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Die häßliche Herzogin: Roman

by Lion Feuchtwanger

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Drittes Buch

In Landshut in seiner Hofburg hatte Herzog Stephan eben Weisung gegeben, wer von seinen Herren ihn nach München begleiten solle. Er wollte seinen ältesten Bruder begrüßen, den Markgrafen, der den glückhaften Entschluß gefaßt hatte, die Habsburger aus seinem Land hinauszujagen. Herzog Stephan freute sich stolz, daß recht eigentlich er diesen Entschluß angestoßen hatte. Er reckte den Kopf mit dem kurzen, dicken, nußbraunen Schnurrbart; sicher hatten seine kräftigen Worte jüngst Ludwig den Rücken gesteift. Und jetzt wird er nach München gehen und zusehen, ob er nicht einen engeren Zusammenschluß der Wittelsbacher erwirken kann. Warum soll es – Pest und geschwänzter Satan! –, wenn Ludwig und er festen Willens sind, nicht glücken, Wittelsbach unter ein Dach zu bringen, so wie die Habsburger zusammengeschweißt sind? Sicherlich streiten die sich wie Hähne, wenn sie ohne Zeugen untereinander Rats pflegen: aber repräsentieren sie nach außen, dann stehen sie wie ein Mann, und es geht eitel Honig von einem zum andern. Es war gut, daß Ludwig sich endlich aufgerafft hat. Er wird jetzt nicht locker lassen, bis das zerfetzte Wittelsbach wieder zusammengeflickt ist.

Man brachte die Rüstung, begann, ihn für die Reise zu wappnen. Da kam ein Kurier aus München, meldete den Tod des Markgrafen. Herzog Stephan stand starr, den Mund halb auf, die Finger merkwürdig gespreizt. Dann mit einem heftigen, knarrenden Kommando schickte er seine Leute weg, lief, der halb angekleidete Mann, hin und her, machte jähe, herrische Gesten, sein Gesicht arbeitete, furchte sich drohend, glättete sich, der kurze, dicke Schnurrbart stieg mit der zuckenden Lippe.

Er sah Möglichkeiten, die mannigfachsten, schillernd. Hier winkten sie, dort. Der junge Meinhard war ein Knabe, schwach, dümmlich, gutmütig; hing zudem schwärmerisch an seinem, Stephans, Sohn, dem Friedrich.

Ja, in Stephans Händen lag jetzt das Schicksal Wittelsbachs. Beide Bayern vereinigen. Die Widerstrebenden, die Brüder, den Holländer, Brandenburger, die Pfälzer zusammenzwingen. Sie mußten doch sehen, sie mußten sich doch fügen. Wer waren sie denn, diese Ludwig, Albrecht, Wilhelm, Ruprecht? Nichts waren sie; aber Wittelsbach war viel, war alles. Es wird gute Kraft von ihm ausgehen, sein Glaube, sein ehrlicher, frommer, reiner Wille wird in sie überströmen, sie werden sich überzeugen lassen.

Er setzte sich schwer nieder, sein Gesicht verlor die künstlich straffe, soldatische Miene, die Schultern erschlafften. Ach, nichts von alledem wird sein. Die Hoffnung war krampfhaft, verlogen. Er war nicht der Mann, das durchzuwirken. Wohl, die Gelegenheit war gut; aber die Bürde war zu schwer für ihn. Sein Vater schon, der Kaiser, der viel Robustere, war ein Zauderer gewesen, hatte sein Werk halb fertig liegen lassen müssen: wie sollte er, der Schwächere, das zerstückte, verstümmelte, zu Ende bringen?

Sein Bruder war am Wege gestorben. Ein schlechtes Zeichen. Er hatte Ludwig nicht besonders gemocht, kein vertrauteres Wort mit ihm gesprochen. Die Brüder hatten sich alle sechs nie enger aneinander geschlossen, jeder schaute dem andern mißtrauisch auf die Finger, daß der kein zu großes Stück des Erbes packe. Aber Ludwig war ein anständiger Mensch gewesen, er hatte es nicht leicht gehabt, er hatte die Maultasche geheiratet, dem Haus ein großes Opfer gebracht. Nun war er tot, in guten Mannesjahren gestorben. Es verblaßte um die Wittelsbacher, ihr Glanz ging aus.

Er erinnerte sich, wie er jene päpstliche Bulle gehört hatte, die den Bannfluch über den Vater verkündete: „Seine Söhne treffe dieser Fluch: Aus ihren Wohnsitzen verjagt, sollen sie ihren Feinden in die Hand und der Vernichtung anheimfallen.“ Er war ein kleiner Junge gewesen damals, er hatte unter den großen, drohenden, pathetischen Worten nichts Rechtes verstanden, aber sie hatten ihn überschauert und nicht mehr losgelassen. Es war nicht gut gegangen mit den Wittelsbachern seither. Ihre Länder zerfallen. Die Brüder sich zerkrallend einer den andern. Im Nordwesten, in den flandrischen Provinzen, hatte die Mutter geherrscht, die Kaiserin, zusammen mit Wilhelm, dem begabtesten unter den Brüdern. Sie waren in Streit geraten, Wilhelm hatte die Mutter in jener wilden, blutigen Seeschlacht an der Mündung der Maas geschlagen, sie war zu ihrem Schwager geflohen, dem König von England. Sie war eine hochmütige Dame gewesen, schwermütig, ihren Kindern fremd; ja, man hatte sich zusammennehmen müssen, war immer beklommen gewesen in ihrer Gegenwart. Nun war sie gestorben, müde von Hoheit, Leid und Sorgen, und Wilhelm, der lichteste, begabteste, liebenswürdigste der Brüder, war in Tobsucht und Irrwahn gefallen, krank an dem Zwist mit der Mutter, krank an dem fremden Land. Nein, es stand nicht gut um Wittelsbach; jener Fluch ging, wenn nicht seine Worte, so doch sein Sinn, in bittere Erfüllung. Er starrte vor sich hin. Der Tod des Bruders gab ihm die Möglichkeit und die Pflicht, das Land in den Bergen fester zu klammern, die Südmark zu halten. Er sah auf seine Hände; sie lagen schwer, schlaff, kraftlos. Wie soll er mit diesen Händen –?

Unsinn. Er hat zu viel schweren Würzwein zum Frühstück genommen, das ist alles. Das macht das Blut dick, die Gedanken trüb. Waren seine Aussichten nicht ausgezeichnet? Der Knabe Meinhard war schwach und leicht zu lenken. Den wird er doch, Gotts Marter, von sich abhängig machen können. Er straffte sich, fest über der gepreßten Lippe stand der kurze, dicke, nußbraune Schnurrbart. Er wird Wittelsbach zusammenkneten und groß machen in der Welt.

Er ließ sich fertig wappnen. Er hatte jetzt doppelten Anlaß, nach München zu reiten. Seine Stimme war die alte, soldatisch knarrende. Er befahl seinen Sohn Friedrich zu sich.

Prinz Friedrich hatte schon von dem Tod des Markgrafen gehört. Er barst beinahe von Plänen, von Energie. Meinhard hing an ihm mit schwärmerischer Bewunderung. Er war jetzt durch Meinhard mächtiger als sein Vater. Der junge Mensch, schlank und elegant von Wuchs, dunkles Haar tief ansetzend über der breiten, eckigen, eigenwilligen Stirn, hatte von frühester Jugend an mit Verachtung auf seine Umgebung geschaut. Er allein war der rechte Kaiserenkel. Knirschend hatte er gesehen, wie Wittelsbach immer kleiner zersplitterte. Hochfahrend hatte er sich gebäumt gegen alles Reden und Tun seines Vaters, der nicht Faust und Schenkel hatte, dieses edle, nervenfeine, widerspenstige Roß Wittelsbach zu zähmen. Oh, er, Prinz Friedrich, hatte Griff und Gefühl dafür, er wird es zwingen.

So trat er, schlank, stolz, feindselig, voll heimlicher Verachtung vor seinen Vater. Herzog Stephan liebte diesen seinen Prinzen mit tiefer, zerspalteter Liebe. Er hielt ihn für begabter und begnadeter, als er selber war, sah in ihm seine Erfüllung, liebte sogar seine Raschheit, seinen Jähzorn, seine Hoffart. Aber er konnte sich nicht halten, wenn der Junge zu frech gegen ihn aufbegehrte; es kam immer wieder zu wilden Ausbrüchen zwischen ihnen.

Stephan eröffnete dem Prinzen in kurzen Worten, soldatisch knarrend, Markgraf Ludwig sei plötzlich gestorben, er werde jetzt zur Bestattung nach München reiten und gedenke, etwa acht bis zehn Tage zu bleiben. Friedrich solle inzwischen in Landshut Siegel und Geschäfte führen, in wichtigeren Fragen ihm Kuriere nach München schicken. Friedrich überlegte. Noch nie hatte ihm der Vater soviel Verantwortung überlassen: was stak dahinter? Er maß ihn mißtrauisch. Ah, der Herzog fürchtete seinen Einfluß auf Meinhard, wollte allein nach München, Meinhard von ihm abdrängen, ihn dort ausschalten.

Er warf den Kopf zurück, glitt mit raschen, braunen Augen über den Vater, sagte hochmütig, er denke nicht daran, in so schwerer Stunde seinem Freunde Meinhard fernzubleiben, er werde selbstverständlich auch nach München reiten. Es waren noch zwei oder drei Herren im Zimmer, auch ein Knabe Kämmerling. Herzog Stephan schwoll an, fragte heiser, ob der Junge verrückt sei. Die andern standen großäugig, gestreckt von Erwartung. Friedrich sagte, er sei wohl bei Sinnen; jeder anständige Fürst und Herr müsse ihn verstehen, ihm beistimmen. Der Herzog klirrte drohend auf ihn los. Der Junge stand zunächst, dann wandte er sich, wischte hinaus. Warf sich – niemand wagte ihn zu halten – auf ein Pferd, jagte davon, nach Süden, nach München.

Der Herzog lachte, zuerst ärgerlich, dann wohlgefällig. Seine Herren, froh über diese Lösung, lachten mit. „Ein Teufelsjunge, der Friedrich!“ sagte der Herzog. „Ein Teufelsjunge, der durchlauchtigste Prinz!“ wiederholten seine Herren.

Aber dann, langsam, verfinsterte sich Stephan wieder. Den eigenen Sohn kann er nicht halten. Wie soll er das ganze bäumende Wittelsbach kleinkriegen?

Er stieg zu Pferde. Schwer mit großem Troß ritt er die Straße, die Prinz Friedrich vorangejagt war.


Dem jungen Meinhard machte der Oberjägermeister, Herr von Kummersbruck, Mitteilung von dem Tod seines Vaters. Er tat dies sehr vorsichtig, umwegig. Verlorene Mühe. Der Achtzehnjährige begriff durchaus nicht, so daß Herr von Kummersbruck schließlich schlicht und geradezu erklären mußte: Der Markgraf ist tot.

Meinhard schaute ihn verblüfft aus großen, runden, treuherzigen Augen an, wälzte die Nachricht in seinem gutmütigen, dicken Kopf, schwitzte. Er wußte durchaus nicht, welche Folgen dieses Ereignis haben konnte, was er mit ihm anfangen sollte. Er war nun Herzog. Das war vermutlich sehr anstrengend, brachte Arbeit, Ungelegenheiten. Er hätte sich als kleiner Landbaron viel behaglicher gefühlt. Eigentlich war es wohl traurig für das Land und für alle, daß sein Vater tot war. Denn er war tüchtig und energisch gewesen, wohingegen seine Mutter, wie sein Freund, der Prinz Friedrich, ihm auseinandergesetzt, ausschweifend und widerwärtig war. Lieber Gott! Im Grund hatte sich weder sein Vater noch die Mutter um ihn gekümmert. Dieser Tod war ihm gleichgültig, kostete ihn nur Ärger, forderte Mühe, Nachdenken.

Er holte das kleine Nagetier aus der Tasche, das er stets bei sich zu führen pflegte, den kleinen, langgeschwänzten Siebenschläfer, den er in geduldiger Arbeit dressiert hatte, so daß er auf den Namen Peter hörte und auf seinen Pfiff mit ihm aß, mit ihm schlief. Er betrachtete das Tier aus großen, verdrossenen, unglücklichen Augen, streichelte es.

Sehr langsam nur löste er sich aus seiner blöden, verworrenen Befangenheit, als er sah, daß man ihn jetzt ganz anders wichtig nahm als vorher. Die Gesichter waren, von den Generalen und höchsten Beamten bis hinunter zum letzten Lakai, ergebener, behutsamer, serviler. Wie er dies langsam merkte, machte es ihm Freude, es immer wieder zu erproben und zu erhärten. Er gab Befehle, vielerlei, durcheinander, sich widersprechende, schaute amüsiert zu, wie man sie beflissen ausführte, er ließ seine Leute springen, ergötzte sich, wie ihre Gesichter immer gleich unterwürfig und ohne Widerspruch blieben.

Nur einer ließ sich offenbar von seiner neuen Würde durchaus nicht imponieren, der Frauenberger. Meinhard hatte, so oft er den feisten Mann sah, ein unbehagliches Gefühl gehabt; sein fettes, nacktes Gesicht mit dem Froschmaul, dem weißlichen Haar, den rötlichen Augen, war ihm immer gefährlich erschienen, auch seine joviale Art hatte ihm Angst gemacht. Jetzt kam der Frauenberger auf ihn zu, blinzelte, quäkte herablassend, väterlich: „Na, junger Herzog! Es ist nicht leicht. Aber nur nicht den Kopf verlieren! Wir werden es schon schaffen.“ Er nahm mit seiner fleischigen, gefährlichen Hand die dicke, gutmütige des Jungen, blinzelte ihn an, gar nicht ehrfürchtig, gar nicht untertänig, eher mit einer scherzhaften, spöttischen Überlegenheit, drehte sich um, ging, pfiff sein Liedchen.

Da langte stürmisch, schwitzend, begeistert Prinz Friedrich an. Drang sogleich zu dem jungen Herzog. Die Vettern umarmten sich, Meinhard war erlöst in der Gegenwart des Freundes. Friedrich erzählte die Geschichte mit seinem Vater, Meinhard war enthusiasmiert. Der schwarze, schlanke Prinz, geschwellt von Tatendrang, Ehrgeiz, Jugend, Sturm, strömte aus, riß den blonden, dicken, widerstandslosen Meinhard mit, der aus seinen blauen, schlichten, runden Augen entzückt zu ihm aufschaute, sich glücklich pries, diesen herrlichen Freund zu haben. Er schloß sich ganz auf, erzählte auch von der unbehaglichen, überheblichen Art des Frauenbergers. Friedrich schäumte, stampfte. Erklärte, das werde er gleich haben. Ließ den Frauenberger rufen. Sagte ihm über die Achsel, hoffärtig, der Herzog brauche seine Anwesenheit in München nicht, beauftrage ihn, die Herzoginwitwe einzuholen, die ohne Zweifel bereits auf dem Wege nach Bayern sei. Der Frauenberger schaute die beiden jungen Herren an, langsam, lächelnd, frech, gutmütig-höhnisch, sagte, er hätte gern bei der Anordnung der Bestattungsfeier für den ihm so huldvollen verewigten Markgrafen mitgeholfen, fühle sich aber sehr geehrt, daß man ihm das Geleite der ihm ebenso huldvollen Fürstin übertrage. Er hoffe nur, fügte er väterlich besorgt hinzu, daß die jungen Herren hier in München ohne ihn zurechtkommen würden. Er blinzelte vom einen zum andern, ging.

Friedrich war mit einem heftigen politischen Programm gekommen und bemühte sich, ehe andere, sein Vater, die Maultasch, der Habsburger dazwischentreten könnten, den Vetter darauf festzulegen. Er war durchaus nicht einverstanden mit der traditionellen wittelsbachischen Regierungsmethode, die den Bürger ausspielte gegen den Adligen, die Städte bevorzugte auf Kosten der Burgen. Diese zögernde, vorsichtige Händler- und Krämerpolitik, die den Nichtritter für einen vollen Menschen nahm und achtete, war ihm in tiefster Seele zuwider. Die Welt stand – dies galt ihm für ausgemacht – auf dem christlichen Ritter, auf dem Fürsten, der keine andere Schranke kannte als die selbstgewählten Gesetze der Ritterlichkeit. Aber die heutigen Fürsten waren ohne Stolz, machten Konzessionen hier, Kompromisse dort, waren Minderer statt Mehrer ihrer Macht. Den Adel stark machen, was darunter ist, ducken, daß es nur mehr der Schemel ist für den Fuß des Fürsten. Was Geld! Was Handel! Was Städte! Die alten, lichten Gesetze der Ritterlichkeit wieder blank putzen, Land und Reich auf sie stellen.

Der junge Meinhard hörte schwärmerisch den überschwänglichen Ausführungen des andern zu. Der kam jetzt mit praktischen Vorschlägen. Meinhard solle diese Grundsätze in seinen Ländern verwirklichen. Noch gebe es in Bayern Barone der alten Art, die das Bürgergeschmeiß zeitlebens mit geziemender Verachtung traktiert hätten. Meinhard solle mit ihm und einer Anzahl dieser Aristokraten eine Jagd-und Turniergesellschaft aufbauen auf den strengen Statuten früherer Rittergesellschaften wie der Artusrunde und ähnlicher hochadeliger Klubs. Aber dieser Bund solle keineswegs nur sportlichen Spielen dienen, es solle von ihm eine Erneuerung der ganzen Nation ausgehen. Vor allem auch solle an Stelle eines Kabinetts alter, vertrockneter Theologen und Beamten dieser Bund die eigentliche Regierung führen.

Meinhard war mit ganzer Seele dabei. Er hatte Angst gehabt vor dem Regieren; jetzt war er befreit und glücklich, daß sich das so angenehm anließ, daß man es erledigen konnte in Gesellschaft sportfreudiger Kavaliere und Kameraden, unter Führung des genialen, herzlichen, freundhaften Friedrich.

Sie setzten sich zusammen, machten die Liste der Barone, die in den Bund aufgenommen werden sollten. Ulrich von Abensberg, Ulrich von Laber, Hippolt vom Stein zuerst. Dann der Höhenrain, Freiberg, Pinzenau, der Trautsam von Frauenhoffen, Hanns von Gumppenberg, Otto von Maxlrain. Mancher Name klang nicht ganz unbedenklich, erforderte, daß man ein Langes und Breites erwog. Der junge Herzog hatte sein Murmeltierchen aus der Tasche genommen; es saß auf dem Tisch, äugte aus dickem Kopf auf die Schreibenden, wischte mit dem Schwanz hin und her. Die beiden Jungen arbeiteten, daß ihnen die Schädel rauchten.

Als am Abend Herzog Stephan eintraf, war die Regierung Bayerns so gut wie vergeben. Friedrich hatte den Vetter dringlich gewarnt, sich vor Herzog Stephan bis ins Letzte vorzusehen. So fand der den Neffen scheu, störrisch. Er wollte Unterschriften von ihm unter gewisse prinzipielle Fragen, Grenzangelegenheiten, Zollsachen. Meinhard wich aus, sagte, auf Rat Friedrichs, er wolle zunächst warten, bis sein Vater unter der Erde sei. Herzog Stephan wußte sehr wohl, daß Friedrich hinter diesem Widerstand stak. Wütete, freute sich.

Dann kam Margarete und am gleichen Tag, sehr prunkvoll, Herzog Rudolf von Österreich. Mit ungeheurem Gepräng wurde der Markgraf bestattet. Wieder sah Agnes von Flavon, daß Schwarz sie am besten kleidete. Von dem Katafalk des Toten weg, von der Markgräfinwitwe weg, von den Pfalzgrafen bei Rhein, den Herzogen beider Bayern, Österreichs weg gingen alle Augen immer wieder zu ihr.

An dem jungen Meinhard zerrten Margarete von Tirol, Herzog Stephan von Niederbayern, Herzog Rudolf von Österreich, wollten Regelungen, Verträge, Anerkenntnisse, Unterschriften. Der gutmütige, leicht lenkbare Junge, unter dem Einfluß Friedrichs, blieb fest. Am dritten Tag nach der Bestattung des Markgrafen wurde der Artusbund bayrischer Ritterschaft gegründet. Meister waren Meinhard und Friedrich, Obersten die Herren von Abensberg, von Laber, vom Stein. Mitglieder zweiundfünfzig ober-und niederbayrische Barone. Seiner Mutter, den Herzogen, die an ihm zerrten, erwiderte Meinhard, er sei durch Rittereid gebunden, nichts Endgültiges zu sagen und zu tun, ohne seine Freunde und Vertrauten, die Herren vom Artusbund, zu befragen. Verblüfft standen Stephan, Margarete, Rudolf. Wer war diese Adelssippschaft, die die Hand auf den Jungen gelegt hatte? Mißtrauisch beschnüffelte einer den andern. Nur Stephan witterte sogleich das Rechte. „Der Teufelsjunge!“ wütete er, vergnügt.

Ulrich von Abensberg war verheiratet mit der älteren Schwester der Agnes von Flavon-Taufers. Durch ihn lernte Friedrich Agnes kennen. Schwärmte. Agnes sah wohlgefällig auf den jungen, schlanken, trotzigen, ungebärdigen Prinzen. Sie übernahm das Patronat des Artusbunds. War zugegen, als die Fahne des Bundes geweiht wurde, die ihre Farben trug. Sie sagte zu Friedrich: „Ihre Politik, Prinz Friedrich, kann man mit dem Herzen mitmachen.“ Er sprach die Formel vor, aus dem Innersten, als sich die Fahne vor ihr senkte: „Pour toi mon âme, pour toi ma vie.“ Sie ging unter den klirrenden Herren herum, hatte liebenswürdige Worte, für jeden einzelnen persönlich zugeschnitten. Ihre länglichen, blauen Augen waren oft und einverständnisvoll auf dem schlanken, schwarzen Friedrich, ihre schmalen, kühnen Lippen lächelten dem Abensberger zu, mit den langen, weißen Händen streichelte sie das Murmeltier Herzog Meinhards. Alle waren begeistert und beglückt.

„Darf ich Eurer Durchlaucht Bericht erstatten,“ sagte der Frauenberger zu Margarete, „wie der Markgraf starb?“

Margarete war sehr dick geworden. Schlaff hing, in wüsten Falten, von dem äffisch sich wulstenden Maul die Haut herunter; weiter oben war sie voll von Rissen und Warzen, die die Schminke nicht mehr verdecken konnte.

„Ja,“ sagte der Frauenberger und feixte, „der Markgraf war vergnügt wie selten, als wir aufbrachen. Wir hatten getrunken, er und ich. Ich hielt mich immer bei ihm. Er fiel vom Pferd zur Seite. Er war nicht sehr entstellt. Es ist sonderbar, daß ihn in der Nähe Münchens der Schlag rührte. Ganz wie den Papa.“

Margarete erwiderte nichts. Ihre sonst so erfüllten Augen blickten starr und leer. „Na, na, Herzogin Maultasch,“ quäkte Konrad, „wir werden es mit dem Meinhard nicht schwer haben. Ein bißchen scheu, aber ein guter Kerl. Der Niederbayer hetzt ihn auf, der Friedrich, der Schwarze, der dumme Junge. Abwarten! Nicht bange werden. Einen Kuß hab’ ich wohl verdient,“ grinste er. Aber wie der Atem seines breiten Mundes ihr näher kam, zuckte sie zurück, überschauert. „Na, dann nicht,“ sagte er gemütlich.

Mit Herzog Rudolf von Österreich war auch der uralte Abt Johannes von Viktring nach München gekommen. Er war nun ganz wackelig geworden, ausgehöhlt, zitterig, hielt die meiste Zeit die Augen geschlossen, mummelte gelegentlich Unverständliches vor sich hin. Er streichelte Margarete, seine Haut war noch trockener als die ihre, er nannte sie: „Mein gutes Mädchen.“

Später ließ sie ihn zu sich bitten. Erzählte ihm von dem mattfarbenen Fläschchen, ihr Gespräch mit dem Frauenberger, Wort um Wort. Es war keine Beichte und mehr als eine Beichte. Er hockte da, verschrumpft, erloschen, sie wußte nicht, ob er verstand. Dies war auch gleichgültig; wichtig war nur, vor lebendigen Ohren zu reden. Doch als sie geendet, zitierte er einen antiken Klassiker: „Viel Furchtbares ist in der Welt, doch nichts furchtbarer als das menschliche Herz.“

Agnes wich dem Frauenberger aus, war kalt zu ihm, spöttisch. Er sagte behaglich: „Sie sind schlechter Laune, Gräfin? Mein Gesicht gefällt Ihnen nicht mehr?“ Dann klopfte er sie auf die Schulter, grinste, quäkte: „Bist doch eine Gans, Agnes. Hältst dich an die Jungen, die Gecken. Glaubst, das alte Schiff ist leck. Bist eine gute, dumme Gans, Agnes.“ Er tätschelte sie, tastete sie ab. Da sie sich ihm entzog, lachte er gemütlich, streckte sich aufs Polster, drehte sich um, gähnte lärmvoll.


Herzog Rudolf, der Habsburger, griff gierig nach den Dokumenten, die ihm sein Kanzler, der kluge Bischof von Gurk, bedeutsam feierlich überreichte. Er vertiefte sich in sie, las wiederholt, fieberisch glühte der sonst so ruhige, beherrschte Mann. Er streichelte die Papiere. Hörte auf die Erklärungen, die ihm der Kanzler, der juristisch ungewöhnlich gebildete Bischof, vortrug. Von wie ungeheuern staatsrechtlichen Folgen die Auffindung dieser Dokumente sei. Er las nochmals. Küßte feierlich fromm die Pergamente, kniete nieder, betete. Drückte dem Bischof, der gesammelt dastand und sich kein kleinstes Lächeln gestattete, voll heftigen, erregten Dankes die Hände.

Herzog Rudolf hatte von seinem Vater den harten Tatsachensinn geerbt, den klaren Blick für Realitäten, Möglichkeiten. Er wußte, daß Habsburg noch nicht stark genug war, die Verpflichtungen der Kaiserwürde zu tragen, ohne im Innersten Schaden zu nehmen. Die Wahrung des kaiserlichen Ansehens zwang zu Zersplitterung, sog am Mark. Wittelsbach und Luxemburg hatten es spüren müssen. Es gab nur eines: vorläufig auf diesen äußeren höchsten Glanz klug verzichten, sich aber im Innern so festigen, daß die Kaiserkrone schließlich wie von selbst Habsburg als dem Stärksten zufallen mußte. Dies war die Politik, die Albrecht mit so großem Erfolg vorgelebt hatte.

Rudolf sah klar und nüchtern, daß es für ihn einen andern Weg nicht gab. Eisern zwang er sich, dieses Maß zu halten. Aber er besaß nicht den ruhevollen Sinn seines Vaters, des Lahmen, der am Bewußtsein der realen Macht sein Genüge hatte. Ihn brannte es, daß ein anderer da war, der vor ihm saß, der sein Lehensherr war, der sich, und mit Recht, Römischer Kaiser nannte. Wer war denn dieser Karl, der Duckmäuser, der hagere, hohlwangige, mit seinem krausen, schmutzigen Vollbart? Er besaß Land wie jener, hatte wie jener Universitäten gegründet, Kathedralen, Paläste, die Universität Wien, den großen Dom. Jener hatte rechtzeitig die glückliche Gelegenheit gepackt, sich die Krone zu sichern; jetzt wäre es Unsinn gewesen, Kraft und Macht um dieses äußere Zeichen zu verzetteln. Aber alle Vernunftgründe hinderten nicht, daß es Rudolf kratzte, nagte, brannte, schnitt, den andern über sich zu wissen.

Er war zu stolz, seinen Kanzler solche Gedanken merken zu lassen. Aber der kluge Bischof erriet sie, erwog, wälzte in sich, wie er dem Fieber seines Herrn die kühlende Salbe schaffen könnte.

Plötzlich, eines Abends, hellte es sich ihm. Der Abt Johannes von Viktring, mit dem er gern zusammensaß, hatte ihm eben gute Nacht gesagt. Der Abt schloß sich wie jeden Abend ein, um an der Weltchronik zu arbeiten, an der er seit ewigen Zeiten schrieb. Er nahm es ungeheuer genau, hielt das Manuskript versperrt, geheim. In letzter Zeit, da er nicht mehr schreiben konnte, hatte der Uralte einen Bruder seines Klosters beigezogen, dem diktierte er. Der hatte einen heiligen Eid schwören müssen, nie einen Buchstaben zu verraten. Gab es einen Meinungsstreit, so fragte man den Abt. Was in seiner Chronik stand, galt als letzte Wahrheit wie das Evangelium.

Wie jetzt der Abt sich zurückgezogen hatte, sagte sich der Kanzler: „Was der Abt schreibt, gilt als Geschichte, ist Geschichte. Und ist doch nur Papier. Alles Gewordene, Rechte, Privilegien sind Papier. Und werden anerkannt, man kann darauf bauen. Nimmt man es genau, so steht die Welt auf Papier. Der Böhme Karl hat kluge, gelehrte Theologen, die haben um seine Krone einen Wall von papierenen Privilegien gemacht. Sind wir in Wien weniger klug und gelehrt als die in Prag?“

Er setzte sich zusammen mit dem Abt. Er erinnerte ihn an den Tod Herzog Albrechts. Wie da der Abt verkündet hatte: Defunctus est Albertus de Habsburg, imperator Romanus. Dieses Wort, sagte der Kanzler, brenne in Herzog Rudolf weiter; wie das ewige Licht in den Kapellen brenne es, Tag und Nacht brenne es. Der Uralte hörte zu mit erloschenen Augen. Der Kanzler sprach fort in halben, andeutenden Worten, der Uralte mummelte.

Auf einmal waren jene Dokumente da. Der gelehrte Abt hatte sie bei seinen Forschungen im Archiv der Hofburg aufgestöbert. Verstaubt waren sie, vergessen im Winkel hatten sie gelegen, die köstlichen Pergamente. Unbegreiflich.

Waren sie doch, wie jetzt der Kanzler dem Herzog auseinandersetzte, weit mehr als bloß historische Spielereien. Von ungeheuerm, lebendigem Belang waren sie, geeignet, Habsburg auf einen neuen, hohen, mächtigen Sockel zu stellen, unmittelbar neben den Römischen Kaiser.

Fieberisch erregt prüfte Rudolf die Papiere. Es waren fünf Urkunden. Sie waren ausgestellt von Römischen Kaisern, von dem Ersten Friedrich, dem Vierten Heinrich, gingen zurück bis auf Cäsar und Nero. Sie bestimmten, daß Haus Habsburg ausgezeichnet sein solle vor den andern deutschen Fürstengeschlechtern, befreiten es von lästigen Pflichten, begabten es mit besonderen Rechten, machten den Habsburger zu des Reiches erstem, oberstem und treuestem Fürsten.

Rudolf sah langsam, besinnlich auf, sah den Kanzler an. Ernst, feierlich, gelassen, treuherzig schaute der auf ihn zurück. Da hob Rudolf die Papiere vom Tisch, drückte sie an seine Brust, sagte fest, er sei gewillt, die Würden und Verantwortungen, die Gott durch diese Papiere ihm auferlege, auf sich zu nehmen.

Mit gewaltigem Schwung verkündete er aller Christenheit die Auffindung dieser Hausprivilegien. Große Gesandtschaften an Papst, Kaiser, sämtliche Höfe. Feierliche Messen in allen Kirchen der Habsburgischen Lande. Rudolf, ungeheuer geschwellt, ließ das Zimmer, in dem er geboren war, er, der Chef der Habsburger, den Gott begnadet hatte, diese Urkunden wieder ans Licht zu ziehen, in eine Kapelle verwandeln.

In den Kanzleien der deutschen Fürsten gab es verblüffte Gesichter. Die Juristen des Böhmen, des Brandenburgers, des Pfälzers schrieben sich, kamen persönlich zusammen, berieten mit halben, vorsichtigen Reden, schauten sich an, allen lag ein Wort auf der Zunge, keiner wagte es auszusprechen. Endlich kam von Italien her das Wort, der Chronist Villani brachte es, der um sein Gutachten angegangene Petrarca hatte es geprägt, klar, unzweideutig: Die österreichischen Hausprivilegien sind Schwindel, lahme Fälschungen. Allein man traute sich nicht, das Gutachten des Welschen zu verwerten.

Tief mißvergnügt schaute Kaiser Karl dem Treiben des Habsburgers zu. Fast verleidete es ihm seine Reliquien, daß nun auch der Nebenbuhler solche Dokumente innehatte. Er bezweifelte sehr die Echtheit der Schriftstücke, vor allem die Urkunden Cäsars und Neros schienen ihm trotz ihrer einwandfreien Latinität bedenklich. Aber gleichwohl, sogar nach dem Urteil Petrarcas, schwankte er und wagte auch vor sich selber nicht, die Pergamente schlechthin für Fälschungen zu halten.

Herzog Rudolf saß über seinen köstlichen Dokumenten, las sie wieder und wieder, vertiefte sich, prägte jeden Schnörkel, jede Faserung des Papiers in sein Herz. Der Kanzler, der Abt Johannes schauten zu. Einverständnisvoll, befriedigt sahen sie, wie tief und immer tiefer der Herzog die Privilegien in sein Credo einschloß.


Margarete blieb, nach Tirol zurückgekehrt, in ihrer leeren, befremdenden Erstarrung. Sie kümmerte sich nicht um die Regierungsgeschäfte. Die Dekrete mußten durch Kuriere dem jungen Herzog nach München geschickt werden zur Unterschrift; sie blieben wochenlang, monatelang liegen. Die Räte regierten auf eigene Faust, zögernd, mit halben Maßnahmen; denn man wußte nicht: wer wird nun endgültig die Herrschaft an sich reißen, Wittelsbach, Habsburg, die Maultasch, die Münchner Artusrunde? Die wichtigsten Dinge wurden unerledigt hingeschleppt.

Margarete war ausgeschöpft bis ins letzte. Sie hatte sich mit so unerhörter Anstrengung hochgehoben, war in den Dreck geschleudert worden, hatte sich wieder hochgerafft. Es hatte sich alles als Gerede erwiesen, es war alles dumm, verlogen, frech; Reinheit, Tugend, Kraft, Ordnung, Sinn und Zweck waren ebenso alberne Phrasen wie Herrentum und Ritterlichkeit. Der Frauenberger hatte schon recht: es gab die sieben Freuden, von denen sein unflätiges Lied grinste, und sonst nichts auf der Welt.

Mit einer fast pedantischen Gier stellte die alternde, häßliche Frau ihr Leben darauf ein. Ihre Tafeln bogen sich von Leckerbissen, sie saß viele Stunden bei Tisch, in ihren Küchen wetteiferten burgundische, sizilianische, böhmische Köche. Aus großen Bechern trank sie schwere, hitzige Weine. Von allem wollte sie haben, alles mußte sie kosten. Seltene Fische, Vögel, Wildbret, Muscheln, in immer neuer Zubereitung, gesotten, gebraten, gebacken, in Mandelmilch, in Würzwein. Unersättlich verlangte sie, daß man immer anderes herbeischleppe, gierig, voll Angst, sie könne etwas übersehen, etwas versäumen. Sie ging früh zu Bett, stand spät auf, schlief auch lange Stunden des Tages. Denn schlafen war das beste. Von dem Frauenberger hatte sie sich angewöhnt, sich zu strecken, lärmvoll zu gähnen, mit den Gelenken zu knacken. So lag die dicke, alternde Frau, grauenvoll häßlich, schnarchend. Ihr hartes, kupferfarbenes Haar zottelte in spröden Strähnen. Über dem Gesicht trug sie eine Maske aus Teig, mit Eselsmilch und einem Pulver aus Zyklamenwurzeln geknetet; denn dies erhielt die Haut jünger.

Der Frauenberger war zufrieden mit der Entwicklung der Herzogin. Ja, die Maultasch war ein vernünftiges Weib, hatte sich überzeugen lassen, hatte erkannt, daß seine Weltanschauung die rechte war. Er klopfte ihr anerkennend die Schulter. Übernahm die Organisation ihrer Freuden.

Seltsame Gerüchte raunten durch die Stadt Meran, durch das Passeier. Um nächtlichen Verkehr zu erleichtern, sei der Eisenkorb am Erkerfenster von Schloß Tirol so eingerichtet, daß er in den Hof niedergelassen, der Besucher in ihm emporgewunden werden könne. Im Fällturm des Schlosses faulten die Günstlinge, die der Herzogin unbequem geworden seien. Man rümpfte die Nase über die Privilegien des Passeier Tals, seine Schildhöfe, die Befreiung von Steuern, die Jagd-und Holzrechte.

Die Herzogin ging tiefer nach Süden. Ihr kleines Lusthaus strahlte ganz weiß; unten, schwärzlichblau, dunstete in mittäglicher Sonne der weite See. Verfallene Steinstufen führten hinunter, zwischen Granatapfelbäumen. Festlich auf großer, bunter, geschmückter Barke glitt die Häßliche über das schwarzblaue Wasser, vor dem Kiel sprangen flirrende Fische, gleichmäßig schäumten die Ruder. Aus dem Bauch des Schiffes, während sie auf dem Verdeck lagerte, klang Musik.

An ihrem Wege stand der kleine Aldrigeto von Caldonazzo. Der heftige, gewalttätige Junge, gelblichweißes, leidenschaftliches Gesicht, kurze Nase unter raschen, großen, dunklen Augen, siebzehnjährig, hatte sie in Verona gesehen, dann in Vicenza, wo ihr Can Grande der Jüngere, der mächtigste Herr der Lombardei, feierlichen Empfang gerüstet. Der kleine Baron Aldrigeto war in den zerfleischenden, blutrünstigen Kämpfen der Castelbarcer als einziger Träger seines stolzen, reichen Namens übriggeblieben. Er selber hatte wütig in mehreren Scharmützeln mitgefochten. Jetzt waren die meisten seiner Festungen und Güter in den Händen der Gegner; er hatte sich an den Hof des großen Veronesers geflüchtet, fast drohend Hilfe, neuen Kampf verlangt. Er war der letzte Nachfahr seines uralten Hauses. War maßlos verwöhnt, jeder Wallung bis an die äußerste Grenze nachgebend. Die Frauen liebten sein hartes, gelblichweißes Knabengesicht.

Er sah Margarete. Er sah sie an der Seite des großen della Scala die Stufen seines Palastes hinanschreiten zwischen ehrfürchtigen Gerüsteten und sich senkenden Fahnen, unter Glockengeläut, starr geschminkt, in mächtigem, stein-und goldübersätem Prunkkleid, abenteuerlich häßlich. Er spürte auf sich ihren langen, sonderbar leblosen Blick. Er hatte natürlich wie alle Welt die dumpfen, wilden Legenden gehört, die um sie gingen, wie sie, die Unersättliche, ihren ersten Mann vertrieben, ihren zweiten vergiftet, zahllose Liebhaber habe verschwinden lassen in grenzenloser Gier. Die deutsche Messalina hieß sie in Italien. Es schmeichelte ihm, daß sie ihn ansah. Ihn reizte ihre Macht, durch die er, vielleicht, seine Gegner erdrücken konnte. Ihn reizte das gefährliche Gerücht, das um sie ging. Er war jung, ein später Abkömmling eines uralten Geschlechts. Ihn reizte ihre Häßlichkeit.

Zwei Sommermonate verbrachte die Herzogin an dem weiten See mit dem Knaben Aldrigeto. Es war brütend heiß, sie waren auch die Nächte fast immer im Freien. Sie hatte Zelte aufschlagen lassen auf einer kleinen Halbinsel am südöstlichen Ufer, unter den Trümmern lateinischer Villen, zwischen uralten Oliven. Sie lagen in Hängematten, unter Moskitonetzen. Schwärzlichblau, ehern lag der See.

Es geschah das Seltsame, daß der wilde, gelblichweiße Knabe die Häßliche zu lieben begann. Er war schön, schlank, gelblichweiß wie die zerbrochenen Statuen, die da und dort unter den Ölbäumen herumstanden. Sie war ein großes, mächtiges, starres, zaubervolles, häßliches Götzenbild. Was waren die jungen, schlanken, heißen Mädchen, die schwerer atmeten, wenn er in ihre Nähe kam? Gänse waren sie, leer und dumm und albern waren sie, eine wie die andere. Die Herzogin war etwas ganz Besonderes, einmalig, voll von uraltem Wissen, die Herrin des Landes in den Bergen, eingesperrt in ihrer rätselvollen, machtvollen, einsamen Besonderheit. Er hängte alle seine Träume um sie herum. Längst war es nicht mehr Ehrgeiz, Eigennutz, Neugier, was ihn an sie band. Wenn er ihr vorschwärmte von dem großen Reich, das er zusammenschweißen wollte vom Po bis zur Donau, wenn sie dann langsam ihre traurige, starre, unsäglich häßliche Fratze ihm zuwandte, geschah es, daß er mitten im Wort abbrach, versank. Etwas in diesem Gesicht ergriff ihn panisch, überschauerte ihn, band ihn geheimnisvoll, unlöslich. So waren sie zusammen in dem brütenden Mittag, die Herzogin, ein großes, tristes, altes Sagentier aus einer versunkenen Zeit, umkrustet mit den Narben zahlloser Kämpfe, träge von endlosem Erleben, und der Knabe, palmenschlank und biegsam, der letzte, späte Enkel der ungeschlachten Eroberer, mit heißen, dunkeln Augen aus dem weißen Gesicht in eine Zukunft schauend, die für jene Vergangenheit war.

Sie zerlegte einen Granatapfel. Der blutige Saft troff über ihre geschminkten Finger. Ihr weiter, wüster Mund nahm die glasklaren Kerne auf, sie zerspritzten unter ihren schrägen, großen, malmenden Zähnen. „Wie seltsam!“ dachte sie. „Dieser Knabe schaut zu und ihn ekelt nicht. Es scheint fast, er hält sich nicht aus Eigennutz zu mir. Ich bin alt geworden, leer, trocken, und jetzt kommt einer und liebt mich.“ Sie dachte an Chretien de Laferte, sie strich mit ihrer plumpen Hand über Aldrigetos strahlend schwarzes Haar. Mit einer jähen Bewegung warf der Knabe den Kopf herum, biß sie in die Hand. Dann lachte er, nicht bösartig. Silbern standen die Oliven, dunstig im Mittag flirrten die stillen, trägen, seligen Ufer des Sees.

In Tirol indes, während die Herzogin in Italien war, ging das Gerede um sie immer dicker und schwefliger. Sie sei eine Hexe, hieß es, sie sauge den Männern nächtlich das Blut aus, sie könne an zwei Orten zugleich sein; in Tramin hatten sie, während sie leibhaft in Verona war, ein Weib auf dunkelrotem Pferd durch die Luft reiten sehen. Immer öfter mußte die Obrigkeit Leute stäupen lassen, die unehrerbietig von der Herzogin gesprochen hatten.

Margarete lag schlaff und faul herum an den Ufern des Sees. Stunde, Tag, Monat stand still. Fuhr die Barke unter den Bäumen hin, dann war der See plötzlich tot, Schatten weckten einen unheimlich, überfrostend aus dem warmen Hindämmern. Der Knabe Aldrigeto liebte sie also. Er war schlank, schön, die Blicke der Frauen feuchteten sich verlangend, wenn sie ihn trafen, und er liebte sie; aber sie war zu leer und ausgehöhlt, sich daran zu freuen. Fernher dachte sie an den Frauenberger: Schlafen ist das Beste. Mit einem matten Verlangen wünschte sie nur eines: immer so bleiben, immer so dahindämmern in dem brütenden Sommer, schlaff, still verdunsten wie das besonnte Wasser.


Die Münchner Adelsgesellschaft, die bayrische Artusrunde, hatte sich mittlerweile konstituiert. Mit großem Zeremoniell vollzog sich Gründungsfeier, Aufnahme und Ritterschlag der einzelnen Mitglieder, Fahnenweihe, Krönung der Agnes von Flavon zur Königin des Bundes. Dann ein großes Turnier, Galatafeln, ausgedehnte Treibjagden.

Den jungen und gewalttätigen Herren des Bundes behagten die Grundsätze des Prinzen Friedrich außerordentlich. Sie waren da, sie waren jung, sie waren die Welt. Sie waren erfüllt von einem unbändigen Herrentum, randvoll von dem Bedürfnis, um sich zu schlagen, zu schreien, zu toben, einen endlosen, lustigen Lärm zu machen. Die Welt anzufüllen mit ihrer Jugend, die nicht wußte wohinaus, ihrer ziellosen, zwecklosen Kraft, ihrem Durst, irgend etwas anzustellen, zu tun. Nun hatte Prinz Friedrich diesem vagen, gewalttätigen Drang einen schönen, klingenden Namen gegeben, etwas, das aussah wie Sinn, Idee, Ideal. Die jungen, übermütigen, rauflustigen Barone fühlten sich plötzlich als Träger einer Mission, sie hatten Gott, Recht, Macht für sich, waren glücklich.

Wo soff und fraß man so gewaltig wie am Münchner Hof? Wo gab es größere Jagd? Wo gab es soviel Tote bei Turnieren, soviel festliches Gelärm? Die Brocken für die Narren und Zwerge, die zwischen den Beinen der Gäste herumkrochen, waren reicher als die Herrentafel manches kleinen Fürsten. Die jungen Barone waren so geschwellt von Rauflust, daß sie Wildfremde anfielen: „Gibt es eine edlere Frau als Agnes von Flavon?“ und wenn der Gefragte erwiderte, er kenne die Dame nicht, ihn zu Tode fochten. Sie brannten nach ihren Jagden Bauernhäuser, ganze Forsten nieder zur festlichen Beleuchtung ihrer nächtlichen Gelage im Freien.

Die höfischen Tänze waren zu fein und zu umständlich. Die Sackpfeife quäkte an Stelle der Flöte, an Stelle der Harfe knurrte der Fotzhobel. Man tanzte grobe Bauernreigen, den Ridewanz, den Hoppeldei, andere plumpe, ungeschlachte Tänze, sang dazu, sich die Schenkel klatschend, unflätige Verse. Fuhr herum wie die wilden Bären, hob die Frauen hoch, daß die Röcke über den Kopf flogen, streckte sie unter maßlosem Gelächter auf wenig ehrbare Weise zu Boden. Man spielte Würfel, sinnlos, erhitzt, verspielte Höfe, Burgen, Herrschaften, schenkte sie vielleicht zurück, schlug gelegentlich den Partner tot. Dazwischen torkelten Besoffene, konnten den Wein nicht bei sich halten. Man sang grobe, schmutzige Lieder, durch die nächtlichen Gassen Münchens grinste, kreischte in gröhlendem Rundgesang das Lied des Frauenbergers von den sieben Freuden.

Der junge Herzog Meinhard ging dick, gutmütig, dümmlich und vergnügt in dem tosenden Getriebe herum, fühlte sich stolz als der Mittelpunkt dieses festlichen und berühmten Geweses, das in seinem Namen veranstaltet wurde. Lächelte jeden wohlwollend an, sagte, heute sei alles wieder besonders gut geglückt. Blickte schwärmerisch zu dem schlanken, dunkeln Prinzen Friedrich auf. Streichelte seinen kleinen Siebenschläfer Peter, erzählte dem aufmerksam blickenden Tierchen, daß er sich sehr wohl fühle, daß das Regieren eine leichte, einfache Sache sei, viel angenehmer als er erwartet habe.

Agnes ließ sich lässig und mit Wohlgefallen in der Verehrung und dem Überschwang dieser vielen Jugend treiben. Ganz leise merkte sie hier und dort eine sprödere Stelle der Haut oder eine schlaffere, ein winziges, trockenes Fältchen in der Lippe, am Aug’, ein gebleichtes Haar, spürte, wie ihre Bewegungen um ein kleines mühsamer, träger, fetter wurden. Sie brauchte die tosende Verehrung dieser vielen jungen Menschen als Bestätigung ihrer Wirkung, sie brauchte ihre geräuschvolle Anhimmelung, sie schwamm darin, sie ließ sich von der hemmungslosen Anbetung des Prinzen Friedrich wohlig überspülen.

Der Prinz von Bayern-Landshut vergaß über dem Getümmel nicht seine politischen Pläne. Er sah nicht Lärm und Roheit, er sah Macht; er sah nicht Völlerei und Schlemmerei, er sah Herrentum und Glanz. Mit den Führern der Artusrunde, dem Abensberg, Laber, Hippolt vom Stein riß er die Leitung der ganzen Geschäfte an sich. Der junge Herzog vertraute ihnen an, was immer sie wollten: Pflegnis, Rat, Amt, Siegel. Bei Tafel, auf der Jagd wurde regiert. Hochmütig, zwischen zwei Bechern Weins, wurden Städten ihre Privilegien abgesprochen, Bauern sinnlos harte Fron auferlegt. Die alte Vorschrift, die Wildbret und Fisch dem Tisch des Bauern versagte, dem Herrn vorbehielt, wurde streng erneuert. Die Hofhaltung Meinhards, die Vergnügungen der Tafelrunde waren außerordentlich kostspielig. Die Domänen wurden vergeudet, die Zölle, Gefälle, Gelder der Städte den öffentlichen Bedürfnissen entzogen, für die Zwecke der Artusrunde verbraucht. Die Steuern wurden erhöht. Der Wildschaden stieg ins Ungemessene, der Bauer, der sich selbst zu helfen suchte, wurde grausam zu Tode gehetzt. Einzelne Herren der Artusrunde überfielen wohl auch die Transporte der Kaufleute, erst war es Scherz, später willkommene Bereicherung. Handel und Gewerbe stockten durch die Unsicherheit der Straßen.

Die Städte murrten, die Bauern stöhnten. Die Tiroler Herren standen an den Grenzen, Herzog Stephan, der Habsburger, untätig noch, aber mit drohenden Augenbrauen. Zuweilen erschien der Frauenberger in der Artusrunde, als Gast; zur Mitgliedschaft wurde er nicht aufgefordert. Er war indes keineswegs gekränkt, machte Späße, stachelte an; es war nicht zu leugnen, er verstand gut, die Herren zu animieren. Herzog Stephan schickte scharfe Botschaft an seinen Sohn, er werde seiner Erbschaft Niederbayern verlustig gehen, kehre er nicht nach Landshut zurück. Prinz Friedrich antwortete nicht, warf den Gesandten in Fesseln.

Auch der Habsburger, wiewohl er klüger und leiser sondierte, fuhr in München nicht gut. Herzog Rudolf hatte ein Bündnis mit dem König von Ungarn gegen Kaiser Karl geschlossen. In einem vertraulichen Schreiben forderte er Meinhard auf, in dieses Bündnis einzutreten, den Kaiser für den natürlichen Feind des Wittelsbachers ansehend. Allein Prinz Friedrich, im Verfolg maßlos dünkelhafter Prestigepolitik, erachtete keinen Reichsfürsten, sondern nur den Römischen Kaiser für Wittelsbach gleichbürtig, alliierte sich nicht mit einem gewöhnlichen Territorialherrn, schon gar nicht mit dem anmaßlichen Habsburger. Nein, Wittelsbach stand, und mochten auch politische und ökonomische Gründe dagegensprechen, aus idealen Motiven stolz und adelig zu dem einzigen ihm ebenbürtigen Deutschen, zum Römischen Kaiser.

Auf seinen Kolben bei Tafel steckte ein buntscheckiger, buckliger Hofnarr den vertraulichen Brief des Habsburgers, des Ersten, Obersten, Treuesten Fürsten des Reichs. Von Gast zu Gast lief der vielgefleckte Zwerg, mit zahlreichen, tiefen Verneigungen, wies auf seinem Kolben das geheime, bösartig den Kaiser verunglimpfende Schreiben des Österreichers. Dann schickte Friedrich im Auftrag Meinhards den durchlöcherten, besudelten Brief mit einem hochtrabenden Begleitschreiben als Gleicher dem Gleichen dem Kaiser nach Prag.

Auf einer Barke kam zur Halbinsel im Südosten des Sees der uralte Johannes von Viktring. Er war begleitet von zwei Klosterbrüdern und führte mit sich in verschlossener Truhe seine Chronik, „Das Buch gewisser Geschichten,“ das er nun endgültig abgeschlossen hatte.

Der Uralte war jetzt ganz ausgetrocknet und sehr weise. Er hatte so vieles gesehen, alle Menschen und Ereignisse mit schönen Versen begleitet, alle Dinge gewogen und in seinem Buch aufgezeichnet. Was noch geschah, das konnten immer nur Variationen von dem sein, was er geschildert. Zudem hatte er erfahren, daß ein Italiener, ein gewisser Giovanni Villani aus Florenz, an einer ebenso weit und gründlich angelegten Chronik arbeitete wie er selber. So hoch er jetzt über Wallungen und eitlen Erregungen des Gemüts stand, so hatte es ihn doch verdrossen, als er das Werk des Italieners von klugen und urteilsfähigen Männern sehr rühmen hörte. Der ehrsüchtige welsche Literat machte es sich leicht; er arbeitete mit sensationell aufgeputzten, auf starken Effekt hinzielenden Schilderungen, während er, der verantwortungsvolle Gelehrte, feilte, rundete, Daten, Fakten solid fundierte, immer das Werk als Ganzes im Auge haltend. Jetzt also hatte er sich entschlossen, den großen Punkt zu setzen. Er diktierte seinem Bruder Sekretär mit einem wissenden Grinsen unterstrichen falscher Bescheidenheit: „Ich aber überlasse es späteren, die zukünftigen Ereignisse besser zu berichten, und beende hier meine Aufzeichnungen, und zwar, wie ich wenigstens selbst gern möchte, in guter und der Geschichte würdiger Weise.“ Er mummelte ein Weniges, kicherte, legte dem Bruder Sekretär die dürre Hand auf die Schulter, diktierte voll falscher, gespielter Demut den letzten Satz: „Sollte es aber weniger gut geraten sein, so möge es mir verziehen werden als unternommen zum Ruhm der heiligen und unteilbaren Dreieinigkeit, welcher sei Ehre, Lob, Preis und Erhabenheit in alle Ewigkeit. Amen.“

Und jetzt also saß der Uralte unter Oliven und tausendjährigem Gemäuer und überreichte der Herzogin das Werk, bei seiner aufmerksamen Schülerin Verständnis erhoffend. Margarete lag in der Hängematte, schüttete gekühlten Orangensaft in ihren großen Mund; faul, schlank, weiß dehnte sich der Knabe Aldrigeto, träg sich moquierend über den zahnlosen Greis.

Als der Abend kam und es kühler wurde, ließ sie sich von dem Bruder Sekretär vorlesen. Die geübte, dunkle, gleichmäßige Stimme des Klerikers rezitierte Widmung und Vorrede des Abtes. Unter Anführung vieler Zitate sprach er davon, wie Leben und Wirklichkeit Geschichte wird, wie nichts bleibt vom Leben und Sein als Geschichte, und wie Geschichte der letzte Zweck alles Tuns ist und seine beste Basis. Was bleibt von großen Männern als ihr Gedächtnis, das gleich ist dem Duft, den mit Äpfeln beladene Schiffe auf unserm Ufer zurücklassen, wenn die Schiffe schon weit am jenseitigen Ufer sind? In diesem Sinne begann er aufzurollen das Bild der letzten hundertundzwanzig Jahre, ein Bild von der Kürze des menschlichen Lebens, der Vergänglichkeit der Natur, der Unbeständigkeit des Glücks, dem schnellen und flüchtigen Wechsel irdischen Ruhmes.

Margarete dachte: „Das alles weiß ich, und es trifft mich nicht mehr. Mein Programm liegt hinter mir.“ Aber mählich, wie die dunkle, gleichmäßige Stimme des Klerikers weiterkam in den vielfältigen Begebnissen, wie die bunten, einfältigen, schlauen, frechen, milden, großen, kleinen Historien einander ablösten, alle abgekühlt, gut gebettet, jede so da und so vorbei wie die vorhergehende und wie die folgende, mählich da riß es sie mit, sie glitt hinein in den gemalten Strom der Zeit. Meinhard, der große Graf von Tirol, der starke, schlaue, unbedenkliche: sie war ein Teil von ihm. Diese Gebiete, die da so lange getrennt gewesen waren: sie hatte das ihre getan, sie in der rechten Art zusammenzukneten. Diese Städte, die als kleine, lächerliche Siedlungen begonnen: sie hatte das ihre getan, sie groß und blühend zu machen.

Und jetzt war sie aus dem breiten, fließenden Strom ausgeschieden, abgespaltet, brackiges, schlaffes, totes Wasser. Ihr Leben auf der kleinen Halbinsel kam ihr plötzlich unsäglich albern vor. Die Ölbäume, das alte Gemäuer, der Orangenhain, was war das anders als eine leere, dumme, protzige Dekoration? Wie war es möglich, sich zu verstecken in dem toten, brütenden, einsamen Sommer, während draußen heftige, wilde, zerstörerische Dinge geschahen, in ihrem Land, während die deutschen Fürsten sich balgten um ihren armen, lächelnden, blöden Sohn? Was hatte sie statt dessen? Den Knaben Aldrigeto, einen hübschen, kleinen Jungen.

Den ganzen andern Tag las sie in dem „Buch gewisser Geschichten“. Der Uralte strahlte, trank gegen seine Gewohnheit Wein, die größere Hälfte mit zitternder Hand verschüttend, wackelte mit dem Kopfe. Dann schickte sie einen Eilkurier nach Vicenza zu Can Grande, sie habe ihn dringend zu sprechen.

Nahm mit einem tiefen, gütigen Lächeln leichten Abschied von dem Knaben, strich über sein strahlend schwarzes Haar, streichelte sein gelblichweißes, heftiges Antlitz. Sagte, sie werde in drei Tagen zurück sein. Der Knabe ließ sich ihre Zärtlichkeiten faul gefallen, preßte plötzlich mit kräftigen Fingern schmerzhaft scherzend ihr Gelenk, ließ sie lächelnd fahren.

In Vicenza hatte sie mit dem Herrn della Scala eine kurze Unterredung. Der kluge, mächtige, energische Herr mochte die Herzogin gut leiden, man konnte mit ihr rasch und sachlich verhandeln. Sie sagte, die Episode mit dem kleinen Aldrigeto sei nun zu Ende; sie habe den Knaben in guter, freundlicher Erinnerung. Da sie ihn in solcher Erinnerung behalten wolle, möge Herr della Scala ihr die Gefälligkeit erweisen, dafür zu sorgen, daß jener verschwinde. Can Grande schaute sie mit klaren, braunen, gewölbten Augen aus dem starken, fleischigen Gesicht aufmerksam und verständnisvoll an, neigte sich höflich.


Aus brütender, sommerlicher Versunkenheit tauchte Margarete empor in die frischere Luft der heimatlichen Berge. Man begrüßte sie ohne Schwung. Das Land litt. Die Münchner Regierung der Artusrunde, von den Launen der Agnes abenteuerlich hin und her gerissen, preßte experimentierend hier und dort an Tirol herum, machte das Land krank. Die Städte verfielen, der Bauer, zusammenbrechend, knurrte. „Die Maultasch macht uns kaputt,“ hieß es. „Sie saugt uns das Blut aus. Jetzt, wo der Markgraf tot ist, erweist es sich klar, daß alles Gute von ihm kam, alles Schlechte von ihr.“

Margarete, mit kräftiger Hand, riß die Zügel an. Rottete die schlimmsten Übelstände aus. Milderte den Vollzug der Vorschriften, die von München kamen. Das Volk atmete auf: „Ah, nun hat, endlich, Agnes von Flavon eingegriffen! Die schöne, gesegnete Agnes! Unser Engel, unsere Retterin.“

In der Loggia von Schloß Schenna saß mit dem Schloßherrn Margarete. An den Wänden schritten die bunten Ritter, Garel vom Blühenden Tal, der Löwenritter. „Wie gut, daß Sie aufgewacht sind!“ sagte Herr von Schenna. Hell und freundlich lagen die Berge, sich drängend, gewellt. Frischer Wind ging, Obst und Wein lag fast gereift, besonnt.

„Warum haben Sie mich nicht früher geweckt?“ sagte Margarete.

„Sie mußten durch diesen Sommer allein hindurch, Herzogin Margarete,“ sagte Schenna.

Der Frauenberger quäkte: „Wie schade, daß Sie schon Schluß gemacht haben, Herzogin Maultasch! Er war ein hübscher Junge, gelblichweiß, südlich. Und Ihnen so hemmungslos ergeben. Das findet sich nicht alle Tage. Was haben Sie hier? Arbeit, Dreck, Mist. Hätten Sie die Münchner Lausbuben ihren Fasching ruhig zu Ende hetzen lassen. Die wären schon von allein an ihrer Tollheit erstickt.“

Die Herzogin fuhr beschwerlich in schneereichem Januar nach München, sich das Gewese der bayrischen Artusrunde an Ort und Stelle zu beschauen. Mit Mißtrauen, Zurückhaltung, starrer Höflichkeit wurde sie in der Hauptstadt empfangen. Meinhard, als sie fester zupacken, klare Auskunft von ihm haben wollte, drückte herum, blöde lächelnd, sagte, er regiere zusammen mit seinen ritterlichen Kameraden, stammelte etwas von Weiberregiment, warf sich schließlich in die Brust, ein paar Worte des Prinzen Friedrich von den aristokratischen Grundsätzen deklamierend, die an Stelle des jämmerlichen, krämerhaften, modernen Pöbelregimes gesetzt werden müßten. Sie hatte eine Unterredung mit dem Landshuter Prinzen. Der erklärte ihr schlank, kühl, höflich, hochmütig, seines Wissens sei Herzog Meinhard mündig. Es stehe bei ihm, wem er sein Siegel anvertrauen wolle. Ihr mütterlicher Rat werde stets gehört werden. Weiter kam sie nicht.

Überall stieß sie auf Agnes. Ihre Farben, ihre Sitten, ihre Launen, Moden, Neigungen gaben dem Hof sein Gesicht, bestimmten die Regierung des Landes.

Agnes machte der Herzogin den Besuch, den die Etikette verlangte. Schlank, schlicht saß sie vor der häßlichen, plumpen, geschminkten, prunkenden Margarete. Ihre tiefen blauen Augen lächelten höflich in selbstverständlichem Triumph in die erfüllten, dringlichen, drohenden der andern. Im Kamin brannte ein starkes Feuer, der Duft des verbrennenden Sandelholzes füllte den großen, dunkeln Raum.

„Sie leben jetzt immer in Bayern, Gräfin Agnes?“ fragte Margarete.

„Durchaus nicht, Frau Herzogin,“ erwiderte Agnes, und ihre etwas scharfe Stimme stach grell ab von der warmen, dunkeln Margaretes. „Ich beabsichtige schon in den nächsten Wochen nach Taufers zu gehen. Nötig freilich ist meine Gegenwart nicht. Ich habe tüchtige Beamte; auch hat Herr von Frauenberg die Liebenswürdigkeit, sich der Verwaltung meiner Güter anzunehmen.“

Die Herzogin betrachtete Agnes still und aufmerksam. Sie war ein klein wenig voller geworden; aber ihre Haut war ganz glatt. Sie saß leicht und elastisch; der Hals stieg zart und ohne Falte aus dem dunkeln Kleid. Die Verehrung all dieser Jugend war ihr offenbar ein feiner Jungbrunnen, besser als Bad und Schminke. So sicher und voll Sieg saß sie, daß kaum mehr Hohn um ihre schmalen Lippen war.

„Sie beschäftigen sich neuerdings viel mit Politik?“ fragte Margarete.

„Nein, gnädige Frau,“ sagte Agnes, sie war sehr aufmerksam jetzt und auf der Lauer. „Der Herr Herzog und Prinz Friedrich fragen mich zuweilen um meine Meinung. Ich halte dann nicht zurück; warum auch sollte ich? Aber es ist die Meinung einer törichten Frau und will nicht mehr sein.“ Sie sprach außerordentlich verbindlich.

„Ich halte Ihre Meinung nicht immer für die rechte, Gräfin Agnes,“ sagte Margarete. „Ja, ganz ehrlich, ich bin überzeugt, daß sie dem Lande zuweilen schädlich ist. Ich will Ihnen etwas vorschlagen,“ sagte sie heiter, fast scherzend. „Wie wäre es, wenn Sie Ihre Meinungen auf Bayern beschränkten?“

Agnes erwiderte sehr angeregt, mit der gleichen, leichten, herzlichen Munterkeit wie Margarete. „Sie sind mein Souverain, gnädige Frau. Aber ist nicht auch Herzog Meinhard mein Souverain? Wenn er nun meine Meinung über eine tirolische Angelegenheit durchaus hören will? So freudig ich jedem Wunsch Eurer Durchlaucht folge, wenn der Fürst meine gewiß törichte Ansicht verlangt, darf ich sie ihm verweigern? Und es kostet Sie doch gewiß nur einen Hauch, und mein albernes Gerede ist weggeblasen.“

Die beiden Damen schauten sich an, beide lächelten. Der Sieg um die Lippen, in den Augen der Schönen war vielleicht um eine Spur satter geworden. Dann sprach man von anderem. Von den baulichen Veränderungen der Münchner Hofburg, von den Haarnetzen, die jetzt wieder aufkamen von Prag her. Margarete hatte ein schweres, goldenes Gewebe über ihre spröde, harte, gefärbte, kupferne Frisur gelegt. Agnes fuhr sich lässig über ihr starkes, leuchtendes Haar; sie konnte sich mit der neuen Mode nicht befreunden.


Kaiser Karl residierte in großem Prunk in Nürnberg. Hielt Galatafel, Turnier. Empfing die Ratsherren der Stadt. Fremde Künstler, Gelehrte. Hatte mit ihnen lange, behaglich interessierte Gespräche. Ruhte fern seiner Hauptstadt von den Geschäften aus. Nahm teil an den großen Faschingsfesten, die die reiche Stadt zu Ehren der Römischen Majestät rüstete.

Der Bart des Kaisers, ein stumpfer Keil, begann sich stark zu verfärben, die Haut des hageren Gesichts wurde grau, zerknitterte. Aber lebhaft, schlau, sehr wach blickten über der etwas platten Nase die raschen Augen, der lange, knochige Körper war schnell, sicher.

Der Kaiser war sehr vergnügt. Er hatte zugewartet, bis er ganz fest in der Macht saß. Erst dann hatte er ein Kind gezeugt. Gott hatte seine abwägende Vorsicht gesegnet: es war ein Sohn geworden, ein schwerer, gesunder Knabe, dem er das Reich vererben konnte. Der beglückte Vater hatte das Gewicht des Kindes in lauterem Golde als Weihgeschenk nach Aachen gesandt; dann war er unter seinen Reliquien gekniet und hatte den Gebeinen verkündet: „Ich, Karl der Vierte, Römischer Kaiser, habe einen Sohn und Erben. Ihr lieben, verehrten Heiligen, ihr hocherlauchten Märtyrer! Betet für Wenzel, meinen Sohn!“

Heiter jetzt saß er in Nürnberg, freute sich seiner Dichter und Architekten, vermied Politik, sprach mit seinem Kanzler, dem vielerfahrenen, weltläufigen Theologen, leicht und frei über menschliche und göttliche Dinge, vermehrte seinen Besitz an Reliquien und sonstigen Kostbarkeiten, erlustierte sich an Schlittenfahrten, Mummenschanz, Turnier.

Unerwartet in diese unbeschwerten Tage brach die Herzogin Maultasch. Tief erstaunt waren der Kaiser und seine Herren. Margarete hatte, seitdem Karl sie in Schloß Tirol belagert, zu ihm nur kühle, sehr förmliche Beziehungen unterhalten. Ihre Ankunft, schrieb der Kanzler seinem Freund, dem Erzbischof von Magdeburg, sei eines der fünfzehn Wunderzeichen vor dem Jüngsten Tag. Er machte sich weidlich lustig über die deutsche Messalina, diese moderne Kriemhild, die da zu Hofe fahre, nachdem sie ihr Leben hindurch um ihrer eigenen Liebe und Hasses willen Land und Leute in Kummer und Elend gestürzt. Er schilderte, wie sie beim Turnier in der Loge saß, neben der schönen Prinzessin Hohenlohe, die plumpe Frau, bewarzt wie eine Kröte, dick wie ein Bierbrauer.

Der gutgelaunte Kaiser empfing seine ehemalige Schwägerin mit Wohlwollen und Ironie. Ei ja, sie waren zusammen jung gewesen. Er hatte damals, als er das italienische Abenteuer seines Vaters liquidierte, manches gute Gespräch mit ihr geführt. Sie war eine kluge Prinzessin gewesen, aber doch wohl eben nicht maßvoll genug. Sie hatte unersättlich von allem haben wollen, so war ihr schließlich alles zerronnen. Er hatte sein Temperament klug gezügelt, er war Römischer Kaiser und hatte einen Sohn, dem er eine festgefügte Herrschaft hinterlassen konnte. Sie irrte herum in der Welt, ein schwächlicher, ungeratener Junge vergeudete ihre Länder, war Spielball in der Hand eines jeden, der ihn zu nehmen wußte. Sie hatte seinen Bruder Johann höhnisch, schmählich aus Schloß Tirol ausgesperrt; man mußte es dann vor der Kurie so drehen, als könnte aus der Ehe mit Johann kein rechter Erbe kommen. Der Kaiser konnte es sich nicht versagen, ihr den stattlichen, schmucken Sohn Johanns vorzustellen. Wer hatte nun den rechten Erben, sie oder Johann?

Alte Geschichten. Alte Geschichten. Margarete nahm Ironie und Demütigung still hin, mit einer geschäftsmäßigen Ruhe, die sie vielleicht von dem Juden Mendel Hirsch gelernt, mit einem Gleichmut, der die Einleitungsformalitäten ruhig über sich ergehen läßt, um nur ans Ziel zu kommen. Dann klagte sie. Klagte über die törichten Gewalttätigkeiten der Artusritter, die das Land ruinierten. Der Kaiser hörte zu; in ihm grinste eine jungenhafte, hämisch die Zunge weisende Schadenfreude. Er versicherte ihr sein persönliches Interesse, betonte aber, er habe sich jetzt nach so vielen Jahren einer anstrengenden Regierung für einige Wochen Ferien gemacht. Die Sache sei letzten Endes nur eine Angelegenheit des Hauses Wittelsbach. Er werde sie aber, nach Prag zurückgekehrt, trotzdem in wohlwollende Erwägung ziehen. Auch bei einem wiederholten Vorstoß erreichte Margarete nicht mehr; sie hatte sich umsonst gedemütigt. Karl war offenbar fest entschlossen, der inneren Schwächung der Wittelsbacher in schmunzelnder Neutralität zuzuschauen.

Im übrigen behandelte der alternde Kaiser die Herzogin mit einer übertriebenen, amüsierten, fast parodistischen Galanterie, die Margarete früher aufs Blut gereizt hätte. Es würzte ihm die gehobene Heiterkeit seiner Ferien-und Faschingstage, sein Glück, seine Erfolge zu unterstreichen durch die Folie dieser im Grunde gescheiterten Ehrgeizigen. Fast gutmütig scherzte er mit seinem Kanzler über die Maultasch. Sie zeigte sich ohne Scheu, im hellsten Licht, schmuckstrotzend wie ein Götzenbild, an der Seite des Kaisers. Das Volk staunte sie groß an. Sie starrte nur auf ihr Ziel: Tirol, die Städte. Agnes verjagen, das Land Agnes aus der Hand reißen. So angefüllt davon war sie, daß sie mit keiner leisesten Ahnung merkte, was sie dem Hof und der Stadt war: die groteske Krone dieses Karnevals.


Agnes war sehr belebt durch die Unterredung mit Margarete. Die Herzogin hatte einen Vergleich angeboten, weiteren Kampf angesagt. Hatte, auf Umwegen, ihre Niederlage einbekannt.

Agnes wußte, daß die Artusrunde allein das Land nicht auf die Dauer halten konnte. Die Städte, der ganze Adel, soweit er nicht dem Bund angehörte, bäumten auf. An den Grenzen stand lauernd der Habsburger, drohend der Wittelsbacher. Drängte jetzt noch von Süden her die Maultasch an, dann war es Narretei, ohne Allianz das Land halten zu wollen.

Prinz Friedrich wollte das nicht wahr haben. Schlank, dunkel, trotzig stand er, deklamierte überzeugt von seinem Schwert und seinem Recht. Er gefiel Agnes sehr. Aber sie dachte an den Frauenberger, wie der wortlos mit seinem jovialen, gefährlichen Lächeln den ganzen knabenhaften Überschwang in kahle Nebel entzauberte. Sie seufzte ein kleines, träges Seufzen, strich dem Prinzen über das dunkle Haar, begann vorsichtig eine Aussöhnung anzuregen mit seinem Vater, mit dem Herzog Stephan, daß Wittelsbach geschlossen stehe gegen Habsburg, gegen die Maultasch. Wie gestochen fuhr der Prinz herum, trotzte auf, tief gekränkt, daß sie ihm das zumute. Agnes schwieg, lächelte mit ihren kühnen Lippen, fuhr fort, sein Haar zu streicheln.

Wenige Wochen später schlossen Stephan von Niederbayern und die Pfalzgrafen Ruprecht der Ältere und der Jüngere bei Rhein einen Bund mit Rat und Bürgern von München und elf anderen bayrischen Städten sowie mit zweiundzwanzig bayrischen Baronen gegen diejenigen, die sich Artusritter hießen und den Herzog Meinhard seinen Ländern und Leuten entfremdeten. Sie sprachen den Ministern, die sich Meinhards, seiner Pflegnis, seines Rates und Amtes angenommen, ihr Anerkenntnis ab, erklärten das Regierungssiegel des Artusbundes für ungültig, die Gesetze und Verordnungen, die jene erlassen hätten, für kraftlos. Sie verpflichteten sich, den jungen Herzog der Schmach zu entreißen, in welche jene ihn gestürzt, dahin zu wirken, daß er seine fürstliche Gewalt besser wahrnehme und handhabe.

Die Artusbrüder machten große, grölende Worte, nahmen ein paar Münchner Bürger als Geiseln fest, erklärten, sie würden die Meuterer an den Beinen aufhenken lassen wie räudige Hunde. Indessen wurden in einzelnen Städten im Oberland Truppen des Artusbundes entwaffnet und gefangengesetzt, Steuerbeamte, die Gelder erheben wollten, verprügelt. Die Münchner Tafelrunde hielt sich an den Geiseln schadlos, mißhandelte sie, hieß sie den Boden rein lecken, zwei wurden schmählich aufgehängt. Das verhinderte nicht, daß die Truppen der Barone von Tag zu Tag weniger wurden, während im Norden Herzog Stephan ein Heer zusammenzog. Die trotzigen Herren dachten nicht daran, ihren Bund gutwillig aufzulösen. Im großen Saal der Münchner Hofburg schworen sie, mit gekreuzten Schwertern, feierlich Einigkeit und Widerstand bis zum Untergang. Herzog Meinhard stand benommen, erhoben, dümmlich und überflüssig bei diesem Akt herum; heimlich streichelte er sein Murmeltier Peter, heftig dann schrie er im Chor mit, als die andern beteuerten, sie würden sich nicht unterwerfen, niemals, niemals, niemals!

Es begann nun für den Herzog ein wildes Wanderleben, dessen Sinn er nur sehr teilweise begriff. Er wurde herumgeschleppt auf den Burgen der Artusritter, von einer zur andern. War auf Schloß Laber, Pinzenau, Maxlrain, Abensberg. Man jagte, soff. Berannte ab und zu die Burg eines aufständischen Barons. Eroberte Schloß Wörth, zwei Burgen des Oberjägermeisters von Kummersbruck, des Vertrauten des alten Markgrafen. Die Maßnahmen, zu denen der Herzog seine Unterschrift gab, wurden immer wilder und sinnloser. Ein Marktflecken, dessen Steuerertrag hinter den Erwartungen zurückgeblieben war, wurde dem Erdboden gleichgemacht, der Kummersbrucker, der sich neutral erklärt hatte, ohne Gerichtsverfahren enthauptet. Diese Hinrichtung trieb den ganzen neutralen Adel ins Lager der Gegner.

Der nicht sehr robuste Meinhard war den abenteuerlichen, gehetzten Fahrten kaum gewachsen. Trist und apathisch saß er, während die andern zechten, schlief zuweilen im Sitzen ein. Mehr und mehr glichen seine Reisen einer Flucht. Im ganzen Süden besaßen die Artusritter keine Stadt, keine Burg mehr. Sie wurden immer mehr zur Donau abgedrängt, wo ihre festesten Burgen lagen. Noch immer erließen sie hochfahrende Edikte, bedrohten Meuterer mit den grausamsten Strafen. Sie flohen nach Neuburg, dann in das Gebiet des Bischofs von Eichstätt, der ihnen ergeben war. Die Truppen Herzog Stephans besetzten ganz Oberbayern, belagerten schließlich Meinhard mit den letzten seiner Anhänger in Schloß Feuchtwangen im Altmühltal. Der Bischof von Eichstätt suchte sich mit Herzog Meinhard verkleidet durchzuschlagen. Der junge Herzog ging eifrig darauf ein; er hatte viel Spaß an der Kostümierung und keine Ahnung, worum es eigentlich ging. Allein schon in Voburg wurden sie von Bauern erkannt, festgehalten, dem Herzog Stephan nach Ingolstadt ausgeliefert.

Feuchtwangen fiel. Prinz Friedrich und die Letzten der Artusritter wurden gefangen.

In der Hofburg von Ingolstadt standen sich der Herzog und Prinz Friedrich gegenüber. In Gegenwart der Agnes von Flavon-Taufers. Der Herzog in Rüstung, schäumend. Städte und Dörfer kaputt, Menschen hin, Geld vergeudet. Alles wegen des dummen Jungen. Soldatisch knarrte er unter dem dicken Schnurrbart aus ehernem Gesicht. Der Junge stand schlank, mit verfinsterten, verwilderten Augen, den Arm verwundet, im Verband, grau das Gesicht. „Du wirst Abbitte tun, in der Kirche, vor allem Volk, dich unterwerfen!“ kommandierte der Vater. Der Junge lachte nur, höhnisch. „Ich lass’ dich verfaulen in meinem stinkigsten Gefängnis!“ tobte der Herzog.

Agnes glitt von einem zum andern. „Der Verband muß erneuert werden,“ sagte sie besorgt, nestelte daran herum.

„Diese Ärzte!“ schimpfte der Herzog. „Lauter Pfuscher!“ Er lief selbst nach Arzt und Verbandzeug. „Der Teufelsjunge!“ fluchte er.

Langsam, hart feilschend, während Agnes vermittelte, kamen sie überein. Um jeden einzelnen der Artusritter, Begnadigung, Höhe der Bestrafung, gab es erbitterten Kampf, Ausbrüche, Schäumen, Toben. Zweimal wies Herzog Stephan den Henker an, sich bereit zu halten. Endlich fügten sie sich zu leidlichem Frieden. Meinhard wurde München als ständige Residenz zugewiesen; Prinz Friedrich führte weiter sein Siegel, doch bedurften seine Verordnungen der Gegenzeichnung eines niederbayrischen oder eines rheinpfälzischen Rates. Zwischen München und Landshut-Ingolstadt vermittelte Agnes.

Herzog Meinhard lächelte sanft und dankbar. War froh, daß er nach den wilden Wochen ausruhen durfte. Streichelte sein Murmeltier.

Margarete hielt Rat mit ihren Ministern. Anwesend waren der Vogt Ulrich von Matsch, der Pfarrer Heinrich von Tirol, Graf Egon von Tübingen, Landeskomtur des Deutschen Ordens in Bozen, Jakob von Schenna, Berchtold von Gufidaun, Konrad von Frauenberg.

Was war, nachdem Herzog Stephan Macht und Einfluß in Oberbayern an sich gerissen, zu tun?

Man konnte sich mit dem Wittelsbacher vertragen. Sich damit abfinden, daß nicht Bayern von Tirol aus, sondern Tirol von Bayern aus regiert wurde. Dadurch, daß der eigentliche Regent, Herzog Stephan, nicht in München saß, sondern in Ingolstadt oder in Landshut, war sein Zentrum nicht gar so nahe an Tirol, die Zentralisierung und Unitarisierung erschwert, dem Land in den Bergen eine gewisse Autonomie gewährleistet.

Man konnte aber auch den Habsburger anrufen gegen Herzog Stephan. Er wartete nur darauf. Abhängigkeit in irgendeiner Form wird sich freilich auch da nicht vermeiden lassen. Aber ein kräftiges, stetiges Regiment war verbürgt.

Zäh, träge schleppten sich die Argumente hin und her. In dumpfer Verdrossenheit hörte Margarete zu. Kam denn niemand auf den Gedanken, der am nächsten lag. Hatte sie sich so schlecht bewährt? Sie schaute auf Schenna, auf Gufidaun. Die starrten mit mühevollen, leeren Gesichtern vor sich hin.

Seltsamerweise war es der Frauenberger, der den Plan vorschlug, den sie erwartete. Breit grinsend, vergnügt führte er aus: Wenn der junge Herzog wirklich so anlehnungsbedürftig sei und Führung brauche, warum diese Führung nicht dem gegebenen Vormund anvertrauen, der Mutter, der Herzogin, die sich in viel schwierigeren Lagen so fürstlich bewährt habe? Wozu erst lange mit Wittelsbach paktieren? Man bringe Meinhard nach Tirol. Hätten ihn die bayrischen Herren in ihre scheußlichen, verlorenen Winkelnester schleppen können, so werde man es mit Gottes oder Teufels Hilfe noch fertigbringen, ihn nach Tirol zu kriegen, wo er hingehöre. Habe man ihn erst im Land, dann werde man von hier aus nach Bayern regieren. Herzog Stephan werde es sich reiflich überlegen, ehe er von der Donau aus ein kriegerisches Abenteuer in das Land im Gebirg wage. Und sogar dann habe man immer noch den Rückhalt an dem Habsburger als natürlichem Bundesgenossen. Im schlimmsten Fall werde man eben förmlich auf Oberbayern verzichten, gegen Entschädigung, und sich auf ein großes, autonomes Tirol beschränken.

Ja, ein autonomes Tirol. Das war auch Margaretes Plan. Bayern als Anhängsel; oder im äußersten Fall überhaupt nicht. Aber Tirol den Tirolern.

Es handelte sich zunächst darum, Meinhard dem Einfluß Herzog Stephans zu entziehen, ihn von München weg nach Tirol zu kriegen. Der junge Herzog hatte seit Antritt seiner Regierung das Land in den Bergen noch nicht betreten. Es war nur billig, daß das Volk ihn endlich zu sehen verlangte.

Auf Betreiben Schennas und Gufidauns wurde eine große Tagung nach Bozen einberufen. Es kamen blonde, stämmige Männer mit kurzen, breiten Nasen und trägen, schlauen Augen und hagere, schwarzbärtige, gebräunte mit kühnen, gebogenen Nasen und scharfen, raschen Augen. Es kamen die drei Hauptleute des Landes im Gebirg, der zu Tirol, der an der Etsch und der am Inn, es kamen die Hofmeister und Vögte und Burggrafen. Es kamen die Barone, die großen und die kleinen, die Vertreter der Städte, Pflegen und Gerichte. Es waren ihrer hundertunddreiundfünfzig Herren und Männer. Sie traten zusammen auf dem bunten, fröhlichen Marktplatz von Bozen an zwei strahlend dunkelblauen Spätsommertagen. Sie überlegten, sie berieten langsam, schwer, vorsichtig, mit harten, krachenden, gurgelnden Kehllauten. Sie schauten einander schlau und bieder in die Augen, sie hatten umständliche, eckige, treuherzige Bewegungen, sie wischten sich mit den schweren Rockschößen den Schweiß von den Gesichtern. Die Berge standen rotbraun und violett, ganz oben weiß.

Sie entschlossen sich, dem jungen Herzog einen Brief zu schicken. Diesen Brief unterzeichneten von den Baronen sieben, der ältere Ulrich von Matsch, Schenna, der Trostburger, Heinrich von Kaltern-Rottenburg, Gufidaun, der Frauenberger, der Botsch von Bozen, und es siegelten von den Städten vier, Bozen, Meran, Hall, Innsbruck, im Namen aller übrigen.

Das Schreiben lautete so: „Lieber gnädiger Herr! Wir tun Euer Gnaden zu wissen, daß wir zu Bozen beieinander gewesen und übereingekommen sind, Sie zu bitten, daß Sie zu Ihrer wie des Landes Ehre und Nutzen hereinkommen möchten zu uns, weil wir Sie schon lange gern gesehen hätten, wie ganz billig ist; denn Sie sind ja unser lieber, rechtmäßiger Herr. Auch werden Sie bei uns besser gerichtet und gewürdiget werden und unverdorbener bleiben, als draußen in Bayern, wie man uns sagt, geschehen ist, und auch Ihr Land und Leute da herinnen werden dann von den Drangsalen, welche draußen sind, frei bleiben. Bei uns hier in dem Gebirge steht durch Gottes Segen alles richtig und freundlich, so gut als es je bei Ihres Vaters seligen Zeiten gestanden hat; auch herrscht Friede im Land und an der Grenze. Gnädiger Herr! Wir bitten, auf uns zu vertrauen, wir meinen es gut mit Ihnen. Trauen Sie es uns zu, wir opfern Gut und Blut für Sie, vertrauen Sie sich sonst niemandem.“

Der Frauenberger brachte das Schreiben nach München. Er kam mit stattlichem Gefolg, übergab das Schriftstück in feierlicher Audienz. Versprach sich im übrigen nicht den geringsten Erfolg, sondern war gewiß, daß man andere Mittel werde brauchen müssen.

Bei Tafel erzählte Prinz Friedrich, sein lieber Herzog und Vetter Meinhard habe aus seiner Provinz Tirol ein sehr kurioses Dokument bekommen, das er den edeln Herren doch nicht vorenthalten wolle. Der Brief wurde verlesen. Erst schmunzelte man, dann pruschte man heraus. Gelächter, immer lauter, stürmischer, schütterte alle. Es lächelte Agnes, es lachten die Damen, es dröhnten, bogen sich die Herren, es lachten scheppernd die Lakaien, es pfiff Meinhards Murmeltier Peter, es quiekten die Kämmerlinge.

„Diese Tiroler!“ sagte man, atemlos von der Erschütterung.

„Ja, unsere Tiroler!“ sagte der Frauenberger, behaglich, rosig, fett, und blinzelte aus den rötlichen Augen.

„Finden Sie auch den Brief Ihres Landes in den Bergen so komisch, Herr Herzog?“ fragte der Frauenberger. Er war, trotzdem eigentlich sein Geschäft mit der Übergabe des Briefes zu Ende war, in München geblieben und hielt sich viel in der Nähe Meinhards.

Der junge Herzog hatte in der Gegenwart des breiten, fleischigen Mannes mit dem Froschmaul in dem nackten, rosigen Gesicht stets ein unbehagliches Gefühl, seine joviale Art machte ihm angst. Aber er konnte doch nicht recht fort, wenn er kam; der massige, lachende, quäkende Mensch imponierte ihm; er sprach so ganz anders als alle andern, respektlos, selbstverständlich, nackt. Man fühlte sich auf eine nicht unangenehme Art hilflos vor ihm, von ihm hingenommen. Voll immer neuer, mit Grauen untermischter Neugier ging der sanfte, dickliche, dümmliche Herzog um den Albino herum.

Der Brief seiner Tiroler war Meinhard im Grund durchaus nicht lächerlich vorgekommen, im Gegenteil, er hatte ihm lieb und lieblich in die Ohren geklungen; nur weil die andern so schrecklich gelacht und das Schreiben so albern und anmaßend gefunden hatten, hatte er mitlachen müssen. Daß jetzt der Frauenberger, der große, gescheite Mann, die Kundgebung der Tiroler so ernsthaft zu nehmen schien, war dem gehetzten, umstellten Fürsten tröstlich und sehr angenehm. Aus dem zutraulichen Brief hatte ihn etwas Einfaches, Ruhevolles angesprochen; es war ihm für ein paar Minuten gewesen, als gebe es kein München und kein schwieriges Ritterzeremoniell und keinen Artusbund und keine Wittelsbacher. Es mußte schön sein, auf einer Bergwiese zu liegen zwischen großen Kühen, nichts zu hören als leisen Wind und das sanfte, blasende Geräusch, mit dem die Tiere das Gras abrauften.

Der Frauenberger stand vor ihm, blinzelte. Meinhard mußte näher an ihn heran. „Wie es mich freut,“ sagte er und schaute aus seinen blanken, runden Augen zu ihm auf, „daß Sie den Brief meiner Tiroler nicht dumm finden.“

„Nicht dumm!“ quäkte eifrig der Frauenberger. „Jedes Wort sitzt an der rechten Stelle! Jeder Buchstab trifft! Die über ihn gelacht haben, sind die Dummen! Sonst hätte ich ihn doch nicht unterschrieben. Heut und jederzeit unterschreib’ ich ihn wieder, mit beiden Händen!“

Meinhard trat noch einen tastenden Schritt näher an den fetten Mann. „Ich bin so müd und gehetzt,“ klagte er. „Der Friedrich schaut mich auch nicht mehr so freundhaft an wie früher. Erst hab’ ich gedacht, regieren ist leicht. Jetzt zerrt einer hierhin und eine dahin, und alle reißen an mir.“

Der Albino legte ihm die fleischige, gefährliche Hand auf die Schulter, quäkte: „Bub! Laß dich nicht klein kriegen, Bub!“

Meinhard zitterte unter der Hand des feisten Mannes, wollte ihr entgleiten, schmiegte sich in sie.

„Sie haben Freunde, junger Herzog,“ quäkte der Frauenberger, blinzelte bieder, feixte behäbig.

Den Tag darauf sagte er: „Warum bleiben Sie eigentlich hier, junger Herzog? Wenn Ihnen der Brief Ihrer Tiroler nicht mißfällt, warum folgen Sie ihm nicht?“ Sie ritten spazieren, es war früh am Morgen, unten rauschte grün und frisch zwischen vielen Inseln von Kies die Isar, ein großes Floß unter Lärm und Geräusch der Schiffer steuerte vorsichtig. Der Gang des Pferdes verlangsamte sich. Meinhard hockte schlaff, dick, betreten auf seinem Falben.

„Das geht doch nicht,“ sagte er. „Das kann ich doch nicht.“

„Warum können Sie nicht?“ beharrte der Frauenberger. Er ritt ganz dicht an ihn heran, hob ihm wie einem Kind das Kinn. „Wer ist hier der Herr,“ sagte er, „Herzog Stephan oder Sie?“

„Ja,“ sagte Meinhard, „wer ist hier der Herr?“ Aber es klang gar nicht trotzig, sondern trüb grüblerisch. Sein ganzes Zutrauen zu dem Albino war weg, es war trist, wie unten die Isar sich zwängte, er hatte Scheu vor dem Frauenberger, hätte nachmittags beinahe den Prinzen Friedrich gebeten, ihn wegzuschicken.

Am andern Morgen sprach der Albino nicht mehr von dem Plan, Bayern zu verlassen. Er lag mit Meinhard im Gras unter reifendem Obst. Er sang sein Lied von den sieben Freuden, kommentierte es väterlich, wohlwollend, saftig. Diese Weltanschauung ging dem jungen Fürsten sehr ein, er streichelte seinen Siebenschläfer Peter, war vergnügt. Der Frauenberger streckte sich, knackte die Gelenke, drehte sich auf die Seite, gähnte, schlief mit mächtigem Geräusch. Ja, schlafen war das Beste. Gelockt, aber doch mit dunkleren, scheuen Augen betrachtete Meinhard den unbekümmerten, fleischigen, schnarchenden Mann.

Agnes sagte zu ihm: „Sie sind sehr lange in München, Herr von Frauenberg. Sie haben doch so wichtige Ämter in Tirol. Vermißt man Sie dort nicht?“

Der Frauenberger grinste, betastete sie mit seinen rötlichen Augen, daß sie schwerer atmete, quäkte: „Ich bin natürlich nur Ihrethalb hier, Gräfin Agnes.“

Sie kamen zusammen, er lag auf ihren Polstern, es war drückender Sommer, die Luft im Raum war dumpf und furchtbar heiß. Sie streichelte seine prall fette, rosige Haut. „Nun,“ lächelte sie, „hab’ ich den falschen Teil erwählt? Ich hab’ mich gut gesichert, scheint mir.“

Er feixte: „Werden sehen, Hühnchen, werden sehen.“

Das hieß die gut gesichert, dachte er. Gut gesichert war er. Wenn er jetzt den Buben mit nach Tirol nahm, hielt er die Mutter durch den Jungen, den Jungen durch die Mutter. Er war der eigentliche Regent von Tirol. Ei ja, wenn man noch so häßlich war, was alles aus einem werden konnte mit einem bißchen Vernunft, Sachlichkeit, Glück.

In seiner breiten, behaglichen, munteren Art hetzte er weiter an dem Jungen. Lockte, stachelte, trieb. Nahm ihn gewalttätig in seine kurzen, roten Hände. Nach Tirol! Meinhard solle endlich nach Tirol, sich seiner Grafschaft zeigen. „Also Flucht?“ machte Meinhard, zaghaft. Ei was! Wer dachte an Flucht? Nur war es nicht nötig, zuviel Wesens aus dieser Reise zu machen. Man brach einfach auf, Meinhard, er, zwei, drei Knechte. Ohne große Worte. Es wurde zuviel geredet in Bayern und Tirol; das verwirrte die einfachsten Dinge. Ende der Woche reiste Prinz Friedrich nach Ingolstadt zu seinem Vater. Da wird man dann eben auch losreiten. Nach der umgekehrten Seite, nach Süden, nach Tirol. Das Murmeltier Peter soll seine Berge wiedersehen.


„Mein Sohn kommt, Schenna!“ sagte Margarete, und ihre dunkeln Augen waren lebendig erfüllt. Sie hatte einen Kurier von dem Frauenberger, er werde Meinhard bringen.

„Wie Sie sich freuen, Frau Herzogin!“ sagte der lange Herr, beugte sich vor, schaute sie aus seinen grauen, sehr alten Augen gut an. „Ich hatte nicht mehr gehofft, daß Sie sich so würden freuen können.“

Margarete hörte nicht. „Ich weiß,“ sagte sie, „er ist unbegabt. Es gibt landauf, landab Tausende, die begabter sind. Aber er ist mein Sohn. Er ist aus dem Boden dieses Landes gemacht, seiner Luft, seinen Bergen. Glauben Sie mir, Schenna, der sieht die Zwerge.“

Ja, Margarete hatte die zerlöcherte, heruntergelassene Fahne ihrer Hoffnung wieder hochgezogen. All ihr Wille, all ihr Leben sammelte sich in der Erwartung ihres Sohnes. Mit plumpen, geschminkten Händen streichelte sie das Bild des sanften, dicken, dümmlichen Jungen.


Ein Knecht voran, einer hinter ihnen, ritten Meinhard und der Frauenberger in raschem Trab gegen Süden. Es regnete, die schlechte Straße führte oft durch dicken Wald, löste sich streckenweise ganz in Schlamm auf. Es war nicht leicht, in der dunkeln, nassen Nacht den rechten Weg zu halten; an Fackeln war bei dem Regen nicht zu denken.

Die Herren trugen keine Rüstungen. Man dampfte in den nassen Kleidern, von den feuchten Lederkollern und Lederkappen ging ein starker Geruch aus. Man ritt schweigsam; zuweilen, wenn man durch eine nächtige Siedlung trabte, schlug ein Hund an.

In dem Dorf Lenggries machte man halt. Nach wenigen Stunden drängte der Frauenberger weiter. Aber Meinhard fühlte sich müde und elend, mehr durch Erregung als durch den langen Ritt. Der schwierigere Teil des Weges stand bevor; denn es war ratsam, menschenreichere Orte meidend, durch die wilde Riß nach Tirol vorzustoßen. Man verzog also, dem Wunsche Meinhards folgend, in der Herberge des Dorfes Lenggries.

In dem engen, finstern Raum lagen der Frauenberger und Meinhard auf Strohsäcken. Die Kammer war niedrig, das Feuer rauchte, aber es wärmte nicht, die Luft war stinkig, Regen und Wind kam durch die Fensteröffnung. Der Frauenberger schnarchte lärmend; im Winkel nagte eine Ratte. Meinhard lag, alle Glieder taten weh vor Müdigkeit, aber er konnte nicht schlafen, die Haut juckte, die Augen brannten ihm. Er fühlte sich eng und unglücklich, er wußte plötzlich nicht, was er in Tirol sollte; er wäre am liebsten nach München zurückgekehrt. Er fürchtete sich vor der Begegnung mit seiner Mutter; sie war so dick und häßlich und gewalttätig. Er schielte nach dem Albino, der lag massig da, ruhig, schnaubte, schlief. Er hatte Angst vor ihm, aber der Frauenberger war doch der einzige, der ihm helfen konnte. Er nahm einen unsicheren Schluck aus dem klobigen Krug schalen Bieres, der neben ihm stand, schaute einer Fliege zu, die über das Gesicht des Frauenbergers kroch; den schien sie nicht zu genieren. Schließlich, leise, rief er: „Herr von Frauenberg!“

Der war sofort wach, quäkte mit seiner schleierlosen Stimme: „Was gibt’s?“

„Nichts,“ sagte reuevoll der Junge. „Nur, es ist so ungemütlich. Ich kann nicht schlafen.“

„Dann reiten wir weiter,“ entschied der Frauenberger und war schon auf den Beinen.

„Nein, nein,“ bat Meinhard. „Es ist nur, ich möchte ein bißchen mit Ihnen reden. Hernach werde ich gewiß ruhiger sein.“

„Dummer Bub!“ knurrte der Frauenberger.

„Hat mein Vater eigentlich Tirol lieber gehabt oder Bayern?“ fragte Meinhard.

Der Frauenberger blinzelte. „Zuerst wohl Tirol, dann Bayern,“ sagte er.

„Und dann ist er gestorben?“ fragte der junge Herzog.

„Ja,“ antwortete der Frauenberger, „dann ist er gestorben.“

Als Meinhard nach ein paar Stunden schlechten Schlafes erwachte, war sein kleines Murmeltier Peter nicht mehr da. Der junge Herzog und die Knechte suchten, der Frauenberger knurrte über die Verzögerung. Schließlich fand sich das Tierchen tot im Stroh des Frauenbergers. Es mußte seinem Herrn entwischt sein, der schwere Mann hatte es wohl im Schlaf erdrückt. Meinhard starrte entgeistert. Eine dumpfe, träge, lähmende Traurigkeit fiel ihn an. Er schaute in stumpfem, wehrlosem Grauen zu, wie ihm der Albino das possierliche Tierchen, das er geliebt hatte, aus der Hand nahm, es an den Beinen hochhielt, die kleine Leiche pfeifend in einen Winkel warf. „Jetzt aber aufs Pferd!“ quäkte er.

Man ritt weiter den Fluß hinauf. Das Tal wurde enger, verwinkelter; die elende, schmale Straße folgte in endlosen Biegungen dem reißenden, weißgrünen Fluß. Dicker Wald, triefende Bäume. Unten, gischtig, gläsern grün, von vielen Kiesinseln zerspalten, das lärmende, rasche Wasser, durch die Tannenwipfel ein trister, schmutziggrauer Himmel. Die Felswände traten oft so nahe in die Straße, daß die Pferde scheuten, nur mit Mühe weiterzubringen waren.

Dann gabelte sich der Weg, man tauchte in dicken, endlosen Forst. Den immer dünneren, tosenden Fluß entlang ritt man, der hell und fröhlich laut durch den dunkeln Wald seine Straße brach. Die Gegend lag schweigend, ungeheuer einsam. Regen rann, gleichmäßig, hoffnungslos, selbst das Pfeifen des Frauenbergers verlor seine Frische in der nassen, grauen Traurigkeit ringsum, lahmte, starb.

Endlich sperrte ein hoher Gebirgsstock das Flußtal, dem man bisher gefolgt war. Man war in einem zirkusartigen Halbrund riesenhafter, grausig kahler, weißlichbrauner Felswände. Dahinter lag Tirol. In diesem Hochtal nächtigte man. Der Frauenberger und die Knechte richteten sich im Freien ein, so gut es ging. Eine winzig kleine, verfallene Hütte war da, die ließ man als Unterschlupf vor dem Regen dem Herzog.

Da hockte nun, halb kauernd, halb liegend, in der Hütte der Knabe Meinhard, Herzog von Bayern, Markgraf von Brandenburg, Pfalzgraf bei Rhein, Graf von Tirol. Er äugte, lauschte, ob die andern ihn sehen könnten, schon schliefen. Als er sich allein glaubte, hielt er sich nicht mehr. Er hatte Angst, fühlte sich zerschlagen, unsäglich elend. Langsame Tränen kollerten aus seinen blanken, runden Augen über seine dicken, dummen Wangen. Er weinte, weil der Frauenberger sein Murmeltier Peter erdrückt hatte, er weinte, weil die Felswände so hoch waren, die er morgen übersteigen mußte.


Agnes war verblüfft über die meisterhafte Schlichtheit, wie der Frauenberger den Herzog so frech und geradezu entführt hatte. Er imponierte ihr, er war ein Kerl, daran war nicht zu rütteln. Mit Unlust, ohne Schwung und Glauben an Erfolg traf sie Gegenmaßnahmen. Am liebsten hätte sie alles dem Prinzen Friedrich überlassen; doch der war in Ingolstadt. Sie mußte allein die Verfolgung organisieren.

Sie schickte Kuriere an die Grenzen, kleine Streifen Bewaffneter. Man mußte sacht vorgehen, durfte kein Aufsehen erregen; es ging nicht an, den Fürsten mit sichtbarer Gewalt am Betreten seiner Grafschaft Tirol zu hindern.

Der Frauenberger glaubte sich, nachdem er das kleine Jagdhaus im Karwendel hinter sich hatte, schon ungefährdet. Doch wenige Stunden, bevor sie den bequemen Paß zum Achensee erreichten, begegnete ihnen der Transport eines Holzhändlers, der in diesen Gegenden gearbeitet hatte, und den früher einmal, nachdem er gewisse etwas zu gewalttätige Transaktionen nicht ruhig hingenommen hatte, der Albino hatte stäupen lassen. Der Frauenberger dachte zunächst daran, den Holzhändler anzufallen und beiseite zu schaffen; doch da hätte einer von den sechs Knechten des Transportes sich durchschlagen können, und dann war der Herzog noch mehr gefährdet. Der Frauenberger beschloß also, den Holzhändler laufen zu lassen und, trotz der Bedenken der wegekundigen Knechte, statt des leichten Übergangs über das Plumser Joch den schwierigen, ungewöhnlichen Weg über das Lamsenjoch nach Schwaz oder Freundsberg zu versuchen.

Man ließ die Pferde zurück, bog kurz vor der Felswand in ein Seitental. Der Bach, der dieses Tal gebildet, hatte kein starkes Gefälle, oft verlor er sich ganz, floß unterirdisch. Der pfadkundige Knecht führte. Man stieß auf Weidengehölz, Moorboden. Es regnete noch immer. Dann, überraschend, weitete sich das Tal. Fremdartig war plötzlich ein Ahornbaum da. Mehrere. Ein ganzer Hain. Die alten Bäume standen groß und still im Regen. Nur undeutlich erkannte man durch sie und hinter Regenschleiern die riesigen, weißen Bergwände, die weit und unwiderruflich ringsum das Tal schlossen, und sie waren so hoch, daß man durch die Bäume ihre Gipfel nicht sah. Kein Wind ging, man hörte still und gleichmäßig den Regen triefen von den Blättern der alten, ernsten, fahlfarbenen Bäume.

Meinhard konnte nicht weiter. Man rastete in dem ständig rieselnden Regen, machte sich an die mitgebrachten Speisen. Meinhard konnte nicht essen. Es ängstete ihn, daß man die Gipfel der Felswände nicht sehen konnte. Nie wird er da hinauf-und hinüberkommen; man stand eingesperrt in diesem Tal unter den unheimlichen, leichenhaften Bäumen wie am Ende der Welt.

Sie begannen den Aufstieg. Er war fürs erste nicht schwer. Man stieg sachte, in kleinen Windungen einen Gießbach entlang. Die Knechte voraus, den bequemsten Pfad suchend. Meinhard hatte schon schwierigere Wege gemacht; aber es war wie eine Lähmung über ihm. Die Beine waren ihm wie Klötze, er schwitzte vor Mattigkeit, atmete mit Mühe. Er glitschte auf dem nassen Stein, der Frauenberger stützte ihn, er zuckte bei jeder Berührung. Je weiter man emporklomm, so höher, höhnischer, unüberwindlicher starrte ihm die Felswand.

Abgeblühte Alpenrosen, Kriechgehölz, Schnee. Die Knechte stapften gleichmäßigen Schrittes voran. Unsicher, gleitend, schnaufend, aussetzend folgte der Herzog. Plötzlich blieb einer der Knechte stehen, horchte, sah den Frauenberger an. Der hatte schon gehört, erlaubte seinem nackten Gesicht kein Zucken. Der Holzhändler hatte also doch wohl Alarm geschlagen. „Menschen oder weidendes Vieh,“ sagte er gleichmütig. Drängte weiter. Auch die Knechte nahmen rascheren Schritt.

Meinhard hatte auf Rast gehofft. Es erbitterte ihn, daß man dazu keine Anstalt machte. Dann fiel er in trübe Lethargie, ließ sich schlaff von dem feisten Mann weiterzerren. Sowie man einen Augenblick ausschnaufte, brannte einen die scharfe Kälte. Der Schnee wurde tiefer, der junge Herzog brach bei jedem Schritt ungeschickt ein.

Der Frauenberger überlegte schneidend klar. Ohne den Schnee hätte man ihn wohl hinüberbringen können. So war es nicht möglich, mit dem Jammerlappen über das Joch zu kommen. Zudem schien es, als ob Meinhard jetzt störrisch würde. Er machte sich schwerer, träger.

Die Knechte waren ein gutes Stück voraus. Der Frauenberger blieb stehen. „Na, junger Herzog“? quäkte er. „Müde?“ Meinhard sank erschöpft in den Schnee, atmete hastig. Der Frauenberger pfiff sein Liedchen. Dachte scharf nach. Dies also war schief gegangen. Er hatte sich schon abgefunden. Wie weiter? Meinhard in die Hand der Wittelsbacher zurückfallen lassen? Die würden nach der mißglückten Flucht den Jungen doppelt fest haben. Es wäre gut gewesen, Meinhard gegen die Maultasch ausspielen zu können. Das ging nicht. Dann besser mit der Maultasche allein, und der lästigen Kontrolle der Wittelsbacher ein für allemal der Vorwand entzogen.

Er pfiff noch immer. Trank Wein aus seiner Flasche. Reichte auch Meinhard zu trinken. „Wir müssen weiter, junger Herzog,“ sagte er. Gab ihm die Hand, ihm beim Aufstehen zu helfen.

„Ich kann nicht,“ klagte Meinhard, als er mühsam stand. „Ich mag auch nicht,“ fügte er störrisch hinzu.

„So“? feixte der Frauenberger. „Na, dann nicht, Bub,“ sagte er. Er quäkte es gemütlich wie stets; aber etwas in seiner Stimme zwang Meinhard aufzublicken. Der Albino blinzelte durchaus nicht mehr, er schaute hart, aufmerksam, erst nach den Knechten, die weit voran waren, dann auf ihn. Meinhards blanke, runde Augen wurden ganz starr vor Grausen, seine Kehle gab nicht mehr her als einen kleinen, heiseren Laut. Er krampfte seine kurzen, dicken Kinderhände in das Holzgezweig der Alpenrose, bohrte seine Füße in den Boden. Der Frauenberger, ruhig grinsend, sagte: „Na komm, junger Herzog!“, löste langsam mit seinen roten, fleischigen Händen die steifen, klammernden Finger des Jungen von dem Felsen, hob ihn hoch, hielt ihn über den Abgrund, quäkte: „Adieu, Bub!“, ließ ihn fallen. Der Körper schlug mehrmals auf, fiel nicht tief, blieb liegen.

Der Frauenberger rief mit einem harten, gellen Pfiff die Knechte zurück, deutete wortlos hinunter. Sie stiegen hinab, die Leiche war arg zerschrundet, der dicke, sanfte Schädel klaffte an zwei Stellen. Sie warteten auf die Verfolger. Es waren zwei Offiziere mit mehreren Knechten. Der Frauenberger sagte, er habe mit dem jungen Herzog Murmeltiere fangen wollen, da sei der Herzog gestürzt. Fleischig stand er in seinem nassen, stark riechenden Lederkoller, blinzelte mit den rötlichen Augen. Flockiges Gemengsel von Schnee und Regen rieselte auf die Leiche. Ein leichter, kalter Wind hatte sich aufgemacht. Alle hatten Helme und Kappen abgenommen, standen stumm im Schnee um den zerschrundeten Toten.

Durch die Säle und Gänge von Schloß Tirol torkelte ein Weib, lallte, heulte, fiel hin, stand wieder auf, torkelte weiter. Der übergroße, unförmige Unterkiefer fiel herunter, das Haar zottelte, teils in stumpfem, widerwärtigem Kupfer, teils gelblichweiß entfärbt. Ein Laken, eine Art Nachtgewand, flatterte um den untersetzten, aufgequollenen Leib, um die schlaffen, großen Brüste, schleifte am Boden nach. Die Dienerschaft hielt die Heulende, Torkelnde, Lallende für eine Betrunkene, erkannte erst allmählich die Herzogin.

Der Kurier mit der Todesnachricht war in aller Frühe gekommen, Margarete hatte die Meldung im Bett erhalten. Sie war aufgestanden, nicht übermäßig rasch, aufheulend, an den ratlosen, scheuen Zofen, Kämmerlingen vorbei, stier, blind, das Laken hinterherschleifend.

Schenna führte sie zurück. Nun hockte sie in ihrem Schlafzimmer, stierte vor sich hin, dachte Fetzen von Gedanken.

Gesäumt mit Toten ihre Straße. Der Kopf des Chretien de Laferte, das Pulver geruchlos, geschmacklos, daran der Markgraf gestorben war, ihre Mädchen, mit den großen, schwarzen, aufgebrochenen Pestbeulen, der Jude Mendel Hirsch, im Gebetmantel, lächelnd, der Knabe Aldrigeto, Meinhard. Es war, weil sie so häßlich war, darum ging der Tod hinter ihr her, darum stierten sie aus allen Winkeln leere, beinerne Schädel an.

Sie hockte und regte sich nicht. Mittag kam, Abend kam. Ihr dürres Fräulein von Rottenburg fragte, ob sie nicht essen, sich nicht ankleiden wolle. Sie regte sich nicht. Ihr Weg gesäumt mit Toten. Es war, weil sie so häßlich war.

Unterdes geleitete der Frauenberger die Leiche Meinhards über Mittenwald nach Tirol. Er feixte: er bekam es allmählich in den Griff, seinen toten Souverän zu geleiten.

Das Land in den Bergen empfing betreten seinen Fürsten. Es hatte ihn in feierlicher Tagung gebeten, zu kommen. Nun kam er, so. Sie standen an den Straßen, als der Zug vorbeischwankte, in Regen und Schnee. Glocken läuteten, die Geistlichen im Ornat, die Feudalherren, Richter, Pfleger barhaupt. An ihnen vorbei der Sarg, den Zirler Berg hinauf, hinunter, Innsbruck, den Brenner hinauf, hinunter, den Jaufen, Passeier. Das Volk, während es, sich bekreuzigend, dem Zuge nachsah, hatte langsame, schwere, unbehagliche Gedanken. Dies war der letzte Graf von Tirol. Es war nicht gut gegangen mit der Maultasch. Ihr erster Mann verjagt, der zweite so seltsam gestorben, ihr Sohn tot, ehe er sein Land gesehen. Dazu Krieg, Revolution, Wasser, Feuer, Pestilenz. Nein, Tirol hatte keine gute Zeit gehabt unter der Maultasch.

Starr, am Tor des Schlosses, erwartete die Herzogin den Zug. Grell hob sich von dem schwarzen Gewand die weiße Schminke. So schritt sie über die Höfe des Schlosses neben der Bahre, allein. Es schneite. Hinter der Bahre, massig, in Rüstung, wuchtete der Frauenberger.


In München war man sehr betreten, als die Nachricht eintraf von Meinhards Tod. Hier glaubte kein Mensch an einen Unglücksfall, man zweifelte höchstens, ob der Frauenberger auf eigene Faust gehandelt oder im Auftrag der Maultasch; doch wagte niemand, dieser Überzeugung Laut zu geben. Nur der sensationslüsterne Florentiner Giovanni Villani, der Chronist, der sich zur Zeit zum Zweck gewisser archivalischer Feststellungen in München aufhielt, der Nebenbuhler des wackeren Johannes von Viktring, behauptete die gewaltsame Beseitigung des jungen Herzogs als Tatsache. Er zählte sorglich disponiert und sich steigernd alle Gründe her, die zu solcher Tat führen konnten und mußten, er schrieb darüber ein elegantes, beredtes Kapitel in seiner Chronik und las es jedem vor, der es irgend hören wollte.

Stephan, Friedrich, Agnes standen benommen von Wut und Bestürzung. An eine Lösung von so schlichter, zynischer Brutalität hatte niemand gedacht. Zum erstenmal seitdem sie sich kannten, sprangen Agnes und Friedrich einander an. Er hätte den Frauenberger wegschicken müssen, hätte München nicht verlassen dürfen, solange jener da war, sagte sie. Er sagte, sie hätte Meinhard besser müssen überwachen lassen; kaum sei man einen Tag fort, gehe schon alles drunter und drüber, auf niemanden sei Verlaß. Herzog Stephan stand ziemlich unglücklich zwischen ihnen. Er hatte es ja gewußt, das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm, es war ihm nicht vergönnt, Wittelsbach wieder groß zu machen in der Christenheit. Als sie sich müde gestritten hatten, kamen sie überein, vorläufig das Hauptaugenmerk auf die Erhaltung von Bayern zu richten; die Grenzen zu entblößen und nach Tirol vorzustoßen, fühlten sie sich militärisch nicht stark genug. Hingegen wollte Agnes nach Tirol reisen, dort vorfühlen.

Mit ganz kleiner Begleitung traf sie auf Schloß Tirol ein. Am gleichen Tage noch wurde sie von Margarete empfangen. Rosig, glatt, jung, blond saß sie da; in einem sehr einfachen schwarzen Kleid; grellweiß geschminkt, die Hände, den unförmigen Hals schwer von leuchtenden Steinen, prunkte in Atlas und Brokat die Herzogin. Es sei sehr liebenswert von Agnes, sagte sie mit etwas steifer, zeremoniöser Stimme, daß sie die beschwerliche Reise im Winter nicht gescheut habe, ihrem Sohn das letzte Geleit zu geben. Agnes sagte und sah sie süß und unbefangen an, dies sei eine selbstverständliche Pflicht gewesen nach dem vielen Guten, das sie von Haus Tirol empfangen. Zudem sei sie ja dem Toten besonders nahegestanden. Sie könne der Herzogin nicht schildern, wie furchtbar es sie getroffen habe, als sie die grauenvolle Meldung erhielt. Margarete starrte sie mit ihrem weißen, breiten, mächtigen, geschminkten, maskenhaften Gesicht unverwandt an, fragte, ob sie den Herzog sehen wolle. Agnes, ein wenig zögernd, denn sie sah Tote nicht gern, bejahte. Die beiden Frauen schritten zu der Kapelle, schwer schleifte sich die Brokatene, die andere ging leicht und hoch. Prunkend aufgebahrt lag der junge Herzog, dick wölkte der Weihrauch, silberne Gewappnete hielten Totenwacht. Die Herzogin winkte, der mächtige Sargdeckel wurde hochgeschlagen, da lag der junge Fürst, gräßlich zerschrundet und entstellt stierte aus der Rüstung sein friedfertiges, dickes Gesicht. Die Leiche war stark verwest, trotz Balsam und Gewürz stieg ein übler Geruch aus dem leuchtenden Metall. Agnes schwankte, verfärbte sich. Margarete führte sie zurück.

Als die beiden Damen wieder am Kamin saßen, sagte Margarete leichthin: „Nun ist unsere letzte Unterredung gegenstandslos geworden, Gräfin Agnes. Mein Sohn ist wieder bei mir, nicht in München.“

Agnes, durch die Leichtigkeit ihres Tons unsicher, nicht wissend, wohinaus sie wolle, erwiderte nichts, äugte, wartete ab.

Die Herzogin, immer in dem gleichen, erschreckend leichten, konversationellen Ton, fuhr fort: „Sie haben Chretien de Laferte geheiratet, dann starb er. Sie haben mir meine lieben Städte von Bayern abhängig gemacht, sie sind fast kaputt gegangen. Sie haben sich mit dem Markgrafen liiert, dann starb er. Sie haben sich zur Vertrauten meines Sohnes gemacht, jetzt ist er tot. War es nach alledem nicht ein bißchen kühn, daß Sie zu mir nach Tirol gekommen sind?“ Sie sagte das alles ganz obenhin, sie lächelte mit ihrem wüsten, äffisch sich vorwulstenden Mund, ihr leichenhaft geschminktes Gesicht verzog sich in gemachter Liebenswürdigkeit, ja sie beugte sich vor, legte, was noch nie geschehen war, die Hand mit grauenhafter Vertraulichkeit auf den Arm der Agnes. Die saß da, starr, blaß. „Ich weiß nicht, was Sie wollen,“ stammelte sie.

„Es ist nett von Ihnen,“ fuhr Margarete fort, „daß Sie von selbst gekommen sind. Ich hätte Sie sonst einladen müssen; glauben Sie mir, ich hätte Sie auf solche Art eingeladen, daß Sie gekommen wären.“

„Ich verstehe Sie durchaus nicht,“ sagte, mit fahlen Lippen, Agnes.

„Ja,“ brach Margarete plötzlich ab und stand auf, „Sie bleiben also mein Gast, bis der Herzog bestattet ist. Es kann noch eine Weile dauern, die Vorbereitungen sind umständlich.“

„Ich hatte eigentlich vor, die Zwischenzeit in Taufers zu bleiben,“ sagte Agnes; sie war klein und ängstlich geworden, ihre Stimme flatterte.

„Nichts da, nichts da!“ sagte eifrig die Herzogin. „Sie bleiben. Waren Sie und die Ihren nicht schon oft Gäste in Tirol?“

„Denken Sie nicht ans Fortgehen,“ schloß sie, während sie Agnes zur Tür geleitete. „Die Reise würde sehr ungemütlich werden.“ Ein Diener brachte die schwankende Agnes in ihre Zimmer. Gewappnete standen davor, präsentierten die Lanzen, während sie die Schwelle überschritt.


Margarete, allein, ging auf und ab, ihr Gang war sonderbar beschwingt, ein plumper Tanz.

Wie schade, daß jene sich so einfach in ihre Hand gegeben hatte. Es wäre gut und reizvoll gewesen, sie erst mühsam herzulocken, den Teig zu kneten, ehe man den Kuchen aß. Aber so waren diese Glattlarvigen. Schön und dumm.

Margarete ging ins Freie, allein. In den verschneiten Weinterrassen stapfte sie, kletterte sie. Setzte sich in den Schnee. Tauchte ihre Hand in das Weiche, Kalte, ballte es, ließ fallen, ballte von neuem.

Sie ganz klein machen, sie zerstören, sie in Staub zerpressen, zernichten, zerdrücken, daß nichts mehr von ihr bleibt als ein lächerliches Stück Verwesung. Sich anfüllen mit ihrer Angst, ihrer Not, ihrem Elend, bis dann ihre Schönheit daliegt, stinkend wie drüben in der Kapelle ihr Sohn.

Als nach einer Weile das dürre Fräulein von Rottenburg kam, hörte sie, was sie seit Jahren nicht gehört hatte. Die Herzogin sang. Mit ihrer dunkeln, warmen, erfüllten Stimme sang sie. Im Schnee saß sie und sang, voll, hallend, aus ihrer wüsten Kehle.


Sie berief zunächst Schenna zu sich. Führte aus: Der Sturz, an dem Meinhard sich zu Tode gestürzt, sei fraglos verschuldet durch die Gräfin von Flavon-Taufers. Sie sei nicht gewillt, dies Verbrechen zu vertuschen. Beabsichtige vielmehr, es mit beispielhafter Strenge zu bestrafen. Schenna, tief beunruhigt, riet dringend ab. Das Volk hänge nun einmal an Agnes mit ebenso heftiger wie grundloser Sympathie. Gegen sie vorzugehen sei gefährlich. Man könne sie an Besitz, Macht, Einfluß kürzen; weiter zu gehen verbiete die Staatsklugheit.

Margarete, gereizt und nervös, erwiderte, sie wisse sehr gut, wie unpopulär sie sei. Schlimmer könne es nicht werden. Sie riskiere also nichts.

„Doch!“ erwiderte mit ungewohnter Schroffheit Schenna. Alles riskiere sie. Offene, nur den Wittelsbacher fördernde Revolution riskiere sie. Sie brach aus, verströmte: Unter keinen Umständen dulde sie länger die Nebenregierung dieser Person. Lieber danke sie ab. Sie starrte hitzig, allen ruhigeren Erwägungen unerreichbar, vor sich hin. Schenna lief unbehaglich mit seinen langen, ungleichmäßigen Schritten hin und her. Wenn sie durchaus beharre, riet er nach einer Weile, das Gesicht verdrießlich und kurios verzogen, dann solle sie in Gottes Namen einen Staatsgerichtshof einberufen. Um alles in der Welt nicht möge sie gegen Agnes vorgehen ohne Spruch und richterliches Urteil.

Sie berief den Frauenberger, die einzelnen einflußreichen Feudalherren. Schneidend klar erkannte sie: Alle waren gegen sie, alle waren für Agnes. Aber mit wenigen Ausnahmen waren sie bereit, sich ihre Meinung abkaufen zu lassen. Sie nahmen Margaretes Vorgehen gegen Agnes als eine Laune. Gut, sie waren bereit, diese Laune zu decken; aber sie fanden es angemessen, daß Margarete diese Bereitschaft teuer bezahle.

Alle verlangten, alle forderten. Es preßte Margarete das Herz ab, knirschte ihr die Zähne zusammen. Sie standen vor ihr, unterwürfig, loyal, voll patriotischer Bedenken. Darunter grinste der Hohn: gibst du nicht, so kriegst du nicht.

Die Barone verständigten sich untereinander, glichen ihre Ansprüche aus. Der Frauenberger überbrachte der Herzogin ihre gemeinsamen Forderungen. Sie waren nackt, schamlos. Margarete solle ein Kabinett aus neun Ministern bilden. Vorgesehen waren der Frauenberger, Schenna, Berchtold von Gufidaun; die beiden Herren von Matsch, der Landeshauptmann und der Vogt, der Deutschordenskomtur Egon von Tübingen; Heinrich von Kaltern-Rottenburg, Diepold Häl, Hans von Freundsberg. Diese Herren, die auch als Richter in dem Prozeß der Gräfin von Flavon fungieren würden, sollten die oberste Justiz-und Verwaltungsbehörde des Landes bilden. Margarete solle sich verpflichten, ohne ihre Zustimmung keine Regierungshandlung vorzunehmen, niemandem ein Amt zu verleihen oder zu entziehen, mit keinem auswärtigen Fürsten zu verhandeln, Bündnis, Vertrag zu schließen. Auch solle sie keinen Minister absetzen dürfen; schied ein Mitglied durch Tod oder sonstwie aus, so solle nicht die Fürstin, sondern das Kabinett den Nachfolger bestimmen.

Margarete saß über dem Dokument, allein. Sie runzelte die Stirn so stark, daß die Schminke abbröckelte. Dies unterschreiben hieß: die Städte preisgeben, das Land den frechen Baronen hinschmeißen, daß sie ihre gierigen Zähne hineinschlügen, jeder sich ein Stück herausreiße. Dies unterschreiben hieß: das Land Tirol zerfallen lassen in eine Reihe kleiner Adelsherrschaften, schimpflich zerschlagen das Werk, daran die Väter und sie hundert Jahre lang Besitz, Nerven, Leben gesetzt.

In ihren Gedanken war plötzlich das kleine, bebartete Wesen, das sie einmal gesehen in den Felsen von Schloß Maultasch. Es neigte sich viele Male, schaute sie aus ernsten, uralten Augen an, tat den Mund auf.

Mit Gewalt scheuchte sie den Zwerg fort. Hin, Land! Hin, Städte! Hinunter, Nacken! Duck’ dich der Arroganz der Vasallen! Es muß sein. Es muß ausgetragen sein zwischen ihr und jener. Es wäre sinnlos, jetzt die Forderungen der Barone zu weigern und jene zu schonen. Sie würde weiter am Werk Margaretes nagen, es aushöhlen, verderben. Die Schöne war der Wurm des Landes, alles Übel kam von ihrer frechen, geilen Schönheit. Sie muß hin sein, sie muß getilgt sein, sie muß aus dem Licht, sie muß weg von der Erde. Das Land in den Bergen hat nicht Frieden, solang jene da ist.

Wenn sie sich aufriß vor Gott, sie durfte sagen: Es hatte Stunden gegeben, Tage, Wochen, wo kein kleiner, eitler Gedanke in ihr war, nur der reine, lautere Wille, sich zu beugen, zu tun, wozu man geschickt war. Wieder und wieder schlug jene Eitle, Leere mit spielender Hand entzwei, was sie mit Nöten, Demütigungen, Preisgaben geschaffen, von deren Qual und böser Artung jene nie einen Hauch zu begreifen imstande war. War das gerecht? War es gerecht, daß das Leere, Dumme, Schlechte, Gemeine, nur weil es die glatte Larve hatte, sich spreizte in der Welt, sie überdeckte, keinen Raum ließ für das Erfüllte, schmerzhaft Wissende? Das konnte Gott nicht wollen. Das mußte ausgekämpft sein. In einem wohlig schmerzhaften Krampf spürte sie, wie sie selber mit der Schönen verkettet war, wie sie selber bestimmt war, es auszutragen. Es gab kein Hinausschieben, kein Verstecken und Maskieren, keine Scheu vor dem hohen Einsatz, keinen Kompromiß. Es mußte ausgetragen sein.

Der Frauenberger kam, ihre Antwort zu holen. Ihre Hand lag plump auf dem Dokument mit den Forderungen der Barone. Sie blickte auf, schaute den Frauenberger an, sagte ruhig, ohne die Stimme zu heben: „Lumpen! Erpresser!“

Der Frauenberger erwiderte gleichmütig, jovial: „Ja, Herzogin Maultasch, billig sind wir nicht.“

Dann unterschrieb sie.


Agnes, als sie allein war, saß in großer Schwäche erschöpft nieder. Was denn um Gottes willen hatte sie da gemacht? Sich selber freundlich lächelnd in die Hand der Feindin gegeben. Wo hatte sie denn ihren Kopf gehabt? Der Tod Meinhards war wohl eine Einbuße und ein Schlag für die Maultasch, aber er war doch ein noch schlimmerer Schlag für sie selber. Die Maultasch hatte mit der Beseitigung Meinhards und dem kühnen, unerwarteten Verzicht auf Bayern sich zur Siegerin gemacht. Sie begriff sich nicht, wie sie in dieser Situation der Feindin ins Haus laufen konnte, ihren Triumph zu krönen.

Ganz allein und verloren saß sie da. Das Zimmer war schlecht geheizt, sie fror. War das wirklich Frost? Ein Gefühl kroch sie an, das sie all ihre Tage nicht gekannt hatte, zog sie zusammen, schnürte sie. Sie war immer keck und sicher gewesen, immer hatte sie die Lage in der Hand gehabt, hatte immer Männer hin und her geworfen nach ihrem Gutdünken. Jetzt war sie ganz hilflos, die Feindin konnte mit ihr anfangen, was sie wollte. Angst und Kälte überdeckten sie. Ihre tiefen, blauen Augen waren nicht mehr kühn, sondern stier und erloschen, ihr elastischer Rücken erschlaffte, ihre weißen Hände runzelten sich, ihr glattes Gesicht zerknitterte in kleine, steife, spröde Fältchen.

So blieb sie bis zum Abend. Dann brachte man Licht, schürte das Feuer neu, setzte Speisen auf den Tisch. Sie raffte sich zusammen, aß, wurde warm, belebte sich. Ach was! Das war ja das Ziel der andern, sie klein zu sehen, gedemütigt, winselnd, mutlos. Sicher nicht wird sie es wagen, ihr etwas Ernstliches anzutun. Steht nicht das ganze Land für sie? Weil sie häßlich ist, will sie, daß sie sich feig erweise. Sie denkt nicht daran, ihr den Gefallen zu tun. Sie straffte sich, ihre Augen schauten lässig und kühn wie immer. Sie aß mit Appetit, verlangte zum zweitenmal, scherzte mit den Dienern. Schlief gut, tief, ruhig, lange.

Als andern Tages der Frauenberger kam, fand er sie vergnügt, Bonbons lutschend, ein frivoles Couplet auf der Laute klimpernd. Sie mokierte sich über die altmodische Einrichtung des Zimmers. Er feixte, freilich, so modern und komfortabel wie sie gebe die Maultasch es nicht. Er tätschelte sie. Er blinzelte, meinte väterlich, er habe es ihr doch rechtzeitig gesagt, sie solle sich nicht einlassen mit den Lausbuben, es werde schief gehen. Sie fragte leichthin, ob er im Auftrag der Maultasch komme. Bange machen gelte nicht. Was man eigentlich vorhabe. Wie lange der Spaß noch dauern solle. Der Albino quäkte, man werde sie wohl vor ein Staatsgericht stellen. Sie erwiderte, man möge das recht bald tun, es sei so langweilig auf Schloß Tirol. Auch möge man ihr die Zofe schicken und ihre Schneiderin, daß sie vor Gericht in einem entsprechenden Kostüm erscheinen könne. Er sagte, sie brauche nur zu befehlen. Allein, lutschte sie Bonbons, klimperte.

Die Herzogin ließ es sich angelegen sein, das hohe und heimliche Gericht, das Agnes aburteilen sollte, mit feierlichem Pomp auszustatten. Drei Gemächer ringsum waren von Gewaffneten bewacht, damit die Heimlichkeit des Gerichts gewahrt sei. Die neun Herren saßen schweigsam, dunkel, Margarete selber prunkte schwer in den Insignien der Herrschaft.

Agnes trug ein schlichtes, lachsrotes Kleid, das für einen Empfang, eine kleinere Festlichkeit geeignet war. Ihr Gehabe war leicht, sicher. Sie war überzeugt, daß die Maultasch nicht wagen werde, sie anzutasten, daß der umständliche, feierliche Apparat des Gerichts nur dazu bestimmt sei, sie ängstlich zu machen. Dies alles geschah nur, damit sie, die Schöne, sich klein erweise vor der Häßlichen. Nein, sie war durchaus nicht gewillt, der Maultasch diesen Gefallen zu tun.

Der Pfarrer von Tirol, der als Protokollführer fungierte, verlas die Anklage. Die Gräfin von Flavon-Taufers sei von jeher bestrebt gewesen, auf Meinhard in verderblichem, dem Lande Tirol schädlichem Sinn einzuwirken. Als der junge Fürst im Begriff war, Tirol zu betreten, sich ihrem Einfluß zu entziehen, und als das Einvernehmen mit seinen getreuen und wohlmeinenden Untertanen ihre Pläne zu vereiteln drohte, habe sie sich mit Gewalt seiner zu bemächtigen versucht; über welchem Versuch der Herzog zu Tod gekommen sei.

Agnes sagte, sie wundere sich, wie weise und hochmögende Herren einfache und klare Tatbestände so schlimm mißdeuten könnten. Ja, sie sei mit dem jungen Fürsten in gutem, herzlichem Einverständnis gewesen, wie auch sein Vater sie seiner Freundschaft und seines Vertrauens gewürdigt habe. Sie habe nach ihrem geringen weiblichen Verstand zuweilen den oder jenen Ratschlag erteilt nach bestem Gewissen als gute Untertanin und Christin, dem Fürsten und seinen Ländern zu Nutz und Mehrung. Als der Herzog nach Tirol reiste, habe sie ihm, da unerwartet Herzog Stephan seine baldige Ankunft in München melden ließ, reitende Boten nachgeschickt mit einem Brief, daß unter solchen Umständen seine Rückkehr nach München ratsam sei. Leider hätten ihre Boten den Herzog nur mehr tot vorgefunden. Dies alles sei klar und unzweideutig. Sie sei eine große Sünderin, schloß sie lächelnd; aber in ihren Beziehungen zu Herzog Meinhard sei nach ihrer demütigen weiblichen Einsicht kein Wort und keine leiseste Regung gewesen, die sie nicht ungescheut vor Gott und den Menschen bekennen dürfte.

Sie gab diese Erklärung sitzend ab, leichthin, mit ihrer harten, schleierlosen Stimme. Jung, glatt, klar, vertrauensvoll saß sie in ihrem schlichten, lachsfarbenen Kleid vor den schweren, dunkeln Richtern.

Margarete sagte, sie habe, in München, die Gräfin von Flavon aufgefordert, sich nicht in die tirolischen Dinge zu mengen; die Gräfin habe das verweigert. Agnes erwiderte, die Frau Herzogin habe sie mißverstanden. Der Pfarrer von Tirol verlas eine eidliche Aussage, die Reiter der Gräfin hätten nach ihrer eigenen Bekundung Auftrag gehabt, den Herzog mit Gewalt nach München zurückzuführen. Alle schauten auf den Frauenberger, auf dem wohl dieses Zeugnis stehen mußte. Er sah unbeteiligt vor sich hin. Agnes erklärte, die Aussage der Reiter, wenn sie wirklich erfolgt sei, sei pure Verleumdung. Der Frauenberger grinste.

Die Herzogin saß da, steif, breit ausladend, schwarz stand das brokatene Kleid um sie herum, golden prunkten die Insignien der Macht. In ein Schweigen hinein, unvermutet, ohne Agnes oder irgendwen anzuschauen, tat sie den Mund auf, sprach. Mit gleichförmiger Stimme sagte sie alles heraus, mit nackten, schmucklosen Worten. Wo sie für das Land in den Bergen gewirkt habe, an der Etsch und am Inn, von den welschen Seen bis zur Isar, überall sei diese Gräfin von Flavon gewesen und habe gehindert und dagegen gewirkt. Sie sprach langsam und sie hob die Stimme nicht. Sie sprach von den Städten und von ihren Maßnahmen und wie diese Gräfin von Flavon sich dagegen gestemmt habe. Sie sprach von ihren Finanzverordnungen und wie diese Gräfin von Flavon den welschen Bankier, den Messer Artese, wieder in die Berge gerufen habe, den sie vertrieben. Sie sprach von der tirolischen Autonomie und wie diese Gräfin von Flavon dem Land immer wieder den Bayern in den Pelz gesetzt habe, den Blutsauger. Sie sprach von der Artusrunde, von Ingolstadt und Landshut. Langsam aus ihrem wüsten, breiten Mund holte sie nackte, sachliche Worte. Sie fielen gleichmäßig, monoton; wie schwerer Sand rieselten sie, unhemmbar, sie begruben die feine, leuchtende Agnes, daß sie farblos dasaß und erbärmlich und ohne Schwung. Es war ganz still, als die Herzogin zu Ende war, man hörte die Scheiter im Kamin knistern, die Herren hockten da, trist und grau und gebeugt.

Agnes sagte, sie habe nie Einfluß gesucht. Sie habe gesprochen, wenn man sie gefragt habe, und da nur zögernd, sie habe nie jemandem einen Rat aufgedrängt. Sie merkte, daß ihre Worte zu Boden fielen und keinen überzeugten. Da erhob sie sich, sie stand da, heiter, frei, leicht, stolz, sie sah die Herren an, einen um den andern, sie sagte: Wenn sie eine Sünde begangen habe, dann nur die, daß sie auf der Welt sei. So habe Gott sie geschaffen. Solange sie sich nicht auslösche, könne sie nicht hindern, daß man den Kopf nach ihr wende, an ihr Gefallen finde.

Alle schauten sie an, selbst der rasche Federkiel des Pfarrers von Tirol hörte zu kritzeln auf. Mit seinen müden, grauen Augen schaute Schenna sie auf und ab, angestrengt starrte ihr der hagere, rechtliche Egon von Tübingen in die tiefen, blauen Augen, der biedere, gutmütige Berchtold von Gufidaun schnaufte, seufzte, aus seinen rötlichen Augen blinzelte der Frauenberger. Diese ihre Worte, das spürte Agnes, waren nicht zu Boden gefallen. Sie hatte einen Teil ihres Wesens herausgeholt, hochgehoben mit beiden Händen, den Männern hingehalten, stolz, vor der Feindin: Da! Seht her! So bin ich! Sie genoß ihre Wirkung, atmete, genoß.

Da sah sie, daß auch die Maultasch sie anschaute. Die blauen Augen der Schönen tauchten tief in die braunen der Häßlichen. Und Agnes sah, daß Margarete lächelte. Ja, ein kleines Lächeln zerschnitt das grellweiß geschminkte Gesicht der Herzogin, und es war nicht gekünstelt, es war echt. Da wußte Agnes, daß jene vorgesorgt hatte, daß ihr Triumph im vorhinein vergiftet, daß sie verloren war. Sie begann plötzlich zu zittern, sie verfahlte, ihre Glieder erschlafften, sie mußte sich setzen.


In das Gemach der Verurteilten trat ungemeldet, überraschend die Herzogin. Agnes hatte den Spruch sehr in Haltung hingenommen, frei, leicht. Sie hatte sich auch, als sie allein war, gesagt, die Maultasch werde nicht wagen, weiter zu gehen. Aber dann hatte sie an das leise, tiefe Lächeln Margaretes gedacht, und den Magen herauf war ihr wieder jenes peinliche, fröstelnde Gefühl gekrochen, das sie früher nie gekannt hatte. Jetzt, als die Herzogin kam, riß sie sich sogleich zusammen, erhob sich höflich, nicht zu schnell, bat sie zu sitzen.

Margarete sagte: „Sie haben angedeutet, Gräfin, daß zwischen mir und Ihnen noch ein anderes sei als die Strenge der Fürstin gegen die Untertanin, die sich auflehnt und das Land schädigt. Begreifen Sie doch, daß ich gar nichts anderes sein kann als die Fürstin; denn das beleidigte Land ist in mir, meine Regungen sind die des Landes.“ Sie sagte das leicht, selbstverständlich, überzeugend, mit großer Hoheit.

Agnes hörte aufmerksam, höflich zu. Sie verstand nicht, was die andere meinte. Sie verstand nur: „Ah, sie will etwas von mir. Sie will sich aussprechen mit mir. Will sich rechtfertigen. Wie schwach muß ihre Position sein! Sie spürt, daß sie die Unterlegene ist. Sie will mich übertölpeln. Nur sich nicht einfangen lassen. Nein sagen. Was sie auch verspricht, nein sagen.“

Margarete sah, daß die andere sie nicht begriff. Sie versuchte es von einer neuen Seite. Müde, ein bißchen ungeduldig, doch versöhnlich sagte sie: „Sie haben Erfolge gehabt, Gräfin. Ich gönne sie Ihnen. Freuen Sie sich weiter daran. Mein Sinn und Ehrgeiz geht ganz wo andershin, suchen Sie das doch zu glauben. Ich will die Gewähr haben, daß Sie Tirol nicht weiter schaden. Nichts sonst. Bekennen Sie vor Zeugen und durch Ihre Unterschrift, daß Ihr Wirken meinem Land verderblich war. Schwören Sie auf das Evangelium, sich fernerhin jeder politischen Tätigkeit zu enthalten. Ich will dann das Todesurteil kassieren. Ihre Lehen fallen zurück an meine Verwaltung. Sie sind frei und verlassen mein Land.“

Da war sie, die Schlinge. Agnes höhnte innerlich: „Nie wird sie es wagen, mich zu töten. Und für so dumm hält sie mich, daß sie sich ihre Feigheit von mir bezahlen lassen will.“

Sie sagte: „Ein solches Dokument unterzeichnen kann ich nicht. Daß ich auf der Welt war, daß ich da war, das war wirklich meine ganze politische Tätigkeit. Sie können mich schwören lassen, was Sie wollen. Sie können es nicht verhindern, und ich kann es nicht, daß ein Mann, wenn er mich ansieht, nach meiner Ansicht handelt, nicht nach der Ihren.“ Sie sah Margarete auf und ab, unverwandt; ihre blauen Augen glitten über sie, beredt, abschätzig, höhnisch. Verhöhnten den wüsten, äffisch sich vorwulstenden Mund, die herabhängenden Backen, das in vielen Falten fallende ungeheure Kinn, den plumpen, feisten Leib. Sie spähten sie aus, drangen durch die Schminke, betasteten spöttisch die spröde, warzige, bröckelnde Haut.

Die Herzogin, tiefer geschlagen als je, bezwang nur mit Mühe ihre maßlose, verwirrte Erbitterung. Sie sagte, und ihr Hohn klang nicht echt: „Lassen Sie es meine Sorge sein, Gräfin, zu beurteilen, ob es nötig ist, Sie auszulöschen. Ich glaube, Sie überschätzen sich. Mir genügt es, wenn Sie die verlangte Erklärung unterzeichnen.“

Wie matt und ohne Schlagkraft diese Erwiderung war! Sie spürte es selbst. Und hoch, triumphierend, genießend spürte es Agnes. Sie war jetzt ganz gewiß, nie wird jene wagen, den Spruch vollziehen zu lassen. Ihr etwas einbekennen! Ihr etwas zugestehen! Daß sie eine Närrin wäre! „Es tut mir aufrichtig leid, Ihren Wunsch nicht erfüllen zu können,“ sagte sie, den konventionellen Ton süßen, spitzbübischen Bedauerns ganz auskostend.

Die Herzogin erhob sich. In ihr stand fest: austilgen die Person! Das Land verlangt es. Gott will es. Aus dem Licht muß sie, von der Erde weg muß sie. Die Luft war verpestet, der Boden brannte, solange sie atmete, schritt. Schwer schleifte sie sich zum Ausgang, ein krankes, getroffenes, häßliches, trauriges Tier. Leicht, höflich geleitete sie Agnes.


Die Minister baten Margarete dringend, sie möge die Gräfin begnadigen. Nach diesem Prozeß werde sie sich hüten, weiter gegen Tirol zu intrigieren. Unter keinen Umständen dürfe die Herzogin jetzt etwas gegen Agnes unternehmen, solange die Tiroler Dinge so wenig konsolidiert seien. Auch verhinderten die Minister, daß von der ganzen Angelegenheit, Gefangennahme, Prozeß, Verurteilung, das leiseste Gerücht ins Land drang.

Schenna stellte Margarete vor, daß das Volk niemals Schlechtes von Agnes glauben werde, daß sie allen nur denkbaren fanatischen Haß gegen sich heraufbeschwören werde, taste sie Agnes an. Kein Spruch und keine Kundgebung des Ministeriums werde verhindern, daß man von Mord und Blutschuld faseln werde. Jede Wolke, jedes Gewitter, jede Viehseuche werde als Zeichen des Himmels gegen die Herzogin gedeutet werden. Dringlich mit seinen gescheiten, grauen Augen bat er sie, beschwor sie, sie möge nichts Rasches tun, alles hinausschieben bis zumindest nach der Bestattung Meinhards.

Sie sagte still: „Es geht nicht, Schenna. Der Streit muß ausgetragen sein, Schenna.“

Der Frauenberger saß allein und soff. Es war Nacht. Im Winkel lag sein Bursche, schnarchte. Er stieß ihn mit dem Fuß, hieß ihn das Feuer schüren. Gab ihm dann Wein. Pfiff, sang vor sich hin. Überlegte scharf. Logik! Logik! Behielt Margarete ihren Willen, wurde Agnes als Hochverräterin gebrandmarkt oder gar hingerichtet, dann gab es Revolution, und es war sehr fraglich, ob, wie die Dinge jetzt standen, das Regiment der Barone sich halten ließ. Tat man der Maultasch nicht den Willen, dann wird sie, zäh wie sie war, immer wieder darauf zurückkommen; man wird das Erreichte nie in Ruhe genießen können. Was also war zu tun? Logik! Logik! Er dachte nach. Soff. Dachte nach. Erhellte sich. Grinste. Gab dem Burschen zu trinken. Quäkte. Schlief.

Ging andern Tages zu Agnes. Fand sie sehr aufgeräumt, froh über sein Kommen. Sie sagte, sie könne sich jetzt nicht mehr über Langeweile beklagen. Besuch wenigstens habe sie zur Genüge. Heute ihn, gestern die Maultasch. Ja, log er – Margarete hatte ihm natürlich nichts gesagt –, er habe gehört, die Damen hätten sich so gut verstanden. Sie schaute ihn leicht mißtrauisch an. Er blinzelte, begann sich über Margarete lustig zu machen. Er hatte süßen Schnaps mitgebracht. Sie trank. Sie lag in den Polstern, ihre weiße, feine Kehle stieg und senkte sich vor Lachen. Er machte ihr den Hof. Sie fühlte sich vergnügt, beschwingt. Der Schnaps, den er ihr mitgebracht hatte, war wirklich von besonderer Art und stieg rasch zu Kopf. Er hatte sie überlistet, der Frauenberger, ei ja, ihr den Meinhard vor der Nase wegeskamotiert. Aber sie hätte diese Niederlage nicht missen mögen. Er war ein Mann, der einzige, der ihr imponierte.

Sie lag in den Polstern, angenehm erschöpft.

Wie niedrig die Zimmer waren in Schloß Tirol. Die Decke kam herab. Immer tiefer. Stemm die Zimmerdecke hoch, Konrad! Man erstickt ja. Sie erdrückt einen ja. Sie lachte unmäßig. Oder war das ein Röcheln?

Der Frauenberger blinzelte herüber, wartete. Beobachtete sachverständig. Sah kopfnickend, wie sie sich auf die Seite wälzte, wieder auf den Rücken, wie sie lachte, schnappte, röchelte, sich verzerrte, mit den Armen um Luft ruderte, seitwärts vom Polster glitt.

Langsam dann rief er ihre Frauen. Benachrichtigte die andern Herren des Kabinetts, der Zwist mit der Herzogin um die Begnadigung der Gräfin von Flavon sei gegenstandslos, da die Gräfin, wohl infolge der Aufregung, soeben an einem Schlaganfall verschieden sei.


Margarete, als sie von dem Tod der Agnes hörte, spürte eine dumpfe, lähmende Leere. Sie war angefüllt gewesen mit dem Gedanken: Agnes, jetzt wich das alles aus ihr, zurück blieb eine leere Hülle.

Langsam aus allen Winkeln holte sie Fetzen von Besinnung. Hätte sie sich nicht eigentlich frei fühlen müssen, leicht, schwebend, beglückt, nun die Verderberin tot und aus dem Weg war und das Land nicht mehr gefährdet? Nichts von dem. Mehr und mehr schwoll eine dumpfe, sinnlose Wut in ihr hoch. Sie hatte die Feindin unterworfen sehen wollen. Feierlich zum Tod geführt hätte sie bekennen sollen: Besiegt bin ich, ein kleines, lächerliches, verworfenes Stück Mensch bin ich, und du bist die Fürstin, die Hohe, die Unerreichbare, von Gott Erwählte. Ihr Tod war nicht wichtig, aber dies Einbekenntnis war wichtig. Und jetzt hatte man sie höhnisch und frech um Haß, Rache, Sieg betrogen, hatte ihr die Verhaßte vor der Nase weggeflüchtet an ein Ufer, an das sie nie gelangen konnte. Jämmerlich, roh, plump beschwindelt stand sie, und jene war davon, emporgeflogen, leicht, lächelnd, unbesiegt.

Margarete tobte. Wozu jetzt hatte sie alle diese Opfer gebracht? Hingeschmissen das Land, hingeschmissen das Werk der Väter und ihr eigenes, schmählich sich geduckt der Habgier und der Frechheit der wölfischen Barone. Und jene davon, höhnisch, lächelnd.

Mit unflätigen Schimpfworten übergoß sie den Frauenberger. Der feiste Mann stand breit, gelassen, unberührt. An seinem nackten, rosigen Gesicht prallten die Flüche ab wie Wasserspritzer.

Sie berief den Ministerrat. Kaum sich zügelnd, die sonst so beherrschte Stimme heiser, ungleichmäßig, aussetzend, verlangte sie, sofort müsse Prozeß und Urteil publiziert, die Tote infam eingescharrt werden. Geschehe das nicht, werde man diesen plötzlichen Tod ihr zur Last legen. Einhellig, mit allen Kräften widersetzten sich die Minister. Die meisten glaubten wie das ganze Land, Margarete sei wirklich schuld an diesem dunkeln und unwahrscheinlichen Tod. Sie waren ehrlich empört über die frivole, gottlose Forderung der Herzogin, den Meuchelmord an der verhaßten Nebenbuhlerin jetzt als gerechte, patriotische, gottgefällige Tat hinzustellen. Ja, sie fanden die eigenen Erpressungen an der Maultasch durch dieses Verhalten hinterher moralisch in jeder Weise gerechtfertigt; es zeigte sich klar, daß man sich gegen diese maßlose und verbrecherische Frau nicht Sicherungen genug schaffen konnte. Im übrigen waren sie sehr erleichtert durch die jähe Lösung des Konflikts und nicht gewillt, die Dinge durch was immer neu verwirren zu lassen. Quäkend, unverhohlen, schneidend klar faßte der Frauenberger ihre Meinung zusammen. Was denn die Frau Herzogin wolle. Gott habe die Bestrafung des Verbrechens in seine Hand genommen. Nun sei die Verderberin tot, aus dem Weg geräumt. Mehr habe doch die Fürstin nicht gewollt, nicht wollen können. Es sei unchristlich, über den Tod hinaus zu hassen. Es sei dem Volk kaum zu verdenken, wenn es in solchem Fall losbreche. Der von Matsch führte aus: Ja, natürlich erlaube sich das Volk unehrerbietige Reden gegen die Herzogin. Es sei auch nach seinen Informationen da und dort infolge des Todes der Gräfin zu Demonstrationen gekommen. Aber da sie, die Minister, geschlossen hinter der Fürstin stünden, werde man mit solchen kleinen Revolten leicht fertig werden. Schon seien mehrere Demonstranten festgenommen, man werde sie öffentlich stäupen lassen, das werde den andern den Mund stopfen. Infamiere man aber die Tote, dann werde die Empörung so allgemein sein, daß er für nichts einstehe. Der redliche Gufidaun, der nach langem Ringen zu der Überzeugung gekommen war, die Herzogin sei nicht schuldig, brachte in mühsamer Rede seine Ansicht zutage: Die Verbrecherin sei tot. Teurer als mit dem Leben könne vor irdischen Richtern niemand seine Schuld bezahlen. Das Gedächtnis der Toten zu verunglimpfen, stehe einer so hohen und edeln Frau wie der Herzogin nicht an. Er setzte sich verlegen; er redete selten. Alle pflichteten ihm bei.

Die Herzogin sah auf Schenna. Der kratzte mit seinen dürren Fingern nervös den Tisch, schwieg.

Margarete beharrte. Mit fieberischen, stammelnden, ungeordneten Worten erklärte sie immer wieder, sie gehe nicht ab, sie sei das ihrem Prestige schuldig, sie bestehe darauf.

Doch die Minister blieben fest. Sie beriefen sich auf das Abkommen, sie zeigten die Zähne, erklärten, niemals würden sie die erforderliche Zustimmung zu Maßnahmen gegen die Tote geben. Margarete geiferte von Meuterei, Empörung. Die Minister erwiderten, sie nähmen diesen Vorwurf ruhig hin. Ihr Gewissen sage ihnen, ihr Widerstand geschehe im Interesse des Landes und der Herzogin selbst; auch seien sie, wenn sie sich vor die Tote stellten, der Billigung der ganzen Christenheit gewiß.

Margarete mußte sich fügen.

Sie wütete kraftlos, versagend. Die Minister, die Lumpenkerle, die Feiglinge! Wie froh sie waren, ihren Spruch nicht vertreten zu müssen! Wie schamlos hatten sie sie übertölpelt! Sie um das Land geprellt und sich dann mit übler Sophisterei dem Pakt entzogen. Lumpen, Gauner, Erpresser! Sie dachte daran, sich an das Ausland um Hilfe zu wenden. Aber die Wittelsbacher waren geschworene Anhänger der Agnes, und der Habsburger war zu klug, um sich durch Maßnahmen gegen die Tote von vornherein unpopulär zu machen.

Sie wagte einen äußersten, hilflosen Versuch, die Tote zu besiegen. Sie setzte in letzter Stunde die Beerdigung Meinhards so an, daß sie zusammenfiel mit der Beerdigung der Agnes. Wer nach Taufers ging zu der toten Agnes, mußte der Bestattung des Landesfürsten fernbleiben. Trotzig, verzweifelnd, rief sie das Land an, zu entscheiden zwischen ihr und der Toten.

Schweigsam, vor sich hintrotzend, verwildert saß sie auf Schloß Tirol, wartete, wer zu ihr kommen werde, wer zu Agnes. Im tiefsten Innern wußte sie so gut wie alle, daß Agnes sie durch ihren Tod besiegt hatte, daß der Kampf aus war und die Tote durch keine Kraft und keine List mehr erreichbar.

Die Herren des Kabinetts verständigten sich, wer an der Bestattung des jungen Herzogs teilnehmen, wer nach Taufers gehen solle. Sie kamen überein, jedem einzelnen Entschluß und Verantwortung für sich zu überlassen. Die meisten beschlossen, zur Gräfin von Flavon zu gehen. Hatten sie nicht die Hände rein von diesem Blut? Warum sollten sie es nicht zeigen? Der Frauenberger, der Deutschordenskomtur Egon von Tübingen, der redliche, schwerfällige Gufidaun beschlossen, in Tirol zu bleiben.

Jakob von Schenna saß spät abends noch wach. Aber er las nicht in dem Buch, das er sich aufgerollt hatte. Er ging auf und ab mit seinem steifen, ungleichmäßigen Schritt. Er hatte erst vorgehabt, krank zu sein und weder nach Tirol, noch nach Taufers zu gehen. Das Politische war ihm gleichgültig. Die Meinungen und Wallungen des Pöbels kümmerten ihn nicht, und er hatte für seine Person viel zu wenig Ehrgeiz, um sie in Rechnung zu stellen. Der Streit zwischen den Frauen aber hatte ihn von je erregt; er rührte ihn noch tiefer auf, seitdem er zwischen der Toten und der Lebenden ging. Margarete hatte Hilfe von ihm verlangt; er hatte sie ihr, zum erstenmal, versagt. Er wollte sich nicht hineinziehen lassen in diesen Kampf, er wollte nicht Partei nehmen. Er wollte nicht.

Wiederum vielleicht fast als einziger durchschaute er die Zusammenhänge. Margarete, die Fürstin, hatte recht. Agnes war die Verderberin gewesen, es war ein Segen für Tirol, daß sie weg war. Aber hatte Margarete die Fürstin den Schlag geführt oder Margarete die Frau? Hatte Agnes sterben müssen, weil sie das Land schädigte, oder weil sie schön war? Er wagte nicht, zu entscheiden. Dies eine war gewiß: Agnes war die schönste Frau gewesen vom Po bis zur Donau. Er war ein alternder Herr. Wagte er vielleicht nur deshalb nicht zu entscheiden?

Er wollte nicht bequem sein, er wollte nicht alt sein. Es war nicht recht gewesen von der Maultasche. Er hatte ihren wüsten Mund hingenommen, ihre Hängebacken, ihre ganze, arme Häßlichkeit. Ihren Haß gegen die Tote nahm er nicht hin. Ein simples, gerades Gefühl stellte sich gegen sie. Man mußte Zeugnis ablegen für die Schönheit. Er wird nach Taufers gehen.


Vom Pustertal her über Bruneck goß es sich in das Tal von Taufers. Niemals hatten diese Berge soviel Menschen gesehen. Durch den hohen Schnee mühselig stapfte es heran, bald war eine Straße getreten. Unter dem freien, bestirnten Himmel nächtigte es in der scharfen, klaren Kälte. Eine Stadt von Zelten breitete sich. Tausende und immer neue Tausende schoben sich heran, Weiber, Kinder, die Mühsal und Gefahr des Winters nicht scheuend. Durch die Schneeluft klangen die Verwünschungen der Margarete, der Hexe, der Gezeichneten. Ruchlos, meuchlings hatte die wüste Teufelin die sanfte, süße Agnes ermordet. Nun lag sie aufgebahrt in der Kapelle von Taufers, ein Engel Gottes, wächsern, eine bunte, schöne Heilige. In endlosem Zuge wallte es an ihr vorbei, sehr verschieden von Stand, Alter, Aussehen, Barone, Bauern, Bürger, aber alle andächtig, ergriffen, mitleidig, alle voll wilder, fluchender Empörung gegen die Herzogin.

Vereinsamt indes in der Kapelle von Schloß Tirol lag der tote Meinhard, letzter Graf von Tirol. Nur die Hofbeamten und Offiziere waren geblieben, die unter allen Umständen bleiben mußten.

Wortkarg, eisig verschlossen ging Margarete durch ihre tuschelnde Umgebung, übersah die Lücken unter den Gästen, traf, umkrustet, die letzten Anordnungen der Trauerfeier. War Herr von Schenna nicht da? Nein, bis jetzt war er nicht gekommen. Am Nachmittag: immer noch nicht? Nein, Herr von Schenna war nicht da. Sie schickte einen Kurier nach Burg Schenna. Herr von Schenna war verreist. Nach Taufers.

Auch Schenna.

Der starke Verwesungsgeruch, der von der Leiche Meinhards ausging, drang durch alle Essenzen und Gewürze. Er benahm den Leuten in der Kapelle den Atem, die wachehaltenden Offiziere mußten von Stunde zu Stunde gewechselt werden.

Um die dritte Stunde nach Mitternacht ging Margarete in die Kapelle. Stumm hockte sie neben ihrem verwesenden Sohn, der Geruch der Verwesung scheuchte sie nicht fort. Die Wachen wurden gewechselt, das zweitemal, das drittemal, sie hockte neben dem Toten, rührte sich nicht.

Auch Schenna.

Sie rief die Feindin herbei, die Tote, sie rief herrisch. Jene kam. Sie rechtete mit ihr. Jene lächelte, sprach nicht. Sie hielt ihr vor, was alles sie verbrochen hatte, sinnlos, eitel, frech spielerisch in ihrer glatten, nichtigen, schamlos genießerischen Schönheit. Hier in der Kapelle, wo die toten Grafen von Tirol lagen, die das starke, reiche, berühmte Land in den Bergen gefügt hatten und zusammengeknetet, hielt sie der toten Feindin vor, was sie zerstört hatte, verdorben, verhunzt. Jene glitt auf und ab, leicht, unerreichbar, die Verwesung zerteilte sich rings um sie, sie lächelte, glitt, sprach nicht.

Auch Schenna.

Jene hatte gesiegt. Margarete hatte recht, und jene hatte gesiegt. Margarete hatte vernichtet, und jene hatte gesiegt. War vernichtet, war tot und hatte gesiegt. Alle kamen zu ihr. Auch Schenna.

Dann, andern Tages, wölkte der Weihrauch, sangen die Trauerchöre, sank der Sarg, schlossen die Steinplatten, schwer niedergleitend, die Gruft. Aber die Feier blieb ohne inneren Hall. Die Chöre blühten nicht in die Herzen, die feierlichen Gesten blieben kahl, die spärlichen Teilnehmer standen steif, unbehaglich, fröstelnd.

In der Zeltstadt um Taufers hatte ein großes Trauergelage angehoben. An riesigen, offenen Feuern wärmte man sich, briet und sott man. Die scharfen Grenzen der Stände verwischten sich. Wildbret und Fisch, dem Bauern sonst durch strenges Gesetz versagt, genoß er statt Rüben und Sauerkraut. Der Stadtbürger steuerte Wurst bei und Schweinebraten. In der fröhlichen Kälte hob ein großes, gerührtes, trauerndes, maßloses Fressen und Saufen an. In seliger Trunkenheit gedachte man in überschwenglichen Reden der engelhaften Schönheit, Milde, Güte der toten Gräfin von Flavon; wilde Flüche gellten gegen die Maultasche, die Teufelsbuhle und Mordbübin. Noch die tote Agnes blieb dem Volk verklärt von einer festlichen Wolke nie mehr zu erreichenden, duftenden, gebratenen Fleisches und flutenden Weines.

Einsam in Schloß Tirol hielt Margarete das prunkende Totenmahl. Steif saß sie, geschminkt, allein, unter Fahnen, Feldzeichen, Standarten, an der von Schaugerichten, Gold und Steinen strotzenden Tafel. Der Frauenberger, leicht grinsend, Gufidaun, der Deutschordenskomtur nahmen den Kämmerlingen, Vorschneidern die Speisen ab, trugen sie zeremoniös zu Tische. Margarete saß steif, starr. Die Speisen kamen, in ungeheurer Fülle, wurden unberührt wieder weggetragen. So hielt sie Totenmahl, drei Stunden lang.


Der Sekretär des Frauenbergers, der stille, demütige Kleriker, bekam zu tun. Die Minister nützten mit nackter Schamlosigkeit den Vertrag aus, den sie der Herzogin abgepreßt hatten, teilten das Land unter sich auf. Es flogen die Schenkungsurkunden, Gaben, Gnaden, Privilegien, Verschreibungen. Das Regiment der bayrischen Artusritter war bescheiden gewesen, verglich man es mit der großzügigen Plünderung Tirols durch dieses Kabinett der Maultasch.

Der Frauenberger steckte grinsend, breit, selbstverständlich die Hinterlassenschaft der Agnes ein, dazu Burg und Pflege Pergine und Schloß Penede östlich von Riva, Heinrich von Kaltern-Rottenburg die Feste Cagno auf dem Nonsberg, dazu das Dorf gleichen Namens, Hans von Freundsberg Festung und Pflege Straßberg bei Sterzing. Ganz aus dem Vollen scheffelten die Herren von Matsch. Sie ließen sich Nauders zusprechen, Stadt und Gericht Glurns, die Probstei Eyers, Schloß Jufal am Eingang ins Schnalser Tal.

Berchtold von Gufidaun und der Deutschordenskomtur Egon von Tübingen schauten mißbilligend zu, hielten sich, belächelt von den andern um ihre Naivität, die Hände rein.

Schenna schüttelte betrübt den Kopf über die Habgier der Kollegen. Sagte sich schließlich: Besser ich als ein anderer. Eignete sich traurig und sachkundig Pflege und Gericht Sarnthein an, steckte auch Burg und Pflege Reineck ein, dazu Festung und Gericht Eppan, schließlich, ganz trübsinnig über soviel Schwäche und Hemmungslosigkeit, Lugano oberhalb Cavalese.

Margarete, starr und schweigsam, unterschrieb, was man ihr vorlegte. Im Verlauf von dreizehn Tagen hatte sie das halbe Land verpfändet und verschenkt.


Über den Krimler Tauern durch den wilden Januar arbeiteten sich fünf Männer. Sie sanken in Schneemulden, kämpften sich heraus, zerschrundeten sich Hände und Gesicht an Eis und Stein. Aus Schluchten, trügerischen Schneehalden, hundertfältig, lautlos, wehte einen Tod an. Zwei Bären folgten ihnen von Ferne, flohen, schnupperten sich wieder heran. Drei Tage so arbeiteten die Männer sich vor, bis sie bei dem Dorfe Prettau wieder eine menschliche Siedlung erreichten.

Es waren Rudolf, Herzog von Österreich, Herr von Rappach, sein Hofmeister, Herr von Laßberg, sein Kämmerer, und zwei Knechte.

Der Habsburger hatte in der Steiermark, in Judenburg, durch Eilkurier eine Depesche seines Kanzlers erhalten, der sich in den schwäbischen Vorlanden an der tirolischen Grenze aufhielt. Bischof Johann von Gurk meldete ihm die tirolischen Wirren, die im Anschluß an Meinhards Tod entstanden waren, und forderte ihn ebenso dringlich wie untertänig auf, so schnell wie möglich in das Land in den Bergen zu kommen.

Rudolf überlegte kurz: Die Wittelsbacher rauften jetzt wohl unter sich um Meinhards bayrisches Erbe, hatten keine Zeit für Tirol. Ja, der Kanzler hatte recht, es war das wichtigste, daß er jetzt auf kürzestem Weg, überraschend, Bayern meidend, bei Margarete erschien. Zurück nach Wien? Militär? Nein, geradeswegs von Judenburg nach Radstadt ritt er, in den Pinzgau, hörte nicht auf die Beschwörungen, jetzt im Winter von der Überquerung der Tauern abzustehen, drang zäh, ums Leben kämpfend, über den Paß, gelangte nach Prettau, nach Ahrental. Geriet in Taufers unerkannt in den Strom der abziehenden Trauergäste. Hörte von dem neuen Ministerium, seinen unerhörten Vollmachten, seinen Plünderungen. Kam nach Bruneck. War am zwanzigsten Januar, am vierzehnten Tag der Alleinherrschaft der Margarete, in Bozen.

Da stand er nun. Das Land, sein Land, für dessen Besitz er und sein Vater durch Jahrzehnte gewirkt hatten, war in der Hand der gewalttätigen Barone, wurde jämmerlicher zerstückt von Tag zu Tag. Er war ganz allein; sein Heer bestand aus zwei Offizieren und zwei Mann. Wohl hatte er in Österreich Order hinterlassen, Truppen an der tirolischen Grenze zusammenzuziehen. Aber bis solche Maßnahmen wirksam wurden, konnte das Land in den Bergen aufgeteilt sein. Er erkannte sehr gut, wie voll Gefahr seine Situation war. Es war möglich, daß die entzügelten, verwilderten Barone vor seiner geheiligten Person nicht zurückscheuten, sich, wenn auch solches Vorgehen nur sehr kurzfristigen Erfolg haben konnte, seiner bemächtigten, ihm Bestätigungen, Zugeständnisse abzupressen. Aber wie immer, er konnte nicht warten. Er war randvoll vom Willen zu seiner Sendung, vom Glauben an sich selbst. Alles hing ab von seinem persönlichen Auftreten.

Der Frauenberger ließ sich melden. Kam als Vertreter des Ministeriums. Stand vor dem Herzog, lauersam, abwartend. Der war sehr kühl, verschlossen. Der Frauenberger tastete sich vor. Blinzelte Rudolf vertraulich an, sagte jovial: Das Kabinett sei allenfalls bereit, jenes Testament Margaretes zu Habsburgs Gunsten anzuerkennen, vorausgesetzt, daß Rudolf den Ministern garantiere, daß ihre Privilegien und Verfügungen für mindestens zwölf Jahre in Geltung blieben.

Rudolf schaute den breiten, massigen Menschen an, der feist und widerwärtig vor ihm stand. Der blinzelte ihm spitzbübisch zu, einverständnisvoll wie bei einem guten, unsaubern Handel ein Schelm und Krämer dem andern. Hochmütig sagte der Habsburger: Das seien merkwürdige Sitten, die in Tirol eingerissen seien, und sonderbare Begriffe. In Habsburgischen Landen wage keiner, dem sein Hals lieb sei, solche Vorschläge an seinen Fürsten. Soviel ihm bekannt, sei ein deutscher Fürst Gott verantwortlich und allenfalls dem Kaiser, und ein Habsburger nach den Hausprivilegien nicht einmal dem. Der Frauenberger schaute gleichmütig, wartete, ob nach dieser allgemeinen, theoretischen Einleitung ein Besonderes, Praktisches komme. Der Herzog schloß kalt, er sei bereit, zu prüfen, wie weit die Privilegien der Barone zu Recht bestünden. Der Albino tat sein Froschmaul auf, quäkte frech, behaglich, vergnügt: Auf solcher Basis werde man sich wohl einigen. Er rechne damit, die Prüfung des Herzogs werde weitherzig ausfallen. Sei man doch auch in Tirol immer weitherzig genug gewesen, niemals die so spät und unter so merkwürdigen Umständen aufgefundenen habsburgischen Hausprivilegien anzuzweifeln.

Da geschah etwas Seltsames. Langsam, ruhig hob der junge Herzog die schmale, feste, knochige Hand. Mit dem bräunlichen Handrücken schlug er in das fette, nackte, rosige Gesicht des andern, zweimal, rechts, links.

Der Frauenberger hielt ganz still. Sein geschlagenes Gesicht schien durchaus nicht weiter gekränkt, nur maßlos verblüfft. Die rötlichen, lidlosen Augen starrten auf den Fürsten, sahen die niedere, eckige, entschlossene Stirn, die Hakennase, die hängende Unterlippe über dem starken Kinn. Der Albino blinzelte, blinzelte stärker, wiegte den Kopf, hob wie entschuldigend die Achseln, verneigte sich, ging.

Rudolf, allein, atmete, breitete die Arme, lächelte, lachte.

Der Frauenberger sagte sich: „Man könnte ihn beiseite schaffen. Aber es wird nicht so glatt gehen wie bei den andern. Auch hat er sich gewiß vorgesehen, und es stehen viele hinter ihm. Es ist klüger, sich nicht mit ihm einzulassen. Es ist schade um die schöne Regiererei. Aber ein Kerl mit solchem Nacken und solchem Kinn. Na, ich hab’ auch so genug beisammen. Wer hätte mir eine solche Karriere zugetraut? Man muß schauen, soviel wie möglich zusammenzuhalten. Wozu die ewige Habgier? Ich bin kein Esel. Ich bescheide mich, wenn das Risiko zu groß wird. Immerhin, schade. Aber bei solcher Hakennase.“

Er pfiff sein Lied, streckte sich, gähnte geräuschvoll, knackte mit den Gelenken, schlief.


Jung, fest, gerafft, doch nicht unehrerbietig, trat Rudolf vor die Herzogin. Er begrüßte die Starre, Verschlossene, drückte ihr auch mündlich sein Beileid aus. Ging dann sogleich mit höflichen, bestimmten Worten auf sein Ziel los. Sie sei bekannt an allen Höfen als Fürstin von Klugheit und Kraft. Um so erstaunlicher, daß jetzt die kurzen Tage ihrer Alleinherrschaft dem Lande so schlecht bekommen seien. Es sei wohl so, daß der Schmerz über den Verlust ihres Sohnes so rasch nach dem Verlust ihres Gemahls sie verwirrt habe und unfähig mache, ihre großen Gaben zu nutzen. Nun brauche aber das Land in den Bergen jetzt mehr als je eine feste Hand. An den Grenzen drohe Bayern, auch die lombardischen Herren würden bei einem wittelsbachischen Angriff nicht still bleiben, im Innern regiere die nackte Habsucht der Barone. Er gebe zu erwägen, ob Margarete das Vertrauen, das sie ihrem Testament zufolge dem Haus Österreich schenke, nicht jetzt schon erweisen, ihm die Verwesung des Landes abtreten wolle.

Reglos saß die alte, plumpe Frau vor dem jungen Fürsten. Der breite, wüste Mund zuckte nicht, die massigen, geschmückten Hände lagen tot auf dem schweren, schwarzen Damast des Kleides.

Die harten, klaren, grauen Augen richtete Rudolf auf sie, wartete, setzte wieder an: Er wolle sie nicht mit vagen Versprechungen locken. Das Regiment der Habsburger habe sich bis jetzt gerecht, stark, kräftig gezeigt. Tirol werde keinen Vorzug haben vor den andern habsburgischen Besitzungen. Aber dafür stehe er ihr ein, der Fürst der Fürstin, es werde regiert sein wie diese: stark, gerecht, tüchtig. Was sie persönlich angehe, so werde für ihre Bedürfnisse bestimmt reicher und herrenhafter gesorgt werden als unter der Verwaltung der Barone.

Margarete schwieg noch immer, schaute mit leeren, gehetzten Augen vor sich hin. Rudolf schloß: Er dringe nicht in sie. Sie habe das mit ihrem Gott und sich selbst abzumachen. Er ersuche, Vertrauen zu ihm zu haben und seine Worte ohne Voreingenommenheit zu überlegen.

Margarete sagte mit rostiger Stimme: „Es bedarf weiter keiner Überlegung. Ich habe Vertrauen zu Ihnen. Ich erkenne durchaus, wie folgerichtig Ihre Gedanken sind.“

Sie stand auf, drehte mit ruhiger, seltsam lebloser Bewegung die geschminkten Hände nach außen, ließ sie sinken. Ließ gleiten, ließ fallen. Da fiel es von ihr, Tirol, die Städte, ihr Werk, das Werk ihrer Väter, Alberts, Meinhards, des Starken, Gewalttätigen, Heinrichs, das Ihre. Nun war sie ganz arm und kahl.

Rudolf war durchaus nicht geneigt zu sentimentalen oder gar pathetischen Gesten; aber es rührte ihn tief und sonderbar an, wie die Häßliche vor ihm stand, entblößt, demütig, müde von Hoheit und Schicksal. Er ging auf ein Knie nieder, sagte, er betrachte das Land als Lehen aus ihren Händen; er werde sich bewußt bleiben, nichts zu sein als ihr Gouverneur.


Nach allen Richtungen liefen die Kuriere mit Briefen und Dekreten der Herzogin. Margarete erklärte darin, infolge besonderer Umstände und der Schwäche des weiblichen Geschlechts sei sie nicht in der Lage, ihr Land so zu verwesen, wie es sein Vorteil erfordere, und alle und sich selbst nach Gebühr zu schützen. Nach dem Rat ihrer Minister und der Repräsentanten des Volkes überantworte sie daher ihre würdigen und edeln Grafschaften zu Tirol und zu Görz, die Lande und Gegenden an der Etsch und das Inntal mit der Burg zu Tirol und mit allen andern Burgen, Klausen, Städten, Tälern, Gebirgen, Märkten, Dörfern, Weilern, Lehen, Höfen, Vogteien, Gerichten, Münzen, Mauten, Zehenten, Zöllen, Zinsen, Steuern, Gefällen, Gehölzen, Gefilden, Wäldern, Huben, Weingärten, Äckern, Seen, fließenden Wassern, Fischteichen, Wildbahnen, kurz ihr ganzes väterliches Erbe ihren lieben Vettern und nächsten Anverwandten, den Herzogen von Österreich. Und sie gebiete ernstlich und festlich, daß alle ihre Prälaten, Äbte und alle Pfaffheit, dazu die Burggrafen, Pfleger, Vögte und alle Behörden in Tirol und allerwärts in ihren Ländern, dazu die ganze Bevölkerung huldige und schwöre für jetzt und alle Zukunft den Herzogen von Österreich als ihren rechten Fürsten und Herren.

Vornächst leisteten alle widerstandslos den verlangten Eid der Treue und des Gehorsams. Am dritten Februar huldigte Bozen, am fünften Meran, am neunten Sterzing, am zehnten Innsbruck. Allein von den Feudalherren hatten sich nicht alle so klug beschieden wie der Frauenberger. Sie versuchten wenig aussichtsreichen Widerstand, zettelten mit den Wittelsbachern, mühten sich, den Norden gegen Habsburg zu revolutionieren. Als Rudolf in Hall erschien, die Huldigung der Stadt entgegenzunehmen, kam es zu offenem Aufruhr, der Herzog selbst geriet in Lebensgefahr. Aber die Bürger von Hall hielten den Söldlingen der Barone Widerpart, die Stadt Innsbruck schickte dem Habsburger Hilfe, es erwies sich, daß die Städte entschlossen waren, ihn unter allen Umständen gegen die Willkürherrschaft der einheimischen, von bayrischen Agenten unterstützten Aristokraten durchzusetzen. Mit Stolz konnte wenige Tage später der Österreicher dem befreundeten Dogen von Venedig, Lorenzo Celsi, berichten: „Auf friedlichem Weg, ohne viel Widerstand, sind Wir in den Besitz des Landes in den Bergen gelangt, dessen Erbe vom Vater her Uns zusteht. Edle und Unedle haben Uns den Eid geleistet und anerkennen Uns als ihren Herrn. Alle Straßen und Übergänge von Deutschland nach Italien sind, dank der Gnade des Allerhöchsten, in Unserer Hand.“

Margarete besorgte mit peinlicher Gewissenhaftigkeit die umständlichen, verwickelten Geschäfte der Übergabe. Aber sie empfing nur die notwendigsten Besucher, sprach kein Wort über das Amtliche hinaus. Unauffällig dann, mit ihrem dürren Fräulein von Rottenburg und zwei Lakaien, wollte sie das Land verlassen. Doch Rudolf gab es nicht zu, daß sie so klanglos und ohne Repräsentation davonzog. Er ordnete an, daß der scheidenden Fürstin jede nur denkbare Ehrung erwiesen werde. An den Grenzen ihrer Territorien empfingen sie die Feudalbarone, am Weichbild der Städte die geistlichen und weltlichen Behörden. Allein die Sänfte der Herzogin blieb verschlossen, nur undeutlich zwischen den Vorhängen erkannte man sie, die starr, reglos in der Roßbahre vorüberschwankte. Scheu und neugierig spähte das Volk, sah nichts. Da zog sie fort, krank, abgerissen, die Verderberin, die Hexe, die Mörderin, die Männersüchtige, Unersättliche, die Häßliche, die Maultasch. Hinter ihr, wild, grausam, schmutzig, schlugen groteske Legenden zusammen. Rasselten nicht und klirrten unheimlich auf ihren Schlössern die zurückgelassenen Waffen? Schepperten nicht in den Kellern und Verliesen die Gerippe der von ihr Ermordeten? Man mied die Orte, wo sie gern geweilt hatte, sie waren nicht geheuer. Man schreckte die Kinder: Wenn ihr nicht folgsam seid, holt euch die Maultasch. Das Vieh mochte das schöne, fette Gras nicht fressen auf den Almen über Schloß Maultasch.

Als sie Innsbruck hinter sich hatte, hörte sie, in der Sänfte vor sich hinbrütend, eine kleine, spitze Stimme: „Leben Sie wohl, Frau Herzogin.“ Sie schrak auf, fragte das dürre Fräulein von Rottenburg: „Wer ist da?“ Das Fräulein hatte nichts gehört. Margarete spähte durch die Vorhänge. Da sah sie zwei winzig kleine, bebartete Wesen. Sie trippelten am Rande der Straße, sie schauten aus uralten, ernsten Augen auf die Herzogin, sie zogen die schmutzigbraunen, altmodischen Mützen, neigten sich ehrerbietig, viele Male. Da verlor Margarete ihre Starre, die Schultern wurden ihr schlaff, die dicke, häßliche Frau sank schwer in sich zusammen.

Sie kam an die Grenze zum bayrischen Chiemgau. Hier war eine Ehrenkompanie aufgestellt, präsentierte die Lanzen. Sich senkende Fahnen, Musik. Die Vorhänge blieben heruntergelassen, die Sänfte schwankte über die Grenze, ins Bayrische. Sowie sie außer Sicht war, holten die Zollsoldaten ihrer Weisung gemäß die schönen, schweren Banner der Gräfin von Tirol herunter, gemächlich, gähnend, pfeifend, zogen an ihrer Statt die neuen, nüchternen, sauberen Fahnen hoch mit dem roten Löwen Habsburgs.


Langsam ruderte die kräftige Magd das schwere, ungefüge Boot von der kleinen Fraueninsel weg über den Chiemsee. Es war Mittag, sehr heiß, das Wasser lag blaß, weit, still. Die beiden geistlichen Herren im Boot, der Kanzler, Bischof Johann von Gurk, und der Abt von Viktring, der Uralte, waren schlecht gelaunt. Der Florentiner Chronist Giovanni Villani, der Nebenbuhler des Abtes, hatte das sensationelle Gerücht aufgebracht, Margarete, Herzogin von Bayern, Markgräfin von Brandenburg, Gräfin von Tirol, lebe seit ihrer Abdankung in tiefster Not, der Habsburger lasse sie Hunger leiden, Entbehrung, jedes Elend. Die Herren waren nun im Auftrag Herzog Rudolfs in Frauenchiemsee gewesen, wo Margarete jetzt lebte, um sie zu bewegen, in Wien oder einer beliebigen anderen Stadt würdig Hof zu halten. Hatte ihr nicht der Habsburger die reichsten Einkünfte verschrieben, die vier Ansitze Gries bei Bozen, Stein auf dem Ritten, Amras, Sankt Martin bei Zirl, die Einkünfte der Feste Straßberg, des Passeyers, der Stadt Sterzing, dazu eine Jahresrente von sechstausend Veroneser Pfund? Die Hofhaltung der Herzogin hätte es mit der jedes deutschen Fürsten aufnehmen können. Allein weder die höflichen, klugen Argumente des Bischofs, noch die lateinischen Zitate des Abtes und seine Beispiele aus der Geschichte hatten sie weglocken können.

„Sie ist jeder Bewegung abgestorben,“ klagte der Bischof auf lateinisch. „Es kümmert sie nicht, ob Tirol Frieden hat oder Krieg. Ich habe ihr von dem Einbruch des Wittelsbachers erzählt, von der brutalen Einäscherung und Plünderung des Inntals. Sie hört zu, als spräche man vom Wetter.“ Der See lag ganz still, weißlich flirrend, gleichmäßig tauchten die Ruder. Der Uralte schwieg. „Dabei häufen sich ihre Einkünfte,“ hub wieder der Kanzler an. „Sie werden ihr pünktlich überwiesen, kein Pfennig wird angetastet. Das Gold türmt sich in ihren Schlössern. Sie muß unausdenkbar reich sein. Beim Herkules!“ schloß er ärgerlich, „jener Italiener ist ein treuloser Verleumder und Verkleinerer, ein schlechter Pasquillant.“

Dem ausgetrockneten Uralten ging das Herz auf bei dieser Kennzeichnung des Konkurrenten. „Recht spricht deine Eminenz,“ sagte er mühsam, zahnlos. „Wer hätte je gezweifelt, daß jener ein armseliger, niedriger Schwätzer ist?“

Am Ufer der kleinen Insel, vernachlässigt, grellweiß geschminkt, unter Gerank und sehr farbigen Bauernblumen, saß die Herzogin, schaute dem Boot nach. Es war ganz still, Mücken flirrten, ein Wasservogel schrie verschlafen. Ein starker Geruch von Fischen, Netzen, Tang stand in der heißen, unbewegten Luft. Das Boot rückte sehr langsam von der Stelle, bog um die Spitze der vorgelagerten, größeren Insel, war nicht mehr sichtbar.

Aus dem niedern, gelblichgrauen, besonnten Fischerhaus kam ihr dürres Fräulein, holte die Herzogin zum Essen. Margarete stand auf, reckte sich träg, ging mit ihrem schweren, schleifenden Schritt dem Haus zu. Der Mund wulstete sich äffisch vor, die Backen hingen schlaff, riesig, unförmig herab, die Schminke konnte die Warzen nicht verdecken. Das dürre Fräulein, still, demütig, öffnete die ungefüge, niedere Tür vor ihr. Wolkig drang der Geruch gebratener Fische heraus. Margarete schnupperte ihn behaglich ein, ging ins Haus.

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