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Die Elixiere des Teufels

by E. T. A. Hoffmann

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Zweiter Teil

1. Abschnitt — Der Wendepunkt

In wessen Leben ging nicht einmal das wunderbare, in tiefster Brust bewahrte Geheimnis der Liebe auf! — Wer du auch sein magst, der du künftig diese Blätter liesest, rufe dir jene höchste Sonnenzeit zurück, schaue noch einmal das holde Frauenbild, das, der Geist der Liebe selbst, dir entgegentrat. Da glaubtest du ja nun in ihr dich, dein höheres Sein zu erkennen. Weißt du noch, wie die rauschenden Quellen, die flüsternden Büsche, wie der kosende Abendwind von ihr, von deiner Liebe, so vernehmlich zu dir sprachen? Siehst du es noch, wie die Blumen dich mit hellen, freundlichen Augen anblickten, Gruß und Kuß von ihr bringend? — Und sie kam, sie wollte dein sein ganz und gar. Du umfingst sie voll glühenden Verlangens und wolltest, losgelöset von der Erde, auflodern in inbrünstiger Sehnsucht! — Aber das Mysterium blieb unerfüllt, eine finstre Macht zog stark und gewaltig dich zur Erde nieder, als du dich aufschwingen wolltest mit ihr zu dem fernen Jenseits, das dir verheißen. Noch ehe du zu hoffen wagtest, hattest du sie verloren, alle Stimmen, alle Töne waren verklungen, und nur die hoffnungslose Klage des Einsamen ächzte grauenvoll durch die düstre Einöde. — Du, Fremder! Unbekannter! hat dich je solch namenloser Schmerz zermalmt, so stimme ein in den trostlosen Jammer des ergrauten Mönchs, der in finstrer Zelle der Sonnenzeit seiner Liebe gedenkend, das harte Lager mit blutigen Tränen netzt, dessen bange Todesseufzer in stiller Nacht durch die düstren Klostergänge hallen. — Aber auch du, du mir im Innern Verwandter, auch du glaubst es, daß der Liebe höchste Seligkeit, die Erfüllung des Geheimnisses im Tode aufgeht. — So verkünden es uns die dunklen, weissagenden Stimmen, die aus jener, keinem irdischen Maßstab meßlichen Urzeit zu uns herübertönen, und wie in den Mysterien, die die Säuglinge der Natur feierten, ist uns ja auch der Tod das Weihfest der Liebe! — —

Ein Blitz fuhr durch mein Innres, mein Atem stockte, die Pulse schlugen, krampfhaft zuckte das Herz, zerspringen wollte die Brust! — Hin zu ihr — hin zu ihr — sie an mich reißen in toller Liebeswut! — Was widerstrebst du, Unselige! der Macht, die dich unauflöslich an mich gekettet? Bist du nicht mein! — mein immerdar? Doch besser, wie damals, als ich Aurelien zum erstenmal im Schlosse des Barons erblickte, hemmte ich den Ausbruch meiner wahnsinnigen Leidenschaft. Überdem waren aller Augen auf Aurelien gerichtet, und so gelang es mir, im Kreise gleichgültiger Menschen mich zu drehen und zu wenden, ohne daß irgend einer mich sonderlich bemerkt oder gar angeredet hätte, welches mir unerträglich gewesen sein würde, da ich nur sie sehen — hören — denken wollte. — —

Man sage nicht, daß das einfache Hauskleid das wahrhaft schöne Mädchen am besten ziere, der Putz der Weiber übt einen geheimnisvollen Zauber, dem wir nicht leicht widerstehen können. In ihrer tiefsten Natur mag es liegen, daß im Putz recht aus ihrem Innern heraus, sich alles schimmernder und schöner entfaltet, wie Blumen nur dann vollendet sich darstellen, wenn sie in üppiger Fülle in bunten, glänzenden Farben aufgebrochen. — Als du die Geliebte zum erstenmal geschmückt sahst, fröstelte da nicht ein unerklärlich Gefühl dir durch Nerv und Adern? — Sie kam dir so fremd vor, aber selbst das gab ihr einen unnennbaren Reiz. Wie durchbebten dich Wonne und namenlose Lüsternheit, wenn du verstohlen ihre Hand drücken konntest! — Aurelien hatte ich nie anders als im einfachen Hauskleide gesehen, heute erschien sie, der Hofsitte gemäß, in vollem Schmuck. — Wie schön sie war! Wie fühlte ich mich bei ihrem Anblick von unnennbarem Entzücken, von süßer Wollust durchschauert! — Aber da wurde der Geist des Bösen mächtig in mir und erhob seine Stimme, der ich williges Ohr lieh. „Siehst du es nun wohl, Medardus,“ so flüsterte es mir zu, siehst du es nun wohl, wie du dem Geschick gebietest, wie der Zufall, dir untergeordnet, nur die Faden geschickt verschlingt, die du selbst gesponnen?“ — Es gab in dem Zirkel des Hofes Frauen, die für vollendet schön geachtet werden konnten, aber vor Aureliens, das Gemüt tief ergreifendem Liebreiz verblaßte alles wie in unscheinbarer Farbe. Eine eigne Begeisterung regte die Trägsten auf, selbst den älteren Männern riß der Faden gewöhnlicher Hofkonversation, wo es nur auf Wörter ankommt, denen von außen her einiger Sinn anfliegt, jählings ab, und es war lustig, wie jeder mit sichtlicher Qual darnach rang, in Wort und Miene recht sonntagsmäßig vor der Fremden zu erscheinen. Aurelie nahm diese Huldigungen mit niedergeschlagenen Augen in holder Anmut hoch errötend auf: aber als nun der Fürst die älteren Männer um sich sammelte und mancher bildschöne Jüngling sich schüchtern mit freundlichen Worten Aurelien nahte, wurde sie sichtlich heitrer und unbefangener. Vorzüglich gelang es einem Major von der Leibgarde, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, so daß sie bald in lebhaftem Gespräch begriffen schienen. Ich kannte den Major als entschiedenen Liebling der Weiber. Er wußte mit geringem Aufwande harmlos scheinender Mittel, Sinn und Geist aufzuregen und zu umstricken. Mit feinem Ohr auch den leisesten Anklang erlauschend, ließ er schnell, wie ein geschickter Spieler, alle verwandte Akkorde nach Willkür vibrieren, so daß die Getäuschte in den fremden Tönen nur ihre eigne innere Musik zu hören glaubte. — Ich stand nicht fern von Aurelien, sie schien mich nicht zu bemerken — ich wollte hin zu ihr, aber wie mit eisernen Banden gefesselt, vermochte ich nicht, mich von der Stelle zu rühren. — Noch einmal den Major scharf anblickend, war es mir plötzlich, als stehe Viktorin bei Aurelien. Da lachte ich auf im grimmigen Hohn: „Hei! — Hei! Du Verruchter, hast du dich im Teufelsgrunde so weich gebettet, daß du in toller Brunst trachten magst nach der Buhlin des Mönchs?“ —

Ich weiß nicht, ob ich diese Worte wirklich sprach, aber ich hörte mich selbst lachen und fuhr auf wie aus tiefem Traum, als der alte Hofmarschall, sanft meine Hand fassend, frug: „Worüber erfreuen Sie sich so, lieber Herr Leonard?“ — Eiskalt durchbebte es mich!

Waren das nicht die Worte des frommen Bruders Cyrill, der mich ebenso frug, als er bei der Einkleidung mein freveliches Lächeln bemerkte? — Kaum vermochte ich, etwas Unzusammenhängendes herzustammeln. Ich fühlte es, daß Aurelie nicht mehr in meiner Nähe war, doch wagte ich es nicht, aufzublicken, ich rannte fort durch die erleuchteten Säle. Wohl mag mein ganzes Wesen gar unheimlich erschienen sein; denn ich bemerkte, wie mir alles scheu auswich, als ich die breite Haupttreppe mehr herabsprang als herabstieg.

Ich mied den Hof, denn Aurelien, ohne Gefahr mein tiefstes Geheimnis zu verraten, wiederzusehen, schien mir unmöglich. Einmal lief ich durch Flur und Wald, nur sie denkend, nur sie schauend. Fester und fester wurde meine Überzeugung, daß ein dunkles Verhängnis ihr Geschick in das meinige verschlungen habe, und daß das, was mir manchmal als sündhafter Frevel erschienen, nur die Erfüllung eines ewigen, unabänderlichen Ratschlusses sei. So mich ermutigend lachte ich der Gefahr, die mir dann drohen könnte, wenn Aurelie in mir Hermogens Mörder erkennen sollte. Dies dünkte mir jedoch überdem höchst unwahrscheinlich. — Wie erbärmlich erschienen mir nun jene Jünglinge, die in eitlem Wahn sich um die bemühten, die so ganz und gar mein Eigen worden, daß ihr leisester Lebenshauch nur durch das Sein in mir bedingt schien. — Was sind mir diese Grafen, diese Freiherren, diese Kammerherren, diese Offiziere in ihren bunten Röcken — in ihrem blinkenden Golde, ihren schimmernden Orden, anders als ohnmächtige, geschmückte Insektlein, die ich, wird mir das Volk lästig, mit kräftiger Faust zermalme. — In der Kutte will ich unter sie treten, Aurelien bräutlich geschmückt in meinen Armen, und diese stolze, feindliche Fürstin soll selbst das Hochzeitslager bereiten dem siegenden Mönch, den sie verachtet. — In solchen Gedanken arbeitend, rief ich oft laut Aureliens Namen und lachte und heulte wie ein Wahnsinniger. Aber bald legte sich der Sturm. Ich wurde ruhiger und fähig, darüber Entschlüsse zu fassen, wie ich nun mich Aurelien nähern wollte. — Eben schlich ich eines Tages durch den Park, nachsinnend, ob es ratsam sei, die Abendgesellschaft zu besuchen, die der Fürst ansagen lassen, als man von hinten her auf meine Schulter klopfte. Ich wandte mich um, der Leibarzt stand vor mir. „Erlauben Sie mir Ihren werten Puls!“ fing er sogleich an, und griff, starr mir ins Auge blickend, nach meinem Arm. „Was bedeutet das?“ frug ich erstaunt. „Nicht viel,“ fuhr er fort, „es soll hier still und heimlich einige Tollheit umherschleichen, die die Menschen recht banditenmäßig überfällt und ihnen eins versetzt, daß sie laut aufkreischen müssen, klingt das auch zuweilen nur wie ein unsinnig Lachen. Indessen kann alles auch nur ein Fantasma, oder jener tolle Teufel nur ein gelindes Fieber mit steigender Hitze sein, darum erlauben Sie Ihren werten Puls, Liebster!“ — „Ich versichere Sie, mein Herr, daß ich von dem allen kein Wort verstehe!“ So fiel ich ein, aber der Leibarzt hatte meinen Arm gefaßt und zählte den Puls mit zum Himmel gerichtetem Blick — eins — zwei, drei. — Mir war sein wunderliches Betragen rätselhaft, ich drang in ihn, mir doch nur zu sagen, was er eigentlich wolle. „Sie wissen also nicht, werter Herr Leonard, daß Sie neulich den ganzen Hof in Schrecken und Bestürzung gesetzt haben? — Die Oberhofmeisterin leidet bis dato an Krämpfen und der Konsistorialpräsident versäumt die wichtigsten Sessionen, weil es Ihnen beliebt hat, über seine podagrischen Füße wegzurennen, so daß er, im Lehnstuhl sitzend, noch über mannigfache Stiche beträchtlich brüllt! — das geschah nämlich, als Sie, wie von einiger Tollheit heimgesucht, aus dem Saale stürzten, nachdem Sie ohne merkliche Ursache so aufgelacht hatten, daß allen ein Grausen ankam und sich die Haare sträubten!“ — In dem Augenblick dachte ich an den Hofmarschall und meinte, daß ich mich nun wohl erinnere in Gedanken laut aufgelacht zu haben, um so weniger könne das aber von solch wunderlicher Wirkung gewesen sein, als der Hofmarschall mich ja ganz sanft gefragt hätte, worüber ich mich so erfreue? „Ei, ei!“ — fuhr der Leibarzt fort, „das will nichts bedeuten, der Hofmarschall ist solch ein homo impavidus, der sich aus dem Teufel selbst nichts macht. Er blieb in seiner ruhigen Dolcezza, obgleich erwähnter Konsistorialpräsident wirklich meinte, der Teufel habe aus Ihnen, mein Teurer, auf seine Art gelächelt und unsere schöne Aurelie von solchem Grausen und Entsetzen ergriffen wurde, daß alle Bemühungen der Herrschaft sie zu beruhigen, vergebens blieben und sie bald die Gesellschaft verlassen mußte, zur Verzweiflung sämtlicher Herren, denen sichtlich das Liebesfeuer aus den exaltierten Toupets dampfte! In dem Augenblick, als Sie, werter Herr Leonard, so lieblich lachten, soll Aurelie mit schneidendem, in das Herz dringendem Ton: Hermogen! gerufen haben. Ei, ei! was mag das bedeuten? — Das könnten Sie vielleicht wissen — Sie sind überhaupt ein lieber, lustiger, kluger Mann, Herr Leonard, und es ist mir nicht unlieb, daß ich Ihnen Franceskos merkwürdige Geschichte anvertraut habe, das muß recht lehrreich für Sie werden!“ — Immerfort hielt der Leibarzt meinen Arm fest und sah mir starr in die Augen. — „Ich weiß,“ sagte ich, mich ziemlich unsanft losmachend, „ich weiß Ihre wunderlichen Reden nicht zu deuten, mein Herr, aber ich muß gestehen, daß, als ich Aurelien von den geschmückten Herrn umlagert sah, denen, wie Sie witzig bemerken, das Liebesfeuer aus den exaltierten Toupets dampfte, mir eine sehr bittre Erinnerung aus meinem früheren Leben durch die Seele fuhr, und daß ich, von recht grimmigem Hohn über mancher Menschen töricht’ Treiben ergriffen, unwillkürlich hell auflachen mußte. Es tut mir leid, daß ich, ohne es zu wollen, so viel Unheil angerichtet habe, und ich büße dafür, indem ich mich selbst auf einige Zeit vom Hofe verbanne. Mag mir die Fürstin, mag mir Aurelie verzeihen. „Ei, mein lieber Leonard,“ versetzte der Leibarzt, „man hat ja wohl wunderliche Anwandlungen, denen man leicht widersteht, wenn man sonst nur reinen Herzens ist.“ — „Wer darf sich dessen rühmen hienieden?“ frug ich dumpf in mich hinein. Der Leibarzt änderte plötzlich Blick und Ton. „Sie scheinen mir,“ sprach er mild und ernst, „Sie scheinen mir aber doch wirklich krank. — Sie sehen blaß und verstört aus — Ihr Auge ist eingefallen und brennt seltsam in rötlicher Glut... Ihr Puls geht fieberhaft... Ihre Sprache klingt dumpf... soll ich Ihnen etwas aufschreiben?“ — „Gift!“ sprach ich kaum vernehmbar. — „Ho ho!“ rief der Leibarzt, „steht es so mit Ihnen? Nun, nun, statt des Gifts das niederschlagende Mittel zerstreuender Gesellschaft. — Es kann aber auch sein, daß... Wunderlich ist es aber doch... vielleicht —“ „Ich bitte Sie, mein Herr!“ rief ich ganz erzürnt, „ich bitte Sie mich nicht mit abgebrochenen, unverständlichen Reden zu quälen, sondern lieber geradezu alles...“ — „Halt!“ unterbrach mich der Leibarzt, „halt... es gibt die wunderlichsten Täuschungen, mein Herr Leonard; beinahe ist’s mir gewiß, daß man auf augenblicklichen Eindruck eine Hypothese gebaut hat, die vielleicht in wenigen Minuten in Nichts zerfällt. Dort kommt die Fürstin mit Aurelien, nützen Sie dieses zufällige Zusammentreffen, entschuldigen Sie Ihr Betragen... Eigentlich... mein Gott! eigentlich haben Sie ja auch nur gelacht... freilich auf etwas wunderliche Weise, wer kann aber dafür, daß schwachnervige Personen darüber erschrecken. Adieu!“

Der Leibarzt sprang mit der ihm eignen Behendigkeit davon. Die Fürstin kam mit Aurelien den Gang herab. — Ich erbebte. — Mit aller Gewalt raffte ich mich zusammen. Ich fühlte nach des Leibarztes geheimnisvollen Reden, daß es nun galt, mich auf der Stelle zu behaupten. Keck trat ich den Kommenden entgegen. Als Aurelie mich ins Auge faßte, sank sie mit einem dumpfen Schrei wie tot zusammen, ich wollte hinzu, mit Abscheu und Entsetzen winkte mich die Fürstin fort, laut um Hilfe rufend. Wie von Furien und Teufeln gepeitscht, rannte ich fort durch den Park. Ich schloß mich in meine Wohnung ein und warf mich, vor Wut und Verzweiflung knirschend, aufs Lager! — Der Abend kam, die Nacht brach ein, da hörte ich die Haustüre aufschließen, mehrere Stimmen murmelten und flüsterten durcheinander, es wandte und tappte die Treppe herauf — endlich pochte man an meine Türe und befahl mir, im Namen der Obrigkeit, aufzumachen. Ohne deutliches Bewußtsein, was mir drohen könne, glaubte ich zu fühlen, daß ich nun verloren sei. Rettung durch Flucht — so dachte ich und riß das Fenster auf. — Ich erblickte Bewaffnete vor dem Hause, von denen mich einer sogleich bemerkte. „Wohin?“ rief er mir zu, und in dem Augenblick wurde die Türe meines Schlafzimmers gesprengt. Mehrere Männer traten herein; bei dem Leuchten der Laterne, die einer von ihnen trug, erkannte ich sie für Polizeisoldaten. Man zeigte mir die Ordre des Kriminalgerichts mich zu verhaften, vor; jeder Widerstand wäre töricht gewesen. Man warf mich in den Wagen, der vor dem Hause hielt, und als ich an dem Ort, der meine Bestimmung schien, angekommen, frug, wo ich mich befände, so erhielt ich zur Antwort, in den Gefängnissen der obern Burg. Ich wußte, daß man hier gefährliche Verbrecher während des Prozesses einsperre. Nicht lange dauerte es, so wurde mein Bette gebracht und der Gefangenwärter frug mich, ob ich noch etwas zu meiner Bequemlichkeit wünsche? Ich verneinte das, und blieb endlich allein. Die lange nachhallenden Tritte und das Auf-und Zuschließen vieler Türen ließen mich wahrnehmen, daß ich mich in einem der innersten Gefängnisse auf der Burg befand. Auf mir selbst unerklärliche Weise war ich während der ziemlich langen Fahrt ruhig geworden, ja in einer Art Sinnesbetäubung erblickte ich alle Bilder, die mir vorübergingen, nur in blassen, halberloschenen Farben. Ich erlag nicht dem Schlaf, sondern einer gedanken-und phantasielähmenden Ohnmacht. Als ich am hellen Morgen erwachte, kam mir nur nach und nach die Erinnerung dessen, was geschehen und wo ich hingebracht worden. Die gewölbte, ganz zellenartige Kammer, wo ich lag, hätte mir kaum ein Gefängnis erschienen, wenn nicht das kleine Fenster stark mit Eisenstäben vergittert und so hoch angebracht gewesen wäre, daß ich es nicht einmal mit ausgestreckter Hand erreichen, viel weniger hinausschauen konnte. Nur wenige Sonnenstrahlen fielen sparsam hinein; mich wandelte die Lust an, die Umgebungen meines Aufenthaltes zu erforschen, ich rückte daher mein Bette heran und stellte den Tisch darauf. Eben wollte ich hinaufklettern, als der Gefangenwärter hereintrat und über mein Beginnen sehr verwundert schien. Er frug mich, was ich da mache, ich erwiderte, daß ich nur hinausschauen wollen; schweigend trug er Tisch, Bette und den Stuhl fort und schloß mich sogleich wieder ein. Nicht eine Stunde hatte es gedauert, als er von zwei andern Männern begleitet, wieder erschien und mich durch lange Gänge treppauf, treppab führte, bis ich endlich in einen kleinen Saal eintrat, wo mich der Kriminalrichter erwartete. Ihm zur Seite saß ein junger Mann, dem er in der Folge alles, was ich auf die an mich gerichteten Fragen erwidert hatte, laut in die Feder diktierte. Meinen ehemaligen Verhältnissen bei Hofe und der allgemeinen Achtung, die ich in der Tat so lange genossen hatte, mochte ich die höfliche Art danken, mit der man mich behandelte, wiewohl ich auch die Überzeugung darauf baute, daß nur Vermutungen, die hauptsächlich auf Aureliens ahnendem Gefühl beruhen konnten, meine Verhaftung veranlaßt hatten. Der Richter forderte mich auf, meine bisherigen Lebensverhältnisse genau anzugeben; ich bat ihn, mir erst die Ursache meiner plötzlichen Verhaftung zu sagen, er erwiderte, daß ich über das mir schuld gegebene Verbrechen zu seiner Zeit genau genug vernommen werden solle. Jetzt komme es nur darauf an, meinen ganzen Lebenslauf bis zur Ankunft in der Residenz auf das genaueste zu wissen, und er müsse mich daran erinnern, daß es dem Kriminalgericht nicht an Mitteln fehlen würde, auch dem kleinsten von mir angegebenen Umstande nachzuspüren, weshalb ich denn ja der strengsten Wahrheit treu bleiben möge. Diese Ermahnung, die der Richter, ein kleiner dürrer Mann mit fuchsroten Haaren, mit heiserer, lächerlich quäkender Stimme mir hielt, indem er die grauen Augen weit aufriß, fiel auf einen fruchtbaren Boden; denn ich erinnerte mich nun, daß ich in meiner Erzählung den Faden genau so aufgreifen und fortspinnen müsse, wie ich ihn angelegt, als ich bei Hofe meinen Namen und Geburtsort angab. Auch war es wohl nötig, alles auffallende vermeidend, meinen Lebenslauf ins Alltägliche, aber weit Entfernte, Ungewisse zu spielen, so daß die weitern Nachforschungen dadurch auf jeden Fall weit aussehend und schwierig werden mußten. In dem Augenblick kam mir auch ein junger Pole ins Gedächtnis, mit dem ich auf dem Seminar in B. studierte; ich beschloß, seine einfachen Lebensumstände mir anzueignen. So gerüstet begann ich in folgender Art: „Es mag wohl sein, daß man mich eines schweren Verbrechen beschuldigt, ich habe indessen hier unter den Augen des Fürsten und der ganzen Stadt gelebt, und es ist während der Zeit meines Aufenthaltes kein Verbrechen verübt worden, für dessen Urheber ich gehalten werden oder dessen Teilnehmer ich sein könnte. Es muß also ein Fremder sein, der mich eines in früherer Zeit begangenen Verbrechens anklagt, und da ich mich von aller Schuld völlig rein fühle, so hat vielleicht nur eine unglückliche Ähnlichkeit die Vermutung meiner Schuld erregt; um so härter finde ich es aber, daß man mich leerer Vermutungen und vorgefaßter Meinungen wegen, dem überführten Verbrecher gleich, in ein strenges Kriminalgefängnis sperrt. Warum stellt man mich nicht meinem leichtsinnigen, vielleicht boshaften Ankläger unter die Augen?... Gewiß ist es am Ende ein alberner Tor, der...“ „Gemach, gemach, Herr Leonard,“ quäkte der Richter, „menagieren Sie sich, Sie könnten sonst garstig anstoßen gegen hohe Personen, und die fremde Person, die Sie, mein Herr Leonard, oder Herr... (er biß sich schnell in die Lippen) erkannt hat, ist auch weder leichtsinnig noch albern, sondern... Nun, und dann haben wir gute Nachrichten aus der...“ Er nannte die Gegend, wo die Güter des Barons F. lagen, und alles klärte sich dadurch mir deutlich auf. Entschieden war es, daß Aurelie in mir den Mönch erkannt hatte, der ihren Bruder ermordete. Dieser Mönch war ja aber Medardus, der berühmte Kanzelredner aus dem Kapuzinerkloster in B. Als diesen hatte ihn Reinhold erkannt und so hatte er sich auch selbst kund getan. Daß Francesko der Vater jenes Medardus war, wußte die Äbtissin, und so mußte meine Ähnlichkeit mit ihm, die der Fürstin gleich anfangs so unheimlich worden, die Vermutungen, welche die Fürstin und die Äbtissin vielleicht schon brieflich unter sich angeregt hatten, beinahe zur Gewißheit erheben. Möglich war es auch, daß Nachrichten selbst aus dem Kapuzinerkloster in B. eingeholt worden; daß man meine Spur genau verfolgt, und so die Identität meiner Person mit dem Mönch Medardus festgestellt hatte. Alles dieses überdachte ich schnell und sah die Gefahr meiner Lage. Der Richter schwatzte noch fort, und dies brachte mir Vorteil, denn es fiel mir auch jetzt der lange vergebens gesuchte Name des polnischen Städtchens ein, das ich der alten Dame bei Hofe als meinen Geburtsort genannt hatte. Kaum endete daher der Richter seinen Sermon mit der barschen Äußerung, daß ich nun ohne weiteres meinen bisherigen Lebenslauf erzählen solle, als ich anfing: „Ich heiße eigentlich Leonard Krczynki und bin der einzige Sohn eines Edelmanns, der sein Gütchen verkauft hatte und sich in Kwiecziczewo aufhielt.“ — „Wie, was? — rief der Richter, indem er sich vergebens bemühte, meinen, sowie den Namen meines angeblichen Geburtsorts nachzusprechen. Der Protokollführer wußte gar nicht, wie er die Wörter aufschreiben sollte; ich mußte beide Namen selbst einrücken, und fuhr dann fort: „Sie bemerken, mein Herr, wie schwer es der deutschen Zunge wird, meinen konsonantenreichen Namen nachzusprechen, und darin liegt die Ursache, warum ich ihn, als ich nach Deutschland kam, wegwarf, und mich bloß nach meinem Vornamen, Leonard, nannte. Übrigens kann keines Menschen Lebenslauf einfacher sein, als der meinige. Mein Vater, selbst ziemlich unterrichtet, billigte meinen entschiedenen Hang zu den Wissenschaften, und wollte mich eben nach Krakau zu einem ihm verwandten Geistlichen, Stanislaw Krczynski, schicken, als er starb. Niemand bekümmerte sich um mich, ich verkaufte die kleine Habe, zog einige Schulden ein und begab mich wirklich mit dem ganzen mir von meinem Vater hinterlassenen Vermögen nach Krakau, wo ich einige Jahre unter meines Verwandten Aufsicht studierte. Dann ging ich nach Danzig und nach Königsberg. Endlich trieb es mich wie mit unwiderstehlicher Gewalt, eine Reise nach dem Süden zu machen; ich hoffte, mich mit dem Rest meines kleinen Vermögens durchzubringen und dann eine Anstellung an irgendeiner Universität zu finden, doch wäre es mir hier beinahe schlimm ergangen, wenn nicht ein beträchtlicher Gewinn an der Farobank des Fürsten mich in den Stand gesetzt hätte, hier noch ganz gemächlich zu verweilen und dann, wie ich es im Sinn hatte, meine Reise nach Italien fortzusetzen. Irgend etwas Ausgezeichnetes, das wert wäre, erzählt zu werden, hat sich in meinem Leben gar nicht zugetragen. Doch muß ich wohl noch erwähnen, daß es mir leicht gewesen sein würde, die Wahrheit meiner Angaben ganz unzweifelhaft nachzuweisen, wenn nicht ein ganz besonderer Zufall mich um meine Brieftasche gebracht hätte, worin mein Paß, meine Reiseroute und verschiedene andere Skripturen befindlich waren, die jenem Zweck gedient hätten.“ — Der Richter fuhr absichtlich auf, er sah mich scharf an und frug mit beinahe spöttischem Ton, welcher Zufall mich denn außer stande gesetzt hätte, mich, wie es verlangt werden müßte, zu legitimieren. „Vor mehreren Monaten, so erzählte ich, befand ich mich auf dem Wege hierher im Gebirge. Die anmutige Jahreszeit, sowie die herrliche romantische Gegend bestimmten mich, den Weg zu Fuße zu machen. Ermüdet saß ich eines Tages in dem Wirtshause eines kleinen Dörfchens; ich hatte mir Erfrischungen reichen lassen und ein Blättchen aus meiner Brieftasche genommen, um irgend etwas, das mir eingefallen, aufzuzeichnen; die Brieftasche lag vor mir auf dem Tische. Bald darauf kam ein Reiter dahergesprengt, dessen sonderbare Kleidung und verwildertes Ansehen meine Aufmerksamkeit erregte. Er trat ins Zimmer, forderte einen Trunk und setzte sich, finster und scheu mich anblickend, mir gegenüber an den Tisch. Der Mann war mir unheimlich, ich trat daher ins Freie hinaus. Bald darauf kam auch der Reiter, bezahlte den Wirt und sprengte, mich flüchtig grüßend, davon. Ich stand im Begriff weiter zu gehen, als ich mich der Brieftasche erinnerte, die ich in der Stube auf dem Tische liegen gelassen; ich ging hinein und fand sie noch auf dem alten Platz. Erst des anderen Tages, als ich die Brieftasche hervorzog, entdeckte ich, daß es nicht die meinige war, sondern daß sie wahrscheinlich dem Fremden gehörte, der gewiß aus Irrtum die meinige eingesteckt hatte. Nur einige mir unverständliche Notizen und mehrere an einen Grafen Viktorin gerichtete Briefe befanden sich darin. Diese Brieftasche nebst dem Inhalt wird man noch unter meinen Sachen finden; in der meinigen hatte ich, wie gesagt, meinen Paß, meine Reiseroute, und, wie mir jetzt eben einfällt, sogar meinen Taufschein; um das alles bin ich durch jene Verwechslung gekommen.“ — Der Richter ließ den Fremden, dessen ich erwähnt, von Kopf bis zu Fuß beschreiben, und ich ermangelte nicht, die Figur mit aller nur möglichen Eigentümlichkeit aus der Gestalt des Grafen Viktorin und aus der meinigen auf der Flucht aus dem Schlosse des Barons F. geschickt zusammenzufügen. Nicht aufhören konnte der Richter, mich über die kleinsten Umstände dieser Begebenheit auszufragen, und indem ich alles befriedigend beantwortete, ründete sich das Bild davon so in meinem Innern, daß ich selbst daran glaubte, und keine Gefahr lief, mich in Widersprüche zu verwickeln. Mit Recht konnte ich es übrigens wohl für einen glücklichen Gedanken halten, wenn ich, den Besitz jener an den Grafen Viktorin gerichteten Briefe, die in der Tat sich noch im Portefeuille befanden, rechtfertigend, zugleich eine fingierte Person einzuflechten, die künftig, je nachdem die Umstände darauf hindeuteten, den entflohenen Medardus oder den Grafen Viktorin vorstellen konnte. Dabei fiel mir ein, daß vielleicht unter Euphemiens Papieren sich Briefe vorfanden, die über Viktorins Plan, als Mönch im Schlosse zu erscheinen, Aufschluß gaben, und daß dies aufs neue den eigentlichen Hergang der Sache verdunkeln und verwirren könne. Meine Phantasie arbeitete fort, indem der Richter mich frug, und es entwickelten sich mir immer neue Mittel, mich vor jeder Entdeckung zu sichern, so daß ich auf das ärgste gefaßt zu sein glaubte. — Ich erwartete nun, da über mein Leben im allgemeinen alles genug erörtert schien, daß der Richter dem mir angeschuldigten Verbrechen näher kommen würde, es war dem aber nicht so; vielmehr frug er, warum ich habe aus dem Gefängnis entfliehen wollen? — Ich versicherte, daß mir dies nicht in den Sinn gekommen sei. Das Zeugnis des Gefangenwärters, der mich an das Fenster hinaufkletternd angetroffen, schien aber wider mich zu sprechen. Der Richter drohte mir, daß ich nach einem zweiten Versuch angeschlossen werden solle. Ich wurde in den Kerker zurückgeführt. — Man hatte mir das Bett genommen und ein Strohlager auf dem Boden bereitet, der Tisch war festgeschraubt, statt des Stuhles fand ich eine sehr niedrige Bank. Es vergingen drei Tage, ohne daß man weiter nach mir frug, ich sah nur das mürrische Gesicht eines alten Knechts, der mir das Essen brachte und abends die Lampe ansteckte. Da ließ die gespannte Stimmung nach, in der es mir war, als stehe ich im lustigen Kampfe auf Leben und Tod, den ich wie ein wackrer Streiter ausfechten werde. Ich fiel in ein trübes, düsteres Hinbrüten, alles schien mir gleichgültig, selbst Aureliens Bild war verschwunden. Doch bald rüttelte sich der Geist wieder auf, aber nur um stärker von dem unheimlichen, krankhaften Gefühl befangen zu werden, das die Einsamkeit, die dumpfe Kerkerluft erzeugt hatte, und dem ich nicht zu widerstehen vermochte. Ich konnte nicht mehr schlafen. In den wunderlichen Reflexen, die der düstere, flackernde Schein der Lampe an Wände und Decke warf, grinsten mich allerlei verzerrte Gesichter an; ich löschte die Lampe aus, ich barg mich in die Strohkissen, aber gräßlicher tönte dann das dumpfe Stöhnen, das Kettengerassel der Gefangenen durch die grauenvolle Stille der Nacht. Oft war es mir, als hörte ich Euphemiens — Viktorins Todesröcheln. „Bin ich denn schuld an euerm Verderben? wart ihr es nicht selbst, Verruchte! die ihr euch hingabt meinem rächenden Arm?“ — So schrie ich laut auf, aber dann ging ein langer, tief ausatmender Todesseufzer durch die Gewölbe, und in wilder Verzweiflung heulte ich: „Du bist es Hermogen!... nah ist die Rache!... Keine Rettung mehr!“ — In der neunten Nacht mochte es sein, als ich, halb ohnmächtig von Grauen und Entsetzen, auf dem kalten Boden des Gefängnisses ausgestreckt lag. Da vernahm ich deutlich unter mir ein leises, abgemessenes Klopfen. Ich horchte auf, das Klopfen dauerte fort, und dazwischen lachte es seltsamlich aus dem Boden hervor! — Ich sprang auf, und warf mich auf das Strohlager, aber immerfort klopfte es und lachte und stöhnte dazwischen. — Endlich rief es leise, leise, aber wie mit häßlicher, heiserer, stammelnder Stimme hintereinander fort. Me-dar-dus! Me-dar-dus! — Ein Eisstrom goß sich mir durch die Glieder! Ich ermannte mich und rief: Wer da! Wer ist da? — Lauter lachte es nun und stöhnte und ächzte und klopfte und stammelte heiser: Me-dar-dus... Me-dar-dus! — Ich raffte mich auf vom Lager. „Wer du auch bist, der du hier tollen Spuk treibst, stell dich her sichtbarlich vor meine Augen, daß ich dich schauen mag, oder höre auf mit deinem wüsten Lachen und Klopfen!“ — So rief ich in die dicke Finsternis hinein, aber recht unter meinen Füßen klopfte es stärker und stammelte: Hihihi... hihihi... Brü-der-lein... Brü-der-lein... Me-dar-dus... ich bin da... bin da... ma-mach auf... auf... wir wollen in den Wa-Wald gehn... Wald gehn! — Jetzt tönte die Stimme dunkel in meinem Innern wie bekannt; ich hatte sie schon sonst gehört, doch nicht, wie mich es dünkte, so abgebrochen und so stammelnd. Ja, mit Entsetzen glaubte ich, meinen eigenen Sprachton zu vernehmen. Unwillkürlich, als wollte ich es versuchen, ob es dem so sei, stammelte ich nach: Me-dar-dus... Me-dar-dus! Da lachte es wieder, aber höhnisch und grimmig, und rief: Brü-der-lein... Brü-der-lein, hast... du, du mi-mich erkannt... erkannt?... ma-mach auf... wir wo-wollen in den Wa-Wald... in den Wald! — Armer Wahnsinniger, so sprach es dumpf und schauerlich aus mir heraus, armer Wahnsinniger, nicht aufmachen kann ich dir, nicht heraus mit dir in den schönen Wald, in die herrliche, freie Frühlingsluft, die draußen wehen mag; eingesperrt im dumpfen, düstern Kerker bin ich wie du! — Da ächzte es im trostlosen Jammer, und immer leiser und vernehmlicher wurde das Klopfen, bis es endlich ganz schwieg; der Morgen brach durch das Fenster, die Schlösser rasselten, und der Kerkermeister, den ich die ganze Zeit über nicht gesehen, trat herein. „Man hat“, fing er an, „in dieser Nacht allerlei Lärm in Ihrem Zimmer gehört und lautes Sprechen. Wie ist es damit?“ — Ich habe die Gewohnheit, erwiderte ich so ruhig, als es mir nur möglich war, laut und stark im Schlafe zu reden, und führte ich auch im Wachen Selbstgespräche, so glaube ich, daß mir dies wohl erlaubt sein wird. — „Wahrscheinlich“, fuhr der Kerkermeister fort, „ist Ihnen bekannt worden, daß jeder Versuch zu entfliehen, jedes Einverständnis mit den Mitgefangenen hart geahndet wird.“ — Ich beteuerte, nichts dergleichen hätte ich vor. — Ein paar Stunden nachher führte man mich hinauf zum Kriminalgericht. Nicht der Richter, der mich zuerst vernommen, sondern ein anderer, ziemlich junger Mann, dem ich auf den ersten Blick anmerkte, daß er dem vorigen an Gewandtheit und eindringendem Sinn weit überlegen sein müsse, trat freundlich auf mich zu und lud mich zum Sitzen ein. Noch steht er mir gar lebendig vor Augen. Er war für seine Jahre ziemlich untersetzt, sein Kopf beinahe haarlos, er trug eine Brille. In seinem ganzen Wesen lag so viel Güte und Gemütlichkeit, daß ich wohl fühlte, gerade deshalb müsse jeder nicht ganz verstockte Verbrecher ihm schwer widerstehen können. Seine Fragen warf er leicht, beinahe im Konversationston hin, aber sie waren überdacht und so präzis gestellt, daß nur bestimmte Antworten erfolgen konnten. „Ich muß Sie zuvörderst fragen, (so fing er an) ob alles das, was Sie über Ihren Lebenslauf angegeben haben, wirklich gegründet ist, oder ob bei reiflichem Nachdenken Ihnen nicht dieser oder jener Umstand einfiel, den Sie noch erwähnen wollen?“

„Ich habe alles gesagt, was ich über mein einfaches Leben zu sagen wußte.“

„Haben Sie nie mit Geistlichen... mit Mönchen Umgang gepflogen?“

„Ja, in Krakau... Danzig... Frauenburg... Königsberg. Am letzteren Ort mit den Weltgeistlichen, die bei der Kirche als Pfarrer und Kapellan angestellt waren.“

„Sie haben früher nicht erwähnt, daß Sie auch in Frauenburg gewesen sind?“

„Weil ich es nicht der Mühe wert hielt, eines kurzen, wie mich dünkt, achttägigen Aufenthalts dort, auf der Reise von Danzig nach Königsberg zu erwähnen.“

„Also in Kwiecziczewo sind Sie geboren?“

Dies frug der Richter plötzlich in polnischer Sprache, und zwar in echt polnischem Dialekt, jedoch ebenfalls ganz leichthin. Ich wurde in der Tat einen Augenblick verwirrt, raffte mich jedoch zusammen, besann mich auf das wenige Polnische, was ich von meinem Freunde Krczynski im Seminar gelernt hatte, und antwortete:

„Auf dem kleinen Gute meines Vaters bei Kwiecziczewo.“

„Wie hieß dieses Gut?“

„Krziniewo, das Stammgut meiner Familie.“

„Sie sprechen für einen Nationalpolen das Polnische nicht sonderlich aus. Aufrichtig gesagt, in ziemlich deutschem Dialekt. Wie kommt das?“

„Schon seit vielen Jahren spreche ich nichts als deutsch. Ja selbst schon in Krakau hatte ich viel Umgang mit Deutschen, die das Polnische von mir erlernen wollten; unvermerkt mag ich ihren Dialekt mir angewöhnt haben, wie man leicht provinzielle Aussprache annimmt, und die bessere, eigentümliche darüber vergißt.“

Der Richter blickte mich an, ein leises Lächeln flog über sein Gesicht, dann wandte er sich zum Protokollführer und diktierte ihm leise etwas. Ich unterschied deutlich die Worte: „Sichtlich in Verlegenheit“ und wollte mich eben noch mehr über mein schlechtes Polnisch auslassen, als der Richter frug:

„Waren Sie niemals in B.?“

„Niemals!“

„Der Weg von Königsberg hierher kann Sie über den Ort geführt haben?“

„Ich habe eine andere Straße eingeschlagen.“

„Haben Sie nie einen Mönch aus dem Kapuzinerkloster in B. kennen gelernt?“

„Nein!“

Der Richter klingelte und gab dem hereintretenden Gerichtsdiener leise einen Befehl. Bald darauf öffnete sich die Türe und wie durchbebten mich Schreck und Entsetzen, als ich den Pater Cyrillus eintreten sah. Der Richter frug:

„Kennen Sie diesen Mann?“

„Nein!... ich habe ihn früher niemals gesehen!“

Da heftete Cyrillus den starren Blick auf mich, dann trat er näher; er schlug die Hände zusammen und rief laut, indem Tränen ihm aus den Augen gewaltsam hervorquollen: „Medardus, Bruder Medardus!... um Christus willen, wie muß ich dich wiederfinden, im Verbrechen teuflisch frevelnd. Bruder Medardus, gehe in dich, bekenne, bereue... Gottes Langmut ist unendlich!“ — Der Richter schien mit Cyrillus Rede unzufrieden, er unterbrach ihn mit der Frage: „Erkennen Sie diesen Mann für den Mönch Medardus aus dem Kapuzinerkloster in B.?“

„So wahr mir Christus helfe zur Seligkeit,“ erwiderte Cyrillus, „so kann ich nicht anders glauben, als dieser Mann, trägt er auch weltliche Kleidung, jener Medardus ist, der im Kapuzinerkloster zu B. unter meinen Augen Noviz war und die Weihe empfing. Doch hat Medardus das rote Zeichen eines Kreuzes an der linken Seite des Halses, und wenn dieser Mann...“ „Sie bemerken,“ unterbrach der Richter den Mönch, sich zu mir wendend, „daß man Sie für den Kapuziner Medardus aus dem Kloster in B. hält, und daß man eben diesen Medardus schwerer Verbrechen halber angeklagt hat. Sind Sie nicht dieser Mönch, so wird es Ihnen leicht werden, dies darzutun; eben daß jener Medardus ein besonderes Abzeichen am Halse trägt, — welches Sie, sind Ihre Angaben richtig, nicht haben können — gibt Ihnen die beste Gelegenheit dazu. Entblößen Sie Ihren Hals.“ — „Es bedarf dessen nicht,“ erwiderte ich gefaßt, „ein besonderes Verhängnis scheint mir die treueste Ähnlichkeit mit jenem angeklagten, mir gänzlich unbekannten, Mönch Medardus gegeben zu haben, denn selbst ein rotes Kreuzzeichen trage ich an der linken Seite des Halses.“ — Es war dem wirklich so, jene Verwundung am Halse, die mir das diamantne Kreuz der Äbtissin zufügte, hatte eine rote kreuzförmige Narbe hinterlassen, die die Zeit nicht vertilgen konnte. „Entblößen Sie Ihren Hals,“ wiederholte der Richter. — Ich tat es, da schrie Cyrillus laut: „Heilige Mutter Gottes, es ist es, es ist das rote Kreuzzeichen!... Medardus... Ach, Bruder Medardus, hast du denn ganz entsagt dem ewigen Heil?“ — Weinend und halb ohnmächtig sank er in einen Stuhl. „Was erwidern Sie auf die Behauptung dieses ehrwürdigen Geistlichen?“ frug der Richter. In dem Augenblick durchfuhr es mich wie eine Blitzesflamme; alle Verzagtheit, die mich zu übermannen drohte, war von mir gewichen, ach, es war der Widersacher selbst, der mir zuflüsterte: „Was vermögen diese Schwächlinge gegen dich Starken in Sinn und Geist?... Soll Aurelie denn nicht dein werden?“ — Ich fuhr heraus beinahe in wildem, höhnendem Trotz: „Dieser Mönch da, der ohnmächtig im Stuhle liegt, ist ein schwachsinniger, blöder Greis, der in toller Einbildung mich für irgend einen verlaufenen Kapuziner seines Klosters hält, von dem ich vielleicht eine flüchtige Ähnlichkeit trage.“ — Der Richter war bis jetzt in ruhiger Fassung geblieben, ohne Blick und Ton zu ändern; zum erstenmal verzog sich nun sein Gesicht zum finstern, durchbohrenden Ernst, er stand auf und blickte mir scharf ins Auge. Ich muß gestehen, selbst das Funkeln seiner Gläser hatte für mich etwas Unerträgliches, Entsetzliches, ich konnte nicht weiter reden; von innerer verzweifelnder Wut grimmig erfaßt, die geballte Faust vor der Stirn, schrie ich laut auf: „Aurelie!“ — „Was soll das, was bedeutet der Name?“ frug der Richter heftig. — „Ein dunkles Verhängnis opfert mich dem schmachvollen Tode,“ sagte ich dumpf, „aber ich bin unschuldig, gewiß... ich bin ganz unschuldig... entlassen Sie mich... haben Sie Mitleiden... ich fühle es, daß Wahnsinn mir durch Nerv und Adern zu toben beginnt... entlassen Sie mich!“ — Der Richter, wieder ganz ruhig geworden, diktierte dem Protokollführer vieles, was ich nicht verstand, endlich las er mir eine Verhandlung vor, worin alles was er gefragt und was ich geantwortet, sowie, was sich mit Cyrillus zugetragen hatte, verzeichnet war. Ich mußte meinen Namen unterschreiben, dann forderte mich der Richter auf, irgend etwas polnisch und deutsch aufzuzeichnen, ich tat es. Der Richter nahm das deutsche Blatt und gab es dem Pater Cyrillus, der sich unterdessen wieder erholt hatte, mit der Frage in die Hände: „Haben diese Schriftzüge Ähnlichkeit mit der Hand, die Ihr Klosterbruder Medardus schrieb? — „Es ist ganz genau seine Hand, bis auf die kleinsten Eigentümlichkeiten,“ erwiderte Cyrillus, und wandte sich wieder zu mir. Er wollte sprechen, ein Blick des Richters wies ihn zur Ruhe. Der Richter sah das von mir geschriebene polnische Blatt sehr aufmerksam durch, dann stand er auf, trat dicht vor mir hin, und sagte mit sehr ernstem, entscheidendem Ton:

„Sie sind kein Pole. Diese Schrift ist durchaus unrichtig, voller grammatischer und orthographischer Fehler. Kein Nationalpole schreibt so, wäre er auch viel weniger wissenschaftlich ausgebildet, als Sie es sind.“

„Ich bin in Krcziniewo geboren, folglich allerdings ein Pole. Selbst aber in dem Fall, daß ich es nicht wäre, daß geheimnisvolle Umstände mich zwängen, Stand und Namen zu verleugnen, so würde ich deshalb doch nicht der Kapuziner Medardus sein dürfen, der aus dem Kloster in B., wie ich glauben muß, entsprang.“

„Ach Bruder Medardus,“ fiel Cyrillus ein, „schickte dich unser ehrwürdiger Prior Leonardus nicht im Vertrauen auf deine Treue und Frömmigkeit nach Rom?... Bruder Medardus! um Christus willen, verleugne nicht länger auf gottlose Weise den heiligen Stand, dem du entronnen.“

„Ich bitte Sie, uns nicht zu unterbrechen,“ sagte der Richter, und fuhr dann, sich zu mir wendend, fort:

„Ich muß Ihnen merklich machen, wie die unverdächtige Aussage dieses ehrwürdigen Herrn die dringendste Vermutung bewirkt, daß Sie wirklich der Medardus sind, für den man Sie hält. Nicht verhehlen mag ich auch, daß man Ihnen mehrere Personen entgegenstellen wird, die Sie für jenen Mönch unzweifelhaft erkannt haben. Unter diesen Personen befindet sich eine, die Sie, treffen die Vermutungen ein, schwer fürchten müssen. Ja selbst unter Ihren eigenen Sachen hat sich manches gefunden, was den Verdacht wider Sie unterstützt. Endlich werden bald die Nachrichten über Ihre vorgeblichen Familienumstände eingehen, um die man die Gerichte in Posen ersucht hat... Alles dieses sage ich Ihnen offner, als es mein Amt gebietet, damit Sie sich überzeugen, wie wenig ich auf irgend einen Kunstgriff rechne, Sie, haben jene Vermutungen Grund, zum Geständnis der Wahrheit zu bringen. Bereiten Sie sich vor, wie Sie wollen; sind Sie wirklich jener angeklagte Medardus, so glauben Sie, daß der Blick des Richters die tiefste Verhüllung bald durchdringen wird; Sie werden dann auch selbst sehr genau wissen, welcher Verbrechen man Sie anklagt. Sollten Sie dagegen wirklich der Leonard von Krczynki sein, für den Sie sich ausgeben, und ein besonderes Spiel der Natur Sie, selbst rücksichts besonderer Abzeichen, jenem Medardus ähnlich gemacht haben, so werden Sie selbst leicht Mittel finden, dies klar nachzuweisen. Sie schienen mir erst in einem sehr exaltierten Zustande, schon deshalb brach ich die Verhandlung ab, indessen wollte ich Ihnen zugleich auch Raum geben zum reiflichen Nachdenken. Nach dem, was heute geschehen, kann es Ihnen an Stoff dazu nicht fehlen.“

„Sie halten also meine Angaben durchaus für falsch?... Sie sehen in mir den verlaufenen Mönch Medardus?“ — So frug ich; der Richter sagte mit einer leichten Verbeugung: „Adieu, Herr von Krczynski!“ und man brachte mich in den Kerker zurück.

Die Worte des Richters durchbohrten mein Innres wie glühende Stacheln. Alles, was ich vorgegeben, kam mir seicht und abgeschmackt vor. Daß die Person, der ich entgegengestellt werden und die ich so schwer zu fürchten haben sollte, Aurelie sein mußte, war nur zu klar. Wie sollt ich das ertragen! Ich dachte nach, was unter meinen Sachen wohl verdächtig sein könne, da fiel es mir schwer aufs Herz, daß ich noch aus jener Zeit meines Aufenthaltes auf dem Schlosse des Barons von F. einen Ring mit Euphemiens Namen besaß, sowie, daß Viktorins Felleisen, das ich auf meiner Flucht mit mir genommen, noch mit dem Kapuzinerstrick zugeschnürt war! — Ich hielt mich für verloren! — Verzweifelnd rannte ich den Kerker auf und ab. Da war es, als flüsterte, als zischte es mir in die Ohren: Du Tor, was verzagst du? denkst du nicht an Viktorin? — Laut rief ich: „Ha! nicht verloren, gewonnen ist das Spiel.“ Es arbeitete und kochte in meinem Innern! — Schon früher hatte ich daran gedacht, daß unter Euphemiens Papieren sich wohl etwas gefunden haben müsse, was auf Viktorins Erscheinen auf dem Schlosse als Mönch hindeute. Darauf mich stützend, wollte ich auf irgend eine Weise ein Zusammentreffen mit Viktorin, ja selbst mit dem Medardus, für den man mich hielt, vorgeben; jenes Abenteuer auf dem Schlosse, das so fürchterlich endete, als von Hörensagen erzählen, und mich selbst, meine Ähnlichkeit mit jenen beiden, auf unschädliche Weise geschickt hinein verflechten. Der kleinste Umstand mußte reiflich erwogen werden; aufzuschreiben beschloß ich daher den Roman, der mich retten sollte! — Man bewilligte mir die Schreibematerialien, die ich forderte, um schriftlich noch manchen verschwiegenen Umstand meines Lebens zu erörtern. Ich arbeitete mit Anstrengung bis in die Nacht hinein; im Schreiben erhitzte sich meine Fantasie, alles formte sich wie eine geründete Dichtung, und fester und fester spann sich das Gewebe endloser Lügen, womit ich dem Richter die Wahrheit zu verschleiern hoffte.

Die Burgglocke hatte zwölf geschlagen, als sich wieder leise und entfernt das Pochen vernehmen ließ, das mich gestern so verstört hatte. — Ich wollte nicht darauf achten, aber immer lauter pochte es in abgemessenen Schlägen, und dabei fing es wieder an, dazwischen zu lachen und zu ächzen. — Stark auf den Tisch schlagend, rief ich laut: „Still ihr da drunten!“ und glaubte mich so von dem Grauen, das mich befing, zu ermutigten; aber da lachte es gellend und schneidend durch das Gewölbe und stammelte: „Brü-der-lein, Brü-der-lein... zu dir her-auf... herauf... ma-mach auf... mach auf!“ — Nun begann es dicht neben mir im Fußboden zu schaben, zu rasseln und zu kratzen, und immer wieder lachte es und ächzte; stärker und immer stärker wurde das Geräusch, das Rasseln, das Kratzen — dazwischen dumpf dröhnende Schläge wie das Fallen schwerer Massen. — Ich war aufgestanden, mit der Lampe in der Hand. Da rührte es sich unter meinem Fuß, ich schritt weiter und sah, wie an der Stelle, wo ich gestanden, sich ein Stein des Pflasters losbröckelte. Ich erfaßte ihn und hob ihn mit leichter Mühe vollends heraus. Ein düstrer Schein brach durch die Öffnung, ein nackter Arm mit einem blinkenden Messer in der Hand streckte sich mir entgegen. Von tiefem Entsetzen durchschauert bebte ich zurück. Da stammelte es von unten herauf: „Brü-der-lein, Medar-dus ist da-da, herauf... nimm, nimm!... brich... brich... in den Wa-Wald... in den Wald! — Schnell dachte ich Flucht und Rettung; alles Grauen überwunden ergriff ich das Messer, das die Hand mir willig ließ, und fing an, den Mörtel zwischen den Steinen des Fußbodens emsig wegzubrechen. Der, der unten war, drückte wacker herauf. Vier, fünf Steine lagen zur Seite weggeschleudert, da erhob sich plötzlich ein nackter Mensch bis an die Hüften aus der Tiefe empor und starrte mich gespenstisch an mit des Wahnsinns grinsendem, entsetzlichem Gelächter. Der volle Schein der Lampe fiel auf das Gesicht — ich erkannte mich selbst — mir vergingen die Sinne. — Ein empfindlicher Schmerz an den Armen weckte mich aus tiefer Ohnmacht; hell war es um mich her; der Kerkermeister stand mit einer blendenden Leuchte vor mir, Kettengerassel und Hammerschläge hallten durch das Gewölbe. Man war beschäftigt mich in Fesseln zu schmieden. Außer den Hand-und Fußschellen wurde ich mittelst eines Ringes um den Leib und einer daran befestigten Kette an die Mauer gefesselt. „Nun wird es der Herr wohl bleiben lassen, an das Durchbrechen zu denken,“ sagte der Kerkermeister. — Was hat denn der Kerl eigentlich getan?“ frug ein Schmiedeknecht. „Ei,“ erwiderte der Kerkermeister, „weißt du denn das nicht, Jost?... die ganze Stadt ist ja davon voll. ’s ist ein verfluchter Kapuziner, der drei Menschen ermordet hat. Sie haben’s schon ganz heraus. In wenigen Tagen haben wir große Gala, da werden die Räder spielen.“ — Ich hörte nichts mehr, denn aufs neue entschwanden mir Sinn und Gedanken. Nur mühsam erholte ich mich aus der Betäubung, finster blieb es, endlich brachen einige matte Streiflichter des Tages herein in das niedrige, kaum sechs Fuß hohe Gewölbe, in das, wie ich jetzt zu meinem Entsetzen wahrnahm, man mich aus meinem vorigen Kerker gebracht hatte. Mich dürstete, ich griff nach dem Wasserkruge, der neben mir stand, feucht und kalt schlüpfte es mir durch die Hand, ich sah eine aufgedunsene, scheußliche Kröte schwerfällig davonhüpfen. Voll Ekel und Abscheu ließ ich den Krug fahren. „Aurelie!“ stöhnte ich auf in dem Gefühl des namenlosen Elends, das nun über mich hereingebrochen. „Und darum das armselige Leugnen und Lügen vor Gericht? — alle gleißnerischen Künste des teuflischen Heuchlers? — darum, um ein zerrissenes, qualvolles Leben einige Stunden länger zu fristen? Was willst du, Wahnsinniger! Aurelien besitzen, die nur durch ein unerhörtes Verbrechen dein werden konnte? — denn immerdar, lügst du auch der Welt deine Unschuld vor, würde sie in dir Hermogens verruchten Mörder erkennen und dich tief verabscheuen. Elender, wahnwitziger Tor, wo sind nun deine hochfliegenden Pläne, der Glaube an deine überirdische Macht, womit du das Schicksal selbst nach Willkür zu lenken wähntest; nicht zu töten vermagst du den Wurm, der an deinem Herzmark mit tödlichen Bissen nagt, schmachvoll verderben wirst du in trostlosem Jammer, wenn der Arm der Gerechtigkeit auch deiner schont.“ So laut klagend, warf ich mich auf das Stroh und fühlte in dem Augenblick einen Druck auf der Brust, der von einem harten Körper in der Busentasche meiner Weste herzurühren schien. Ich faßte hinein und zog ein kleines Messer hervor. Nie hatte ich, solange ich im Kerker war, ein Messer bei mir getragen, es mußte daher dasselbe sein, das mir mein gespenstisches Ebenbild heraufgereicht hatte. Mühsam stand ich auf und hielt das Messer in den stärker hereinbrechenden Lichtstrahl. Ich erblickte das silberne, blinkende Heft. Unerforschliches Verhängnis! es war dasselbe Messer, womit ich Hermogen getötet und das ich seit einigen Wochen vermißt hatte. Aber nun ging plötzlich in meinem Innern, wunderbar leuchtend, Trost und Rettung von der Schmach auf. Die unbegreifliche Art wie ich das Messer erhalten, war mir ein Fingerzeig der ewigen Macht, wie ich meine Verbrechen büßen, wie ich im Tode Aurelien versöhnen solle. Wie ein göttlicher Strahl im reinen Feuer, durchglühte mich nun die Liebe zu Aurelien, jede sündliche Begierde war von mir gewichen. Es war mir, als sähe ich sie selbst, wie damals, als sie am Beichtstuhl in der Kirche des Kapuzinerklosters erschien. „Wohl liebe ich dich, Medardus, aber du verstandest mich nicht!... meine Liebe ist der Tod!“ — so umsäuselte und umflüsterte mich Aureliens Stimme, und fest stand mein Entschluß, dem Richter frei die merkwürdige Geschichte meiner Verirrungen zu gestehen, und dann mir den Tod zu geben.

Der Kerkermeister trat herein und brachte mir bessere Speisen als ich sonst zu erhalten pflegte, sowie eine Flasche Wein. — „Vom Fürsten so befohlen,“ sprach er, indem er den Tisch, den ihm sein Knecht nachtrug, deckte, und die Kette die mich an die Wand fesselte, losschloß. Ich bat ihn, dem Richter zu sagen, daß ich vernommen zu werden wünsche, weil ich vieles zu eröffnen hätte, was mir schwer auf dem Herzen liege. Er versprach meinen Auftrag auszurichten, indessen wartete ich vergebens, daß man mich zum Verhör abholen solle; niemand ließ sich mehr sehen, bis der Knecht, als es schon ganz finster geworden, hereintrat und die am Gewölbe hängende Lampe anzündete. In meinem Innern war es ruhiger als jemals, doch fühlte ich mich sehr erschöpft und versank bald in tiefen Schlaf. Da wurde ich in einen langen, düstern, gewölbten Saal geführt, in dem ich eine Reihe in schwarzen Talaren gekleideter Geistlicher erblickte, die der Wand entlang auf hohen Stühlen saßen. Vor ihnen, an einem mit blutroter Decke behangenen Tisch, saß der Richter, und neben ihm ein Dominikaner im Ordenshabit. „Du bist jetzt,“ sprach der Richter mit feierlich erhabener Stimme, „dem geistlichen Gericht übergeben, da du verstockter, frevelicher Mönch, vergebens deinen Stand und Namen verleugnet hast. Franciskus, mit dem Klosternamen Medardus genannt, sprich, welcher Verbrechen bist du beziehen worden?“ — Ich wollte alles, was ich je Sündhaftes und Freveliches begangen, offen eingestehen, aber zu meinem Entsetzen war das, was ich sprach, durchaus nicht das, was ich dachte und sagen wollte. Statt des ernsten, reuigen Bekenntnisses verlor ich mich in ungereimte, unzusammenhängende Reden. Da sagte der Dominikaner, riesengroß vor mir stehend und mit gräßlich funkelndem Blick mich durchbohrend: „Auf die Folter mit dir, du halsstarriger, verstockter Mönch.“ Die seltsamen Gestalten rings umher erhoben sich und streckten ihre langen Arme nach mir aus, und riefen in heiserem, grausigem Einklang: „Auf die Folter mit ihm.“ Ich riß das Messer heraus und stieß nach meinem Herzen, aber der Arm fuhr unwillkürlich herauf; ich traf den Hals und am Zeichen des Kreuzes sprang die Klinge wie in Glasscherben, ohne mich zu verwunden. Da ergriffen mich die Henkersknechte und stießen mich hinab in ein tiefes unterirdisches Gewölbe. Der Dominikaner und der Richter stiegen mir nach. Noch einmal forderte mich dieser auf, zu gestehen. Nochmals strengte ich mich an, aber in tollem Zwiespalt stand Rede und Gedanke. — Reuevoll, zerknirscht von tiefer Schmach bekannte ich im Innern alles — abgeschmackt, verwirrt, sinnlos war, was der Mund ausstieß. Auf den Wink des Dominikaners zogen mich die Henkersknechte nackt aus, schnürten mir beide Arme über den Rücken zusammen, und hinaufgewunden fühlte ich, wie die ausgedehnten Gelenke knackend zerbröckeln wollten. In heillosem, wütendem Schmerz schrie ich laut auf und erwachte. Der Schmerz an den Händen und Füßen dauerte fort, er rührte von den schweren Ketten her, die ich trug, doch empfand ich noch außerdem einen Druck über den Augen, die ich nicht aufzuschlagen vermochte. Endlich war es, als würde plötzlich eine Last mir von der Stirn genommen, ich richtete mich schnell empor, ein Dominikanermönch stand vor meinem Strohlager. Mein Traum trat in das Leben, eiskalt rieselte es mir durch die Adern. Unbeweglich, wie eine Bildsäule, mit übereinander geschlagenen Armen stand der Mönch da und starrte mich an mit den hohlen schwarzen Augen. Ich erkannte den gräßlichen Maler und fiel halb ohnmächtig auf mein Strohlager zurück. — Vielleicht war es nur eine Täuschung der durch den Traum aufgeregten Sinne? Ich ermannte mich, ich richtete mich auf, aber unbeweglich stand der Mönch und starrte mich an mit den hohlen, schwarzen Augen. Da schrie ich in wahnsinniger Verzweiflung: „Entsetzlicher Mensch... hebe dich weg!... Nein!... Kein Mensch, du bist der Widersacher selbst, der mich stürzen will in ewige Verderbnis... hebe dich weg, Verruchter! hebe dich weg!“ — „Armer kurzsichtiger Tor, ich bin nicht der, der dich ganz unauflöslich zu umstricken strebt mit ehernen Banden! — der dich abwendig machen will dem heiligen Werk, zu dem dich die ewige Macht berief! — Medardus! — armer kurzsichtiger Tor! — schreckbar, grauenvoll bin ich dir erschienen, wenn du über dem offenen Grabe ewiger Verdammnis leichtsinnig gaukeltest. Ich warnte dich, aber du hast mich nicht verstanden! Auf! nähere dich mir!“ Der Mönch sprach alles dieses im dumpfen Ton der tiefen, herzzerschneidendsten Klage; sein Blick, mir sonst so fürchterlich, war sanft und milde geworden, weicher die Form seines Gesichts. Eine unbeschreibliche Wehmut durchbebte mein Innerstes; wie ein Gesandter der ewigen Macht, mich aufzurichten, mich zu trösten im endlosen Elend, erschien mir der sonst so schreckliche Maler. — Ich stand auf vom Lager, ich trat ihm nahe, es war kein Phantom, ich berührte sein Kleid; ich kniete unwillkürlich nieder, er legte die Hand auf mein Haupt, wie mich segnend. Da gingen in lichten Farben herrliche Gebilde in mir auf. — Ach! ich war in dem heiligen Walde! — ja es war derselbe Platz, wo in früher Kindheit der fremdartig gekleidete Pilger mir den wunderbaren Knaben brachte. Ich wollte fortschreiten, ich wollte hinein in die Kirche, die ich dicht vor mir erblickte. Dort sollte ich (so war es mir) büßend und bereuend Ablaß erhalten von schwerer Sünde. Aber ich blieb regungslos — mein eignes Ich konnte ich nicht erschauen, nicht erfassen. Da sprach eine dumpfe, hohle Stimme: „Der Gedanke ist die Tat!“ — Die Träume verschwebten; es war der Maler, der jene Worte gesprochen. „Unbegreifliches Wesen, warst du es denn selbst? an jenem unglücklichen Morgen in der Kapuzinerkirche zu B.?, in der Reichsstadt, und nun?“ — „Halt ein,“ unterbrach mich der Maler, „ich war es, der überall dir nahe war, um dich zu retten von Verderben und Schmach, aber dein Sinn blieb verschlossen! Das Werk, zu dem du erkoren, mußt du vollbringen zu deinem eignen Heil.“ — „Ach,“ rief ich voll Verzweiflung, „warum hieltst du nicht meinen Arm zurück, als ich in verruchtem Frevel jenen Jüngling...“ „Das war mir nicht vergönnt,“ fiel der Maler ein, „frage nicht weiter, vermessen ist es, vorgreifen zu wollen dem, was die ewige Macht beschlossen... Medardus! du gehst deinem Ziel entgegen... morgen!“ — Ich erbebte in einem eiskalten Schauer, denn ich glaubte, den Maler ganz zu verstehen. Er wußte und billigte den beschlossenen Selbstmord. Der Maler wankte mit leisem Tritt nach der Tür des Kerkers. „Wann, wann sehe ich dich wieder?“ — „Am Ziele!“ rief er, sich noch einmal nach mir umwendend, feierlich und stark, daß das Gewölbe dröhnte — „Also morgen?“ — Leise drehte sich die Türe in den Angeln, der Maler war verschwunden. —

Sowie der helle Tag nur angebrochen, erschien der Kerkermeister mit seinen Knechten, die mir die Fesseln von den wunden Armen und Füßen ablösten. Ich solle bald zum Verhör hinaufgeführt werden, hieß es. Tief in mich gekehrt, mit dem Gedanken des nahen Todes vertraut, schritt ich hinauf in den Gerichtssaal; mein Bekenntnis hatte ich im Innern so geordnet, daß ich dem Richter eine kurze, aber den kleinsten Umstand mit aufgreifende Erzählung zu machen hoffte. Der Richter kam mir schnell entgegen, ich mußte höchst entstellt aussehen, denn bei meinem Anblick verzog sich schnell das freudige Lächeln, das erst auf seinem Gesicht schwebte, zur Miene des tiefsten Mitleids. Er faßte meine beiden Hände und schob mich sanft in seinen Lehnstuhl. Dann mich starr anschauend, sagte er langsam und feierlich: „Herr von Krczynski! ich habe Ihnen Frohes zu verkünden! Sie sind frei! Die Untersuchung ist auf Befehl des Fürsten niedergeschlagen worden. Man hat Sie mit einer andern Person verwechselt, woran ihre ganz unglaubliche Ähnlichkeit mit dieser Person schuld ist. Klar, ganz klar ist Ihre Schuldlosigkeit dargetan!... Sie sind frei!“ — Es schwirrte und sauste und drehte sich alles um mich her. — Des Richters Gestalt blinkte, hundertfach vervielfältigt, durch den düstern Nebel, alles schwand in dicker Finsternis. — Ich fühlte endlich, daß man mir die Stirne mit starkem Wasser rieb, und erholte mich aus dem ohnmachtähnlichen Zustande, in den ich versunken. Der Richter las mir ein kurzes Protokoll vor, welches sagte, daß er mir die Niederschlagung des Prozesses bekannt gemacht, und meine Entlassung aus dem Kerker bewirkt habe. Ich unterschrieb schweigend, keines Wortes war ich mächtig. Ein unbeschreibliches, mich im Innersten vernichtendes Gefühl ließ keine Freude aufkommen. Sowie mich der Richter mit recht in das Herz dringender Gutmütigkeit anblickte, war es mir, als müsse ich nun, da man an meine Unschuld glaubte und mich freilassen wollte, allen verruchten Frevel, den ich begangen, frei gestehen und dann mir das Messer in das Herz stoßen. — Ich wollte reden — der Richter schien meine Entfernung zu wünschen. Ich ging nach der Türe, da kam er mir nach und sagte leise: „Nun habe ich aufgehört Richter zu sein; von dem ersten Augenblick, als ich Sie sah, interessierten Sie mich auf das höchste. So sehr, wie (Sie werden das selbst zugeben müssen) der Schein wider Sie war, so wünschte ich doch gleich, daß Sie in der Tat nicht der abscheuliche, verbrecherische Mönch sein möchten, für den man sie hielt. Jetzt darf ich Ihnen zutraulich sagen... Sie sind kein Pole. Sie sind nicht in Kwiecziczewo geboren. Sie heißen nicht Leonard von Krczynski.“ — Mit Ruhe und Festigkeit antwortete ich. „Nein!“ — „Und auch kein Geistlicher?“ — frug der Richter weiter, indem er die Augen niederschlug, wahrscheinlich um mir den Blick des Inquisitors zu ersparen. Es wallte auf in meinem Innern. — „So hören Sie denn,“ fuhr ich heraus — „Still,“ unterbrach mich der Richter, „was ich anfangs geglaubt und noch glaube, bestätigt sich. Ich sehe, daß hier rätselhafte Umstände walten, und daß Sie selbst mit gewissen Personen des Hofes in ein geheimnisvolles Spiel des Schicksals verflochten sind. Es ist nicht mehr meines Berufs, tiefer einzudringen, und ich würde es für unziemlichen Vorwitz halten, Ihnen irgend etwas über Ihre Person, über Ihre wahrscheinlich ganz eignen Lebensverhältnisse entlocken zu wollen! — Doch, wie wäre es, wenn Sie, sich losreißend von allem Ihrer Ruhe Bedrohlichem, den Ort verließen. Nach dem, was geschehen, kann Ihnen ohnedies der Aufenthalt hier nicht wohltun.“ — Sowie der Richter dieses sprach, war es, als flöhen alle finstre Schatten, die sich drückend über mich gelegt hatten, schnell von hinnen. Das Leben war wiedergewonnen, und die Lebenslust stieg durch Nerv und Adern glühend in mir auf. Aurelie! sie dachte ich wieder, und ich sollte jetzt fort von dem Orte, fort von ihr? — Tief seufzte ich auf: „Und sie verlassen?“ — Der Richter blickte mich im höchsten Erstaunen an und sagte dann schnell: „Ach! jetzt glaube ich klar zu sehen! Der Himmel gebe, Herr Leonard! daß eine sehr schlimme Ahnung, die mir eben jetzt recht deutlich wird, nicht in Erfüllung gehen möge.“ — Alles hatte sich in meinem Innern anders gestaltet. Hin war alle Reue und wohl mochte es beinahe frevelnde Frechheit sein, daß ich den Richter mit erheuchelter Ruhe frug: „Und Sie halten mich doch für schuldig?“ — „Erlauben Sie, mein Herr!“ erwiderte der Richter sehr ernst, „daß ich meine Überzeugungen, die doch nur auf ein reges Gefühl gestützt scheinen, für mich behalte. Es ist ausgemittelt, nach bester Form und Weise, daß Sie nicht der Mönch Medardus sein können, da eben dieser Medardus sich hier befindet und von dem Pater Cyrill, der sich durch Ihre ganz genaue Ähnlichkeit täuschen ließ, anerkannt wurde, ja auch selbst gar nicht leugnet, daß er jener Kapuziner sei. Damit ist nun alles geschehen, was geschehen konnte, um Sie von jedem Verdacht zu reinigen, und um so mehr muß ich glauben, daß Sie sich frei von jeder Schuld fühlen.“ — Ein Gerichtsdiener rief in diesem Augenblick den Richter ab und so wurde ein Gespräch unterbrochen, als es eben begann mich zu peinigen.

Ich begab mich nach meiner Wohnung und fand alles so wieder, wie ich es verlassen. Meine Papiere hatte man in Beschlag genommen, in ein Paket gesiegelt lagen sie auf meinem Schreibtische, nur Viktorins Brieftasche, Euphemiens Ring und den Kapuzinerstrick vermißte ich, meine Vermutungen im Gefängnisse waren daher richtig. Nicht lange dauerte es, so erschien ein fürstlicher Diener, der mit einem Handbillet des Fürsten mir eine goldene, mit kostbaren Steinen besetzte Dose überreichte. „Es ist Ihnen übel mitgespielt worden, Herr von Krczynski,“ schrieb der Fürst, „aber weder ich noch meine Gerichte sind schuld daran. Sie sind einem sehr bösen Menschen auf ganz unglaubliche Weise ähnlich; alles ist aber nun zu Ihrem Besten aufgeklärt; ich sende Ihnen ein Zeichen meines Wohlwollens und hoffe, Sie bald zu sehen.“ — Des Fürsten Gnade war mir ebenso gleichgültig als sein Geschenk; eine düstre Traurigkeit, die geisttötend mein Inneres durchschlich, war die Folge des strengen Gefängnisses; ich fühlte, daß mir körperlich aufgeholfen werden müsse, und lieb war es mir daher, als der Leibarzt erschien. Das Ärztliche war bald besprochen. „Ist es nicht,“ fing nun der Leibarzt an, „eine besondere Fügung des Schicksals, daß eben in dem Augenblick, als man davon überzeugt zu sein glaubt, daß Sie jener abscheuliche Mönch sind, der in der Familie des Barons von F. so viel Unheil anrichtete, dieser Mönch wirklich erscheint, und Sie von jedem Verdacht rettet?“

„Ich muß versichern, daß ich von den nähern Umständen, die meine Befreiung bewirkten, nicht unterrichtet bin; nur im allgemeinen sagte mir der Richter, daß der Kapuziner Medardus, dem man nachspürte und für den man mich hielt, sich hier eingefunden habe.“

„Nicht eingefunden hat er sich, sondern hergebracht ist er worden, festgebunden auf einem Wagen, und seltsamerweise zu derselben Zeit, als Sie hergekommen waren. Eben fällt mir ein, daß, als ich Ihnen einst jene wunderbaren Ereignisse erzählen wollte, die sich vor einiger Zeit an unserm Hofe zutrugen, ich gerade dann unterbrochen wurde, als ich auf den feindlichen Medardus, Franceskos Sohn, und auf seine verruchte Tat im Schlosse des Barons von F. gekommen war. Ich nehme den Faden der Begebenheit da wieder auf, wo er damals abriß. — Die Schwester unserer Fürstin, wie Sie wissen, Äbtissin im Cisterzienserkloster zu B., nahm einst freundlich eine arme Frau mit einem Kinde auf, die von der Pilgerfahrt nach der heiligen Linde wiederkehrte.“

„Die Frau war Franceskos Witwe und der Knabe eben der Medardus.“

„Ganz recht, aber wie kommen Sie dazu, dies zu wissen?“

„Auf die seltsamste Weise sind mir die geheimnisvollen Lebensumstände des Kapuziners Medardus bekannt worden. Bis zu dem Augenblick, als er aus dem Schloß des Barons von F. entfloh, bin ich von dem, was sich dort zutrug, genau unterrichtet.“

„Aber wie?... von wem?“...

„Ein lebendiger Traum hat mir alles dargestellt.“

„Sie scherzen?“

„Keineswegs. Es ist mir wirklich so, als hätte ich träumend die Geschichte eines Unglücklichen gehört, der, ein Spielwerk dunkler Mächte, hin und her geschleudert und von Verbrechen zu Verbrechen getrieben wurde. In dem...tzer Forst hatte mich auf der Reise hierher der Postillon irre gefahren; ich kam in das Försterhaus, und dort...“

„Ha! ich verstehe alles, dort trafen Sie den Mönch an“...

„So ist es, er war aber wahnsinnig.“

„Er scheint es nicht mehr zu sein. Schon damals hatte er lichte Stunden und vertraute Ihnen alles?“...

„Nicht geradezu. In der Nacht trat er, von meiner Ankunft im Försterhause nicht unterrichtet, in mein Zimmer. Ich, mit der treuen beispiellosen Ähnlichkeit, war ihm furchtbar. Er hielt mich für seinen Doppelgänger, dessen Erscheinung ihm den Tod verkünde. — Er stammelte — stotterte Bekenntnisse her — unwillkürlich übermannte mich, von der Reise ermüdet, der Schlaf; es war mir, als spreche der Mönch nun ruhig und gefaßt weiter, und ich weiß in der Tat jetzt nicht, wo und wie der Traum eintrat. Es dünkt mich, daß der Mönch behauptete, nicht er habe Euphemien und Hermogen getötet, sondern beider Mörder sei der Graf Viktorin.“ —

„Sonderbar, höchst sonderbar, aber warum verschwiegen Sie das alles dem Richter?“

„Wie konnte ich hoffen, daß der Richter auch nur einiges Gewicht auf eine Erzählung legen werde, die ihm ganz abenteuerlich klingen mußte. Darf denn überhaupt ein erleuchtetes Kriminalgericht an das Wunderbare glauben?“

„Wenigstens hätten Sie aber doch gleich ahnen, daß man Sie mit dem wahnsinnigen Mönch verwechsle, und diesen als den Kapuziner Medardus bezeichnen sollen?“

„Freilich — und zwar nachdem mich ein alter, blöder Greis, ich glaube er heißt Cyrillus, durchaus für seinen Klosterbruder halten wollte. Es ist mir nicht eingefallen, daß der wahnsinnige Mönch eben der Medardus, und das Verbrechen, das er mir bekannte, Gegenstand des jetzigen Prozesses sein könne. Aber, wie mir der Förster sagte, hatte er ihm niemals seinen Namen genannt — wie kam man zur Entdeckung?“

„Auf die einfachste Weise. Der Mönch hatte sich, wie Sie wissen, einige Zeit bei dem Förster aufgehalten; er schien geheilt, aber aufs neue brach der Wahnsinn so verderblich aus, daß der Förster sich genötigt sah, ihn hierher zu schaffen, wo er in das Irrenhaus eingesperrt wurde. Dort saß er Tag und Nacht mit starrem Blick, ohne Regung, wie eine Bildsäule. Er sprach kein Wort und mußte gefüttert werden, da er keine Hand bewegte. Verschiedene Mittel ihn aus der Starrsucht zu wecken, blieben fruchtlos, zu den stärksten durfte man nicht schreiten, ohne Gefahr ihn wieder in wilde Raserei zu stürzen. Vor einigen Tagen kommt des Försters ältester Sohn nach der Stadt, er geht in das Irrenhaus, um den Mönch wieder zu sehen. Ganz erfüllt von dem trostlosen Zustande des Unglücklichen, tritt er aus dem Hause, als eben der Pater Cyrillus aus dem Kapuzinerkloster in B. vorüberschreitet. Den redet er an und bittet ihn, den unglücklichen, hier eingesperrten Klosterbruder zu besuchen, da ihm der Zuspruch eines Geistlichen seines Ordens vielleicht heilsam sein könne. Als Cyrillus den Mönch erblickt, fährt er entsetzt zurück. „Heilige Mutter Gottes! Medardus, unglückseliger Medardus!“ So ruft Cyrillus, und in dem Augenblick beleben sich die starren Augen des Mönchs. Er steht auf und fällt mit einem dumpfen Schrei kraftlos zu Boden. — Cyrillus, mit den übrigen, die bei dem Ereignis zugegen waren, geht sofort zum Präsidenten des Kriminalgerichts und zeigt alles an. Der Richter, dem die Untersuchungen wider Sie übertragen, begibt sich mit Cyrillus nach dem Irrenhause; man findet den Mönch sehr matt, aber frei von allem Wahnsinn. Er gesteht ein, daß er der Mönch Medardus aus dem Kapuzinerkloster in B. sei. Cyrillus versicherte seinerseits, daß Ihre unglaubliche Ähnlichkeit mit Medardus ihn getäuscht habe. Nun bemerke er wohl, wie Herr Leonard sich in Sprache, Blick, Gang und Stellung sehr merklich von dem Mönch Medardus, den er nun vor sich sehe, unterscheide. Man entdeckte auch das bedeutende Kreuzeszeichen an der linken Seite des Halses, von dem in Ihrem Prozeß so viel Aufhebens gemacht worden ist. Nun wird der Mönch über die Begebenheiten auf dem Schlosse des Barons von F. befragt. — „Ich bin ein abscheulicher, verruchter Verbrecher, sagt er mit matter, kaum vernehmbarer Stimme: ich bereue tief, was ich getan. — Ach, ich ließ mich um mein Selbst, um meine unsterbliche Seele betrügen!... Man habe Mitleiden!... man lasse mir Zeit... alles... alles will ich gestehen.“ — Der Fürst, unterrichtet, befiehlt sofort den Prozeß wider Sie aufzuheben und Sie der Haft zu entlassen. Das ist die Geschichte Ihrer Befreiung. — Der Mönch ist nach dem Kriminalgefängnis gebracht worden.“

„Und hat alles gestanden? Hat er Euphemen, Hermogen ermordet? wie ist es mit dem Grafen Viktorin?...“

„So viel, wie ich weiß, fängt der eigentliche Kriminalprozeß wider den Mönch erst heute an. Was aber den Grafen Viktorin betrifft, so scheint es, als wenn nun einmal alles, was nur irgend mit jenen Ereignissen an unserem Hofe in Verbindung stehe, dunkel und unbegreiflich bleiben müsse.“

„Wie die Ereignisse auf dem Schlosse des Barons von F. aber mit jener Katastrophe an Ihrem Hofe sich verbinden sollen, sehe ich in der Tat nicht ein.“

„Eigentlich meinte ich auch mehr die spielenden Personen, als die Begebenheit.“

„Ich verstehe Sie nicht.“

„Erinnern Sie sich genau meiner Erzählung jener Katastrophe, die dem Prinzen den Tod brachte?“

„Allerdings.“

„Ist es Ihnen dabei nicht völlig klar worden, daß Francesko verbrecherisch die Italienerin liebte? daß er es war, der vor dem Prinzen in die Brautkammer schlich und den Prinzen niederstieß? — Viktorin ist die Frucht jener freveligen Untat. — Er und Medardus sind Söhne eines Vaters. Spurlos ist Viktorin verschwunden, alles Nachforschen blieb vergebens.“

„Der Mönch schleuderte ihn hinab in den Teufelsgrund. Fluch dem wahnsinnigen Brudermörder!“ —

Leise — leise ließ sich in dem Augenblick, als ich heftig diese Worte ausstieß, jenes Klopfen des gespenstischen Unholds aus dem Kerker hören. Vergebens suchte ich das Grausen zu bekämpfen, welches mich ergriff. Der Arzt schien so wenig das Klopfen als meinen inneren Kampf zu bemerken. Er fuhr fort: „Was... hat der Mönch Ihnen gestanden, daß auch Viktorin durch seine Hand fiel?“

„Ja!... wenigstens schließe ich aus seinen abgebrochenen Äußerungen, halte ich damit Viktorins Verschwinden zusammen, daß sich die Sache wirklich so verhält. Fluch dem wahnsinnigen Brudermörder!“ — Stärker klopfte es und stöhnte und ächzte: ein feines Lachen, das durch die Stube pfiff, klang wie Medardus... Medardus... hi... hi... hi hilf! — Der Arzt, ohne das zu bemerken, fuhr fort:

„Ein besonderes Geheimnis scheint noch auf Franceskos Herkunft zu ruhen. Er ist höchstwahrscheinlich dem fürstlichen Hause verwandt. So viel ist gewiß, daß Euphemie die Tochter...“

Mit einem entsetzlichen Schlage, daß die Angeln zusammenkrachten, sprang die Tür auf, ein schneidendes Gelächter gellte herein. „Ho... ho... ho... ho Brüderlein, schrie ich wahnsinnig auf: hoho... hierher... frisch, frisch, wenn du kämpfen willst mit mir... der Uhu macht Hochzeit; nun wollen wir auf das Dach steigen und ringen miteinander, und wer den andern herabstößt, ist König und darf Blut trinken.“ — Der Leibarzt faßte mich in die Arme und rief: „Was ist das? Was ist das? Sie sind krank... in der Tat, gefährlich krank. Fort, fort, zu Bette.“ — Aber ich starrte nach der offenen Tür, ob mein scheußlicher Doppelgänger nicht hereintreten werde, doch ich erschaute nichts und erholte mich bald von dem wilden Entsetzen, das mich gepackt hatte mit eiskalten Krallen. Der Leibarzt bestand darauf, daß ich kränker sei, als ich selbst wohl glauben möge, und schob alles auf den Kerker und die Gemütsbewegung, die mir überhaupt der Prozeß verursacht haben müsse. Ich brauchte seine Mittel, aber mehr als seine Kunst trug zu meiner schnellen Genesung bei, daß das Klopfen sich nicht mehr hören ließ, der furchtbare Doppelgänger mich daher ganz verlassen zu haben schien.

Die Frühlingssonne warf eines Morgens ihre goldnen Strahlen hell und freundlich in mein Zimmer, süße Blumendüfte strömten durch das Fenster; hinaus ins Freie trieb mich ein unendlich Sehnen, und des Arztes Verbot nicht achtend, lief ich fort in den Park. — Da begrüßten Bäume und Büsche rauschend und flüsternd den von der Todeskrankheit Genesenen. Ich atmete auf, wie aus langem, schwerem Traum erwacht, und tiefe Seufzer waren des Entzückens unaussprechbare Worte, die ich hineinhauchte in das Gejauchze der Vögel, in das fröhliche Sumsen und Schwirren bunter Insekten.

Ja! — ein schwerer Traum dünkte mir, nicht nur die letztvergangene Zeit, sondern mein ganzes Leben, seitdem ich das Kloster verlassen, als ich mich in einem von dunklen Platanen beschatteten Garten befand. — Ich war im Garten der Kapuziner zu B. Aus dem fernen Gebüsch ragte schon das hohe Kreuz hervor, an dem ich sonst oft mit tiefer Inbrunst flehte, um Kraft, aller Versuchung zu widerstehen. — Das Kreuz schien mir nun das Ziel zu sein, wo ich hinwallen müsse, um, in den Staub niedergeworfen, zu bereuen und zu büßen den Frevel sündhafter Träume, die mir der Satan vorgegaukelt; und ich schritt fort mit gefalteten emporgehobenen Händen, den Blick nach dem Kreuz gerichtet. — Stärker und stärker zog der Luftstrom — ich glaubte die Hymnen der Brüder zu vernehmen, aber es waren nur des Waldes wunderbare Klänge, die der Wind, durch die Bäume sausend, geweckt hatte, und der meinen Atem fortriß, so daß ich bald erschöpft stillstehen, ja mich an einem nahen Baum festhalten mußte, um nicht niederzusinken. Doch hin zog es mich mit unwiderstehlicher Gewalt nach dem fernen Kreuz; ich nahm alle meine Kraft zusammen und wankte weiter fort, aber nur bis an den Moossitz dicht vor dem Gebüsch konnte ich gelangen; alle Glieder lähmte plötzlich tötliche Ermattung; wie ein schwacher Greis ließ ich langsam mich nieder, und in dumpfem Stöhnen suchte ich die gepreßte Brust zu erleichtern. — Es rauschte im Gange dicht neben mir... Aurelie! Sowie der Gedanke mich durchblitzte, stand sie vor mir! — Tränen inbrünstiger Wehmut quollen aus den Himmelsaugen, aber durch die Tränen funkelte ein zündender Strahl; es war der unbeschreibliche Ausdruck der glühendsten Sehnsucht, der Aurelien fremd schien. Aber so flammte der Liebesblick jenes geheimnisvollen Wesens am Beichtstuhl, das ich oft in süßen Träumen sah. „Können Sie mir jemals verzeihen!“ lispelte Aurelie. Da stürzte ich wahnsinnig vor namenlosem Entzücken vor ihr hin, ich ergriff ihre Hände! — „Aurelie... Aurelie... für dich Marter!... Tod!“ Ich fühlte mich sanft emporgehoben — Aurelie sank an meine Brust, ich schwelgte in glühenden Küssen. Aufgeschreckt durch ein nahes Geräusch, wand sie sich endlich los aus meinen Armen, ich durfte sie nicht zurückhalten. „Erfüllt ist all’ mein Sehnen und Hoffen,“ sprach sie leise, und in dem Augenblick sah ich die Fürstin den Gang heraufkommen. Ich trat hinein in das Gebüsch, und wurde nun gewahr, daß ich wunderlicherweise einen dürren, grauen Stamm für ein Kruzifix gehalten.

Ich fühlte keine Ermattung mehr; Aureliens Küsse durchglühten mich mit neuer Lebenskraft; es war mir, als sei jetzt hell und herrlich das Geheimnis meines Seins aufgegangen. Ach, es war das wunderbare Geheimnis der Liebe, das sich nun erst in rein strahlender Glorie mir erschlossen. — Diese Zeit war es, die mich wie ein Traum aus dem Himmel umfing, als ich das aufzuzeichnen begann, was sich nach Aureliens Wiedersehen mit mir begab. Dich Fremden, Unbekannten! der du einst diese Blätter lesen wirst, bat ich, du solltest jene höchste Sonnenzeit deines eigenen Lebens zurückrufen, dann würdest du den trostlosen Jammer des in Reue und Buße ergrauten Mönchs verstehen und einstimmen in seine Klagen. Noch einmal bitte ich dich jetzt, laß jene Zeit im Innern dir aufgehen, und nicht darf ich dann dir’s sagen: wie Aureliens Liebe mich und alles um mich her verklärte, wie reger und lebendiger mein Geist das Leben im Leben erschaute und ergriff, wie mich, den göttlich Begeisterten, die Freudigkeit des Himmels erfüllte. Kein finstrer Gedanke ging durch meine Seele, Aureliens Liebe hatte mich entsündigt, ja! auf wunderbare Weise keimte in mir die feste Überzeugung auf, daß nicht ich jener ruchlose Frevler auf dem Schlosse des Barons von F. war, der Euphemien — Hermogen erschlug, sondern, daß der wahnsinnige Mönch, den ich im Försterhause traf, die Tat begangen. Alles, was ich dem Leibarzt gestand, schien mir nicht Lüge, sondern der wahre, geheimnisvolle Hergang der Sache zu sein, die mir selbst unbegreiflich blieb. — Der Fürst hatte mich empfangen, wie einen Freund, den man verloren glaubt und wieder findet; dies gab natürlicherweise den Ton an, in den alle einstimmen mußten, nur die Fürstin, war sie auch milder als sonst, blieb ernst und zurückhaltend.

Aurelie gab sich mir mit kindlicher Unbefangenheit ganz hin, ihre Liebe war ihr keine Schuld, die sie der Welt verbergen mußte, und ebenso wenig vermochte ich, auch nur im mindesten das Gefühl zu verhehlen, in dem allein ich nur lebte. Jeder bemerkte mein Verhältnis mit Aurelien, niemand sprach darüber, weil man in des Fürsten Blicken las, daß er unsere Liebe, wo nicht begünstigen, doch stillschweigend dulden wolle. So kam es, daß ich zwanglos Aurelien öfter, manchmal auch wohl ohne Zeugen sah. — Ich schloß sie in meine Arme, sie erwiderte meine Küsse, aber es fühlend, wie sie erbebte in jungfräulicher Scheu, konnte ich nicht Raum geben der sündlichen Begierde; jeder frevelige Gedanke erstarb in dem Schauer, der durch mein Inneres glitt. Sie schien keine Gefahr zu ahnen, wirklich gab es für sie keine, denn oft, wenn sie im einsamen Zimmer neben mir saß, wenn mächtiger als je ihr Himmelsreiz strahlte, wenn wilder die Liebesglut in mir aufflammen wollte, blickte sie mich an so unbeschreiblich milde und keusch, daß es mir war, als vergönne es der Himmel dem büßenden Sünder, schon hier auf Erden der Heiligen zu nahen. Ja, nicht Aurelie, die heilige Rosalia selbst war es, und ich stürzte zu ihren Füßen und rief laut: „O du fromme, hohe Heilige, darf sich denn irdische Liebe zu dir im Herzen regen?“ — Dann reichte sie mir die Hand und sprach mit süßer, milder Stimme: „Ach, keine hohe Heilige bin ich, aber wohl recht fromm und liebe dich gar sehr!“

Ich hatte Aurelien mehrere Tage nicht gesehen, sie war mit der Fürstin auf ein nahe gelegenes Lustschloß gegangen. Ich ertrug es nicht länger, ich rannte hin. — Am späten Abend angekommen, traf ich im Garten auf eine Kammerfrau, die mir Aureliens Zimmer nachwies. Leise, leise öffnete ich die Tür — ich trat hinein — eine schwüle Luft, ein wunderbarer Blumengeruch wallte mir sinnebetäubend entgegen. Erinnerungen stiegen in mir auf wie dunkle Träume. Ist das nicht Aureliens Zimmer auf dem Schlosse des Barons, wo ich... Sowie ich dies dachte, war es, als erhebe sich hinter mir eine finstre Gestalt, und: Hermogen! rief es in meinem Innern. Entsetzt rannte ich vorwärts, nur angelehnt war die Türe des Kabinetts. Aurelie kniete, den Rücken mir zugekehrt vor einem Tabourett, auf dem ein aufgeschlagenes Buch lag. Voll scheuer Angst blickte ich unwillkürlich zurück — ich schaute nichts, da rief ich im höchsten Entzücken: „Aurelie, Aurelie!“ — Sie wandte sich schnell um, aber noch ehe sie aufgestanden, lag ich neben ihr und hatte sie fest umschlungen. „Leonard! mein Geliebter!“ — lispelte sie leise. Da kochte und gährte in meinem Innern rasende Begier, wildes, sündiges Verlangen. Sie hing kraftlos in meinen Armen; die genestelten Haare waren aufgegangen und fielen in üppigen Locken über meine Schultern, der jugendliche Busen quoll hervor — sie ächzte dumpf — ich kannte mich selbst nicht mehr! — Ich riß sie empor, sie schien erkräftigt, eine fremde Glut brannte in ihrem Auge, feuriger erwiderte sie meine wütenden Küsse. Da rauschte es hinter uns wie starker, mächtiger Flügelschlag; ein schneidender Ton, wie das Angstgeschrei des zum Tode Getroffenen, gellte durch das Zimmer. — „Hermogen!“ schrie Aurelie und sank ohnmächtig hin aus meinen Armen. Von wildem Entsetzen erfaßt, rannte ich fort! — Im Flur trat mir die Fürstin, von einem Spaziergange heimkehrend, entgegen. Sie blickte mich ernst und stolz an, indem sie sprach: „Es ist mir in der Tat sehr befremdlich, Sie hier zu sehen, Herr Leonard!“ — meine Verstörtheit im Augenblick bemeisternd, antwortete ich in beinahe bestimmterem Ton, als es ziemlich sein mochte, daß man oft gegen große Anregungen vergebens ankämpfe, und daß oft das unschicklich Scheinende für das Schicklichste gelten könne! — Als ich durch die finstre Nacht der Residenz zueilte, war es mir, als liefe jemand neben mir her, und als flüsterte eine Stimme: „I... Imm... Immer bin ich bei di... dir... Brü... Brüderlein... Brüderlein Medardus! — Blickte ich um mich her, so merkte ich wohl, daß das Phantom des Doppelgängers nur in meiner Fantasie spuke; aber nicht los konnte ich das entsetzliche Bild werden, ja es war mir endlich, als müsse ich mit ihm sprechen und ihm erzählen, daß ich wieder recht albern gewesen sei und mich habe schrecken lassen von dem tollen Hermogen; die heilige Rosalia sollte denn nun bald mein — ganz mein sein, denn dafür wäre ich Mönch und habe die Weihe erhalten. Da lachte und stöhnte mein Doppelgänger, wie er sonst getan, und stotterte: „Aber schn... schnell... schnell!“ — „Gedulde dich nur,“ sprach ich wieder, „gedulde dich nur, mein Junge! Alles wird gut werden. Den Hermogen habe ich nur nicht gut getroffen, er hat solch ein verdammtes Kreuz am Halse, wie wir beide, aber mein flinkes Messerchen ist noch stark und spitzig.“ — „Hi... hi hi... tri... triff gut... triff gut!“ — So flüsterte des Doppelgängers Stimme im Sausen des Morgenwindes, der vor dem Feuerpurpur herstrich, welches ausbrannte im Osten.

Eben war ich in meiner Wohnung angekommen, als ich zum Fürsten beschieden wurde. Der Fürst kam mir sehr freundlich entgegen. „In der Tat, Herr Leonard!“ fing er an, „Sie haben sich meine Zuneigung im hohen Grade erworben; nicht verhehlen kann ichs Ihnen, daß mein Wohlwollen für Sie wahre Freundschaft geworden ist, ich möchte Sie nicht verlieren, ich möchte Sie glücklich sehen. Überdem ist man Ihnen für das, was sie gelitten haben, alle nur mögliche Entschädigung zu gewähren schuldig. Wissen Sie wohl, Herr Leonard! wer Ihren bösen Prozeß einzig und allein veranlaßte? wer Sie anklagte?“

„Nein gnädigster Herr!“

„Baronesse Aurelie!... Sie erstaunen? Ja ja, Baronesse Aurelie, mein Herr Leonard, die hat Sie (er lachte laut auf), die hat Sie für einen Kapuziner gehalten! — Nun bei Gott! sind Sie ein Kapuziner, so sind Sie der liebenswürdigste, den Je ein menschliches Auge sah! — Sagen Sie aufrichtig, Herr Leonard, sind Sie wirklich so ein Stück von Klostergeistlichen?“

„Gnädigster Herr, ich weiß nicht, welch ein böses Verhängnis mich immer zu dem Mönch machen will, der...“

„Nun nun! — ich bin kein Inquisitor! — fatal wär’s doch, wenn ein geistliches Gelübde Sie bände. — Zur Sache! — möchten Sie nicht für das Unheil, das Baronesse Aurelie Ihnen zufügte, Rache nehmen?“ —

„In welches Menschen Brust könnte ein Gedanke der Art gegen das holde Himmelsbild aufkommen?“

„Sie lieben Aurelien?“

Dies frug der Fürst, mir ernst und scharf ins Auge blickend. Ich schwieg, indem ich die Hand auf die Brust legte. Der Fürst fuhr weiter fort:

„Ich weiß es, Sie haben Aurelien geliebt seit dem Augenblick, als sie mit der Fürstin hier zum erstenmal in den Saal trat. — Sie werden wieder geliebt und zwar mit einem Feuer, das ich der sanften Aurelie nicht zugetraut hätte. Sie lebt nur in Ihnen, die Fürstin hat mir alles gesagt. Glauben Sie wohl, daß nach Ihrer Verhaftung Aurelie sich einer ganz trostlosen, verzweifelten Stimmung überließ, die sie auf das Krankenbett warf und dem Tode nahe brachte? Aurelie hielt Sie damals für den Mörder ihres Bruders, um so unerklärlicher war uns ihr Schmerz. Schon damals wurden Sie geliebt. Nun, Herr Leonard, oder vielmehr Herr von Krczynski, Sie sind von Adel, ich fixiere Sie bei Hofe auf eine Art, die Ihnen angenehm sein soll. Sie heiraten Aurelien. — In einigen Tagen feiern wir die Verlobung, ich selbst werde die Stelle des Brautvaters vertreten.“ — Stumm, von den widersprechendsten Gefühlen zerrissen, stand ich da. — „Adieu, Herr Leonard!“ rief der Fürst und verschwand, mir freundlich zuwinkend, aus dem Zimmer.

Aurelie mein Weib! — Das Weib eines verbrecherischen Mönchs! Nein! so wollen es die dunklen Mächte nicht, mag auch über die Arme verhängt sein, was da will! — Dieser Gedanke erhob sich in mir, siegend über alles, was sich dagegen auflehnen mochte. Irgend ein Entschluß, das fühlte ich, mußte auf der Stelle gefaßt werden, aber vergebens sann ich auf Mittel, mich schmerzlos von Aurelien zu trennen. Der Gedanke, sie nicht wieder zu sehen, war mir unerträglich, aber daß sie mein Weib werden sollte, das erfüllte mich mit einem mir selbst unerklärlichen Abscheu. Deutlich ging in mir die Ahnung auf, daß, wenn der verbrecherische Mönch vor dem Altar des Herrn stehen werde, um mit heiligen Gelübden freveliges Spiel zu treiben, jenes fremden Malers Gestalt, aber nicht milde tröstend wie im Gefängnis, sondern Rache und Verderben furchtbar verkündend, wie bei Franceskos Trauung, erscheinen, und mich stürzen werde in namenlose Schmach, in zeitliches, ewiges Elend. Aber dann vernahm ich tief im Innern eine dunkle Stimme: „Und doch muß Aurelie dein sein! Schwachsinniger Tor, wie denkst du zu ändern das, was über euch verhängt ist.“ Und dann rief es wiederum: „Nieder — nieder wirf dich in den Staub! — Verblendeter, du frevelst! — nie kann sie dein werden; es ist die heilige Rosalia selbst, die du zu umfangen gedenkst in irdischer Liebe.“ So in Zwiespalt grauser Mächte hin und her getrieben, vermochte ich nicht zu denken, nicht zu ahnen, was ich tun müsse, um dem Verderben zu entrinnen, das mir überall zu drohen schien. Vorüber war jene begeisterte Stimmung, in der mein ganzes Leben, mein verhängnisvoller Aufenthalt auf dem Schlosse des Barons von F. mir nur ein schwerer Traum schien. In düstrer Verzagtheit sah ich in mir nur den gemeinen Lüstling und Verbrecher. Alles, was ich dem Richter, dem Leibarzt gesagt, war nun nichts, als alberne, schlecht erfundene Lüge, nicht eine innere Stimme hatte gesprochen, wie ich sonst mich selbst überreden wollte.

Tief in mich gekehrt, nichts außer mir bemerkend und vernehmend, schlich ich über die Straße. Der laute Zuruf des Kutschers, das Gerassel des Wagens weckte mich, schnell sprang ich zur Seite. Der Wagen der Fürstin rollte vorüber, der Leibarzt bückte sich aus dem Schlage und winkte mir freundlich zu; ich folgte ihm nach seiner Wohnung. Er sprang heraus und zog mich mit den Worten: „Eben komme ich von Aurelien, ich habe Ihnen manches zu sagen!“ herauf in sein Zimmer. „Ei, ei,“ fing er an, „Sie Heftiger, Unbesonnener! was haben Sie angefangen. Aurelien sind Sie erschienen plötzlich, wie ein Gespenst, und das arme nervenschwache Wesen ist darüber erkrankt!“ — Der Arzt bemerkte mein Erbleichen. „Nun nun,“ fuhr er fort, „arg ist es eben nicht, sie geht wieder im Garten umher und kehrt morgen mit der Fürstin nach der Residenz zurück. Von Ihnen, lieber Leonard! sprach Aurelie viel, sie empfindet herzliche Sehnsucht Sie wieder zu sehen und sich zu entschuldigen. Sie glaubt, Ihnen albern und töricht erschienen zu sein.“

Ich wußte, dachte ich daran, was auf dem Lustschlosse vorgegangen, Aureliens Äußerung nicht zu deuten.

Der Arzt schien von dem, was der Fürst mit mir im Sinn hatte, unterrichtet, er gab mir dies nicht undeutlich zu verstehen, und mittelst seiner hellen Lebendigkeit, die alles um ihn her ergriff, gelang es ihm bald, mich aus der düstern Stimmung zu reißen, so daß unser Gespräch sich heiter wandte. Er beschrieb noch einmal, wie er Aurelien getroffen, die, dem Kinde gleich, das sich nicht vom schweren Traum erholen kann, mit halb geschlossenen, in Tränen lächelnden Augen auf dem Ruhebette, das Köpfchen in die Hand gestützt, gelegen, und ihm ihre krankhaften Visionen geklagt habe. Er wiederholte ihre Worte, die durch leise Seufzer unterbrochene Stimme des Mädchens nachahmend, und wußte, indem er manche ihrer Klagen neckisch genug stellte, das anmutige Bild durch einige kecke ironische Lichtblicke so zu heben, daß es gar heiter und lebendig vor mir aufging. Dazu kam, daß er im Kontrast die gravitätische Fürstin hinstellte, welches mich nicht wenig ergötzte. „Haben Sie wohl gedacht,“ fing er endlich an, „haben Sie wohl gedacht, als Sie in die Residenz einzogen, daß Ihnen so viel Wunderliches hier geschehen würde? Erst das tolle Mißverständnis, das Sie in die Hände des Kriminalgerichts brachte, und dann das wahrhaft beneidenswerte Glück, das Ihnen der fürstliche Freund bereitet!“

„Ich muß in der Tat gestehen, daß gleich anfangs der freundliche Empfang des Fürsten mir wohl tat; doch fühle ich, wie sehr ich jetzt in seiner, in aller Achtung bei Hofe gestiegen bin, das habe ich gewiß meinem erlittenen Unrecht zu verdanken.“

„Nicht sowohl dem, als einem andern ganz kleinen Umstande, den Sie wohl erraten können.“

„Keineswegs.“

„Zwar nennt man Sie, weil Sie es so wollen, schlechtweg Herr Leonard, wie vorher, jeder weiß aber jetzt, daß Sie von Adel sind, da die Nachrichten, die man aus Posen erhalten hat, Ihre Angaben bestätigten.“

„Wie kann das aber auf den Fürsten, auf die Achtung, die ich im Zirkel des Hofes genieße, von Einfluß sein? Als mich der Fürst kennen lernte und mich einlud, im Zirkel des Hofes zu erscheinen, wandte ich ein, daß ich nur von bürgerlicher Abkunft sei, da sagte mir der Fürst, daß die Wissenschaft mich adle und fähig mache, in seiner Umgebung zu erscheinen.“

„Er hält es wirklich so, kokettierend mit aufgeklärtem Sinn für Wissenschaft und Kunst. Sie werden im Zirkel des Hofes manchen bürgerlichen Gelehrten und Künstler bemerkt haben, aber die Feinfühlenden unter diesen, denen Leichtigkeit des innern Seins abgeht, die sich nicht in heitrer Ironie auf den hohen Standpunkt stellen können, der sie über das Ganze erhebt, sieht man nur selten, sie bleiben auch wohl ganz aus. Bei dem besten Willen, sich recht vorurteilsfrei zu zeigen, mischt sich in das Betragen der Adligen gegen den Bürger ein gewisses Etwas, das wie Herablassung, Duldung des eigentlich Unziemlichen aussieht; das leidet kein Mann, der im gerechten Stolz wohl fühlt, wie in adliger Gesellschaft oft nur er es ist, der sich herablassen und dulden muß das geistig Gemeine und Abgeschmackte. Sie sind selbst von Adel, Herr Leonard, aber wie ich höre, ganz geistlich und wissenschaftlich erzogen. Daher mag es kommen, daß Sie der erste Adlige sind, an dem ich selbst im Zirkel des Hofes unter Adligen auch jetzt nichts Adliges, im schlimmen Sinn genommen, verspürt habe. Sie können glauben, ich spräche da, als Bürgerlicher, vorgefaßte Meinungen aus, oder mir sei persönlich etwas begegnet, das ein Vorurteil erweckt habe, dem ist aber nicht so. Ich gehöre nun einmal zu einer der Klassen, die ausnahmsweise nicht bloß toleriert, sondern wirklich gehegt und gepflegt werden. Ärzte und Beichtväter sind regierende Herren — Herrscher über Leib und Seele, mithin allemal von gutem Adel. Der Ahnen-und Adelsstolz ist in unserer, alles immer mehr vergeistigenden Zeit, eine höchst seltsame, beinahe lächerliche Erscheinung. — Vom Altertum, von Krieg und Waffen ausgehend, bildet sich eine Kaste, die ausschließlich die andern Stände schützt, und das subordinierte Verhältnis des Beschützten gegen den Schutzherrn erzeugt sich von selbst. Mag der Gelehrte seine Wissenschaft, der Künstler seine Kunst, der Handwerker, der Kaufmann sein Gewerbe rühmen, siehe sagt der Ritter, da kommt ein ungebärdiger Feind, dem ihr, des Krieges Unerfahrne, nicht zu widerstehen vermöget, aber ich Waffengeübter stelle mich mit meinem Schlachtschwert vor euch hin, und was mein Spiel, was meine Freude ist, rettet euer Leben, euer Hab und Gut. — Doch immer mehr schwindet die rohe Gewalt von der Erde, immer mehr treibt und schafft der Geist, und immer mehr enthüllt sich seine alles überwältigende Kraft. Bald wird man gewahr, daß seine starke Faust, ein Harnisch, ein mächtig geschwungenes Schwert nicht hinreichen das zu besiegen, was der Geist will; selbst Krieg und Waffenübung unterwerfen sich dem geistigen Prinzip der Zeit. Jeder wird immer mehr und mehr auf sich selbst gestellt, aus seinem innern geistigen Vermögen muß er das schöpfen, womit er, gibt der Staat ihm auch irgend einen blendenden äußern Glanz, sich der Welt geltend machen muß. Auf das entgegengesetzte Prinzip stützt sich der aus dem Rittertum hervorgehende Ahnenstolz, der nur in dem Satz seinen Grund findet: meine Voreltern waren Helden, also bin ich dito ein Held. Je höher das hinaufgeht, desto besser; denn kann man das leicht absehen, wo einem Großpapa der Heldensinn kommen, und ihm der Adel verliehen worden, so traut man dem, wie allem Wunderbaren, das zu nahe liegt, nicht recht. Die Ritterkaste rein zu halten, war daher wohl Erfordernis jener alten Ritterzeit, und kein geringes Verdienst für ein altstämmiges Fräulein, einen Junker zu gebären, zu dem die arme bürgerliche Welt flehte: Bitte, friß uns nicht, sondern schütze uns vor anderen Junkern. Mit dem geistigen Vermögen ist es nicht so. Sehr weise Väter erzielen oft dumme Söhnchen, und es möchte, eben weil die Zeit dem physischen Rittertum das psychische untergeschoben hat, rücksichts des Beweises angeerbten Adels ängstlicher sein, von Leibnitz abzustammen als von Amadis von Gallien oder sonst einem uralten Ritter der Tafelrunde. In der einmal bestimmten Richtung schreitet der Geist der Zeit vorwärts, und die Lage des ahnenstolzen Adels verschlimmert sich merklich; daher denn auch wohl jenes taktlose, aus Anerkennung des Verdienstes und widerlicher Herablassung gemischte Benehmen gegen der Welt und dem Staat hoch geltende Bürgerliche, das Erzeugnis eines dunkeln, verzagten Gefühls sein mag, in dem sie ahnen, daß vor den Augen der Weisen der veraltete Tand längst verjährter Zeit abfällt, und die lächerliche Blöße sich ihnen frei darstellt. Dank sei es dem Himmel, viele Adlige, Männer und Frauen, erkennen den Geist der Zeit und schwingen sich auf im herrlichen Fluge zu der Lebenshöhe, die ihnen Wissenschaft und Kunst darbieten; diese werden die wahren Geisterbanner jenes Unholds sein.“

Des Leibarztes Gespräch hatte mich in ein fremdes Gebiet geführt. Niemals war es mir eingefallen, über den Adel und über sein Verhältnis zum Bürger zu reflektieren. Wohl mochte der Leibarzt nicht ahnen, daß ich ehedem eben zu der zweiten Klasse gehört hatte, die, nach seiner Behauptung, der Stolz des Adels nicht trifft. — War ich denn nicht in den vornehmsten adligen Häusern zu B. der hochgeachtete, hochverehrte Beichtiger? — Weiter nachsinnend erkannte ich, wie ich selbst aufs neue mein Schicksal verschlungen hatte, indem aus dem Namen Kwiecziczewo, den ich jener alten Dame bei Hofe nannte, mein Adel entsprang, und so dem Fürsten der Gedanke einkam, mich mit Aurelien zu vermählen. —

Die Fürstin war zurückgekommen. Ich eilte zu Aurelien. Sie empfing mich mit holder, jungfräulicher Verschämtheit; ich schloß sie in meine Arme und glaubte in dem Augenblick daran, daß sie mein Weib werden könne. Aurelie war weicher, hingebender als sonst. Ihr Auge hing voll Tränen und der Ton, in dem sie sprach, war wehmütige Bitte, so wie wenn im Gemüt des schmollenden Kindes sich der Zorn bricht, in dem es gesündigt. — Ich durfte an meinen Besuch im Lustschloß der Fürstin denken, lebhaft drang ich darauf, alles zu erfahren; ich beschwor Aurelien mir zu vertrauen, was sie damals so erschrecken konnte. — Sie schwieg, sie schlug die Augen nieder, aber sowie mich selbst der Gedanke meines gräßlichen Doppelgängers stärker erfaßte, schrie ich auf: „Aurelie! um aller Heiligen willen, welche schreckliche Gestalt erblicktest du hinter uns!“ Sie sah mich voll Verwunderung an, immer starrer und starrer wurde ihr Blick, dann sprang sie plötzlich auf, als wolle sie fliehen, doch blieb sie und schluchzte, beide Hände vor die Augen gedrückt. „Nein, nein, nein — er ist es ja nicht!“ — Ich erfaßte sie sanft, erschöpft ließ sie sich nieder. „Wer, wer ist es nicht?“ — frug ich heftig, wohl alles ahnend, was in ihrem Innern sich entfalten mochte. — „Ach, mein Freund, mein Geliebter,“ sprach sie leise und wehmütig, „würdest du mich nicht für eine wahnsinnige Schwärmerin halten, wenn ich alles... alles... dir sagen sollte, was mich immer wieder so verstört im vollen Glück der reinsten Liebe? — Ein grauenvoller Traum geht durch mein Leben, er stellte sich mit seinen entsetzlichen Bildern zwischen uns, als ich dich zum ersten Male sah; wie mit kalten Todesschwingen wehte er mich an, als du so plötzlich eintratst in mein Zimmer auf dem Lustschloß der Fürstin. Wisse, so wie du damals, kniete einst neben mir ein verruchter Mönch und wollte heiliges Gebet mißbrauchen zum gräßlichen Frevel. Er wurde, als er, wie ein wildes Tier listig auf seine Beute lauernd, mich umschlich, der Mörder meines Bruders! Ach und du!... deine Züge!... deine Sprache... jenes Bild!... laß mich schweigen, o laß mich schweigen.“ Aurelie bog sich zurück; in halb liegender Stellung lehnte sie, den Kopf auf die Hand gestützt, in die Ecke des Sofas, üppiger traten die schwellenden Umrisse des jugendlichen Körpers hervor. Ich stand vor ihr, das lüsterne Auge schwelgte in dem unendlichen Liebreiz, aber mit der Lust kämpfte der teuflische Hohn, der in mir rief: „Du Unglückselige, du dem Satan Erkaufte, bist du ihm denn entflohen, dem Mönch, der dich im Gebet zur Sünde verlockte? Nun bist du seine Braut... seine Braut!“ — In dem Augenblick war jene Liebe zu Aurelien, die ein Himmelsstrahl zu entzünden schien, als dem Gefängnis, dem Tode entronnen, ich sie im Park wiedersah, aus meinem Innern verschwunden, und der Gedanke: daß ihr Verderben meines Lebens glänzendster Lichtpunkt sein könne, erfüllte mich ganz und gar. — Man rief Aurelien zur Fürstin. Klar wurde es mir, daß Aureliens Leben gewisse mir noch unbekannte Beziehungen auf mich selbst haben müsse; und doch fand ich keinen Weg dies zu erfahren, da Aurelie alles Bittens unerachtet, jene einzelne hingeworfene Äußerungen nicht näher deuten wollte. Der Zufall enthüllte mir das, was sie zu verschweigen gedachte. — Eines Tages befand ich mich in dem Zimmer des Hofbeamten, dem es oblag, alle Privatbriefe des Fürsten und der dem Hofe Angehörigen zur Post zu befördern. Er war eben abwesend, als Aureliens Mädchen mit einem starken Briefe hereintrat, und ihn auf den Tisch zu den übrigen, die schon dort befindlich, legte. Ein flüchtiger Blick überzeugte mich, daß die Aufschrift an die Äbtissin, der Fürstin Schwester, von Aureliens Hand war. Die Ahnung, alles noch nickt Erforschte sei darin enthalten, durchflog mich mit Blitzesschnelle; noch ehe der Beamte zurückgekehrt, war ich fort mit dem Briefe Aureliens.

Du Mönch, oder im weltlichen Treiben Befangener, der du aus meinem Leben Lehre und Warnung zu schöpfen trachtest, lies die Blätter, die ich hier einschalte, lies die Geständnisse des frommen, reinen Mädchens, von den bitteren Tränen des reuigen, hoffnungslosen Sünders benetzt. Möge das fromme Gemüt dir aufgehen, wie leuchtender Trost in der Zeit der Sünde und des Frevels.

Meine teure, gute Mutter! mit welchen Worten soll ich Dir’s denn verkünden, daß dein Kind glücklich ist, daß endlich die grause Gestalt, die, wie ein schrecklich drohendes Gespenst, alle Blüten abstreifend, alle Hoffnungen zerstörend in mein Leben trat, gebannt wurde, durch der Liebe göttlichen Zauber. Aber nun fällt es mir recht schwer aufs Herz, daß wenn Du meines unglücklichen Bruders, meines Vaters, den der Gram tötete, gedachtest und mich aufrichtetest in meinem trostlosen Jammer — daß ich dann Dir nicht, wie in heiliger Beichte, mein Innres ganz aufschloß. Doch ich vermag ja auch nun erst das düstre Geheimnis auszusprechen, das tief in meiner Brust verborgen lag. Es ist, als wenn eine böse unheimliche Macht mir mein höchstes Lebensglück recht trügerisch wie ein grausiges Schreckbild vorgaukelte. Ich sollte wie auf einem wogenden Meer hin und her schwanken und vielleicht rettungslos untergehen. Doch der Himmel half, wie durch ein Wunder, in dem Augenblick, als ich im Begriff stand, unnennbar elend zu werden. — Ich muß zurückgehen in meine frühe Kinderzeit, um alles, alles zu sagen, denn schon damals wurde der Keim in mein Innres gelegt, der so lange Zeit hindurch verderblich fortwucherte. Erst drei oder vier Jahre war ich alt, als ich einst, in der schönsten Frühlingszeit, im Garten unseres Schlosses mit Hermogen spielte. Wir pflückten allerlei Blumen, und Hermogen, sonst eben nicht dazu aufgelegt, ließ es sich gefallen, mir Kränze zu flechten, in die ich mich putzte. Nun wollen wir zur Mutter gehen, sprach ich, als ich mich über und über mit Blumen behängt hatte; da sprang aber Hermogen hastig auf und rief mit wilder Stimme: „Laß uns nur hier bleiben, klein Ding! Die Mutter ist im blauen Kabinett und spricht mit dem Teufel!“ — Ich wußte gar nicht, was er damit sagen wollte, aber dennoch erstarrte ich vor Schreck und fing endlich an jämmerlich zu weinen. „Dumme Schwester, was heulst du,“ rief Hermogen, „Mutter spricht alle Tage mit dem Teufel, er tut ihr nichts!“ Ich fürchtete mich vor Hermogen, weil er so finster vor sich hinblickte, so rauh sprach, und schwieg stille. Die Mutter war damals schon sehr kränklich, sie wurde oft von fürchterlichen Krämpfen ergriffen, die in einen todähnlichen Zustand übergingen. Wir, ich und Hermogen, wurden dann fortgebracht. Ich hörte nicht auf zu klagen, aber Hermogen sprach dumpf in sich hinein: „Der Teufel hat’s ihr angetan!“ So wurde in meinem kindischen Gemüt der Gedanke erweckt, die Mutter habe Gemeinschaft mit einem bösen, häßlichen Gespenst, denn anders dachte ich mir nicht den Teufel, da ich mit den Lehren der Kirche noch unbekannt war. Eines Tages hatte man mich allein gelassen, mir wurde ganz unheimlich zu Mute, und vor Schreck vermochte ich nicht zu fliehen, als ich wahrnahm, daß ich eben in dem blauen Kabinett mich befand, wo nach Hermogens Behauptung die Mutter mit dem Teufel sprechen sollte. Die Türe ging auf, die Mutter trat leichenblaß herein und vor eine leere Wand hin. Sie rief mit dumpfer, tief klagender Stimme: „Francesko, Francesko!“ Da rauschte und regte es sich hinter der Wand, sie schob sich auseinander und das lebensgroße Bild eines schönen, in einem violetten Mantel wunderbar gekleideten Mannes machte einen unbeschreiblichen Eindruck auf mich, ich jauchzte auf vor Freude; die Mutter umblickend, wurde nun erst mich gewahr und rief heftig: „Was willst du hier Aurelie? — wer hat dich hierher gebracht?“ — Die Mutter, sonst so sanft und gütig, war erzürnter, als ich sie je gesehen. Ich glaubte daran schuld zu sein. „Ach,“ stammelte ich unter vielen Tränen, „sie haben mich hier allein gelassen, ich wollte ja nicht hier bleiben.“ Aber als ich wahrnahm, daß das Bild verschwunden, da rief ich: „Ach das schöne Bild, wo ist das schöne Bild!“ — Die Mutter hob mich in die Höhe, küßte und herzte mich und sprach: „Du bist mein gutes, liebes Kind, aber das Bild darf niemand sehen, auch ist es nun auf immer fort!“ Niemand vertraute ich, was mir widerfahren, nur zu Hermogen sprach ich einmal: „Höre! Die Mutter spricht nicht mit dem Teufel, sondern mit einem schönen Mann, aber der ist nur ein Bild und springt aus der Wand, wenn Mutter ihn ruft.“ Da sah Hermogen starr vor sich hin und murmelte: „Der Teufel kann aussehen, wie er will, sagt der Herr Pater, aber der Mutter tut er doch nichts.“ — Mich überfiel ein Grauen, und ich bat Hermogen flehentlich, doch ja nicht wieder von dem Teufel zu sprechen. Wir gingen nach der Hauptstadt, das Bild verlor sich aus meinem Gedächtnis und wurde selbst dann nicht wieder lebendig, als wir nach dem Tode der guten Mutter auf das Land zurückgekehrt waren. Der Flügel des Schlosses, in welchem jenes blaue Kabinett gelegen, blieb unbewohnt; es waren die Zimmer meiner Mutter, die der Vater nicht betreten konnte, ohne die schmerzlichsten Erinnerungen in sich aufzuregen. Eine Reparatur des Gebäudes machte es endlich nötig die Zimmer zu öffnen; ich trat in das blaue Kabinett, als die Arbeiter eben beschäftigt waren, den Fußboden aufzureißen. Sowie einer von ihnen eine Tafel in der Mitte des Zimmers emporhob, rauschte es hinter der Wand, sie schob sich auseinander und das lebensgroße Bild des Unbekannten wurde sichtbar. Man entdeckte die Feder im Fußboden, welche, angedrückt, eine Maschine hinter der Wand in Bewegung setzte, die ein Feld des Tafelwerks, womit die Wand bekleidet, auseinander schob. Nun gedachte ich lebhaft jenes Augenblicks meiner Kinderjahre, meine Mutter stand wieder vor mir, ich vergoß heiße Tränen, aber nicht wegwenden konnte ich den Blick von dem fremden herrlichen Mann, der mich mit lebendig strahlenden Augen anschaute. Man hatte wahrscheinlich meinem Vater gleich gemeldet, was sich zugetragen, er trat herein, als ich noch vor dem Bilde stand. Nur einen Blick hatte er darauf geworfen, als er, von Entsetzen ergriffen, stehen blieb und dumpf in sich hineinmurmelte: „Francesko, Francesko!“ Darauf wandte er sich rasch zu den Arbeitern und befahl mit starker Stimme: „Man breche sogleich das Bild aus der Wand, rolle es auf und übergebe es Reinhold.“ Es war mir, als solle ich den schönen, herrlichen Mann, der in seinem wunderbaren Gewande mir wie ein hoher Geisterfürst vorkam, niemals wiedersehen, und doch hielt mich eine unüberwindliche Scheu zurück, den Vater zu bitten, das Bild ja nicht vernichten zu lassen. In wenigen Tagen verschwand jedoch der Eindruck, den der Auftritt mit dem Bilde auf mich gemacht hatte, spurlos aus meinem Innern. — Ich war schon vierzehn Jahr alt worden, und noch ein wildes, unbesonnenes Ding, so daß ich sonderbar genug gegen den ernsten, feierlichen Hermogen abstach, und der Vater oft sagte, daß wenn Hermogen mehr ein stilles Mädchen schiene, ich ein recht ausgelassener Knabe sei. Das sollte sich bald ändern. Hermogen fing an, mit Leidenschaft und Kraft ritterliche Übungen zu treiben. Er lebte nur in Kampf und Schlacht, seine ganze Seele war davon erfüllt, und da es eben Krieg geben sollte, lag er dem Vater an, ihn nur gleich Dienste nehmen zu lassen. Mich überfiel dagegen eben zu der Zeit eine solch unerklärliche Stimmung, die ich nicht zu deuten wußte, und die bald mein ganzes Wesen verstörte. Ein seltsames Übelbefinden schien aus der Seele zu kommen und alle Lebenspulse gewaltsam zu ergreifen. Ich war oft der Ohnmacht nahe, dann kamen allerlei wunderliche Bilder und Träume und es war mir, als solle ich einen glänzenden Himmel voll Seligkeit und Wonne erschauen und könne nur, wie ein schlaftrunknes Kind, die Augen nicht öffnen. Ohne zu wissen, warum, konnte ich oft bis zum Tode betrübt, oft ausgelassen fröhlich sein. Bei dem geringsten Anlaß stürzten mir die Tränen aus den Augen, eine unerklärliche Sehnsucht stieg oft bis zu körperlichem Schmerz, so daß alle Glieder krampfhaft zuckten. Der Vater bemerkte meinen Zustand, schrieb ihn überreizten Nerven zu und suchte die Hilfe des Arztes, der allerlei Mittel verordnete, die ohne Wirkung blieben. Ich weiß selbst nicht, wie es kam, urplötzlich erschien mir das vergessene Bild jenes unbekannten Mannes so lebhaft, daß es mir war, als stehe es vor mir, Blicke des Mitleids auf mich gerichtet. „Ach! — soll ich denn sterben? — was ist es, das mich so unaussprechlich quält?“ So rief ich dem Traumbilde entgegen, da lächelte der Unbekannte und antwortete: „Du liebst mich, Aurelie; das ist deine Qual, aber kannst du die Gelübde des Gottgeweihten brechen?“ — Zu meinem Erstaunen wurde ich nun gewahr, daß der Unbekannte das Ordenskleid der Kapuziner trug. — Ich raffte mich mit aller Gewalt auf, um nur aus dem träumerischen Zustande zu erwachen. Es gelang mir. Fest war ich überzeugt, daß jener Mönch nur ein loses, trügerisches Spiel meiner Einbildung gewesen, und doch ahnte ich nur zu deutlich, daß das Geheimnis der Liebe sich mir erschlossen hatte. Ja! — ich liebte den Unbekannten mit aller Stärke des erwachten Gefühls, mit aller Leidenschaft und Inbrunst, deren das jugendliche Herz fähig. In jenen Augenblicken träumerischen Hinbrütens, als ich den Unbekannten zu sehen glaubte, schien mein Übelbefinden den höchsten Punkt erreicht zu haben, ich wurde zusehends wohler, indem meine Nervenschwäche nachließ, und nur das stete starre Festhalten jenes Bildes, die fantastische Liebe zu einem Wesen, das nur in mir lebte, gab mir das Ansehen einer Träumerin. Ich war für alles verstummt, ich saß in der Gesellschaft ohne mich zu regen, und indem ich mit meinem Ideal beschäftigt, nicht darauf achtete, was man sprach, gab ich oft verkehrte Antworten, so daß man mich für ein einfältig Ding achten mochte. In meines Bruders Zimmer sah ich ein fremdes Buch auf dem Tische liegen; ich schlug es auf, es war ein aus dem Englischen übersetzter Roman: Der Mönch! — Mit eiskaltem Schauer durchbebte mich der Gedanke, daß der unbekannte Geliebte ein Mönch sei. Nie hatte ich geahnt, daß die Liebe zu einem Gottgeweihten sündlich sein könne, nun kamen mir plötzlich die Worte des Traumbildes ein: Kannst du die Gelübde des Gottgeweihten brechen? — und nun erst verwundeten sie, mit schwerem Gewicht in mein Inneres fallend, mich tief. Es war mir, als könne jenes Buch mir manchen Aufschluß geben. Ich nahm es mit mir, ich fing an zu lesen, die wunderbare Geschichte riß mich hin, aber als der erste Mord geschehen, als immer verruchter der gräßliche Mönch frevelt, als er endlich ins Bündnis tritt mit dem Bösen, da ergriff mich namenloses Entsetzen, denn ich gedachte jener Worte Hermogens: Die Mutter spricht mit dem Teufel! Nun glaubte ich, so wie jener Mönch im Roman, sei der Unbekannte ein dem Bösen Verkaufter, der mich verlocken wolle. Und doch konnte ich nicht gebieten der Liebe zu dem Mönch, der in mir lebte. Nun erst wußte ich, daß es frevelhafte Liebe gebe, mein Abscheu dagegen kämpfte mit dem Gefühl, das meine Brust erfüllte, und dieser Kampf machte mich auf eigne Weise reizbar. Oft bemeisterte sich meiner in der Nähe eines Mannes ein unheimliches Gefühl, weil es mir plötzlich war, als sei es der Mönch, der nun mich erfassen und fortreißen werde ins Verderben. Reinhold kam von einer Reise zurück und erzählte viel von einem Kapuziner Medardus, der als Kanzelredner weit und breit berühmt sei und den er selbst in...r mit Verwunderung gehört habe. Ich dachte an den Mönch im Roman und es überfiel mich eine seltsame Ahnung, daß das geliebte und gefürchtete Traumbild jener Medardus sein könne. Der Gedanke war mir schrecklich, selbst wußte ich nicht, warum? und mein Zustand wurde in der Tat peinlicher und verstörter, als ich es zu ertragen vermochte. Ich schwamm in einem Meer von Ahnungen und Träumen. Aber vergebens suchte ich das Bild des Mönchs aus meinem Innern zu verbannen; ich unglückliches Kind konnte nicht widerstehen der sündigen Liebe zu dem Gottgeweihten. — Ein Geistlicher besuchte einst, wie er es wohl manchmal zu tun pflegte, den Vater. Er ließ sich weitläufig über die mannigfachen Versuchungen des Teufels aus und mancher Funke fiel in meine Seele, indem der Geistliche den trostlosen Zustand des jungen Gemüts beschrieb, in das sich der Böse den Weg bahnen wolle und worin er nur schwaches Widerstreben fände. Mein Vater fügte manches hinzu, als ob er von mir rede. Nur unbegrenzte Zuversicht, sagte endlich der Geistliche, nur unwandelbares Vertrauen, nicht sowohl zu befreundeten Menschen, als zur Religion und ihren Dienern, könne Rettung bringen. Dies merkwürdige Gespräch bestimmte mich, den Trost der Kirche zu suchen, und meine Brust, durch reuiges Geständnis in heiliger Beichte, zu erleichtern. Am frühen Morgen des andern Tags wollte ich, da wir uns eben in der Residenz befanden, in die dicht neben unserm Hause gelegene Klosterkirche gehen. Es war eine qualvolle, entsetzliche Nacht, die ich zu überstehen hatte. Abscheuliche, frevelige Bilder, wie ich sie nie gesehen, nie gedacht, umgaukelten mich, aber dann mitten drunter stand der Mönch da, mir die Hand wie zur Rettung bietend und rief: „Sprich es nur aus, daß du mich liebst, und frei bist du aller Not.“ Da mußt ich unwillkürlich rufen: „Ja Medardus, ich liebe dich!“ — und verschwunden waren die Geister der Hölle! Endlich stand ich auf, kleidete mich an und ging nach der Klosterkirche.

Das Morgenlicht brach eben in farbigen Strahlen durch die bunten Fenster, ein Laienbruder reinigte die Gänge. Unfern der Seitenpforte, wo ich hineingetreten, stand ein der heiligen Rosalia geweihter Altar, dort hielt ich ein kurzes Gebet und schritt dann auf den Beichtstuhl zu, in dem ich einen Mönch erblickte. Hilf, heiliger Himmel! — es war Medardus! Kein Zweifel blieb übrig, eine höhere Macht sagte es mir. Da ergriff mich wahnsinnige Angst und Liebe, aber ich fühlte, daß nur standhafter Mut mich retten könne. Ich beichtete ihm selbst meine sündliche Liebe zu dem Gottgeweihten, ja mehr als das!... Ewiger Gott! in dem Augenblicke war es mir, als hätte ich schon oft in trostloser Verzweiflung den heiligen Banden, die den Geliebten fesselten, geflucht, und auch das beichtete ich. „Du selbst, du selbst, Medardus, bist es, den ich so unaussprechlich liebe.“ Das waren die letzten Worte, die ich zu sprechen vermochte, aber nun floß lindernder Trost der Kirche, wie des Himmels Balsam, von den Lippen des Mönchs, der mir plötzlich nicht mehr Medardus schien. Bald darauf nahm mich ein alter ehrwürdiger Pilger in seine Arme und führte mich langsamen Schrittes durch die Gänge der Kirche zur Hauptpforte hinaus. Er sprach hochheilige, herrliche Worte, aber ich mußte entschlummern wie ein unter sanften, süßen Tönen eingewiegtes Kind. Ich verlor das Bewußtsein. Als ich erwachte, lag ich angekleidet auf dem Sofa meines Zimmers. „Gott und den Heiligen Lob und Dank, die Krisis ist vorüber, sie erholt sich!“ rief eine Stimme. Es war der Arzt, der diese Worte zu meinem Vater sprach. Man sagte mir, daß man mich des Morgens in einem erstarrten, todähnlichen Zustande gefunden und einen Nervenschlag befürchtet habe. Du siehst, meine liebe, fromme Mutter, daß meine Beichte bei dem Mönch Medardus nur ein lebhafter Traum in einem überreizten Zustande war, aber die heilige Rosalia, zu der ich oft flehte, und deren Bildnis ich ja auch im Traum anrief, hat mir wohl alles so erscheinen lassen, damit ich errettet werden möge aus den Schlingen, die mir der arglistige Böse gelegt. Verschwunden war aus meinem Innern die wahnsinnige Liebe zu dem Trugbilde im Mönchsgewand. Ich erholte mich ganz, und trat nun erst heiter und unbefangen in das Leben ein. — Aber, gerechter Gott, noch einmal sollte mich jener verhaßte Mönch auf entsetzliche Weise bis zum Tode treffen. Für eben jenen Medardus, dem ich im Traum gebeichtet, erkannte ich augenblicklich den Mönch, der sich auf unserm Schlosse eingefunden. „Das ist der Teufel, mit dem die Mutter gesprochen, hüte dich, hüte dich! — er stellt dir nach!“ so rief der unglückliche Hermogen immer in mich hinein. Ach, es hätte dieser Warnung nicht bedurft. Von dem ersten Moment an, als mich der Mönch mit vor freveliger Begier funkelnden Augen anblickte, und dann in geheuchelter Verzückung die heilige Rosalia anrief, war er mir unheimlich und entsetzlich. Du weißt alles Fürchterliche, was sich darauf begab, meine gute liebe Mutter. Ach aber, muß ich es nicht dir auch gestehen, daß der Mönch mir desto gefährlicher war, als sich tief in meinem Innersten ein Gefühl regte, dem gleich als zuerst der Gedanke der Sünde in mir entstand und als ich ankämpfen mußte gegen die Verlockung des Bösen? Es gab Augenblicke, in denen ich Verblendete den heuchlerischen frommen Reden des Mönchs traute, ja in denen es mir war, als strahle aus seinem Innern der Funke des Himmels, der mich zur reinen überirdischen Liebe entzünden könne. Aber dann wußte er mit verruchter List, selbst in begeisterter Andacht, eine Glut anzufachen, die aus der Hölle kam. Wie den mich bewachenden Schutzengel sandten mir dann die Heiligen, zu denen ich inbrünstig flehte, den Bruder. — Denke dir, liebe Mutter, mein Entsetzen, als hier, bald nachdem ich zum erstenmal bei Hofe erschienen, ein Mann auf mich zutrat, den ich auf den ersten Blick für den Mönch Medardus zu erkennen glaubte, unerachtet er weltlich gekleidet ging. Ich wurde ohnmächtig, als ich ihn sah. In den Armen der Fürstin erwacht, rief ich laut: Er ist es, er ist es, der Mörder meines Bruders. — „Ja, er ist es, sprach die Fürstin: der verkappte Mönch Medardus, der dem Kloster entsprang; die auffallende Ähnlichkeit mit seinem Vater Francesko...“ Hilf, heiliger Himmel, indem ich diesen Namen schreibe, rinnen eiskalte Schauer mir durch alle Glieder. Jenes Bild meiner Mutter war Francesko... das trügerische Mönchsgebilde, das mich quälte, hatte ganz seine Züge! — Medardus, ihn erkannte ich als jenes Gebilde in dem wunderbaren Traum der Beichte. Medardus ist Franceskos Sohn, Franz, den du, meine gute Mutter, so fromm erziehen ließest und der in Sünde und Frevel geriet. Welche Verbindung hatte meine Mutter mit jenem Francesko, daß sie sein Bild heimlich aufbewahrte, und bei seinem Anblick sich dem Andenken einer seligen Zeit zu überlassen schien? — Wie kam es, daß in diesem Bilde Hermogen den Teufel sah, und daß es den Grund legte zu meiner sonderbaren Verirrung? Ich versinke in Ahnungen und Zweifel. — Heiliger Gott, bin ich denn entronnen der bösen Macht, die mich umstrickt hielt? — Nein, ich kann nicht weiter schreiben, mir ist, als würd’ ich von dunkler Nacht befangen und kein Hoffnungsstern leuchte, mir freundlich den Weg zeigend, den ich wandeln soll!

(Einige Tage später.)

Nein! Keine finsteren Zweifel sollen mir die hellen Sonnentage verdüstern, die mir aufgegangen sind. Der ehrwürdige Pater Cyrillus hat dir, meine teure Mutter, wie ich weiß, schon ausführlich berichtet, welch schlimme Wendung der Prozeß Leonards nahm, den meine Übereilung den bösen Kriminalgerichten in die Hände gab. Daß dieser wirkliche Medardus eingefangen wurde, daß sein vielleicht verstellter Wahnsinn bald ganz nachließ daß er seine Freveltaten eingestand, daß er seine gerechte Strafe erwartet und... doch nicht weiter, denn nur zu sehr würde das schmachvolle Schicksal des Verbrechers, der als Knabe Dir so teuer war, Dein Herz verwunden. — Der merkwürdige Prozeß war das einzige Gespräch bei Hofe. Man hielt Leonard für einen verschmitzten, hartnäckigen Verbrecher, weil er alles leugnete. — Gott im Himmel! — Dolchstiche waren mir manche Reden, denn auf wunderbare Weise sprach eine Stimme in mir: er ist unschuldig und das wird klar werden, wie der Tag. — Ich empfand das tiefste Mitleid mit ihm, gestehen mußte ich es mir selbst, daß mir sein Bild, rief ich es mir wieder zurück, Regungen erweckte, die ich nicht mißdeuten konnte. Ja! — ich liebte ihn schon unaussprechlich, als er der Welt noch ein freveliger Verbrecher schien. Ein Wunder mußte ihn und mich retten, denn ich starb, sowie Leonard durch die Hand des Henkers fiel. Er ist schuldlos, er liebt mich, und bald ist er ganz mein. So geht eine dunkle Ahnung aus frühen Kindesjahren, die mir eine feindliche Macht arglistig zu vertrüben suchte, herrlich, herrlich auf in regem wonnigen Leben. O gib mir, gib dem Geliebten Deinen Segen, Du fromme Mutter! — Ach könnte Dein glückliches Kind nur ihre volle Himmelslust recht ausweinen an Deinem Herzen! — Leonard gleicht ganz jenem Francesko, nur scheint er größer, auch unterscheidet ihn ein gewisser charakteristischer Zug, der seiner Nation eigen, (Du weißt, daß er ein Pole ist) von Francesko und dem Mönch Medardus sehr merklich. Albern war es wohl überhaupt, den geistreichen, gewandten, herrlichen Leonard auch nur einen Augenblick für einen entlaufenen Mönch anzusehen. Aber so stark ist noch der fürchterliche Eindruck jener gräßlichen Szenen auf unserm Schlosse, daß oft, tritt Leonard unvermutet zu mir herein und blickt mich an mit seinem strahlenden Auge, das ach nur zu sehr jenem Medardus gleicht, mich unwillkürliches Grausen befällt und ich Gefahr laufe, durch mein kindisches Wesen den Geliebten zu verletzen. Mir ist, als würde erst des Priesters Segen die finsteren Gestalten bannen, die noch jetzt recht feindlich manchen Wolkenschatten in mein Leben werfen. Schließe mich und den Geliebten in Dein frommes Gebet, meine teure Mutter! — Der Fürst wünscht, daß die Vermählung bald vor sich gehe; den Tag schreibe ich Dir, damit Du Deines Kindes gedenken mögest, in ihres Lebens feierlicher, verhängnisvoller Stunde usw.“

Immer und immer wieder las ich Aureliens Blätter. Es war, als wenn der Geist des Himmels, der daraus hervorleuchtete, in mein Inneres dringe und vor seinem reinen Strahl alle sündliche, frevelige Glut verlösche. Bei Aureliens Anblick überfiel mich heilige Scheu, ich wagte es nicht mehr, sie stürmisch zu liebkosen, wie sonst. Aurelie bemerkte mein verändertes Betragen, ich gestand ihr reuig den Raub des Briefes an die Äbtissin; ich entschuldigte ihn mit einem unerklärlichen Drange, dem ich, wie der Gewalt einer unsichtbaren höheren Macht, nicht widerstehen könne, ich behauptete, daß eben jene höhere, auf mich einwirkende Macht, mir jene Vision am Beichtstuhle habe kund tun wollen, um mir zu zeigen, wie unsere innigste Verbindung ihr ewiger Ratschluß sei. „Ja, du frommes Himmelskind,“ sprach ich, „auch mir ging einst ein wunderbarer Traum auf, in dem du mir deine Liebe gestandest, aber ich war ein unglücklicher, vom Geschick zermalmter Mönch, dessen Brust tausend Qualen der Hölle zerrissen. — Dich — dich liebte ich mit namenloser Inbrunst, doch Frevel, doppelter, verruchter Frevel war meine Liebe, denn ich war ja ein Mönch, und du die heilige Rosalia.“ Erschrocken fuhr Aurelie auf. „Um Gott, sprach sie „um Gott, es geht ein tiefes unerforschliches Geheimnis durch unser Leben; ach, Leonard, laß uns nie an dem Schleier rühren, der es umhüllt, wer weiß, was Grauenvolles, Entsetzliches dahinter verborgen. Laß uns fromm sein, und fest aneinander halten in treuer Liebe, so widerstehen wir der dunklen Macht, deren Geister uns vielleicht feindlich bedrohen. Daß du meinen Brief lasest, das mußte so sein; ach! ich selbst hätte dir alles erschließen sollen, kein Geheimnis darf unter uns walten. Und doch ist es mir, als kämpftest du mit manchem, was früher recht verderblich eintrat in dein Leben und was du nicht vermöchtest über die Lippen zu bringen vor unrechter Scheu! — Sei aufrichtig, Leonard! — Ach, wie wird ein freimütiges Geständnis deine Brust erleichtern, und heller unsere Liebe strahlen!“ — Wohl fühlte ich bei diesen Worten Aureliens recht marternd, wie der Geist des Truges in mir wohne, und wie ich nur noch vor wenigen Augenblicken das fromme Kind recht frevelig getäuscht; und dies Gefühl regte sich stärker und stärker auf in wunderbarer Weise, ich mußte Aurelien alles — alles entdecken und doch ihre Liebe gewinnen. „Aurelie — du meine Heilige, — die mich rettet von...“ In dem Augenblick trat die Fürstin herein, ihr Anblick warf mich plötzlich zurück in die Hölle, voll Hohn und Gedanken des Verderbens. Sie mußte mich jetzt dulden, ich blieb, und stellte mich als Aureliens Bräutigam kühn und keck ihr entgegen. Überhaupt war ich nur frei von allen bösen Gedanken, wenn ich mit Aurelien allein mich befand; dann ging mir aber auch die Seligkeit des Himmels auf. Jetzt erst wünschte ich lebhaft meine Vermählung mit Aurelien. — In einer Nacht stand lebhaft meine Mutter vor mir, ich wollte ihre Hand ergreifen und wurde gewahr, daß es nur Duft sei, der sich gestaltet. Weshalb diese alberne Täuschung, rief ich erzürnt; da flossen helle Tränen aus meiner Mutter Augen, die wurden aber zu silbernen, hellblinkenden Sternen, aus denen leuchtende Tropfen fielen, und um mein Haupt kreisten, als wollten sie einen Heiligenschein bilden, doch immer zerriß eine schwarze, fürchterliche Faust den Kreis. „Du, den ich rein von jeder Untat geboren“, sprach meine Mutter mit sanfter Stimme, „ist denn deine Kraft gebrochen, daß du nicht zu widerstehen vermagst den Verlockungen des Satans? — Jetzt kann ich erst dein Inneres durchschauen, denn mir ist die Last des Irdischen entnommen! — Erhebe dich, Franciskus! ich will dich schmücken mit Bändern und Blumen, denn es ist der Tag des heiligen Bernardus gekommen und du sollst wieder ein frommer Knabe sein!“ — Da war es mir, als müsse ich, wie sonst, einen Hymnus anstimmen zum Lobe des Heiligen, aber entsetzlich tobte es dazwischen, mein Gesang wurde ein wildes Geheul und schwarze Schleier rauschten herab, zwischen mir und der Gestalt meiner Mutter. — Mehrere Tage nach dieser Vision begegnete mir der Kriminalrichter auf der Straße. Er trat freundlich auf mich zu. „Wissen Sie schon, fing er an, daß der Prozeß des Kapuziners Medardus wieder zweifelhaft worden? Das Urteil, das ihm höchstwahrscheinlich den Tod zuerkannt hätte, sollte schon abgefaßt werden, als er aufs neue Spuren des Wahnsinns zeigte. Das Kriminalgericht erhielt nämlich die Nachricht von dem Tode seiner Mutter; ich machte es ihm bekannt, da lachte er wild auf und rief mit einer Stimme, die selbst dem standhaftesten Gemüt Entsetzen erregen konnte: „Ha ha ha! — die Prinzessin von... (er nannte die Gemahlin des ermordeten Bruders unsers Fürsten) ist längst gestorben!“ — Es ist jetzt eine neue ärztliche Untersuchung verfügt, man glaubt jedoch, daß der Wahnsinn des Mönchs verstellt sei. — Ich ließ mir Tag und Stunde des Todes meiner Mutter sagen; sie war mir in demselben Moment, als sie starb, erschienen, und tief eindringend in Sinn und Gemüt, war nun auch die nur zu sehr vergessene Mutter die Mittlerin zwischen mir und der reinen Himmelsseele, die mein werden sollte. Milder und weicher geworden, schien ich nun erst Aureliens Liebe ganz zu verstehen, ich mochte sie wie eine mich beschirmende Heilige kaum verlassen, und mein düsteres Geheimnis wurde, indem sie nicht mehr deshalb in mich drang, nun ein mir selbst unerforschliches, von höheren Mächten verhängtes, Ereignis. — Der von dem Fürsten bestimmte Tag der Vermählung war gekommen. Aurelie wollte in erster Frühe vor dem Altar der heiligen Rosalia, in der nahe gelegenen Klosterkirche, getraut sein. Wachend, und nach langer Zeit zum erstenmal inbrünstig betend, brachte ich die Nacht zu. Ach! ich Verblendeter fühlte nicht, daß das Gebet, womit ich mich zur Sünde rüstete, höllischer Frevel sei! — Als ich zu Aurelien eintrat, kam sie mir, weiß gekleidet und mit duftenden Rosen geschmückt, in holder Engelsschönheit entgegen. Ihr Gewand sowie ihr Haarschmuck hatte etwas sonderbar Altertümliches, eine dunkle Erinnerung ging in mir auf, aber von tiefem Schauer fühlte ich mich durchbebt, als plötzlich lebhaft das Bild des Altars, an dem wir getraut werden sollten, mir vor Augen stand. Das Bild stellte das Martyrium der heiligen Rosalia vor, und gerade so wie Aurelie, war sie gekleidet. — Schwer wurde es mir, den grausigen Eindruck, den dies auf mich machte, zu verbergen. Aurelie gab mir mit einem Blick, aus dem ein ganzer Himmel voll Liebe und Seligkeit strahlte, die Hand, ich zog sie an meine Brust, und mit dem Kuß des reinsten Entzückens, durchdrang mich aufs neue das deutliche Gefühl, daß nur durch Aurelie meine Seele errettet werden könne. Ein fürstlicher Bedienter meldete, daß die Herrschaft bereit sei, uns zu empfangen. Aurelie zog schnell die Handschuhe an, ich nahm ihren Arm, da bemerkte das Kammermädchen, daß das Haar in Unordnung gekommen sei, sie sprang fort um Nadeln zu holen. Wir warteten an der Türe, der Aufenthalt schien Aurelien unangenehm. In dem Augenblick entstand ein dumpfes Geräusch auf der Straße, hohle Stimmen riefen durcheinander, und das dröhnende Gerassel eines schweren, langsam rollenden Wagens ließ sich vernehmen. Ich eilte ans Fenster. — Da stand eben vor dem Palast der vom Henkersknecht geführte Leiterwagen, auf dem der Mönch rückwärts saß, vor ihm ein Kapuziner, laut und eifrig mit ihm betend. Er war entstellt von der Blässe der Todesangst und dem struppigen Bart — doch waren die Züge des gräßlichen Doppelgängers mir nur zu kenntlich. — Sowie der Wagen, augenblicklich gehemmt durch die andrängende Volksmasse, wieder fortrollte, warf er den stieren, entsetzlichen Blick der funkelnden Augen zu mir herauf und lachte und heulte herauf: „Bräutigam, Bräutigam!... komm... komm aufs Dach... da wollen wir ringen miteinander, und wer den andern herabstößt, ist König und darf Blut trinken!“ Ich schrie auf: „Entsetzlicher Mensch... was willst du... was willst du von mir.“ — Aurelie umfaßte mich mit beiden Armen, sie riß mich mit Gewalt vom Fenster, rufend: „Um Gottes und der heiligen Jungfrau willen... Sie führen den Medardus... den Mörder meines Bruders, zum Tode... Leonard... Leonard!“ — Da wurden die Geister der Hölle in mir wach, und bäumten sich auf mit der Gewalt, die ihnen verliehen über den frevelnden, verruchten Sünder. — Ich erfaßte Aurelien mit grimmer Wut, daß sie zusammenzuckte. „Ha ha ha... Wahnsinniges, törichtes Weib... ich... ich, dein Buhle, dein Bräutigam, bin der Medardus... bin deines Bruders Mörder... du, Braut des Mönchs, willst Verderben herabwinseln über deinen Bräutigam? Ho ho ho!... ich bin König... ich trinke dein Blut!“ — Das Mordmesser riß ich heraus — ich stieß nach Aurelien, die ich zu Boden fallen lassen — ein Blutstrom sprang hervor über meine Hand. — Ich stürzte die Treppen herab, durch das Volk hin zum Wagen, ich riß den Mönch herab und warf ihn zu Boden; da wurde ich festgepackt, wütend stieß ich mit dem Messer um mich herum — ich wurde frei — ich sprang fort — man drang auf mich ein, ich fühlte mich in der Seite durch einen Stich verwundet, aber das Messer in der rechten Hand und mit der linken kräftige Faustschläge austeilend, arbeitete ich mich durch bis an die nahe Mauer des Parks, die ich mit einem fürchterlichen Satz übersprang. „Mord... Mord... Haltet... haltet den Mörder!“ riefen Stimmen hinter mir, ich hörte es rasseln, man wollte das verschlossene Tor des Parks sprengen, unaufhaltsam rannte ich fort. Ich kam an den breiten Graben, der den Park von dem dicht dabei gelegenen Walde trennte, ein mächtiger Sprung — ich war hinüber, und immer fort und fort rannte ich durch den Wald, bis ich erschöpft unter einem Baume niedersank. Es war schon finstre Nacht geworden, als ich, wie aus tiefer Betäubung erwachte. Nur der Gedanke, zu fliehen, wie ein gehetztes Tier, stand fest in meiner Seele. Ich stand auf, aber kaum war ich einige Schritte fort, als, aus dem Gebüsch hervorrauschend, ein Mensch auf meinen Rücken sprang und mich mit den Armen umhalste. Vergebens versuchte ich, ihn abzuschütteln — ich warf mich nieder, ich drückte mich hinterrücks an die Bäume, alles umsonst. Der Mensch kicherte und lachte höhnisch; da brach der Mond hellleuchtend durch die schwarzen Tannen, und das totenbleiche, gräßliche Gesicht des Mönchs — des vermeintlichen Medardus, des Doppelgängers, starrte mich an mit dem gräßlichen Blick, wie von dem Wagen herauf. — „Hi... hi... hi... Brüderlein... Brüderlein, immer immer bin ich bei dir... lasse dich nicht... lasse... dich nicht... Kann nicht lau... laufen... wie du... mußt mich tra... tragen... Komme vom Ga... Galgen... haben mich rä... rädern wollen... hi hi...“ So lachte und heulte das grause Gespenst, indem ich, von wildem Entsetzen gekräftigt, hoch emporsprang wie ein von der Riesenschlange eingeschnürter Tiger! — Ich raste gegen Baum-und Felsstücke, um ihn wo nicht zu töten, doch wenigstens hart zu verwunden, daß er mich zu lassen genötigt sein sollte. Dann lachte er stärker und mich nur traf jäher Schmerz; ich versuchte seine unter meinem Kinn festgeknoteten Hände loszuwinden, aber die Gurgel einzudrücken drohte mir des Ungetümes Gewalt. Endlich, nach tollem Rasen, fiel er plötzlich herab, aber kaum war ich einige Schritte fortgerannt, als er von neuem auf meinem Rücken saß, kichernd und lachend, und jene entsetzlichen Worte stammelnd! Aufs neue jene Anstrengungen wilder Wut — aufs neue befreit! — aufs neue umhalst von dem fürchterlichen Gespenst. — Es ist mir nicht möglich, deutlich anzugeben, wie lange ich, von dem Doppelgänger verfolgt, durch finstre Wälder floh, es ist mir so, als müsse das Monate hindurch, ohne daß ich Speise und Trank genoß, gedauert haben. Nur eines lichten Augenblicks erinnere ich mich lebhaft, nach welchem ich in gänzlich bewußtlosen Zustand verfiel. Eben war es mir geglückt, meinen Doppelgänger abzuwerfen, als ein heller Sonnenstrahl und mit ihm ein holdes anmutiges Tönen den Wald durchdrang. Ich unterschied eine Klosterglocke, die zur Frühmette läutete. „Du hast Aurelie ermordet!“ Der Gedanke erfaßte mich mit des Todes eiskalten Armen, und ich sank bewußtlos nieder.

2. Abschnitt — Die Buße

Eine sanfte Wärme glitt durch mein Inneres. Dann fühlte ich es in allen Adern seltsam arbeiten und prickeln; dies Gefühl wurde zu Gedanken, doch war mein Ich hundertfach zerteilt. Jeder Teil hatte im eignen Regen eignes Bewußtsein des Lebens und umsonst gebot das Haupt den Gliedern, die wie untreue Vasallen sich nicht sammeln mochten unter seiner Herrschaft. Nun fingen die Gedanken der einzelnen Teile an sich zu drehen, wie leuchtende Punkte, immer schneller und schneller, so daß sie einen Feuerkreis bildeten, der wurde kleiner, sowie die Schnelligkeit wuchs, daß er zuletzt nur eine stillstehende Feuerkugel schien. Aus der schossen rotglühende Strahlen und bewegten sich im farbigten Flammenspiel. „Das sind meine Glieder, die sich regen, jetzt erwache ich!“ So dachte ich deutlich, aber in dem Augenblick durchzuckte mich ein jäher Schmerz, helle Glockentöne schlugen an mein Ohr. „Fliehen, weiter fort! — weiter fort!“ rief ich laut, wollte mich schnell aufraffen, fiel aber entkräftet zurück. Jetzt erst vermochte ich die Augen zu öffnen. Die Glockentöne dauerten fort — ich glaubte noch im Walde zu sein, aber wie erstaunte ich, als ich die Gegenstände rings umher, als ich mich selbst betrachtete. In dem Ordenshabit der Kapuziner lag ich, in einem hohen, einfachen Zimmer, auf einer wohlgepolsterten Matratze ausgestreckt. Ein paar Rohrstühle, ein kleiner Tisch und ein ärmliches Bett waren die einzigen Gegenstände, die sich noch im Zimmer befanden. Es wurde mir klar, daß mein bewußtloser Zustand eine Zeitlang gedauert haben, und daß ich in demselben auf diese oder jene Weise in ein Kloster gebracht sein mußte, das Kranke aufnehme. Vielleicht war meine Kleidung zerrissen, und man gab mir vorläufig eine Kutte. Der Gefahr, so schien es mir, war ich entronnen. Diese Vorstellungen beruhigten mich ganz, und ich beschloß abzuwarten, was sich weiter zutragen würde, da ich voraussetzen konnte, daß man bald nach dem Kranken sehen würde. Ich fühlte mich sehr matt, sonst aber ganz schmerzlos. Nur einige Minuten hatte ich so, zum vollkommenen Bewußtsein erwacht, gelegen, als ich Tritte vernahm, die sich wie auf einem langen Gange näherten. Man schloß meine Türe auf und ich erblickte zwei Männer, von denen einer bürgerlich gekleidet war, der andere aber den Ordenshabit der barmherzigen Brüder trug. Sie traten schweigend auf mich zu, der bürgerlich gekleidete sah mir scharf in die Augen und schien sehr verwundert. „Ich bin wieder zu mir selbst gekommen, mein Herr,“ fing ich mit matter Stimme an, „dem Himmel sei es gedankt, der mich zum Leben erweckt hat — wo befinde ich mich aber? wie bin ich hergekommen?“ — Ohne mir zu antworten, wandte sich der bürgerlich gekleidete zu dem Geistlichen und sprach auf italienisch: „Das ist in der Tat erstaunenswürdig, der Blick ist ganz geändert, die Sprache rein, nur matt... es muß eine besondere Krisis eingetreten sein.“ — „Mir scheint,“ erwiderte der Geistliche, „mir scheint, als wenn die Heilung nicht mehr zweifelhaft sein könne.“ „Das kommt,“ fuhr der bürgerlich gekleidete fort, „das kommt darauf an, wie er sich in den nächsten Tagen hält. Verstehen Sie nicht so viel deutsch, um mit ihm zu sprechen?“ „Leider nein,“ antwortete der Geistliche. — „Ich verstehe und spreche italienisch,“ fiel ich ein; „sagen Sie mir, wo bin ich, wie bin ich hergekommen?“ — Der bürgerlich gekleidete, wie ich wohl merken konnte, ein Arzt, schien freudig verwundert. „Ah,“ rief er aus, „ah das ist gut. Ihr befindet Euch, ehrwürdiger Herr! an einem Orte, wo man nur für Euer Wohl auf alle mögliche Weise sorgt. Ihr wurdet vor drei Monaten in einem sehr bedenklichen Zustande hergebracht. Ihr wart sehr krank, aber durch unsere Sorgfalt und Pflege scheint Ihr Euch auf dem Wege der Genesung zu befinden. Haben wir das Glück, Euch ganz zu heilen, so könnt Ihr ruhig Eure Straße fortwandeln, denn wie ich höre, wollt Ihr nach Rom!“ — „Bin ich denn,“ frug ich weiter „in der Kleidung, die ich trage, zu Euch gekommen?“ — „Freilich,“ erwiderte der Arzt, „aber laßt das Fragen, beunruhigt Euch nur nicht, alles sollt Ihr erfahren, die Sorge für Eure Gesundheit ist jetzt das vornehmlichste.“ Er faßte meinen Puls, der Geistliche hatte unterdessen eine Tasse herbeigebracht, die er mir darreichte. „Trinkt,“ sprach der Arzt, „und sagt mir dann, wofür Ihr das Getränk haltet.“ — „Es ist,“ erwiderte ich, nachdem ich getrunken, „es ist eine gar kräftig zubereitete Fleischbrühe.“ — Der Arzt lächelte zufrieden und rief dem Geistlichen zu: „Gut, sehr gut!“ — Beide verließen mich. Nun war meine Vermutung, wie ich glaubte, richtig. Ich befand mich in einem öffentlichen Krankenhause. Man pflegte mich mit stärkenden Nahrungsmitteln und kräftiger Arzenei, so daß ich nach drei Tagen imstande war, aufzustehen. Der Geistliche öffnete ein Fenster, eine warme, herrliche Luft, wie ich sie nie geatmet, strömte herein, ein Garten schloß sich an das Gebäude, herrliche fremde Bäume grünten und blühten, Weinlaub rangte sich üppig an der Mauer empor, vor allem aber war mir der dunkelblaue Himmel eine Erscheinung aus ferner Zauberwelt. „Wo bin ich denn,“ rief ich voll Entzücken aus, „haben mich die Heiligen gewürdigt, in einem Himmelslande zu wohnen?“ Der Geistliche lächelte wohlbehaglich, indem er sprach: „Ihr seid in Italien, mein Bruder! in Italien!“ — Meine Verwunderung wuchs bis zum höchsten Grade, ich drang in den Geistlichen, mir genau die Umstände meines Eintritts in dies Haus zu sagen, er wies mich an den Doktor. Der sagte mir endlich, daß vor drei Monaten mich ein wunderlicher Mensch hergebracht und gebeten habe mich aufzunehmen; ich befände mich nämlich in einem Krankenhause, das von barmherzigen Brüdern verwaltet werde. Sowie ich mich mehr und mehr erkräftigte, bemerkte ich, daß beide, der Arzt und der Geistliche, sich in mannigfache Gespräche mit mir einließen und mir vorzüglich Gelegenheit gaben, lange hintereinander zu erzählen. Meine ausgebreiteten Kenntnisse in den verschiedensten Fächern des Wissens gaben mir reichen Stoff dazu, und der Arzt lag mir an, manches niederzuschreiben, welches er dann in meiner Gegenwart las und sehr zufrieden schien. Doch fiel es mir oft seltsamlich auf, daß er, statt meine Arbeit selbst zu loben, immer nur sagte: „In der Tat... das geht gut... ich habe mich nicht getäuscht!... wunderbar... wunderbar!“ Ich durfte nun zu gewissen Stunden in den Garten hinab, wo ich manchmal grausig entstellte, totenblasse, bis zum Geripp ausgetrocknete Menschen, von barmherzigen Brüdern geleitet, erblickte. Einmal begegnete mir, als ich schon im Begriff stand in das Haus zurückzukehren, ein langer, hagerer Mann, in einem seltsamen erdgelben Mantel, der wurde von zwei Geistlichen bei den Armen geführt, und nach jedem Schritt machte er einen possierlichen Sprung, und pfiff dazu mit durchdringender Stimme. Erstaunt blieb ich stehen, doch der Geistliche, der mich begleitete, zog mich schnell fort, indem er sprach: „Kommt, kommt, lieber Bruder Medardus! das ist nichts für Euch.“ — „Um Gott,“ rief ich aus, „woher wißt Ihr meinen Namen?“ — Die Heftigkeit, womit ich diese Worte ausstieß, schien mein Begleiter zu beunruhigen. „Ei,“ sprach er, „wie sollen wir denn Euern Namen nicht wissen? Der Mann, der Euch herbrachte, nannte ihn ja ausdrücklich, und Ihr seid eingetragen in die Register des Hauses: Medardus, Bruder des Kapuzinerklosters zu B.“ — Eiskalt bebte es mir durch die Glieder. Aber mochte der Unbekannte der mich in das Krankenhaus gebracht hatte, sein wer er wollte, mochte er eingeweiht sein in mein entsetzliches Geheimnis; er konnte nichts Böses wollen, denn er hatte ja freundlich für mich gesorgt, und ich war ja frei. —

Ich lag im offenen Fenster und atmete in vollen Zügen die herrliche, warme Luft ein, die durch Mark und Adern strömend neues Leben in mir entzündete, als ich eine kleine, dürre Figur, ein spitzes Hütchen auf dem Kopfe, und in einen ärmlichen, erblichenen Überrock gekleidet, den Hauptgang nach dem Hause herauf mehr hüpfen und trippeln als gehen sah. Als er mich erblickte, schwenkte er den Hut in der Luft und warf mir Kußhändchen zu. Das Männlein hatte etwas Bekanntes, doch konnte ich die Gesichtszüge nicht deutlich erkennen, und er verschwand unter den Bäumen, ehe ich mit mir einig geworden, wer es wohl sein müsse. Doch nicht lange dauerte es, so klopfte es an meine Türe, ich öffnete, und dieselbe Figur, die ich im Garten gesehen trat herein. „Schönfeld,“ rief ich voll Verwunderung, „Schönfeld, wie kommen Sie her, um des Himmels willen?“ — Es war jener närrische Friseur aus der Handelsstadt, der mich damals rettete aus großer Gefahr. „Ach — ach ach!“ seufzte er, indem er sein Gesicht auf komische Weise weinerlich verzog: „Wie soll ich denn herkommen anders, als geworfen — geschleudert von dem bösen Verhängnis, das alle Genies verfolgt! Eines Mordes wegen mußte ich fliehen...“ „Eines Mordes wegen?“ unterbrach ich ihn heftig. „Ja eines Mordes wegen,“ fuhr er fort, „ich hatte im Zorn den linken Backenbart des jüngsten Kommerzienrates in der Stadt getötet, und dem rechten gefährliche Wunden beigebracht.“ — „Ich bitte Sie,“ unterbrach ich ihn aufs neue, „lassen Sie die Possen, seien Sie einmal vernünftig und erzählen Sie im Zusammenhange oder verlassen Sie mich.“ — „Ei, lieber Bruder Medardus,“ fing er plötzlich sehr ernst an, „du willst mich fortschicken, nun du genesen, und mußtest mich doch in deiner Nähe leiden, als du krank dalagst und ich dein Stubenkamerad war und in jenem Bette schlief.“ — „Was heißt das,“ rief ich bestürzt aus, „wie kommen Sie auf den Namen Medardus?“ — „Schauen Sie,“ sprach er lächelnd, „den rechten Zipfel Ihrer Kutte gefälligst an.“ Ich tat es, und erstarrte vor Schreck und Erstaunen, denn ich fand, daß der Name Medardus hineingenäht war, sowie mich, bei genauerer Untersuchung, untrügliche Kennzeichen wahrnehmen ließen, daß ich ganz unbezweifelt dieselbe Kutte trug, die ich auf der Flucht aus dem Schlosse des Barons von F. in einen hohlen Baum verborgen hatte. Schönfeld bemerkte meine innere Bewegung, er lächelte ganz seltsam; den Zeigefinger an die Nase gelegt, sich auf den Fußspitzen erhebend, schaute er mir ins Auge; ich blieb sprachlos, da fing er leise und bedächtig an: „Ew. Ehrwürden wundern sich merklich über das schöne Kleid, das Ihnen angelegt worden, es scheint Ihnen überall wunderbar anzustehen und zu passen, besser als jenes nußbraune Kleid mit schnöden besponnenen Knöpfen, das mein ernsthafter, vernünftiger Damon Ihnen anlegte... Ich... ich... der verkannte, verbannte Pietro Belcampo war es, der Eure Blöße deckte mit diesem Kleide. Bruder Medardus! Ihr wart nicht im sonderlichsten Zustande, denn als Überrock — Spenzer — englischen Frack trugt Ihr simplerweise Eure eigne Haut, und an schickliche Frisur war nicht zu denken, da Ihr, eingreifend in meine Kunst, Euern Karakalla mit dem zehnzahnigten Kamm, der Euch an die Fäuste gewachsen, selbst besorgtet.“ — „Laßt die Narrheiten,“ fuhr ich auf, „laßt die Narrheiten, Schönfeld“... „Pietro Belcampo heiße ich,“ unterbrach er mich in vollem Zorne, „ja Pietro Belcampo, hier in Italien, und du magst es nur wissen, Medardus, ich selbst, ich selbst bin die Narrheit, die ist überall hinter dir her, um deiner Vernunft beizustehen, und du magst es nun einsehen oder nicht, in der Narrheit findest du nur dein Heil, denn deine Vernunft ist ein höchst miserables Ding und kann sich nicht aufrecht erhalten, sie taumelt hin und her wie ein gebrechliches Kind und muß mit der Narrheit in Kompanie treten, die hilft ihr auf und weiß den richtigen Weg zu finden nach der Heimat — das ist das Tollhaus, da sind wir beide richtig angelangt, mein Brüderchen Medardus.“ — Ich schauderte zusammen, ich dachte an die Gestalten, die ich gesehen; an den springenden Mann im erdgelben Mantel, und konnte nicht zweifeln, daß Schönfeld in seinem Wahnsinn mir die Wahrheit sagte. „Ja, mein Brüderchen Medardus,“ fuhr Schönfeld mit erhobeneer Stimme und heftig gestikulierend fort: „Ja, mein liebes Brüderchen. Die Narrheit erscheint auf Erden, wie die wahre Geisterkönigin. Die Vernunft ist nur ein träger Statthalter, der sich nie darum kümmert, was außer den Grenzen des Reichs vorgeht, der nur aus Langeweile auf dem Paradeplatz die Soldaten exerzieren läßt, die können nachher keinen ordentlichen Schuß tun, wenn der Feind eindringt von außen. Aber die Narrheit, die wahre Königin des Volks zieht ein mit Pauken und Trompeten: hussa hussa! — hinter ihr her Jubel — Jubel — Die Vasallen erheben sich von den Plätzen, wo sie die Vernunft einsperrte, und wollen nicht mehr stehen, sitzen und liegen wie der pedantische Hofmeister es will; der sieht die Nummern durch und spricht: Seht die Narrheit hat mir meine besten Eleven entrückt — fortgerückt — verrückt — ja sie sind verrückt worden. Das ist ein Wortspiel, Brüderlein Medardus — ein Wortspiel ist ein glühendes Lockeneisen in der Hand der Narrheit, womit sie Gedanken krümmt.“ — „Noch einmal,“ fiel ich dem albernen Schönfeld in die Rede, noch einmal bitte ich Euch, das unsinnige Geschwätz zu lassen, wenn Ihr es vermöget, und mir zu sagen, wie Ihr hergekommen seid, und was Ihr von mir und dem Kleide wißt, das ich trage.“ — Ich hatte ihn bei diesen Worten mit beiden Händen gefaßt und in einen Stuhl gedrückt. Er schien sich zu besinnen, indem er die Augen niederschlug und tief Atem schöpfte. „Ich habe Ihnen,“ fing er dann mit leiser, matter Stimme an, „ich habe Ihnen das Leben zum zweitenmal gerettet, ich war es ja, der Ihrer Flucht aus der Handelsstadt behilflich war, ich war es wiederum, der Sie herbrachte.“ — „Aber um Gottes, um der Heiligen willen, wo fanden Sie mich?“ — So rief ich laut aus, indem ich ihn losriß, doch in dem Augenblick sprang er auf und schrie mit funkelnden Augen: „Ei, Bruder Medardus, hätt’ ich dich nicht, klein und schwach, wie ich bin, auf meinen Schultern fortgeschleppt, du lägest mit zerschmetterten Gliedern auf dem Rade.“ — Ich erbebte — wie vernichtet sank ich in den Stuhl, die Türe öffnete sich und hastig trat der mich pflegende Geistliche herein. „Wie kommt Ihr hierher? wer hat Euch erlaubt, dies Zimmer zu betreten?“ So fuhr er auf Belcampo los, dem stürzten aber die Tränen aus den Augen und er sprach mit flehentlicher Stimme: „Ach, mein ehrwürdiger Herr! nicht länger konnte ich dem Drange widerstehen, meinen Freund zu sprechen, den ich dringender Todesgefahr entrissen!“ Ich ermannte mich. „Sagt mir, mein lieber Bruder!“ sprach ich zu dem Geistlichen, „hat mich dieser Mann wirklich hergebracht?“ — Er stockte. — „Ich weiß jetzt, wo ich mich befinde,“ fuhr ich fort, „ich kann vermuten, daß ich im schrecklichsten Zustande war, den es gibt, aber Ihr merkt, daß ich vollkommen genesen, und so darf ich nun wohl alles erfahren, was man mir bis jetzt absichtlich verschweigen mochte, weil man mich für zu reizbar hielt.“ „So ist es in der Tat,“ antwortete der Geistliche, „dieser Mann brachte Euch, es mögen ungefähr drei bis viertehalb Monate her sein, in unsere Anstalt. Er hatte Euch, wie er erzählte, für tot in dem Walde, der vier Meilen von hier das...sche von unserm Gebiet scheidet, gefunden, und Euch für den ihm früher bekannten Kapuzinermönch Medardus aus dem Kloster zu B. erkannt, der auf einer Reise nach Rom durch den Ort kam, wo er sonst wohnte. Ihr befandet Euch in einem vollkommen apathischen Zustande. Ihr gingt, wenn man Euch führte, Ihr bliebt stehen, wenn man Euch losließ, Ihr setztet, Ihr legtet Euch nieder, wenn man Euch die Richtung gab. Speise und Trank mußte man Euch einflößen. Nur dumpfe, unverständliche Laute vermochtet Ihr auszustoßen, Euer Blick schien ohne alle Sehkraft. Belcampo verließ Euch nicht, sondern war Euer treuer Wärter. Nach vier Wochen fielt Ihr in die schrecklichste Raserei, man war genötigt, Euch in eins der dazu bestimmten abgelegeneren Gemächer zu bringen. Ihr wahret dem wilden Tier gleich — doch nicht näher mag ich Euch einen Zustand schildern, dessen Erinnerung Euch vielleicht zu schmerzlich sein würde. Nach vier Wochen kehrte plötzlich jener apathische Zustand wieder, der in eine vollkommene Starrsucht überging, aus der Ihr genesen erwachtet.“ — Schönfeld hatte sich während dieser Erzählung des Geistlichen gesetzt, und, wie in tiefes Nachdenken versunken, den Kopf in die Hand gestützt. „Ja,“ fing er an, „ich weiß recht gut, daß ich zuweilen ein aberwitziger Narr bin, aber die Luft im Tollhause, vernünftigen Leuten verderblich, hat gar gut auf mich gewirkt. Ich fange an, über mich selbst zu räsonnieren, und das ist kein übles Zeichen. Existiere ich überhaupt nur durch mein eignes Bewußtsein, so kommt es nur darauf an, daß dies Bewußtsein dem Bewußten die Hanswurstjacke ausziehe, und ich selbst stehe da als solider Gentleman. — O Gott! — ist aber ein genialer Friseur nicht schon an und vor sich selbst ein gesetzter Hasenfuß? — Hasenfüßigkeit schützt vor allem Wahnsinn, und ich kann Euch versichern, ehrwürdiger Herr, daß ich auch bei Nordnordwest einen Kirchturm von einem Leuchtenpfahl genau zu unterscheiden vermag.“ — „Ist dem wirklich so,“ sprach ich, „so beweisen Sie es dadurch, daß Sie mir ruhig den Hergang der Sache erzählen, wie Sie mich fanden und wie Sie mich herbrachten.“ „Das will ich tun,“ erwiderte Schönfeld, „unerachtet der geistliche Herr hier ein gar besorgliches Gesicht schneidet; erlaube aber, Bruder Medardus, daß ich dich, als meinen Schützling, mit dem vertraulichen Du anrede. — Der fremde Maler war den andern Morgen, nachdem du in der Nacht entflohen, auch mit seiner Gemäldesammlung auf unbeschreibliche Weise verschwunden. So sehr die Sache überhaupt anfangs Aufsehen erregt hatte, so bald war sie doch im Strome neuer Begebenheiten untergegangen. Nur als der Mord auf dem Schlosse des Barons F. bekannt wurde; als die...schen Gerichte durch Steckbriefe den Mönch Medardus aus dem Kapuzinerkloster zu B. verfolgten, da erinnerte man sich daran, daß der Maler die ganze Geschichte im Weinhause erzählt und in dir den Bruder Medardus erkannt hatte. Der Wirt des Hotels, wo du gewohnt hattest, bestätigte die Vermutung, daß ich deiner Flucht förderlich gewesen war. Man wurde auf mich aufmerksam, man wollte mich ins Gefängnis setzen. Leicht war mir der Entschluß, dem elenden Leben, das schon längst mich zu Boden gedrückt hatte, zu entfliehen. Ich beschloß, nach Italien zu gehen, wo es Abbates und Frisuren gibt. Auf meinem Wege dahin sah ich dich in der Residenz des Fürsten von ***. Man sprach von deiner Vermählung mit Aurelien und von der Hinrichtung des Mönchs Medardus. Ich sah auch diesen Mönch — Nun! — dem sei wie ihm wolle, ich halte dich nun einmal für den wahren Medardus. Ich stellte mich dir in den Weg, du bemerktest mich nicht, und ich verließ die Residenz, um meine Straße weiter zu verfolgen. Nach langer Reise rüstete ich mich einst in frühster Morgendämmerung, den Wald zu durchwandern, der in düstrer Schwärze vor mir lag. Eben brachen die ersten Strahlen der Morgensonne hervor, als es in dem dicken Gebüsch rauschte und ein Mensch mit zerzaustem Kopfhaar und Bart, aber in zierlicher Kleidung, bei mir vorübersprang. Sein Blick war wild und verstört, im Augenblick war er mir aus dem Gesicht verschwunden. Ich schritt weiter fort, doch wie entsetzte ich mich, als ich dicht vor mir eine nackte menschliche Figur ausgestreckt auf dem Boden erblickte. Ich glaubte, es sei ein Mord geschehen und der Fliehende sei der Mörder. Ich bückte mich herab zu dem Nackten, erkannte dich und wurde gewahr, daß du leise atmetest. Dicht bei dir lag die Mönchskutte, die du jetzt trägst; mit vieler Mühe kleidete ich dich darin und schleppte dich weiter fort. Endlich erwachtest du aus tiefer Ohnmacht, du bliebst aber in dem Zustande, wie ihn dir der ehrwürdige Herr hier erst beschrieben. Es kostete keine geringe Anstrengung, dich fortzuschaffen, und so kam es, daß ich erst am Abende eine Schenke erreichte, die mitten im Walde liegt. Wie schlaftrunken ließ ich dich auf einem Rasenplatz zurück, und ging hinein, um Speise und Trank zu holen. In der Schenke saßen ***sche Dragoner, die sollten, wie die Wirtin sagte, einem Mönch bis an die Grenze nachspüren, der auf unbegreifliche Weise in dem Augenblicke entflohen sei, als er schwerer Verbrechen halber in *** hätte hingerichtet werden sollen. Ein Geheimnis war es mir, wie du aus der Residenz in den Wald kamst, aber die Überzeugung, da seist eben der Medardus, den man suche, hieß mich alle Sorgfalt anwenden, dich der Gefahr, in der du mir zu schweben schienst, zu entreißen. Durch Schleichwege schaffte ich dich fort, über die Grenze, und kam endlich mit dir in dies Haus, wo man dich und auch mich aufnahm, da ich erklärte, mich von dir nicht trennen zu wollen. Hier warst du sicher, denn in keiner Art hätte man den aufgenommenen Kranken fremden Gerichten ausgeliefert. Mit deinen fünf Sinnen war es nicht sonderlich bestellt, als ich hier im Zimmer bei dir wohnte und dich pflegte. Auch die Bewegung deiner Gliedmaßen war nicht zu rühmen, Noverre und Vestris hätten dich tief verachtet, denn dein Kopf hing auf die Brust, und wollte man dich gerade aufrichten, so stülptest du um, wie ein mißratner Kegel. Auch mit der Rednergabe ging es höchst traurig, denn du warst verdammt einsilbig und sagtest in aufgeräumten Stunden nur „Hu hu! und Me... me...“, woraus dein Wollen und Denken nicht sonderlich zu vernehmen und beinahe zu glauben, beides sei dir untreu geworden und vagabondiere auf seine eigene Hand oder seinen eignen Fuß. Endlich wurdest du mit einem Mal überaus lustig, du sprangst hoch in die Lüfte, brülltest vor lauter Entzücken und rissest dir die Kutte vom Leibe, um frei zu sein von jeder naturbeschränkenden Fessel — dein Appetit...“ „Halten Sie ein, Schönfeld,“ unterbrach ich den entsetzlichen Witzling, „halten Sie ein! Man hat mich schon von dem fürchterlichen Zustande, in den ich versunken, unterrichtet. Dank sei es der ewigen Langmut und Gnade des Herren, Dank sei es der Fürsprache der Gebenedeiten und der Heiligen, daß ich errettet worden bin!“ — „Ei, ehrwürdiger Herr!“ fuhr Schönfeld fort, „was haben Sie denn nun davon; ich meine von der besonderen Geistesfunktion, die man Bewußtsein nennt, und die nichts anders ist, als die verfluchte Tätigkeit eines verdammten Toreinnehmers — Akziseoffizianten — Oberkontrollassistenten, der sein heilloses Comptoir im Oberstübchen aufgeschlagen hat, und zu aller Ware, die hinaus will, sagt: hei... hei... die Ausfuhr ist verboten... im Lande, im Lande bleibt’s. — Die schönsten Juwelen werden wie schnöde Saatkörner in die Erde gesteckt und was emporschießt, sind höchstens Runkelrüben, aus denen die Praxis mit tausend Zentner schwerem Gewicht eine Viertel Unze übelschmeckenden Zucker preßt... Hei hei... und doch sollte jene Ausfuhr einen Handelsverkehr begründen mit der herrlichen Gottesstadt da droben, wo alles stolz und herrlich ist! — Gott im Himmel! Herr! Allen meinen teuer erkauften Puder à la Maréchal oder à la Pompadour, oder à la reine de Golconde hätte ich in den Fluß geworfen, wo er am tiefsten ist, hätte ich nur wenigstens durch Transitohandel ein Quentlein Sonnenstäubchen von dorther bekommen können, um die Perücken höchst gebildeter Professoren und Schulkollegen zu pudern, zuvörderst aber meine eigne! — Was sage ich? hätte mein Damon Ihnen, ehrwürdigster aller ehrwürdigen Mönche, statt des flohfarbnen Fracks einen Sonnenmatin umhängen können, in dem die reichen, übermütigen Bürger der Gottesstadt zu Stuhle gehen, wahrhaftig es wäre, was Anstand und Würde betrifft, alles anders gekommen; aber so hielt Sie die Welt für einen gemeinen glebae adscriptus und den Teufel für Ihren Cousin germain.“ — Schönfeld war aufgestanden und ging, oder hüpfte vielmehr, stark gestikulierend und tolle Gesichter schneidend, von einer Ecke des Zimmers zur andern. Er war im vollen Zuge, wie gewöhnlich, sich in der Narrheit durch die Narrheit zu entzünden, ich faßte ihn daher bei beiden Händen und sprach: „Willst du dich denn durchaus statt meiner hier einbürgern? Ist es denn nicht möglich, nach einer Minute verständigen Ernstes das Possenhafte zu lassen?“ Er lächelte auf seltsame Weise und sagte: „Ist wirklich alles so albern, was ich spreche, wenn mir der Geist kommt?“ — „Das ist ja eben das Unglück,“ erwiderte ich, „daß deinen Fratzen oft tiefer Sinn zum Grunde liegt, aber du vertrödelst und verbrämst alles mit solch buntem Zeuge, daß ein guter, in echter Farbe gehaltener Gedanke lächerlich und unscheinbar wird, wie ein mit scheckigen Fetzen behängtes Kleid. — Du kannst, wie ein Betrunkener, nicht auf gerader Schnur gehen, du springst hinüber und herüber — deine Richtung ist schief!“ — „Was ist Richtung,“ unterbrach mich Schönfeld leise, und fortlächelnd mit bittersüßer Miene. „Was ist Richtung, ehrwürdiger Kapuziner? Richtung setzt ein Ziel voraus, nach dem wir unsere Richtung nehmen. Sind Sie Ihres Ziels gewiß, teurer Mönch? — fürchten Sie nicht, daß Sie bisweilen zu wenig Katzenhirn zu sich genommen, statt dessen aber im Wirtshause neben der gezogenen Schnur zu viel Spirituöses genossen, und nun wie ein schwindliger Turmdecker zwei Ziele sehn, ohne zu wissen, welches das rechte? — Überdem, Kapuziner! vergib es meinem Stande, daß ich das Possenhafte als eine angenehme Beimischung, spanischen Pfeffer zum Blumenkohl, in mir trage. Ohne das ist ein Haarkünstler eine erbärmliche Figur, ein armseliger Dummkopf, der das Privilegium in der Tasche trägt, ohne es zu nutzen zu seiner Lust und Freude.“ Der Geistliche hatte bald mich, bald den grimassierenden Schönfeld mit Aufmerksamkeit betrachtet; er verstand, da wir deutsch sprachen, kein Wort; jetzt unterbrach er unser Gespräch. „Verzeihet, meine Herren! wenn es meine Pflicht heischt, eine Unterredung zu enden, die euch beiden unmöglich wohl tun kann. Ihr seid, mein Bruder, noch zu sehr geschwächt, um von Dingen, die wahrscheinlich aus Euerm frühern Leben schmerzhafte Erinnerungen aufregen, so anhaltend fortzusprechen; Ihr könnet ja nach und nach von Euerm Freunde alles erfahren, denn wenn Ihr auch ganz genesen unsere Anstalt verlasset, so wird Euch doch wohl Euer Freund weiter geleiten. Zudem habt Ihr (er wandte sich zu Schönfeld) eine Art des Vortrags, die ganz dazu geeignet ist, alles das, wovon Ihr sprecht, dem Zuhörer lebendig vor die Augen zu bringen. In Deutschland muß man Euch für toll halten, und selbst bei uns würdet Ihr für einen guten Buffone gelten. Ihr könnt auf dem komischen Theater Euer Glück machen.“ Schönfeld starrte den Geistlichen mit weit aufgerissenen Augen an, dann erhob er sich auf den Fußspitzen, schlug die Hände über den Kopf zusammen und rief auf italienisch: „Geisterstimme!... Schicksalsstimme, du hast aus dem Munde dieses ehrwürdigen Herrn zu mir gesprochen!... Belcampo... Belcampo... so konntest du deinen wahrhaften Beruf verkennen... es ist entschieden!“ — Damit sprang er zur Türe hinaus. Den andern Morgen trat er reisefertig zu mir herein. „Du bist, mein lieber Bruder Medardus,“ sprach er, „nunmehr ganz genesen, du bedarfst meines Beistandes nicht mehr, ich ziehe fort, wohin mich mein innerster Beruf leitet... Lebe wohl!... doch erlaube, daß ich zum letztenmal meine Kunst, die mir nun wie ein schnödes Gewerbe vorkommt, an dir übe.“ Er zog Messer, Schere und Kamm hervor und brachte unter tausend Grimassen und possenhaften Reden meine Tonsur und meinen Bart in Ordnung. Der Mensch war mir, trotz der Treue die er mir bewiesen, unheimlich geworden, ich war froh, als er geschieden. Der Arzt hatte mir mit stärkender Arznei ziemlich aufgeholfen; meine Farbe war frischer geworden, und durch immer längere Spaziergänge gewann ich meine Kräfte wieder. Ich war überzeugt, eine Fußreise aushalten zu können, und verließ ein Haus, das dem Geisteskranken wohltätig, dem Gesunden aber unheimlich und grauenvoll sein mußte. Man hatte mir die Absicht untergeschoben, nach Rom zu pilgern, ich beschloß, dieses wirklich zu tun, und so wandelte ich fort auf der Straße, die, als dorthin führend, mir bezeichnet worden war. Unerachtet mein Geist vollkommen genesen, war ich mir doch selbst eines gefühllosen Zustandes bewußt, der über jedes im Innern aufkeimende Bild einen düstern Flor warf, so daß alles farblos, grau in grau erschien. Ohne alle deutliche Erinnerung des Vergangenen, beschäftigte mich die Sorge für den Augenblick ganz und gar. Ich sah in die Ferne, um den Ort zu erspähen, wo ich würde einsprechen können, um mir Speise oder Nachtquartier zu erbetteln und war recht innig froh, wenn Andächtige meinen Bettelsack und meine Flasche gut gefüllt hatten, wofür ich meine Gebete mechanisch herplapperte. Ich war selbst im Geist zum gewöhnlichen, stupiden Bettelmönch herabgesunken. So kam ich endlich an das große Kapuzinerkloster, das, wenige Stunden von Rom, nur von Wirtschaftsgebäuden umgeben, einzeln darliegt. Dort mußte man den Ordensbruder aufnehmen, und ich gedachte, mich in voller Gemächlichkeit recht auszupflegen. Ich gab vor, daß, nachdem das Kloster in Deutschland, worin ich mich sonst befand, aufgehoben worden, ich fortgepilgert sei, und in irgend ein anderes Kloster meines Ordens einzutreten wünsche. Mit der Freundlichkeit, die den italienischen Mönchen eigen, bewirtete man mich reichlich, und der Prior erklärte, daß, insofern mich nicht vielleicht die Erfüllung eines Gelübdes weiter zu pilgern nötige, ich als Fremder so lange im Kloster bleiben könne, als es mir anstehen würde. Es war Vesperzeit, die Mönche gingen in den Chor, und ich trat in die Kirche. Der kühne, herrliche Bau des Schiffs setzte mich nicht wenig in Verwunderung, aber mein zur Erde gebeugter Geist konnte sich nicht erheben, wie es sonst geschah, seit der Zeit, als ich, ein kaum erwachtes Kind, die Kirche der heiligen Linde geschaut. Nachdem ich mein Gebet am Hochaltar verrichtet, schritt ich durch die Seitengänge, die Altargemälde betrachtend, welche, wie gewöhnlich, die Martyrien der Heiligen, denen sie geweiht, darstellten. Endlich trat ich in eine Seitenkapelle, deren Altar von den durch die bunten Fensterscheiben brechenden Sonnenstrahlen magisch beleuchtet wurde. Ich wollte das Gemälde betrachten, ich stieg die Stufen hinauf. — Die heilige Rosalia — das verhängnisvolle Altarblatt meines Klosters. — Ach! — Aurelien erblickte ich! Mein ganzes Leben — meine tausendfachen Frevel — meine Missetaten — Hermogens — Aureliens Mord — alles — alles nur ein entsetzlicher Gedanke, und der durchfuhr wie ein spitzes, glühendes Eisen mein Gehirn. — Meine Brust — Adern und Fibern zerrissen im wilden Schmerz der grausamsten Folter! — Kein lindernder Tod! — Ich warf mich nieder — ich zerriß in rasender Verzweiflung mein Gewand — ich heulte auf im trostlosen Jammer, daß es weit in der Kirche nachhallte: „Ich bin verflucht, ich bin verflucht! — Keine Gnade — kein Trost mehr, hier und dort! — Zur Hölle — zur Hölle — ewige Verdammnis über mich verruchten Sünder beschlossen!“ — Man hob mich auf — die Mönche waren in der Kapelle, vor mir stand der Prior, ein hoher, ehrwürdiger Greis. Er schaute mich an mit unbeschreiblich mildem Ernst, er faßte meine Hände, und es war, als halte ein Heiliger, von himmlischem Mitleid erfüllt, den Verlorenen in den Lüften über dem Flammenpfuhl fest, in den er hinabstürzen wollte. „Du bist krank, mein Bruder! sprach der Prior, wir wollen dich in das Kloster bringen, da magst du dich erholen.“ Ich küßte seine Hände, sein Kleid, ich konnte nicht sprechen, nur tiefe, angstvolle Seufzer verrieten den fürchterlichen, zerrissenen Zustand meiner Seele. — Man führte mich in das Refektorium, auf einen Wink des Priors entfernten sich die Mönche, ich blieb mit ihm allein. „Du scheinst, mein Bruder,“ fing er an, „von schwerer Sünde belastet, denn nur die tiefste, trostloseste Reue über eine entsetzliche Tat kann sich so gebärden. Doch groß ist die Langmut des Herrn, stark und kräftig ist die Fürsprache der Heiligen, fasse Vertrauen — du sollst mir beichten und es wird dir wenn du büßest, Trost der Kirche werden!“ In dem Augenblick schien es mir, als sei der Prior jener alte Pilger aus der heiligen Linde, und nur der sei das einzige Wesen auf der ganzen weiten Erde, dem ich mein Leben voller Sünde und Frevel offenbaren müsse. Noch war ich keines Wortes mächtig, ich warf mich vor dem Greise nieder in den Staub. „Ich gehe in die Kapelle des Klosters,“ sprach er mit feierlichem Ton, und schritt von dannen. — Ich war gefaßt — ich eilte ihm nach, er saß im Beichtstuhl, und ich tat augenblicklich, wozu mich der Geist unwiderstehlich trieb; ich beichtete alles — alles! — Schrecklich war die Buße, die mir der Prior auflegte. Verstoßen von der Kirche, wie ein Aussätziger verbannt aus den Versammlungen der Brüder, lag ich in den Totengewölben des Klosters, mein Leben kärglich fristend durch unschmackhafte, in Wasser gekochte Kräuter, mich geißelnd und peinigend mit Marterinstrumenten, die die sinnreichste Grausamkeit erfunden, und meine Stimme erhebend nur zur eigenen Anklage, zum zerknirschten Gebet um Rettung aus der Hölle, deren Flammen schon in mir loderten. Aber wenn das Blut aus hundert Wunden rann, wenn der Schmerz in hundert giftigen Skorpionstichen brannte und dann endlich die Natur erlag, bis der Schlaf sie, wie ein ohnmächtiges Kind, schützend mit seinen Armen umfing, dann stiegen feindliche Traumbilder empor, die mir neue Todesmarter bereiteten. — Mein ganzes Leben gestaltete sich auf entsetzliche Weise. Ich sah Euphemien, wie sie in üppiger Schönheit mir nahte, aber laut schrie ich auf: „Was willst du von mir, Verruchte! Nein, die Hölle hat keinen Teil an mir.“ Da schlug sie ihr Gewand auseinander, und die Schauer der Verdammnis ergriffen mich. Zum Gerippe eingedorrt war ihr Leib, aber in dem Gerippe wanden sich unzählige Schlangen durcheinander und streckten ihre Häupter, ihre rotglühenden Zungen mit entgegen. „Laß ab von mir!... Deine Schlangen stechen hinein in die wunde Brust... sie wollen sich mästen an meinem Herzblut... aber dann sterbe ich... dann sterbe ich... der Tod entreißt mich deiner Rache.“ So schrie ich auf, da heulte die Gestalt: — „Meine Schlangen können sich nähren von deinem Herzblut... aber das fühlst du nicht, denn das ist nicht deine Qual — deine Qual ist in dir, und tötet dich nicht, denn du lebst in ihr. Deine Qual ist der Gedanke des Frevels und der ist ewig!“ — Der blutende Hermogen stieg auf, aber vor ihm floh Euphemie und er rauschte vorüber, auf die Halswunde deutend, die die Gestalt des Kreuzes hatte. Ich wollte beten, da begann ein sinnverwirrendes Flüstern und Rauschen. Menschen, die ich sonst gesehen, erschienen zu tollen Fratzen verunstaltet. — Köpfe krochen mit Heuschreckenbeinen, die ihnen an die Ohren gewachsen, umher und lachten mich hämisch an — seltsames Geflügel — Raben mit Menschengesichtern rauschten in der Luft. — Ich erkannte den Konzertmeister aus B. mit seiner Schwester, die drehte sich in wildem Walzer, und der Bruder spielte dazu auf, aber auf der eigenen Brust streichend, die zur Geige worden. — Belcampo, mit einem häßlichen Eidechsengesicht, auf einem ekelhaften, geflügelten Wurm sitzend, fuhr auf mich ein, er wollte meinen Bart kämmen mit eisernem, glühendem Kamm — aber es gelang ihm nicht. — Toller und toller wird das Gewirre, seltsamer, abenteuerlicher werden die Gestalten von der kleinsten Ameise mit tanzenden Menschenfüßchen bis zum langgedehnten Roßgerippe mit funkelnden Augen, dessen Haut zur Schabracke worden, auf der ein Reiter mit leuchtendem Eulenkopfe sitzt. — Ein bodenloser Becher ist sein Leibharnisch — ein umgestülpter Trichter sein Helm! — Der Spaß der Hölle ist emporgestiegen. Ich höre mich lachen, aber dies Lachen zerschneidet die Brust, und brennender wird der Schmerz und heftiger bluten alle Wunden. — Die Gestalt eines Weibes leuchtet hervor, das Gesindel weicht — sie tritt auf mich zu! — Ach es ist Aurelie! „Ich lebe und bin nun ganz dein!“ spricht die Gestalt. — Da wird der Frevel in mir wach. — Rasend vor wilder Begier umschlinge ich sie mit meinen Armen. — Alle Ohnmacht ist von mir gewichen, aber da legt es sich glühend an meine Brust — rauhe Borsten zerkratzen meine Augen und der Satan lacht gellend auf: Nun bist du ganz mein! — Mit dem Schrei des Entsetzens erwache ich, und bald fließt mein Blut in Strömen von den Hieben der Stachelpeitsche, mit der ich mich in trostloser Verzweiflung züchtige. Denn selbst die Frevel des Traumes, jeder sündliche Gedanke, fordert doppelte Buße. — Endlich war die Zeit, die der Prior zur strengsten Buße bestimmt hatte, verstrichen und ich stieg empor aus dem Totengewölbe, um in dem Kloster selbst, aber in abgesonderter Zelle, entfernt von den Brüdern, die nun mir auferlegten Bußübungen vorzunehmen. Dann, immer in geringeren Graden der Buße, wurde mir der Eintritt in die Kirche und in den Chor der Brüder erlaubt. Doch mir selbst genügte nicht die letzte Art der Buße, die nur in täglicher gewöhnlicher Geißelung bestehen sollte. Ich wies standhaft jede bessere Kost zurück, die man mir reichen wollte, ganze Tage lag ich ausgestreckt auf dem kalten Marmorboden vor dem Bilde der heiligen Rosalia, und marterte mich in einsamer Zelle selbst auf die grausamste Weise, denn durch äußere Qualen gedachte ich die innere gräßliche Marter zu übertäuben. Es war vergebens, immer kehrten jene Gestalten, von dem Gedanken erzeugt, wieder, und dem Satan selbst war ich preisgegeben, daß er mich höhnend foltere und verlocke zur Sünde. Meine strenge Buße, die unerhörte Weise, wie ich sie vollzog, erregte die Aufmerksamkeit der Mönche. Sie betrachteten mich mit ehrfurchtsvoller Scheu, und ich hörte es sogar unter ihnen flüstern: Das ist ein Heiliger! Dies Wort war mir entsetzlich, denn nur zu lebhaft erinnerte es mich an jenen gräßlichen Augenblick in der Kapuzinerkirche zu B., als ich dem mich anstarrenden Maler in vermessenem Wahnsinn entgegenrief: ich bin der heilige Antonius! — Die letzte von dem Prior bestimmte Zeit der Buße war endlich auch verflossen, ohne daß ich davon abließ, mich zu martern, unerachtet meine Natur der Qual zu erliegen schien. Meine Augen waren erloschen, mein wunder Körper ein blutendes Gerippe, und es kam dahin, daß wenn ich stundenlang am Boden gelegen, ich ohne Hilfe anderer nicht aufzustehen vermochte. Der Prior ließ mich in sein Sprechzimmer bringen. „Fühlst du, mein Bruder,“ fing er an, „durch die strenge Buße dein Inneres erleichtert? ist Trost des Himmels dir worden?“ — „Nein, ehrwürdiger Herr,“ erwiderte ich in dumpfer Verzweiflung. „Indem ich dir,“ fuhr der Prior mit erhöhter Stimme fort: „Indem ich dir, mein Bruder, da du mir eine Reihe entsetzlicher Taten gebeichtet hattest, die strengste Buße auflegte, genügte ich den Gesetzen der Kirche, welche wollen, daß der Übeltäter, den der Arm der Gerechtigkeit nicht erreichte und der reuig dem Diener des Herrn seine Verbrechen bekannte, auch durch äußere Handlungen die Wahrheit seiner Reue kundtue. Er soll den Geist ganz dem Himmlischen zuwenden, und doch das Fleisch peinigen, damit die irdische Marter jede teuflische Lust der Untaten aufwäge. Doch glaube ich, und mir stimmen berühmte Kirchenlehrer bei, daß die entsetzlichsten Qualen, die sich der Büßende zufügt, dem Gewicht seiner Sünden auch nicht ein Quentlein entnehmen, sobald er darauf seine Zuversicht stützt und der Gnade des Ewigen deshalb sich würdig dünkt. Keiner menschlichen Vernunft erforschlich ist es, wie der Ewige unsere Taten mißt, verloren ist der, der, ist er auch vom wirklichen Frevel rein, vermessen glaubt, den Himmel zu erstürmen durch äußeres Formtun, und der Büßende, welcher nach der Bußübung seinen Frevel vertilgt glaubt, beweiset, daß seine innere Reue nicht wahrhaft ist. Du, lieber Bruder Medardus, empfindest noch keine Tröstung, das beweiset die Wahrhaftigkeit deiner Reue, unterlasse jetzt, ich will es, alle Geißelungen, nimm bessere Speise zu dir, und fliehe nicht mehr den Umgang der Brüder. — Wisse, daß dein geheimnisvolles Leben mir in allen seinen wunderbarsten Verschlingungen besser bekannt worden, als dir selbst. — Ein Verhängnis, dem du nicht entrinnen konntest, gab dem Satan Macht über dich, und indem du freveltest, warst du nur sein Werkzeug. Wähne aber nicht, daß du deshalb weniger sündig vor den Augen des Herrn erschienest, denn dir war die Kraft gegeben, im rüstigen Ringen den Satan zu bezwingen. In wessen Menschen Herz stürmt nicht der Böse, und widerstrebt dem Guten; aber ohne diesen Kampf gäb’ es keine Tugend, denn diese ist nur der Sieg des guten Prinzips über das böse, sowie aus dem umgekehrten die Sünde entspringt. — Wisse fürs erste, daß du dich eines Verbrechens anklagst, welches du nur im Willen vollbrachtest. — Aurelie lebt, in wildem Wahnsinn verletztest du dich selbst, das Blut deiner eigenen Wunde war es, was über deine Hand floß... Aurelie lebt... ich weiß es.“ Ich stürzte auf die Knie, ich hob meine Hände betend empor, tiefe Seufzer entflohen der Brust, Tränen quollen aus den Augen! — „Wisse ferner,“ fuhr der Prior fort, „daß jener alte fremde Maler, von dem du in der Beichte gesprochen, schon so lange, als ich denken kann, zuweilen unser Kloster besucht hat und vielleicht bald wieder eintreffen wird. Er hat ein Buch mir in Verwahrung gegeben, welches verschiedene Zeichnungen, vorzüglich aber eine Geschichte enthält, der er jedesmal, wenn er bei uns einsprach, einige Zeilen zusetzte. — Er hat mir nicht verboten, das Buch jemandem in die Hände zu geben, und um so mehr will ich es dir anvertrauen, als dies meine heiligste Pflicht ist. Den Zusammenhang deiner eigenen, seltsamen Schicksale, die dich bald in eine höhere Welt wunderbarer Visionen, bald in das gemeinste Leben versetzten, wirst du erfahren. Man sagt, das Wunderbare sei von der Erde verschwunden, ich glaube nicht daran. Die Wunder sind geblieben, denn wenn wir selbst das Wunderbarste, von dem wir täglich umgeben, deshalb nicht mehr so nennen wollen, weil wir einer Reihe von Erscheinungen die Regel der zyklischen Wiederkehr abgelauert haben, so fährt doch oft durch jenen Kreis ein Phänomen, das all’ unsre Klugheit zu schanden macht, und an das wir, weil wir es nicht zu erfassen vermögen, in stumpfsinniger Verstocktheit nicht glauben. Hartnäckig leugnen wir dem inneren Auge deshalb die Erscheinung ab, weil sie zu durchsichtig war, um sich auf der rauhen Fläche des äußeren Auges abzuspiegeln. — Jenen seltsamen Maler rechne ich zu den außerordentlichen Erscheinungen, die jeder erlauerten Regel spotten; ich bin zweifelhaft, ob seine körperliche Erscheinung das ist, was wir wahr nennen. So viel ist gewiß, daß niemand die gewöhnlichen Funktionen des Lebens bei ihm bemerkt hat. Auch sah ich ihn niemals schreiben oder zeichnen, unerachtet im Buch, worin er nur zu lesen schien, jedesmal, wenn er bei uns gewesen, mehr Blätter als vorher beschrieben waren. Seltsam ist es auch, daß mir alles im Buche nur verworrenes Gekritzel, undeutliche Skizze eines fantastischen Malers zu sein schien, und nur dann erst erkennbar und lesbar wurde, als du, mein lieber Bruder Medardus! mir gebeichtet hattest. — Nicht näher darf ich mich darüber auslassen, was ich Rücksichts des Malers ahne und glaube. Du selbst wirst es erraten, oder vielmehr das Geheimnis wird sich dir von selbst auftun. Gehe, erkräftige dich, und fühlst du dich, wie ich glaube, daß es in wenigen Tagen geschehen wird, im Geiste aufgerichtet, so erhältst du von mir des fremden Malers wunderbares Buch.“ Ich tat nach dem Willen des Priors, ich aß mit den Brüdern, ich unterließ die Kasteiungen, und beschränkte mich auf inbrünstiges Gebet an den Altären der Heiligen. Blutete auch meine Herzenswunde fort, wurde auch nicht milder der Schmerz, der aus dem Innern heraus mich durchbohrte, so verließen mich doch die entsetzlichen Traumbilder, und oft, wenn ich, zum Tode matt, auf dem harten Lager schlaflos lag, umwehte es mich, wie mit Engelsfittichen, und ich sah die holde Gestalt der lebenden Aurelie, die, himmlisches Mitleiden im Auge voll Tränen, sich über mich hinbeugte. Sie streckte die Hand, wie mich beschirmend, aus über mein Haupt, da senkten sich meine Augenlider, und ein sanfter, erquickender Schlummer goß neue Lebenskraft in meine Adern. Als der Prior bemerkte, daß mein Geist wieder einige Spannung gewonnen, gab er mir des Malers Buch, und ermahnte mich, es aufmerksam in seiner Zelle zu lesen. — Ich schlug es auf, und das erste, was mir ins Auge fiel, waren die in Umrissen angedeuteten und dann in Licht und Schatten ausgeführten Zeichnungen der Fresko-Gemälde in der heiligen Linde. Nicht das mindeste Erstaunen, nicht die mindeste Begierde, schnell das Rätsel zu lösen, regte sich in mir. Nein! — es gab kein Rätsel für mich, längst wußte ich ja alles, was in diesem Malerbuch aufbewahrt worden. Das, was der Maler auf den letzten Seiten des Buchs in kleiner, kaum lesbarer, bunt gefärbter Schrift zusammengetragen hatte, waren meine Träume, meine Ahnungen, nur deutlich, bestimmt in scharfen Zügen dargestellt, wie ich es niemals zu tun vermochte.

Bruder Medardus fährt hier, ohne sich weiter auf das, was er im Malerbuche fand, einzulassen, in seiner Erzählung fort, wie er Abschied nahm von dem in seine Geheimnisse eingeweihten Prior und von den freundlichen Brüdern, und wie er nach Rom pilgerte, und überall, in Sankt Peter, in St. Sebastian und Laurenz, in St. Giovanni a Laterano, in Sankta Maria Maggiore usw. an allen Altären kniete und betete, wie er selbst des Papstes Aufmerksamkeit erregte, und endlich in einen Geruch der Heiligkeit kam, der ihn — da er jetzt wirklich ein reuiger Sünder worden, und wohl fühlte, daß er nichts mehr als das sei — von Rom vertrieb. Wir, ich meine dich und mich, mein günstiger Leser, wissen aber viel zu wenig Deutliches von den Ahnungen und Träumen des Bruders Medardus, als daß wir, ohne zu lesen, was der Maler aufgeschrieben, auch nur im mindesten das Band zusammenzuknüpfen vermöchten, welches die verworren auseinander laufenden Fäden der Geschichte des Medardus, wie in einen Knoten einigt. Ein besseres Gleichnis übrigens ist es, daß uns der Fokus fehlt, aus dem die verschiedenen bunten Strahlen brachen. Das Manuskript des seligen Kapuziners war in altes, vergelbtes Pergament eingeschlagen, und dies Pergament mit kleiner, beinahe unleserlicher Schrift beschrieben, die, da sich darin eine ganz seltsame Hand kundtat, meine Neugierde nicht wenig reizte. Nach vieler Mühe gelang es mir, Buchstaben und Worte zu entziffern, und wie erstaunte ich, als es mir klar wurde, daß es jene im Malerbuch aufgezeichnete Geschichte sei, von der Medardus spricht. Im alten Italienisch ist sie beinahe chronikenartig und sehr aphoristisch geschrieben. Der seltsame Ton klingt im Deutschen nur rauh und dumpf, wie ein gesprungenes Glas, doch war es nötig, zum Verständnis des Ganzen hier die Übersetzung einzuschalten; dies tue ich, nachdem ich nur noch folgendes wehmütigst bemerkt. Die fürstliche Familie, aus der jener oft genannte Francesko abstammte, lebt noch in Italien, und ebenso leben noch die Nachkömmlinge des Fürsten, in dessen Residenz sich Medardus aufhielt. Unmöglich war es daher, die Namen zu nennen, und unbehilflicher, ungeschickter ist niemand auf der ganzen Welt, als derjenige, der dir, günstiger Leser, dies Buch in die Hände gibt, wenn er Namen erdenken soll, da, wo schon wirkliche, und zwar schön und romantisch tönende, vorhanden sind, wie es hier der Fall war. Bezeichneter Herausgeber gedachte sich sehr gut mit dem: der Fürst, der Baron usw. herauszuhelfen, nun aber der alte Maler die geheimnisvollsten, verwackelten Familienverhältnisse ins klare stellt, sieht er wohl ein, daß er mit den allgemeinen Bezeichnungen nicht vermag, ganz verständlich zu werden. Er müßte den einfachen Chroniken-Choral des Malers mit allerlei Erklärungen und Zurechtweisungen, wie mit krausen Figuren, verschnörkeln und verbrämen. — Ich trete in die Person des Herausgebers, und bitte dich, günstiger Leser, du wolltest, ehe du weiter liesest, folgendes dir gütigst merken. Camillo, Fürst von P., tritt als Stammvater der Familie auf, aus der Francesko, des Medardus Vater, stammt. Theodor, Fürst von W., ist der Vater des Fürsten Alexander von W., an dessen Hofe sich Medardus aufhielt. Sein Bruder Albert, Fürst von W., vermählte sich mit der italienischen Prinzessin Giazinta B. Die Familie des Barons F. im Gebirge ist bekannt, und nur zu bemerken, daß die Baronesse von F. aus Italien abstammte, denn sie war die Tochter des Grafen Pietro S., eines Sohnes des Grafen Filippo S. Alles wird sich, lieber Leser, nun klärlich dartun, wenn du diese wenigen Vornamen und Buchstaben im Sinn behältst. Es folgt nunmehr, statt der Fortsetzung der Geschichte,

das Pergamentblatt des alten Malers.

— — — Und es begab sich, daß die Republik Genua, hart bedrängt von den algierischen Korsaren, sich an den großen Seehelden Camillo, Fürsten von P., wandte, daß er mit vier wohl ausgerüsteten und bemannten Galeonen einen Streifzug gegen die verwegenen Räuber unternehmen möge. Camillo, nach ruhmvollen Taten dürstend, schrieb sofort an seinen ältesten Sohn Francesko, daß er kommen möge, in des Vaters Abwesenheit das Land zu regieren. Francesko übte in Leonardo da Vincis Schule die Malerei, und der Geist der Kunst hatte sich seiner so ganz und gar bemächtigt, daß er nichts anderes denken konnte. Daher hielt er auch die Kunst höher, als alle Ehre und Pracht auf Erden, und alles übrige Tun und Treiben der Menschen erschien ihm als ein klägliches Bemühen um eitlen Tand. Er konnte von der Kunst und von dem Meister, der schon hoch in den Jahren war, nicht lassen, und schrieb daher dem Vater zurück, daß er wohl den Pinsel, aber nicht das Zepter zu führen verstehe, und bei Leonardo bleiben wolle. Da war der alte, stolze Fürst Camillo hoch erzürnt, schalt den Sohn einen unwürdigen Toren und schickte vertraute Diener ab, die den Sohn zurückbringen sollten. Als nun aber Francesko standhaft verweigerte, zurückzukehren, als er erklärte, daß ein Fürst, von allem Glanz des Throns umstrahlt, ihm nur ein elendiglich Wesen dünke gegen einen tüchtigen Maler, und daß die größten Kriegestaten nur ein grausames, irdisches Spiel wären, dagegen die Schöpfung des Malers die reine Abspiegelung des ihm inwohnenden göttlichen Geistes sei, da ergrimmte der Seeheld Camillo und schwur, daß er den Francesko verstoßen und seinem jüngern Bruder Zenobio die Nachfolge zusichern wolle. Francesko war damit gar zufrieden, ja er trat in einer Urkunde seinem jüngern Bruder die Nachfolge auf den fürstlichen Thron mit aller Form und Feierlichkeit ab, und so begab es sich, daß, als der alte Fürst Camillo in einem harten, blutigen Kampfe mit den Algierern sein Leben verloren hatte, Zenobio zur Regierung kam, Francesko dagegen, seinen fürstlichen Stand und Namen verleugnend, ein Maler wurde, und von einem kleinen Jahrgehalt, den ihm der regierende Bruder ausgesetzt, kümmerlich genug lebte. Francesko war sonst ein stolzer, übermütiger Jüngling gewesen, nur der alte Leonardo zähmte seinen wilden Sinn, und als Francesko dem fürstlichen Stand entsagt hatte, wurde er Leonardos frommer, treuer Sohn. Er half dem Alten manch wichtiges großes Werk vollenden, und es geschah, daß der Schüler, sich hinaufschwingend zu der Höhe des Meisters, berühmt wurde, und manches Altarblatt für Kirchen und Klöster malen mußte. Der alte Leonardo stand ihm treulich bei mit Rat und Tat, bis er denn endlich im hohen Alter starb. Da brach, wie ein lange mühsam unterdrücktes Feuer, in dem Jüngling Francesko wieder der Stolz und Übermut hervor. Er hielt sich für den größten Maler seiner Zeit und die erreichte Kunstvollkommenheit mit seinem Stande paarend, nannte er sich selbst den fürstlichen Maler. Von dem alten Leonardo sprach er verächtlich, und schuf, abweichend von dem frommen, einfachen Stil, sich eine neue Manier, die mit der Üppigkeit der Gestalten und dem prahlenden Farbenglanz die Augen der Menge verblendete, deren übertriebene Lobsprüche ihn immer eitler und übermütiger machten. Es geschah, daß er zu Rom unter wilde, ausschweifende Jünglinge geriet, und wie er nun in allem der erste und vorzüglichste zu sein begehrte, so war er bald im wilden Sturm des Lasters der rüstigste Segler. Ganz von der falschen, trügerischen Pracht des Heidentums verführt, bildeten die Jünglinge, an deren Spitze Francesko stand, einen geheimen Bund, in dem sie, das Christentum auf frevelige Weise verspottend, die Gebräuche der alten Griechen nachahmten und mit frechen Dirnen verruchte, sündhafte Feste feierten. Es waren Maler, aber noch mehr Bildhauer unter ihnen, die wollten nur von der antikischen Kunst etwas wissen und verlachten alles, was neue Künstler, von dem heiligen Christentum entzündet, zur Glorie desselben erfunden und herrlich ausgeführt hatten. Francesko malte in unheiliger Begeisterung viele Bilder aus der lügenhaften Fabelwelt. Keiner als er vermochte die buhlerische Üppigkeit der weiblichen Gestalten so wahrhaft darzustellen, indem er von lebenden Modellen die Karnation, von den alten Marmorbildern aber Form und Bildung entnahm. Statt, wie sonst, in den Kirchen und Klöstern sich an den herrlichen Bildern der alten frommen Meister zu erbauen, und sie mit künstlerischer Andacht aufzunehmen in sein Inneres, zeichnete er emsig die Gestalten der lügnerischen Heidengötter ab. Von keiner Gestalt war er aber so ganz und gar durchdrungen, als von einem berühmten Venusbilde, das er stets in Gedanken trug. Das Jahrgehalt, das Zenobio dem Bruder ausgesetzt hatte, blieb einmal länger als gewöhnlich aus, und so kam es, daß Francesko bei seinem wilden Leben, das ihm allen Verdienst schnell hinwegraffte, und das er doch nicht lassen wollte, in arge Geldnot geriet. Da gedachte er, daß vor langer Zeit ihm ein Kapuzinerkloster aufgetragen hatte, für einen hohen Preis das Bild der heiligen Rosalia zu malen, und er beschloß, das Werk, das er aus Abscheu gegen alle christliche Heiligen nicht unternehmen wollte, nun schnell zu vollenden um das Geld zu erhalten. Er gedachte die Heilige nackt, und in Form und Bildung des Gesichts jenem Venusbilde gleich, darzustellen. Der Entwurf geriet über die Maßen wohl, und die freveligen Jünglinge priesen hoch Franceskos verruchten Einfall, den frommen Mönchen, statt der christlichen Heiligen, ein heidnisches Götzenbild in die Kirche zu stellen. Aber wie Francesko zu malen begann, siehe, da gestaltete sich alles anders, als er es in Sinn und Gedanken getragen, und ein mächtigerer Geist überwältigte den Geist der schnöden Lüge, der ihn beherrscht hatte. Das Gesicht eines Engels aus dem hohen Himmelreiche fing an, aus düstern Nebeln hervor zu dämmern; aber als wie vor scheuer Angst, das Heilige zu verletzen und dann dem Strafgericht des Herrn zu erliegen, ergriffen, wagte Francesko nicht, das Gesicht zu vollenden, und um den nackt gezeichneten Körper legten in anmutigen Falten sich züchtige Gewänder, ein dunkelrotes Kleid und ein azurblauer Mantel. Die Kapuzinermönche hatten in dem Schreiben an den Maler Francesko nur des Bildes der heiligen Rosalia gedacht, ohne weiter zu bestimmen, ob dabei nicht eine denkwürdige Geschichte ihres Lebens der Vorwurf des Malers sein solle, und ebendaher hatte Francesko auch nur in der Mitte des Blatts die Gestalt der Heiligen entworfen; aber nun malte er, vom Geiste getrieben, allerlei Figuren rings umher, die sich wunderbarlich zusammenfügten, um das Martyrium der Heiligen darzustellen. Francesko war in sein Bild ganz und gar versunken, oder vielmehr das Bild war selbst der mächtige Geist geworden, der ihn mit starken Armen umfaßte und emporhielt über das frevelige Weltleben, das er bisher getrieben. Nicht zu vollenden vermochte er aber das Gesicht der Heiligen, und das wurde ihm zu einer höllischen Qual, die, wie mit spitzen Stacheln, in sein inneres Gemüt bohrte. Er gedachte nicht mehr des Venusbildes, wohl aber war es ihm, als sähe er den alten Meister Leonardo, der ihn anblickte mit kläglicher Gebärde und ganz ängstlich und schmerzlich sprach: „Ach, ich wollte dir wohl helfen, aber ich darf es nicht, du mußt erst entsagen allem sündhaften Streben, und in tiefer Reue und Demut die Fürbitte der Heiligen erflehen, gegen die du gefrevelt hast.“ — Die Jünglinge, welche Francesko so lange geflohen, suchten ihn auf in seiner Werkstatt und fanden ihn, wie einen ohnmächtigen Kranken, ausgestreckt auf seinem Lager liegen. Da aber Francesko ihnen seine Not klagte, wie er, als habe ein böser Geist seine Kraft gebrochen, nicht das Bild der heiligen Rosalia fertig zu machen vermöge, da lachten sie alle auf und sprachen: „Ei mein Bruder, wie bist du denn mit einem Mal so krank geworden? — Laßt uns dem Äskulap und der freundlichen Hygeia ein Weinopfer bringen, damit jener Schwache dort genese!“ Es wurde Syrakuser Wein gebracht, womit die Jünglinge die Trinkschalen füllten, und, vor dem unvollendeten Bilde den heidnischen Göttern Libationen darbringend, ausgossen. Aber als sie dann wacker zu zechen begannen und dem Francesko Wein darboten, da wollte dieser nicht trinken und nicht teilnehmen an dem Gelage der wilden Brüder, unerachtet sie Frau Venus hochleben ließen! Da sprach einer unter ihnen: „Der törichte Maler ist da wohl wirklich in seinen Gedanken und Gliedmaßen krank, und ich muß nur einen Doktor herbeiholen.“ Er warf seinen Mantel um, steckte seinen Stoßdegen an und schritt zur Türe hinaus. Es hatte aber nur wenige Augenblicke gedauert als er wieder hereintrat und sagte: „Ei seht doch nur, ich bin ja selbst schon der Arzt, der jenen Siechling dort heilen will.“ Der Jüngling, der gewiß einem alten Arzt in Gang und Stellung recht ähnlich zu sein begehrte, trippelte mit gekrümmten Knien einher, und hatte sein jugendliches Gesicht seltsamlich in Runzeln und Falten verzogen, so daß er anzusehen war, wie ein alter recht häßlicher Mann, und die Jünglinge sehr lachten und riefen: „Ei seht doch, was der Doktor für gelehrte Gesichter zu schneiden vermag!“ Der Doktor näherte sich dem kranken Francesko und sprach mit rauher Stimme und verhöhnendem Ton: „Ei, du armer Geselle, ich muß dich wohl aufrichten aus trübseliger Ohnmacht! — Ei, du erbärmlicher Geselle, wie siehst du doch so blaß und krank aus, der Frau Venus wirst du so nicht gefallen! — Kann sein, daß Donna Rosalia sich deiner annehmen wird, wenn du gesundet! — Du ohnmächtiger Geselle, nippe von meiner Wunderarzenei. Da du Heilige malen willst, wird dich mein Trank wohl zu erkräftigen vermögen, es ist Wein aus dem Keller des heiligen Antonius.“ Der angebliche Doktor hatte eine Flasche unter dem Mantel hervorgezogen, die er jetzt öffnete. Es stieg ein seltsamer Duft aus der Flasche, der die Jünglinge betäubte, so daß sie, wie von Schläfrigkeit übernommen, in die Sessel sanken und die Augen schlossen. Aber Francesko riß in wilder Wut, verhöhnt zu sein als ein ohnmächtiger Schwächling, die Flasche dem Doktor aus den Händen und trank in vollen Zügen. „Wohl bekomm dir’s,“ rief der Jüngling, der nun wieder sein jugendliches Gesicht und seinen kräftigen Gang angenommen hatte. Dann rief er die andern Jünglinge aus dem Schlafe auf, worin sie versunken, und sie taumelten mit ihm die Treppe hinab. — So wie der Berg Vesuv in wildem Brausen verzehrende Flammen aussprüht, so tobte es jetzt in Feuerströmen heraus aus Franceskos Innern. Alle heidnische Geschichten, die er jemals gemalt, sah er vor Augen, als ob sie lebendig geworden, und er rief mit gewaltiger Stimme: „Auch du mußt kommen, meine geliebte Göttin, du mußt leben und mein sein oder ich weihe mich den unterirdischen Göttern!“ Da erblickte er Frau Venus, dicht vor dem Bilde stehend und ihm freundlich zuwinkend. Er sprang auf von seinem Lager und begann an dem Kopfe der heiligen Rosalia zu malen, weil er nun der Frau Venus reizendes Angesicht ganz getreulich abzukonterfeien gedachte. Es war ihm so, als könne der feste Wille nicht gebieten der Hand, denn immer glitt der Pinsel ab von den Nebeln, in denen der Kopf der heiligen Rosalia eingehüllt war, und strich unwillkürlich an den Häuptern der barbarischen Männer, von denen sie umgeben. Und doch kam das himmlische Antlitz der Heiligen immer sichtbarlicher zum Vorschein und blickte den Francesko plötzlich mit solchen lebendigstrahlenden Augen an, daß er, wie von einem herabfahrenden Blitze tödlich getroffen, zu Boden stürzte. Als er wieder nur etwas weniges seiner Sinnen mächtig geworden, richtete er sich mühsam in die Höhe, er wagte jedoch nicht, nach dem Bilde, das ihm so schrecklich geworden, hinzublicken, sondern schlich mit gesenktem Haupte nach dem Tische, auf dem des Doktors Weinflasche stand, aus der er einen tüchtigen Zug tat. Da war Francesko wieder ganz erkräftigt, er schaute nach seinem Bilde, es stand, bis auf den letzten Pinselstrich vollendet, vor ihm, und nicht das Antlitz der heiligen Rosalia, sondern das geliebte Venusbild lachte ihn mit üppigem Liebesblicke an. In demselben Augenblick wurde Francesko von wilden, freveligen Trieben entzündet. Er heulte vor wahnsinniger Begier, er gedachte des heidnischen Bildhauers Pygmalion, dessen Geschichte er gemalt, und flehte so wie er zur Frau Venus, daß sie seinem Bilde Leben einhauchen möge. Bald war es ihm auch, als finge das Bild an sich zu regen, doch als er es in seine Arme fassen wollte, sah er wohl, daß es tote Leinewand geblieben. Dann zerraufte er sein Haar und gebärdete sich wie einer, der von dem Satan besessen. Schon zwei Tage und zwei Nächte hatte es Francesko so getrieben; am dritten Tage, als er, wie eine erstarrte Bildsäule vor dem Bilde stand, ging die Türe seines Gemachs auf, und es rauschte hinter ihm wie mit weiblichen Gewändern. Er drehte sich um und erblickte ein Weib, das er für das Original seines Bildes erkannte. Es wären ihm schier die Sinne vergangen, als er das Bild, welches er aus seinen innersten Gedanken nach einem Marmorbilde erschaffen, nun lebendig vor sich in aller nur erdenklichen Schönheit erblickte, und es wandelte ihn beinahe ein Grausen an, wenn er das Gemälde ansah, das nun wie eine getreuliche Abspiegelung des fremden Weibes erschien. Es geschah ihm dasjenige, was die wunderbarliche Erscheinung eines Geistes zu bewirken pflegt, die Zunge war ihm gebunden, und er fiel lautlos vor der Fremden auf die Knie und hob die Hände wie anbetend zu ihr empor. Das fremde Weib richtete ihn aber lächelnd auf und sagte ihm, daß sie ihn schon damals, als er in der Malerschule des alten Leonardo da Vinci gewesen, als ein kleines Mädchen oftmals gesehen und eine unsägliche Liebe zu ihm gefaßt habe. Eltern und Verwandte habe sie nun verlassen und sei allein nach Rom gewandert, um ihn wiederzufinden, da eine in ihrem Innern ertönende Stimme ihr gesagt habe, daß er sie sehr liebe und sie aus lauter Sehnsucht und Begierde abkonterfeit habe, was denn, wie sie jetzt sehe, auch wirklich wahr sei. Francesko merkte nun, daß ein geheimnisvolles Seelenverständnis mit dem fremden Weibe obgewaltet, und daß dieses Verständnis das wunderbare Bild und seine wahnsinnige Liebe zu demselben geschaffen hatte. Er umarmte das Weib voll inbrünstiger Liebe und wollte sie sogleich nach der Kirche führen, damit ein Priester sie durch das heilige Sakrament der Ehe auf ewig binde. Davor schien sich das Weib aber zu entsetzen, und sie sprach: „Ei, mein geliebter Francesko, bist du denn nicht ein wackrer Künstler, der sich nicht fesseln läßt von den Banden der christlichen Kirche? Bist du nicht mit Leib und Seele dem freudigen frischen Altertum und seinen dem Leben freundlichen Göttern zugewandt? Was geht unser Bündnis die traurigen Priester an, die in düstern Hallen ihr Leben in hoffnungsloser Klage verjammern? Laß uns heiter und hell das Fest unserer Liebe feiern.“ Francesko wurde von diesen Reden des Weibes verführt, und so geschah es, daß er mit den von sündigem, freveligem Leichtsinn befangenen Jünglingen, die sich seine Freunde nannten, noch an demselben Abende sein Hochzeitsfest mit dem fremden Weibe nach heidnischen Gebräuchen beging. Es fand sich, daß das Weib eine Kiste mit Kleinodien und barem Gelde mitgebracht hatte, und Francesko lebte mit ihr, in sündlichen Genüssen schwelgend, und seiner Kunst entsagend, lange Zeit hindurch. Das Weib fühlte sich schwanger und blühte nun erst immer herrlicher und herrlicher in leuchtender Schönheit auf, sie schien ganz und gar das erweckte Venusbild, und Francesko vermochte kaum, die üppige Lust seines Lebens zu ertragen. Ein dumpfes, angstvolles Stöhnen weckte in einer Nacht den Francesko aus dem Schlafe; als er erschrocken aufsprang und mit der Leuchte in der Hand nach seinem Weibe sah, hatte sie ihm ein Knäblein geboren. Schnell mußten die Diener eilen, um Wehmutter und Arzt herbeizurufen. Francesko nahm das Kind von dem Schoße der Mutter, aber in demselben Augenblick stieß das Weib einen entsetzlichen, durchdringenden Schrei aus und krümmte sich, wie von gewaltigen Fäusten gepackt, zusammen. Die Wehmutter kam mit ihrer Dienerin, ihr folgte der Arzt; als sie nun aber dem Weibe Hilfe leisten wollten, schauderten sie entsetzt zurück, denn das Weib war zum Tode erstarrt, Hals und Brust durch blaue, garstige Flecke verunstaltet, und statt des jungen schönen Gesichts erblickten sie ein gräßlich verzerrtes, runzliges Gesicht mit offnen herausstarrenden Augen. Auf das Geschrei, das die beiden Weiber erhoben, liefen die Nachbarsleute herzu, man hatte von jeher von dem fremden Weibe allerlei Seltsames gesprochen; die üppige Lebensart, die sie mit Francesko führte, war allen ein Greuel gewesen, und es stand daran, daß man ihr sündhaftes Beisammensein ohne priesterliche Einsegnung, den geistlichen Gerichten anzeigen wollte. Nun, als sie die gräßlich entstellte Tote sahen, war es allen gewiß, daß sie im Bündnis mit dem Teufel gelebt, der sich jetzt ihrer bemächtigt habe. Ihre Schönheit war nur ein lügnerisches Trugbild verdammter Zauberei gewesen. Alle Leute die gekommen, flohen erschreckt von dannen, keiner mochte die Tote anrühren. Francesko wußte nun wohl, mit wem er es zu tun gehabt hatte, und es bemächtigte sich seiner eine entsetzliche Angst. Alle seine Frevel standen ihm vor Augen, und das Strafgericht des Herrn begann hier schon auf Erden, die die Flammen der Hölle in seinem Innern aufloderten.

Des andern Tages kam ein Abgeordneter des geistlichen Gerichts mit den Häschern und wollte den Francesko verhaften, da erwachte aber sein Mut und stolzer Sinn, er ergriff seinen Stoßdegen, machte sich Platz und entrann. Eine gute Strecke von Rom fand er eine Höhle, in die er sich ermüdet und ermattet verbarg. Ohne sich dessen deutlich bewußt zu sein, hatte er das neugeborne Knäblein in den Mantel gewickelt und mit sich genommen. Voll wilden Ingrimms wollte er das von dem teuflischen Weibe ihm geborene Kind an den Steinen zerschmettern, aber indem er es in die Höhe hob, stieß es klägliche bittende Töne aus, und es wandelte ihn tiefes Mitleid an, er legte das Knäblein auf weiches Moos und tröpfelte ihm den Saft einer Pomeranze ein, die er bei sich getragen. Francesko hatte, gleich einem büßenden Einsiedler, mehrere Wochen in der Höhle zugebracht, und sich abwendend von dem sündlichen Frevel, in dem er gelebt, inbrünstig zu den Heiligen gebetet. Aber vor allen anderen rief er die von ihm schwer beleidigte Rosalia an, daß sie vor dem Throne des Herrn seine Fürsprecherin sein möge. Eines Abends lag Francesko, in der Wildnis betend, auf den Knien, und schaute in die Sonne, welche sich tauchte in das Meer, das in Westen seine roten Flammenwellen emporschlug. Aber, sowie die Flammen verblaßten im grauen Abendnebel, gewahrte Francesko in den Lüften einen leuchtenden Rosenschimmer, der sich bald zu gestalten begann. Von Engeln umgeben sah Francesko die heilige Rosalia, wie sie auf einer Wolke kniete, und ein sanftes Säuseln und Rauschen sprach die Worte: „Herr, vergib dem Menschen, der in seiner Schwachheit und Ohnmacht nicht zu widerstehen vermochte den Lockungen des Satans.“ Da zuckten Blitze durch den Rosenschimmer, und ein dumpfer Donner ging dröhnend durch das Gewölbe des Himmels: „Welcher sündige Mensch hat gleich diesem gefrevelt! Nicht Gnade, nicht Ruhe im Grabe soll er finden, solange der Stamm, den sein Verbrechen erzeugte, fortwuchert in freveliger Sünde!“ — — Francesko sank nieder in den Staub, denn er wußte wohl, daß nun sein Urteil gesprochen, und ein entsetzliches Verhängnis ihn trostlos umhertreiben werde. Er floh, ohne des Knäbleins in der Höhle zu gedenken, von dannen, und lebte, da er nicht mehr zu malen vermochte, im tiefen, jammervollen Elend. Manchmal kam es ihm in den Sinn, als müsse er, zur Glorie der christlichen Religion, herrliche Gemälde ausführen, und er dachte große Stücke in der Zeichnung und Färbung aus, die die heiligen Geschichten der Jungfrau und der heiligen Rosalia darstellen sollten; aber wie konnte er solche Malerei beginnen, da er keinen Skudo besaß, um Leinwand und Farben zu kaufen, und nur von dürftigen Almosen, an den Kirchentüren gespendet, sein qualvolles Leben durchbrachte. Da begab es sich, daß, als er einst in einer Kirche, die leere Wand anstarrend, in Gedanken malte, zwei in Schleier gehüllte Frauen auf ihn zutraten, von denen eine mit holder Engelsstimme sprach: „In dem fernen Preußen ist der Jungfrau Maria, da wo die Engel des Herrn ihr Bildnis auf einen Lindenbaum niedersetzten, eine Kirche erbaut worden, die noch des Schmuckes der Malerei entbehrt. Ziehe hin, die Ausübung deiner Kunst sei dir heilige Andacht, und deine zerrissene Seele wird gelabt werden mit himmlischem Trost.“ — Als Francesko aufblickte zu den Frauen, gewahrte er, wie sie in sanftleuchtenden Strahlen zerflossen, und ein Lilien-und Rosenduft die Kirche durchströmte. Nun wußte Francesko, wer die Frauen waren und wollte den andern Morgen seine Pilgerfahrt beginnen. Aber noch am Abende desselben Tages fand ihn, nach vielem Mühen, ein Diener Zenobios auf, der ihm ein zweijähriges Gehalt auszahlte, und ihn einlud an den Hof seines Herrn. Doch nur eine geringe Summe behielt Francesko, das übrige teilte er aus an die Armen und machte sich auf nach dem fernen Preußen. Der Weg führte ihn über Rom, und er kam in das nicht ferne davon gelegene Kapuzinerkloster, für welches er die heilige Rosalia gemalt hatte. Er sah auch das Bild in den Altar eingefügt, doch bemerkte er bei näherer Betrachtung, daß es nur eine Kopie seines Gemäldes war. Das Original hatten, wie er erfuhr, die Mönche nicht behalten wegen der sonderbaren Gerüchte, die man von dem entflohenen Maler verbreitete, aus dessen Nachlaß sie das Bild bekommen, sondern dasselbe nach gewonnener Kopie, an das Kapuzinerkloster in B. verkauft. Nach beschwerlicher Pilgerfahrt langte Francesko in dem Kloster der heiligen Linde in Ostpreußen an, und erfüllte den Befehl, den ihm die heilige Jungfrau selbst gegeben. Er malte die Kirche so wunderbarlich aus, daß er wohl einsah, wie der Geist der Gnade in ihm zu wirken beginne. Trost des Himmels floß in seine Seele.

Es begab sich, daß der Graf Filippo S. auf der Jagd in einer abgelegenen wilden Gegend von einem bösen Unwetter überfallen wurde. Der Sturm heulte durch die Klüfte, der Regen goß in Strömen herab, als solle in einer neuen Sündflut Mensch und Tier untergehen; da fand Graf Filippo eine Höhle, in die er sich, samt seinem Pferde, das er mühsam hineinzog, rettete. Schwarzes Gewölk hatte sich über den ganzen Horizont gelegt, daher war es, zumal in der Höhle, so finster, daß Graf Filippo nichts unterscheiden und nicht entdecken konnte, was dicht neben ihm so raschle und rausche. Er war voll Bangigkeit, daß wohl ein wildes Tier in der Höhle verborgen sein könne, und zog sein Schwert, um jeden Angriff abzuwehren. Als aber das Unwetter vorüber und die Sonnenstrahlen in die Höhle fielen, gewahrte er zu seinem Erstaunen, daß neben ihm auf einem Blätterlager ein nacktes Knäblein lag und ihn mit hellen, funkelnden Augen anschaute. Neben ihm stand ein Becher von Elfenbein, in dem der Graf Filippo noch einige Tropfen duftenden Weines fand, die das Knäblein begierig einsog. Der Graf ließ sein Horn ertönen, nach und nach sammelten sich seine Leute, die hierhin, dorthin geflüchtet waren, und man wartete auf des Grafen Befehl, ob sich nicht derjenige, der das Kind in die Höhle gelegt, einfinden würde, es abzuholen. Als nun aber die Nacht einzubrechen begann, da sprach der Graf Filippo: „Ich kann das Knäblein nicht hilflos liegen lassen, sondern will es mit mir nehmen, und daß ich dies getan, überall bekannt machen lassen, damit es die Eltern oder sonst einer, der es in die Höhle legte, von mir abfordern kann.“ Es geschah so; aber Wochen, Monate und Jahre vergingen, ohne daß sich jemand gemeldet hätte. Der Graf hatte dem Findling in heiliger Taufe den Namen Francesko geben lassen. Der Knabe wuchs heran und wurde an Gestalt und Geist ein wunderbarer Jüngling, den der Graf, seiner seltenen Gaben wegen, wie seinen Sohn liebte und ihm, da er kinderlos war, sein ganzes Vermögen zuzuwenden gedachte. Schon fünfundzwanzig Jahre war Francesko alt geworden, als der Graf Filippo in törichter Liebe zu einem armen bildschönen Fräulein entbrannte und sie heiratete, unerachtet sie blutjung, er aber schon sehr hoch in Jahren war. Francesko wurde alsbald von sündhafter Begier nach dem Besitze der Gräfin erfaßt, und unerachtet sie gar fromm und tugendhaft war, und nicht die geschworene Treue verletzen wollte, gelang es ihm doch endlich nach hartem Kampfe, sie durch teuflische Künste zu verstricken, so daß sie sich der freveligen Lust überließ, und er seinem Wohltäter mit schwarzem Undank und Verrat lohnte. Die beiden Kinder, Graf Pietro und Gräfin Angiola, die der greise Filippo in vollem Entzücken der Vaterfreude an sein Herz drückte, waren die Früchte des Frevels, der ihm, sowie der Welt, auf ewig verborgen blieb.

Von innerm Geiste getrieben, trat ich zu meinem Bruder Zenobio und sprach: „Ich habe dem Throne entsagt, und selbst dann, wenn du kinderlos vor mir sterben solltest, will ich ein armer Maler bleiben und mein Leben in stiller Andacht, die Kunst übend, hinbringen. Doch nicht fremdem Staat soll unser Ländlein anheim fallen. Jener Francesko, den der Graf Filippo S. erzogen, ist mein Sohn. Ich war es, der auf wilder Flucht ihn in der Höhle zurückließ, wo ihn der Graf fand. Auf dem elfenbeinernen Becher, der bei ihm stand, ist unser Wappen geschnitzt, doch noch mehr als das schützt des Jünglings Bildung, die ihn als aus unserer Familie abstammend, getreulich bezeichnet, vor jedem Irrtum. Nimm, mein Bruder Zenobio, den Jüngling als deinen Sohn auf, und er sei dein Nachfolger!“ — Zenobios Zweifel, ob der Jüngling Francesko in rechtmäßiger Ehe erzeugt sei, wurden durch die von dem Papst sanktionierte Adoptionsurkunde, die ich auswirkte, gehoben, und so geschah es, daß meines Sohnes sündhaftes, ehebrecherisches Leben endete und er bald in rechtmäßiger Ehe einen Sohn erzeugte, den er Paolo Francesko nannte. — Gewuchert hat der verbrecherische Stamm auf verbrecherische Weise. Doch, kann meines Sohnes Reue nicht seine Frevel sühnen? Ich stand vor ihm, wie das Strafgericht des Herrn, denn sein Innerstes lag vor mir offen und klar, und was der Welt verborgen, das sagte mir der Geist, der mächtig und mächtiger wird in mir, und mich emporhebt über den brausenden Wellen des Lebens, daß ich hinabzuschauen vermag in die Tiefe, ohne daß dieser Blick mich hinabzieht zum Tode.

Franceskos Entfernung brachte der Gräfin S. den Tod, denn nun erst erwachte sie zum Bewußtsein der Sünde, und nicht überstehen konnte sie den Kampf der Liebe zum Verbrecher, und der Reue über das, was sie begangen. Graf Filippo wurde neunzig Jahre alt, dann starb er als ein kindischer Greis. Sein vermeintlicher Sohn Pietro zog mit seiner Schwester Angiola an den Hof Franceskos, der dem Zenobio gefolgt war. Durch glänzende Feste wurde Paolo Franceskos Verlobung mit Vittoria, Fürstin von M., gefeiert, als aber Pietro die Braut in voller Schönheit erblickte, wurde er in heftiger Liebe entzündet, und ohne der Gefahr zu achten, bewarb er sich um Vittorias Gunst. Doch Paolo Franceskos Blicken entging Pietros Bestreben, da er selbst in seine Schwester Angiola heftig entbrannt war, die all’ sein Bemühen kalt zurückwies. Vittoria entfernte sich von dem Hofe, um, wie sie vorgab, noch vor ihrer Heirat in stiller Einsamkeit ein heiliges Gelübde zu erfüllen. Erst nach Ablauf eines Jahres kehrte sie zurück, die Hochzeit sollte vor sich gehen, und gleich nach derselben wollte Graf Pietro mit seiner Schwester Angiola nach seiner Vaterstadt zurückkehren. Paolo Franceskos Liebe zur Angiola war durch ihr stetes, standhaftes Widerstreben immer mehr entflammt worden, und artete jetzt aus in die wütende Begier des wilden Tieres, die er nur durch den Gedanken des Genusses zu bezähmen vermochte. — So geschah es, daß er durch den schändlichsten Verrat am Hochzeitstage, ehe er in die Brautkammer ging, Angiola in ihrem Schlafzimmer überfiel, und ohne daß sie zur Besinnung kam, denn Opiate hatte sie beim Hochzeitmahl bekommen, seine frevelige Lust befriedigte. Als Angiola durch die verruchte Tat dem Tode nahe gebracht wurde, da gestand der von Gewissensbissen gefolterte Paolo Francesko ein, was er begangen. Im ersten Aufbrausen des Zorns wollte Pietro den Verräter niederstoßen, aber gelähmt sank sein Arm nieder, da er daran dachte, daß seine Rache der Tat vorangegangen. Die kleine Giazinta, Fürstin von B., allgemein für die Tochter der Schwester Vittorias geltend, war die Frucht des geheimen Verständnisses, das Pietro mit Paolo Franceskos Braut unterhalten hatte. Pietro ging mit Angiola nach Deutschland, wo sie einen Sohn gebar, den man Franz nannte und sorgfältig erziehen ließ. Die schuldlose Angiola tröstete sich endlich über den entsetzlichen Frevel, und blühte wieder auf in gar herrlicher Anmut und Schönheit. So kam es, daß der Fürst Theodor von W. eine gar heftige Liebe zu ihr faßte, die sie aus tiefer Seele erwiderte. Sie wurde in kurzer Zeit seine Gemahlin, und Graf Pietro vermählte sich zu gleicher Zeit mit einem deutschen Fräulein, mit der er eine Tochter erzeugte, so wie Angiola dem Fürsten zwei Söhne gebar. Wohl konnte sich die fromme Angiola ganz rein im Gewissen fühlen, und doch versank sie oft in düsteres Nachdenken, wenn ihr, wie ein böser Traum, Paolo Franceskos verruchte Tat in den Sinn kam, ja es war ihr oft zu Mute, als sei selbst die bewußtlos begangene Sünde strafbar, und würde gerächt werden an ihr und ihren Nachkommen. Selbst die Beichte und vollständige Absolution konnte sie nicht beruhigen. Wie eine himmlische Eingebung kam ihr nach langer Qual der Gedanke, daß sie alles ihrem Gemahl entdecken müsse. Unerachtet sie wohl sich des schweren Kampfes versah, den ihr das Geständnis des von dem Bösewicht Paolo Francesko verübten Frevels kosten würde, so gelobte sie sich doch feierlich, den schweren Schritt zu wagen, und sie hielt, was sie gelobt hatte. Mit Entsetzen vernahm Fürst Theodor die verruchte Tat, sein Inneres wurde heftig erschüttert, und der tiefe Ingrimm schien selbst der schuldlosen Gemahlin bedrohlich zu werden. So geschah es, daß sie einige Monate auf einem entfernten Schloß zubrachte; während der Zeit bekämpfte der Fürst die bittern Empfindungen, die ihn quälten, und es kam so weit, daß er nicht allein versöhnt der Gemahlin die Hand bot, sondern auch, ohne daß sie es wußte, für Franzens Erziehung sorgte. Nach dem Tode des Fürsten und seiner Gemahlin, wußte nur Graf Pietro und der junge Fürst Alexander von W. um das Geheimnis von Franzens Geburt. Keiner der Nachkömmlinge des Malers wurde jenem Francesko, den Graf Filippo erzog, so ganz und gar ähnlich an Geist und Bildung als dieser Franz. Ein wunderbarer Jüngling vom höheren Geiste belebt, feurig und rasch in Gedanken und Tat. Mag des Vaters, mag des Ahnherrn Sünde nicht auf ihm lasten, mag er widerstehen den bösen Verlockungen des Satans. Ehe Fürst Theodor starb, reisten seine beiden Söhne Alexander und Johann nach dem schönen Welschland, doch nicht sowohl offenbare Uneinigkeit, als verschiedene Neigung, verschiedenes Streben war die Ursache, daß die beiden Brüder sich in Rom trennten. Alexander kam an Paolo Franceskos Hof, und faßte solche Liebe zu Paolos jüngster mit Vittoria erzeugten Tochter, daß er sich ihr zu vermählen gedachte. Fürst Theodor wies indessen mit einem Abscheu, der dem Fürsten Alexander unerklärlich war, die Verbindung zurück, und so kam, daß erst nach Theodors Tode Fürst Alexander sich mit Paolo Franceskos Tochter vermählte. Prinz Johann hatte auf dem Heimwege seinen Bruder Franz kennen gelernt, und fand an dem Jünglinge, dessen nahe Verwandtschaft mit ihm er nicht ahnte, solches Behagen, daß er sich nicht mehr von ihm trennen mochte. Franz war die Ursache, daß der Prinz, statt heimzukehren nach der Residenz des Bruders, nach Italien zurückging. Das ewige unerforschliche Verhängnis wollte es, daß beide, Prinz Johann und Franz, Vittorias und Pietros Tochter Giazinta sahen, und beide in heftiger Liebe zu ihr entbrannten. — Das Verbrechen keimt, wer vermag zu widerstehen den dunkeln Mächten.

Wohl waren die Sünden und Frevel meiner Jugend entsetzlich, aber durch die Fürsprache der Gebenedeiten und der heiligen Rosalia bin ich errettet vom ewigen Verderben, und es ist mir vergönnt, die Qualen der Verdammnis zu erdulden hier auf Erden, bis der verbrecherische Stamm verdorret ist und keine Früchte mehr trägt. Über geistige Kräfte gebietend drückt mich die Last des Irdischen nieder, und das Geheimnis der düstern Zukunft ahnend, blendet mich der trügerische Farbenglanz des Lebens, und das blöde Auge verwirrt sich in zerfließenden Bildern, ohne daß es die wahre innere Gestaltung zu erkennen vermag! — Ich erblicke oft den Faden, den die dunkle Macht, sich auflehnend gegen das Heil meiner Seele, fortspinnt, und glaube töricht ihn erfassen, ihn zerreißen zu können. Aber dulden soll ich, und gläubig und fromm in fortwährender reuiger Buße die Marter ertragen, die mir auferlegt worden, um meine Missetaten zu sühnen. Ich habe den Prinzen und Franz von Giazinta weggescheucht, aber der Satan ist geschäftig, dem Franz das Verderben zu bereiten, dem er nicht entgehen wird. — Franz kam mit dem Prinzen an den Ort, wo sich Graf Pietro mit seiner Gemahlin und seiner Tochter Aurelie, die eben fünfzehn Jahr alt worden, aufhielt. So wie der verbrecherische Vater Paolo Francesko in wilder Begier entbrannte, als er Angiola sah, so loderte das Feuer verbotener Lust auf in dem Sohn, als er das holde Kind Aurelie erblickte. Durch allerlei teuflische Künste der Verführung wußte er die fromme kaum erblühte Aurelie zu umstricken, daß sie mit ganzer Seele ihm sich ergab, und sie hatte gesündigt, ehe der Gedanke der Sünde aufgegangen in ihrem Innern. Als die Tat nicht mehr verschwiegen bleiben konnte, da warf er sich, wie voll Verzweiflung über das, was er begangen, der Mutter zu Füßen und gestand alles. Graf Pietro, unerachtet selbst in Sünde und Frevel befangen, hätte Franz und Aurelie ermordet. Die Mutter ließ den Franz ihren gerechten Zorn fühlen, indem sie ihn mit der Drohung, die verruchte Tat dem Grafen Pietro zu entdecken, auf immer aus ihren und der verführten Tochter Augen verbannte. Es gelang der Gräfin, die Tochter den Augen des Grafen zu entziehen, und sie gebar an entferntem Orte ein Töchterlein. Aber Franz konnte nicht lassen von Aurelien, er erfuhr ihren Aufenthalt, eilte hin und trat in das Zimmer, als eben die Gräfin, verlassen vom Hausgesinde, neben dem Bette der Tochter saß und das Töchterlein, das erst acht Tage alt worden, auf dem Schoße hielt. Die Gräfin stand voller Schreck und Entsetzen über den unvermuteten Anblick des Bösewichts auf, und gebot ihm, das Zimmer zu verlassen. „Fort... fort, sonst bist du verloren; Graf Pietro weiß, was du Verruchter begangen!“ So rief sie, um dem Franz Furcht einzujagen, und drängte ihn nach der Türe; da übermannte den Franz wilde, teuflische Wut, er riß der Gräfin das Kind vom Arme, versetzte ihr einen Faustschlag vor die Brust, daß sie rücklings niederstürzte, und rannte fort. Als Aurelie aus tiefer Ohnmacht erwachte, war die Mutter nicht mehr am Leben, die tiefe Kopfwunde (sie war auf einen mit Eisen beschlagenen Kasten gestürzt) hatte sie getötet. Franz hatte im Sinn, das Kind zu ermorden, er wickelte es in Tücher, lief am finstern Abend die Treppe hinab und wollte eben zum Hause hinaus, als er ein dumpfes Wimmern vernahm, das aus einem Zimmer des Erdgeschosses zu kommen schien. Unwillkürlich blieb er stehen, horchte und schlich endlich jenem Zimmer näher. In dem Augenblick trat eine Frau, welche er für die Kinderwärterin der Baronesse S., in deren Hause er wohnte, erkannte, unter kläglichem Jammern heraus. Franz frug, weshalb sie sich so gebärde? „Ach Herr,“ sagte die Frau, „mein Unglück ist gewiß, soeben saß die kleine Euphemie auf meinem Schoße und juchzte und lachte, aber mit einemmal läßt sie das Köpfchen sinken und ist tot. — Blaue Flecken hat sie auf der Stirn, und so wird man mir Schuld geben, daß ich sie habe fallen lassen!“ — Schnell trat Franz hinein, und als er das tote Kind erblickte, gewahrte er, wie das Verhängnis das Leben seines Kindes wollte, denn es war mit der toten Euphemie auf wunderbare Weise gleich gebildet und gestaltet. Die Wärterin, vielleicht nicht so unschuldig an dem Tode des Kindes als sie vorgab, und bestochen durch Franzens reichliches Geschenk, ließ sich den Tausch gefallen; Franz wickelte nun das tote Kind in die Tücher und warf es in den Strom. Aureliens Kind wurde als die Tochter der Baronesse von S., Euphemie mit Namen, erzogen und der Welt blieb das Geheimnis ihrer Geburt verborgen. Die Unselige wurde nicht durch das Sakrament der heiligen Taufe in den Schoß der Kirche aufgenommen, denn getauft war schon das Kind, dessen Tod ihr Leben erhielt. Aurelie hatte sich nach mehreren Jahren mit dem Baron von S. vermählt; zwei Kinder, Hermogen und Aurelie sind die Frucht dieser Vermählung.

Die ewige Macht des Himmels hatte es mir vergönnt, daß, als der Prinz mit Francesko (so nannte er den Franz auf italienische Weise) nach der Residenzstadt des fürstlichen Bruders zu gehen gedachte, ich zu ihnen treten und mitziehen durfte. Mit kräftigem Arm wollte ich den schwankenden Francesko erfassen, wenn er sich dem Abgrunde nahte, der sich vor ihm aufgetan. Törichtes Beginnen des ohnmächtigen Sünders, der noch nicht Gnade gefunden vor dem Throne des Herrn! — Francesko ermordete den Bruder, nachdem er an Giazinta verruchten Frevel geübt! Franceskos Sohn ist der unselige Knabe, den der Fürst unter dem Namen des Grafen Viktorin erziehen läßt. Der Mörder Francesko gedachte sich zu vermählen mit der frommen Schwester der Fürstin, aber ich vermochte dem Frevel vorzubeugen in dem Augenblick, als er begangen werden sollte an heiliger Stätte.

Wohl bedurfte es des tiefen Elends, in das Franz versank — nachdem er, gefoltert von dem Gedanken nie abzubüßender Sünde, entflohen — um ihn zur Reue zu wenden. Von Gram und Krankheit gebeugt kam er auf der Flucht zu einem Landmann, der ihn freundlich aufnahm. Des Landmanns Tochter, eine fromme, stille Jungfrau, faßte wunderbare Liebe zu dem Fremden, und pflegte ihn sorglich. So geschah es, daß, als Francesko genesen, er der Jungfrau Liebe erwiderte, und sie wurden durch das heilige Sakrament der Ehe vereinigt. Es gelang ihm, durch seine Klugheit und Wissenschaft sich aufzuschwingen und des Vaters nicht geringen Nachlaß reichlich zu vermehren, so daß er viel irdischen Wohlstand genoß. Aber unsicher und eitel ist das Glück des mit Gott nicht versöhnten Sünders. Franz sank zurück in die bitterste Armut und tötend war sein Elend, denn er fühlte, wie Geist und Körper hinschwanden in kränkelnder Siechheit. Sein Leben wurde eine fortwährende Bußübung. Endlich sandte ihm der Himmel einen Strahl des Trostes. — Er soll pilgern nach der heiligen Linde und dort wird ihm die Geburt eines Sohnes die Gnade des Herrn verkünden.

In dem Walde, der das Kloster zur heiligen Linde umschließt, trat ich zu der bedrängten Mutter, als sie über dem neugeborenen vaterlosen Knäblein weinte, und erquickte sie mit Worten des Trostes. —

Wunderbar geht die Gnade des Herrn auf, dem Kinde, das geboren wird in dem segensreichen Heiligtum der Gebenedeiten! Oftmals begibt es sich, daß das Jesuskindlein sichtbarlich zu ihm tritt und früh in dem kindischen Gemüt den Funken der Liebe entzündet. —

Die Mutter hatte in heiliger Taufe dem Knaben des Vaters Namen, Franz, geben lassen! — Wirst du es denn sein, Franziskus, der, an heiliger Stätte geboren, durch frommen Wandel den verbrecherischen Ahnherrn entsündigt und ihm Ruhe schafft im Grabe? Fern von der Welt und ihren verführerischen Lockungen, soll der Knabe sich ganz dem Himmlischen zuwenden. Er soll geistlich werden. So hat es der heilige Mann, der wunderbaren Trost in meine Seele goß, der Mutter verkündet, und es mag wohl die Prophezeiung der Gnade sein, die mich mit wundervoller Klarheit erleuchtet, so daß ich in meinem Innern das lebendige Bild der Zukunft zu erschauen vermeine.

Ich sehe den Jüngling den Todeskampf streiten mit der finstern Macht, die auf ihn eindringt mit furchtbarer Waffe! — Er fällt, doch ein göttlich Weib erhebt über sein Haupt die Siegeskrone! — Es ist die heilige Rosalie selbst, die ihn errettet! — So oft es mir die ewige Macht des Himmels vergönnt, will ich dem Knaben, dem Jünglinge, dem Mann nahe sein und ihn schützen, wie es die mir verliehene Kraft vermag. — Er wird sein wie —

Anmerkung des Herausgebers.

Hier wird, günstiger Leser! die halb erloschene Schrift des alten Malers so undeutlich, daß weiter etwas zu entziffern, ganz unmöglich ist. Wir kehren zu dem Manuskript des merkwürdigen Kapuziners Medardus zurück.

3. Abschnitt — Die Rückkehr in das Kloster

Es war so weit gekommen, daß überall, wo ich mich in den Straßen von Rom blicken ließ, einzelne aus dem Volk stillstanden, und in gebeugter, demütiger Stellung um meinen Segen baten. Mocht’ es sein, daß meine strengen Bußübungen, die ich fortsetzte, schon Aufsehen erregten, aber gewiß war es, daß meine fremdartige, wunderliche Erscheinung den lebhaften fantastischen Römern bald zu einer Legende werden mußte, und daß sie mich vielleicht, ohne daß ich es ahnte, zu dem Helden irgend eines frommen Märchens erhoben hatten. Oft weckten mich bange Seufzer und das Gemurmel leiser Gebete aus tiefer Betrachtung, in die ich, auf den Stufen des Altars liegend, versunken, und ich bemerkte dann, wie rings um mich her Andächtige knieten, und meine Fürbitte zu erflehen schienen. So wie in jenem Kapuzinerkloster, hörte ich hinter mir rufen: il Santo! — und schmerzhafte Dolchstiche fuhren durch meine Brust. Ich wollte Rom verlassen, doch wie erschrak ich, als der Prior des Klosters, in dem ich mich aufhielt, mir ankündigte, daß der Papst mich hätte zu sich entbieten lassen. Düstre Ahnungen stiegen in mir auf, daß vielleicht aufs neue die böse Macht in feindlichen Verkettungen mich festzubannen trachte, indessen faßte ich Mut, und ging zur bestimmten Stunde nach dem Vatikan. Der Papst, ein wohlgebildeter Mann, noch in den Jahren der vollen Kraft, empfing mich auf einem reich verzierten Lehnstuhl sitzend. Zwei wunderschöne, geistlich gekleidete Knaben bedienten ihn mit Eiswasser und durchfächelten das Zimmer mit Reiherbüschen, um, da der Tag überheiß war, die Kühle zu erhalten. Demütig trat ich auf ihn zu und machte die gewöhnliche Kniebeugung. Er sah mich scharf an, der Blick hatte aber etwas Gutmütiges und statt des strengen Ernstes, der sonst, wie ich aus der Ferne wahrzunehmen geglaubt, auf seinem Gesicht ruhte, ging ein sanftes Lächeln durch alle Züge. Er frug, woher ich käme, was mich nach Rom gebracht — kurz das gewöhnlichste über meine persönlichen Verhältnisse, und stand dann auf, indem er sprach: „Ich ließ Euch rufen, weil man mir von Eurer seltenen Frömmigkeit erzählt. — Warum, Mönch Medardus, treibst du deine Andachtsübungen öffentlich vor dem Volk in den besuchtesten Kirchen? — Gedenkst du zu erscheinen als ein Heiliger des Herrn und angebetet zu werden von dem fanatischen Pöbel, so greife in deine Brust und forsche wohl, wie der innerste Gedanke beschaffen, der dich so zu handeln treibt. — Bist du nicht rein vor dem Herrn und vor mir, seinem Statthalter, so nimmst du bald ein schmähliches Ende, Mönch Medardus!“ — Diese Worte sprach der Papst mit starker, durchdringender Stimme, und wie treffende Blitze funkelte es aus seinen Augen. Nach langer Zeit zum erstenmal fühlte ich mich nicht der Sünde schuldig, der ich angeklagt wurde, und so mußte es wohl kommen, daß ich nicht allein meine Fassung behielt, sondern auch von dem Gedanken, daß meine Buße aus wahrer, innerer Zerknirschung hervorgegangen, erhoben wurde, und wie ein Begeisterter zu sprechen vermochte: „Ihr hochheiliger Statthalter des Herrn, wohl ist Euch die Kraft verliehen, in mein Inneres zu schauen; wohl mögt Ihr es wissen, daß zentnerschwer mich die unsägliche Last meiner Sünden zu Boden drückt, aber ebenso werdet Ihr die Wahrheit meiner Reue erkennen. Fern von mir ist der Gedanke schnöder Heuchelei, fern von mir jede ehrgeizige Absicht, das Volk zu täuschen auf verruchte Weise. — Vergönnt es dem büßenden Mönche, o hochheiliger Herr! daß er in kurzen Worten sein verbrecherisches Leben, aber auch das, was er in der tiefsten Reue und Zerknirschung begonnen, Euch enthülle!“ — So fing ich an, und erzählte nun, ohne Namen zu nennen und so gedrängt als möglich meinen Lebenslauf. Aufmerksamer und aufmerksamer wurde der Papst. Er setzte sich in den Lehnstuhl und stützte den Kopf in die Hand; er sah zur Erde nieder, dann fuhr er plötzlich in die Höhe; die Hände übereinander geschlagen und mit dem rechten Fuß ausschreitend, als wolle er auf mich zu treten, starrte er mich an mit glühenden Augen. Als ich geendet, setzte er sich aufs neue. „Eure Geschichte, Mönch Medardus!“ fing er an, „ist die verwunderlichste, die ich jemals vernommen. — Glaubt Ihr an die offenbare sichtliche Einwirkung einer bösen Macht, die die Kirche Teufel nennt?“ — Ich wollte antworten, der Papst fuhr fort: „Glaubt Ihr, daß der Wein, den Ihr aus der Reliquienkammer stahlt und austranket, Euch zu den Freveln trieb, die Ihr beginget?“ — „Wie ein von giftigen Dünsten geschwängertes Wasser gab er Kraft dem bösen Keim, der in mir ruhete, daß er fortzuwuchern vermochte!“ — Als ich dies erwidert, schwieg der Papst einige Augenblicke, dann fuhr er mit ernstem, in sich gekehrtem Blick fort: „Wie, wenn die Natur die Regel des körperlichen Organismus auch im geistigen befolgte, daß gleicher Keim nur Gleiches zu gebären vermag?... Wenn Neigung und Wollen, — wie die Kraft, die im Kern erschlossen, des hervorschießenden Baumes Blätter wieder grün färbt — sich fortpflanzte von Vätern zu Vätern, alle Willkür aufgebend?... Es gibt Familien von Mördern, von Räubern!... Das wäre die Erbsünde, des frevelhaften Geschlechts ewiger, durch kein Sühnopfer vertilgbarer Fluch!“ — „Muß der vom Sünder Geborne wieder sündigen, vermöge des vererbten Organism, dann gibt es keine Sünde,“ so unterbrach ich den Papst. „Doch!“ sprach er, „der ewige Geist schuf einen Riesen, der jenes blinde Tier, das in uns wütet, zu bändigen und in Fesseln zu schlagen vermag. Bewußtsein heißt dieser Riese, aus dessen Kampf mit dem Tier sich die Spontaneität erzeugt. Des Riesen Sieg ist die Tugend, der Sieg des Tieres die Sünde.“ Der Papst schwieg einige Augenblicke, dann heiterte sein Blick sich auf, und er sprach mit sanfter Stimme: „Glaubt Ihr, Mönch Medardus, daß es für den Statthalter des Herrn schicklich sei, mit Euch über Tugend und Sünde zu vernünfteln?“ — „Ihr habt, hochheiliger Herr,“ erwiderte ich, „Euren Diener gewürdigt Eure tiefe Ansicht des menschlichen Seins zu vernehmen, und wohl mag es Euch ziemen, über den Kampf zu sprechen, den Ihr längst, herrlich und glorreich siegend, geendet.“ — „Du hast eine gute Meinung von mir, Bruder Medardus,“ sprach der Papst, „oder glaubst du, daß die Tiara der Lorbeer sei, der mich als Helden und Sieger der Welt verkündet?“ — „Es ist“, sprach ich, „wohl etwas Großes, König sein und herrschen über ein Volk. So im Leben hochgestellt, mag alles rings umher näher zusammengerückt in jedem Verhältnis kommensurabler erscheinen, und eben durch die hohe Stellung sich die wunderbare Kraft des Überschauens entwickeln, die, wie eine höhere Weihe, sich kundtut im gebornen Fürsten.“ — „Du meinst,“ fiel der Papst ein, „daß selbst den Fürsten, die schwach an Verstande und Willen, doch eine gewisse wunderliche Sagazität beiwohne, die füglich für Weisheit geltend, der Menge zu imponieren vermag. Aber wie gehört das hierher?“ — „Ich wollte,“ fuhr ich fort, „von der Weihe der Fürsten reden, deren Reich von dieser Welt ist, und dann von der heiligen, göttlichen Weihe des Statthalters des Herrn. Auf geheimnisvolle Weise erleuchtet der Geist des Herrn die im Konklave eingeschlossenen hohen Priester. Getrennt, in einzelnen Gemächern frommer Betrachtung hingegeben, befruchtet der Strahl des Himmels das nach der Offenbarung sich sehnende Gemüt, und ein Name erschallt, wie ein, die ewige Macht lobpreisender Hymnus, von den begeisterten Lippen. — Nur kund getan in irdischer Sprache wird der Beschluß der ewigen Macht, die sich ihren würdigen Statthalter auf Erden erkor, und so, hochheiliger Herr! ist Eure Krone, im dreifachen Ringe das Mysterium Eures Herrn, des Herrn der Welten, verkündend, in der Tat der Lorbeer, der Euch als Helden und Sieger darstellt. — Nicht von dieser Welt ist Euer Reich, und doch seid Ihr berufen zu herrschen über alle Reiche dieser Erde, die Glieder der unsichtbaren Kirche sammelnd unter der Fahne des Herrn! — Das weltliche Reich, das Euch beschieden, ist nur Euer in himmlischer Pracht blühender Thron.“ — „Das gibst du zu,“ unterbrach mich der Papst, — „das gibst du zu, Bruder Medardus, daß ich Ursache habe, mit diesem mir beschiedenen Thron zufrieden zu sein. Wohl ist meine blühende Roma geschmückt mit himmlischer Pracht, das wirst du auch wohl fühlen, Bruder Medardus! hast du deinen Blick nicht ganz dem Irdischen verschlossen... Doch das glaub’ ich nicht... Du bist ein wackerer Redner und hast mir zum Sinn gesprochen... Wir werden uns, merk’ ich, näher verständigen!... Bleibe hier!... In einigen Tagen bist du vielleicht Prior, und später könnt’ ich dich wohl gar zu meinem Beichtvater erwählen... Gehe... gebärde dich weniger närrisch in den Kirchen, zum Heiligen schwingst du dich nun einmal nicht hinauf — der Kalender ist vollzählig. Gehe.“ — Des Papstes letzte Worte verwunderten mich ebenso, wie sein ganzes Betragen überhaupt, das ganz dem Bilde widersprach, wie es sonst von dem Höchsten der christlichen Gemeinde, dem die Macht gegeben zu binden und zu lösen, in meinem Innern aufgegangen war. Es war mir nicht zweifelhaft, daß er alles, was ich von der hohen Göttlichkeit seines Berufs gesprochen, für eine leere, listige Schmeichelei gehalten hatte. Er ging von der Idee aus, daß ich mich hatte zum Heiligen aufschwingen wollen, und daß ich, da er mir aus besonderen Gründen den Weg dazu versperren mußte, nun gesonnen war, mir auf andere Weise Ansehen und Einfluß zu verschaffen. Auf dieses wollte er wieder aus besonderen mir unbekannten Gründen eingehen.

Ich beschloß, — ohne daran zu denken, daß ich ja, ehe der Papst mich rufen ließ, Rom hatte verlassen wollen — meine Andachtsübungen fortzusetzen. Doch nur zu sehr im Innern fühlte ich mich bewegt, um wie sonst mein Gemüt ganz dem Himmlischen zuwenden zu können. Unwillkürlich dachte ich selbst im Gebet an mein früheres Leben; erblaßt war das Bild meiner Sünden und nur das Glänzende der Laufbahn, die ich als Liebling eines Fürsten begonnen, als Beichtiger des Papstes fortsetzen, und wer weiß auf welcher Höhe enden werde, stand grell leuchtend vor meines Geistes Augen. So kam es, daß ich, nicht weil es der Papst verboten, sondern unwillkürlich meine Andachtsübungen einstellte, und statt dessen in den Straßen von Rom umherschlenderte. Als ich eines Tages über den spanischen Platz ging, war ein Haufen Volks um den Kasten eines Puppenspielers versammelt. Ich vernahm Pulcinells komisches Gequäke und das wiehernde Gelächter der Menge. Der erste Akt war geendet, man bereitete sich auf den zweiten vor. Die kleine Decke flog auf, der junge David erschien mit seiner Schleuder und dem Sack voll Kieselsteinen. Unter possierlichen Bewegungen versprach er, daß nunmehr der ungeschlachte Riese Goliath ganz gewiß erschlagen und Israel errettet werden solle. Es ließ sich ein dumpfes Rauschen und Brummen hören. Der Riese Goliath stieg empor mit einem ungeheuren Kopfe. — Wie erstaunte ich, als ich auf den ersten Blick in dem Goliathskopf den närrischen Belcampo erkannte. Dicht unter dem Kopf hatte er mittels einer besonderen Vorrichtung einen kleinen Körper mit Ärmchen und Beinchen angebracht, seine eigenen Schultern und Arme aber durch eine Draperie versteckt, die wie Goliaths breit gefalteter Mantel anzusehen war. Goliath hielt, mit den seltsamsten Grimassen und groteskem Schütteln des Zwergleibes, eine stolze Rede, die David nur zuweilen durch ein feines Kichern unterbrach. Das Volk lachte unmäßig, und ich selbst, wunderlich angesprochen von der neuen, fabelhaften Erscheinung Belcampos, ließ mich fortreißen und brach aus in das längst ungewohnte Lachen der innern kindischen Lust. — Ach, wie oft war sonst mein Lachen nur der konvulsivische Krampf der innern herzzerreißenden Qual. Dem Kampf mit dem Riesen ging eine lange Disputation voraus, und David bewies überaus künstlich und gelehrt, warum er den furchtbaren Gegner totschmeißen müsse und werde. Belcampo ließ alle Muskeln seines Gesichts wie knisternde Lauffeuer spielen, und dabei schlugen die Riesenärmchen nach dem kleiner als kleinen David, der geschickt unterzuducken wußte und dann hier und da, ja selbst aus Goliaths eigner Mantelfalte zum Vorschein kam. Endlich flog der Kiesel an Goliaths Haupt, er sank hin und die Decke fiel. Ich lachte immer mehr, durch Belcampos tollen Genius gereizt, überlaut, da klopfte jemand leise auf meine Schulter. Ein Abbate stand neben mir. „Es freut mich,“ fing er an, „daß Ihr, mein ehrwürdiger Herr, nicht die Lust am Irdischen verloren habt. Beinahe traute ich Euch, nachdem ich Eure merkwürdigen Andachtsübungen gesehen, nicht mehr zu, daß Ihr über solche Torheiten zu lachen vermöchtet.“ Es war mir, als der Abbate dieses sprach, als müßte ich mich meiner Lustigkeit schämen, und unwillkürlich sprach ich, was ich gleich darauf schwer bereute gesprochen zu haben. „Glaubt mir, mein Herr Abbate,“ sagte ich, „daß dem, der in dem buntesten Wogenspiel des Lebens ein rüstiger Schwimmer war, nie die Kraft gebricht, aus dunkler Flut aufzutauchen und mutig sein Haupt zu erheben.“ Der Abbate sah mich mit blitzenden Augen an. „Ei,“ sprach er, „wie habt Ihr das Bild so gut erfunden und ausgeführt. Ich glaube Euch jetzt zu kennen ganz und gar, und bewundere Euch aus tiefstem Grunde meiner Seele.“

„Ich weiß nicht, mein Herr! wie ein armer büßender Mönch Eure Bewunderung zu erregen vermochte!“

„Vortrefflich, Ehrwürdigster! — Ihr fallt zurück in Eure Rolle! — Ihr seid des Papstes Liebling?“

„Dem hochheiligen Statthalter des Herrn hat es gefallen, mich seines Blicks zu würdigen. — Ich habe ihn verehrt im Staube, wie es der Würde, die ihm die ewige Macht verlieh, als sie himmlisch reine Tugend bewährt fand in seinem Innern, geziemt.“

„Nun, du ganz würdiger Vasall an dem Thron des dreifach Gekrönten, du wirst tapfer tun, was deines Amtes ist! — Aber glaube mir, der jetzige Statthalter des Herrn ist ein Kleinod der Tugend gegen Alexander den sechsten, und da magst du dich vielleicht doch verrechnet haben! — Doch — spiele deine Rolle — ausgespielt ist bald, was munter und lustig begann. — Lebt wohl, mein sehr ehrwürdiger Herr!“

Mit gellendem Hohngelächter sprang der Abbate von dannen, erstarrt blieb ich stehen. Hielt ich seine letzte Äußerung mit meinen eignen Bemerkungen über den Papst zusammen, so mußte es mir wohl klar aufgehen, daß er keineswegs der nach dem Kampf mit dem Tier gekrönte Sieger war, für den ich ihn gehalten, und ebenso mußte ich auf entsetzliche Weise mich überzeugen, daß, wenigstens dem eingeweihten Teil des Publikums, meine Buße als ein heuchlerisches Bestreben erschienen war, mich auf diese oder jene Weise aufzuschwingen. Verwundet bis tief in das Innerste, kehrte ich in mein Kloster zurück und betete inbrünstig in der einsamen Kirche. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und ich erkannte bald die Versuchung der finstern Macht, die mich aufs neue zu verstricken getrachtet hatte, aber auch zugleich meine sündige Schwachheit und die Strafe des Himmels. — Nur schnelle Flucht konnte mich retten, und ich beschloß mit dem frühesten Morgen mich auf den Weg zu machen. Schon war beinahe die Nacht eingebrochen, als die Hausglocke des Klosters stark angezogen wurde. Bald darauf trat der Bruder Pförtner in meine Zelle und berichtete, daß ein seltsam gekleideter Mann durchaus begehre mich zu sprechen. Ich ging nach dem Sprachzimmer, es war Belcampo, der nach seiner tollen Weise auf mich zusprang, bei beiden Armen mich packte, und mich schnell in einen Winkel zog. „Medardus,“ fing er leise und eilig an, „Medardus, du magst es nun anstellen wie du willst, um dich zu verderben, die Narrheit ist hinter dir her auf den Flügeln des Westwindes — Südwindes oder auch Süd-Südwest — oder sonst, und packt dich, ragt auch nur noch ein Zipfel deiner Kutte hervor aus dem Abgrunde, und zieht dich herauf — O Medardus, erkenne das — erkenne was Freundschaft ist, erkenne was Liebe vermag, glaube an David und Jonathan, liebster Kapuziner!“ — „Ich habe Sie als Goliath bewundert,“ fiel ich dem Schwätzer in die Rede, „aber sagen Sie mir schnell, worauf es ankommt — was Sie zu mir hertreibt?“ — „Was mich hertreibt?“ sprach Belcampo, „was mich hertreibt? — Wahnsinnige Liebe zu einem Kapuziner, dem ich einst den Kopf zurechtsetzte, der umherwarf mit blutiggoldenen Dukaten — der Umgang hatte mit scheußlichen Revenants — der, nachdem er was weniges gemordet hatte — die Schönste der Welt heiraten wollte, bürgerlicher oder vielmehr adliger Weise.“ — „Halt ein,“ rief ich, „halt ein, du grauenhafter Narr! Gebüßt habe ich schwer, was du mir vorwirfst im freveligen Mutwillen.“ — „O Herr,“ fuhr Belcampo fort, „noch ist die Stelle so empfindlich, wo Euch die feindliche Macht tiefe Wunden schlug? — Ei, so ist Eure Heilung noch nicht vollbracht. — Nun ich will sanft und ruhig sein, wie ein frommes Kind, ich will mich bezähmen, ich will nicht mehr springen, weder körperlich noch geistig, und Euch, geliebter Kapuziner, bloß sagen, daß ich Euch hauptsächlich Eurer sublimen Tollheit halber so zärtlich liebe, und da es überhaupt nützlich ist, daß jedes tolle Prinzip so lange lebe und gedeihe auf Erden als nur immer möglich, so rette ich dich aus jeder Todesgefahr, in die du mutwilligerweise dich begibst. In meinem Puppenkasten habe ich ein Gespräch belauscht, das dich betrifft. Der Papst will dich zum Prior des hiesigen Kapuzinerklosters und zu seinem Beichtiger erheben. Fliehe schnell, schnell fort von Rom, denn Dolche lauern auf dich. Ich kenne den Bravo, der dich ins Himmelreich spedieren soll. Du bist dem Dominikaner, der jetzt des Papstes Beichtiger ist, und seinem Anhange im Wege. — Morgen darfst du nicht mehr hier sein.“ — Diese neue Begebenheit konnte ich gar gut mit den Äußerungen des unbekannten Abbate zusammenreimen; so betroffen war ich, daß ich kaum bemerkte, wie der possierliche Belcampo mich ein Mal über das andere an das Herz drückte und endlich mit seinen gewöhnlichen seltsamen Grimassen und Sprüngen Abschied nahm. —

Mitternacht mochte vorüber sein, als ich die äußere Pforte des Klosters öffnen und einen Wagen dumpf über das Pflaster des Hofes hereinrollen hörte. Bald darauf kam es den Gang herauf; man klopfte an meine Zelle, ich öffnete und erblickte den Pater Guardian, dem ein tief vermummter Mann mit einer Fackel folgte. „Bruder Medardus,“ sprach der Guardian, „ein Sterbender verlangt in der Todesnot Euern geistlichen Zuspruch und die letzte Ölung. Tut was Eures Amtes ist und folgt diesem Mann, der Euch dorthin führen wird, wo man Eurer bedarf.“ — Mich überlief ein kalter Schauer, die Ahnung, daß man mich zum Tode führen wolle, regte sich in mir auf; doch durfte ich mich nicht weigern und folgte daher dem Vermummten, der den Schlag des Wagens öffnete, und mich nötigte einzusteigen. Im Wagen fand ich zwei Männer, die mich in ihre Mitte nahmen. Ich frug, wo man mich hinführen wolle? — wer gerade von mir Zuspruch und letzte Ölung verlange? — Keine Antwort! In tiefem Schweigen ging es fort durch mehrere Straßen. Ich glaubte an dem Klange wahrzunehmen, daß wir schon außerhalb Roms waren, doch bald vernahm ich deutlich, daß wir durch ein Tor und dann wieder durch gepflasterte Straßen fuhren. Endlich hielt der Wagen, und schnell wurden mir die Hände gebunden und eine dicke Kappe fiel über mein Gesicht. „Euch soll nichts Böses widerfahren,“ sprach eine rauhe Stimme, „nur schweigen müßt ihr über alles, was Ihr sehen und hören werdet, sonst ist Euer augenblicklicher Tod gewiß.“ — Man hob mich aus dem Wagen, Schlösser klirrten, und ein Tor dröhnte auf in schweren, ungefügigen Angeln. Man führte mich durch lange Gänge und endlich Treppen hinab — tiefer und tiefer. Der Schall der Tritte überzeugte mich, daß wir uns in Gewölben befanden, deren Bestimmung der durchdringende Totengeruch verriet. Endlich stand man still — die Hände wurden mir losgebunden, die Kappe mir vom Kopfe gezogen. Ich befand mich in einem geräumigen, von einer Ampel schwach beleuchteten Gewölbe, ein schwarz vermummter Mann, wahrscheinlich derselbe, der mich hergeführt hatte, stand neben mir, rings umher saßen auf niedrigen Bänken Dominikanermönche. Der grauenhafte Traum, den ich einst in dem Kerker träumte, kam mir in den Sinn, ich hielt meinen qualvollen Tod für gewiß, doch blieb ich gefaßt und betete inbrünstig im stillen, nicht um Rettung, sondern um ein seliges Ende. Nach einigen Minuten düstern ahnungsvollen Schweigens trat einer der Mönche auf mich zu und sprach mit dumpfer Stimme: „Wir haben einen Eurer Ordensbrüder gerichtet, Medardus! Das Urteil soll vollstreckt werden. Von Euch, einem heiligen Manne, erwartet er Absolution und Zuspruch im Tode! — Geht und tut was Eures Amtes ist.“ Der Vermummte, welcher neben mir stand, faßte mich unter den Arm und führte mich weiter fort, durch einen engen Gang in ein kleines Gewölbe. Hier lag in einem kleinen Winkel auf dem Strohlager ein bleiches, abgezehrtes, mit Lumpen behängtes Gerippe. Der Vermummte setzte die Lampe, die er mitgebracht, auf den steinernen Tisch in der Mitte des Gewölbes und entfernte sich. Ich nahte mich dem Gefangenen, er drehte sich mühsam nach mir um; ich erstarrte, als ich die ehrwürdigen Züge des frommen Cyrillus erkannte. Ein himmlisches, verklärtes Lächeln überflog sein Gesicht. „So haben mich,“ fing er mit matter Stimme an, „die entsetzlichen Diener der Hölle, welche hier hausen, doch nicht getäuscht. Durch sie erfuhr ich, daß du, mein lieber Bruder Medardus, dich in Rom befändest, und als ich mich so sehnte nach dir, weil ich großes Unrecht an dir verübt habe, da versprachen sie mir, sie wollten dich zu mir führen in der Todesstunde. Die ist nun wohl gekommen und sie haben Wort gehalten.“ Ich kniete nieder bei dem frommen, ehrwürdigen Greis, ich beschwor ihn, mir nur vor allen Dingen zu sagen, wie es möglich gewesen sei, ihn einzukerkern, ihn zum Tode zu verdammen. „Mein lieber Bruder Medardus,“ sprach Cyrill, „erst nachdem ich reuig bekannt, wie sündlich ich aus Irrtum an dir gehandelt, erst wenn du mich mit Gott versöhnt, darf ich von meinem Elende, von meinem irdischen Untergange zu dir reden! — Du weißt, daß ich, und mit mir unser Kloster, dich für den verruchtesten Sünder gehalten; die ungeheuersten Frevel hattest du (so glaubten wir) auf dein Haupt geladen, und ausgestoßen hatten wir dich aus aller Gemeinschaft. Und doch war es nur ein verhängnisvoller Augenblick, in dem der Teufel dir die Schlinge über den Hals warf und dich fortriß von der heiligen Stätte in das sündliche Weltleben. Dich um deinen Namen, um dein Kleid, um deine Gestalt betrügend, beging ein teuflischer Heuchler jene Untaten, die dir beinahe den schmachvollen Tod des Mörders zugezogen hätten. Die ewige Macht hat es auf wunderbare Weise offenbart, daß du zwar leichtsinnig sündigtest, indem dein Trachten darauf ausging, dein Gelübde zu brechen, daß du aber rein bist von jenen entsetzlichen Freveln. Kehre zurück in unser Kloster, Leonardus, die Brüder werden dich, den verloren Geglaubten, mit Liebe und Freudigkeit aufnehmen. — O Medardus...“ — Der Greis, von Schwäche übermannt, sank in eine tiefe Ohnmacht. Ich widerstand der Spannung, die seine Worte, welche eine neue, wunderbare Begebenheit zu verkünden schienen, in mir erregt hatten, und nur an ihn, an das Heil seiner Seele denkend, suchte ich, von allen andern Hilfsmitteln entblößt, ihn dadurch ins Leben zurückzurufen, daß ich langsam und leise Kopf und Brust mit meiner rechten Hand anstrich, eine in unsern Klöstern übliche Art, Todkranke aus der Ohnmacht zu wecken. Cyrillus erholte sich bald, und beichtete mir, er der Fromme, dem freveligen Sünder! — Aber es war, als würde, indem ich den Greis, dessen höchste Vergehen nur in Zweifeln bestanden, die ihm hie und da aufgestoßen, absolvierte, von der hohen ewigen Macht ein Geist des Himmels in mir entzündet, und als sei ich nur das Werkzeug, das körpergewordene Organ, dessen sich jene Macht bediene, um schon hienieden zu dem noch nicht entbundenen Menschen menschlich zu reden. Cyrillus hob den andachtsvollen Blick zum Himmel und sprach: „O, mein Bruder Medardus, wie haben mich deine Worte erquickt! — Froh gehe ich dem Tode entgegen, den mir verruchte Bösewichter bereitet! Ich falle, ein Opfer der gräßlichen Falschheit und Sünde, die den Thron des dreifach Gekrönten umgibt.“ — Ich vernahm dumpfe Tritte, die näher und näher kamen, die Schlüssel rasselten im Schloß der Türe. Cyrillus raffte sich mit Gewalt empor, erfaßte meine Hand und rief mir ins Ohr: „Kehre in unser Kloster zurück — Leonardus ist von allem unterrichtet, er weiß, wie ich sterbe — beschwöre ihn, über meinen Tod zu schweigen. — Wie bald hätte mich ermatteten Greis auch sonst der Tod ereilt — Lebe wohl, mein Bruder! — Bete für das Heil meiner Seele! — Ich werde bei euch sein, wenn ihr im Kloster mein Totenamt haltet. Gelobe mir, daß du hier über alles was du erfahren, schweigen willst, denn du führst nur dein Verderben herbei und verwickelst unser Kloster in tausend schlimme Händel!“ — Ich tat es, Vermummte waren hereingetreten, sie hoben den Greis aus dem Bette und schleppten ihn, der vor Mattigkeit nicht fortzuschreiten vermochte, durch den Gang nach dem Gewölbe, in dem ich früher gewesen. Auf den Wink des Vermummten war ich gefolgt, die Dominikaner hatten einen Kreis geschlossen, in den man den Greis brachte und auf ein Häufchen Erde, das man in der Mitte aufgeschüttet, niederknien hieß. Man hatte ihm ein Kruzifix in die Hand gegeben. Ich war, weil ich es meines Amts hielt, mit in den Kreis getreten und betete laut. Ein Dominikaner ergriff mich beim Arm und zog mich beiseite. In dem Augenblick sah ich in der Hand eines Vermummten, der hinterwärts in den Kreis getreten, ein Schwert blitzen und Cyrillus’ blutiges Haupt rollte zu meinen Füßen hin. — Ich sank bewußtlos nieder. Als ich wieder zu mir selbst kam, befand ich mich in einem kleinen, zellenartigen Zimmer. Ein Dominikaner trat auf mich zu und sprach mit hähmischem Lächeln: „Ihr seid wohl recht erschrocken, mein Bruder, und solltet doch billig Euch erfreuen, da Ihr mit eignen Augen ein schönes Martyrium angeschaut habt. So muß man ja wohl es nennen, wenn ein Bruder aus Euerm Kloster den verdienten Tod empfängt, denn ihr seid wohl alle samt und sonders Heilige?“ — „Nicht Heilige sind wir,“ sprach ich, „aber in unserm Kloster wurde noch nie ein Unschuldiger ermordet! — Entlaßt mich — ich habe mein Amt vollbracht mit Freudigkeit! — Der Geist des Verklärten wird mir nahe sein, wenn ich fallen sollte in die Hände verruchter Mörder!“ — „Ich zweifle gar nicht,“ sprach der Dominikaner, „daß der selige Bruder Cyrillus Euch in dergleichen Fällen beizustehen imstande sein wird, wollet aber doch, lieber Bruder, seine Hinrichtung nicht etwa einen Mord nennen? — Schwer hatte sich Cyrillus versündigt an dem Statthalter des Herrn, und dieser selbst war es, der seinen Tod befahl. — Doch er muß Euch ja wohl alles gebeichtet haben, unnütz ist es daher, mit Euch darüber zu sprechen, nehmt lieber dieses zur Stärkung und Erfrischung, Ihr seht ganz blaß und verstört aus.“ Mit diesen Worten reichte mir der Dominikaner einen kristallenen Pokal, in dem ein dunkelroter, stark duftender Wein schäumte. Ich weiß nicht, welche Ahnung mich durchblitzte, als ich den Pokal an den Mund brachte. — Doch war es gewiß, daß ich denselben Wein roch, den mir einst Euphemie in jener verhängnisvollen Nacht kredenzte, und unwillkürlich, ohne deutlichen Gedanken, goß ich ihn aus in den linken Ärmel meines Habits, indem ich, wie von der Ampel geblendet, die linke Hand vor die Augen hielt. „Wohl bekomm’ es Euch,“ rief der Dominikaner, indem er mich schnell zur Türe hinausschob. — Man warf mich in den Wagen, der zu meiner Verwunderung leer war, und zog mit mir von dannen. Die Schrecken der Nacht, die geistige Anspannung, der tiefe Schmerz über den unglücklichen Cyrill warfen mich in einen betäubten Zustand, so daß ich mich ohne zu widerstehen hingab, als man mich aus dem Wagen herausriß und ziemlich unsanft auf den Boden fallen ließ. Der Morgen brach an, und ich sah mich an der Pforte des Kapuzinerklosters liegen, dessen Glocke ich, als ich mich aufgerichtet hatte, anzog. Der Pförtner erschrak über mein bleiches, verstörtes Ansehen und mochte dem Prior die Art, wie ich zurückgekommen, gemeldet haben, denn gleich nach der Frühmesse trat dieser mit besorglichem Blick in meine Zelle. Auf sein Fragen erwiderte ich nur im allgemeinen, daß der Tod dessen, den ich absolvieren müssen, zu gräßlich gewesen sei, um mich nicht im Innersten aufzuregen, aber bald konnte ich vor dem wütenden Schmerz, den ich am linken Arme empfand, nicht weiter reden, ich schrie laut auf. Der Wundarzt des Klosters kam, man riß mir den fest am Fleisch klebenden Ärmel herab, und fand den ganzen Arm wie von einer ätzenden Materie zerfleischt und zerfressen. — „Ich habe den Wein trinken sollen — ich habe ihn in den Ärmel gegossen,“ stöhnte ich, ohnmächtig von der entsetzlichen Qual! — „Ätzendes Gift war in dem Weine,“ rief der Wundarzt, und eilte, Mittel anzuwenden, die wenigstens bald den wütenden Schmerz linderten. Es gelang der Geschicklichkeit des Wundarztes und der sorglichen Pflege, die mir der Prior angedeihen ließ, den Arm, der erst abgenommen werden sollte, zu retten, aber bis auf den Knochen dorrte das Fleisch ein und alle Kraft der Bewegung hatte der feindliche Schierlingstrank gebrochen. „Ich sehe nur zu deutlich,“ sprach der Prior, „was es mit jener Begebenheit, die Euch um Euern Arm brachte, für eine Bewandtnis hat. Der fromme Bruder Cyrillus verschwand aus unserm Kloster und aus Rom auf unbegreifliche Weise, und auch Ihr, lieber Bruder Medardus, werdet auf dieselbe Weise verloren gehen, wenn Ihr Rom nicht alsbald verlasset. Auf verschiedene verdächtige Weise erkundigte man sich nach Euch, während der Zeit als Ihr krank lagt, und nur meiner Wachsamkeit und der Einigkeit der frommgesinnten Bruder möget ihr es verdanken, daß Euch der Mord nicht bis in Eure Zelle verfolgte. So wie Ihr überhaupt mir ein verwunderlicher Mann zu sein scheint, den überall verhängnisvolle Bande umschlingen, so seid Ihr auch seit der kurzen Zeit Eures Aufenthalts in Rom gewiß wider Euren Willen viel zu merkwürdig geworden, als daß es gewissen Personen nicht wünschenswert sein sollte, Euch aus dem Wege zu räumen. Kehrt zurück in Euer Vaterland, in Euer Kloster! — Friede sei mit Euch!“ —

Ich fühlte wohl, daß, solange ich mich in Rom befände, mein Leben in steter Gefahr bleiben müsse, aber zu dem peinigenden Andenken an alle begangenen Frevel, das die strengste Buße nicht zu vertilgen vermocht hatte, gesellte sich der körperliche, empfindliche Schmerz des abwelkenden Armes, und so achtete ich ein qualvolles, sieches Dasein nicht, das ich durch einen schnell mir gegebenen Tod wie eine drückende Bürde fahren lassen konnte. Immer mehr gewöhnte ich mich an den Gedanken, eines gewaltsamen Todes zu sterben, und er erschien mir bald sogar als ein glorreiches, durch meine strenge Buße erworbenes Märtyrertum. Ich sah mich selbst, wie ich zu den Pforten des Klosters hinausschritt, und wie eine finstre Gestalt mich schnell mit einem Dolch durchbohrte. Das Volk versammelte sich um den blutigen Leichnam — „Medardus — der fromme, büßende Medardus ist ermordet!“ — So rief man durch die Straßen und dichter und dichter drängten sich die Menschen, laut wehklagend um den Entseelten. — Weiber knieten nieder und trockneten mit weißen Tüchern die Wunde, aus der das Blut hervorquoll. Da sieht eine das Kreuz an meinem Halse, laut schreit sie auf: „Er ist ein Märtyrer, ein Heiliger — seht hier das Zeichen des Herrn, das er am Halse trägt, — da wirft sich alles auf die Knie. — Glücklich, der den Körper des Heiligen berühren, der nur sein Gewand erfassen kann! — schnell ist eine Bahre gebracht, der Körper hinaufgelegt, mit Blumen bekränzt und im Triumphzuge unter lautem Gesang und Gebet tragen ihn Jünglinge nach St. Peter! — So arbeitete meine Fantasie ein Gemälde aus, das meine Verherrlichung hienieden mit lebendigen Farben darstellte, und nicht gedenkend, nicht ahnend, wie der böse Geist des sündlichen Stolzes mich auf neue Weise zu verlocken trachte, beschloß ich, nach meiner völligen Genesung in Rom zu bleiben, meine bisherige Lebensweise fortzusetzen, und so entweder glorreich zu sterben oder, durch den Papst meinen Feinden entrissen, emporzusteigen zu hohen Würden der Kirche. — Meine starke lebenskräftige Natur ließ mich endlich den namenlosen Schmerz ertragen, und widerstand der Einwirkung des höllischen Safts, der von außen her mein Inneres zerrütten wollte. Der Arzt versprach meine baldige Herstellung, und in der Tat empfand ich nur in den Augenblicken jenes Delirierens, das dem Einschlafen vorherzugehen pflegt, fieberhafte Anfälle, die mit kalten Schauern und fliegender Hitze wechselten. Gerade in diesen Augenblicken war es, als ich, ganz erfüllt von dem Bilde meines Martyriums, mich selbst, wie es schon oft geschehen, durch einen Dolchstich in der Brust ermordet schaute. Doch, statt daß ich mich sonst gewöhnlich auf dem spanischen Platz niedergestreckt und bald von einer Menge Volks, die meine Heiligsprechung verbreitete, umgeben sah, lag ich einsam in einem Laubgange des Klostergartens in B. — Statt des Blutes quoll ein ekelhafter, farbloser Saft aus der weit aufklaffenden Wunde und eine Stimme sprach: „Ist das Blut vom Märtyrer vergossen? — Doch ich will das unreine Wasser klären und färben, und dann wird das Feuer, welches über das Licht gesiegt, ihn krönen!“ Ich war es, der dies gesprochen, als ich mich aber von meinem toten Selbst getrennt fühlte, merkte ich wohl, daß ich der wesenlose Gedanke meines Ichs sei, und bald erkannte ich mich als das im Äther schwimmende Rot. Ich schwang mich auf zu den leuchtenden Bergspitzen — ich wollte einziehn durch das Tor goldner Morgenwolken in die heimatliche Burg, aber Blitze durchkreuzten, gleich im Feuer auflodernden Schlangen, das Gewölbe des Himmels, und ich sank herab, ein feuchter, farbloser Nebel. Ich — ich, sprach der Gedanke, ich bin es, der Eure Blumen — Euer Blut färbt — Blumen und Blut sind Euer Hochzeitsschmuck, den ich bereite! — Sowie ich tiefer und tiefer niederfiel, erblickte ich die Leiche mit weitaufklaffender Wunde in der Brust, aus der jenes unreine Wasser in Strömen floß. Mein Hauch sollte das Wasser umwandeln in Blut, doch geschah es nicht, die Leiche richtete sich auf und starrte mich an mit hohlen, gräßlichen Augen und heulte wie der Nordwind in tiefer Kluft: Verblendeter, törichter Gedanke, kein Kampf zwischen Licht und Feuer, aber das Licht ist die Feuertaufe durch das Rot, das du zu vergiften trachtest — Die Leiche sank nieder; alle Blumen auf der Flur neigten verwelkt ihre Häupter, Menschen, bleichen Gespenstern ähnlich, warfen sich zur Erde und ein tausendstimmiger trostloser Jammer stieg in die Lüfte: „O Herr, Herr! ist so unermeßlich die Last unsrer Sünde, daß du Macht gibst dem Feinde unseres Blutes Sühnopfer zu ertöten?“ Stärker und stärker, wie des Meeres brausende Welle, schwoll die Klage! — der Gedanke wollte zerstäuben in dem gewaltigen Ton des trostlosen Jammers, da wurde ich wie durch einen elektrischen Schlag emporgerissen aus dem Traum. Die Turmglocke des Klosters schlug zwölfe, ein blendendes Licht fiel aus den Fenstern der Kirche in meine Zelle. „Die Toten richten sich auf aus den Gräbern und halten Gottesdienst.“ So sprach es in meinem Innern und ich begann zu beten. Da vernahm ich leises Klopfen. Ich glaubte, irgend ein Mönch wolle zu mir herein, aber mit tiefem Entsetzen hörte ich bald jenes grauenvolle Kichern und Lachen meines gespenstischen Doppelgängers, und es rief neckend und höhnend: — „Brüderchen... Brüderchen... Nun bin ich wieder bei dir... die Wunde blutet... die Wunde blutet... rot... rot... Komm mit mir, Brüderchen Medardus! Komm mit mir!“ — Ich wollte aufspringen vom Lager, aber das Grausen hatte seine Eisdecke über mich geworfen und jede Bewegung die ich versuchte, wurde zum innern Krampf, der die Muskeln zerschnitt. Nur der Gedanke blieb und war ein inbrünstiges Gebet, daß ich errettet werden möge von den dunklen Mächten, die aus der offenen Höllenpforte auf mich eindrangen. Es geschah, daß ich mein Gebet, nur im Innern gedacht, laut und vernehmlich hörte, wie es Herr wurde über das Klopfen und Kichern und unheimliche Geschwätz des furchtbaren Doppelgängers, aber zuletzt sich verlor in ein seltsames Summen, wie wenn der Südwind Schwärme feindlicher Insekten geweckt hat, die giftige Saugrüssel ansetzen an die blühende Saat. Zu jener trostlosen Klage der Menschen wurde das Summen, und meine Seele frug, ist das nicht der weissagende Traum, der sich auf deine blutende Wunde heilend und tröstend legen will? — In dem Augenblicke brach der Purpurschimmer des Abendrots durch den düstern, farblosen Nebel, aber in ihm erhob sich eine hohe Gestalt. — Es war Christus, aus jeder seiner Wunden perlte ein Tropfen Bluts und wiedergegeben war der Erde das Rot, und der Menschen Jammer wurde ein jauchzender Hymnus, denn das Rot war die Gnade des Herrn, die über ihnen aufgegangen! Nur Medardus’ Blut floß noch farblos aus der Wunde, und er flehte inbrünstig: „Soll auf der ganzen weiten Erde ich, ich allein nur trostlos der ewigen Qual der Verdammnis preisgegeben bleiben?“ da regte es sich in den Büschen — eine Rose, von himmlischer Glut hoch gefärbt, streckte ihr Haupt empor und schaute den Medardus an mit englisch mildem Lächeln, und süßer Duft umfing ihn, und der Duft war das wunderbare Leuchten des reinsten Frühlingsäthers. „Nicht das Feuer hat gesiegt, kein Kampf zwischen Licht und Feuer. — Feuer ist das Wort, das den Sündigen erleuchtet.“ — Es war, als hätte die Rose diese Worte gesprochen, aber die Rose war ein holdes Frauenbild. — In weißem Gewande, Rosen in das dunkle Haar geflochten, trat sie mir entgegen. — „Aurelie“, schrie ich auf, aus dem Traume erwachend; ein wunderbarer Rosengeruch erfüllte die Zelle und für Täuschung meiner aufgeregten Sinne mußt’ ich es wohl halten, als ich deutlich Aureliens Gestalt wahrzunehmen glaubte, wie sie mich mit ernsten Blicken anschaute und dann in den Strahlen des Morgens, die in die Zelle fielen, zu verduften schien. — Nun erkannte ich die Versuchung des Teufels und meine sündige Schwachheit. Ich eilte herab und betete inbrünstig am Altar der heiligen Rosalia. — Keine Kasteiung, — keine Buße im Sinn des Klosters; aber als die Mittagssonne senkrecht ihre Strahlen herabschoß, war ich schon mehrere Stunden von Rom entfernt. — Nicht nur Cyrillus’ Mahnung, sondern eine innere, unwiderstehliche Sehnsucht nach der Heimat, trieb mich fort auf demselben Pfade, den ich bis nach Rom durchwandert. Ohne es zu wollen hatte ich, indem ich meinem Beruf entfliehen wollte, den geradesten Weg nach dem mir von dem Prior Leonardus bestimmten Ziel genommen. —

Ich vermied die Residenz des Fürsten, nicht weil ich fürchtete, erkannt zu werden und aufs neue dem Kriminalgericht in die Hände zu fallen, aber wie konnte ich ohne herzzerreißende Erinnerung den Ort betreten, wo ich in frevelnder Verkehrtheit nach einem irdischen Glück zu trachten mich vermaß, dem ich Gottgeweihter ja entsagt hatte — ach, wo ich, dem ewigen reinen Geist der Liebe abgewandt, für des Lebens höchsten Lichtpunkt, in dem das Sinnliche und Übersinnliche in einer Flamme auflodert, den Moment der Befriedigung des irdischen Triebes nahm; wo mir die rege Fülle des Lebens, genährt von seinem eigenen üppigen Reichtum, als das Prinzip erschien, das sich kräftig auflehnen müsse gegen jenes Aufstreben nach dem Himmlischen, das ich nur unnatürliche Selbstverleugnung nennen konnte! — Aber noch mehr! — tief im Innern fühlte ich, trotz der Erkräftigung, die mir durch unsträflichen Wandel, durch anhaltende schwere Buße werden sollte, die Ohnmacht, einen Kampf glorreich zu bestehen, zu dem mich jene dunkle, grauenvolle Macht, deren Einwirkung ich nur zu oft, zu schreckbar gefühlt, unversehends aufreizen könne. — Aurelien wiedersehen! — vielleicht in voller Anmut und Schönheit prangend! — Konnt’ ich das ertragen, ohne übermannt zu werden von dem Geist des Bösen, der wohl noch mit den Flammen der Hölle mein Blut aufkochte, daß es zischend und gärend durch die Adern strömte. — Wie oft erschien mir Aureliens Gestalt, aber wie oft regten sich dabei Gefühle in meinem Innersten, deren Sündhaftigkeit ich erkannte und mit aller Kraft des Willens vernichtete. Nur in dem Bewußtsein alles dessen, woraus die hellste Aufmerksamkeit auf mich selbst hervorging, und dem Gefühl meiner Ohnmacht, die mich den Kampf vermeiden hieß, glaubte ich die Wahrhaftigkeit meiner Buße zu erkennen, und tröstend war die Überzeugung, daß wenigstens der höllische Geist des Stolzes, die Vermessenheit, es aufzunehmen mit den dunklen Mächten, mich verlassen habe. Bald war ich im Gebirge, und eines Morgens tauchte aus dem Nebel des vor mir liegenden Tals ein Schloß auf, das ich näher schreitend wohl erkannte. Ich war auf dem Gute des Barons von F. Die Anlagen des Parks waren verwildert, die Gänge verwachsen und mit Unkraut bedeckt; auf dem sonst so schönen Rasenplatz vor dem Schlosse weidete in dem hohen Grase Vieh — die Fenster des Schlosses hin und wieder zerbrochen — der Aufgang verfallen. — Keine menschliche Seele ließ sich blicken. — Stumm und starr stand ich da in grauenvoller Einsamkeit. Ein leises Stöhnen drang aus einem noch ziemlich erhaltenen Boskett, und ich wurde einen alten, eisgrauen Mann gewahr, der in dem Boskett saß, und mich, unerachtet ich ihm nahe genug war, nicht wahrzunehmen schien. Als ich mich noch mehr näherte, vernahm ich die Worte: „Tot — tot sind alle, die ich liebte! — Ach Aurelie! Aurelie — auch du! — die letzte! — tot — tot für diese Welt!“ Ich erkannte den alten Reinhold — eingewurzelt blieb ich stehen. — „Aurelie tot? Nein, nein, du irrst Alter, die hat die ewige Macht beschützt vor dem Messer des freveligen Mörders.“ — So sprach ich, da fuhr der Alte wie vom Blitz getroffen zusammen, und rief laut: „Wer ist hier? — wer ist hier? Leopold! — Leopold!“ — Ein Knabe sprang herbei; als er mich erblickte, neigte er sich tief und grüßte. „Laudetur Jesus Christus!“ — „In omnia saecula saeculorum“ erwiderte ich, da raffte der Alte sich auf und rief noch stärker: „Wer ist hier? — wer ist hier?“ — Nun sah ich, daß der Alte blind war. — „Ein ehrwürdiger Herr,“ sprach der Knabe, „ein Geistlicher vom Orden der Kapuziner ist hier.“ Da war es, als erfasse den Alten tiefes Grauen und Entsetzen, und er schrie. „Fort — fort — Knabe führe mich fort — hinein — hinein — verschließ’ die Türen — Peter soll Wache halten — fort, fort, hinein.“ Der Alte nahm alle Kraft zusammen, die ihm geblieben, um vor mir zu fliehen, wie vor dem reißenden Tier. Verwundert, erschrocken sah mich der Knabe an, doch der Alte, statt sich von ihm führen zu lassen, riß ihn fort, und bald waren sie durch die Türe verschwunden, die, wie ich hörte, fest verschlossen wurde. — Schnell floh ich fort von dem Schauplatz meiner höchsten Frevel, die bei diesem Auftritt lebendiger als jemals vor mir sich wiedergestalteten, und bald befand ich mich in dem tiefsten Dickicht. Ermüdet setzte ich mich an den Fuß eines Baumes in das Moos nieder; unweit davon war ein kleiner Hügel aufgeschüttet, auf welchem ein Kreuz stand. Als ich aus dem Schlaf, in den ich vor Ermattung gesunken, erwachte, saß ein alter Bauer neben mir, der alsbald, da er mich ermuntert sah, ehrerbietig seine Mütze abzog und im Ton der vollsten ehrlichsten Gutmütigkeit sprach: „Ei, Ihr seid wohl weit her gewandert, ehrwürdiger Herr! und recht müde geworden, denn sonst wäret Ihr hier an dem schauerlichen Plätzchen nicht in solch tiefen Schlaf gesunken. Oder Ihr wisset vielleicht gar nicht, was es mit diesem Orte hier für eine Bewandtnis hat?“ — Ich versicherte, daß ich als fremder, von Italien hereinwandernder Pilger durchaus nicht von dem, was hier vorgefallen, unterrichtet sei. „Es geht,“ sprach der Bauer, „Euch und Euere Ordensbrüder ganz besonders an, und ich muß gestehen, als ich Euch so sanft schlafend fand, setzte ich mich her, um jede etwaige Gefahr von Euch abzuwenden. Vor mehreren Jahren soll hier ein Kapuziner ermordet worden sein. So viel ist gewiß, daß ein Kapuziner zu der Zeit durch unser Dorf kam, und nachdem er übernachtet, dem Gebirge zuwanderte. An demselben Tage ging mein Nachbar den tiefen Talweg, unterhalb des Teufelsgrundes, hinab, und hörte mit einem Mal ein fernes, durchdringendes Geschrei, welches ganz absonderlich in den Lüften verklang. Er will sogar, was mir aber unmöglich scheint, eine Gestalt von der Bergspitze herab in den Abgrund stürzen gesehen haben. So viel ist gewiß, daß wir alle im Dorfe, ohne zu wissen warum, glaubten, der Kapuziner könne wohl herabgestürzt sein, und daß mehrere von uns hingingen und, soweit es nur möglich war, ohne das Leben aufs Spiel zu setzen, hinabstiegen, um wenigstens die Leiche des unglücklichen Menschen zu finden. Wir konnten aber nichts entdecken und lachten den Nachbar tüchtig aus, als er einmal in der mondhellen Nacht auf dem Talwege heimkehrend, ganz voll Todesschrecken einen nackten Menschen aus dem Teufelsgrunde wollte emporsteigen gesehen haben. Das war nun pure Einbildung; aber später erfuhr man denn wohl, daß der Kapuziner, Gott weiß warum, hier von einem vornehmen Mann ermordet, und der Leichnam in den Teufelsgrund geschleudert worden sei. Hier auf diesem Fleck muß der Mord geschehen sein, davon bin ich überzeugt, denn seht einmal, ehrwürdiger Herr, hier sitze ich einst, und schaue so in Gedanken da den hohlen Baum neben uns an. Mit einem Mal ist es mir, als hinge ein Stück dunkelbraunes Tuch zur Spalte heraus. Ich springe auf, ich gehe hin, und ziehe einen ganz neuen Kapuzinerhabit heraus. An dem einen Ärmel klebte etwas Blut und in einem Zipfel war der Name Medardus hineingezeichnet. Ich dachte, arm wie ich bin, ein gutes Werk zu tun, wenn ich den Habit verkaufte und für das daraus gelöste Geld dem armen ehrwürdigen Herrn, der hier ermordet, ohne sich zum Tode vorzubereiten und seine Rechnung zu machen, Messen lesen ließe. So geschah es denn, daß ich das Kleid nach der Stadt trug, aber kein Trödler wollte es kaufen, und ein Kapuzinerkloster gab es nicht am Orte; endlich kam ein Mann, seiner Kleidung nach war’s wohl ein Jäger oder ein Förster, da sagte, er brauche gerade solch einen Kapuzinerrock und bezahlte mir meinen Fund reichlich. Nun ließ ich von unserm Herrn Pfarrer eine tüchtige Messe lesen und setzte, da im Teufelsgrunde kein Kreuz anzubringen, hier eins hin zum Zeichen des schmählichen Todes des Herrn Kapuziners. Aber der selige Herr muß etwas viel über die Schnur gehauen haben, denn er soll hier noch zuweilen herumspuken und so hat des Herrn Pfarrers Messe nicht viel geholfen. Darum bitte ich Euch, ehrwürdiger Herr, seid Ihr gesund heimgekehrt von Eurer Reise, so haltet ein Amt für das Heil der Seele Eures Ordensbruders Medardus. Versprecht mir das!“ — „Ihr seid im Irrtum, mein guter Freund,“ sprach ich, „der Kapuziner Medardus, der vor mehreren Jahren auf der Reise nach Italien durch Euer Dorf zog, ist nicht ermordet. Noch bedarf es keiner Seelenmesse für ihn, er lebt und kann noch arbeiten für sein ewiges Heil! — Ich bin selbst dieser Medardus!“ — Mit diesen Worten schlug ich meine Kutte auseinander und zeigte ihm den in den Zipfel gestickten Namen Medardus. Kaum hatte der Bauer den Namen erblickt, als er erbleichte und mich voll Entsetzen anstarrte. Dann sprang er jählings auf und lief laut schreiend in den Wald hinein. Es war klar, daß er mich für das umgehende Gespenst des ermordeten Medardus hielt, und vergeblich würde mein Bestreben gewesen sein, ihm den Irrtum zu benehmen. — Die Abgeschiedenheit, die Stille des Orts nur von dem dumpfen Brausen des nicht fernen Waldstroms unterbrochen, war auch ganz dazu geeignet, grauenvolle Bilder aufzuregen; ich dachte an meinen gräßlichen Doppelgänger, und, angesteckt von dem Entsetzen des Bauers, fühlte ich mich im Innersten erbeben, da es mir war, als würde er aus diesem, aus jenem finstern Busch hervortreten. — Mich ermannend schritt ich weiter fort, und erst dann, als mich die grausige Idee des Gespenstes meines Ichs, für das mich der Bauer gehalten, verlassen, dachte ich daran, daß mir nun ja erklärt worden sei, wie der wahnsinnige Mönch zu dem Kapuzinerrock gekommen, den er mir auf der Flucht zurückließ und den ich unbezweifelt für den meinigen erkannte. Der Förster, bei dem er sich aufhielt, und den er um ein neues Kleid angesprochen, hatte ihn in der Stadt von dem Bauer gekauft. Wie die verhängnisvolle Begebenheit am Teufelsgrunde auf merkwürdige Weise verstümmelt worden, das fiel tief in meine Seele, denn ich sah wohl, wie alle Umstände sich vereinigen mußten, um jene unheilbringende Verwechslung mit Viktorin herbeizuführen. Sehr wichtig schien mir des furchtsamen Nachbars wunderbare Vision, und ich sah mit Zuversicht noch deutlicherer Aufklärung entgegen, ohne zu ahnen, wo und wie ich sie erhalten würde.

Endlich, nach rastloser Wanderung, mehrere Wochen hindurch, nahte ich mich der Heimat; mit klopfendem Herzen sah ich die Türme des Cisterzienserklosters vor mir aufsteigen. Ich kam in das Dorf, auf den freien Platz vor der Klosterkirche. Ein Hymnus, von Männerstimmen gesungen, klang aus der Ferne herüber. — Ein Kreuz wurde sichtbar — Mönche, paarweise wie in Prozessionen fortschreitend, hinter ihm. — Ach — ich erkannte meine Ordensbrüder, den greisen Leonardus von einem jungen, mir unbekannten Bruder geführt, an ihrer Spitze. — Ohne mich zu bemerken, schritten sie singend bei mir vorüber und hinein durch die geöffnete Klosterpforte. Bald darauf zogen auf gleiche Weise die Dominikaner und Franziskaner aus B. herbei, fest verschlossene Kutschen fuhren hinein in den Klosterhof, es waren die Klaren Nonnen aus B. Alles ließ mich wahrnehmen, daß irgendein außerordentliches Fest gefeiert werden solle. Die Kirchentüren standen weit offen, ich trat hinein und bemerkte, wie alles sorgfältig gekehrt und gesäubert wurde. — Man schmückte den Hochaltar und die Nebenaltäre mit Blumengewinden, und ein Kirchendiener sprach viel von aufgeblühten Rosen, die durchaus morgen in aller Frühe herbeigeschafft werden müßten, weil die Frau Äbtissin ausdrücklich befohlen habe, daß mit Rosen der Hochaltar verziert werden solle. — Entschlossen, nun gleich zu den Brüdern zu treten, ging ich, nachdem ich mich durch kräftiges Gebet gestärkt, in das Kloster und frug nach dem Prior Leonardus; die Pförtnerin führte mich in einen Saal, Leonardus saß im Lehnstuhl, von den Brüdern umgeben; laut weinend, im Innersten zerknirscht, keines Wortes mächtig, stürzte ich zu seinen Füßen. „Medardus!“ — schrie er auf, und ein dumpfes Gemurmel lief durch die Reihe der Brüder: „Medardus — Bruder Medardus ist endlich wieder da!“ — Man hob mich auf, — die Brüder drückten mich an ihre Brust. „Dank den himmlischen Mächten, daß du errettet bist aus den Schlingen der arglistigen Welt — aber erzähle — erzähle, mein Bruder“ so riefen die Mönche durcheinander. Der Prior erhob sich, und auf seinen Wink folgte ich ihm in das Zimmer, welches ihm gewöhnlich bei dem Besuch des Klosters zum Aufenthalt diente. „Medardus,“ fing er an, „du hast auf frevelige Weise dein Gelübde gebrochen; du hast, indem du, anstatt die dir gegebenen Aufträge auszurichten, schändlich entflohst, das Kloster auf die unwürdigste Weise betrogen. — Einmauern könnte ich dich lassen, wollte ich verfahren nach der Strenge des Klostergesetzes!“ — „Richtet mich, mein ehrwürdiger Vater,“ erwiderte ich: „richtet mich, wie das Gesetz es will; ach! mit Freuden werfe ich die Bürde eines elenden qualvollen Lebens ab! — Ich fühl’ es wohl, daß die strengste Buße, der ich mich unterwarf, mir keinen Trost hinieden geben konnte!“ — „Ermanne dich,“ fuhr Leonardus fort, „der Prior hat mit dir gesprochen, jetzt kann der Freund, der Vater mit dir reden! — Auf wunderbare Weise bist du errettet worden vom Tode, der dir in Rom drohte. — Nur Cyrillus fiel als Opfer...“ — „Ihr wißt also,“ frug ich voll Staunen. „Alles,“ erwiderte der Prior: „Ich weiß, daß du dem Armen beistandest in der letzten Todesnot, und daß man dich mit vergiftetem Wein, den man dir zum Labetrunk darbot, zu ermorden gedachte. Wahrscheinlich hast du, bewacht von den Argusaugen der Mönche, doch Gelegenheit gefunden, den Wein ganz zu verschütten, denn trankst du nur einen Tropfen, so warst du hin, in Zeit von zehn Minuten.“ — „O, schaut her,“ rief ich und zeigte, den Ärmel der Kutte aufstreifend, dem Prior meinen bis auf den Knochen eingeschrumpften Arm, indem ich erzählte, wie ich, Böses ahnend, den Wein in den Ärmel gegossen. Leonardus schauerte zurück vor dem häßlichen Anblick des mumienartigen Gliedes, und sprach dumpf in sich hinein. „Gebüßt hast du, der du freveltest auf jegliche Weise; aber Cyrillus — du frommer Greis!“ — Ich sagte dem Prior, daß mir die eigentliche Ursache der heimlichen Hinrichtung des armen Cyrillus unbekannt geblieben. „Vielleicht,“ sprach der Prior, „hattest du dasselbe Schicksal, wenn du, wie Cyrillus, als Bevollmächtigter unseres Klosters auftratst. Du weißt, daß die Ansprüche unsers Klosters Einkünfte des Kardinals ***, die er auf unrechtmäßige Weise zieht, vernichten; dies war die Ursache, warum der Kardinal mit des Papstes Beichtvater, den er bis jetzt angefeindet, plötzlich Freundschaft schloß, und so sich in dem Dominikaner einen kräftigen Gegner gewann, den er dem Cyrillus entgegenstellen konnte. Der schlaue Mönch fand bald die Art aus, wie Cyrill gestürzt werden konnte. Er führte ihn selbst ein bei dem Papst, und wußte diesem den fremden Kapuziner so darzustellen, daß der Papst ihn wie eine merkwürdige Erscheinung bei sich aufnahm, und Cyrillus in die Reihe der Geistlichen trat, von denen er umgeben. Cyrillus mußte nun bald gewahr werden, wie der Statthalter des Herrn nur zu sehr sein Reich in dieser Welt und ihren Lüsten suche und finde; wie er einer heuchlerischen Brut zum Spielwerk diene, die ihn trotz des kräftigen Geistes, der sonst ihm einwohnte, den sie aber durch die verworfensten Mittel zu beugen wußte, zwischen Himmel und Hölle herumwerfe. Der fromme Mann, das war vorauszusehen, nahm großes Ärgernis daran, und fühlte sich berufen, durch feurige Reden, wie der Geist sie ihm eingab, den Papst im Innersten zu erschüttern und seinen Geist von dem Irdischen abzulenken. Der Papst, wie verweichlichte Gemüter pflegen, wurde in der Tat von des frommen Greises Worten ergriffen, und eben in diesem erregten Zustande wurde es dem Dominikaner leicht, auf geschickte Weise nach und nach den Schlag vorzubereiten, der den armen Cyrillus treffen sollte. Er berichtete dem Papst, daß es auf nichts Geringeres abgesehen sei, als auf eine heimliche Verschwörung, die ihn der Kirche als unwürdig der dreifachen Krone darstellen sollte; Cyrillus habe den Auftrag, ihn dahin zu bringen, daß er irgendeine öffentliche Bußübung vornehme, welches dann als Signal des förmlichen, unter den Kardinälen gärenden Aufstandes dienen würde. Jetzt fand der Papst in den salbungsvollen Reden unseres Bruders die versteckte Absicht leicht heraus, der Alte wurde ihm tief verhaßt, und um nur irgendeinen auffallenden Schritt zu vermeiden, litt er ihn noch in seiner Nähe. Als Cyrillus wieder einmal Gelegenheit fand, zu dem Papst ohne Zeugen zu sprechen, sagte er geradezu, daß der, der den Lüsten der Welt nicht ganz entsage, der nicht einen wahrhaft heiligen Wandel führe, ein unwürdiger Statthalter des Herrn, und der Kirche eine Schmach und Verdammnis bringende Last sei, von der sie sich befreien müsse. Bald darauf, und zwar nachdem man Cyrillus aus den innern Kammern des Papstes treten gesehen, fand man das Eiswasser, welches der Papst zu trinken pflegte, vergiftet. Daß Cyrillus unschuldig war, darf ich dir, der du den frommen Greis gekannt hast, nicht versichern. Doch überzeugt war der Papst von seiner Schuld, und der Befehl, den fremden Mönch bei den Dominikanern heimlich hinzurichten, die Folge davon. Du warst in Rom eine auffallende Erscheinung; die Art, wie du dich gegen den Papst äußertest, vorzüglich die Erzählung deines Lebenslaufs, ließ ihn eine gewisse geistige Verwandtschaft zwischen ihm und dir finden; er glaubte, sich mit dir zu einem höheren Standpunkt erheben und in sündhaftem Vernünfteln über alle Tugend und Religion recht erlaben und erkräftigen zu können, um, wie ich wohl sagen mag, mit rechter Begeisterung für die Sünde zu sündigen. Deine Bußübungen waren ihm nur ein recht klug angelegtes heuchlerisches Bestreben, zum höheren Zweck zu gelangen. Er bewunderte dich und sonnte sich in den glänzenden, lobpreisenden Reden, die du ihm hieltest. So kam es, daß du, ehe der Dominikaner es ahnte, dich erhobst und der Rotte gefährlicher wurdest, als es Cyrillus jemals werden konnte. — Du merkst, Medardus! daß ich von deinem Beginnen in Rom genau unterrichtet bin; daß ich jedes Wort weiß, welches du mit dem Papst sprachst, und darin liegt weiter nichts Geheimnisvolles, wenn ich dir sage, daß das Kloster in der Nähe Sr. Heiligkeit einen Freund hat, der mir genau alles berichtete. Selbst als du mit dem Papst allein zu sein glaubtest, war er nahe genug, um jedes Wort zu verstehen. — Als du in dem Kapuzinerkloster, dessen Prior mir nahe verwandt ist, deine strengen Bußübungen begannst, hielt ich deine Reue für echt. Es war auch wohl dem so, aber in Rom erfaßte dich der böse Geist des sündhaften Hochmuts, dem du bei uns erlagst, aufs neue. Warum klagtest du dich gegen den Papst Verbrechen an, die du niemals begingst? — Warst du denn jemals auf dem Schlosse des Barons von F.?“ — „Ach! mein ehrwürdiger Vater,“ rief ich von innerm Schmerz zermalmt, „das war ja der Ort meiner entsetzlichsten Frevel! — Das ist aber die härteste Strafe der ewigen, unerforschlichen Macht, daß ich auf Erden nicht gereinigt erscheinen soll von der Sünde, die ich in wahnsinniger Verblendung beging! — Auch Euch, mein ehrwürdiger Vater, bin ich ein sündiger Heuchler?“ — „In der Tat,“ fuhr der Prior fort, „bin ich jetzt, da ich dich sehe und spreche, beinahe überzeugt, daß du, nach deiner Buße, der Lüge nicht mehr fähig warst, dann aber waltet noch ein mir bis jetzt unerklärliches Geheimnis ob. Bald nach deiner Flucht aus der Residenz (der Himmel wollte den Frevel nicht, den du zu begehen im Begriff standest, er errettete die fromme Aurelie), bald nach deiner Flucht, sage ich, und nachdem der Mönch, den selbst Cyrillus für dich hielt, wie durch ein Wunder sich gerettet hatte, wurde es bekannt, daß nicht du, sondern der als Kapuziner verkappte Graf Viktorin auf dem Schlosse des Barons gewesen war. Briefe, die sich in Euphemiens Nachlaß fanden, hatten dies zwar schon früher kundgetan, man hielt aber Euphemien selbst für getäuscht, da Reinhold versicherte, er habe dich zu genau erkannt, um selbst bei deiner treuesten Ähnlichkeit mit Viktorin getäuscht zu werden. Da erschien plötzlich der Reitknecht des Grafen, und erzählte, wie der Graf, der seit Monaten im Gebirge einsam gelebt, und sich den Bart wachsen lassen, ihm in dem Walde und zwar bei dem sogenannten Teufelsgrunde plötzlich als Kapuziner gekleidet erschienen sei. Obgleich er nicht gewußt, wo der Graf die Kleider hergenommen, so sei ihm doch die Verkleidung weiter nicht aufgefallen, da er von dem Anschlage des Grafen, im Schlosse des Barons im Mönchshabit zu erscheinen, denselben ein ganzes Jahr zu tragen und so auch wohl noch höhere Dinge auszuführen, unterrichtet gewesen. Geahnt habe er wohl, wo der Graf zum Kapuzinerrock gekommen sei, da er den Tag vorher gesagt, wie er einen Kapuziner im Dorfe gesehen, und von ihm, wandere er durch den Wald, seinen Rock auf diese oder jene Weise zu bekommen hoffe. Gesehen habe er den Kapuziner nicht, wohl aber einen Schrei gehört; bald darauf sei auch im Dorf von einem im Walde ermordeten Kapuziner die Rede gewesen. Zu genau habe er seinen Herrn gekannt, zu viel mit ihm noch auf der Flucht aus dem Schlosse gesprochen, als daß hier eine Verwechslung stattfinden könne. — Diese Aussage des Reitknechts entkräftete Reinholds Meinung, und nur Viktorins gänzliches Verschwinden blieb unbegreiflich. Die Fürstin stellte die Hypothese auf, daß der vorgebliche Herr von Krczynski aus Kwiecziczewo eben der Graf Viktorin gewesen sei, und stützte sich auf seine merkwürdige, ganz auffallende Ähnlichkeit mit Francesko, an dessen Schuld längst niemand zweifelte, sowie auf die Motion, die ihr jedesmal sein Anblick verursacht habe. Viele traten ihr bei und wollten, im Grunde genommen, viel gräflichen Anstand an jenem Abenteurer bemerkt haben, den man lächerlicherweise für einen verkappten Mönch gehalten. Die Erzählung des Försters von dem wahnsinnigen Mönch, der im Walde hauste und zuletzt von ihm aufgenommen wurde, fand nun auch ihren Zusammenhang mit der Untat Viktorins, sobald man nur einige Umstände als wahr voraussetzte. — Ein Bruder des Klosters, in dem Medardus gewesen, hatte den wahnsinnigen Mönch ausdrücklich für den Medardus erkannt, er mußte es also wohl sein. Viktorin hatte ihn in den Abgrund gestürzt; durch irgend einen Zufall, der gar nicht unerhört sein dürfte, wurde er errettet. Aus der Betäubung erwacht, aber schwer am Kopfe verwundet, gelang es ihm, aus dem Grabe heraufzukriechen. Der Schmerz der Wunde, Hunger und Durst machten ihn wahnsinnig — rasend! — So lief er durch das Gebirge, vielleicht von einem mitleidigen Bauer hin und wieder gespeiset und mit Lumpen behangen, bis er in die Gegend der Försterwohnung kam. Zwei Dinge bleiben hier aber unerklärbar, nämlich wie Medardus eine solche Strecke aus dem Gebirge laufen konnte, ohne angehalten zu werden, und wie er, selbst in den von Ärzten bezeugten Augenblicken des vollkommensten, ruhigsten Bewußtseins, sich zu Untaten bekennen konnte, die er nie begangen. Die, welche die Wahrscheinlichkeit jenes Zusammenhangs der Sache verteidigten, bemerkten, daß man ja von den Schicksalen des aus dem Teufelsgrunde erretteten Medardus gar nichts wisse; es sei ja möglich, daß sein Wahnsinn erst ausgebrochen, als er auf der Pilgerreise in der Gegend der Försterwohnung sich befand. Was aber das Zugeständnis der Verbrechen, deren er beschuldigt, belange, so sei eben daraus abzunehmen, daß er niemals geheilt gewesen, sondern, anscheinend bei Verstande, doch immer wahnsinnig geblieben wäre. Daß er die ihm angeschuldigten Mordtaten wirklich begangen, dieser Gedanke habe sich zur fixen Idee umgestaltet. — Der Kriminalrichter, auf dessen Sagazität man sehr baute, sprach, als man ihn um seine Meinung frug: Der vorgebliche Herr von Krczynski war kein Pole und auch kein Graf, der Graf Viktorin gewiß nicht, aber unschuldig auch keineswegs — der Mönch blieb wahnsinnig und unzurechnungsfähig in jedem Fall, deshalb das Kriminalgericht auch nur auf seine Einsperrung als Sicherheitsmaßregel erkennen konnte. — Dieses Urteil durfte der Fürst nicht hören, denn er war es allein, der, tief ergriffen von den Freveln auf dem Schlosse des Barons, jene von dem Kriminalgericht in Vorschlag gebrachte Einsperrung in die Strafe des Schwerts umwandelte. — Wie aber alles in diesem elenden, vergänglichen Leben, sei es Begebenheit oder Tat, noch so ungeheuer im ersten Augenblick erscheinend, sehr bald Glanz und Farbe verliert, so geschah es auch, daß das, was in der Residenz und vorzüglich am Hofe Schauer und Entsetzen erregt hatte, herabsank bis zur ärgerlichen Klatscherei. Jene Hypothese, daß Aureliens entflohener Bräutigam Graf Viktorin gewesen, brachte die Geschichte der Italienerin in frisches Andenken; selbst die früher nicht Unterrichteten wurden von denen, die nun nicht mehr schweigen zu dürfen glaubten, aufgeklärt, und jeder, der den Medardus gesehen, fand es natürlich, daß seine Gesichtszüge vollkommen denen des Grafen Viktorin glichen, da sie Söhne eines Vaters waren. Der Leibarzt war überzeugt, daß die Sache sich so verhalten müßte und sprach zum Fürsten: „Wir wollen froh sein, gnädigster Herr! daß beide unheimliche Gesellen fort sind, und es bei der ersten vergeblich gebliebenen Verfolgung bewenden lassen.“ — Dieser Meinung trat der Fürst aus dem Grunde seines Herzens bei, denn er fühlte wohl, wie der doppelte Medardus ihn von einem Mißgriff zum andern verleitet hatte. „Die Sache wird geheimnisvoll bleiben,“ sagte der Fürst: „wir wollen nicht mehr an dem Schleier zupfen, den ein wunderbares Geschick wohltätig darüber geworfen hat. — Nur Aurelie...“ — „Aurelie,“ unterbrach ich den Prior mit Heftigkeit, „um Gott, mein ehrwürdiger Vater, sagt mir, wie ward es mit Aurelien?“ — „Ei, Bruder Medardus,“ sprach der Prior sanft lächelnd, „noch ist das gefährliche Feuer in deinem Innern nicht verdampft? — noch lodert die Flamme empor bei leiser Berührung? — So bist du noch nicht frei von den sündlichen Trieben, denen du dich hingabst. — Und ich soll der Wahrheit deiner Buße trauen; ich soll überzeugt sein, daß der Geist der Lüge dich ganz verlassen? Wisse, Medardus, daß ich deine Reue für wahrhaft nur dann anerkennen würde, wenn du jene Frevel, deren du dich anklagst, wirklich begingst. Denn nur in diesem Falle könnt’ ich glauben, daß jene Untaten so dein Inneres zerrütteten, daß du, meiner Lehren, alles dessen, was ich dir über äußere und innere Buße sagte, uneingedenk, wie der Schiffbrüchige nach dem leichten unsichern Brett, nach jenen trügerischen Mitteln, dein Verbrechen zu sühnen haschtest, die dich nicht allein einem verworfenen Papst, sondern jedem wahrhaft frommen Mann als einen eitlen Gaukler erscheinen ließen. — Sage, Medardus! war deine Andacht, deine Erhebung zu der ewigen Macht ganz makellos, wenn du Aureliens gedenken mußtest?“ — Ich schlug, im Innern vernichtet, die Augen nieder. — „Du bist aufrichtig, Medardus,“ fuhr der Prior fort, „dein Schweigen sagt mir alles. — Ich wußte mit der vollsten Überzeugung, daß du es warst, der in der Residenz die Rolle eines polnischen Edelmanns spielte und die Baronesse Aurelie heiraten wollte. Ich hatte den Weg, den du genommen, ziemlich genau verfolgt, ein seltsamer Mensch (er nannte sich den Haarkünstler Belcampo), den du zuletzt in Rom sahst, gab mir Nachrichten; ich war überzeugt, daß du auf verruchte Weise Hermogen und Euphemien mordetest, und um so gräßlicher war es mir, daß du Aurelien so in Teufelsbande verstricken wolltest. Ich hätte dich verderben können; doch weit entfernt, mich zum Rächeramt erkoren zu glauben, überließ ich dich und dein Schicksal der ewigen Macht des Himmels. Du bist erhalten worden auf wunderbare Weise und schon dieses überzeugt mich, daß dein irdischer Untergang noch nicht beschlossen war. — Höre, welches besonderen Umstandes halber ich später glauben mußte, daß es in der Tat Graf Viktorin war, der als Kapuziner auf dem Schlosse des Barons von F. erschien! — Nicht gar zu lange ist es her, als Bruder Sebastianus, der Pförtner, durch ein Ächzen und Stöhnen, das den Seufzern eines Sterbenden glich, geweckt wurde. Der Morgen war schon angebrochen, er stand auf, öffnete die Klosterpforte und fand einen Menschen, der dicht vor derselben, halb erstarrt vor Kälte, lag und mühsam die Worte herausbrachte: er sei Medardus, der aus unserm Kloster entflohene Mönch. — Sebastianus meldete mir ganz erschrocken, was sich unten zugetragen; ich stieg mit den Brüdern hinab, wir brachten den ohnmächtigen Mann in das Refektorium. Trotz des bis zum Grausen entstellten Gesichts des Mannes, glaubten wir doch deine Züge zu erkennen, und mehrere meinten, daß wohl nur die veränderte Tracht den wohlbekannten Medardus so fremdartig darstelle. Er hatte Bart und Tonsur, dazu aber eine weltliche Kleidung, die zwar ganz verdorben und zerrissen war, der man aber noch die ursprüngliche Zierlichkeit ansah. Er trug seidene Strümpfe, auf einem Schuhe noch eine goldene Schnalle, eine weiße Atlasweste...“ — „Einen kastanienbraunen Rock von dem feinsten Tuch,“ fiel ich ein, „zierlich genähte Wäsche — einen einfachen, goldenen Ring am Finger.“ — „Allerdings,“ sprach Leonardus erstaunt: „aber wie kannst du...“ — „Ach, es war ja der Anzug, wie ich ihn an jenem verhängnisvollen Hochzeitstage trug! — Der Doppelgänger stand mir vor Augen. — Nein es war nicht der wesenlose, entsetzliche Teufel des Wahnsinns, der hinter mir herrannte, der, wie ein mich bis ins Innerste zerfleischendes Untier, aufhockte auf meinen Schultern; es war der entflohene wahnsinnige Mönch, der mich verfolgte, der endlich, als ich in tiefer Ohnmacht dalag, meine Kleider nahm und mir die Kutte überwarf. Er war es, der an der Klosterpforte lag, mich — mich selbst auf schauderhafte Weise darstellend!“ — Ich bat den Prior, nur fortzufahren in seiner Erzählung, da die Ahnung der Wahrheit, wie es sich mit mir auf die wunderbarste, geheimnisvollste Weise zugetragen, in mir aufdämmere. — „Nicht lange dauerte es,“ erzählte der Prior weiter, „als sich bei dem Manne die deutlichsten unzweifelhaften Spuren des unheilbaren Wahnsinns zeigten, und unerachtet, wie gesagt, die Züge seines Gesichts den deinigen auf das Genaueste glichen, unerachtet er fortwährend rief: Ich bin Medardus, der entlaufene Mönch, ich will Buße tun bei euch — so war doch bald jeder von uns überzeugt, daß es fixe Idee des Fremden sei, sich für dich zu halten. Wir zogen ihm das Kleid der Kapuziner an, wir führten ihn in die Kirche, er mußte die gewöhnlichen Andachtsübungen vornehmen, und wie er dies zu tun sich bemühte, bemerkten wir bald, daß er niemals in einem Kloster gewesen sein könne. Es mußte mir wohl die Idee kommen: wie, wenn dies der aus der Residenz entsprungene Mönch, wie wenn dieser Mönch Viktorin wäre? — Die Geschichte, die der Wahnsinnige ehemals dem Förster aufgetischt hatte, war mir bekannt worden, indessen fand ich, daß alle Umstände, das Auffinden und Austrinken des Teufelselixiers, die Vision in dem Kerker, kurz der ganze Aufenthalt im Kloster, wohl die, durch deine auf seltsame psychische Weise einwirkende Individualität, erzeugte Ausgeburt des erkrankten Geistes sein könne. Merkwürdig war es in dieser Hinsicht, daß der Mönch in bösen Augenblicken immer geschrien hatte, er sei Graf und gebietender Herr! — Ich beschloß, den fremden Mann der Irrenanstalt zu St. Getreu zu übergeben, weil ich hoffen durfte, daß, wäre Wiederherstellung möglich, sie gewiß dem Direktor jener Anstalt, einem in jede Abnormität des menschlichen Organismus tief eindringenden, genialen Arzte, gelingen werde. Des Fremden Genesen mußte das geheimnisvolle Spiel der unbekannten Mächte wenigstens zum Teil enthüllen. — Es kam nicht dazu. — In der dritten Nacht weckte mich die Glocke, die, wie du weißt, angezogen wird, sobald jemand im Krankenzimmer meines Beistandes bedarf. Ich trat hinein, man sagte mir, der Fremde habe eifrig nach mir verlangt und es scheine, als habe ihn der Wahnsinn gänzlich verlassen, wahrscheinlich wolle er beichten; denn er sei so schwach, daß er die Nacht wohl nicht überleben werde. Verzeiht, fing der Fremde an, als ich ihm mit frommen Worten zugesprochen, verzeiht, ehrwürdiger Herr, daß ich Euch täuschen zu wollen mich vermaß. Ich bin nicht der Mönch Medardus, der Euerm Kloster entfloh. Den Grafen Viktorin seht Ihr vor Euch... Fürst sollte er heißen, denn aus fürstlichem Hause ist er entsprossen, und ich rate Euch, dies zu beachten, da sonst mein Zorn Euch treffen könnte. — Sei er auch Fürst, erwiderte ich, so wäre dies in unsern Mauern und in seiner jetzigen Lage ohne alle Bedeutung und es schiene mir besser zu sein, wenn er sich abwende von dem Irdischen und in Demut erwarte, was die ewige Macht über ihn verhängt habe. — Er sah mich starr an, ihm schienen die Sinne zu vergehen, man gab ihm stärkende Tropfen, er erholte sich bald und sprach: Es ist mir so, als müsse ich bald sterben und vorher mein Herz erleichtern. Ihr habt Macht über mich, denn so sehr Ihr Euch auch verstellen möget, merke ich doch wohl, daß Ihr der heilige Antonius seid und am besten wisset, was für Unheil Eure Elixiere angerichtet. Ich hatte wohl Großes im Sinne, als ich beschloß, mich als ein geistlicher Herr darzustellen mit großem Barte und brauner Kutte. Aber als ich so recht mit mir zu Rate ging, war es, als träten die heimlichsten Gedanken aus meinem Innern heraus und verpuppten sich zu einem körperlichen Wesen, das recht graulich, doch mein Ich war. Dies zweite Ich hatte grimmige Kraft und schleuderte mich, als aus dem schwarzen Gestein des tiefen Abgrundes, zwischen sprudelndem, schäumigen Gewässer, die Prinzessin schneeweiß hervortrat, hinab. Die Prinzessin fing mich auf in ihren Armen und wusch meine Wunden aus, daß ich bald keinen Schmerz mehr fühlte. Mönch war ich nun freilich geworden, aber das Ich meiner Gedanken war stärker, und trieb mich, daß ich die Prinzessin, die mich errettet und die ich sehr liebte, samt ihrem Bruder ermorden mußte. Man warf mich in den Kerker, aber Ihr wißt selbst, heiliger Antonius, auf welche Weise Ihr, nachdem ich Euern verfluchten Trank gesoffen, mich entführtet durch die Lüfte. Der grüne Waldkönig nahm mich schlecht auf, unerachtet er doch meine Fürstlichkeit kannte; das Ich meiner Gedanken erschien bei ihm und rückte mir allerlei Häßliches vor, und wollte, weil wir doch alles zusammen getan, in Gemeinschaft mit mir bleiben. Das geschah auch, aber bald, als wir davonliefen, weil man uns den Kopf abschlagen wollte, haben wir uns doch entzweit. Als das lächerliche Ich indessen immer und ewig genährt sein wollte von meinem Gedanken, schmiß ich es nieder, prügelte es derb ab und nahm ihm seinen Rock. — Soweit waren die Reden des Unglücklichen einigermaßen verständlich, dann verlor er sich in das unsinnige alberne Gewäsch des höchsten Wahnsinns. Eine Stunde später, als das Frühamt eingeläutet wurde, fuhr er mit einem durchdringenden entsetzlichen Schrei auf, und sank, wie es uns schien, tot nieder. Ich ließ ihn nach der Totenkammer bringen, er sollte in unserm Garten an geweihter Stätte begraben werden, du kannst dir aber wohl unser Erstaunen, unsern Schreck denken, als die Leiche, da wir sie hinaustragen und einsargen wollten, spurlos verschwunden war. Alles Nachforschen blieb vergebens, und ich mußte darauf verzichten, jemals Näheres, Verständlicheres über den rätselhaften Zusammenhang der Begebenheiten, in die du mit dem Grafen verwickelt wurdest, zu erfahren. Indessen hielt ich alle mir über die Vorfälle im Schloß bekannt gewordenen Umstände mit jenen verworrenen, durch Wahnsinn entstellten Reden zusammen, so konnte ich kaum daran zweifeln, daß der Verstorbene wirklich Graf Viktorin war. Er hatte, wie der Reitknecht andeutete, irgend einen pilgernden Kapuziner im Gebirge ermordet und ihm das Kleid genommen, um seinen Anschlag im Schlosse des Barons auszuführen. Wie er vielleicht es gar nicht im Sinn hatte, endete der begonnene Frevel mit dem Morde Euphemiens und Hermogens. Vielleicht war er schon wahnsinnig, wie Reinhold es behauptet, oder er wurde es dann auf der Flucht, gequält von Gewissensbissen. Das Kleid, welches er trug und die Ermordung des Mönchs, gestaltete sich in ihm zur fixen Idee, daß er wirklich ein Mönch, und sein Ich zerspaltet sei in zwei sich feindliche Wesen. Nur die Periode von der Flucht aus dem Schlosse bis zur Ankunft bei dem Förster, bleibt dunkel, sowie es unerklärlich ist, wie sich die Erzählung von seinem Aufenthalt im Kloster und der Art seiner Rettung aus dem Kerker in ihm bildete. Daß äußere Motive stattfinden mußten, leidet gar keinen Zweifel, aber höchst merkwürdig ist es, daß diese Erzählung dein Schicksal, wiewohl verstümmelt, darstellt. Nur die Zeit der Ankunft des Mönchs bei dem Förster, wie dieser sie angibt, will gar nicht mit Reinholds Angabe des Tages, wann Viktorin aus dem Schlosse entfloh, zusammenstimmen. Nach der Behauptung des Försters mußte sich der wahnsinnige Viktorin gleich haben im Walde blicken lassen, nachdem er auf dem Schlosse des Barons angekommen.“ — „Haltet ein,“ unterbrach ich den Prior, „haltet ein, mein ehrwürdiger Vater, jede Hoffnung, der Last meiner Sünden unerachtet, nach der Langmut des Herrn noch Gnade und ewige Seligkeit zu erringen, soll aus meiner Seele schwinden; in trostloser Verzweiflung, mich selbst und mein Leben verfluchend, will ich sterben, wenn ich nicht in tiefster Reue und Zerknirschung Euch alles, was sich mit mir begab, seitdem ich das Kloster verließ, getreulich offenbaren will, wie ich es in heiliger Beichte tat.“ Der Prior geriet in das höchste Erstaunen, als ich ihm nun mein ganzes Leben mit aller nur möglichen Umständlichkeit enthüllte. — „Ich muß dir glauben,“ sprach der Prior, als ich geendet, „ich muß dir glauben, Bruder Medardus, denn alle Zeichen wahrer Reue entdeckte ich, als du redetest. — Wer vermag das Geheimnis zu enthüllen, das die geistige Verwandtschaft zweier Brüder, Söhne eines verbrecherischen Vaters, und selbst in Verbrechen befangen, bildete. — Es ist gewiß, daß Viktorin auf wunderbare Weise errettet wurde aus dem Abgrunde, in den du ihn stürztest, daß er der wahnsinnige Mönch war, den der Förster aufnahm, der dich als dein Doppelgänger verfolgte und hier im Kloster starb. Er diente der dunkeln Macht, die in dein Leben eingriff, nur zum Spiel, — nicht dein Genosse war er, nur das untergeordnete Wesen, welches dir in den Weg gestellt wurde, damit das lichte Ziel, das sich dir vielleicht auftun konnte, deinem Blick verhüllt bleibe. Ach, Bruder Medardus, noch geht der Teufel rastlos auf Erden umher und bietet den Menschen seine Elixiere dar! — Wer hat dieses oder jenes seiner höllischen Getränke nicht einmal schmackhaft gefunden; aber das ist der Wille des Himmels, daß der Mensch der bösen Wirkung des augenblicklichen Leichtsinns sich bewußt werde, und aus diesem klaren Bewußtsein die Kraft schöpfe, ihr zu widerstehen. Darin offenbart sich die Macht des Herrn, daß, so wie das Leben der Natur durch das Gift, das sittlich gute Prinzip in ihr erst durch das Böse bedingt wird. — Ich darf zu dir so sprechen, Medardus, da ich weiß, daß du mich nicht mißverstehest. Gehe jetzt zu den Brüdern.“ —

In dem Augenblick erfaßte mich, wie ein jäher alle Nerven und Pulse durchzuckender Schmerz, die Sehnsucht der höchsten Liebe; „Aurelie — ach Aurelie!“ rief ich laut. Der Prior stand auf und sprach in sehr ernstem Ton: „Du hast wahrscheinlich die Zubereitungen zu einem großen Feste in dem Kloster bemerkt? — Aurelie wird morgen eingekleidet und erhält den Klosternamen Rosalia.“ — Erstarrt — lautlos blieb ich vor dem Prior stehen. „Gehe zu den Brüdern!“ rief er beinahe zornig, und ohne deutliches Bewußtsein stieg ich hinab in das Refektorium, wo die Brüder versammelt waren. Man bestürmte mich aufs neue mit Fragen, aber nicht fähig war ich, auch nur ein einziges Wort über mein Leben zu sagen; alle Bilder der Vergangenheit verdunkelten sich in mir, und nur Aureliens Lichtgestalt trat mir glänzend entgegen. Unter dem Vorwande einer Andachtsübung verließ ich die Brüder und begab mich nach der Kapelle, die an dem äußersten Ende des weitläufigen Klostergartens lag. Hier wollte ich beten, aber das kleinste Geräusch, das linde Säuseln des Laubganges riß mich empor aus frommer Betrachtung. Sie ist es... Sie kommt... ich werde sie wiedersehen — so rief es in mir, und mein Herz bebte vor Angst und Entzücken. Es war mir, als höre ich ein leises Gespräch. Ich raffte mich auf, ich trat aus der Kapelle, und siehe, langsamen Schrittes, nicht fern von mir, wandelten zwei Nonnen, in ihrer Mitte eine Novize. — Ach, es war gewiß Aurelie — mich überfiel ein krampfhaftes Zittern — mein Atem stockte — ich wollte vorschreiten, aber keines Schrittes mächtig sank ich zu Boden. Die Nonnen, mit ihnen die Novize, verschwanden im Gebüsch. Welch ein Tag! — welch eine Nacht! Immer nur Aurelie und Aurelie — Kein anderes Bild — Kein anderer Gedanke fand Raum in meinem Innern. —

Sowie die ersten Strahlen des Morgens aufgingen, verkündigten die Glocken des Klosters das Fest der Einkleidung Aureliens, und bald darauf versammelten sich die Brüder in einem großen Saal; die Äbtissin trat, von zwei Schwestern begleitet, herein. — Unbeschreiblich ist das Gefühl, das mich durchdrang, als ich die wiedersah, die meinen Vater so innig liebte, und unerachtet er durch Freveltaten ein Bündnis, das ihm das höchste Erdenglück erwerben mußte, gewaltsam zerriß, doch die Neigung, die ihr Glück zerstört hatte, auf den Sohn übertrug. Zur Tugend, zur Frömmigkeit wollte sie diesen Sohn aufziehen, aber dem Vater gleich, häufte er Frevel auf Frevel und vernichtete so jede Hoffnung der frommen Pflegemutter, die in der Tugend des Sohnes Trost für des sündigen Vaters Verderben finden wollte. — Niedergesenkten Hauptes, den Blick zur Erde gerichtet, hörte ich die kurze Rede an, worin die Äbtissin nochmals der versammelten Geistlichkeit Aureliens Eintritt in das Kloster anzeigte, und sie aufforderte, eifrig zu beten in dem entscheidenden Augenblick des Gelübdes, damit der Erbfeind nicht Macht haben möge, sinneverwirrendes Spiel zu treiben, zur Qual der frommen Jungfrau. „Schwer,“ sprach die Äbtissin, „schwer waren die Prüfungen, die die Jungfrau zu überstehen hatte. Der Feind wollte sie verlocken zum Bösen, und alles, was die List der Hölle vermag, wandte er an, sie zu betören, daß sie, ohne Böses zu ahnen, sündige und dann, aus dem Traum erwachend, untergehe in Schmach und Verzweiflung. Doch die ewige Macht beschützte das Himmelskind, und mag denn der Feind auch noch heute es versuchen, ihr verderblich zu nahen, ihr Sieg über ihn wird desto glorreicher sein. Betet — betet, meine Brüder, nicht darum, daß die Christusbraut nicht wanke, denn fest und standhaft ist ihr dem Himmlischen ganz zugewandter Sinn, sondern daß kein irdisches Unheil die fromme Handlung unterbreche. — Eine Bangigkeit hat sich meines Gemüts bemächtigt, der ich nicht zu widerstehen vermag!“ —

Es war klar, daß die Äbtissin mich — mich allein den Teufel der Versuchung nannte, daß sie meine Ankunft mit der Einkleidung Aureliens in Bezug, daß sie vielleicht in mir die Absicht irgend einer Greueltat voraussetzte. Das Gefühl der Wahrheit meiner Reue, meiner Buße, der Überzeugung, daß mein Sinn geändert worden, richtete mich empor. Die Äbtissin würdigte mich nicht eines Blickes; tief im Innersten gekränkt, regte sich in mir jener bittere, verhöhnende Haß, wie ich ihn sonst in der Residenz bei dem Anblick der Fürstin gefühlt, und statt daß ich, ehe die Äbtissin jene Worte sprach, mich hätte vor ihr niederwerfen mögen in den Staub, wollte ich keck und kühn vor sie hintreten und sprechen: „Warst du denn immer solch ein überirdisches Weib, daß die Lust der Erde dir nicht aufging?... Als du meinen Vater sahst, verwahrtest du denn immer dich so, daß der Gedanke der Sünde nicht Raum fand?... Ei, sage doch, ob selbst dann, als schon die Inful und der Stab dich schmückten, in unbewachten Augenblicken meines Vaters Bild nicht Sehnsucht nach irdischer Lust in dir aufregte?... Was empfandest du denn, Stolze! als du den Sohn des Geliebten an dein Herz drücktest, und den Namen des Verlornen, war er gleich ein freveliger Sünder, so schmerzlich riefst? — Hast du jemals gekämpft mit der dunklen Macht wie ich? — Kannst du dich eines wahren Sieges erfreuen, wenn kein harter Kampf vorherging? — Fühlst du dich selbst so stark, daß du den verachtest, der dem mächtigsten Feinde erlag und sie dennoch erhob in dieser Reue und Buße?“ — Die plötzliche Änderung meiner Gedanken, die Umwandlung des Büßenden in den, der stolz auf den bestandenen Kampf fest einschreitet in das wiedergewonnene Leben, muß selbst im Äußern sichtlich gewesen sein. Denn der neben mir stehende Bruder frug: „Was ist dir, Medardus, warum wirfst du solche sonderbare zürnende Blicke auf die hochheilige Frau?“ — „Ja,“ erwiderte ich halblaut, „wohl mag es eine hochheilige Frau sein, denn sie stand immer so hoch, daß das Profane sie nicht erreichen konnte, doch kommt sie mir jetzt nicht sowohl wie eine christliche, sondern wie eine heidnische Priesterin vor, die sich bereitet, mit gezücktem Messer das Menschenopfer zu vollbringen.“ Ich weiß selbst nicht, wie ich dazu kam, die letzten Worte, die außer meiner Ideenreihe lagen, zu sprechen, aber mit ihnen drängten sich im bunten Gewirr Bilder durcheinander, die nur im Entsetzlichsten sich zu einen schienen. — Aurelie sollte auf immer die Welt verlassen, sie sollte, wie ich, durch ein Gelübde, das mir jetzt nur die Ausgeburt des religiösen Wahnsinns schien, dem Irdischen entsagen? — So wie ehemals, als ich, dem Satan verkauft, in Sünde und Frevel den höchsten strahlendsten Lichtpunkt des Lebens zu schauen wähnte, dachte ich jetzt daran, daß beide, ich und Aurelie, sei es auch nur durch den einzigen Moment des höchsten irdischen Genusses, vereint und dann als der unterirdischen Macht Geweihte sterben müßten. — Ja, wie ein gräßlicher Unhold, wie der Satan selbst, ging der Gedanke des Mordes mir durch die Seele! — Ach, ich Verblendeter gewahrte nicht, daß in dem Moment, als ich der Äbtissin Worte auf mich deutete, ich preisgegeben war der vielleicht härtesten Prüfung, daß der Satan Macht bekommen über mich und mich verlocken wollte zu dem Entsetzlichsten, das ich noch begangen! Der Bruder, zu dem ich gesprochen, sah mich erschrocken an. „Um Jesus und der heiligen Jungfrau willen, was sagt Ihr da!“ so sprach er; ich schaute nach der Äbtissin, die im Begriff stand, den Saal zu verlassen, ihr Blick fiel auf mich, totenbleich starrte sie mich an, sie wankte, die Nonnen mußten sie unterstützen. Es war mir, als lisple sie die Worte: „O all ihr Heiligen, meine Ahnung.“ Bald darauf wurde der Prior Leonardus zu ihr gerufen. Schon läuteten aufs neue alle Glocken des Klosters, und dazwischen tönten die donnernden Töne der Orgel, die Weihgesänge der im Chor versammelten Schwestern, durch die Lüfte, als der Prior wieder in den Saal trat. Nun begaben sich die Brüder der verschiedenen Orden in feierlichem Zuge nach der Kirche, die von Menschen beinahe so überfüllt war, als sonst am Tage des heiligen Bernardus. An einer Seite des mit duftenden Rosen geschmückten Hochaltars waren erhöhte Sitze für die Geistlichkeit angebracht, der Tribüne gegenüber, auf welcher die Kapelle des Bischofs die Musik des Amts, welches er selbst hielt, ausführte. Leonardus rief mich an seine Seite, und ich bemerkte, daß er ängstlich auf mich wachte; die kleinste Bewegung erregte seine Aufmerksamkeit; er hielt mich an, fortwährend aus meinem Brevier zu beten. Die Klaren Nonnen versammelten sich in dem mit einem niedrigen Gitter eingeschlossenen Platz dicht vor dem Hochaltar, der entscheidende Augenblick kam; aus dem Innern des Klosters, durch die Gittertüre hinter dem Altar, führten die Cisterziensernonnen Aurelien herbei. — Ein Geflüster rauschte durch die Menge, als sie sichtbar geworden, die Orgel schwieg und der einfache Hymnus der Nonnen erklang in wunderbaren, tief ins Innerste dringenden Akkorden. Noch hatte ich keinen Blick aufgeschlagen; von einer furchtbaren Angst ergriffen, zuckte ich krampfhaft zusammen, so daß mein Brevier zur Erde fiel. Ich bückte mich darnach, es aufzuheben, aber ein plötzlicher Schwindel hätte mich von dem hohen Sitz herabgestürzt, wenn Leonardus mich nicht faßte und festhielt. „Was ist dir, Medardus,“ sprach der Prior leise, „du befindest dich in seltsamer Bewegung, widerstehe dem bösen Feinde, der dich treibt.“ Ich faßte mich mit aller Kraft zusammen, ich schaute auf, und erblickte Aurelien, vor dem Hochaltar knieend. O Herr des Himmels, in hoher Schönheit und Anmut strahlte sie mehr als je! Sie war bräutlich — ach! ebenso wie an jenem verhängnisvollen Tage, da sie mein werden sollte, gekleidet. Blühende Myrten und Rosen im künstlich geflochtenen Haar. Die Andacht, das Feierliche des Moments, hatte ihre Wangen höher gefärbt, und in dem zum Himmel gerichteten Blick lag der volle Ausdruck himmlischer Lust. Was waren jene Augenblicke, als ich Aurelien zum erstenmal, als ich sie am Hofe des Fürsten sah, gegen dieses Wiedersehen. Rasender als jemals flammte in mir die Glut der Liebe — der wilden Begier auf — O Gott — o, all ihr Heiligen! laßt mich nicht wahnsinnig werden, nur nicht wahnsinnig — rettet mich, rettet mich von dieser Pein der Hölle. — Nur nicht wahnsinnig laßt mich werden — denn das Entsetzliche muß ich sonst tun, und meine Seele preisgeben der ewigen Verdammnis! — So betete ich im Innern, denn ich fühlte, wie immer mehr und mehr der böse Geist über mich Herr werden wollte. — Es war mir als habe Aurelie teil an dem Frevel, den ich nur beging, als sei das Gelübde, das sie zu leisten gedachte, in ihren Gedanken nur der feierliche Schwur, vor dem Altar des Herrn mein zu sein. — Nicht die Christusbraut, des Mönchs der sein Gelübde brach verbrecherisches Weib sah ich in ihr. — Sie mit aller Inbrunst der wütenden Begier umarmen und dann ihr den Tod geben — der Gedanke erfaßte mich unwiderstehlich. Der böse Geist trieb mich wilder und wilder — schon wollte ich schreien: „Haltet ein, verblendete Toren, nicht die von irdischem Triebe reine Jungfrau, die Braut des Mönchs wollt ihr erheben zur Himmelsbraut!“ — mich hinabstürzen unter die Nonnen, sie herausreißen — ich faßte in die Kutte, ich suchte nach dem Messer, da war die Zeremonie so weit gediehen, daß Aurelie anfing das Gelübde zu sprechen. — Als ich ihre Stimme hörte, war es, als bräche milder Mondesglanz durch die schwarzen, von wildem Sturm gejagten Wetterwolken. Licht wurde es in mir, und ich erkannte den bösen Geist, dem ich mit aller Gewalt widerstand. — Jedes Wort Aureliens gab mir neue Kraft, und im heißen Kampf wurde ich bald Sieger. Entflohen war jeder schwarze Gedanke des Frevels, jede Regung der irdischen Begier. — Aurelie war die fromme Himmelsbraut, deren Gebet mich retten konnte von ewiger Schmach und Verderbnis. — Ihr Gelübde war mein Trost, meine Hoffnung, und hell ging in mir die Heiterkeit des Himmels auf. Leonardus, den ich nun erst wieder bemerkte, schien die Änderung in meinem Innern wahrzunehmen, denn mit sanfter Stimme sprach er: „Du hast dem Feinde widerstanden, mein Sohn! das war wohl die letzte schwere Prüfung, die dir die ewige Macht auferlegt!“ —

Das Gelübde war gesprochen; während eines Wechselgesanges, den die Klaren Schwestern anstimmten, wollte man Aurelien das Nonnengewand anlegen. Schon hatte man die Myrten und Rosen aus dem Haar geflochten, schon stand man im Begriff die herabwallenden Locken abzuschneiden, als ein Getümmel in der Kirche entstand — ich sah, wie die Menschen auseinander gedrängt und zu Boden geworfen wurden; — näher und näher wirbelte der Tumult. — Mit rasender Gebärde, — mit wildem, entsetzlichen Blick drängte sich ein halbnackter Mensch (die Lumpen eines Kapuzinerrocks hingen ihm um den Leib), alles um sich her mit geballten Fäusten niederstoßend, durch die Menge. — Ich erkannte meinen gräßlichen Doppelgänger, aber in demselben Moment, als ich, Entsetzliches ahnend, hinabspringen und mich ihm entgegenwerfen wollte, hatte der wahnsinnige Unhold die Galerie, die den Platz des Hochaltars einschloß, übersprungen. Die Nonnen stäubten schreiend auseinander; die Äbtissin hatte Aurelien fest in ihre Arme eingeschlossen. — „Ha ha ha!“ — kreischte der Rasende mit gellender Stimme, „wollt ihr mir die Prinzessin rauben? — Ha ha ha! — die Prinzessin ist mein Bräutchen, mein Bräutchen“ — und damit riß er Aurelien empor und stieß ihr das Messer, das er hochgeschwungen in der Hand hielt, bis an das Heft in die Brust, daß des Blutes Springquell hoch emporspritzte. „Juchhe — Juch Juch — nun hab’ ich mein Bräutchen, nun hab’ ich die Prinzessin gewonnen!“ — So schrie der Rasende auf und sprang hinter den Hochaltar, durch die Gittertüre fort in die Klostergänge. Voll Entsetzen kreischten die Nonnen auf. — „Mord — Mord am Altar des Herrn,“ schrie das Volk, nach dem Hochaltar stürmend. „Besetzt die Ausgänge des Klosters, daß der Mörder nicht entkomme,“ rief Leonardus mit lauter Stimme, und das Volk stürzte hinaus und wer von den Mönchen rüstig war, ergriff die im Winkel stehenden Prozessionsstäbe und setzte dem Unhold nach durch die Gänge des Klosters. Alles war die Tat eines Augenblicks; bald kniete ich neben Aurelien, die Nonnen hatten mit weißen Tüchern die Wunde, so gut es gehen wollte, verbunden, und standen der ohnmächtigen Äbtissin bei. Eine starke Stimme sprach neben mir: „Sancta Rosalia, ora pro nobis,“ und alle die noch in der Kirche geblieben, riefen laut: „Ein Mirakel — ein Mirakel, ja sie ist eine Märtyrin — Sancta Rosalia, ora pro nobis.“ — Ich schaute auf. — Der alte Maler stand neben mir, aber ernst und mild, so wie er mir im Kerker erschien. — Kein irdischer Schmerz über Aureliens Tod, kein Entsetzen über die Erscheinung des Malers konnte mich fassen, denn in meiner Seele dämmerte es auf, wie nun die rätselhaften Schlingen, die die dunkle Macht geknüpft, sich lösten.

Mirakel, Mirakel! schrie das Volk immerfort; seht ihr wohl den alten Mann im violetten Mantel? — der ist aus dem Bilde des Hochaltars herabgestiegen — ich habe es gesehen — ich auch, ich auch — riefen mehrere Stimmen durcheinander und nun stürzte alles auf die Knie nieder und das verworrene Getümmel verbrauste und ging über in ein von heftigem Schluchzen und Weinen unterbrochenes Gemurmel des Gebets. Die Äbtissin erwachte aus der Ohnmacht, und sprach mit dem herzzerschneidenden Ton des tiefen, gewaltigen Schmerzes: „Aurelie! mein Kind! meine fromme Tochter! — ewiger Gott — es ist dein Ratschluß!“ — Man hatte eine mit Polstern und Decken belegte Bahre herbeigebracht. Als man Aurelien hinaufhob, seufzte sie tief und schlug die Augen auf. Der Maler stand hinter ihrem Haupte, auf das er seine Hand gelegt. Er war anzusehen wie ein mächtiger Heiliger, und alle, selbst die Äbtissin, schienen von wunderbarer, scheuer Ehrfurcht durchdrungen. — Ich kniete beinahe dicht an der Seite der Bahre. Aureliens Blick fiel auf mich, da erfaßte mich tiefer Jammer über der Heiligen schmerzliches Märtyrertum. Keines Wortes mächtig, war es nur ein dumpfer Schrei, den ich ausstieß. Da sprach Aurelie sanft und leise: „Was klagst du über die, welche von der ewigen Macht des Himmels gewürdigt wurde von der Erde zu scheiden in dem Augenblick, als sie die Nichtigkeit alles Irdischen erkannt, als die unendliche Sehnsucht nach dem Reich der ewigen Freude und Seligkeit ihre Brust erfüllte?“ — Ich war aufgestanden, ich war dicht an die Bahre getreten. „Aurelie,“ sprach ich, — „heilige Jungfrau! Nur einen einzigen Augenblick senke deinen Blick herab aus den hohen Regionen, sonst muß ich vergehen in — meine Seele, mein innerstes Gemüt zerrüttenden, verderbenden Zweifeln. — Aurelie! verachtest du den Frevler der, wie der böse Feind selbst, in dein Leben trat? — Ach! schwer hat er gebüßt — aber er weiß es wohl, daß alle Buße seiner Sünden Maß nicht mindert — Aurelie! bist du versöhnt im Tode?“ — Wie von Engelsfittichen berührt, lächelte Aurelie und schloß die Augen. „O, — Heiland der Welt — heilige Jungfrau — so bleibe ich zurück, ohne Trost der Verzweiflung hingegeben! — O Rettung! — Rettung von höllischem Verderben!“ So betete ich inbrünstig, da schlug Aurelie noch einmal die Augen auf und sprach: „Medardus — nachgegeben hast du der bösen Macht! aber blieb ich denn rein von der Sünde, als ich irdisches Glück zu erlangen hoffte in meiner verbrecherischen Liebe? — Ein besonderer Ratschluß des Ewigen hatte uns bestimmt, schwere Verbrechen unseres freveligen Stammes zu sühnen, und so vereinigte uns das Band der Liebe, die nur über den Sternen thront und nichts gemein hat mit irdischer Lust. Aber dem listigen Feinde gelang es, die tiefe Bedeutung unserer Liebe uns zu verhüllen, ja uns auf entsetzliche Weise zu verlocken, daß wir das Himmlische nur deuten konnten auf irdische Weise. — Ach! war ich es denn nicht, die dir ihre Liebe bekannte im Beichtstuhl, aber statt den Gedanken der ewigen Liebe in dir zu entzünden, die höllische Glut der Lust in dir entflammte, welche du, da sie dich verzehren wollte, durch Verbrechen zu löschen gedachtest? Fasse Mut, Medardus! der wahnsinnige Tor, den der böse Feind verlockt hat zu glauben, er sei du, und müsse vollbringen, was du begonnen, war das Werkzeug des Himmels, durch das sein Ratschluß vollendet wurde. — Fasse Mut, Medardus — bald bald...“ Aurelie, die das letzte schon mit geschlossenen Augen und hörbarer Anstrengung gesprochen, wurde ohnmächtig, doch der Tod konnte sie noch nicht erfassen. „Hat sie Euch gebeichtet, ehrwürdiger Herr? hat sie Euch gebeichtet?“ so frugen mich neugierig die Nonnen. „Mit nichten,“ erwiderte ich: „nicht ich, sie hat meine Seele mit himmlischem Trost erfüllt.“ — „Wohl dir, Medardus, bald ist deine Prüfungszeit beendet — und wohl mir dann!“ Es war der Maler, der diese Worte sprach. Ich trat auf ihn zu: „So verlaßt mich nicht, wunderbarer Mann.“ — Ich weiß selbst nicht, wie meine Sinne, indem ich weiter sprechen wollte, auf seltsame Weise betäubt worden; ich geriet in einen Zustand zwischen Wachen und Träumen, aus dem mich ein lautes Rufen und Schreien erweckte. Ich sah den Maler nicht mehr. Bauern — Bürgersleute — Soldaten waren in die Kirche gedrungen und verlangten durchaus, daß ihnen erlaubt werden solle, das ganze Kloster zu durchsuchen, um den Mörder Aureliens, der noch im Kloster sein müsse, aufzufinden. Die Äbtissin, mit Recht Unordnungen befürchtend, verweigerte dies, aber ihres Ansehens unerachtet vermochte sie nicht die erhitzten Gemüter zu beschwichtigen. Man warf ihr vor, daß sie aus kleinlicher Furcht den Mörder verhehle, weil er ein Mönch sei, und immer heftiger tobend schien das Volk sich zum Stürmen des Klosters aufzuregen. Da bestieg Leonardus die Kanzel und sagte dem Volk nach einigen kräftigen Worten über die Entweihung heiliger Stätten, daß der Mörder keineswegs ein Mönch, sondern ein Wahnsinniger sei, den er im Kloster zur Pflege aufgenommen, den er, als er tot geschienen, im Ordenshabit nach der Totenkammer bringen lassen, der aber aus dem todähnlichen Zustande erwacht und entsprungen sei. Wäre er noch im Kloster, so würden es ihm die getroffenen Maßregeln unmöglich machen, zu entspringen. Das Volk beruhigte sich, und verlangte nur, daß Aurelie nicht durch die Gänge, sondern über den Hof in feierlicher Prozession nach dem Kloster gebracht werden solle. Dies geschah. Die verschüchterten Nonnen hoben die Bahre auf, die man mit Rosen bekränzt hatte. Auch Aurelie war, wie vorher, mit Myrten und Rosen geschmückt. Dicht hinter der Bahre, über welche vier Nonnen den Baldachin trugen, schritt die Äbtissin von zwei Nonnen unterstützt, die übrigen folgten mit den Klaren Schwestern, dann die Brüder der verschiedenen Orden, ihnen schloß sich das Volk an, und so bewegte sich der Zug durch die Kirche. Die Schwester, welche die Orgel spielte, mußte sich auf den Chor begeben haben, denn, sowie der Zug in der Mitte der Kirche war, ertönten dumpf und schauerlich tiefe Orgeltöne vom Chor herab. Aber siehe, da richtete sich Aurelie langsam auf, und erhob die Hände betend zum Himmel, und aufs neue stürzte alles Volk auf die Kniee nieder und rief Sancta Rosalia, ora pro nobis. — So wurde das wahr, was ich, als ich Aurelien zum erstenmal sah, in satanischer Verblendung nur frevelig heuchelnd, verkündet.

Als die Nonnen in dem untern Saal des Klosters die Bahre niedersetzten, als Schwestern und Brüder betend im Kreis umherstanden, sank Aurelie mit einem tiefen Seufzer der Äbtissin, die neben ihr kniete, in die Arme. — Sie war tot! — Das Volk wich nicht von der Klosterpforte, und als nun die Glocken den irdischen Untergang der frommen Jungfrau verkündeten, brach alles aus in Schluchzen und Jammergeschrei. — Viele taten das Gelübde, bis zu Aureliens Exequien in dem Dorf zu bleiben, und erst nach denselben in die Heimat zurückzufahren, während der Zeit aber strenge zu fasten. Das Gerücht von der entsetzlichen Untat, und von dem Martyrium der Braut des Himmels, verbreitete sich schnell, und so geschah es, daß Aureliens Exequien, die nach vier Tagen begangen wurden, einem hohen, die Verklärung einer Heiligen feiernden Jubelfest glichen. Denn schon tags vorher war die Wiese vor dem Kloster, wie sonst am Bernardustage, mit Menschen bedeckt, die, sich auf dem Boden lagernd, den Morgen erwarteten. Nur statt des frohen Getümmels hörte man fromme Seufzer und ein dumpfes Murmeln. — Von Mund zu Mund ging die Erzählung von der entsetzlichen Tat am Hochaltar der Kirche, und brach einmal eine laute Stimme hervor, so geschah es in Verwünschungen des Mörders, der spurlos verschwunden blieb. —

Von tieferer Einwirkung auf das Heil meiner Seele waren wohl diese vier Tage, die ich meistens einsam in der Kapelle des Gartens zubrachte, als die lange, strenge Buße im Kapuzinerkloster bei Rom. Aureliens letzte Worte hatten mir das Geheimnis meiner Sünden erschlossen und ich erkannte, daß ich, ausgerüstet mit aller Kraft der Tugend und Frömmigkeit, doch wie ein mutloser Feigling dem Satan, der den verbrecherischen Stamm zu hegen trachtete, daß er fort und fort gedeihe, nicht zu widerstehen vermochte. Gering war der Keim des Bösen in mir, als ich des Konzertmeisters Schwester sah, als der frevelige Stolz in mir erwachte, aber da spielte mir der Satan jenes Elixier in die Hände, das mein Blut wie ein verdammtes Gift in Gärung setzte. Nicht achtete ich des unbekannten Malers, des Priors, der Äbtissin ernste Mahnung. — Aureliens Erscheinung am Beichtstuhl vollendete den Verbrecher. Wie eine physische Krankheit, von jenem Gift erzeugt, brach die Sünde hervor. Wie konnte der dem Satan Ergebene das Band erkennen, das die Macht des Himmels als Symbol der ewigen Liebe um mich und Aurelien geschlungen? — Schadenfroh fesselte mich der Satan an einen Verruchten, in dessen Sein mein Ich eindringen, so wie er geistig auf mich einwirken mußte. Seinen scheinbaren Tod, vielleicht das leere Blendwerk des Teufels, mußte ich mir zuschreiben. Die Tat machte mich vertraut mit dem Gedanken des Mordes, der dem teuflischen Trug folgte. So war der in verruchter Sünde erzeugte Bruder das vom Teufel beseelte Prinzip, das mich in die abscheulichsten Frevel stürzte und mich mit den gräßlichsten Qualen umhertrieb. Bis dahin, als Aurelie nach dem Ratschluß der ewigen Macht ihr Gelübde sprach, war mein Inneres nicht rein von der Sünde; bis dahin hatte der Feind Macht über mich, aber die wunderbare innere Ruhe, die wie von oben herabstrahlende Heiterkeit, die über mich kam, als Aurelie die letzten Worte gesprochen, überzeugte mich, daß Aureliens Tod die Verheißung der Sühne sei. — Als in dem feierlichen Requiem der Chor die Worte sang: Confutatis maledictis flammis acribus addictis, fühlte ich mich erbeben, aber bei dem Voca me cum benedictis war es mir, als sehe ich in himmlischer Sonnenklarheit Aurelien, wie sie erst auf mich niederblickte und dann ihr von einem strahlenden Sternenringe umgebenes Haupt zum höchsten Wesen erhob, um für das ewige Heil meiner Seele zu bitten! — Oro supplex et acclinis cor contritum quasi cinis! — Nieder sank ich in den Staub, aber wie wenig glich mein inneres Gefühl, mein demütiges Flehen, jener leidenschaftlichen Zerknirschung, jenen grausamen, wilden Bußübungen im Kapuzinerkloster. Erst jetzt war mein Geist fähig, das Wahre von dem Falschen zu unterscheiden, und bei diesem klaren Bewußtsein mußte jede neue Prüfung des Feindes wirkungslos bleiben. — Nicht Aureliens Tod, sondern nur die als gräßlich und entsetzlich erscheinende Art desselben hatte mich in den ersten Augenblicken so tief erschüttert; aber wie bald erkannte ich, daß die Gunst der ewigen Macht sie das Höchste bestehen ließ! — Das Martyrium der geprüften, entsündigten Christusbraut! — War sie denn für mich untergegangen? Nein! jetzt erst, nachdem sie der Erde voller Qual entrückt, wurde sie mir der reine Strahl der ewigen Liebe, der in meiner Brust aufglühte. Ja! Aureliens Tod war das Weihfest jener Liebe, die, wie Aurelie sprach, nur über den Sternen thront, und nichts gemein hat mit dem Irdischen. — Diese Gedanken erhoben mich über mein irdisches Selbst, und so waren wohl jene Tage im Cisterzienserkloster die wahrhaft seligsten meines Lebens.

Nach der Exportation, welche am folgenden Morgen stattfand, wollte Leonardus mit den Brüdern nach der Stadt zurückkehren; die Äbtissin ließ mich, als schon der Zug beginnen sollte, zu sich rufen. Ich fand sie allein in ihrem Zimmer, sie war in der höchsten Bewegung, die Tränen stürzten ihr aus den Augen. „Alles — alles weiß ich jetzt, mein Sohn Medardus! Ja, ich nenne dich so wieder, denn überstanden hast du die Prüfungen, die über dich Unglücklichen, Bedauernswürdigen ergingen! Ach, Medardus, nur sie, nur sie, die am Throne Gottes unsere Fürsprecherin sein mag, ist rein von der Sünde. Stand ich nicht am Rande des Abgrundes, als ich, von dem Gedanken an irdische Lust erfüllt, dem Mörder mich verkaufen wollte? — Und doch — Sohn Medardus! — verbrecherische Tränen hab’ ich geweint, in einsamer Zelle, deines Vaters gedenkend! — Gehe, Sohn Medardus! Jeder Zweifel, daß ich vielleicht, zur mir selbst anzurechnenden Schuld in dir den freveligsten Sünder erzog, ist aus meiner Seele verschwunden.“ —

Leonardus, der gewiß der Äbtissin alles enthüllt hatte, was ihr aus meinem Leben noch unbekannt geblieben, bewies mir durch sein Betragen, daß auch er mir verziehen und dem Höchsten anheimgestellt hatte, wie ich vor seinem Richterstuhl bestehen werde. Die alte Ordnung des Klosters war geblieben, und ich trat in die Reihe der Brüder ein, wie sonst. Leonardus sprach eines Tages zu mir: „ich möchte dir, Bruder Medardus, wohl noch eine Bußübung aufgeben.“ Demütig frug ich, worin sie bestehen solle. „Du magst,“ erwiderte der Prior, „die Geschichte deines Lebens genau aufschreiben. Keiner der merkwürdigen Vorfälle, auch selbst der unbedeutenderen, vorzüglich nichts, was dir im bunten Weltleben widerfuhr, darfst du auslassen. Die Fantasie wird dich wirklich in die Welt zurückführen, du wirst alles Grauenvolle, Possenhafte, Schauerliche und Lustige noch einmal fühlen, ja es ist möglich, daß du im Moment Aurelien anders, nicht als die Nonne Rosalia, die das Martyrium bestand, erblickst; aber hat der Geist des Bösen dich ganz verlassen, hast du dich ganz vom Irdischen abgewendet, so wirst du, wie ein höheres Prinzip über allem schweben, und so wird jener Eindruck keine Spur hinterlassen.“ Ich tat, wie der Prior geboten. Ach! — wohl geschah es so, wie er es ausgesprochen! — Schmerz und Wonne, Grauen und Lust — Entsetzen und Entzücken stürmten in meinem Innern, als ich mein Leben schrieb. — Du, der du einst diese Blätter liesest, ich sprach zu dir von der Liebe höchster Sonnenzeit, als Aureliens Bild mir im regen Leben aufging! — Es gibt Höheres als irdische Lust, die meistens nur Verderben bereitet dem leichtsinnigen, blödsinnigen Menschen, und das ist jene höchste Sonnenzeit, wenn fern von dem Gedanken freveliger Begier die Geliebte, wie ein Himmelsstrahl, alles Höhere, alles, was aus dem Reich der Liebe segensvoll herabkommt auf den armen Menschen, in deiner Brust entzündet. — Dieser Gedanke hat mich erquickt, wenn bei der Erinnerung an die herrlichsten Momente, die mir die Welt gab, heiße Tränen den Augen entstürzten und alle längst verharschte Wunden aufs neue bluteten.

Ich weiß, daß vielleicht noch im Tode der Widersacher Macht haben wird, den sündigen Mönch zu quälen, aber standhaft, ja mit inbrünstiger Sehnsucht erwarte ich den Augenblick, der mich der Erde entrückt, denn es ist der Augenblick der Erfüllung alles dessen, was mir Aurelie, ach! die heilige Rosalia selbst im Tode verheißen. Bitte — bitte für mich, o heilige Jungfrau, in der dunklen Stunde, daß die Macht der Hölle, der ich so oft erlegen, nicht mich bezwinge und hinabreiße in den Pfuhl ewiger Verderbnis!

Nachtrag des Paters Spiridion, Bibliothekar des Kapuzinerklosters zu B.

In der Nacht vom dritten auf den vierten September des Jahres 17** hat sich viel Wunderbares in unserm Kloster ereignet. Es mochte wohl um Mitternacht sein, als ich in der, neben der meinigen liegenden, Zelle des Bruders Medardus ein seltsames Kichern und Lachen, und währenddessen ein dumpfes, klägliches Ächzen vernahm. Mir war es, als höre ich deutlich von einer sehr häßlichen, widerwärtigen Stimme die Worte sprechen: „Komm mit mir, Brüderchen Medardus, wir wollen die Braut suchen.“ Ich stand auf und wollte mich zum Bruder Medardus begeben, da überfiel mich aber ein besonderes Grauen, so daß ich wie vom Frost eines Fiebers ganz gewaltig durch alle Glieder geschüttelt wurde; ich ging demnach, statt in des Medardus Zelle, zum Prior Leonardus, weckte ihn nicht ohne Mühe, und erzählte ihm, was ich vernommen. Der Prior erschrak sehr, sprang auf und sagte, ich solle geweihte Kerzen holen und wir wollten uns beide dann zum Bruder Medardus begeben. Ich tat, wie mir geheißen, zündete die Kerzen an der Lampe des Mutter-Gottesbildes auf dem Gange an, und wir stiegen die Treppe hinauf. So sehr wir aber auch horchen mochten, die abscheuliche Stimme, die ich vernommen, ließ sich nicht wieder hören. Statt dessen hörten wir leise, liebliche Glockenklänge, und es war so, als verbreite sich ein feiner Rosenduft. Wir traten näher, da öffnete sich die Türe der Zelle, und ein wunderlicher großer Mann, mit weißem krausen Bart, in einem violetten Mantel, schritt heraus; ich war sehr erschrocken, denn ich wußte wohl, daß der Mann ein drohendes Gespenst sein mußte, da die Klosterpforten fest verschlossen waren, mithin kein Fremder eindringen konnte; aber Leonardus schaute ihn keck an, jedoch ohne ein Wort zu sagen. „Die Stunde der Erfüllung ist nicht mehr fern,“ sprach die Gestalt sehr dumpf und feierlich, und verschwand in dem dunklen Gange, so daß meine Bangigkeit noch stärker wurde und ich schier hätte die Kerze aus der zitternden Hand fallen lassen mögen. Aber der Prior, der, ob seiner Frömmigkeit und Stärke im Glauben, nach den Gespenstern nicht viel frägt, faßte mich beim Arm und sagte: „nun wollen wir in die Zelle des Bruders Medardus treten.“ Das geschah denn auch. Wir fanden den Bruder, der schon seit einiger Zeit sehr schwach worden, im Sterben, der Tod hatte ihm die Zunge gebunden, er röchelte nur noch was weniges. Leonardus blieb bei ihm, und ich weckte die Brüder, indem ich die Glocke stark anzog und mit lauter Stimme rief: „Steht auf! — steht auf! — Der Bruder Medardus liegt im Tode!“ Sie standen auch wirklich auf, so daß nicht ein einziger fehlte, als wir mit angebrannten Kerzen uns zu dem sterbenden Bruder begaben. Alle, auch ich, der ich dem Grauen endlich widerstanden, überließen uns vieler Betrübnis. Wir trugen den Bruder Medardus auf einer Bahre nach der Klosterkirche, und setzten ihn vor dem Hochaltar nieder. Da erholte er sich zu unserm Erstaunen und fing an zu sprechen, so daß Leonardus selbst, sogleich nach vollendeter Beichte und Absolution, die letzte Ölung vornahm. Nachher begaben wir uns, während Leonardus unten blieb und immerfort mit dem Bruder Medardus redete, in den Chor und sangen die gewöhnlichen Totengesänge für das Heil der Seele des sterbenden Bruders. Gerade als die Glocke des Klosters den andern Tag, nämlich am fünften September des Jahres 17** mittags zwölfe schlug, verschied Bruder Medardus in des Priors Armen. Wir bemerkten, daß es Tag und Stunde war, in der voriges Jahr die Nonne Rosalia auf entsetzliche Weise, gleich nachdem sie das Gelübde abgelegt, ermordet wurde. Bei dem Requiem und der Exportation hat sich noch folgendes ereignet. Bei dem Requiem nämlich verbreitete sich ein sehr starker Rosenduft, und wir bemerkten, daß an dem schönen Bilde der heiligen Rosalia, das von einem sehr alten, unbekannten italienischen Maler verfertigt sein soll, und das unser Kloster von den Kapuzinern in der Gegend von Rom für erkleckliches Geld erkaufte, so daß sie nur eine Kopie des Bildes behielten, ein Strauß der schönsten, in dieser Jahreszeit seltenen Rosen befestigt war. Der Bruder Pförtner sagte, daß am frühen Morgen ein zerlumpter, sehr elend aussehender Bettler, von uns unbemerkt, hinaufgestiegen und den Strauß an das Bild geheftet habe. Derselbe Bettler fand sich bei der Exportation ein und drängte sich unter die Brüder. Wir wollten ihn zurückweisen, als aber der Prior Leonardus ihn scharf angeblickt hatte, befahl er, ihn unter uns zu leiden. Er nahm ihn als Laienbruder im Kloster auf; wir nannten ihn Bruder Peter, da er im Leben Peter Schönfeld geheißen, und gönnten ihm den stolzen Namen, weil er überaus still und gutmütig war, wenig sprach und nur zuweilen sehr possierlich lachte, welches, da es gar nichts Sündliches hatte, uns sehr ergötzte. Der Prior Leonardus sprach einmal: des Peters Licht sei im Dampf der Narrheit verlöscht, in die sich in seinem Innern die Ironie des Lebens umgestaltet. Wir verstanden alle nicht, was der gelehrte Leonardus damit sagen wollte, merkten aber wohl, daß er mit dem Laienbruder Peter längst bekannt sein müsse. So habe ich den Blättern, die des Bruders Medardi Leben enthalten sollen, die ich aber nicht gelesen, die Umstände seines Todes sehr genau und nicht ohne Mühe ad majorem dei gloriam hinzugefügt. Friede und Ruhe dem entschlafenen Bruder Medardus, der Herr des Himmels lasse ihn dereinst fröhlich auferstehen und nehme ihn auf in den Chor heiliger Männer, da er sehr fromm gestorben.

Die Bücher des Deutschen Hauses

Herausgegeben von Rudolf Presber.


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E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels.

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Die 2. Reihe (26.–50. Band) enthält u. a. Meisterschöpfungen von Harlan, Zobeltitz, Bittrich, Richard Nordhausen, Alfred Meebold, Hermann Heiberg, Oppeln-Bronikowski, Arthur Achleitner u. a. m.

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