auch ich“ — sie hob das „ich“ besonders hervor, — „nimmermehr streng und intolerant sein. Ich muß aber nur noch eine Besuchspflicht erfüllen“ —

„Nein, nein, Ihr wollt wohl nur nicht Stremoff begegnen? Mögen er und Aleksey Aleksandrowitsch im Komitee Lanzen miteinander brechen — das geht uns nichts an. In der Welt ist er der liebenswürdigste Mensch, den ich überhaupt kenne und ein leidenschaftlicher Croquetspieler. Ihr werdet ja sehen. Ungeachtet seiner komischen Rolle eines alten Verliebten, Lisa gegenüber, muß man aber doch sehen, wie er sich aus einer so lächerlichen Situation zu ziehen weiß. Er ist sehr angenehm. Kennt Ihr Sappho Stolz? Das ist ein neuer, ein vollständig neuer Ton.“

Bezzy sprach in einem fort, aber an ihrem heiteren klugen Blicke merkte Anna doch, daß sie zum Teil ihre Lage erkenne und etwas im Schilde führe. Beide saßen in dem kleinen Kabinett bei einander.

„Ich muß aber doch an Aleksey schreiben.“ Bezzy ließ sich an dem Schreibtisch nieder, warf einige Zeilen hin und steckte sie in ein Couvert. „Ich schreibe ihm, daß er kommen möge, mit uns zu essen. Es sei bei mir nur eine einzelne Dame ohne Mann zur Tafel. Seht, ist das nicht zwingend? Doch entschuldigt, ich muß Euch für eine Sekunde verlassen. Siegelt das gefälligst und schickt es fort!“ rief sie, schon von der Thür herüber, „ich muß noch eine Anordnung treffen!“ —

Ohne sich einen Augenblick zu bedenken, setzte sich Anna mit dem Billet Bezzys an den Tisch und schrieb, ohne es zu lesen, darunter: „Ich muß Euch sehen; kommt an den Garten der Wrede, ich werde um sechs Uhr dort sein.“ Sie verschloß das Billet und Bezzy, welche soeben zurückkehrte, gab es in ihrer Gegenwart hinaus.

In der That entwickelte sich zwischen den beiden Frauen beim Thee, der ihnen auf dem Präsentierbrett in den kleinen Salon gebracht wurde, ein cosy chat, wie es die Fürstin Twerskaja bis zur Ankunft ihrer Gäste in Aussicht gestellt hatte. Sie nahmen diejenigen durch, welche sie zum Besuch erwarteten und das Gespräch blieb schließlich bei der Lisa Merkalowa stehen.

„Sie ist sehr angenehm und mir stets sympathisch gewesen,“ sagte Anna.

„Ihr müßt sie lieben; sie schwärmt für Euch. Gestern kam sie zu mir nach den Rennen und befand sich in Verzweiflung, daß sie Euch dort nicht angetroffen hatte. Sie sagt, Ihr wäret die echte Heldin für einen Roman und sie würde für Euch, falls sie ein Mann wäre, wohl tausend Dummheiten begehen. Stremoff hat ihr darauf geantwortet, daß sie ja auch so schon welche machte.“

„Aber sagt mir doch bitte, ich habe nie begreifen können,“ begann Anna, nachdem sie einige Zeit geschwiegen hatte, in einem Tone der deutlich zeigte, daß sie keine müßige Frage stellte, sondern das, wonach sie frug, für sie bedeutungsvoller war als vielleicht nötig, „sagt mir doch nur, was sie eigentlich für eine Beziehung zum Fürsten Kaluschskiy, dem sogenannten Mischka hat? Ich habe beide zu selten gesehen, wie steht es damit?“

Bezzy lächelte nur mit den Augen und blickte Anna aufmerksam an.

„Eine neue Mode,“ sagte sie. „Man hat sie allgemein angenommen, und sieht eben den Wald vor Bäumen nicht.“

„Aber welche sind also ihre Beziehungen zu Kaluschskiy?“

Bezzy brach plötzlich in ein lustiges nicht zu bezwingendes Gelächter aus, was bei ihr selten der Fall war.

„Da betretet ihr ja die Domäne der Fürstin Mjachkaja. Dies ist die Frage eines ‚enfant terrible!‘“ Bezzy schien offenbar an sich halten zu wollen es aber nicht zu können und brach abermals in das nämliche hinreißende Gelächter aus, mit welchem lachlustige Leute bisweilen lachen. „Man wird sie wohl fragen müssen,“ antwortete sie endlich unter Lachthränen.

„Nein; Ihr lacht,“ antwortete Anna, gleichfalls und unwillkürlich von diesem Lachen mit angesteckt, „aber ich habe das nie verstehen können. Ich begreife hier die Rolle des Ehegatten nicht.“

„Ehegatten? Der Mann der Lisa Merkalowa trägt seiner Frau das Plaid nach und steht stets zu ihren Diensten bereit. Aber was es dann noch weiter zwischen ihnen giebt, das will gar niemand wissen. Ihr wißt ja selbst, daß man in der guten Gesellschaft über gewisse Details der Toilette weder spricht, noch Betrachtungen anstellt. So ist es auch hier.“

„Werdet Ihr zu der Fete der Rolandak kommen?“ frug Anna, in der Absicht das Thema zu wechseln.

„Ich glaube nicht,“ versetzte Bezzy und befaßte sich, ohne ihre Freundin anzublicken, aufmerksam damit, die kleinen durchsichtig schimmernden Schalen mit dem duftenden Thee zu füllen. Nachdem sie hierauf Anna eine Tasse zugeschoben hatte, nahm sie eine Cigarette hervor, steckte sie in ein silbernes Spitzchen und entzündete sie.

„Seht, ich befinde mich in einer glücklichen Lage,“ fuhr sie fort, jetzt nicht mehr lachend und die Tasse in die Hand nehmend; „ich verstehe Euch, und ich verstehe Lisa. Lisa ist eine jener naiven Naturen, die, wie die Kinder, nicht wissen, was gut und was schlecht ist. Mindestens hat sie dies nicht gewußt, als sie noch sehr jung war. Jetzt aber wird sie wohl wissen, daß ihr diese Unkenntnis gut steht. Sie mag es jetzt vielleicht auch absichtlich noch nicht wissen wollen,“ sprach Bezzy mit feinem Lächeln, „aber es steht ihr doch. Seht Ihr, man kann ein und dieselbe Sache tragisch anschauen, sich eine Pein daraus machen, aber auch nüchtern und selbst von der heiteren Seite. Ihr seid vielleicht geneigt, die Dinge zu tragisch zu nehmen.

„Wie sehr wünschte ich, andere ebenso zu kennen, wie ich mich selbst kenne,“ versetzte Anna ernst und gedankenvoll. „Bin ich schlechter als die anderen oder besser? Ich denke, schlechter.“ —

„Enfant terrible, enfant terrible,“ wiederholte Bezzy, „so sind sie eben.“ —

18

Es wurden Schritte hörbar und eine männliche Stimme; hierauf eine weibliche und Lachen; gleich darauf erschienen die erwarteten Gäste.

Sappho Stolz und ein junger Mann der vom Übermaß an Gesundheit strotzte, er hieß Waska, traten ein. Es war augenscheinlich, daß bei Waska die Ernährung mit rohem Rindfleisch, Trüffeln und Burgunder gut angelegt hatte. Waska verneigte sich vor den Damen und schaute sie an, doch nur für eine Sekunde. Sogleich folgte er Sappho nach in den Salon, durchschritt denselben hinter ihr, als sei er an sie gefesselt und ließ sie nicht aus den blitzenden Augen, als wollte er sie verschlingen.

Sappho Stolz war eine Blondine mit schwarzen Augen. Sie erschien in kleinen, kecken Halbschuhen mit hohen Absätzen und drückte den Damen derb nach Männerart die Hand.

Anna war dieser neuen Berühmtheit noch nie begegnet; sie fühlte sich überrascht von ihrer Schönheit, sowie der Überspanntheit, bis zu welcher ihre Toilette ging, und von der Freiheit ihrer Manieren.

Auf ihrem Haupte war, von ihrem eigenen und falschen Haar in zartem Goldblond, eine Art Schaffot von Frisur aufgebaut, so daß der Kopf in seiner Größe der schönen hohen und vorn sehr dekolletierten Büste nahe kam. Die Knappheit nach vorn war so stark, daß sich in jeder Bewegung unter der Robe die Formen der Kniee und Oberschenkel abzeichneten und unwillkürlich drängte sich die Frage auf, wo eigentlich von hinten in diesem schwankenden Berge der wirkliche, ziemlich kleine, aber wohlgebaute Leib, der oben ebenso entblößt war, wie er sich hinten und unten versteckte, aufhöre.

Bezzy beeilte sich, sie mit Anna bekannt zu machen.

„Könnt Ihr Euch vorstellen, soeben hätten wir zwei Soldaten fast überfahren,“ begann sie sogleich zu erzählen, mit den Augen zwinkernd und lächelnd und ihren hinteren Aufbau, der sich plötzlich zu sehr auf die eine Seite geneigt hatte, in Ordnung rückend. „Ich fuhr mit Waska — ach so, Ihr seid ja noch gar nicht miteinander bekannt.“ Und seinen Familiennamen nennend, stellte sie den jungen Mann vor, errötend, und laut über ihren Fehler lachend, oder vielmehr darüber, daß sie ihn als Unbekannten so familiär Waska genannt hatte.

Waska machte nochmals eine Verbeugung vor Anna, ohne indessen ein Wort zu ihr zu sprechen. Er wandte sich an Sappho:

„Die Wette ist verloren, wir sind früher angekommen; nun zahlt gefälligst,“ lächelte er. Sappho begann noch lustiger zu lachen.

„Nicht jetzt,“ sagte sie.

„Gleichviel, ich werde es auch nachher bekommen.“

„Gut, gut; ah,“ wandte sie sich plötzlich zur Dame des Hauses, „ich bin doch recht zu tadeln; bald hätte ich doch vergessen — ich habe Euch einen Gast mitgebracht; hier ist er“ —

Der unerwartete junge Gast, welchen Sappho mitgebracht und den sie vergessen hatte, war gleichwohl ein so gewichtiger, so daß ungeachtet seiner Jugend beide Damen sich erhoben, um ihm entgegenzueilen. Es war ein neuer Verehrer Sapphos, welcher dieser gerade wie Waska, auf den Fersen folgte.

Bald kam auch der Fürst Kaluschskiy und Lisa Merkalowa mit Stremoff an. Lisa Merkalowa war eine magere Brünette mit orientalischem, trägen Gesichtstypus und wie alle sagten, reizenden, verschleierten Augen.

Der Charakter ihrer dunklen Toilette entsprach, wie Anna sofort bemerkte und zu würdigen verstand, vollkommen ihrer Schönheit; doch um wieviel Sappho zu klein und zu gedrungen war, um soviel zeigte sich Lisa zu schmächtig und zu aufgeschossen.

Lisa war indessen für Annas Geschmack bei weitem anziehender. Bezzy hatte Anna von ihr erzählt, daß sie den Ton eines unwissenden Kindes festzuhalten pflegte, aber als Anna sie erblickt hatte, fühlte sie, daß dies nicht wahr sei. Sie war allerdings unwissend und verdorben, aber ein gutes und sanftes Weib. Allerdings war ihr Ton der nämliche, wie der Sapphos und ihr folgten die beiden Verehrer ganz so wie Sappho, indem sie sie mit den Augen verschlangen, der eine jung, der andere alt — aber sie besaß etwas, was höher war als ihre Umgebung; etwas von dem Feuer des echten Diamanten unter dem Scheine der Gläser.

Dieser Glanz leuchtete aus ihren wunderschönen, in der That rätselhaften Augen. Der ermüdete und doch zugleich leidenschaftliche Blick derselben, die von einem mattdunkeln Ring umgeben waren, frappierte durch seine ungeheuchelte Natürlichkeit. Blickte man in diese Augen, so schien es jedem, als erkenne er das Weib ganz und gar, und als müsse man sie, nach dieser Erkenntnis lieben. Bei dem Erblicken Annas erhellte sich ihr Antlitz plötzlich in freudigem Lächeln.

„Ah, wie freue ich mich, Euch zu sehen!“ begann sie, auf Anna zutretend. „Ich wollte gestern nach den Rennen gerade zu Euch kommen, aber Ihr waret schon abgefahren, und doch hätte ich Euch gestern besonders so gern gesehen. Nichtwahr das war schrecklich?“ sagte sie, das Auge mit ihrem die ganze Seele offenbarenden Blicke auf Anna richtend.

„Ich hätte durchaus nicht erwartet, daß dies so sehr erregen kann,“ versetzte Anna errötend.

Die Gesellschaft erhob sich währenddem, um nach dem Garten zu gehen.

„Ich werde nicht mitkommen,“ sagte Lisa lächelnd, sich zu Anna setzend. „Ihr geht wohl auch nicht? Was ist das doch für ein Vergnügen, das Croquetspielen.“ —

„Ach, ich liebe es schon,“ antwortete Anna.

„Nun, wie fangt Ihr es denn an, daß es Euch nicht langweilt? Wenn man Euch anschaut — Ihr seid wohlauf! Ihr lebt, ich aber langweile mich.“

„Inwiefern langweilt Ihr Euch? Ihr seid selbst doch die lebenslustigste Gesellschaft Petersburgs?“ frug Anna.

„Mag sein, daß es denen, die nicht zu unsrem Cirkel gehören, noch langweiliger wird, mir aber, auf Treu und Glauben, ist es durchaus nicht froh zu Mut, sondern entsetzlich — entsetzlich langweilig.“ —

Sappho, welche eine Cigarette angezündet hatte, begab sich nach dem Garten in Begleitung der beiden jungen Herren; Bezzy und Stremoff blieben beim Thee zurück.

„Wie langweilig ist doch das Leben,“ sagte Bezzy; „Sappho sagt, daß man sich gestern sehr gut bei Euch unterhalten hätte.“

„O, es war doch sehr öde!“ sagte Lisa Merkalowa, „wir begaben uns alle nach meinem Hause, als die Rennen zu Ende waren, — immer die Alten, immer die Alten; — immer ein und dasselbe! — Den ganzen Abend wälzte man sich auf den Diwans; — was ist dabei Unterhaltendes? Wie fangt Ihr es nur an, Euch nicht zu langweilen?“ wandte sie sich plötzlich an Anna. „Es ist der Mühe wert sich nach Euch zu richten; man sieht da eine Frau, die vielleicht glücklich ist, vielleicht auch unglücklich, — aber jedenfalls doch eine, welche sich nicht langweilt. Lehrt uns, wie Ihr das anfangt!“

„Ich thue nichts Besonderes,“ antwortete Anna, über diese herausfordernden Fragen errötend.

„Dies ist die beste Art und Weise,“ mischte sich Stremoff ins Gespräch. Stremoff war ein Mann von einigen fünfzig Jahren, halb ergraut, noch frisch aber ziemlich unschön, jedoch mit charakteristischem und klugem Gesicht.

Lisa Merkalowa war die Nichte seiner Frau und alle seine freien Stunden brachte er bei ihr zu. Indem er mit Anna Karenina zusammentraf, er als der Feind Aleksey Aleksandrowitschs im Amtsverkehr, bemühte er sich als kluger Weltmann, mit der Gattin seines Gegners ganz besonders liebenswürdig zu sein.

„Nichts Besonderes?“ ergriff er mit feinem Lächeln den Faden des Gesprächs, „dies ist allerdings das beste Mittel. — Ich habe Euch schon lange gesagt,“ wandte er sich an Lisa Merkalowa, „daß es zu dem Zwecke, sich nicht zu langweilen, nötig ist, nicht daran zu denken, es werde langweilig. Es ist damit ganz ebenso, wie man nicht zu fürchten braucht, einzuschlafen, wenn man fürchtet schlaflos zu bleiben. Das Nämliche hat soeben Anna Arkadjewna gesagt.“

„Ich würde mich sehr freuen, wenn ich das gesagt hätte, weil es nicht nur klug, sondern wahr gesprochen gewesen wäre,“ sagte Anna lächelnd.

„O nein, sagt doch, warum man es nicht fertig bringt zu schlafen, oder wie man es vermeidet, sich nicht zu langweilen!“

„Nun, um schlafen zu können, muß man arbeiten, und um sich erheitern zu können, muß man gleichfalls arbeiten.“

„Aber zu welchem Zwecke soll ich arbeiten, wenn meine Arbeit niemand etwas nützt? Absichtlich mich zu verstellen, verstehe ich nicht, und das will ich auch nicht.“

„Ihr seid doch unverbesserlich,“ fuhr Stremoff fort, sich, ohne Lisa anzublicken, wiederum an Anna wendend.

Da er Anna nur selten begegnet war, hatte er nur in Gemeinplätzen mit ihr sprechen können, und zwar nur bezüglich der Zeit, in welcher sie nach Petersburg gekommen war, und davon, wie sehr sie von der Gräfin Lydia Iwanowna geliebt werde. Er that das indessen mit einem Gesichtsausdruck, welcher bewies, daß er von ganzer Seele wünsche, ihr angenehm zu sein, ihr seine Hochachtung und vielleicht auch noch mehr zu beweisen.

Tuschkewitsch trat jetzt ein, um mitzuteilen, daß die gesamte Gesellschaft auf die Croquetspieler warte.

„Ach, geht doch nicht,“ bat Lisa Merkalowa, als sie gehört hatte, daß Anna wegfahre. Stremoff vereinte seine Bitten mit den ihren.

„Es ist ein allzugroßer Kontrast,“ sagte er, „nach dem Besuch dieser Gesellschaft zur alten Wrede fahren zu wollen. Für diese werdet Ihr doch noch Gelegenheit genug zu späterer Aussprache haben, während Ihr hier andere, bessere und der üblichen Klatschsucht völlig konträre Ideen anregt,“ sagte er zu ihr.

Anna verharrte eine Weile in Unentschlossenheit. Die schmeichelhaften Worte dieses geistreichen Mannes, die naive, kindliche Sympathie, die Lisa Merkalowa für sie an den Tag legte, und all der gewohnte Luxus der großen Welt ringsum — alles das erschien ihr so frei und angenehm, während andererseits eine so schwere Minute sie erwartete, daß sie nur für einige Zeit in Ungewißheit schwebte, ob sie nicht noch bleiben, den schweren Augenblick der Erklärung nicht noch weiter hinausschieben solle.

Allein als sie sich vergegenwärtigte, was sie in ihrem Hause erwarte, wenn sie keinen Entschluß faßte, als sie an jene entsetzliche Bewegung, die ihr noch in der Erinnerung furchtbar war, dachte, mit welcher sie mit beiden Händen ihr Haar gepackt hatte — da verabschiedete sie sich und fuhr davon.

19

Wronskiy war ungeachtet seines, dem Anschein nach leichtfertigen weltlichen Lebens ein Mann, der die Unordnung haßte.

Schon von Kindheit an, im Kadettenhaus, hatte er einmal die Empfindung der Erniedrigung einer Verweigerung kennen gelernt, als er in Geldverlegenheit, um eine Anleihe nachgesucht hatte, und von da an setzte er sich nie wieder einer solchen Lage aus.

Zu dem Zwecke, seine geschäftlichen Angelegenheiten stets in Ordnung zu haben, zog er sich, je nach den Umständen, häufiger oder seltener, fünfmal im Jahre, in die Einsamkeit zurück und ordnete den Stand aller seiner Angelegenheiten. Er nannte dies, „sich seine Fehler vorwerfen“, oder auch „faire la lessive“.

Am Tage nach den Rennen spät erwachend, kleidete sich Wronskiy unrasiert und nicht gebadet, in seinen Hausrock, breitete auf seinem Tische Gelder, Rechnungen und Briefe aus und ging an seine Arbeit.

Petrizkiy, welcher wußte, daß er in diesen Stimmungen reizbar war, kleidete sich, als er beim Erwachen seinen Kameraden am Schreibtisch gewahrte, leise an und ging hinaus, ohne denselben zu stören.

Jeder, der die Verwickelung seiner materiellen Verhältnisse bis in die kleinsten Einzelheiten die ihn betreffen, kennt, glaubt unwillkürlich, daß die Verwickelung derselben und die Schwierigkeit die in ihrer Abklärung liegt, nur eine rein persönliche zufällige Besonderheit sei, und vermag sich durchaus nicht zu denken, daß auch andere ganz von den nämlichen Verwickelungen ihrer persönlichen Angelegenheiten heimgesucht sein könnten, als man selbst.

So schien es auch Wronskiy, aber nicht ohne inneren Stolz, nicht ohne Grund dachte er, daß jeder andere sich schon längst verwickelt haben würde und genötigt gewesen wäre, fehlerhaft zu handeln, wenn er sich in ebenso schwierigen materiellen Verhältnissen befunden hätte. Gerade jetzt aber fühlte Wronskiy die Notwendigkeit, zu rechnen und Klarheit zu schaffen für seine Lage, damit er nicht in Verwickelungen geriete.

Das Erste, womit sich Wronskiy, als mit dem Leichtesten befaßte, waren die Geldgeschäfte.

Indem er in seiner kleinen Handschrift alles auf einen Briefbogen schrieb, was er schuldig war, zog er das Facit und fand, daß er siebzehntausend und einige hundert Rubel Schulden hatte, die er der Klarheit halber zurücklegte. Nachdem er sein Geld und die Bankpapiere nachgezählt hatte, fand er, daß ihm achtzehnhundert Rubel verblieben, während Eingänge bis Neujahr nicht vorauszusehen waren. Nach Durchsicht der Schuldrechnungen, schrieb Wronskiy diese auf und machte drei Abteilungen. In der ersten wurden die Schulden eingetragen, welche sofort getilgt werden mußten, oder zu deren Bezahlung er jedenfalls Geld bereit haben mußte, damit bei der Geltendmachung der Forderung keine Minute Zahlungsverzögerung eintrat. Solcher Schulden hatte er etwa viertausend, nämlich fünfzehnhundert Rubel für ein Pferd und zweitausendfünfhundert Rubel Bürgschaft für seinen jungen Kameraden Wenjewskiy, der dieses Geld in Wronskiys Gegenwart verspielt hatte. Wronskiy hatte sogleich das Geld für diesen erlegen wollen, denn er trug es gerade bei sich, aber Wenjewskiy und Jaschwin hatten darauf bestanden, selbst zu bezahlen, Wronskiy dürfe dies nicht, da er gar nicht mitgespielt habe. Dies alles war ganz gut, aber Wronskiy wußte, daß er für die ganze schmutzige Affaire, an welcher er freilich nur in der Absicht teilgenommen hatte, um die Bürgschaft für Wenjewskiy übernehmen zu können, unbedingt jene zweitausendfünfhundert Rubel haben müsse, damit sie ein Gauner erhalte, mit dem er keine weiteren Auseinandersetzungen haben wollte.

Nach dieser ersten und wichtigsten Abteilung, mußte er also viertausend Rubel haben. In der zweiten befanden sich achttausend Rubel weniger wichtige Schulden. Diese bezogen sich hauptsächlich auf den Rennstall, den Lieferanten von Hafer und Heu, seinen Engländer, den Sattler und dergleichen. Außerdem waren auch zweitausend Rubel für den Fall der völligen Sicherung noch anzusetzen. Die letzte Abteilung der Schulden, für die Kaufmagazine, Hotels, den Schneider, war so wenig wichtig, daß er nicht viel darüber zu kalkulieren hatte. Obwohl er mindestens sechstausend Rubel für die laufenden Ausgaben brauchte, waren nur achtzehnhundert vorhanden. Für einen Mann von hunderttausend Rubel Einkünften, wie alle das Vermögen Wronskiys schätzten, konnten solche Schulden, hätte es scheinen können, nicht drückend sein — aber der Haken lag darin, daß Wronskiy bei weitem nicht diese hunderttausend Rubel Einkommen hatte. Das ungeheure Vermögen seines Vaters, welches allein gegen zweihunderttausend Rubel jährlich an Ertrag einbrachte, war den Brüdern gemeinschaftlich zu eigen. Als der älteste Bruder, mit einer Last von Schulden, die vermögenslose Fürstin Warja Tschirkowaja heiratete, trat Aleksey ihm damals die gesamten Einkünfte aus den väterlichen Gütern ab und bedung sich selbst nur fünfundzwanzigtausend Rubel jährlich aus. Aleksey hatte damals dem Bruder gesagt, daß dieses Geld für ihn hinreiche, solange er nicht heirate, was doch aller Wahrscheinlichkeit nach niemals eintreten würde.

Sein Bruder, der eines der teuersten Regimenter befehligte und eben erst verheiratet war, konnte nicht umhin, die Schenkung anzunehmen. Die Mutter, welche ihr besonderes Vermögen besaß, gab Aleksey außer den ausbedungenen fünfundzwanzigtausend Rubel alljährlich noch zwanzigtausend und Aleksey verbrauchte auch diese. In der letzten Zeit aber hatte die Mutter, ungehalten über ihn wegen seines Verhältnisses und seiner Abreise von Moskau, aufgehört, dem Sohne die Gelder zu senden, und so kam es, daß Wronskiy, dessen Lebensgewohnheiten auf ein Einkommen von fünfundvierzigtausend Rubel eingerichtet waren, in diesem Jahre nur fünfundzwanzigtausend Rubel gehabt hatte und sich jetzt in einer schwierigen Lage befand.

Um aus dieser herauszukommen, konnte er gleichwohl die Mutter nicht um Geld bitten. Das letzte Schreiben derselben, welches er am Abend vorher erhalten hatte, hatte ihn dadurch besonders erbittert, daß darin Andeutungen enthalten waren, sie sei wohl bereit gewesen, ihm zu Erfolg in der hohen Welt zu verhelfen und im Dienste, aber nicht zu einem Leben, welches die ganze gute Gesellschaft bloßstelle. Der Wunsch der Mutter, ihn wieder erkaufen zu können, kränkte ihn bis auf den Grund seiner Seele, und stimmte ihn noch kühler gegen sie. Er konnte sich ferner aber auch nicht von seiner früher gegebenen, großmütigen Zusage losmachen, obwohl er jetzt fühlte, im dunkeln Vorgefühl gewisser Möglichkeiten die sein Verhältnis zur Karenina mit sich bringen könne, daß jenes großmütige Wort leichtsinnig gesprochen worden sei, und er, wenn auch nicht verheiratet, recht wohl alle hunderttausend Rubel gebrauchen könne. Aber das Wort zurückzunehmen, war nicht mehr angängig.

Er brauchte sich hierfür nur des Weibes seines Bruders zu erinnern und daran zu denken, wie die liebenswürdige, herrliche Warja bei jeder passenden Gelegenheit ihm selbst ins Gedächtnis rief, daß sie seiner Hochherzigkeit stets eingedenk sei und sie hochschätze, — und er begriff, daß es unmöglich war, sein gegebenes Wort zurückzunehmen. Dies wäre ebenso unmöglich gewesen, wie etwa eine Frau zu schlagen, zu bestehlen oder zu belügen. Nur Eins war möglich, und dies mußte sein, und Wronskiy entschloß sich auch ohne einen Moment zu zaudern dazu: Er mußte Geld bei einem Wucherer leihen, zehntausend Rubel, was nicht schwer sein konnte; seine Ausgaben im allgemeinen mehr einschränken, und seine Rennpferde verkaufen.

Zu diesem Entschluß gelangt, schrieb er sofort an Rolandaki, der mehr als einmal schon zu ihm gesandt hatte mit der Anfrage, ob er nicht Pferde verkaufen wolle. Dann sandte er nach dem Engländer und einem Geldverleiher und verteilte das Geld, welches er noch besaß auf die Rechnungen.

Nachdem er mit alledem fertig war, schrieb er einen kühlen und bitteren Brief an seine Mutter und hierauf zog er drei Briefe Annas aus seiner Brieftasche hervor, las sie, verbrannte sie dann und versank in Nachdenken in der Erinnerung an das gestrige Gespräch mit ihr.

20

Das Leben Wronskiys war insofern ein besonders glückliches zu nennen, als es einen eigenen Kodex von Gesetzen besaß, welche ihm alles bestimmt vorschrieben, was er zu thun und nicht zu thun hatte.

Der Kodex dieser Gesetze umfaßte nur einen kleinen Kreis von Grundsätzen, aber dafür waren diese Vorschriften unantastbar, und Wronskiy, der aus ihrem Kreise nie heraustrat, war nie auch nur eine Minute in Zweifel in der Erfüllung dessen, was nötig war.

Diese Gesetze bestimmten unwandelbar, daß er jenen Gauner bezahlen müsse, den Schneider nicht zu bezahlen brauche, daß man die Männer nicht zu belügen brauche, die Frauen aber belügen dürfe, daß man niemand betrügen dürfe, — höchstens den Ehemann, — daß man eine Beleidigung nicht verzeihen könne, aber beleidigen dürfe &c.

Alle diese Prinzipien konnten unvernünftig sein, schlecht, aber sie galten wandellos und in ihrer Erfüllung fühlte Wronskiy, daß er ein ruhiges Gewissen behielt und den Kopf hoch tragen dürfe.

Nur in der allerletzten Zeit begann er infolge seiner Beziehungen zu Anna zu empfinden, daß der Kodex seiner Gesetze nicht vollständig alle Verhältnisse bestimme und sich ihm für die Zukunft Schwierigkeiten und Zweifel zeigten, für die Wronskiy keinen leitenden Faden fand.

Sein jetziges Verhältnis zu Anna und deren Gatten war für ihn selbst einfach und klar. Es war klar und genau bestimmt in dem Gesetzbuch, von dem er geleitet wurde. Sie war ein ehrenhaftes Weib, das ihm ihre Liebe gegeben, und er liebte sie wieder; sie war infolge dessen für ihn ein Weib, würdig der nämlichen, ja, einer höheren Achtung noch, als wäre sie sein gesetzmäßiges Gemahl. Er hätte sich lieber die Hand abhacken lassen, als daß er sich selber erlaubt hätte, sie auch nur mit einem Worte, einer leisen Andeutung zu kränken, oder ihr diejenige Achtung nicht zu erweisen, auf welche nur ein verheiratetes Weib rechnen darf.

Seine Beziehungen zur Gesellschaft waren gleichfalls klar. Alle mochten von seinem Verhältnis wissen oder ahnen, aber keiner durfte wagen, davon zu sprechen. Im entgegengesetzten Falle würde er die Sprecher aufgefordert haben, zu schweigen und die gar nicht vorhandene Ehre der Frau zu achten, die er liebte.

Seine Beziehungen zu ihrem Gatten lagen klarer als alles sonst. Seit jener Minute, von welcher Anna Wronskiy lieb gewonnen hatte, hielt er sein Recht auf sie für unentreißbar; der Gatte war nur eine überflüssige und störende Person. Derselbe befand sich ja, ohne Zweifel, in einer beklagenswerten Lage, aber was war zu thun? Das Eine, worauf der Mann ein Recht hatte, war, Genugthuung mit der Waffe in der Hand zu fordern, — und dazu war Wronskiy vom ersten Augenblick an bereit.

Aber in der letzten Zeit hatten sich neue innere Beziehungen zwischen ihm und ihr herausgestellt, welche Wronskiy durch ihre Unbestimmtheit schreckten. Erst gestern hatte sie ihm mitgeteilt, daß sie sich Mutter fühle, und er empfand, daß diese Nachricht, sowie was sie nun seinerseits erwartete, eine Handlung von ihm erfordere, welche nicht bestimmt in dem Kodex der Gesetze vorgesehen war, von denen er sich im Leben leiten ließ. Und in der That, er war nicht gewappnet und in der ersten Minute, nachdem sie ihm ihre Lage mitgeteilt hatte, riet ihm sein Herz, es sei nötig, daß sie den Ehegatten verlasse. Er hatte ihr dies auch gesagt, aber jetzt bei reiflicherer Überlegung, erkannte er klar, es würde doch besser sein, wenn sich das umgehen ließe; obwohl er, indem er sich dies sagte, die Befürchtung empfand, es möchte dennoch von Übel sein.

„Wenn ich ihr geraten habe, ihren Mann zu verlassen, so bedeutet dies, daß sie sich mit mir zu vereinigen hätte; bin ich denn aber vorbereitet hierzu? Wie soll ich sie hinwegführen, wenn ich kein Geld habe? Gesetzt auch, ich könnte es doch bewerkstelligen, wie wollte ich sie fortbringen, während ich aktiver Offizier bin? Wenn ich ihr dies gesagt habe, so muß ich auch bereit dazu sein, das heißt, Geld haben und auf Urlaub gehen.“

Er überlegte weiter; die Frage, ob er auf Urlaub gehen solle oder nicht, brachte ihn auf eine andere, eine geheime, nur ihm allein bekannte, die wenn nicht die hauptsächlichste, so doch diejenige war, welche das Interesse seines ganzen Lebens in sich schloß.

Ehrgeiz war ein alter Traum seiner Kindheit und Jugend schon gewesen; der Traum, den er sich selbst zwar nicht zugestand, der aber gleichwohl so mächtig in ihm war, daß auch jetzt diese Leidenschaft mit seiner Liebe kämpfte. Die ersten Schritte, welche er in der großen Welt und im militärischen Dienste gethan, waren gelungen, aber vor zwei Jahren hatte er einen großen Fehler gemacht.

Im Wunsche, seine Unabhängigkeit zu zeigen und sich übergehen zu lassen, hatte er eine ihm angebotene Charge ausgeschlagen, in der Hoffnung, dieser Verzicht werde ihm größeren Wert verleihen; allein es stellte sich heraus, daß er zu kühn gehofft, und man ihn fallen gelassen hatte. Er, der sich nolens volens eine unabhängige Lebensstellung gesichert hatte, trug dieselbe jetzt mit Takt und Klugheit, indem er sich stellte, als ob er niemand gram sei, sich in keiner Weise zurückgesetzt fühle und nur wünsche, daß man ihn in Ruhe lasse, da er sich so ganz wohl befinde.

In Wirklichkeit aber hatte dieses Wohlbefinden schon seit dem vorigen Jahre, als er nach Moskau fuhr, aufgehört.

Er fühlte, daß die unabhängige Stellung eines Menschen, der wohl alles ausführen könnte, aber nichts ausführen will, schon mehr darauf hinaus führt, daß viele zu der Ansicht kommen, er bringe nichts fertig, als nur, ein ehrenhafter und guter Mensch zu sein.

Sein Verhältnis zur Karenina, welches soviel Staub aufwirbelte und die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog, hatte ihm einen neuen Nimbus verliehen, und auf einige Zeit den in ihm nagenden Wurm des Ehrgeizes beruhigt, aber seit einer Woche schon war dieser Wurm mit neuer Kraft erwacht.

Ein Jugendfreund, seit der Kindheit mit ihm in der nämlichen gesellschaftlichen Sphäre aufgewachsen, und sein Kamerad im Kadettenhaus gewesen, Serpuchowskiy mit Namen, der mit ihm gleichzeitig die Kriegsschule verlassen hatte, und sein Rivale in derselben gewesen war, im Unterricht wie in den körperlichen Übungen, bei mutwilligen Streichen und in den Träumen des Ehrgeizes, war neulich von Centralasien heimgekehrt; er hatte daselbst zwei Tschins mehr erhalten und eine Auszeichnung, die so jungen Generalen selten verliehen zu werden pflegte.

Kaum war er in Petersburg angekommen, als man von ihm zu sprechen begann, wie von einem neu aufgegangenen Sterne erster Größe. Als Altersgenosse Wronskiys war er schon General und erwartete eine Berufung, die ihm Einfluß auf den Gang der Regierungsgeschäfte verleihen konnte, während Wronskiy hingegen, wenn auch unabhängig und glänzend, wenn auch von einem reizenden Weibe geliebt, doch nur der Rittmeister war, welchem man es anheimgestellt hatte, unabhängig zu bleiben, soviel ihm beliebte.

„Natürlich kann ich Serpuchowskiy nicht gram sein und bin es auch nicht, aber seine Erhöhung zeigt mir, daß man die Zeit abwarten muß; dann kann die Carriere eines Menschen wie ich vielleicht sehr schnell gemacht sein. Vor drei Jahren befand er sich noch in derselben Stellung wie ich. Gehe ich also auf Urlaub, so heißt das die Schiffe hinter mir verbrennen. Wenn ich aber im Dienste bleibe, so verliere ich wenigstens nichts. Sie selbst hat mir ja auch gesagt, daß sie ihre Situation nicht verändern will. Im Besitz ihrer Liebe übrigens, kann ich Serpuchowskiy nicht beneiden.“

In langsamen Bewegungen die Spitzen seines Schnurrbartes drehend, stand er vom Tische auf und durchmaß das Zimmer. Seine Augen blitzten eigentümlich hell, und er empfand jene abgeschlossene, ruhige und frohe Stimmung, welche ihn stets zu überkommen pflegte, nachdem er sich über die Beschaffenheit seiner Situation Klarheit verschafft hatte.

Alles war jetzt, ebenso wie bei den Rechnungsabschlüssen vorher, hell und klar geworden; er rasierte sich, nahm ein kaltes Wannenbad, kleidete sich an und verließ dann sein Zimmer.

21

„Ich komme um nach dir zu sehen. Deine Toilette hat sich heute sehr in die Länge gezogen,“ sagte Petritzkiy. „Ist sie denn nun fertig?“

„Fertig,“ antwortete Wronskiy, nur mit den Augen lächelnd und die Schnurrbartspitzen drehend, aber so vorsichtig, als könne nach der Klarstellung, der er seine Angelegenheiten unterzogen hatte, eine allzu kühne oder schnelle Bewegung dieselbe wieder über den Haufen werfen.

„Du kommst somit also wie aus dem Bade,“ fuhr Petrizkiy fort. „Ich komme von Grizkiy“ — so hieß der Regimentskommandeur — „man erwartet dich.“

Wronskiy blickte ohne zu antworten, seinen Kameraden an; er dachte an etwas ganz anderes.

„Giebt es denn Konzert bei ihm?“ sagte er dann, auf die zu ihm herüberdringenden bekannten Klänge von Baßtrompeten in Polka und Walzer horchend. „Was giebt es denn für eine Festlichkeit?“

„Serpuchowskiy ist angekommen!“

„Ah,“ machte Wronskiy, „das habe ich gar nicht gewußt.“ Das Lächeln seiner Augen wurde noch heller.

Nachdem er einmal bei sich selbst konstatiert hatte, daß er glücklich sei in seiner Liebe, opferte er dieser seinen Ehrgeiz, oder nahm doch wenigstens eine solche Rolle auf sich. Wronskiy vermochte auch nicht mehr, Serpuchowskiy zu beneiden oder sich darüber gekränkt zu fühlen, daß derselbe, nach seiner Ankunft beim Regiment, nicht zuerst zu ihm selbst gekommen war. Serpuchowskiy war sein guter Freund und er freute sich über diesen.

„Ich freue mich sehr.“

Der Regimentskommandeur Demin hatte ein großes Gutsgebäude gemietet, die ganze Gesellschaft war auf dem niedrigen geräumigen Balkon versammelt und auf dem Hofe standen — das Erste was Wronskiy in die Augen fiel — Sänger neben einem großen Faß Branntwein und die gesunde und freundliche Erscheinung des Regimentskommandeurs, umgeben von den Offizieren. Auf die erste Stufe des Balkons heraustretend, überschrie er mit starker Stimme die Musik, welche eine Offenbachsche Quadrille spielte und befahl etwas, wobei er einigen seitwärts stehenden Soldaten einen Wink gab.

Ein Trupp derselben, ein Wachmeister mit einigen Unteroffizieren traten zugleich mit Wronskiy auf den Balkon. Zur Tafel zurückkehrend, trat der Regimentskommandeur dann wiederum mit einem Pokal auf die Freitreppe heraus und brachte mit lauter Stimme einen Toast: „Auf das Wohl unseres früheren Kameraden, des tapferen Generals, Fürsten Serpuchowskiy! Hurrah!“

Hinter dem Regimentskommandeur, den Pokal in der Hand, erschien lächelnd Serpuchowskiy.

„Du wirst immer jünger, Bondarjonko,“ wandte er sich an einen gerade vor ihm stehenden, jugendlich und rotwangig aussehenden Wachmeister.

Wronskiy hatte Serpuchowskiy drei Jahre hindurch nicht gesehen. Derselbe war zum Manne geworden, hatte sich einen Backenbart stehen lassen, zeigte sich aber noch ebenso herrlich in der Erscheinung; sowohl durch seine Schönheit, als durch seine Milde und den Adel seiner Züge und seiner Haltung bestechend, wie früher.

Nur eine Veränderung bemerkte Wronskiy an ihm; es lag eine Art stillen, beständigen Schimmers über ihm, wie er auf dem Gesicht von Leuten erscheint, welche Erfolg gehabt haben und der allseitigen Anerkennung dieser Erfolge sicher sind.

Wronskiy kannte diesen Glanz und er bemerkte ihn sofort an Serpuchowskiy. Zur Treppe herabkommend, bemerkte Serpuchowskiy Wronskiy, und ein freudiges Lächeln erleuchtete sein Gesicht. Er winkte ihm mit dem Kopfe zu, hob den Pokal, begrüßte Wronskiy und zeigte mit dieser Geste, daß er nicht früher zu ihm kommen könne, als bis er den Wachmeister abgefertigt hätte, welcher sich in Positur setzend, schon die Lippen zum Willkommenkuß spitzte.

„Da ist er ja auch!“ rief der Regimentskommandeur, „nur hat Jaschwin gesagt, daß du bei schlechter Laune seiest.“

Serpuchowskiy küßte den jungen Wachmeister auf die feuchten und frischen Lippen und trat dann, sich den Mund mit dem Tuche wischend, auf Wronskiy zu.

„Ah, wie freue ich mich,“ sagte er, ihm die Hand drückend und ihn mit sich auf die Seite führend.

„Widmet Euch ihm!“ rief der Regimentskommandeur Jaschwin zu, auf Wronskiy zeigend und begab sich dann hinunter zu den Soldaten.

„Weshalb kamst du denn gestern nicht zu den Rennen? Ich gedachte dich dort zu sehen,“ sagte Wronskiy, Serpuchowskiy anblickend.

„Ich kam hinaus, aber zu spät. Doch entschuldige,“ fügte er hinzu, sich nach seinen Adjutanten umwendend, „laßt doch dies gefälligst verteilen, soviel auf den Mann kommt.“

Hastig zog er aus seinem Portefeuille drei Hundertrubelscheine heraus und errötete.

„Wronskiy, ißt oder trinkst du etwas?“ frug Jaschwin, „he, gebt doch dem Grafen ein Couvert — und hier, trink!“ —

Das Gelage bei dem Regimentskommandeur zog sich in die Länge. Man trank sehr viel und Serpuchowskiy wurde weidlich dabei gefeiert, darauf feierte man den Obersten, welcher nun mit Petritzkiy vor den Sängern tanzte, und sich dann, bereits etwas illuminiert, auf dem Hofe auf einer Bank niederließ und Jaschwin die Vorzüge Rußlands vor Preußen, namentlich in Bezug auf die Kavallerieattacke auseinanderzusetzen begann. Der Festjubel war auf kurze Zeit ruhiger geworden. Serpuchowskiy hatte sich ins Haus, in das Toilettezimmer begeben, um sich die Hände zu waschen und traf hier Wronskiy, der sich mit Wasser duschte. Er hatte den Waffenrock abgelegt und hielt den roten, von Härchen überwucherten Hals unter den Wasserstrahl des Beckens, sich mit den Händen Hals und Kopf abreibend. Nachdem er mit der Waschung zu Ende war, setzte er sich zu Serpuchowskiy. Die Zwei nahmen auf einem kleinen Diwan Platz und es entspann sich zwischen ihnen ein für beide sehr interessantes Gespräch.

„Ich habe durch mein Weib alles von dir erfahren,“ begann Serpuchowskiy, „und ich freue mich, daß du oft mit ihr zusammengetroffen bist.“

„Sie ist befreundet mit Warja und beide sind die einzigen Frauen von Petersburg, mit denen ich gern zusammenkomme,“ antwortete Wronskiy lächelnd. Er lächelte darüber, daß er das Thema schon voraussah, auf welches das Gespräch nun sogleich übergehen mußte, und dies machte ihm Vergnügen.

„Die einzigen?“ frug Serpuchowskiy lächelnd dazwischen.

„Ich bin auch über dich unterrichtet gewesen, aber nicht nur durch deine Frau,“ versetzte Wronskiy, mit ernstem Gesichtsausdruck die Anspielung von sich weisend. „Ich habe mich sehr gefreut über deine Erfolge, und bin durchaus nicht darüber verwundert gewesen. Ich hätte fast noch mehr erwartet.“

Serpuchowskiy lächelte. Offenbar machte ihm diese Meinung über ihn Vergnügen und er fand es nicht für nötig, dies zu verhehlen.

„Ich bekenne im Gegenteil offen, ich hatte weniger von mir erwartet, allein ich bin froh, sehr froh; ich bin ehrgeizig, dies ist meine Schwäche und ich gestehe sie offen ein.“

„Vielleicht würdest du sie nicht eingestehen, wenn du keinen Erfolg gehabt hättest,“ sagte Wronskiy.

„Ich glaube nicht,“ antwortete Serpuchowskiy wiederum lächelnd. „Ich will nicht sagen, daß es sich nicht auch ohne dies leben ließe, aber es lebte sich doch langweilig. Freilich ist möglich, daß ich mich irre, aber mir scheint doch, als ob ich einige Fähigkeiten zu dem Wirkungskreis besäße, den ich mir erkoren habe, und daß wenn in meine Hände eine Macht, wie sie auch immer sein möge, kommen wird, sie besser aufgehoben ist, als in den Händen vieler mir Bekannter,“ sprach Serpuchowskiy in dem strahlenden Bewußtsein seiner Errungenschaften. „Und je näher ich daher dieser Macht komme, um so zufriedener werde ich.“

„Vielleicht ist dies für dich etwas, aber nicht für alle. Ich habe auch schon so gedacht, lebe aber und finde, daß man nicht nur solchen Zwecken zu leben braucht,“ antwortete Wronskiy.

„Da haben wir’s, da haben wir’s,“ lachte Serpuchowskiy. „Ich hatte aber davon angefangen, daß ich von dir, und auch von deinem Verzicht gehört habe. Natürlich habe ich dich in Schutz genommen. Aber für alles giebt es eine Form, und ich glaube, daß dein Verhalten an sich richtig war, nur bist du nicht so verfahren, wie du mußtest.“

„Was geschehen ist, ist geschehen, und du weißt wohl, daß ich mich noch nie widerrufen habe, was ich einmal that. Ich befinde mich daher ganz wohl.“

„Ganz wohl — auf bestimmte Zeit. Aber du wirst dich hiermit nicht begnügen. Deinem Bruder würde ich das nicht sagen; er ist ein ebenso harmloses Kind, wie unser Wirt!“ fügte er hinzu, auf den Hurraruf draußen lauschend. „Auch er ist zufrieden, aber du kannst dich hiermit nicht zufrieden geben.“

„Ich sage auch nicht, daß ich mich mit etwas begnügt hätte.“

„Nein, nicht darum allein handelt es sich. Aber solche Leute, wie du bist, werden gebraucht!“

„Wer braucht sie?“

„Wer? Die Gesellschaft, Rußland! Rußland braucht Männer, braucht eine Partei, oder alles kommt auf den Hund!“

„Was heißt das? Etwa die Partei des Bertenjeff gegen die russischen Kommunisten?“

„Nein,“ antwortete Serpuchowskiy, sich verfinsternd, daß man ihn einer solchen Dummheit für fähig gehalten hatte. „Tout ça est une blague; und es war stets so und wird so bleiben. Kommunisten giebt es nicht, freilich, stets haben die Menschen es für notwendig gehalten, eine schädliche und gefahrbringende Partei zu ergrübeln. Das ist eine alte Geschichte. Nein, jetzt brauchen wir eine Parteimacht von unabhängigen Männern, wie du und ich.“

„Aber wozu?“ Wronskiy nannte einige Namen von Macht und Einfluß, „sind das nicht unabhängige Männer?“

„Sie sind es deswegen nicht, weil sie von Geburt an eine Unabhängigkeit ihrer Stellung nicht gehabt haben, keinen Namen führen und der Sonne nicht so nahe stehen, unter welcher wir das Licht der Welt erblickt haben. Man kann sie entweder mit Geld erkaufen oder mit Speichelleckerei, und um es mit ihnen halten zu können, muß man für sie eine Richtung erst erfinden. Sie besitzen in der Regel wohl eine Idee, eine Richtung, an welche sie aber selbst nicht glauben und die Böses erzeugt; ihre ganze Richtung ist nur der Zweck, eine Regierungswohnung inne haben und einen Gehalt genießen zu können. Cela n’est pas plus fin que ça, sobald man ihre Karte durchschaut. Es ist ja möglich, daß ich weniger gut und dümmer bin, als sie, obwohl ich nicht einzusehen vermag, weshalb es so sein sollte, indes ich sowohl wie du, wir besitzen einen wirklichen und wichtigen Vorzug — den, daß wir uns schwerer erkaufen lassen. — Solche Männer aber sind jetzt uns mehr vonnöten, als es je der Fall gewesen ist.“

Wronskiy hörte aufmerksam zu, aber weniger der Inhalt der Worte war es, der ihn beschäftigte, als die Beziehung derselben auf Serpuchowskiys Verhältnisse, welcher bereits glaubte, sich im Kampfe mit jener Macht zu befinden und in dieser Welt bereits seine Sympathieen und Antipathieen hatte, während es für ihn selbst, für Wronskiy, nur Interessen gab, die sich auf die Eskadron bezogen.

Wronskiy erkannte auch, wie stark Serpuchowskiy mit seiner unzweifelhaften Fähigkeit, zu urteilen, die Dinge richtig aufzufassen, mit seinem Geist und seiner Redegewandtheit werden konnte, die sich so selten in den Kreisen vorfinden, in denen er lebte. So viel Überwindung es ihn kosten mochte — er mußte ihn beneiden.

„Und dennoch ist mir mit diesem einzigen und höchsten Ziele nicht genug,“ antwortete er, „mit diesem Wunsche, mächtig zu sein. Es war wohl einmal so, aber das ist vorbei.“

„Entschuldige, das ist nicht wahr,“ lächelte Serpuchowskiy.

„Doch, es ist wahr, es ist wahr — nämlich jetzt, um aufrichtig zu sein,“ fügte Wronskiy hinzu.

„Wahr — für jetzt — das ist etwas anderes; aber dieses jetzt wird nicht immerdar sein.“

„Möglich,“ versetzte Wronskiy.

„Du sagst möglich,“ fuhr Serpuchowskiy fort, als wenn er des Anderen Gedanken erraten hätte, „ich aber sage dir ‚sicherlich‘. Und aus diesem Grunde wollte ich dich sprechen. Du hast gehandelt, wie du mußtest; das verstehe ich recht wohl, aber du darfst es nicht allzuweit treiben. Ich bitte dich jetzt um carte blanche. Zu protegieren gedenke ich dich nicht, obwohl ich nicht einsehe, weshalb ich es nicht thun sollte; hast du mich doch so oft protegiert. Ich hoffe, daß unsere Freundschaft höher steht, als diese Frage; ja,“ fuhr er fort, Wronskiy mild zulächelnd, wie ein Weib, „gieb mir carte blanche, tritt aus deinem Regiment und ich bringe dich unmerklich empor.“

„Aber so begreife doch, daß ich nichts brauche,“ antwortete Wronskiy, „ich wünsche nur, es möchte alles so bleiben, wie es gewesen ist.“

Serpuchowskiy erhob sich und trat vor ihn hin.

„Du sagtest, es möchte alles so bleiben, wie es gewesen ist. Ich verstehe, was das heißen soll. So höre denn: Wir sind Schulkameraden, aber du hast vielleicht zahlreichere Weiber kennen gelernt als ich.“ Ein Lächeln und eine Geste Serpuchowskiys besagten, daß Wronskiy nicht zu befürchten brauchte, er werde etwa leise und vorsichtig die wunde Stelle berühren. „Aber ich bin verheiratet, und, glaube mir, hat man einmal die Frau erkannt, die man liebt, — so schrieb einmal Einer — so erkennt man alle Weiber besser, als hätte man sie sonst auch nach Tausenden kennen gelernt.“

— „Wir kommen gleich!“ — rief Wronskiy einem Offizier zu, welcher soeben ins Zimmer hereinblickte und die beiden zum Regimentskommandeur lud.

Wronskiy wünschte jetzt, das Ende zu hören und zu erfahren, was Serpuchowskiy ihm sagen wollte.

„Höre also meine Meinung,“ fuhr dieser fort, „die Weiber sind der größte Stein des Anstoßes in der Existenz des Mannes. Es ist schwer, ein Weib zu lieben und zugleich irgendwie zu wirken. Es giebt hierfür nur ein einziges Mittel, mit Bequemlichkeit und ohne eigne Hemmnis zu lieben — das ist die Heirat! Wie soll ich dir es doch gleich klarmachen,“ fuhr Serpuchowskiy fort, der die Vergleiche liebte, „halt, paß auf! Wie man nur ein Bündel tragen und doch dabei etwas mit den Händen verrichten kann, sobald das Bündel auf den Rücken gehängt ist, so ist es auch mit der Heirat. Dies habe ich an mir erfahren, als ich geheiratet hatte. Meine Hände waren da plötzlich wieder frei. Aber ohne die Ehe ein solches Bündel mit sich schleppen, heißt mit Händen laufen, die so vollgepackt sind, daß man nichts sonst zu thun vermag. Sieh Mazankoff, Krupoff an! Sie haben ihre Carriere durch die Weiber zu Grunde gerichtet!“

„Aber was für Weiber!“ antwortete Wronskiy, dem die Französin und die Schauspielerin ins Gedächtnis kam, mit denen jene beiden ein Verhältnis gehabt hatten.

„Um so schlimmer! Je fester die Stellung eines Weibes in der Welt ist, um so schlimmer wird die Sache! Es bleibt sich ganz gleich — abgesehen davon, daß man das Bündel in den Händen trägt — ob man es erst einem anderen entreißt.“

„Du hast nie geliebt,“ versetzte Wronskiy leise, vor sich hinstarrend und Annas gedenkend.

„Mag sein. Aber vergiß nicht, was ich dir gesagt habe. Und noch eins: die Weiber sind stets materieller als die Männer. Wir vollbringen aus Liebe eine erhabene That, sie handeln aber stets terre-à-terre.“ — —

— „Sofort, sofort!“ — wandte er sich jetzt an den eintretenden Diener. Dieser war indessen nicht erschienen, um sie nochmals zu rufen wie er dachte. Der Lakai brachte Wronskiy ein Billet:

„Von der Fürstin Twerskaja brachte das ein Diener für Euch.“

Wronskiy erbrach den Brief und geriet in hohe Aufregung.

„Ich habe Kopfschmerz und muß nach Haus,“ sagte er zu Serpuchowskiy.

„Nun, so lebe wohl. Giebst du mir also carte blanche?“

„Wir werden später noch sprechen, ich finde dich ja in Petersburg.“

22

Es war schon sechs Uhr, und deshalb setzte sich Wronskiy, um keine Zeit zu verlieren und zugleich auch nicht mit seinen eigenen Pferden fahren zu müssen, die jedermann kannte, in den Mietwagen Jaschwins und befahl so schnell als möglich zu fahren. Der Wagen, ein alter viersitziger Kasten, war geräumig, Wronskiy ließ sich in einer Ecke nieder, legte die Füße auf den einen Vorderplatz und versank in Nachdenken.

Die verwirrende Erkenntnis, wie sehr seine Angelegenheiten zur allgemeinen Kenntnis gekommen waren, der Zurückerinnerung an die Freundschaft und Schmeichelei Serpuchowskiys, der ihn für einen brauchbaren Mann hielt, und, vor allem, die Erwartung des Wiedersehens — alles das vereinigte sich in ihm zu einer allgemeinen Empfindung freudiger Lebenskraft.

Dieses Gefühl war so stark in ihm, daß er unwillkürlich lächeln mußte. Er streckte seine Beine von sich, legte das eine über das Knie des andern und nahm es in die Hand, die harte Wade des einen Beines befühlend, welches gestern bei dem Sturz mit dem Pferde verletzt worden war. Dann warf er sich zurück und atmete mehrmals aus voller Brust tief auf.

„Gut; sehr gut!“ sprach er zu sich selbst. Er hatte schon früher oft ein Gefühl der Genugthuung über seinen Körper empfunden, aber noch niemals war er auf sich selbst so stolz gewesen, auf seinen Körper, als jetzt. Es war ihm angenehm, diesen leichten Schmerz in dem starken Fuße zu empfinden, angenehm, die Bewegungen der Muskeln seiner Brust beim Atmen zu verspüren.

Jener nämliche helle und kalte Augusttag, der so hoffnungslos auf Anna eingewirkt hatte, schien für ihn belebend und ermunternd zu sein, er erfrischte ihm das erhitzte Gesicht und den Hals. Der Geruch des Brillantine-Odeur von seinem Schnurrbart aus erschien ihm ganz besonders angenehm in dieser frischen Luft. Alles, was er durch das Fenster des Wagens sah, alles in dieser kalten reinen Luft, bei diesem bleichschimmernden Licht der untergehenden Sonne, mutete ihn so frisch an, so erheiternd und stärkend, wie er sich selbst stark fühlte. Selbst die Dächer der Häuser, glänzend in den Strahlen der sinkenden Sonne, die scharfen Umrisse der Kirchen, und Ecken der Gebäude, die ihm vereinzelt begegnenden Erscheinungen von Fußgängern oder Equipagen, und das unbewegliche Grün der Bäume und des Grases, die Felder mit den regelmäßig angelegten Kartoffelfurchen, die schrägen Schatten, welche hinter den Bäumen und Häusern fielen, hinter den Büschen und selbst in den Furchen der Kartoffeln, alles war schön, wie ein herrliches Landschaftsgemälde das soeben vollendet, und mit Lack überzogen worden war.

„Vorwärts, vorwärts!“ rief er dem Kutscher zu, sich aus dem Fenster herausbeugend und ein Dreirubelpapier aus der Tasche ziehend, welches er dem umblickenden Kutscher hinreichte. Die Hand des Kutschers fühlte nach etwas bei der Laterne, dann ertönte das Sausen der Peitsche und schnell rollte der Wagen auf der ebenen Chaussee dahin. „Nichts, nichts brauche ich weiter, als diese Seligkeit,“ dachte er bei sich, auf eine Beule in dem Glöckchen zwischen den Fenstern blickend, und sich dabei Anna so vorstellend, wie er sie zum letztenmal gesehen hatte. „Je länger ich sie liebe, umsomehr lerne ich sie lieben. Doch hier ist ja der Garten der Villa Wrede. Wo ist sie nun hier? Wo? Wie finde ich sie? Weshalb hat sie das Rendezvous hierher bestimmt, schreibt sie in einem Billet Bezzys?“ dachte er jetzt nur noch, aber es gab nicht mehr lange zu denken. Er ließ den Kutscher halten, ohne bis zur Allee zu fahren und öffnete die Thür, sprang dann aus dem Wagen auf den Weg und schritt die Allee entlang, welche zum Hause führte.

In der Allee befand sich kein Mensch; aber als er näher Umschau hielt, erblickte er sie selbst. Ihr Gesicht war zwar von einem Schleier bedeckt, aber er erkannte sie sogleich mit freudigem Blick an dem nur ihr eigentümlichen Gange, der Neigung der Schultern und der Haltung des Hauptes und wie ein elektrischer Schlag durchlief es seinen Körper.

Mit neuer Kraft fühlte er sich selbst, von den elastischen Bewegungen seiner Füße an bis zu den leichten Regungen beim Atmen und es schien ihm, als kitzle etwas seine Lippen.

Als Anna mit ihm zusammentraf, drückte sie ihm innig die Hand.

„Du bist mir wohl nicht ungehalten, daß ich dich rufen ließ? Ich mußte dich sehen,“ sprach sie, und der ernste strenge Zug um ihre Lippen, den er unter dem Schleier bemerkte, veränderte mit einem Schlage seine innere Stimmung.

„Ich, zürnen? Wie bist du denn hierher gekommen, und wo willst du hin?“

„Thut nichts zur Sache,“ antwortete sie, ihren Arm in den seinen legend, „komm, ich muß mit dir reden.“

Er verstand, daß etwas vorgefallen sein müsse, und daß dieses Wiedersehen kein freudiges werden würde. In ihrer Gegenwart verlor er seine Willenskraft und ohne die Ursache ihrer Aufregung zu kennen, fühlte er schon im voraus daß diese Aufregung sich auch ihm selbst mitteilte.

„Was giebt es denn?“ frug er, mit dem Ellbogen ihren Arm pressend, und sich bemühend, ihr die Gedanken von den Zügen zu lesen.

Sie ging schweigend einige Schritte weiter, wie um Kraft zu schöpfen, dann blieb sie plötzlich stehen.

„Ich habe dir gestern nicht gesagt,“ begann sie schnell und mühsam atmend, „daß ich bei meiner Rückkehr Aleksey Aleksandrowitsch alles offenbart und ihm gesagt habe, daß ich nicht mehr sein Weib bleiben könne, daß ich — ich habe ihm alles gesagt“ —

Er hörte sie an, sich unwillkürlich in seiner ganzen Größe beugend, gleich als wünsche er, ihr die Schwere ihrer Lage damit zu erleichtern. Kaum aber hatte sie geendet, als er sich plötzlich hoch aufrichtete und sein Gesicht einen stolzen und strengen Ausdruck annahm.

„Ja. Es ist besser so, tausendmal besser. Ich begreife, wie schwer dir das geworden sein muß,“ sagte er, aber sie hörte seine Worte nicht, sie las seine Gedanken nur von seinem Gesicht ab. Freilich konnte sie nicht wissen, daß sein Gesichtsausdruck sich nur auf den Gedanken bezog, welcher Wronskiy zuerst gekommen war, auf das jetzt unvermeidliche Duell. Ihr war überhaupt der Gedanke an ein Duell gar nicht eingefallen, und sie deutete sich daher den flüchtigen Schein von Strenge anders.

Nachdem sie das Schreiben ihres Mannes erhalten hatte, erkannte sie auf dem Grunde ihrer Seele, daß alles nun beim Alten bleiben, daß sie nicht die Macht haben werde, ihre Stellung zu vernachlässigen, ihren Sohn zu verlassen, und sich mit dem Geliebten zu vereinen.

Der Morgen, den sie bei der Fürstin Twerskaja zugebracht hatte, bestärkte sie noch mehr hierin. Aber dieses Wiedersehen war dennoch von äußerster Bedeutung für sie. Sie hoffte, daß dasselbe ihre beiderseitige Lage ändern und sie retten werde. Wenn er bei ihrer Nachricht entschieden, leidenschaftlich, ohne einen Augenblick des Zauderns gesagt hätte, verlaß alles und fliehe mit mir, so würde sie ihr Kind verlassen und mit ihm gegangen sein.

Aber ihre Mitteilung erzeugte in ihm nicht die Wirkung, die sie erwartet hatte; und sie fühlte sich daher etwas verletzt.

„Es ist mir durchaus nicht schwer geworden. Es geschah wie von selbst,“ sprach sie aufgeregt, „und hier“ — sie reichte ihm den Brief ihres Mannes aus ihrem Handschuh.

„Ich verstehe, verstehe,“ unterbrach er sie, das Schreiben ergreifend, ohne es zu lesen, und sich bemühend, sie zu beruhigen, „eines habe ich gewünscht, eines erbeten, mit diesen Verhältnissen zu brechen, damit ich mein Leben deinem Glücke weihen kann.“

„Warum sagst du nur das?“ frug sie, „sollte ich denn noch daran zweifeln? Wenn ich gezweifelt hätte, dann“ —

„Wer geht denn dort?“ frug Wronskiy plötzlich, auf zwei Damen weisend, die ihnen entgegenkamen. „Sie kennen uns vielleicht?“ und hastig wandte er sich, Anna mit sich ziehend, in einen Seitenweg.

„Ah, mir ist alles gleichgültig.“ Ihre Lippen zitterten. Ihm schien es, als ob ihre Augen mit einem seltsamen Zorn unter dem Schleier hervor auf ihn blickten. „Wie gesagt, darum handelt es sich auch nicht; ich kann ja gar nicht daran zweifeln, aber hier sieh doch, was er schreibt. Lies!“ und sie blieb wieder stehen.

Wiederum gab sich jetzt Wronskiy, wie in der ersten Minute bei der Nachricht von dem Bruche mit ihrem Gatten, unwillkürlich jenem natürlichen Eindruck hin, welchen in ihm sein Verhältnis zu dem beleidigten Gatten wachrief.

Jetzt, als er das Schreiben desselben in Händen hielt, stellte er sich unwillkürlich die Forderung vor, welche er wahrscheinlich noch heute oder morgen bei sich daheim vorfinden würde, und das Duell selbst, in welchem er mit der nämlichen kalten und stolzen Miene, die auch jetzt in seinem Gesicht zu lesen war, in die Luft schießen wollte, sich selbst aber dem Schuß des beleidigten Mannes auszusetzen gedachte. Dabei aber huschte ihm eine Idee durch den Kopf, die Erinnerung an das, was ihm soeben Serpuchowskiy gesagt hatte, und woran er selbst heute Morgen gedacht hatte, daß es nämlich besser sei, sich nicht zu binden; — und er erkannte, daß er diesen Gedanken Anna nicht mitteilen könne.

Nachdem er das Schreiben gelesen hatte, hob er das Auge zu ihr empor. In seinem Blick lag keine Energie mehr. Sie begriff sofort, daß er selbst schon nachgedacht hatte; sie wußte, daß er, was er ihr auch sagen mochte, nicht alles sagen würde, was er dachte; sie erkannte, daß ihre letzte Hoffnung eine trügerische gewesen sei. Das aber war es nicht, was sie erwartet hatte.

„Du siehst, was für ein Mensch er ist,“ sprach sie mit bebender Stimme, „er“ —

„Vergieb, aber mich freut dies,“ unterbrach sie Wronskiy, — „um Gott, laß mich ausreden,“ — fügte er hinzu, sie mit dem Blick beschwörend, ihm Zeit zu gönnen, seine Worte zu erläutern. „Ich freue mich, daß die Sache durchaus nicht so bleiben kann, wie er vorschlägt.“

„Und warum kann sie es nicht?“ frug Anna, ihre Thränen zurückdrängend und seinen Worten offenbar nicht die geringste Bedeutung beimessend. Sie empfand, daß ihr Schicksal besiegelt war.

Wronskiy wollte sagen, daß nach dem, seiner Meinung nach unvermeidlichen Duell das Verhältnis nicht weiter fortgesetzt werden könne, aber er sprach etwas Anderes.

„Es kann nicht so fortgehen. Ich hoffe, du wirst ihn jetzt verlassen und hoffe“ — er geriet in Verlegenheit und errötete, „daß du mir erlaubst, unser Leben einzurichten und alles zu erwägen. — Morgen“ — begann er nochmals — aber sie ließ ihn nicht aussprechen.

„Und mein Kind?“ rief sie. „Du siehst doch, was er schreibt? Ich muß ihn verlassen, aber ich kann und will es nicht thun!“

„Mein Gott, was gäbe es aber besseres, als dies? Das Kind mußt du verlassen, oder dieses erniedrigende Dasein weiterführen.“

„Für wen erniedrigend?“

„Für alle, und am meisten für dich!“

„Du sprichst beleidigend — sage das nicht! Diese Worte besitzen für mich keinen Sinn,“ sagte sie mit zitternder Stimme. Sie wollte jetzt nicht, daß er eine Unwahrheit spräche, es blieb ihr nur noch seine Liebe und sie wollte ja lieben. „Bedenke, daß mit dem Tage, seit welchem ich dich geliebt, sich alles für mich verändert hat. Für mich giebt es nur eines noch und das ist deine Liebe. Wenn diese mir gehört, dann fühle ich mich so hoch, so sicher, daß nichts für mich erniedrigend werden könnte. Ich wäre stolz auf meine Lage, weil — stolz darauf — stolz“ — sie sprach nicht aus, worauf sie stolz wäre. Thränen der Scham und der Verzweiflung erstickten ihr die Stimme. Sie hielt inne und schluchzte auf.

Auch er empfand, daß sich etwas in seiner Kehle nach oben hob und daß er ein eigentümliches Gefühl in der Nase hatte.

Zum erstenmal in seinem Leben fühlte er sich fähig, zu weinen. Er hätte nicht zu sagen vermocht, was ihn eigentlich so erschüttert hatte; er empfand Mitleid zu ihr und fühlte, daß er ihr nicht helfen könne; zugleich aber erkannte er auch, daß er die Ursache ihres Unglücks sei, daß er schlecht gehandelt habe.

„Ist denn eine Trennung unmöglich?“ sprach er kleinlaut. Sie schüttelte das Haupt, ohne zu antworten. Ging es denn nicht, daß sie ihren Sohn mitnahm und ihren Mann verließ? Allerdings, aber dies hing alles von ihm selbst ab.

„Jetzt muß ich wieder zu ihm fahren,“ sprach sie trocken. Ihre Ahnung, daß alles beim Alten bleiben würde — hatte sie nicht getäuscht.

„Dienstag werde ich in Petersburg sein und alles wird sich dann entscheiden.“

„Ja,“ antwortete sie, „aber wir wollen nicht mehr von der Angelegenheit sprechen.“

Der Wagen Annas, den diese fortgeschickt hatte mit der Weisung, an das Gitter des Gartens der Villa Wrede zu kommen, fuhr vor.

Anna verabschiedete sich von Wronskiy und fuhr nach Haus.

23

Montags war die gewöhnliche Sitzung der Kommission vom zweiten Juli. Aleksey Aleksandrowitsch trat in den Sitzungssaal, begrüßte die Mitglieder und den Präsidenten wie gewöhnlich und ließ sich dann auf seinem Platze nieder, die Hände nach den vor ihm bereitliegenden Papieren legend.

Unter der Zahl derselben befanden sich auch die ihm nötigen Rekognitionen und der Entwurf jenes Berichtes, welchen er vorzulegen beabsichtigte. Die Rekognitionen waren für ihn übrigens gar nicht notwendig. Er wußte alles schon und hielt es nicht für erforderlich, in seinem Gedächtnis alles das zu wiederholen, was er sagen wollte. Er wußte, daß wenn seine Zeit käme und er das Gesicht seines Gegners vor sich sähe, das sich sorgfältig bemühte, den Stempel der Gleichmütigkeit zur Schau zu tragen, seine Rede wie von selbst fließen würde, besser, als wenn er sie jetzt vorbereitete. Er empfand, daß der Inhalt seiner Rede so bedeutungsvoll war, daß jedes Wort derselben seinen Wert haben würde. Nichtsdestoweniger zeigte er beim Anhören der üblichen Darlegung des Sachverhalts die unschuldigste, harmloseste Miene von der Welt. Niemand, der auf seine weißen, mit hohen Adern durchzogenen Hände schaute, die mit den langen Fingern leise die beiden Ränder des vor ihm liegenden weißen Blattes betasteten, sein mit dem Ausdrucke der Ermüdung seitwärts geneigtes Haupt sah, hätte denken können, daß sich sogleich aus seinem Munde jene Reden ergießen würden, die einen furchtbaren Sturm hervorriefen, die Mitglieder zu Ausrufen hinrissen, daß sie sich gegenseitig unterbrachen und den Präsidenten veranlaßten, zur Ordnung zu rufen.

Nachdem der Bericht beendet war, erklärte Aleksey Aleksandrowitsch mit seiner leisen, dünnen Stimme, daß er zunächst einige Erwägungen betreffs der Angelegenheit der Lage der Ausländer mitzuteilen hätte. Die Aufmerksamkeit wandte sich ihm zu. Aleksey Aleksandrowitsch räusperte sich und begann, ohne seinen Gegner anzublicken, und wie er dies gewöhnlich that, wenn er eine Rede hielt, die nächste, vor ihm sitzende Person — einen kleinen, friedlichen alten Herrn, der gar keine Meinung in der Kommission hatte, ins Auge fassend, seine Ansichten auseinanderzusetzen.

Als die Rede auf das grundlegende Gesetz gekommen war, sprang der Opponent auf und fiel dem Sprecher ins Wort. Stremoff, ebenfalls Mitglied der Kommission, und gleichfalls auf seiner schwachen Seite gefaßt, begann sich zu rechtfertigen und nun fand eine stürmische Sitzungsscene statt; Aleksey Aleksandrowitsch indessen triumphierte und seine Einwände wurden als stichhaltig anerkannt. Es wurden drei neue Kommissionen gewählt und anderen Tags sprach man in den Petersburger Kreisen nur von dieser Komiteesitzung. Der Erfolg Aleksey Aleksandrowitschs war größer, als dieser selbst erwartet hatte.

Am andern Morgen — es war Dienstags — erwachend, entsann er sich mit einem Gefühle der Befriedigung seines gestrigen Sieges, und konnte nicht umhin zu lächeln, obwohl er gleichmütig zu erscheinen wünschte, als der Kanzleidirektor, in der Absicht, ihm eine Schmeichelei zu sagen, von den Gerüchten Mitteilung machte, die zu ihm gedrungen wären betreffs der stattgehabten Sitzung.

Indem er sich mit dem Kanzleidirektor beschäftigte, hatte Aleksey Aleksandrowitsch vollständig vergessen, daß heute Dienstag sei, der Tag, der von ihm für die Ankunft Annas festgesetzt worden war. Er war verwundert und fühlte sich unangenehm berührt, als ein Diener ihm meldete, daß seine Gattin angekommen sei.

Anna war früh morgens in Petersburg angekommen. Ihrem Telegramm entsprechend, war ihr ein Wagen entgegengeschickt worden und infolge dessen konnte Aleksey Aleksandrowitsch erfahren, wenn sie anlangte. Als sie indessen anlangte, erschien er nicht, sie zu bewillkommnen. Man teilte ihr mit, er habe seine Gemächer noch nicht verlassen und arbeite noch mit seinem Kanzleidirektor. Sie befahl, ihrem Gatten mitzuteilen, daß sie angekommen sei, begab sich dann in ihr Kabinett und beschäftigte sich mit dem Auspacken ihrer Sachen in der Erwartung, daß er zu ihr kommen werde. Aber eine Stunde verging, ohne daß er erschienen wäre. Sie begab sich nach dem Speisesalon unter dem Vorwand, Anordnungen zu treffen und sprach absichtlich möglichst laut immer in der Erwartung, daß er nun erscheinen werde, aber er kam nicht, obwohl sie vernahm, daß er zu der Thür seines Kabinetts herausgetreten war, den Kanzleidirektor begleitend. Sie wußte, daß er wie gewöhnlich, bald ins Amt fahren werde, und wünschte ihn vorher noch zu sehen, damit ihre beiderseitigen Verhältnisse zur Klarstellung kämen.

Den Saal durchschreitend, begab sie sich daher entschlossen zu ihm. Als sie im Kabinett bei ihm eintrat, saß er in Uniform, und offenbar im Begriff, aufzubrechen, an seinem kleinen Tischchen, auf welches er sich mit den Armen gestemmt hatte, und starrte trübe vor sich hin. Sie erblickte ihn früher, als er sie selbst gesehen, und erkannte sofort, daß er an sie dachte.

Als Aleksey Aleksandrowitsch seine Frau gewahrte, wollte er sich erheben, besann sich aber anders, und sein Gesicht erglühte, was Anna nie vorher an ihm bemerkt hatte. Er erhob sich schnell und trat ihr entgegen, schaute ihr indessen nicht in die Augen, sondern höher hinauf, nach ihrer Stirn und Frisur. Er trat auf sie zu, ergriff ihre Hand und bat sie Platz zu nehmen.

„Ich freue mich sehr, daß Ihr gekommen seid,“ begann er, sich neben ihr niederlassend, blieb aber dann stumm, obwohl er offenbar den Wunsch hatte, noch etwas zu sagen. Er begann mehrmals zu sprechen, hielt aber wieder inne.

Wenn sich Anna auch vorgenommen hatte, ihn bei diesem Wiedersehen verächtlich zu behandeln und ihm Anklagen entgegenzuschleudern, so wußte sie doch nicht, was sie jetzt zu ihm sprechen sollte, und sie empfand Mitleid mit ihm.

Das beiderseitige Schweigen währte so ziemlich lange.

„Ist Sergey gesund?“ begann er endlich und fügte dann ohne eine Antwort abzuwarten hinzu, „ich werde heute nicht zu Hause speisen und muß sogleich wegfahren.“

„Ich wünschte nach Moskau zu fahren,“ antwortete sie.

„Nein; Ihr habt sehr, sehr wohl daran gethan, hierher zu kommen,“ versetzte er und verstummte dann wieder.

Als sie bemerkte, daß er nicht fähig sei selbst zu beginnen, nahm sie das Wort: „Aleksey Aleksandrowitsch,“ sie blickte ihn an, ohne das Auge unter seinem, nach ihrer Frisur gerichteten Blick zu senken, „ich bin ein verbrecherisches Weib, ein schlechtes Weib, aber ich bin auch das noch, was ich war, was ich Euch damals gesagt habe, und bin gekommen, Euch zu sagen, daß ich nichts zu ändern vermag.“

„Darnach habe ich Euch nicht gefragt,“ antwortete er plötzlich mit entschiedenem Tone, und ihr haßerfüllt tief in die Augen schauend. „Das habe ich ja vorausgesetzt.“ Auch unter dem Einfluß des Zornes hatte er offenbar gleichwohl die vollkommene Herrschaft über alle seine Fähigkeiten, „aber wie ich Euch damals gesagt und geschrieben habe,“ fuhr er mit scharfer, dünner Stimme fort, „wiederhole ich auch jetzt, daß ich keine Verpflichtung habe, davon unterrichtet zu werden. Ich ignoriere dies. Nicht alle Weiber sind so gut, wie Ihr, so zu eilen, damit ihrem Gatten eine so angenehme Nachricht mitteilen zu können.“ Er betonte das Wort „angenehm“ besonders. „Ich werde die Sache so lange ignorieren, als die Welt sie nicht kennt und mein Name nicht entehrt ist. Deswegen eben komme ich Euch damit zuvor, daß unsere Beziehungen so bleiben müßten, wie sie stets waren, und daß ich nur für den Fall, wenn Ihr Euch selbst kompromittiertet, gezwungen sein werde, Maßregeln zu ergreifen, um meine Ehre zu wahren.“

„Aber unsere Beziehungen können nicht so bleiben, wie sie stets waren,“ antwortete Anna mit schüchterner Stimme, ihn voll Schrecken anblickend. Sobald sie diese ruhigen Bewegungen wieder gesehen, diese scharfklingende knabenhafte und höhnische Stimme gehört, hatte die Abneigung vor ihm das vorher empfundene Mitleid vernichtet und sie fürchtete nun nur noch; aber mochte es kosten was es wollte, sie wollte Klarheit über ihre Lage erlangen. „Ich kann nicht länger Euer Weib sein, da ich“ — begann sie.

Er lächelte mit bösem, kaltem Ausdruck.

„Die Lebensweise, die Ihr Euch erwählt habt, scheint sich in Eurer Auffassung wiederzuspiegeln. Ich achte oder verachte das Eine wie das Andere; ich achte Eure Vergangenheit und verachte Eure Gegenwart, so daß ich weit entfernt war von einer Interpretation meiner Worte, wie Ihr sie mir unterschiebt.“

Anna seufzte und senkte das Haupt.

„Übrigens verstehe ich nicht, daß Ihr, im Besitz einer solchen Selbständigkeit, daß Ihr,“ fuhr er zornerfüllt fort, „unverhohlen Eurem Gatten von Eurer Untreue Mitteilung machen könnt und nicht einmal, wie es scheint, etwas Tadelnswertes darin findet; Ihr scheint die Erfüllung der Verpflichtungen für nachteilig zu halten, die das Weib gegen den Mann hat.“

„Aleksey Aleksandrowitsch. Was verlangt Ihr von mir?“

„Ich verlange, daß ich hier niemals jenem Menschen begegne und Ihr selbst Euch so führt, daß weder die Welt, noch mein Personal Euch einen Vorwurf machen kann; daß Ihr ihn nicht wiederseht! Mir scheint, das ist nicht viel verlangt, und zum Entgelt dafür werdet Ihr die Rechte eines ehrenhaften Weibes genießen, ohne daß ihr die Pflichten eines solchen erfüllt. Das ist es was ich Euch zu sagen hatte. Doch jetzt muß ich fort. Ich werde nicht zu Hause speisen.“

Er erhob sich und schritt nach der Thür.

Anna erhob sich gleichfalls; mit stummer Verbeugung ließ er sie zur Thür hinaus.

24

Die Nacht, welche Lewin auf dem Heuhaufen verbracht hatte, war für ihn nicht ohne Früchte gewesen. Die Ökonomie, die er betrieb, widerte ihn jetzt an und er hatte alles Interesse für dieselbe verloren.

Ungeachtet der vorzüglichen Ernte hatte es — wie ihm wenigstens schien — nie soviel Mißgeschick, soviel Reibereien zwischen ihm und den Bauern gegeben, als im gegenwärtigen Jahr, und die Ursache dieser Mißlichkeiten und Reibereien war ihm jetzt völlig klar.

Der Reiz, den er bei der Arbeit selbst empfand, die für ihn daraus hervorgehende Annäherung an die Bauern, der Neid, den er diesen gegenüber, ihrem Leben gegenüber fühlte, der Wunsch, auch zu einem solchen Leben überzugehen, welcher ihm in dieser Nacht schon nicht mehr Wunsch geblieben, sondern Absicht geworden war, deren Einzelheiten betreffs der Verwirklichung er erwogen hatte — alles dies hatte seine Anschauungen über die von ihm geleitete Wirtschaft derart verändert, daß er darin in keiner Beziehung mehr das frühere Interesse zu finden vermochte, daß er nicht umhin konnte, seine wenig freundliche Stellung den Arbeitern gegenüber zu erkennen, welche die eigentliche Grundlage für alles bildete.

Die Herden seiner veredelten Rinder, alle so wie die Pawa war, sein wohlgepflügtes Ackerland, neue Felder mit Gebüsch umsäumt, neunzig Desjatinen tiefgepflügten Düngerlandes und vieles Ähnliche — alles das war ja recht schön, wenn es nur von ihm selbst oder von ihm zusammen mit den Genossen geschaffen worden wäre, mit Leuten, die mit ihm fühlten. Aber er erkannte jetzt klar — seine Arbeit an dem Werke, welches er über Landwirtschaft schrieb, und worin er als das Hauptelement der Ökonomie den Arbeiter hinstellte, half ihm viel dabei — daß die Landwirtschaft, welche er führte, nur ein grausamer und hartnäckiger Kampf zwischen ihm und den Arbeitern war, in welchem sich auf der einen Seite, auf seiner eigenen, das beständige, angestrengte Bestreben zeigte, alles auf eine Weise zur Ausführung zu bringen, die sich nach der Berechnung als die beste erwies — auf der anderen Seite die natürliche Ordnung der Dinge.

Und in diesem Kampfe sah er, daß bei der höchsten Kraftanstrengung seinerseits, und bei dem Mangel jedes Kraftaufwands oder selbst des Bestrebens dazu auf der anderen Seite nur das erreicht wurde, daß die Wirtschaft nicht unnütz geführt, die Gerätschaften, das schöne Vieh und das Land nicht zwecklos abgenutzt wurden.

Die hierbei aufgebotene Energie ging zwar nicht vollkommen verloren, doch er mußte sich jetzt sagen, daß das Ziel dieser Energie ein unwürdiges war, wenn der leitende Gedanke seiner Landwirtschaft zu Tage kam.

Und worin bestand in Wirklichkeit jener Kampf? Er bestand auf jeden Pfennig der Einkünfte — entgegengesetzt konnte er nicht handeln, weil dies für ihn in der Energie nachlassen bedeutet und er dann nicht genug Geld gehabt hätte, seine Arbeiter zu bezahlen, sie aber strebten nur darnach, ruhig und gemächlich arbeiten zu dürfen, also so, wie sie es gewohnt waren. In seinem eigenen Interesse lag es, daß jeder Arbeiter so viel als möglich arbeitete, und dabei auch nicht vergesse, daß er nicht die Futterschwingen zerbreche, oder die Mistgabeln und die Dreschflegel; daß er daran denke, was er thue, in dem des Arbeiters hingegen, daß er mit größter Muße arbeiten könne, dabei ausruhend und, was die Hauptsache war — sorglos, ohne zu denken, und sich selbst dabei vergessend.

Auf jedem Schritte hatte Lewin das in diesem Sommer wahrgenommen. Er hatte Leute hinausgesandt, damit der Kleber nach dem Heu geschnitten werde und die schlechtesten Desjatinen, die von Gras und Wermut durchstanden waren, und zur Saat nicht gut tauchten, ausgewählt; aber man nahm dafür die besten Felder, mit der Ausrede, daß der Verwalter es so befohlen habe und tröstete ihn damit, daß das Heu ausgezeichnet werden würde. Er aber wußte nur zu gut, daß dies nur davon komme, weil sich diese besseren Felder leichter schnitten. Er hatte eine Maschine hinausgesandt, um das Heu aufschütteln zu lassen, aber man hatte dieselbe schon bei den ersten Reihen defekt gemacht, weil es dem Bauer zu langweilig gewesen war, auf dem Bocke unter den über ihm schwingenden Schaufeln zu sitzen, und ihm geantwortet: „Habt keine Angst, die Weiber werden das Heu schnell wenden.“ Die Pflugscharen erwiesen sich als untauglich geworden, weil es den Knechten nicht in den Kopf gekommen war, das Eisen hochzuheben, so daß sie, mit der Fangleine wendend, nur die Pferde abquälten und den Boden ruinierten; aber immer bat man Lewin, nur ruhig zu bleiben.

Die Pferde hatte man in die Weizenfelder gelassen, weil nicht ein einziger der Arbeiter in der Nacht hatte Wache halten wollen. Selbst auf den Befehl hin, es nicht zu thun, wechselten sich die Arbeiter die Nacht hindurch mit der Wache ab und Wanka, der den ganzen Tag gearbeitet hatte, war eingeschlafen. Er bereute nun seinen Fehltritt, sagte aber nur „macht was Ihr wollt“. —

Drei ausgezeichnete Färsen wurden vergiftet, weil man sie ohne Tränke auf das Kleberfeld gelassen hatte, und niemand wollte glauben, daß sie vom Kleber aufgetrieben worden waren, zur Beruhigung aber wurde mitgeteilt, daß bei einem Nachbar hundertundzwölf Stück Vieh innerhalb dreier Tage gefallen seien.

Alles das geschah aber nicht etwa deshalb, weil man Lewin oder seiner Ökonomie etwa übel gewollt hätte, im Gegenteil, er wußte, daß man ihn lieb hatte, ihn als einen einfachen Herrn achtete — was doch als höchstes Lob gilt, — es geschah eben nur deshalb, weil man heiter und sorglos zu arbeiten wünschte und seine Interessen den Leuten nicht nur fremd und unverständlich blieben, sondern ihren eigenen richtigsten Interessen geradezu entgegengesetzt waren. Schon lange hatte Lewin Unzufriedenheit über sein Verhältnis zu dieser Wirtschaft empfunden. Er erkannte, daß sein Fahrzeug leck geworden war, fand aber und suchte auch das Leck nicht, vielleicht um sich mit Vorsatz darüber hinwegzutäuschen. Wäre ihm doch auch nichts anderes übrig geblieben, wenn er sich dessen klar bewußt gewesen wäre. Jetzt aber konnte er sich nicht mehr täuschen; die Wirtschaft wie er sie leitete, war ihm nicht nur nicht mehr interessant, sie ekelte ihn vielmehr an, und er mochte sich nicht mehr mit ihr befassen.

Hierzu war nun das Erscheinen Kity Schtscherbazkajas gekommen, die nur dreißig Werst von ihm entfernt weilte und die er so gern wiedersehen wollte und doch nicht konnte.

Darja Aleksandrowna Oblonskaja hatte ihn eingeladen, wieder zu ihr zu kommen, als er bei ihr gewesen war; er sollte wohl hinkommen, um bei ihrer Schwester seinen Antrag zu erneuern, den sie jetzt, wie sie ihm zu verstehen gab, wahrscheinlich annehmen würde. Lewin selbst erkannte, nachdem er Kity wiedererblickt hatte, daß er nicht aufgehört habe, sie zu lieben; aber er vermochte nicht zu den Oblonskiy zu fahren, wenn er wußte, daß sie sich dort befand.

Der Umstand, daß er ihr eine Erklärung gemacht, und sie ihn zurückgewiesen hatte, zog eine unüberwindliche Schranke zwischen ihnen.

„Ich kann sie nicht mehr bitten, mein Weib zu werden, schon deshalb, weil sie nicht das Weib dessen sein kann, den sie mochte,“ sprach er zu sich selbst, und der Gedanke hieran, stimmte ihn kalt und feindselig gegen sie. „Ich werde nicht die Kraft besitzen, mit ihr zu reden ohne die Empfindung, daß ich ihr Vorwürfe machen müßte, um sie anzuschauen, ohne daß sich der Haß in mir regte, und sie selbst wird mich nur mehr hassen, wie das je der Fall sein muß. Wie sollte ich daher jetzt, auch nach dem, was nur Darja Aleksandrowna gesagt hat, zu ihr kommen können? Vermöchte ich denn zu verhehlen, daß ich weiß, was diese mir gesagt hat? Ich kann allerdings voll Großmut kommen, ihr vergeben, sie mir versöhnlich stimmen; ich stehe ja vor ihr in der Rolle des Verzeihenden, der sie seiner Liebe für wert hält. Weshalb mußte mir Darja Aleksandrowna dies auch sagen? Ich hätte Kity doch zufällig wiedersehen können, und dann würde sich alles von selbst gemacht haben; jetzt aber ist das unmöglich, ganz unmöglich.“

Darja Aleksandrowna hatte Lewin ein Billet geschickt, in welchem sie um einen Damensattel für Kity bat. „Man hat mir gesagt, Ihr besäßet einen solchen,“ schrieb sie ihm, „und ich hoffe, Ihr bringt ihn selbst?“

Er vermochte dies kaum zu ertragen. Wie konnte ein so kluges, feinsinniges Weib die eigene Schwester derartig erniedrigen? Er schrieb wohl zehn Billets, die er alle wieder zerriß, und schickte dann den Sattel ohne Antwort.

Schreiben, daß er kommen würde, konnte er nicht, weil er nicht kommen konnte; schreiben, daß er nicht kommen könnte, da er abgehalten sei oder verreisen müsse — das wäre noch schlimmer gewesen. —

Er sandte deshalb den Sattel ohne eine Antwort, allerdings im Bewußtsein, daß er damit etwas Beschämendes thue, überließ am andern Tage die ihm immer gleichgültiger werdende Ökonomie seinem Verwalter und fuhr nach einem fernergelegenen Kreis, zu einem Freunde Swijashskiy, welcher ausgezeichnete Entensümpfe besaß und ihm schon längst geschrieben hatte, endlich einmal sein Versprechen zu erfüllen und ihn zu besuchen. Die Jagdgründe im Surowskischen Kreise hatten Lewin schon lange am Herzen gelegen, aber wegen seiner landwirtschaftlichen Pflichten hatte er die Reise immer wieder aufgeschoben. Jetzt freute er sich, sowohl der Nachbarschaft der Schtscherbazkiy, als ganz besonders auch seiner Ökonomie einmal entgehen zu können, und zwar gerade der Jagd halber, die ihm in allem Leid stets der beste Trost gewesen war.

25

Nach dem Surowskischen Kreis führte keine Eisenbahn, auch keine Poststraße und Lewin fuhr daher in seinem Tarantaß.

Auf der Hälfte des Weges hielt er an, um bei einem reichen Bauern zu füttern. Ein kahlköpfiger, aber noch rüstiger Alter mit breitem fuchsigem Bart, der an den Wangen grau war, öffnete das Thor, sich an den Seitenpfosten schmiegend, um die Troika hereinfahren zu lassen.

Er wies dem Kutscher einen Platz unter einem Vordach auf dem geräumigen, sauberen, in guter Ordnung befindlichen neuen Hofe an und bat dann Lewin in die Stube. Ein sauber gekleidetes junges Weib, Schuhe an den nackten Füßen, scheuerte soeben gebückt den Boden in der neuen Hausflur. Sie erschrak vor dem Hunde, der Lewin folgte und schrie auf, lachte aber sogleich über ihren Schrecken, als sie sah, daß der Hund ihr nicht zu nahe kam. Mit dem entblößten Arme Lewin die Thür zur Stube zeigend, barg sie, sich von neuem niederbeugend, das hübsche Gesicht und fuhr fort zu scheuern.

„Soll ich den Samowar bringen?“

„Ja, bitte.“

Das Zimmer selbst war geräumig; es besaß einen holländischen Ofen und eine Scheidewand. Unter den Heiligenbildern stand ein gemusterter Tisch, eine Bank nebst zwei Stühlen; am Eingang ein Schränkchen mit Geschirr. Die Fensterläden waren geschlossen, Fliegen kaum wahrnehmbar und alles erschien so reinlich, daß Lewin zu besorgen begann, Laska, der unterwegs gelaufen war, und sich in den Pfützen gebadet hatte, möchte den Boden mit den Pfoten besudeln, und dem Hunde einen Platz in der Ecke an der Thür anwies. Nachdem sich Lewin in dem Zimmer umgesehen hatte, ging er nach dem hinteren Hofe. Das junge Weib in den Schuhen lief, die leeren Eimer an dem Schulterjoch schaukeln lassend, vor ihm her, um Wasser am Brunnen zu holen.

„Bei mir geht es hurtig!“ rief der Alte heiter, zu Lewin kommend. „Nicht wahr Herr, Ihr fahrt zu Nikolay Iwanowitsch Swijashskiy? Er kommt auch bisweilen zu mir,“ begann er gesprächig, sich auf das Geländer der Treppe stützend. Mitten in der Erzählung des Alten von seiner Bekanntschaft mit Swijashskiy kreischte das Thor und auf den Hof herein kamen Arbeiter vom Felde mit Pflugscharen und Eggen. Die Pferde, welche an die Pflüge und Eggen gespannt waren, erschienen wohlgefüttert und stattlich; die Knechte gehörten augenscheinlich zur Familie, es waren zwei junge Männer in Kattunhemden und Mützen; die beiden anderen waren Mietlinge und trugen Tuchhemden, der eine war schon bejahrt, der andere noch jung.

Die Freitreppe verlassend, begab sich der Alte zu den Pferden und machte sich daran sie auszuspannen.

„Was habt Ihr denn geackert?“ frug Lewin.

„Kartoffeln gepflügt. Wir haben unser eigenes Land. Du Tjodot, laß den Wallach nicht los, bringe ihn an den Brunnen, wir wollen einen anderen einspannen.“

„Vater, ich habe angeordnet, die Pflugeisen zu nehmen; hast du welche mitgebracht?“ frug der an Wuchs größere der beiden Burschen, augenscheinlich ein Sohn des Alten.

„Im Schlitten,“ antwortete dieser, die im Kreis zusammengenommenen Zügel auf die Erde niederwerfend. „Du kannst sie anbringen, während zu Mittag gegessen wird.“

Das freundliche junge Weib ging mit den gefüllten, ihr die Schultern niederziehenden Eimern wieder in den Flur, noch einige Weiber, junge hübsche, mittleren Alters, und alte und häßliche, mit und ohne Kinder, erschienen jetzt.

Der Samowar sang lustig; das Gesinde und die Familienmitglieder, welche die Pferde eingestellt hatten, kamen zur Mittagsmahlzeit. Lewin holte aus dem Wagen seinen Mundvorrat und lud den Alten ein, mit ihm zusammen Thee zu trinken.

„Ach, wir haben ja heute schon getrunken,“ erwiderte der Alte, augenscheinlich die Einladung mit Vergnügen aufnehmend, „aber zur Gesellschaft.“

Beim Thee erfuhr Lewin die ganze Geschichte der Ökonomie des Alten. Derselbe hatte vor zehn Jahren von seiner Gutsherrin hundertundzwanzig Desjatinen Land gepachtet, im vergangenen Jahre dasselbe erkauft und weitere dreihundert von einem benachbarten Gutsbesitzer gepachtet. Einen kleinen Teil des Landes, den schlechtesten, hatte er selbst wieder verpachtet, während er einige vierzig Desjatinen Feldes mit seiner Familie und zwei gemieteten Knechten selbst bebaute.

Der Alte klagte, daß die Geschäfte schlecht gingen, aber Lewin verstand, daß er sich nur nach dem üblichen Tone beschwerte, und seine Ökonomie in voller Blüte stand. Hätte sie schlecht gestanden, dann würde er nicht Ackerboden zu hundertundfünf Rubeln gekauft, nicht drei Söhnen und einem Neffen Frauen gegeben, sich nicht nach zwei überstandenen Feuersbrünsten immer besser und besser entwickelt haben.

Ungeachtet der Klage des Alten war es offenbar, daß er einen berechtigten Stolz auf seinen Wohlstand, auf seine Söhne, Neffen, seine Schwiegertöchter, Pferde und Kühe und besonders darauf hegte, daß dieses ganze Hauswesen so gut stand.

Aus dem Gespräch mit dem Alten erfuhr Lewin, daß auch dieser sich Neuerungen gegenüber nicht ablehnend verhielt. Er baute viel Kartoffeln und seine Kartoffeln, welche Lewin bei der Ankunft gesehen hatte, hatten schon abgeblüht, während die Lewins erst zu blühen begannen.

Er hatte die Kartoffeln mit „der Pflüge“ gepflügt, wie er den Pflug nannte, den er beim Gutsbesitzer gekauft hatte und Weizen gesät. Die unbedeutende Kleinigkeit, daß der Alte, den Roggen jätend, mit dem Gejäteten die Pferde füttere, setzte Lewin ganz besonders in Erstaunen. Wie oft hatte er selbst, indem er sah, wie das schöne Kraftfutter verkam, es aufsammeln lassen wollen, aber stets hatte es sich als unmöglich erwiesen. Dieser Bauer hier that es, und konnte das Futter nicht genug loben.

„Was sollten sonst die Weiber machen? Sie tragen die Haufen an den Weg und der Wagen fährt sie herein!“

„Bei uns Gutsbesitzern geht freilich alles schlecht, mit den Knechten,“ sagte Lewin, dem Alten ein Glas Thee reichend.

„Danke,“ sagte derselbe, nahm das Glas, wies aber den Zucker von sich, indem er auf ein liegengebliebenes von ihm angebissenes Stück zeigte. „Wie soll man mit den Arbeitern verfahren? Es kommt alles auf dieselbe Mißwirtschaft heraus. Da ist der Swijashskiy. Wir kennen sein Land; es ist ausgezeichnet — und doch brüstet er sich mit seiner Ernte nicht. Das kommt eben alles von der unrichtigen Behandlung.“

„Aber du wirtschaftest doch auch mit Gesinde?“

„Wir führen nur Bauernwirtschaft, und bekümmern uns um alles selbst. Ist ein Arbeiter schlecht, so wird er fortgejagt.“

„Batjuschka, Phinogen hat gesagt, ich soll Euch des Teers halber holen,“ sagte die Frau, mit den Schuhen an den Füßen, welche wieder eintrat.

„So ist es Herr!“ antwortete der Alte aufstehend, bekreuzte sich mehrmals und dankte Lewin, worauf er hinausging.

Als Lewin in die Gesindestube kam, um seinen Kutscher zu rufen, erblickte er die ganze Bauernfamilie bei Tische. Die Weiber bedienten im Stehen. Ein jüngerer, blühend aussehender Sohn, mit vollen Backen seinen Brei kauend, mochte soeben etwas Lustiges erzählt haben, denn alle lachten, und besonders lustig lachte das Weib in den Schuhen, indem es Schtschi in eine Tasse goß.

Mochte es sein, daß das freundliche Gesicht der Bäuerin in den Schuhen besonders viel zu jenem Eindruck der Behaglichkeit beitrug, den dieses Bauernheim auf Lewin machte, der Eindruck war jedenfalls ein so tiefer, daß sich dieser nicht von ihm loszumachen vermochte. Auf dem ganzen Wege von dem Alten aus bis zu Swijashskiy kam ihm immer wieder die Erinnerung an jenen Hausstand, gerade als ob etwas in demselben seine besondere Beachtung erforderte.

26

Swijashskiy war Kreisrichter in seinem Kreis, fünf Jahre älter, als Lewin und schon lange verheiratet. In seinem Hause lebte eine junge Schwägerin, ein junges Mädchen, welches Lewin sehr sympathisch war. Dieser wußte, daß Swijashskiy und dessen Frau das junge Mädchen gar zu gern an ihn verheiratet hätten, er wußte es zweifellos sicher, wie dies gewöhnlich junge Männer wissen, die heiratsfähig genannt werden, obwohl sich noch niemand entschlossen hat, dies zu äußern. Er wußte aber auch, daß er sie, obwohl er heiraten wollte, und allem Anscheine nach das junge, sehr anziehende Mädchen eine vorzügliche Hausfrau werden mußte, ebensowenig ehelichen würde, — selbst, wenn er nicht in Kity Schtscherbazkaja verliebt gewesen wäre, — als man zum Himmel hinauffliegen kann. Diese Erkenntnis verbitterte ihm das Vergnügen, welches er von seinem Besuch bei Swijashskiy zu haben hoffte.

Als Lewin den Brief desselben mit der Einladung zur Jagd erhalten hatte, fiel ihm dies sogleich wieder ein, aber nichtsdestoweniger urteilte er so, daß alle Absichten Swijashskiys auf ihn doch wohl nur auf einer durch nichts begründeten eigenen Mutmaßung beruhten, und er also immerhin zu ihm fahren könne. Überdies jedoch empfand er auf dem Grund seiner Seele ein Gelüst, sich wiederum einmal zu prüfen, sich wieder an diesem jungen Mädchen zu erproben.

Das häusliche Leben der Swijashskiy war ein im höchsten Grade angenehmes; Swijashskiy selbst, der reinste Typus eines Landmanns, den Lewin nur kannte, war für diesen stets außerordentlich interessant.

Swijashskiy war einer von jenen Menschen, die für Lewin ewig wunderbar blieben, deren Urteil zwar sehr logisch, nie aber selbständig war und seinen eigenen Weg ging, während ihr Leben, außerordentlich bestimmt und fest in seiner Richtung, ebenfalls seinen eigenen Weg ging, vollständig unabhängig und fast stets im Widerspruch mit dem Denken.

Swijashskiy war ein außerordentlich liberaldenkender Mensch. Er blickte auf den Adel herab und hielt die Mehrheit desselben auch nur für geheime, von der Knechtschaft nicht lange erst losgekommene Leibeigene. Er hielt Rußland für ein verlorenes Reich nach Art der Türkei und die Regierung des Landes für so schlecht, daß er sich niemals dazu herbeiließ, ihre Maßnahmen auch nur ernst zu prüfen. Gleichzeitig aber diente er amtlich als ein mustergültiger adliger Beamter und setzte unterwegs stets die Mütze mit der Kokarde und dem roten Streif auf.

Er meinte, daß ein menschenwürdiges Dasein nur im Auslande möglich sei, wohin er auch bei jeder Gelegenheit die sich bot, reiste, betrieb aber nichtsdestoweniger in Rußland eine sehr umfangreiche und vervollkommnete Ökonomie. Mit außerordentlichem Interesse verfolgte er alles, und wußte alles, was in Rußland geschah. Den russischen Bauern hielt er für ein Wesen, welches in seiner Entwickelung auf dem Übergangsstadium vom Affen zum Menschen stand, nichtsdestoweniger aber drückte er bei den Kreiswahlen lieber als jedem anderen den Bauern die Hand und hörte ihre Meinungen an. Er glaubte weder an Tod noch an Leben, war aber dennoch sehr besorgt in der Frage der Verbesserung der Lage der Geistlichkeit, und der Verkürzung ihrer Einkünfte, wobei er namentlich die Kirche in seinem Dorfe im Auge hatte.

In der Frauenfrage stand er auf seiten derjenigen, welche die volle Freiheit des Weibes und insbesondere deren Recht auf die Arbeit vertraten, aber er lebte mit seiner Gattin so, daß jedermann ihr gemütvolles, kinderloses Familienleben lieb gewann; und er hatte das Leben seiner Frau so gestaltet, daß sie nichts weiter that, nichts thun konnte, als mit ihrem Manne gemeinsam die Sorge zu teilen, wie sie am besten und angenehmsten die Zeit zubrächten.

Hätte Lewin nicht die Eigenschaft besessen, sich die Menschen nach ihrer besten Seite zu erklären, so würde der Charakter Swijashskiys für ihn keine Schwierigkeiten und keine Fragen offen gelassen haben, er würde sich betreffs derselben einfach gesagt haben: „Er ist entweder ein Narr oder ein Lump“ und alles wäre ihm klar gewesen.

Aber er vermochte ihn nicht einen Narren zu nennen, weil Swijashskiy ohne Zweifel nicht nur sehr klug, sondern auch sehr gebildet war und diese Bildung in einer ungewöhnlich natürlichen Weise zur Schau trug.

Es gab nichts, was er nicht kannte, aber er zeigte seine Kenntnis nur dann, wenn er dazu genötigt war. Noch weniger hätte Lewin sagen können, daß er ein Lump sei, weil Swijashskiy ohne Zweifel ein ehrenhafter, guter, verständiger Mann war, welcher heiter und lebenslustig beständig in der Ausübung eines Berufes stand, der von seiner gesamten Umgebung hoch geschätzt wurde, und weil er wahrscheinlich noch niemals bewußt etwas Schlechtes gethan hatte oder hätte thun können.

Lewin bemühte sich, ihn zu verstehen, ohne es dahin zu bringen, und immer wieder schaute er auf ihn und sein Leben, wie auf ein lebendes Rätsel.

Beide Gatten waren befreundet mit Lewin, und dieser hatte sich daher gestattet, Swijashskiy zu prüfen, seine Lebensanschauung bis auf den Grund zu erforschen, allein stets war sein Bemühen vergeblich gewesen. Stets wenn Lewin versuchte, tiefer in die entfernter liegenden Räume des geistigen Bereichs Swijashskiys einzudringen, bemerkte er, daß dieser in eine leichte Verwirrung geriet; ein kaum bemerkbarer Schrecken drückte sich in seinem Blicke aus, gleichsam als ob er fürchtete, Lewin möchte ihn fassen — und er führte in gutmütiger und launiger Weise einen Gegenschlag.

Jetzt, nach seiner Ernüchterung in Sachen der Landwirtschaft, war Lewin ein Besuch bei Swijashskiy ganz besonders willkommen. Nicht nur, daß ihn der Anblick dieses glücklichen, mit sich selbst und allen zufriedenen liebenden Taubenpaares, und ihres wohlgegründeten Nestes in freundlichere Stimmung versetzte, verlangte es ihn, der sich von seinem eigenen Dasein so unbefriedigt fühlte, jetzt auch in Swijashskiy jenes Geheimnis zu ergründen, welches diesem solche Klarheit, Bestimmtheit und Lebenslust verlieh.

Dann aber wußte Lewin auch, daß er bei Swijashskiy benachbarte Gutsbesitzer sehen würde, und es interessierte ihn nun ganz besonders, von der Landwirtschaft zu erfahren und die Gespräche über die Ernte, das Dingen der Feldarbeiter und dergleichen hören zu können, welche ihm, wenn er auch wußte, daß man dies in gewissem Sinne als simpel bezeichnete, jetzt am allerwichtigsten schienen.

„Dies war ja vielleicht nicht nötig unter der Herrschaft des Leibeigenschaftsgesetzes, ist meinetwegen nicht von Bedeutung für England. Für beide Fälle wären Grundgesetze vorhanden; aber jetzt, wo in Rußland alles sich umwälzte, und eben erst zur Ordnung kam, zeigte sich die Frage, wie man mit diesen Grundgesetzen nun auskommen solle, als die einzig wichtige hier,“ dachte Lewin.

Die Jagd zeigte sich schlechter, als Lewin erwartet hatte. Die Sümpfe waren ausgetrocknet und Vögel waren gar nicht da. Er strich einen ganzen Tag im Walde und brachte nur drei Stück, dafür aber, wie gewöhnlich von der Jagd, eine ausgezeichnete Eßlust, gute Laune und jenen Zustand geistiger Frische mit, von welchem bei ihm jede starke körperliche Bewegung begleitet war.

Auf der Jagd, während er, wie es schien eigentlich an nichts dachte, fiel ihm gleichwohl jener Alte mit seiner Familie wieder ein, und der empfangene Eindruck forderte von ihm nicht nur Aufmerksamkeit, sondern vielmehr die Ausscheidung von etwas Unbestimmten, das damit verbunden war.

Am Abend beim Thee entwickelte sich in der Gegenwart zweier Gutsbesitzer, welche in Vormundschaftsgeschäften gekommen waren, das hochinteressante Gespräch, welches Lewin erwartet hatte.

Dieser saß neben der Hausfrau am Theetisch und mußte mit derselben und mit der jungen Schwägerin, welche ihm gegenüber saß, der Unterhaltung pflegen.

Die Hausfrau war ein Weib mit rundem Gesicht, blond und nicht groß; sie erglänzte förmlich mit ihrem Lächeln und ihren Grübchen. Lewin bemühte sich, durch sie die Lösung des ihm so wichtigen Rätsels zu erfahren, das ihr Gatte für ihn bildete; aber er hatte nicht die volle Freiheit seiner Gedanken, weil er sich in einer für ihn qualvoll peinlichen Situation befand. Qualvoll peinlich war sie ihm, weil ihm gegenüber die junge Schwägerin in einer eigens für ihn, wie ihm schien, angelegten Robe saß, mit einem eigenartigen, in Gestalt eines länglichen Vierecks angebrachten Ausschnitt auf der weißen Büste. Dieser viereckige Ausschnitt war es, der abgesehen davon, daß die Brust schneeweiß war — oder gerade eben deswegen, weil sie es war, — Lewin die Freiheit des Denkens raubte.

Er stellte sich vor — wahrscheinlich fälschlich — dieser Ausschnitt da könnte eigens für ihn gemacht sein und hielt sich nicht für berechtigt darauf zu blicken, bemühte sich vielmehr, ihn nicht zu sehen. Er fühlte aber, daß er schon damit sich etwas vorzuwerfen habe, daß der Ausschnitt überhaupt gemacht worden war.

Lewin schien, als täusche er jemand, als müsse er etwas erklären, aber als ginge diese Erklärung nicht gut an, und so kam es, daß er beständig errötete, in Unruhe war und sich in Verlegenheit befand. Seine Verlegenheit aber teilte sich auch der hübschen jungen Schwägerin mit. Die Hausfrau indessen schien das gar nicht zu bemerken, indem sie die Schwägerin absichtlich mit ins Gespräch zog.

„Ihr sagt,“ fuhr die Hausfrau in der begonnenen Unterhaltung fort, „daß meinen Mann alles was russisch ist, nicht interessierte. Im Gegenteil, er befindet sich zwar recht wohl im Auslande, aber nirgends doch so, wie hier. Hier erst fühlt er sich ganz in seiner Sphäre. Er hat soviel zu thun und besitzt die Fähigkeit, sich für alles zu interessieren. Ach, waret Ihr noch nicht in unserer Schule?“

„Ich habe sie gesehen. Das Haus ist von Epheu umrankt?“

„Das ist Nastasjas Werk,“ antwortete die Hausfrau, auf ihre Schwester weisend.

„Unterrichtet Ihr selbst?“ frug Lewin, sich bemühend, an dem viereckigen Ausschnitt vorbeizusehen, und dabei fühlend, daß er, wohin er in dieser Richtung auch blickte, den Ausschnitt sehen müsse.

„Ja, ich habe selbst unterrichtet und unterrichte noch, wir haben aber auch eine gute Lehrerin. Selbst das Turnen wird geübt.“

— „Danke; keinen Thee weiter,“ — sagte Lewin, und fühlte, daß er damit eine Unhöflichkeit beging; nicht mehr imstande, die Unterhaltung noch weiterzuführen, erhob er sich errötend. „Ich höre da ein sehr anziehendes Gespräch,“ fuhr er fort und trat an das andere Ende des Tisches, an welchem der Hausherr mit den beiden Gutsbesitzern saß.

Swijashskiy saß mit der Seite am Tische, mit der einen aufgestemmten Hand die Tasse führend, mit der anderen seinen Bart in die Hand nehmend, um ihn bis an die Nase zu heben und dann wieder herabzulassen, als ob er daran riechen wollte. Mit seinen blitzenden schwarzen Augen schaute er gerade den einen der Gutsbesitzer, ein Mann mit grauem Schnurrbart, an, welcher in Erregung geraten war, und fand augenscheinlich Belustigung an dessen Rede.

Der Gutsbesitzer beklagte sich über das Volk, und Lewin war es klar, daß Swijashskiy eine Antwort auf diese Klage wisse, die mit einem Schlag den Sinn der ganzen Rede illusorisch machte, daß er aber nur in seiner Situation diese Erwiderung nicht äußern könne und nun nicht ohne Vergnügen den komischen Vortrag des Gutsbesitzers anhören müsse.

Dieser, der Mann im grauen Schnurrbart, war offenbar ein eingefleischter Vertreter der Leibeigenschaft; er war auf dem Dorfe alt geworden und ein leidenschaftlicher Dorfregent. Die Anzeichen hierfür erblickte Lewin schon an seinem Anzug, der nach alter Mode gearbeitet war, in dem abgeschabten Überrock, in welchem er sich augenscheinlich nicht behaglich fühlte, und in seinen klugen, zusammengekniffenen Augen, in seiner glatten russischen Rede, in dem selbstbewußten, augenscheinlich durch lange Gewohnheit befehlerisch gewordenen Tone und den energischen Bewegungen seiner großen, geröteten und gebräunten Hände, an denen ein alter Trauring steckte.

27

„Wenn es mir nur nicht leid thäte, das zu verlassen, was ich habe — es steckt zu viel Arbeit darin — verkaufen und dann fortreisen, wie Nikolay Iwanowitsch, um die ‚schöne Helena‘ zu hören,“ sagte der Gutsbesitzer mit einem Lächeln, welches sein kluges greises Gesicht angenehm erhellte.

„Aber Ihr laßt es ja doch nicht im Stich,“ antwortete Swijashskiy, müßt also doch wohl wissen, warum!“

„Meine Absicht ist nur die, zu Hause wohnen zu bleiben, ohne etwas kaufen oder pachten zu lassen! Da hofft man immer, daß das Volk zur Erkenntnis kommen soll. Aber glaubt mir — es ist in ihm nur eitel Trunksucht und Ausschweifung. Alles ist dahin, kein Bauer hat mehr ein Pferd oder eine Kuh! Alles verhungert und gleichwohl — dingt Ihr Euch Knechte, so bringen sie Euch Schaden und obenein kriegt man es noch mit dem Friedensrichter zu thun!“

„Und dafür beklagt Ihr Euch auch noch über den Friedensrichter?“ frug Swijashskiy.

„Ich mich beklagen? Um keinen Preis der Welt! Es gehen ja wohl Gerüchte um, daß er einen Tadel nicht eben gern sieht. So zum Beispiel in meiner Brennerei! Da nahmen Leute Handgeld, und ich soll sie heute noch wiederkommen sehen! Was that nun der Friedensrichter? Er rechtfertigte sie. Er hält sich nur an das Kreisgericht und den Ältesten, und das Kreisgericht spricht ihn nach altem Herkommen von einer Verantwortung frei. Wäre es aber auch nicht so — nun, dann gäbe ich dennoch am Liebsten alles auf und ginge bis ans Ende der Welt.“

Der Gutsbesitzer wollte offenbar Swijashskiy necken, dieser aber geriet nicht nur nicht in Erregung, sondern schien vielmehr sein Ergötzen daran zu haben.

„Wir führen unsere Wirtschaft ohne diese Maßnahmen, ich, Lewin und der Herr da,“ antwortete er dann lächelnd, auf den anderen Gutsbesitzer weisend.

„Ja, bei Michail Petrowitsch geht es schon, aber fragt nur, wie! Ist denn das ein rationelles Wirtschaften?“ sagte der Gutsbesitzer, sichtlich mit dem Ausdruck „rationell“ kokettierend.

„Meine Wirtschaft ist einfach,“ sagte Michail Petrowitsch, „Gott sei Dank. Meine Wirtschaft bemüht sich nur, daß zu den Steuern im Herbste das Geld daliegt. Kommen ja Bauern und sagen: Batjuschka, Vater, gieb uns Frist zur Zahlung! Nun die Bauern sind dann auch meine Nebenmenschen, und sie jammern einen. Ich lasse ihnen das erste Drittel nach und sage, ‚Kinder, denkt daran, ich habe Euch geholfen, nun helft auch mir, wenn ich Euch brauche.‘ Da kommt nun der Haferschnitt, die Heuernte, die Kornernte und man macht aus, wie viel sie nach ihrer Zinsschuld dabei zu arbeiten haben. Aber freilich giebt es auch Gewissenlose unter ihnen.“

Lewin, der diese patriarchalischen Gepflogenheiten längst kannte, wechselte mit Swijashskiy einen Blick und fiel Michail Petrowitsch ins Wort, indem er sich wiederum an den Gutsbesitzer mit dem grauen Schnurrbart wandte.

„Aber wie glaubt Ihr denn,“ frug er, „daß eine Ökonomie jetzt bewirtschaftet werden müsse?“

„Sie muß so geführt werden, wie es Michail Petrowitsch thut; entweder um die Hälfte losschlagen oder den Bauern leihen, das ginge eben noch — aber freilich wird dadurch der allgemeine Wohlstand des Adels vernichtet. Während mein Land unter der Arbeit der Leibeigenen und durch gute Wirtschaft das Neunfache trug, bringt es jetzt nur das Dreifache. Die Emancipation hat Rußland zu Grunde gerichtet!“

Swijashskiy blickte mit lachenden Augen auf Lewin, er machte diesem sogar ein kaum merkliches Zeichen des Spottes; aber Lewin fand diese Worte des Gutsbesitzers nicht lächerlich; er verstand sie besser, als er Swijashskiy begriff. Vieles von dem, was der Gutsbesitzer noch weiter sprach, in der Darlegung, weshalb Rußland durch die Emancipation der Bauern ruiniert sei, erschien ihm sogar sehr wahr, und ihm selbst neu und unwiderleglich.

Der Gutsbesitzer sprach augenscheinlich nur seinen eigenen Gedanken aus — was ja so selten vorkommt — und es war ein Gedanke, auf den er nicht in dem Wunsche, sein müßiges Hirn zu beschäftigen geführt worden war, sondern ein solcher, der ihm aus den Verhältnissen seines Lebens, das er in ländlicher Einsamkeit hingebracht hatte, erwachsen und nach allen Seiten hin überdacht worden war.

„Es handelt sich, wenn Ihr gefälligst Einsicht nehmen wollt, darum, daß jeglicher Fortschritt sich nur durch die Gewalt vollzieht,“ sagte er, offenbar im Wunsche zu zeigen, daß er Bildung besitze. „Nehmt die Reformen eines Peter, einer Katharina, Aleksanders; nehmt die Geschichte Europas her! Hier ist der Fortschritt im Bauernstande nur um so bedeutender! Um allein von der Kartoffel zu reden — selbst die hat mit Gewalt bei uns eingeführt werden müssen! Hat man doch selbst mit dem Pfluge auch nicht immer gepflügt! Man hat ihn auch erst eingeführt, vielleicht zur Zeit der Lehnfürstentümer, aber jedenfalls mit Gewalt! Einst, zu unserer Zeit, haben wir Grundbesitzer unter dem Leibeigenschaftsgesetz unsere Wirtschaft mit Vervollkommnungen geführt, mit allen möglichen Gerätschaften, aber alles das hatten wir durch unsere Kraft eingebürgert, die Bauern waren anfangs dagegen, dann erst begannen sie, uns nachzuahmen! Jetzt, nachdem das Leibeigenschaftsgesetz beseitigt ist, hat man uns diese Macht benommen, und unsere Wirtschaft, die auf einen hohen Standpunkt gehoben worden war, muß wieder bis auf das wildeste Urzeitverhältnis zurücksinken. So fasse ich es auf!“

„Wozu so. Wenn es rationell ist, so könnt Ihr doch durch Verpachten weiter wirtschaften,“ bemerkte Swijashskiy.

„Wir haben ja keine Macht mehr dazu. Mit wem sollen wir denn arbeiten, bitte ich Euch?“

„Nun, wir haben ja die Arbeitskraft — das hauptsächlichste Element der Ökonomie,“ dachte Lewin.

„Mit Arbeitern.“

„Die Arbeiter wollen nicht gut arbeiten, oder mit guten Gerätschaften hantieren. Unser Arbeiter versteht nur eines — sich zu berauschen wie das liebe Vieh, und im Rausche alles zu ruinieren, was man ihm in die Hände giebt. Die Pferde vergiftet er, das gute Zaumzeug zerreißt er, die Maschinen macht er defekt. Er ärgert sich über alles, was nicht nach seinem Kopfe ist. Daher kommt es, daß der ganze Stand der Landwirtschaft zurückgegangen ist. Das Land liegt öde, ist mit Unkraut überwuchert oder unter die Bauern verteilt, und dort, wo man Millionen von Tschetwert produziert hat, produziert man heute nur noch nach hunderttausenden. Der allgemeine Wohlstand ist vermindert. Hätte man mit Überlegung das gethan, daß“ —

Er begann nun seinen Plan der Befreiung zu entwickeln, nach welchem alle diese Übelstände vermieden werden könnten.

Lewin interessierte dies nicht, als jener indessen geendet hatte, kam er auf seinen ersten Standpunkt zurück und sagte zu Swijashskiy gewendet und sich bemühend, diesen zur Äußerung seiner eigentlichen Meinung zu veranlassen:

„Daß der Stand der Landwirtschaft zurückgegangen ist, und daß bei unseren Beziehungen zu den Arbeitern keine Möglichkeit, erfolgreich eine rationelle Ökonomie zu betreiben vorhanden ist — ist vollständig richtig,“ sprach er.

„Das finde ich nicht,“ erwiderte Swijashskiy ziemlich ernst, „ich sehe nur das Eine, daß wir die Ökonomie nicht zu treiben verstehen, und daß, im Gegenteil, die Landwirtschaft, die wir unter dem Leibeigenschaftsgesetz betrieben haben, nicht gerade zu hoch entwickelt war, sondern vielmehr zu niedrig stand. Wir hatten da keine Maschinen, kein gutes Arbeitsvieh, keine eigentliche Methode und verstehen nicht zu rechnen. Fragt einmal den Landbesitzer; er wird nicht wissen, was für ihn von Vorteil oder Nachteil ist!“

„Nun, die italienische Buchführung,“ sagte der eine Gutsbesitzer sarkastisch. „Da giebt es keinen Gewinn, soviel man auch rechnen mag, denn man verdirbt ja alles!“

„Warum alles verderben? Wenn man Euch Eure alten russischen Geräte zerbricht, so kann man meine neuen Dampfmaschinen nicht zerbrechen. Euer Rennpferd von toskanischem Blut, das kann man Euch wohl verderben, aber führt nur ehrliche kräftige Landpferde ein, die werden sie Euch nicht zu Schanden richten. So ist es mit allem! Ihr wollt die Ökonomie eben höher bringen, als notwendig ist.“

„Das ließe sich ja hören, Nikolay Iwanowitsch; Ihr habt gut reden, aber wenn ich nun einen Sohn auf der Universität zu erhalten habe, kleinere Kinder auf dem Gymnasium erziehen lasse — da kann ich doch keine Rassepferde kaufen.“

„Nun, da giebt es ja doch Banken.“

„Um auch das Letzte unter den Hammer kommen zu lassen? Nein, ich danke.“

„Ich kann nicht zugeben, daß es nötig oder möglich wäre, den Stand der Ökonomie noch mehr zu erhöhen,“ ergriff Lewin das Wort. „Ich beschäftige mich damit, und habe die Mittel dazu, aber ich habe nichts auszurichten vermocht, und die Banken, — ich weiß nicht, wozu die nützen sollen. Ich wenigstens habe — wofür ich auch immer Geld in der Ökonomie verausgabte — nur mit Mißerfolg gearbeitet; bezüglich des Viehs mit Mißerfolg, wie bezüglich der Maschinen.“

„Das ist ganz richtig,“ bestätigte der Gutsherr im grauen Bart, voll Genugthuung lächelnd.

„Ich stehe hierin auch nicht allein,“ fuhr Lewin fort, „sondern befinde mich dabei im Einklang mit allen Gutsbesitzern, die rationell wirtschaften; alle diese, mit wenigen Ausnahmen, arbeiten mit Verlusten. Nun, Ihr aber sagt uns jetzt, was Eure Ökonomie macht. Ist sie gewinnbringend?“ frug Lewin und bemerkte im selben Moment, im Blicke Swijashskiys wieder jenen huschenden Ausdruck des Erschreckens, den er schon gewahrt hatte, als er tiefer in die verborgenen Falten des Geistes von Swijashskiy einzudringen gewünscht hatte.

Die Frage war von seiten Lewins nicht völlig mit gutem Gewissen gestellt worden. Die Hausfrau hatte ihm soeben beim Thee erzählt, daß man jetzt im Sommer einen Deutschen von Moskau eingeladen hatte, welcher Kenner der Buchführung war und für den Preis von fünfhundert Rubel ihnen die Wirtschaftsführung revidierte; derselbe hatte gefunden, daß die Ökonomie mit dreitausend und einigen Rubeln Verlust arbeite. Sie wußte es nicht ganz genau, aber der Deutsche schien die Sache bis zur Viertelkopeke ausgerechnet zu haben.

Der eine Gutsherr hatte bei der Erwähnung des Nutzertrags in der Wirtschaft Swijashskiys gelächelt, offenbar weil er wußte, wie hoch sich der Gewinn seines Nachbars und Kreisoberhauptes belaufen könne.

„Möglich schon, daß sie nicht ergiebig ist,“ versetzte Swijashskiy. „Dies beweist aber nur, daß ich entweder ein schlechter Ökonom bin, oder mein Kapital zur Erhöhung meiner Rente aufwende.“

„Ach, die Rente,“ rief Lewin voll Schrecken. „Es mag eine Rente in Europa geben, wo das Land infolge der auf dasselbe verwendeten Arbeit besser geworden ist, bei uns aber wird alles Land von der darauf verwendeten Arbeit nur noch schlechter, das heißt, man entkräftet es und es erzielt daher keine Rente.“

„Inwiefern nicht? Haben doch ein Gesetz dafür?“

„Dann stehen wir außerhalb dieses Gesetzes. Eine Rente schafft für uns keine Abklärung, sondern nur noch mehr Verwirrung. Aber sagt uns doch dann wenigstens, wie die Theorie der Rentenwirtschaft vielleicht“ —

„Wünscht Ihr Molken? Mascha, bringe uns doch Molken oder Himbeeren hierher,“ wandte sich Swijashskiy plötzlich an seine Frau. „Die Himbeere steht heuer außerordentlich lange.“

In heiterster Laune erhob sich Swijashskiy und schritt selbst hinaus, offenbar in der Annahme, daß das Gespräch abgebrochen sei, und zwar gerade hier, wo es Lewin erst beginnen zu wollen schien.

Da letzterer somit seines Gegenübers verlustig gegangen war, führte er die Unterhaltung mit dem Gutsherren fort, indem er sich bemühte, diesem zu beweisen, die gesamte Schwierigkeit erwachse daraus, daß man nicht die Eigenschaften und Gepflogenheiten der Arbeitenden erkennen wolle; der Gutsbesitzer war indessen, wie fast alle selbständig und unabhängig denkenden Menschen, schwer empfänglich für die Annahme einer fremden Meinung, und blieb seiner eigenen mit leidenschaftlicher Überzeugung getreu.

Er verblieb beharrlich dabei, daß der russische Bauer ein Vieh sei und das Viehische liebte, daß, um ihn dieser traurigen Lage zu entreißen, Gewalt nötig sei, und, wenn diese nicht, der Stock, während die Welt gleichwohl so liberal geworden sei, daß man die tausendjährige Rute plötzlich mit Advokaten und Haftstrafen vertauscht habe, bei denen man die unnützen stinkenden Bauern noch mit guter Suppe füttere und ihnen die Luft nach Kubikfuß berechne.

„Weshalb glaubt Ihr,“ fuhr Lewin fort, sich bemühend, auf seine Frage zu kommen, „daß es unmöglich sei, eine Beziehung zur Arbeitskraft zu finden, mit deren Hilfe die Arbeit nutzbringend würde?“

„Dies wird beim russischen Volke niemals der Fall sein. Es giebt keine Autorität mehr!“ versetzte der Gutsherr.

„Aber dann können doch neue Bedingungen gefunden werden?“ sagte jetzt Swijashskiy, der Molken gegessen hatte und eine Cigarette rauchend, soeben zu den Disputierenden zurückkehrte. „Sämtliche mögliche Beziehungen zur Arbeitskraft sind schon bestimmt und geprüft worden,“ sagte er, „der Rest von alter Barbarei bricht von selbst in sich zusammen, die Leibeigenschaft ist aufgehoben, und so bleibt denn nur die freie Arbeit noch, deren Formen bestimmt und fertig sind, so daß sie nur angenommen zu werden brauchen. Arbeiter, Tagelöhner und Pächter — aus dem werdet Ihr nicht herauskommen.“

„Aber Europa ist unzufrieden mit diesen Formen.“

„Es ist unzufrieden und sucht neue, und es wird solche wahrscheinlich auch finden.“

„Ich spreche nur davon,“ bemerkte Lewin, „weshalb wir dieselben nicht unsererseits suchen können?“

„Weil dies ebenso wäre, als wenn wir aufs neue Methoden für den Bau von Eisenbahnen erfinden wollten. Sie sind eben schon fertig und ausgedacht.“

„Und wie, wenn sie uns nicht anstünden, wenn sie unbeholfen wären?“ Er bemerkte wiederum jenen Ausdruck des Erschreckens in den Augen Swijashskiys.

„Ja, dieses bekannte ‚wir könnten es schon gefunden haben, was Europa noch sucht!‘ Ich kenne es schon, doch entschuldigt, kennt Ihr denn alles, was in Europa bezüglich der Arbeiterfrage gethan worden ist?“

„Nein, nur wenig.“

„Diese Frage beschäftigt jetzt die ersten Geister Europas. Es ist die Richtung Schultze-Delitzschs. Dann haben wir die ganze ungeheure Litteratur der Arbeiterfrage, der liberalsten Richtung Lassalles; Mühlhausens Projekt ist bereits eine Thatsache, kennt Ihr es schon?“

„Einen Begriff habe ich davon, doch nur einen dunkeln.“

„O, Ihr wollt doch nur sagen, daß Ihr alles das nicht weniger genau kennt, wie ich. Allerdings bin ich nicht Professor der Nationalökonomie, aber der Gegenstand hat mich interessiert, und wahrhaftig, falls er Euch interessieren sollte — beschäftigt Euch nur damit!“

„Und wohin sind jene Männer gelangt?“ —

— „Entschuldigung!“ —

Die Gutsbesitzer hatten sich zum Aufbruch erhoben und Swijashskiy, Lewin wiederum mit dessen unangenehmer Gewohnheit zu erkunden, was sich in den verstecktesten Winkeln seines Geisteslebens verberge, sitzen lassend, ging, um seine Gäste hinauszubegleiten.

28

Es war Lewin an diesem Abend unerträglich langweilig geworden in der Gesellschaft der Damen. Wie nie zuvor, regte ihn der Gedanke auf, daß jene Unzufriedenheit mit der Ökonomie, die er jetzt empfand, nicht ausschließlich ihn in seiner Lage beherrsche, sondern einer allgemeinen Situation entspringe, in welcher sich Rußland befinde, daß die Schaffung einer gewissen Bestimmung für die Arbeiter nicht mehr eine Idee bleibe, sondern eine Aufgabe werde, welche unbedingt zu lösen sei. Ihm schien es, daß man diese Aufgabe lösen könne und versuchen müsse, dies zu thun.

Nachdem er sich von den Damen verabschiedet, und versprochen hatte, noch den nächsten ganzen Tag dazubleiben, in der Absicht, nach dem Walde zu reiten, um hierselbst einen interessanten Wildbruch anzusehen, begab sich Lewin noch vor dem Schlafengehen in das Kabinett des Hausherrn, um sich Bücher über die Arbeiterfrage zu holen, die ihm Swijashskiy empfohlen hatte.

Das Kabinett Swijashskiys war ein sehr geräumiges Gemach, mit Bücherschränken besetzt, in welchem sich zwei Tische befanden. Der eine, ein massiver Schreibtisch, stand in der Mitte; der andere, von runder Form, war ringsum um die auf ihm stehende Lampe mit den neuesten Nummern von Zeitungen und Journalen in verschiedenen fremden Sprachen bedeckt. Auf dem Schreibtisch befand sich ein Regal mit Kästen, welche durch goldige Schilder für Kategorien verschiedener Art ausgezeichnet waren.

Swijashskiy langte die Bücher herunter und setzte sich in seinen Rollsessel.

„Wonach seht Ihr?“ frug er Lewin, der vor dem runden Tische stehen geblieben, die Journale musterte. „Ach ja, dort ist ein sehr interessanter Aufsatz,“ fügte Swijashskiy, betreffs eines Journals, welches Lewin in Händen hielt, hinzu. „Es wird darin gezeigt,“ fuhr er mit freundlicher Lebhaftigkeit fort, „daß der hauptsächlichste Urheber der Trennung Polens durchaus nicht Friedrich gewesen ist. Es wird gezeigt“ — mit der ihm eigenen Klarheit entwickelte er nun in Kürze diese neuen, sehr wichtigen und interessanten Enthüllungen.

Ungeachtet dessen, daß Lewin jetzt vor allem doch nur der Gedanke an seine Landwirtschaft beschäftigte, frug er sich doch, während er dem Hausherrn zuhörte, „was lebt nur in diesem Manne? Warum, warum ist ihm die Teilung Polens interessant?“

Nachdem Swijashskiy geendet hatte, frug Lewin unwillkürlich: „Und was ergiebt sich hieraus?“ Aber es ergab sich nichts. Es war eben einfach interessant, was in dem Artikel „gezeigt“ worden war. Swijashskiy erklärte nichts und fand es auch nicht für notwendig zu erklären, warum ihm die Abhandlung interessant war.

„Mich hat übrigens jener heißspornige Gutsbesitzer sehr interessiert,“ sagte Lewin hierauf seufzend, „er ist klug und sagte viel Wahres.“

„Ach geht doch! Ein eingefleischter geheimer Anhänger der Leibeigenschaft, wie sie es alle noch sind!“ erwiderte Swijashskiy.

„Alle, deren Oberhaupt Ihr seid!“

„Ja; aber nur, daß ich sie nach der anderen Seite hinüberzuleiten suche,“ sagte Swijashskiy und lachte.

„Mich hat dies Eine sehr interessiert,“ fuhr Lewin fort; „daß er damit recht hat, daß unser Werk, das heißt das der rationellen Ökonomie, nicht gedeiht, während allein das Geschäft der Halsabschneider blüht. Wer ist daran schuld?“

„Natürlich wir selbst, und demgemäß ist es nicht richtig, daß unser Werk nicht gediehe. Wasiltschikoff kommt vorwärts“ —

„Mit seiner Fabrik“ —

„Ich weiß indessen gar nicht, was Euch in Verwunderung setzt. Das Volk befindet sich auf einem so niederen Grad materieller und moralischer Entwickelung, daß es offenbar gegen alles anstreben muß, was ihm fremdartig erscheint. In Europa gedeiht die rationelle Ökonomie deshalb, weil das Volk gebildet ist; wir müßten also vielleicht auch erst das Volk bilden — das ist das ganze Geheimnis.“ —

„Aber wie sollen wir das Volk bilden?“

„Dazu sind drei Dinge erforderlich: Schulen, wieder Schulen, und nochmals Schulen.“

„Aber Ihr selbst habt doch gesagt, daß das Volk auf einer niederen Stufe der materiellen Entwickelung steht; inwiefern sollen da die Schulen helfen?“

„Wißt, Ihr erinnert mich an jene Anekdote von dem Rat der einem Kranken erteilt wurde. Dem war ein Purgativ verschrieben worden — man gab es ihm — es wird schlimmer; man versucht Blutegel — es wird schlimmer; er soll zu Gott beten — es wird schlimmer. So geht es uns beiden! Ich verordne Staatsökonomie. Ihr sagt, da wird es nur schlimmer; ich verordne Socialismus — da wird es auch schlimmer; Bildung — da auch!“ —

„Wodurch sollten uns die Schulen helfen?“

„Sie werden dem Volke andere Ansprüche verleihen.„

„Dies ist es, was ich eben nie verstanden habe,“ rief Lewin eifrig, „wie sollen die Schulen dem Volke beistehen können, seine materielle Lage zu verbessern? Ihr sagt, die Schule, die Bildung erweckt in dem Volke neue Bedürfnisse. Um so schlimmer wäre doch das, da das Volk alsdann nicht in der Lage sein wird, diese zu befriedigen! In welcher Beziehung könnten denn die Kenntnisse im Rechnen, Lesen, und in der Bibelkunde zur Verbesserung seiner materiellen Lage beitragen? Das habe ich mir nie begreiflich machen können. Vorgestern Abend begegnete ich einem Weibe mit einem Säugling an der Brust. Ich frug es, wohin es ginge. Das Weib antwortete: ‚Ich war bei der Hebamme; dem Kleinen ist es so auf die Brust gefallen, da habe ich ihn mit hingenommen, daß sie ihn heile.‘ Ich frug, ‚wie heilt ihn denn die Hebamme?‘ — ‚Nun, sie setzt das Kind zu den Hühnern auf die Stange und spricht etwas dazu.‘“

„Nun, da sagt Ihr es ja selbst. Eben damit sie das Kind nicht mehr zur Heilung auf die Hühnersteige trage, ist es nötig, daß“ — lächelte heiter Swijashskiy.

„O nein!“ antwortete Lewin ärgerlich, „diese Heilung sollte nur ähnlich erscheinen mit der Heilung des Volkes durch die Schulen. Das Volk ist arm und ungebildet; das sehen wir so klar, wie die Bäuerin die Krankheit ihres Kindes sah, da das Kind schrie. Wie nun dieser Armut und Unbildung Schulen abhelfen sollen, das ist mir so unbegreiflich, wie ich nicht verstehen kann, auf welche Weise die Hühner auf der Steige das Kind heilen könnten. Es ist nötig, in dem Abhilfe zu schaffen, wodurch das Volk wirklich elend ist!“

„Nun, da stimmt Ihr wenigstens mit Spencer überein, den Ihr so wenig liebt. Der sagt auch, die Bildung könne nur eine Folge großen Wohlstandes und großer Bequemlichkeit im Leben sein — häufiger Waschungen — wie er sagt, nicht aber eine Folge des Schreiben-und Lesenkönnens.“

„So, so; nun, da bin ich sehr froh, oder vielmehr im Gegenteil, gar nicht froh, daß ich hierin mit Spencer übereinstimme; aber das weiß ich ja schon lange. Die Schulen werden uns nicht helfen, wohl aber wird dies eine ökonomische Verfassung, bei welcher das Volk wohlhabender wird, mehr Muße hat — dann können auch Schulen existieren.“

„Gleichwohl sind doch die Schulen in ganz Europa obligatorisch.“

„Ihr befindet Euch darin doch in Übereinstimmung mit Spencer?“ frug Lewin.

In den Blicken Swijashskiys erschien wieder jener Ausdruck des Erschreckens, als er lächelnd erwiderte:

„Nein, diese Geschichte mit dem Bauernweib ist vorzüglich! Solltet Ihr sie nicht schon gehört haben?“

Lewin sah ein, daß er auf diese Weise ebenfalls nicht den Zusammenhang des Lebens dieses Mannes mit seinen Ideen werde finden können. Es war ihm selbst ganz gleichgültig, wohin ihn seine Anschauungen führten; ihm selbst handelte es sich nur um eine Spekulation, und es war ihm unangenehm, daß ihn diese Spekulation in eine Sackgasse führte. Dies konnte er nicht vertragen und er entzog sich dem, indem er das Gespräch auf etwas Anderes, Angenehmes, Heiteres hinüberleitete.

Alle Eindrücke dieses Tages hatten Lewin stark erregt. Dieser freundliche Swijashskiy, der seine Gedanken nur im Interesse der gesellschaftlichen Anstandspflicht für sich behielt, und offenbar noch ganz andere, Lewin unbekannte Grundsätze des Lebens beobachtete — er, der mit einem Haufen, dessen Name Legion war, die allgemeine Meinung vermittelst ihm persönlich doch fremder Ideen leitete; dann dieser heißblütige Gutsherr, der völlig auf dem rechten Wege war mit seinen Urteilen, die ihm durch das Leben selbst abgedrungen worden waren, aber im Unrechte mit seinem Zorn gegen eine ganze Volksklasse — noch dazu die beste — Rußlands; endlich seine eigene Unzufriedenheit mit seiner Wirksamkeit und die dunkle Hoffnung, doch noch eine Besserung für alles das finden zu können, alles das vereinigte sich in ihm zu einem Gefühle innerer Unruhe und der Erwartung einer nahen Entscheidung.

Als er sich in dem ihm zugewiesenen Zimmer allein befand, konnte er, auf der Sprungfedermatratze liegend, die ihm unverhofft, sobald er eine Bewegung machte die Hände oder Füße emporschnellte, lange den Schlaf nicht finden. Kein Gespräch mit Swijashskiy hatte Lewin, so viel des Geistreichen wohl auch gesprochen sein mochte, interessiert, wohl aber forderten die Darlegungen des Gutsbesitzers nähere Überlegung. Er vergegenwärtigte sich nochmals unwillkürlich alle seine Worte und berichtigte in seiner Vorstellungskraft alles das, was er jenem geantwortet hatte.

„Ja, ich hätte ihm sagen müssen: Ihr sprecht, unsere Landwirtschaft komme nicht vorwärts, weil der Bauer alle Vervollkommnungen hasse, und man sie mit Gewalt dazu treiben müsse; wenn die Landwirtschaft ohne diese Vervollkommnung nicht denkbar wäre, hättet Ihr recht, aber sie kommt dennoch nur dort vorwärts, wo der Arbeiter im Einklang mit seinen Gepflogenheiten thätig ist. Eure und meine Unzufriedenheit mit der Ökonomie beweist, daß wir, oder die Arbeiter die Schuld tragen. Wir haben uns schon lange nach unserer Weise, nach europäischer Mode eingerichtet, ohne nach den Eigenschaften der Arbeitskraft zu fragen. Versuchen wir es doch einmal, die Kraft des Arbeiters nicht als idealen Begriff Arbeitskraft anzuerkennen, sondern vielmehr als den russischen Bauern mit seinen Instinkten, und richten wir unsere Ökonomie demgemäß ein! Stellt Euch vor, hätte ich ihm sagen müssen, daß Eure Ökonomie so geführt wurde, daß Ihr das Mittel fändet, Eure Arbeiter für den Erfolg ihrer Thätigkeit zu interessieren und Ihr hättet das Durchschnittsmaß in der Vervollkommnung gefunden, welches jene anerkennen, und erzieltet, ohne den Boden auszumergeln, das Doppelte oder Dreifache gegen früher. Ihr teiltet das Land nun in Hälften, und gebt die eine Hälfte der Arbeitskraft, so wird der Überschuß der Euch verbliebe, immer noch größer sein und die Arbeitskraft erhielte auch mehr. Um dies aber auszuführen, ist es nötig, die Lage der Ökonomie beiseite zu lassen und die Arbeiter mit Interesse für den Ertrag derselben zu erfüllen. Wie ist das nun auszuführen? Diese Frage will bis in die Einzelheiten beleuchtet sein, aber es ist unzweifelhaft, daß sie lösbar ist.“

Der Gedanke versetzte Lewin in starke Erregung. Er konnte die halbe Nacht nicht schlafen und überlegte sich die Einzelheiten in der Ausführung der Idee.

Er wollte nun nicht erst am nächsten Tage abreisen, sondern entschloß sich jetzt, gleich am Morgen früh nach Hause zurückzukehren.

Überdies hatte jene junge Schwägerin mit dem viereckigen Ausschnitt vorn im Kleid in ihm ein Gefühl erregt, welches dem der Scham und der Reue über eine begangene Dummheit sehr ähnlich war. Die Hauptsache war jetzt, daß er heimfahren müsse, ohne unterwegs auszuspannen; er mußte den Bauern sein neues Projekt vorlegen, bevor noch die Wintersaat in die Erde kam, damit er diese schon nach den neuen Grundsätzen ernten könne. Er hatte beschlossen, seine gesamte bisherige Landwirtschaftsmethode umzuändern.

29

Die Ausführung dieses Planes bot Lewin viel Schwierigkeiten, aber er besiegte dieselben, soweit es in seinen Kräften stand, und erreichte, wenn auch nicht das, was er gewünscht hatte, so doch, daß er, ohne sich selbst zu täuschen glauben konnte, die Sache verlohne sich der Mühe nicht.

Eine der Hauptschwierigkeiten war die, daß die Wirtschaft im vollen Gange war und nicht darin gehemmt werden durfte, indem man alles von vorn anfing; man mußte die Maschine mitten im Gange verstellen.

Als er an jenem Abend noch, an welchem er nach Hause gekommen war, dem Verwalter seine Pläne mitgeteilt hatte, erklärte sich dieser mit sichtlichem Vergnügen mit demjenigen Teil der Rede Lewins einverstanden, welcher darlegte, daß alles bisher Gethane sinnlos und unersprießlich gewesen sei. Der Verwalter meinte, er habe das schon längst gesagt, man hätte ihn aber nicht hören wollen. Was den von Lewin gemachten Vorschlag anbetraf, daß er als Anteilhaber, zusammen mit den Arbeitskräften der ganzen Ökonomie beitrete, so zeigte der Verwalter darauf hin nur einen Ausdruck großer Ratlosigkeit und nicht die geringste bestimmte Meinung; er ging vielmehr sogleich dazu über, daß morgen die letzten Kornfeime noch hereingebracht werden müßten, und Lewin fühlte, daß es jetzt nicht Zeit für die Sache sei.

In der Rücksprache mit den Bauern hierüber und bei der Vorlegung des Vorschlages der Übergabe von Land nach den neuen Bedingungen, begegnete er der nämlichen Hauptschwierigkeit, daß die Bauern gleichfalls von der laufenden Arbeit des Tages so in Anspruch genommen waren, daß sie keine Zeit hatten, die Vorteile oder Nachteile einer derartigen Unternehmung zu überdenken.

Ein naiver Bauer mit Namen Iwan, der Viehwärter, schien Lewins Projekt vollständig erfaßt zu haben — dahingehend, daß er an den Erträgnissen des Viehhofes mit seiner Familie Anteil haben sollte — und er stimmte dem Unternehmen vollständig bei. Als aber Lewin ihm die künftigen Vorteile zu Gemüte zu führen versuchte, drückte sich auf dem Gesicht Iwans Unruhe und das Bedauern aus, daß er nicht alles dies bis zu Ende anhören könne; und er begann sich geflissentlich etwas zu schaffen zu machen, was keinen Aufschub dulde. Er nahm die Heugabel, um Heu aus der Schafhürde zu stechen, oder er spülte mit Wasser, oder schaffte Mist beiseite.

Eine andere Schwierigkeit bestand in dem unbesieglichen Mißtrauen der Bauern, daß die Absicht des Gutsherrn überhaupt in etwas ganz Anderem bestehen könne, als dem Wunsche, sie soviel als möglich zu rupfen. Sie waren fest überzeugt, daß seine eigentliche Absicht, — was er ihnen auch immer sagen mochte — doch nur gerade in dem liege, was er ihnen nicht mit sagte. Indem sie sich nun gegenseitig aussprachen, redeten sie wohl viel, sagten aber gleichfalls nicht, was ihre eigentliche Absicht war. Dabei aber stellten die Bauern — und hier fühlte Lewin, daß jener gallige Gutsbesitzer recht gehabt hatte — auch noch als erste und festeste Bedingung für jedes Einverständnis ihrerseits, mochte es bestehen worin es wolle, auf, daß sie zu keinerlei neuen landwirtschaftlichen Methoden, mochten diese sein, wie sie wollten, oder zur Verwendung moderner Geräte gezwungen sein sollten. Sie gaben wohl zu, daß der Dampfpflug schneller arbeite, aber sie fanden tausend Gründe, weshalb sie die Geräte nicht anwenden konnten, und so mußte er, obwohl überzeugt, daß man den Komfort der Landwirtschaft immerhin ein wenig tiefer stellen könne, zu seinem Bedauern auf die Vervollkommnung verzichten, deren Nutzen ein so augenfälliger war. Abgesehen von allen diesen Schwierigkeiten indessen, strebte er seinem Ziele nach und im Herbste ging die Sache, oder es schien ihm doch wenigstens so.

Anfangs dachte Lewin daran, sein ganzes Land, so wie es war, den Bauern, den Knechten und dem Verwalter auf Grund der neuen Gesellschaftsstatuten zu überlassen, aber sehr bald überzeugte er sich, daß dies unmöglich war und faßte den Entschluß, die Ökonomie nur zum Teil zu vergeben. Der Viehhof, der Garten, der Gemüsegarten, die Wiesen, die Felder, die in einige Parzellen geteilt waren, sollten nun getrennte Bereiche bilden. Der naive Viehhirt Iwan, der wie es Lewin schien, die Sache am besten von allen aufgefaßt hatte, bildete sich eine Artjel, die vorzugsweise aus den Mitgliedern seiner Familie bestand und wurde Anteilhaber des Viehhofes. Ein abgelegenes Feld, welches acht Jahre lang unbenutzt gewesen war, wurde mit Beihilfe des klugen Zimmermanns Fjodor Rjezunoff von sechs Bauernfamilien auf Grund der neuen Gesellschaftsordnung übernommen, und der Bauer Schurajeff trat zu den nämlichen Bedingungen in den Besitz der sämtlichen Gemüsegärten. Alles übrige verblieb noch beim Alten, aber diese drei Bereiche bildeten doch schon den Beginn einer neuen Ordnung und beschäftigten Lewin vollständig.

Auf dem Viehhofe ging freilich von nun ab die Sache durchaus nicht besser, als vorher, denn Iwan opponierte eifrig gegen die zu warme Stellung der Kühe und gegen die Herstellung guter Rahmbutter, indem er behauptete, daß eine Kuh bei kühlerer Stellung weniger Futter brauche und daß die von abgerahmter Milch hergestellte Butter vorteilhafter sei; er forderte seine Bezahlung, wie früher, und interessierte sich durchaus nicht dafür, daß das Geld, welches er empfing, nicht ein Lohn war, sondern ein Aufgeld von seinem künftigen Anteil am gemeinsamen Gewinn.

Es war die Wahrheit, daß die Arbeitsgesellschaft des Fjodor Rjezunoff nicht ihre Leistungen verdoppelt hatte, wie dies verabredet worden war, und daß sie sich damit rechtfertigte, daß die Zeit zu kurz bemessen gewesen sei.

Es war die Wahrheit, daß die Bauern dieser Artjel, obwohl sie ausgemacht hatten, die Arbeit nach den neuen Einrichtungen leisten zu wollen, ihr Land nicht als gemeinsam bezeichneten, sondern als verteilt, und mehr als einmal sagten die Mitglieder desselben, ja Rjezunoff selber, zu Lewin: „Wenn Ihr Euch Geld für den Grund und Boden bezahlen ließet, so könntet Ihr ruhiger sein und wir fühlten uns freier.“ Außerdem aber schoben die Bauern unter den verschiedensten Vorwänden den mit ihnen vereinbarten Bau eines Viehhofes und einer Trockenscheune auf ihrem Terrain immer wieder hinaus und zogen die Sache bis zum Winter hin.

Es war auch der Fall, daß Schurajeff die übernommenen Gemüsegärten seinerseits wieder in kleineren Partieen an die Bauern verteilen wollte. Er hatte offenbar die Bedingungen falsch, und zwar absichtlich falsch aufgefaßt, unter welchen ihm das Land überlassen worden war.

Lewin empfand freilich auch häufig im Gespräch mit den Bauern und bei der Erklärung aller Vorteile, die sie von dem Unternehmen hätten, daß die Bauern hierbei nur eben dem Klang seiner Stimme lauschten, und dabei recht wohl wußten, sie würden sich von ihm — mochte er sagen, was er wollte — nicht überlisten lassen. Ganz besonders merkte er das, sobald er gerade mit dem klügsten unter den Bauern, mit Rjezunoff, sprach. Er bemerkte hier jenes Spiel in den Augen desselben, welches ihm deutlich den Spott über ihn, sowie die feste Überzeugung zeigte, daß wenn denn einmal Einer übers Ohr gehauen werden solle, jedenfalls nicht er, Rjezunoff, der Dumme sein würde.

Ungeachtet alles dessen aber dachte Lewin, die Sache würde sich schon machen, und er würde den Bauern, wenn er strenge Rechnung führte, und fest auf seinen Grundsätzen beharrte, in der Zukunft schon die Vorteile einer solchen Einrichtung beweisen können, so daß sie alsdann von selbst gehen müsse.

Diese Angelegenheiten, zusammen mit denjenigen, welche die in seinen Händen gebliebene Ökonomie betrafen, und mit der Arbeit an seinem Werke, beschäftigten Lewin den ganzen Sommer hindurch derart, daß er fast kaum auf die Jagd kam. Gegen Ende des August hörte er durch den Knecht, welcher den Sattel zurückbrachte, daß die Oblonskiy nach Moskau gereist seien. Er fühlte, daß er mit seiner Unhöflichkeit, nicht auf das Schreiben Darja Aleksandrownas geantwortet zu haben, an die er nur mit Schamröte zu denken vermochte, die Schiffe hinter sich abgebrannt hatte und nun niemals wieder zu ihnen kommen werde.

In der gleichen Weise war er mit Swijashskiy verfahren, den er verlassen hatte, ohne Abschied zu nehmen. Aber auch zu diesem wollte er niemals wieder kommen. Es war ihm jetzt alles ganz gleichgültig; die Aufgabe der Reorganisation seiner Landwirtschaft beschäftigte ihn so sehr, wie noch nie etwas in seinem Leben. Er las die Bücher, die ihm von Swijashskiy gegeben worden waren, und excerpierte sich, was er selbst nicht besaß; er las socialökonomische und socialwissenschaftliche Werke über den Gegenstand, fand aber, wie er erwartet hatte, nichts, was sich auf die ihn beschäftigende Aufgabe bezogen hätte.

In den politischökonomischen Werken, so im Mill, den er zuerst mit größtem Eifer studierte, in der Hoffnung, jeden Augenblick die Lösung der ihn beschäftigenden Fragen zu finden, fand er Gesetze, die aus den Verhältnissen der europäischen Wirtschaftslage deduziert waren, aber er vermochte nicht zu ersehen, weshalb diese Gesetze, auf Rußland gar nicht anwendbar, allgemeingültig sein sollten. Ganz das Nämliche fand er in den socialwissenschaftlichen Werken, sie zeigten entweder ausgezeichnete, aber nicht praktisch anwendbare Phantasieen, von denen er schon als Student angezogen worden war — oder Versuche zur Verbesserung der Verhältnisse, in welchen sich Europa befand, und mit denen die Landwirtschaft Rußlands nichts gemein hatte. Die politische Ökonomie sagte, daß die Gesetze, auf welchen sich der Reichtum Europas entwickelt hätte, und noch entwickelte, allgemeingültig und unanfechtbar seien. Die Socialwissenschaft sagte, daß die Entwickelung nach diesen Gesetzen ins Verderben führe. Weder die Eine noch die Andere gab Antwort, oder auch nur den geringsten Fingerzeig für das, was Lewin und alle übrigen russischen Landleute und Grundbesitzer mit ihren Millionen von Händen und Desjatinen Landes thun sollten, um diese für die Hebung des allgemeinen Wohlstandes ergiebiger zu machen.

Nachdem er sich einmal mit seiner Aufgabe befaßt hatte, las er gewissenhaft alles, was sich auf seinen Gegenstand bezog und beschloß, im Herbst ins Ausland zu reisen, um denselben an Ort und Stelle noch zu studieren, zu dem Zwecke, daß es ihm in dieser Frage nicht ebenso gehen möchte, wie es ihm schon so oft in verschiedenen Fragen ergangen war. Wenn er nur erst anfing, den Sinn der Worte seines Nachbars zu erfassen und seine eigene Idee auseinanderzusetzen, falls man ihm plötzlich sagen würde: „Habt Ihr nicht Kaufmann, Jones, Dubois, Mitchelli gelesen? Lest diese, sie haben die Frage behandelt!“

Er erkannte jetzt aber klar, daß weder Kaufmann noch Mitchelli ihm etwas sagen konnten und wußte doch, was er wollte.

Er hatte erkannt, daß Rußland herrliches Land besitze, vorzügliche Arbeitskräfte und daß bei manchen Gelegenheiten die Arbeiter und das Land viel produzierten, in der Mehrzahl der Fälle aber, sobald das Kapital nach europäischem Muster angelegt würde, wenig, und daß dies nur daher komme, daß die Arbeiter zwar arbeiten wollten, aber nur nach ihrer eigenen Weise gut arbeiteten, und daß dieser Widerspruch kein zufällig auftretender sei, sondern ein fest bestehender, der seine Begründung im Geiste des Volkes habe.

Er meinte, daß das russische Volk, in seiner Aufgabe, ungeheure unbebaute Landstrecken zu besiedeln und zu bearbeiten, sich, solange nicht alles Land besiedelt sein würde, an dasjenige Verfahren halte, welches dazu erforderlich war, und daß sein Verfahren durchaus nicht so mangelhaft sei, wie man dies gewöhnlich denke. Dies gedachte er theoretisch in seinem Werke, praktisch in seiner Ökonomie darzulegen.

30

Mit Ende des September wurde das Holz zum Bau des Viehhofes auf das der Artjel überlassene Areal gebracht; die Butter von den Kühen war verkauft und der Gewinn verteilt worden.

In der Ökonomie ging alles ganz ausgezeichnet, oder es schien Lewin doch so. Zu dem Zwecke aber, alles theoretisch zu erklären und sein schriftliches Werk über die Beziehungen des Volkes zum Boden zu vollenden, welches seiner Idee nach nicht nur eine Umwälzung der politischen Ökonomie herbeiführen, sondern diese Wissenschaft vollständig vernichten und den Anfang zu einer neuen machen mußte, war es noch erforderlich, ins Ausland zu gehen und an Ort und Stelle alles zu studieren, was dort in dieser Richtung gethan worden war, damit er überzeugende Beweise dafür fände, daß alles, was dort gethan worden sei, nicht das sei, was nötig war.

Lewin wartete nur noch die Einbringung des Weizens ab, um Geld zu haben und ins Ausland gehen zu können. Aber große Regengüsse stellten sich ein, die ein Hereinbringen des noch im Felde befindlichen Getreides und der Kartoffeln nicht gestatteten, und so blieb alle Arbeit und selbst die Lieferung des Weizens liegen. Auf dem Wege war der Schmutz undurchdringlich und das Wetter wurde schlechter und schlechter.

Am dreißigsten September zeigte sich früh die Sonne, und Lewin begann sich entschlossen zur Abreise zu rüsten in der Hoffnung auf leidliches Wetter. Er befahl, den Weizen aufzuschütten und sandte den Verwalter zum Kaufmann, um Geld holen zu lassen, während er selbst die Felder abritt, um die letzten Bestimmungen vor der Abreise zu treffen.

Nach der Besichtigung aller Arbeiten, durchweicht von den Wasserströmen, die ihm am Halse herunter auf dem ledernen Rock, und an den Stiefelschäften abflossen, aber in heiterster und angeregtester Stimmung, kehrte Lewin gegen Abend nach Hause zurück. Das Unwetter war um diese Zeit noch schlimmer geworden; ein Graupelwetter peitschte das ganz durchnäßte, Ohren und Kopf schüttelnde Pferd so, daß es seitwärts zu gehen begann, Lewin aber unter seinem Baschlik war es ganz wohl zu Mut und heiter schaute er um sich, bald auf die trüben Wasserbäche, die in den Radspuren strömten, bald nach den Wassertropfen, die an jedem überhängenden Aste schwebten, bald auf die weißen Flecken der Graupeln, die auf den Brettern des Steges noch nicht gethaut waren, bald auf das noch saftige fleischige Laub einer Rüster, welches in dichter Masse rings um den entblätterten Baum gefallen war. Ungeachtet der Düsterheit der ihn umgebenden Natur, fühlte sich Lewin bei ganz besonders guter Laune. Die Gespräche mit den Bauern in einem entfernten Dorfe hatten ihm gezeigt, daß diese sich in die neuen Verhältnisse zu gewöhnen begannen.

Sein alter Hausmeister, bei dem er eingesprochen hatte, um sich zu trocknen, hatte augenscheinlich das Projekt Lewins gebilligt und selbst vorgeschlagen, in eine Artjel für Viehhandel zu treten.

„Man muß sein Ziel nur hartnäckig verfolgen und man erreicht schon was man will,“ dachte Lewin, „aber arbeiten und sich mühen ist schon des Preises wert. Diese Sache ist nicht meine eigene, persönliche, es handelt sich hier um eine Frage des allgemeinen Wohles. Die ganze Landwirtschaft und namentlich die Lage des ganzen Volkes muß von Grund aus umgewandelt werden! An Stelle der Armut wird ein allgemeiner Reichtum treten, allgemeine Zufriedenheit; an Stelle der Feindschaft Harmonie und ein Bund im gemeinsamen Interesse. Mit einem Worte, eine unblutige Revolution, aber eine erhabene Revolution, hat von dem kleinen Gebiete unseres Kreises aus begonnen, und wird zunächst im Gouvernement um sich greifen, dann in Rußland selbst — endlich in der ganzen Welt, weil ein richtiger Gedanke nicht unfruchtbar zu bleiben vermag. Dies ist das Ziel, wegen dessen es der Mühe wert ist, zu arbeiten. Daß aber gerade ich es bin, der dies ausführt, ich, Konstantin Lewin, der Nämliche, welcher in der schwarzen Halsbinde zum Balle kam und den die Schtscherbazkaja von sich gewiesen, der so kläglich und nichtig dasteht, — das hat hierbei gar nichts zu sagen. Ich bin überzeugt, daß Franklin sich gleichfalls nichtig gefühlt hat und sich selbst nichts zugetraut haben würde, wenn er an sich selbst zurückdachte. Dies sagt also gar nichts. Auch er hatte ja wohl seine Agathe Michailowna, der er seine Geheimnisse anvertraute.“

Mit diesen Gedanken kam Lewin zu Hause an, als die Dämmerung schon hereingebrochen war.

Der Verwalter, der beim Kaufmann gewesen, war angekommen und hatte einen Teil des Geldes für den Weizen mitgebracht. Unterwegs hatte der Verwalter erfahren, daß das Getreide noch überall im Felde stehe, so, daß seine hundertsechzig Haufen im Vergleich zu dem, was die anderen noch draußen hätten, nichts seien.

Nachdem Lewin gegessen hatte, ließ er sich wie gewöhnlich mit dem Buch in der Hand in seinem Sessel nieder und fuhr fort, lesend über seine bevorstehende Reise im Zusammenhang mit seiner Lektüre nachzudenken.

Heute stand die ganze Bedeutung seiner Aufgabe mit besonderer Klarheit vor ihm und wie von selbst ordneten sich in seinem Geiste ganze Perioden zusammen, welche das Wesen seiner Ideen darstellten.

„Das muß ich niederschreiben,“ dachte er, „dies soll eine kurze Einleitung, die ich früher für unnötig hielt, bilden.“

Er erhob sich, um zum Schreibtisch zu gehen, und Laska, welcher zu seinen Füßen gelegen hatte, reckte sich, ebenfalls aufstehend, und blickte ihn an, als frage er, wohin er gehen solle. Aber er kam nicht zum Schreiben, weil die Vögte zur Arbeitsbestimmung erschienen waren und Lewin begab sich zu ihnen ins Vorzimmer.

Nach Erledigung dieser Bestimmung, wie der Arbeitsplan für den folgenden Tag genannt wurde und der Anhörung sämtlicher Bauern, die mit ihm zu thun hatten, begab sich Lewin wieder in sein Kabinett und machte sich an die Arbeit. Laska hatte sich unter den Tisch gelegt und Agathe Michailowna saß mit dem Strickstrumpf auf ihrem Platze.

Nachdem er einige Zeit geschrieben hatte, trat Lewin plötzlich mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit das Bild Kitys vor das Auge, ihre Absage und die letzte Begegnung. Er stand auf und begann im Zimmer auf und abzuschreiten.

„Ihr brauchtet Euch nicht so zu langweilen,“ begann Agathe Michailowna, „wozu sitzt Ihr hier zu Hause? Ihr müßtet in die warmen Bäder, da geht man jetzt hin!“

„Übermorgen reise ich auch, Agathe Michailowna, ich muß mein Werk zu Ende bringen.“

„O, Euer Werk! Es ist doch nur, daß Ihr die Bauern beschenkt. Die aber sagen höchstens: ‚Lohn’s ihm der Zar!‘ Es ist doch zu seltsam, weshalb Ihr Euch soviel um die Bauern sorgt.“

„Ich sorge nicht für sie, sondern handle für mich.“

Agathe Michailowna kannte alle Einzelheiten der Wirtschaftspläne Lewins. Dieser hatte ihr seine Ideen schon häufig mit allen ihren Feinheiten dargelegt und war nicht selten mit ihr in Wortwechsel geraten, wenn er sich mit ihren Erklärungen nicht einverstanden fühlte. Jetzt aber faßte sie das, was er ihr gesagt hatte, ganz anders auf.

„Es ist eine bekannte Sache, daß man auf sein eigenes Heil am meisten bedacht sein muß,“ sagte sie mit einem Seufzer. „Da ist der Parthen Djenisytsch; obwohl er weder lesen noch schreiben konnte, ist er doch so gestorben, wie es der liebe Gott jedermann fügen möchte,“ fuhr sie fort, von einem unlängst verstorbenen Bauern sprechend, „man hat ihm das Abendmahl und die letzte Ölung gespendet.“

„Davon spreche ich nicht,“ sagte Lewin, „ich sagte, daß ich für meinen Vorteil wirke. Mir ist es nützlicher, wenn die Bauern besser arbeiten.“

„Ja, aber was Ihr auch thun mögt, wenn der Bauer ein Faulenzer ist, so werdet Ihr doch nur die Wurst nach der Speckseite werfen; ist er hingegen ein gewissenhafter Mensch, dann wird er ohnehin arbeiten; wenn nicht, so kann man nichts machen.“

„Aber Ihr sagt doch selbst, daß Iwan jetzt den Viehhof besser verwaltet?“

„Ich sage nur das Eine,“ versetzte Agathe Michailowna, offenbar nicht auf einen plötzlichen Einfall hin, sondern in streng logischer Gedankenfolge, „Ihr müßt heiraten, so steht es!“ —

Daß Agathe Michailowna gerade das erwähnte, woran er soeben selbst gedacht hatte, erbitterte und verletzte ihn. Lewin war finster geworden und setzte sich, ohne ihr zu antworten, wieder an seine Arbeit, indem er sich nochmals alles wiederholte, was er über die Bedeutung derselben gedacht hatte. Bisweilen nun lauschte er in der Stille dem Geräusch der Stricknadeln Agathe Michailownas und wieder wurde seine Miene düster, wenn er dessen gedachte, woran er nicht denken mochte.

Um neun Uhr ertönte Schellengeläut und man vernahm das dumpfe Rollen eines Wagens in dem Kot draußen.

„Da kommen wohl Gäste zu Euch; nun, dann wird es ja nicht mehr langweilig sein,“ sagte Agathe Michailowna, sich erhebend und nach der Thür schreitend. Lewin überholte sie jedoch. Die Arbeit ging ihm jetzt nicht von statten, und er war froh, daß ein Besuch, mochte es sein, wer da wollte, kam.

31

Zur Hälfte der Treppe entgegeneilend, vernahm Lewin auf dem Vorsaal das Geräusch eines ihm wohlbekannten Hustens, doch er hörte wegen des Klanges der eigenen Schritte nicht genau, hoffte indessen, daß er sich geirrt haben möchte; gleich darauf erblickte er eine hagere, knochige, wohlbekannte Gestalt, und es schien ihm, als könne er sich nun nicht mehr täuschen, aber gleichwohl hoffte er noch immer, er irre sich, und diese lange Erscheinung, welche dort ihren Pelz ablegte und hustete, sei nicht die seines Bruders Nikolay.

Lewin liebte seinen Bruder, aber immer mit ihm zusammen sein zu sollen, war eine Qual. Jetzt, als Lewin unter dem Einfluß des in ihm auftauchenden Gedankens und der Mahnung Agathe Michailownas in einen ihm selbst nicht erklärlichen Zustande von Ratlosigkeit war, erschien ihm das bevorstehende Wiedersehen mit dem Bruder besonders schwer. Anstatt eines heiteren gesunden fremden Besuches, welcher wie er gehofft hatte, ihn zerstreuen sollte, in seiner geistigen Ratlosigkeit, mußte er den Bruder begrüßen, der ihn durch und durch kannte, der alle seine innersten Empfindungen hervorrufen, und ihn zu einer Aussprache veranlassen konnte, die er auf keinen Fall wünschte.

Auf sich selbst ungehalten über dieses häßliche Gefühl, eilte Lewin in das Vorzimmer, und kaum hatte er den Bruder in der Nähe erblickt, als das Gefühl seiner Enttäuschung sogleich verschwunden war und sich in Mitleid verwandelt hatte.

So erschreckend ihm sein Bruder Nikolay mit seiner Magerkeit und seinem kranken Aussehen schon früher erschienen war, jetzt war er noch mehr abgezehrt, noch geschwächter. Er war zum Skelett geworden, und hing nur noch in der Haut.

Er stand in dem Vorzimmer, mit seinem langen abgezehrten Halse ruckend; indem er sich den Shawl abriß, mit seltsam traurigem Lächeln. Als Lewin dieses friedsame, ergebene Lächeln sah, fühlte er plötzlich, wie ihm ein Schluchzen die Kehle zuschnürte.

„Da, ich bin zu dir gekommen,“ begann Lewin mit hohler Stimme, ohne auch nur eine Sekunde die Augen von dem Antlitz des Bruders zu verwenden.

„Ich wollte schon lange kommen, war aber immer unwohl. Jetzt habe ich mich sehr gebessert,“ sagte er, seinen Bart mit den langen mageren Handflächen streichend.

„Ja wohl,“ versetzte Lewin, und es wurde ihm immer entsetzlicher zu Mut, als er beim Küssen mit den Lippen die Hagerkeit des Körpers seines Bruders fühlte und so nahe dessen seltsam glänzende Augen sah.

Einige Wochen vorher hatte Konstantin Lewin seinem Bruder geschrieben, daß dieser nach dem Verkauf des kleinen Teils des Besitzes, welcher im Hause ungeteilt verblieben war, jetzt seinen Anteil in Höhe von ungefähr zweitausend Rubel in Empfang zu nehmen hätte.

Nikolay sagte ihm nun, er sei wohl gekommen, dieses Geld jetzt in Empfang zu nehmen, hauptsächlich aber, um einmal im alten lieben Neste zu sein, die Erde wieder zu berühren, um, wie die alten russischen Heroen, neue Kraft für weitere Thaten zu schöpfen. Trotz seiner jetzt noch mehr gekrümmten Haltung, trotz der bei seiner Größe frappierenden Abgezehrtheit, waren seine Bewegungen, wie immer, schnell und hastig. Lewin führte ihn in sein Kabinett.

Der Bruder kleidete sich sehr sorgfältig um, was er früher nicht zu thun pflegte; er kämmte seine spärlichen Haare, die aufrecht in der Höhe standen, und stieg dann lächelnd nach oben.

Er befand sich in bester und heiterster Stimmung, so wie sich Lewin seiner aus der Kindheit oft erinnert hatte. Selbst Sergey Iwanowitschs gedachte er heute ohne Groll.

Als er Agathe Michailowna erblickte, begann er mit ihr zu scherzen und frug sie nach den alten Dienstboten. Die Nachricht vom Tode Parthen Djenisitschs wirkte unangenehm auf ihn; auf seinen Zügen malte sich Schrecken, doch ermannte er sich sogleich wieder.

„Nun, er war ja auch schon alt,“ sagte er und ging dann auf ein anderes Thema über. „Ich gedenke einen Monat bei dir zuzubringen, auch zwei, und dann nach Moskau zurückzukehren. Du weißt wohl, daß mir Mjachkoff eine Stelle zugesagt hat, und daß ich in den Dienst zu treten beabsichtige. Ich richte jetzt mein Leben ganz anders ein,“ fuhr er fort, „du weißt wohl, daß ich jene Frauensperson entlassen habe?“

„Marja Nikolajewna? Wie? Weshalb denn?“

„Ach, sie war ein garstiges Geschöpf, — hat mir eine Masse Unannehmlichkeiten bereitet!“ — Er erzählte indessen nicht, welcher Art diese Unannehmlichkeiten gewesen waren. Konnte er doch nicht mitteilen, daß er Marja Nikolajewna deshalb davongejagt hatte, weil der Thee einmal zu schwach gewesen, und namentlich, weil sie ihn wie einen Patienten behandelte. „Ich will infolgedessen jetzt mein Leben völlig umgestalten. Wie alle anderen habe ich natürlich auch Dummheiten begangen, doch mein Zustand — den beklage ich nicht. Wenn ich nur erst gesund bin; und meine Gesundheit hat sich, Gott sei Dank, gebessert.“

Lewin hörte zu und dachte nach, vermochte aber nicht etwas zu finden, was er sagen sollte. Dies mochte wohl auch Nikolay fühlen, denn er begann den Bruder nach dem Geschäftsgang zu fragen. Lewin war froh, von sich selbst sprechen zu können, weil er so reden konnte, ohne dabei zu heucheln. Er berichtete dem Bruder von seinen Plänen und Arbeiten.

Nikolay hörte zu, war aber augenscheinlich wenig interessiert davon. Diese beiden Männer waren so eng miteinander verwandt und standen sich so nahe, daß die kleinste Bewegung, der Ton der Stimme schon, für die beiden mehr besagte, als alles, was sich mit Worten ausdrücken ließ.

Jetzt hatten sie beide einen einzigen Gedanken — die Krankheit und den Tod Nikolays — welcher alles Übrige unterdrückte. Aber weder der Eine noch der Andere wagte davon zu sprechen, und infolgedessen war alles, was sie auch sagen mochten nur Heuchelei, da es nicht ausdrückte, was sie ausschließlich beschäftigte.

Noch nie war Lewin so froh gewesen, daß der Abend zu Ende ging, und man zur Ruhe gehen mußte. Noch nie war er mit einem Fremden, oder bei einem offiziellen Besuch, so unnatürlich, so falsch gewesen, wie er es heute gewesen war. Das Bewußtsein dieser Falschheit und die Reue über sie hatten ihn noch unnatürlicher gemacht. Thränen wollten ihm aufsteigen über seinen sterbenden, geliebten Bruder, und dabei hatte er ein Gespräch anhören und mit ihm führen müssen, wie derselbe fernerhin zu leben gedenke.

Da es im Hause feucht war und man nur ein Zimmer geheizt hatte, so quartierte Lewin seinen Bruder in dem eigenen Schlafzimmer hinter einer spanischen Wand ein.

Der Bruder legte sich nieder und, — schlief er oder schlief er nicht — wälzte sich wie ein Leidender, hustete und murrte vor sich hin, wenn er nicht husten konnte. Bisweilen, wenn er schwer aufatmete, betete er „mein Gott, mein Gott!“ Wenn ihn der Auswurf ersticken wollte, rief er gereizt „zum Teufel auch!“ Lewin konnte lange nicht schlafen, indem er den Bruder so hörte. Die verschiedensten Gedanken waren in ihm wach, aber der Ausgangspunkt aller dieser Gedanken war nur — der Tod. —

Der Tod, das unvermeidliche Ende von allem, erschien ihm zum erstenmale als eine unabweisbare Macht, und der Tod, welcher hier gegenwärtig war, in dem geliebten Bruder, der im Schlaf stöhnte und nach seiner Art ohne Unterschied durcheinander bald Gott, bald den Satan anrief, war nicht mehr so fern, als es ihm früher geschienen hatte. Er war schon in ihm, und er selbst fühlte dies. Wenn heute nicht, so kam er morgen, wenn morgen nicht, so kam er in dreißig Jahren — als ob sich das nicht völlig gleich bliebe! — Was aber dieser unvermeidliche Tod eigentlich war — das wußte er nicht nur nicht, das hatte er nicht nur nie überlegt, er hatte es vielmehr gar nicht verstanden und nie gewagt, darüber nachzudenken.

„Da arbeite ich, und will etwas vollbringen — und habe vergessen, daß doch alles ein Ende haben wird, daß es — einen Tod giebt!“ —

Er saß auf seinem Bette in der Finsternis, gebeugt und die Beine übereinandergeschlagen und sann, den Atem anhaltend in der Anstrengung seines arbeitenden Geistes. Aber je mehr er seinen Geist anstrengte, um so klarer wurde ihm, daß es unzweifelhaft so sei, daß er dies in der That vergessen, einen kleinen Umstand im Leben übersehen hatte — den, daß der Tod kommen und allem ein Ziel setzen werde, sodaß es sich nicht verlohnte, etwas zu unternehmen, und man dabei keinerlei Hilfe schaffen könne. Das war entsetzlich, aber es war so. —

„Aber noch lebe ich doch! Was soll ich daher jetzt thun, was thun?“ sprach er zu sich voll Verzweiflung. Er zündete ein Licht an, erhob sich behutsam, ging zum Spiegel und begann sein Gesicht und Haar zu betrachten. Ja, an seinen Schläfen waren graue Haare. Er öffnete den Mund; die Backzähne begannen schlecht zu werden. Er entblößte seine muskulösen Arme — Kraft war viel darin, aber auch sein Nikolay der dort mit den Resten seiner Lunge atmete, hatte einst einen gesunden Körper gehabt. Und plötzlich erinnerte er sich, wie sie sich als Kinder zusammen schlafen gelegt hatten und nur darauf warteten, daß Fjodor Bogdanowitsch zur Thür hinausging, damit sie beide sich mit den Kissen werfen und lachen konnten, so unbändig dabei lachen, daß selbst der Respekt vor Fjodor Bogdanowitsch nicht das überschäumende Bewußtsein des Lebensglückes niederzuhalten vermochte und jetzt — diese eingesunkene, verödete Brust dort, und er selbst, ohne zu wissen, warum er da sei, was kommen werde für ihn.

„Hcha, Hcha, Teufel! — Was machst du denn dort, daß du nicht schläfst?“ rief ihm jetzt die Stimme seines Bruders zu.

„Ich weiß nicht, was das ist, ich kann nicht schlafen!“ —

„Nun; ich habe recht gut geschlafen, ich schwitze jetzt gar nicht mehr. Sieh selbst, fühle nur mein Hemd an; kein Schweiß mehr!“ Lewin befühlte das Hemd, ging dann hinter die Scheidewand, löschte das Licht wieder aus, konnte aber noch lange den Schlaf nicht finden.

Kaum hatte sich ihm nur einigermaßen die Frage geklärt, wie er leben solle, da war schon eine neue, unlösbare vor ihm erschienen — der Tod.

„Er stirbt; er wird im Frühjahr sterben; wie kann man ihm helfen? Was soll ich ihm sagen? Was weiß ich darüber? Ich hatte vergessen, daß es so steht.“

32

Lewin hatte schon seit langem die Beobachtung gemacht, daß, wenn Einem im Umgang mit den Menschen deren allzugroße Zuvorkommenheit und Ergebenheit peinlich wird, sehr schnell auch ein übermäßig anspruchsvolles Wesen und Streitsucht unerträglich wird. Er fühlte, daß dies auch mit seinem Bruder der Fall sein würde; und in der That, die Sanftmut desselben reichte nicht lange aus. Schon vom anderen Morgen an wurde er reizbar und stritt geflissentlich mit dem Bruder, indem er diesen an seinen empfindlichsten Stellen zu treffen versuchte.

Lewin fühlte sich betreten, vermochte aber die Sache nicht zu ändern. Er empfand, daß sie beide nur, wenn sie sich nicht mehr verstellten, sondern aussprächen, was man „vom Herzen herunter“ sprechen nennt, das heißt, nur was sie wirklich dachten und fühlten, sich gegenseitig offen einander ins Auge blicken könnten, und Konstantin nur zu sagen hätte „du mußt sterben, sterben!“ währen Nikolay ihm antworten müßte „ich weiß es, daß ich sterben werde, aber ich fürchte den Tod, ich fürchte, fürchte ihn.“ — Mehr würden sie nicht sprechen, wenn sie so nur vom Herzen herunter gesprochen haben würden. Aber so war nicht zu leben, und deshalb versuchte es Konstantin, zu thun, was er für sein ganzes Leben hindurch versucht hatte, ohne es zu können, das was nach seinen Beobachtungen viele so vortrefflich zu thun verstanden, und ohne das man nicht leben kann: Er versuchte es, nicht das zu sprechen, was er dachte, fühlte aber beständig, daß dies falsch sei, daß der Bruder ihn hierbei ertappe und davon gereizt werde.

Nach Verlauf von drei Tagen forderte Nikolay seinen Bruder auf, ihm seinen Plan nochmals zu entwickeln. Er begann darauf denselben nicht nur zu verwerfen, sondern ihn sogar absichtlich mit dem Socialismus zusammenzubringen.

„Da hast du lediglich einen fremden Gedanken aufgefaßt, ihn aber verballhornisiert und willst ihn dem Unmöglichen anpassen.“

„Aber ich sage dir ja, daß er durchaus nichts Allgemeines in sich trägt. Die Socialisten verwerfen das Recht des Privateigentums, des Kapitals, der Erbfolge — ich aber, ohne diese wichtigste Stimula zu verwerfen,“ — Lewin selbst war es widerlich, daß er sich derartiger fremder Worte bedienen mußte, aber seit er sich mehr mit seiner Arbeit beschäftigte, begann er unwillkürlich häufig und häufiger nichtrussische Worte zu brauchen — „will nur die Arbeit regeln.“

„Das ist es eben, daß du einen fremden Gedanken aufgefaßt und von ihm alles abgetrennt hast, was seine Bedeutung ausmacht, nun aber versichern willst, es sei dies etwas Neues,“ antwortete Nikolay, heftig an seiner Halsbinde zerrend.

„Aber mein Gedanke hat nichts Allgemeines“ —

„Denn,“ erwiderte Nikolay Lewin mit gehässigem Glanz in den Augen und ironischem Lächeln: „dort liegt doch zum wenigsten ein Reiz darin, ein, wie soll ich sagen, mathematischer — nach seiner Klarheit und unzweifelhaften Richtigkeit. Möglicherweise ist er eine Utopie. Aber zugegeben, daß man aus der ganzen Vergangenheit eine tabula rasa machen könnte, daß es kein Privateigentum mehr gäbe, keine Familie, so wird doch immerhin die Arbeit bestehen bleiben. Bei dir aber ist nichts“ —

„Weshalb vermischst du die Dinge? Ich bin nie ein Socialist gewesen.“

„Ich aber war es, und finde, daß die Idee verfrüht ist, obwohl sie klug ist, daß sie ihre Zukunft hat, wie das Christentum in den ersten Jahrhunderten.“

„Ich glaube, daß man die Arbeitskraft nur von dem Gesichtspunkt des Naturforschers aus beurteilen darf, das heißt, daß man sie studieren und ihre Eigenschaften erkennen muß.“

„Das ist aber ganz unnütz. Diese Kraft findet von selbst je nach dem Grade ihrer Entwickelung eine bekannte Form für ihre Bethätigung. Es hat überall Knechte gegeben und dann Vögte; auch bei uns giebt es die Gesellschaftsarbeit, die Pacht, die Arbeit auf Tagelohn — was willst du noch?“

Lewin geriet bei diesen Worten plötzlich in Zorn, da er auf dem Grunde seiner Seele die Befürchtung empfand, der Bruder könne recht haben — recht darin, daß er selbst zwischen dem Socialismus und den Ordnungsformen schwanke — was doch schwerlich möglich sein konnte.

„Ich suche Mittel dafür, mit Gewinn zu arbeiten, sowohl für mich selbst, wie für den Arbeiter. Ich will organisieren,“ antwortete er heftig.

„Nichts willst du organisieren; du willst einfach originell sein, wie du es Zeit deines Lebens gewesen bist; du willst zeigen, daß du nicht mit den Bauern experimentierst, sondern vielmehr mit der Idee.“

„Nun — denkst du so — lassen wir das!“ versetzte Lewin, welcher fühlte, daß ihm der Muskel seiner linken Wange bebte, ohne daß er dies unterdrücken konnte.

„Du hattest nie Überzeugungen, und hast auch jetzt keine; nur deine Eigenliebe willst du befriedigen.“

„Schön so; aber verlaß dieses Thema!“

„Ich werde es lassen! Es ist schon längst Zeit dazu! Zum Teufel auch mit dir, ich wünschte, ich wäre gar nicht hergekommen!“

So sehr sich Lewin nun bemühte, den Bruder zu beruhigen, Nikolay wollte nichts hören und sagte, daß er am liebsten gleich wieder fortfahren möchte; Lewin sah, daß dem Bruder das Leben unerträglich geworden war.

Nikolay hatte bereits alle Anstalten zur Abreise getroffen, als Lewin wieder zu ihm kam und ihn bat, zu verzeihen, wenn er ihn gekränkt haben sollte.

„O, diese Großmut!“ antwortete Nikolay lächelnd. „Wenn du denn einmal recht behalten willst, so will ich dir dieses Vergnügen gewähren. Du hast recht. Aber ich will dennoch fahren!“

Bei der Abreise selbst küßte ihn Nikolay und sprach, plötzlich seltsam und ernst auf den Bruder blickend:

„Bei alledem; gedenke meiner nicht im Bösen, mein Konstantin!“ und seine Stimme schwankte.

Dies waren die einzigen Worte, die aufrichtig gesprochen worden waren. Lewin begriff, daß in diesen Worten der Sinn lag: „Du siehst es und weißt, daß ich sehr krank bin, und wir uns vielleicht niemals wieder sehen.“

Lewin verstand dies und die Thränen strömten ihm aus den Augen. Noch einmal küßte er seinen Bruder, konnte ihm aber nichts mehr antworten, — wußte ihm auch nichts mehr zu sagen. —

Am dritten Tage nach der Abreise des Bruders reiste Lewin nach dem Auslande ab. Als er auf der Eisenbahn mit Schtscherbazkiy, einem Vetter Kitys, zusammentraf, setzte er diesen durch seine Niedergeschlagenheit sehr in Erstaunen.

„Was hast du denn?“ frug ihn Schtscherbazkiy.

„Nichts weiter; es giebt ja so wenig Angenehmes auf der Welt.“

„Inwiefern denn wenig? Komm, fahre mit mir nach Paris, in Gesellschaft eines gewissen Mylus. Da sollst du sehen, wie lustig es auf der Welt ist!“

„Nein. Ich bin schon fertig und möchte bald sterben.“

„Das ist doch dein Spaß!“ lachte Schtscherbazkiy, „ich bin ja erst im Begriff anzufangen!“

„So meinte ich auch noch vor kurzem, jetzt aber weiß ich, daß ich bald sterbe.“

Lewin sprach damit nur aus, was er wahrhaft gedacht hatte in diesen letzten Tagen. In allem sah er nur den Tod oder die Annäherung an denselben. Aber das von ihm unternommene Werk beschäftigte ihn nur um so mehr. Es galt ihm jetzt, sein Leben irgendwie fertig zu leben, bevor noch der Tod kam. Dunkelheit verschleierte für ihn alles, aber gerade mit dieser Dunkelheit fühlte er, daß der einzige leitende Faden in ihr nur noch sein Werk war, und mit den letzten Kräften widmete er sich diesem, klammerte er sich an ihm an.

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