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Jud Süß

by Lion Feuchtwanger

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Viertes Buch — Der Herzog

Am Tiberiassee erging sich mit seinem Lieblingsschüler Chajjim Vital Calabrese der Meister der Kabbala, Rabbi Isaak Luria. Aus der Mirjamquelle tranken die Männer, fuhren hinaus auf den See. Der Meister sprach von seiner Lehre. Es schwebten die Geister über den Wassern, der Nachen stand still. Es war ein Wunder, daß er nicht sank; denn schwer vom Leben von Millionen war der Rabbi und sein Wort.

Zurück zum Quell der Mirjam kehrten die Männer. Und wieder tranken sie. Da änderte die Quelle plötzlich ihren Lauf. Einen Bogen in die Luft bildete sie, zwei senkrechte Strahlen, einen Querstrahl darüber. Hinein in den Bogen trat der Rabbi als dritter senkrechter Strahl. So ward aus ihm und dem Quell der Buchstab Schin, der Anfang des erhabensten Gottesnamens Schaddai. Und der Buchstab wuchs und wuchs und spannte sich über den See und spannte sich über die Welt. Als der Schüler Chajjim Vital zurückfand aus seiner Verwirrung, floß die Quelle wie früher, doch der Rabbi Isaak Luria war nicht mehr da.

Es war aber dieses Mittelglied des allerheiligsten Buchstabens das einzige, was er niedergeschrieben von seiner Lehre. Denn die Worte seiner Lehre fielen von seinen Lippen und waren wie Schnee. Er ist da, er ist weiß und leuchtet und kühlt; doch halten kann man ihn nicht. So fiel von seinem Mund die Lehre und man konnte sie nicht halten. Der Rabbi schrieb sie nicht nieder und duldete auch nicht, daß ein anderer sie schrieb. Weil das Geschriebene verwandelt ist und der Tod des Gesprochenen. So ist auch die Schrift nicht das Wort Gottes, sondern Maske und Verzerrung und ist, was Holz ist vor dem lebendigen Baum. Erst im Mund des Wissenden steht sie auf und lebt.

Allein nachdem der Rabbi verschwunden war, konnte sich der Schüler nicht enthalten, die Lehre aufs Papier zu zeichnen mit den geschwätzigen, lügnerischen Zeichen der Schrift. Und er schrieb das Buch vom Lebensbaum und er schrieb das Buch von den Verwandlungen der Seele.

Ach, wie weise war der Meister gewesen, daß er seine Erkenntnis nicht besudelt durch die Schrift, daß er die Lehre nicht verzerrt durch den üblen Zauber der Buchstaben. In seine Gesichte war Elia der Prophet getreten, Simon ben Jochai in seine Nächte. Die Sprache der Vögel war ihm erschlossen, der Bäume, der Flamme, des Steins. Die Seelen derer in den Gräbern konnte er sehen und die Seelen der Lebenden, wenn sie sich an den Sabbat-Abenden zum Paradies schwangen; auch konnte er von den Stirnen der Menschen ihre Seelen ablesen, sie an sich ziehen, mit ihnen sprechen, sie dann wieder zu ihren Eignern entlassen. Die Kabbala hatte sich ihm geweitet, durchsichtig war ihm der Leib der Dinge, er sah in Einem Körper, Geist und Seele; Luft, Wasser, Erde war voll von Stimmen und Gesichten, er sah das Weben Gottes in der Welt, die Engel kamen und hielten Zwiesprach mit ihm. Er wußte, daß überall Geheimnis war, aber ihm schlug das Geheimnis das Aug auf, schmiegte sich ihm wie ein folgsamer Hund. Wunder blühten an seinem Weg. Der Baum der Kabbala ging durch ihn durch, seine Wurzeln waren tief im Innern der Erde, seine Wipfel im Himmel fächelten das Gesicht Gottes.

Ach, aber wie wandelte sich in den Büchern des Schülers diese Weisheit. In wilder Unzucht keimte aus ihnen Narrheit und Erkenntnis. Falsche Propheten und Messiasse wuchsen aus den Buchstaben, Zauberei und Wirrwarr, Entrückung und Wunder und Hurerei und Machttaumel und Gottesversunkenheit entgoß sich aus ihnen in die Welt. Das fahle Antlitz des Simon ben Jochai schaute aus diesen Buchstaben, und im Gestrüpp seines silbernen Bartes lagen gesichert und entrückt Myriaden von Frommen und Heiligen, und es prunkten aus den Zeichen dieser Bücher nackt und frech die Brüste der Lilith, und an ihren Zitzen hingen taumelnd und lallend und mit schwindenden Sinnen die Kinder der Lust und der Macht.

Und dies sind einige Sätze aus der Geheimlehre des Rabbi Isaak Luria Aschkinasi:

„Es kann geschehen, daß in Einem Menschenleib nicht nur Eine Seele eine neue Wanderung erleidet, sondern daß zu gleicher Zeit zwei, ja mehrere Seelen sich mit diesem Leib zu neuer Erdenwanderung einen. Mag sein, die eine ist Balsam, die andere Gift; mag sein, die eine war eines Tieres, die andere eines Priesters und Beflissenen. Nun sind sie in Eines gebannt, Einem Leib zugehörig wie rechte und linke Hand. Sie durchdringen sich, sie verbeißen sich ineinander, sie schwängern sich, sie fließen ineinander wie Wasser. Wie immer aber, sich zermalmend, sich aufbauend, stets ist solche Vereinigung Hilfe von einer Seele zur andern um der Sühnung der Schuld willen, um die sie die neue Wanderung erleidet.“

Dies sind einige Sätze aus der Geheimlehre des Rabbi Isaak Luria, des Adlers der Kabbalisten, der geboren war in Jerusalem, der sieben Jahre sich kasteite, einsam an den Ufern des Nils, der seine Weisheit nach Galiläa trug und Wunder tat unter den Menschen, der niemals seine Lehre entweihte durch Schrift und Papier, und der geheimnisvoll verschwand auf dem Tiberiassee im achtunddreißigsten Jahre seines Lebens.

Der Fürstbischof von Würzburg fuhr behaglich durch das gesegnete Land. Wohlig atmete der dicke Herr, bequem zurückliegend in den weichen Polstern des gut federnden Wagens, den milden Duft der ersten Obstblüte; alles schwamm in junger Sonne, flaumig lag und zärtlich das junge Grün auf Boden, Baum und Strauch. Der Bischof reiste nach Stuttgart zur Taufe des Erbprinzen. Er war heiterster Laune. Das feine Land! Das reiche, gesegnete Land! Das war nun Rom und der Kirche gesichert.

Friedrich Karl von Schönborn, Fürstbischof von Würzburg und Bamberg, der erste Diplomat der Kirche, von den Katholiken als das große Weltorakel, der deutsche Ulysses gefeiert, von den Evangelischen als tückische Schlange, Haman und Herodes begeifert und verlästert, war ein jovialer, behäbiger Herr. Sehr weltmännisch, am Wiener und am päpstlichen Hofe zu Hause, vielgereist und beweglich, war er von einer weit überschauenden, gütigen Menschenverachtung, sah er in einem gütigen Absolutismus, in einem heiteren Katholizismus das Heil der Welt. Die Masse war dumpf, dumm und finster, das war gottgewollt, das hatte Gott nun so eingerichtet, Lebensklugheit forderte, sich damit abzufinden. Es war schmerzlich, daß soviel Elend in der Welt war; je nun, man mußte das beklagen. Doch es genügte, zuweilen darüber zu seufzen; immer darob Trübsal zu blasen oder verkniffen finster auf Aenderung solcher Naturordnung zu sinnen, war Sache von Toren und dunklen Schwärmern. Er, Schönborn, hatte seine besten Jahre in Italien verbracht, hatte seine diplomatischen Künste in Venedig erlernt, er liebte die helle, südliche Luft, er fand sie in seinem Würzburg wieder. Sein Katholizismus kam ihm tief aus dem Blut, sein Essen und Trinken, wie er stand und ging, war katholisch. Er sah die Kirche, wie er sie in Italien mit allen Sinnen eingesogen hatte. Die Sammlungen des Vatikan waren ein Teil davon, die venetianische Diplomatie war ein Teil davon, selbst das Albanergebirge war ein Teil davon. Alles, was schön war in der Welt, und das war, Gott sei Dank! sehr vieles, Messen und Kirchen und Wein und Kunstwerke und Staatsstreiche und eine schöne Predigt und eine gut gewachsene Frau, alles was hell und heiter war in der Welt, war römisch und katholisch. Aber was dumpf war und verquollen und nebelig und spinnwebfarben, das war evangelisch, sächsisch, brandenburgisch. Er haßte den Protestantismus nicht; denn er haßte nichts auf der Welt. Aber er war ihm tief zuwider. Diese graue, nüchterne Liturgie, diese fahle, verzwickte, dunstige Theologie, das war schlechte Luft, war Pöbelweisheit, steriles Gewäsche. Die Apostel selber, wenn sie heute wiederkämen, verstünden nichts von den Dingen, um die diese sogenannten Theologen stritten. Nicht atmen konnte man in dieser dumpfen, grauen Welt. Aber, gloria in excelsis! von diesen heiteren schwäbischen Fluren hob sich der Nebel jetzt, er, Friedrich Karl, hatte sein gut Teil dazu beigetragen, dem Land die helle, katholische Luft zu schaffen, die ihm soviel besser anstand. Jetzt fuhr er, einen neuen Herzog im rechten Glauben zu taufen. Ei, wohl war es eine gut eingerichtete Welt! Ei, wohl war es eine Lust zu leben. Und er atmete fröhlich die milde Luft und er scherzte mit seinen klugen Räten und er schenkte den Kindern an seinem Wege Münzen und er schaute wohlgefällig auf das artige Aufwartemädchen im Wirtshaus. Und sein schwerer Leib schwankte zufrieden und sein feistes, kluges Gesicht strahlte Heiterkeit über alle seine Umgebung.

Aber dem Land ging er auf wie ein blutig roter, Unglück kündender Vollmond. Ach, der Sieg, den man im Stettenfelser Handel errungen, war nur eine kurze Aufhellung gewesen. Jetzt zeigte sich, daß das Land umstellt war, daß die Maschen des Netzes von allen Seiten geknüpft waren. Was halfen alle Klauseln und fürsorglichen Reversalien gegen die höllisch schlauen Interpretierungskünste der Würzburger Räte! Und selbst wenn man dagegen aufkam, wenn man sie säuberlich Punkt um Punkt widerlegte, frommte es doch zu nichts; denn hinter den Würzburgern stand das Militär, standen die Bajonette der herzoglichen Armee. Hatte der Jud den Leib und das Geld genommen, so kam jetzt der Katholik und fraß die Seele. Katholizismus, das hieß Preisgabe seiner selbst, Preisgabe aller menschlichen und politischen Freiheit. Das hieß Militär-Absolutismus, hieß Löcherung aller bürgerlichen Tugend und Tüchtigkeit, hieß eine große, dumpfe Masse von Knechten und ein kleines Häuflein zuchtloser Höflinge schrankenlos darüber. Katholizismus, das hieß die Herrschaft Beelzebubs, hieß Ueppigkeit, Schamlosigkeit, Tyrannei, Hurerei, Völlerei. Wie eine Raupe schlug das Land um sich. Aber es war ein kraftloses, hoffnungsloses Umsichschlagen. Der Jud hatte gut vorgearbeitet, so hatte der Katholik leichtes Werken. Resigniert und stumpf, eingeschüchtert von dem herrischen Gewese der Beamten, den Fußtritten der katholischen Offiziere, hockten in den Schenken die Bürger, hatten für die neuerliche Ankunft des Würzburgers nur ein ohnmächtiges, höhnisch stumpfes Gelächter. Da hat man’s ja! Da sieht man’s ja! Aber weiter nicht wirkte der Zorn sich aus, und alle saßen sie jetzt wie der schweinsäugige Konditor Benz giftig und geduckt.

Die Geheimen Räte Harpprecht und Bilfinger stemmten sich schwer und kräftig den Absichten des Herzogs entgegen. Doch wenn sie auf administrativem Gebiet manches erreichten, so besagte das nicht viel. Denn sie sahen sehr wohl, die Gefahr kam von anderer Seite her, sie lag in der Katholisierung der Armee. Und die war nicht aufzuhalten. Die Würzburger Herren, die Räte Fichtel und Raab, sahen denn auch den Bestrebungen der Württemberger still, vergnügt und kennerisch zu; ja, sie ließen ihnen höflich und mit ironischem Wohlwollen gelegentlich sogar einen kleinen Vorsprung. Es war amüsant zuzuschauen, wie die beiden schweren, biederen Protestanten sich fruchtlos abzappelten, während sie ihre Pläne einfach von der Zeit reifen ließen. So gewiß dem April der Mai, so gewiß mußte ihren Projekten die Erfüllung folgen.

Nur eine ernsthafte Schlappe erlitten die Katholischen. Der Elferausschuß des Parlaments benützte eine leichte Erkrankung des Weißensee, an Stelle des zweideutigen Mannes einen zuverlässigen Evangelischen und Demokraten zu setzen, den Regierungsrat Moser, den Publizisten, der sich im Stettenfelser Handel so sichtbarlich ausgezeichnet hatte. Da saßen nun die Elf, wüteten, tobten, fluchten. Mannhaft und ernst vertrat die Sache des Landes der Präsident Sturm, grobzornig und unflätig schimpfend die Bürgermeister von Brackenheim und Weinsberg, schwungvoll pathetisch Moser, doch düster und Weltverachtung in den Mundwinkeln der Konsulent Neuffer. Ja, Neuffer saß nicht mehr auf den Stufen des Throns. Er hatte erkannt: die Macht fuhr nicht brausend und alles niederrennend einher, mit Donner und Blitz und in großem Glanz, wie er es sich vorgestellt; nein, sie war zusammengesetzt aus lauter kleinen Kniffen, sie kämpfte mit lauter schäbigen Tricks und meskinen Mittelchen, kurz, es war um sie nicht besser bestellt als um die Freiheit. Es stank hier wie dort aus tausend Löchern, alles war ekles Flickwerk, Macht oder Freiheit, Absolutismus oder Demokratie, es war nur ein prunkender Mantel, unter dem sich widerliche, kleinliche, alberne Gelüste und Gefühlchen versteckten. Da war es schon besser, auf der Seite zu stehen, auf die man von Geburt geworfen war. Er kehrte finster und menschenverachtend der Sache des Hofs den Rücken und stellte seinen verkniffenen, gravitätischen Fanatismus wieder in den Dienst des Volkes, des Parlaments, der Evangelischen.

Doch ob man ernsthaft sachlich und gewichtig opponierte wie Sturm oder mit düsterem Eifer wie Neuffer oder mit grobem Geschimpf wie die Bürgermeister Jäger und Bellon, es fruchtete wenig. Auf die mannigfachen, umständlichen Reklamationen, Beschwerden, Petitionen, submissesten Vorstellungen des Parlaments kam aus der herzoglichen Kanzlei hochfahrend kurzer oder überhaupt kein Bescheid. Hingegen hörte man von drohenden und gewalttätigen Reden des Herzogs, er wolle ein Bataillon Grenadiere vors Landhaus marschieren und es den Kujonen drinnen machen lassen, wie schon einmal ein Herzog von Württemberg getan. Mehrmals äußerte er, nun werde er bald dieser tückischen und aufrührerischen Hydra den Kopf zertreten. Eine Reklamation des parlamentarischen Ausschusses wegen der Regelung des Pupillenwesens war in besonders scharfen und unklugen Worten abgefaßt. Karl Alexander ließ sich daraufhin von dem Geheimrat Fichtel, der als erster Kenner des Verfassungswesens galt, gutachtlich bestätigen, keine Landschaft dürfe Beschwerden und Gegenvorstellungen erheben, in welchen die Ehrfurcht gegen den Fürsten so außer acht gelassen sei. Der Urheber solchen Schriftstücks verdiene, daß ihm der Kopf vor die Füße gelegt werde. Audienzen landschaftlicher Deputationen beim Herzog hatten keine bessere Folge. Ja, das vierschrötige Gehabe des Bürgermeisters von Brackenheim erbitterte Karl Alexander einmal derart, daß er auf den Mann losging, ihm mit dem flachen Degen seine Untertanenpflicht beizubringen; knapp und mit Mühe konnte der atemlose Deputierte sich retten.

So standen die Läufte, als Johann Jaakob Moser an Stelle des Weißensee in den Elferausschuß berufen wurde. Er war der Jüngste im Ausschuß, doch trotzdem er erst im Anfang der Dreißig stand, ein umgetriebener Mann; hitzig, wichtigmacherisch, mit einem Abenteurerhang zum Wechsel, ein Liebhaber rascher, großer Worte und pathetischer Gesten, sehr geübt mit der Feder, ein leidenschaftlicher Publizist. Von frühester Jugend an hatte sich der rastlose Mensch mit massenhaftem Wissen vollgestopft. Mit siebzehn Jahren schon hatte er Diskurse drucken lassen, mit neunzehn hatte er sich dreist und voll flinken Selbstbewußtseins an den Herzog Eberhard Ludwig herangemacht und war außerordentlicher Professor in Tübingen geworden. Mit zwanzig Jahren wechselte er hinüber an den Wiener Hof, wurde Regierungsrat, pürschte sich an den Kaiser heran. Um sich vor Zwischenträgereien zu sichern, rief man ihn nach Württemberg zurück. Es war indes mit dem starren und anmaßenden Mann nicht auszukommen, er ging nach Preußen, wurde Rektor der abgelegenen und vernachlässigten Universität Frankfurt an der Oder, warf das undankbare Amt sehr bald wieder hin und kehrte unter Karl Alexander nach Stuttgart zurück. Während dieser Jahre schrieb und redete er immerzu und in großen Massen, es gab kein Ding des Tages und der Ewigkeit, daran er nicht seine Rede und seine Feder geübt hätte. Bei alldem fand er, Skeptiker zuerst, dann Deist, noch Muße, erweckt zu werden und sich in die Reihe der Luther, Arndt, Spener, Francke zu stellen.

Er hatte durch sein rasches und kühnliches Zupacken im Stettenfelser Handel groß Aufsehen erregt und fühlte sich jetzt als berufener Erlöser Württembergs. Er beschloß, vertrauend auf seine Rhetorik, ganz einfach und schlechthin, wie Nathan der Prophet zu David, zum Herzog zu gehen und dem Fürsten kraftvoll und dringlich als Mann zum Mann ins Gewissen zu reden. Ueberzeugt von der Macht und dem Eindruck seiner Persönlichkeit erbat er sich also Audienz und ging, ausgezeichnet disponiert, publizistisch, advokatisch, prophetisch in bester Form, zum Herzog, geschwellt und in hoher Stimmung, wie ein Komödiant sich auf eine gut geübte Rolle freut, die ihm liegt. Doch die Audienz verlief unerwartet. Karl Alexander empfing ihn in Gegenwart des Süß. Moser ließ sich dadurch nicht aus dem Konzept bringen. Er sprach gelehrt, gründlich, mit Ueberzeugung, brachte moraltheologische Argumente, Exempel aus der heiligen, der antiken, der neuen Geschichte, mischte Staatsrechtliches mit Praktisch-Billigem, brachte Vergleiche aus der Natur, kurz, er fand sich hinreißend. Der Herzog und der Jude hörten aufmerksam zu; ja, als dem im Eifer Hin-und Herschreitenden ein Sessel im Wege stand, rückte der Herzog eigenhändig ihn weg, damit Moser nicht behindert sei. Doch als der Publizist nach etwa zwanzig Minuten innehielt, den einen Arm rund und mit schöner Geste erhoben, klopfte der Herzog ihm auf die Schulter und sagte anerkennend: „Wenn das Kind, das die Herzogin erwartet, ein Junge wird, muß Er ihm die Rhetorik beibringen.“ Süß hingegen machte etliche Anmerkungen über den Unterschied in der deutschen und der welschen Deklamation. Und als der schwitzende Publizist von dem schmunzelnden Karl Alexander verblüfft entlassen war, mußte er sich gestehen: „Armes Land! Armes Vaterland! Dir kann selbst ich nicht helfen.“

Der Würzburger hatte also alle Ursach zu heiterster Laune, als er jetzt in Stuttgart einzog. Die Taufe des schwäbischen Erbprinzen unter so günstigen Auspizien war ein Triumph der katholischen Sache weit über die württembergischen Grenzen hinaus. Sie wurde denn auch mit den größten Feierlichkeiten und unter solennem Zustrom katholischer Fürsten und Herren vollzogen. Der Papst ließ bei diesem Anlaß durch einen Sondergesandten die Herzogin mit dem Ritterkreuz des Maltheserordens schmücken. Nur zwei Damen außer ihr besaßen diesen Orden, die Königin von Spanien und die Fürstin Ucella in Rom.

Marie Auguste lag ziervoll, das Pastellgesicht ganz durchsichtig, in ihrem mächtigen Prunkbett. Das Amulett des Süß mit den primitiven, bedrohlichen Vögeln und den blockigen, unheimlichen Buchstaben lag trotz des Verbots ihres Beichtvaters unter ihrem Kopfkissen; sie lächelte spitzbübisch, wenn sie dachte, wie der wohl, wüßte er es, wütete. Sie war fest überzeugt, nur das Amulett habe sie gerettet; denn die Entbindung war langwierig und schmerzhaft gewesen. Jetzt, nachdem die Geburt vorbei war, fürchtete sie sehr, sie möchte dauernd entstellt sein, und die Medici Doktor Wendelin Breyer und Doktor Georg Burkhard Seeger mußten ihr immer wieder versichern, daß keinerlei Narben und silberne Furchen den Körper Ihrer Durchlaucht verunzieren würden. Mehr aber als auf die Aerzte hörte sie auf die Beruhigungen der alten Barbara Holzin, die ungeheuer kundig und autoritativ die Aussagen der Aerzte bestätigte. Im übrigen fand Marie Auguste die Situation höchst komisch. Sie betrachtete neugierig und amüsiert dies Menschlein, das sie zur Welt gebracht. Sie hatte also, ei, ei! dem Land einen Erbprinzen geschenkt, sie beschaute sich neugierig in dem Spiegel mit dem mächtigen Rand von getriebenem Gold: nun war sie demnach im wahrsten Sinn Landesmutter. Kurios war das, kurios. Karl Alexander wußte nicht recht, was er sagen solle; er überhäufte sie ziemlich wahllos mit Geschenken, die mehr den guten Willen als den Takt des Spenders verrieten. Dann, als sie Besuche empfangen durfte, schickte sie die fließenden Augen über Remchingen, über Riolles, weidete sich an der Unbeholfenheit der Herren, die, Kindern sehr fremd, sich mühsam bewundernde Phrasen über den Säugling abzwangen.

Es taufte aber der Fürstbischof von Würzburg den Erbprinzen von Württemberg und Teck, Erbgrafen von Mömpelgard, Erbgrafen von Urach, Erbherrn von Heidenheim und Forbach usw. usw., auf den Namen Karl Eugen.

Und es krachten die Böller, es läuteten die Glocken. Galatafel, Feuerwerk. Braten wurde gegen einen Glückwunsch, gegen ein Vergelt’s Gott Wein verschenkt. Und so sehr das Volk über den katholischen Erbprinzen fluchte, war doch schon am frühen Nachmittag kein Bissen Braten, von den zahllosen ungeheuren Fässern kein Schlückchen Wein mehr da.


Süß hielt sich während dieser Feierlichkeiten sehr im Schatten. Früher hatte er sich auf jede Art an den Bischof und die Würzburger Herren herangemacht; nun schien es beinahe, als meide er sie mit Absicht. Das katholische Projekt, jetzt ausschließliches Zentrum der schwäbischen Politik, lag ganz in den Händen der Würzburger Diplomaten und der Militärs. Hatten sich die Herren darauf gerüstet, den Finanzdirektor nur mit Mühe und unter allen möglichen Tifteleien und Vorwänden auszuschalten, so sahen sie jetzt verwundert, daß er allem, was mit dieser Frage zusammenhing, sorglich auswich. Sie verstanden das nicht, sie glaubten an eine Finte, vermuteten, der Jude intrigiere direkt beim Herzog. Doch auch zu Karl Alexander kam Süß nur, wenn er gerufen wurde. Der Herzog war ungnädig, daß er in der peinlichen Eßlinger Affäre zum Spott des ganzen Reichs dem Juden seinen Willen hatte tun müssen, er zeigte dem Süß bei jeder Gelegenheit ein verdrießlich abweisendes, gereiztes Gesicht; doch der, ganz gegen seine Art, blieb zurückhaltend und gelassen, tat nichts, um die alte Vertraulichkeit des Fürsten wiederzugewinnen.

Er beschränkte sich streng auf die Verwaltung der Finanzen. Früher hatte er, da schließlich alles an irgendeinem Faden mit Geld zusammenhing, in der Eigenschaft des Finanzdirektors jedes kleinste Rädchen des Regierungsapparates kontrolliert; nun wies er fast alles, was man ihm vorlegte, zurück als nicht in sein Ressort gehörig. Die Männer der Regierung betrachteten ihn mit Mißtrauen, schnüffelten nach seinen heimlichen, gefährlichen Motiven, fühlten sich unbehaglich in der Erwartung, solche scheinbare Untätigkeit sei nur Vorbereitung eines großen Coups.

Wenn der Herzog nicht wie schon einmal die Zurückhaltung des Juden durch Stockung des Geldzuflusses empfindlich spüren mußte, so dankte er dies dem kurpfälzischen Rat, den er jetzt ständig in seiner Umgebung hielt, dem Dom Bartelemi Pancorbo. Wild zupackend stürzte sich der hagere Mann mit dem blauroten, fleischlosen Gesicht auf alles, was Süß aus den Händen ließ, hakte sich fest, drohend, wie für die Ewigkeit, auf jeden Platz, den jener freigab, schlang gierig, wovon jener die Zähne löste. Die schwierige, sehr komplizierte und verästelte Finanzierung des katholischen Projekts besorgte er fast ganz allein; damit glitt ihm die Oberleitung der Staatsgeschäfte in die Hand. Ja, er drang ein in den eigentlichsten Fug und Besitz des Juden. Da war etwa die Sache mit dem Tabaksmonopol. Auf Betreiben des Süß hatte nach mannigfachen halben Experimenten eine jüdische Sozietät in Ludwigsburg eine Tabakfabrik gegründet. Die Gesellschaft arbeitete mit großen Mitteln und auf weite Sicht, errichtete Filialen in Stuttgart, Tübingen, Göppingen, Brackenheim, griff über die Grenzen hinaus. Dom Bartelemi Pancorbo, Inhaber des kurpfälzischen Tabaksmonopols und Sachverständiger in diesen Fragen, maulte vor dem Herzog, die Abgabe, die diese Juden entrichten müßten, sei viel zu niedrig, bot mehr. Süß wich kampflos, auf den ersten Anhieb, entschädigte mit großen Opfern die jüdischen Sozietärs, überließ die wohleingerichtete Fabrik dem erstaunten, grinsenden Portugiesen.

Auch die Geselligkeit, die früher so wild um ihn wirbelte, ließ er abflauen. Es kam jetzt vor, daß er einen Flirt begann und ihn vor dem Ziel müd und gelangweilt abbrach. Unter den zahllosen Frauen seines Bettes, die er verlassen, die er zum Teil vergessen hatte, waren welche, die in jeden Spott einstimmten, der ihn ankotete; welche bewahrten das Erlebnis als etwas Kitzelndes, Verboten-Köstliches wie wohl einen Schmuck, den man, ach! nur in verschlossener Kammer vor dem Spiegel antun darf, und sie schwiegen, sprach man von ihm; welche standen an seinem Weg, wenn er vorüberritt, lächelten großäugig, standen, bis er außer Sicht war, und sie trugen es ihm nicht nach, daß er sie so bald weggeworfen, sie dankten ihm täglich für jene kurzen Stunden, sie bewahrten die Worte, die er wer weiß wie vielen gesagt und längst vergessen hatte, als teuersten Besitz.

Um jene Zeit bekam Josef Süß Augen für seinen Diener und Sekretär Nicklas Pfäffle. Er hatte den fetten, gleichmütigen, langsamen und unermüdlichen Burschen immer gut gehalten, wie man eben einen so ungewöhnlich verwendbaren und zuverlässigen Menschen hält. Aber daß dieser Mensch außer seiner Verwendbarkeit und Zuverlässigkeit auch noch andere Eigenschaften hatte, daß er Regungen und Erlebnisse hatte, die sich nicht auf seinen Herrn bezogen, dies durchzuspüren, nahm sich Süß jetzt zum erstenmal die Mühe. Er sprach darum nicht viel anders zu Nicklas Pfäffle. Es wäre untunlich, ja ganz unmöglich erschienen, zu dem blassen, fetten Burschen ein Wort über das Sachliche und Notwendige hinaus zu sprechen. Aber sein Ton war anders zu ihm, seine Augen gingen anders zu ihm, seine Haltung war vom Menschen zum Menschen.

Auch die Stute Assjadah spürte, daß ihr Herr als ein anderer auf ihr saß. Vielleicht ritt er jetzt nicht mehr in so großem Glanz als früher, vielleicht fühlte man rings im Volk, daß seine Hand nicht mehr die einzige war am Hebel des Regiments; aber die Stute Assjadah spürte, daß sie ihm jetzt anderes war als sein Kleid und sein Schmuck und Hausrat, daß er jetzt ihre Augen sah, daß er jetzt merkte, wie Ein Leben floß in ihm und ihr.

Kurz nach der Affäre mit dem Tabaksmonopol, während man in Stuttgart und Ludwigsburg fieberhaft an der Exekution des katholischen Projekts arbeitete, mit den anderen katholischen Höfen und Herren zettelte, Militärkonventionen schloß, bei Kaiser und Reich die Landschaft ins Unrecht zu setzen, die evangelischen Höfe zu begütigen suchte, während Pancorbo, nach neuen Geldquellen spähend, immer mehr in die Bezirke des Juden eindrang, zog sich der rätselvolle Mann plötzlich aus allen Geschäften zurück, nahm Urlaub, betraute mit der Wahrung des Wichtigsten den Nicklas Pfäffle, verließ mit unbekanntem Ziel und ohne jede Begleitung die Hauptstadt.

Er fuhr nach Hirsau. Er kam sich auf dieser ungewohnt einsamen Fahrt ungeheuer edelmütig und erhaben vor. Zu denken, daß er mit einem einzigen Wort, mit einer einzigen Enthüllung den Herzog ganz für sich gewinnen, sich in die Mitte des katholischen Projekts setzen, die hämischen, triumphierend grinsenden Nebenbuhler an die Peripherie zurückwerfen könnte. Zu denken, daß er einfach die Hände aufmachte, das mühsam Errungene, Einzigartige, letztes, sehnlichst erahntes Ziel aller Welt, wie Wegwurf fallen ließ. Wie edel war er, wie jenseitig, wie opferfroh! Er legte Ernst, Weltabgewandtheit, priesterhafte Getragenheit über sein Gesicht, er befahl seinem flinken, eleganten Körper, würdevoll langsam zu sein, seinen fliegenden, rastlosen Augen, ernst und sinnierend zu schauen.

Wählte er sonst für seine Besuche Zeiten, in denen er den Kabbalisten fern glaubte, so suchte er jetzt seine Gegenwart. Die verströmende Hingabe des Kindes schien ihm selbstverständliche, fast geschuldete Gegengabe des Schicksals. Naemi, obzwar ihr Gesicht, Stimme, Haltung des Vaters schon bei seiner ersten Ankunft die Verdächtigungen des Magisters doppelt leer und haltlos hatten erscheinen lassen, war durch seine neue Maske leicht verwirrt. Sie sah den Vater als Simson, der die Philister, als David, der den Goliath erschlägt. Sein neues Antlitz stimmte nicht recht dazu, und wenngleich nur flüchtig, so doch wieder und immer wieder drängte sich kitzelnd und beklemmend jenes Gesicht vor, da an dem reichen Haar Absalom im Geäst hängt, und seine Züge sind die Züge des Vaters.

Süß war sehr gekränkt; daß der Kabbalist ihm nicht die Achtung und Würdigung zeigte, auf die er jetzt doch offenbar Anspruch hatte. Einmal sagte ihm Rabbi Gabriel: „Du hast erkannt, daß du den Weg suchen mußt; das ist etwas. Aber du hast noch nicht den Weg.“

In der Stille des weißen Hauses mit den Blumenterrassen nahm Süß das Schicksal seines Vaters in die Hand, beschaute es, drehte es hin und her. In der langen Weile überkamen die alten Anfechtungen den rastlosen Mann. Wenn er nun zu seiner väterlichen Herkunft sich bekannte, wer durfte ihn darum tadeln? Er hatte zur Genüge gezeigt, daß er demütig sein konnte: hatte er nicht nach solcher Probe das Recht, aus der Demut aufzutauchen in den Glanz, der ihm rechtens zustand? Wenn er jetzt die Stricke zerschneidet, die ihn immer wieder hinunterreißen wollen zu den Verachteten, kaum daß er eine Sprosse aufwärts klomm? Wenn er den Schmutz und den Ekel und die Verachtung der Menge abstreift, die als an einem Juden an ihm kleben? Wenn er sein schönes Kind an der Hand nimmt, aus der Vermummung schlüpft wie der arabische Kalif und strahlend, daß ihnen das Grinsen stirbt, unter seine frechen Gegner tritt, nicht nur an Genie ihr Erster, nein, Christ auch und Edelmann von Geburt?

Hochmütig steilten die Tulpen in seine Träume, ein weißer, besonnter Würfel lag das Haus. Flüchtig schatteten hinter seinen Erwägungen die seltsamen Formen der magischen Figuren, die blockigen hebräischen Buchstaben, schematisch stand der himmlische Mensch, es blühte der kabbalistische Baum.

Sein Vater. In Braus gelebt, in Schmach verkommen, im Kloster gestorben. Je nun, ihn hatte das Glück verlassen, das Leben von sich gestoßen, er war ohne Erfolg. Was blieb ihm übrig als nach seiner Seele zu jagen? Wer keinen Erfolg hatte, der mußte sich wohl verkriechen und nach innen schauen. Bei ihm, Süß, lagen die Dinge anders. Er hatte Erfolg. Ihm schmiegte sich das Leben, schmeichelte ihm, duckte sich ihm, unterworfen, gezähmt.

Er sah auf. Der Oheim stand vor ihm. Ei, hatte er ihn ertappt? Der Schleicher, der Spionierer, der nach jedem Gedanken jagte, den er einem höhnisch hinhalten konnte. Ach, er wird nie mehr so unbeschwert leben können wie früher. Wenn er es täte, was doch nur natürlich und sein gutes Recht wäre, wenn er sich als Christ bekennte, immer würde er die Verachtung dieses lächerlichen, schlecht angezogenen Mannes eisig im Nacken spüren. Oh, leben können wie früher! Den Tag nehmen, wie er fällt! Wozu diese albernen, überflüssigen Grübeleien? Wenn er sie nur herausbrächte aus dem Blut, die giftig-süße, faulige Lockung, die aus dem Hause drang, von Jenseitigem und Demut und Verzichten.

Naemi kam. Und rasch flüchtete er sich in seine Maske von Stille und Getragenheit.

Während er so hin-und hergerissen wurde zwischen sich krampfender, prahlerischer Demut und zappelndem Tat-und Ehrhunger, langte unvermutet Nicklas Pfäffle an. Berichtete, eine herzogliche Kommission habe Bücher und Kassen des Süß beschlagnahmt, sie zu revidieren. Der Finanzdirektor sei verdächtigt, in amtlichen und privaten Affären formidabel defraudiert zu haben, peinliche Untersuchung sei angeordnet.

Die Feinde des Süß hatten seine Abwesenheit zu einem weiten Vorstoß genützt. Freunde, auf die er sich verlassen konnte, hatte er kaum mehr. Der Hofkanzler Scheffer, der Geheimrat Pfau waren offen zu der katholischen Militärpartei übergetreten und attackierten ihn in aller Oeffentlichkeit. Der Domänenpräsident Lamprechts zog seine Jungen als zu erwachsen aus dem Pagendienst bei ihm zurück. Remchingen, die beiden Röder, der General und der Major, die Obersten Laubsky und Tornacka, der Kammerdiener Neuffer lagen dem Herzog ständig mit Verdächtigungen des Juden in den Ohren. In der Umgebung Karl Alexanders nahmen nur Bilfinger und Harpprecht nicht an dem Treiben teil. Ihnen waren die jesuitischen Sendlinge noch mehr zuwider als der Jude.

Nun hatte Dom Bartelemi Pancorbo seit langem den Juwelenhandel des Süß genau überwacht. Er legte dem Herzog dar, der Jude mache alle Einkäufe auf dem Juwelenmarkt im Namen des Herzogs. Es seien aber hier die Preise sehr variabel; fielen sie, so erkläre, oft noch fast ein Jahr später, Süß die zu teuer gekauften Steine als Eigentum des Herzogs; stiegen sie, so halte er sie als sein Eigentum. So also, daß der Jude das ganze Risiko auf den Herzog abwälze, den Verlust den Fürsten tragen lasse, den Profit für sich einsacke. Allein zum großen Verdruß des Portugiesen machten diese Feststellungen auf Karl Alexander weiter gar keinen Eindruck; er meinte gleichmütig, dafür sei Süß eben ein Jud, im übrigen werde er künftig mehr auf der Hut sein. Weitere Konsequenzen zu ziehen war er durchaus nicht geneigt.

Merkwürdigerweise war es eine ganz belanglose Maßnahme des Süß, über die ihn seine Gegner zu Fall bringen konnten. Der Finanzdirektor hatte das Kaminfegen von Staats wegen geregelt dergestalt, daß gegen eine zu entrichtende Pauschalgebühr die Behörde die Reinigung der Schornsteine übernahm. Diese Anordnung hatte Gelächter und Unmut erregt, und der Kammerdiener Neuffer spielte Karl Alexander ein Pasquill darüber in die Hände, ein greulich illustriertes fliegendes Blatt mit dem Titel: „Untertäniges Danksagungskompliment sämtlicher Hexen und Unholde an seine jüdische Hexelenz Jud Josef Süß Oppenheimer, im Namen aller aufgesetzt und überreicht von gesamter nachtliebender Sozietät Urgroßmutter, der Zigeunerin in Endor.“

Während der Herzog dieses Blatt las, überkamen ihn die alten Gesichte. Er sah sich schreiten in jenem rätselhaften, gebundenen Tanz, er hörte die knarrende, mißlaunige Stimme des Magus, er hörte, hörte körperlich, sein Schweigen, sah das Verschwiegene auf sich zukriechen, vielarmig gestaltlos. Er wollte los aus dieser verdammten Hexerei. Warum hielt er denn den Juden? Er hatte doch bloß Spott und Schererei von ihm. Rot angelaufen, schnaubend, den einen Fuß stark lahmend, stapfte er hin und her. Er wollte es ihm zeigen, dem Filou und Schelmen mit seiner Gaunerei und schwarzen Kunst. Heiser noch und wütend diktierte er die Ordre, die die Untersuchung und genaue Prüfung der Rechnungen und Bücher des Finanzdirektors befahl.

Und es lief der Hofkanzler, es liefen die Generäle, es lief der Portugiese, reckte über der Krause den dürren Hals, hackte zu mit dem entfleischten, blauroten Kopf. Eifrig hockten die Revisoren, schwitzend, vertieft, spähten durch die Brillen, ließen ihre Kiele rascheln übers Papier. Rechneten, luchsten, witterten. Bauten Säulen von Ziffern, Wälder von Ziffern. Schütteten sie aus, klaubten sie wieder zusammen. Spähten, schnüffelten, schwitzten.

Unterdes raste auf gehetzten, auf jeder Station gewechselten Gäulen der Finanzdirektor nach Stuttgart. Diese Inquisition gegen ihn, dieser Stoß und Sturz war ihm ein Wink. Das Glück, das Fatum wollte gepackt, wollte gezwungen sein. Sowie man es nicht umklammerte mit allen Sinnen, sowie man nicht unverrückt Gemüt und Willen darauf richtete, lockerte es, löste es sich. Hätte das Gesindel in Stuttgart nicht seine Lässigkeit gespürt, nie hätten sie den frechen, plumpen Angriff gewagt.

So war er in der ersten Wallung gleich nach der Meldung des Nicklas Pfäffle stürmisch aufgebrochen. Nicht sah er mehr das steinern massige Gesicht des Oheims, dachte mit keinem Gedanken mehr, ob aus den trübgrauen Augen Spott oder Gram auf ihn schaute, wischte flüchtig und rasch die Trauer des Mädchens aus seinem Sinn. Eines nur dachte er, zu Pferde, im Wagen, drehte es hin und her von allen Seiten: Was tun? Was jetzt tun? Dumm war ja, hirnrissig, was seine Gegner da gemacht hatten. Ihn für einen solchen Esel zu halten, daß man aus seinen Schriften ihm die geringste Unregelmäßigkeit nachweisen könnte! Tapsig sind diese Gojim, ohne Nase, ohne Witterung. Er mußte lächeln: nein, zu denen gehörte er wirklich nicht.

Er kalkulierte. Man wird also nichts finden. Was wird man dann tun? Eingestehen, daß man ihm unrecht getan hat? Niemals. Man wird bei irgendeiner formalen Niaiserie einhaken, ihm wegen eines an den Haaren herbeigezerrten Formfehlers einen sanften Verweis erteilen. Ihm ernster zu Leib zu gehen, hatte wohl auch Karl Alexander nie beabsichtigt. Eine Lektion wollte man ihm erteilen, ihm zeigen, daß er sich nicht zu sicher fühlen möge. Man wird es also bei einer milden Rüge bewenden lassen. Für ihn dann wäre das klügste, dem leicht gereizten Herzog äußerlich recht zu lassen, solchen sanften Tadel still einzustecken, dann aber die Affären fest mit beiden Händen zu packen, den Feinden heimzuzahlen, mit allen Mitteln sich in das katholische Projekt zu drängen.

Da war es schon wieder: warum dann nicht gleich seine Geburt ausspielen?

Nein, nein, das alles wäre dem früheren Süß angestanden. Wie er jetzt war, umsäumt mit Demut und Weltüberwindung, mußte er es anders halten. Wohl war dieser Einbruch der Feinde in seine Geschäfte und seine Papiere Wink und Zeichen. Aber nicht er ließ sich vom Glück auf die Probe stellen. Gefehlt! Er selber wird das Fatum zwingen, sich zu entschleiern, die festverschlossenen Lider aufzuschlagen.

Klar formte sich ihm, während schon die Pferde in Sicht der Hauptstadt dahinhetzten, sein Entschluß. Jeder Schritt seines Weges, jedes Wort, das er sprechen wollte, lag deutlich vor ihm. Nicht klug sein wird er, nicht geschäftstüchtig, nicht politisch. Das Schicksal herausfordern wird er. Zum Herzog gehen, seine Entlassung verlangen. Gibt sie der Fürst, gut, dann hat das Fatum gesprochen. Resignieren wird er dann, in der Stille leben irgendwo, sich versenken wie sein Vater. Hält ihn der Herzog, dann, ja dann –: als der Feind wird er dann leben, als der Rächer. Denn dann wird er sich die Demütigung bezahlen lassen. Die Hand den Feinden an den Hals! Zudrücken! Würgen! Pressen!

Bei Hof hatte man erwartet, Süß werde sich verteidigen, geschmeidig, vielwortig, advokatisch; oder auf seine Meriten hinweisen, pathetisch seine Unschuld beteuern; oder um sich schlagen, wüten. Nichts dergleichen. Gelassen ging er zum Herzog. Erwiderte auf die kollernden, polternden Vorwürfe des Tobenden mit keiner Silbe. Bat, als endlich der Herzog verschnaufend einhielt, in ruhigen, gesetzten Worten um seine Entlassung. Für allenfallsige Fehlbeträge hinterbleibe haftend sein gesamtes liegendes und mobiles Vermögen. Dem erst sprachlosen, dann sinnlos schimpfenden, wutlallenden Herzog wiederholte er höflich und steinruhig sein Verlangen. Da Karl Alexander hinkend, mit gehobenem Arm auf ihn eindrang, ging er, in bestimmten Worten auf rasche Verbescheidung seines wohlüberdachten gehorsamen Wunsches drängend.

Die Ankläger vor sich rufen ließ Karl Alexander. Fragte, die Stimme gepreßt vor Wut, ob sie Beweise gefunden hätten. Ueberhäufte, stimmlos keifend, die Stammelnden, Ausweichenden, Schlotternden mit wüsten, kotigen, pöbelhaften Schimpfworten. Im Arsch habe der Jud mehr Gehirn als sie in ihren Schlammschädeln. Er begreife nicht, wie er auf ihre ohnmächtig neidischen, hirnrissigen, blöd giftigen Stänkereien habe hereinfallen können. Was ihm der Jud lieber sei als sie saudummen Christenschelmen.

Mürrisch schickte er dem Süß die Akten zurück nebst einem riesigen Douceur und Schenkbriefen auf reiche Liegenschaften. Fahl in ihre Winkel krochen die Feinde. Fast ohne Kampf gewann sich Süß die verlorenen Positionen zurück. Dem katholischen Projekt hielt er sich noch immer fern; aber in jedem andern Bereich wieder drängte er zu, griff zu, wo man an seine Interessen streifte.

Da saß er nun in der alten Macht, straffte die Zügel, und jeder im Herzogtum spürte seine Hand. Was in der Zwischenzeit geschehen war, wurde überprüft, korrigiert. Die Kaminfeger-Verordnung, schon zurückgezogen, wurde nun doch Gesetz; die fliegenden Blätter verschwanden, nur heimlich im Abort des „Blauen Bocks“ zeigte der Konditor Benz seinen Vertrauten das Dankschreiben der nachtliebenden Sozietät an Seine jüdische Hexelenz. Auch der Domänenpräsident Lamprechts schickte seine Söhne wieder in den Dienst des Juden; er hatte es sich anders überlegt, sie waren doch nicht zu alt.

So schien äußerlich die Stellung des Süß in Stuttgart wie früher. Auch trieb er wieder die brausende Geselligkeit von eh. Doch war er herrischer, minder liebenswürdig. Er leistete sich bissige, schädliche Witze, hielt auch nicht still, wenn man sich auf seine Kosten erlustierte. Den General Remchingen, als der ihn einmal in seiner gewohnten Art wegen seines Judentums gröblich verschimpfierte, sah er an von oben bis unten, von unten bis oben, und als vor seinem seltsam dringlichen, drohenden Blick dem General das Grinsen verging, lachte ihm plötzlich der Jude seinesteils greulich und unheimlich ins Gesicht.

Marie Auguste konstatierte bedauernd, daß ihr Hausjud bei weitem nicht mehr so nett und amüsant sei. Ach, es war so vieles weniger amüsant geworden!

Auch die Beziehungen zwischen dem Herzog und Süß hatten sich geändert. Karl Alexander war sehr häufig mit ihm zusammen, zeigte ihm, sein Mißtrauen wettzumachen, dicke Gunst und Gnade. Aber oft sagte er sich, es wäre eigentlich besser, des Juden ledig zu sein. Wenn er gleichwohl nichts dazu tat, so schob er es auf Befürchtungen, Süß wisse zuviel, könne ihn zu leicht kompromittieren; auch wäre es töricht, ihn, nachdem er sich dermaßen am Land gemästet, mit allem Fett aus den Grenzen zu lassen. Er gestand sich nicht, daß, was ihn an den Juden band wie das, was ihn abstieß, viel tiefer und unheimlicher in seinem Blut lag.

Auch jetzt geschah es wohl, daß Süß plötzlich die Hände fallen ließ, in sich versank, in rätselvoller Gelähmtheit weitab war. Dann streckte wohl aus dem Winkel, in den er ihn gescheucht, Dom Bartelemi Pancorbo den zerdrückten, blauroten Kopf, schickte hinter faltigem Lid das Aug nach dem Solitär an des Juden Hand. Blinzelte, krümmte die Finger zum Griff. Doch er war sehr vorsichtig geworden und begnügte sich, zu äugen und zu tasten.


Marie Auguste stand vor dem Spiegel, nackt, reckte sich, beschaute sich. Angstvoll, genau, Zug um Zug, Glied um Glied. Atmete auf, lächelte. Nein, nein, sie war heil geblieben, sie war nicht entstellt. Sie war glatt und glau und rank wie früher. Mit den kleinen, fleischigen Händen tastete sie, knetete sie an ihrem Leib. Oh, er war weich wie früher und doch fest. Mit den länglichen Augen prüfte sie ernsthaft und schonungslos den kleinen, eidechsenhaften Kopf im Glas. Die Beschwerden der langen Schwangerschaft, die wilden Qualen der Entbindung hatten keinen Zug und keine Zerrung hinterlassen. Klar und leicht und ohne Runzel rundete sich unter dem strahlend schwarzen Haar die Stirn, keine Falte schnitt von dem Backen herunter zu den sehr roten Lippen. Sie hob, die nackte Frau, mit halb hieratischer, halb obszöner Gebärde beide Arme eckig zum Kopf, daß das schwarze Gekräusel in den Achseln sichtbar war, und feucht atmend, lächelnd, schritt sie mit biegsamen Schritten, tanzend fast, durch das Zimmer. Oh, noch glitt sie wie fließendes Wasser über die Erde, noch spielten ihr gehorsam und wie von selbst alle Glieder schmiegsam ineinander. Und sie dehnte sich wellig und sie lächelte tiefer und der Tag lag blau und schwerlos vor ihr.

Doch in der nächsten Nacht schon schlich die gleiche Angst sie an, kroch heran, umklammerte sie immer fester, atemklemmender. Und den andern Tag stand sie noch länger vor dem Spiegel, prüfte sie noch länger jede Biegung ihres Leibes, Fleisch und Haut. Eine krankhafte, grauenvolle Furcht vor dem Altern war in ihr. Es war nicht auszudenken, daß dieses Haar verfärben, diese Haut verrunzeln, dieses Fleisch vermürben sollte. Sie wird mühsam einherhumpeln, hüsteln, spucken, die Männer werden froh sein, wenn sie die zeremoniösen Handküsse und Konversationen hinter sich haben, die Frauen sie nicht beneiden. Ihre Augen schleierten sich, wenn sie es dachte; sie war vergiftet mit solchen Vorstellungen.

Erwog sie, daß das Kind ihr Welken beschleunigte, so ärgerte sie sich über den Säugling. Er war ihr fremd, er war durchaus kein Teil von ihr, es war unbegreiflich, daß das da einmal in ihrem Leib sollte gewachsen sein. Es war ein großes, gesundes Kind, vom Vater hatte es die starke Nase, die wulstige Unterlippe; trotzdem sah es hübsch und geweckt aus. Man versicherte Marie Auguste, das Kind stehe ihr sehr gut, sie gebe als Mutter ein scharmantes und zärtliches Bild, aber sie konnte Tieferes für den Säugling nicht fühlen als etwa für den kleinen modischen Pinscher, von dem sie wußte, daß er hübsch aussah, wenn er unter dem Saum ihres weiten Rockes vorlugte.

Ihr Tag war wie früher bis zum Rand gefüllt mit bunter, lärmvoller Heiterkeit. Aber sie war jetzt fahriger, nervöser. Herr von Riolles begann sie zu langweilen, auch war sie seinen spitzen Geistreicheleien nicht mehr recht gewachsen, der Jude war weniger amüsant und fügte sich nicht mehr so in jedes Spiel, Remchingen mit seinen plumpen Zoten widerte sie geradezu an. Dafür zog sie jetzt den Deputierten Johann Jaakob Moser in ihren Kreis und wandte alle Mittel an, die Omphale dieses stattlichen, pathetischen, feurig von sich überzeugten Publizisten zu werden.

Für den Regierungsrat war das ein großes Glück. Wenn auch der Herzog und Süß, nobel genug, seine Niederlage still für sich ausgekostet und nichts davon weitergeschwatzt hatten, so war doch sein Selbstbewußtsein arg ramponiert. Jetzt unter dem Wohlgefallen und der Gunst der Herzogin richtete es sich auf wie gebeugtes Korn bei der rechten Witterung. Kotz Donner! Er mußte doch ein Kerl sein, wenn jemand wie Marie Auguste, in ganz Europa berühmt um ihre Schönheit, die erste Dame Deutschlands, ihm, dem Gegner, so offensichtlich ihre Huld zeigte. Den Krämerseelen im Parlament mochte es vielleicht nicht ganz eingehen, daß er, der Demokrat, der große Tyrannenhasser, soviel zu Hofe ging. Doch mochten diese Aermlichen denken was immer: er fühlte sich Ulyß genug, der schwäbischen Circe zu widerstehen.

Der imposante, wichtig sich habende, eitle Mann verbrachte also jede Stunde, die er durfte, bei der Herzogin. Er war bei ihrem Lever, er saß, war sie im Bad, auf den Holzbrettern, die, nur den Kopf freilassend, die Wanne bedeckten. Er deklamierte mühelos und feuervoll, die großen Augen seines massigen Cäsarenkopfes blitzten, der Degen schwankte rhythmisch auf und ab, lang hinrollend flossen die Worte aus seinem Mund. So saß er, Schwabens Demosthenes, und sein mächtiger Schädel bebte, daß die Perücke stäubte. Er perorierte der Herzogin von allem Möglichen, er las ihr Manuskripte vor, für Zeitschriften bestimmte, und größere Werke und Broschüren, theologische, juristische, nationalökonomische, Abhandlungen über politische Tagesfragen, doch auch Aesthetisches, Botanisches, Mineralogisches; denn Johann Jaakob Moser war sehr gelehrt. Er rezitierte alles mit dem gleichen Feuer und mit vielem Ausdruck. Gewöhnlich hörte Marie Auguste nicht recht hin; sie ließ sich frisieren, während er sprach, oder maniküren, las wohl auch den Mercure galant; häufig hätte sie nicht sagen können, ob er ihr deutsch vorlas oder lateinisch. Aber das gleichmäßige Geräusch, das dieser Cicero mit solcher Beflissenheit hervorbrachte, ging angenehm ins Ohr, es war auch amüsant, die stattliche, bewegte Statur des erregten, komödiantischen Mannes vor Augen zu haben, und es kitzelte, daß dieser Demokrat und Fürstengegner sie so jungenhaft und gegen sich selber knirschend anschwärmte. Manchmal dann, wenn er seine großen, etwas leeren Augen himmelnd und dringlich auf sie richtete, glitt sie mit langsam fließendem Blick in den seinen und lachte, wenn er, sich rötend, schwerer atmete. Er aber, zu Hause, schilderte umständlich und mit vielen geläufigen Worten seiner Frau die Schönheit der Herzogin, und wie sie offensichtlich Wohlgefallen an ihm finde, wie aber sein Herz gepanzert sei mit dreifachem Erz. Und er warf sich auf die Knie und betete zusammen mit seinem Weib brünstig und in sehr wohlgesetzter Rede, Gott möge ihm auch künftig die Kraft leihen, gegebenenfalls den Mantel im Haus der Herzogin zurückzulassen.

Unter den Frauen schloß sich jetzt wie früher Marie Auguste an eine einzige enger an, Magdalen Sibylle. Ihr schmeichelte sie, schmiegte sich an sie, machte sich klein, sprach zu ihr wie eine dumme, kleine Schwester zu der alles wissenden älteren. Ach, Magdalen Sibylle, wie war sie ernsthaft und gescheit und voll Erfahrung und Gewissen. In ihrem, der Herzogin, kleinen Kopf flatterte alles bunt und wirr durcheinander wie farbige Mücken und alles glitt an ihr ab wie Wasser und nichts haftete. Aber Magdalen Sibylle bewahrte alles, was gesagt wurde und was geschah, sorgsam auf und betrachtete es und gab sich damit ab und verwandelte es in ihr Eigen. Darum war sie auch so schwer von Erlebnissen und Erfahrungen, und sie, die Herzogin, war ganz klein und dumm vor ihr, trotzdem sie doch eine Krone trug und im eigentlichsten Sinn Landesmutter war und sogar Inhaberin des Maltheserkreuzes.

Magdalen Sibylle war mit Zurückhaltung freundschaftlich zu ihr, suchte sich, so gut es gehen wollte, in das wellenhaft wandelbare Geschöpf einzuspüren. Manchmal freilich überkam sie fast ein Grauen vor solch tänzelnder Schwerlosigkeit. War denn diese Frau, an der alles abglitt, Mann, Kind, Land, diese nicht zu haltende, nur ihrer leiblichen Gestalt lebende, war sie denn wirklich, war sie nicht ein Gebild aus Luft, eine Spiegelung, etwas Entwestes, ein farbiger Schatten?

Das große Mädchen mit den bräunlichen, männlich kühnen Wangen war müde geworden. Der tiefe Glanz der blauen Augen, so unwirklich und unwahrscheinlich unter dem dunklen Haar, wurde blasser, die Haltung der straffen Glieder lässiger, fraulicher. Sie hatte sich abgekämpft, sie war niedergebrannt, nun war sie still und nicht mehr geneigt, wild und empört zu lodern.

Sie war durch Demut und Entzückung der Brüdergemeinde gegangen, die Schrift hatte ihr Klang und Sinn gehabt, sie hatte Gott geschaut, die Apostel hatten sich an ihr Bett gesetzt und mit ihr gesprochen. Dann hatte sie im Wald den Teufel gesehen, sie war, Fackel und heiliger Brand, ausgezogen, ihn zu bestehen. Und dann waren der Herzog und der Jud gekommen und hatten wie eine große Schlammflut ihren Garten überschwemmt und verwüstet. Alle Blüte und Frucht und Baum und Grün war tot und verschlammt gewesen, und als die Wasser sich verlaufen hatten, war nichts geblieben als nasser, unfruchtbarer Kot.

Und dann war die Werbung des Süß gekommen. Sie hatte trotz der ersten Enttäuschung ihn für eine große, lebenzeugende Sonne angeschaut und hatte sich ihm ganz erschlossen, alle Poren des Leibes und der Seele ihm willig und mit gewußter, grenzenloser Hingabe geöffnet. Aber er war eine Sonne gewesen, die nicht wärmt und die fahl und mitleidlos und unerreichlich ihre Straße zieht. Sie hatte allen Willen darauf gerichtet, ihn zu begreifen, sie hatte sich mitreißen lassen von ihm, und sie hatte auch, mehr als jeder andere, von seinen Verwicklungen gespürt, mehr verstanden von seiner Isolierung, seinen Kämpfen, seinen Niederlagen, seiner Gelähmtheit, seinem neuerlichen Aufstieg. Aber ihr scheues und ihr offenes Werben um ihn blieb ohne Krone; er war zu ihr von einer sehr höflichen, vertrauensvollen Freundschaftlichkeit, doch alle männliche Glut war verascht.

Sie verzweifelte daran kein zweites Mal; sie beschied sich. Sie ging ihre graue und sonnenlose Straße. Sie überlegte klar, fest, sachlich: sie hätte zur Gutsherrin getaugt, ein großer Landedelmann etwa, nicht sich verschließend vor der Welt, doch am stärksten und sichersten auf seinem Boden, bei seinen Bauern, wäre ihr der Rechte gewesen. Nun hatte sie ein böser Irrstern in die falsche Welt getrieben. Sie selber war nicht schuldlos daran: ungerufen erscheint Beelzebub nicht, wer, wie sie damals im Wald, ihn sieht, der hat sich im Innersten, Verstecktesten nach ihm gesehnt. Sei es wie immer, es war unsinnig, darüber weiterzugrübeln. Jetzt jedenfalls war sie an diesen Hof gebannt, der ihr ein sinnlos wirbelndes Durcheinander bunter Tiere erschien, und der einzige Mensch unter ihnen, zu dem es sie mit tausend Stricken zog, war durch seine höfliche, vertrauensvolle Freundschaftlichkeit ihr ach! tausendmal ferner als damals der Teufel im Wald von Hirsau.

Häufiger wieder ging sie zu Beata Sturmin. Schon war ihr die blinde Heilige kein törichtes, altes Mädchen mehr, die Stille, in der sie selber lebte, war ihr in Gegenwart der gefriedeten, frommen, begnadeten Frau minder kahl und dumpf, ja, manchmal fühlte sie diese Stille fast körperlich wie einen guten, warmen Mantel.

Bei der Beata Sturmin traf sie öfters den Stadtdekan Johann Konrad Rieger, Stuttgarts besten Prediger, und seinen jüngeren Bruder Immanuel Rieger, Expeditionsrat. Johann Konrad, der Prediger, konnte seine flutende Beredsamkeit auch in der ruhigen Stube der Heiligen nicht zügeln. Er war ein gutmütiger, rechtschaffener Mann, aber warum sollte er nicht wuchern mit dem Pfund, damit die Gnade des Herrn ihn begabt? Und er breitete seine schönen, dunkelhallenden Worte vor seine Hörer wie kostbaren Samt, damit sie sich daran ergötzten. Magdalen Sibylle ward durch den beredsamen Mann an Johann Jaakob Moser erinnert, den sie zuweilen bei Marie Auguste traf, und einmal sprach sie auch von dem Publizisten und seiner geübten Rhetorik, harmlos und ohne große Anteilnahme. Aber da schwoll der sonst so gütige Prediger giftig an, er geiferte gegen die satanische Eitelkeit jenes Redners, und wie überhaupt solche profane Rhetorik Blendwerk sei und Erfindung des Teufels, und die blinde Heilige konnte die Wut des Mannes gegen den weltlichen Konkurrenten nur mühsam zähmen, bis er endlich, noch lange nachgrollend, sich beschied.

Immanuel Rieger, der Expeditionsrat, hörte ehrbar und andächtig zu, wenn sein berühmter Bruder sprach. Er war ein kleiner, hagerer, unscheinbarer Mensch; um seinem knabenhaft schüchternen Gesicht ein bißchen Männlichkeit zu geben, trug er der Mode zuwider einen kurzen Schnurrbart. Sehr geneigt, an jedem Menschen nur das Gute zu sehen, betrübte es ihn tief, daß sein Bruder über den allseitig verehrten Publizisten sich derart abfällig äußerte; doch seine Bescheidenheit wagte nicht, seine abweichende Meinung anders als durch leicht wehrende Handbewegungen kundzutun. Es war dem fleißigen und gewissenhaften Beamten ein tiefes, inneres Bedürfnis, es war seine Erholung und einzige Lust, große Männer verehren zu dürfen, und es war nicht sehr schwer, ihm als großer Mann zu gelten. Es gab so viele Leute, die Gott mit hohen Gaben reich begnadet hatte, er sah gerne voll Hingebung und wahrer Bewunderung zu ihnen auf, er war selig, in dem Kreis der blinden Heiligen mit so vielen wahrhaft bedeutenden Männern und Frauen verkehren zu dürfen.

Zu Magdalen Sibylle blickte er in hemmungsloser Verehrung, knienden Herzens empor. Welche Frau! Welche Märtyrerin! Dieses reinste und tugendhafteste Weib des ganzen schwäbischen Kreises, was mußte sie gelitten haben, wieviel tausend Tode mußte sie gestorben sein, als der ketzerische Souverän sein Aug auf sie warf. Sein Aug auf sie warf, eine andere Formulierung wagten seine dreistesten Träume nicht. Und wie würdig trug sie, diese mit allen Wundern des Leibes und der Seele begabte Heilige, ihre Dornenkrone.

Schüchtern wagte der kleine, unscheinbare, schnurrbärtige Herr manchmal ein Wort an sie. Er sprach nicht von seiner ungeheuren Bewunderung, nie hätte er sich des erkühnt, er sprach von einem gemeinsamen Bekannten, dem Magister Jaakob Polykarp Schober in Hirsau. Magdalen Sibylle lächelte ein kleines, zwielichtiges Lächeln. Ach Hirsau! Ach der dickliche, gutmütige, pausbäckige Magister! Der Duft gebratener Aepfel und der andächtige, plärrende Gesang vom Himmlischen Jerusalem floß in ihrer Erinnerung zusammen. Unterdes sprach der Expeditionsrat Rieger weiter von dem Magister, er erzählte bescheiden, umständlich und mit großer Achtung von seinen Poesien, von dem Lied: „Nahrungssorgen und Gottvertrauen“ und auch von jenem andern: „Jesus, der beste Rechenmeister“, und Magdalen Sibylle hörte den ehrbaren Worten des Expeditionsrats still und friedlich zu.

Die grenzenlose, andächtige Verehrung, die aus seinem ganzen Wesen so selbstverständlich zu ihr aufstieg, tat ihr wohl. Ihr Leben bei Hof, auch wenn sie nur die nötigsten Visiten erstattete und empfing, warf ihr zahllose Menschen vor die Augen, die sich vor ihr sehr künstlich und krampfig zierten und vermummten, mit ihrer sehr absonderlichen Stellung nichts anzufangen wußten. Sie war Mätresse des Herzogs und Pietistin und Freundin der katholischen Herzogin, das reimte sich nicht, daraus konnte man nicht klug werden. So stieg aus den Menschen, mit denen sie zusammenkam, ein dumpfes Gemisch von Spottlust und Befangenheit und Unbehagen und frecher Neugier und Servilität zu ihr auf, dergestalt, daß ihr ein unverfälschtes, freies Menschenwort sehr selten ins Ohr klang. Deshalb ging ihr die naive, selbstverständliche Bewunderung des Mannes freundlich ein.

Sie sehnte sich immer mehr nach Ruhe und kleinem Leben. Dem wilden und leeren Getriebe des Hofes, dem glänzenden und aufreibenden Apparat der Macht schrieb sie es zu, daß Süß kein inneres Aug für sie hatte, und dieses höfische Dasein ward ihr mehr und mehr zuwider. Es gor etwas hoch in ihr von dem dumpfen, vererbten Haß ihrer Vorfahren gegen die glänzenden, brausenden Herren; unter den Eltern ihrer Mutter war einer Führer im Aufstand des Armen Konrad gewesen und schmählich hingerichtet worden. Sie richtete ihr Haus vor dem Tor immer schlichter ein, kleidete sich immer fraulicher und bürgerlicher, verschmähte, wo es ging, die Perücke. Karl Alexander, der wenig mit ihr zu reden wußte und sie eigentlich nur mehr deshalb hielt, weil er glaubte, diese Liaison stehe ihm gut und sei populär, sah erstaunt zu, begnügte sich aber, da auch die Herzogin belustigt mehr als chokiert schien, mit verständnislosem Kopfschütteln.

Wer aber Magdalen Sibyllens Verbürgerlichung mit tiefem, machtlosem und erbittertem Kummer sah, war Weißensee. Er war der Tochter nie nahegekommen, ja, das ernsthafte, schwersinnige Mädchen war ihm die Jahre in Hirsau über eigentlich etwas unbequem gewesen. Aber doch war sie seine Erfüllung und heimlicher Stolz. Sie war aus feinerem Stoff als die anderen Menschen, sie war anders, über ihnen. Sie hatte ihre eigene Luft um sich, und selbst der Skeptiker, auch wenn er lächelte, sprach zarter zu ihr und unwillkürlich achtungsvoller. Der sehr kluge und urteilskräftige Mann wußte genau, daß ihm bei aller Begabung letzte menschliche Schwerkraft fehlte, daß er kernlos war; Magdalen Sibylle aber hatte diesen Kern, ihr Schritt, ihr Atem, ihre Stimme hatte jenes natürliche innere Gewicht, er sah in ihr seine Vollendung, daß sie seiner Lenden Kind war, schien ihm Rechtfertigung vor sich selbst. Er wagte an ihr auch keine heimliche innere Kritik. Einerlei, was sie war, ob Dame, ob Heilige, sie war jedenfalls gemeinen Menschen fern und unerreichlich, war anders, Inhalt und Zweck einer höheren, in sich geschlossenen Welt. Als dann der Herzog kam und sie zertrampelte, konnte dies, so sehr es ihn umwarf und aushöhlte, an ihr Bild in seinem Inneren nicht rühren. Sie war in Gestalt eines schwäbischen Mädchens Athena, unter die Sterblichen sich mischend, oder eine Halbgöttin zumindest.

Wie sie aber in Kleidung, Lebenshaltung und Wort mehr und mehr verbürgerte, zerbrach ihm dieser sein liebster Gedanke, seine kräftigste Stütze und bestes Argument gegen Selbstvorwurf und nagendes Nichtgenügen. Oh, diese schien nicht nur, sie war eine Bürgerfrau. Die philadelphische Schwärmerin, die marmorstarre Herzogsmätresse, ihrer Allmacht nicht achtend, mit der Seele auf einem anderen Stern zu Haus, waren Verpuppungen gewesen. Die nüchterne Bürgerfrau, praktisch im Alltag wirkend und an ihm zufrieden, war die ridiküle, endgültige, höchst ordinäre letzte Form und Wirklichkeit. Wäre sie Komödiantin geworden, Vagantin, Herzogin, Hure, Heilige, nichts hätte seinen Glauben an sie entwurzelt. Nur dies Eine durfte nicht sein, in die Reihen der braven, gemeinen, niedrigen, alltäglichen anderen durfte sie nicht zurückschrumpfen, diese Enge, diese schlechte, muffige Luft durfte nicht die ihre sein.

Mit feiner Spürung witterte er, daß auch an dieser nüchtern endgültigen Wandlung Magdalen Sibyllens der Jude schuld war. Auch jetzt nicht überkam ihn billiges Rachegelüst. Nur die Neugier verstärkte sich, die feine, rätselvolle, kitzelnde, bohrende Neugier: Was wird jener tun im gleichen Fall? Wie wird sein Gesicht sich ändern, seine Haltung, seine Hände? Diese Neugier stach ihn spitz, war wellig um ihn, wenn er einschlief, kroch ihm juckend, kratzend vom Kreuz her die Wirbelsäule hinauf, füllte ihn ganz an.

Mit dem Glauben an die Tochter brachen seine letzten Hemmungen nieder. Er hatte damit rechnen müssen, daß seine Stellung bei Hof, seine Teilnahme an dem katholischen Projekt auf die Dauer sich nicht vereinen lassen werde mit der Zugehörigkeit zum engeren parlamentarischen Ausschuß. Aber als man ihn dann, seine Krankheit nutzend, in der mildesten Form aus der Elfer-Kommission ausschloß, wurmte es ihn doch tief und schmerzhaft. Er nahm nun ohne weitere Rücksichten immer offener Partei für die Regierung des Herzogs. Klüger und von feinerer Witterung als der plumpe Remchingen, der gierige Pancorbo, hatte er sich an den Treibereien gegen Süß nicht beteiligt, der scheinbaren Lähmung und Ohnmacht des Juden nicht trauend. So konnte er jetzt am leichtesten die Verbindung zwischen den Trägern des katholischen Projekts und dem Finanzdirektor herstellen, ohne den es nun einmal offensichtlich nicht ging. Er kam im Hause des Süß mit den Kapuzinern aus Weil der Stadt zusammen, auch mit einem italienischen Abbé, einem Abgesandten des Fürstabts von Einsiedeln. Ging Weißensee zu solchen Zusammenkünften, so betrat er zwar das Haus des Süß der Form wegen durch die Hintertür, doch tat er es am lichten Tag und so ostentativ, daß solche Heimlichkeit als Herausforderung wirken mußte. Von den alten Freunden Bilfinger und Harpprecht löste er sich immer mehr; sie sahen ihn ernst, traurig und ohne Haß in heil-und ruchlose Verstrickung sinken.

Enger von Tag zu Tag schmiegte er sich dem Herzog an, nützte jetzt bedenkenlos die seltsame Stellung als illegitimer Schwiegervater. All seine Menschenkunde bot er auf, sich den Launen Karl Alexanders einzupassen, und der Herzog, seinen engeren Ratgebern noch grollend wegen der Intrigen gegen den Süß und vor diesem unbehaglich und ohne die frühere Vertraulichkeit, ließ sich die Schmeichelei und Willigkeit des Weißensee gern gefallen. Viele von den kleinen Diensten, die früher der Jude besorgt hatte, Entlohnung persönlicher Verpflichtungen, Zuführung und Abfertigung von Frauen und mehr dergleichen, nahm nun unmerklich und gewandt der Kirchenratsdirektor auf sich. Der würzburgische Geheimrat Fichtel freute sich, daß sein verehrter Freund nun hemmungslos Hofmann geworden; viel lieber als den zwielichtigen Juden, mit dem man sich so schwer zurechtfand, sah er den von ihm wohlgelittenen Weißensee als Vertrauten und intimsten Begleiter des Herzogs. Er gönnte dem Konsistorialdirektor von Herzen Einfluß und Macht, und oft, wenn er, behaglich den heißen Kaffeetrank schlürfend, mit ihm zusammensaß, gab er ihm, doch nur vorsichtig und indirekt, Winke, wie er solche Vertraulichkeit des Herzogs noch weiter nähren und festigen könne.

Weißensee lenkte, um ihn enger zu fesseln, Karl Alexander auf raffinierte, lasterhaft künstliche Abwege, und der an sich gesunde Mann, der an solchen Genüssen im Grund wenig Geschmack fand und derbere Kost vorzog, glaubte es doch seiner fürstlichen und weltmännischen Reputation schuldig zu sein, auch von diesen Tafeln zu probieren. Der Prälat verschaffte ihm Frauen, die ihm eigentlich gar nicht gefielen, die aber in dem übersättigten Paris gerade Mode waren, und er verschaffte ihm welsche Arcana und Aphrodisiaca; er führte ihn immer tiefer in den vergifteten Garten und machte sich als Mentor unentbehrlich. Seltsam war, daß die Herzogin Karl Alexander nicht gern in dieser Freundschaft sah. Sie war durchaus nicht prüde, sie liebte es, sich von lasterhaften Dingen erzählen zu lassen, und bekam dabei ein angestrengt nachdenkliches, verträumtes Gesicht; sie liebte auch auf ihre Art das Antlitz des Vaters, das zerknittert war von vielen kundigen und verderbten Fältchen. Doch das Gesicht des Weißensee, vielleicht weil seine Verderbtheit nicht ursprünglich, sondern umwegig war, gehörte zu den wenigen, die sie nicht leiden mochte.

Karl Alexander pflegte große, glänzende Jagden zu veranstalten, er wandte ungeheure Summen daran; in einem seiner Wälder ließ er einen künstlichen See anlegen, das Wild hineinzutreiben. Bei solchem Anlaß regte Weißensee an, man solle doch einmal in ganz kleiner Gesellschaft jagen gehen. Eine Jagd wie die heutige sei eine Repräsentation, kein Divertissement. Der Herzog stimmte zu. Später gelegentlich sprach der Kirchenratsdirektor von dem schönen, wildreichen Forst bei Hirsau; es wäre vielleicht willkommene Abwechslung, dort einmal ohne Jagdschloß, Komfort, große Dienerschaft, inkognito, nur von zwei, drei Herren akkompagniert, ein paar Tage zu bleiben, auszuruhen, die Krone abzutun, wie ein Landedelmann sich den Freuden der Jagd hinzugeben. Welche Ehre es ihm sei, die Durchlaucht als Gast in seinem Haus dort zu begrüßen, davon wolle er nicht erst reden. Karl Alexander nahm ohne Umstände und vergnügt an, Weißensee hatte Tag und Stunde seiner Proposition geschickt gewählt; auch traf es sich gut, daß der Herzog nur zweimal in dem berühmten Kloster gewesen war. Schon für die allernächste Zeit, und um das Inkognito zu wahren, in großer Heimlichkeit wurde die Partie festgesetzt.

Von da an zeigte Weißensee eine merkwürdige Geschäftigkeit und Gehobenheit. Er verjüngte sich, sein Gang wurde schmiegsamer, behender, seine klugen Augen faßten mit tieferem Glanz nach Menschen und Dingen. Sehr suchte er die Gesellschaft des Süß; wann immer es anging, war er um ihn. Ein kleines, wollüstiges Lächeln um den feinen, schmeckerischen Mund hörte er zu, wenn er sprach, den schmalen, gescheiten Kopf beflissen, wie schnuppernd vorgeneigt. Wenn Süß es nicht achtete, schaute er ihn dann wohl auf und ab, gierig fraß er seinen Anblick in sich hinein, und der andere, leicht überfrostet und nicht wissend, woher, stockte unbehaglich und verstummte endlich ganz.


Rabbi Gabriel verließ das Haus mit den Blumenterrassen, begann eine seiner einsamen Reisen.

Durchquerte von West nach Ost Schwaben, wandelte in Augsburgs stattlichen, alten Straßen, scheu umgafft. Fuhr, blöd und mißtrauisch angestarrt, in die farbige Residenzstadt des bayrischen Kurfürsten. Bog nach Süden in die Berge. Am Fluß lag behäbig hingebreitet, bunt, ein lärmender Markt. Von da an wurde das Tal enger, verwinkelter, die Straße folgte in endlosen Biegungen dem reißenden, weißgrünen Fluß. Hoch oben auf einer Matte lag zwischen weiten, weißlich braunen, riesig getürmten Wänden ein kurfürstliches Jagdhaus.

Die Straße gabelte sich. Rabbi Gabriel tauchte in dicken, endlosen Forst. Den immer dünneren, tosenden Fluß entlang stieg er, der hell und fröhlich laut durch den dunklen Wald seine Bahn brach. Der Kabbalist überschritt die Grenze, betrat kaiserliches Gebiet. Schweigend und in großer Einsamkeit lag die Gegend; wo das Flußtal sich weitete, nach einer Wanderung von fast zwei Tagen, stieß er auf ein paar ärmliche Häuser um eine kleine Kirche. Hier nächtigte er.

Wenige Meilen später sperrte ein hoher Gebirgsstock das Flußtal, dem er bisher gefolgt war. Vorher zweigten drei Nebentäler ab, von Gießbächen gebildet, die in den Fluß des Haupttales mündeten. Er folgte dem ersten. Es stieg nicht sehr rasch an, war freundlich ernst, die Bergwände waren hoch hinauf bewaldet. Er folgte dem zweiten. Es war sehr kurz, stieg rauh und beschwerlich und endete bald in einem zirkusartigen Halbrund riesenhafter, grausig kahler, weißlichbrauner Felswände. Er folgte dem dritten. Dies war länger und weiter als die anderen. Der Bach, der es gebildet, hatte minder starkes Gefäll, oft verlor er sich ganz, floß unterirdisch. Rabbi Gabriel stieß auf Weidengehölz, auf Moorboden. Weiter oben stand eine verlassene, ganz kleine Hütte, die letzte offenbar dieser Gegend.

Der Tag war bewölkt, nicht warm, aber schwül. Der dickliche Mann atmete schwer, wanderte weglos und mühsam.

Hinter der Hütte, überraschend, weitete sich das Tal. Fremdartig stand plötzlich ein Ahornbaum da. Mehrere. Ein ganzer Hain. Die alten Bäume standen groß und sehr still, kein Hauch ging, kein Blatt rührte sich. Nur undeutlich sah man durch die Bäume die riesigen, weißen Bergwände, die weit und unwiderruflich ringsum das Tal schlossen, und sie waren so hoch, daß man durch die Bäume ihre Gipfel nicht sah. Beklemmend lastete die Luft, der Hain der alten, ernsten, fahlfarbigen Bäume war zwischen den Bergen wie aus einer südlichen Landschaft hergehext, leibhaft fast lag die tiefe, drückende Stille, das ganze, reglose Tal war verzaubert, man stand eingesperrt in ihm wie am Ende der Welt.

Der Rabbi hockte nieder, schwer, müde, leicht ächzend, unter einen Baum. Er zog heraus einen Brief des Süß in hebräischen Lettern, einen ernsthaften, mit einer fast gekränkten Frommheit angeschminkten Brief. Er vertiefte sich in die Schriftzüge, trank sie ein. Senkte dann den Kopf zum Schoß, zwang das Gesicht des Mannes vor sich, der nach seiner Seele jagte, des Mannes, an den er gefesselt war. Ihm helfen! Der verschütteten Seele an den Tag helfen, daß die eigene, mit jener verkettete, leichter atme.

Doch dieses Tal war zur Vertiefung nicht der rechte Ort. Oh, dieser Druck der reglosen Luft! Hatte Samael, der Linke, seine mächtigsten Geister hierhergeschickt, ihn zu engen und von seinem Werk abzuziehen? Errette meine Seele vom Schwert und mein Leben aus der Gewalt des Hundes!

Unheimlich reglos, leichenhaft, standen die fremdartigen, unerwarteten Bäume. Ei, Dämonen überall, gestaltlos und in Myriaden Gestalten, waren um den Menschen und beirrten den zur oberen Welt Dringenden. Eingebannt in Millionen Dinge büßen die Seelen der Toten, eingebannt in Tier und Pflanze und Stein. Eingekörpert in die summende Biene ist die Seele des Schwätzers, der das Wort mißbraucht, in die zuckende Flamme der Unkeusche, in den stummen Stein der Schmähsüchtige und Verleumder. Rabbi Isaak Luria, der weise war vor den anderen Menschen, sah die Seelen, die aus den Körpern herausgingen, auch der Lebenden, wenn sie an den Sabbat-Abenden zum Paradies emporflogen.

Oh, könnte er jenes Mannes Seele sehen! Zu ihr reden, mit ihr reden, ihr helfen. Die Seele des Menschen, der dahinhetzt über die Erde nur um der Güter dieser Erde willen, fährt nach dem Tode in Wasser. Ruhelos im Wasser wellt sie hin und her, zerwälzt, zerrieben, hundertfach zerstäubt in jedem Augenblick. Kennten die Menschen diese Pein, sie hörten nicht auf zu weinen. Mann, rastloser, jagender, gehetzter! Denk es! Denk es, Mann!

Dumpfer umschnürte es ihn, drückender, atemsperrender. Zwang ihn, aufzuschauen. Zwischen dem Laub tausend Augen waren auf ihm, die Augen des Kindes, die bräunlich goldenen, erfüllten, ja, sein Herz setzte aus, Naemis Augen. Und sie riefen, flehten mit dringlicher, inniger, angstvoller Beschwörung: „Hilf!“

„Hilf!“ riefen sie, immer dringlicher, gepreßter, flehender, und ließen nicht ab von ihm. Er strich sich über die Stirn, strich sich das Geträume weg, lehnte den Kopf zurück, schaute hinauf zum Himmel. Da waren Wolkenfetzen, seltsam geordnet, sie standen starr und zogen nicht. Jäh erkannte er, sie formten Buchstaben, zwei hebräische Buchstaben, die sagten: „Hilf!“ Weg riß er das Antlitz, da sah er, die Aeste des Baumes, unter dem er saß, formten die gleichen Buchstaben: „Hilf!“ Die Wurzeln die gleichen: „Hilf!“ Aufsprang er, schwer atmend, schwitzend, trockenen Gaumens, überschauert die Haut des Rückens; die Eingeweide kroch es herauf, engte wie Reifen die Brust. Er ging zurück. Die Rinnsale in den Bergwänden, der Lauf des Baches, alles immer wieder formte die gleichen Buchstaben, das ganze stumme Tal war ein Mund, seine Wände, Steine, Wasser flehten dringlich, beschworen ihn, schrien in Not und Graus: „Hilf!“

Da hastete der dickliche Mann in seinen schweren Kleidern das Tal hinab, keuchte, stolperte, fiel, hastete weiter. Kam zu Menschen, hetzte seine Straße zurück, auf Maultieren, Pferden, im Wagen. Im Nacken die bräunlich goldenen, dringlichen, angstvollen Augen des Kindes, gepreßt ins Hirn die jagenden, beschwörenden, schreienden Buchstaben: „Hilf!“

In Hirsau, in den stillen, geräumigen Stuben des Weißensee, mit den großen Vorhängen, saßen mit dem Hausherrn der Herzog, der geschmeidige Geheimrat Schütz mit der Hakennase, der knarrende Major von Röder mit den rohen, fast immer behandschuhten Tatzen. Noch hingen im Raum die kindlich verschwärmten Gesichte Magdalen Sibyllens, noch sah der Vater das Mädchen sitzen im stillen Kreis der Lampe über ihrem Buch mit kindhaft wichtigem Antlitz, verschlossen. Sah sie, wie sie früher war, die bräunlichen, flaumigen, männlich kühnen Wangen, die blauen, starken Augen in dem seltsamen Widerspiel zu dem dunklen Haar. Wieviel Licht, ach, und Hoffnung hatte er gesogen aus diesem Gesicht! Wie trüb und frostig war es erloschen!

In dem Raum, der noch erfüllt war von seinen Erwartungen, von seiner Arbeit an dem Bibelkommentar und von den Träumen des Mädchens, soff und gröhlte jetzt mit seinen Kumpanen der vergnügte Herzog. Karl Alexander fühlte sich jung, frisch, sauwohl. Er hatte den grünen Rock weit offen, das Wams gelüftet, das blonde, melierte Haar frei. Das war ein blitzgescheiter Gedanke gewesen, hierher zur Jagd zu gehen. In Stuttgart und Ludwigsburg standen die Affären vortrefflich, das katholische Projekt marschierte mit guter Chance. Dazu das neue Mensch an der Oper, die Ilonka, die ihm vortrefflich anschlug; man hätte sie eigentlich können mitnehmen. Aber nein, es war doch besser so. Tags nur Wind ins Gesicht, abends Wein und gutes, kräftiges Männergespräch. Keine Weiber! Keine Politik! Kein Parlamentsgesindel! Wie war man jung! Man spürte, mille tonnerre! nichts von seinen Fünfzig. Wie konnte man noch lachen und an nichts als einem bißchen Wald und einem guten Schuß seine Lust haben.

Der Neuffer ging auf und ab und schenkte Wein ein. Im Dämmer, außerhalb des Lichtkreises der Lampe, hockte stumm der Schwarzbraune. Karl Alexander trank stark, streckte die Beine vor sich, lachte dröhnend über die plumpen Zoten Röders, die feinen Weißensees, über die sehr schweinischen Anekdoten, die Herr von Schütz vornehm und untermischt mit vielem Französisch hernäselte. Erzählte dann selber, Geschichten aus dem Feldlager, Aventüren aus seiner Venetianer Zeit.

Mit ingrimmiger Lust hörte Weißensee zu. Wenn man es recht überlegte, war der Jude daran schuld, daß er jetzt mit dieser Roheit und stumpfem Gewäsch seine weißen Stuben verschmutzen mußte. Ei nun, wenn man was wissen wollte, wenn man neugierig war, dann mußte man wohl zahlen für solche Neugier. Aber lohnen wird es, es wird lohnen!

Als die Herren zu Bett gingen, schwer vom Wein, sagte Weißensee dem Herzog, er habe für den morgigen Nachmittag eine Surprise bereit. Er rate submissest, man solle ausschlafen morgen, dann gut tafeln und dann werde er Seine Durchlaucht in den Wald führen und seine feine Ueberraschung vorzeigen. „Weißensee!“ lachte der Herzog. „Alter Fuchs! Exzellenz! Präsident! Ich bin zufrieden mit Ihm. Er weiß für jeden Tag was Neues. Er ist ein sehr brauchbarer Prälat.“ Und er klopfte ihm auf die Schulter und torkelte in sein Schlafzimmer.

Anderen Tags, dampfend vom vielen Essen, dunstend von den alten Weinen des sachkundigen Weißensee, fuhr man. Erst die Landstraße entlang, dann abzweigend einen Karrenweg. Ließ hier den Wagen zurück, folgte einem Fußpfad, stand schließlich vor einem starken, sehr hohen Holzzaun. Bäume sperrten den Blick weiter.

Da standen nun die Männer vor dem Zaun. Föhn ging. Der Wein war ihnen noch nicht verflogen. Sie schnauften, schwitzten, rissen Witze. Dahinter stecke also die Ueberraschung; ob es denn lohne; ob Weißensee nichts verraten wolle. Der bat, sie möchten die Mühe nicht scheuen, kletterte voran über den Zaun. Sie folgten prustend, mühsam. Drangen weiter, neugierig, angeregt, amüsiert.

Gelangten an die Blumenterrassen, den weißen Würfel des Hauses. Standen, staunten. Wirre Vorstellungen zuckten auf in Karl Alexander: Venedig, Belgrad. Doch keiner wußte mit dem weißen, fremdartigen Ding mitten in dem schwäbischen Wald was anzufangen.

„Das Haus gehört dem Magus,“ sagte Weißensee, „dem Oheim des Herrn Finanzdirektors.“ Verblüffte, großäugig dumme Gesichter. Ein leicht übler Nachgeschmack des Weines stieg dem Herzog auf, er fühlte sich plötzlich schwerer, spürte den lahmenden Fuß, den schlechten, holperichten Weg durch den Wald. Mit einer schleierigen Befangenheit schaute er auf das Haus, in einem vagen Gefühl, als blickten daraus steinerne, trübgraue Augen auf ihn. „Dem Magus? So?“ sagte er dann mit einer heiseren, belegten Stimme. „Ei freilich ist das eine Surprise.“

„Das ist nicht alles,“ lächelte Weißensee mit feinem, breitgezogenem, genießerischem Mund. „Befehlen Euer Durchlaucht, daß wir nähertreten?“

Karl Alexander riß sich zusammen, räusperte sich frei. „Der alte Hexer ist mir ohnehin noch einen Bescheid schuldig,“ lärmte er. „Scheuchen wir den Schuhu in seinem Gemäuer auf!“

Näher traten die Herren, pochten, gingen, da niemand sich rührte, ins Haus. Der alte, gebrechliche Diener kam ihnen entgegen: was sie suchten? – Seinen Herrn. – Der sei nicht da. Empfange im übrigen auch niemanden, setzte er verdrießlich hinzu. So würden sie sich das Haus ein wenig anschauen, meinte Weißensee. Was ihnen beifalle, kläffte mürrisch der Diener. Sie sollten sich scheren. Hier habe niemand was zu suchen.

„Maul halten!“ schrie der zornige Major Röder. Doch der Alte wiederholte zäh keifend: „Niemand hat hier was zu suchen. Niemand hat hier zu befehlen, nur mein Herr.“

„Und der Herzog von Württemberg,“ sagte Karl Alexander. Und an dem erstarrten Diener vorbei gingen die Herren ins Zimmer. Beschauten scheu und spöttisch die Folianten, die Zeichnungen des Kabbalistischen Baumes, des Himmlischen Menschen, die seltsamen Inschriften. Tauschten über das magische Gewese und Gewerke ironische Anmerkungen aus. Doch der unheimliche Raum hemmte den gewohnten Lärm und machte sie bänglich und gedämpft.

„Kotz Donner!“ schrie plötzlich Karl Alexander in die Befangenheit hinein, „wir sind hier doch in keiner Kirche. Den Wein, Neuffer! Wenn der alte Hexer nicht zu Haus ist, wollen wir sehen, ob wir seine Geister nicht durch ein gutes Glas Wein an unseren Tisch hexen können.“

„Wollen wir nicht erst auch die anderen Stuben anschauen?“ bat Weißensee. „Vielleicht spüren wir doch noch etwas auf!“ Und seine feine, lange Nase schnupperte, und seine klugen, rastlosen Augen gingen in alle Winkel.

Während Neuffer den Wein zurechtstellte, besah man die wenigen anderen Räume des kleinen Hauses. Vor einer Tür stand Jantje, die dicke, plappernde Zofe, sie suchte die Herren zurückzuhalten. Doch sie drängten sie beiseite und schoben sich ins Zimmer. Da saß im äußersten Winkel angstvoll, großäugig und abwehrend empört in östlicher Gewandung das Mädchen. Zurückprallten vor der Lieblichkeit des mattweißen Gesichts, des blauschwarzen Haars, der redenden, erfüllten Augen die Herren. „Daß dich der Langschwänzige!“ fluchte halblaut der Herzog vor sich hin. „So was also hält sich mein Jud! So was versteckt er vor mir, der Filou! Möcht sich allein delektieren an dem Braten.“

Noch immer war ein paar Schritte Raum zwischen dem Mädchen und den Herren. Ein Schweigen fiel ein. Naemi war aufgesprungen, stand hinter ihrem Sitz, zurückweichend ganz in die Ecke. Die Männer, gehalten durch das Fremdartige der Erscheinung, blieben in der Nähe der Tür, starrten.

In die Stummheit hinein sagte höflich die geschmeidige Stimme des Konsistorialpräsidenten: „Die Demoiselle ist die Tochter des Herrn Finanzdirektors.“ Und, auf die mundaufreißende Verblüffung der Herren, liebenswürdig lächelnd: „Ja, das war meine Ueberraschung.“

„Kotz Donner! Kotz Donner!“ sagte mehrmals hintereinander knarrend der Major Röder; sonst fiel ihm nichts ein. Doch der Herzog, aus seiner Ueberraschung zurück, enthusiasmiert, mit seinen großen blauen Augen an ihr fressend, erging sich geläufig in entzückten, modischen Bildern: „Ein Meisterstück das Mädel! Ein Kopf wie aus Ebenholz und Elfenbein. Wie eine Fabel aus Morgenland.“ Gewandt stimmte der Geheimrat Schütz zu: Der Finanzdirektor sei ein Genie; aber das Produkt seiner Lenden sei doch noch besser als alle Geburten seines Hirns.

Weißensee schwieg. Und hätte doch, der feine Kenner, dem Herzog zu Dank das Mädchen besser preisen können als dieser selbst zusamt dem trockenen Schütz und dem plumpen Röder, der kein anderes Kompliment fand als sein rülpsendes: „Kotz Donner! Kotz Donner!“ Doch Weißensee stand stumm. Er schaute nur das Mädchen an, schaute es auf und ab, ein tieferes Lächeln um seine genießerischen Lippen. Ei ja, mein Herr Geheimer Finanzienrat, gewiß doch, diese war wohl ein Kleinod und sehr wert, gehütet zu sein. Achtes Weltwunder! Hebräische Venus! Augen hat sie wie aus dem Alten Testament. Und sieht nicht aus, als wäre sie nur lieblich anzuschauen. Zu der Magdalen Sibylle kamen die Apostel und sprachen zu ihr. Zu dieser mögen die Propheten kommen. Sie waren schlauer als ich, Herr Finanzdirektor; aber doch nicht schlau genug. Hätten sie noch ferner und heimlicher müssen hüten. Voilà! Jetzt werden wir sehen, was Sie für kurioses Gesicht ziehen.

Mittlerweile hatten die anderen ferners von dem Mädchen groß Rühmens gemacht. Selbst Herr von Röder fand ein Weiteres und sagte: „Wer hätte dem alten Fuchs solch Junges zugetraut?“ Naemi aber stand in ihrer Ecke, den ganzen Leib gespannt in Scheu und Abwehr, und schaute auf die Männer. „Wie heißt Sie denn, Demoiselle?“ fragte jetzt der Herzog. Und, da sie nicht antwortete: „Sulamit? Salomea? Sollen Wir jemandes Kopf zu Ihren Füßen legen?“

Doch Naemi schwieg weiter, sich windend in fast leiblichem Schmerz vor Widerwillen und Scheu. „Vom Vater hat sie sie nicht, diese Schüchternheit,“ konstatierte Herr von Schütz. Aber der Major von Röder fuhr grob und ungeduldig auf das Kind los: „Gib Antwort, Judenbalg, wenn dein Herzog dich fragt.“

„Halt’s Maul, Röder!“ sagte Karl Alexander. Und zu der Verschreckten, in ihre Ecke sich Pressenden, freundlich wie zu einem Kind: „Ich tu dir nichts, ich freß dich nicht. Gemslein, verschüchtertes! Mimosa! Sei Sie nicht so zimpferlich!“

Jantje, die Zofe, hatte sich mittlerweile neben das Mädchen geschoben, dick und gutmütig stand sie neben ihr, in heller Angst und Ratlosigkeit. „Ich bin wirklich dein Landesherr,“ fuhr leicht ungeduldig Karl Alexander fort, „dein und deines Vaters wohlaffektionierter Herzog und Herr. Und jetzt sag endlich, wie du heißt!“

„Die Demoiselle heißt Naemi,“ sagte statt ihrer die Zofe. „Nun wissen wir’s also,“ grunzte befriedigt Röder. „Naemi, komischer Name!“ und pruschte heraus. Aber der Herzog befahl: „Komm Sie her, Naemi! Küsse Sie Ihrem Landesvater die Hand!“ Die Zofe sprach auf das Kind ein, schob sie sanft vor. Langsam, die Augen am Boden, und wie gezogen schritt sie, und mit gierigen Blicken, fröhlich gespannt, schaute Weißensee zu.

Sie gingen in die Studierstube, trinken. Zwangen das Kind, ihnen Bescheid zu tun. An den Wänden blühte der Kabbalistische Baum, ketteten sich blockige Buchstaben und verwirrende Bildzeichen, schaute starr der Himmlische Mensch. Das Kind nippte. Doch weiter war sie nicht zu halten. Sie floh, schloß in ihr Zimmer sich ein, überschauert, zitternd den ganzen Leib und eiskalt.

In der Studierstube aber, unter den Trinkenden, konstatierte Herr von Schütz, auf die magischen Bilder weisend: „Zuerst hat es hier nach Judenschul und Kirchhof gerochen. Jetzt riecht es nach Paris hier und nach Parfüm und nach Mercure galant, und die ganze Gespensterluft ist weg. Merkwürdig, wie ein bißchen frisches Weiberfleisch den gelehrtesten Magus um sein Prestige bringt.“

Man brach auf. Röder und Schütz voraus, dann der Herzog mit Weißensee, als letzter Neuffer. Der schwere Herzog stützte sich vertraulich auf den feinen, schlanken Weißensee. „Das hat Er schlau gemacht,“ freute er sich. „Da werden wir noch lang unseren Spaß haben. So ein Heimlicher und Duckmäuser, mein Jud. Na, wir werden ihn frozzeln, daß er soll rot und blaß werden.“

So aber lag es nicht in der Absicht Weißensees. Jetzt fortgehen und den Juden ein weniges aufziehen, was war da groß? Darum hatte er sich nicht die Mühe gemacht. Der Jud war schlau, der Jud wußte, was er an dem Kind hatte. Er wird sie außer Landes schicken, fernab, jedenfalls wird er sie nicht an den Hof bringen wie er, Weißensee. Der Jud war gewitzt; und selbst wenn es ihn kitzelte, der Jud hatte den Magus, der ihn hielt. Ging aber der Herzog jetzt, dann war er kein zweites Mal nach Hirsau zu bringen. Dann mußte des Weißensee große, verzehrende Neugier auf immer ungestillt bleiben.

Der Kirchenratsdirektor sah das Kind vor sich, in die Ecke gepreßt, die großen Augen in dem mattweißen Gesicht verschüchtert, angewidert, und ein streichelndes, zärtliches Gefühl kam über ihn. Aber dieses Gefühl zerstäubte in der wilden, zerreißenden Neugier, die ihn ganz anfüllte, ihm süß beklemmend die Eingeweide heraufkroch, den Atem schnürte.

Er verlangsamte den Schritt, bat den Herzog, er solle sich nicht überanstrengen, riet, kleine Rast zu machen. Neuffer hatte noch Wein, Weißensee bediente den Herzog. Der trank. Weißensee lenkte immer von neuem die Rede auf das Mädchen; mit seiner höflichen, geschmeidigen Stimme, in halben Worten, sehr kennerisch, rühmte er ihre Reize, wie jung und doch reif sie sei. In solcher Blüte seien diese Jüdinnen schön und einzigartig, über allen Frauen, kühles Feuer wie südlicher Wein. Doch diese Blüte daure sehr kurz, dann seien sie welk und zum Abscheu. So müßten sie genommen werden, so, scheu und heiß wie die; wer der den Schaum abtrinke, der habe ein seltenes Glück gekostet und das ihm bleiben werde seiner Tage.

So träufelte er sein feines Gift in den Herzog. Karl Alexander trank, fühlte sein Blut wellen, steigen, fallen. Der Abend kam, Föhn ging in warmen Stößen, in den Bäumen nebelte vor ihm das Bild des Mädchens, ihre weichen, scheuen Formen; er schnaufte leise. „So mögen die Weiber ausgeschaut haben,“ sprach Weißensee seine Träume vor sich hin und sie galten dem Herzog, „die Weiber, die der König Salomo sich hielt. Tausend Weiber hielt er sich. So waren die Könige aus dem Alten Testament. Des Herrn Finanzdirektors seinem Testament.“ Und er lachte ein kleines, stilles Lachen.

Karl Alexander stand plötzlich auf, klopfte sich Reiser und welkes Laub des Waldbodens vom Rock, sagte, die Stimme gepreßt, zu Weißensee, er wolle noch ein weniges allein im Wald spazierengehen. Weißensee möge ihn bei den anderen Herren entschuldigen; sie sollten nicht auf ihn warten, sollten nach Hause kehren, ihm den Wagen zurückschicken; den Neuffer behalte er da. Der Konsistorialpräsident neigte sich, ging. Erst wie er allein war, atmete er hoch, breitete die Arme, verzerrte das bewegliche Gesicht, stieß seltsame, schnurrende, glucksende Laute aus.

Karl Alexander ging indes, so rasch es der lahmende Fuß zuließ, gefolgt von dem Kammerdiener, zurück durch den Wald, in den der Abend einfiel. Als er an das Haus mit den Terrassen kam, war es schon ganz dunkel, fetzig, schwärzlich zogen schnelle Wolken, kein Mond war, in starken, warmen Stößen riß ihm der Wind den Atem weg. Das gute Abenteuer! Jung war man, jung! Stieg über Zäune, schlich nächtlich durch den Wald. Ei, gut war das, besser als mit dem lausigen Parlamentsgesindel sich über Paragraphen streiten. Hätte man noch die Larve vorm Gesicht, fühlte man sich wie in Venedig so jung.

Schlug kein Hund an? Vielleicht hatte der Magus Zauberkreise gezogen, die Schwelle mit Hexerei gebannt, daß, wer sie überschritt, sich nicht regen konnte.

Er ließ den Neuffer zurückbleiben, umstrich späherisch das Haus. Er hatte sich den einfachen Grundriß leicht gemerkt. Dort war das Zimmer des Mädchens, es lag dunkel. Wo das Licht brannte, das war der Raum mit den magischen Zeichnungen. Sollte sie dort –? An dem Spalier war leicht hinaufzuklettern. Er wird ja sehen.

Leicht ächzend kletterte er ins Fenster. Ja, dort saß sie, Arme schlaff, ganz still, mit ihren großen, ängstlichen, ratlosen Augen. Pst! rief er sie flüsternd an, schmunzelnd, blinzelnd, schlau.

Sie schrak auf, sah das rote, massige Gesicht, die blauen, gierig hervorquellenden Augen. Warf krampfig den Oberkörper zurück, starrte vergraust auf den Schnaufenden. Er lachte: „Hab ich Sie erschreckt? Dummes Kind! Hab Sie keine Angst!“ Er schwang sich vollends ins Zimmer, kam schnaufend, schwitzend auf sie zu: „Gelt, da schaut Sie, was Ihr Landesvater für ein Kletterer ist.“ Sie, im letzten Augenblick, flatterte in die äußerste Ecke des Zimmers, sinnlos unhörbare Gebete lallend, kauerte sich in sich zusammen. Er, ihr nach, sprach beruhigend wie zu einem kleinen Kinde auf sie ein; doch seine grauenhafte Freundlichkeit ließ sie noch schreckhafter schauern. Die Augen wie gefrorene Seen, die Lippen weiß, starrte sie auf ihn, bis er endlich ungeduldig, brutal sie an sich riß, küssend über die Eiskalte herfiel, nach ihrer Brust tastete. Unter den Händen fort glitt sie ihm, schrie mit kleiner, tonloser Kinderstimme nach dem Oheim, riß sich los, gewann die Tür, wehte eine Treppe hinauf. Die Treppe führte zum Dach.

Oben angelangt, atmete sie heftig, hastig die nächtige Föhnluft ein. Der warme, feuchte Wind nahm sie in seine Arme, trieb sie vor. Sie lauschte hinter sich, es blieb still. Sie breitete die Arme, fühlte sich frei, der Oheim hatte geholfen, jetzt wehte der feuchte, wohlige Wind den Dunst und Atem des Tieres fort von ihr. Sie schritt, tanzend fast, vor an den Rand des sehr flachen Daches. Kamen nicht Stimmen aus dem Wald? Die tiefe, samten streichelnde des Vaters und die knarrende, mißlaunige und doch, oh! so tröstliche des Oheims. Und sie lächelte in die Nacht hinaus.

Da stapfte es die Treppe herauf, schnaufend, leise fluchend. Das Tier. Aber jetzt blieb sie ohne Angst. Da wehte es schon her vom Wald, ein Wagen mit luftigen Pferden bespannt, hielt am Dach. Lächelnd, mit gleitendem Schritt stieg sie ein.

Karl Alexander, wie er oben war, sah nichts. Sie war doch die Treppe heraufgeweht, und die bot keinen andern Ausgang. Hatte sie, Gift und Opperment! von den hexischen Künsten des Alten gelernt, sich in den Nachtvogel dort verwandelt, segelte sie dort als der schwarze Wolkenfetzen und lachte ihn aus? Verfluchtes, kleines Mensch! Er stand enttäuscht und grimmig, starker Wind ging, riß ihm den Rock zurück, die schweißklebenden Haare. Alter Esel, der er war! Hätte er doch unten den Judenbalg genommen, den zimpferlichen, über den Tisch ihn geworfen, nicht achtend das Gezier und Getue. Wozu in Teufels Namen war er der Herr? Jetzt kam er um seine Nacht, und die in Hirsau hatten recht, wenn sie ihn auslachten.

Verdrießlich tappte er sich die Treppe wieder hinunter. Der Fuß schmerzte ihn und er war hundsmüde. Mühsam und umständlich durchs Fenster stieg er aus dem Haus. Da hörte er flüsternd, furchtsam und erregt heiser die Stimme des Kammerdieners: „In den Blumen liegt sie!“ Er dachte, sie habe sich dort versteckt, lachte: „der Racker!“ hastete stolpernd durch das unsichere Dämmerlicht der Nacht in der Richtung, die Neuffer gewiesen.

Ja, da lag sie zwischen den Blumen. Die Blumen schwankten heftig im Wind hin und her, schüttelten tausend Arme, sie aber lag ganz reglos. Er rief sie schäkernd an: „Racker! Wie bist du bloß herausgekommen?“ Da sie nicht antwortete, griff er sie sacht beim Arm, bog ihr den Kopf zurück, tastete hastig, erschreckt sie ab. Erkannte, daß sie tot war. Begriff nicht.

Fetziges Gewölk jagte. Starkfarbig krümmte sich, wenig Licht gebend, der junge Mond. Der Diener stand abseits, scheu. Der Herzog von Württemberg aber kniete an der Leiche der jungen Jüdin, im Föhn, zwischen den Blumen, in dumpfem, ratlosem Unbehagen, ein armer, kleiner Mensch in Wind und Nacht.

Was eigentlich war geschehen? War sie ins Leere getreten? War es Absicht? Auf irgendeine Art war er mit dieser Toten verknüpft, war er Ursach dieses Todes.

Bah! Er hatte geschäkert ein weniges. Wer konnte ahnen, daß die Jungfer so zimpferlich war. Er hatte andere solchen Alters ganz anders angepackt; und was für welche! Töchter ersten schwäbischen Adels! Da brauchte die Jüdin sich nicht so zu haben und zu zieren. Es kam vor, daß Kinder, gab man ihnen nur ein böses Wort, ins Wasser gingen, sich was antaten. Das kam vor. Die waren eben verrückt, die gehörten nicht ins Leben. Da war der, so vielleicht Ursach war, ohne Schuld.

Dennoch konnte er das klemmende, pressende Unbehagen nicht loswerden. Der Jud hatte sie versteckt, so tief und heimlich versteckt, und nun lag sie doch und war starr und steif und der Jud hat sie mit aller Schläue nicht wahren können. Das blies einen an, wer weiß woher, und man war ausgelöscht. Absonderlich war das und sehr verwickelt. Da war sie vorhin noch im Licht gesessen und ihre Augen hatten gebrannt von Leben und jetzt lag sie da in der Nacht und kein warmer Wind half ihr vorm Erkalten.

Der Wald lag schwärzlich, feindselig und voll Geheimnis. Stimmen kamen aus ihm, verwirrend, höhnisch. Den Mann im Föhn überschauerte es. Kindheitsmärchen nebelten herauf, bliesen ihn an, Vorstellungen von einem Zauberwald, gefüllt mit verdammten Geistern, es zerrte ihn im Nacken, an den Haaren, lange, gespenstische Arme streckten sich. Und plötzlich wieder schritt er in jenem stummen, schattenhaften Tanz; der Magus vor ihm hielt seine rechte Hand, Süß hinter ihm die linke. Tanzte da nicht auch nickend, sich neigend das Mädchen mit im Reigen? Und er hörte die knarrende, mißlaunige Stimme des Magus. Er hörte deutlich jeden Laut, strengte sich an, zu verstehen; aber er verstand nicht. Dies quälte ihn. Und alles war so trüb, nebelhaft, farblos.

Mit einem knurrenden, bösen Laut riß er sich los aus der Gebundenheit. Er war hundsmüde, er wird jetzt schlafen. Da lag eine Tote im Wind. Je nun, er hat schon viele Tote gesehen. Wenn er eine Attacke befahl und dann lagen die Toten herum, war schließlich auch er die Ursach. Das war Unsinn und überhirnisch, darüber lange zu meditieren. Was hing er mehr Gedanken an die tote Jüdin als an tausend brave christliche Offiziere und Soldaten, die rings um ihn, durch ihn gestorben waren? Dafür war er der Herzog. Das hatte Gott so eingerichtet, daß, wo er hintrat, Leben blühte oder Tod einfiel.

Er wird also jetzt schlafen gehen. Und das Mädchen? Sie so liegen lassen? Ihr schadet freilich kein Wind und kein Regen mehr. Wenn er jetzt geht, dann ist die Affäre aus, fertig, finito. Die Domestiken werden morgen das Mädchen finden, den Süß benachrichtigen. Der wird sich zergrübeln, warum sie eigentlich und wieso tot ist. Aber vermutlich wird er weiter keinen Schnaufer tun. Hüten wird er sich. Eingraben in aller Stille wird er sein Mädchen und das Maul halten. Und die mit ihm waren, Weißensee und die anderen, item. Aus sein wird die Affäre, tot und stumm und begraben, und Schluß. Ex, ex, ex!

Er wird also – Nein, er wird nicht. Soll er sich etwa davonmachen? Hoho! Das könnte ja aussehen, als hätte er Angst vor dem Juden. Wecken wird er die Domestiken, einen Reitenden wird er dem Süß schicken, ihn abwarten hier, ihm sagen: Nette Historien stellst du an, du Filou! Da findet man dein Mädel, im Wind, tot. Hättest du sie nicht versteckt, du Jud, du Heimlicher, du Heimtückischer, hättest du sie nach Stuttgart gebracht, nie wäre das arriviert.

Ein großer Schlag und dickes Unwetter mußte das ja sein für den Juden. Das verfluchte, unheimliche, rätselvolle Pack! Erst zwang er einen in die Lächerlichkeit und das Unbehagen mit dem Eßlinger Handel hinein. Und auf einmal hatte er dann dieses sonderbare Kind, und wie man es anfassen wollte, war es tot. Die Geschichte wäre nie aus und ex gewesen, auch wenn er jetzt einfach wegginge und nach Stuttgart zurückführe und niemals jemand ein Wort darüber spräche. Das Gesicht dieses Kindes war schwerer zu vergessen als tausend tote, verzerrte, zerstümmelte Soldatengesichter. Er rief sich das Gesicht des Juden zurück, sehr weiß mit den roten, kurzen, üppigen Lippen, den fliegenden, wölbigen Augen. Mattweiß war es wie das Gesicht des Kindes. Wie sich der Kerl gleich zuerst an ihn herangemacht hatte, in ihn hereingeschlüpft war mit seinem verfluchten, sklavischen, orientalischen Hundeblick. Freilich, wenn man es durchdachte, war damals nicht viel aus ihm herauszuholen gewesen. Ein kleiner Prinz, dem nicht einmal das Parlament die paar Batzen Vorschuß verwilligte, groß Kapital und Zins war aus dem nicht herauszuschlagen. Und wenn es schließlich auch anders ging und der Süß sein Vertrauen sich mit Wucher bezahlen ließ, gut war ihm zum Ende das Geschäft doch nicht bekommen. Wenn ihm schon an dem Juden Jecheskel soviel lag, mußte ihm wohl das Kind, das zärtlich gehütete, noch viel mehr sein. Und da lag es jetzt auf dem Boden, ein Häuflein Würmerfraß, und lag im Wind und war tot.

Los sein! Den Juden los sein! Er wird ihm aufsagen. Er soll sein ganzes Vermögen und Gold und Edelsteine und Verschreibungen und was er sich alles aus dem Land ergaunert hat, mit sich nehmen, ungehindert. Er wird ihm noch ein riesiges Douceur zulegen. Aber fort soll er! Gehen soll er!

Nein, er soll doch nicht gehen. Das wäre, als hätte er ein übles, drückendes Gefühl bei seinem Anblick. Er wird ihm doch nicht aufsagen.

Aber Schluß jetzt! Er wird sich das später überlegen. Jetzt wird er sich, Teufel noch eins! schlafen legen. Er ging ans Tor, pochte laut, brutal. Wies dem öffnenden, verschlafenen, mürrischen alten Diener die Leiche. Ging ohne weitere Erklärungen an dem Versteinerten vorbei. Das tierhafte Gestöhn des Alten, das Gewinsel, Gezeter, Gelalle der aufgelösten Zofe. Karl Alexander kümmerte sich um nichts, ging ins Haus, hatte für die zaghaften Vorstellungen des Neuffer, der sich in dem verzauberten Haus mit der Toten ängstigte, nur eine zornige Grimasse. Warf sich in den Kleidern auf eine Ottomane. Schlief röchelnd, schnarchend, totenhaft tief.

Als er erwachte, strahlte klarer Tag ins Zimmer. Er fühlte sich steif und schmutzig. In einer Ecke, eingenickt, kauerte der Neuffer. Karl Alexander streckte sich. Ah, er wird jetzt das unbehagliche Haus verlassen, nach Hirsau zurückkehren, in den bequemen Räumen des Weißensee baden, gut frühstücken. Den Juden abwarten, ihm auf die Schulter klopfen, ein paar fürstlich huldvolle Trostworte sagen. Und damit war dann diese Jagdpartie erledigt, und es war nur schade, daß sie nicht so angenehm endigte wie sie anging. Er trat hart auf, daß der Neuffer aus dem Schlaf schrak und sich aufrappelte. Ging dann, bis der sich zurechtmachte, in die Studierstube. Da lag die Tote, die Fenster waren verhängt, große Lichter brannten, auch das magische Bild des Himmlischen Menschen war verhängt. Zu Häupten des Mädchens aber stand Rabbi Gabriel. Ueber der platten Nase die trübgrauen Augen hoben sich nicht, als der Herzog eintrat. Der Rabbi fragte nichts, forschte nichts. Mit seiner knarrenden, mißlaunigen Stimme sagte er: „Gehen Sie, Herr Herzog!“ Und der Herzog, betreten, ging. Er zürnte nicht, es war eine große Dumpfheit und Benommenheit über ihm, er verließ das Haus, er sah nicht, wie festlich und heiter die Blumen in dem hellen Tag standen, er sprach nicht mit dem Neuffer, der ihm ängstlich und nach einem Menschenwort gierig folgte, er ging eilends, ging durch den Wald, und bis er an den Karrenweg kam, wo der Wagen wartete, sprach er kein Wort.

Noch in der Nacht, ohne daß man ihn benachrichtigt, war Rabbi Gabriel gekommen. Er schien nicht groß erstaunt, die sehr dichten Brauen zogen sich zusammen, die drei senkrechten Falten zackten noch tiefer in die breite, nicht hohe Stirn. Den Segensspruch sprach er, der zu sprechen war beim Anblick eines Toten: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter.“ Er bettete das Mädchen, zur Brust faltete er ihr die starren Arme, richtete der Toten Zeige-, Mittel-und Goldfinger so, daß sie das Schin bildeten, den Anfangsbuchstaben des allerheiligsten Namens: Schaddai. Er verhängte die Fenster, entzündete Kerzen, verhängte das Bild des Himmlischen Menschen. Wasser goß er hinter sich, da er das Totenzimmer betrat, Wasser zu Häupten, Wasser zu Füßen des Mädchens. Denn es scheucht das Wasser die Dämonen, die der Tod anlockt. Nur Samael, der Linke, der Engel des Todes, läßt sich nicht vertreiben. So blieb der Rabbi allein mit der Toten und mit Samael, dem Linken.

Zwischen die Knie senkte er den Kopf, in die Erde hinein sprach er die drei Hymnen, der großen Heiligung, der Entzückung in den dritten Himmel, der Heere der Toten. Da war die Seele des Mädchens da, und der Linke konnte sie nicht verbergen. Ach, Rabbi Gabriel hatte gewußt, sie war noch da, sie wird nicht auf geradem Fluge eingehen in die Obere Welt; noch wartete ein Werk auf sie in der Untern Welt, und darum auch hatte das Kind gerufen. Er aber konnte sie nicht erreichen, und so war sie gestorben, eh daß er gekommen war.

Ein kleines, verlorenes Bündel hockte der dickliche Mann in dem Raum, der ganz erfüllt war von Samael, dem Linken, und der flatternden, verschüchterten Seele des Kindes. Und er sprach zu ihr mit seiner knarrenden, mißtönigen Stimme; doch er konnte ihr nichts sagen, sie war ja schon über der Schwelle der dritten Welt, und so sehr sie es wollte, er konnte sie nicht halten.

Und da er spürte, wie es sie weitertrieb und wie der Linke sie überdeckte, rief er der Entgleitenden nach mit jenen Worten der Schrift, die sie am liebsten liebte: „Wie warst du mir süß, Naemi, meine Tochter! Liebe! Liebliche! Lilie des Tals! Rose von Saaron!“

Da spürte er ein letztes flatterndes Grüßen. Aber Samael war stärker als er und trieb sie weiter. Da fiel er auf sein Angesicht, nie war er so schwer und erdig gewesen wie jetzt, und er lag viele Stunden in grauenvoller Schwäche. Und die Kerzen brannten, und die Tote hatte die Finger gestreckt im Zeichen des Schin; aber kein Zeichen half, niemand war im Raum, und er blieb allein und hilflos und stumpf und in herzschnürender Not mit Samael, dem Linken.


Mit halben Worten deutete der Herzog dem Weißensee an, was geschehen war. Der Reitende an Süß war längst unterwegs. Karl Alexander, während er den Juden erwartete, entfaltete eine lärmende Heiterkeit, aß mächtig, trank, zotete, jagte.

Weißensee hörte nur, daß das Kind tot war. Es gelang ihm, im Angesicht des Herzogs höflich und gefaßt zu bleiben. Allein, zersplitterte er wie Glas. Der Jud war ihm über. Wieder hatte der Jud gesiegt. Das Kind war tot. Es war nicht beschmutzt, besudelt, zerknickt, es war einfach tot; entschwebt, rein, aus Höhen geisterhaft und lieblich lächelnd. Der Jud war kein komischer, zerknitterter, schmieriger Kuppler wie er, der Jud war tragisch fast und ein Märtyrer, sein Kleinod war nicht getrübt und verschlammt; wie ein anderer mit kotiger Hand danach greifen wollte, hat es sich aufgelöst in die reine Gottesluft. Jetzt hat es keinen Sinn mehr, neugierig zu sein, jetzt kitzelte es ihn durchaus nicht mehr, das Gesicht des Juden zu sehen. Schlaff saß er, ausgehöhlt, zerkrümmt im Lehnstuhl, lallte ziemlich sinnlos und immer wieder vor sich hin: „Nenikekas, Judaie! Nenikekas, Judaie!“

Unterdes jagte Süß nach Hirsau. Als er die Meldung erhielt, der Herzog sei in Hirsau, er solle sogleich und ohne eine Minute Verzug hinkommen, war ihm der Gaumen kalt geworden vor Schreck. Gewißheit war ihm, daß dem Kind etwas drohte, vielleicht schon geschehen war. Doch in Hirsau, im Hause des Weißensee, hieß es, der Herzog sei ausgefahren, er sei wohl im Wald, ob er den Herrn Konsistorialpräsidenten sprechen wolle. Aber Süß wartete den zögernden, hilflos verwirrten Weißensee nicht erst ab, er eilte sogleich weiter in den Wald. Der Karrenweg. Der Holzzaun. Die hohen Bäume. Die Blumenterrassen. Das weiße Haus. Kein Diener. Kein Herzog. Kein Rabbi. Wie gezogen, ohne kleinste Irrung, ohne Ueberlegen, Verweilen, geraden Weges schritt er in das große Studierzimmer. Die verhängten Fenster. Die großen Kerzen. Die Tote, Arme zur Brust, Zeige-, Mittel-, Goldfinger im Zeichen des Schin. Süß fiel um. Lag viele Stunden ohne Besinnung.

Der Rabbi stand vor ihm, als er die Augen aufschlug. Der Rabbi sah einen verfallenen, ergreisten Mann. Den schmiegsamen, elastischen Rücken krumm und schlaff, die glatten weißen Wangen hohl und unsauber, farblos häßlich das braune Haar. Der Rabbi hatte die Tote balsamiert, jetzt ging er ab und zu, zündete die Kerzen neu, goß dämonenscheuchendes Wasser.

Nach einem langen, ewigen Schweigen fragte Süß: „Ist sie um den Herzog gestorben?“

„Sie ist um dich gestorben,“ sagte Rabbi Gabriel.

„Wenn ich fortgegangen wäre mit ihr,“ fragte Süß, „längst, weit fort, in die Stille, wäre sie dann nicht gestorben?“

„Sie ist um dich gestorben,“ sagte Rabbi Gabriel.

„Kann man mit Toten reden?“ fragte Süß.

Rabbi Gabriel zitterte. Dann sagte er: „Es steht im Buch von den Heeren der Toten: Denkt eines Verstorbenen nur recht, und er ist da. Ihr könnt ihn innerlich beschwören, er muß kommen; ihn halten, er muß bleiben. Denkt seiner mit Liebe oder mit Haß, er spürt es. Mit stärkerer Liebe, stärkerem Haß, er spürt es stärker. An jedem Fest, das ihr dem Toten gebt, steigt er herauf, um jedes Bild, das ihr ihm weiht, schwebt er, hört jedem Worte zu, das von ihm klingt.“

„Kann ich mit ihr reden?“ fragte Süß.

Da zitterte Rabbi Gabriel stärker. Dann sagte er: „Sei rein, und sie wird in Ruhe sein. Wenn du einströmst in die dritte Welt, mit dir wird auch sie in das Meer der dritten Welt tauchen.“

Da schwieg Süß. Er aß nicht, er trank nicht. Nacht fiel ein, Tag graute herauf, er rührte sich nicht.

Der Rabbi sagte: „Der Herzog will dich sprechen.“ Süß antwortete nicht. Karl Alexander trat ein. Fuhr zurück. Fast hätte er den Mann nicht erkannt. Dieser Mensch mit den schwärzlichen, schmutzigen Stoppeln um den Mund und die Wangen hinauf, mit dem häßlich farblosen Haar, den eingesunkenen, rötlichen, stieren, triefenden Augen: war das Süß, sein Jud und Finanzdirektor, der große Kavalier, der lüsterne Traum der Frauen?

Mit rauher, heiserer Stimme, sich räuspernd und mehrmals ansetzend, sagte Karl Alexander: „Sei Er ein Mann, Süß! Verbohr Er sich nicht in Seinen Schmerz. Ich hab das Mädel gesehen, ich weiß, wie sie war. Ich spür es sehr gut, was Er da verliert. Aber denk Er, Er hat noch sehr viel anderes im Leben. Er hat die Gunst, Er hat die Liebe Seines Herzogs. Dies mag Ihm Trost sein.“

Mit einer stillen, gleichförmigen, merkwürdig gefrorenen Demut erwiderte der verwahrloste, häßliche Mann: „Ja, Herr Herzog.“

Karl Alexander wurde es unbehaglich bei diesem stillen Ja. Es wäre ihm lieber gewesen, Süß hätte seine Kränkung gezeigt und er, der Herzog, hätte ein weniges schreien und dann wieder gut sein können. Dieses mönchische Gewese paßte ihm gar nicht. Wie hatte Schütz gesagt: es roch nach Judenschul und Kirchhof. Ein vages Erinnern wellte hoch an die knarrende Stimme des Magus, an das, was er verschwieg. Er wollte glatten Tisch haben, er wird jetzt einfach mit der Katze durch den Bach fahren. Mit einer gewissen gutmütigen, grobschlächtigen Ehrlichkeit sagte er: „Es ist dumm, daß das arriviert ist, just wie ich da war. Was es eigentlich für ein Akzident war, weiß kein Mensch und wird kein Jud und kein Christ und kein Magus herauskitzeln können. Ich hab sie gefunden, da lag sie in den Blumen und war tot. Er wird natürlich supponieren, ich sei schuld daran. Aber ich vermein, da ist Er auf dem Holzweg.“

Da Süß schwieg, fügte er hinzu: „Es ist mir in der Seele leid, Jud, wahr und wahrhaftig. Er darf mich nicht für einen Debaucheur halten, der coûte que coûte seinen Willen haben muß. Natürlich hab ich ihr ein bißle meinen Hof gemacht. Aber wenn ich das hätte voraussehen können, ich hätte mich getrollt. Nicht keinen Handkuß hätte ich verlangt. Parole d’honneur! Wer hätte auch denken können, daß das Mädel so wenig Spaß versteht.“

Mit der gleichen stillen, gefrorenen Demut sagte Süß: „Ja, Durchlaucht, wer hätte das denken können.“

Karl Alexander, betreten, schwieg. Dann, mit neuem Anlauf, sagte er: „Ich glaub nicht, daß ich in Seiner Schuld bin. Aber wenn, bitt ich Ihn um Pardon in aller Form. Ich möcht nicht, daß irgend was zwischen uns soll treten. Sei Er mir nicht nachträgerisch! Tu Er mir treue Dienste wie bisher! Geb Er mir die Hand!“

Da legte Süß seine Hand, die sehr kalt war, in die große Hand des Herzogs. Eine kurze Weile standen die beiden Männer so, die Hände ohne Druck ineinander, eine pressende, engende Lähmung ging vom einen zum andern. Die Fenster waren verhängt, in dem zuckenden Licht der Kerzen regten und streckten sich die magischen Figuren, Samael, der Linke, war im Raum. So standen sie, in Wahrheit nun eine Figur jenes blassen Reigens, den sie in Traum und Nebel getanzt.

Aus der Gebundenheit riß sich der Herzog. „Bien!“ sagte er. „Bestatte Er jetzt Seine Tote! Fahr’ Er dann nach Ludwigsburg! Es gibt zu tun.“

Damit ging er. Atmete, die peinliche Affäre hinter sich, fröhlich den hellen Tag. Er hatte sich, weiß Gott, geführt als ein Fürst von Herz und Welt. Vergnügt und sehr zufrieden brach er sich eine der festlich heiteren Blumen von den Terrassen. Stapfte, das weiße Haus im Rücken, pfeifend durch den Wald, freute sich der Sonnenflecke, fuhr in guter Laune zurück in seine Hauptstadt.

Bei der Toten hockte Süß. Unter den häßlichen Stoppeln mit fahlen Lippen lächelte er ein tiefes, listiges Lächeln. Ohne Worte rief er das Kind, und das Kind hörte. Er erzählte der Toten, wie schlau er gewesen war, und er erzählte ihr von seiner vorhabenden Rache. War er nicht ein Mann? Hatte er sich nicht gezähmt und war kalt gewesen? Nicht nur nicht an die Gurgel gesprungen war er jenem, freundliche Worte hatte er ihm gesagt und die Zunge war ihm nicht lahm geworden. Die Hand hatte er ihm gereicht und hatte ihn nicht gedrosselt, seinen Dunstkreis hatte er geatmet und war nicht erstickt. Wie verwirrt er war, der andere. So gar nicht konnte er es kapieren, daß das Kind sich fortgemacht, ganz simpel davongegangen war, eh daß er Hochseine Lust hatte stillen können.

Was hatte er zuletzt gesagt? Es gibt zu tun in Ludwigsburg? Abkaufen wollte er ihm, durch Geschäfte, durch Affären abschachern ihm den Tod seines Kindes! Der Narr der, der siebenfach verblendete! Aber er war ruhig geblieben, freundlich und demütig hatte er geantwortet und war ruhig geblieben. Er freute sich wohl, der andere, daß er so wohlfeil losgekommen war. Da lag das Kind, ein Bündel totes Fleisch, ein armes Häuflein Anklage und Verwesung. Ei ja, dachte er wohl, der andere, wenn er mir im Angesicht dieser Toten nicht an die Gurgel springt, dann ist er fürderhin erst recht zu miserabel. Gefehlt, Herr Herzog! Gefehlt, allerdurchlauchtigster Herr Mörder! So simpel grob ist der Süß nicht, er ist kein Landsknecht und Bauer und Töffel, daß ihm so plump einfältige Rache genügt. Er arrangiert seine Rache raffinierter. Er siedet sie und brät sie und kocht von allen Seiten sie gar.

Er lächelte tiefer, er zog die fahlen Lippen hoch hinauf, und die Zähne, sonst glänzend weiß, lagen gelblich und beinern trocken bloß.

Rabbi Gabriel ging durch das Zimmer, dicklich, mit seinen umständlichen Schritten. „Dies ist nicht der Weg, Josef,“ sagte er plötzlich mit seiner knarrenden, mißtönigen Stimme.

Süß sah auf, sah ihn feindselig an. Ho! War der wieder da? Wollte er ihm wieder einreden? Was denn sonst blieb ihm als Rache? Wollte der sich dazwischenstellen mit seinen edlen Sprüchen? Wirf einen in einen Abgrund und sag ihm: Falle nicht! Und er sah ihn mit seinen müden, entzündeten Augen gehässig an. Aber er sagte nichts.

Auch Rabbi Gabriel schwieg. Stumm an der Leiche saßen die beiden. Ihre Gedanken gingen sehr verschieden. Aber Samael, der Linke, war im Raum, und auf allen Wegen kehrten ihre Gedanken immer wieder zurück zu Samael, dem Linken.


Durch die jüdischen Gemeinden des Römischen Reichs flog die Nachricht: Dem Reb Josef Süß Oppenheimer, Minister und großen Herrn beim Herzog von Württemberg, Retter Israels in schrecklicher, grausiger Not ist gestorben ein Kind. Er hat gehabt eine Tochter, ein einziges Kind. Ist ihm gestorben das Kind. Wird er hingehen und es begraben in Frankfurt. Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter.

Da machten sich auf Männer aus allen Gemeinden, aus Ost und West und Süd und Nord, zu bestatten das Kind des Reb Josef Süß Oppenheimer, Retter Israels aus großer Not. Es kamen die Rabbiner von Fürth und von Prag und von Worms, ja, es kam aus Hamburg Unser Lehrer Rabbi Jonathan Eybeschütz, der Angefeindete und Gefürchtete, heimlicher Jünger und Nachfahr des kabbalistischen Messias Sabbatai Zewi.

Nach Hirsau in das weiße Haus mit den Blumenterrassen kamen der Rabbiner von Frankfurt und mit ihm Isaak Landauer, der große Finanzmann. Er drückte dem Süß heftig und ohne Wort die Hand. Eigentlich hätte er sich freuen müssen, daß der württembergische Finanzdirektor nun gar nicht mehr geckenhaft aussah und wie ein Goj und Kavalier; nein, mit seinem häßlichen, ungepflegten Bart und den schmuddelig hängenden Kleidern sah er sehr jüdisch aus und roch nach Ghetto. Aber Isaak Landauer, so sehr es ihn reizte, unterdrückte jede solche Bemerkung, er rieb sich fröstelnd die Hände, wackelte mit dem Kopf, strähnte sich den rotblonden, verfärbten Bart, schluckte und blieb stumm.

Dann sargte man das Kind ein. Rabbi Gabriel legte ihr ein kleines, goldenes Amulett um den Hals, umzirkt vom Schild Davids das Wort Schaddai. Er winkte dem Süß, mit gelblicher, blutloser Hand hob der den Kopf der Toten, und unter das strahlend schwarze Haar, das noch immer nicht stumpf und erloschen war, streute er ein Häuflein Erde, fette, schwarze, krümelnde Erde, Erde aus Palästina, Zions Erde. Dann wurde der Sarg zugenagelt; auf ihren Schultern trugen die vier Männer, der dickliche Rabbi Gabriel, der verfallene, schmutzig gebartete Süß, der milde, welke Jaakob Josua Falk, Rabbiner von Frankfurt, und der in seinem Kaftan schlotternde Isaak Landauer, auf ihren Schultern trugen sie die Tote aus dem weißen Haus, durch die festlich heiteren Blumen, durch den Wald, an den Holzzaun. Dort warteten andere jüdische Männer, sie nahmen ihnen die leichte Bürde ab, trugen auf ihren Schultern sie weiter, und nach einer halben Meile warteten wieder andere, und aber nach einer halben Meile wieder. So trugen sie das Kind des Josef Süß Oppenheimer durch das Land und über die Grenze und bis nach der Stadt Frankfurt. Und der kleine Sarg rührte nicht den Boden, fuhr auch in keinem Wagen, von einer lebendigen Schulter auf die andere lebendige Schulter glitt er, bis in die Stadt Frankfurt. Hinter dem Sarg aber fuhr ein großer Karren. Und es standen viele Juden an der Straße des Sarges, und wenn der schweigende, karge Zug vorüberkam, sprachen sie: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter!“ Und sie streuten jeder eine Handvoll Erde in den Karren, fette, schwarze, krümelnde Erde, Erde aus Palästina, Zions Erde. Sie war bestimmt für das eigene Haupt und den eigenen Sarg; aber sie streuten sie in den Karren und gaben sie gern. Auf daß bestattet werden könne ganz in heiliger Heimaterde das Kind Unseres Lehrers und Herrn, des Reb Josef Süß Oppenheimer, der gerettet hat Israel aus schrecklicher, grausiger Not.

In der Stadt Frankfurt aber die Gräberstatt der Juden war schwarz von Volk. Sie standen lautlos, die Beweglichen, Schreienden, als Josef Süß im Angesicht des Sarges bekannte: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter.“ Und sie antworteten im Chor: „Eitel ist und vielfältig ist und Haschen nach Wind ist die Welt; doch eins und ewig ist der Gott Israels, das Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“ Und dann sank der kleine Sarg in die Erde Zions, und die Erde Zions überdeckte den kleinen Sarg. Und inmitten der schweigenden Tausende sprach Süß mit ausgetrockneter, klangloser Stimme das Gebet von der Heiligung des göttlichen Namens. Und sie rissen Gras aus und warfen es hinter sich. Und sie sprachen: „Wie das Gras welken wir aus dem Licht.“ Und sie sprachen: „Wir gedenken, daß wir Staub sind.“ Und dann wuschen sie die Hände in fließendem, dämonenscheuchendem Wasser und verließen den Friedhof.

Und dreißig Tage in allen jüdischen Gemeinden des Römischen Reichs wurde gesprochen das Gebet von der Heiligung des göttlichen Namens für die Jungfrau Naemi, Tochter des Josef Süß Oppenheimer, Unseres Lehrers und Herrn.


Nach Stuttgart zurückgekehrt, stürzte sich Süß verbissen wild in die Arbeit. Rücksichtslos drängte er sich jetzt in das katholische Projekt, riß alles an sich, was irgend an der äußersten Grenze seines Bereiches lag. Fort warf er die Krücke seiner Servilität und Liebenswürdigkeit. Mit einem maßlosen, finstern, höhnischen Hochmut behandelte er seine ganze Umgebung, ließ die Minister springen wie Lakaien. Es flackerte aus ihm eine düstere, grimmige Verachtung alles des, was man gemeinhin menschliche Würde, Freiheit und Verantwortung nannte. In grauenhafter, spielerischer Laune zwang er die Abhängigen zu immer neuen, überflüssigen Demütigungen, und standen sie entblößt, ihr bißchen Menschtum abgetan und zerfetzt, dann verhöhnte er sie mit stillem, nacktem Hohn und weidete seine abgründige Menschenverachtung an ihrer kriecherischen Geduld.

Sehr offen und im größten Ausmaß räuberte er in den herzoglichen Kassen. Er berechnete sich ungeheuerliche Provisionen, verkaufte an den Herzog zu Riesenpreisen wertlose Preziosen. Neue Lasten legte er auf das ächzende, zusammenbrechende Land, und was er auf solche Art erpreßte, leitete er unverhohlen in seine, nicht Karl Alexanders Tresors. Hatte er bisher das Herzogtum bedrückt, um Geld herauszupressen, sachlich und zweckmäßig, so würgte und drückte er jetzt das Land aus raffinierter, düsterer Freude an der Pressung. Er tat dies alles mit dreister Offenheit, legte es sichtlich darauf an, daß Karl Alexander es merke, suchte auf jede Art durch seine Geschäftsführung den Herzog zu reizen. Doch der schwieg.

Das Aussehen des Juden blieb anders. Der gleitende, federnde Gang war härter, offiziersmäßig brutaler. Härter, entschlossener auch die Wangen, und das reiche, wellende, kastanienbraune Haar, das er früher, wo es anging, frei getragen hatte, versteckte er jetzt für immer unter strenger Perücke. Aelter war, verhärteter der ganze Mann. Die dunkle Stimme hatte ihr Streichelndes, Beredendes verloren; oft gurgelte sie nun, herrisch, widerwärtig, unschön; mauschelnd, sagten die Feinde. Die wölbigen, fliegenden Augen blieben rasch und lauersam, ja, gewöhnlich sogar voll beflissener Ergebenheit; doch, ungewahrt, hatten sie wohl zuweilen ein Stechendes, sehr Giftiges und zähmten mühsam nur ein feindseliges, gelblich dunkles Feuer.

Schwerer schritt unter ihrem Reiter die Stute Assjadah. Nicht mehr trug sie den glänzenden, angehaßten und doch bewunderten, adlig freien Herrn; eine Last trug sie, einen dumpfen Fronvogt, der an sich selber schleppte, den Feind aller und von allen befeindet.

Prunkende Feste gab er nach wie vor. Doch diese Feste waren vergiftet und keine Freude für die Gäste. Er liebte es, bei solchem Anlaß dem oder jenem in größter Oeffentlichkeit in der Komödie oder sonstwie wohlzielende, herzkränkende Bosheiten zu sagen, das häusliche oder politische Elend eines Geladenen bloßzustellen; er traf sehr gut die Stelle, wo es am wehesten tat, und sehr viele seiner Gäste saßen in nagender, kribbelnder Unrast, ob sie verschont blieben.

Zu den Frauen war er von einer höhnischen, wegwerfenden Galanterie. Eine Frau hatte es gegeben; mattweiß war ihre Haut, in ihren Augen träumten die Träume der Jahrtausende; sprach sie, dann war die Stimme der Nachtigall Krächzen vor ihrer kleinen Stimme. Jetzt lag sie in Frankfurt, Erde über ihr, Erde unter ihr. Was wollten da die anderen? Sie atmeten, plapperten, lachten und spreizten, redete man ihnen gut zu, die Schenkel. Nun ja, so waren diese: aber die eine hatte gelebt.

Weißensee war aus seiner tiefen Verwirrung und Ratlosigkeit aufgetaucht, schnupperte an Süß herum. Hier gor etwas herauf, in diesem ungeheuren, maßlosen Mann, der anders war als alle anderen, schwelte etwas gar, eine grandiose, prasselnde, tausendfarbige Katastrophe. Der war nicht wie er, der war nicht der Mann, sich zu krümmen und stillezuhalten. Wollüstig schon in der Erwartung roch der Konsistorialpräsident den Schwefelgeruch des Ausbruchs, und nur die Gier, ihn mitzuerleben, hielt den Ausgehöhlten aufrecht.

Und des Süß herausfordernder Uebermut wuchs. Er gab sich offen wie der Herr des Landes, scheute keine Grenze.

In diese Zeit fiel auch die Affäre des jungen Michael Koppenhöfer. Dieser Fall lag so:

Nach zweijähriger Studienreise durch Flandern, Frankreich, England war der junge Mensch, Neffe des Professors Johann Daniel Harpprecht, verwandt auch mit Philipp Heinrich von Weißensee, in die schwäbische Heimat zurückgekehrt, um als Aktuarius in herzoglich württembergischen Dienst zu treten. Sehr groß, bräunliche, kühne Wangen, starkblaue Augen unter dunklem Haar, sah der Dreiundzwanzigjährige aus wie ein Bruder Magdalen Sibyllens. Der Jüngling hatte von seiner Reise stürmische Ideen mitgebracht von menschlicher Freiheit und menschlicher Verantwortung, einen wilden Haß gegen jede Despotie; alle die jungen, märzlich grünen, reinen Gedanken neuen, besseren Staatsgefüges, einer gerechteren, humaneren Ordnung drängten ihn mit Schuß und Saft und Ueberschuß, sprengten dem jungen, glühenden Menschen fast die Brust.

Er wohnte bei Harpprecht. Der alternde Herr, dem die Frau nach einer Ehe von wenigen Monaten in sehr jungen Jahren gestorben war, hatte den Neffen großgezogen, er hatte ihn die zwei Jahre im Ausland bitter vermißt, er warf jetzt alle seine wortarme, herbe Liebe auf den Jüngling.

Michael Koppenhöfer war durch seine Reise doppelt stolz geworden auf die vor den anderen deutschen Staatsverträgen freiheitliche Verfassung seiner Heimat. Wohl hatte er immer gewußt um die militärische Autokratie des Herzogs, die jesuitische des Würzburgers, die ökonomische des Juden. Aber ein anderes war es, in Briefen und Broschüren davon zu lesen, ein anderes, mitteninne zu stehen, die freche Unterdrückung, die nackte, höhnende Gewalt mit Augen zu schauen, mit Händen zu greifen. Der junge Mensch sah den Stellen-und Aemterhandel, den Schacher mit der Gerechtigkeit, die Ausquetschung des Volkes. Verlumpt und ausgehaust die Schertlins von Urach, außer Landes getrieben sein junger, vor allen anderen begabter Vetter und Freund Friedrich Christoph Koppenhöfer, in Verzweiflung und Tod gejagt der Hauptzoller Wolff, der Kammerdirektor Georgii. Ausgelaugt und zerfressen das reiche, schöne, gesegnete Land, zu den Fahnen gepreßt Tausende, in Lumpen und Hunger Zehntausende, zerlottert an Leib und Gewissen Hunderttausende. In Völlerei und Unzucht sich blähend ein schrankenloser Hof, in bunten Uniformen frech sich spreizend die Gewalt, höhnische Rabulisterei über die klare, edle Verfassung giftig triumphierend. Zerwuchert die Verwaltung, zerhurt die Justiz, die Freiheit, die liebe, gepriesene Freiheit ein Spott und Lumpen, mit dem der Herzog, der Jesuit und der Jud sich den Hintern wischen.

Eine heilige, fressende Empörung füllte den Jüngling an, füllte ihn ganz, spannte männlicher sein kühnes, braunes Gesicht, entzündete dringlicher die starke Bläue seiner Augen. Oh, seine schlanke, junge Beredsamkeit! Oh, sein adliges Zürnen und Sich-bäumen! Der zehrende Gram über die Fäulnis der Heimat hatte den alten Johann Daniel Harpprecht doch arg geschüttelt und zerhöhlt. Jetzt hing der feste, gerade Mann seine ganze Hoffnung an den Jungen, und die trockenen Abende des Einsamen wurden grün und blühend durch seine frische, ranke Gegenwart.

Dem Süß war der Aktuarius immer unsympathisch gewesen. Ihn hatte der hohe Wuchs des jungen Menschen, seine straffe, eckige Stattlichkeit, an der gleichwohl nichts Tölpisches, Bäurisches war, von je geärgert. Auch die offensichtliche Ehrlichkeit der politischen Ueberzeugung hatte ihn verstimmt. Hinter politischer Opposition stak gemeinhin der eigene Vorteil; wenn der nicht, dann mangelnde Begabung. Daß der Junge sich zur Demokratie seines berühmten Oheims bekannte, wäre nicht weiter verwunderlich gewesen; aber daß der Bewegliche, mit allen guten, dem Aufstieg förderlichen Gaben Bedachte durch so wildes Feuer gegen die herrschende Richtung seine Karriere gefährdete, war Beweis, daß immer noch politische Ueberzeugung an sich im Lande war, und als solcher verstimmend. Immerhin hatte Süß in der Praxis das junge Ungestüm des Aktuarius Michael Koppenhöfer so wenig gefürchtet wie das routinierte Pathos des Publizisten Moser, er hatte, vor dem Schlag in Hirsau, den wie jenen unbehelligt gelassen, und der Beamte mit der rebellantischen Gesinnung war nicht durch die leiseste Rüge geahndet worden.

Jetzt, nach Hirsau, entzündete sich finsterer das Feuer des vergifteten Mannes an der ungebrochenen freiheitlichen und guten Kühnheit des Jünglings. Den dunklen Blick richtete er auf ihn, duckte spielerisch bösartig zum Sprung. Bei der Unvorsichtigkeit des jungen Menschen fand sich sehr bald ein Grund, ihn scharf und strafweise zu verwarnen.

Der alte Johann Daniel Harpprecht hatte solche Konflikte längst vorausgesehen; doch er brachte es nicht über sich, das schöne Glühen Michaels zu dämpfen. Es war das gute Recht der Jugend, unklug zu sein, sich auf Verbogenes zu stürzen, um es gerade zu machen, auch wenn der Arm daran erlahmen mußte. Aber es schnürte ihm die Brust, preßte ihm den Atem, stieg ihm bitter die Kehle herauf, wenn er dachte, daß er seine müden Abende wieder allein sein sollte, ohne den wärmenden Schein des Jünglings. Immerhin hoffte er, sein, des Harpprecht, großes Ansehen werde den Süß hindern, stärker gegen den Michael vorzugehen.

In dem Elend des Vaterlandes, in der wüsten Verlotterung ringsumher sah der Aktuarius Michael Koppenhöfer ein großes und zartes Licht. Das war die Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin, die Tochter. Ihre blonde, pastellfarbene Lieblichkeit ging dem Schwärmerischen, leicht Entzündlichen tief ein. Als er gar hörte, wie sie den Nachstellungen Karl Alexanders sanft, aber beharrlich sich weigerte, erschien sie ihm als Symbol der menschlichen Freiheit. Die Bilder schwammen ihm eines ins andere, und er sprach von der lieben Freiheit und der holden Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin in der gleichen Terminologie.

Jetzt glaubte Süß auch auf Harpprecht keine Rücksicht weiter nehmen zu müssen. Der junge Michael Koppenhöfer wurde, weil er trotz der Verwarnung weiterhin die Ehrfurcht gegen den Herzog außer acht gelassen und unziemliche, gottlose und lästerliche Reden gegen ihn geführt habe, seines Amtes entsetzt. Aus besonderer Huld und Gnaden wurde von einem Kriminalverfahren gegen ihn abgesehen. Doch hatte er binnen vierzehn Tagen das Land zu verlassen und wurde auf Lebzeiten seiner Grenzen verwiesen.

Dies war immer am Horizont gestanden. Aber wie es nun kam, war es doch unerwartet und warf den alten Harpprecht um. Oh, allein und kahl in dem großen, leeren Zimmer sitzen, nur mit Büchern und Pergamenten; und die einzige Kumpanei sind die Schatten in dem Raum außerhalb des Lampenlichts. Sie dichten sich zu mageren, krummen Auswanderern, zu Hungernden und zu Zerlumpten, oder sie strecken hagere, gierige Judenfinger nach einem. Wie immer, sie fallen über einen her und nehmen einem die Luft weg. Und da wäre nun der Junge, trotzig und lebendig, und wenn er seine dicken, dunklen Brauen hochzieht, zergehen die Schatten, seine starkblauen Augen jagen aus allen Winkeln die bedrohliche, erkältende Dämmerung. Aber er ist nicht da; der Jud hat ihn des Landes verwiesen, der Jud läßt ihn nicht zu ihm.

Der schwere Herr rang sich ab, entschloß sich, stand vor dem Herzog. Er hatte nie gebeten, er hatte immer nur guten Anspruch eingefordert, er war gewohnt, daß man zu ihm kam und bat. Es war dem aufrechten Mann arge Pein, als Supplikant dazustehen, und die Worte kamen ihm umständlich und stockend. Das Urteil sei gerecht und nicht einmal sehr hart. Doch solle der Herzog bedenken, vieles im Land stehe wirklich nicht gut, und wenn der junge Mensch seinen Unmut offen heraussage, sei das vielleicht besser als braute er, wie andere, im heimlichen Gift. Karl Alexander hörte finster zu, drückte dem peinvoll Dastehenden fest die Hand, versprach unsicher, er werde es überdenken.

Unwirsch forderte er Bericht ein. Süß selber kam zum Rapport. Ja, es war alles so, wie der Professor es dargestellt. Nur seien eben er, Süß, und der Professor verschiedener Meinung, was zur Wahrung fürstlicher Dignité not sei. Verdrießlich warf der Herzog dem Süß hin, in was für ärgerliche Situation er ihn gebracht habe, daß er jetzt entweder müsse retirieren oder dem verdienten und hochangesehenen Mann die erste und einzige Bitte abschlagen. Frech und giftig erwiderte Süß, er kapiere, daß es Seiner Durchlaucht schwerer falle, dem schwäbischen Professor einen Wunsch zu refüsieren als dem jüdischen Finanzienrat. Er habe aber noch andere, sehr gute Gründe gehabt, den Aktuarius aus dem Weg zu schaffen. Wenn nämlich, fügte er mit dreister Vertraulichkeit hinzu, der Herzog bei den Damen Götz nicht recht wolle avancieren, so sei des der junge Mensch mit die erste Ursach, der Seiner Durchlaucht zumindest bei der Demoiselle Elisabeth Salomea sehr in die Quere käme. Finster knurrend schwieg der Herzog.

Allein, beschloß er, jetzt erst recht den Aktuarius im Land zu lassen. Der Jud ist so hirnrissig wie insolent. Ho! Soll etwan er, Karl Alexander, Angst haben, der lumpige Demokrat und Rebellant komme bei der Demoiselle vor ihm ans Ziel? Oder vermeint der Jud, jetzt, nach Hirsau, habe er, der Herzog, Scheu vor jedem Jüngferlein und traue nicht mehr auf seine Männlichkeit? Eine grimmige Geilheit überkam ihn. Mille tonnerre! Er heißt Karl Alexander, Herzog von Württemberg und Teck, und er wird die Jungfer trotz allen rebellantischen Lausbuben klein und kirre machen. Jedenfalls scheut er die Konkurrenz nicht und wird jetzt das Urteil annullieren.

Aber wie er die Ordre diktieren wollte, nahm er sich vor, es doch noch einmal zu überdenken, und schob es auf morgen. Andern Tags ging er nach Ludwigsburg. Amüsements, Repräsentation, andere politische Geschäfte drängten vor. Der Tag kam, da das Urteil rechtskräftig wurde, und keine Gegenordre war erschienen. Der junge Michael Koppenhöfer mußte wie sein Vetter Friedrich Christoph außer Landes gehen, und der Abend des Professors Johann Daniel Harpprecht wurde kahl und ohne Licht.

Nun konnte Karl Alexander vorderhand nicht mehr gut etwas rückgängig machen. Dachte er an die Damen Götz, so war er eigentlich sehr befriedigt darüber. Doch dies gestand er sich nicht ein. Es faßte ihn vielmehr eine dumpfe Wut gegen den Juden. Der war schuld an allem; der hatte ihn vor die Wahl gestellt: Harpprecht oder ihn, den Juden.

Süß wußte, Karl Alexander hatte eigentlich nie eine bewußte Schurkerei begangen; sicherlich auch wird er sich die wahren Motive dieser Ausweisung nicht eingestehen. Darum juckte es ihn, den Herzog so darauf zu stoßen, daß dieses Urteil fortan an ihm nagen sollte. Er warf gelegentlich hin: „Jetzt wird die Affäre der Damen Götz besser marschieren, nachdem wir den jungen Koppenhöfer haben aus dem Licht geschafft.“ Der Herzog wollte zufahren, aber er brachte es nur zu einem Knurren und erwiderte ohne viel Nachdruck: „Wir? Wir?“ Süß aber begnügte sich, zu lächeln, und schwieg.

Seinen Feinden kam zu Ohren, daß dem Herzog das Vorgehen des Juden gegen den jungen Koppenhöfer zu rasch gewesen sei und nicht erwünscht. Sie begriffen nicht die Langmut des Herzogs, nützten den Anlaß, gegen solche unfaßliche Geduld Sturm zu laufen. Sie wiesen darauf hin und belegten es mit vielen Ziffern, wie Süß an dem Land presse und sauge, nur für seine Kassen, ohne daß für den Herzog was dabei herausspringe, wie er in jedem Geschäft den Herzog begaunere und bewuchere. Sie sprachen fast zwei Stunden, und Karl Alexander wies sie nicht zurück; er hörte sie zu Ende, ja, er ließ sich Details, die er nicht recht verstand, genauer erklären; vor allem ließ er sich von Dom Bartelemi Pancorbo auseinandersetzen, wie schamlos Süß ihn mit minderwertigen Steinen prelle und betrüge. Als die Herren fertig waren, entließ er sie höflich, ohne jede Aeußerung.

Andern Tags, unaufgefordert, erschien Süß in der Residenz. Er höre, sagte er, man intrigiere von neuem gegen ihn. Er möchte sich die Beschämung ersparen, daß man ein zweites Mal seine Papiere durchschnüffle. Er bitte darum wiederholt, submissest und dringlich um seine Entlassung.

„Hör, Jud!“ sagte Karl Alexander, „du hast mir im Oktober einen Stein verkauft um was mehr als fünftausend Dukaten. Was ist der Stein wert?“

„Heut keine fünfhundert,“ sagte der Jude. Und das Aug in dem des Herzogs, mit einem frechen, fatalen Lächeln fügte er hinzu: „Ja, solche Steine haben Liebhaberpreise und ihr Wert wechselt.“

„Es ist gut,“ sagte Karl Alexander. Dann schwiegen beide. Der Herzog läutete und befahl sogleich den Hofkanzler Scheffer, prestissimo. Es vergingen aber zwanzig Minuten, bis der Kanzler kam, und während dieser zwanzig Minuten sprachen die beiden Männer kein Wort. Sie dachten auch nicht einer des andern. Es war ein tiefes, wunderliches, erfülltes Schweigen in dem hellen, weiten, prunkenden Raum. Bilder und Träume kamen und gingen vom Herzog zu Süß, von Süß zu dem Herzog. Die knarrende Stimme des Magus war in diesen Träumen, und das tote Kind war darin, die Finger gestreckt im Zeichen des Schin.

Endlich kam Herr von Scheffer. Er zählte jetzt zu den Feinden des Süß, er schwitzte, da er den Juden sah, vermutete, der Herzog wolle ihn dem Juden gegenüberstellen, und er werde gegen den teufelsgewandten Mann einen schweren Stand haben.

Allein es ging anders. Der Herzog, kaum daß der Kanzler eingetreten war, nahm Haltung an und sagte streng, militärisch, eiskalt, befehlsmäßig zu dem betroffenen Minister: „Der gegenwärtige Herr Finanzdirektor klagt über Verleumdung seiner Geschäftsführung und postuliert seine Entlassung. In Ansehung seiner zu Unserm völligen, gnädigen Vergnügen geleisteten Dienste wünschen Wir, daß alles geschehe, ihn zu halten. Wollen Sie also, Exzellenz, sogleich eine Urkunde aufsetzen, eine Legitimationsurkunde oder Absolutorium oder wie Sie es benennen wollen, ein herzogliche Gesetzes-Ordre, die den Herrn Finanzdirektor für alle seine Handlungen, die vergangenen wie die zukünftigen, außer alle Verantwortung setzt. Von niemand, mag er sein, wer er will, soll er können wegen seines Tuns zur Rechenschaft gezogen werden. Wollen Sie dieses Schriftstück sogleich in aller Form aufsetzen und Uns zur Unterschrift vorlegen, daß es kann im nächsten Wochenamtsblatt publiziert werden. Wir warten.“

Die Stimme Karl Alexanders, während er dies sprach, klang so eisig gemessen, daß der erschreckte Kanzler keine Einrede wagte. Nicht der Herzog, nicht der Jude sprach ein einziges Wort, während Scheffer die Urkunde konzipierte. Wortlos auch unterzeichnete Karl Alexander. Herrschte dann, kaum noch an sich haltend, den Kanzler an: „In das Amtsblatt den Wisch!“ Zitternd retirierte der Minister.

Süß dankte mit den servilsten, devotesten Bezeugungen für die enorme, unverdiente Gnade und das extraordinäre Vertrauen. Doch seine Augen waren nicht dankbar, sie waren dreist und fordernd und höhnisch. Stumm und feindselig maßen sich die beiden Männer, und Karl Alexander erkannte, daß er sich nicht losgekauft hatte.

„Geh, Jud!“ schrie er endlich, tobend. Und Süß ging. Doch nicht wie der Kanzler. Langsam ging er und erhobenen Hauptes und mit einem tiefen, machtbewußten, bösen Lächeln.

Der Herzog aber, allein, schäumte, raste. Riß, zerrte, scheuerte sich wund an der unsichtbaren, unzerreißbaren, grauenhaften Bindung von ihm zu jenem.


Der semmelblonde Expeditionsrat Götz, der jetzt, auffällig jung, als Kammer-Prokurator in die Geheimkanzlei avanciert war, sah mit Unbehagen die galanten Bemühungen des Herzogs um seine Mutter, die Geheimrätin Johanna Ulrike Götz, und seine Schwester, die Demoiselle Elisabeth Salomea. Er wußte nicht recht, wie er sich verhalten solle. Einesteils war es ehrenvoll, wenn der Souverain einer Dame seinen Hof machte, und es war Pflicht der Untertanin, dem gottgewollten Herrn mit Leib und Seele zu gehören; auch für seine Karriere konnte solche Neigung des Souverains nur gewinnbringend sein. Andernteils führte der Weg vom Herzog und zum Herzog immer wieder über den fatalen Juden; ja, er hatte den Eindruck, Elisabeth Salomea sehe den Juden fast lieber als den Herzog. Und wenn auch Süß durch seine Stellung bei Hofe vom üblichen Gestank des Juden gewissermaßen purifiziert war, so blieb es doch eine peinliche Imagination, sich Schwester und Mutter in näherer Relation zu besagtem Juden zu denken. Der Expeditionsrat hätte auch vielleicht seinem inneren Widerstreit ein kurzes Ende gemacht, den Abschied genommen, sich mit Mutter und Schwester auf sein Landgut bei Heilbronn zurückgezogen. Doch die Affäre mit der Napolitanerin und die Erkrankung Karl Alexanders hatte ihn tief verwirrt, er sah sich seinem Fürsten in schwerer Schuld verstrickt, und sein Gewissen erlaubte ihm nicht diesen Ausweg. Stumm und in unklarer Not ließ er die Dinge laufen.

Sie gingen aber zunächst stockend und schwerfällig. Süß zog immer wieder die Bremse an und ließ den Herzog nicht vorwärtskommen. Der spielte wohl manchmal mit dem Plan, auch diesmal wie so oft die Frucht mit Gewalt zu pflücken; aber er wollte sich vor dem Juden brüsten, daß er mit den bloßen Waffen der Galanterie sich könne den Eingang in den versperrten Schoß erzwingen. So wartete er zu; doch fachte das lange Warten seine Brunst immer höher.

Er schickte den Damen, abwechselnd der Mutter und der Tochter, schöne Geschenke. Der Schwarzbraune brachte sie, der Mameluck, der immer schwieg, so daß man ihn im Volk für stumm hielt. Der geschmeidige, dunkelglänzende Mensch gefiel den Frauen, er sah so fern und melancholisch und tierhaft aus, er hatte bei den Mägden im Schloß und auch viel höher hinauf große Erfolge. Die süßen, blonden, zarten Damen Götz reizten ihn sehr; stumm, wenn er die Geschenke überbrachte, fraß er an ihrer pastellfarbenen Lieblichkeit mit seinen tiefen, wüstentraurigen Augen. Aber die Demoiselle Elisabeth Salomea, wie sie seine dringlichen und ungebührlichen Blicke gewahrte, lachte ihm nur hell und backfischhaft empfindungslos ins Gesicht.

Süß hielt die zwei Frauen fest an der Schnur. Sie waren beide töricht und maßlos in ihn verliebt, ohne daß sie aufeinander eifersüchtig gewesen wären. Sie steigerten sich vielmehr gegenseitig in der Bewunderung seiner mannigfachen Gaben. Während die Mutter sein Genie pries, sie hatte längst erkannt, daß er im Herzogtum regierte und nicht Karl Alexander, und während sie ihn rühmte, wie er so gewaltig, furchtbar und gefürchtet und doch liebenswert sei, fand die Tochter ihn männlich, kraftvoll und gleichwohl nicht plump und grobmäulig. Wie anders war er als der ungebärdige Michael Koppenhöfer, wie anders aber auch als die lauten, brutalen Offiziers. Und aneinanderlehnend, gleich Schwestern, himmelten sie von ihm, kosteten sie es aus, wie die beiden ersten Männer des Landes, der Herzog und der Jud, sie hofierten, während der Expeditionsrat unbehaglich schwieg.

Süß hätte wohl die beiden Frauen vor dem Herzog haben können. Doch er lächelte dunkel, wenn er es dachte; er tat, als seien sie zu hoch für seine Berührung, bemerkte ihr Entgegenkommen nicht, begnügte sich, sie so zu leiten, daß sie den Herzog nicht ans Ziel ließen.

Es begab sich aber um diese Zeit, daß ein holländischer Juwelenhändler einen besonders kostbaren Stein feilbot, das Auge des Paradieses genannt. Er stammte aus Indien, ein englischer Abenteurer hatte ihn von dort mitgebracht, er war wohl auf nicht ganz saubere Manier erworben. Wie immer, das Auge des Paradieses war der schönste und reinste Stein seiner Art in Europa. Der Großwesir wollte einen ungeheuren Preis dafür zahlen; bevor aber der Schatz wieder ins Morgenland entschwand, fragte der Amsterdamer Händler bei den großen Herren der Christenheit an, ob keiner den Preis des Heiden überbiete.

Wie nun die Damen Götz gelegentlich die Geschenke Karl Alexanders rühmten, sprach Süß vom Auge des Paradieses, und daß der Stein jetzt feil sei. Wer einer Dame ein solches Geschenk präsentiere, der erweise, daß er sie wirklich liebe; wer einen solchen Preis biete, an den sei keiner Dame Gunst verschleudert.

Es geschah, wie Süß es gewollt. Kitzelnd redete und leichthin die Demoiselle Elisabeth Salomea dem Herzog vom Aug des Paradieses. Karl Alexander sprach mit dem Dom Bartelemi Pancorbo über den Stein, und was er kosten könne. Ei, das sei wohl ein Demant und große Köstlichkeit, sagte mit seiner moderigen Stimme der Portugiese und streckte begehrlich den dürren Hals aus der riesigen Krause. Doch was er koste! Und er nannte den Preis, den der Großwesir geboten. Fünf Herrschaften hätte man und die zugehörigen Dörfer dafür kaufen können. Karl Alexander stutzte, wie er die ungeheure Summe hörte, und gab den Auftrag nicht.

Er ahnte, er wußte sehr wohl, wer in dem zarten, blonden Kopf die begehrliche Laune angezündet hatte. Aber er war kein Narr, daß er das gewaltige Geld – was konnte man Land und Soldaten darum kaufen! – hinwarf für ein Weib, das er schließlich ohne weiteres hätte aufs Bett schmeißen können; und durfte keiner ihn drum schelten nach dem, was er Zeit, Galanterie und Präsenter an die Weiber gehängt hatte. Allein jetzt wird der Jud ihn für einen Filz und Knauser ästimieren. Wird auf seine undurchdringliche, glatte, hundsföttische Manier den Weibern solche Mucken in den Kopf setzen, daß er vor ihnen steht als ein Filz und Harpagon. Auch seine Geilheit stieg hoch. Gift und Opperment! Kann eine Frau einem solchen mit Lust den Willen tun, der so als dreckiger Knauser vor ihr steht? Er ließ Dom Bartelemi rufen, gab dem Aufblühenden Ordre, den Stein zu erwerben.

Allein das Aug des Paradieses war, als Pancorbo eilends und giervoll zu dem Händler kam, verkauft. An wen? Der Händler wußte es nicht. Ein Mittelsmann hatte, ohne zu feilschen, den Preis des Großwesirs unwahrscheinlich hoch überboten.

„Um so besser!“ schmunzelte der Herzog, erzählte den Damen Götz die Sache, bedauerte, daß er ihnen die Freude nicht habe machen können.

Zwei Tage darauf schenkte Süß der Demoiselle Elisabeth Salomea das Auge des Paradieses. Es war ein aus der Maßen kostbares Präsent, im ganzen westlichen Deutschland sprach man davon, der junge Expeditionsrat Götz wußte durchaus nicht, was er anfangen solle.

Ungerufen erschien Süß vor dem finstern Herzog. Auf die Art, wie es Karl Alexander zu tun pflegte, rühmte er frech, schmalzig, umständlich und sehr ins Detail die angenehmen Eigenschaften der Demoiselle.

Die Faust erhoben, stapfte der wütige Karl Alexander massig und bedrohlich auf den Juden zu. Der stand und rührte sich nicht und schaute ihn an.

Doch Karl Alexander hielt ein. Schnaufte röchelnd. „Wir sind quitt, Jud!“ sagte er endlich heiser.

Aber der Jude schwieg. Und der Herzog wußte, daß er nicht erlöst war.


Unterdes hatte man in der Hofburg des Fürstbischofs von Würzburg einen besonders feinen, kniffligen Plan ausgetiftelt. Nach dem Muster der Regierung der österreichischen Niederlande sollte Württemberg eingeteilt werden in zwölf militärische Obervogteien. Jedem Obervogt sollte ein Regiment Soldaten zugeordnet, die Beamten ihm unmittelbar unterstellt sein. Das bedeutete die rein militärische Verwaltung des Landes, die Legalisierung der Militärautokratie.

Um das Parlament vollends lahmzulegen, war ein Dekret vorbereitet, das jeder Sitzung des Elfer-Ausschusses einen vom Herzog bestimmten Geheimrat beiordnete. Dieser Beamte sollte die herzoglichen Anträge begründen, zugleich aber auch acht haben auf diejenigen, welche sich gegen die Vorlagen aussprächen; sei ihre Meinung die bessere, so werde man sie annehmen, geschehe aber die Opposition aus purer Böswilligkeit und Widerspruchsgeist, so werde man eben ein Stück oder mehrere auf die Festung setzen.

Unter Vertilgung von zahllosen Schalen Kaffee arbeitete der unscheinbare Geheimrat Fichtel, assistiert von dem Konsistorialpräsidenten eine umständliche, höllisch schlaue Deduktion aus, die vor Kaiser, Reichstag und Corpus Evangelicorum diese Willkürmaßnahmen rechtfertigen sollte. Mit treuherziger Biederkeit war die Verfassung ins Gegenteil kommentiert, mit feinster advokatischer Kunst war vor allem das Argument ausgespielt, bei den zwischen Herrn und Landschaft errichteten alten Verträgen sei wohl zu beachten, in was für Zeiten solche gemacht worden; mit dem, was vor Jahren gut gewesen, sei in heutigen Tagen nicht mehr hinauszugelangen.

Tausend Hände arbeiteten geschäftig ineinander. Papst und Kaiser gaben wohlwollend ermunternde Winke, und jene alten, nebelhaften Abmachungen, die Karl Alexander bei Regierungsantritt mit den Wiener Räten getroffen hatte, wonach er den Kaiser im Franzosenkrieg, der Kaiser ihn bei Wahrung seiner Souveränität mit Truppen solle unterstützen müssen, gewannen plötzlich einen für die württembergische Verfassungspartei sehr bedrohlichen Sinn. Der alte Fürst Thurn und Taxis reiste in den österreichischen Niederlanden und gab von dort Direktiven für die Stuttgarter Verwaltungsreform. Die militärische Organisation besorgte straff und grob Remchingen, die finanzielle Süß, die diplomatische Fichtel, die Aushöhlung und Zermürbung des Parlaments Weißensee.

Karl Alexander arbeitete rastlos, fieberig. Hielt Konferenzen, schrieb selber zahllose Briefe, visitierte die Truppen. Er stürzte sich in das katholische Projekt wie in ein heilendes Bad. Kein Aderlaß hatte ihm, keine Schröpfkur der Doktoren Breyer und Seeger ihm geholfen, wenn der dumpfe Zorn über den Juden ihm das Blut dick und schwer zu Kopfe steigen machte. Jetzt hatte er ein vages Gefühl, es könne ihn das katholische Projekt frei und los machen.

Der Herzog war keineswegs fromm. Es war weiß Gott nicht die himmlische Maria gewesen, um derentwillen er sich zur römischen Kirche bekannt hatte, sondern Marie Auguste von Thurn und Taxis und ein Sack voll Dukaten. Aber er war auch trotz gelegentlicher freigeistiger Scherze nicht geneigt zu einem prinzipiellen und bedingungslosen à la mode-Atheismus. Er fühlte sich in den Riten der Kirche sehr behaglich, einem Soldaten und großen Herrn stand aus mancherlei Gründen diese Religion viel schöner an, insonderheit paßte der prunkvolle Glaube viel besser zu den reichen und prächtigen Uniformen, die er liebte. Auch war es bequem, dem milden und behäbigen Pater Kaspar zuweilen zu beichten, obzwar man seine heimlichsten und sündigsten Gedanken einem andern schwerlich sagen, ja für sich selber kaum ein zweites Mal recht packen konnte.

Jetzt wurde sein lässiger Glaube ernsthaft, gewann Kern. War früher sein Religionsbekenntnis nichts gewesen als politisches Mittel, als praktische Vorbedingung einer von Kaiser und Rom unterstützten schwäbischen Militärautokratie oder bestenfalls Dekoration, so begann sich ihm der erstrebte Absolutismus jetzt allmählich mystisch zu vernebeln. Er sah sich im Dienst einer großen, göttlichen Idee; die Macht, um die er rang, war etwas Heiliges, der Kampf um sie Gottesdienst. Er wurde zur Freude Pater Kaspars und der befreundeten geistlichen Fürsten sichtlich frömmer und strenger in der Befolgung der Bräuche.

Es war aber dies, daß er, ohne es sich zu gestehen, in solchem Gottesdienst eine Sühnung sah für seine seltsame, haßvolle, unzerstörbare Neigung zu dem Juden. Mit verschmitzter, von den Jesuiten erlernter Rabulistik machte er sich vor, er habe den Juden aus politischen Gründen nötig, nur darum toleriere er seine aufreizende Gegenwart. Sowie er aber am Ziel sei, werde er den Kujon am Kopf packen und auf die Festung setzen. Manchmal wieder sagte er sich, erreiche er den Triumph der Kirche in Schwaben, dann werde Gott ihn sicherlich belohnen und ihn lösen aus der peinvollen Bindung mit dem Juden.

Oh, er hätte nicht sollen des jüdischen Magus Orakel anrufen und annehmen. Er hatte das zweite angenommen, nun brannte ihn jenes: „Das erste sage ich Euch nicht.“ Er schrieb dringlich an seinen Freund, den Fürstabt von Einsiedeln in der Schweiz, daß der, selber ein großer Astrolog, ihm einen katholischen Stern-und Zeichendeuter schicke. Bald auch traf ein solcher Magus ein. Er war sehr anders als der Kabbalist. Der hatte in Tracht und Gewese nichts Ungewöhnliches gehabt und doch war jedem, der ihn sah, fremd und unbehaglich zumut geworden. Der Magus des Fürstabts aber rückte an mit allem Prunk und Gerät des professionellen Schwarzkünstlers. Er brachte Gestelle, Dreiecke, Fernrohre, Kolben, zauberische Hufeisen mit, verlangte ein einsames Turmzimmer, stieg nächtlich in vielfigurigem Hemd auf das Dach des Schlosses unter seltsamen Beschwörungen, ließ Erde vom Gottesacker holen, sammelte Fensterschweiß bei zunehmendem Mond, brannte Espen zu Kohlen und trieb dergleichen wunderliche Hantierung mehr. Oft auch klang um Mitternacht wildes Getöse aus seinem Zimmer, und den trotz aller Bangnis neugierig lauschenden Lakaien war es, als brause schellenklingelnd mit dickem Rollgeschirr ein Pferd durchs Fenster. Der Astrolog versprach dem Herzog, ihm für sein vorhabendes Unternehmen den sternrechten Tag, ja die Stunde aufs genaueste anzugeben. Der Herzog verhehlte sich nicht, daß der Mensch mit all seinem Zauber ihm weniger Eindruck und Zutrauen gab als mit seiner stillen, unauffälligen Gegenwart der Kabbalist; und als Süß ihm, den Astrologen geradezu ins Gesicht höhnend, auf eine Kanone wies: „Herr Herzog, dies sind die besten Stern-und Zeichendeuter,“ lachte er schallend mit. Dennoch fühlte er, nun er den christlichen Weisen berufen, sein Gewissen ruhiger; übrigens war aus dem jüdischen Hexer ohnedies nichts mehr herauszukriegen.

Karl Alexander hatte, trotzdem Süß ihm vorgeschmaust, der Lockung nicht widerstehen können, nun auch seinerseits die Damen Götz zu probieren, die der Jude mit lässigem Hohn ihm zuspielte. Allein er hatte, wohl auch in Gedanken an jenen, nicht den erhofften Genuß. Immer wütiger sich in das katholische Projekt verbeißend, hatte er dann die Damen bald ganz vernachlässigt. Da saßen jetzt die Gedemütigten; sie konnten auf ihren zarten Pastellgesichtern den Kummer nicht verstecken, insonderheit die Mutter alterte zusehends. Der Expeditionsrat knirschte vor sich hin jenen Vers aus der Komödie, darin er die Napolitanerin kennengelernt: „Die Schönheit, die uns lockt, ist Huld und süßes Wunder; die Schönheit, die gekost’t, ist wüster Dreck und Plunder,“ und er wußte nicht, wie er sich verhalten solle. Er schäumte, er dachte jetzt ernstlich daran, sich auf sein Gut bei Heilbronn zurückzuziehen, und selbst als er avancierte, knurrte sein Zorn noch leise nach.

Am meisten aber grämte das Leid der blonden, lieblichen Damen den Schwarzbraunen, Otman, den Mamelucken. Er war wie immer vor der Schwelle gelegen in jener Nacht, da Johanna Ulrike, und in jener schlimmeren, da Elisabeth Salomea zu dem Herzog gekommen war. Er hatte nicht geschlafen in jener zweiten Nacht, er hatte, vor der Schwelle kauernd, scharfhörig auf jeden leisesten Laut gelauscht, und als Elisabeth Salomea das Schloß verließ, verwandelte sich im Rücken des sie geleitenden, lärmenden Herzogs plötzlich sein verschlossenes Gesicht, und er starrte Karl Alexander mit so wildem, tierhaftem Haß nach, daß der in unwillkürlicher Abwehr den Rücken rundete.

Der Schwarzbraune wußte sehr gut alle Zusammenhänge. Er wußte, von wem Elisabeth Salomea das Aug des Paradieses hatte, und er wußte, was dieser Besitz bedeutete. Wunderlicherweise haßte er nicht den Süß darum; ja, er spürte eine sonderbare Genugtuung, daß der und nicht ein Christ sie zuerst gehabt hatte. Um so tiefer war sein fressender Haß gegen Karl Alexander.

Der Herzog hielt seinen Mamelucken wie einen guten Hund. Er glaubte wohl auch, der Schwarzbraune verstehe von seinen Affären nicht mehr als ein Tier, und hatte nichts Heimliches vor ihm. Wo Karl Alexander war, stand, saß, lehnte, hockte, kauerte, lag in einer Ecke Otman; des Nachts sogar lag er in einem Winkel des Schlafzimmers oder vor der Tür. Er war aber ein viel besserer Kombinierer, als der Herzog ahnte, er hatte Aug und Ohr gut auf und konnte sich auch Abliegendes sehr wohl zusammenreimen. Auf seine verschlossene, lautlose Manier erschien er jetzt zuweilen bei Süß, auf seine verschlossene, stille Manier, lässig, breitete er ihm diese und jene Heimlichkeit des Fürsten hin, die der Jude nicht wissen konnte und sollte. Und dann schauten die beiden Männer sich an, die fliegenden, jetzt minder gewölbten Augen des einen gingen in die stillen, tierhaften des andern, und in beider Augen war das gleiche, wilde, zähe Hassen.


Einige stillere Tage nutzte Süß, nach Hirsau zu fahren. Das weiße Haus lag jetzt ganz schweigsam. Rabbi Gabriel sprach kein Wort; die Männer begrüßten sich, sonst sahen sie sich nicht. Endlich, nach Tagen, zwang es dem Rabbi den Mund auf: „Ich sehe unter Fleisch und Knochen dein Gesicht, Josef.“

„Bin ich anders geworden?“ fragte Süß. Und, grimmiger, setzte er hinzu: „Jetzt seh ich wohl in Wahrheit aus wie ein rechter Jud. Oder bin ich noch immer meines Vaters Sohn?“

„Leid kratzt die Tünche vom Gesicht,“ sagte Rabbi Gabriel. „Du hast ein zerlittenes Gesicht, du hast ein jüdisches Gesicht. Dein Weg ist falsch, Josef,“ sagte er nach einer Weile noch, „du wirst ihn müssen zurückgehen.“ Aber Süß schwieg und änderte keinen Zug, und man konnte nicht erkennen, ob er gehört hatte. Von dem Kind sprachen sie nicht.

Süß ging durch die feierlich fröhlichen Blumenterrassen, die das Kind geliebt hatte, er starrte auf die Bilder des Kabbalistischen Baums und des Himmlischen Menschen, mit denen sie ihre Augen erfüllt hatte, er starrte auf die Seiten mit den großen, blockigen Buchstaben des Hohen Lieds, das sie vor den anderen Büchern der Bibel geliebt hatte. Aber die süßen und lieblichen Worte läuteten ihm nicht ihr holdes Gekling, eine heiße, wilde Mahnung fauchte ihn an daraus, er konnte die Seiten nicht länger anschauen.

Unvermutet, im Wald, traf er den Kirchenratspräsidenten. Weißensee hatte sich wieder zu seinem Bibelkommentar zurückgezogen, schlurfte herum in seinen geräumigen Stuben mit den weißen Vorhängen, führte nachdenklich Konversation mit dem Magister Schober. Jetzt bat er den Süß, seine Begleitung zu erlauben. Da der Jude nicht antwortete, nahm er es für Zustimmung, schloß sich ihm an. Langsam, behutsam, wortkarg ging er mit ihm durch den sonngesprenkelten Wald, folgte ihm, da er es nicht wehrte, durch die Terrassen in das weiße Haus. Saß mit ihm, stumm, in sonderbarer Befangenheit, in dem Zimmer mit den magischen Figuren. Nach einer Weile gesellte sich auch Rabbi Gabriel zu. Da hockten die drei Männer, rundrückig, schwersinnig, müde. Sie sahen, daß sie alt waren, sie spürten, wie ihnen das Leben aus den Leibern glitt, in die Vergangenheit entrann, Augenblick um Augenblick, sie spürten es deutlich, leibhaft, mit einer wehen Wollust, wie einer, der krank vor Müdigkeit die Glieder streckt, sie spürten einer des andern Druck, und sie spürten sich einer im andern in solcher lüstigen Mattheit.

Andern Tags verabschiedete sich Rabbi Gabriel von Süß. Er war gewillt, nicht mehr in das Land zurückzukehren. Süß war weicher, gelöster als sonst. So sehr er sich gegen den Rabbi aufbäumte, so höhnisch er jene Forderung, seinen Weg zurückzugehen, als weichmütiges Gefasel abtat, er hätte ihn doch gern in seiner Nähe gewußt. Es war auf dem Antlitz des dicken, häßlichen Mannes ein Abglanz des Kindes, Naemis Träume waren hinter seiner breiten, nicht hohen, vorgebauten Stirn mit den eingezackten Furchen des Schin. Wenn er nun fort ist, wird Süß sehr allein sein. Aber dies gestand er sich nicht ein; er machte sich vor, er sei verdrossen nur deshalb, weil er jetzt keinen Zeugen mehr haben wird, wie sein Weg der rechte ist und seine meisterliche Rache das einzige Mittel, ihn wieder mit dem Kinde zu verbinden.

Er stand gespalten vor dem Kabbalisten und sehr bereit, ein milderes Wort zu geben und zu nehmen. Aber der Rabbi war mürrisch und mißlaunig wie sonst. Seine Bücher und das kabbalistische Gerät war fast alles schon weggebracht. Mit seiner knarrenden Stimme gab er dem alten Diener noch die und jene kurze Weisung. Dann, nach Osten gerichtet, nach Zion, sprach er das Gebet vor Antritt einer großen Reise, je dreimal in drei Wendungen das Bekenntnis zum Vertrauen auf die Hilfe Jahves. Richtete nochmals die trübgrauen Steinaugen auf Süß, knarrte ihm kurz und mißtönig den letzten Gruß: „Friede mit dir.“ Dann ging er, gefolgt von Jantje, der dicken, watschelnden Zofe, die er in ihre Heimat bringen wollte. Süß sah seinen breiten, gedrungenen, leicht runden Rücken in der altfränkischen Tracht zwischen den Blumenterrassen, dann im Wald verschwinden. Ganz leise hatte er gewünscht, der Rabbi möchte sich noch einmal wenden. Doch mit seinem so schwerfälligen wie steten und unbeirrbaren Schritt stapfte er geradeaus und fort.

Wenige Tage später verließen auch Süß und der alte Diener das weiße Haus. Nun lag der kleine, fremdartige Bau ganz ohne Laut in besonnter Einsamkeit. Die Räume standen schmerzhaft kahl, die weißen Fensterläden waren abweisend und gespenstisch zugenagelt, die festlich heiteren Blumen verdarben und niemand erneute sie. Geraun erhob sich um das verlassene, seltsame, hochmütige Gebäu; kindisch blutrünstige Phantastereien wurden darum gewoben, drangen bis in die Hauptstadt. Im Wirtshaus zum Blauen Bock flüsterte der Konditor Benz, die Schweinsäuglein weit und bedeutsam aufgerissen, den übergrausten Gästen das neueste Geheimnis zu: in einem Wald habe die hebräische Hexelenz eine versteckte Zauberwerkstatt. Aus dem Blut von christlichen Jungfrauen, die er unter Martern gebunden vom Dach stürze, daß sie sich unten an eisernen Blumen aufspießten, koche er einen Teufelssud, sich die Sympathie des Herzogs immer neu zu gewinnen. Satanas gehe in dem Hexenschloß ein und aus in Gestalt eines fetten Mannes mit Schwanz und Horn und Pferdefuß.

Die Zofe Jantje hatte eine Katze gehabt, ein schwarzgraues, altes, unedles Tier. Rabbi Gabriel hatte die Katze nicht leiden mögen, und Jantje wagte nicht, sie auf die weite Reise mitzunehmen. Nachdenkend, bei wem das Tier am besten gewartet sei, kam sie auf den Magister Jaakob Polykarp Schober. Der Magister war, sooft es anging, an Naemis Weg gestanden, hatte fromme, ehrerbietige Worte zu ihr gesprochen, hatte auch etliche zaghafte Versuche gemacht, sie zu seinem sauberen, tiefsinnigen Glauben zu erwecken; vor allem hatte er sie durch inbrünstige Rezitation seiner Verse zu retten versucht. Als sie aber solche Bemühungen brennend und empört zurückwies, hatte er abgelassen und sich begnügt, sein Herz in Züchten an ihrem englischen Anblick zu erfreuen. Wie sie dann so plötzlich weggerafft war, ging der pausbäckige Mann tagelang in tiefster, schmerzhaftester Beklommenheit herum, fahl, die Kinderaugen vogelhaft verstört, angefüllt von innerem Vorwurf, daß er sie nicht mit mehr Eifer aus dem falschen, giftigen Fluß ihres Lebens in das gute Meer Gott hineingesteuert habe. Er war dann am Weg gestanden, als der kleine Sarg aus dem weißen Haus getragen wurde, mit einem Kranz einfacher Blumen, und er war in der Seele betrübt, als die vier finsteren Männer, die den Sarg trugen und die ausschauten wie dunkle und falsche Propheten, seine freundwillige Gabe nicht nahmen. Verdüstert ging er nach Hause, nahm Kiel und Papier zur Hand und schrieb eine gereimte „Totenklage, auch Nänie genannt, für die abgelebte Demoiselle Naemi Süßin, Jüdin, doch ehrbar“, ein Poem, welches anhub mit den Versen: „Itzt hat der harte Tod, so vielen Uebels Quelle, / Hinabgerafft auch dich, ebräische Demoiselle.“ Dieses Poem rezitierte er dann der Zofe Jantje, wobei ihm wie ihr dicke, bittere Tränen kamen.

Dem gutmütigen, redlichen Menschen also anvertraute die Zofe ihre schwarzgraue Katze, und er empfing sie gern und mit freundlichen Vorsätzen. Bei diesem Anlaß sah Süß den Magister. Der Jude ging jetzt, wenige Tage, bevor das Haus mit den Blumenterrassen verlassen wurde, um für immer in weiße Stille und Vergessenheit zu versinken, in großer Unrast und Getriebenheit herum. Stand zwischen den Tulpen, vor der Wand, in die der Himmlische Mensch, der Kabbalistische Baum gezeichnet war. Wie er den Magister sah, winkte er ihn herrisch her, tat ihm einige rauhe und hochmütige Fragen. Jaakob Polykarp Schober, der vor jeder Freundlichkeit schüchtern und sanft war, sah in dem heftigen und finstern Gewese des Juden eine Prüfung und Versuchung, vor der er seine angeborene Feigheit sogleich in die letzten Winkel zurückschickte. Der pausbäckige Mann richtete sich also herzklopfend, schnaufend und streitbar hoch und rüstete sich, die Katze im Arm, den Satanas Finanzdirektor mit der scharfen, guten Waffe seiner Gläubigkeit zu bestehen und ihn auf den rechten Weg zu zwingen. Süß, der durch Magdalen Sibylle von dem Magister wußte, auch über seine Zusammenkünfte mit Naemi unterrichtet war, hörte ihn eine Weile schweigend an, doch nicht ironisch wie sonst wohl, sondern eher nachdenklich, so daß jener schon zu hoffen begann und seinen Eifer verstärkte, wodurch ihm, infolge der heftigeren Armbewegungen, die Katze entlief. Während er, ohne seine eifernde Rede zu unterbrechen, des Tieres wieder habhaft zu werden suchte, schien der Finanzdirektor zu einem Entschluß gekommen, er winkte unversehens, doch milde, dem Magister ab, sprach von anderem. Ohne Mühe machte er den jungen Menschen zutraulich, lockerte ihn auf. So bekam er bald etliches von den privaten Umständen und Wünschen des Magisters zu hören, auch von der unbilligerweise verweigerten Bibliothekarstelle.

Er zeigte sich zur Verwunderung Schobers durchaus nicht als der wütige Holofernes, als welcher er allenthalben verschrien war. Geduldig ließ er den weit Ausholenden zu Ende reden, bekundete Interesse für seine Verse, sicherte, nachdem Weißensee sich für die Poemata ausgesprochen habe, dem Beglückten die Drucklegung mit aller Bestimmtheit zu. Die Bibliothekarstelle, schloß er, sei zwar definitiv vergeben, aber vielleicht gebe es dafür Ausweg und Ersatz. Schon andern Tages ließ er Schober wiederkommen und schlug ihm vor, als Sekretär in seine Dienste zu treten; not sei dabei Redlichkeit und Rhetorik, was beides ja der Magister in illustrem Grade besitze. Jaakob Polykarp Schober sah sich so auf eine herrliche, gottgefügte Art in die Hauptstadt und den Dunstkreis der Schwester Magdalen Sibylle kommen, sah sich in der Stuttgarter Brüdergemeinde, bei der heiligen Beata Sturmin, dem guten, freundhaften Immanuel Rieger. Er sah die Möglichkeit, dringlich und fromm dem Juden, ja vielleicht dem verirrten Herzog zuzusprechen; er hörte alle Engel im Himmel singen und sagte strahlend ja. Suchte dann die Katze, die er gestern in seiner seligen Verblüffung vergessen hatte, und trug sorgsam das schwarzgraue, unschöne Tier auf seinem Arm nach Hause.

In Stuttgart aber, in dem prunkenden Haus in der Seestraße, war nichts von der erhofften Seligkeit, sondern nur Druck und Wirrung. Magdalen Sibylle zwar fand er frei von jeder Hoffart, und war alles böser Schwatz gewesen, womit man vermeint hatte, sie zu verleumden und zu schwärzen; aber es war auch nichts mehr da von jener heiligen und beglückenden Heimlichkeit, von jenem strahlenden Anderssein, das früher um sie gewesen war und ihn hochgetragen hatte. Sein Gefühl blühte nicht mehr in ihrer Gegenwart, es blieb kahl, dies engte ihn und verwirrte ihn. War sie doch so untadelig, bieder, brav, fromm. Daß seine Ernüchterung gerade daraus kam, gestand er sich nicht ein.

Nie geahnte Qual und Wirrung aber brachte ihm seine Tätigkeit bei Süß. Er hatte reichlich Muße; denn es waren außer ihm und Nicklas Pfäffle noch zwei Sekretäre da für die weitläufige Privatkorrespondenz des Finanzdirektors. Süß befahl ihn also nur sehr spärlich zu sich. Dann aber diktierte er ihm Schriftstücke allergefährlichsten Inhalts, so beschaffene, daß sie auch dem Arglosesten die ganzen schwarzen Pläne zum Verderb evangelischer und parlamentarischer Freiheit nackt dartun mußten. Akten, von denen jede Zeile den Herzog und den Finanzdirektor schwer kompromittierten, Dokumente, die dem Magister die heimlichsten, wichtigsten, schlüsselhaftesten Details des katholischen Projekts in die Hand gaben.

Taumelig drehte und wirbelte es dem unseligen Jaakob Polykarp Schober das ganze Innere. Süß diktierte seine schwarzen, ruchlosen Heimlichkeiten mit glatter, unbewegter Stirn und Stimme; er mußte unbegrenztes Vertrauen in seinen Sekretär setzen. Schober war bei ihm in Amt und Pflicht. Sollte er nun hingehen, wortbrüchig sein, seine Wissenschaft verraten, das Vertrauen des Juden kalt beschwindeln? Es war freilich nur ein Jud: aber hatte dann nicht jeder Lump und Hundsfott ein Recht, ihn, den Schober, einen Schurken und zweizüngigen Schuft zu nennen? Wenn er aber hinwiederum schweigend zusah, wie der Glaube und die Freiheit seines Landes arglistig und schmählich zu Tode gedrosselt und viele hunderttausend evangelische Seelen in den Pfuhl und letzten Höllenschlund gestürzt wurden, war er dann nicht noch mehr ein Schelm und Verdammter?

Gezwickt und zerfetzt von allen Hunden des Zweifels war der Magister. Wie erwählt war er sich in Hirsau vorgekommen, als er die dünne Hoffnung hatte, von Gott an den Hebel großen Schicksals und Erlösung gestellt zu werden. Und nun ging sein vermessener, überheblicher Wunsch auf so grausame, zwielichtige Art in Erfüllung, daß er die Hunderttausende der schwäbischen evangelischen Brüder nur durch Preisgabe der eigenen Seele retten konnte. Qualvoll stand er und zitternd wie ein geschorener Hund. Er fiel vom Fett; jähe Hitzen überflogen ihn des Tags, wechselnd mit kaltem Schweiß, des Nachts trieb es ihn schlaflos hoch, daß er aufstand, über die alte, häßliche Katze stolpernd, stöhnend auf und ab lief.

Er ging zur Beata Sturmin, bat sie zu däumeln. Die blinde Heilige schlug auf: „Und die Kinder Israels brachen auf von Rithma und lagerten in Rimon Perez.“ Der Magister dachte lang und scharf nach, was darunter verstanden sei, und erkannte: Rithma war das, was er lassen, Rimon Perez das, was er tun sollte. Aber er brachte nicht heraus, war Rithma der Treubruch gegen den Juden und Rimon Perez die Erlösung der evangelischen Brüder, oder umgekehrt. Und er lebte weiter in Schweiß und Zweifel und arger Not und wog Tag und Nacht das Seelenheil des ganzen Landes in seinen dicken, unwissenden, unentschlossenen Händen.


Kurz und seine Unzufriedenheit kaum verbergend entließ Karl Alexander die Herren, denen er die Leitung des katholischen Projekts anvertraut hatte, aus der geheimen Sitzung. Den Juden hielt er mit ungeduldigem Wink zurück. „Er hat gar nichts gesagt, Jud!“ herrschte er den höflich Abwartenden an.

„Es war nicht wert, daß man antwortete,“ erwiderte Süß und wischte mit einer leichten Schulterbewegung glatt weg, was in der Sitzung geredet war.

Karl Alexander schnaubte leise, hieb mit den Fingerknöcheln die Tischplatte. Gift und Opperment! Es war eine Schweinerei, daß der Jud recht hatte.

Der nahm ihm, schon wieder, die Gedanken aus dem Hirn, formulierte sie. „Die Herren tifteln herum,“ sagte er mit seiner geschmeidigen, höhnischen Stimme. „Messen das Detail, den Spinnwebfaden, haben keinen Blick fürs Ganze. Was wissen denn die!“ Und sein Ton verwies sie in die unterste Region der Dummheit und Unfähigkeit. „Als ob es darauf ankäme, mit fadenscheinigen Advokatenkniffen den Reversalien da ein Komma wegzupraktizieren und dort einen I-Punkt. Was für armselige, schäbige Krämermethoden! Ein Reskript, ein einziges, genügt: Wir, Karl Alexander, Herzog von Württemberg und Teck, nehmen die Rechte, die Uns Gott gegeben und die man Uns gaunerisch, tückisch, rebellantisch abgezwackt hat, wieder an Uns. Wir sind von heut an in Wahrheit der Herr des Landes. Wir sind Württemberg! Aber davor zucken die Herren feig und lahmarschig zurück. Das verstehen sie nicht, da schütteln sie die Köpfe und haben Bedenken und Zungenschnalz und Oh und Ach und Aber. Der Gedanke ist ihnen zu einfach, zu groß, zu fürstlich, zu königlich.“

Karl Alexander bei allem dumpfen Zorn, den er gegen den Juden nährte, spürte wieder, daß nur der ihn verstand, daß nur der wußte, worauf es ankam. Mit einer widerwilligen, ingrimmigen Bewunderung sagte er sich, daß er nur durch ihn, mit ihm das katholische Projekt wird zu Ende führen können. Was Süß in seine kräftigen, unheimlich gewandten Hände nahm, das knetete er wie durch Zauber rund und fügsam. Vor seinem fanatisch schwelenden Feuer ward all die brave und gewissenhafte Mühe lächerlich, mit der die anderen zappelnd und qualvoll halbe Erfolge zettelten. Was überhaupt wußten denn die anderen? Für sie war das katholische Projekt ein Geschäft, eine Aufgabe, eine lebenswichtige Aufgabe vielleicht. Aber daß es doch in Wahrheit viel mehr war, daß dieser Staatsstreich sein, Karl Alexanders, Leben und Sinn selber war, das wußten doch, spürten doch nur er und der Jude.

Denn so hatte sich ihm langsam das Projekt umgebildet, so hatte es unter dem knetenden, hetzenden Auftrieb des Süß sich ihm ins Blut gebrannt. Erst war es ihm Politik gewesen, Mittel zur Macht, Dekoration, nichts weiter; dann war es Mystik geworden, ersehnte Lösung aus einer Bindung, Religion. Jetzt hatte es sich verwandelt in sein Leben und Blut selber. Er wird jetzt, das ist der Sinn und Krone des Planes, das Land selber werden. Nicht ein Diener oder Fürst des Landes, nicht ein Gesetzgeber oder Feldherr, dies alles ist armseliges Gestümper und Unsinn. Er wird das Land ganz in sich hineinschlingen, wird so in das Land hineinschlüpfen, daß er das Land selber ist. Das Land kann nur atmen, wenn er atmet, schreiten, wenn er schreitet, wenn er stille steht, steht es still. Leibhaft geradezu, körperhaft ward ihm diese Vorstellung. Stuttgart ist sein Herz, der Neckar seine große Schlagader, das schwäbische Gebirg ist seine Brust, der schwäbische Wald sein Haar. Er ist Württemberg, leibhaft, Württemberg nichts als er.

So Großes, süß und bluthaft schwellend Lebendiges konnte nicht mit kleinen, kniffligen Advokatenmitteln ertiftelt werden. Hatte er das gedacht? Hatte der Jude es gesprochen? Jedenfalls fuhr der jetzt fort: „Geniehaft und in Einem muß es gepackt sein. Auf solche Art muß es geschehen, daß das Land eines Morgens aufwacht und einfach in dem Herzog steckt, in seinem gottgewollten Fürsten, nichts ist als des Fürsten Haut und Fleisch und Blut. Nicht kleiner Kampf und Scharmützel und albernes, leidiges Hin und Her zuvor. Nein, selbstverständlich, naturhaft muß es geschehen, wie eine Knospe aufspringt, wenn sie soweit ist.“

Ja, ja, ja! Recht hat der Jud. Unmöglich ist es und unvorstellbar, daß man darum soll streiten und disputieren. Denn dann wäre er ein Hanswurst und alberner Fant und sein Leben Narretei und Gestümper und ein ausgeblasenes Ei. Aber das begriffen sie nicht, die Remchingen und Fichtel und Pancorbo. Sie waren treue Diener, gute Offiziers und gewitzte Diplomaten: doch das Genie, das Lebendige, um so etwas Wundervolles in seiner ganzen heiligen Selbstverständlichkeit zu fassen, das hatten sie nicht. Das hatte – es war verteufelt, es machte einem das Hirn sieden, aber es war nun einmal so – das hatte nur der Jude.

Es wurde nichts Wort von alledem zwischen dem Herzog und Süß. Aber es wellte vom einen zum andern, pulste ungesagt herüber, hinüber. So war es immer gewesen in diesen letzten Wochen. Es war Ein Leben in ihnen, der Jude antwortete wortlos durch die Tat auf wortloses Fragen, Heischen Karl Alexanders, es war, als atmete er die Luft aus, die jener einzog; sie waren Teile Eines Körpers, unlöslich verknüpft.

Immer wilder hatte der Jude die finstere, brünstige Sehnsucht des Fürsten geschürt nach dem Tag, da das Land sich in ihn wandeln solle und nichts mehr sein außer ihm, ihn hineingehetzt in seine Gottähnlichkeit, in seine cäsarisch hemmungslosen Träume, ihm sein ganzes schwelendes, fanatisches Feuer ins Blut gebrannt. Der vergiftete Fürst suchte gierig Bestätigung, neuen, wilderen Antrieb in dem heimlich einverständnisvollen Blick des Juden. Manchmal freilich, auf Augenblicke, tauchte er auf aus seinem Fieber, überlegte dann, wohinaus diese seltsame, hexerische Kumpanei führen solle. Es war unausdenkbar grauenhaft, auf Lebenszeit solchen unheimlichen Mitwisser seines Blutes und seiner vergrabensten Heimlichkeit zu haben. Man wußte selber kaum, was alles Trübes, Giftiges man zu unterst im Herzen trug, man stieß es hinunter, wenn es zutage drängte, gestand es sich selber nicht ein. Ein anderer gar, in den soviel von dem eigenen Dunkeln hinübergewachsen ist, es war nicht zu denken, daß so jemand am Tag ist, am Licht ist, lebt. Jetzt braucht er ihn, das Projekt kann nicht gewirkt werden ohne ihn; nur die heutige Sitzung wieder hat es erwiesen. Aber ist es erst gewirkt, dann wird er ihn stumm machen, vergraben wird er ihn in den tiefsten Kasematten irgendeiner Festung, wie man das Wilde, Verderbliche, Ur-Böse des eigenen Herzens nicht ans Licht läßt.

Er sah hinüber zu dem Juden, mißtrauisch, haßerfüllt. Wußte der nicht schon wieder um diese seine Gedanken? „Setz Er also das Reskript auf, wie Er es für gut hält!“ herrschte er ihn an. Süß neigte sich höflich, beflissen vor dem Atmenden, Erhitzten. Aber in seinen Augen wölkte dunkle, höhnische, wölfische, triumphsichere Erwartung.


Das Land wälzte sich stöhnend, in kaum mehr erträglicher Spannung und Beklommenheit. Es war klar, daß die Katholischen mit ihren Vorbereitungen fast am Ende waren und in allernächster Zeit schon losschlagen würden. Ueberall häufte sich Bedrohliches, das keine bloßen Vermutungen mehr erlaubte, sondern auch dem Sorglosen Gewißheit aufzwang. In der Nähe der Grenzen wurde allerorts fremdes Militär zusammengezogen, bayrisches, würzburgisches. Der Elfer-Ausschuß hatte sichere Nachricht, daß dem Herzog neunzehntausend Mann Hilfsvölker allein von Würzburg zugesagt waren; ihre Vorhut stand bereits in Mergentheim, dem Sitz des Deutschmeisterordens, wartete dort auf Befehl zum Vormarsch. Auch im Land selbst mehrten sich Soldaten, die fremde Dialekte sprachen, bayrische, fränkische. Sie marschierten des Nachts in kleinen Trupps. Die herzoglichen Schlösser und Forts barsten von Truppen. Alle Festungen, Asperg, Neuffen, Urach, Hohentwiel, das starke Schloß Tübingen waren mit den Künsten modernster Strategie instand gesetzt worden; der schlechte Weg auf den Asperg mußte in Tag-und Nachtschichten in der Fron ausgebessert werden. Ein glänzend organisierter Nachrichtendienst durch besondere Kuriere, die Vogtläufer, besorgte die Verbindung zwischen den einzelnen Festungen. Die Pulvermühlen des Landes, vor allem die ausgedehnte Fabrik des Hans Semminger, arbeiteten Tag und Nacht, Schieß- und Zündkraut herzustellen. In endlosen Transporten wurden Kanonen und Munition herbeigeschafft; das Volk, wenn es die geheimnisvollen Wagen sah, behauptete, sie enthielten lauter Rosenkränze für die vorhabende Bekehrung; aber sie bargen andere Kugeln.

Einer jener Vogtläufer, ein gewisser Bilhuber, geriet in der Nähe von Nürtingen ins Geräufe mit Johannes Kraus, dem Sohn des Stuttgarter Stadtmetzgers. Dabei nahm der Bürgerssohn dem Kurier seine Depeschen ab, Schriftstücke, die vom Eintreffen fremder Hilfsvölker handelten und die staatsverräterischen Pläne der Katholischen ins hellste Licht rückten. Der Herzog wollte den Kraus verhaften lassen. Doch der hatte sich schon nach der freien Reichsstadt Reutlingen und ein paar Tage später nach der Reichsstadt Eßlingen geflüchtet, wo sich eine größere Kolonie verfolgter verfassungstreuer Emigranten aus herzoglichem Gebiet gesammelt hatte.

Kraus hatte die kompromittierenden Depeschen dem Bürgermeister von Stuttgart übergeben, der parlamentarische Ausschuß ließ sie vervielfältigen, verbreitete sie im Volk. Dieser Beweis der unmittelbaren Bedrohung des Glaubens stieß auch die Ruhigsten aus ihrem Frieden. Ueberall bildeten sich Konventikel und Geheimbünde zur Erhaltung der Religion, Bürger und Bauer versahen sich insgeheim mit Waffen, die beherzte Zunft der Schuhmacher und Küfer in der Hauptstadt entlehnte sich von den Zunftgenossen der Freistadt Eßlingen Schrot-und Standbüchsen; aus dem Stuttgarter Zeughaus sogar verschwanden mehrmals Waffen in größeren Stapeln auf rätselhafte Art, die friedfertigsten Kleinbürger aber wiesen plötzlich schmunzelnd und mit ängstlichem Stolz ihren Freunden versteckte Gewehre. So hochauf gor es, daß der Herzog seine persönlichen Garden verstärken, den Erbprinzen außer Landes zu seinem Großvater, dem Fürsten von Thurn und Taxis, in die kaiserlichen Niederlande schaffen lassen mußte. Selbstverständlich erwog Karl Alexander unter solchen Umständen eine gewaltsame, methodische Entwaffnung des ganzen Landes; er bereitete ein Edikt vor, das unter dem Vorwand des zunehmenden Wilderns eine solche Entwaffnung anordnete. Aber das Waffentragen gehörte zu den bürgerlichen Grundrechten, war in der Verfassung festgelegt; wollte man Bürgerkrieg vermeiden, so mußte man mit der Veröffentlichung des Edikts bis zur Durchführung des Staatsstreichs warten.

Doch konnte der Herzog wenigstens bei der berittenen Stuttgarter Bürgergarde die Einstellung der Waffenübungen erzwingen. Kommandant dieser stärksten Miliz-Gruppe des Herzogtums war der Major von Röder, jener Offizier aus dem intimsten Freundeskreis Karl Alexanders. Er war guter Protestant und gleichzeitig Remchingens bester Adjutant bei der militärischen Organisation des katholischen Projekts. Der dumpfe, enge Mann fand den geplanten Staatsstreich durchaus in der Ordnung, verstand nicht die Aufregung ringsum, sah überall nur Verhetzung und bösen Willen. Wenn der Herzog mehr Raum für die Katholiken haben wollte, warum denn nicht? Das Land war groß, Platz für Kirchen war da. Verfassung? Parlament? Freiheit? Unsinn. Wichtigmacherei, aufmuckende Pöbelfaulheit, die mehr fressen und weniger arbeiten wollte. Was schrien denn die Burschen? Er war doch, Kreuztürken! ein guter Protestant, und hatte ihn doch noch nie jemand im geringsten gehindert. Konnte jedermann in die Kirche gehen, wann und wie es ihm beliebte, und die Herren Ueberschläge – so nannte er die Prälaten und Prediger – nahmen, weiß Gott, das Maul voll genug, ohne daß sie der Herzog und sein Kabinett genierten und schikanierten. Die Welt war so einfach. Man mußte nur ein bißchen guten Willen haben, treu sein, brav sein und vor allem seinem gottgewollten Fürsten gehorsamen. Merkwürdig war, daß Herr von Röder trotz solcher Anschauungen, seiner intimen Freundschaft mit dem Herzog, der führenden Stellung im katholischen Projekt beim Volk zunehmend beliebt war. Seine plumpen, banalen Scherze wurden weitererzählt, Anekdoten herumgetragen und beifällig belacht, die von einer gewissen grobianischen Leutseligkeit zeugten. Jedenfalls hatte, wie es zuweilen kommt, das Volk ohne ersichtlichen Grund auf den massigen Mann mit der niederen Stirn, dem harten Mund, den unförmigen, immer behandschuhten Händen, der brutal rissigen Stimme seine ganzen Sympathien geworfen; er war fraglos der populärste Militär in Stuttgart. Seiner Beliebtheit war es zu danken, daß die Einstellung der Waffenübungen des Stadtreiterkorps nicht zu Tumulten führte.

Unterdes lag jeder Winkel der Stadt in dumpfer Spannung. Die oberste Kirchenbehörde ordnete eine allgemeine Buß- und Betwoche an. Viele machten ihr Testament. Am Sonntag Judica drängten sich solche Massen zum Genuß des Abendmahls, daß die Kirchen lang in die Nacht hinein erleuchtet bleiben mußten. Das Parlament organisierte einen sorgfältigen Nachrichtendienst, schickte Fronreitende durch das Land nach allen Richtungen, auf Kundschaft, ob fremdes Kriegsvolk im Anzug sei. Erhielt auch bald aus Wimpfen Meldung, der bischöfliche Vortrab in Mergentheim habe das Komtureigebiet verlassen in der Richtung Ellwangen, das gleiche besagten Depeschen aus dem Hohenlohischen.

An jenem Sonntag Judica hatte der Stadtdekan Johann Konrad Rieger so wuchtig gepredigt wie noch nie. Prophetenhaft hatte er von dem Greuel gesprochen derer, so die heiligen Tafeln des evangelischen Glaubens und christlicher Freiheit zerbrechen, er hatte allen eindringlich und bedeutend die ungeheure Verantwortung vor Augen gestellt, die diejenigen, so solches unternahmen, vor Gott und Welt und Römischem Reich auf sich luden. Hatte dann rollend und mannhaft gewarnt, auch in der Hand des Schwächeren werde die ärmste Waffe stark und furchtbar, wenn Gott sie führe. Zum Ende aber hatte er, allen Samt seines glatten, dunklen, langhinhallenden Organs vor die andächtige Gemeinde breitend, zur Buße und Einkehr gemahnt mit großen, starken Worten, daß in der weiten Stiftskirche ein Schluchzen war und mächtige Ergriffenheit.

In der ganzen Stadt sprach man von dieser Predigt. Grimmig fiel solcher Triumph des Nebenbuhlers den Regierungsrat Johann Jaakob Moser an, und in einer Nacht ohne Schlaf beschloß der Publizist, nun seinerseits zum Volk zu sprechen. Aber er wird es sich nicht so leicht und billig machen wie der Prediger, wird nicht die Weihe des Hauses als wohlfeile Folie verwenden wie jener; nein, auf offenem, freiem Platz wird er zu den Bürgern sprechen, die Schergen des Herzogs nicht scheuend. Hin und her ging er in seiner Studierstube, konzipierend, mit heftigen, großen Gesten, rundete die herzaufwühlenden Worte, dünkte sich ein Gracchus, ein Harmodius oder Aristogiton, ein Marcus Junius Brutus, warf mit statuarischer Bewegung die Falten einer imaginären Toga.

Er erhitzte sich mehr und mehr, Blut drang ihm zu Kopf, Schweiß brach aus. Er führte solche Hitze zurück auf schlechte Verdauung; vielleicht hatte er des Mittags zuviel Heidelbeerwein getrunken, so daß der an sich träge Darm jetzt den Dienst ganz versagte. Er sprach seiner Frau von seinen Beschwerden, denn er hielt besorgt auf Hygiene, und die ängstliche Frau richtete ihm einen Trank Glaubersalzes zurecht. Er nahm dann wieder die Beschäftigung mit seiner vorhabenden Rede auf, und im Verein mit der damit verbundenen heftigen Bewegung tat denn auch die Medizin die gewünschte Wirkung.

Andern Tages sammelte er dunkel und bedeutend eine Menge Volkes um sich. Rottierer und Demonstrierer mußten öfters auseinandergesprengt werden in diesen letzten Tagen; es zeigten sich sogleich und drohend herzogliche Wachoffiziere, Büttel, Landhusaren. Der Publizist fühlte sich schon gröblich gepackt, in die ewige Nacht der Kasematten geschleppt. Aber er holte all seinen Mut zusammen und setzte mit krampfhafter Todesverachtung zu reden an, als es ihm im Leib öde wurde, kneipte und stach. Sei es durch die Nachwirkung der Medizin vom Vorabend, sei es, daß durch die gewaltsam erkämpfte Tapferkeit seine Natur eben doch durchbrach: er mußte vom Platz weichen, unter den höhnischen Augen der Herzoglichen und ohne den Ruhm des Konkurrenten. Andern Tages, in dem amaranthfarbenen Kabinett Marie Augustens, hielt er dann die Rede, um soviel Feuer nicht ganz unnütz gesammelt zu haben, vor ihr und Magdalen Sibylle. Die saß schlicht, friedsam und etwas behäbig, Marie Auguste aber, weiß und hauchig im Negligé, blätterte im Mercure galant, hetzte manchmal heimlich, spitzbübisch lächelnd, ihr winziges Chineserhündchen gegen die Beine des Redners; doch der, ein wenig schwitzend zwar, ließ sich nicht aus dem Konzept bringen.

In ihrer Not und Bedrängnis beschloß die Bürgerschaft, nochmals eine Deputation zum Herzog zu schicken, ernst, doch mit Untertanendemut, ihm Vorstellungen zu machen. Um Karl Alexander nicht zu reizen, sandte man keine Mitglieder des Elfer-Ausschusses, deren bloßer Anblick schon ihn rasen machte, sondern drei stille, würdige Bürger, gesetzt von Ansehen und Gemüt. Sie fuhren nach Ludwigsburg, wo der Herzog seine Rüstungen betrieb. Bevor sie ins Schloß aufbrachen, nahmen sie Imbiß und ein Glas Wein im Gasthof. Der eine sagte: „Das ist eine kleine Stärkung vor einem so schweren Gang.“ „Wenn des Herzogs Gemüt so trüb ist wie heute der Tag,“ sagte der zweite, „dann scheint uns keine Sonne.“ „Sei alles Gott befohlen!“ sagte der dritte.

Vor der Türe des Saals, in dem Karl Alexander sie empfing, hockte Otman, der Schwarzbraune. Er hörte dumpf die wutschnaubende, heisere Stimme des Fürsten: „Ketzer, Mörder, Hochverräter!“ Fußgestampf dann, nach und nach endigend. Nach wenigen Minuten schon sah er die Männer zurückkehren, zweie erst, sehr bald auch den dritten. Er sah sehr wohl, wie verschreckt und verstört sie waren, er sah ihnen nach mit seinen großen, bräunlichen Tieraugen, und er lächelte tief und leise. Hastig stiegen die Männer die Treppe hinab, sprangen in die wartende Kutsche, nahmen sich nicht die Zeit, ein herausgefallenes Barett aufzuheben. Sie saßen schweigsam während der Fahrt, nur der Aelteste, einmal, betete laut und aus großer Bedrängnis: „Herr Zebaoth, aus der Tiefe schreien wir zu dir, laß uns Hilfe kommen aus deinen Bergen.“ In Stuttgart warteten viele auf die Rückkehr der Deputierten. Als sie die Gesichter sahen, zerstreuten sie sich kopfhängend und mit gepreßter Brust.

Sehr anders als das herzogliche Gebiet protestierten die freien Städte gegen die Umtriebe der Katholischen. Besonders in Eßlingen wurde Karl Alexander jetzt Tag für Tag öffentlich beschimpft und verhöhnt. Hier war eine größere Kolonie von Emigranten aus dem Herzoglichen, von Unterdrückten, widerrechtlich Beraubten, Vertriebenen. Johannes Kraus hatte sich hergeflüchtet, der junge Michael Koppenhöfer saß hier, der uralte Christoph Adam Schertlin, den nur mehr der Haß aufrechthielt. Der fressende, Eingeweide aufwühlende Hohn dieser aller, ihre giftigen, glühenden, schwelenden Reden. Aengstlich in ihre Häuser verschlossen sich die paar Anhänger des Herzogs; etwelche Katholiken auf der Durchreise wurden verprügelt. Den Expeditionsrat Fischer, früher Kammerfiskal, Vater der Sophie Fischerin, der abgedankten Mätresse des Süß, der in Geschäften in der Stadt war, wollten Eßlinger Bürgersöhne, nachdem sie ihm in seinem Gasthof eine Katzenmusik gebracht hatten, lynchen; nur mit Mühe konnte die Stadtwache den aus dem Bett Geschreckten, notdürftig Bekleideten schützen, in aller Hast brachte sie den fetten, schlotternden Mann aus dem Bannkreis der Stadt.

Zum Skandal und offenen Konflikt mit dem Herzog kam es am Sonntag der Buß- und Betwoche. In der Nacht vorher hatten, von der sich blind stellenden Stadtpolizei unbehelligt, junge Burschen zwei Strohpuppen, als der Herzog und sein Jud gekennzeichnet, an den Schandpfahl gebunden, diffamierende, unflätige Inschriften dazugeschrieben. Den ganzen Sonntag beschaute sich lachend, gröhlend, hänselnd, schreiend, pfeifend, mit schenkelschlagendem Behagen vom Greis bis zum Hosenmatz die ganze Stadt das Schandwerk. Gegen Abend dann wurde ein Scheiterhaufen errichtet, die Puppen feierlich darauf gefesselt, ein paar jener Bilder, auf denen der Herzog mit seinen siebenhundert Axtmännern Belgrad stürmt, mit Kot beschmiert, um die Puppen gereiht, das Ganze schließlich mit parodistischem Zeremoniell angezündet. Loh brannten die Puppen, gellend kreischte das entzückte Volk, drehte sich, puffte sich, krümmte sich in jaulendem, japsendem Vergnügen.

In der Menge stand der junge Michael Koppenhöfer, die starkblauen Augen in dem bräunlichen Gesicht brannten Begeisterung, tief atmete er: Oh, daß alle Tyrannen so endeten! In der Menge stand der alte Christoph Adam Schertlin, dunkel rasselte es aus seinem dürren Hals, sein Rohrstock stieß gegen den Boden, rhythmisch wie im Tanz, sein mumienbraunes, zerbröckelndes Gesicht war wild übersonnt vom Haß. In der Menge stand, schön und fremd, die Frau des Johann Ulrich Schertlin, die Französin, die Waldenserin. Sie war ärmlich gekleidet, ihr Mann war nun ganz verkommen, versoffen und ausgehaust, aber sie trug den Kopf mit dem kurzen, roten Mund so hoch wie immer. Aus den länglichen Augen warf sie hochmütige Blicke auf das gelle, kreischende Volk, das die Puppen verbrannte und den Rücken krumm machte vor dem Urbild; ihre Nachbarin richtete das Wort an sie; sie schaute fremd, verächtlich an ihr hinunter, sagte nichts, verließ langsam den Platz, mit gefeilten, kostbaren, hoffärtigen Schritten.


In der großen, nüchternen, kahlen Stube der Beata Sturmin saßen um die blinde Heilige Magdalen Sibylle, Johann Konrad Rieger, der Prediger, sein Bruder Immanuel, der Expeditionsrat, der Magister Schober. Magdalen Sibylle trug ein hechtgraues Kleid, sehr kostbar von Stoff und sehr schlicht von Ausführung und Schnitt. Sie war behäbiger geworden, die starkblauen Augen stumpfer, die bräunlichen Wangen schlaffer, alle Glieder träger. Leicht fett und zufrieden fast saß sie, eine Bürgersfrau, und hörte aufmerksam dem Stiftsdekan zu, der von seiner Predigt erzählte, von ihrer starken, gottgefälligen Wirkung, und Partien daraus wiederholte, jetzt noch hallender, geübter.

Bescheiden in seiner Ecke saß Jaakob Polykarp Schober. Der arme, gehetzte Mensch, leidend an seiner zwielichtigen Stellung bei Süß, an dem Hin und Her seines Gewissens, wollte hier ein wenig Ruhe finden vor der Unrast der eigenen Brust. Er hatte ein Gedicht gemacht, in dem er sich mit dem toten Gemahl Johannas der Wahnsinnigen verglich. Den schleppte die Fürstin im Sarg durch alles Land, an Stelle des Herzens hatte sie eine tickende Uhr setzen lassen, das Leben vorzutäuschen. So tickte ihm immerfort das Gewissen; nur hier bei den stillen, frommen Brüdern und Schwestern fand er ein wenig Ruhe. Er schaute aus seiner Ecke auf den Prediger, der auf und ab schritt, deklamierend, ausgefüllt, er schaute von ihm auf die blinde Heilige, die sanft, grau, farblos hockte und hörte, er schaute von ihr auf den Expeditionsrat Immanuel, der ehrfurchtsvoll an den Lippen seines großen und bedeutenden Bruders hing. Er sah aber auch aus seiner Ecke, wie bei aller Verehrung das Aug des hageren, bescheidenen, trotz des auffallenden Schnurrbarts unscheinbaren Mannes langsam von dem Bruder abließ, hinüber zu Magdalen Sibylle glitt, tierhaft ergeben auf ihr verweilte, die behäbig, fast matronenhaft dasaß, die großen, etwas fetten und doch kindlichen Hände lässig in dem mächtigen Schoß des weiten, hechtsilbernen Kleides. Er sah diesen demütig begehrenden Blick, er deutete diesen Blick, und langsam sah er einen Weg, seine Gewissensqual durch eine schwere, gottgefällige Tat ein weniges sanfter zu machen. Hatte er nicht durch seine ehrbare und submisse Verehrung der Demoiselle während der langen Hirsauer Jahre ein sicheres Anrecht auf sie? Aber er wird sich bescheiden, er wird, so schwer ihm das fällt, seinen Wünschen keine Statt mehr geben, er wird resignieren und dem Herrn und Bruder Immanuel Rieger den Weg ganz und gar frei lassen.

Unterdes hatte der Stiftsdekan seine Predigt und Erzählung geendet und nun ereignete sich etwas Seltsames. Magdalen Sibylle sagte nämlich, und dies mit großer Selbstverständlichkeit, ohne Hemmung und Ziererei, sie habe, angeregt durch das Exempel des lieben Bruders Jaakob Polykarp Schober, auch ihrerseits Verse gemacht. Und jetzt werde sie den Brüdern und der frommen Schwester ihre Carmina vorlesen. Was sie dann las, waren unbeschwingte, triste, banale, kahl und schal moralisierende Reimereien. Die Hörer aber merkten nichts von der Oede dieser Poemata, sie ließen sich schlicht und ehrlich packen, und dem Expeditionsrat Immanuel Rieger liefen vor Weichmut und Verehrung die Tränen über den Schnurrbart.

Als sie dann gingen, schloß sich der Magister dem Expeditionsrat an. Der schwärmte in seiner nüchternen, hilflosen Art von Magdalen Sibylle. Da raffte sich Schober zusammen, schluckte und teilte, sehr gerührt, dem andern Entschluß und Verzicht mit. Die blassen Augen des Expeditionsrats feuchteten sich, mit seiner dünnen, von Bewegtheit fast gelähmten Stimme fragte er den Freund, ob er denn glaube, daß da irgendeine Möglichkeit sei; wenn er die Augen zu ihr aufhebt, wird sich diese große, erhabene, illustre Frau nicht erstaunt und mit befremdeter Mißbilligung von soviel Vermessenheit abwenden? Aber Schober glaubte ihn trösten zu dürfen, und er war beglückt.

Magdalen Sibylle hörte seinen gestotterten Antrag ernst, doch nicht mißwollend an. Sie erbat sich Bedenkzeit, setzte sich dann hin, um in Versen zu antworten. So am Schreibtisch zu sitzen, wartend auf Reim und Rhythmus, das waren jetzt ihre besten Stunden. Das trug, das hob, das fügte sich. Irgendwo, verschwommen, dachte sie: Im Anfang war das Wort; das Wort ist Gott. Wie hold, sich vom fließenden Wort tragen zu lassen, auf Reim und Gleichmaß schwimmend in endloses Geträume, in Gott zu tauchen. Die Welt war ohne Ordnung, ohne Maß und Fug, war wild, dumm, sinnlos, schmutzig. Hier war Sinn und Fug und Reinheit, hier glitt man sänftlich weg über alles Aufwühlende, über Schlamm und bedrohliche Tiefe, plätschernd, leicht träumend. Die Hitze, die einem früher das Blut vergiftete, verdampfte harmlos-lau und behaglich in dem glatten, schaukelnden Auf und Nieder. Die Gipfel und die Schlünde der Welt ebneten sich, verebbten in platten, sehr korrekten Alexandrinern.

So saß sie auch heute, dem Immanuel Rieger antwortend. Ihre Gedanken und lässigen Triebe glitten sanft hoch und nieder, rundeten sich schließlich in einem vielwortigen, umständlichen, schlechten, ernsthaften Poem zu einem erst zögernden, dann immer festeren Ja. Die Reime häuften lang und ausführlich alle Argumente für und wider, ergingen sich über Freiheit und Verantwortung, priesen Gesetz, Ordnung, Stille, gefestigte Begrenzung.

Es kam freilich, während sie diese klugen, gelassen biederen Betrachtungen niederschrieb, ein Augenblick, in dem ihr plötzlich Reim und Rhythmus aussetzten. In einer unendlichen, tristen Müdigkeit lösten sich ihr die Glieder, sie sah gewölbte, fliegende Augen heiß auf sich, spürte sich von einer dringlichen, eingängigen Stimme schmeichlerisch überrieselt wie von wohlig lauem Wasser, und auf Sekunden erkannte sie, was für ärmlich kahler Ersatz ihre alberne Poetenspielerei war. Aber rasch schob sie als üble Anfechtung solche Erkenntnis beiseit, und mit sich finsternder Entschlossenheit, mit fast fanatischer Andacht zur Nüchternheit schrieb sie die Verse zu Ende.

Solche Mariage der Demoiselle Weißenseein, trotzdem natürlich ihre Verbürgerlichung aufgefallen war, überraschte immerhin. Der Herzog ärgerte sich, daß nun ein so alberner kleiner Pedant und Subalterner für alle Zeit offiziell an seinem Nachtisch sitzen sollte. Filzig indes war er nie gewesen, und er schenkte ihr zum Verlöbnis die Herrschaft Würtingheim, berühmt wegen ihrer herrlichen Obstkulturen. Sogar Süß schrak auf aus seinem immer ums gleiche schwelenden Gebrodel. So war die Welt; albern, klein, kahl, säuerlich, erbärmlich erwies sich im Kern alles, was zuerst und von außen so kraftvoll und süß geschimmert hatte. War übrigens nicht auch diese von Karl Alexander in Schlamm und Alltagsniedrigkeit getreten worden? Sieh da! das war zwar nicht die Absicht, aber er wird am Ende wirklich noch die Erde von einem üblen und gefährlichen Tier befreien, wenn er nur seinem privaten Trieb und Gesetz folgt. Mit keinem leisesten Gedanken kam ihn an, daß ihn an Magdalen Sibyllens Versinken Schuld treffen könnte. Die Stute Assjadah satteln ließ er, herrlich und in großem Glanz ritt er nach dem Schlößchen Magdalen Sibyllens, eine dunkle, wilde Großheit ging aus von dem Mann, der bitter und zerklüftet noch ein letztes Mal alle seine Galanterie vor der Frau spielen ließ. Magdalen Sibylle tauchte langsam nur und erst nach Tagen aus der tiefen Verwirrung dieses Gratulationsbesuchs.

Zu Weißensee sagte die Herzogin, hurtig und leicht spöttisch kamen die Worte aus dem kleinen, roten, geschwellten Mund: „Sie scheinen nicht zufrieden, liebe Exzellenz, mit der Wahl Magdalen Sibyllens?“ Und, ihm plötzlich das ziervolle, eidechsenhafte Gesicht zuwendend, das unter dem strahlend schwarzen Haar in der Farbe alten, edlen Marmors matt leuchtete, lächelte sie spitzbübisch: „Hätte sie etwa gar sollen unsern Hofjuden heiraten?“

„Ja, Durchlaucht,“ sagte Weißensee. „Hundertmal lieber.“ Und es klang aus dem Mund des feinen, liebenswürdigen Herrn so bitter und grimmig und wie ein Aufschrei, daß die Herzogin neugierig und ein wenig betreten aufsah und nach einem kleinen Schweigen von anderem sprach.


In der Antichambre schloß der Kammerdiener Neuffer die Tür hinter dem ins Kabinett des Herzogs tretenden Süß. Sogleich dann im Rücken des Finanzdirektors, erschreckend und ihn fast unkenntlich machend, verwandelte sich die Steifheit und Gravität seines Lakaiengesichtes in brutale, klobige, ohnmächtige Wut. Der Jud! Immer der Jud! Wohl hatte der Herzog einmal, als der Neuffer ihn auskleidete, in einem Anfall sinnlosen Zornes geschäumt, auf die Festung setzen werde er den Juden, drei Jahre ihn Kugeln schleifen und dann ihn hängen lassen. Was aber nützte das! Regent des Landes war und blieb doch der Jud. Der Herzog schimpfte auf seine Ratschläge, lobte die anderen: aber kam es zum Schlag, tat er doch nur, was der Jud ihm einblies.

In der andern Ecke der Antichambre hockte auf einem Teppich der Schwarzbraune. Er hatte wohl gesehen, wie das Gesicht des Kammerdieners auf einen Augenblick die Livree abwarf, und ganz im Innern amüsierte er sich über die plumpe Nacktheit des christlichen Kollegen. Aber er verharrte lautlos, tierhaft träge hockend, verschlossenen Gesichts.

Währenddes hielt Süß dem Herzog Vortrag. Heute in zwei Tagen wollten die Verschworenen losschlagen; alle Vorbereitungen waren beendet. Offiziell sollte der Herzog verreisen, um in seiner Eigenschaft als Feldmarschall des Reichs zunächst die Festungen Kehl und Philippsburg zu inspizieren, dann wegen seines Fußleidens den Danziger Medicus Hulderop, den größten Orthopäden der Zeit, zu konsultieren. Für die Zeit seiner Abwesenheit setzte Karl Alexander eine stellvertretende Regierung ein: unter dem Vorsitz der Herzogin – die sich in dieser Rolle sehr gravitätisch vorkam –, die Minister Scheffer, Pfau, den Staatsrat Lauz, die Generäle Remchingen und Röder. Diese Regierung sollte in Abwesenheit Karl Alexanders den Staatsstreich durchführen: nach Besetzung aller strategischen Punkte des Landes die Gleichstellung der katholischen Religion, Entwaffnung der Bürger, Annullierung vieler Verfassungsparagraphen, Eintreibung des Beichtpfennigs, zwangsmäßige Ablieferung allen Silbers in die herzogliche Münze und mehr derart durch Gesetz verkünden.

Süß legte noch einmal zusammenfassend dar, worauf es ankam: auf die reibungslose, kampflose Durchführung des Projekts in einer einzigen Nacht. Als konstitutioneller Herzog verließ Karl Alexander sein Land, als absoluter Souverän wird er in wenigen Stunden zurückgerufen. Zog sich die Durchführung in die Länge, kamen Reibungen dazwischen, Kampf, Blutvergießen, dann war alles verloren, dann hatten die Zauderer und Zager recht gehabt. Denn weiter als man die Verfassung verbogen hatte, ließ sie sich eben nicht mehr biegen; es ließ sich mit aller jesuitischen Kunst nichts weiter aus ihr heraustifteln. Blieb als einziges übrig, sie zu brechen, und das konnte man nicht allmählich, das konnte man nur in Einer Anspannung erreichen. Mißlang die im kleinsten, dann hatte die bloße Tatsache der Gewaltanwendung erwiesen, wie sehr man sich im Unrecht fühlte; das Corpus evangelicorum wird über einen herfallen, die Schranken der Verfassung werden dann noch viel fester und enger gestellt werden. Setzte erst Kampf ein, dann hatte die Verfassungspartei zu viele und zu mächtige Anhänger im Reich. Die geglückte Ueberrumpelung nur wird man, schmunzelnd die einen, die anderen knirschend, anerkennen. Er war bisher, wenn die anderen brutal zufahren wollten, immer für das Leise, Langsame gewesen; in diesem Fall gab es nur Eines, das Laute, Zupackende, Entscheidende, das in Einem Schoße Flor oder Verderb trug.

Mit zwingender Logik, Sachlichkeit, Wissenschaftlichkeit setzte Süß dem Herzog dies noch einmal auseinander. Glühender dann und beredter führte er aus, wie jenseits aller praktischen Erwägungen die Idee verhunzt wäre, die herrliche Idee von der Göttlichkeit fürstlicher Macht, wenn sie erst zerzettelt und zerknabbert würde durch Streitereien und Prozeßkniffe und kleine Scharmützel mit Bürgergarden und ridikülem, miserablem Kleinkampf. Hier ging es in Wahrheit um alles oder nichts. Entweder kehrte das Herzogtum naturhaft in seinen Fürsten zurück, oder dieser Stoff war zu schlecht, als daß die große Idee sich in ihm auswirken könnte.

In drängendem, schwülem Zorn stand Karl Alexander. Der Jud hatte recht, wie immer, und gut hatte er das gesagt. Aber wie abgründig er in einen hineinschaute! Fort, fort mußte er, auf ewig ins Dunkel mußte er! Und was hatte er da gesagt: dieser Stoff war zu schlecht für die große Idee? Welcher Stoff? Es war ja selbstverständlich unmöglich, daß das Projekt mißlang; aber trotzdem: welcher Stoff war zu schlecht? Das Land? Oder – wagte er es, wagte er es wirklich, der Jud? – oder er, der Fürst? Natürlich wagte er es! Hinter seiner höflichen, servilen Fratze stak höhnisch, hänselnd der freche, achselzuckende, aufreizende Zweifel. Ueber den schamlos dreisten Rebellanten! Der war hundertmal schlimmer als die stiernackig blöden Meuterer vom Parlament! Das waren verbohrte Esel! Aber dieser Lächelnde, Höfliche war wissend, und seine feixenden, unverschämten Zweifel gingen vergiftend ins Innerste. Weg mußte er! Ins Nichts mußte er! Für ewig ins Dunkel mußte er!

„Haben Euer Durchlaucht jetzt das Losungswort bestimmt?“ fragte die unbewegte, sachliche Stimme des Juden.

„Ja,“ sagte Karl Alexander, kurz, barsch, militärisch. „Es heißt: Attempto!“

Ueberrascht sah, mit einem kleinen, anerkennenden Lächeln Süß auf. „Attempto! Ich wag’s!“ das war ein frecher, ein kühner, ein fast genialer Witz. „Attempto! Ich wag’s!“ hatte Eberhard im Barte gesagt und als erster deutscher Fürst seinem Land eine Verfassung gegeben. „Attempto! Ich wag’s!“ war die große Inschrift auf dem Attribut dieses Fürsten, dem Zedernstamm, den er vom Kreuzzug mitgebracht. So hing sein Bild überall im Herzogtum. Mit diesem tapfern Wahlspruch hatte er den Großteil seiner Macht von sich abgetan und dem Volke zurückgegeben. Wenn einer im Land kein Wort Latein sprach, dieses „Attempto!“ verstand er; denn es war die Grundlage der Verfassung und aller bürgerlichen Freiheit. Und dieses gleiche „Attempto! Ich wag’s!“ wählte jetzt Karl Alexander als Losungswort, eben diese von seinem Ahn begründete Verfassung zu zerschlagen, die Macht wieder an sich zu reißen, an Stelle der ausgebildetsten Demokratie den nackten Absolutismus zu setzen. Donnerwetter! Dazu gehörte soviel Mut wie Geist. Dieser Karl Alexander war doch ein Kerl!

Gehoben, in drängendem, brustweitendem Lustgefühl ging Süß nach Hause. Er hatte diesen Mann dazu gemacht, hatte das Licht in ihm angezündet, hatte aus einem hitzigen, brünstigen, brutalen Stück Fleisch einen Fürsten geknetet. Oh, sein Weg war schon der rechte. Wie plump wäre es und simpel gewesen, ihm dazumal an die Gurgel zu springen. Jetzt hatte er sein Opfer herangemästet, hatte es erhöht, es ansehnlich und wert gemacht. Ein verhungertes Tier anzunehmen, weigerte sich der Priester wie der Gott. Das Opfer, dessen Blut er jetzt darbot, konnte bestehen.

Er ging in seinem Arbeitskabinett auf und nieder, angeregt, geschwellt, alle Kerzen brannten, auch in den anstoßenden Zimmern. Was hatte Rabbi Gabriel gesagt? An jedem Fest, das ihr dem Toten gebt, steigt er herauf, um jedes Bild, das ihr ihm weiht, schwebt er, hört jedem Worte zu, das von ihm klingt. Mit allen Gedanken hatte er und Blut und Nerven die Tote gerufen; aber sie war nicht gekommen, nur in Dämmer und Nebel hat er sie ahnen dürfen. Jetzt wird er ihr ein Opferfest bereiten, zu dem sie heraufsteigen muß. Nicht nur leibhaft wird er ihr diesen Herzog opfern, auch seine Seele hat er so präpariert, daß sie just in dem Moment aus dem Körper sich lösen soll, wenn sie in ihrer Hoffart Blüte strotzt. Und die Seele des Hoffärtigen wird eingekörpert in Feuer; in Feuer zerzuckt sie, tausendfach zerrissen in jeder Sekunde, durch eine neue Ewigkeit. Steig auf, Naemi! Steig auf, Kind, mein Kind, mein bestes, mein reinstes, Lilie im Tal, steig herauf! Ein Scherbenmal eines zerschmissenen Königtums richte ich dir auf, einen Fürsten opfere ich dir, eine Seele einkörpere ich in ewig zerzuckendes Feuer! So ruf ich dich, Naemi, mein Kind! Steig herauf! Taube im Felsenriß, auf heimlichem Hang! Laß mich schauen deine Gestalt, laß mich deine Stimme hören! Denn deine Stimme ist süß und lieblich deine Gestalt.

Er hielt ein, rief sich zurück. Ei ja, dies mußte ja noch geschehen. Er wollte nicht, unter keinen Umständen wollte er, daß es scheinen könnte, er verquicke seine Sache gegen Karl Alexander mit irgendwelcher persönlichen Sicherung oder gar mit Vorteilen für sich. Vor anderen nicht und vor sich selber nicht durfte er leisesten solchen Verdacht aufkommen lassen. Sprang für das Land Profit dabei heraus, so war das nebensächlich, nicht zu erstreben, nicht zu vermeiden; für sich selber jedenfalls wollte er jeden Gewinn daraus im vorhinein zerstören. Er war jetzt da, um das Herz dieses Fürsten Karl Alexander von Württemberg fett und hoch zu züchten, und wenn es am fettesten strotzte und schwoll, zu zerdrücken. Für solche Opferung und Sühne war er da. Was dann kam, ach, wie fern das war und wie nichts!

Er befahl den Magister Schober zu sich. Der erschien, verschreckt, aus dem Schlaf gestört, in Angst, der Finanzdirektor möchte ihn in neue Nöte des Gewissens treiben. Unglücklich, in einem nachschleifenden Schlafrock, denn der Befehl des Süß hatte ihm keine Zeit gelassen, mit runden, furchtsamen Kinderaugen, stand er vor seinem Herrn. Süß war munter, vergnügt, gütig wie lange nicht. Er fragte nach den Gedichten des Magisters, wieso die Edition sich so lange verzögere, das Geld sei der Druckerei doch schon seit Wochen angewiesen. „Wie geruhen Euer Durchlaucht geschlafen zu haben?“ fragte der Papagei Akiba. Der Magister stotterte etwas, er sitze schon über den Korrekturen, und in zwei, drei Wochen würden die Carmina säuberlich gedruckt sein. Süß, plötzlich abbiegend, legte ihm die Hand auf die Schulter, verzog pfiffig, schmunzelnd die Lippen, sagte vertraulich, jovial: „Er ist, Teufel noch eins! ein schlechter Protestant, Magister.“ Und da der Zitternde nur Unverständliches stammelte, fuhr er fort: „Ich mit meiner jüdischen, rechnerischen Moral hätte mir an Seiner Statt gesagt: Wenn ich den Juden verrat, dann verrat ich einen einzigen und dazu bloß einen Juden; aber wenn ich den Juden nicht verrat, dann verrat ich eine Million evangelischer Christen. Und dann wär ich hingegangen und hätte dem Sturm und dem Jäger oder sonst einem vom Elfer-Ausschuß die Geschichte haarklein erzählt. Ich muß sagen, Magister, Er ist von einer Treue und Diskretion, die schon zum Himmel stinkt.“

Jaakob Polykarp Schober stand schlottericht unter den hellen Kerzen, wagte nicht, den grausamen Schweiß wegzuwischen, der ihm über das fahle, dicke Kindergesicht troff, starrte aus runden, entgeisterten Augen den Juden an. „Jetzt hält Er mich wohl für verrückt?“ fragte der nach einer Weile, gutmütig. „Nein, Magister, ich bin durchaus nicht verrückt,“ sagte er, wieder nach einem Schweigen, trocken. „Oder zumindest nicht mehr als jeder andere.“

Es war totenstill in dem hellen Raum. Draußen tappte der Schritt der Nachtwache. Süß hatte sich gesetzt, krümmte sich, trotzdem die Zimmer überheizt waren, wie leicht frierend, schien den reglosen, in einer seltsam verknüllten, unbequemen Haltung stehenden Schober vergessen zu haben. Unversehens wieder begann er: „Ich will Ihm aus Seinem Dilemma heraushelfen. Geh Er hin zu den Herren vom Parlament, sag Er ihnen: die Zeit ist die Nacht zum Dienstag, die Losung: Attempto, und wenn die Herren Blutvergießen vermeiden wollen, dergestalt daß das ganze Projekt zusammenklappt wie eine Marionette nach zerschnittenem Draht, dann sollen sie den Montag abend eine Deputation nach Ludwigsburg schicken. Der Mameluck erwartet sie am Seiteneingang des linken Flügels und bringt sie zum Herzog.“

Dem Schober quollen, wie Süß das sachlich und geschäftsmäßig an ihn hinsagte, die Augen aus dem Kopf vor angestrengter Aufmerksamkeit, Unverstand und Erregung. „Bedingung ist,“ fuhr Süß mit der gleichen geschäftsmäßigen Kühle fort, „und diese Bedingung muß Er mir in die Hand schwören, daß niemals eine Menschenseele erfährt, daß ich Ihm das gesagt oder gar Ihn geschickt habe.“

„Exzellenz,“ stammelte endlich Schober, „ich versteh das nicht, ich versteh das durchaus nicht. Ich bin ja so selig, daß der Herr Sie erweckt hat und daß Sie den evangelischen Glauben salvieren wollen. Aber wenn das ketzerische Projekt zuschanden wird und man weiß nicht, daß Sie es haben kaputt gemacht, dann wird doch, mit Euer Gnaden Verlaub, die Landschaft zuerst Ihnen den Kriminalprozeß machen. Ich bin nicht stark in politicis, aber der Herzog wird Sie dann nicht können schützen.“

„Nein, der Herzog wird mich nicht schützen,“ sagte Süß trocken. „Laß Er’s gut sein, Magister,“ fügte er sanft, mild, väterlich fast hinzu. „Die Affäre ist zu kurios. Ein katholischer Herzog will ein evangelisches Land katholisch machen und ein Jud geht lieber an den lichten Galgen, eh daß er’s zuläßt. Daraus kann Er sich keinen Reim machen, und wenn Er noch so sehr ein Poet ist.“

Taumelig schlich, die Knie schwach und mit schleifendem Schlafrock, Jaakob Polykarp Schober nach dieser Unterredung über die dunklen Korridore des Hauses. Hin und her in seinem Zimmer trieb es ihn bis zum Morgen. Er sah nicht klar, es war alles voll Rauch und Nebel. Aber soviel war gewiß: Gott hatte ihn dennoch ersehen und auserlesen. Durch das Zimmer schleifte er, ruhelos, Saum und Quaste des Schlafrocks fegten den Boden. Die alte schwarzgraue Katze wachte auf, begleitete ihn. Sie war eine verwöhnte alte Katze und wollte, daß er sie in den Arm nehme oder ins Bett wie oft, und sie miaute. Aber er ging auf und ab und hörte sie nicht.

Der Jude, als der Magister ihn verlassen hatte, streckte sich, entblößte die starken Zähne. Vor dem Bild des Herzogs über seinem Schreibtisch, Karl Alexander hatte eigenhändig, mit sehr huldvoller Widmung, seine gewalttätigen Schriftzüge daruntergesetzt, verweilte er, sagte leise: „Adieu, Louis Quatorze! Fahr hin, deutscher Achill!“ Und noch einmal, wilder: „Fahr hin, deutscher Achill! Adieu, Louis Quatorze!“

Er dachte nicht mehr an das Kind. Es war ein Handel nur zwischen ihm und Karl Alexander, ohne das Kind. Er schwamm auf einem dunklen, violettroten Meer herz-und sinnausfüllenden Hasses. Wie es rauschte! Wie es in die Ohren ging und ins Innerste! Wie es wild und selig betäubend roch! Er hörte den Wutschrei des zu Tode getäuschten Fürsten, sah den blutigen Blick des Mannes, dem er das Erreichnis seines starken, ungestümen Lebens aus der Hand schlug, just wie er, eratmend, die Finger drum schließen wollte. Herrlich war es, das Knie auf die Brust des Feindes zu setzen, süß und herrlich war es, die Daumen auf die Gurgel des Feindes zu legen, wenn der Mund schnappte nach der lieben Gottesluft, zuzudrücken, fester, ganz langsam, das Auge höhnisch sieghaft in dem brechenden des andern. Das hieß leben! Das lohnte zu leben!

In sein wildes, süchtiges Geträume hinein glitt plötzlich leibhaft, lautlos und erschreckend ein Mensch. Otman, der Schwarzbraune. Er neigte sich, teilte mit, der Herzog habe dem General Remchingen die Ordre gegeben. – Welche Ordre? – Die Liste. – Ach so, die Liste der zu Verhaftenden, die Süß dem Herzog zusammengestellt hatte. Aber daß Karl Alexander ihm mitten in der Nacht so Belangloses melden ließ? Unwahrscheinlich. Sicher hatte der Schwarzbraune Wesentlicheres, Heimliches zu berichten. Aufmerksam sah Süß ihm in das verschlossene Gesicht. Da begann er auch schon, Namen aufzuzählen. Johann Georg Andreä, Johann Friedrich Bellon. Ei ja, die Verhaftungsliste, fein säuberlich alphabetisch geordnet. Aber was sollte das? Das weiß er doch, er hat doch selber die Liste aufgesetzt. Der Schwarzbraune zählte weiter her: Friedrich Ludwig Stöfflen, Johann Heinrich Sturm, Josef Süß Oppenheimer. Süß machte keine Bewegung. Auch der Schwarzbraune, die Liste geschlossen, sprach kein Wort mehr, neigte sich, ging.

Süß, allein, vergnügt fast, pfiff durch die Zähne, lächelte. Fein war das, diese Bestätigung noch zu haben. Er war im tiefsten amüsiert. Witzig, weiß Gott, war dieser Karl Alexander. Hätte er Remchingen wenigstens durch Spezialordre beauftragt, ihn zu verhaften. Aber so, ihn einfach generaliter einzufügen in die Liste, in die eigene Liste, die er selber aufgesetzt hat, das war – souverän witzig war das. Er sah die beiden, den Herzog und Remchingen, wie sie zusammensaßen, über die Liste sich beugten, wie der Herzog mit seiner klobigen, gewalttätigen Schrift hinschmierte: Josef Süß Oppenheimer, Finanzdirektor. Wie sie sich dann, der Fürst und sein General, in die Augen schauten, wortlos, arg schmunzelnd der Herzog, breit grinsend Remchingen. Guter Karl Alexander! Wohlaffektionierter, großherziger Fürst! Da sitzest du jetzt und amüsierst dich über deinen dummen Juden, der dir erst fein säuberlich die Krone aus dem Blauen herunterholt und den du hernach zum Lohn auf die Festung setzen wirst. Hoho! Zu spät aufgestanden, Durchlaucht! Dein Jud sitzt noch eine Spirale höher, hat dir schon die Schlinge um den Hals geworfen und amüsiert sich über dein ahnungsloses Amüsement. Du Fürst! Du großer Herr und Held! Du geiler, dummer Narr und Mädchenschänder und Metzger und Schuft!

Rastlos, in wellenden Gedanken, schritt er. Erinnerte sich, wie er einmal mit einem Hund gespielt, dem hungernden den Fraß immer wieder im letzten Augenblick weggerissen hatte, bis der Köter ihn scharf in die Hand biß. Er sah noch den heißen Haß, die rote, blutige Wut im Aug des gereizten und immer wieder betrogenen Tieres. Mit dir spiel ich ein wilderes Spiel, Karl Alexander. Dir reiß ich einen köstlicheren Happen weg. Streck dich in der Lust auf die Beute wie ein Tier zum Sprung! Schick aus deine Gieraugen! Schnapp, Fürst! Schnapp zu, mein Herr Herzog!

Zwei Tage noch, nicht einmal zwei Tage; nur mehr fünfundvierzig Stunden. Er lächelte tiefer, schritt einsam durch die kerzenhelle Flucht seiner Säle. Starr und weiß standen die Büsten des Solon, Homer, Aristoteles, des Moses und Salomon, unter den kleinen Pagoden ergingen sich bezopfte Chinesen, vielfigurig auf der Decke raste der Triumph des Merkur, aus den Vitrinen der kostbare Schmuck strahlte, und in seinem vergoldeten Bauer der Papagei Akiba krächzte: „Bon jour, madame!“ und „Ma vie pour mon souverain!“ Doch der einsame, ruhelos durch seine hellen Säle wandelnde Mann hörte nichts, sah nichts, war bis zum Rand gefüllt von seinen Gedanken, Bildern, Gesichten.

Der Mameluck, wie er um die gleiche Stunde ins Schloß zurückkam und sich im Schlafgemach des Herzogs auf seine Matte im Winkel streckte, hörte, wie Karl Alexander in schweren Träumen stöhnte, um sich schlug, gurgelte.


Es war schon spät am Abend, als Unser Lehrer Rabbi Gabriel Oppenheimer van Straaten in Hamburg im Hause seines Freundes Unseres Lehrers Rabbi Jonathan Eybeschütz eintraf. Das Haus war voll von Besuchern, Verehrern, Ratheischenden, und trotzdem die Schüler sie immer wieder bedeuteten, der Rabbi sei über den Büchern, in Meditation, es sei keine Aussicht, daß er sie empfange, wollten sie nicht weichen, erhofften sie noch immer wenigstens seinen Anblick. Viele waren von weither gekommen, ihn zu sehen, aus den früheren Gemeinden des Rabbi, Krakau, Metz, Prag, aber auch noch viel weiter her, aus der Provence, ja vom Schwarzen Meer. Denn der Name des Rabbi Jonathan Eybeschütz, Rabbiners von Hamburg, war in Demut verehrt über weites Land.

Aber auch verhaßt und angefeindet mit schärfster Waffe über weites Land. Ei, wie hatte Unser Lehrer Rabbi Jaakob Hirschel Emden, Rabbiner von Amsterdam, ihn verhöhnt, mit kältestem Spott zerfetzt, zerrupft, als Feind Israels, des Talmuds, der Rabbinen, des wahren Wortes ihn gebrandmarkt und verlacht. Rabbi Jonathan Eybeschütz: der Name riß die Judenheit auseinander; in allen Schulen und Bethäusern, auf allen Synoden war Kampf um diesen Namen, war Segen und Hymnus um ihn und Spott und Bannstrahl.

Wer war dieser Mann? War er ein Talmudgelehrter, eifernd, zänkisch, keifend an den Riten klebend, giftig ums Jota feilschend, den hohen Zaun des Gesetzes mit ängstlich wildem Gebläff Zoll um Zoll verteidigend? Hatte seine philosophische, historische, mathematische, astronomische Wissenschaft ihm den rechten, wort-und werkheiligen Glauben zerknabbert, ihn zum Verächter und Spötter rabbinischer Praxis gemacht? Glaubt er wirklich die Lehre der Kabbala, übt sie, ist heimlicher Jünger und Nachfahr des Messias Sabbatai Zewi, segnend, fluchend, wunderwirkend im Namen dieses Erlösers? Warum dann aber flucht er öffentlich den Jüngern des Sabbatai und tut sie feierlich in Bann? Und warum wieder schickt er seine Söhne zu den Frankisten nach Polen, den fanatischen Jüngern jenes zwielichtigen Messias? Schreibt wirklich dieser eifernde, orthodoxe Talmudlehrer den französischen Kardinälen, den Jesuvätern in Rom Briefe, sie bittend, ihn zum Zensor der hebräischen Bücher zu machen? Ist es Hohn oder was bedeutet es, daß er seine streng rabbinische Rechtgläubigkeit gegen allen solchen Verdacht ausgerechnet von dem Helmstätter Professor Karl Anton verteidigen läßt, seinem früheren Schüler, jetzt aber Christ geworden und Apologet des christlichen Evangels?

Tief neigten sich, als Rabbi Gabriel kam, die Schüler des Rabbi Jonathan. „Sei Friede mit dir!“ sagten sie, und die verschlossene Tür des Meisters sprang auf vor ihm. Mild saß im Licht der Lampe seines Studierzimmers Rabbi Jonathan Eybeschütz, der weiseste und listigste der Menschen. Freundlich, kokett, mit leisem Selbstspott und erfreut lächelte er aus seinem mächtigen, mehr breit als langen, milchig weißen Bart, der nur ganz leicht nach Art der Kabbalisten zwiegezackt war, dem bartlosen, mürrischen, steinernen Kömmling entgegen. Alles an ihm war bei betonter Würde rund und behaglich. Aus schwerster Seide schmiegte sich, unendlich kostbar, sein langer Kaftan; sehr klein kam, weiß und gepflegt aus dem weiten Aermel die Hand zur Begrüßung. Unter dem gewaltigen, weiß fließenden Bart lächelte freundlich, fast rosig und gar nicht zerwittert das Antlitz. Nur über der behaglichen, kleinen Nase und den milden, wissenden, schlauen und doch tiefen braunen Augen zackten senkrecht in die weiße, fleischige, vorgebaute Stirn die drei Falten, bildend das Schin, den Anfangsbuchstaben des allerheiligsten Namens: Schaddai.

„Es schelte mich nicht und zürne mir nicht mein Bruder und Herr!“ begrüßte er hebräisch den Gast. Er lächelte, und es war in seinem Lächeln Wissen und Schwäche und Koketterie und Schuldbewußtsein und sogar ein wenig Schalkheit. Ueber allem aber eine magische, einlullende Liebenswürdigkeit.

Doch an Rabbi Gabriel versagte diese Magie. Ueber der kleinen, platten Nase die viel zu großen trübgrauen Augen schwelten dumpfe, hemmungslose Traurigkeit, und von der schweren, breiten, nicht hohen Stirn über den dichten Brauen ging lastende, beklemmende Trübnis aus. Rabbi Jonathan Eybeschütz indes war nicht gewillt, solche Trübnis an sich herankommen zu lassen. „Hast du,“ fragte er leicht, fast munter, „hast du, Gabriel, die neue Streitschrift des Krethi-und Plethi-und Honigwälder-Mannes gelesen?“ Dies waren die wichtigsten Werke jenes Jaakob Hirschel Emden, Rabbiners von Amsterdam, seines entbranntesten Gegners. „Jetzt hat der Gute glücklich zwölf Pasquille gegen mich losgelassen, für jeden Stamm Israels eines,“ fuhr er fort, und seine braunen, weisen, listigen Augen lachten spöttisch-vergnügt, „Jaakob Hirschel aus Amsterdam ist ein Zwölf-Ender geworden.“ Mit der kleinen, gepflegten Hand blätterte er in den großen Seiten der Streitschrift. „Der arme, arme Nüchterling!“ sagte er mitleidig amüsiert. „Alles muß klar sein, alles muß hell sein, alles muß Tag sein! Er ahnt nicht, der kahle, dürre Spötter, er begreift es nicht, daß eine getrocknete Blume Heu ist und nur gut für einen Ochsen. Erläßt Sendschreiben! Beweist, daß der Sohar nicht echt ist. Daß Rabbi Simon ben Jochai ihn nicht geschrieben haben kann. Schreit: Fälschung. Als ob es auf die Feder ankäme, nicht auf die Seele, die sie führt.“ Und er wiegte spöttisch und amüsiert den milden Kopf mit dem riesigen, milchig fließenden Bart.

Aber Rabbi Gabriel ging nicht ein auf den Ton des andern. „Warum hast du die Schüler des Sabbatai in Bann getan?“ fragte er mit seiner knarrigen Stimme. „Warum biegst du aus und krümmst dich und leugnest ab? Warum läßt du dich verteidigen von einem Goj mit dummen und albernen Sophistereien? Warum resignierst du nicht? Ist es so wichtig, daß du Rabbiner von Hamburg bist und deine Stuben voll von Menschen? Warum hast du“ – und in seiner Stimme war Klagen und Drohung – „dich selber in Bann getan?“

Jonathan Eybeschütz lachte ein kleines, angenehmes Lachen behaglich aus seinem milden Bart heraus. „Laß gut sein, Gabriel,“ sagte er. „Du bist nicht sanfter geworden in den zwei Jahren, ich nicht strenger. Ich könnte sagen: ist es nicht gleich, ob einer Jud ist oder Goj oder Moslem, wenn er nur weiß um die Obere Welt? Ich könnte sagen: Gut, Karl Anton, mein Schüler, hat sich taufen lassen; aber ist nicht mehr Gemeinschaft und Bindung von ihm zu mir als von mir zu dem Reb Jaakob Hirschel Emden, der ein guter Jud ist und ein scharfer, gebenschter Kopf, aber leider ein bornierter Tagmensch, stockblind für die Obere Welt und stocktaub für ihre Stimme? Ich könnte sagen: Der Messias Sabbatai Zewi selber ist Moslem geworden, um das Prinzip, um die Idee zu retten, und sein Jünger Frank hat sich taufen lassen; soll es da mir nicht erlaubt sein, in die Vermummung eines pilpulistischen Rabbi zu schlüpfen, mit drohender Lippe und Lächeln im Herzen leere Bannflüche gegen mich selber zu exequieren? Ich könnte sagen: Es ist billig, Märtyrer sein; es ist viel schwerer, zwielichtig dastehen um der Idee willen.

Das alles könnte ich sagen. Aber ich sag es dir nicht, Gabriel.“ Er stand auf und kam groß und freundlich in seinem seidenen Kaftan auf den mürrischen, dicklichen, trüben, altfränkisch beamtenhaft gekleideten Mann zu. Sehr liebenswürdig, fast knabenhaft herzlich sagte er: „Ich räum es ein, ich bin schwach und töricht und eitel. Die Sterne haben es gut mit mir gemeint, haben mich zum Gefäß großer Weisheit gemacht, ich hätte können ein Kanal sein, aus dem mächtige Ströme gehen von der Obern zur Untern Welt und der Atem Gottes. Aber ich bin ein schlechtes, brüchiges Gefäß. Ich weiß und niemand spürt es lebendiger durch alle Eingeweide, wie selig ruhevoll es ist in Gott schweben und wie die Untere Welt eitel ist und farbiger Schaum und Haschen nach Wind. Aber ich muß hinein in sie, immer wieder. Wissen ist schön, Wissen ist jenseits vom Tun, wissend und ruhvoll sein wahrt vor neuen schlimmen Einkörperungen die Seele; und Tun ist albern, Tun ist dumm und schmutzig und tierisch und der Nachschmack schal und sehr von Uebel. Aber ich muß immer wieder hinein ins Tun und Eitelkeit und Getriebe! Laß mich dumm sein, Lieber! Laß mich schmutzig und tierhaft sein! Laß mich meinen Bart mehr pflegen als meine Seele!“ Und mit frechem Scherz schloß er: „Meine Seele werde ich finden und reinwaschen in Myriaden Jahren; aber wer steht dafür, daß ich ein zweit Mal einen so schönen Bart finde?“

Lind rieselten diese Lästerungen von den süßen, schmeichelnden, beredten Lippen des weisen und leichtfertigen verlorenen Rabbi. Der andere hörte sie, trüb, steinern, unbewegt. Er sah plötzlich eine Landschaft. Stein, Oednis, zerschrundetes Eis; zartes, höhnisches Leuchten darüber, schattende Wolke, Geierflug, finster tolle Willkür, riesige, aufs Eis geworfene Blöcke. Gelähmt fast von dem Bild erkannte er: die gleiche Entsprechung hier wie dort. Solche Ahnung hatte ihn hergetrieben von dem Mann, an den er gefesselt war, zu diesem. An den nackten, frechen Brüsten der Lilith lag jener; aber er sehnte sich und langte nach der Obern Welt; bei den Heiligen und Frommen, im silbernen Bart des Simon ben Jochai, lag dieser, aber es dürstete ihn nach den Zitzen der Lilith. Das gleiche Bild, die gleiche Entsprechung. Doch jener war näher an der Vollendung als dieser.

Er antwortete nicht, als Jonathan Eybeschütz endlich schwieg. Er sagte nur: „Friede mit dir, mein Bruder und Herr!“ und ging in das Schlafgemach, das man ihm bereitet. Jonathan Eybeschütz sah seinen runden, dicklichen, etwas gebeugten Rücken sich entfernen, das milde, leichtfertige Lächeln schwand langsam, und trotz seines milchig weißen Bartes sah er minder würdig und überlegen aus, wie er sich wieder an seine Bücher und Pergamente setzte.


Müd und nervös lehnte Karl Alexander im Wagen. Er fuhr nach Ludwigsburg, um von da ins Ausland und erst nach vollendetem Putsch zurückzureisen. Er hatte zwei anstrengende Karnevalstage hinter sich, die er trotz der geschlossenen Zeit dem Reichsgrafen Palffy zu Ehren gegeben hatte; Graf Palffy kam in Spezialmission des Wiener Hofs, es war große Huld und Aufmerksamkeit des Kaisers, daß er durch diesen Sondergesandten den geplanten Staatsstreich augenzwinkernd im vorhinein sanktionierte. In aller Frühe dann hatte sich Karl Alexander von der Herzogin verabschiedet. Er hatte die Nacht mit ihr verbracht, hatte ihr hemmungslos von seinen großen Projekten vorgeschwärmt, dies sei die letzte Nacht, die sie als kleine deutsche Fürstin verträume; fortan werde sie zählen unter den europäischen Souveränen, und bald wohl werde man sie mit anderem Titel als mit einem lumpigen Durchlaucht grüßen. Heiß und erregt hatte er seine Phantasien in die schöne, nackte Frau hineingeflüstert, sie hatte spöttisch halb, aber doch von seiner Hitze mitgerissen zugehört, hatte seine brennendere Umarmung entbrannter als lange schon erwidert. Müde jetzt von dem gefüllten und bedeutenden Abschied, leicht matt, nervös und fieberig lehnte er im Wagen. Er war doch sonst eiskalten Blutes vor mancher Entreprise gestanden, war auf dem Schlachtfeld nicht nervös geworden, wenn ihm der Gaul war unterm Arsch weggeschossen worden. Aber heut, Gift und Opperment! kribbelte es ihn durch alle Glieder, war’s ihm, als hätte er Ameisen in den Adern. Nur gut, daß er den Grafen Palffy hatte vorausfahren lassen; so konnte er jetzt wenigstens allein sein. Auch der verdammte Fuß zuckte und zerrte und wollte nicht Ruhe halten. Kein Wunder, es war ein Wetter von seltener Scheußlichkeit. Bald Sonne, bald Schloßen, es regnete und flockte, bis einen wieder grelle Sonne blendete. Es stritt alles gegeneinander. Starker, feuchter Wind ging, Wolken in rasender Eile fetzten über den Himmel. Dazu brannte es da vorne in Eglosheim, und der Feuerschein irritierte die Pferde. Ein vages Erinnern flog Karl Alexander an; in solchem fetzigen Wind war er gestanden, nicht lange her war’s, wie dort der rote Schein hatte ein starkfarbiger Mond sich gekrümmt, aus einem schwärzlichen, feindseligen Wald war es verwirrend, gespenstisch hergekommen, ein weißes, totes Mädel war auf der Erde gelegen, zwischen Blumen, im starken Wind. Blödes Erinnern. Was soll das jetzt? Er hat, weiß Gott, Besseres zu denken.

Endlich in Ludwigsburg. Auch dort nicht Ruhe. Kuriere, Meldungen von den entfernteren Garnisonen. Er empfing Scheffer, Remchingen, Pfau. Aerger, Gehetz. Wenn wenigstens das verdammte Gedudel aufhörte! Aber er selber hat angeordnet, daß vor den Zimmern des musikalischen Grafen das Orchester des Theaters spiele. Er bekam plötzlich Hunger, verlangte Fleischbrühe, wollte sie gierig hinunterstürzen, fand sie zu heiß, schmiß die Tasse an die Wand. Dazu die wimmernde Feuerglocke wegen des Eglosheimer Brandes. Der fetzende Wind, die rauchenden Kamine. Ueberall im Schloß klirrende Fenster, schlagende Türen. Das Orchester obendrein. Den Herzog litt es nirgends. Die Musiker und Komödianten feixten heimlich: es treibt ihn herum wie vor einer Première. So, endlich, kam der Abend.

In Stuttgart war es sehr still diesen Abend. Nirgends brannte ein Licht. Doch im Dunkel war Getapp von vielen Schritten, gedämpftes Klirren von Eisen und Holz, Geflüster und Hin und Her. Alle Bürgerschaft wußte, daß es in diesen Stunden um die Entscheidung ging. Die Meldung Schobers hatte gewirkt. Alle waren gerüstet, gewaffnet, voll dumpfer, klemmender Spannung, nicht ohne Zagheit, aber willens, zu kämpfen. Niemand schlief in Stuttgart in dieser Nacht, nur die kleinen Kinder. Man sagte, raunend, zum hundertstenmal das gleiche, Flüche, Wünsche, prüfte, halb zaghaft, halb in die Brust geworfen, die Waffen. Und die Nacht war voll Bereitschaft.

In Ludwigsburg indes im Schloß hatte man alle Kerzen entzündet. Der Herzog gab, bevor er ins Ausland ging, dem Gesandten des Kaisers, den Würzburger Herren einen Hofball. Die Gesellschaft war nicht zahlreich, auf die in das Staatsstreich-Projekt Eingeweihten beschränkt. Viele Militärs waren da, die beiden Röder, der General und der Major. Feixend hatte Karl Alexander den knarrenden, niedrigstirnigen Mann nach Ludwigsburg eingeladen; die berittene Stuttgarter Bürgergarde, deren Kommandant er war, werde ihn in dieser Nacht kaum benötigen; ohne auf den Witz einzugehen – denn er nahm seine Stellung bei dem Stadtreiterkorps sehr ernst – dumm und stier hatte der Major, die unförmige, behandschuhte Tatze militärisch ausgereckt, die huldvolle Einladung angenommen. Durch den Saal hin äugte das blaurote, geiernäsige, entfleischte Gesicht des Dom Bartelemi Pancorbo über der riesigen, verschollenen Halskrause; in der Nähe des Süß hielt sich der verfallene Weißensee, er schnupperte, seine klugen Augen zuckten, er witterte Schwefel, Feuer, Wetter, Untergang. Süß selber hatte einen strahlenden Abend wie in seiner besten Zeit, seine wölbigen, fliegenden Augen waren überall, er war galant, witzig, siegerisch, seine sichere, festliche Laune stach sehr ab von der flackerigen Unrast Karl Alexanders. Manchmal tauchten in die seinen die bräunlichen Tieraugen des Mamelucken, dem er, dem stumm sich Neigenden, wenige knappe, stille Weisungen gegeben hatte, und es ging dann wie ein triumphierendes Fragen und Erwidern vom Aug des einen zum andern.

In den ersten Nachtstunden sollten in Stuttgart die Häupter der Verfassungspartei verhaftet werden und die würzburgischen und bayrischen Hilfstruppen ins Herzogtum einrücken. Bis der Kurier mit der Meldung käme, daß der Putsch soweit planmäßig geglückt sei, wollte Karl Alexander unter seinen Gästen bleiben, mit dieser Gewißheit schlafen gehen. Er hatte die neue Sängerin in sein Schlafgemach bestellt, die Demoiselle Teresa, eine dralle, heißäugige, warmhäutige Person. Schon die beiden letzten Jahre durch hatte er sich gewöhnt, vor jedem Beilager mit einer neuen Frau ein Aphrodisiakum zu nehmen, denn er hätte es nicht ertragen, hätte nicht jede neue Frau seine Männlichkeit für besonders stark halten müssen; heute, nach der Abschiedsnacht mit Marie Auguste, befahl er dem Schwarzbraunen, die Dosis zu verstärken.

Der Kurier mit der Glücksnachricht kam nicht und kam nicht. Die Unrast des wartenden Herzogs fuhr den Gästen kribbelnd in die Glieder, zuckte durch den ganzen Saal. Draußen der Sturm hielt in gleicher Kraft an, Regen prasselte, einmal auch Hagel gegen die Scheiben; den Rauch der schlecht ziehenden Kamine hatte man nicht ganz aus den Räumen verjagen können. Wohl brannten Myriaden Kerzen, Musik, immer üppiger, klang, aus den ältesten Fässern der erlesenste Wein wurde geschenkt, man hatte die prunkendste Gala, die feiertäglichste Laune angetan; aber man kam über eine fiebrige, erkrampfte Lustigkeit nicht hinaus.

Karl Alexander hielt Cercle, stellte seinen Gästen lärmende, huldvolle Fragen, um dann plötzlich zu versinken, ihre Antworten zu überhören, jäh abzubrechen. Der Mameluck glitt lautlos heran, meldete, die Demoiselle Teresa sei im Privatkabinett. Der Herzog, ungeniert, sagte: „Das Mensch soll warten!“, setzte sich mit Süß zum Jeu. Der Mameluck brachte ihm, in silberner Tasse, das Aphrodisiakum. Stand still, demütig. „Hast du’s auch genügend stark genommen?“ fragte Karl Alexander. „Ja, Durchlaucht,“ erwiderte mit seiner rauhen, gleichmütigen Stimme der Mameluck.

Karl Alexander stürzte den Trank hinunter. Spielte. Gewann stark. Blieb unbeteiligt, abwesend. Den grünen Galarock zurückgeschlagen, die eine Hand bald ruhend auf der gelben Hose, bald nervös mit der goldenen Kette spielend, machte er lange Pausen zwischen Stich und Schlag. „Daß der Kurier nicht kommt!“ fieberte er. „Der Sturm,“ begütigte Süß, „die aufgeweichte Straße.“ Der Schwarzbraune war wieder da, mit seinem stillen, gleitenden Schritt. Meldete, die Demoiselle warte noch immer. „Soll sich ausziehen derweil!“ schrie der Herzog. „Ich kann meine Depeschen nicht herhexen.“

Ein Kreis ehrerbietiger Zuschauer stand um die Spielenden, begleitete das Jeu mit etwas gekünstelten, krampfhaften Witzen. Der Herzog schlug eine siegreiche Karte auf, strich wieder einen Hügel Dukaten ein. „Heut mußt du mir einen Teil wieder hergeben, Jud,“ lachte er, „des, was du mich beschissen hast.“ „Heut tu ich’s gern,“ sagte Süß. Die widrige Stimme des Majors Röder knarrte: „Wenn’s so Leib an Leib geht, dann tut sich der Jud schwerer mit dem Bescheißen. So von der Ferne her mit Papieren und Tricks und ohne daß man dem andern muß ins Gesicht sehen, geht’s leichter.“ Auch den nächsten Schlag verlor Süß. Der Herzog sah den Architekten Retti unter den Umstehenden, warf ihm hin: „Wenn das so weiter geht mit meinem Schwein, dann machen wir den Umbau, den Er für die Galerie projektiert.“ Der Architekt lachte laut, beflissen. Dom Bartelemi Pancorbo sagte unversehens mit seiner dumpfen, modrigen Stimme: „Den Stein verliert er nicht, der Jud.“ Und alle starrten begehrlich und verträumt auf den Solitär an der Hand des Finanzdirektors und sahen, wie verwirrend in ewigem Wechsel die Strahlenbündel daraus schossen.

Endlich war der Mameluck wieder hinter dem Herzog, meldete: „Man ist da.“ Karl Alexander, mit gespielter Lässigkeit, warf die Karten zusammen, schob dem Süß den ansehnlichen Haufen gewonnenen Geldes zu: „Da, Jud! Die Galerie laß ich später bauen. Das verehr ich Ihm.“ Süß, wohlwollend fast und amüsiert, dachte: „Sieh an, schenken läßt er sich nichts. Bezahlt mich, wo er glaubt, ich hab ihm ans Ziel geholfen, legt noch ein Trinkgeld darauf. Dann sperrt er mich in die Kasematten und steckt Bezahlung samt Trinkgeld wieder ein.“ Aufmerksam und dringlich sah er den Herzog an, und der, wie gezwungen von seinem Blick, sagte obenhin: „Kannst mitkommen.“ Der Schwarzbraune voran, dann hinkend, schnaufend, rot Karl Alexander, zuletzt federnd, geschwellt, weiß, jung der Jude, gingen sie.

Durch die sich neigenden Lakaien der Vorsäle erst, dann durch stille Korridore, in denen nur der fetzende Atem des Sturms war, nach dem andern Flügel des Schlosses in die Privatgemächer des Herzogs. Arbeitszimmer, kleines Zwischenkabinett, das Schlafzimmer mit der wartenden Frau. Der Mameluck riß die Tür zum Arbeitskabinett auf. Nicht der Kurier war da, den Karl Alexander erwartete, sondern vier Männer, die er nicht kannte. Zwei alte, mit eisgrauen Haaren, mager und schmächtig wie Federkiele, die anderen gedrungen, von lümmelhaftem, proletarierhaftem Gehabe. Alle vier waren stumm, verneigten sich, die jüngeren schwer und plump, die älteren hastig und wiederholt, von den im Windhauch der offenen Tür flackernden Kerzen wild beschattet und erhellt.

Der schäumende, in seiner Erwartung betrogene Herzog schrie, die Stimme fast versagend vor Wut, den Mamelucken an: „Bist du verrückt? Läßt in der Nacht, heut nacht, Gesindel zu mir?“ Schleuderte ihn mit einem Fußtritt in den Winkel. „Der Kurier!“ brüllte er. „Wo bleibt der Kurier?“

„Wir sind kein Gesindel,“ tat da einer von den Männern schwerfällig, feindselig den Mund auf. „Wir sind von der Landschaft.“ Karl Alexander fuhr auf ihn los, packte den stämmigen, lümmelhaften Menschen, schüttelte ihn: „Wollt mich überfallen? Mich meucheln? Ketzer! Mörder!“ Er schrie und geiferte, daß die Sängerin nebenan, die nackend wartete, sich ängstlich tief unter die Decken duckte, das Kreuz schlug. „Aber es ist aus mit euch!“ brüllte der entzügelte Herzog weiter. „Vermodern bei lebendigem Leib laß ich euch, Gesindel! Rottierer! Ketzer! Hunde! Zu eueren sauberen elf Brüdern vom Ausschuß schmeiß ich euch in meine tiefsten Kasematten!“

„Es ist nicht an dem, Herr Herzog,“ sagte da mit einer höflichen, feinen Stimme einer von den Alten, „es ist durchaus nicht an dem.“ Und er verneigte sich viele Male. „Es ist so, daß mit Eurer Durchlaucht allergnädigstem Permiß niemand heut nacht in Stuttgart verhaftet wird. Es werden auch sehr wenig bayrische und würzburgische Truppen einrücken, und was unter der Losung: Attempto! eingetroffen ist, sind mit Eurer Durchlaucht allergnädigstem Permiß zur Hälfte evangelische Brüder. Und wenn auch der Herr Kommandant Röder hier ist, das Stadtreiterkorps ist darum nicht weniger in Bereitschaft und wird die Stadt unter allen Umständen halten.“

Süß selber hätte nicht sachlicher, schärfer, mit weniger Worten darlegen können, wie in den Grund hinein der Putsch verraten und vertan war, als der kleine, hagere Mann, der sehr höflich und mit vielen Kratzfüßen und Permiß-Einholungen noch mehr Details aufzählte. Aber er konnte nicht zu Ende kommen und zum Zweck seiner Rede; denn der Herzog hatte nur die ersten Sätze gehört; dann begab sich mit ihm eine erschreckende Veränderung. Die Hand, die den gedrungenen, proletarisch aussehenden Deputierten noch immer festhielt, ließ allmählich locker, das Gesicht lief blaurot an, ein seltsames, wundes, tierhaftes Rasseln kam aus der Brust, der Mund schnappte hilflos, und unversehens lag der schwere Mann auf dem Boden, verkrampft und gräßlich entstellt. Die vier Bürger, wie sie das sahen, fürchteten, man werde ihnen eine Schuld geben, das Schloß war voll von Feinden, sie waren von dem Mamelucken auf geheimnisvolle, verdächtige Art, ungemeldet, durch eine Hintertüre eingelassen worden, sie besorgten, sie möchten mißhandelt oder gar kurzerhand erschlagen werden; sie machten sich eilends fort und waren froh, als sie in Sturm und Regen, abseits haltend, ihre Kutsche fanden und zitternd vor Frost und Erregung glücklich wieder auf dem Weg nach Stuttgart waren.

Karl Alexander lag indes auf dem Boden, allein mit Süß und dem Schwarzbraunen. Ueber der mächtigen, behaarten Brust hatte er sich die Kleider bis aufs Hemd aufgerissen. Verstört lauschte von nebenan und sich duckend das nackte Mädchen auf das wilde, tierhafte Rasseln, das von ihm kam. Mit unendlicher Mühe schickte er sein erstarrendes Aug mit einer wilden, grenzlos haßvollen Frage auf die Suche. Süß, ihm entgegenkommend, sagte: „Ja, Herr Herzog.“

Der Jude wußte nicht, ob er das so gewollt hatte oder wie überhaupt er gewollt hatte, daß der Herzog Verrat und Zerschmetterung des Putsches aufnehmen solle. Er fragte sich auch nicht, ob die Ermattung durch den Karneval oder das Aphrodisiakum mitschuld waren an diesem Zusammenbruch, oder ob er allein ihn und willentlich so gewirkt habe. Wie getrieben hatte er alles so geordnet, wie es dann kam, es so gelenkt, daß der erhitzte Herzog statt des erwarteten Glücksboten die nächtliche Unheilsdeputation vorfand. Daß er ins Herz treffen, daß er Sinn und Wesen des Gegners für immer lähmen und zermalmen mußte, war gewiß. Kam nun auch der äußere Zusammenbruch hinzu, so war das nicht gewollt, doch nicht unwillkommen.

Mit aller Kraft hob er den schweren Leib in einen Lehnstuhl, warf dem Schwarzbraunen hin: „Es wird gut sein, du holst den Pater Kaspar.“ Zögernd nur entfernte sich Otman und ließ den Juden mit dem Sterbenden allein.

Vereisend hörte die Sängerin im Nebenzimmer, wie eine leise, von einem wilden Gefühl bis zum Zerreißen gespannte, weißbrennende Stimme auf den jetzt stummen Herzog einsprach. Die einzelnen Worte konnte sie nicht verstehen; aber sie erstarrte vor dem grauenvollen, hassenden Triumph dieser heißen, flüsternden Stimme.

Es sprach aber der Jude dies: „Herzog! Grober, einfältiger Herzog! Dummer, stier-tölpischer Karl Alexander! Jetzt möchtest du die Ohren zumachen, was? Möchtest dich davonmachen und mich nicht mehr hören? Möchtest beten und dir vom Beichtiger Linderung und ölige Verzeihung eintröpfeln lassen? Aber das konzedier ich dir nicht. Ich laß dich nicht sterben, eh daß du mich gehört hast. Verdreh die Augen, raßle mit all deiner Lunge: du mußt mich hören. Ich spreche ganz leise, ich hebe die Stimme nicht, aber deine Ohren und dein freches, gewalttätiges Herz sind doch voll davon. Und du mußt ganz still halten und darfst nicht sterben und mußt mich hören.

Ja, das Kind ist anders gestorben. Warst hinter ihr her mit Hussa und Gegröhl, dein verfluchter, stinkender Atem war über ihr; aber sie hat dürfen lächeln und leicht sein und tausend gute Engel streckten ihr die Arme entgegen. Und du bist vor der Toten gestanden mit deinem ratlosen, dummen Metzgergesicht, und wie ich dir nicht hineinspie, hast du geglaubt, jetzt ist alles gut und es ist nichts gewesen. Sieh, Karl Alexander, sieh, du dummer, tölpischer Herzog, ich bin dir nicht in das geile Gesicht gesprungen damals, so einfältig hab ich es nicht gemacht, ich hab dich mir erst zurechtgerichtet, hab dich präpariert, daß du aussähest wie ein Mensch, ja wie ein Fürst. Bäumst du hoch? Schnaufst du? Ja, da liegst du, ein trauriges, lächerliches Stück Fleisch, höchst ridikül vor dir und den anderen. Denn sieh, du armer Narr, deine großen Gedanken, daß du zum schwäbischen Louis Quatorze dich recken solltest, deine Cäsar-Träume, die hab ich ja in dich hineingeträumt. Du warst nichts als ein kleiner, gewalttätiger Zufallsherzog all deine Tage, und ich hab dich lassen tanzen.

Glotz mich an mit deinen großen Augen. Ich drück sie dir noch nicht zu, ich bin noch nicht am Ende. Sieh, gerade mein Schlechtestes hab ich in dich hineingeträufelt, meinen verworfensten Samen. Ich hätt es können wirken, daß du mich vor aller Welt umarmtest und Bruder nanntest; ich hätt dir nur müssen die Papiere zeigen, daß ich ein Sohn vom Heydersdorff bin, ja, dem Baron und Marschall und Christen. Aber das hab ich für mein schlechtestes Teil geachtet und hab es ganz in dich hineingegossen und hab dich tanzen lassen und dich gemästet, bis daß du reif warst.“

Er ließ ab von dem Sterbenden, versank; dann wieder begann er, verändert, milder: „Ja, es hat mich zu dir gezogen, ich hätte können dein Freund sein. Aber du, wenn du so was gespürt hast, hast dich gewehrt und dagegen geknurrt, und nur mein Schlechtes hast du aufgenommen und es blühen lassen in Schuß und Saft. Du großer Herr und Held, du deutscher Louis Quatorze! Du armer Hahn und Narr!“

Draußen auf dem Korridor hastige, erregte Stimmen. Der Doktor Wendelin Breyer kam, der Kammerdiener Neuffer; hernach auch Pater Kaspar, der Beichtiger; er war nicht so leicht zu finden gewesen, er war in der Konditorei gesessen mit dem unscheinbaren, kluggesichtigen Würzburger Geheimrat Fichtel, der, nicht angesteckt von der allgemeinen Unruhe, den Triumph dieser Nacht auskostend, behaglich viele Tassen seines braunen Kaffeetranks schlürfte. Jetzt stürzte das alles her, betätigte sich hastig, hilflos, sinnlos um den Verlöschenden, grausam Entstellten, befragte verstört den Süß, der lässige, flüchtige Auskunft gab und sich bald unbemerkt aus dem Getrieb um den Sterbenden fortmachte. Im Nebengemach die Sängerin zog sich an. Die leise, heiße, hassende, sich einfressende, triumphierende Stimme haftete ihr, sie übergrausend, im Ohr; fahl, fröstelnd, geschüttelt von großäugigem Entsetzen, schlüpfte sie unordentlich in ihre Kleider, hastete, die unheimliche Stimme hinter sich, geduckt über die Korridore, atmete befreit, als sie vor dem Tor stand, das Schloß im Rücken, im stoßenden Wind.

Der Doktor Wendelin Breyer wollte den Herzog zur Ader lassen. Aber es kam nicht soweit. Der Mameluck, mit ihnen zurückgekommen, war still ganz nah an den Mann im Lehnstuhl herangetreten; mit gespannter, grausamer Sachlichkeit beschaute er die krampfhaft geballten Hände, das aufgedunsene, blauschwarze Gesicht, die vorstehende Zunge, die graß offenen, weit herausgequollenen Augen. Dann mit seiner dunklen, sonderbar rauhen Stimme sagte er so plötzlich, daß alle zusammenfuhren – die meisten hatten ihn überhaupt noch nie sprechen gehört –: „Er ist tot.“ Dem Doktor Wendelin Breyer blieb nichts übrig, als das gleiche zu konstatieren.

Während der Arzt noch, die hohle Stimme tief aus der Brust hervorgrabend, etlichen vagen Kommentar stammelte: heftig ausgebrochener Spasmus diaphragmatis, Steckfluß, stagnatio sanguinis plenaria, – still und höhnisch schaute der Schwarzbraune auf den verwirrten, sich abarbeitenden, wichtig sich habenden Mann – raunte es durch die Gänge, flog es durch die Vorzimmer, rief es der Zeremonienmeister in den Ballsaal: „Der Herzog ist tot.“ Die Musik brach ab. Das ungeheure, lähmende Entsetzen, die verfahlten, verzerrten Gesichter überall. Das ratlose Gewimmel, Durcheinanderhuschen, Sich-in-die-Ecken-drücken. Das verlegene Von-nichts-wissen-wollen der Gäste, der kaiserlichen, bayrischen, würzburgischen Herren. Die Offiziere standen herum wie dumme, große, bösartige Raubtiere, hinter denen unversehens eine Falle zuklappt. Solcher verwünschte Zufall just in diesem Moment konnte jedem einzelnen an Stellung nicht nur und Besitz, nein, ans Leben gehen. Sogar der kleine Geheimrat Fichtel verlor die Fassung; seit Jahrzehnten hatte er vor sich selber und aller Welt sich beherrscht; jetzt bekam er mit einem ein hartes, verkniffenes, keifendes Bauerngesicht und fluchte leise und unflätig vor sich hin. Erst nach zehn Minuten hatte er sich so weit, daß er in Kälte und Sachlichkeit denken konnte. Er überlegte, das Testament, das er dem Toten abgerungen, werde nun doch nicht mehr viel nützen; es blieb nur übrig, die ganze Maschinerie sofort stillzulegen, möglichst alle Spuren von Würzburg her zu verwischen und mit gutem Anstand, unkompromittiert, aus der Affäre herauszukommen.

Süß stand derweilen allein in einem verlorenen Seitenkabinett. Er kümmerte sich um nichts, das Auf und Ab der allgemeinen Erregung schlug nicht bis hierher. Der Sturm hatte sich ein wenig gelegt. Der Jude sah nichts, hörte nichts, achtete nichts, alles um ihn versank. Er wartete. Nun wird, jetzt gleich, das Kind da sein, um ihn sein wie die liebe Luft, lieblich in ihn einströmen, ihn leicht und schwebend machen. Er saß, still, mit einem gelösten, fast törichten Lächeln und wartete.

Sie kam nicht. Nichts kam. Er fühlte sich mit jedem rinnenden Augenblick kälter, leerer, schwerer werden. Und plötzlich wußte er, sie wird nie kommen. Er sah den Herzog, das schwarzblaue, entstellte Gesicht, die heraushängende Zunge, die vorquellenden Augen. Uebelkeit fiel ihn an. Er erschrak. Er begriff nicht mehr, wie ihn das hatte ausfüllen, ihn hatte hochtragen können. Was denn, um Gottes willen, hatte das mit dem Kind zu tun? Das Kind war weiß, sänftigend, mondstill. Und sein Handel mit dem Herzog, das violettrote Meer, sein Brausen, sein wilder Geruch, ja, in welcher hirnrissigen Anwandlung hatte er denn geglaubt, darüber zu dem Kind zu kommen? In dumpfer Angst suchte er Zusammenhänge, begriff sich nicht mehr. Seine Zwiesprache mit dem sterbenden Karl Alexander, die war ein wildes Zucken und Verebben gewesen wie ein Beilager mit einer Frau, aber kein Schweben und Gelöstsein. Und jetzt war er dumpf, traurig, voll Uebelkeit und weiter weg von dem Kind als je.

Es wehte ihm den Nacken hinauf, feuchtkalt. Er hob den Rücken, überfrostet, wie in Abwehr. Ein Gesicht schaute ihm über die Schulter. Es war sein eigenes Gesicht.

Er schüttelte sich, stand auf. Der Sturm hatte wieder eingesetzt; er schloß fester die Fenster. Da war eine Stimme im Wind, war in seinem Ohr, war im Zimmer, eine mißtönige, traurige Stimme, die Stimme des Oheims. Sie war nicht laut, aber sie füllte das Zimmer ganz an, sie füllte das Schloß an, die ganze Welt war voll von dieser Stimme. Da hatte er Gewißheit: er war falsch gegangen. Alles, was er gedacht, gewirkt, getrachtet hatte, sein Handel mit dem Herzog, sein ganzer künstlicher Turm und Triumph war alles falsch und Irrgang gewesen.

Seltsamerweise war er nicht enttäuscht von dieser Erkenntnis oder gar empört. Nein, es war gut so. Er sah sich wiederum schreiten in jener stummen, schattenhaften Quadrille, Rabbi Gabriel hielt seine rechte, der Herzog seine linke Hand. Sie schlängelten sich, machten ihre Pas, verneigten sich. Aber heute war keine Qual in dem nebelhaften, farblosen Bild. Denn nun lösten sich die Hände, die Tanzenden sahen sich an, still, ernsthaft, ohne Feindschaft, sie nickten einer dem andern ein letztes Mal zu, dann gingen sie auseinander.

Eine grenzenlose Mattigkeit fiel ihn an. Nie in seinem Leben war er so ausgehöhlt von dinghafter, leibhafter Schwäche und Müdigkeit gewesen. So mußte es sein, in lauem Bad sitzen und aus geöffneten Adern, ganz langsam, das Leben entströmen lassen. Dieses Schmelzen, Weichwerden, Zusammenstürzen in ihm. Dieser süße, ziehende, lüstige, alle Glieder pressende, reibende, lösende Schmerz. Dieses Sichaufgeben, Stürzen, Getragensein. Dieses Nichtwollen, dieses zum erstenmal Sichtreibenlassen, dieses selige, willenlose Vergleiten, Verströmen. Als entfließe sein Blut und mit ihm aller Drang und alle Sucht, fühlte er sich sinken in glückhafter, schmerzhafter, grenzloser Erschlaffung.

So fand ihn kurze Zeit später der alte, klapprige Leuchterbeschließer, der mit dem Löschhut kam, um das Kabinett finster zu machen. Erschreckt, wie er den blassen, hingesunkenen Mann erkannte, ließ er die Stange fallen, machte: „Jesus, der Herr Finanzdirektor!“ Aber der richtete sich matt hoch und sagte, er solle ihm was zu essen bringen, was immer, es sei ihm schwach vor Hunger. Der Alte, betreten, sich bekreuzigend, machte sich fort, brachte das Verlangte. Süß, während er mit den Händen, ziemlich gierig, aß, sagte dem Alten, er solle sich in seiner Verrichtung nicht stören lassen. Der stammelte, das gehe doch nicht an, er könne doch nicht den Herrn Finanzdirektor so im Dunkeln –. Aber Süß unterbrach ihn: „Lösch Er nur Seine Lichter und kümmer Er sich nicht um mich.“ Verstört machte sich der Alte an seine Arbeit. Der Sturm hatte wieder mit Macht und Heulen eingesetzt. Süß aß, kaute, schlang. Der Alte beschleunigte seine Hantierung, stieg auf die Leiter, löschte, schielte nach dem Finanzdirektor. Der aß immerzu, eilfertig, schlang, schmatzte. Schließlich, mit einer merkwürdig lustigen Stimme, sagte er: „Häng Er Sein Herz nicht an Menschen! Das steht doch im Neuen Testament, was?“ „Ich versteh Euer Exzellenz nicht,“ stotterte ängstlich der Alte. „Laß Er’s gut sein,“ sagte Süß, die letzten Bissen kauend, „und leucht Er mir!“ Das Kabinett blieb im Dunkeln; geführt von der kleinen Laterne des Mannes, schritt Süß durch finstere Saalfluchten in den Haupttrakt des Schlosses.

Hier saßen, in einem Nebenraum, die Führer des katholischen Projekts, Generale, Minister. Sie waren lauter Württemberger unter sich. Die würzburgischen und bayrischen Herren, der Gesandte der Apostolischen Majestät, sie hatten sich alle, ach wie hurtig! trotz Sturm und Wetter davongemacht; sogar der Astrologus des Fürstabts von Einsiedeln mitsamt seinem Fensterschweiß, Kolben, Dreiecken, vielfigurigem Hemd war, ungeachtet er die Stunde als sternrecht befunden hatte, eilends verschwunden. Da saßen nun die schwäbischen Herren, fahl, schwitzend, in dicker, angestrengter Ratlosigkeit. Atmeten auf, als Süß kam, schauten ihm als dem Retter in gespannter Hoffnung entgegen.

Der Jude schickte lind, ruhig, fast lächelnd seine braunen Augen über die hilflose Runde. Sagte dann zu dem massigen Major Röder, der mehr als die anderen stier und dumm dasaß: „Sie sehen nicht recht klar, Herr Major, was in dieser seltsamen Situation zu tun ist?“ Er trat sehr nahe an den stumpfen, verständnislos schauenden Mann und sagte, sehr liebenswürdig: „Verhaften Sie mich: und wer immer Oberhand behält, Sie sind für alle Fälle salviert.“ Das sagte er ganz leicht, höflich, fast konversierend.

Verblüfft schauten die Herren. Aber dann stieg es auf, stieg es in ihre Augen, ein hartes, arges Glitzern. Es war nicht ganz klar, wo der Jude hinauswollte; aber soviel war gewiß: wenn man ihn packte, wenn man ihn festsetzte, dann war einer da, der ganz vorne stand, auf den alle Wut zuerst sich stürzen, alles Uebelste abgeladen werden konnte. Eine lange Minute war es totenstill in dem Raum. Alle, mit den gleichen Worten fast, in der gleichen Folge fast, dachten die nämlichen Gedanken. Und alle mündeten in den Entschluß: Ja! Den Juden packen! Das ist die Rettung! Der Jud muß hängen!

Und auf solche Art war doch was getan. Auf solche Art saß man doch nicht länger in dieser drückenden, albernen, beschämenden Angst. Man stellte doch, Kreuz und Türken! in der Bataille seinen Mann: was war denn das für ein dummes, dreckiges, hosenbekleckerndes, hündisch übles Gefühl gewesen, in das man sich da hatte hineinjagen lassen, das einem so widerwärtig Herz und Magen heraufgekrochen war. Herrlich, daß man jetzt auf so gute Manier aus diesem Schweinezustand herauskam. In einer Minute wird man die ganze scheußliche, jämmerliche, lamentable Depression hinter sich und vergessen haben.

Und da stand auch schon der Major Röder auf. Er war ganz, vor sich und den anderen, Patriot, Christ, Soldat. Massig kam er, charaktervoll, von seinem Recht und seiner Biederkeit innig überzeugt, auf Süß zu, legte ihm die unförmige, behandschuhte Tatze auf die schlanke, elegante Schulter, öffnete schwer den harten Mund: „Im Namen der Herzogin und der Verfassung: ich verhaft Ihn, Jud.“

In einem einzigen Augenblick hatte sich die beklemmende Stille in tobendes, sieghaftes, tierisches Gröhlen gelöst. Der Jude lächelte still, einsam, sehr fern. Durch kotiges Geschimpf, ihn stoßend und tretend, mühten sich die Herren, das Bild dieses Lächelns nicht in ihr Inneres dringen zu lassen.

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