Die Geschichte von Ali Baba und den Vierzig Räubern, die Durch Eine Sklavin Ums Leben Kamen
In alten Zeiten lebten in einer Stadt Persiens zwei Brüder; der eine hieß Casim und der andere Ali Baba. Ihr Vater hatte ihnen nur wenig Vermögen hinterlassen, und da sie es zu gleichen Hälften untereinander geteilt hatten, so sollte man meinen, daß ihre äußere Lage ziemlich gleich gewesen sein müßte; aber der Zufall fügte es anders. Casim heiratete die Tochter eines Kaufmanns, die nach dem Tode ihres Vaters einen Laden mit vielen Waren erbte, ein wohlgefülltes Lager und viele seltene Teppiche und Tücher; daher gehörte Casim bald zu den reichsten Leuten in der ganzen Stadt. Ali Baba aber nahm eine Frau, die sehr arm war, so daß er sehr dürftig in einer engen Hütte lebte und seinen Lebensunterhalt damit verdienen mußte, in einem nahen Walde Bäume zu fällen, die er auf drei Esel lud und in der Stadt zum Verkaufe ausbot.
Eines Tages war Ali Baba wieder im Walde und hatte soviele Äste gebrochen, daß er die Esel, sein einziges Besitztum, damit voll laden konnte — da erblickte er auf einmal in der Ferne eine mächtige Staubwolke, die hoch emporwirbelte und sich ihm näherte. Er sah aufmerksam und genau nach ihr hin und entdeckte bald, daß es eine Reiterschar war, die rasch und scharf auf ihn zukam. Da Ali Baba fürchtete, die Reiter könnten etwa Räuber sein, die ihn ermorden wollten, trieb er seine Esel in ein Gebüsch, um sie ihrem Schicksale zu überlassen, und erkletterte darauf einen starken, alten Baum, dessen Äste so dichtes Laub trugen, daß er sich bequem darin zu verstecken vermochte. So sah er alles, was unter ihm vorging, während ihn keiner von unten erspähen konnte. Der Baum aber stand an einem schroffen Felsen, der seine Äste überragte und so groß war, daß man ihn auf keiner Seite zu ersteigen vermochte.
Die Reiter, junge und stattliche Männer, die wohlbewaffnet waren, führten ihre Pferde dicht unter den Felsen und saßen dort ab. Ali Baba zählte, daß es ihrer vierzig waren und erkannte aus ihren Gesichtern und ihrem Gebaren, daß es wirklich Räuber waren, die hier wahrscheinlich ihre Beute in Sicherheit bringen wollten. Jeder von ihnen schirrte sein Roß ab, band es an einen Baum und warf ihm einen Sack voll Gerste vor. Dann nahmen sie ihre Reisetaschen ab, und Ali Baba sah, daß sie schwer von Gold und Silber waren. Der kräftigste und stattlichste von ihnen, der ihr Hauptmann zu sein schien, legte seine Satteltasche auf die Schulter, näherte sich dem Felsen, der dicht an dem Baume stand, auf den Ali Baba hinaufgeklettert war, bahnte sich den Weg durch Sträucher und Dornen und sprach die wundersamen Worte: »Sesam, öffne dich!« Sofort tat sich eine große Türe auf, durch welche alle Räuber in den Felsen hineingingen; der Hauptmann trat zuletzt ein, und das Tor schloß sich hinter ihm von selbst. Lange Zeit blieb die Bande in der Höhle, und Ali Baba mußte notgedrungen oben auf dem Baume hocken und warten; denn er hatte Angst, hinabzuspringen, weil vielleicht gerade einige der Räuber zurückkehren, ihn fangen und töten könnten. Seine Gedanken gingen schließlich so weit, daß er beschloß, sich eines der Pferde zu bemächtigen, seine Esel vor sich her zu treiben und so rasch wie möglich nach Hause zu reiten — da öffnete sich das Tor wieder, der Hauptmann trat heraus, zählte seine Leute, die er an sich vorbeiziehen ließ, und sprach zuletzt die Zauberworte: »Sesam, schließe dich!« worauf sich die Tür wieder von selber zutat. Dann nahm jeder sein Pferd, zäumte es, band die leere Satteltasche darauf, und alsbald ritten sie hastig denselben Weg zurück, auf dem sie gekommen waren.
Ali Baba wagte noch nicht, von seinem Aste herabzusteigen, bis sie alle seinen Blicken entschwunden waren. »Einer von ihnen könnte etwas vergessen haben,« dachte er, »dann wird er zurückkehren, mich hier entdecken, und ich wäre trotzdem verloren.« Dann aber ließ er sich auf den Boden herab, blickte um sich, und als er alles leer fand, sagte er zu sich: »Ich habe mir die Worte wohl gemerkt, die der Räuberhauptmann vorhin gesprochen hat, und will sehen, ob sie bei mir dieselbe Wirkung haben und ob sich auf meinen Befehl ebenfalls das Tor öffnen und schließen wird.« Er kroch also durch das Gebüsch, entdeckte die verborgene Türe, stellte sich davor und rief mit lauter Stimme: »Sesam, öffne dich!« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, da sprang die Türe angelweit auf, und er konnte eintreten. Wie erstaunte er, als er statt einer finstern und engen Höhle eine weite und geräumige Wölbung fand, die so hoch wie ein Mensch war und von oben durch runde Fenster in der Decke erleuchtet wurde. Da sah er viele Warenballen und köstliche Seidenstoffe, Brokat, bunte Teppiche und viel Mundvorrat. Besonders aber verwunderte er sich über eine unermeßliche Menge von Gold und Silber, das teils auf dem Boden in Haufen aufgeschüttet, teils in ledernen Beuteln und Säcken wohlverwahrt lag. Als er diese unzählbaren Schätze erblickte, erkannte Ali Baba sofort, daß diese Höhle nicht erst seit ein paar Jahren, sondern schon seit Jahrhunderten den Dieben als Zufluchtsort und als Speicher für ihren Raub gedient haben mußte. Er ging mutig vorwärts, und sofort schloß sich die Türe hinter ihm; doch er fürchtete sich nicht, denn er hatte das Zauberwort nicht vergessen und wußte, wie er sich wieder ins Freie retten konnte. Der Teppiche und Silbermünzen achtete er wenig, sondern machte sich sofort an die Beutel, in denen das gemünzte Gold lag. Er nahm so viele, als er tragen und seinen drei Eseln glaubte aufladen zu können. Er trieb sie wieder zusammen, packte ihnen die Säcke auf und legte Holz und Reisig darüber, um seinen Raub gut zu verbergen. Dann stellte er sich vor die Türe, rief: »Sesam, schließe dich!« und alsbald schloß sich der Felsen wieder von selbst; denn jedesmal, wenn einer die Höhle betrat, ging die Türe von selber zu, wenn er aber hinausging, blieb sie so lange offen, bis das Zauberwort gesprochen war.
Ali Baba trieb seine Esel schnell in die Stadt zurück, und als er vor seinem Hause anlangte, führte er sie in den kleinen Hof hinein. Er schloß die Türe sorgfältig hinter sich zu, lud dann das Reisig ab, mit dem er seinen Schatz verdeckt hatte, nahm die Säcke herunter, trug sie ins Haus und legte sie vor seinem Weibe auf den Tisch. Seine Frau betrachtete die Beutel, wog sie in der Hand, und als sie fühlte, daß Münzen darin waren, glaubte sie, Ali Baba habe das Geld geraubt. Sie schalt ihn aus und rief: »Du solltest nicht so gottlos und sündhaft handeln!« Ihr Mann aber unterbrach sie und sagte: »Tadele mich nicht, liebes Weib, und sei außer Sorge; ich bin kein Räuber, aber ich habe dieses Geld Räubern abgenommen. Freue dich über unser Glück, und höre, was mir begegnet ist.« Er schüttete die Säcke aus und legte das Gold auf einen Haufen zusammen, so daß seine Frau von dem Glanze ganz geblendet wurde; dann erzählte er ihr sein Abenteuer von Anfang bis zu Ende und befahl ihr besonders, die Sache wohl geheimzuhalten. Die Frau aber, die vor Freude und Erstaunen wie verwirrt war, begann den ganzen Geldhaufen, Stück für Stück, zu mustern. Ali Baba wurde ungeduldig und rief: »Törichtes Weib, was fällt dir ein? Du kannst ja eine Woche lang diese Münzen wenden und zählen! Ich will lieber hinausgehen und ein Loch graben, damit wir unsern Schatz darin verstecken können; laß uns nicht zaudern und warten.« Antwortete das Weib: »Du hast recht; doch möchte ich gern wissen, wieviel dieser Schatz wert ist. Darum will ich bei einer Nachbarin ein Maß borgen und ihn damit messen.« — »Liebe Frau,« entgegnete Ali Baba, »ich rate dir, davon abzulassen. Tue aber, was du willst, doch achte darauf, daß du das Geheimnis gut bewahrst und verschwiegen hältst.«
Sofort eilte sie zu ihrem Schwager Casim, der in der Nähe wohnte. Er war nicht daheim und darum bat sie sein Weib, ihr auf kurze Zeit ein Maß zu borgen. Die Schwägerin fragte: »Willst du ein großes oder ein kleines?« und sie entgegnete: »Gib mir ein kleines.« Die Schwägerin sagte: »Ich will dir gern den Gefallen erweisen; warte einen Augenblick, damit ich das verlangte holen kann.« Mit diesen Worten ging Casims Frau hinaus, holte das Maß und bestrich den Boden heimlich mit etwas Teig und Wachs, denn sie kannte Ali Babas Armut und war begierig zu erfahren, was seine Frau in dem Gefäße messen wollte. Dann brachte sie das Maß und entschuldigte sich, daß sie solange ausgeblieben wäre, sie habe es aber nicht sogleich finden können. Ali Babas Frau dankte und ging nichtsahnend nach Hause, stellte das Maß auf den Tisch und begann, es mit dem Golde zu füllen und dann auf dem Fußboden auszuleeren. Als sie damit fertig war, freute sie sich sehr über ihren großen Schatz, trug die Münzen hinaus in den Garten und verbarg sie in der Grube, die ihr Mann soeben vollendet hatte. Während er das Geld sorgfältig mit Erde bedeckte, trug seine Frau ihrer Schwägerin das Gefäß zurück, ohne zu merken, daß außen am Boden ein Goldstück kleben geblieben war. »Liebe Schwägerin,« sagte sie, »hier gebe ich dir dein Maß zurück; ich bin dir sehr dankbar dafür und hoffe, daß ich es nicht zu lange behalten habe.« Sofort betrachtete Casims Frau das Maß und untersuchte es genau; wie erstaunte sie, als sie am Boden das Geldstück entdeckte! Neid und Wut erfüllten ihr Herz, und sie sprach zu sich selber: »Wie geht das zu? Ohne Zweifel hat Ali Baba Gold gemessen; aber woher mag er es genommen haben?« Sie konnte kaum die Zeit erwarten, bis Casim zurückkehrte, der tagsüber in seinem Laden war und erst abends wieder nach Hause kam. Kaum war er ins Zimmer getreten, da lief ihm seine Frau entgegen, zog ihn sogleich am Arme herein, stellte sich vor ihn hin und sagte mit zornfunkelnden Augen: »Du glaubst, ein wohlhabender Mann zu sein; aber du irrst dich, denn Ali Baba, dein Bruder, ist tausendmal reicher als du! Er hat eine solche Menge Geldes, daß er es nicht mehr zählen kann, sondern messen muß.« Casim war sehr erstaunt über diese Nachricht und bat um genauern Bescheid; sie erzählte ihm nun, wie sie Ali Babas Frau hintergangen habe und zeigte ihm das Goldstück, das am Boden haften geblieben und so alt war, daß es die Inschrift und das Bild eines Königs trug, der ihnen völlig unbekannt war.
Sobald er hereinkam, begann sie, ihn zu verspotten.
Casim wurde von Neid und Habgier ergriffen und konnte die ganze Nacht keinen Schlaf finden; andern Tages aber, schon früh am Morgen, machte er sich auf und ging zu seinem Bruder, den er seit langer Zeit weder gesehen, noch gesprochen hatte; denn Casim war stolz und hochmütig geworden, seitdem er die reiche Frau geheiratet hatte. Er sagte: »Höre, Ali Baba, du spielst den Notleidenden und Bedürftigen und gibst dir den Anschein, ein Bettler zu sein; aber in Wahrheit bist du so reich, daß du dein Gold in Maßen messen mußt.« Ali Baba tat sehr verwundert und sagte: »Ich weiß nicht, was du meinst; sprich deutlicher, denn ich verstehe dich nicht.« Da wurde Casim zornig und sagte mit wütender Stimme: »Glaubst du, mich täuschen zu können? Sieh hier das Goldstück, das meine Frau an dem Maße gefunden hat; wieviel hast du davon?« Bei diesen Worten erschrak Ali Baba, denn er sah ein, daß durch den Starrsinn seiner Frau Casim und sein Weib bereits um sein Geheimnis wußten; da nun der Fehler nicht wieder gutzumachen war und er Verdruß und Unheil fürchtete, erzählte Ali Baba seinem Bruder die ganze Geschichte, wie er durch Zufall den Schlupfwinkel der Banditen und den Schatz darin entdeckt habe; er war sogar bereit, sein Gold zu teilen, wenn Casim nur nichts verlauten lassen und das Geheimnis gut hüten wollte. »Ich muß alles wissen,« sagte Casim trotzig, »beschreibe mir den Ort genau, wo der Schatz verborgen liegt, und nenne mir das Zauberwort, das ich sprechen muß; wenn du mir aber nicht alles der Wahrheit gemäß gestehst, so werde ich dich beim Richter anzeigen. Dann wirst du deines Schatzes verlustig gehen und Schande auf dich laden; und ich werde für meine Anzeige eine gute Belohnung erhalten.« Ali Baba fürchtete sich keineswegs vor der frechen Rede seines Bruders, aber aus Gutmütigkeit erzählte er ihm alles, was er verlangte, und nannte ihm auch die Zauberformel, durch die er in den Felsen hinein und wieder hinaus gelangen konnte.
Kaum hatte Casim alles erfahren, so eilte er nach Hause, denn er wollte seinem Bruder zuvorkommen und den herrlichen Schatz für sich allein behalten. Als die ersten Strahlen des Morgens leuchteten, brach er auf und trieb zehn Maulesel vor sich her, die er mit großen Kisten bepackt hatte; denn er gedachte, so viel von dem Golde nach Hause zu schleppen, als ihm irgend möglich war, und vielleicht noch einmal zu der Höhle zu gehen, um auch das Übrige mitzunehmen. Er wählte den Weg, den Ali Baba ihm angewiesen hatte, und gelangte bald an den Felsen; er erkannte ihn an dem Baume, in dem Ali Baba sich vor den Räubern versteckt hatte. Sogleich entdeckte er auch die Türe und rief mit freudiger Stimme: »Sesam, öffne dich!« Alsbald sprang das Tor weit auf, er trat ein in die Grotte und sah in hellem Erstaunen, daß weit mehr Juwelen und Reichtümer darin angehäuft waren, als er vermutet hatte. Kaum hatte er die Höhle betreten, als sich der Felsen von selbst hinter ihm schloß. Sprachlos wanderte er umher; bestaunte und betastete die unermeßlichen Schätze, die er gern den ganzen Tag lang bewundert hätte, wenn ihm nicht eingefallen wäre, daß seine zehn Maultiere mit den Kisten warteten, um die gefüllten Beutel nach Hause zu tragen. Er nahm also so viele Säcke, als er schleppen konnte, und ging damit auf den Eingang zu, um sie draußen den Eseln aufzubürden; aber über allem Staunen und Erraffen war ihm gerade das entfallen, was für ihn am bedeutungsvollsten war; er hatte das Zauberwort vergessen, und rief: »Gerste, öffne dich!« Aber wie bestürzt und erschrocken war er, als die Türe seinem Rufe nicht gehorchte, sondern verschlossen blieb! In seiner Angst rief er alle Getreidenamen, die ihm gerade einfielen, nur nicht den richtigen, der seinem Gedächtnis entschwunden war — aber die Höhle blieb nach wie vor verschlossen. Bestürzung und Angst beschlichen wachsend seine Seele, und je mehr er rief und schrie, desto verwirrter und ratloser wurde er; das Wort »Sesam« war seiner Erinnerung so entschlüpft, als hätte er es niemals nennen hören. Er rannte verzweiflungsvoll in der Höhle auf und nieder, nach vorn und zurück, und warf die Säcke zornig auf die Erde, denn all die Schätze, die ihn vorher mit Gier und neidischer Freude erfüllt hatten, waren jetzt nutzlos und bereiteten ihm Schmerz und Furcht. Hoffnungslos setzte er sich auf eine der Kisten, die mit wertvollen Teppichen vollgepackt war, raufte sich die Haare und versank in tiefes, dumpfes Brüten. So wollen wir Casim verlassen, denn unseres Mitleids ist er nicht würdig.
Gegen Mittag kamen die Räuber durch den Wald auf den Felsen zugeritten und erblickten schon von ferne die mit Kisten bepackten Maulesel, die ungefesselt im Walde grasten und weideten. Bestürzt über diesen Anblick sprengten die Räuber näher, trieben die Tiere auseinander und achteten ihrer nicht weiter, denn ihre erste Sorge war, den Besitzer aufzufinden. Sie schlichen sich also um den Felsen herum und suchten alle Gebüsche ab, spähten auf alle Bäume, aber vergebens. Der Hauptmann schwang sich vom Pferde, zog den Säbel, trat auf die Türe zu und sprach das Zauberwort. — Casim hatte von drinnen das Getrappel und Stampfen der Pferde gehört und ahnte, daß es die Banditen seien, welche neue Beute bringen wollten. In seiner Angst stellte er sich dicht vor die Türe, denn er hatte beschlossen, den letzten Versuch zu seiner Rettung zu wagen, ehe er dem sichern Tode anheimfiele. Als sich der Felsen auftat, stürzte er hastig hinaus und prallte so ungestüm gegen den Hauptmann, daß er ihn heftig zu Boden warf. Aber sofort ergriffen ihn die übrigen Räuber, packten ihn, warfen ihn nieder und schlugen ihm auf der Stelle mit dem Säbel den Kopf entzwei. Dann stürmten sie in die Höhle hinein und fanden die Säcke, die Casim am Tore hingeworfen hatte; sie legten alles wieder an die vorige Stelle zurück, achteten aber nicht darauf, daß noch andere Beutel fehlten, die Ali Baba vorher weggetragen hatte, denn sie waren sehr bestürzt und verwundert. Sie dachten nun darüber nach, wie der Fremde wohl in die Höhle gekommen wäre; durch die Fenster an der oberen Wand, durch welche das Licht des Tages schimmerte, hatte er unmöglich einsteigen können, denn der Felsen war zu glatt und hoch; sie verstanden aber auch nicht, wie Casim durch das Tor hatte hereinkommen können, denn nur sie allein kannten die Zauberformel, um es zu öffnen. Sie wußten ja nicht, daß Ali Baba sie auf dem Baume belauscht hatte. Um aber künftighin vor Spähern sicher zu sein, vierteilten sie den Leichnam Casims und hingen die Stücke zu beiden Seiten des Tores auf, zwei zur rechten, zwei zur linken, damit ein jeder abgeschreckt und gewarnt würde, der etwa in die Grotte einzudringen wagte. Sie kamen überein, nicht eher an diesen Ort zurückzukommen, bis sich der Leichengeruch verflüchtigt hätte, schlossen das Tor wieder, bestiegen ihre Rosse und ritten durch den Wald der Straße zu, um neue Karawanen abzufangen und auszuplündern.
Als nun die dunkle Nacht kam und Casim nicht nach Hause zurückkehrte, ängstigte sich sein Weib und wurde unruhig. Sie lief zu Ali Baba und sagte: »Weißt du, lieber Schwager, wohin dein Bruder gegangen ist? Es ist bereits finster, und er ist noch nicht wieder daheim; ich fürchte sehr, daß ihm draußen im Walde irgendein Unglück widerfahren ist.« Ali Baba war an diesem Tage nicht fortgegangen, weil er erriet, daß sein neidischer Bruder schleunigst die Höhle aufsuchen würde; er vermutete wohl, daß Casim irgendein Unheil zugestoßen sei, blieb aber äußerlich heiter und ruhig, tröstete seine Schwägerin, so gut er es vermochte, und sagte ihr, daß ihr Mann vielleicht mit Absicht erst spät und auf Umwegen in die Stadt zurückkehre, um seinen Raub geheimzuhalten. Casims Frau ging nach Hause zurück und wartete, bis die Mitternacht verstrichen war; aber ihre Sorge und Angst wuchsen, da der Vermißte noch immer ausblieb; sie wagte nicht zu schreien und laut zu weinen, damit nicht eine der Nachbarinnen ihr Geheimnis erführe. Sie bereute sehr ihren Neid und ihre Neugierde und verwünschte ihre Eifersucht, die sie dazu getrieben hatte, sich in fremde Angelegenheiten zu mischen. Als der Tag anbrach, lief sie zu Ali Baba und bat ihn unter heißen Tränen, seinen Bruder im Walde zu suchen.
Mit drei Mauleseln machte sich Ali Baba auf den Weg und ging hinaus in den Wald, nachdem er seiner Schwägerin zugeredet und sie mit freundlichen Worten besänftigt hatte. Als er nun zu dem Felsen kam, staunte er sehr darüber, als er die frischen roten Blutspuren am Eingang entdeckte, und ahnte sofort Unheil. Er blickte um sich, aber auch die Maultiere des Bruders waren nirgends zu sehen. Er trat nun vor die Türe, sprach die Zauberformel und ging hinein. Wie erschrak er aber, als er in der Höhle den gevierteilten Leichnam seines Bruders hängen sah, zwei Teile zur rechten und zwei zur linken! Vor Staunen und Schmerz blieb er lange reglos stehen; dann aber beschloß er, seinem Bruder die letzten Ehren zu erweisen, nahm aus den Warenballen einige kostbare Tücher, hüllte die vier Teile seines Bruders hinein und lud alles einem seiner Tiere auf. Darüber aber legte er Reisig und Holz, damit niemand Argwohn schöpfen sollte. Dann bepackte er die beiden anderen Esel mit Goldsäcken, die er ebenfalls unter Reisig versteckte, schloß das Tor wieder mit der Zauberformel und zog ohne Umstände nach Hause zurück. Als er mit Anbruch der Nacht die Stadt erreichte, übergab er die zwei mit Gold beladenen Esel seinem Weibe und befahl ihr, den Schatz schleunigst zu vergraben. Mit dem andern Tiere aber, auf welchem Casims Leiche lag, ging er zu dem Hause seiner Schwägerin. Er klopfte vorsichtig an das Tor, und alsbald öffnete ihm Casims Sklavin Morgiana, ein kluges und verständiges Mädchen; sie schob leise den Riegel zurück, führte Ali Baba in den Hof und lud das Holz ab, nebst den eingehüllten Leichenteilen. Dann sprach Ali Baba leise zu ihr: »Höre, Morgiana, was ich dir jetzt sage. In diesen beiden Teppichen liegt der Leichnam deines Herrn; wir müssen sogleich die Bräuche zur Beerdigung vollziehen, als ob er eines natürlichen Todes gestorben wäre. Vor allem aber sei verschwiegen, denn das Geheimnis ist sehr wichtig und könnte deiner Herrin Unglück zuziehen. Jetzt führe mich hinein, damit ich mit deiner Gebieterin reden kann.« Ali Baba trat in das Gemach seiner Schwägerin, die ihm verstört und ungeduldig entgegenkam. »Gewiß bringst du mir schlechte Nachrichten von meinem Manne,« rief sie, »denn dein Gesicht ist umdüstert und kündet mir nichts Gutes.« Ali Baba erwiderte: »Nicht eher kann ich dir etwas erzählen, als bis du mir gelobst, kein Wort laut werden zu lassen über das, was nun einmal geschehen ist; für dich und für mich geziemt es sich gleichermaßen, Verschwiegenheit zu bewahren.« Bei diesen Worten weinte die Schwägerin und versetzte: »Nun weiß ich, daß mein Gatte nicht mehr unter den Lebenden weilt; aber ich erkenne, daß Verschwiegenheit nötig ist und gebe dir das Versprechen, das du von mir forderst.« Hierauf erzählte Ali Baba, was sich mit Casim zugetragen hatte und fügte noch hinzu: »Was Allah bestimmt hat, müssen wir ruhig hinnehmen. Hab’ Geduld, und betrübe dich nicht allzusehr, denn das Unglück ist unabänderlich! Wenn du aber deinen Gatten nach Gebühr betrauert hast, so will ich dich gern zum Weibe nehmen, wenn dir das einen Trost geben kann; du brauchst nicht zu fürchten, daß meine erste Gattin dich durch Eifersucht quälen wird, denn sie ist freundlich und wird dir gewiß mit Zärtlichkeit entgegenkommen. Vor allem aber müssen wir jetzt darauf halten, daß die Leiche meines Bruders verbrannt werde, als ob er eines natürlichen Todes gestorben wäre; überlaß nur alles deiner Sklavin Morgiana, ich werde mit ihr beraten, was zu tun ist.« Casims Witwe war gern bereit, auf Ali Babas Vorschlag einzugehen, denn außer dem Vermögen, das sie von ihrem ersten Mann ererbte, erhielt sie ja noch einen sehr reichen Mann; sie trocknete ihre Augen, tröstete sich rasch und entließ ihren Schwager mit der Versicherung, daß sie sein Anerbieten nicht ausschlagen würde. Der aber setzte sich auf seinen Esel und ritt gemächlich seiner Wohnung zu.
Mustapha zweifelte stark an seiner Fähigkeit, sich keine Fragen zu stellen.
Als Ali Baba das Haus verlassen hatte, eilte Morgiana hinüber in den Laden eines Apothekers; sie klopfte bei ihm an und verlangte eine gewisse Arzenei, die man bei den gefährlichsten Krankheiten anwendete. Er gab ihr, was sie verlangte, und fragte sie: »Wer ist denn im Hause deines Herrn so krank, daß ihr dieses seltenen Heilmittels bedürft?« Sie erwiderte mit betrübter Stimme: »Ach, ach, mein armer Herr Casim selbst liegt danieder! Er ißt und trinkt nichts und spricht seit einigen Tagen kein Wort mehr, so daß wir fürchten, daß es mit ihm zu Ende geht.« Damit nahm sie die Arzenei, die dem toten Casim nichts mehr nützen konnte, und ging. Am nächsten Morgen trat Morgiana wieder bei dem Kräuterhändler ein, weinte und seufzte sehr und verlangte einen noch kräftigem Saft, den man den Kranken nur in der letzten Not einzugeben pflegte, damit der Sterbende schmerzlos entschlafen sollte. »Ach, ach!« rief sie, »mein armer Herr, mein guter Herr! Er wird gewiß nicht mehr die Kraft haben, die Arzenei zu trinken, und ich fürchte, sie wird ebensowenig nützen, wie die gestrige.« Den ganzen Tag über gingen Ali Baba und seine Frau mit betrübten und klagenden Gesichtern umher und warteten schon darauf, daß das Jammern der Schwägerin und ihrer Sklavin ihnen das Zeichen geben sollte, Casims Begräbnis ehrenvoll und feierlich zu begehen.
Am Morgen des zweiten Tages lief Morgiana zu der Bude eines alten Schusters, der seinen Laden stets sehr früh, vor den anderen öffnete, grüßte ihn freundlich und drückte ihm ein Geldstück in die Hand. Der Schuhflicker, der in der ganzen Stadt Baba Mustapha genannt wurde, war ein fröhlicher und lustiger Geselle, wendete die Münze hin und her, weil es noch etwas dämmerig war, und sagte dann: »Schönen Dank, mein Fräulein! Das ist ja ein gutes Handgeld! Was steht zu Diensten?« Morgiana sagte: »Lieber Baba Mustapha, mache dich auf und folge mir; nimm auch alles Handwerkszeug mit, das du zum Flicken brauchst. Du mußt dir aber die Augen verbinden lassen, bis wir an dem Orte angekommen sind, wohin ich dich jetzt führen werde.« — »Ach nein, lieber nicht,« wehrte Baba Mustapha ab, »gewiß forderst du etwas, was gegen das Gesetz oder gegen mein Gewissen verstößt! Laß mich lieber hier in meinem Laden bleiben.« Morgiana gab ihm ein zweites Goldstück, beruhigte ihn und sagte: »Wie kannst du so etwas von mir glauben? Ich werde nichts verlangen, was du nicht in allen Ehren vollbringen dürftest. Hab’ keine Angst und folge mir getrost.« Baba Mustapha weigerte sich noch ein wenig, dann aber ließ er sich ein Tuch um die Augen binden, nahm Morgianas Hand und ließ sich von ihr bis zu dem Hause Casims führen; als sie in dem Zimmer angelangt waren, in welchem der Leichnam lag, nahm ihm Morgiana die Binde von der Stirn und sagte: »Baba Mustapha, du sollst die vier Stücke dieses Toten zusammennähen; eile dich mit der Arbeit; wenn du dein Werk getan hast, werde ich dir noch ein Goldstück geben.« Baba Mustapha tat, wie sie ihm gesagt hatte, und als er fertig war, bekam er die versprochene Münze. Dann ließ er sich wieder die Augen verbinden und eine Strecke Weges begleiten. Als ihm Morgiana das Tuch abgenommen hatte, hieß sie ihn nach Hause gehen und verfolgte ihn mit ihren Augen, bis er verschwunden war; denn sie fürchtete, er könnte etwa umwenden und ihr heimlich nachgehen.
Als Morgiana nach Hause zurückkam, bereitete sie warmes Wasser, um den Leichnam zu waschen, und Ali Baba, der zu gleicher Zeit mit ihr eingetreten war, half ihr dabei, salbte und beräucherte ihn und hüllte ihn dann in das Leichentuch. Bald kam auch der Schreiner und brachte den Sarg, den Morgiana an der Türe abnahm; sie legten den Leichnam hinein und stellten ihn feierlich in dem Zimmer auf. Dann gingen sie in die Moschee und meldeten, daß alles zum Begräbnis fertig wäre. Sie sagten, daß die Leiche bereits gewaschen sei und die Dienste der dazu bestimmten Leute also unnötig wären. Kurze Zeit darauf kam der Imam mit seinen Dienern, vier Nachbarn hoben den Sarg auf die Schultern und trugen ihn hinter dem Imam und den übrigen Trauernden, indem sie fortwährend Gebete sprachen, bis sie an den Begräbnisplatz kamen. Morgiana ging barhäuptig, jammernd und weinend vor dem Sarge, schlug sich die Brust und raufte sich die Haare. Ali Baba und die Nachbarn, die von Zeit zu Zeit die Sargträger ablösten, schritten hinter ihr her. Casims Frau war zu Hause geblieben und erhob mit den Nachbarinnen ein großes Wehegeschrei, so daß das ganze Stadtviertel von ihren Klagen widerhallte. So blieb Casims Tod verborgen, und niemand, außer Ali Baba, dessen Frau, Morgiana und Casims Witwe, wußte etwas von dem Geheimnis. — Wenige Tage nach dem Begräbnis brachte Ali Baba seinen Hausrat und das Geld, welches er aus der Räuberhöhle gestohlen hatte, zur Nachtzeit in das Haus von Casims Witwe, wo er fortan zu leben gedachte. Damit vollzog er seine öffentliche Vermählung mit der Witwe seines Bruders, über die niemand irgendwelche Verwunderung oder Argwohn hegte. Casims Laden aber mußte Ali Babas Sohn übernehmen, der bei einem reichen Kaufmann in die Lehre gegangen war und sich ein tüchtiges Wissen angeeignet hatte; er sollte den Handel weiterhin betreiben und später, wenn er seine Geschäfte gut und erfolgreich führte, eine vermögende Frau erhalten. —
Was nun die vierzig Räuber anbetrifft, so kehrten sie nach einer bestimmten Frist wieder in die Höhle zurück und waren höchst verwundert, als sie keine Spur mehr von Casims Leiche fanden und auch bemerkten, daß eine Menge von den schweren Goldsäcken fortgetragen worden war. Sie sagten untereinander: »Wehe, wir sind verraten! Wir müssen jetzt die Sache genau untersuchen und auf der Hut sein, sonst werden wir allmählich den ganzen Schatz verlieren, den unsere Väter und wir selbst in vielen Jahren, unter so großen Gefahren und Beschwerden, hier angesammelt haben.« Der Hauptmann sprach: »Sicherlich wußte der Dieb, den wir in der Höhle erschlugen, das Zauberwort, durch das sich die Türe auftut, aber noch ein anderer muß Kenntnis davon haben, denn wer sollte sonst den Leichnam des Ermordeten weggetragen haben? Auch sind viele Beutel fortgeschleppt worden, so daß unsere Reichtümer sehr zusammengeschmolzen sind. Wir haben den ersten Dieb gefangen und getötet, nun wollen wir überlegen, wie wir auch den andern finden und aus dem Wege räumen können. Sagt mir euere Meinung, Kameraden, und beratet mit mir.« Einer von ihnen sagte: »Du hast recht, Hauptmann; unser erstes Streben muß dahin gehen, den Dieb ausfindig zu machen; laß uns alle Kräfte daran setzen, seiner habhaft zu werden.« — »Klug hast du geredet,« versetzte der Hauptmann, »nun aber höret folgenden Vorschlag, meine wackeren Leute! Einer von euch muß sich verkleiden und in der Tracht eines fremden Reisenden in die Stadt begeben, um in allen Straßen zu forschen, ob nicht kürzlich einer der Städter gestorben ist, und wo er gewohnt hat. Ein tapferer und unternehmungslustiger Mann soll sich sofort dem Wagnis unterziehen, denn es ist wichtig für uns, daß wir nicht in dem Lande verraten werden, in dem wir so lange unsern Unterschlupf hatten. Damit aber derjenige, der die Sendung übernimmt, keine falsche Kunde bringt, die uns etwa Unheil und Verderben zufügen kann, so soll über ihn die Todesstrafe verhängt werden, wenn er unserer Sache untreu wird und Verrat übt.« Sofort meldete sich einer der Räuber und sagte: »Laß mich in die Stadt ziehen und auf Kundschaft ausgehen! Wenn es mir nicht gelingt, etwas zu erforschen, so sei mein Leben verwirkt; aber ihr seht dann doch, daß ich tapfer und guten Willens war.« Der Hauptmann und seine Kameraden lobten ihn sehr und freuten sich über seinen Wagemut; dann halfen sie, ihren Kameraden zu verkleiden, so daß ihn auch sein bester Freund nicht wiedererkennen konnte.
Der Räuber zog aus und kam gerade in die Stadt, als der Tag zu dämmern begann. Er begab sich sogleich auf den Marktplatz, wo noch alle Läden geschlossen waren, außer dem des Baba Mustapha. Der Schuster saß auf seinem Schemel, mit dem Pfriemen in der Hand, und wollte eben seine Arbeit beginnen. Der Räuber bot ihm einen Gutenmorgen, trat näher und sagte freundlich zu ihm: »Du bist sehr alt und fängst doch schon so zeitig dein Geschäft an. Unmöglich kannst du gut sehen, da es noch graue Frühdämmerung ist.« Der Schuhflicker antwortete: »Ich merke, daß du nicht aus der Stadt stammst, denn du kennst mich nicht. Zwar bin ich schon sehr betagt, aber meine Augen blicken noch scharf. Was sagst du dazu, daß ich vor nicht langer Zeit eine Leiche zusammengeflickt habe, und zwar in einem Zimmer, das noch dunkler war, als dieser Morgen?« Der Räuber freute sich sehr, als er diese Worte hörte, weil er ahnte, daß er sogleich den richtigen Mann gefunden hatte; deshalb wollte er ihn noch ein wenig ausfragen und sagte: »Du darfst nicht so mit mir scherzen, lieber Freund! Warum solltest du denn eine Leiche zusammennähen? Gewiß hast du dich versprochen und meintest das Leichentuch, in das sie eingewickelt wurde.« Baba Mustapha lachte verschmitzt und sagte obenhin: »Laß mich nur zufrieden; ich weiß sehr gut, was ich meine. Ich sehe, du möchtest mich gern mit Fragen beschwatzen, aber ich werde dir nichts erzählen.« Der Räuber, dem viel darauf ankam, genauere Auskunft zu erhalten, zog ein Goldstück aus der Tasche und drückte es Mustapha in die Hand. »Es liegt mir fern, deine Geheimnisse auszuspüren,« sagte er, »obschon du glauben kannst, daß mein Herz und mein Mund sehr verschwiegen sind, wie es sich für einen Mann geziemt. Nur das eine möchte ich gerne wissen, und du wirst mir die Antwort gewiß nicht verweigern: wo ist das Haus, in welchem du den Leichnam genäht hast? Kannst du es mir zeigen und mich dorthin führen?« Baba Mustapha zauderte und steckte das Goldstück nicht in die Tasche, sondern wollte es dem Räuber wiedergeben; er entgegnete: »Was nützt mir die Belohnung, wenn ich dir keinen Dienst erweisen kann? Es steht gar nicht in meiner Macht, deinen Wunsch zu erfüllen. Eine Sklavin führte mich an eine bestimmte Stelle und verband mir da die Augen; von dort brachte sie mich in jenes Haus und in das dunkle Zimmer; und als ich meine Arbeit vollendet hatte, legte sie mir wieder das Tuch um die Augen und führte mich an denselben Ort zurück, wo sie mich abgeholt hatte. Du siehst also selbst, daß ich dir das Haus nicht weisen kann; darum nimm hier dein Geldstück wieder.« Der Räuber entgegnete: »Wenn du auch das Haus nicht kennst, so erinnerst du dich vielleicht des Weges, den dich die Sklavin geführt hat. Bitte folge mir bis zu der Stelle, wo sie dir die Augen verband; dann werde ich dich dieselben Gassen und Querstraßen leiten, und vielleicht weißt du noch, welche du damals gegangen bist. Damit du aber deine Arbeit im Laden nicht unnütz liegen läßt, gebe ich dir hiermit ein weiteres Goldstück.« Baba Mustapha nahm die zweite Münze, wog sie lange in der Hand, besah sie aufmerksam und überlegte, was er tun sollte. Dann steckte er sie zufrieden in seinen Beutel, erhob sich und folgte dem Räuber, indem er sagte: »Zwar kann ich dir nicht versprechen, deinen Wunsch zu erfüllen; aber ich werde mich anstrengen und mich besinnen.« Er verschloß seinen Laden nicht erst, weil er darin nichts Wertvolles liegen hatte, und führte den erfreuten Räuber an jenen Ort, wo ihm die Sklavin damals die Augen verbunden hatte. Als sie dort angelangt waren, legte ihm der Räuber ein Tuch um die Stirn und ließ sich von dem Schuster führen, indem er ihn an der Hand hielt und allen seinen Schritten folgte. Baba Mustapha ging vorsichtig und berechnend die Straße entlang; plötzlich machte er halt und sagte: »Ich glaube, daß wir hier vor dem richtigen Gebäude stehen.« Der Räuber zog sofort ein Stück weißer Kreide hervor und machte ein Zeichen an die Haustüre, um sie wiederzuerkennen, dann nahm er Baba Mustapha das Tuch von den Augen und fragte, wem das Haus gehöre. Der Schuhflicker entgegnete: »Ich kenne mich in diesem Stadtviertel nicht aus, denn ich wohne nicht hier, darum kann ich dir keine Antwort geben.« Der Räuber sah, daß er nichts weiter in Erfahrung bringen konnte, dankte Baba Mustapha für seine Freundlichkeit und schickte ihn wieder in den Laden. Dann machte er sich eilends auf und kehrte in den Wald zurück, wo seine Kameraden auf ihn warteten.
Indem er sich verkleidete, verwandelte er sich.
Nicht lange danach trat Morgiana aus dem Hause, um eine Besorgung zu machen; als sie zurückkam, erblickte sie das Zeichen, das der Räuber mit weißer Kreide an der Türe angemerkt hatte. Sie blieb verwundert stehen und betrachtete es gedankenvoll. »Was bedeutet das?« fragte sie sich selbst. »Gewiß will jemand meinem Herrn einen Streich spielen. Oder sollte ein Mißgünstiger oder Neider irgend etwas im Schilde führen? Auf jeden Fall ist es gut, wenn man vorsichtig ist.« Mit diesen Worten nahm sie ebenfalls ein Stück Kreide und bemalte die Türen der Nachbarhäuser, die fast ebenso aussahen, mit demselben Zeichen und an derselben Stelle; dann ging sie wieder an ihre Arbeit, ohne ihrem Herrn oder ihrer Herrin irgend etwas von dem Vorgefallenen mitzuteilen.
Indessen war der Räuber im Walde angelangt und kehrte vergnügt zu seinen Kameraden zurück. Er erzählte ihnen sein Abenteuer und den guten Verlauf seiner Reise und freute sich über das Glück, daß er sogleich den richtigen Mann gefunden hatte, von dem er das Nötige erfahren konnte. Der Hauptmann war voll Lobes und sagte zu seinen Leuten: »Wir wollen jetzt ohne Säumen und unbemerkt nach der Stadt aufbrechen. Bewaffnet euch gut, und laßt Vorsicht walten! Während ich mit unserm Kameraden, der uns eben jetzt so erfolgreiche Kunde gebracht hat, zu dem Hause gehe, das er ausgekundschaftet hat, sollt ihr von verschiedenen Seiten aus auf dem Marktplatze zusammenkommen, wo ich euch dann alles weitere mitteilen werde.« Diese Worte fanden allgemeinen Anklang. Zwei und zwei zogen die Räuber in die Stadt, ohne irgendwie Verdacht zu erregen, da sie auf der Hut waren und getrennt voneinander gingen. Zuletzt kam der Hauptmann mit seinem Führer und ließ sich sogleich zu Ali Babas Haus geleiten. Hier wies ihm der Räuber das Zeichen am Tore, sie musterten das Haus unauffällig, aber genau, und gingen dann ruhig weiter, als ob sie, wie Fremde, zufällig diese Straße durchwanderten. Da bemerkte der Hauptmann, daß auch die folgenden Türen dasselbe Zeichen an derselben Stelle trugen und sprach entrüstet und barsch zu dem Führer: »Nun sage mir, du Schuft, welches das richtige Haus ist!« Der Räuber geriet in Verwirrung und Verlegenheit und wußte keine Antwort. Er fluchte heftig und rief: »Wahrlich, ich habe nur eine einzige Türe bezeichnet und verstehe nicht, woher die übrigen Kreidestriche stammen. Nun aber kann ich nicht mehr mit Sicherheit angeben, welches Haus ich anmerkte, denn ich habe es nicht genau betrachtet.« Sie gingen also unverrichteter Sache zum Marktplatze zurück, und dort sagte der Hauptmann zu einem seiner Leute: »Sage den übrigen, daß unser Weg erfolglos war, und daß sie alle wieder nach dem Sammelpunkte im Walde zurückkehren sollen.« Er selbst folgte ihnen und ging zu der Felsenhöhle, wo er die Räuberbande beisammen traf. Sie hielten Gericht über den ungeschickten Führer und erkannten ihn einstimmig für des Todes schuldig; ohne Widerrede und Furcht hielt der Unglückliche seinen Hals hin und ließ sich den Kopf abschlagen. Dann trat ein anderer aus der Bande auf und sagte, er würde es besser machen; man solle ihm die Ehre erweisen und ihn das Haus suchen lassen. Man war es zufrieden und schickte ihn ans Werk. Auch er traf Baba Mustapha auf dem Markte, schenkte ihm Goldstücke und ließ sich von ihm zu Casims Hause geleiten, wo er die Türe an einer verborgenen Stelle mit roter Kreide zeichnete, um sie von den anderen weißgezeichneten unterscheiden zu können. Aber wieder sah Morgiana das rote Zeichen, als sie aus dem Hause ging, und bemalte sofort die übrigen Türen ebenfalls mit Rötel, da sie noch stärkern Verdacht hegte.
»Herr», sagte er, »ich habe mein Öl von einer weiten Strecke mitgebracht, um es morgen zu verkaufen.«
Der Räuber kehrte fröhlich und zufrieden in den Wald zurück, erzählte, wie schlau er zu Werke gegangen sei und forderte den Hauptmann auf, sogleich mit ihm in die Stadt zu gehen. Vorsichtig und in derselben Ordnung, wie am vorigen Tage, begaben sie sich auf den Weg, und der Hauptmann wanderte mit seinem Führer zu Ali Babas Wohnung. Aber hier bemerkten sie mit Erschrecken und Staunen, daß auch die Nachbartüren mit Rötelstrichen versehen waren, und so mußten sie enttäuscht und bestürzt wieder den Rückweg antreten. Der törichte Spion wurde gleichfalls enthauptet, wie der erste. Der Hauptmann war bekümmert darüber, daß er nun schon zwei seiner tapferen Leute hatte hingeben müssen und fürchtete, daß auch noch andere ihm verloren gehen könnten, denn sie waren mehr für Angriff und Raub geeignet, als zu geschickten und listigen Unternehmungen. Er beschloß daher, selbst auf Kundschaft zu gehen, bestach gleichfalls den Schuster Baba Mustapha und ließ sich von ihm zu Ali Babas Behausung führen. Er vermied es aber, irgendein äußeres Zeichen anzubringen, sondern ging verschiedene Male an dem Hause vorüber und betrachtete es so genau, daß es sich seinem Gedächtnis unverlierbar einprägte. Dann kehrte er wieder in den Wald zurück und sagte, als er in der Felsengrotte war und die Bande um sich versammelt sah: »Jetzt werden wir sicherlich das Haus wiederfinden, denn ich habe es mir genau gemerkt; es wird uns gewiß nicht mehr schwer fallen, den Dieb zu finden. Nun hört, was ich mir überlegt habe! Vor allem darf niemand etwas von unserer Höhle und dem Schatze erfahren, denn sonst würden wir uns ins Verderben stürzen. Gehet hin in die umliegenden Dörfer und kauft dort neunzehn Maulesel, nebst achtunddreißig großen ledernen Ölschläuchen, von denen der eine gefüllt, die anderen aber leer sein müssen, und bringt alles hierher; dann soll jeder von euch, wohl bewaffnet, in einen Schlauch hineinkriechen, und so werde ich euch unbemerkt in die Stadt hineinbringen; das andere überlaßt mir.« In kurzer Zeit hatten die Räuber alles beisammen. Nachdem sie in die Schläuche hineingekrochen waren und sich durch eine kleine Ritze, die sie auftrennten, Luft verschafft hatten, nahm der Hauptmann Öl aus dem vollen Schlauche und befeuchtete die übrigen Schläuche damit, um die Täuschung besser zu vollenden. Dann lud er alle Schläuche, in denen je einer von den Räubern stak, sowie den mit Öl gefüllten auf die Maulesel und zog, als Händler verkleidet, in der Abenddämmerung nach der Stadt. Er nahm sogleich seinen Weg zu Ali Babas Haus, denn er hatte die Absicht, bei ihm anzufragen, ob er ihm und seinen Maultieren ein Nachtquartier gönnen wollte. Ali Baba saß behaglich vor der Türe, denn er hatte soeben sein Abendessen eingenommen und wollte noch ein wenig frische Luft atmen. Der Räuber grüßte ihn, hielt die Maultiere an und sprach: »Herr, ich komme von weit her und möchte morgen mein Öl, das du hier siehst, auf dem Markte zum Verkaufe ausbieten. Ich bin leider etwas zu spät in die Stadt gekommen und weiß nicht, wo ich zur Nacht ein Unterkommen finden kann. Habe Mitleid und nimm mich für diese Nacht in deinem Hause auf; ich will dir nicht lästig fallen.« Ali Baba hatte zwar den Banditen damals im Walde, als er auf dem Baume saß, gesehen und auch seine Stimme gehört, aber infolge der Verkleidung konnte er in dem Ölhändler den Räuberhauptmann nicht wiedererkennen; er sagte also: »Tritt ein, Fremder, und sei mir willkommen; du magst hier nächtigen.« Und er führte den Händler mit seinen Mauleseln in den Hof. Dort ließ er die Tiere von seinem Sklaven anbinden und mit Heu und Gerste füttern; er selbst ging in die Küche zu Morgiana und sagte zu ihr: »Bereite schnell für unsern Gast, der soeben angekommen ist, ein gutes Nachtmahl, und richte in einem der Zimmer ein Bett für ihn her.« Dann begab er sich wieder in den Hof und in den Stall, wo der Hauptmann seine Esel abgeladen hatte. »Du darfst nicht unter freiem Himmel schlafen, Fremder,« sagte er. »Komm mit herein in meinen Saal, damit ich dich würdig als meinen Besuch aufnehmen kann.« Der Räuber weigerte sich, denn er wollte lieber im Hofe bleiben, um sein Vorhaben desto besser und ungestörter ausführen zu können; aber auf die Bitten des Hausherrn, denen er nicht länger widerstehen konnte, folgte er ihm in das Haus. Dort unterhielt ihn Ali Baba aufs beste und ließ ihm ein leckeres Abendessen auftragen; er leistete ihm so lange Gesellschaft, bis er sein Mahl beendet hatte; dann stand er auf und sagte: »Ich muß dich leider jetzt verlassen; wenn du etwas brauchst, so rufe nur, es soll dir alles im Hause zu Diensten sein.« Darauf ging er hinaus zu Morgiana und sprach: »Sorge auch weiterhin für unsern Gast, daß es ihm an nichts fehle. Morgen früh, vergiß es nicht, will ich ins Bad gehen; lege die Tücher zurecht, und gib sie meinem Sklaven Abdallah; ferner bereite mir eine gute, kräftige Fleischbrühe, damit ich sie trinken kann, wenn ich wieder nach Hause komme.« Nach diesen Worten begab sich Ali Baba auf sein Zimmer und legte sich ins Bett.
Der Räuberhauptmann war indessen in den Hof hinausgetreten, um im Stalle nachzusehen, ob seine Maultiere Futter und Wasser erhalten hätten. Er flüsterte seinen Leuten, die in den Schläuchen staken, heimlich und vorsichtig zu: »Wenn ich um Mitternacht aus meinem Zimmer kleine Steine herabwerfe, so schneidet mit euren scharfen Messern den ledernen Schlauch von oben bis unten auseinander, und kriecht sofort heraus. Ich werde dann augenblicklich zu euch kommen.« Leise ging er in das Haus zurück, und als er an der Küche vorüberkam, ergriff Morgiana das Licht, führte ihn in seine Kammer und fragte ihn, ob er noch irgend etwas brauche, dann solle er nur seine Wünsche äußern. Der fremde Händler aber dankte, löschte das Licht und legte sich angekleidet auf das Bett, um ein wenig zu ruhen.
Morgiana ging nun an den Schrank und legte die weißen Badetücher zurecht, die sie dem Sklaven Abdallah übergab; dann stellte sie den Topf aufs Feuer, um die Fleischbrühe zu bereiten. Während sie nun damit beschäftigt war, verlosch plötzlich ihre Lampe, und die Magd bemerkte mit Schrecken, daß keine Lichter mehr bereit standen und auch alles Öl verbraucht war, das sie vorrätig hatte. Sie war ratlos und wußte sich nicht zu helfen; Abdallah bemerkte ihre Verlegenheit und Bestürzung und sagte: »Warum trauerst du? Gehe doch in den Hof und hole dir aus einem der vielen Schläuche etwas Öl; der fremde Händler wird dich gewiß nicht darum schelten, zumal er die Gastfreundschaft unseres Herrn genießt.« Morgiana dankte für den guten Rat, und während Abdallah sich behaglich niederlegte, um zu schlafen, weil er in der Frühe Ali Baba ins Bad begleiten mußte, nahm sie die Ölkanne und ging damit in den Hof. Als sie nun zu dem ersten Schlauche kam, fragte der Mann, der darin verborgen war, mit Flüsterstimme: »Ist es jetzt Zeit, Hauptmann?« Der Räuber hatte sehr leise gesprochen, aber Morgiana hatte trotzdem seine Worte verstanden, stutzte und wunderte sich um so mehr, weil sie sich jetzt erinnerte, daß der Händler vorher alle Schläuche geöffnet hatte, damit seine Leute, welche kaum Atem schöpfen konnten, etwas frische Luft genießen sollten. Die Sklavin war zwar sehr erschrocken, als sie statt des Öls einen Mann in dem Schlauche fand, aber sie bezwang sich und vermied es sorglich, Lärm zu schlagen. Sie war kühn und wußte sogleich, daß eine Gefahr für Ali Baba und seine Familie im Anzuge wäre, und daß sie schnell und sicher handeln müsse. Ohne irgendwie zu zittern oder zu zaudern, antwortete sie mit tiefer Stimme, indem sie die des Räuberhauptmanns nachahmte: »Die Zeit ist noch nicht gekommen; aber bald.« Dann ging sie auch zu den anderen Schläuchen und überall, wo dieselbe Frage erscholl, gab sie dieselbe Antwort, bis sie zu dem letzten Schlauche kam, der mit Öl gefüllt war. Dort goß sie schnell ihren Krug voll und ging damit in die Küche zurück, wo sie die Lampe wieder putzte und entzündete. Sie sprach aber zu sich selbst: »Wahrlich, das ist kein Händler, sondern der Räuberhauptmann mit seinen siebenunddreißig Gesellen, die wir beherbergen; der Himmel schütze und bewahre uns vor Unheil!« Dann nahm sie einen großen Kessel, setzte ihn auf den Herd und füllte ihn mit Öl aus dem Schlauche; sie schürte das Feuer zu einer gewaltigen Flamme auf, indem sie immer neues Holz aufhäufte, bis das Öl kochte und wallte. Rasch ergriff sie den Kessel, ging damit in den Hof hinaus und schüttete das siedende Öl in jeden Schlauch, so daß die Räuber, die nicht entfliehen konnten, verbrüht und erstickt wurden.
Nachdem Morgiana diese Tat geräuschlos vollbracht hatte, kehrte sie in die Küche zurück, verschloß die Türe, löschte das Feuer, bis nur noch eine kleine Flamme brannte, und kochte die Fleischbrühe für Ali Baba. Dann blies sie ihre Lampe aus und setzte sich ans dunkle Fenster, denn sie wollte alles beobachten, was vor sich ging. Nicht lange darauf erwachte der Räuberhauptmann, stand auf und blickte in den Hof hinunter, der nachtschwarz und still vor ihm lag. Kein Licht war zu sehen. Sofort warf er kleine Steine hinab, um das verabredete Zeichen zu geben; an dem Schalle merkte er, daß einige die Schläuche trafen, und er horchte begierig; aber nichts regte sich, kein Ton war zu hören. Zum zweiten und dritten Male schleuderte er die Steinchen auf die Schläuche, doch abermals blieb alles stumm, und kein Laut antwortete ihm. Erstaunt und bestürzt ging er möglichst leise in den Hof hinaus und trat an den ersten Schlauch; ein übler Geruch von kochendem Öl und verbranntem Fleische quoll ihm entgegen, und auch alle übrigen Schläuche waren sehr heiß und in dem gleichen Zustande. Als er aber den vollen Ölschlauch leer fand, wußte er, was geschehen war, verzweifelte, kletterte über die Mauer in einen Garten und entfloh, so schnell er vermochte.
Morgiana hatte alles vom Fenster mitangesehen, und als es still geworden war und der Hauptmann nicht zurückkehrte, wußte sie, daß er über die Mauer gestiegen war und die Flucht ergriffen hatte, denn die Haustüre war doppelt verschlossen. Beruhigt legte sich die wackere Sklavin nieder und schlief sogleich heiter und zufrieden ein. Am nächsten Morgen ging Ali Baba mit seinem Sklaven Abdallah in das Bad, ohne irgendwelche Kenntnis von dem gräßlichen Abenteuer, denn Morgiana hatte weder ihm, noch Abdallah etwas erzählt, weil sie ihren Herrn nicht stören und beunruhigen wollte. Die Sonne stand schon hoch und strahlend am Himmel, als Ali Baba wieder nach Hause kam und die Ölschläuche noch im Stalle stehen sah; er wunderte sich, daß der Händler noch nicht mit seinen Maultieren auf den Markt gegangen war, und fragte Morgiana darum, die nichts im Hofe verändert hatte, damit ihr Herr um so deutlicher sehen könnte, aus welcher Gefahr sie ihn gerettet hatte. Sie sagte: »Der allmächtige Gott erhalte dich und dein Haus noch lange in Frieden und Sicherheit! Was du von mir zu wissen verlangst, wirst du am besten aus eigener Anschauung erfahren; darum folge mir, und gehe mit mir in den Hof hinaus!« Die Sklavin führte ihn an die Ölschläuche, verschloß aber vorher die Türe sorgfältig und sagte dann: »Sieh einmal in diesen Schlauch hinein, gewiß hast du noch niemals derartiges Öl erblickt.« Ali Baba tat, wie sie gebeten hatte, und als er in dem Schlauche einen Mann entdeckte, entsetzte er sich sehr, sprang zurück und schrie laut auf, als ob er auf eine giftige Schlange getreten hätte. Morgiana sprach: »Ängstige dich nicht; dieser Mann wird dir kein Leid zufügen, denn er ist tot; er hat keine Kraft mehr, etwas Böses zu tun.« Rief Ali Baba: »O Morgiana, sage mir, welchem Unheil wir entgangen sind! Beim allmächtigen Gott, ich staune und zittere vor Überraschung!« Morgiana versetzte: »Sprich nicht so laut, Herr, damit die Nachbarn nichts hören und unser Geheimnis nicht etwa erfahren. Jetzt aber betrachte dir auch alle übrigen Schläuche.« Ali Baba prüfte sie der Reihe nach, untersuchte sie und fand in jedem einen toten und verbrühten Mann. Ratlos blieb er vor Morgiana stehen, betrachtete bald sie, bald die Schläuche mit weit geöffneten Augen und wußte nichts zu sagen, so groß war seine Verwunderung. Als er sich ein wenig erholt hatte, fragte er: »Sage mir doch vor allem, wo der Ölhändler geblieben ist.« — »Dieser Händler,« erwiderte Morgiana, »war kein Kaufmann, — ebensowenig wie ich eine Händlerin bin. Ich will dir jetzt alles erzählen, was sich zugetragen hat und wer jener Nichtswürdige war. Vorerst aber geh hinein in dein Zimmer, denn du kommst eben aus dem Bade, und trinke deine Fleischbrühe; so erfordert es deine teuere Gesundheit.«
Ali Baba begab sich hinein, und Morgiana holte die Fleischbrühe und setzte sie ihm vor. Ali Baba war sehr ungeduldig, und während er trank, sagte er: »Erzähle mir nur die wunderbare Begebenheit sehr ausführlich, denn ich bin unruhig, bevor ich nicht alles erfahren habe.« Morgiana begann zu erzählen und sagte: »Wie du befohlen hattest, legte ich gestern die Badetücher zurecht und übergab sie dem Sklaven Abdallah. Dann bereitete ich deine Fleischbrühe, aber die Lampe erlosch plötzlich, weil das Öl zu Ende gegangen war. Abdallah riet mir, neuen Vorrat aus den Schläuchen des Händlers zu holen, und sein Rat dünkte mich gut. Als ich zu dem ersten Schlauche trat, hörte ich eine Stimme darin fragen: ›Ist es jetzt Zeit?‹ Ich durchschaute sofort die List des fremden Kaufmanns und antwortete, indem ich seine Stimme nachahmte: ›Die Zeit ist noch nicht gekommen; aber bald.‹ Und so ging ich von einem Schlauche zum andern, und auf jede Frage gab ich dieselbe Antwort. Als ich meine Lampe aus dem letzten Schlauche wieder gefüllt hatte, kehrte ich rasch in die Küche zurück, nahm den größten Kessel und goß ihn voll Öl. Dann machte ich es kochend und siedend über dem Feuer und schüttete davon in jeden Schlauch, in dem ein Räuber versteckt war, so daß sie alle verbrüht und getötet wurden. Nicht lange danach gab der Hauptmann das verabredete Zeichen; aber als ihm niemand antwortete, ging er selbst hinunter und entdeckte zu seiner Bestürzung, was geschehen war. Er muß über den Gartenzaun gestiegen sein, denn ich habe ihn nicht wiedergesehen, und ganz gewiß ist er vor Verzweifelung entflohen. — Ich will dir nun noch etwas anderes mitteilen; denn ich habe vor einigen Tagen eine sehr seltsame Entdeckung gemacht, die in mir einen Verdacht erregt hat. Ich bemerkte nämlich an der Haustüre ein Zeichen mit weißer Kreide und tags darauf ein rotes. Ich wußte zwar nicht, zu welchem Zwecke sie angebracht waren, aber aus Vorsicht bemalte ich unsere Nachbarhäuser ebenso. Ich glaube, wenn du alles genau überdenkst, wirst du selbst einsehen, daß es sich um die Räuber aus dem Walde handelt, von denen jedoch zwei nicht mehr unter ihnen weilen; warum, weiß ich nicht. Jedenfalls sind höchstens noch drei von ihnen am Leben; du mußt also sehr sorglich und vorsichtig sein, denn du weißt nun, daß sie dir nach dem Leben trachten. Glaube mir, daß ich alles daransetzen werde, um dich vor Unglück und Schaden zu bewahren, wie es einer ergebenen und getreuen Sklavin zukommt. Dies, Herr, ist die Geschichte, nach der du mich gefragt hast.«
Über diese Worte war Ali Baba hocherfreut und rief: »Wie dankbar bin ich dir, Morgiana, denn du hast mir einen sehr wichtigen Dienst erwiesen! Du hast mich vor Gefahr und Tod bewahrt; darum will ich dir die Freiheit schenken und dir Gutes tun, soviel ich immer vermag. Preis und Lob sei Gott, dem Erhabenen, daß er mich so glücklich aus der Hand der vierzig Räuber befreit hat! Möge er mich auch ferner behüten und vor ihren Nachstellungen schützen, denn wahrlich, sie sind Schurken und müssen von der Erde getilgt werden! Jetzt aber geziemt es uns vor allem, die Leichen der Nichtswürdigen zu begraben, damit niemand unser Geheimnis erfahren und uns in das Gerede der Leute bringen kann.« Nach diesen Worten ging Ali Baba mit seinem Sklaven hinaus in seinen großen Garten, der von hohen und alten Bäumen umzäunt war; unter einem dieser Bäume schaufelten sie eine breite und tiefe Grube; da der Boden sehr locker und frisch war, hatten sie in kurzer Zeit ihr Geschäft beendigt. Dann nahmen sie die Leichen aus den Ölschläuchen heraus, entkleideten sie ihrer Waffen und schleppten sie an das Ende des Gartens; dort warfen sie die Toten, einen nach dem andern, in das Grab hinein, schütteten die Gartenerde über sie hin und machten darauf den Boden wieder eben und sauber, wie zuvor. Die wertvollen Waffen und die Lederschläuche verbargen sie sorgfältig; die Maulesel aber ließ Ali Baba an verschiedenen Tagen auf den Markt bringen und durch Abdallah verkaufen. So blieb alles aufs beste verborgen, und niemand erfuhr, daß Ali Baba so plötzlich zu einem unermeßlichen Reichtume gekommen war.
Der Hauptmann war inzwischen in den Wald zurückgekehrt; in seinem Herzen nagten Wut und Ärger, weil seine Unternehmung, auf deren glücklichen Ausgang er so feste Hoffnungen gesetzt hatte, ein so trauriges und schmähliches Ende genommen hatte. Sein Geist war umdüstert; in tiefen und schwermütigen Gedanken wanderte er einsam durch den Wald, bis er wieder zu der verlassenen Höhle kam. Da wartete keiner der Gefährten mehr auf ihn, und er mußte bekümmert und verstört einen Unterschlupf in dem Zauberfelsen suchen. Er rief: »Ihr treuen Gefährten, ihr wackeren Kameraden und Genossen meiner Raubzüge, wo seid ihr? Nun muß ich ohne euch auf Abenteuer ziehen, und mit euch ist ein Teil meiner Kraft und Freudigkeit gewichen, als hätte einer meiner Feinde mir den rechten Arm vom Leibe geschlagen! Nicht war es euch vergönnt, in hitzigem Streite und mit dem Schwerte in der Faust als mutige Männer zu sterben; ein klägliches und unwürdiges Geschick hat euch hinweggenommen. Nie mehr werde ich eine Schar so tüchtiger und tapferer Leute um mich sehen! Und euer Tod ist nicht mein einziger Kummer: der elende Dieb hat mir auch die köstlichsten meiner Schätze gestohlen, ohne die ich machtlos bin und nichts unternehmen kann. Aber ich will euch rächen und allein ausführen, was euch versagt war; ich will den Schatz zurückgewinnen und den Nichtswürdigen töten, der ihn uns entwendet hat!« Nach diesen Worten legte sich der Hauptmann zur Ruhe und sank bald darauf in tiefen Schlaf; denn die Klagen hatten seinen Schmerz gelindert und sein bedrängtes Herz erleichtert.
Sie goss nacheinander in jedes Gefäß eine ausreichende Menge des kochenden Öls, um den Insassen zu Tode zu verbrühen.
Als die Morgenröte zwischen den alten Bäumen des Waldes schimmerte, erhob sich der Hauptmann und legte ein prunkvolles Gewand an; dann begab er sich in die Stadt und suchte Wohnung in einer Karawanserei, da er erwartete, irgend etwas Bestimmtes von dem Morde in Ali Babas Hause zu vernehmen. Er fragte also den Besitzer des Chans, welche Neuigkeiten sich jüngst in der Stadt zugetragen hätten, und der Wirt erzählte ihm die verschiedensten Dinge, die er gehört und gesehen hatte; aber von dem, was der Hauptmann am sehnlichsten zu wissen wünschte, konnte er nichts in Erfahrung bringen. Er ersah daraus, daß Ali Baba sehr vorsichtig zu Werke gegangen war, weil er vermutlich den Reichtum, den er in so kurzer Zeit erworben hatte, geheimzuhalten wünschte, um keinen Verdacht damit zu erwecken. Der Hauptmann beschloß also, alles daranzusetzen, um den Verhaßten sobald wie möglich aus dem Wege zu räumen. Er ritt zu verschiedenen Malen in den Wald, wo er aus der Höhle bunte Teppiche, schimmernde Seidenstoffe und feine Schleier holte, und als er die Ballen beisammen hatte, mietete er sich einen Laden, der ihm günstig erschien, brachte seine Waren dorthin und bezog ihn ungesäumt. So begann er, das Gewerbe eines Kaufmanns zu betreiben, um seine List möglichst schnell und geschickt ausführen zu können. Er nahm den Namen Chogia Husein an und stattete seinen Nachbarn der Sitte gemäß alsbald einen Besuch ab; seine übertriebene Gefälligkeit und seine höflichen Sitten verschafften ihm bald ihre Freundschaft und Achtung.
Gegenüber dem Laden des Hauptmanns lag der des verstorbenen Casim, wo jetzt Ali Babas Sohn seine Geschäfte trieb. Der war über die Freundlichkeit und Huld des neuen Ankömmlings sehr erfreut und unterhielt sich lange mit ihm, denn es ließ sich angenehm mit ihm plaudern. Wenige Tage darauf besuchte Ali Baba seinen Sohn und traf ihn in dem Laden des Chogia Husein; der Hauptmann erkannte seinen Feind sofort wieder und fragte den Jüngling, als sein Vater wieder nach Hause gegangen war: »Sage mir doch, lieber Freund, wer dieser Mann gewesen ist?« Jener antwortete: »Er ist Ali Baba, mein Vater, und er besucht mich von Zeit zu Zeit in meinem Laden.« Da erwies ihm der Hauptmann noch größere Gefälligkeiten, beschenkte ihn reichlich, überhäufte ihn mit Gunst und lud ihn oft an seine Tafel, wo er ihm erlesene Gerichte vorsetzen ließ.
Der Jüngling überlegte sich nun, daß er die Höflichkeiten seines Nachbars erwidern müsse; aber er bewohnte nur ein enges und kleines Haus und war nicht vornehm genug eingerichtet, um Chogia Husein auf würdige Weise bewirten zu können. »Es schickt sich wohl, daß ich meinen Nachbar einmal zum Nachtmahl einlade,« sagte er zu seinem Vater. Jener erwiderte: »Mein Sohn, es ist recht, wenn du deinem Freunde vergelten willst, was er dir Gutes erwiesen hat. Morgen ist Freitag, da magst du deinen Laden schließen, wie es alle großen Kaufleute tun; führe Chogia Husein am Nachmittage in der Stadt spazieren und zeige ihm alles, was er zu sehen wünscht; richte es aber so ein, daß du ihn auf dem Rückwege unversehens zu meinem Hause bringst. Bitte ihn dann, bei uns einzutreten, denn ich möchte, daß wir eine förmliche Einladung umgehen. Ich werde Morgiana Befehl geben, ein gutes Abendessen herzurichten und alles bereitzuhalten, was unsern Gast ergötzen kann.« Am kommenden Tage, dem Freitag, unternahmen also Ali Babas Sohn und Chogia Husein einen Spaziergang durch die Stadt und betrachteten alle Paläste und prangenden Gärten; auf dem Rückwege aber gingen sie durch die Straße, wo Ali Baba wohnte, und ab sie vor der Haustüre anlangten, blieb der Jüngling stehen, pochte an und sagte zu seinem Gefährten: »Hier ist das Haus meines Vaters, lieber Freund; ich habe ihm schon viel von deiner Liebenswürdigkeit und Güte erzählen müssen, und er wünscht sehr, deine Bekanntschaft zu machen. Erweise mir nun die Ehre, hier einzutreten und ihm einen Besuch abzustatten; du würdest damit meinem Vater eine große Gefälligkeit erzeigen.« Der Hauptmann freute sich im Innern sehr, daß er endlich zum Ziele seiner Wünsche gelangt war und Zutritt in das Haus seines Feindes erhalten hatte, wo er ihn ohne allzu großes Aufsehen beiseite schaffen konnte; dennoch zögerte er eine Weile, suchte allerlei Entschuldigungen hervor und stellte sich so, als wollte er weitergehen. Da aber öffnete ein Sklave das Tor, der Jüngling ergriff seinen Gast bei der Hand und führte ihn höflich und artig ins Haus, so daß er nicht weiter widerstreben konnte. Ali Baba empfing ihn mit Ehrfurcht und Freundlichkeit, dankte ihm für die Ehre seines Besuches, wünschte ihm Glück und Wohlergehen und sagte dann: »Wir sind dir sehr verpflichtet, weil du meinem Sohne so viel Aufmerksamkeit und Güte erwiesen und ihm aus den Schätzen deiner Erfahrung mitgeteilt hast.« Der Fremde erwiderte Ali Babas Gruß und Höflichkeit und sagte: »Zwar schmückt deinen Sohn noch nicht die Weisheit der Greise, da er noch jung an Jahren ist; aber sein Verstand ist schnell und gesund, so daß ich mein Wohlgefallen an ihm gefunden habe.« So plauderten sie noch eine Weile heiter und ungezwungen über mancherlei Dinge, dann aber erhob sich Chogia Husein, um sich zu verabschieden. Ali Baba hielt ihn jedoch sanft und bittend zurück und ließ ihn nicht gehen; er sagte: »Wohin willst du ziehen, mein Freund? Ich wollte dich bitten, das Nachtmahl bei mir einzunehmen; erweise uns die Gunst und speise an unserer Tafel. Zwar wird das Essen nicht so glänzend und lecker sein, als du es gewohnt bist; aber ich denke, du wirst es dennoch annehmen, da ich es dir mit dankbarem Herzen anbiete.« — »Herr,« erwiderte Chogia Husein, »ich bin dir sehr verpflichtet für dein höfliches Anerbieten und bin vollkommen von deiner huldvollen Gesinnung überzeugt; glaube mir, daß ich mit Vergnügen deiner Einladung folgen würde und daß ich sie nicht aus Mißachtung oder Unhöflichkeit ausschlage, aber ein besonderer Umstand zwingt mich dazu, nach Hause zurückzukehren.« Erwiderte Ali Baba: »Sage mir, Herr, was für ein Grund das sein mag?« Der Kaufmann entgegnete: »Ich will es dir mitteilen; ich darf nämlich kein Fleisch und keinerlei Fische essen, die mit Salz bereitet sind; gewiß würde ich dir bei Tisch nur Unannehmlichkeiten bereiten.« — »Wenn dies allein der Grund ist,« sagte Ali Baba und bat noch dringender, »so sollst du uns nicht der Ehre deiner Gesellschaft berauben. An unserm Brote, das du bei uns essen wirst, ist niemals Salz, und was den Fisch und das Fleisch betrifft, so werde ich der Köchin Befehl geben, bei ihrer Zubereitung ebenfalls kein Salz zu gebrauchen. Entschuldige mich einen Augenblick, denn ich will der Köchin selbst Bescheid bringen; ich kehre im Augenblick zu dir zurück.« Sogleich begab sich Ali Baba in die Küche zu Morgiana und gebot ihr, in keine der Schüsseln, die sie heute auftragen würde, Salz zu tun und außerdem noch einige Gerichte zu bereiten, die ebenfalls ungesalzen wären. Morgiana erstaunte höchlich über diesen neuen Befehl und war sehr unzufrieden darüber; mit verdrossenem Gesicht wandte sie sich um und fragte ihren Herrn: »Wer ist denn dieser seltsame Mann, der alle Speisen ungesalzen haben will? Das Essen wird verderben, wenn ich es nicht sogleich auftragen kann.« — »Sei nicht böse, Morgiana,« besänftigte sie Ali Baba, »sondern tu nur nach meinem Geheiß. Ein redlicher, wackerer Mann ist bei uns eingekehrt.« Morgiana befolgte, was Ali Baba gesagt hatte; aber sie war widerwillig und wunderte sich im stillen; auch plagte sie die Neugierde, den Mann zu sehen, der so wunderliche Forderungen stellte. Als das Essen bereitet war, half sie dem Sklaven Abdallah, der soeben den Tisch gedeckt hatte, die Speisen hineinzubringen. Sie betrachtete Chogia Husein mit scharfen und mißtrauischen Blicken und erkannte sofort, wer er war, trotz seiner Verkleidung; zudem bemerkte sie, als sie ihn aufmerksam von der Seite musterte, daß er einen Dolch unter seinem Gewande verborgen hatte. »Nun weiß ich,« sprach sie entrüstet in ihrem Herzen, »warum dieser Gottlose kein Salz mit meinem Herrn essen mag: er ist sein Todfeind und trachtet ihm nach dem Leben, darum verschmäht er das Sinnbild der Treue und Unverletzlichkeit. Aber ich will ihm zuvorkommen und ihn auf immer daran hindern, meinem Herrn ein Böses zuzufügen.«
Als Morgiana die ganze Zeit auf der Hut gewesen war.
Nachdem Morgiana alle Speisen hineingebracht hatte, ging sie wieder in die Küche zurück und überlegte, während die Herren aßen, wie sie ihren Plan am besten und sichersten ausführen könnte. Während sie noch nachdachte, kam Abdallah herein und meldete, daß Ali Baba befohlen habe, den Nachtisch zu reichen. Der Sklave räumte den Tisch ab, und Morgiana trug frische und getrocknete Früchte auf, stellte sie auf ein kleines Tischchen, zugleich mit einer Flasche Wein und drei Schalen und ging dann mit Abdallah hinaus, um die Schmausenden nicht etwa beim vertraulichen Gespräche zu belästigen; sie stellte sich so, als wollte auch sie nun ihr Nachtmahl einnehmen.
Da freute sich Chogia Husein, oder vielmehr der Räuberhauptmann, denn er glaubte, daß endlich der günstige Augenblick nahe sei, und sprach bei sich selbst: »Jetzt ist die Luft frei, und ich kann Rache nehmen! Ich will die beiden betrunken machen und dem Dieb mein Messer in die Brust stoßen; seinen Sohn will ich gern verschonen, wenn er sich nicht widersetzt oder Lärm schlägt. Ich muß aber warten, bis die Köchin und der Sklave ihr Abendbrot gegessen und sich zur Ruhe begeben haben. Ich werde wie das erstemal über die Mauer steigen und in den Nachbargarten entfliehen.«
Morgiana, welche die Absicht des falschen Kaufmanns mit klugem Sinne durchschaut hatte, war darauf bedacht, ihm keinen Vorteil zu gewähren und ihn sobald wie möglich an der Ausführung seines arglistigen Planes zu hindern. Sie legte rasch ein reizendes Kleid an, wie es die Tänzerinnen zu tragen pflegen, schmückte sich mit einem schillernden Kopfputze und umgürtete sich mit einem golddurchwirkten Gürtel, in welchem sie einen Dolch befestigte, dessen Scheide mit herrlichen Edelsteinen geschmückt war; ihr Gesicht verhüllte sie mit einem fließenden Schleier. Als sie sich so verkleidet hatte, sprach sie zu dem Sklaven Abdallah: »Geh und hole deine Schellentrommel, und laß uns vor unseren Gästen tanzen und ein fröhliches Spiel aufführen, damit wir sie nach Gebühr erheitern.« Der Sklave tat, wie sie befohlen hatte, spielte die Schellentrommel und ging so vor Morgiana her in den Saal hinein. Morgiana verneigte sich tief und mit Anmut und erbat sich die Erlaubnis, zu tanzen und zu singen. »Unterhaltet nur unsern werten Gast,« sagte Ali Baba lächelnd, und zu dem Kaufmanne gewandt, fuhr er fort: »Glaube nicht, mein Freund, daß dieses Vergnügen mir große Unkosten bereitet; du siehst, es ist niemand anders als meine Köchin und der Sklave, die uns oft ihre Tänze zum besten geben. Ich hoffe, auch du wirst dich ein wenig durch die beiden belustigen lassen.« Chogia Husein war über diesen Zwischenfall sehr verstimmt, denn er glaubte, daß ihm der günstige Augenblick nun entglitten sei; er verwünschte die beiden Tänzer, stellte sich aber so, als wäre er sehr erfreut über diese unerwartete Unterhaltung und sagte: »Ich bin dir sehr dankbar für deine Überraschung; was dir Vergnügen bereitet, lieber Gastgeber, das will ich nicht verschmähen, denn auch ich werde gewiß viel Vergnügen daran finden.«
Sofort begann Abdallah aufs neue die Schellentrommel zu schlagen und ein frisches Lied zu singen. Morgiana erhob sich und fing an zu tanzen; sie wiegte sich und beugte sich, hüpfte vorwärts und zurück in zierlichsten Schritten, bewegte sich heiter und ungezwungen und erntete bei allen Anwesenden besondern Beifall. Nur der falsche Kaufmann beachtete ihre Kunst sehr wenig und blickte oft verdrossen und enttäuscht vor sich hin. Nachdem Morgiana verschiedene schwierige Stellungen ausgeführt hatte, zog sie plötzlich den Dolch aus dem Gürtel, schwang ihn in der Hand und begann einen neuen Tanz, der den drei Zuschauern am meisten gefiel. Sie bildete die verschiedensten und kühnsten Figuren, streckte bald den Dolch wie zum Stoße empor, richtete ihn bald auf ihren eigenen Busen und ließ ihn in der Luft blitzen und funkeln. Dann riß sie dem Sklaven Abdallah die Schellentrommel aus der Hand, während sie in der Rechten noch den Dolch hielt und bot den Zuschauern die hohle Seite der Trommel dar, um Geld einzusammeln, wie es die gewerbsmäßigen Tänzer und Tänzerinnen zu tun pflegen. Ali Baba warf ihr ein Goldstück in die Trommel; dann trat sie vor seinen Sohn hin, der ihr auch eine hohe Münze gab, und schließlich vor Chogia Husein, der schon seinen Beutel hervorzog, als er sie auf sich zukommen sah. Eben wollte er eine Gabe in die Trommel werfen, als Morgiana mit Mut und Entschlossenheit ihm den blitzenden Dolch mitten durch das Herz stieß, so daß der Räuber tot wie ein Stein zurücksank.
Ali Baba und sein Sohn sprangen entsetzt empor und erhoben ein lautes Geschrei. »Unselige!« rief Ali Baba und packte Morgiana heftig bei der Hand, »was hast du getan! Du hast mich und meine ganze Familie in das Unglück gestürzt!« Morgiana blieb sehr ruhig und sagte: »Du irrst dich, Herr, ich habe dich vielmehr vor einem Unglück errettet; merk auf, was ich dir zeige.« Damit löste sie Chogia Huseins Kleider und zeigte Ali Baba den Dolch, den der falsche Kaufmann in seinem Gewande verborgen hatte. »Blick ihn dir genau an,« fuhr Morgiana fort, als Ali Baba voll Staunen und Erschrecken zurückwich; »du siehst, daß du deinen Todfeind vor dir hattest. Erkennst du nicht den Ölhändler wieder und den Hauptmann der vierzig Räuber? Nun weißt du, warum der Schändliche kein Salz mit dir zu essen wünschte; ich schöpfte Argwohn wider ihn und blickte ihm prüfend ins Angesicht, denn ich war davon überzeugt, daß er dich verderben wollte. Mein Verdacht war nicht grundlos, wie du dich soeben überzeugt hast; dem Himmel sei Preis und Lob, daß er dich aus der Gefahr befreit hat!« Ali Baba war tief gerührt über ihre Wachsamkeit und Treue und überschüttete Morgiana mit Dankesbezeigungen, weil sie ihm zum zweiten Male das Leben gerettet hatte. »Ich habe dir die Freiheit geschenkt; nun möchte ich dich auch fest an unsere Familie binden, denn ich will dich mit meinem Sohne vermählen.« Dann wandte er sich zu seinem Sohne und sprach: »Ich glaube, du wirst meinen Wunsch gutheißen und dich nicht widersetzen, wenn ich dir Morgiana zur Frau gebe. Denn auch du bist ihr zu Dank verpflichtet; Chogia Husein hat ja deine Freundschaft nur darum gesucht, damit er desto leichter Gelegenheit fände, mich meuchlings zu ermorden. Aber Morgiana hat uns durch ihren Mut und ihre Entschlossenheit gerettet, und du wirst erkennen, daß ihre Pflichttreue und ihre Klugheit unserer Familie zur Zierde gereichen werden bis ans Ende unserer Tage.« Der Jüngling zeigte nicht das geringste Widerstreben, sondern erklärte sich ohne Umschweife bereit, Morgiana zu heiraten, nicht nur aus Gehorsam gegen den Vater, sondern auch aus inniger Zuneigung zu dem wackern Mädchen. Dann nahmen alle drei die Leiche des Räuberhauptmanns, trugen sie hinaus in den Garten und vergruben sie in aller Stille und mit Eile neben den übrigen Banditen, so daß erst nach langen Jahren, als niemand von den Beteiligten mehr am Leben war, die Geschichte dieses wunderlichen Abenteuers bekannt wurde.
Kurze Zeit darauf feierte Ali Baba die Hochzeit seines Sohnes mit seiner ehemaligen Sklavin; er richtete ein glanzvolles Fest her und verschönte es durch Tänze und mancherlei Lustbarkeiten. Er freute sich aber besonders, daß alle Nachbarn, die er geladen hatte, die Vorzüge Morgianas priesen, ohne die wahren Beweggründe zu ihrer Vermählung zu kennen.
Seitdem Ali Baba zum letzten Male in der Höhle gewesen war und dort die Leiche seines Bruders gefunden hatte, war er nie wieder an den Felsen zurückgekehrt, da er sich vor den Räubern fürchtete und beständig in der Gefahr lebte, er könnte vielleicht von ihnen überrascht werden. Noch lange Zeit nach dem Tode des Hauptmanns hütete er sein Geheimnis, weil er besorgte, daß noch die beiden übrigen Banditen am Leben sein könnten. Erst nach einem Jahre, als ihm keine Unannehmlichkeiten wieder begegnet waren, bestieg er eines Morgens sein Pferd und ritt vorsichtig hinaus in den Wald nach der Grotte; er fand weder Spuren von Menschen, noch von Tieren und freute sich über dieses gute Vorzeichen; sein Roß band er an einem Baume fest, näherte sich dann der Türe und sprach die Worte, die er nicht aus dem Gedächtnis verloren hatte: »Sesam, öffne dich!« Sofort tat sich die Türe auf, er trat ein und sah die Waren und den Schatz noch unberührt; daraus konnte er erkennen, daß niemand mehr in dem Felsen gewesen und daß keiner von den Räubern mehr am Leben war. Dies überzeugte ihn, daß er allein um das Geheimnis der Höhle wußte; er war Herr all der Schätze, die in unermeßlichen Mengen vor ihm ausgebreitet lagen. Er nahm einen Sack, füllte ihn mit soviel Gold, wie sein Tier zu tragen vermochte, und kehrte dann vergnügt und zufrieden in die Stadt zurück. Er lebte noch lange in Glanz und Reichtum; und als er sein Ende nahen fühlte, weihte er seinen Sohn in das Geheimnis ein, so daß durch den Segen des Schatzes von Kind zu Kindeskindern Glück und Wohlstand blühten, weil sie ihren Reichtum mit Mäßigung und durch Wohltun genossen.